Kunstgenius Gerhard Richter gibt mehr als 100 Werke an die Nationalgalerie

Stefan Groß-Lobkowicz15.03.2021Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Der Maler Gerhard Richter stellt mehr als 100 seiner Arbeiten der Berliner Nationalgalerie zur Verfügung. Diese sind, wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mitteilte, für das im Bau befindliche Museum des 20. Jahrhunderts gedacht. Die Werke werden bereits ab dem 16. März 2021 in der Alten Nationalgalerie gezeigt. Richter gilt als einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart. Seine Arbeiten zählen zu den international teuersten Werken.

Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden im Osten der Republik, ist immer noch ein Marathonläufer. Kaum einer kann auf ein derartig vielschichtiges Werk zurückblicken, kaum einer hat derart monumentale Serien entworfen, kaum einer hat die Kunst der Nachkriegsjahre so nachhaltig geprägt. Voller Kraft und Dynamik erstrahlen seine abstrakten Visionen, ein Zusammenspiel von Vitalität und Disziplin, lyrischem Maß und sinnlichem Pathos.

Malen gegen das Vergessen

Der Stipendiat der Dresdner Hochschule hatte früh Karriere im Osten gemacht, galt als Wandmaler zu den gefragten Künstlern der noch jungen Republik. Doch Richter, dem „Picasso des 21. Jahrhunderts“, war die Enge des Staates, der Sozialistische Realismus nicht genug. Richter wollte mehr – die Freiheit schlechthin. Und diese eroberte er sich nach der Flucht in den Westen 1961. In Düsseldorf wurde er Professor, ein gefeierter Star, dem sich in den 90er-Jahren buchstäblich die ganze Welt auftat. Aber erst in Amerika feierte er Welterfolge, wurde zum gefragtesten Maler der Moderne preisgekrönt und dann mit Werkschauen weltweit förmlich überhäuft. Ob mit seinem Bild „Ema“ oder dem „Tisch“, Richter hat im ruhigen Fluss einer Arbeit immer wieder mit Nachdruck vorgeführt, was Malerei noch zu leisten vermag und dass sie sich gegen das Diktum der nachgesagten Unmöglichkeit, nach Auschwitz noch ein Bild zu malen, kraftvoll entgegengestellt hat. Richter malte gegen das Vergessen, flirtete mit Fluxus, Fotorealismus und Pop Art und Readymade – doch einordnen in eine Richtung ließ er sich nie. Seit Beginn der 60er-Jahre hatte er seine eigene Form gefunden, die Idee, Fotografien abzumalen, die Ränder der Figuren zu verwischen und damit Unschärfe zu erzeugen. Richter ist ein Unangepasster in der Kunst geblieben, einem, dem das Experimentieren alles ist, der sich weder in das Korsett des Sozialistischen noch des Kapitalistischen Realismus pressen ließ.

Kunst bleibt ein Geheimnis

Jenseits von einer regulativen Kunstästhetik war es das Spiel mit den Farben, Formen und Materialien, die er auf eine ganz eigene Art und Weise zum Sprechen brachte. Immer war es die Zerbrechlichkeit des Subjekts, seine Fragilität, die er über die Dinge und Figuren legte, um zu zeigen, dass die Malerei um einen behüteten privaten Kern spielt, den sie nicht preisgibt, der ihr Geheimnis bleibt.

Antisubjektivistisch ist die Kunst über die fast 70 Jahre seines künstlerischen Schaffens geblieben. Nie wollte er, dass seine Bilder für die Wahrheit schlechthin stehen, sondern gerade in der Offenheit des Kunstwerks sah er den weisenden Charakter, wo der Zufall eine nicht unbedeutende Rolle spielt. „Von den Bildern lernen“ wurde seine Maxime und die Bilder damit eigentlich zum Objektiven. Seine Arbeitsweise hatte Richter, der malt und übermalt, der Unschärfe zeichnet, in grau-schwarz und weiß oder später immer farbenfroher, in den 60er-Jahren als einen Prozess beschrieben, wo der Verstand ausgeschaltet ist, Pinsel und Rakel regieren und wo sich die Kunst selbst erschafft. „Wenn ich eine Fotografie abmale, ist das bewusste Denken ausgeschaltet. Ich weiß nicht, was ich tue“. Noch deutlicher sein Credo: „Das Denken ist beim Malen das Malen.“ Nicht die Idee, wie bei der Fluxus-Bewegung, ist das produktive Element, das hinter allem gravitätisch regiert, sondern im Akt des künstlerischen Agierens kommt etwas hervor, das es so vorher nicht gab. Kunst als Überraschung: „Ich möchte am Ende ein Bild erhalten, das ich gar nicht geplant hatte. Ich möchte ja gern etwas Interessanteres erhalten als das, was ich mir ausdenken kann.“ Dass Richter hiermit ganz explizit postmodern ist, liegt auf der Hand. Das Kunstwerk ist autonom, das Subjekt tritt in den Hintergrund und das so entstandene Werk bleibt jederzeit von jedermann interpretierbar. Es gibt einen Sinn, stellt ihn wieder in Frage, verweist über sich hinaus, ohne sich doch restlos zu offenbaren. Es legt Spuren des Interpretierbaren, aber eben nur Spuren, die Spuren erzeugen. „Es demonstriert die Zahllosigkeit der Aspekte, es nimmt uns unsere Sicherheit, weil es uns die Meinung und den Namen von einem Ding nimmt, es zeigt uns das Ding in seiner Vieldeutigkeit und Unendlichkeit, die eine Meinung und Ansicht nicht aufkommen lässt.“ Helge Meister hatte Richters Abmalvorgang ganz konkret beschrieben: „In Illustrierten, Zeitungen, Fotoalben und Fachbüchern sucht er seit Jahren nach geeigneten Fotos, schneidet sie aus, legt sie unter ein Episkop und projiziert die nun stark vergrößerten Bilder auf eine leere Leinwand. Auf ihr zieht er mit Kohle nach und pinselt Menschen wie Räume mit schwarzer, grauer und weißer Farbe aus. […] Die noch nassen Farben übermalt er mit einem breiten Pinsel, zieht die Konturen ineinander, egalisiert die Farbunterschiede.“

Richters Maxime: „Etwas entstehen lassen, anstatt kreieren”

Richters Quevre, die sich darin aussprechende Diskontinuität, hatten Kritiker als „Stilbruch als Stilprinzip“ bezeichnet – doch genau dadurch zeichnet sich Richters Einmaligkeit aus. Er versteckt gegenständliche Motive hinter zahlreichen Übermalungsschichten, verwischt diese wieder in einem wilden Farbnebel, bricht mit tradierten Formen und beginnt neu. Der Stilbruch ist kein Tabu, sondern der kreative Akt selbst.

So sehr sich Richters Kunst zwischen Realismus und Abstraktion in einem Wechselspiel aufbaut, fotografischen Serien, Landschaften, Porträts, Stillleben und historische Stoffe zu neuer Lebendigkeit verhilft, es ist seine forschende und experimentierende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die seine Kunst zu etwas höchst Eigenständigen und Unverwechselbaren werden lässt. Und selbst wenn er auf klassische Sujets der Kunst zurückgreift, so sind seine fotorealistischen Naturdarstellungen, seine nach Fotografien gemalten unscharfen Gemälde sowie die Gemälde mit höchster Abstraktionskraft bis hin zu Glas- und Spiegelobjekten beziehungsweise Installationen immer Spiegel dessen, was sich nicht voraussehen lässt. Das Ergebnis ist jedes Mal ein anderes und nur bedingt steuerbar. „Etwas entstehen lassen, anstatt kreieren,” heißt es bei Richter. „Wenn ich nicht weiß, was da entsteht, also kein festes Bild habe wie bei einem Foto, das ich abmale, dann spielen Willkür und Zufall eine wichtige Rolle.”

Längst im Künstlerhimmel angekommen

Wenn es um Ehre, Weltruhm und Ewigkeit geht, ist Gerhard Richter schon längst im Götterhimmel der Kunst angelangt. Und dort hat der Ewig-Schaffende schon jetzt einen festen Platz, was gar nicht so einfach für einen Atheisten „mit Hang zum Katholizismus“ ist. Doch „ohne den Glauben an eine höhere Macht oder etwas Unbegreifliches“ könne er nicht leben. Es ist das Bekenntnis eines religiös nicht ganz unmusikalischen Malers, der faustisch mit den Energien des Kreativen ringt, mit dem produktiven Dämon, der ins Unendliche treibt und Werke schafft, die ihresgleichen suchen.

Starallüren hat sich Richter stets verweigert, er ist kein Markus Lüpertz. Richter ist ein unabhängiger Künstlertyp geblieben. Das Malergenie liebt es eher unprätentiös, er ist denkbar bescheiden, der Hype um seine Person ihm unangenehm. Lange schon hatte sich der heute 88-Jährige von der Oberfläche der Eitelkeiten verabschiedet und in das Villenviertel Hahnwald in seiner Wahlheimat Köln zurückgezogen. Den größten Teil der heutigen Auktionskunst hält er allerdings für überteuert. Was fehle, sei der Maßstab für die Beurteilung des Wertes von Kunstwerken. „Wenn Sie die Auktionskataloge sehen, da wird ja 70 Prozent Müll für teures Geld verkauft.“ „Die Kriterien­losigkeit, die ist schon das Härteste dabei.“ Zwar finde er es angenehm, er, der sich nie als Marketingstratege verkauft hat, dass für seine Werke Millionensummen bezahlt werden, es zeigt immerhin, dass er geschätzt werde. Aber zugleich ist es für ihn auch „unerträglich und pervers, dass es solche Unsummen sind“. Und auf die Frage, ob er das Gefühl habe, dass seine Kunst verstanden wird, antwortet er: „Manchmal ja. Sonst hätte ich ja nicht so viel Erfolg. Also irgendwas wird ja schon ab und zu verstanden.“

Mit 88 Jahren legt der Mann, dessen Maxime es war, dass die „Kunst die höchste Form der Hoffnung“ sei, der laut „Manager Magazin“ zu den 500 reichsten Deutschen zählt und als der wichtigste Künstler der Gegenwart gehandelt wird, nun den Pinsel aus der Hand. Richters Abschied als Maler war die Vollendung der drei Kirchenfenster im Kloster Tholey. „Irgendwann ist eben Ende.“ „Das ist nicht so schlimm. Und alt genug bin ich jetzt,“ erklärte er im September und sein Abschied von der Malerei glich einem Paukenschlag.

Richters Ruhestand wird ein Unruhezustand bleiben

Doch Richters Ruhestand wird ein Unruhezustand bleiben, zu aktiv, zu kreativ, zu sehr Schöpfungswille. Ganz kann er sich nicht zur Ruhe setzten. Er will noch ein wenig zeichnen. „Da wird wahrscheinlich noch was kommen, was im Februar gezeigt wird in München, eventuell in New York. Skizzen. Farbig-abstrakt. Nicht so doll“, kündigt er an. Dieses „nicht so doll“ ist typisch für Richter, spiegelt es doch die selbstkritische Haltung. In der Vergangenheit hatte er immer wieder fertige Gemälde verworfen und zerstört – so seine Werke aus der DDR-Vergangenheit, so seine frühen Werke im Westen. Doch Richter wird bleiben, selbst wenn er nicht mehr malt. Er ist jetzt schon unsterblich.

Interview mit Georg Eisenreich: Die Grünen sind nicht unser natürlicher Partner

Stefan Groß-Lobkowicz12.03.2021Medien, Politik

In unserem Kurzinterview der Woche traf “The European” den bayerischen Justizminister Georg Eisenreich: Der CSU-Politiker hält nichts von einer schwaz-grünen Koalition. “Die Grünen reagieren auf Herausforderungen reflexhaft mit Bevormundung und ideologischen Verboten”, so Eisenreich.

Wenn Angela Merkel in diesem Jahr die politische Bühne verlässt, hat Ministerpräsident Markus Söder derzeit die besten Aussichten auf die
Kanzlerschaft. Was sagen Sie zu einem Kanzler Markus Söder?

Er ist ein hervorragender Ministerpräsident und er wäre auch ein hervorragender Bundeskanzler.

Wie bewerten Sie die Arbeit der Koalition in Bayern?

Sie leistet unter Führung von Markus Söder sehr gute Arbeit in schwierigen Zeiten. Von allen denkbaren Koalitionsvarianten ist eine bürgerliche Koalition mit den Freien Wählern für mich die sinnvollste.

Glauben Sie, Deutschland ist reif für eine schwarz-grüne Koalition?

Meine bevorzugte Koalition ist sie jedenfalls nicht. Ökologie und Klimaschutz sind zentrale Herausforderungen unserer Zeit. Der Klimawandel ist eine  Existenzfrage für die Menschheit. Wir müssen da entschlossen gegensteuern. Die Frage ist nur, auf welche Art und Weise. Die Grünen reagieren auf Herausforderungen reflexhaft mit Bevormundung und ideologischen Verboten. Das ist ein Ansatz, der unsere Gesellschaft spaltet. Nach meiner festen Überzeugung müssen wir Brücken bauen, Ökonomie und Ökologie kreativ und innovativ verbinden. Ganz abgesehen davon sind die grundsätzlichen Differenzen bei Themen wie Zuwanderung und Sicherheit schwer überwindbar. Die Grünen sind nicht unser natürlicher Partner.

Herzlichen Dank für das Gespräch

Die Fragen stellte Stefan Groß

Norman Foster – Wer keine Visionen hat, lebt nicht

Stefan Groß-Lobkowicz6.03.2021Medien, Wissenschaft

Er gilt als einer der berühmtesten Architekten der Welt. Sir Norman Foster liebt das Extravagante und baut seine Visionen hunderte Meter in die Höhe. Doch wer ist dieser Mann, der unsere Welt verändert? Einblicke in das Leben des Superstars. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, empfahl einst der pragmatische Dauerraucher und SPD-Politiker Helmut Schmidt. Der Ex-Kanzler ergänzte damals: „Willen braucht man.“ Und unbändiger Wille ist es, der Norman Foster vorantreibt, ja, der Mann ist gebündelte Energie, quasi Friedrich Nietzsches „Übermensch“ in persona. Wäre der mittlerweile 86-Jährige jemals zum Arzt gegangen, wären die Architekturträume, die aus seinem genialen Geist wie Kathedralen entstehen,  nie Realität geworden. Ein faustischer Mensch ist dieser Foster obendrein und selbst der Architektur interessierte Johann Wolfgang Goethe, der den Kölner Dom, das gigantische Vollendungsprojekt der Brüder Boisserée, „ein leider nur beabsichtigtes Weltwunder“ nannte, würde Foster einen Genius nennen, weil er nicht kopiert, sondern aus dem Mix von sinnlich Gegebenen, schöpferischer Unruhe und vor allem Geist agiert. Foster geht es um die großen Dinge, um die Superlative, um das, was man im 19. Jahrhundert das Erhabene nannte, das nach dem berühmten philosophischen Aufklärer Immanuel Kant Respekt und Achtung einflößt und als Objekt erhabene Ideen erzeugt.

Bei Norman Foster, der in der Nähe von Manchester 1935 geboren wurde, ist es wie beim legendären James Bond. Dem Kind einer Arbeiterfamilie, der sich als Möbelverkäufer, Türsteher, Bäckereigehilfe und Eiswagenmann sein Brotgeld zum Studium in Manchester verdiente, ist die Welt niemals genug. Treibt es den Agenten 007 von Autorenlegende Ian Fleming immer wieder in die Zukunft, so baut Foster diese. Und der leidenschaftliche Jet-Pilot mit Helikopter-Lizenz, der wie Elon Musk von der Besiedlung des Marses und des Mondes überzeugt ist und mit der Europäischen Raumfahrtbehörde schon Gebäude für die Weltraumbesiedlung plant, will auch der im Flammenraub zerstörten Kathedrale von Notre Dame ein neues Gesicht geben. Es sei eine „unwiderstehliche Möglichkeit“ für Architekten, dem ikonischen Bau ein zeitgemäßes Gesicht zu geben

Die Welt ist nicht genug

Für den leidenschaftlichen Genius, dessen Name für elegante und schnittige Repräsentationsbauten steht, scheint es das Unmögliche nicht zu geben – es bleibt eine Kategorie des Undenkbaren. Ihm geht es um das Große, Wahre und Schöne – und anders als Platon, der die Kunst als Irritation auf dem Weg zur Glückseligkeit verstand, denkt der preisgekrönte Star, der zum dritten Mal den „Stirling Prize“ und fast alle wichtigen Preise der Welt sein eigen nennen darf und für Deutschlands Parlament mit seiner lichtdurchfluteten Kuppel einen Glas-Dom errichtete, vom Erhabenen her die Welt. Die Materie bietet ihm den Rohstoff, Glas und Stahl, doch viele seiner Bauwerke sind der Endlichkeit erhaben, atmen den Geist, der weit über die Moderne hinaus und die kühnsten Tagträume hinwegweht. Vom Stückwerk ist Foster entfernt, ihn drängt es hin zur Unendlichkeit, zum Olymp, zum Götterhimmel. Norman Foster, selbst im hochbetagten Alter ein leidenschaftlicher Instagramer, ist so etwas wie ein Gott, ein Architekturgott, der Alexandre Gustave Eiffel, Frank Lloyd Wright, Walter Gropius, Le Corbusier, Hans Hollein, Frei Otto, Günter Behnisch Zaha Hadid, David Chipperfield und Daniel Libeskind in nichts nachsteht. Wie seine Kollegen schöpft er die konkrete Architektur, lotet die Grenzen des Machbaren und Technischen aus – und schafft das, was den Künstler seit Jahrtausenden ausmacht, den völlig neuen Blick auf die Welt. Ob Manierismus oder Pointillismus in der Bildenden Kunst, ob Gotik, Renaissance, Bauhaus oder Postmoderne in der Architektur – stets greift der wahre Künstler über die Möglichkeiten, die Grenzen des Machbaren hinaus.

Grenzenloser Aufstieg

Grenzen kennt der passionierte Flugzeugfan, der in der Royal Air Force diente, keine. Der Mann, der 1965 zuerst mit dem visionären Richard Buckminster Fuller, später (1965) mit seiner Frau Wendy und dem Ehepaar Sue und Richard Rogers das Architekturbüro „Team 4“ gründete, das heute als „Foster + Partners“ zu den renommiertesten der Welt gezählt werden darf, ist eine Institution. 700 Mitarbeiter kreisen um den Visionär, dem Mann, der die teuersten Gebäude der Welt, die höchsten Wolkenkratzer und die höchsten Brücken baute, und der selbst in der Coronakrise Design-Vorlagen für Eltern entwirft, damit diese ihre Kinder mit Papier-Wolkenkratzern daheim beschäftigen.

Seit 1965 kennt seine Vita nur einen Weg, den nach oben. Wie ein Hochgebirgs-Alpinist hatte er sich über die Jahre an die Spitze geschraubt. Ob die „Hongkong and Shanghai Banking Corporation“, ein futuristisches Bürogebäude aus Stahl und Glas mit abgestuftem Profil (1996), dem „Commerzbank Tower“ (1997) in Frankfurt, die Reichstagskuppel (1999) in Berlin, die „Millennium Bridge“ (2000) und „The Gherkin“ in London, das sogar von Satelliten aus sichtbare Terminal des Pekinger Flughafen (2008), das Apple-Hauptquartier im Silicon Valley oder den sich noch im Bau befindenden Regierungskomplex der Hauptstadt Amaravati im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh, der zum 90. Geburtstag des Architekten vollendet werden soll – Foster ist den Weg vom High-Tech-Stil zur „grünen“ Architektur gegangen. Ohne Technik geht es nicht, ohne High-Tech. Denn, so schreibt Foster: „Seit der Mensch aus der Höhle kam, beschäftigt er sich mit Technologie und geht dabei immer an die Grenzen. Technologie ist Teil der Zivilisation, und anti-technologisch zu sein, wäre wie eine Kriegserklärung an die Architektur und die Zivilisation selbst. Die Geschichte der Architektur ist die Geschichte der Technik, und die Tradition der Architektur entwickelt sich ständig weiter.“ Doch Technik ist für den ambitionierten Erbauer, für den Modernisten im traditionellen Sinne, für ihn, der Struktur benutzt, um Raum zu schaffen, nicht alles. Nie geht der Brite mit einer Bindung an die Technologie über das hinaus, was für das Projekt angemessen ist“

Fosters Ambition für eine grüne Welt

Nicht nur den Weltraum erobern, auch die CO-2-Bilanz verbessern, hat sich Foster auf die Agenda geschrieben. Mit Kollegen fordert er eine „Ökowende“ in der Baubranche. Unter dem Titel „Architects Declare“ haben sich international hunderte Architekturbüros zusammengeschlossen und einen „Klima- und Biodiversitätsnotstand“ ausgerufen. Gefordert wird ein „Paradigmenwechsel“, „um die gesellschaftlichen Anforderungen zu erfüllen, ohne dabei die ökologischen Grenzen unseres Planeten zu verletzen“. Und dieses Credo passt zur Maxime des Bauherrn aus dem kleinen Ort Reddish, der auf sichtbare Querverstrebungen, offene Innenräume, Transparenz und Licht durchflutendes Glas setzt. Es sind aber eben auch die gesellschaftlichen und sozialen Fragen – neben den bautechnischen und ökologischen –, die bei Fosters Konstruktionen maßgebend den Ton angeben. Zu seiner Designversion hatte er einmal geäußert: „Ich glaube, dass die beste Architektur aus einer Synthese aller Elemente entsteht, die ein Gebäude einzeln ausmachen: die Struktur, die es trägt, die Dienstleistungen, die seine Funktionsfähigkeit ermöglichen, die Ökologie des Gebäudes, (…) die Qualität des Lichts, die verwendeten Materialien, ihre Masse oder Leichtigkeit, der Charakter der Räume, die Symbolik der Form, die Beziehung des Gebäudes zur Skyline oder zur Stadtlandschaft und die Art und Weise, wie das Gebäude seine Präsenz in der Stadt oder auf dem Land demonstriert. Ich denke, das gilt unabhängig davon, ob Sie ein bedeutendes Bauwerk schaffen oder sich auf einen historischen Rahmen beziehen. Erfolgreiche Architektur beschäftigt sich mit all diesen Dingen und vielen anderen.“

Die Boeing ist „reine Skulptur“

Noblesse oblige! 1990 wurde Sir Norman von Königin Elisabeth II. als Ritter in den Adelsstand erhoben. 1999 erhielt Foster zusätzlich den Titel „Baron Foster of Thames Bank, of Reddish in the County of Greater Manchester“, die Würde eines Life Peer und hatte damit auch einen Sitz im House of Lords, den der Weltreisende später aufgab. So adlig Foster daherkommt, Städteplaner sahen in seinen Schöpfungen vor allem eins, gigantische Projekte, die Unsummen kosteten und wie die Elbphilharmonie oder der Berliner Flughafen Milliarden verschlangen. In einer Liste der am meisten überschätzten, eben auch zu teuren Künstler liegt der Brite immerhin auf Platz 5 hinter so großen Namen wie Zaha Hadid oder Daniel Libeskind. Doch Foster hat die Kritik nie wirklich geschadet, sondern eben geadelt. Auch den Streit mit dem ewigen Thronfolger der britischen Königin, Prinz Charles, hat er endgültig entschieden. In London baut man modern und eben nicht britisch-royal klassisch – so zumindest der ehemalige Soldat der „Royal Air Force“ Foster, der die Boeing 747 als das beste Bauwerk der Welt bezeichnet. In der BBC-Serie „Building Sights“ schrieb er: „Es ist die Größe, der Maßstab. Es ist heroisch. Reine Skulptur (…). Sie muss nicht wirklich fliegen. Sie könnte auf dem Boden bleiben – sie könnte in einem Museum stehen.“

Sein Steckenpferd – die deutsche Architektur

Sir Norman Foster hat eine Leidenschaft für Deutschland. Ob die Reichstags- oder die Glaskuppel im Dresdner Hauptbahnhof, die Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin, der Commerzbank-Tower in Frankfurt, die Hauptverwaltung des Gerling-Konzerns in Köln, die Essener Zeche oder die Gestaltung des Innenhafens von Duisburg – das Land, aus dem das Bauhaus stammt, ist seine Inspirationsquelle.  Ungewöhnlich für einen Sir, wie so vieles an ihm ungewöhnlich und beeindruckend bleibt. Und zum Bau der Reichstagskuppel fügte er 1996 im „Independent“ an: „Wirklich erstaunlich, dass der Bundestag einen Engländer mit der Gestaltung eines politisch so sensiblen Symbols beauftragt hat.“ Doch zwei Architekten gerade aus Deutschland, dem ewigen Erzfeind, sind quasi seine Geistesverwandten, Quellen der Inspiration. Da ist der wenig bekannte Ludwig Leo (1924-2012) und der wichtigste deutsche Kommunikationsdesigner Otto Aicher (1922-1991). Beide sind Legenden der Designgeschichte und haben die geistig-soziale Nachkriegsentwicklung der Bundesrepublik geprägt. Leo galt als der große „Radikalfunktionalist“ und seinen Funktionalismus zeichnete er bis in kleinste Detail seiner Bauten. Und die Vision des aus Rostock gebürtigen Architekten war sozial fundiert, zielte auf ein gemeinschaftliches Handeln und Arbeiten ab.

Aicher hingegen galt als der legendäre Wegbereiter des Corporate Designs. Ob bei der Lufthansa oder den Olympischen Spielen in München, der gebürtige Ulmer Architekt definierte konsequent Gestaltungsrichtlinien, die von der Uniform bis zur Eintrittskarte reichten. Seine radikal reduzierten Piktogramme glichen einer neuen Zeichensprache, die einfach und unkompliziert sich verstehen ließen. Aber nicht nur der Begriff der Kommunikation geht auf den Grafikdesigner und Gestaltungsbeauftragten der Olympischen Spiele von München zurück, sondern Aichler prägte auch die Erscheinungsbilder des ZDF, des Flughafen Frankfurt, der Dresdner Bank, der Sparkasse, Raiffeisenbank und der Bundeswehr. Norman Foster folgt beiden sowie dem Bau-Utopiker Richard Buckminster Fuller mit der Realisierung seiner gigantischen Projekte darin, weil er Identität und Exklusivität seiner Marken, ganz im Sinne der Erkennbarkeit zeichnet. Er vereinigt zudem eine technisch optimierte Lebensumwelt mit künstlichen Paradiesen unter riesigen Kuppeln zu neuen Arbeitswelten. Und so ist die hochtechnologisch aufgerüstete Maschinenmoderne ein Aspekt im Lebenswerk des Baukünstlers, die andere seine Vision von der Veränderung der Gesellschaft durch Architektur. Revolutionär war bereits der 1969 entstandene Verwaltungs- und Freizeitbau für die Fred Olsen Lines in London. Sozialer ging es kaum. Chefs und Manager waren nicht hierarchisch in ihren Arbeitsplätzen voneinander getrennt, sondern alles war offen; transparent wehte der Geist von Liberalismus, Freiheit und flacher Hierarchie durch die Hallen. In einem anderen Projekt, dem Sitz von „Willis Faber and Dumas Headquarters“ in Ipswich, erschufen Foster und seine erste Frau Wendy Cheesman den idealen Arbeitsraum –  ein Paradies mit Dachgärten samt 25 Meter langem Swimmingpool und Sporthallen für Angestellte. Was beide damals entwarfen, war vor fünfzig Jahren revolutionär, eine Oase der Arbeit, ein Working-Freizeit- und Kreativ-Projekt samt grüner Ökologie in Perfektionismus. Aber auch sein „HSBC Building“ in Hongkong, das für die Occupy-Bewegung zum Inbegriff eines außer Kontrolle geratenen Kapitalismus wurde, ist letztendlich ein Traumpalast aus Luftigkeit, Transparenz und sozialer Vision: alle Mitarbeiter haben einen außergewöhnlich schönen Blick auf den Victoria Peak oder auf den Hafen. Foster erschuf Architekturen zum Leben und verhalf der Arbeitswelt dadurch zu neuer Qualität, weil er dem Menschen eine würdige Atmosphäre schenkte, die ihn beflügelte. Technische Optimierung einerseits und die Vision von einer neuen, gerechteren Gesellschaft andererseits, für die seine daraufhin maßgeschneiderte Architektur sozial-strukturgebend steht, schließen sich bei Mister Superlativ nicht aus, sondern bilden ein Kontinuum, das seinesgleichen sucht.

Der Architektur-Visionär Norman Foster ist der bessere Karl Marx

Stefan Groß-Lobkowicz1.03.2021Medien, Wissenschaft

Was haben eigentlich Karl Marx und der Architekt der Superlative, Sir Norman Foster, miteinander zu tun? Wir haben uns auf die Spurensuche des britischen Visionärs begeben, der die Welt aus dem Geist der Zukunft bereits jetzt gravierend verändert. Foster siegt über Marx – dies behauptet zumindest Stefan Groß-Lobkowicz.

In der elften Feuerbachthese hatte der Trierer Philosoph und Ökonom Karl Marx sein politisch-wirtschaftliches Programm formuliert. Der Sozialist, der als das graue Gespenst des Sozialismus schattenhaft durch die Welt von heute jagt, hatte einst die Weltrevolution gefordert, als er den Philosophen zwar attestierte, die Welt zu interpretieren, doch zugleich die Maxime aufstellte, diese zu verändern. Eine qualitativ-materielle Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wurde damit zur Triebfeder und als Erfolgsrezept der Moderne verordnet. Doch was Marx noch als Sieg des Materialismus sehen wollte und darauf seine Utopie ausrichtete, ist für einen der einflussreichsten Architekten der post-postmodernen Gegenwart, den Gestaltgeber und Visionär Norman Foster, pure geronnene Realität  geworden. Die Welt zu verändern, war und ist für Briten nicht genug – er will und wollte sie gleich neu bauen. Und er erschuf innerhalb eines werktätigen und kreativen Lebens, das nach wie vor von Leidenschaft, Innovationsgeist und unermüdlicher Energie gerade explodiert und am 1. Juni 2021 ins 86. Lebensjahr geht, Superlative, besser gesagt: einen Superlativ nach dem andern – getreu dem Credo: die Welt ist nicht genug.

Der aus armen Verhältnissen 1935 nahe Manchester geborene Self-Made-Millionär und spätere Jahrhundertkünstler hatte den platten Materialismus von Marx ins Visionäre gekippt, baut fast unbeschränkt seine Architekturen in den Himmel, als ob es die Schwerkraft nicht gäbe. Foster hat der Materie, den Formen, mit denen er arbeitet, Stahl, Metall und Glas, ihre Leichtigkeit zurückgeschenkt, sie – wie einst im Zeitalter der gotischen Kathedralen – ihrer Unbändigkeit beraubt und in schwebende Zustände versetzt. Die Materialien sind schwer, doch die Kunstwerke, die der Brite sein ganzes Leben hinweg mit Zauberhand erschuf, wirken wie entmaterialisiert, wie ein durchbrochenes Lichtermeer, wie Symbole der strahlenden Sonne, entspringen einer fast metaphysischen Kraft des Lichtes, die zwar dem Irdischen entlehnt, aber auf das Unendliche, auf die Ästhetik und die Idee der Kunst hinweisen.

Norman Foster, der Architekturen von Weltruf schuf, sei es die Reichtagskuppel, die Millenium-Bridge“ den „The Gerkin“ in London, das „HSBC-Hochhaus“ in Hongkong, den Apple Park in Cupertino, die „Copenhagen Towers“ u.a. hat die Welt verändert. Zumindest deren Gesicht. Seit 1967 entwirft seine gigantische Denkfabrik die Ideen der Zukunft, schwebt global und transversal durch die Welt. Fast 800 Mitarbeiter sind infiziert vom Magnaten der Visionen und sind selbst wie der Chef Gestalt- und Struktur gebende Magneten, die die Stadt von morgen designen. Foster und sein Büro – vom Fundament bis hin zu popigen Designmöbeln, von den Inneneinrichtungen bis hin zu den ökologisch-recycelbaren Baustoffen – alles kommt von der Geistesschmiede aus einem Guss. In der ganzen Welt von heute steckt irgendwo ein Foster von morgen oder zumindest eine seiner Ideen. Und sein Geheimrezept bleibt dabei die innovative, oft futuristische Verschmelzung von Hightech-Elementen mit hohen ökologischen Ansprüchen. Das er sich dabei auch der Tradition des deutschen Bauhauses, der Funktionalität, Strenge, Eleganz und Praxis verbunden fühlt, ist unübersehbar. Und das er wie einst die Bauhäusler in Weimar und Dessau mit ihren Architekturen großartige Monumente schafft, die ihrer Zeit voraus und nur den aller hippesten Zeitgeist spiegeln, ist bei Norman Foster quasi genetisch verankert, in seine DNA eingeschrieben.

Ob Wolkenkratzer oder Global City, die teuersten Häuser und die höchsten Brücken, gehen auf sein Konto – und global denkt und baut Forster von der Wüste bis in die Megacities hinein. Es gibt keinen Ort der Welt, wo Foster, auch mit Megasummen und teuren Investments, die jenseits aller Kalkulationen die noblen Bauherren oder Stadtkämmerer immer wieder das blanke Entsetzen in die Augen treten lassen, seinen Visionen Wirklichkeit verleiht. Der Brite verleiht der Zukunft ein Gesicht, ist Trendgeber – und er zeigt, wohin die Reise architektonisch, ökologisch und lebenstechnisch geht. Das Gesicht der Stadt von morgen und nicht nur Schattenrisse, sondern deutliche Gravuren lassen sich in Fosters Architekturen von heute bereits erahnen. Hier bündelt sich alles, für was die nächste Generation steht: eine tiefe Nachhaltigkeit in einer globalisierten Moderne, ein völlig neues Stadtbild, das mit hängenden Gärten, viel Grünflächen, einer elektrisch- oder Wasserstoff betriebenen Infrastruktur für eine Welt von Morgen steht, die wir derzeit nur aus den spektakulärsten Schiene Fiction Romanen oder Filmen kennen. „Infrastruktur ist alles“, hatte der leidenschaftliche Hypermodernisierer immer betont. Doch Foster schafft buchstäblich den Überbau – und den in anspruchsvoller Schönheit.

Hatte Karl Marx einst die widrigen Arbeitsbedingungen, Kinderausbeutung und menschenunwürdige Arbeitszeiten beklagt, so sind Fosters moderne Arbeitsschmieden jenseits von Dunkelheit Kathedralen der Arbeit. Und ob in seinen Museumsbauten, Bibliotheken, Flughäfen, Büros oder Wohntürmen – er schafft würdevolle Arbeits- und Lebensbedingungen, eine Architektur, die dem Menschen die körperliche wie geistige Produktivität erleichtert, weil sie auch die Work-Life-Balance dazu liefert. Eine schönere Welt, aber so gar nicht im Sinne von Aldous Huxleys „Brave New World“ schwebt ihm vor, jenseits von Uniformisierung, Überwachung und Unterdrückung. Der passionierte Instagramer, der gern seine Leidenschaften postet – vom coolsten Lamborghini, der „Boing 737“ als der schönsten Skulptur der Welt bis hin zum legendären Porsche-Oldtimer und der zudem als leidenschaftlicher Aeronaut Foster 600.000 Follower aus seiner Ideenschmiede mit Ideen versorgt, glaubt an eine neue Form der Arbeit, die nicht nur Last, sondern Freude ist, weil sie technisch unterfüttert, dem Menschen die Möglichkeit gibt, nicht nur in einem ästhetisch schönen Ambiente, sondern auch durch künstliche Techniken unterstützt, zu arbeiten.

Wie Karl Marx kannte Foster den Manchesterkapitalismus, war er doch direkt, wenngleich 200 Jahre später, nahe dem – für seine berüchtigt-prekären Arbeitsverhältnisse bekannt-gefürchteten – Industriestandort geboren. Doch während der Trierer Visionär des Kommunismus sein wollte, dem Neuen Menschen Utopien indoktrinierte, die ihm wesensfremd, seiner Freiheit zuwider und nur durch ein repressive System von Zwängen sich durchsetzen ließen, will Foster durch Freiheit Glück erreichen, Glückseligkeit durch Architektur die Schönheit. Der Kommunismus ist klanglos gescheitert – doch die Zeit für Fosters Visionen immer greifbarer. Zwar baut der Architekt der Superlative für die Reichen, doch er will die große soziale Ungleichheit letztendlich auch besiegen. Es will eine gerechtete und eine nachhaltigere Welt und seine Architekturen stehen bereits dafür, ja, dieses ist vielleicht das Geheimnis seines künstlerischen Schaffens. So idealtypisch bereits 2015 beim Entwurf der Copenhagen Towers umgesetzt, einem Ensemble von einem 22-stöckigen Büroturm und einem niedrigeren Gebäude, die miteinander durch ein Atrium verbunden sind, das mit einem dichten „Wald“ aus Olivenbäumen das grüne Herz des Bauwerks ist. GeschwungeneHolzprofile in der Stahlkonstruktion des Glasdaches sowie kurvige Holzbänke betonen das natürliche Ambiente. Ökologie, lokale und recycelte Materialien, die Verwendung von lokalem Bauschutt sowie Deckenverkleidungen aus PET-Kunststoff und Filz – das alles zeigt, Foster geht neue Wege für eine grüne Zukunft, die ihren letzten Clou in einer Kombination von Photovoltaik sowie einem innovativen Heiz- und Kühlsystem auf Grundwasserbasis findet. Energieeffizienz – auch dies ein Nomen est Omen des Briten.

Foster hatte mit dem Apple-Hauptsitz im Silicon Valley (2003-2018) in vielerlei Hinsicht ein einzigartiges architektonische Highlight der Superlative geschaffen und definiert. Wie der verstorbene Visionär und Apple-Chef Steve Jobs hat der 1990 zu Sir Norman geadelte Architekt, die Ideen mit der ringförmigen Firmenzentrale, dem neuen Apple Park in Cupertino einen Ort zu schaffen, der alle Mitarbeiter versammelt und zugleich eine nahtlose Verbindung zwischen dem Hightech-Arbeitsplatz und der Natur schafft. Mit knapp einem halben Kilometer Durchmesser ist der Sitz des Computerriesen selbst größer als das Pentagon. Umrankt von einer Grünfläche mit rund 9.000 neu gepflanzten Bäumen arbeiten mehr als 12.000 Menschen unter einem riesigen Karbondach und hinter 13,7 Meter hohen Glasfenstern. Und wie bei früheren Bauten wird der Apple Campus mit erneuerbaren Energien betrieben.

Der englische Lord, der alle nur erdenkbaren Preise, den „Pritzker-Preis“, den „Order of Merit“, das „Große Bundesverdienstkreuz mit Stern“ wie Trophäen sammelt und zu den Bestverdienern dieser Welt gehört, der mit seinen Wolkenkratzern, Bahnhöfen, Flughäfen, Bürogebäuden Superlative der modernen Kunst schafft und somit futuristisch-expressive Architekturen, zudem die Würde eines Life Peer besitzt und dem  House of Lords angehört, ist zwar ein Kapitalist in Reinkultur, aber eben einer, dem das Soziale nicht gleichgültig gegenübersteht. Ist Norman Foster damit die Antipode zu Karl Marx, ein Neo-Kapitalist? Keineswegs. Der Architekt von morgen schafft eine neue Arbeits- und Lebenskultur, die in ihrer Kühnheit und in einem Anspruch weit über Marx Utopismus hinausgehen und dabei zugleich zeigt, der Kapitalismus muss nicht als Raubtier auftreten, sondern in seiner sozialen Dimension vermag er dem Menschen eine würdige Perspektive verschaffen. Norman Foster ist – architektonisch gesehen – also der bessere Klassenkämpfer als Marx.

Biden hat Benzin im Blut und liebt die Corvette

Stefan Groß-Lobkowicz12.02.2021Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Während Donald Trump sein herrschaftliches Anwesen Mar-a-Lago-Residenz im Bundesstaat Florida wieder bezogen hat und die Anwohner mehr denn je über die Präsenz des Ex-Präsidenten genervt sind, rückt nicht nur der Politiker, sondern der Privatmann Joe Biden immer mehr ins Zentrum des medialen Interesses. Und das ist kein Wunder, er ist ein bekennender Autofanatiker. Von Stefan Groß-Lobkowicz

Joe Biden, der Amerika wieder vereinigen will und damit den Anti-Trump macht, setzte schon während seiner Angelobung Zeichen, die um die Welt gingen. Bei seinem Amtseid hatte er seine Hand auf ein besonders auffälliges Exemplar der Heiligen Schrift gelegt. Die in Leder gebundene Bibel ist fast 13 Zentimeter dick, mehrere Kilo schwer und befindet sich seit 127 Jahren im Besitz der Familie. Der katholische Politiker hatte diese in der Vergangenheit bereits bei ähnlichen Anlässen verwendet, etwa bei seiner Vereidigung zum Vize-Präsident der USA unter Barack Obama. Das Prachtstück ist zudem mit einem Keltenkreuz versehen, was auf die irischen Wurzeln der Familie hinweist. Zwar fiel die Zeremonie am 20. Januar 2020 bescheidener und ein wenig nüchterner als bei Barack Obama aus. Es war nicht so katholisch, anschaulich, lebensbejahend, bunt, sondern eher protestantisch. Doch über allem wehte der Geist eines Intellektuellen, der Biden eben auch ist.

Bibel als Bekenntnis einerseits, elegant, stilvoll, ganz Ralph Lauren, andererseits. Wie seine Ehegattin Jill setzt er auf amerikanische Marken. Doch eine Leidenschaft des neuen Mannes im Weißen Haus ist so ganz unamerikanisch. Biden hat zwei Schäferhunde, Major und Cham. Während in Deutschland diese Hunderasse, die einst von Diktator Adolf Hitler immer wieder in das mediale Rampenlicht gerückt wird, in deutschland vollkomen aus der Mode ist und der Dackel eine Renaissance feiert, sind im Weißen Haus die deutschen Wachhunde nunmehr präsent – ohne Ideologie, ohne Macht- und kruder Machansprüche. Sie sind weder Zeichen der Überlegenheit eines Hundes, sondern beherztes Zeichen von Tierliebe und darüber hinaus noch aus dem Tierheim adoptiert.

Ein Mercedes, sonst nur Amis

Doch Biden hat mehr als Mäntel von Ralph Lauren zu bieten. Der 46. Präsident der USA ist ein Autonarr. Der Mann, dem man sein Alter manchmal ansieht, das er sonst fast jugendlich weg tanzt, wenn er auf der politischen Bühne wie der jugendliche Obama schwebt, bekennt sich aber selbst dazu, Benzin im Blut zu haben. Mit einem Chevrolet Corvette Convertible Stingray hatte 1967 alles begonnen. „Ich liebe Geschwindigkeit“, so der Mann aus Scranton, Pennsylvania. Die Corvette wurde ihm 1967 von seinem Vater, einem Autoverkäufer, geschenkt. Sein Vater hielt sich als Occasionshändler eher schlecht als recht die Familie über Wasser, bevor es mit neuen Chevrolets besser lief. Wie sehr vernarrt die derzeitige Nummer eins Amerikas in Autos, wie sehr Biden ein eingeschworener Autofan ist, zeigte sich schon als Vizepräsident. Das einzige, so sein glaubhaftes Bekenntnis damals, was ihm dieses Amt ein wenig verleidet, ist, dass er chauffiert wird anstatt selbst zu fahren. Und das sei es, „was ich an meinem Job hasse“. Doch der Wagen, dem er seit fast 54 Jahren die Treue hält, ist die Chevrolet Corvette Convertible Stingra der C2-Serie mit V8 und 350 PS. Seit dem Hochzeitsgeschenk an den frisch diplomierten Historiker gehört die Rennkanone, der Supersportwagen, zu Biden. Ob an der Uni, wo er promovierte, die Corvette hat sein Schicksal begleitet. Auch in dunklen Stunden. Nebenbei hatte der Rechtsanwalt einen Ford-Kombi. In diesem waren nach Bidens Wahl zum Senator des Bundesstaats Delaware seine erste Ehefrau Neilia (1942-1972) und die einjährige Tochter Amy tödlich verunglückt. Seine beiden Söhne, der später an Krebs verstorbene Beau und Hunter wurden dabei schwer verletzt. Dennoch legte der neue Senator damals seinen Amtseid an ihrem Krankenbett ab.

Bidens Autos

Sein erstes Auto überhaupt war ein1951-er Studebaker Champion. Darauf folgten ein gebrauchtes Cabrio, ein Plymouth Cranbrook Convertible, ein 1956-er Chevrolet Bel Air, mit dem seine Liebe zu General-Motors-Marke Chevrolet begann. Einmal ging Biden fremd, diesmal wieder nach Deutschland mit dem legendärer Mercedes 190 SL. Die Modellserie fährt seit Jahren bei Auktionen weltweit riesige Rekordsummen ein und ist eines der beliebtesten Sammler- und Anlageobjekte überhaupt. Auch der Mercedes ging in Bidens Besitz als Gebrauchswagen über. Und in seiner Privatgarage soll heute ein Jeep wie bei George W. Bush stehen.

Traumautos will er Amerika schenken

„America first“ hieß das Losungswort von Donald Trumps Amtszeit. Doch er und seine smarte Lady sind eher das Gegenteil von amerikanischen Marken gewesen. Melania war verliebt in europäischen Luxus – Stil-Ikone bis Wäscheständer titelten damals die Modezeitungen.

Anders als seine Vorgänger ist Jo Biden auch hier wieder ganz anders als sein Vorgänger, setzt neue Akzente und das heißt für den überzeugten Amerikaner eben auch amerikanische Produkte – wie Ralph Lauren oder eben die Corvette. „Ich glaube“, sagte er 2020, „dass der Markt des 21. Jahrhunderts wieder uns gehören kann, indem wir zu Elektroautos wechseln. Nebenbei: Es heisst – und ich freue mich darauf, sie zu fahren, falls es wahr ist –, dass sie eine elektrische Corvette machen, die 320 km/h läuft.“

Rückkehr zum Pariser Klima-Abkommen

Trump hatte wenig für Naturschutz, Umwelt und Klimaabkommen übrig. Joe Biden fährt auch hier wiederum auf der Überholspur. Er hatte das von Trump ausgesetzte Pariser Abkommen in Windeseile wieder gekippt. Donald Trump hatte 2017 den Austritt aus dem Abkommen verkündet. Es lege dem Land „drakonische finanzielle und wirtschaftliche Lasten“ auf, lautete seine Begründung. Im Pariser Klimaabkommen von 2015 hatten beinahe 200 Unterzeichnerstaaten vereinbart, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Und Biden betonte bereits in seiner Amtsantrittsrede die Bedeutung des Klimaschutzes. Vom Planeten selbst komme ein Ruf nach Überleben.

Corvette ist besser als ein Porsche 911

Und er hat hehre Ziele: Als neuer US-Präsident will er in die Zukunft des Elektroautos investieren, die total angeschlagene amerikanische Automobilindustrie zu neuem Glanz und neuer Renaissance führen. Er will Milliarden in die Energiewende stecken und eine Million Autojobs schaffen. Und sein Traum bleiben 600.000 Ladesäulen bis 2030. Schon jetzt vertraut die amerikanische Autoindustrie Biden mehr als Trump. Denn Biden, der Autofan, ist überzeugend. Er besticht seine Fans, wenn er in seiner Corvette sitzend strahlt und bekennt, „Ich liebe dieses Auto“. Auch dann glaubt man seinem amerikanischen Traum, wenn er in einer Rede vor Yale-Studenten erklärt, die Corvette sei besser als ein Porsche 911.

Im Alter auf die Rennstrecke? – Doch wohl nur privat

Doch mit dem Traum vom selber fahren ist es vorbei. Die Sicherheitsvorschriften erlauben es nicht. Von 2009-2017 als Vizepräsident unter Obama durfte der Demokrat nur noch gepanzerte „Chevys“ und Cadillacs des Secret Services nutzen. Und die strengen Auflagen bleiben. Nie wieder darf der Politiker auf öffentlichen Straßen fahren. Staat unbegrenzter Freiheit muss er den vollgepanzerten, tonnenschweren Cadillac One, „The Beast“, nutzen. Der Preis seiner politischen Karriere, das Schicksal, das auch ihn mit dem Auto verbindet, ist für einen Benzin- Junkie und Adrenalin-Begeisterten hoch. Sein Vorgänger George W. Bush jedenfalls hatte einen Ausweg aus der aussichtslosen Situation gefunden. Auf seiner 6,4-Quadratkilometer-Ranch in Texas gibt er Gas und seinem Ford F-Series-Pickup die Sporen. Biden sollte sich zumindest schon einmal ein größeres Grundstück in Delaware ankaufen.

Der Mode-Stil der Präsidenten-Gattinnen und was er verrät

Stefan Groß-Lobkowicz1.02.2021Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Von Jackie Kennedy bis Michelle Obama war der persönliche Stil der Ehefrauen von US-Präsidenten immer ein Streitpunkt in der Öffentlichkeit. Melania Trump, ein wahrer Wäscheständer, machte keinen Hehl aus ihrem teuren Geschmack, von einem 51.000 US-Dollar teuren Dolce & Gabbana-Mantel bis zu einem chinesisch inspirierten bestickten Gucci-Dress. Melanias Sinn für Mode war beispiellos für eine First Lady der USA in der heutigen Zeit. Mit Jill Biden hat sich das wieder geändert.

Die Luxus-Stil-Ikone Melania

Nun ist die ehemalige First-Lady Melania Trump Geschichte. Das Exklusiv-Geschöpf, das hunderdtausende Dollar in sich als Marketing- und Schönheitsikone investiert haben muss, ist im Rentnerparadies Floria angekommen. Und irgendwie passt sie in die dortige Schickeria, einer Mischung aus kubanischer Lebensfreude, karibischer Exotik, unendlichem Sonnenschein und Koketterie. Die ganze Küste ist nichts anders als ein Eldorado der Superreichen, eine Spielwiese für Jachtbesitzer, Immobilienhaie und aufgehübscht-exaltierte Luxusladys mit den teuersten Implantaten. Und vielleicht ist ihr glamouröser Stil, ihr unvergleichlicher Sinn für das Exklusive, das einzig Positive, was aus der Trump-Ära bleibt. Melania war eigentlich nur in einen verliebt, in ihren Stylisten Hervé Pierre.

Kleider mögen Geschmackssache sein, doch für eine First Lady gilt dieses Gebot natürlich nicht. Sie sind, von Jackie Kennedy in den 1960er Jahren bis hin zu modernen First Ladies wie Michelle Obama, Melania Trump oder Jill Biden, Ausdruck ästhetischen sowohl politischen Bewusststeins. Während die First Lady maßgeblich bei ihrer Kleidungswahl wie ein goldenes Kalb buchstäblich beurteilt wird und dann entweder von den Modeexperten idealisiert oder als Freiwild buchstäblich zerrissen wird – für Modeexperten ist jedes Detail ihres Aussehens geradezu ein Bekenntnis.

Es bleibt unnötig zu erwähnen, dass für Frauen im öffentlichen Leben nicht dieselben Standards gelten wie für Frauen im Amt wie Hillary Clinton oder Nancy Pelosi. Michelle Obama legte immer darauf Wert, ihre Kleidung in das Gespräch einfließen zu lassen. Manchmal laut, manchmal weniger laut. Um ehrlich zu sein, waren einige der Entscheidungen der früheren First Lady nicht immer goldrichtig, aber ob sie nun eine erschwingliche J. Crew-Strickjacke trug oder ein Versace-Kleid bei einem Staatsbankett für Italien, sie wusste, wie man das Spiel der Modediplomatie geschickt spielte.

Melania Trump hingegen hat sich nie davor gefürchtet, mit ihren teuren Kutten und Kollektionen von ultra luxuriösen Hermès-Taschen die Wähler zu verprellen. Sie war ein wahrer Wäscheständer, und ihr teurer Geschmack Inbegriff dessen, was eine privilegierte Frau trägt, die zwischen Manhattan und Palm Beach jagt, um fabelhaft auszusehen.

Sie ist ein Fan von Mode mit einem großen Fabel: Dior, Chanel, Gucci, Valentino – die Liste ist endlos lang und umfasst nicht so viele amerikanische Designer. Obwohl von amerikanischen First Ladies eine starke Loyalität zu US-Marken erwartet wird, schien „Make America Great Again” eindeutig nicht auf die italienisch und französisch angehauchte Garderobe von Melania Trump zuzutreffen.

Für sie ist gutes Aussehen das Wichtigste, und dass hat sie in den vier Jahren ihres öffentlichen Engagements geschafft. Einem tadellosen Outfit folgte ein noch extravaganteres. Das ist immerhin eine kleine Leistung und eine große für die europäische Modewelt. Trumps Frau glänzte auf jedem Parkett mit der perfekten Robe – doch genutzt hat es ihr und ihrem Mann nicht. Sie sind und bleiben Egomanen und die Kleidung eben Ausdruck ihrer blasierten Eitelkeit. Insofern ist Gottfried Keller zu belehren, dem wir die schöne Novelle „Kleider machen Leute“ verdanken: Manchmal tragen Leute eben nur Kleider.

Jill Biden bekennt sich zu Amerika und setzt damit auch politisch Zeichen

Wie ihr Mann, der sich bei seiner Amtseinführung für Modezar Ralph Lauren entschied, bekannte sich auch die neue First Lady für ein US-amerikanisches Label. Der türkisblaue Tweedmantel mit passendem Kleid und langen Lederhandschuhen entstammt den Händen von Alexandra O’Neill. In der US-Mode-Szene ist die Chefdesignerin des Labels Markarian keine Unbekannte, entwarf sie doch in der Vergangenheit Kleider für Stars wie die Schauspielerin Laura Dern oder Sängerin Lizzo. Bidens blauer Mantel, bestickt mit Swarovksi-Kristallen und für sie maßgeschneidert, ist natürlich ein Bekenntnis zur Demokratischen Partei. Als Farbe der Ozeane und des Himmels steht das Blau, aber auch für Gelassenheit, Stabilität, Sorgsamkeit und Verantwortung. Und die Botschaft, die die 69 Jahre alte Lehrerin, die zwei Masterabschlüsse hat und einen Doktorhut trägt, ist klar: Nach der Ära Trump gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren. Nach den Zeiten von Fake News und einer gigantisch aufpreschenden Propaganda-Maschinerie gilt es unprätentiöseren Zeiten entgegenzublicken, wo nicht Starrsinn und Eitelkeit, sondern Ausgewogenheit und Vernunft regieren. Und Jills Modebotschaft hat eine noch subtilere Konnotation. Sie will sich zu einer Befürworterin der aufstrebenden amerikanischen Mode machen.

Das Luxusgefährt Melania hat bei ihrer Ankunft in Florida mittlerweile das Kunterbunt des multikulturellen „Swing States“ angenommen und vom komplett schwarzen Look in ein überraschend bunt gemustertes, über 3.000 Euro teures Gucci-Kleid gewechselt. Bei ihrem Aufbruch aus dem Weißen Haus trug sie noch Schwarz von Kopf bis Fuß. Ein sündhaft teurer, durchaus klassisch-schicker Look – der wie immer nicht von amerikanischen Designern stammte.

Während viele Melanias Wahl von Chanel, Dolce & Gabbana und Co. als ihr letztes Statement verstanden, tritt Jill Biden in die Fußstapfen von Michelle Obama. Die ehemalige First Lady hatte im Jahr 2009 bei der Amtseinführung ihres Mannes, Barack Obama, einen gelben Mantel (ebenfalls mit Swarovski-Kristallen dekoriert) von Isabel Toledo, einer kubanisch-amerikanischen Designerin, getragen. Und wie Jill hat auch Michelle während ihrer achtjährigen Amtszeit immer wieder verschiedene junge amerikanische Talente protegiert. Es ist also nicht so ganz unpassend, Michelle Obamas letztem Instagram-Post zu zitieren. „Heute ist der Tag. Nach einer verstörenden Ära des Chaos und der Spaltung treten wir in das nächste Kapitel der amerikanischen Führung ein… Im Moment fühle ich mehr als nur Erleichterung darüber, dass wir die letzten vier Jahre hinter uns gelassen haben. Ich fühle mich wirklich hoffnungsvoll für das, was kommen wird.“

Putins Luxus: Dieses Nawalny-Video entüllt den Prunk des Diktators

Stefan Groß-Lobkowicz25.01.2021Medien, Politik

Der Kreml hat schon dementiert. Das Team des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny hat zwei Tage nach dessen Ausreise aus Deutschland und der späteren Festnahme in Russland eine Recherche zu einem angeblichen Luxus-Palast von Präsident Wladimir Putin veröffentlicht. Das an der Schwarzmeer-Küste gelegene Anwesen soll umgerechnet 1,1 Milliarden Euro gekostet haben.

Es sind brisante Vorwürfe, die der russische Oppositionelle und größte Gegner von Wladimir Putin, Alexej Nawalny, macht. Der Mann, der vor fünf Monaten nur knapp einen Mordanschlag mit dem Nervengift Nowitschok überlebte, ein Angriff, der wahrscheinlich vom „Killerkommando“ des Inlandgeheimdienstes FSB von Putin beauftragt und ausgeführt wurde, wirft Russlands Nummer eins nun vor, sich ein riesiges Anwesen mit Schmiergeldern gekauft zu haben. Der zweistündige Film hat es in sich. Und er ist ein Gruß aus dem Gefängnis in Moskau, in dem Nawalny derzeit sitzt. In dem Video zeigt der 44-Jährige Kreml-Kritiker Luftaufnahmen eines gigantischen Anwesens an der sonnigen Schwarzmeerküste – mit Parkanlagen, einer Kirche, einem Hubschrauberlandeplatz, einer Brücke und einer Orangerie. Mit 7800 Hektar ist es 39 Mal grösser als das mondäne Fürstentum Monaco, wo sich der internationale Jetset trifft. Allein das Hauptgebäude in Putins Edelvilla steht auf einer Fläche von mehr als 17.000 Quadratmetern, was mehr als zwei Fussballfeldern entspricht.

Gegen die Vorwürfe von Nawalny hat sich der Kreml unterdessen gewährt. Putins Sprecher Dmitri Peskow betonte, es sei „Nawalnys alte Schallplatte“, alles „Unsinn“, der Präsident und der Kreml hätten damit nichts zu tun.

Putin, der ehemalige KGB-Offiziert, der in Dresden mit der ostdeutschen Staatssicherheit für ein repressives System warb und den kommunistischen Idealen diente, war nie ein unbeschriebenes Blatt, ethisch loyal, sondern ein Machtmensch, der notfalls auch über Leichen geht. Nach der Amtsübernahme von Boris Jelzin, der die ehemalige Sowjetunion auf einen kapitalistischeren Kurs bringen wollte, hatte sich Putin immer wieder als Hardliner präsentiert. Ob im Tschetschenien-Krieg oder bei der Entmachtung der einflussreichen Oligarchien, die damals durch die Protektion Jelzins das politische Geschehen dominierten – Putin hatte sie alle abserviert und entmachtet oder wie den reichsten Russen Michail Borissowitsch Chodorkowsk ins Gefängnis verband und sein autoritär-repressives Reich entwickelt, das Kritiker, Verräter mit Tod oder Gefängnis bestraft. Meinungsfreiheit gibt es unter Putin kaum, wer Kritik übt, verschwindet oder wird Opfer der Mordbrigaden wie Anna Stepanowna Politkowskaja. Nachweisen kann man dem starken Mann aus dem Kreml all dies nicht, doch die Morde tragen alle die Spur des russischen Geheimdienstes, den Putin wie ein Diktator lenkt.

Wie reich ist Putin?

Schon lange wird darüber spekuliert, wie reich der russische Präsident eigentlich ist. Aber auch hier verläuft sich die Spur im Dunklen. Nawalny sieht das anders: Putins Geheimdienstfreunde von einst, die ihn bis heute begleiten, haben ihn zum „reichsten Mann der Welt“ gemacht. Und der in Russland wie ein Popstar gefeierte Oppositionelle nennt Putin, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, mit Blick auf die Palastbilder vom Schwarzen Meer einen „Zaren“, der jedes Maß verloren habe. „Aus einem einfachen sowjetischen Offizier ist ein Irrer geworden, der Geld und Luxus scheffelt“.

Nawalnys Video hat unterdessen Durchschlagskraft: Rund 80 Millionen Mal wurde das Video aufgerufen. Es läuft viral im Netz und die kremlkritischen Medien in Russland kennen kaum noch ein anderes Thema als die Rückkehr Nawalnys.

Klar ist unterdessen, dass sich der russische Staatspräsident seit Monaten weniger in Moskau als am Schwarzen Meer aufhält. Von einer schweren Erkrankung ist die Rede – aber auch das wird aus offiziellen Kreisen dementiert. Putin hat alle Spekulationen um seine Person dementiert, es handele sich um gezielte Indiskretionen, die durch die westlichen Geheimdienste gestreut würden. Nawalny wirft er vor, für den US-Geheimdienst CIA zu arbeiten.

In seinem Video rekonstruiert Nawalny mittels zahlreicher erstmals so gezeigter Dokumente die verschleierten Besitzverhältnisse zum größten Privatanwesen in Russland. Der streng bewachte und weiträumig umzäunte Palast mit mehr als 17.500 Quadratmetern Fläche liegt in einer Weinbauregion nahe der Stadt Gelendschik. Ein Tunnel führe zum Strand, heißt es. Den Recherchen zufolge waren zeitweise „kleine Beamte“ aus der Präsidialverwaltung als Eigentümer eingetragen. Der Palast soll 1,3 Milliarden Euro kosten, sei im italienischen Design gehalten und fast 40 Mal so groß wie Monaco.

„Putin lebt in extremem Luxus. Er lebt das Leben eines arabischen Scheichs und eines Menschen, der mit einem Blick Sachen in Gold verwandeln kann”, sagt Georgi Alburow, der maßgeblich an den Recherchen beteiligt war. Und Nawalny fügt hinzu: Es handelt sich um den größten Korruptionsskandal der russischen Geschichte. Damit übertrifft Putins Residenz sogar die von Ex-US-Präsident in Florida. Der Milliardär kann 128 Zimmer, fünf Tennisplätze, drei Luftschutzbunker sein eigen nennen. Seine imposante Villa, bekannt als Mar-a-Lago-Residenz, ist 20 Hektar gross und wird derzeit auf 160 Mio. Dollar geschätzt. Im Vergleich mit dem Haus von Wladimir Putin ist das Anwesen aber nicht mehr als ein Gartenhäuschen.

Putin liebt Luxus und das Glamouröse. Er ist verliebt in Macht, Geld und in seine Insignien der Macht. Sein Refugium ist keine Residenz, wie Nawalny unterstreicht: „das ist eine ganze Stadt, oder besser: ein Königreich. In diesem gibt es nur einen Zaren”.

Joe Biden: Zur Amtseinführung trug er Ralph Lauren

Stefan Groß-Lobkowicz21.01.2021Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Der neue US-Präsident Joe Biden trug anlässlich seiner Angelobung am Mittwoch Ralph Lauren. Dunkelblauer Anzug und hellblaues Hemd. Biden setzte sich mit einem zurückhaltenden Auftritt von den Brioni-Anzügen und der roten Krawatte seines Vorgängers Donald Trump ab. Doch warum entschied er sich bei der Mantel- und Outfitwahl für einen amerikanischen Designer?

Es war der wichtigste Tag seines Lebens. Endlich Präsident, endlich die Nummer eins im Weißen Haus. Dafür hatte er hart gekämpft. Am 20. Januar 2021 wurde Joe Biden als 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Die Zeremonie war symbolhafter denn je, eine bis ins Detail geplante Inszenierung und ein perfekt gekleideter Präsident. Für das höchste Amt seines Lebens hüllte sich der am 20. November 1942 in Scranton, Pennsylvania, geborene Biden fast von Kopf bis Fuß in Stoffe von Ralph Lauren. Sein Mantel, seine Krawatte, sein Anzug und eine Maske in passendem Stoff – sie waren alle vom ikonischen amerikanischen Designer durchgestylt.

„Kleider machen Leute“ hieß eine berühmte Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Und bei Biden passt das alles gut zusammen. Anders als sein Vorgänger Donald Trump, der mit einer Vorliebe für Brioni-Anzüge glänzte, dazu lange, baumelnde Krawatten trug und wie ein Potenzbulle durch die Hallen des Weißen Hauses marschierte, mantelte sich der Neue in das teurere, aber gediegene amerikanische Label des Topdesigners.

Lauren selbst kam einst aus einfachen Verhältnissen, war der Sohn von Fraydl und Frank Lifshitz, einem Anstreicher. Seine Eltern sind aschkenasische Juden gewesen und aus Pinsk in Weißrussland in die USA emigriert. Bevor Lauren also seine Superkarriere startete, hatte er die Armut buchstäblich aufgesogen. Doch spätestens im März 2012 hatte er es endgültig geschafft. Das berühmte „Forbes-Magazine“ schätzte sein Vermögen damals auf 7,5 Milliarden Dollar und Lauren war damit auf Platz 122 der reichsten Männer der Welt.

Doch was hat der Topdesigner mit Joe Biden zu tun? Immer wenn Biden einer politischen Botschaft im US-Wahlkampf und dazu seinem Kampf gegen das Coronavirus Ausdruck verleihen wollte, trug er Stoffe der Super-Bekleidungsmarke. Bei seiner ersten Corona-Impfung war Biden in einem Rollkragenpullover zu sehen und bei seiner zweiten Impfung vor laufenden Fernsehkameras trug er ein Polo mit dem Pony-Logo auf der Brust.

Ralph Lauren, der Aufsteiger, der den amerikanischen Traum vom Underdog zum Milliardär schaffte, verkörpert wie kaum ein anderer Designer die Idee des amerikanischen Erfolgs. Sein Imperium setzt auf Amerika, auf dieses Made in Amerika, seine gesamte Markenbotschaft will auf nichts anderes, als die gesamte Welt auf das großartige Land hinweisen, Menschen aufzufordern, seine Polos und Anzüge zu tragen. Laurens Kleider laden also geradezu dazu ein, sich mit Amerika buchstäblich zu identifizieren, integrativer Teil desselben durch einen gewissen Stil und Mode zu werden.

Und darum ging es auch Jo Biden bei seiner Amtseinführung. Sein Mantel, sein Habitus deutet darauf hin, dass es der neue US-Präsident bescheidener, aber trotzdem elegant mag, dass er harmonischer und weniger aggressiv als sein Vorgänger Trump auftritt. Er nutzt vielmehr die Kunst der Mode auf eine weniger konfrontative Weise. Und nach vier Jahren von Outfits, die offensiv die geballte Macht eines rohen Gewaltmenschen demonstrierten, präsentiert sich Biden in schlichter Eleganz, die in ihrer Leichtigkeit etwas ganz Wunderbares hat.

Ralph Lauren kann sich freuen: Einen besseren Markenbotschafter gibt es derzeit für ihn nicht. Und für alle, die ein wenig wie Biden sein wollen, bleibt nur eins: Zeigen Sie ein gepflegtes Understatement und kleiden Sie sich wie der amerikanische Präsident. Am besten kaufen Sie sich noch zwei Schäferhunde, oder adoptieren diese. Dann haben sie zumindest ein Stück Weißes Haus in ihrem Leben und einen fast präsidialen Stil.

Diese Experten beraten Angela Merkel in der Pandemie

Stefan Groß-Lobkowicz19.01.2021Medien, Wissenschaft

Es ist mal wieder Krisenstimmung im Kanzleramt. Die Corona-Infektionszahlen sinken, die Impfungen laufen nach wie vor langsam an. Doch das Hauptproblem sind neue Mutationen. Die Bundeskanzlerin hat einen Beraterstab am 18. Januar zusammengerufen, um über eine härtere Gangart im Kampf gegen Corona vorzugehen. Der Shutdown geht in die nächste Stufe. Schon heute will Angela Merkel mit den Regierungschefs der Länder neue Verschärfungen vereinbaren. Doch was raten die Wissenschaftler Merkel?

Die Bundeskanzlerin setzt seit dem Beginn der Pandemie auf Experten. Zu denen, denen die Kanzlerin vertraut, gehören in erster Linie der Chef des Robert-Koch-Instituts Prof. Lothar Wieler (59) und Top-Virologe Prof. Christian Drosten (48, Charité). Doch der Kreis der Corona-Berater im Kanzleramt ist viel größer. Mit an Bord ist beispielsweise Prof. Dr. Rolf Apweiler. Der Biochemiker (57) ist Co-Direktor des „European Bioinformatics Institute“. Wie der Experte betont, machen ihm die Corona-Mutationen große Sorgen. Diese Virus-Variante schaffe sechs bis acht mal mehr Fälle pro Monat als andere Varianten. Apweiler rät der Kanzlerin daher zu einem scharfen Lockdown (Schulschließungen, Homeoffice-Pflicht), setzt auf ein schnelles Impfen und den Aufbau der Sequenzier- und Bioinformatikanalysekapazität. Und er stellte klar: „Wenn der politische Wille und die Entschlossenheit fehlt, hilft das beste Test- und Nachverfolgungssystem sowie COVID-19-Genom-Überwachungssystem nicht.“

Auch eine 41-jährige Psychologin gehört zum Gremium, das die Bundeskanzlerin berät. Cornelia Betsch ist Professorin für Gesundheitskommunikation an der Erfurter Universität. Aus psychologischer Sicht betont sie: „Trotz guter Akzeptanz der individuellen Schutzmaßnahmen führen psychologische Faktoren dazu, dass wir Ausnahmen machen. Relevantes Wissen fehlt immer noch und wird wegen der Mutation gerade noch wichtiger.“ Und Betsch warnt vor der Pandemiemüdigkeit. Diese sorge, so die Wissenschaftlerin, für Trägheit: „Relevantes Wissen verbreitet sich nicht so schnell, Verhalten reagiert träger (…).“ In der Krise hat sie folgenden Vorschlag. „Die „Pandemiebekämpfung soll stärker das Eigeninteresse aller in einer gemeinschaftlichen, gesamtgesellschaftlichen Lösung sein.“ Kurzum: Es müsse einfachere Regeln geben.

Die Virologin Melanie Brinkmann gehört ebenfalls zu Merkels näherem Beraterteam. Die 47-jährige Professorin lehrt an der Technischen Uni Braunschweig und ist Professorin am Institut für Genetik. Brinkmann betont: „Es ist der kritischste Moment in der Pandemie.“ Der Grund: „Die neue Variante ist im Land und es ist ein Naturgesetz, dass sie sich durchsetzt.“ Und die Virologin fordert: „Je eher wir handeln, um so weniger Schaden werden wir anrichten. Die Gefahr ist da, wenn wir jetzt nicht handeln, wir das Jahr 2021 schlimmer als 2020. Daher ergeht ihre Forderung: Da die Kontrolle nur durch niedrige Inzidenzen möglich ist, müsse die Bevölkerung überzeugt sein, „dass wir auf Null müssen.“ Die Impfung, so die Wissenschaftlerin, werde erst am Ende des Jahres helfen.

Christian Drosten bleibt der Top-Virologe der Bundesregierung. Der Professor an der Charité in Berlin ist Direktor des Fachbereichs Virologie im größten Labor Europas. Drosten verteidigte die Überprüfung des Coronavirus auf Mutationen und Co.: „Deutschland ist nicht schlecht im Sequenzieren!“ Außerdem plädierte er für einen innereuropäischen Austausch von Genom-Analysen.

Mit an Bord ist Michael Meyer-Hermann.  Er ist seit 2010 Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Der Experte warnte: Mit der Öffnung von Schulen und Geschäften sei die Inzidenz von 50 nicht zu erreichen. Sie pendle dann zwischen 50 und 100. Eine Verlängerung des Lockdowns bis Ende Februar  könnte zumindest die Inzidenz von 50 erreichen. Was auch ihm Angst bereitet, sind die neuen Corona-Varianten. Er befürchtet, dass sich diese noch weiter ausbreiten „und dann die gegenwärtigen Maßnahmen nicht mehr helfen. Was dann nur noch hilft, ist ein kompletter Shutdown der Gesellschaft.“ Durch diesen „hätten wir Anfang März eine Inzidenz von 10.“ Meyer-Hermann rät: „Wir müssen handeln, bevor sich die Variante ausbreitet.“

Auch ein Physiker ist mit an Bord und berät die Kanzlerin bei heiklen Entscheidungen. Kai Nagel arbeitet als Professor in der Mobilitätsforschung und Verkehrssystem-Planung. Bei seinen Untersuchungen geht es um die Auslastung des öffentlichen Nahverkehrs und darum, welche Auswirkungen sie auf das Infektionsgeschehen hat. Anhand von Handy-Daten entwickelt Nagel Modelle und zeigt damit den Zusammenhang zwischen den Bewegungsmustern von Menschen und den Infektionszahlen. „Anhand der Mobilfunkdaten sehen wir sofort, wenn die Aktivität sinkt, und bauen das in unser Modell ein. Wenn im Extremfall alle zu Hause bleiben würden, würde das Virus nicht mehr weitergegeben – zumindest nicht außerhalb des eigenen Haushalts.“

Vertrauen setzt Merkel ebenfalls auf Gérard Krause. Der 56-Jährige ist Arzt und wurde 2011 Lehrstuhlinhaber an der Medizinischen Hochschule Hannover und Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Krause setzt auf den besseren Schutz der Alten und betont: „Man muss ja immer auch die unerwünschten Wirkungen mitdenken und mitbetrachten. Und dann darf man sich auch nicht der Illusion hingeben, dass dadurch allein die Todesfälle deutlich reduziert werden können, denn die finden in einer Art Mikrokosmos statt, nämlich in den Alten- und Pflegeheimen, in denen ein Lockdown ja per se erst mal nicht wirkt. Ich kann sämtliche Busse stilllegen und trotzdem findet das Leben in den Altenheimen statt.“

Mitte Januar ist sich das Gremium von Experten einig, Deutschland braucht einen neuen Lockdown. Es ist wieder für viele eine unpopuläre Entscheidung – doch die Corona-Mutationen zwingen zu einer noch härteren Gangart im Kampf gegen die Pandemie.

Der ewig Unterschätzte: Armin Laschet

Die einen sahen Angela Merkel schon auf dem Abschiebegleis, die anderen im Dämmerflug nach 16 Jahren Kanzlerschaft endgültig am Horizont verschwinden. Doch durch die Corona-Krise ist die Kanzlerin peu à peu in der Wählergunst gestiegen. Die Totgesagte hat – wieder einmal – alle ihre Kritiker eines besseren belehrt. Um ihre Nachfolge geht ein Mann ins Rennen, der Merkel seit Jahren unterstützt. Armin Laschet hat gute Chancen auf den CDU-Vorsitz. Ein Porträt des Politikers, der lange unterschätzt wurde. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Armin Laschet gilt nicht als der verbissene eindimensional denkende Parteisoldat, weit weg, distanziert von oben herab wie einst Helmut Schmidt. Laschet, 1961 geboren im Ruhrgebiet, familiär verwurzelt in Wallonien, ist und bleibt ein Mann der Mitte. Der 59-Jähige hat etwas Verbindliches, baut emotionale Nähe auf und ist damit so etwas wie ein Wohlfühlpolitiker, ja ein Menschenfänger obendrein. Er kann begeistern, zumindest unmittelbar, weil er selbst begeisterungsfähig ist. Er kann Komplexes einfach vermitteln und Bürgernähe aufbauen, weil er sich mit den Problemen der Menschen identifiziert, weil er weder Hochmut kennt noch sich in Selbstgefälligkeit verfängt. Und anders als manch seiner Politikkollegen und Mitbewerber um das Amt des CDU-Vorsitzes hat er etwas Bodenständiges, wärmt sich an der Erde, den Menschen und ihren Gefühlen. Er ist eigentlich mehr ein Seelsorger, der dabei immer ein fröhliches Lachen versprüht, das aus seiner rheinischen Frohnatur entsteigt. Das Amt des Seelentrösters hat ihm nie eine große Anhängerschaft in der medialen Welt gebracht, dafür ist er einfach zu bescheiden, kein Verkäufer oder Selbststilisierer. Wo andere aufbrausend agieren, ist es Laschet, der immer wieder vermittelnde Worte findet. Und genau das ist es, was den Mann in politisch schweren Fahrwassern, in der Corona-Krise und einer Zeit, wo die CDU gespaltener denn je ist, auszeichnet. Lachet ist Ausgewogenheit und Mitte in Peronalunion.

Mit Merkel weiter in die Zukunft

Damit tritt der Katholik und Studentenverbindler, der schon mit 18 Jahren in die CDU eingetreten ist, später beim Radiosender 95.5 Charivari und als freier Journalist fürs Bayerische Fernsehen arbeite, in die Fußspuren der Bundeskanzlerin. „Der Kandidat des Establishments“ unkte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Auch bei den Wertkonservativen in der Union hat er keinen guten Stand. Die Wirtschaft und der Mittelstand wünschen sich lieber einen Friedrich Merz, der klar ihre Interessen vertritt und statt mehr Politik, mehr Marktwirtschaft fordert. Merz ist kerniger, einer, der sich gut verkaufen, einer, der sich besser in Szene setzt als Laschet, der zwar immer treublickend in die Kamera schaut, aber letztendlich bei seinem Corona-Management nicht punkten konnte. Dabei hatte der ehemalige Bundestagsabgeordnete, spätere Europapolitiker und Halbjurist, der im Kabinett des damaligen NRW-Ministerpräsidenten Rüttgers Karriere zuerst als Familien und Integrationsminister, später dann als Minister für Europaangelegenheiten machte, während Corona stets die große Bühne der Medien als einer der einflussreichsten deutschen Ministerpräsidenten hinter sich.

Der Corona-Manager

Inmitten der Corona-Krise hatte man Laschet schon für politisch tot erklärt. Die Medien titelten vom „glücklosen Laschet“ auf der einen und vom umjubelten Merz auf der andern Seite. Doch das war eine Fehldiagnose. Wo Jens Spahn noch über die Pandemie irrlichterte, hatte der Pragmatiker Spahn schon eine klare Devise: „Wenn die Infektionszahlen sinken, müssen Grundrechtseingriffe zurückgenommen werden – wenn Infektionszahlen steigen, müssen Schutzvorkehrungen verstärkt werden“. Und Laschet agierte hier immer positiv auf Sicht, situationsgemäß wie man es von einem erwartet, der genau hinschaut, der pragmatisch-praxisnah agiert.

Bei aller Kritik, die sich Laschet im Coronajahr einfangen musste, er ist Politprofi und das mit langjähriger Erfahrung. Seit 2008 sitzt er im Bundesvorstand der CDU und seit 2012 ist er einer der fünf stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Den einen mag Laschets Kurs in der Pandemie als Stückwerk, als unbeholfen und als ein ungesteuertes Wirrwarr vorgekommen sein, doch die Corona-Werte im bevölkerungsreichsten Bundesland zeigen, er hatte taktisch gehandelt, nur oft falsch kommuniziert. Laschet wurde oft unterschätzt. Doch das ist vielleicht sein Triumpf. Immerhin hatten 2017 bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2,8 Millionen Menschen ihre Zweitstimme der CDU gegeben. Und Laschet war es, der damals durch einen veritablen Wahlkampf selbst die allseits beliebte Hannelore Kraft aus dem Amt schob.

Christian Lindner und Armin Laschet – Ein gutes Team

Dass Laschet nun in der Champions-League spielen will, hatte ihm 2018 schon Christian Lindner attestiert: „Ein nordrhein-westfälischer Minister kann immer Kanzler.“ Und der FDP-Chef lobte schon damals die konziliante und versöhnliche Art des Landeschefs, bezeichnete gar die Zusammenarbeit der Schwarz-gelben Landeskoalition als „mustergültig“.

Politisch sieht Laschet, der sich den Klimaschutz, die innere Sicherheit, die Bildungsoffensive, die Digitalisierung sowie die Integration auf die Fahnen geschrieben hat, ohne selbst eine Schwarz-grüne Koalition als Gottesgabe herbeizusehnen, dann auch eher bei den Liberalen. „Es wird mir viel zu viel – auch von meinen Mitbewerbern – über die Grünen geredet.“ Deutlich mehr Schnittmengen gäbe es mit den Liberalen mit denen „wir in ganz vielen Kernfragen der Politik ein ganz ähnliches Grundverständnis haben. Man kann auch mit den Grünen koalieren, aber das bringt größere und kompliziertere Grundsatzdebatten mit sich.“ Der Getreue der Kanzlerin, der ihr als einer der wenigen, neben Merkels engen Vertrauten Helge Braun und Peter Altmaier, in der Flüchtlingskrise den Rücken bei ihrer Politik der offenen Türen gestärkt hat, bekennt sich nach wie vor zu einem unverbrüchlichen Kurs mit Merkel. Aber das bedeutet auch, dass die CDU selbst stark genug sein muss. Denn der NRW-Chef weiß: „Wenn es eine rechnerische Mehrheit für Rot-Rot-Grün gibt, werden die Grünen das machen.“ Daher präferiert er die Große Koalition.

Zur Not auch mit den Grünen

Den Grünen hatte er das Thema Klimaschutz, wie weiland Angela Merkel nach dem Reaktorunfall in Fukushima, schon längst aus der Hand genommen und auf seine Agenda geschrieben. Doch die Visionen eines Robert Habeck, einer Annalena Baerbock und der Generation „Fridays for Future“ mag er nicht teilen. Zu weltfremd ist dies alles für den Macher vom Rhein. Aber sollte es der Union letztendlich nutzen, so kann es möglicherweise mit ihm als Kanzler deutlich grüner in Deutschland werden. Die Grünen als Weltretter, diese Irritation bleibt ihm als gläubigen Christen aber wesensfremd.

Der Aachener Preisträger, der 2020 den „Orden wider den tierischen Ernst“, erhielt, ist kein weichgespülter Liberaler. Wo es gegen sexuellen Missbrauch ging, bezog er klare Opposition. Wo die Kanzlerin Thilo Sarrazin an den Pranger stellte, war es Laschet, der ehemalige Ministrant, der sich schützend vor den SPD-Politiker stellte und ihm attestierte: er sei „kein Rechtsradikaler.“ Von der AfD und dem Rechtextremismus distanzierte er sich aber klar und eindeutig. Aber wo sich das politische Berlin zu sehr in den Elfenbeinturm zurückzieht und zu sehr die Bodenhaftung verliert, öffnet Laschet seine kritischen Offensiven. Dann kreuzt er schon das Schwert gegen die Selbstverliebtheit des Establishments. Und während Berlin bei Corona noch zögerte, agierte er blitzschnell. Schon im Juni hatte er ein starkes Konjunkturprogramm samt Rettungsschirm für die strukturelle Entlastung der angeschlagenen Kommunen in NRW auf den Weg gebracht. Laschet weiß, wo die sozialen Nöte groß, woran die kleinen Leute leiden, er weiß es, der Sohn eines Bergarbeiters und einer Hausfrau. Und diese Erfahrungen machen ihn sensibel für das Los gegenüber denjenigen sozialen Schichten, die unterprivilegiert vom politischen Mainstream vergessen werden. Und das zeichnet ihn als Landesvater eben auch aus.

Söder und Laschet – Eine SMS-Beziehung

Mit Markus Söder, dem bayerischen Corona-Löwen, mit dem er sich derzeit blendend versteht, und der über seinen Amtskollegen bestätigt, dass dieser ein humorvoller, ernsthafter, heimatbewusster und lebensfroher Mensch sei, schreibt er hunderte von SMS, witzelt am Telefon. Die Kommunikation zumindest zwischen München und Düsseldorf hat sich regelrecht zu einer Standleitung entwickelt. Doch so sehr Söder und Laschet einander Schützenhilfe geben, dass der Rheinländer mit allem, was aus der CSU kommt, einverstanden ist, so ist es keineswegs. Bei aller Nähe, bei aller gebotenen Harmonie mit der Schwesterpartei in dem für die Union so wichtigen Wahlkampfjahr, geißelt Laschet zumindest Horst Seehofer und Überlebenskünstler Andreas Scheuer und dessen Maut. Der Autofahrer als „Melkkuh der Nation“, heißt es dann im Armin-Deutsch. Aber selbst wenn Laschet mit irgendwas nicht d’accord ist, glättet er die Wogen mit Sanftmut und im Geist des verzeihenden rheinländischen Katholiken.

Frauenunion steht hinter Laschet

Diese Gabe des Vermittelns lässt Laschet nun zunehmend in den Umfragen steigen. Die Frauenunion steht hinter ihm sowie die langjährige Präsidentin des Deutschen Bundestages, das Urgestein der CDU, Rita Süssmuth. Rückendeckung kommt sowohl von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek als auch von Frauen-Chefin Annette Widmann-Mauz: „Wir brauchen jetzt einen starken Zusammenhalt, damit die CDU weiter die führende Partei in der Mitte der Gesellschaft bleibt“, deshalb habe man eine klare Präferenz für Laschet und Röttgen. Diese hätten „durch ihre politische Erfahrung, ihren modernen Politikstil und zukunftsweisende Inhalte, die Fähigkeiten die CDU gut in die Zukunft zu führen.“ Und Karliczek: „Er wäre eine gute Wahl“. Und obgleich Laschet, der die Einführung der Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe mit der konventionellen ablehnte, verbindet ihn ein freundschaftliches Verhältnis mit Jens Spahn, dem Super-Hipster. Und dass Laschet bei der Weiblichkeit punktet, liegt daran, wie Süssmuth betont, dass „Frauen immer selbstverständlich zu seiner Mannschaft“ gehörten. Keinem gelänge es daher besser die vieldiskutierte Frauenquote pragmatischer umzusetzen als Laschet, den die 83-jährige CDU-Politikerin auch dann für durchschlagskräftig hält, wenn es um die Interessen von Kinderbetreuung, Familie und Gesellschaft geht.

Eigentlich wollten die Ostdeutschen Merz

Selbst aus den ostdeutschen Landesverbänden, die eigentlich für eine neue oder eben konservative Trendwendung in der CDU-Politik offen sind und damit eigentlich Friedrich Merz für den Stern der Stunde und als Taktgeber halten, mehren sich die Stimmen jetzt für Laschet. Die immer noch sehr einflussreichen und mächtigen Ex-Ministerpräsidenten von Thüringen und Sachsen, Bernhard Vogel und Kurt Biedenkopf, die in den ostdeutschen Verbänden wie Säulenheilige verehrt werden und auf dessen Rat man in Erfurt und Dresden vertraut, favorisieren den Aachener.

Dass die Zukunft auf Laschet deutet, hatte kein anderer als der jedem Merkelianertums unverdächtige Unionsfraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ betont. „Als Chef einer Volkspartei muss man anschlussfähig ins konservative, aber auch in das progressive Milieu sein. Und wer Kanzlerkandidat werden will, der müsse „über CDU und CSU hinaus als integrative Kraft angesehen werden“. Laschet ist beides, es liegt in seiner Natur, der Versöhner zu sein. Er gilt nicht nur partei-intern als integrative Kraft, er kennt auch die Mühen der Ebene, durch die sich der Politiker alltäglich durchschlagen muss. Dass er hier seine Kernkompetenzen hat, verbindet ihn mit Angela Merkel. Beide waren keine Krawallkanonen, sondern geduldige Arbeiter im Weinberg der Politik. Und mit Armin Laschet hätte die Bundeskanzlerin nicht nur einen besonnenen Menschen als CDU-Vorsitzenden, sondern möglicherweise einen neuen geduldigen, mit langen Atem versehenen Nachfolger, der das gespaltene Land als Versöhner harmonisieren könnte.

 

Die vier großen Lockdown-Fehler der Bundesregierung

Stefan Groß-Lobkowicz10.01.2021Medien, Politik

Der Lockdown gehört zum Alltag. Seit fast einem Jahr leben wir im Ausnahmezustand. Ständig irrlichtert die Bundesregierung umher. Mit der Konsequenz: auf einen Lockdown folgt der nächste. Doch wer ist Schuld am Unendlich-Lockdown? Die Politik findet unser Autor.

Die Menschen haben gehörig die Nase voll von 15-km-Leinen-Regeln und ständiger Freiheitsregulierungen, aber sie fügen sich noch den Beschränkungen der Bundesregierung, deren Anti-Corona-Maßnahmen von Monat zu Monat strenger werden. Doch der Lockdown hat bislang wenig gebracht, die Infektionszahlen und die Sterblichkeit ist weiterhin hoch: außer dass Schulen geschlossen sind, die Kinder den gesellschaftlichen Anschluss verlieren und viele Menschen einsamer denn je sind und bald endgültig ihre Jobs verlieren, ist die Anti-Corona-Bilanz weitgehend überschaubar. Positiv sieht anders aus. Während die Börse völlig losgelöst von der realen Wirtschaft, enthoben von Tausenden neuen Arbeitslosen weltweit, eine Partykerze nach der anderen anzündet, der Bitcoin völlig irreal einen Rekord nach dem anderen knackt, werden der Mittelstand und viele kleine Unternehmen national wie international spätestens im Sommer Insolvenz anmelden. Doch der Politik scheint dies alles egal! Wo Corona ist, soll Lockdown sein! Basta! Aber was sind die größten Fehler? Eine Zusammenfassung

1. Falsche Zielsetzung der Bundesregierung

Das Ende des Lockdowns bestimmt maßgeblich ein Wert und der lautet: weniger als 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen. Vielleicht mag das an einigen Orten gelingen, im Vogtland aber beispielsweise funktioniert das seit Tagen schon gar nicht. Sachsen und Thüringen sind HotSpots. Es ist daher vollkommen aussichtslos für die Zukunft, die Sieben-Tages-Inzidenz unter 50 zu halten und das zur Durchhalte-Parole dröhnend durch die Medien zu peitschen. Und das hat seine Gründe: Neue Corona-Mutationen treten in Kürze und immer sprunghafter auf, die rasante Verbreitung des Virus ist derzeit nicht aufzuhalten und nach wie vor sind die Gesundheitsämter in Deutschand schlecht ausgerüstet, arbeiten per Fax fast wie im 20. Jahrhundert. Die Corona-App ist eine Farce, eine technische Blamage, die eigentlich nur Heiterkeit erzeugt, weil man beständig “Niedriges Risiko” hat, selbst wenn man sich in HotSpots bewegt. Doch so Ernst die Lage von der Politik beschrieben, ja dramatisch exerziert wird, es gibt dennoch Hoffnung: In der Bundesrepublik  sind noch genügend Kapazitäten in den Krankenhäusern frei, das Argument, alles sei radikal überlastet, verharrt in seiner Einseitigkeit. Über 5.000 Betten sind zwar belegt, aber über 40.000 gibt es – dazu besteht die Möglichkeit der jederzeitigen Aufstockung. Deutschland, das, zumindest wenn man den Politprofis aus Berlin zuhört, am Rande der Kapazitäten stehe, hat bei der intensivmedizinischen Versorgung einen viel komfortableren Vorsprung als beispielsweise Italien mit seinen knapp 5.000 Intensivbetten. Da ist der Zustand wirklich und tatsächlich alarmierend. Kurzum: Solange die Bundesregierung bei ihrer Kennzahl 50 festhält und Karl Lauterbach durch die Medien wie der neue Messias rauscht, der kassandrahaft einen Lockdown, am liebsten einen unendlichen fordert, wird Deutschland im Lockdown bleiben.

2. Auch Wissenschaftler irren sich – Selbst die Leopoldina scheint nicht allwissend zu sein

Sicherlich, die Wissenschaft ist in Corona zu Ehren gekommen. Mehr denn je sind die Experten gefragt. Die Wissenschaftler sind gar die neuen Weltweisen – und das Vertrauenspotential, das in sie gelegt wird, grenzt fast an einen neuen Glauben. Man schmückt sich heutzutage gern mit den Koryphäen, seien es Virologen oder Epidemiologen. Die Politik folgt Christian Drosten und Hendrik Streeck als wären sie die neuen Götter und Corona ihre neue Metaphysik, die nur sie deuten und verstehen können. Die ehrwürdige Wissenschaftsakademie „Leopoldina“, die in Halle sitzt und auf ein Pool von Experten und Nobelpreisträgern zurückgreifen kann, riet der wissenschaftsgläubigen Bundesregierung am 8. Dezember zum Knallhart-Lockdown, um die Infektionen zu senken. Damals galt Irland als Vorbild für den kompletten Lockdown. Das Inselvolk konnte immerhin durch rigide Maßnahmen und mittels eines harten Shutdowns die Zahl der Ansteckungen drücken. Doch all das half nichts. Kurz darauf explodierten die Zahlen wieder. Der Rat der Wissenschaftler hatte keineswegs den langen Atem, den man sich versprach. Das Wissenschaft ein Tasten nach der Methode des “Trial and Error” bleibt, ja methodologisch bleiben muss, und damit bei einem noch unbekannten Virus ebenso lernend agiert, hat die Politik bis heute nicht verstanden.

3. Falsche Politik mit den Impfdosen

Eigentlich müsste man meinen, nun sei der Impfstoff da, ob von BioNTech / Pfizer oder anderen. Aber immer noch klappt das alles nicht. Die Zahl der Geimpften ist zu niedrig, Impfstoffe fehlen weiterhin. Jens Spahn und die Kanzlerin Angela Merkel haben Fehler gemacht. Von der EU und dem schlechten Krisenmanagement von Ursula von der Leyen ganz schweigen. Erst nach harter Kritik der letzten Tage ist auf einmal die Rede von 500 Millionen Dosen Vakzine für Europa. Doch so sehr man sich in Brüssel selber feiert, die Alten in den Heimen warten weiter und die Jungen rebellieren, weil sie erst nach den Risikogruppen geimpft werden. Ein neuer Pragmatismus greift um sich, der einen ethisch bedenklichen Utilitarismus mit im Gepäck führt. Viele Tote gehen schon auf das Konto der verpatzten nationalen wie internationalen Impfstrategie. Viele werden noch folgen. Doch dass mit der Impfung nun endlich der Lockdown auf dem Müll der Geschichte endet, wie immer wieder pathetisch aus politischen Kreisen verkündet wird, sobald die Impfung erfolgreich durchgeführt, 70 Prozent der Bevölkerung immun sind und so die Herdenimmunität qualitativ wie quantitativ erreicht ist, lässt nicht über den Verdacht hinwegtäuschen, dass man den Lockdown ins Unendliche verschiebt, ja, diesem nun als neue Form des Alltages geradezu zu etablieren sucht. Verschwörungstheoretiker sehen das zumindest so.

Aber auch ein anderes Argument zieht nicht, das die Politik gebetsmühlenartig heranzieht: Vom Bund oder den Ländern heißt es immer wieder, dass die strengen Maßnahmen dazu diesen, die Zahl der Corona-Toten zu senken. Merkwürdig bleibt, dass gerade dort, wo die Menschen an oder mit Corona sterben, die Maßnahmen nicht funktionieren. Ältere Menschen werden gleich mehrfach geimpft, die Kühlketten von Vakzinen werden nicht eingehalten und so der kostbare Impfstoff zerstört. In Franken kamen die Transporte aus Belgien mit den Impfdosen erst gar nicht an. In den Pflegeheimen wartet man weiter, gleichwohl dort die Bedrohung, sich mit Corona zu infizieren, besonders hoch ist. 86 Prozent aller Corona-Toten in Hessen kamen im Dezember aus Pflegeheimen. In Hamburg waren es 73 Prozent, in Bremen 71 Prozent, in NRW 55 Prozent. Alles alarmierend, doch die Risikogruppen bleiben weiter im Risiko. Und trotz der Ankündigung von Jens Spahn die Pflegekräfte aufzustocken, den Personalschlüssel zu verbessern, die Intensivstationen mit gutem Personal aufzustocken, ist im letzten Jahr wenig bis gar nichts in dieser Richtung geschehen. Außer leerer Worthülsen, dass man sich für das Engagement bei allen Kämpfern an der Corona-Front bedankte, wenig. Ärzte, Krankenschwestern und das Pflegepersonal schlagen schon seit der ersten Pandemiewelle Alarm, sind völlig erschöpft und arbeiten im Dauerstress. Anders gesagt: Die Heime haben zu wenig Personal und die Krankhäuser zu wenig Spezialkräfte, um Mitarbeiter und Besucher konsequent zu testen.

4. Es geht immer nur um Corona – wo bleibt der Mensch?

Die Politik scheint von Corona derzeit hypnotisiert, dass sie nur an die Krankheit, nicht aber an die Menschen und die Schicksale denkt, die dahinter stehen. Corona ist und bleibt tödlich, daran gibt es keinen Zweifel. Auch die Maßnahmen sind notwendig, wenn sie in Relation zu den Inzidenzwerten stehen. Doch was völlig übersehen wird, sind die indirekten Folgen. Die Menschen in den Pflegeheimen sind seit fast einem Jahr isoliert. Kinder haben keine Chance auf einen guten Start in das Berufsleben, weil die Schule ständig ausfällt oder ferngesteuert gelenkt wird. Jeder Pädagoge weiß: so kann Unterricht nicht funktionieren, die Ablenkung ist zu hoch, die Schülerinnen und Schüler müssen geleitet werden, anstatt sich auf ihrem Laptops zwischen Schule und Spielen zu verlieren. Familien sind überfordert, weil sie den Einklang zwischen Beruf und Kinderbetreuung nicht hinbekommen, da nützen auch 10 Jahre mehr Urlaub – wie von der Bundesregierung besprochen – nicht viel. Die Scheidungs- und die Selbstmordrate ist 2020 rasant gestiegen, die häusliche Gewalt überforderter und alleingelassener Menschen, die alle jetzt zu Erziehern werden, dramatisch in die Höhe katapultiert. 3,6 Prozent Vergewaltigungen durch den Partner meldete die TU-München schon im Sommer 2020. Rund 3 Prozent der Frauen in Deutschland haben während der strengen Kontaktbeschränkungen körperliche Gewalt erlebt In jedem 15. Haushalt erlebten Kinder gewalttätige Bestrafungen. Die Zahlen sind erschreckend, was sich da gerade in der „häuslichen Idylle“ abspielt. Ein Schreckensszenario für viele Kinder und Jugendliche, ein Trauma, das sie in Zukunft erst verarbeiten müssen. Über die vielen Menschen, die ihren Job verloren haben, die ihn noch verlieren, über die vielen Unternehmen, Mittelständler und Geschäftsleute, die in oder vor der Pleite stehen, wird wenig gesprochen. Schon Ende 2020 warnte auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor den „verheerenden Folgen“ eines weiteren Lockdowns. Diese verheerenden Folgen sind eingetreten und sie werden immer schlimmer, je weiter sich Deutschland von Lockdown zu Lockdown schiebt. Und der Politik fehlt nach wie vor das Patentrezept, gegen die Krise anzusteuern.

Impfstoff-Desaster: Die EU ist gescheitert

Stefan Groß-Lobkowicz5.01.2021Europa, Medien

Wer ist Schuld am Impstoff-Desaster? Im Kreuzfeuer der Medien steht derzeit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Dem CDU-Politiker wird vorgeworfen, für das Impf-Debakel in Deutschland verantwortlich zu sein. Doch wie ein neuer Brief belegt, ist Spahn eher das Opfer einer europäischen Entscheidung, die maßgeblich Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu verantworten haben.

Deutschland ist im Verzug. Zu später Impfbeginn, zu wenig Impfdosen. Anders als in Israel und den USA läuft das Impfprojekt in der Bundesrepublik schleppend voran. Tausende von Corona-Gefährdeten in der Hochrisiko-Gruppe der 80-Jährigen warten auf die Impfdosis – viele von ihnen werden jetzt schon auf Ende Januar und Mitte des Jahres vertröstet. Dann kann es aber schon zu spät sein. Insonderheit in dieser Altersgruppe wütet das Coronavirus derzeit am stärksten, die Corona-Toten in den Altenheimen steigen exponentiell seit Tagen an.

Der Impfstoff galt als Rettungsanker in einer Pandemie, die immer mehr aus dem Ruder zu laufen droht. Dass mit der Impfung auch die strengen Corona-Maßnahmen, AHA-Regeln und der Lockdown endlich der Vergangenheit angehören, war versprochenes Ziel der Bundespolitik. Doch aus diesen betörenden und aufmunteren Versprechungen wird derzeit wohl eher nichts. Der Lockdown geht in eine weitere Verlängerung und das Sterben geht ungebremst weiter.

Doch wer ist daran schuld, dass Deutschland derzeit in der Corona-Krise so miserabel abschneidet? Fakt ist, die EU hat die Beschaffung von ausreichend Impfstoffen versäumt. Der Brüssler Apparat ist zu bürokratisch und zu langsam. Am 4. Januar ist ein Brief aufgetaucht (BILD hat berichtet), aus dem deutlich wird, das Bundeskanzlerin Merkel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Gesundheitsminister dazu drängten, das Impfstoff-Mandat an die EU abzutreten.

Nicht nur Spahn, der derzeit zu den beliebtesten deutschen Politikern zählt und an der Seite von Armin NRW-Ministerpräsident Laschet dessen Kandidatur für den CDU-Vorsitz unterstützt, musste sich für sein Engagement bei der Beschaffung des Impfstoffes entschuldigen. Schon im Sommer 2020 hatten sich Spahn und seine europäischen  Kollegen um genügend Impfstoff für alle Europäer bemüht, doch Bundeskanzlerin Merkel hatte sich („The European“ berichtete gestern darüber) entschieden, die Impfstoff-Beschaffung in die Hände der EU legen. Dieser Entschluss der Kanzlerin kann nunmehr als eine schwere, ja, grob fahrlässige Fehlentscheidung interpretiert werden. Ob Merkel einen Impfstoff-Nationalismus befürchtete oder ob ihr Vertrauen in die Institutionen der EU so groß war, darüber kann nur spekuliert werden. Gar wollte sie ihrer Vertrauten Ex-Ministerin von der Leyen noch größere Macht und Einfluss verschaffen. Doch nach einem Jahr im Amt der Kommissionspräsidentin müsste mittlerweile klar geworden sein, wer hinter den Kulissen die großen Deals einfädelt und als eigentliche Chefin Europas regiert: Nicht die schon damals unglücklich agierende Verteidigungsministerin, sondern eben Merkel! Europa ist ihr Parkett, der Boden, wo sie sich wohl fühlt und dem sie vielleicht zu viel zutraut. Spätestens seit der Schlappe mit den Impfdosen müsste auch Merkel ihren ungebremsten Enthusiasmus gehörig nach unten korrigieren.

Vier Minister hatten kein Vertrauen in die Impfstrategie der EU

Spahn und seine Kollegen hatten bereits im Juni 2020 massive Zweifel daran geäußert, ob die EU überhaupt in der Lage sei, rechtzeitig genug Impfstoff zu beschaffen. Dass dem nicht so ist, hat sich nun bestätigt.  Schlimmer noch: Die vier Minister mussten sich ausdrücklich für ihr Vorgehen bei der Beschaffung des lebensrettenden Impfstoffs in einem demütigendem Ton für ihre Bemühungen bei der EU-Kommissionspräsidentin entschuldigen. Sowohl Merkel als auch von der Leyen war diese Geste der Unterwürfigkeit wichtig, wie der Brief belegt. Demgemäß wurde das Schreiben auch so devot abgefasst: „Leider“, so schreiben die vier Minister, „haben die zeitgleichen Verhandlungen unserer Allianz Sorgen verursacht. Deswegen glauben wir daran, dass es von herausragender Wichtigkeit ist, einen gemeinsamen Ansatz gegenüber den verschiedenen Pharmakonzernen zu verfolgen. (…) Wir sind uns einig, dass Geschwindigkeit von entscheidender Bedeutung ist. Deswegen halten wir es für sinnvoll, wenn die Kommission die Führung in diesem Prozess übernimmt.“  Auch in Sachen Preisverhandlung über mögliche Impfstoff-Kandidaten entschuldigten sich die vier Gesundheitsminister dafür, dass sie „noch keine Verhandlungen über die Bezahlung des AstraZeneca-Impfstoff“ gestartet hätten. „Wir würden es sehr begrüßen, wenn die Kommission diese Verhandlungen übernehmen würde.“

Anders als EU, Kanzleramt und Spahn seit dem neuen Jahr behaupten, geht aus keiner Stelle des Briefes hervor, gute Preise für den Impfstoff zu verhandeln oder gar den „Impfstoff-Nationalismus“ abzuwenden. Anders als derzeit dargestellt, spielten bei der Übergabe der zentralen Impfstoffverteilung an Brüssel diese Überlegungen keinerlei Rolle.

Fazit:

Die Corona-Politik auf europäischer als auch nationaler Ebene ist desaströs. Europa hat an einer entscheidenden Stelle versagt. Die Wirtschaft konnte die EU konsolidieren, gigantische Rettungspakete schnüren, aber die Einzelschicksale und die Hoffnung, die von den Menschen in den Impfstoff gesetzt wurden, hat sie vorerst enttäuscht. Anstatt das Corona-Management den einzelnen Ländern zu überlassen, wie es Spahn bei der Maskenorder bereits eigenmächtig getan hatte, schaltete sich die EU großmächtig selbst ein und ist bei der Impfstoffverteilung gewaltig gescheitert. Wer aber ist dann für eine Vielzahl von Toten verantwortlich, die mit einer Impfung womöglich die Pandemie überlebt hätten? Das bleibt die Gretchenfrage und die moralisch-ethische schlechthin.

Aber auch national läuft nach wie vor vieles schief.  Manche Bundesländer impfen auf Hochtouren, andere weniger. Auch hier gibt es keine ersichtliche Logik. Das einzige, was der Bundesregierung gerade einfällt, ist ein Lockdown nach dem anderen zu verhängen.

Der Unendlich-Lockdown, den SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu Beginn des neuen Jahres vorgeschlagen hatte, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man nach wie vor in Berlin nicht den einschlägigen Plan hat, wie man wirkungsvoll gegen das Coronavirus agieren kann. Der Lockdown auf Sicht jedenfalls ist das falsche Mittel und lediglich ein Verschleierungsmittel der nach wie vor ungebremsten Corona-Irrlichterei. Das Impfdesaster jedenfalls offenbart die ganze Idiotie: Einerseits sollen Kontakte beschränkt werden, damit sich das Virus nicht weiter verbreitet, andererseits können Menschen nicht geimpft werden, weil man in Europa nicht in der Lage ist, ausreichend Vakzine zu bestellen. Perverser und irrsinniger geht es kaum – und das mancher Bürger an alledem verzweifelt, ist keineswegs nur widersinnig, gar querdenkerisch oder sogar staatszersetzend, sondern einfach ein Resultat des Gesunden Menschenverstandes. Das Corona-Trauma und das Impfstoff-Desaster erinnern letztendlich an die “Titanic”, deren Untergang zu vermeiden gewesen wäre, wenn man nicht so fahrlässig, machtbessen und ignorant auf der Schiffsbrücke gewesen wäre.

Angela Merkel: Der größte Fehler ihrer Karriere

Stefan Groß-Lobkowicz5.01.2021Medien, Politik

Angela Merkel ist von Natur aus Stoikerin, eine auch für Naturwissenschaftler nicht fremde philosophische Lebenseinstellung: bedacht, zurückhaltend, wohlüberlegt, argumentativ, vernünftig. Doch diese Tugenden könnten ihr nun zum Verhängnis werden. Ausgerechnet in ihrem letzten Amtsjahr kommt die Corona-Managerin in Bedrängnis – Deutschland hat zu wenig Impfstoff bestellt. Das könnte Merkel auf den letzten Metern noch großen Schaden zufügen, ihr Image für Jahre beschädigen und – vor allem und viel schlimmer – vielen Menschen das Leben kosten.

Als Naturwissenschaftlerin folgt Merkel dem Prinzip der Kausalität, als Politikerin plädiert sie für Harmonie, als Person übt sie sich anders als Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Boris Johnson in emotionaler Selbstbeherrschung. Alles Aufgeregte und Irrationale liegt ihr fern, eine gewisse Gemütsruhe gehört zu ihrer Wesensnatur. Und wo Merkel gegen ihr Naturell blitzschnell agierte, wie nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima oder bei ihrer Politik der offenen Türen 2015, erntete sie Hohn und Spott und kassierte mit dem Heraufziehen der AfD eine mehr als gespaltene Gesellschaft, die in der Pandemie noch mehr auseinanderdriftet. Doch nun droht mit ihrer Fehlentscheidung, die Verteilung des Impfstoffes an Brüssel abgegeben zu haben, dass sich der Lockdown ins Unendliche verschiebt und eine noch höhere Zahl an Corona-Toten zu beklagen ist, weil Deutschland nicht über ausreichend Impfstoff verfügt.

Deutschland ist nicht mehr Herr der Lage im Kampf gegen das Coronavirus

Angela Merkel und ihr Gesundheitsminister Jens Spahn hatten die Bundesrepublik moderat durch die erste Corona-Zeit geführt. In der zweiten Pandemiewelle jedoch hatte sich das Schicksalsblatt gegen die Kanzlerin und den schon als nächsten Kanzlerkandidaten gehandelten Gesundheitsminister gewendet. Täglich steigt seit November die Zahl der Neu-Infizierten katapultartig in die Höhe. Die Zahl der Corona-Toten ist auf fast 35.000 Anfang des neuen Jahres geschnellt, der Inzidenzwert liegt mancherorts fast bei 900, eigentlich sollte er die 50er-Marke nicht überschreiten.

Der „Lockdown light“ der Bundesregierung ist gescheitert und dem Land fehlen Impfstoffe. Und wenn der Lockdown nicht das probate Allheilmittel ist, die Jahrhundert-Pandemie zu bändigen, von der Merkel in ihrer Neujahrrede sprach, dann kann es wohl nur ein Impfstoff sein. Doch in Deutschland sind erst knapp 230.000 Menschen gegen das tödliche Virus geimpft, während die Zahl der Geimpften in Israel die eine Millionen-Marke überschritten hat. In den USA wurden bereits 4,2 Millionen Impfdosen der Vakzine von BioNTech/Pfizer und Moderna verabreicht und knapp 13,1 Millionen ausgeliefert. Bahrein, Island, Großbritannien und Dänemark gehören zu denjenigen Ländern, die am meisten impfen. Im Ranking ganz unten hingegen liegen Litauen, Bulgarien und Kuwait, Deutschland irgendwo mittendrin.

Merkel und Spahn in der Kritik: Das Versagen der Impfstoff-Kategorie geht auf ihr Konto

„Die verheerendste Entscheidung der Kanzlerin in 15 Jahren Amtszeit“ titelte „Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer und machte Merkel und Spahn für das Impfstoffversagen verantwortlich. „Aus Furcht davor, des „Impfstoffnationalismus“ bezichtigt zu werden, hat Deutschland nicht das gemacht, was wohl jedes andere Land gemacht hätte: Zuerst an die eigenen Leute denken“, schreibt Rainer Zitelmann. Selbst Kritik aus der altehrwürdigen Leopoldina wird laut. Neurologin Frauke Zipp wettert gegen das politische Berlin: „Ich halte die derzeitige Situation für grobes Versagen der Verantwortlichen.“ Hätte man im Sommer mehr Impfdosen der Mainzer Firma BioNTech geordert, hätten wir „sie jetzt zur Verfügung.“ SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der die drei schlimmsten Monate der Pandemie noch vor den Deutschen liegen sieht, hat deutliche Defizite beim Kanzleramt und beim Gesundheitsministerium angemeldet. SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese ging noch härter mit Spahn ins Gericht: „Ich bin derzeit schon entsetzt über Jens Spahn“. Er müsse „endlich seinen Aufgaben nachkommen und die offensichtlichen Probleme unverzüglich in den Griff bekommen“. Auch vom ehemaligen Unions-Koalitionspartner, der FDP, hagelt es an Vorwürfen. So hat FDP-Fraktionsvize Michael Theurer Gesundheitsminister Spahn wegen des knappen Impfstoffs angegriffen. „Er hat aber die Fehlentscheidung der Bundesregierung nicht korrigiert und versagt.“ Und Parteikollege Wolfang Kubicki, stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP, machte die Bundesregierung für den „katastrophalen Impfstart“ verantwortlich. Dabei handelt es sich um „einen weiteren schweren Fehler der Bundesregierung in der Bekämpfung der Corona-Pandemie“. Die „ruhige Hand“ der stoischen Kanzlerin habe sich nicht bewährt, stattdessen sei die Politik konzeptlos, so Kubicki. Und gegen Spahn legt er nach: Zwar sei die Entscheidung, den Impfstoff im europäischen Verbund besorgen zu wollen, nachzuvollziehen, aber: „Wenn dies aber am Ende dazu führt, dass nationale Interessen eine schnelle flächendeckende europaweite Versorgung verhindern, dann liefert man den Brexit-Befürwortern das Ausstiegsargument nachträglich an die Hand. Großbritannien steht jedenfalls ohne die EU in Sachen Impfung deutlich besser da.“ Für Kubicki erhielt nun der Bundesgesundheitsminister für die Nicht-Beschaffung des Impfstoffes deutlich schlechtere Noten. „Der damit verbundenen Verantwortung ist er nicht gerecht geworden, das ist mittlerweile offensichtlich.“

Unterdessen hat auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder gegen die Impf-Strategie der EU gewettert, die zudem auf falsche Hersteller gesetzt habe. Die Attacke des bayerischen Machiavelli Söder richtet sich natürlich auch gegen das Berliner Nichtkrisen-Management und macht ihn so weiterhin zum Mann der ersten Stunde, der einzig als Kanzler das Land vor dem Corona-Untergang retten könne. In der Stunde der Kritik erweist sich Söder wieder einmals als knallhart kalkulierender Machtpolitiker, der keine Gelegenheit außer Acht lässt, sich selbst zu promoten.

Merkels Prinzip Hoffnung

Wenn das einzig probate Mittel im Kampf um das Coronavirus nicht da ist, hilft auch Merkels Neujahrsappell zu mehr „Zusammenhalt“ und noch mehr Lockdown wenig. Merkel hat anstelle ihrer sonst so pragmatischen Vernunft nun scheinbar das Prinzip Hoffnung gesetzt: „Seit wenigen Tagen hat die Hoffnung Gesichter: Es sind die Gesichter der ersten Geimpften“, betonte sie in ihrer Neujahrsansprache. „Tagtäglich werden es mehr.“ „Hoffen lassen mich auch die Wissenschaftler – weltweit, aber gerade auch bei uns in Deutschland. Der erste verlässliche Coronatest wurde hier entwickelt – und nun auch der erste in Europa und vielen Ländern der Welt zugelassene Impfstoff. Er ist aus der Forschungsarbeit eines deutschen Unternehmens hervorgegangen und wird jetzt als deutsch-amerikanische Koproduktion hergestellt.“ Doch die Bundesrepublik hatte es versäumt, gerade bei der deutschen Firma BioNTech ausreichend Impfstoffe zu ordern. Und größer zeigte sich darüber hinaus die fatale Entscheidung, die Verteilung der Impfstoffe an Brüssel zu delegieren, wo, wie Fleischhauer zu recht betont, „zunächst die politischen Aspekte in den Blick“ genommen werden und „dann erst die pragmatischen“. Selbst Biontech-Gründer Ugur Sahin brachte sein Verwundern über die Impfstoffstrategie im „Spiegel“ zum Ausdruck. „Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle.“

Das Prinzip Hoffnung, das Merkel wie ein Mantra immer wiederholt, mag zwar selbst zu einer konkreten Utopie im Sinne Ernst Blochs taugen, einem Prozess der Verwirklichung, in dem die näheren Bestimmungen des Zukünftigen tastend und experimentierend hervorgebracht werden. Doch dieser militante Optimismus à la Bloch, den Merkel versprüht, ist derzeit fehl am Platz. Merkel, die Europäerin, ohne die in der EU wenig in den letzten Jahren zusammenlief, hat mit der gemeinsamen europäischen Impfstoff-Strategie ein Verfahren in Kauf genommen, das letztendlich zu langsam und zu bürokratisch verfilzt anlief und das eine unangenehme Spur von Toten nach sich ziehen könnte. Ethisch moralisch ist das katastrophal – zumal das Verschulden selbst gemacht ist. Wer wird sich dafür verantwortlich zeigen, gerade in einem Land, wo Einzelwürde und Verantwortungsethik an erster Stelle stehen und kein utilitarischer Ansatz die Regie führt. Als die EU ihre Strategie vorstellte, hatten die USA schon mit ihrer Vakzin-Shopping-Tour begonnen. Die pragmatischen Amerikaner waren den Moralisten Europas wieder um Längen voraus. Beängstigend für das Abendland – das auf Humanismus und Aufklärung als die Schätze der Kultur und die grundrechtlich verbriefte Würde des Einzelnen zurückblicken kann.

Merkel ist also im Krisenmodus. Wieder einmal – Doch es steht mehr auf dem Spiel

Merkel ist also im Krisenmodus. Wieder einmal. Ob Finanzkrise oder Migrationswelle, die deutsche Bundeskanzlerin muss immer nachjustieren. Anders als Vorgänger Helmut Kohl ist Merkel permanent zu Reparaturen gezwungen. Am Ende ihrer Ratspräsidentschaft ist ihr das noch einmal geglückt. Durch sie konnte auf europäischer Ebene das Investitionsabkommen mit China, der Brexit-Pakt und die schwierige Einigung um das von Ungarn und Polen im Rechtsstaatskonflikt blockierte EU-Budget buchstäblich in letzter Minute eingetütet werden.

Spahn macht immer mehr Fehler

Doch jetzt geht es um Menschenleben – und die Unachtsamkeit, das Merkel und Spahn durch zu wenig Impfstoffe das Sterben möglicherweise verlängern, wiegt schwer. Dieses Debakel könnte auch dem erfolgsverwöhnten Spahn letztendlich in die Knie zwingen. Die Liste an Fehlern und Versäumnissen, die auf das Konto des Bundesgesundheitsministers gehen, wird immer länger. Begonnen hatten sie mit der unterschätzten Gefahr des Virus, dann hatte er nicht genügend Masken geordert. Auch mit seiner Einschätzung, dass es zu einer Schließung des Einzelhandels wie im ersten Lockdown nicht mehr kommen würde, irrte er sich erneut. Nun könne das „Ruckeln“ bei der Impfkampagne Spahn vom Gewinner der Krise zum Verlierer machen. Schon Helmut Schmidt, der große SPD-Bundeskanzler und bekennende Stoiker, hatte geraten: Nur eine „nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft“ kann das Erfolgsrezept in Krisenzeiten sein. Dies gilt jetzt um so mehr: Die einzige Lösung im Kampf gegen das Coronavirus bleibt der Impfstoff: Und das hat Markus Söder erkannt. Auf Twitter schreibt er: „Die Impfung ist die einzige Langzeitstrategie gegen Corona. Wir müssen daher so schnell und so viel Impstoff wie möglich besorgen. Nur so können wir unsere Freiheit Stück für Stück zurückgewinnen. Je mehr Impfungen, desto weniger Einschränkungen sind nötig.“

Der Musiker der Freiheit – Ludwig van Beethoven feiert seinen 250. Geburtstag

Stefan Groß-Lobkowicz26.12.2020Europa, Medien

Es gibt Meisterdenker und Klassiker der Musikgeschichte. Ludwig van Beethoven war Deutschlands Genius der Symphoniekantate. Damit betrat er neuen Boden und schuf eine Musik, die auch nach zwei Jahrhunderten immer noch fasziniert. Vor 250 Jahren wurde das Genie in Bonn geboren, doch zu Ruhm wird er erst in seiner Wiener Zeit gelangen. Was aber fasziniert Beethoven an den Idealen der Aufklärung? Wir begeben uns auf Spurensuche. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Vor 250 Jahren, am 17. Dezember 1770, wurde er in Bonn geboren, das Genie Ludwig van Beethoven. Und er war der Revolutionär in Geist und Musik, Sprengstoff pur, emotional wie ein Vulkan, ein Übermensch, der für eine neue Epoche der Musik steht und Mozarts fulminanter Klassik seine Symphoniekantate entgegensetzen wird. Bekannte sich der Salzburger Wunderknabe bereits in, „Le nozze di Figaro“, im „Don Giovanni“ und in der „Der Zauberflöte“ zu den freiheitlich-bürgerlichen und antimonarchischen Idealen der Freimaurer, folgt ihm Beethoven dann, wenn er sich selbst als glühender Verfechter der französischen Revolutionsideen versteht, die er dann heroisch in seiner 9. Sinfonie als sein höchstpersönliches Glaubensbekenntnis manifestiert.

Der Ruf nach Freiheit war explosiv

Es war der Sieg der Aufklärung über den Absolutismus. Was 1789 als Französische Revolution begann, hatte die Weltgeschichte gründlich verändert und die Fundamente der Moderne gezimmert. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit pfiff es durch die Gassen und zündete dann in den Köpfen jene Feuer, die seither für die Freiheit brennen. Ob die deutschen Idealisten, ob Friedrich Schiller oder die Romantiker – ihnen allen wurde Freiheit zum Losungswort von Dichtung und Kultur – und für den Bonner Ludwig von Beethoven zur Passion. Schillers Ode „An die Freude“ ist es, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, die er aber erst 1824, drei Jahre vor seinem Tod, grandios und gigantisch in Musik vollenden kann.

Beethovens Angst vor dem System Metternich

Schillers Ode, das „umschlungen Millionen“ im vierten Satz von Beethovens „Neunter“, war auch für den Bonner das Menschheitsideal. Und wie sich einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts über den „Policeystaat“ beklagt, so litt auch Beethoven an der Bespitzelung, an der Restauration und einem aufstrebenden Adel unter Metternich nach dem Wiener Kongress 1814/15. „Sprecht leise! Haltet euch zurück! Wir sind belauscht mit Ohr und Blick“, heißt es bekanntlich im Freiheitschor der einzigen Oper, dem „Fidelio“. Der Ruf nach Freiheit drohte in Deutschland zumindest wieder zu ersticken. Und wie einst Jean-Jacques Rousseau ein „Zurück zur Natur“ einklagen wird, so ist Beethovens Neunte ein Aufruf an das entmündigte Bürgertum, liberal, grenzenlos, für die Ewigkeit der Menschheit gedacht, ein globaler Freiheitsruf par excellence, der mit Schiller an das Frankreich im Jahr 1789 erinnert und die Bande neu knüpfen will.

Schiller, der Meisterdenker der Freiheit

Beethoven war ein glühender Verfechter der französischen Ideen und Schiller lieferte den Stoff dazu. 1885 hatte der Dichter in Leipzig-Gohlis für seinen Freund Körner, wie Mozart ebenfalls Freimaurer und Aufklärer, die Strophen geschrieben, die Weltgeschichte machen sollten. Doch dieser Schiller war kein unbeschriebenes Blatt. War er doch der Autor der „Die Räuber“ und in ganz Deutschland frenetisch gefeiert. Und Schiller selbst derzeit noch ein Ausgestoßener und Flüchtiger, verbannt aus dem Herzogtum Württemberg unter Herzog Karl Eugen, hatte das Joch der Tyrannei endgültig abgestreift. Der Verve der Ode war geballte Kraft eines Genius, der sich die Freiheit geradezu aus der Seele schreibt. Dieser Wille zur Unbändigkeit, dieser Frevel, die bestehende Ordnung kritisch zu hinterfragen, diese Lebendigkeit und das Pathos der Freiheitsbeschwörung haben Beethoven, der seit 1802 zunehmend an Schwerhörigkeit litt und dies im berühmten „Heiligenstädter Testament“ verewigte, beflügelt, gegen das Räderwerk des Absolutismus zu opponieren. Diese Energie hat dem Krankheitsgeplagten immer wieder das Blut in den Adern auflodern lassen.

Faszination und Geheimnis – Der wird keine Zehnte geben

Die 9. Sinfonie, die d-Moll-Symphonie, sei vergleichbar mit Da Vincis Mona Lisa, so zumindest hatte sie Claude Debussy 1901 beschrieben. Faszinierend und zugleich geheimnisvoll. Faszinierend wirkte sie auf Robert Schumann, für den sie einen Endpunkt markierte, wo Maß und Ziel der Instrumentalmusik erschöpft seien. Von Erlösung wird später Richard Wagner sprechen, da „auf sie kein Fortschritt mehr möglich“ sei, „denn auf sie unmittelbar kann nur das vollendete Kunstwerk der Zukunft, das allgemeine Drama folgen.“ Der Barrikadenstürmer Wagner, der Revolutionär, wurde sodann von den Aufständischen feurig begrüßt, als am 6. Mai 1849 die Alte Dresdner Oper in den Flammen aufging. „Herr Kapellmeister, der ‚Freude schöner Götterfunken’ hat gezündet, das morsche Gebäude ist in Grund und Boden verbrannt“.

Die Interpretationsgeschichte eine der bekanntesten deutschen Symphonien, Beethovens „Neunter“, hat sich leicht neben Hegels berühmter Dialektik geschrieben und hatte statt Harmonie Dissonanzen wie Unkraut hervor treiben lassen. Zerfiel Hegels Philosophie einerseits mit Kierkegaard in den Existentialismus, mit Marx bekanntlich in den fatalen sozialistischen Realismus, der mit Lenin und Stalin die Orgien des Todes feierte, so hat kaum ein anderes Kunstwerk als die 9. Symphonie weit über Beethovens Tod hinaus den deutschen Geist polarisiert. Beethoven starb 1827, krank, taub, vom Leben stigmatisiert, doch ungebrochen blieb sein Pathos für die Freiheit.

Thomas Mann warnte vor der „Neunten“

Widmete Beethoven einst die „Neunte“ Friedrich Wilhelm III. von Preußen, in Erwartung, dass sich der zögerliche und zaudernde Regent, der reformwillig, aber nach der Restauration zugleich wieder zum Hardliner wurde, Pressefreiheit und bürgerliche Freiheitsrechte zugunsten des Adels verbrämte, für den Gedanken bürgerlicher Freiheit begeistern möge, forderte später Dichterfürst Thomas Mann sogar in seinem „Doktor Faustus, Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“, die 9. Sinfonie zurückzunehmen. „Das Gute und Edle“, antwortete er mir, „was man das Menschliche nennt. Um was die Menschen gekämpft, wofür sie Zwingburgen gestürmt, und was die Erfüllten jubelnd verkündigt haben, das soll nicht sein. Es wird zurückgenommen. Ich will es zurücknehmen,“ so der Protagonist Leverkühn. Doch was trieb den Literaturpreisträger Mann dazu, Beethovens „Neunte“ zurücknehmen zu wollen?

Von links bis rechts

Beethovens 9. Symphonie orchestrierte die Welt, ob von links oder von rechts. Als Hymne der Befreiung aus geistiger Sklaverei, selbstherrlichem Despotentum erwachte sie als musikalisches Manifest der Arbeiterbewegung, trug sie doch wie kaum ein anderes Werk den Emanzipationsgedanken von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wie ein glorreiches Transparent vor sich her. Sie galt für die Lohnarbeiter als Befreiungsschlag gegenüber der Tyrannei eines entfesselten kapitalistischen Unterdrückungssystems.

Ideologisierung durch den Diktator Josef Stalin

Für den sowjetischen Diktator Josef Stalin, der Millionen von Menschen in die Gulags oder auf dem Schafott seiner Ideologien opferte, war sie „die richtige Musik für die Massen“, die „nicht oft genug aufgeführt werden“ könne. Ein geradezu linksradikaler Beethovenkult hatte sich in der Stalin-Ära etabliert, eine Beethoven-Epidemie überschwemmte regelrecht die sozialistische Sowjetrepublik und Beethovens Freiheitsideal wurde von den linken Machthabern instrumentalisiert, so dass vom ursprünglichen Freiheitsgedanken rein nichts mehr übrig bleiben sollte.

Radikalisierte Stalin die „Ode an die Freiheit“ in ihrer Einseitigkeit, so fand auf der anderen Seite geradezu eine nationale Hysterie um Beethoven statt. Die deutschnationale Bewegung entflammte mit ihren Stereotypen für die 9. Symphonie, verdrehte die einstigen Ideale, stellte sie quasi vom Kopf auf die Füße und rechtfertige samt ihrer den grausamen Kampf der NS-Regimes. Freiheit hieß nun bei Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels, was die Nazis darunter verstanden: Säuberung von unwertem Leben, Volk ohne Raum-Politik und die Auslöschung ganzer Ethnien wie sie sich im Holocaust spiegelte.

Beethovens Vereinnahmung durch die Nazis

Was der Stürmer und Dränger und spätere Klassiker Friedrich Schiller einst in rauschhafter Freude verfasste und Beethoven in Musik verwandelte, entartee im Dritten Reich zur nationalistischen Hybris, zur Titanenmusik von Krieg, Terror und dem zweifelhaften Freiheitsgedanken der Nazis. So verkündigte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1942 auf einer Feier der NSDAP zum 53. Geburtstag von Adolf Hitler: „Diesmal sollen die Klänge der heroischsten Titanenmusik, die je einem faustischen deutschen Herzen entströmten, dieses Bekenntnis in eine ernste und weihevolle Höhe erheben.“ Und Goebbels weiter: „Wenn am Ende unserer Feierstunde die Stimmen der Menschen und Instrumente zum großen Schlussakkord der neunten Sinfonie ansetzen, wenn der rauschende Choral der Freude ertönt und ein Gefühl für die Größe und Weite dieser Zeit bis in die letzte deutsche Hütte hineinträgt, wenn seine Hymnen über alle Weiten und Länder erklingen, auf denen deutsche Regimenter auf Wache stehen, dann wollen wir alle, ob Mann, ob Frau, ob Kind, ob Soldat, ob Bauer, ob Arbeiter oder Beamter, zugleich des Ernstes der Stunde bewusst werden und ihm auch das Glück empfinden, Zeuge und Mitgestalter dieser größten geschichtlichen Epoche sein zu dürfen.“

Vielleicht hätte Beethoven, so er denn den Weitblick in die Zukunft gehabt hätte, die „Neunte“ gar nicht geschrieben, weil sie von links und rechts missbraucht wurde? Doch, er hätte sie geschrieben, weil er als überzeugter Idealist auch daran glaubte, dass man doch aus der Geschichte lernen kann und letztendlich die Freiheit über die Tyrannei siegen wird.

Die Erlösung wartet noch

Aber geheimnisvoll blieb sie, weil sie mit der Aura des Todes seltsam umwoben war, gar eine Offenbarung des nahen Endes bedeuten sollte. Beethoven wird keine „Zehnte“ mehr schreiben, ebenso wenig wie Anton Bruckner. Auch Gustav Mahler hatte Angst vor dem Begriff „Neunte Symphonie“. Und auch er wird seine nicht überleben. Der Mythos der Neunten kulminierte so im Aberglauben, dass kein Symphoniker darüber hinauskommen sollte. Wie sehr Segen und Fluch sich in ihr verbanden, brachte 1912 Arnold Schönberg auf den Punkt: „Die Neunte ist eine Grenze. Wer darüber hinaus will, muss fort. Es sieht aus, als ob uns in der Zehnten etwas gesagt werden könne, wofür wir noch nicht reif sind. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht wären die Rätsel dieser Welt gelöst, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schrieb.“

Mehr Aktualität Beethovens geht nicht

Spätestens als Europahymne, die die 9. Symphonie seit 1972 ist, steht sie für Beethovens Wunsch nach universaler und globaler Freiheit. Jenseits von Blutrausch, Nationalismus und Chauvinismus, „was der Mode Schwerd getheilt“, bleibt die Vision des Bonner Musikers zu höchst aktuell in einem Europa, das sich „Einheit in Vielfalt“ auf die Fahnen geschrieben hat. Und Beethoven wie Schiller sind auch nach über 200 Jahren die geistigen Vordenker für eine Welt, wo gemeinsame Werte regieren, wo Verschiedenheit der Kulturen kein Frevel, sondern eine Bereicherung ist, und wo es den Gedanken zu verteidigen gilt, dass alle Menschen Brüder werden.

Das Malergenie Gerhard Richter legt mit 88 Jahren den Pinsel aus der Hand

Stefan Groß-Lobkowicz21.12.2020Europa, Medien

Er ist der realistischste und abstrakteste deutsche Künstler. Seit Jahren spielt Gerhard Richter in der Champions-League der Kunst. Seine Kunstwerke erzielen Rekordsummen bei den größten Auktionshäusern der Welt. Doch der Malerfürst geht in den Ruhestand – verdient hat er ihn. Mit 88 Jahren legt Richter den Pinsel aus der Hand.

Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden im Osten der Republik, ist immer noch ein Marathonläufer. Kaum einer kann auf ein derartig vielschichtiges Werk zurückblicken, kaum einer hat derart monumentale Serien entworfen, kaum einer hat die Kunst der Nachkriegsjahre so nachhaltig geprägt. Voller Kraft und Dynamik erstrahlen seine abstrakten Visionen, ein Zusammenspiel von Vitalität und Disziplin, lyrischem Maß und sinnlichem Pathos.

Malen gegen das Vergessen

Der Stipendiat der Dresdner Hochschule hatte früh Karriere im Osten gemacht, galt als Wandmaler zu den gefragten Künstlern der noch jungen Republik. Doch Richter, dem „Picasso des 21. Jahrhunderts“, war die Enge des Staates, der Sozialistische Realismus nicht genug. Richter wollte mehr – die Freiheit schlechthin. Und diese eroberte er sich nach der Flucht in den Westen 1961. In Düsseldorf wurde er Professor, ein gefeierter Star, dem sich in den 90er-Jahren buchstäblich die ganze Welt auftat. Aber erst in Amerika feierte er Welterfolge, wurde zum gefragtesten Maler der Moderne preisgekrönt und dann mit Werkschauen weltweit förmlich überhäuft. Ob mit seinem Bild „Ema“ oder dem „Tisch“, Richter hat im ruhigen Fluss einer Arbeit immer wieder mit Nachdruck vorgeführt, was Malerei noch zu leisten vermag und dass sie sich gegen das Diktum der nachgesagten Unmöglichkeit, nach Auschwitz noch ein Bild zu malen, kraftvoll entgegengestellt hat. Richter malte gegen das Vergessen, flirtete mit Fluxus, Fotorealismus und Pop Art und Readymade – doch einordnen in eine Richtung ließ er sich nie. Seit Beginn der 60er-Jahre hatte er seine eigene Form gefunden, die Idee, Fotografien abzumalen, die Ränder der Figuren zu verwischen und damit Unschärfe zu erzeugen. Richter ist ein Unangepasster in der Kunst geblieben, einem, dem das Experimentieren alles ist, der sich weder in das Korsett des Sozialistischen noch des Kapitalistischen Realismus pressen ließ.

Kunst bleibt ein Geheimnis

Jenseits von einer regulativen Kunstästhetik war es das Spiel mit den Farben, Formen und Materialien, die er auf eine ganz eigene Art und Weise zum Sprechen brachte. Immer war es die Zerbrechlichkeit des Subjekts, seine Fragilität, die er über die Dinge und Figuren legte, um zu zeigen, dass die Malerei um einen behüteten privaten Kern spielt, den sie nicht preisgibt, der ihr Geheimnis bleibt.

Antisubjektivistisch ist die Kunst über die fast 70 Jahre seines künstlerischen Schaffens geblieben. Nie wollte er, dass seine Bilder für die Wahrheit schlechthin stehen, sondern gerade in der Offenheit des Kunstwerks sah er den weisenden Charakter, wo der Zufall eine nicht unbedeutende Rolle spielt. „Von den Bildern lernen“ wurde seine Maxime und die Bilder damit eigentlich zum Objektiven. Seine Arbeitsweise hatte Richter, der malt und übermalt, der Unschärfe zeichnet, in grau-schwarz und weiß oder später immer farbenfroher, in den 60er-Jahren als einen Prozess beschrieben, wo der Verstand ausgeschaltet ist, Pinsel und Rakel regieren und wo sich die Kunst selbst erschafft. „Wenn ich eine Fotografie abmale, ist das bewusste Denken ausgeschaltet. Ich weiß nicht, was ich tue“. Noch deutlicher sein Credo: „Das Denken ist beim Malen das Malen.“ Nicht die Idee, wie bei der Fluxus-Bewegung, ist das produktive Element, das hinter allem gravitätisch regiert, sondern im Akt des künstlerischen Agierens kommt etwas hervor, das es so vorher nicht gab. Kunst als Überraschung: „Ich möchte am Ende ein Bild erhalten, das ich gar nicht geplant hatte. Ich möchte ja gern etwas Interessanteres erhalten als das, was ich mir ausdenken kann.“ Dass Richter hiermit ganz explizit postmodern ist, liegt auf der Hand. Das Kunstwerk ist autonom, das Subjekt tritt in den Hintergrund und das so entstandene Werk bleibt jederzeit von jedermann interpretierbar. Es gibt einen Sinn, stellt ihn wieder in Frage, verweist über sich hinaus, ohne sich doch restlos zu offenbaren. Es legt Spuren des Interpretierbaren, aber eben nur Spuren, die Spuren erzeugen. „Es demonstriert die Zahllosigkeit der Aspekte, es nimmt uns unsere Sicherheit, weil es uns die Meinung und den Namen von einem Ding nimmt, es zeigt uns das Ding in seiner Vieldeutigkeit und Unendlichkeit, die eine Meinung und Ansicht nicht aufkommen lässt.“ Helge Meister hatte Richters Abmalvorgang ganz konkret beschrieben: „In Illustrierten, Zeitungen, Fotoalben und Fachbüchern sucht er seit Jahren nach geeigneten Fotos, schneidet sie aus, legt sie unter ein Episkop und projiziert die nun stark vergrößerten Bilder auf eine leere Leinwand. Auf ihr zieht er mit Kohle nach und pinselt Menschen wie Räume mit schwarzer, grauer und weißer Farbe aus. […] Die noch nassen Farben übermalt er mit einem breiten Pinsel, zieht die Konturen ineinander, egalisiert die Farbunterschiede.“

Richters Maxime: „Etwas entstehen lassen, anstatt kreieren”

Richters Quevre, die sich darin aussprechende Diskontinuität, hatten Kritiker als „Stilbruch als Stilprinzip“ bezeichnet – doch genau dadurch zeichnet sich Richters Einmaligkeit aus. Er versteckt gegenständliche Motive hinter zahlreichen Übermalungsschichten, verwischt diese wieder in einem wilden Farbnebel, bricht mit tradierten Formen und beginnt neu. Der Stilbruch ist kein Tabu, sondern der kreative Akt selbst.

So sehr sich Richters Kunst zwischen Realismus und Abstraktion in einem Wechselspiel aufbaut, fotografischen Serien, Landschaften, Porträts, Stillleben und historische Stoffe zu neuer Lebendigkeit verhilft, es ist seine forschende und experimentierende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die seine Kunst zu etwas höchst Eigenständigen und Unverwechselbaren werden lässt. Und selbst wenn er auf klassische Sujets der Kunst zurückgreift, so sind seine fotorealistischen Naturdarstellungen, seine nach Fotografien gemalten unscharfen Gemälde sowie die Gemälde mit höchster Abstraktionskraft bis hin zu Glas- und Spiegelobjekten beziehungsweise Installationen immer Spiegel dessen, was sich nicht voraussehen lässt. Das Ergebnis ist jedes Mal ein anderes und nur bedingt steuerbar. „Etwas entstehen lassen, anstatt kreieren,” heißt es bei Richter. „Wenn ich nicht weiß, was da entsteht, also kein festes Bild habe wie bei einem Foto, das ich abmale, dann spielen Willkür und Zufall eine wichtige Rolle.”

Längst im Künstlerhimmel angekommen

Wenn es um Ehre, Weltruhm und Ewigkeit geht, ist Gerhard Richter schon längst im Götterhimmel der Kunst angelangt. Und dort hat der Ewig-Schaffende schon jetzt einen festen Platz, was gar nicht so einfach für einen Atheisten „mit Hang zum Katholizismus“ ist. Doch „ohne den Glauben an eine höhere Macht oder etwas Unbegreifliches“ könne er nicht leben. Es ist das Bekenntnis eines religiös nicht ganz unmusikalischen Malers, der faustisch mit den Energien des Kreativen ringt, mit dem produktiven Dämon, der ins Unendliche treibt und Werke schafft, die ihresgleichen suchen.

Starallüren hat sich Richter stets verweigert, er ist kein Markus Lüpertz. Richter ist ein unabhängiger Künstlertyp geblieben. Das Malergenie liebt es eher unprätentiös, er ist denkbar bescheiden, der Hype um seine Person ihm unangenehm. Lange schon hatte sich der heute 88-Jährige von der Oberfläche der Eitelkeiten verabschiedet und in das Villenviertel Hahnwald in seiner Wahlheimat Köln zurückgezogen. Den größten Teil der heutigen Auktionskunst hält er allerdings für überteuert. Was fehle, sei der Maßstab für die Beurteilung des Wertes von Kunstwerken. „Wenn Sie die Auktionskataloge sehen, da wird ja 70 Prozent Müll für teures Geld verkauft.“ „Die Kriterien­losigkeit, die ist schon das Härteste dabei.“ Zwar finde er es angenehm, er, der sich nie als Marketingstratege verkauft hat, dass für seine Werke Millionensummen bezahlt werden, es zeigt immerhin, dass er geschätzt werde. Aber zugleich ist es für ihn auch „unerträglich und pervers, dass es solche Unsummen sind“. Und auf die Frage, ob er das Gefühl habe, dass seine Kunst verstanden wird, antwortet er: „Manchmal ja. Sonst hätte ich ja nicht so viel Erfolg. Also irgendwas wird ja schon ab und zu verstanden.“

Mit 88 Jahren legt der Mann, dessen Maxime es war, dass die „Kunst die höchste Form der Hoffnung“ sei, der laut „Manager Magazin“ zu den 500 reichsten Deutschen zählt und als der wichtigste Künstler der Gegenwart gehandelt wird, nun den Pinsel aus der Hand. Richters Abschied als Maler war die Vollendung der drei Kirchenfenster im Kloster Tholey. „Irgendwann ist eben Ende.“ „Das ist nicht so schlimm. Und alt genug bin ich jetzt,“ erklärte er im September und sein Abschied von der Malerei glich einem Paukenschlag.

Richters Ruhestand wird ein Unruhezustand bleiben

Doch Richters Ruhestand wird ein Unruhezustand bleiben, zu aktiv, zu kreativ, zu sehr Schöpfungswille. Ganz kann er sich nicht zur Ruhe setzten. Er will noch ein wenig zeichnen. „Da wird wahrscheinlich noch was kommen, was im Februar gezeigt wird in München, eventuell in New York. Skizzen. Farbig-abstrakt. Nicht so doll“, kündigt er an. Dieses „nicht so doll“ ist typisch für Richter, spiegelt es doch die selbstkritische Haltung. In der Vergangenheit hatte er immer wieder fertige Gemälde verworfen und zerstört – so seine Werke aus der DDR-Vergangenheit, so seine frühen Werke im Westen. Doch Richter wird bleiben, selbst wenn er nicht mehr malt. Er ist jetzt schon unsterblich.

Interview mit Justizminister Eisenreich: „Wir müssen die großen Plattformen mehr regulieren“

Stefan Groß-Lobkowicz17.12.2020Medien, Politik

Bayerns Justizminister Georg Eisenreich hat sich hohe Ziel gesetzt: Er will den großen Plattformen den Kampf ansagen. Google, Amazon, Facebook und Co. können nicht machen, was sie wollen. Auch den Hate-Speech im Internet will er juristisch Einhalt gebieten und hat sich den Kampf gegen Hassreden auf die Agenda geschrieben. The European traf den CSU-Politiker in München zum Interview.

 Sehr geehrter Herr Staatsminister Eisenreich, nach einer Umfrage von „Forsa“ haben Hassreden seit 2016 zugenommen. Ist das ein Trend, der anhält? 

Hass und Hetze nehmen in unserer Gesellschaft in wirklich erschreckendem Ausmaß zu. Die Ursachen sind vielfältig. Unser Rechtsstaat darf nicht zuschauen, wenn geistige Brandstifter und ihre Gefolgschaft das Klima in unserem Land vergiften. Hass und Hetze schränken die Meinungsfreiheit ein. Aus Worten können auch Taten werden. Deswegen muss der Staat entsprechend reagieren, und der Staat reagiert auch.

Jeder fünfte Mandatsträger wurde in Bayern mit Mord bedroht. Was kann man dagegen tun?

Beleidigungen und Bedrohungen gegenüber Politikern, auch gegenüber Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern haben zugenommen. Ich sage in aller Klarheit: Wer Politiker angreift, greift auch unsere Demokratie an. Politiker dürfen nicht empfindlich sein. Aber niemand muss Beleidigungen oder Bedrohungen aushalten. Die bayerische Justiz hat daher ein Schutzkonzept entwickelt, das mit den Maßnahmen der bayerischen Polizei abgestimmt ist. Ein wichtiger Baustein dieses Konzepts: Betroffene können in einem neuen Online-Meldeverfahren schnell und einfach Anzeigen und Prüfbitten an die Generalstaatsanwaltschaft München übermitteln.

Was sind die Auslöser von Hate-Speech? Gesellschaftliche Umbrüche, eine Unzufriedenheit mit der Politik? Flüchtlingskrise, Corona-Politik?

Ich glaube, dass diese Themen viele Menschen bewegen und auch Teile der Gesellschaft polarisieren – das können die Digitalisierung, die Globalisierung, der Klimawandel, die Migrationspolitik oder die Corona-Maßnahmen sein. Was wir feststellen ist aber, dass etwa 80 Prozent der strafbaren Hass-Posts dem rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen sind.

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz von SPD-Außenminister Heiko Maas war eine erste Antwort auf Hate-Speech. Reicht Ihnen das für den Anfang aus oder ist das zu wenig?

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz war ein richtiger und wichtiger Schritt. Die sozialen Netzwerke hatten anfangs die Haltung: Wir stellen nur eine Plattform zur Verfügung, für ihre Äußerungen sind die Nutzerinnen und Nutzer selbst verantwortlich. Das ist nicht akzeptabel. Gesetze, die in der analogen Welt gelten, müssen auch im Internet gelten. Es ist die Aufgabe des Staates, Recht durchzusetzen, auch im Internet. Deshalb brauchen wir eine entsprechende Regulierung der großen Social Media-Plattformen. Wir stellen fest, dass in der Anonymität des Internets die Beleidigungen wesentlich härter ausfallen, als wenn sich Menschen in der realen Welt gegenüberstehen. Auch die Reichweiten beispielsweise von Beleidigungen und Volksverhetzungen sind viel größer. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz war daher ein erster richtiger und wichtiger Schritt. Wir können hier aber nicht stehen bleiben. An einigen Stellen müssen wir nachschärfen.

Bayern hat als erstes Bundesland einen Hate-Speech-Beauftragten. Wie gut ist die Bayerische Justiz gegen Hass im Netz gerüstet?

Es gibt verschiedene Ebenen, auf denen gehandelt werden muss. Es gibt die Ebene der Gesetzgebung – dafür sind Berlin und Brüssel zuständig. Zum Beispiel mit dem bereits angesprochenen Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das nachgebessert werden muss, oder der kürzlich vorgestellte Digital Services Act der Europäischen Kommission.

Die Länder können die Strafverfolgungsstrukturen noch weiter optimieren. Ich habe die Schlagkraft unserer bayerischen Strafverfolgungsbehörden in diesem Bereich erhöht. Bei jeder der 22 bayerischen Staatsanwaltschaften gibt es ein Sonderdezernat zur Bekämpfung von strafbarem Hass und Hetze. Im Januar habe ich zudem zentral für ganz Bayern Deutschlands ersten Hate-Speech-Beauftragten ernannt. Ich habe ihn ganz bewusst bei der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) der Generalstaatsanwaltschaft München angesiedelt. Das soll ein klares Signal sein: Kampf gegen Hate-Speech bedeutet auch Kampf gegen Extremismus.

80 Prozent der Hetze kommen aus dem rechten Bereich. Erfüllt dieser Hass damit auch den Tatbestand der Volksverhetzung?

Es gibt keinen Straftatbestand “Hass und Hetze”. Das Verhalten kann verschiedene Straftatbestände erfüllen. Das können Beleidigungsdelikte sein, also Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung; aber auch eine Bedrohung oder Volksverhetzung.

Wie hoch sind die Strafen, beispielsweise für Volksverhetzung?

Die jeweilige Strafe hängt immer vom Einzelfall ab. Unser Hate-Speech-Beauftragter hat Beispiele genannt: Bei einer Volksverhetzung kommt es bei einem Ersttäter in der Regel zu einer Geldstrafe. Bei Wiederholungstätern drohen empfindlichere Geldstrafen oder auch Freiheitsstrafen.

Wo sind für die Justiz die Graustellen im Netz? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den sozialen Netzwerken? Funktioniert diese?

Bei der Bekämpfung von Hass im Netz spielen die Betreiber sozialer Netzwerke eine wichtige Rolle. Wir können die Straftäter nur verfolgen, wenn wir die Urheber von Hass-Posts ermitteln können. An dieser Stelle müssen wir die sozialen Netzwerke stärker in die Pflicht nehmen. Die Zusammenarbeit mit Facebook und anderen Plattformen ist absolut unbefriedigend, weil die Anfragen der Staatsanwaltschaften teilweise nicht, teilweise unvollständig beantwortet werden. Meine Haltung ist klar: Die sozialen Netzwerke müssen die Auskunftsverlangen unserer Strafverfolger ohne Wenn und Aber beantworten.

Facebook, Google und Co sollen Ihrer Meinung nach mehr reguliert werden. Wie wollen Sie die Macht gegen die Tech-Giganten brechen?

Einige Internetkonzerne haben sich quasi zu Monopolisten entwickelt. Dies führt zu digitaler Abhängigkeit und gefährdet unseren Wohlstand, unsere Privatsphäre und unsere Werte. Deshalb müssen wir handeln. Gefordert sind der Bund und die Europäische Union.

Da der freie und faire Wettbewerb gefährdet ist, muss viel härter kartellrechtlich eingeschritten werden. Das fängt mit Geldbußen an, aber natürlich nicht mit lächerlichen Summen, die Tech-Giganten aus der Portokasse zahlen. Geldbußen müssen empfindlich hoch sein. Daneben muss die Macht der Monopole wirksam beschränkt werden, wenn nötig müssen Monopole zerschlagen werden.

Außerdem halte ich eine Digitalsteuer für notwendig. Die Tech-Monopolisten dürfen sich nicht länger einer Besteuerung entziehen. Es kann nicht sein, dass hohe Gewinne privatisiert werden, aber die Probleme und Kosten sozialisiert werden.

Bei der Medienregulierung sind wir mit dem Medienstaatsvertrag einen großen Schritt weiter. Diese Plattformen werden nun als das eingeordnet, was sie in Wirklichkeit sind: Medienunternehmen, die – wie alle anderen Medienunternehmen auch – reguliert werden müssen.

Unabhängig von dem Bereich der Regulierung brauchen wir in Europa auch eine eigene digitale Infrastruktur.

Das Gesetz gegen Hasskriminalität im Netz liegt seit Monaten beim Bundespräsidenten – es kann nicht ausgefertigt werden, weil es offensichtlich verfassungswidrig ist. Nun hat das BMJV ein Reparaturgesetz vorgelegt. Wie geht es weiter? Das Hate-Speech-Gesetz ist ein Prestigeprojekt von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD). Ist sie damit gescheitert?

Nein, ich begrüße diese Gesetzesinitiative ausdrücklich. Sie ist ein wichtiger Schritt für eine noch effektivere Bekämpfung von Hasskriminalität im Internet. Der Entwurf enthält auch wichtige bayerische Initiativen, für die ich mich lange eingesetzt habe, wie z. B. die Möglichkeit, antisemitische Straftaten und Beleidigungen im Netz mit höheren Strafen zu ahnden. Tatsächlich müssen aufgrund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichtes in einem Teilbereich dieses Gesetzes Änderungen vorgenommen werden. Da gibt es schon erste Vorschläge. Ich bin zuversichtlich, dass das Gesetz baldmöglichst in Kraft tritt.

Wir haben die Meinungsfreiheit auf der einen Seite, auf der anderen wird diese immer wieder ausgenutzt, um zu hetzen. Wie bekommen wir einen Kompromiss hin, dass die Meinungsfreiheit erhalten bleibt?

Die Meinungsfreiheit ist das Fundament unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft. Deshalb müssen wir sie verteidigen. Wir brauchen die Debatte und den Meinungsstreit in Deutschland. Es ist jedoch ein großer Irrtum zu glauben, dass jede Äußerung von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Es gibt eine Grenze: Die Meinungsfreiheit endet dort, wo das Strafrecht beginnt. Niemand muss sich beschimpfen und bedrohen lassen, niemand muss Straftaten erdulden. An dieser Stelle muss der Rechtsstaat aktiv werden.

Strafbarer Hass und strafbare Hetze führen dazu, dass sich viele Menschen aus Angst vor hasserfüllten Reaktionen erst gar nicht mehr äußern. Wer die Meinungsfreiheit schützen will – so wie ich – der muss strafbaren Hass bekämpfen!

Wenn Angela Merkel im nächsten Jahr die politische Bühne verlässt, hat Ministerpräsident Markus Söder derzeit die besten Aussichten auf die Kanzlerschaft. Was sagen Sie zu einem Kanzler Markus Söder?

Er ist ein hervorragender Ministerpräsident und er wäre auch ein hervorragender Bundeskanzler.

Herzlichen Dank für das Gespräch

Das Gespräch führte Stefan Groß

Diese grüne Doppelmoral ist unerträglich – Hamburger Justizsenatorin Gallina: Vom Flüchtlingstermin zum Hummeressen

Sie haben beste Chancen, nächstes Jahr in einer neuen Bundesregierung mitzumischen. Doch mancher Grüner fährt zweigleisig – zumindest moralisch. So geht die Hamburger Justizministerin Anna Gallina schon mal gern vom Flüchtlingstermin zum hummeressen auf Kosten des Steuerzahlers und ein Tempolimit-Befürworter rast mit 57 km/h zu schnell durch Deutschland. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Was ist nur mit den Grünen los? Die Verbotspartei wird immer unglaubwürdiger, Was ist nur mit den Grünen los? Die Verbotspartei wird immer unglaubwürdiger, zumindest die schwarzen Schafe, von denen es doch einige zu geben scheint. Eigentlich wollen die Grünen doch das Gute, Schöne und Wahre, stehen für Offenheit und Transparenz, wollen sogar die Welt retten und das mit einem Image der Untadeligkeit. Mit ihrer Klimapolitik wollen sie hoch hinaus, den Verbrenner, Benzin und Dieselfahrzeuge, bis 2023 am Besten für immer abwracken und den grünen Energien zum Durchbruch verhelfen. Die Klimaziele sind ambitioniert und der Griff in der Klaviatur der Macht, das Mitregieren in einer neuen Bundesregierung 2021 unter Schwarz-Grün ein hochgestecktes und nicht unrealistisches Ziel. Alles schön, wären da nicht die ganz so Ungrünen unter den Grünen.

57 km/h zu schnell – Tempolimit für Grüne egal?

Der grüne Politiker Franz Untersteller, der baden-württembergische Umweltminister, entpuppte sich als Raser. Ein Grüner als Raser ist zumindest schlecht für die Reputation, wenn es darum geht, die Treibhausemmissionen zu senken und das Klima zu retten. Und seine Raserei ist kein Kavaliersdelikt. Der schnelle Minister und Befürworter eines generellen Tempolimits von 130 Kilometern pro Stunde wurde auf der Autobahn 8 von der Polizei bei einer drastischen Tempoüberschreitung erwischt – fast 60 km/h zu schnell. „Es tut mir leid,“ hatte er bekundet. Doch wer Wasser predigt und Wein trinkt, muss mit Konsequenzen rechnen. Nach seiner Tempoüberschreitung, immerhin 177 km/h hatte er auf dem Tacho, wurde er auf der Autobahn zwischen Stuttgart und Karlsruhe gestoppt – dort war Tempo 120 erlaubt. Das ganze hat schon jetzt ein Nachspiel: Der Chef der FDP-Landtagsfraktion, Hans-Ulrich Rülke, legte Untersteller den Rücktritt nahe. Auch die Junge Union hält ihn für nicht mehr tragbar. „Ein Umweltminister, der ein allgemeines Tempolimit fordert und dann selbst soviel zu schnell ist, hat sämtliche Glaubwürdigkeit verspielt und sollte zurücktreten“, sagte der Landeschef der CDU-Nachwuchsorganisation, Philipp Bürkle. „Wasser predigen und Wein saufen – das ist Grüne Doppelmoral pur.“

Hamburgs Justizsenatorin – Von der Weltrettung an die Hummerbar

Pikant ist auch die Angelegenheit von Hamburgs Justizsenatorin Anna Gallina. Flüchtlinge auf Malta besuchen, war das hehre Ziel. Doch die grüne Senatorin landete beim Hummeressen. Getreu dem Motto: Erst Flüchtlinge retten, dann Hummer schlemmen, offenbart sich auch hier wiederum die Doppelmoral der Grünen. Das passt eigentlich auch in das Bild der Grünen-Ex-Ministerin Sylvia Löhrmann. Die wechselte 2017 kurzerhand vor einem Wahlkampftermin von ihrem teuren Audi-A8-Dienstwagen in ihr Hybrid-Auto. Der Ex-Bildungsministerin und stellvertretenden Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen wurde damals vorgeworfen, eine Öko-Heuchlerin zu sein.

Ob Baden-Württemberg, Nordrhein-Westphalen oder eben Hamburg – die Moral lässt zu wünschen übrig. Unter Feuer steht derzeit die Grüne Senatorin Gallina. Natürlich ist nichts gegen die Flüchtlingsrettung zu sagen, dies ist moralisch sogar zu goutieren. Aber die Sache ist, dass sie ihr späteres Hummeressen, wohlverdient nach dem Anblick des Elends der ankommenden Migranten, sich direkt vom Steuerzahler bezahlen ließ. „Bewirtungsanlass Flüchtlingsrettung“. Auch dies ist kein Kavaliersdelikt – und das sieht die Hamburger Staatsanwaltschaft mittlerweile auch so. Die ist bei ihren Spesen-Ermittlungen gegen den ehemaligen Lebensgefährten der Senatorin, Michael Osterburg, jetzt auf Belege gestoßen, die Gallina weiter in Bedrängnis bringen können.

Der Fall mit dem Ex: Opulente Essen von Michael Osterburg auf Kosten des Steuerzahlers

Osterburg, selbst Grüner und ehemaliger Fraktionschef der Bundespartei Hamburg Mitte, nahm es nie so genau mit dem Geld des Steuerzahlers. Mittlerweile hat der wegen Untreueverdacht stehende Ex-Politiker Michael Osterburg den Landesverband der Hamburger Grünen verlassen, ein bitterer Geschmack bleibt. Osterburg steht derzeit im Zentrum eines Ermittlungsverfahrens wegen des Verdachts der Veruntreuung von Fraktionsgeldern. Auch die Summe ist beachtlich: 67,900 Euro sind kein Pappenstiel. Und damit kein Ende. Die Staatsanwaltschaft hat mehr als 4000 Quittungen des Lebemanns und spendierfreudigen Grünen gefunden. Darunter eine Quittung für einen Strauß mit 40 roten Rosen, die Osterburg im Juni 2016 zwei Tage vor Gallinas 40. Geburtstag gekauft hatte. Und natürlich hat er auch diesen nicht aus der eigenen Tasche bezahlt, sondern großzügig von der Bezirksfraktion, also aus Steuergeldern, erstatten lassen. Osterburg war eigentlich nie zimperlich, wenn es um Bewirtungsbelege in Restaurants ging. Darunter sollen immer wieder angeblich dienstliche Termine mit Journalisten gewesen sein, die sich aber an derartig luxuriöse Einladungen nicht erinnern konnten, als die Pressevertreter vom Landeskriminalamt danach befragt wurden.

Was aber buchstäblich das Fass zum überlaufen gebracht hatte, war jenes ominöse noble Hummeressen in Malta im Jahr 2017, wofür der Steuerzahler immerhin 250 Euro mitbezahlen musste. Vom Termin von „Sea-Eye“, einer Regensburger Nichtregierungsorganisation, die mit ihrem Rettungsschiff „ALAN KURDI“ im Mittelmeer in Seenot geratene Flüchtlinge rettet, eilte die Grüne zum Hummeressen. Und der obligatorische Bewirtungsanlass auf dem Luxus-Beleg stellte dann tatsächlich einen Bezug zum Thema Flüchtlingsrettung her. Allerdings tauchte der Name der Hamburger Grünen nicht auf.

Osterburgs Ex kostet Gallina vielleicht das Amt

Justizsenatorin Anna Gallina leidet nunmehr unter Amnesie, da die Angelegenheit heiß und ihr womöglich gar das Amt kostet. Sie will von allem nichts gewusst haben. Und gegenüber der „dpa“ erklärte sie: „Ich habe weder Kenntnis vom Stand der Ermittlungen, noch habe ich Einfluss auf diese.“ Es sei aber „wichtig, dass die erheblichen strafrechtlichen Vorwürfe gegen Herrn Osterburg aufgeklärt werden.“ Ihr Nichtwissen deckt sich aber auch nicht mit den Inhabern eines italienischen Restaurants, von dem die meisten Belege stammen und in dem das Paar gern gegessen hatte. Die bestätigten unterdessen, dass Osterburg mit seiner damaligen Lebensgefährtin Anna Gallina ausschließlich zum Essen kam.

Ob die Justizsenatorin jetzt tatsächlich eine Vorladung von der Staatsanwaltschaft erhalten wird, ist noch nicht geklärt. Doch Rückendeckung hat Gallina unterdessen von der Zweiten Bürgermeisterin, Katharina Fegebank, ebenfalls von den Grünen, bekommen. Fegebank erklärte sich solidarisch mit der Hummeresserin und betonte. „Mir ist wichtig klarzustellen: Das Ermittlungsverfahren gegen Michael Osterburg ist kein Ermittlungsverfahren gegen Anna Gallina.“

Und die Moral von der Geschichte: Wenn es um den eigenen Vorteil geht, drücken selbst die Grünen mal ein Auge zu. Natürlich gibt es solch Unanständigkeiten auch in anderen Parteien, keine Frage: nur die Grünen, die als Verbotspartei immer mit dem Finger auf die anderen zeigen und diese moralisch disqualifizieren, hätten auch mal guten Grund ihre Moral selbst kritisch zu hinterfragen.

 

Der Musiker der Freiheit – Ludwig van Beethoven feiert seinen 250. Geburtstag

Stefan Groß-Lobkowicz12.12.2020Medien, Wissenschaft

Es gibt Meisterdenker und Klassiker der Musikgeschichte. Ludwig van Beethoven war Deutschlands Genius der Symphoniekantate. Damit betrat er neuen Boden und schuf eine Musik, die auch nach zwei Jahrhunderten immer noch fasziniert. Vor 250 Jahren wurde das Genie in Bonn geboren, doch zu Ruhm wird er erst in seiner Wiener Zeit gelangen. Was aber fasziniert Beethoven an den Idealen der Aufklärung? Wir begeben uns auf Spurensuche. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Vor 250 Jahren, am 17. Dezember 1770, wurde er in Bonn geboren, das Genie Ludwig van Beethoven. Und er war der Revolutionär in Geist und Musik, Sprengstoff pur, emotional wie ein Vulkan, ein Übermensch, der für eine neue Epoche der Musik steht und Mozarts fulminanter Klassik seine Symphoniekantate entgegensetzen wird. Bekannte sich der Salzburger Wunderknabe bereits in, „Le nozze di Figaro“, im „Don Giovanni“ und in der „Der Zauberflöte“ zu den freiheitlich-bürgerlichen und antimonarchischen Idealen der Freimaurer, folgt ihm Beethoven dann, wenn er sich selbst als glühender Verfechter der französischen Revolutionsideen versteht, die er dann heroisch in seiner 9. Sinfonie als sein höchstpersönliches Glaubensbekenntnis manifestiert.

Der Ruf nach Freiheit war explosiv

Es war der Sieg der Aufklärung über den Absolutismus. Was 1789 als Französische Revolution begann, hatte die Weltgeschichte gründlich verändert und die Fundamente der Moderne gezimmert. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit pfiff es durch die Gassen und zündete dann in den Köpfen jene Feuer, die seither für die Freiheit brennen. Ob die deutschen Idealisten, ob Friedrich Schiller oder die Romantiker – ihnen allen wurde Freiheit zum Losungswort von Dichtung und Kultur – und für den Bonner Ludwig von Beethoven zur Passion. Schillers Ode „An die Freude“ ist es, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, die er aber erst 1824, drei Jahre vor seinem Tod, grandios und gigantisch in Musik vollenden kann.

Beethovens Angst vor dem System Metternich

Schillers Ode, das „umschlungen Millionen“ im vierten Satz von Beethovens „Neunter“, war auch für den Bonner das Menschheitsideal. Und wie sich einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts über den „Policeystaat“ beklagt, so litt auch Beethoven an der Bespitzelung, an der Restauration und einem aufstrebenden Adel unter Metternich nach dem Wiener Kongress 1814/15. „Sprecht leise! Haltet euch zurück! Wir sind belauscht mit Ohr und Blick“, heißt es bekanntlich im Freiheitschor der einzigen Oper, dem „Fidelio“. Der Ruf nach Freiheit drohte in Deutschland zumindest wieder zu ersticken. Und wie einst Jean-Jacques Rousseau ein „Zurück zur Natur“ einklagen wird, so ist Beethovens Neunte ein Aufruf an das entmündigte Bürgertum, liberal, grenzenlos, für die Ewigkeit der Menschheit gedacht, ein globaler Freiheitsruf par excellence, der mit Schiller an das Frankreich im Jahr 1789 erinnert und die Bande neu knüpfen will.

Schiller, der Meisterdenker der Freiheit

Beethoven war ein glühender Verfechter der französischen Ideen und Schiller lieferte den Stoff dazu. 1885 hatte der Dichter in Leipzig-Gohlis für seinen Freund Körner, wie Mozart ebenfalls Freimaurer und Aufklärer, die Strophen geschrieben, die Weltgeschichte machen sollten. Doch dieser Schiller war kein unbeschriebenes Blatt. War er doch der Autor der „Die Räuber“ und in ganz Deutschland frenetisch gefeiert. Und Schiller selbst derzeit noch ein Ausgestoßener und Flüchtiger, verbannt aus dem Herzogtum Württemberg unter Herzog Karl Eugen, hatte das Joch der Tyrannei endgültig abgestreift. Der Verve der Ode war geballte Kraft eines Genius, der sich die Freiheit geradezu aus der Seele schreibt. Dieser Wille zur Unbändigkeit, dieser Frevel, die bestehende Ordnung kritisch zu hinterfragen, diese Lebendigkeit und das Pathos der Freiheitsbeschwörung haben Beethoven, der seit 1802 zunehmend an Schwerhörigkeit litt und dies im berühmten „Heiligenstädter Testament“ verewigte, beflügelt, gegen das Räderwerk des Absolutismus zu opponieren. Diese Energie hat dem Krankheitsgeplagten immer wieder das Blut in den Adern auflodern lassen.

Faszination und Geheimnis – Der wird keine Zehnte geben

Die 9. Sinfonie, die d-Moll-Symphonie, sei vergleichbar mit Da Vincis Mona Lisa, so zumindest hatte sie Claude Debussy 1901 beschrieben. Faszinierend und zugleich geheimnisvoll. Faszinierend wirkte sie auf Robert Schumann, für den sie einen Endpunkt markierte, wo Maß und Ziel der Instrumentalmusik erschöpft seien. Von Erlösung wird später Richard Wagner sprechen, da „auf sie kein Fortschritt mehr möglich“ sei, „denn auf sie unmittelbar kann nur das vollendete Kunstwerk der Zukunft, das allgemeine Drama folgen.“ Der Barrikadenstürmer Wagner, der Revolutionär, wurde sodann von den Aufständischen feurig begrüßt, als am 6. Mai 1849 die Alte Dresdner Oper in den Flammen aufging. „Herr Kapellmeister, der ‚Freude schöner Götterfunken’ hat gezündet, das morsche Gebäude ist in Grund und Boden verbrannt“.

Die Interpretationsgeschichte eine der bekanntesten deutschen Symphonien, Beethovens „Neunter“, hat sich leicht neben Hegels berühmter Dialektik geschrieben und hatte statt Harmonie Dissonanzen wie Unkraut hervor treiben lassen. Zerfiel Hegels Philosophie einerseits mit Kierkegaard in den Existentialismus, mit Marx bekanntlich in den fatalen sozialistischen Realismus, der mit Lenin und Stalin die Orgien des Todes feierte, so hat kaum ein anderes Kunstwerk als die 9. Symphonie weit über Beethovens Tod hinaus den deutschen Geist polarisiert. Beethoven starb 1827, krank, taub, vom Leben stigmatisiert, doch ungebrochen blieb sein Pathos für die Freiheit.

Thomas Mann warnte vor der „Neunten“

Widmete Beethoven einst die „Neunte“ Friedrich Wilhelm III. von Preußen, in Erwartung, dass sich der zögerliche und zaudernde Regent, der reformwillig, aber nach der Restauration zugleich wieder zum Hardliner wurde, Pressefreiheit und bürgerliche Freiheitsrechte zugunsten des Adels verbrämte, für den Gedanken bürgerlicher Freiheit begeistern möge, forderte später Dichterfürst Thomas Mann sogar in seinem „Doktor Faustus, Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“, die 9. Sinfonie zurückzunehmen. „Das Gute und Edle“, antwortete er mir, „was man das Menschliche nennt. Um was die Menschen gekämpft, wofür sie Zwingburgen gestürmt, und was die Erfüllten jubelnd verkündigt haben, das soll nicht sein. Es wird zurückgenommen. Ich will es zurücknehmen,“ so der Protagonist Leverkühn. Doch was trieb den Literaturpreisträger Mann dazu, Beethovens „Neunte“ zurücknehmen zu wollen?

Von links bis rechts

Beethovens 9. Symphonie orchestrierte die Welt, ob von links oder von rechts. Als Hymne der Befreiung aus geistiger Sklaverei, selbstherrlichem Despotentum erwachte sie als musikalisches Manifest der Arbeiterbewegung, trug sie doch wie kaum ein anderes Werk den Emanzipationsgedanken von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wie ein glorreiches Transparent vor sich her. Sie galt für die Lohnarbeiter als Befreiungsschlag gegenüber der Tyrannei eines entfesselten kapitalistischen Unterdrückungssystems.

Ideologisierung durch den Diktator Josef Stalin

Für den sowjetischen Diktator Josef Stalin, der Millionen von Menschen in die Gulags oder auf dem Schafott seiner Ideologien opferte, war sie „die richtige Musik für die Massen“, die „nicht oft genug aufgeführt werden“ könne. Ein geradezu linksradikaler Beethovenkult hatte sich in der Stalin-Ära etabliert, eine Beethoven-Epidemie überschwemmte regelrecht die sozialistische Sowjetrepublik und Beethovens Freiheitsideal wurde von den linken Machthabern instrumentalisiert, so dass vom ursprünglichen Freiheitsgedanken rein nichts mehr übrig bleiben sollte.

Radikalisierte Stalin die „Ode an die Freiheit“ in ihrer Einseitigkeit, so fand auf der anderen Seite geradezu eine nationale Hysterie um Beethoven statt. Die deutschnationale Bewegung entflammte mit ihren Stereotypen für die 9. Symphonie, verdrehte die einstigen Ideale, stellte sie quasi vom Kopf auf die Füße und rechtfertige samt ihrer den grausamen Kampf der NS-Regimes. Freiheit hieß nun bei Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels, was die Nazis darunter verstanden: Säuberung von unwertem Leben, Volk ohne Raum-Politik und die Auslöschung ganzer Ethnien wie sie sich im Holocaust spiegelte.

Beethovens Vereinnahmung durch die Nazis

Was der Stürmer und Dränger und spätere Klassiker Friedrich Schiller einst in rauschhafter Freude verfasste und Beethoven in Musik verwandelte, entartee im Dritten Reich zur nationalistischen Hybris, zur Titanenmusik von Krieg, Terror und dem zweifelhaften Freiheitsgedanken der Nazis. So verkündigte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1942 auf einer Feier der NSDAP zum 53. Geburtstag von Adolf Hitler: „Diesmal sollen die Klänge der heroischsten Titanenmusik, die je einem faustischen deutschen Herzen entströmten, dieses Bekenntnis in eine ernste und weihevolle Höhe erheben.“ Und Goebbels weiter: „Wenn am Ende unserer Feierstunde die Stimmen der Menschen und Instrumente zum großen Schlussakkord der neunten Sinfonie ansetzen, wenn der rauschende Choral der Freude ertönt und ein Gefühl für die Größe und Weite dieser Zeit bis in die letzte deutsche Hütte hineinträgt, wenn seine Hymnen über alle Weiten und Länder erklingen, auf denen deutsche Regimenter auf Wache stehen, dann wollen wir alle, ob Mann, ob Frau, ob Kind, ob Soldat, ob Bauer, ob Arbeiter oder Beamter, zugleich des Ernstes der Stunde bewusst werden und ihm auch das Glück empfinden, Zeuge und Mitgestalter dieser größten geschichtlichen Epoche sein zu dürfen.“

Vielleicht hätte Beethoven, so er denn den Weitblick in die Zukunft gehabt hätte, die „Neunte“ gar nicht geschrieben, weil sie von links und rechts missbraucht wurde? Doch, er hätte sie geschrieben, weil er als überzeugter Idealist auch daran glaubte, dass man doch aus der Geschichte lernen kann und letztendlich die Freiheit über die Tyrannei siegen wird.

Die Erlösung wartet noch

Aber geheimnisvoll blieb sie, weil sie mit der Aura des Todes seltsam umwoben war, gar eine Offenbarung des nahen Endes bedeuten sollte. Beethoven wird keine „Zehnte“ mehr schreiben, ebenso wenig wie Anton Bruckner. Auch Gustav Mahler hatte Angst vor dem Begriff „Neunte Symphonie“. Und auch er wird seine nicht überleben. Der Mythos der Neunten kulminierte so im Aberglauben, dass kein Symphoniker darüber hinauskommen sollte. Wie sehr Segen und Fluch sich in ihr verbanden, brachte 1912 Arnold Schönberg auf den Punkt: „Die Neunte ist eine Grenze. Wer darüber hinaus will, muss fort. Es sieht aus, als ob uns in der Zehnten etwas gesagt werden könne, wofür wir noch nicht reif sind. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht wären die Rätsel dieser Welt gelöst, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schrieb.“

Mehr Aktualität Beethovens geht nicht

Spätestens als Europahymne, die die 9. Symphonie seit 1972 ist, steht sie für Beethovens Wunsch nach universaler und globaler Freiheit. Jenseits von Blutrausch, Nationalismus und Chauvinismus, „was der Mode Schwerd getheilt“, bleibt die Vision des Bonner Musikers zu höchst aktuell in einem Europa, das sich „Einheit in Vielfalt“ auf die Fahnen geschrieben hat. Und Beethoven wie Schiller sind auch nach über 200 Jahren die geistigen Vordenker für eine Welt, wo gemeinsame Werte regieren, wo Verschiedenheit der Kulturen kein Frevel, sondern eine Bereicherung ist, und wo es den Gedanken zu verteidigen gilt, dass alle Menschen Brüder werden.

Die nächste Pandemie wird eine bakterielle sein – und viel tödlicher als Corona

Stefan Groß-Lobkowicz11.12.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Fast ein Jahr dominiert Corona das Leben auf der ganzen Welt. Über 68 Millionen haben sich inzwischen mit Covid-19 infiziert, 1,5 Millionen sind daran gestorben. Doch es könnte noch schlimmer werden, wenn wir es nicht schaffen, endlich neue Antibiotika gegen multiresistente Erreger zu entwickeln. Dagegen wäre Covid-19 geradezu harmlos. Jetzt warnt die Welternährungsorganisation: Noch gefährlicher als SARS-CoV-2. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Ausgerechnet uns Lebensoptimieren traumatisiert ein einziges, kaum sichtbares Covid-19 Virus und stellt die Moderne vor die Zerreißprobe. Krankheit und Tod waren stets allmächtige Begleiter der Evolution, die die Menschheit auf die Probe stellten, oft sogar bis zur Erschöpfung hin auf die Knie zwangen. So sehr Krankheitserreger zur Natur gehören und der Mensch Teil derselben ist, wird diese Bedrohung ein ständiger dunkler Gesellschafter, sein Schatten sein.

Was interessieren Viren und Pestbakterien unsere Vernunft? Geschichtlich sind sie älter als wir. Bakterien existieren seit 250 Millionen Jahren und gelten als die ältesten Lebewesen der Welt; Viren sind Gene von Lebewesen, die vor der ersten Zelle entstanden – als RNA-Genome stehen sie allesamt für Überbleibsel der Prä-DNA-Welt. Viren und Bakterien bleiben es auch, selbst in der vernunft-affinen Moderne, sind sie – metaphysisch gesehen – ungelöste Probleme.

Das bestätigt auch ein Blick in die jüngste Geschichte der Pandemie. Nach dem Ersten Weltkrieg, dem ersten Technikkrieg der Menschheitsgeschichte, wird die Spanische Grippe 50 Millionen Menschen hinwegraffen. Cholera und Tuberkulose erobern sich ihre Domänen zurück. In den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts wütete die Hongkong-Grippe als eine der letzten großen Grippepandemien mit weltweit mehr als einer Million Toten zwischen 1968 und 1970. Auch die „Vogelgrippe“, bekannt als Influenza-A- Virus H1H5, richtete in den Jahren 2003-2020 ihre Schreckensherrschaft auf. Gegen diese Pandemien ist aktuell rückblickend Corona noch ein Infektionszwerg.

Die unterschätzte Gefahr – Die multiresistenten Erreger

Doch hinter Pest und Corona wartet ein möglicherweise, ein noch größeres Übel, auf die Menschheit. Die multiresistenten Erreger, der bekannteste ist MRSA, unempfindlich gegenüber unseren derzeitigen Antibiotika, wüten verstärkt seit 2019. Gelingt es moderner Technik und Wissenschaft nicht, diesen resistenten Bakterienstämmen ein völlig neuartiges Antibiotika entgegenzusetzen, wird die Medizin vor einem weiteren Gau stehen. Höchstkomplizierte Operationen und Transplantationen sind möglich, doch die kleinste bakterielle Entzündung führt die Hightech-Medizin an die Grenze. Der banale Tod an einer nicht behandelbar-lapidaren Grippe zu sterben, könnte die Menschheit zurück in die Steinzeit bombardieren. Was nutzt Jens Spahns Votum für die Organspende, wenn die postoperative Genesung plötzlich zur Herausforderung wird, weil die Antibiotika nicht wirken?

Die Gefahr steht im Raum, die Medien warnen, sie haben das Klagelied schon angestimmt, doch die Pharmaindustrie reagiert nicht. Gegen jede praktische Vernunft wird an keinem neuen Antibiotikum geforscht, weil es zu teuer ist und sich als Präventiv finanziell nicht lohnt. Im Kampf gegen das Coronavirus wird die Antibiotika-Resistenz vorerst beiseite geschoben. Milliarden werden weltweit auf der Suche nach einem Covid-19-Impfstoff investiert. Doch wenn nicht parallel dazu an der Entwicklung eines neuen „anti bios“, eines neuartigen Antibiotikums geforscht wird, wird uns in Zukunft Covid-19 wie ein peripheres unerhebliches Ereignis samt Todesstatistik in Erinnerung bleiben.

Viel gefährlicher als Covid-19

Die Gefahr unterstreicht auch eine Warnung der Welternährungsorganisation (FAO) Mitte Dezember 2020. Die Wissenschaftler betonten, dass die Antibiotikaresistenz von Bakterien „potentiell noch gefährlicher als Covid-19“ ist. Schon jetzt ist die Zahl der Fälle, in denen kein Antibiotikum mehr gegen den Erreger hilft, dramatisch gestiegen. Bereits jetzt sterben 700.000 Menschen an den Folgen antibiotikaresistenter Infektionen „Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, könnte die nächste Pandemie eine bakterielle sein – und viel tödlicher“, alarmierte FAO-Generaldirektorin Maria Helena Semedo.

Hagen Rickmann: „Der Digitalisierungszug rollt endlich!“

Stefan Groß-Lobkowicz10.12.2020Medien, Wirtschaft

Hagen Rickmann ist Geschäftsführer für den Bereich Geschäftskunden bei der Deutschen Telekom. Er blickt trotz Corona-Krise mit Zuversicht in die Zukunft, denn in der Wirtschaft sind viele positive Entwicklungen zu beobachten. Die wichtigste: Der digitale Wandel läuft endlich mit hohem Tempo. The European traf ihn zum Interview.

Herr Rickmann, die Corona-Pandemie hat die deutsche Wirtschaft hart getroffen, es droht ein dramatischer Konjunkturrückgang. Die Regierung stemmt sich mit Milliardensummen dagegen. Schaffen wir es so, den ganz großen Einbruch zu verhindern?

Rickmann: Die deutsche Wirtschaft ist stabiler, als man es vor der Pandemie von ihr gedacht hätte. Das zeigen auch die jüngsten Prognosen der Wirtschaftsexperten: Für Deutschland sagt der IWF ein Minus von 6 Prozent voraus. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern stehen wir damit gut da; Spanien etwa hat mit 13 Prozent zu kämpfen. Ich glaube, dass wir mit dem Konjunkturpaket einigermaßen gut durch die Krise kommen können – vorausgesetzt, die Mittel werden zielführend eingesetzt.

Was meinen Sie damit? Was sollte Ihrer Meinung nach vornehmlich gefördert werden?

Rickmann: Digitalisierung! Sicher, ein gutes Drittel der Konjunkturpaketmittel ist bereits für digitale Projekte vorgesehen. Davon geht aber ein sehr großer Teil in die Forschung oder in die Infrastruktur-Entwicklung – etwa in die KI-Forschung, die mit 5 Milliarden Euro unterstützt wird, oder in die Netztechnologie-Forschung. Das ist gut und richtig, aber dem Mittelstand hilft es nur bedingt. Für den Mittelstand brauchen wir dedizierte Digitalisierungsförderungsmaßnahmen, damit die Unternehmen sich digital transformieren können. Insbesondere kleine und mittelgroße Unternehmen haben noch viel Nachholbedarf in Sachen Prozessoptimierung, Automatisierung und Umstellung auf digitale Kundenkommunikation. Dafür muss es Anreize geben.

Immerhin gibt es das „Digital-Jetzt“-Programm des Ministerium für Wirtschaft und Energie. Es bietet KMUs finanzielle Zuschüsse für Digitalinvestitionen.

Rickmann: Und genau das ist der richtige Ansatz. Das „Digital-Jetzt“-Programm ist meines Erachtens eines der wichtigsten Elemente der Digitalförderung – neben der Förderung von digitalen Start-ups und der forcierten Digitalisierung des Schulwesens. Das Programm sollte aber noch umfassender sein. Beratungsleistungen, insbesondere zur Erstellung eines Digitalisierungsplans, sind zum Beispiel von einer Förderung durch das „Digital-Jetzt“-Programm ausgenommen. Dabei ist gerade die Erstellung eines Digitalisierungsplans etwas, wobei Unternehmen Hilfe gebrauchen können. Man sieht ja am Schulwesen, wie sehr fundierte Beratung bei der Planung von Digitalisierungsvorhaben vonnöten ist.

Worauf beziehen Sie sich da konkret?

Rickmann: Auf Medienentwicklungspläne. Alle Schulen, die Fördergelder für Digitalisierungsmaßnahmen beantragen, müssen ihrem Träger einen Medienentwicklungsplan vorlegen. In diesem muss aufgeführt sein, welche digitalen Werkzeuge oder Programme zu welchem Zweck angeschafft werden sollen. Um so etwas festlegen zu können, braucht man allerdings eine gewisse Digitalkompetenz – und diese haben die meisten Schulen nicht. So ist es zum Teil zu erklären, dass von den über fünf Milliarden Euro, die der Bund über den Digitalpakt Schule bereitgestellt hat, bisher gerade einmal fünf Prozent abgerufen wurden. Da sich die Deutsche Telekom das Thema Förderung der digitalen Bildung groß auf die Fahne geschrieben hat – wir haben dafür eigens eine Konzernbeauftragte ernannt –, bieten wir den Schulen hierbei Unterstützung an.

Für das Bildungswesen gilt Digitalisierung ja als Krisenbewältigungsrezept Nr. 1. Für die Wirtschaft auch?

Rickmann: Ja. Ich bin davon überzeugt, dass ein hoher Digitalisierungsgrad für jedes Unternehmen ein entscheidender Resilienzfaktor ist. Digital gut entwickelte Unternehmen kamen im Frühjahr viel besser durch den vollständigen Lockdown als digital rückständige Firmen. Besonders deutlich zeigte sich das in Branchen, die voll vom Lockdown betroffen waren, wie etwa Gastronomie und Hotelgewerbe: Restaurants mit Online-Bestellsystem konnten über den Außer-Haus-Verkauf auch bei geschlossenem Ladenlokal noch in akzeptablem Maße Umsatz machen, und Hotels mit schnellem WLAN konnten ihre Zimmer als Home-Office-Ersatzquartiere anbieten – für Büroangestellte, die zu Hause zu viel Ablenkung hatten.

Seit dem zweiten November gibt es erneut einen bundesweiten Lockdown, und man muss befürchten, dass es nicht der letzte gewesen sein wird. Ist die deutsche Wirtschaft inzwischen digitalisiert genug, um derartige Maßnahmen auch künftig gut überstehen zu können?

Rickmann: Ich möchte da nicht „genug“ sagen. Viele Unternehmen haben erst mit dem Ausbruch der Pandemie ernsthaft angefangen, sich zu digitalisieren, und ein knappes Dreivierteljahr dürfte bei den wenigsten Betrieben für eine komplette Transformierung ausgereicht haben. Aber: Der Digitalisierungszug rollt endlich! Corona hat auch dem letzten Analogbetrieb-Verfechter klar gemacht, dass gute Umsätze kein Grund sind, auf Digitalisierung zu verzichten, denn praktisch über Nacht können sich die Dinge ändern. Wir konnten den Sommer über einen starken Anstieg an Digitalisierungsaktivitäten verzeichnen, was mich optimistisch stimmt. Digitalisierte Unternehmen können ihre Wertschöpfung schneller und einfacher erhöhen, und sie machen sowohl in Krisenzeiten als auch in Normalzeiten mehr Umsatz – das belegt unser Digitalisierungsindex Mittelstand seit Jahren. Also ja, ich denke, dass die Wirtschaft auch künftige Lockdown-Maßnahmen gut überstehen kann.

Aber Sie sagen selbst, dass viele Unternehmen eben noch nicht vollständig digitalisiert sind.

Rickmann: Das müssen sie auch nicht. Es reicht, wenn sie die Digitalisierungsnotwendigkeit erkannt haben und mit ersten Schritten befasst sind. Die Telekom hat zahlreiche Einstiegslösungen im Angebot, die schon eine Menge leisten – und diese lassen sich innerhalb kürzester Zeit implementieren. Mit unserem OnlineStore-Bundle für die Gastronomie zum Beispiel können Restaurants in nur zwei Stunden einen webbasierten Take-Away-Service einrichten, mitsamt kontaktlosem Bezahlsystem. Oder nehmen Sie unsere HomeOffice-Pakete für Angestellte und Freiberufler: Da gibt’s drei verschiedene, vom einfachen Starter-Paket über das Sorgenfrei-Paket bis zum Power-Paket mit Webex-Meetingsoftware und -hardware – sie alle können binnen 48 Stunden nach Bestellung einsatzbereit sein.

Home-Office ist ein gutes Stichwort: Die Corona-Pandemie hat die Akzeptanz für das Arbeiten von Zuhause aus drastisch erhöht; es ist verbreitet wie nie zuvor. Wird das so bleiben? Wird Home-Office vielleicht sogar bald der Normalfall in der Büroarbeitswelt sein?

Rickmann: Heimarbeit hat zahlreiche Vorzüge, sowohl für Unternehmen als auch für Angestellte. Sie macht einen Betrieb unabhängiger von äußeren Einflüssen, sie steigert die Mitarbeiterzufriedenheit und sie erspart Pendlern die Pendelei. Insofern schont Heimarbeit auch die Umwelt. Unser Konzern setzt seit Beginn der Pandemie in großem Stil auf Heimarbeit: Beim ersten Lockdown wurden innerhalb einer einzigen Woche rund 16.000 Telekom-Mitarbeiter auf Home-Office umgestellt. Bisher hat das sehr gut funktioniert. Aber Home Office hat erwiesenermaßen auch Nachteile. Zum Beispiel leidet die teaminterne Zusammenarbeit bei Projekten, und Brainstormings per Video-Schalte sind einfach deutlich weniger effektiv als Face-to-Face-Meetings. Umfragen zeigen außerdem, dass viele Angestellte mit reiner Home-Office-Arbeit nicht glücklich sind. Ihnen fehlt die Interaktion mit Kollegen. Einige haben für sich auch festgestellt, dass Arbeit und Freizeit sich im Home Office stärker miteinander verquicken, als ihnen das lieb ist. Ich glaube daher nicht, dass Heimarbeit bald der Normalfall sein wird. Sie wird aber künftig einen höheren Anteil in der Arbeitswelt haben. Hybride Arbeitsmodelle, die aus Präsenzarbeit und aus Home-Office-Arbeit bestehen, sind die Zukunft.

Abschließend – was sollte die Wirtschaft Ihrer Ansicht nach aus der Corona-Krise gelernt haben? Oder anders gefragt: Was möchten Sie Unternehmen und Angestellten als Botschaft mit auf den Weg geben?

Rickmann: Meine Botschaft für Unternehmen lautet: Lassen Sie sich von der Lage der Dinge nicht entmutigen! Ich weiß, dass es derzeit viele Betriebe im Land gibt, die um ihre Zukunft bangen – sicher zurecht, ich will da nichts beschönigen. Der deutsche Mittelstand hat aber immer schon die Fähigkeit gehabt, sich in Produktion, Logistik und Vertrieb schnell auf aktuelle Gegebenheiten einstellen zu können, und das kann er auch in Corona-Zeiten. Es gibt so viele Beispiele, die das belegen. Während der ersten Welle der Pandemie war von Spirituosenherstellern zu lesen, die ihre Produktion auf Desinfektionsmittel umstellten, weil ihnen der Absatz in Gaststätten fehlte, und von Automobilzulieferern, die mit Schläuchen für Beatmungsgeräte Umsatz generierten. Der Schlüssel zu solchen Adaptionen ist Digitalisierung. Sie ist nicht nur ein Motor für das Kerngeschäft, sondern auch die Basis für Optimierungen, die über das eigene Produkt oder die eigene Dienstleistung hinausgehen und die Erschließung neuer Geschäftsfelder ermöglichen. Und meine Botschaft für Angestellte lautet: Unterstützen Sie Ihren Arbeitgeber, indem sie Ideen zur Unternehmensentwicklung beisteuern! Ich weiß von einem Messebauer, der sich mit seiner Kompetenz für Holzverarbeitung ein zweites Standbein im Gewerbeimmobilien-Innenausbau errichtet hat und so durch die Corona-Krise kommt. Das war nur deshalb möglich, weil die Mitarbeiter kreativ geworden sind und bei ihren persönlichen Kontakten nachgefragt haben, ob es irgendwo Bedarf für diese Art von Arbeit gibt.

Herr Rickmann – wir bedanken uns für das Gespräch!

Corona-Pandemie: Virologe Alexander Kekulé hält Lockdown-Verlängerung für nicht sinnvoll

Stefan Groß-Lobkowicz9.12.2020Medien, Wissenschaft

Der Lockdown hat Deutschland fest im griff, die Todeszahlen steigen und die Ohnmacht der Bundesregierung bei der Bewältigung der Corona-Pandemie wird immer offensichtlicher. Eine Glosse von Stefan Groß-Lobkowicz.

Deutschland probt den Ausnahmezustand. Mal wieder! Der Lockdown geht in die Verlängerung auf unbestimmte Zeit. Seit fast einem Jahr fährt das Land, wie einst in der Schwerindustrie im Ruhgebiert, die Öfen und Motoren des Wirtschaftens und damit des gesellschaftlichen Lebens herunter. Inmitten des Winters friert das Emotionale noch mehr ein. Der ohnehin graue Winter drückt mit Corona noch einmal in die Stimmungsgelage einer kränkelnden Gesellschaft, die immer mutloser wird und deren einstige Vitalität sich zusehends erschöpft.

Und der „Lockdown light“ zeigt wenig Wirkung, die Todeszahlen steigen exponentiell und die Last des Virus drückt beklemmend auf die Seelenlandschaft der Individuen. Noch nie war die Selbstmordrate so hoch wie in diesen Zeiten, die für viele sowohl familiär, existentiell und wirtschaftlich ein Szenario darstellt, das an Finsternis und Düsterheit, ja, an Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit kaum zu überbieten scheint. Die familiäre Gewalt wächst graduell zu den verlängerten strengen Regularien, die Jugend ist sich ihres Lebensoptimismus unsicherer, die Alten vegetieren in Pflegeheimen jenseits häuslicher Nähe und liebevoller Umarmung – jenseits jeglichem Trost. Die Würde des Sterbens verkommt und der Tod banalisiert sich ein einer anonymen Sterbeindustrie, die nur noch reagieren, nur noch das Leichentuch zu spannen vermag. Der Tod wird zum bitteren Gesellen – und die Einsamkeit auf den Sterbestationen gleicht einem horror vacui, weil es nur das Nichts ist, das die Einsamkeit umspült.

Die Schockstarre bleibt bis zum 10. Januar. Doch dabei wird es nicht bleiben. Corona schiebt sich unaufhaltsam in die Zukunft. Restaurants, Museen, Theater und Freizeiteinrichtungen haben die Lichter ausgeschaltet, eine beunruhigende Ruhe nebelt das Land in den Winterschlaf.

Der Zickzackkurs der Bundesregierung

Bei all dem Pessimismus, der in den Wintertagen Deutschland eisern in Griff hält, hat nun der Münchner Virologe Alexander Kekulé davor gewarnt, den Teil-Lockdown zu verlängern. Derartige Maßnahmen greifen nur, wenn sie gerade beschlossen würden. Eine Verlängerung würde in der Regel keine stärkere Bremsung bewirken. Kekulé wirft in Sachen rigider Anti-Corona-Maßnahmen der Bundesregierung eine Art moderierender, auf Sicht fahrender Vorgehensweise vor, die mit einem Zickzackkurs die eigene Ohnmacht und Regielosigkeit bei der Bewältigung der Corona-Pandemie durch eine lavierende Unentschlossenheit zu kompensieren sucht. Entweder man macht einen Teil-Lockdown oder einen kompletten. Man muss sich hier zwischen Pest und Cholera letztendlich entscheiden. Eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen speziell für die Weihnachtstage sei aber nicht sinnvoll, „weil wir damit gerade diejenigen nicht mitnehmen würden, die sowieso schon nicht mehr mitmachen bei den Maßnahmen.“ Er selbst setzt auf ein schärferes Vorgehen und betont, dass es nur zehn Prozent der Bevölkerung seien, die die Corona-Maßnahmen ignorierten und damit die Zahlen hochhalten. Die Corona-Maßnahmen-Verweigerer müssten jedoch in ein Lockdown-Konzept integriert werden; man muss sie einkalkulieren und die Strategien daraufhin fokussieren. Gelingt das nicht, bleibt nicht nur dieses Weihnachtsfest für viele Menschen ein vielleicht noch einsameres als es das schon viel zu oft war.

Hintergrund

Am vergangenen Mittwoch hatten sich die Ministerpräsidenten der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) darauf  verständigt, den Teil-Lockdown mit geschlossenen Restaurants, Museen, Theatern und Freizeiteinrichtungen bis zum 10. Januar zu verlängern. Zunächst sollte der Shutdown bis kurz vor Weihnachten verlängert werden.

ARD-Volontäre würden mit absoluter Mehrheit die Grünen wählen

Stefan Groß-Lobkowicz3.12.2020Medien, Politik

Die nächste Generation von Journalisten bei ARD und Deutschlandradio wählt überwiegend Grüne, Linkspartei und SPD. Dies ist das Ergebnis einer Befragung von ARD-Volontären unter dem Journalistennachwuchs des Rundfunkverbundes und dem Deutschlandradio.

 

Seit Gründung der Bundesrepublik ist ein spürbarer Drall nach links in den Medien zu verzeichnen. Diesen Trend hatte auch die Flüchtlingskrise und die Corona-Pandemie nicht gravitätisch verändern mögen. Nach wie vor verfängt im Gewand des Journalismus des 21. Jahrhunderts der gute alte Geist der 68er. Er weht gleichsam progressiv wie veränderungswütig, oft einseitig und borniert, durch die Reihen des publizistischen sowie journalistischen Nachwuchses. Diese hohe Affinität zu Rot-Rot-Grün, so Publizistik-Professor Gregor Daschmann, hatte eben seine Anfänge im Revoluzzer-Geist der Studentenrevolution der Nachkriegsära. Das Gros der damaligen Linken war, wenn es nicht Hörsäle stürmte, Barrikaden aufrichtete oder Autos der gehassten Springerpresse anzündete, damals mit der Überzeugung in den Journalismus gegangen, die Welt zu verändern – und dies am besten mit Tinte und Schreibmaschine, die links intellektuelle Weltrevolution vor Augen. Selbst nach fünfzig Jahren hat sich diese Einstellung nicht verändert – dieser Idealismus ist immer noch tief im Journalismus verankert. „Es ist wohl vor allem das Berufsbild der öffentlich-rechtlichen Journalist*innen, das eher Menschen mit einer linken und grünen Haltung anzieht.“

Gerade junge Journalisten der Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sind es im Jahr 2021, die sich politisch immer mehr in Richtung grün ausrichten. 60 Prozent der künftigen Medienmacher sind weiblich, 30 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen, 95 Prozent, bringen einen Studienabschluss mit und kommen aus einem Akademikerhaushalt. Die Journalisten von morgen sind zudem keine Landeier, sondern rekrutieren sich aus den Großstädten mit über 100.000 Einwohnern, vorzugsweise aus Berlin oder München.

Laut Umfragen von „Die Welt“ und „Journalist verortet sich die neue Generation an den Schreibtischen der

Neue Berater-Affäre: Ursula von der Leyen in der Kritik – Berater-Affäre belastet die EU-Chefin

Seit einem Jahr ist Ursula von der Leyen die wichtigste Frau in der Spitze Europas. Doch es droht neues Ungemach. In Deutschland wurde sie dafür kritisiert, dass sie Unsummen für Berater ausgab. Um ihren „Green-Deal“ durchzusetzen, hat sie nun einen neuen Deal mit Blackrock eingefädelt. Doch in Brüssel regt sich Unwille.

Eigentlich sollte sie es gar nicht werden – Kommissionspräsidentin. Doch Angela Merkel (CDU) und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hatten sich durchgesetzt und dem vom EU-Parlament favorisierten EVP-Chef Manfred Weber (CSU) nicht als Nachfolger von Jean-Claude Juncker zum höchsten Mann Europas gekrönt.

Das war eine herbe Niederlage für die Demokratie und seitdem wird das Spitzenkandidatenmodell noch kritischer hinterfragt. Zudem blieb ein spürbarer Riss zwischen Europäischem Parlament, Europäischer Kommission und Europäischem Rat. Und der lässt sich auch nicht so schnell wieder kitten. Nicht nur in Brüssel ist das Vertrauen in die Demokratie und beim Kampf um hohe Funktionsposten deutlich erschüttert. Auch die deutsche Ratspräsidentschaft unter Kanzlerin Angela Merkel, ihre zweite, kann derzeit nicht überzeugen. Sicherlich, die Coronakrise hat die deutschen Ambitionen ausgebremst, Europa wieder weiter zu vereinen und endlich die Frage nach einem der Hauptstreitpunkte der EU, dem Verteilungsschlüssel von Migranten, zu lösen. Doch der verbleibende letzte Monat wird an der deutsch-europäischen Stagnation nichts mehr ändern. Schade für die ambitionierte Europäerin Merkel, die zum Ende ihrer Amtszeit kein transnationales Zeichen einmal mehr setzen konnte. Deutschland hat die wichtige Ratspräsidentschaft ungenutzt verstreichen lassen. Unterdessen gerät die deutsche Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit einem neuen Beratervertrag wieder unter Beschuss. Wiederholt sich Berlin in Brüssel wieder?

Die Urvertraute Merkels

Vor einem Jahr hatte Merkel noch ihre Urvertraute ins Amt von Europas wichtigsten Posten gehoben und damit dem Kurs der Kanzlerin auf europäischen Boden Rückhalt gegeben. Dabei war die ehemalige Familienministerin, Bundesarbeitsministerin und spätere Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bis zuletzt nicht unumstritten. Anders als Karl Theodor zu Guttenberg hatte sie nicht wirklich Rückendeckung in der Truppe. Gender, Uniformen, Kindergärten und Frauenquote waren zu randständig für die Berufsarmee. Den zunehmenden Rechtsextremismus, wie bei Franco A, kommentierte von der Leyen damals als „Haltungsproblem“. Die Durchsuchung von Kasernen und auch Büros nach Wehrmachtsdevotionalien wurde von vielen als Entgleisung empfunden, ein Vertrauensbruch, der nicht mehr zu heilen war. Was die Bundeswehr von damals auszeichnete, war vor allem eins, dass sie kampfunfähig war. Flugzeuge waren nicht einsatzbereit, die Moral der Truppe am Boden oder teilweise infiltiert mit rechtem Gedankengut.

„Man darf froh sein, wenn etwas fliegt, fährt, schwimmt oder schießt in dieser Armee“, schrieb damals Ulrich Berls. Und der scheidende US-Präsident Donald Trump hielt den Zustand der deutschen Armee für einen Skandal. Darüber hinaus zeigte der Sanierungsfall „Gorch Fock“ die Abgründe des Ministerial- und Instandsetzungswesens noch tiefer auf. Die Instandsetzung des Segelschulschiffes hatte sich zu einem Millionen-Krimi entwickelt. Aus 10 Millionen Euro wurden durch Fehlplanungen und Missmanagement 135 Millionen Euro.

Neben viel Kritik hatte von der Leyen auch positive Akzente gesetzt – gerade bei der internationalen Sicherheitspolitik. Sie verstärkte die Rolle Deutschlands als verlässlicher Partner der NATO und untermauerte, dass die Bundeswehr in Europa weiterhin als verlässlicher Verbündeter gilt. Von der Leyen hatte das schwierige transatlantische Verhältnis versucht wieder zu glätten und der deutsch-französischen Partnerschaft neuen Schwung verliehen. Dieses kontinuierliche außen- und sicherheitspolitische Engagement letztendlich hatte viele der 27 ausländischen Staats- und Regierungschefs letztendlich überzeugt, sie als Präsidentin der Europäischen Kommission zu nominieren.

Kurz bevor von der Leyen ins höchste politische EU-Amt geschoben wurde, hatte sie einen Untersuchungsausschuss im Bundestag erfolgreich ausgesessen. Auch die Affäre um die Löschung von wichtigen Daten auf ihrem Handy hatte sie überlebt wie zuvor eine Plagiatsaffäre. Der damalige Untersuchungsausschuss hatte der im belgischen Elsene 1958 geborenen Politikerin nachgewiesen, dass sie in ihrer Zeit als Bundesministerin der Verteidigung (2013 bis 2019) ein System der Vetternwirtschaft etabliert hatte. Den Steuerzahler kostete dies, so der Bundesrechnungshof, einen dreistelligen Millionenbetrag kostete. Profiteur war der Beratungsriese McKinsey. Letztendlich verlief  in Deutschland alles glimpflich, die „Gorch-Fock-Affäre“ eingeschlossen – zumindest karrieretechnisch für von der Leyen.

Emily O’Reilly kritisiert Deal mit Blackrock

Doch Europa ist mehr Weltbühne und von der Leyen kann nicht mehr ganz unbeschwingt auf die schützende Hand der Kanzlerin zählen, der Welpenschutz ist ausgelaufen. Nun hagelt es Kritik ausgerechnet von einer Frau – Emily O’Reilly. Die Irin Emily O’Reilly ist EU-Bürgerbeauftragte und sie kritisierte die Vergabe eines Auftrags der EU-Kommission an BlackRock. Ausgerechnet der größte Investmentfonds der Welt soll der Kommission Vorschläge machen, wie europäische Banken dazu gebracht werden, stärker in nachhaltige Energien statt in Kohle, Gas und Öl zu investieren. Es geht um nichts anderes als um von der Leyens Prestige-Projekt, den „Green Deal“. Eine Billion Euro will die Klimaschützerin von der Leyen im Kampf gegen die Erderwärmung investieren. O’Reilly hingegen moniert, das BlackRock als größter Anteilseigner an vielen europäischen Großbanken, darunter Deutsche Bank, Société Générale, Unicredit, ING, gar kein Interesse daran habe, in nicht fossile Energien zu investieren. Auch die Nichtregierungsorganisation „Change Finance“ klagte in einem offenen Brief an von der Leyen, dass hier „der Bock zum Gärtner gemacht wird“.

Hinter der Kritik der EU-Bürgerbeauftragten steckt aber noch mehr: Es geht um nichts anderes als um den Ausverkauf der demokratischen Kontrolle über die Wirtschaft. Der viel gehypte „Green Deal“ wäre dann nichts anderes als ein Propaganda-Coup, der vor allem privatwirtschaftlichen Interessen dient.

Derartige Machenschaften kann sich aber die Kommissionspräsidentin eigentlich nicht leisten. Unter ihrer Ägide als Verteidigungsministerin hatte sie für ihre Idee, die Bundeswehr „attraktiver“ und familienfreundlicher zu machen, Katrin Suder von McKinsey abgeworben. Was folgte war eine Millionensause für Suders Beraterfreunde. Dem Ansehen beider Frauen hat das in Deutschland nachhaltig geschadet. Erst die amtierende Verteidigungsministerin, die geradlinie CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer, hatte das Berater-Unwesen als rufschädigend im Ministerium beendet. Will Ursula von der Leyen politisch ihre Glaubwürdigkeit bewahren, muss sie den BlackRock-Deal beenden. Dass derartige Verstrickungen ihrem Ansehen schaden, müsste sie eigentlich aus ihren Berliner Jahren gelernt haben. Nur jetzt fragen sich nicht mehr nur 80 Millionen Deutsche wessen Interessen die wichtigste Frau Europas vertritt, sondern fast 500 Millionen EU-Bürger.

Samoa meldet ersten Corona-Fall

Stefan Groß-Lobkowicz20.11.2020Medien, Politik

Fast hätte es das Coronavirus nicht an das Ende der Welt geschafft. Doch nun meldet Samoa die erste Corona-Infektion. Für die Inselgruppe ist das nun eine Katastrophe. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Idyllisch liegt Samoa in Polynesien inmitten des Südpazifiks. nach Australien ist es näher als zum südamerikanischen Festland. Und die Inseln sind ein Paradies der Abgeschiedenheit. Strände, vorgelagerte Riffe, ein wildes, von Regenwald bedecktes Landesinneres mit Schluchten und Wasserfällen, prägt das Eiland. Fast 200.000 Menschen leben auf den Inselgruppen. Und eines kannten die Insulaner, die ihre traditionellen Bräuche pflegen, vom Fischfang und auch von einem ökologischen Tourismus leben und profitieren, bislang nicht – Corona. Selbst um das weit gelegene Australien scheint die Pandemie derzeit einen großen Bogen zu machen. Wie in Taiwan sind die Corona-Zahlen rückläufig und viele denken nicht im Traum daran, sich möglicherweise gegen Covid-19 impfen zu lassen. Doch ausgerechtet der einzige Fall, der die Insulaner in helle Aufregung versetzt, kam mit dem Flugzeug aus dem Land, das für die Oper von Sydney, das Great Barrier Reef, für eine einzigartige Fauna und Flora bekannt ist.

Bislang wurde Samoa von Corona verschont

In Samoa ist das ein wenig anders. Selbst der Regierungschef Tuilaepa Sailele Malielegaoi ist alarmiert. Die Insulaner blieben bislang von SARS-CoV-2 verschont. Doch nun wurde der Traum vom Corona-freien Paradies erst einmal erschüttert. Ein Mann wurde in einer Quarantäneeinrichtung für Reisende positiv auf das Virus getestet. Und Tuilaepa Sailele Malielegaoi fügt bitter hinzu: „Damit kommen wir nun auf die Liste der Länder, die das Coronavirus haben“

Das Inselparadies reagierte schnell mit strikter Abschottung

Dass sich das Coronavirus gegenüber dem Rest der Welt nicht so schnell verbreiten konnte, liegt vor allem am Sicherheitskonzept der Pazifikinsel. Wie auf dem Urlaubsparadies Fernando de Noronha vor der brasilianischen Küste, wo Urlauber derzeit nur einreisen dürfen, wenn sie schon mit dem Coronavirus infiziert wurden, hatte sich Samoa und andere pazifische Inselstaaten zu Beginn der Pandemie rasch isoliert und ihre Grenzen geschlossen. Da spielt es auch keine Rolle, ob die Tourismusbranche massive Rückgänge bei Buchungen in Kauf nehmen musste. Scchon früh hatte sich die Pazifikinsel radikal abgeschottet, weil ihr Gesundheitssystem auf einen großen Ausbruch von Corona mit einer Vielzahl von Kranken und möglichen Toten nicht ausgerüstet uns vor allem vorbereitet sind. Schmerzlich erinnert man sich noch an eine Masernepidemie Ende 2019. Insgesamt 83 Menschen waren auf Samoa daran gestorben, vor allem Babys und kleine Kinder. Dieses Horrorszenario wünschte man sich nicht mehr zurück.

Doch dass die Insel trotz aller Sicherheitsmaßnahmen immer weiter in den Fokus des Virus rückte, zeichnete sich in den letzten Wochen bereits ab. Zuletzt hatten Vanuatu, die Salomonen und die Marshallinseln ers­te Corona-Fälle gemeldet. Die abgelegenen Inselstaaten und Territorien Kiribati, Mikrone­sien, Nauru, Palau, Tonga und Tuvalu sind dagegen immer noch virenfrei.

Ausgerechnet ein Matrose hat die Corona-Negativ-Bilanz außer Kraft gesetzt

Bei der ersten Person, die mit dem hochinfektiösen Coronavirus auf Samoa infiziert war, handelte es sich um einen Matrosen. Er war von einer Rückholaktion mit einem Flugzeug aus dem neu­seeländischen Auckland ins Land gekommen. Vor dem Abflug wurde er noch negativ auf das Coronavirus getestet. Regierungschef Tuilaepa Sailele Malielegaoi hofft, dass es der einzige Fall im Paradies bleiben wird. Bei mehr Fällen würde die Insel kapitulieren. Und davor hat man große Angst inmitten der Wellen des Pazifiks

Löw und Trump wollen einfach nicht gehen

Stefan Groß-Lobkowicz19.11.2020Medien, Politik, Sport

Nach dem Fußball-Desaster gegen Spanien ist es jetzt amtlich – Jogi Löw bleibt Bundestrainer der Deutschen Fußball-Elf. So wurde es nach der historischen 0:6-Klatsche gegen Spanien beim Krisen-Gipfel mit DFB-Präsident Fritz Keller (63), Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff (52) und Co-Trainer Marcus Sorg (54) am Münchner Flughafen beschlossen. Das Elend geht also in die nächste Runde und die Welt schaut wie bei Donald Trump zu. Doch Löw müsste nun eigentlich selbst die Reißleine ziehen. Ein Kommentar von Stefan Groß-Lobkowicz.

Der eine stammt aus New York, der andere aus dem besinnlichen Schönau im Schwarzwald. Doch beide Männer, der Noch-US-Präsident Donald Trump und der deutsche Bundestrainer Jogi Löw haben eins gemeinsam – sie klammern mit allen nur erdenklichen Mitteln an ihren Posten. Fehlbesetzungen waren sie, so sind sich Kritiker einig, eigentlich immer gewesen. Doch der immer ein wenig traurig und romantisch dreinblickende Löw und sein agiles Gegenteil, der impulsive, vor Kraft und Stärke strotzende Twitterkönig aus den USA – Trump wissen nicht, wann die Stunde schlägt oder wem sie bereits geschlagen hat. So darf sich Löw, mittlerweile 60 Jahre, weiter durchwursteln. Trump versucht das auch – doch er verspielt mit dieser kindischen Art eines krampfhaften Festhaltens an der Macht mittlerweile jedwede Würde. Wenn der Republikaner nicht aufpasst, wird einzig und allein die Rolle der beleidigten Leberwurst an ihm und seiner Amtszeit für künftige Generationen kleben bleiben. Dabei war seine Bilanz gar nicht so schlecht. Immerhin hat er als einziger US-Präsident der vergangenen Jahre keine Kriege vom Zaun geledert, sondern zieht seine Elite-Einheiten zur Hälfe aus den Krisengebieten, dem Irak und Afghanistan, ab. Damit erfüllt Trump immerhin noch ein Wahlversprechen, sein letztes womöglich.

Woher beide ihren Willen beziehen, wenn sie doch scheitern oder miserable Leistungen wie Jogi Löw nach der 0:6 Pleite gegen Spanien abliefern, bleibt ihr Geheimnis. Das sieht zumindest der „Kicker“ bei Löw so. Auch in der „FAZ“ findet man bittere Zeilen über das Urgestein aus dem Schwarzwald. „Im Erfolg, heißt es gerne, mache man die größten Fehler. Weil zu lange an dem festgehalten wird, was funktioniert hat, weil vor allem nicht mehr hinterfragt wird, warum etwas Erfolg gebracht hat. Der Selbstbetrug rund um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft geht deshalb einher mit dem aufsehenerregendsten Sieg, den das Team seit dem WM-Sieg 1954 errungen hat. Im Halbfinale der WM 2014 besiegte Deutschland den WM-Gastgeber Brasilien 7:1. Ein paar Tage später wurde der vierte WM-Titel im ganzen Land gefeiert. Seitdem geht es bergab. Weil manche Frage gar nicht mehr gestellt werden durfte.“

Das Löw seine Leistungen zunehmend – wie jenseits des Atlantiks Donald Trump – überschätzt und die Mannschaft derzeit eher unter dem Bundestrainer leidet, als von ihm zum Erfolg geführt zu werden, kann sich auch der „Tagesspiegel“ nicht verkneifen. „Womöglich hat Löw sich und seine Fähigkeiten überschätzt, als er nach der vermaledeiten WM im Amt geblieben ist; als er angeblich noch genügend Kraft und Energie und Lust auf einen Neuanfang verspürte. In ihrer sportlichen Entwicklung ist die Mannschaft seit 2018 nicht entscheidend vorangekommen. Im Gegenteil: Die Kritik will einfach nicht verstummen.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ spricht von einer Erosion seiner Trainerkunst. Löw ist angezählt und wie er auch entscheidet, er wird es keinem mehr recht machen. „Man wird ihm vorhalten, dass er Hummels, Boateng und Müller nicht beruft, und man würde es ihm auch vorhalten, wenn er sie wieder beriefe. Seine Spieler werden es spüren, das Vertrauen in seine Trainerkunst wird erodieren.“ Und „Der Spiegel“ setzt noch eines drauf. Das Nachrichtenmagazin spricht von einer fatalen Selbstzufriedenheit, in die sich das deutsche Team nach dem Titelgewinn 2014 eingenistet habe, in eine „Selbstzufriedenheit, die selbst das Vorrundenaus bei der WM 2018 nicht nachhaltig hat erschüttern können. Nach dem Russlanddebakel war viel von einer radikalen Fehleranalyse die Rede gewesen. Aber diese Analyse war allein verbalradikal, sie ging, zumindest soweit sie öffentlich kommuniziert wurde, niemals an die Wurzel.“

Jogis Niederlage beim herabwürdigen 0:6 gegen die Spanier würde nicht einmal mehr der glorreiche Donald Trump in einen Sieg verwandeln können. Zuletzt hatte 1909 eine deutsche Nationalmannschaft so hoch verloren.

Fazit zu Jogi Löw: Das wird nichts mehr mit dir und dem Fußball. Und die Mehrheit der Fans sehnt sich ehedem nach einem Neuanfang. Vielleicht sucht Donald Trump, bis er im Jahr 2024 wieder für das Amt des US-Präsidenten kandidieren wird, noch einen Coach. Dann aber müsste Jogi Löw noch mehr golfen als Trump, der seine Niederlage auf dem Golfplatz einlochen musste. Egal, wo der neue Bundestrainer spielt, er hat den Ball eh schon verloren.