{"id":97,"date":"2020-07-02T20:19:26","date_gmt":"2020-07-02T18:19:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-stefan-gross.de\/cms\/?page_id=97"},"modified":"2022-09-10T12:51:57","modified_gmt":"2022-09-10T10:51:57","slug":"dr-dr-stefan-gross-lobkowicz-trifft-interviews-mit-promentinten-aus-politik-wissenschaft-und-wirtschaft","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.dr-stefan-gross.de\/cms\/dr-dr-stefan-gross-lobkowicz-trifft-interviews-mit-promentinten-aus-politik-wissenschaft-und-wirtschaft\/","title":{"rendered":"Dr. Dr. Stefan Gro\u00df-Lobkowicz trifft &#8211; Interviews mit Promentinten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<h1>\u00dcber Glauben und Wissen, Gott und Moderne &#8211; Robert Spaemann im Gespr\u00e4ch<\/h1>\n<p><strong>Inwieweit spielt die neuplatonische Philosophie mit ihren Lehren von den drei Wesenheiten innerhalb Ihres christlichen Denkens eine pr\u00e4gende Rolle? Kann man mit diesem Denken heutzutage noch philosophieren?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDa stecken schon in der Frage ein paar Dinge, denen ich nicht so zustimmen w\u00fcrde. Zun\u00e4chst was ist mein christliches Denken? Ich habe das nie auseinander dividiert. Ich w\u00fcrde sagen \u2013mein Denken, denn ob ich die neuplatonische Philosophie einleuchtend finde oder nicht, ist f\u00fcr mein Christentum nicht entscheidend und umgekehrt auch. Das sind zwei verschiedene Dinge. Aber lassen wir das Christliche einmal weg und fragen: Inwieweit spielt die neuplatonische Philosophie f\u00fcr mein Denken eine pr\u00e4gende Rolle? Kann man mit diesem Denken noch philosophieren? Ja, man kann mit jedem Denken philosophieren, das einem einleuchtet. Die neuplatonische Einteilung der Wirklichkeit in drei Stufen, n\u00e4mlich: Sein als blosses Vorhandensein, Sein als Leben und Sein als Bewusstsein, das scheint mir au\u00dferordentlich einleuchtend zu sein. Und meiner Ansicht nach ist es auch ein Fehler im neuzeitlichen Denken gewesen, ein Fehler bei Descartes zum Beispiel, dass der Wille des Lebens keine Rolle mehr spielt, und dass die Wirklichkeit in eine materielle Welt zerf\u00e4llt, die durch Ausdehnung und durch ein reines Denken definiert ist, also durch ein Subjekt und ein Objekt. Aber Leben, Lebendiges, k\u00f6nnen wir in dieser Zweiteilung nicht unterbringen. Das Leben ist weder blo\u00dfes Vorhandensein \u2013 auch ein Leichnam ist vorhanden \u2013 noch ist es unbedingt Bewusstsein. Es sind tats\u00e4chlich drei Stufen der Wirklichkeit. Und wenn Sie fragen ob man heute noch so denken kann; ich denke ja schon so. Damit haben wir schon ein Beispiel daf\u00fcr, dass man das kann.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr welchen Gottesbegriff sehen Sie perspektivisch die gr\u00f6\u00dfere Chance \u2013 f\u00fcr den \u201eGott der Philosophen\u201c oder f\u00fcr den \u201eGott des Glaubens\u201c?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDa hat der gro\u00dfe Pascal meiner Ansicht nach ein Ungl\u00fcck angerichtet, als er nicht der Gott der Philosophen, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs schrieb. Aber die klassischen christlichen Denker waren immer der \u00dcberzeugung, dass dies nicht zwei verschiedene G\u00f6tter waren. Wenn Karl Jaspers zum Beispiel von Gott spricht, von dem philosophischen Glauben, dann bekennt er sich damit nicht als Christ, aber das, was er denkt, wenn er Gott sagt, ist ungef\u00e4hr das, was die Christen auch denken. Es sind zwei verschiedene Zug\u00e4nge! Ich gebe folgendes Beispiel: Ich habe eine Brieftr\u00e4gerin, die kenne ich nur als Brieftr\u00e4gerin. Ich wei\u00df von ihr fast gar nichts, dann erfahre ich aber durch eines meiner Kinder, das sich in der Schule mit einem Jungen, dem Sohn der Brieftr\u00e4gerin, angefreundet hat, viel mehr von ihr. Denn dieser Junge wei\u00df nat\u00fcrlich eine Menge \u00fcber seine Mutter, die ich nicht wei\u00df, weil ich sie nur als diese Brieftr\u00e4gerin kenne. So scheint es mir auch mit dem Gottesbegriff zu sein. Ein Gl\u00e4ubiger hat einen lebendigen Zugang zu Gott, er spricht mit Gott, er partizipiert an einer gro\u00dfen Gotteserfahrung, die durch Namen wie Abraham, Isaak und Jakob gepr\u00e4gt ist, aber das hei\u00dft nicht, dass dies ein anderer Gott ist. Wenn Kant von Gott oder wenn Jaspers von Gott sprechen, meinen sie nicht etwas anderes als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Wir haben auch denselben Gott wie die Moslems, wir die Christen, obgleich wir \u00fcber Gott sehr anders denken. Aber wir betrachten ihn auch, also wir Christen, als Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde und als endg\u00fcltigen Richter \u00fcber Gut und B\u00f6se. In diesem Punkt stimmt der Gott der Philosophen mit dem Gott des Glaubens \u00fcberein.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Benedikt XVI. ist die Unterscheidung zwischen Person und Individuum wichtig, auch f\u00fcr Ihre wissenschaftliche Arbeit war der Begriff der Person immer zentral. Warum?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nJa, der Begriff des Individuums reicht nicht aus. L\u00f6wen und Ameisen sind auch Individuen. Aber der Mensch \u00fcbersteigt sein Individuum-Sein, das hei\u00dft: er kann sich \u00fcber sein individuelles Interesse erheben und kann den Gedanken eines anderen Wesens denken. Dies kann er ber\u00fccksichtigen \u2013 unter Vernachl\u00e4ssigung vielleicht sogar seines Interesses als Individuum \u2013 und darin erweist er sich als Person. Mir f\u00e4llt gerade die Geschichte vom Krieg zwischen Preu\u00dfen und Sachsen ein. Da befahl der preu\u00dfische K\u00f6nig einem General, das Schloss in Dresden zu pl\u00fcndern und zu zerst\u00f6ren. Der Offizier weigerte sich, und der K\u00f6nig sagte: \u201eDas ist Gehorsamsverweigerung\u201c. Daf\u00fcr kann ich sie erschie\u00dfen lassen. Und der General antwortete: \u201eDem K\u00f6nig geh\u00f6rt mein Leben, aber nicht meine Ehre.\u201c Das ist der Unterschied. Er hat als Individuum nat\u00fcrlich das Interesse zu \u00fcberleben, aber als Person \u2013 er spricht von Ehre \u2013, als Person, weigert er sich das zu tun und nimmt den gro\u00dfen Nachteil f\u00fcr sich als Individuum in Kauf, um sein Person-Sein zu retten.<\/p>\n<p><strong>Was d\u00fcrfen wir hoffen? Welche Perspektiven sehen Sie f\u00fcr den Glauben in der postmodernen Gesellschaft?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDas ist schwer zu beantworten, was ist denn eigentlich eine postmoderne Gesellschaft? Wenn wir Moderne \u2013 mit Hilfe des Vernunftbegriffs \u2013 als Aufkl\u00e4rung definieren, dann w\u00fcrde ich sagen, ist die postmoderne Gesellschaft, in der alles geht, in der man experimentell alles machen kann, keine gro\u00dfe Perspektive f\u00fcr den Glauben. Der Glaube wird sich in Widerspruch zu einer Herrschaft der Beliebigkeit setzen. Andererseits: Wenn man aber Postmoderne als ein Brechen mit einem verengten, auf die blo\u00dfe Naturwissenschaft verengten Vernunftbegriff versteht, wenn man also die Vernunft als die F\u00e4higkeit begreift, auch das Andere ihrer selbst zu denken, also das Nichtrationale selbst noch einmal vern\u00fcnftig zu denken, dann ist die postmoderne Gesellschaft eine Chance f\u00fcr den Glauben. Aber unter dem Begriff der Postmoderne verbirgt sich so vieles, dass die Frage nicht gut eindeutig beantwortet werden kann.<\/p>\n<p><strong>Stefan Gro\u00df: Wie l\u00e4\u00dft sich Ihrer Meinung nach der zunehmende Werterelativismus stoppen? Benedikt XVI. pl\u00e4diert f\u00fcr eine \u00dcberordnung der Ethik \u00fcber die Politik. Wie stehen Sie dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Dr. mult. Robert Spaemann: Nun ja, den zunehmenden Wertrelativismus stoppen, stoppen sie einmal irgendeine Art von Denken, wie macht man das? Nur so, dass man selbst anders denkt. Wenn man einmal eingesehen hat, dass der Wertrelativismus etwas ist, was wir letztendlich alle nicht w\u00fcnschen k\u00f6nnen, dann werden wir eben anders denken. Wenn die Leute sagen, die Nationalsozialisten hatten eben andere Werte als wir, als sie Auschwitz zulie\u00dfen, na gut, das ist gegen unsere Werte, aber das waren damals die Werte und das eine ist so gut wie das andere, dann emp\u00f6rt sich aber doch etwas in uns dagegen. Den konsequenten Wertrelativismus denken nur wenige Menschen. Es geht nicht um eine \u00dcber- und Unterordnung. Das Ethische existiert \u00fcberhaupt nicht mehr, wenn man es nicht als den letzten g\u00fcltigen Ma\u00dfstab betrachtet. Wenn man also sagt, na ja, das ist zwar ganz schlecht und eine Gemeinheit und eine Verr\u00e4terei, aber politisch gesehen, ist das richtig, m\u00fcssen wir das jetzt machen? Dann w\u00fcrde ich sagen, nein, das kann nur zu einer katastrophalen Politik f\u00fchren, wenn die Politik nicht immanente Grenzen hat. Der Offizier, der nicht pl\u00fcndern wollte, ist ein Beispiel daf\u00fcr. Es sind nicht die Moralisten, die den Politikern sagen, was sie tun sollen. Vielmehr m\u00fcssen die Politiker selbst ihre moralischen Ma\u00dfst\u00e4be mit ihrer Politik verbinden; und was hei\u00dft ihre moralischen Ma\u00dfst\u00e4be, das hei\u00dft: die moralischen Ma\u00dfst\u00e4be, denn es gibt nicht beliebige verschiedene Moralen, oder wenn es sie gibt, dann sind sie nicht gleichwertig. Eine Ethik, die darauf verzichtet, der letzte Ma\u00dfstab zu sein, an dem alles gemessen werden muss, die hat ganz abgedankt. Eine Ethik, die diesen Anspruch nicht erhebt, existiert als Ethik \u00fcberhaupt nicht mehr.<br \/>\n<strong><br \/>\nK\u00f6nnen Sie nochmals den Begriff vom Futurum exactum erkl\u00e4ren, der eine zentrale Rolle bei Ihrem \u201eletzten Gottesbeweis\u201c spielt?<\/strong><\/p>\n<p>Was ich dort ausf\u00fchrlicher behandelt habe, kann ich nicht in wenigen Worten wiederholen, aber ist versuche es. Mein Gedankengang ist einfach der: die Tatsache, dass wir beide jetzt, heute am Montagmorgen, ein Gespr\u00e4ch \u00fcber solche Fragen f\u00fchren, dies ist eine Tatsache, die ewig ist, das hei\u00dft: wir werden immer dieses Gespr\u00e4ch gef\u00fchrt haben. Es wird nicht irgendwann einmal der Zeitpunkt eintreten, wo die Welt untergegangen, dem W\u00e4rmetot zum Opfer gefallen ist, wo man dann sagt, ja, dann ist es auch nicht mehr wahr, dass wir heute hier gesprochen haben. Das ist Unsinn. Den Gedanken k\u00f6nnten wir gar nicht denken. Das etwas, was jetzt wirklich ist, irgendwann einmal \u2013, ja wir k\u00f6nnen denken, dass es irgendwann einmal vergessen ist, nat\u00fcrlich, dass seine Spuren getilgt sind \u2013, dass, das was irgendwann einmal nicht mehr gewesen ist, das k\u00f6nnen wir nicht denken. Wir m\u00fcssen also zum Pr\u00e4sens immer das Futurum exactum dazu denken, es ist und es wird gewesen sein. Und nun stelle ich die Frage, welchen ontologischen Status hat dieses Gewesen-Sein und meine Antwort ist: es hat keinen, wenn es nicht ein absolutes Bewusstsein gibt, in dem alles, was geschieht aufgehoben ist. Wenn es das nicht gibt, also wenn es Gott nicht gibt, dann m\u00fcssen wir diesen unsinnigen Gedanken denken, dass das, was da ist, irgendwann einmal nicht mehr gewesen sein wird. Wie gesagt, das ist die Abdankung der Vernunft, und Nietzsche hat ganz richtig gesehen, dass die Abschaffung der Gottesidee gleichbedeutend ist mit der Abschaffung des Wahrheitsanspruchs der Vernunft, also mit der Abdankung der Vernunft.<br \/>\n<strong><br \/>\nHat der \u201eLetzte Mensch\u201c, von dem Nietzsche im \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c spricht, noch eine Chance? Was k\u00f6nnen Sie jungen Menschen in einer Welt des anything goes raten?<\/strong><\/p>\n<p>Der letzte Mensch von dem Nietzsche spricht, ist in seinen Augen etwas ganz Negatives. Der letzte Mensch ist der Mensch, der wie der Erdfloh am l\u00e4ngsten lebt. Dies ist der Mensch, der ein wenig arbeiten, sich ein bi\u00dfchen am\u00fcsieren will, ein wenig Drogen konsumieren m\u00f6chte, aber nicht so viel, damit dies der Gesundheit nicht schadet. Nietzsche gibt also ein Bild vom letzten Menschen, f\u00fcr den es nichts mehr gibt, was einen unbedingten Wert hat. Die letzten Menschen sagen \u201eWas ist Liebe\u201c, Was ist Stern\u201c, aber diese Begriffe sind f\u00fcr sie nur Worte hinter denen gar nichts steht. Man muss sich am\u00fcsieren \u2013 das ist alles. Und auf die Frage: Hat der \u201eLetzte Mensch [\u2026] noch eine Chance\u201c, so muss man sagen, dass er eine sehr gro\u00dfe Chance hat. Dies ist bereits bei Nietzsche so. Zarathustra schildert der Menge diesen letzten Menschen und er will ihnen ein abschreckendes Bild geben. Doch die Menge schreit: Zarathustra \u2013 gib uns diesen letzten Menschen, wir schenken dir den \u00dcbermenschen. Die Mehrzahl der Menschen will ja gar nichts anderes als diesen letzten Menschen. Und insofern hat er gro\u00dfe Chancen. Und auf die Frage \u201eWas k\u00f6nnen Sie jungen Menschen in einer Welt des anything goes raten?\u201c Ich w\u00fcrde sagen, ich kann ihnen nur raten: h\u00f6rt zuerst auf eure eigene innere Stimme, wenn ihr einmal eine wirkliche Liebe erlebt, denn k\u00f6nnt ihr gar nicht so denken, denn diese hat ihre strenge Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit und sie ist etwas Unbedingtes. Und lasst euch von diesem prim\u00e4ren Impuls, dieser prim\u00e4ren Einsicht, leiten, vertraut auf euch selbst, lasst euch nicht alles einreden. Heute hat der Mensch, die Menschlichkeit des Menschen, nur noch eine Chance, wenn Menschen bereit sind, selbst zu denken. Aber selbst denken hei\u00dft wirklich selbst denken und nicht das glauben, was uns unter dem Wort Selbstdenken verkauft wird. Denn dies ist ja ein gro\u00dfer Betrug, dass man den Menschen einredet, ihr m\u00fc\u00dft selbst denken, ihr m\u00fc\u00dft die und die Autorit\u00e4ten st\u00fcrzen. Denn es k\u00f6nnte ja auch sein, dass das Selbst-denken dazu f\u00fchrt, dass man bestimmte Dinge nicht st\u00fcrzt.<br \/>\n<strong><br \/>\nAuch in Zukunft wird wieder \u00fcber die Zulassung der Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID) diskutiert werden, durch einen knappen Entscheid auf dem CDU-Parteitag wurde am Verbot der PID in Deutschland vorl\u00e4ufig festgehalten. Ist mit einem m\u00f6glicher Zulassung der PID die B\u00fcchse der Pandora endg\u00fcltig ge\u00f6ffnet?<\/strong><\/p>\n<p>Na ja, was hei\u00dft hier endg\u00fcltig? Es gibt immer noch so einige F\u00e4cher in dieser B\u00fcchse, die noch immer ge\u00f6ffnet werden k\u00f6nnen. Gew\u00f6hnlich sagt man, wenn man A gesagt hat, muss man auch B sagen. Aber ich halte das f\u00fcr ganz falsch. Es gibt Leute, die sagen A und vor dem B erschrecken sie dann doch. Und dann w\u00fcrde ich hervorheben: vielleicht gibt es ja doch noch eine andere M\u00f6glichkeit \u2013 statt zu sagen, du musst jetzt B sagen, weil du A gesagt hast. Es gibt noch die M\u00f6glichkeit A zu revidieren, weil aus A B folgt und deshalb kann A auch nicht richtig sein. So ist des mit der Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID). Es ist in der Tat so, dass die Zulassung der T\u00f6tung von Embryonen unter dem Gesichtspunkt gesundheitlicher Selektion, dass das tats\u00e4chlich einen katastrophalen Weg er\u00f6ffnet, auch sp\u00e4ter noch die Selektion vorzunehmen. Es gibt hier viele Inkonsequenzen. Wenn jemand eine richtige Entscheidung getroffen hat, dann soll man dem w\u00fcnschen, dass er konsequent bleibt, wenn er eine falsche getroffen hat, dann kann man nur w\u00fcnschen, dass er inkonsequent ist.<br \/>\n<strong><br \/>\nWorin sehen Sie die Wurzeln einer Gesellschaft, die immer nach dem Machbaren strebt?<\/strong><\/p>\n<p>Im Wesen des Menschen. Der Mensch ist eigentlich durch zwei Grundimpulse bestimmt. Das eine ist der Impuls, die Natur zu beherrschen, das Machbare zu machen, um sich auf diese Weise in der Welt selbst zu behaupten. Denn der Mensch ist ein M\u00e4ngelwesen, der sehen muss, wie er \u00fcberlebt. Und dieser Wunsch zu \u00dcberleben f\u00fchrt zum Streben nach dem Machbaren. Es gibt aber noch einen anderen Impuls, parallel zu diesem, und das ist der Impuls, sich in der Welt beheimatet zu wissen, die Welt nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Objektes unserer Herrschaft zu sehen, sondern unter dem Gesichtspunkt, dass andere Wesen auf irgendeine Weise uns \u00e4hnlich sind. Auch ein Tier hat Schmerzen, wenn auch die Cartesianer dies nicht wahrhaben wollen, weil das nicht in ihr Schema Subjekt\/Objekt passte. Hierf\u00fcr muss man n\u00e4mlich einen Begriff des Lebens haben. Beide Impulse geh\u00f6ren zum Menschen; aber wir erleben heute eine Hypertrophie des Strebens nach dem Machbaren. Alles wird zum Objekt und damit wird der Mensch sich selbst auch zum Objekt. Und er wird schlie\u00dflich, wenn er sich den Anthropomorphismus in der Betrachtung der Natur verbietet, selber zum Anthropomorphismus, weil er selbst auch zur Natur geh\u00f6rt. Also diese Wurzeln dieses Strebens nach dem Machbaren liegen sehr tief im Wesen des Menschen verankert. Aber man muss sehen, dass dieser Trieb, wenn er sich einfach emanzipiert von dem anderen, dass er dann zu einer unmenschlichen Welt f\u00fchrt.<br \/>\n<strong><br \/>\nWas k\u00f6nnte aus Ihrer Sicht Jonas` Gottesbegriff nach Auschwitz entgegengestellt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, warum muss man dem etwas entgegenstellen? Was w\u00fcrden Sie denn als den entscheidenden Punkt von Jonas\u2019 Gottesbegriff ansehen?<br \/>\n<strong><br \/>\nIch denke an einen deistischen Gottesbegriff, der letztendlich, nach Auschwitz, in einer negativen Theologie kulminiert. Nach Auschwitz m\u00fcsse man Gott, so Jonas, seine Attribute absprechen, er hat sich in die Verborgenheit zur\u00fcckgezogen, statt Gottesn\u00e4he nunmehr Gottesferne.<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke nach Auschwitz gibt es keinen anderen Gottesbegriff als vor Auschwitz. Auschwitz ist nur die gigantische Vergr\u00f6\u00dferung eines Problems, das man schon hat, wenn ein Kind von einem B\u00f6sewicht zu Tode gequ\u00e4lt wird. Da haben sie dasselbe Problem wie Auschwitz, wo das millionenfach geschehen ist. Aber wenn es einmal geschieht, ist das Problem genau das gleiche. Und insofern erlaubt uns Auschwitz die Frage noch klarer zu stellen, noch dringlicher zu stellen, aber etwas Neues ist es nat\u00fcrlich nicht gegen\u00fcber dem, was ich eben nannte. Die Frage, die dann in Bezug auf Gott auftaucht, die endet so wie das \u201eBuch Hiob\u201c. Die Frage an Gott bleibt zun\u00e4chst einmal unbeantwortet. Die Gl\u00e4ubigen haben immer gesagt, die Wege Gottes sind uns verborgen. Es gibt Gr\u00fcnde am Gedanken Gottes festzuhalten. Der christliche Glaube sagt, dass alle Tr\u00e4nen getr\u00f6stet werden. Am Ende Sorge machen muss man sich um die Seele der T\u00e4ter, wenn die nicht eine radikale Wende machen, dann sind wir verloren. Die Opfer von Auschwitz sind nicht endg\u00fcltig verloren. Aber das ist es, was der Glaube sagt; und nur er sagt es vor Auschwitz und er sagt es nach Auschwitz. Mich hat es tief bewegt, als der Papst in Auschwitz war und dann ganz spontan ein Gebet sprach. Ich wei\u00df, dass er es spontan sprach und nicht vorher fixiert hat und da einfach die gro\u00dfe Warum-Frage an Gott richtete, ohne eine Antwort zu geben. F\u00fcr den Gl\u00e4ubigen, auch f\u00fcr den gl\u00e4ubigen Juden, ist es letztendlich keine Ersch\u00fctterung seines Gottesbegriffs. Es gibt einen Fund einer Aufzeichnung von einem Juden, der auch sp\u00e4ter umgebracht wurde, der dort zu Gott sagt: Gott, du kannst machen was du willst, du wirst es nicht schaffen, dass wir aufh\u00f6ren an dich zu glauben und dich zu lieben.<\/p>\n<h1>Im Gespr\u00e4ch mit Bernhard Vogel<\/h1>\n<p><strong>Herr Prof. Dr. Vogel, wie sehen Sie derzeit als Politiker den Stand Ihrer Partei?<\/strong><\/p>\n<p>Im Augenblick mit einer gewissen Gelassenheit, weil sie im Gegensatz zur Konkurrenz relativ eindeutig ihren Standort gefunden hat und von diesem her Politik betreibt. Dies kann sich jedoch morgen auch wieder \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Warum sind Ihrer Meinung nach 2010 so viele Ministerpr\u00e4sidenten aus dem Amt zur\u00fcckgetreten und auf lukrative Wirtschaftsposten gewechselt? Ist etwas dran an der Null-Bock-CDU?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, das ist ein Zusammentreffen v\u00f6llig unterschiedlicher Gr\u00fcnde und Anl\u00e4sse gewesen. Und hier mu\u00df man sich von einem zu raschen Urteil h\u00fcten. In einem Fall hat ein Ministerpr\u00e4sident die Wahl verloren und daraus verst\u00e4ndlicherweise die Konsequenz gezogen. In einem anderen Fall hat ein Ministerpr\u00e4sident erkannt, da\u00df er nicht mehr der geeignete Spitzenkandidat f\u00fcr die n\u00e4chste Landtagswahl sein w\u00fcrde und daraus die Konsequenz gezogen. In einem dritten Fall ist ein Ministerpr\u00e4sident zum Bundespr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt worden; dies kann man ja wahrhaftig nicht als R\u00fcckzug oder als Flucht empfinden. Im \u00dcbrigen begr\u00fc\u00dfe ich es, wenn in Deutschland der Wechsel von Politik zu Wirtschaft, von Wirtschaft zu Politik, auch \u00fcbrigens von Wissenschaft zu Politik, selbstverst\u00e4ndlicher w\u00fcrde als das bisher der Fall gewesen ist, in Amerika ist das die Regel.<\/p>\n<p><strong>Hat sich das W\u00e4hlermilieu der CDU ver\u00e4ndert? Wie christlich ist die Union?<\/strong><\/p>\n<p>Das W\u00e4hlermilieu hat sich selbstverst\u00e4ndlich ver\u00e4ndert, die W\u00e4hler haben sich ver\u00e4ndert, und auch der Bezug der Union zum Christentum hat sich insofern ver\u00e4ndert, als die W\u00e4hler der CDU vor f\u00fcnfzig Jahren \u00fcberwiegend aus regelm\u00e4\u00dfigen Kirchenbesuchern bestanden. Heute ist die Mehrheit der Mitglieder der beiden christlichen Kirchen nicht mehr sonnt\u00e4glicher Kirchenbesucher. Folglich hat sich auch das W\u00e4hlermilieu ver\u00e4ndert, aber geblieben ist die Programmatik der CDU, das eindeutige Bekenntnis zum christlichen Menschenbild und zum Kernsatz des Grundgesetztes \u2013 \u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u201c<\/p>\n<p><strong>Nach Ihrem R\u00fccktritt als Ministerpr\u00e4sident in Rheinland-Pfalz haben Sie ihre sp\u00e4tere R\u00fcckkehr in das Amt hier in Th\u00fcringen dann als Genugtuung empfunden?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00dcbernahme der Verantwortung hat das nicht die geringste Rolle gespielt, sondern hier galt es aus der einmaligen historischen Situation heraus sich zu entscheiden und zu handeln. Da\u00df dann sp\u00e4ter, nach Jahren, auch ein St\u00fcck Genugtuung \u2013 nachdem doch ziemlich sch\u00e4ndlichen Abschied in Rheinland-Pfalz \u2013 vorhanden gewesen ist, will ich nicht leugnen.<\/p>\n<p><strong>Was hat Sie prim\u00e4r daran gereizt, 1992 nach Th\u00fcringen zu kommen?<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00dcberzeugung, da\u00df ich das Gl\u00fcck hatte sechzig Jahre auf der Sonnenseite Deutschlands, in Westdeutschland, zu leben. So war es selbstverst\u00e4ndlich, jetzt den Menschen in der DDR zu helfen, die es nach dem Zweiten Weltkrieg viel schwerer als wir Westdeutschen hatten. Wenn diese Menschen Hilfe ben\u00f6tigten und erbaten, dann mu\u00dfte man bereit sein, diese im Rahmen der eigenen M\u00f6glichkeiten auch zu leisten.<\/p>\n<p><strong>Wie beurteilen Sie \u00fcber 20 Jahre nach dem Fall der innerdeutschen Grenze die Lage im Land? Sehen Sie im Osten wie Arnulf Baring eine demoralisierte Gesellschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Davon kann keine Rede sein, schon gar nicht in der jungen Generation. Zwanzig Jahre nach dem Fall der innerdeutschen Grenze treten wir in eine Phase der Normalisierung ein, mit allen M\u00fchen der Ebene, mit allen Sorgen und Problemen die dazugeh\u00f6ren, aber auch mit der gegl\u00fcckten Ankunft Deutschlands in normalen Verh\u00e4ltnissen. Nach dem Abschied von der schrecklichen Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft auf der einen Seite und der Zeit der deutschen Teilung nach 1945 auf der anderen.<\/p>\n<p><strong>Viele ostdeutsche Bundesb\u00fcrger kritisieren die Politik, sind politikverdrossen, gehen nicht w\u00e4hlen, f\u00fchlen sich bevormundet; eine Vielzahl w\u00fcnscht sich gar die Mauer zur\u00fcck. Empfinden Sie sich bei solcher Rede ungerecht behandelt?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst beunruhigt mich in der Tat vorhandene Politik- und auch Politikerverdrossenheit in West wie in Ost. Sie hat Gr\u00fcnde, im \u00dcbrigen nicht nur bei den Parteien und den Politikern, dort auch, aber auch darin, da\u00df insgesamt die Menschen heute vor einer Mitgliedschaft in den Gewerkschaften, in den Sportverb\u00e4nden, in anderen Organisationen, ja auch in den christlichen Kirchen eher Zur\u00fcckhaltung \u00fcben, ihre Dienste zwar in Anspruch nehmen, aber viel weniger wie fr\u00fcher bereit sind, selbst dort, und sei es auch nur ehrenamtlich, t\u00e4tig zu werden. Davon, da\u00df viele Menschen in Ostdeutschland sich die Mauer zur\u00fcckw\u00fcnschen, kann im Ernst keine Rede sein. Richtig ist, da\u00df wie immer in der menschlichen Erinnerung gelegentlich eine nostalgische Betrachtung der Vergangenheit um sich greift, die vergi\u00dft, was schlecht gewesen ist.<\/p>\n<p><strong>Wie interpretieren Sie den Linksruck in den neuen Bundesl\u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p>Den kann ich eigentlich nicht sehen. Ich sehe nur, da\u00df es bedauerlicherweise der SPD in den neuen L\u00e4ndern nach 1989 nicht gelungen ist, an ihre alte Position etwa in Sachsen und Th\u00fcringen anzukn\u00fcpfen, da\u00df sie sich sehr schwer getan hat, ein fl\u00e4chendeckendes organisatorisches Mitgliedernetz aufzubauen, und da\u00df ein Teil der W\u00e4hlerschaft der SPD nicht von ihr, sondern von ihrer linken Konkurrentin angesprochen wird.<\/p>\n<p><strong>Gibt es das Ost-Gen, eine spezifische Eigenschaft, die Sie an den B\u00fcrgern hier sch\u00e4tzen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich sch\u00e4tze viele Eigenschaften an den B\u00fcrgern hier. Das ist aber kein Ost-Gen, sondern das ist eine Frucht der erlebten letzten f\u00fcnfzig oder sechzig Jahre, zu denen beispielsweise geh\u00f6rt, da\u00df in den Regionen der DDR, weil man eingesperrt war, weil man sich auch im Land weniger bewegen konnte, mehr gelesen, mehr Musik geh\u00f6rt, mehr Musik gemacht worden ist, man sich mehr mit Geschichte befa\u00dft hat als im Westen. Ein spezielles Gen ist das nicht.<\/p>\n<p><strong>Zwanzig Jahre nach der Wende scheint es, da\u00df sich die Kluft zwischen Ost und West wieder verbreitert. Sehen Sie darin lediglich ein Generationsproblem?<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann nicht sehen, da\u00df die Kluft sich vergr\u00f6\u00dfert, sondern ich habe den Eindruck, da\u00df in den j\u00fcngeren Generation davon keine Rede mehr sein kann und ich beobachte dies an den deutschen Universit\u00e4ten, etwa in Jena, wo der Anteil der Studenten aus Westdeutschland von Jahr zu Jahr steigt. Bei der \u00e4lteren Generation ist das in der Tat ein Problem, das sich vollst\u00e4ndig, wegen der unterschiedlichen Lebenserfahrungen, nicht aufarbeiten l\u00e4\u00dft. Und ich meine, es w\u00e4re mehr Respekt gegen\u00fcber den unterschiedlichen Lebensl\u00e4ufen in West- und Ostdeutschland angebracht.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man dem Dilemma von HARTZ IV in unserer Gesellschaft begegnen?<\/strong><\/p>\n<p>Indem man zun\u00e4chst die Frage beantwortet, ob Hartz IV ein Dilemma ist. Die Reform, die damals von fast allen politischen Kr\u00e4ften im Kern mitgetragen worden ist, war wohl unumg\u00e4nglich notwendig. Da\u00df die Umsetzung M\u00e4ngel und Fehler aufweist, und da\u00df hier Korrekturen notwendig sind, \u00e4ndert nicht die Tatsache, da\u00df Hartz IV im Kern richtig und notwendig geworden ist.<\/p>\n<p><strong>Immer wieder wird den Politikern in j\u00fcngster Zeit vorgeworfen in einer Parallelgesellschaft zu leben. Haben die Kritiker hier recht? Was bedeutet politische Verantwortung f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Es mag sein, da\u00df einige Politiker sich nicht hinreichend M\u00fche geben, die politische Realit\u00e4t des Alltags vollst\u00e4ndig zu erkennen. Politische Verantwortung bedeutet f\u00fcr mich, da\u00df man auf die B\u00fcrger zugeht, da\u00df man zur Kenntnis nimmt, was sie sagen und was sie wollen. Politische Verantwortung bedeutet aber f\u00fcr mich ebenso, da\u00df man den B\u00fcrgern Ziele vorgibt und f\u00fcr die Durchsetzung und Akzeptanz dieser Ziele wirbt.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie einen Lieblingsphilosophen oder -philosophie? Welches war Ihr sch\u00f6nstes Leseerlebnis?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es denn sein mu\u00df, w\u00fcrde ich als Eckphilosophen des Abendlandes \u00fcberhaupt Aristoteles nennen, und was Leseerlebnisse betrifft, die B\u00fccher von Thomas Mann, \u201eBuddenbrooks\u201c, \u201eFelix Krull\u201c, aber auch seine \u201eTageb\u00fccher\u201c.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcnscht sich Herr Prof. Dr. Bernhard Vogel f\u00fcr die n\u00e4chsten zwanzig Jahre nach der Deutschen Einheit?<\/strong><\/p>\n<p>Da\u00df in zwanzig Jahren nicht mehr von Wessis und Ossis, und vielleicht auch nicht so intensiv von \u201eS\u00fcdis\u201c und \u201eNordis\u201c gesprochen wird, sondern da\u00df die Zeit der deutschen Trennung als eine \u00fcberwundene Nachkriegsepoche gesehen wird, und da\u00df man gemeinsam an die L\u00f6sung der dann sicher auch reichlich auf der Tagesordnung stehenden Probleme geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Im Interview mit Petra Roth: Metropolen entscheiden \u00fcber unser \u00dcberleben<strong><br \/>\n<\/strong><\/h1>\n<p><strong>\u2026. eine Reform des F\u00f6deralismus, was haben Sie dabei vor Augen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Petra Roth<\/strong>: Wir sollten uns genau ansehen, ob die Verfasstheit der Bundesrepublik und die Verfasstheit Europas wirklich gut zusammen passen. Da habe ich meine Zweifel. Europa orientiert sich an den Metropolregionen, die Bundesrepublik an den L\u00e4ndern. Nehmen Sie die Metropolregion Frankfurt\/Rhein-Main und das Land Hessen. Die Metropolregion reicht bis Mainz und Aschaffenburg und ist damit ganz anders geschnitten als das Bundesland. Die Wirtschaft orientiert sich an Europa, so sind Handwerker und andere Dienstleister beispielsweise von Frankfurt aus auch in Richtung Baden-W\u00fcrttemberg unterwegs.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt die Metropole?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Petra Roth<\/strong>: Um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern, spielen die Metropolen eine entscheidende Rolle. Nehmen Sie die Energiewende, der nach der Katastrophe von Fukushima politische Priorit\u00e4t zukommt. Sie zu meistern, kann nach meiner \u00dcberzeugung nur von den Metropolen aus gelingen. Unter der Ma\u00dfgabe der Nachhaltigkeit muss Kommunalpolitik, die b\u00fcrgerliche Stadtpolitik sein will, einen Ma\u00dfstab f\u00fcr das eigene Handeln finden.Wenn wir beispielsweise \u00fcber Frankfurt am Main als Green City reden, geht es darum, in der Gewissheit gro\u00dfer Verantwortlichkeit Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr unser an der Zukunft orientiertes kommunalpolitisches Handeln zu entfalten.<\/p>\n<p><strong>Bildung ist immer wieder?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Petra Roth<\/strong>: Bildung hei\u00dft zuallererst: Erziehung zur Nachhaltigkeit. Dauerhaftigkeit l\u00e4sst sich nur schaffen, wenn wir kein Talent verloren geben. Alles andere w\u00e4re gerade im Hinblick auf den demografischen Wandel eine gro\u00dfe Dummheit. Nach pers\u00f6nlichem Leistungsverm\u00f6gen, nach individuellen Interessen und nach bestehenden Potenzialen m\u00fcssen wir Bildungswege skizzieren. Also gilt es, die Familien zu st\u00e4rken. Daf\u00fcr gibt es gerade in St\u00e4dten wie Frankfurt am Main gute Ans\u00e4tze, um Kindertagesst\u00e4tten zu Familienzentren zu machen und Kurse wie \u201eMama spricht Deutsch\u201c anzubieten. In diesem Zusammenhang halte ich es f\u00fcr ein \u00fcberaus lohnendes Unterfangen, \u00fcber Weiterentwicklungen unseres Bildungsangebots nachzudenken. Denn au\u00dfer Frage steht: St\u00e4dte, die wachsen wollen, m\u00fcssen \u00fcber ein ansprechendes Angebot f\u00fcr Ausbildung und Weiterbildung verf\u00fcgen.<\/p>\n<p><strong>Haben wir aus den St\u00e4dten heraus eine Kulturrevolution zu erwarten?<br \/>\n<\/strong><br \/>\n<strong>Petra Roth<\/strong>: Nein, keine Kulturrevolution, wohl aber einen rasanten Wandel, um Antworten auf die klimatische nicht anders als auf die demografische Frage zu finden. So lassen sich f\u00fcr Frankfurt am Main beispielsweise f\u00fcnf strategische Pfade der \u201eNachhaltigen Stadt\u201c skizzieren, die sich in einem Leitbild \u201eFrankfurt 2030\u201c b\u00fcndeln lie\u00dfen: Die internationale B\u00fcrgerstadt Frankfurt am Main bietet ihren B\u00fcrgern eine gute Lebensqualit\u00e4t, sorgt f\u00fcr den Zusammenhalt ihrer B\u00fcrger, macht ein ausgezeichnetes Bildungsangebot, bietet Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr s\u00e4mtliche Branchen und geh\u00f6rt in den Bereichen Kultur und Sport zu den f\u00fchrenden Pl\u00e4tzen in Europa. Zu unseren Leitprojekten zu z\u00e4hlen ist der Kulturcampus Frankfurt, den wir als Modellquartier des 21. Jahrhunderts entwickeln wollen. Arbeiten, Wohnen und Kulturelles sollen dort auf eine Weise zusammengehen, die den Bewohnern und Nutzern ein Vergn\u00fcgen ist. Die Frankfurter, die k\u00fcnftig in diesem energieeffizienten Quartier leben, sollen das Gef\u00fchl haben, gerne dort zu leben. Kultur und Natur, um die sich Forscher im benachbarten Senckenbergmuseum k\u00fcmmern, k\u00f6nnten in dem Viertel eine eigenwillige Auseinandersetzung miteinander finden. Mit diesem Projekt stehen wir vor einer neuen Epoche der Stadtgeschichte. Wenn die Goethe-Universit\u00e4t erst ihren alten Campus verlassen hat, k\u00f6nnten Musiker, T\u00e4nzer, Schauspieler und andere Kulturschaffende eine gewaltige Sogwirkung entfalten, wenn sie sich in dem neuen Quartier ansiedeln. Wir wollen dort ein Modell entwickeln: Als vorbildlicher Stadtteil, als entwicklungsf\u00e4higer Standort f\u00fcr K\u00fcnstler, als \u00f6kologisch wertvolles Quartier. Wir bauen den neuen Campus als entwicklungsf\u00e4higen Standort f\u00fcr K\u00fcnstler. Mit der Musikhochschule, dem Ensemble Modern, den T\u00e4nzern der Forsythe Company und des Mousonturms, den Theaterleuten von Heiner Goebbels, den Kreativen des Frankfurt LAB und den Denkern des Instituts f\u00fcr Sozialforschung schaffen wir ein unvergleichliches Panorama der Kreativit\u00e4t. Mit diesen K\u00fcnstlern versammeln wir die tonbestimmenden Kulturschaffenden unserer Tage, um sie im Sinne einer Bildung zur Nachhaltigkeit zu beanspruchen. Damit unterstreichen wir in Frankfurt unseren Anspruch, Marktf\u00fchrer der zeitgen\u00f6ssischen Kultur zu sein.<\/p>\n<p><strong>\u00d6kologische Modernisierung?<br \/>\n<\/strong><br \/>\n<strong>Petra Roth<\/strong>: Frankfurt strebt an, Green City zu werden. Wir sind auf gutem Wege, dieses Projekt wird uns gelingen, als Hauptstadt des Passivhauses setzen wir europaweit Ma\u00dfst\u00e4be. Gerade bei Projekten dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung kann man aufDauerhaftigkeit nicht verzichten. Doch Kontinuit\u00e4t allein reicht nicht. Nachhaltigkeit braucht auch Impulse, leidenschaftliche Impulse jenseits allen Verwaltungshandelns. Diese Dinge brauchen Anschub unter dem Vorzeichen, auf Dauerhaftigkeit zu zielen.Anschub, der \u00fcber die Grenzen einzelner Ressorts hinweg geht. Anschub aus der Perspektive eines \u00fcber den Dingen stehenden Vogels, der wahrnimmt, an welchen Ecken sich noch L\u00fccken im Netz der Energieversorgung auftun. Zu den Leitprojekten f\u00fcr die Idee \u201eGreen City\u201c geh\u00f6rt die energieeffiziente Sanierung in die Jahre gekommener Siedlungen. Mein Beispiel ist die Heinrich-L\u00fcbke-Siedlung im Stadtteil Praunheim, Frankfurt am Main. Das Quartier stammt aus den 70er Jahren. Diese Siedlung wird k\u00fcnftig ein Modellquartier, in dem wir alteingesessenen Bewohner modernen Wohnraum bieten und den Zuzug in einer um Wohnraum ringenden Stadt attraktiv machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Interview mit Prof. Dr. Julian Nida-R\u00fcmelin \u2013 Die Zukunft der Philosophie<\/h1>\n<p>Die Tabula Rasa hat auf dem XXII. Kongress f\u00fcr Philosophie der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Philosophie mit ihrem Pr\u00e4sidenten, Prof. Dr. Julian Nida-R\u00fcmelin, Staatsminister a. D., gesprochen.<\/p>\n<p><strong>Herr Prof. Nida-R\u00fcmelin: Was kann die Philosophie in Zukunft leisten?<\/strong><\/p>\n<p>Die Geisteswissenschaften sind gegenw\u00e4rtig durch die Reformen an den Universit\u00e4ten unter Druck geraten. Das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich f\u00fcrchte, zumindest sehe ich darin eine Gefahr, dass sich hier eine Entwicklung wiederholt, wie sie aus den USA ziemlich vertraut ist, d. h. dass die harten Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften, aber auch die social <em>sciences<\/em> im Sinne einer harten Wissenschaft sehr stark dominieren, und dass die Geisteswissenschaften eher eine schm\u00fcckende Nebenrolle bekommen. In den USA sind die humanities, gut finanziert, weil sie f\u00fcr das Grundstudium n\u00f6tig sind, aber sie sind hoch ideologisiert, st\u00e4rker als in Europa und in Deutschland, sie sind sehr stark von einer spezifisch postmodernen Sichtweise gepr\u00e4gt. Und sie werden nicht so ernst genommen wie man sich das w\u00fcnscht. In Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland gibt es eine gro\u00dfe geisteswissenschaftliche Tradition, dies ist etwas anderes als die humanities in den USA, was man daran erkennt, dass die Philosophie nicht zu den humanities z\u00e4hlt.<br \/>\nDie Geisteswissenschaften spielen hier in Deutschland, die Geschichtswissenschaft, die Altertumswissenschaft, aber eben auch die Tradition der philosophisch-historischen Forschung eine ganz zentrale Rolle. Hierbei haben Sprachen wie Griechisch, Latein und andere eine ganz wichtige Funktion, was so in den USA nicht angenommen werden kann, weil nur ein geringer Teil der Lehrenden und Lernenden eine Fremdsprache behrrscht.<br \/>\nIch finde diese Tradition einer starken Geisteswissenschaft in Europa, die auch f\u00fcr die kulturellen Einrichtungen, f\u00fcr Museen, Theater, Dramaturgen zum Beispiel, Feuilletondebatten eine Relevanz hat, d\u00fcrfen wir nicht aufgeben. Die jetzigen Reformen haben gewisserma\u00dfen den Fehler wiederholt, den Wilhelm von Humboldt Anfang des 19. Jahrhunderts, aus damals nachvollziehen Gr\u00fcnden gemacht hat, n\u00e4mlich ein Paradigma von Wissenschaft aufzustellen, f\u00fcr Humboldt war das die Philosophie \u2013 bei allem Respekt den er gegen\u00fcber den Naturwissenschaften hatte. F\u00fcr die jetzigen Reformer sind, meist ist ihnen das kaum bewusst, das die &#8222;<em>life sciences&#8220;<\/em> als Paradigma von Wissenschaft. Entsprechend werden die Forschungsevolutionen umgestellt und auch die Kriterien: So werden nur noch englischsprachige Publikationen anerkannt, nur noch Paperpublikationen und keine Buchpublikationen, zumal keine deutsprachigen, von Tagungen und Proceedings ganz zu schweigen. Dass alles legt die Axt an eine gewachsene Wissenschaftskultur, die f\u00fcr die Philosophie von gro\u00dfer Bedeutung ist.<br \/>\nIch muss jedoch ein &#8222;Aber&#8220; hinzuf\u00fcgen. Auf der anderen Seite steht die Philosophie derzeit besser da als manch andere Geisteswissenschaft. Beispielsweise ist die deutsche Indologie weltweit f\u00fchrend \u2013 anerkannterma\u00dfen, trotzdem ist sie massiv unter Druck geraten, muss um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfen. Diese Herausforderung stellt sich f\u00fcr die Philosophie interessanterweise nicht. Im Gegenteil: es scheint so zu sein, dass das \u00f6ffentliche Interesse an normativen Fragen zunimmt, also an Medizinethik, an Gerechtigkeitsfragen, an normativen Fragen der \u00f6kologischen Praxis, an Fragen der internationalen Politik, am Kosmopolitismus, aber auch das Interesse daran, \u00fcberhaupt zu verstehen, was die Wissenschaft, die Einzelwissenschaft, zu einem in sich schl\u00fcssigen Weltbild beitr\u00e4gt. Hier ist also auch die Philosophie gefragt, gerade bei der Interpretation neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse beispielsweise. Wenn man all dies ohne Philosophie versucht, kommt man rasch auf Abwege.<br \/>\nVon daher ist die Philosophie \u2013 im Hinblick auf das \u00f6ffentliche Interesse \u2013 gut aufgestellt. Die Wissenschaftspolitik scheint darauf auch zu reagieren und die Philosophie nicht abzuwickeln. So konnten wir in diesen schwierigen Zeiten beispielsweise in M\u00fcnchen sogar zus\u00e4tzliche Lehrst\u00fchle einrichten.<\/p>\n<p><strong>Wie kann die Philosophie praktisch werden, dass sie konkret im Alltag Eingang findet? Theoretische Reflexion im Rahmen der praktischen Philosophie beispielsweise sind ja noch nicht praxisrelevant, bzw. strukturieren und ver\u00e4ndern den Alltag nicht.<\/strong><\/p>\n<p>Da muss ich erst einmal mit einer Warnung beginnen. Es gibt eine Erwartung, die die Philosophie nicht erf\u00fcllen kann und auch nicht den Eindruck erwecken darf, sie k\u00f6nnte sie jemals erf\u00fcllen. Wenn man zum Beispiel im 14. Jahrhundert Probleme mit anderen Menschen und mit der Gestaltung seines Lebens hatte, oder gar das Gef\u00fchl hatte, eine S\u00fcnde begangen zu haben, ging man zum Priester. Und der Priester gab einem \u2013 stellvertretend f\u00fcr Gott \u2013 eine klare Antwort, entweder indem er die S\u00fcnde vergab oder Strafen auferlegte. Diese jahrhundertealte kulturelle Praxis ist nicht vergessen, viele Menschen w\u00fcnschen sich diese auf irgendeine Weise zur\u00fcck.<br \/>\nF\u00fcr viele, nicht f\u00fcr alle, ist heutzutage aber klar, dass die Kirchen diese Rolle nicht mehr wahrnehmen k\u00f6nnen, weil diese nicht besonders qualifiziert erscheinen, moralisch schwierige Fragen zu beantworten. Dies zeigte sich beim Mi\u00dfbrauchsskandal und bei der Hilflosigkeit damit angemessen umzugehen, aber auch bei der Frage nach dem Kondomverbot in Zeiten von Aids.<br \/>\nIn dieser Situation kommt nun die Erwartung auf, dass es eine Instanz geben m\u00fcsse \u2013 und dies sei die Philosophie. Davor warne ich. Die Philosophie darf nicht die Rolle des Priesterstandes vergangener Zeiten \u00fcbernehmen, sie ist selber pluralistisch aufgestellt. So gibt es Gentechnikbef\u00fcrworter und -gegner, Bef\u00fcrworter von PID und -gegner \u2013 das h\u00e4ngt zum Teil eng mit weltanschaulichen Pr\u00e4gungen zusammen. Es gibt nicht die eine Theorie in der Philosophie, die alle diese Dinge und Fragen restlos kl\u00e4rt. Die spezifische Kompetenz der Philosophie ist logische, gedankliche, begriffliche Klarheit, d.h. sie kann zum Beispiel \u2013 um beim Thema PID zu bleiben \u2013 darauf hinweisen, das es nicht logisch ist, dass man die Menschenw\u00fcrde an den Beginn stellt, also die befruchtete Eizelle vom ersten Tag schon mit W\u00fcrde und mit allem was dazugeh\u00f6rt ausstattet und zur gleichen Zeit der Meinung ist, dass eine Verh\u00fctung mit Hilfe der Spirale (die die befruchtete Eizelle an der Nidation hindert) moralisch unproblematisch ist. Wenn diese Praxis legitim, moralisch unbedenklich ist, kann es nicht sein, dass am ersten Tag nach der Befruchtung der Eizelle schon die volle Menschenw\u00fcrde vorhanden ist. Hier muss man aus logischen Gr\u00fcnden insistieren, sich f\u00fcr das eine oder f\u00fcr das andere zu entscheiden, beides nebeneinander anzunehmen, geht nicht. Wie der Status der befruchteten menschlichen Eizelle nun am Ende ist, kann die Philosophie \u2013 auf sich gestellt \u2013 allein nicht kl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Was haben wir unter einem Humanismus als Leitkultur zu verstehen? Was sind Elemente dieses neuen Humanismus, Werte und Normen?<\/strong><\/p>\n<p>Dies war ein provokativer Titel eines Buches von mir, der 2006 bei C.H. Beck erschienen ist. Einst war ich mit diesem Titel des Buches nicht gl\u00fccklich, unterdessen stehe ich voll dahinter.<br \/>\nEs ist ein Irrtum zu meinen, dass allein Rechtstreue ausreicht, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Nat\u00fcrlich wird diese Gesellschaft durch ein gemeinsames Ethos, eine gemeinsame Praxis zusammengehalten. Da gab es, eine der wenigen Punkte eines inhaltlichen Dissenses mit J\u00fcrgen Habermas, der jedenfalls fr\u00fcher der Auffassung war, Verfassungspatriotismus reicht aus, mehr Verbindlichkeit ist nicht erforderlich.<br \/>\nIch glaube, wenn der allt\u00e4gliche Umgang nicht von der Anerkennung des Anderen, von einer diskriminierungsfreien Anerkennung, gepr\u00e4gt ist \u2013, wenn junge M\u00e4dchen beispielsweise erzogen werden, ihren \u00e4lteren Br\u00fcder und ihrem sp\u00e4teren Mann bedingungslos zu gehorchen, oder wenn Menschen aufstehen, wenn sich ein Farbiger in der Stra\u00dfenbahn neben sie setzt, dann ist dies zwar kein Straftatbestand und keine Rechtsnorm \u2013 ist dies unvereinbar mit einer Demokratie. Und deswegen ist es nicht zutreffend, dass liberalistische Theoretiker, zu denen Rawls und Habermas z\u00e4hlen, meinen, dass die Moralit\u00e4t von der Ethik, von der Lebensform, von den Normen und Werten der Lebensform unabh\u00e4ngig ist. Es gibt einen Zusammenhang.<br \/>\nAllerdings \u2013 die Demokratie ist so aufgestellt, dass dieser Zusammenhang immerhin eine gro\u00dfe Vielfalt, nicht Beliebigkeit, aber ein breites Spektrum von Lebensformen zul\u00e4sst, wenngleich sie nicht jede Lebenshaltung toleriert. Sklavenhaltung im Privaten geht nicht, dies ist eine Verletzung der Rechtsnorm. Der Liberalismus kann sich nicht so aus der Aff\u00e4re ziehen, dass er sagt, in der politischen Sph\u00e4re geht es um andere Dinge, da geht es nicht um moralische Fragen, sondern nur noch um einen besonderen Aspekt n\u00e4mlich den der Gerechtigkeit, dies ist der sp\u00e4te Rawls. Es geht um viel mehr. Die Demokratie hat Wahrheitsanspr\u00fcche, Demokratie und Wahrheit, ein anderer Buchtitel von mir nicht zuf\u00e4llig so gew\u00e4hlt. Wenn wir nicht fest davon \u00fcberzeugt sind, dass Menschen Rechte haben, unabh\u00e4ngig davon, ob diese Rechte akzeptiert sind, unabh\u00e4ngig davon, ob man zu einer Gemeinschaft geh\u00f6rt, die diese Rechte kulturell entwickelt hat, haben wir gro\u00dfe Probleme, denn dann kann man beispielsweise gar nicht mehr kritisieren, wenn zum Beispiel in bestimmten Regionen Afrikas Albinos so schrecklich behandelt werden \u2013 das ist dort ja eine kulturelle Praxis! Oder warum M\u00e4dchen beschnitten werden, um als erwachsene Frauen gelten zu k\u00f6nnen, die M\u00fctter wollen das so! \u2013 was wollte man noch dagegen sagen k\u00f6nnen, wenn man nicht in der Hinsicht moralischer Realist ist und hervorhebt, solche Rechte seien unabh\u00e4ngig von jeweiligen Praktiken, der Anerkennung. Die Demokratie, so mein Vorschlag, ist nichts anderes als die Staatsform, die die Menschenrechte ernst nimmt, einschlie\u00dflich des Rechts auf Zugeh\u00f6rigkeit, auf Gemeinschaft, auf Solidarit\u00e4t, auf kulturelle Entwicklung, nicht nur die individuell-liberalistischen Rechte des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<p><strong>Sie pl\u00e4dieren daf\u00fcr, den Philosophieunterricht in den Schulen zu integrieren. Was erhoffen Sie sich davon konkret? Ethische Fragen und philosophisches R\u00e4sonieren z\u00e4hlen, zumindest unter Sch\u00fclern, nicht gerade zu den Themen, die auf der Agenda ganz oben stehen?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Anomalie, eine deutsche Anomalie. Deutschland ist, der deutsche Sprachraum in Europa, und dies kann man ohne chauvinistischen Unterton betonen, f\u00fcr die Philosophie der letzten dreihundert Jahre von zentraler Bedeutung. Es w\u00e4re nicht einmal \u00fcbertrieben zu sagen, dass mehr als die H\u00e4lfte der philosophisch-relevanten Literatur von deutschen Autoren geschrieben wurde. Dies beginnt mit Wolff und Leibniz, mit Kant und seiner Schule, mit Fichte, Schelling, Hegel, mit den Neukantianern des 19. Jahrhunderts, mit der Ph\u00e4nomenologie, mit Husserl, Weber, Heidegger, Wittgenstein. Aber auch mit Gottlob Frege, einer der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der analytischen Philosophie, ist ein deutsprachiger Autor, der Wiener Kreis ist deutsprachig. Viele von diesen Intellektuellen und Juden sind in der Nazizeit in die USA emigriert. Die USA war jahrzehnte lang durch diese deutschsprachigen Emigranten gepr\u00e4gt. Carnap wurde \u00fcber einige Jahrzehnte zur Zentralfigur der amerikanischen Philosophie, ein \u00d6sterreicher von Herkunft, aber auch sein Gegenspieler Karl Popper \u2013 vergleichbar wichtig in der Wissenschaftstheorie. Die Ostk\u00fcstenintellektuellen haben, zum gro\u00dfen Teil europ\u00e4ischer, deutsprachiger Provenienz, viele Juden darunter, zu einem Heraustragen von Impulsen, die aus dem deutschsprachigen Raum in die Weltphilosophie gekommen sind, wesentlich beigetragen.<br \/>\nVor diesem Hintergrund ist es \u00fcberhaupt nicht zu begreifen, es ist eine deutsche Anomalie, dass die Philosophie, die f\u00fcr die deutsche Kulturgeschichte so zentral ist, dass diese Philosophie in den Schulen eine so beklagenswerte Randrolle spielt. Das ist im gesamten lateinischen Sprachraum anders. Die Philosophie ist in Frankreich genauso wichtig wie Mathematik oder Franz\u00f6sisch, in Italien ist sie ein zentrales Fach in den Schulen. S\u00fcdamerika, Argentinien, Brasilien \u2013 \u00fcberall dort spielt die Philosophie eine zentrale Rolle in den Bildungseinrichtungen. Dies erkl\u00e4rt vielleicht, warum wir hier in Deutschland in \u00f6ffentlichen Debatten oft ein Zugangsproblem haben, man kennt das nicht so wie in Frankreich, Italien, Spanien aus dem Schulunterricht, auch in den slawischen L\u00e4ndern spielt die Philosophie \u00fcbrigens eine gr\u00f6\u00dfere Rolle.<br \/>\nDas muss man dringend korrigieren, nicht um ein weiteres Fach dazuzuf\u00fcgen, die F\u00e4chervielfalt ist schon schwierig genug unter einen Hut zu bringen, sondern um eine Disziplin an den Schulen zu etablieren, die genau das leistet, was Bildungsforscher fordern, die Integration. Wir haben eine Desintegration durch den getakteten Dreiviertelstundenunterricht, die Sch\u00fcler bekommen den falschen Eindruck, dass alles unabh\u00e4ngig voneinander ist. Dabei h\u00e4ngt alles zusammen \u2013 die Philosophie als Denkschule, als Argumentationslehre, als Logik. Sie ist mehr als nur eine Disziplin, die das Vergangene wachh\u00e4lt, dergestalt etwa, dass man gemeinsam die Klassiker auslegt, sondern eine Disziplin, wo es um ethische Fragen, um Fragen der Rationalit\u00e4t, um Fragen der Erkenntnis geht.<br \/>\nMein Eindruck aus der Praxis heraus ist, dass die Jugendlichen \u2013 und insbesondere auch die Kinder \u2013 sehr stark an philosophischen Fragen interessiert sind. Ich habe das Experiment an einer Grundschule \u2013 vor mehr als 90 Sch\u00fclern \u2013 gemacht. Dort f\u00fchrte ich zum Beispiel ein philosophisches Gespr\u00e4ch unter dem Thema \u201eWarum wir nicht alles d\u00fcrfen, was wir wollen\u201c. Man muss die Kinder anschauen und sie ernst nehmen, Souver\u00e4nit\u00e4t und Ruhe ausstrahlen; ganz im sokratischen Sinn gilt es das hervorzuholen, was schon da ist. Die M\u00e4eutik ist die beste p\u00e4dagogische Praxis, was auch f\u00fcr nicht philosophisch gebildete, aber interessierte Erwachsene gilt. Dabei kommen in der Regel alle philosophischen Fragen ganz von allein im Gespr\u00e4ch zum Vorschein.<\/p>\n<p><strong>Bankenkrise, Wirtschaftskrise \u2013 Sie sprachen bereits 2008 vom Ethos der Nachhaltigkeit. Welche Regeln muss es f\u00fcr das \u201ereale Monopoly\u201c geben, die regulierend eingreifen?<\/strong><\/p>\n<p>Auch hier spielt die Philosophie eine zentrale Rolle. Aus der Besch\u00e4ftigung mit diesem Thema ist ein Buch entstanden, das in diesen Tagen auf den Markt kommt, die \u201eOptimierungsfalle&#8220;. Darin geht es um eine Philosophie einer humanen \u00d6konomie. Ich bin nicht so blau\u00e4ugig anzunehmen, dass allein eine andere Einstellung, eine anders motivierte Praxis ausreicht. Nat\u00fcrlich braucht es Institutionen, Regeln, braucht auch Regulierung auf den Weltfinanzm\u00e4rkten, dennoch bin ich der festen \u00dcberzeugung, dass ein wesentlicher Teil dieser Weltfinanzkrise, auch was uns m\u00f6glicherweise jetzt noch bevor steht, damit zusammenh\u00e4ngt, dass sich die \u00d6konomie als System aus allen kulturellen und moralischen Kontexten zunehmend, vor allem die Weltfinanzm\u00e4rkte, herausgel\u00f6st \u2013 oder zumindest versucht hat sich herauszul\u00f6sen.<br \/>\nUm ein konkretes Beispiel zu nehmen, das derzeit vor vielen Gerichten verhandelt wird und daher nicht uninteressant ist: Sie gehen zu einem Bankschalter und bitten als ganz normaler B\u00fcrger um Beratung, wie ihr Geld mit einem gewissen Zinsertrag angelegt werden kann. Sie bekommen eine Auskunft: Und hier m\u00fcssen sie davon ausgehen k\u00f6nnen, dass diese erstens wahrhaftig ist, dass die Person, die ihnen die Auskunft gibt, das glaubt, was sie sagt und nicht nur danach Auskunft gibt, was sie als Belohnung erh\u00e4lt, wenn es zum Vertragsabschlu\u00df kommt. Zweitens muss das, was gesagt wird \u00fcbereinstimmen mit dem, was am Ende im Kleingedruckten steht. Niemand kommt in einer humanen \u00d6konomie auf die Idee, dass man jeden Nebensatz lesen und zum Anwalt laufen und sich beraten lassen muss, was dort drin steht \u2013 wenn man also damit einverstanden ist, geht man davon aus, dass das, was gesagt wurde mit dem Vertragsinhalt \u00fcbereinstimmt. Das ist aber offenkundig nicht selbstverst\u00e4ndlich. Deswegen wird gegenw\u00e4rtig in Tausenden von F\u00e4llen vor Gericht gestritten.<br \/>\nDas hei\u00dft aber: Grundregeln der menschlichen Verst\u00e4ndigungspraxis, Wahrhaftigkeit, Vertrauen, Verl\u00e4\u00dflichkeit sind systematisch verletzt worden und zwar mit zunehmender Tendenz. Von \u00e4lteren Bankern h\u00f6rt man oft, dass es einen Generationswechsel gegeben hat \u2013 mit Hinblick auf das Ethos des anst\u00e4ndigen Kaufmanns. Dieses Ethos war f\u00fcr diese Generation noch unverzichtbar gewesen \u2013 f\u00fcr eine neue Generation aber, die anderes sozialisiert wurde, ist dies nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich.<br \/>\nEs ist eine Illusion zu meinen, man k\u00f6nnte alles rechtlich regeln. Man kann viel rechtlich regeln, aber wie schwierig dies ist, zeigt sich zum Beispiel beim Strafrecht. Wir als Normalb\u00fcrger kennen die Bestimmungen des Strafrechts nicht, nur ganz wenige vielleicht. Wir verhalten uns im Alltag anst\u00e4ndig nicht deswegen, weil wir bef\u00fcrchten, eine bestimmte Norm im Strafrecht zu \u00fcbertreten und deswegen bestraft zu werden. Dennoch brauchen wir das Strafrecht, weil es gen\u00fcgend Menschen geben w\u00fcrde, die Regeln verletzten, und andere, die dann davon betroffen und in ihren Rechten verletzt werden, die ihrerseits dann wieder die Rechte anderer verletzen. Man braucht das Strafrecht, aber die Vorstellung, dass das Strafrecht steuert, die prim\u00e4re Steuerungsinstanz ist, ist v\u00f6llig abwegig. Zuerst muss es ein Ethos anst\u00e4ndigen Verhaltens im Alltag geben. Und wir hoffen alle, wenn wir uns anst\u00e4ndig verhalten, dann auch keine strafrechtlichen Normen zu verletzen. Und so \u00e4hnlich ist es mit der \u00f6konomischen Praxis. Gerade im Bankenwesen, in der Finanzkrise 2008 und m\u00f6glicherweise 2011, gab es zu viele unsittliche Vertr\u00e4ge, selbst wenn diese rechtsf\u00f6rmig waren. Es bedarf also institutioneller Regelungen, aber es ist eine Illusion zu meinen, eine humane, \u00f6konomische Praxis funktioniert ohne Tugenden wie Anst\u00e4ndigkeit, Verl\u00e4\u00dflichkeit, Vertrauenskultur und Kooperationsbereitschaft.<\/p>\n<p><strong>Freiheit ist ein zentraler Begriff ihres Denkens. Wohin zu viel Freiheit in der Wirtschaft f\u00fchrt, sehen wir gerade in der globalen Krise. Hatte Hegel eigentlich nicht recht, als er Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit forderte?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, ich glaube Hegel hatte nicht recht. Hegel vertritt eine deterministische Weltsicht, in der das Agieren des Einzelnen eingebettet in gro\u00dfe Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten ist, die die Akteure selbst nicht durchschauen \u2013 die Eigengesetzlichkeit der Geschichte. Bei Karl Marx wird das dann mit den \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen in Verbindung gebracht. Aber ich glaube, beide irren \u2013 beide, sowohl Hegel wie Marx, und die Schulen, die an diesen Personen dranh\u00e4ngen, ob nun Links- oder Rechtshegelianer. Sie alle haben ein gemeinsames Defizit, dass sie das moralische Potential des individuellen Akteurs untersch\u00e4tzen und den einzelnen Individuen viel zu wenig zutrauen, vielleicht auch zumuten. Wenn man wirklich, wie Marx betont, Agent von Klasseninteressen ist, stellt sich keine normative Frage mehr. Es stellt sich im \u00dcbrigen auch die Frage wie Marx, der auch ein Agent von Klasseninteressen ist, \u00fcberhaupt in der Lage sein sollte, eine Theorie zu entwickeln, die dann als Theorie der Arbeiterklasse die Handlungsanleitung geben konnte. Das ist selbstwiderspr\u00fcchlich. Ich glaube in dem Punkt hat eher Kant und nicht Hegel recht. Kant zeichnet ein dualistisches Weltbild, wo a priori und a posteriori sauber getrennt sind \u2013 das sind alles problematische Elemente seiner Theorie. Aber im Kern: Die Vorstellung, dass die Autonomie darin besteht, dass ich als Vernunftwesen in der Lage bin, mir die Regeln zu geben nach denen ich lebe und nur solche Regeln zur Leitschnur nehme, die vereinbar damit sind, dass andere vern\u00fcnftige Wesen Regeln dieser Art sich zur Leitschnur machen, d.h., eine Vereinbarkeit gegeben ist, \u00fcberzeugt mich. Es muss vertr\u00e4glich sein damit, dass andere Wesen in der gleichen Weise Spielr\u00e4ume der Autonomie wahrnehmen und dass ist, glaube ich, nach wie vor der Grundgedanke einer im guten Sinne liberalen Gesellschaft, f\u00fcr eine liberale Gesellschaft, die die Autonomie achtet. Damit die Menschen in gleicher Weise zur Autonomie f\u00e4hig sind, bedarf es bestimmter Voraussetzungen, zum Beispiel gleicher Bildungszug\u00e4nge. Dass f\u00e4llt nicht vom Himmel und stellt sich nicht auf dem Markt ein, weil es dort nur die Unterschiede an Kaufkraft gibt, sondern hier ist der Staat gefordert. Diese Aufgabe des Staates findet sich dann im 19. Jahrhundert bei den Enkeln von Kant, insbesondere bei liberalen Denkern. Auch Wilhelm von Humboldt war ein liberaler politischer Philosoph, der betonte, dass es die Aufgabe des Staates sei \u2013 bis hin zu den Universit\u00e4ten \u2013 Bildung zu finanzieren, weil nur so der Allgemeinheit ein Zugang zur Bildung m\u00f6glich ist. Dies ist hochaktuell. Was wir allerdings gegenw\u00e4rtig erleben, in der aktuellen Bildungsentwicklung, ist genau das Gegenteil, n\u00e4mlich die schrittweise Verabschiedung dieses Ideals eines staatlich garantierten gleichen Zugangs zur Bildung, ohne Geb\u00fchren, ohne dass dabei der Geldbeutel der Eltern ausschlaggebend ist. Dies ist aber das Fundament einer demokratischen Ordnung, einer lebendigen Demokratie \u2013 alle haben die gleichen Zugangsm\u00f6glichkeiten zu Bildungseinrichtungen \u2013 von der Krippe bis zur Hochschule, damit schon die Kinder nicht allein an das famili\u00e4re Milieu gebunden bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Norbert Bl\u00fcm: Wer das Neue will, tr\u00e4gt die Beweislast!<\/h1>\n<p>Interview mit Dr. Norbert Bl\u00fcm, Bundesminister f\u00fcr Arbeit und Sozialordnung a. D., mit der Tabula Rasa, Zeitung f\u00fcr Gesellschaft und Kultur<\/p>\n<p><strong>Herr Dr. Bl\u00fcm, Sie sprechen in Ihrem Buch \u201eEhrliche Arbeit, Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier\u201c von der Liturgie der Globalisierung! Die Rede ist aber auch von der Infantilisierung der Gesellschaft, was ist damit gemeint?<\/strong><\/p>\n<p>Das Herzwort des Neoliberalismus ist das Wort \u201eMehr\u201c und immer \u201eMehr\u201c. Ohne Wachstum ist die neoliberale Welt nicht denkbar. Das ist aber eine kindliche Illusion. Und das Wesen der Erziehung muss es sein, zu lernen, dass die Welt Grenzen sowie das Leben Grenzen hat. Der heutige Finanzkapitalismus ist von der Raffgier erfa\u00dft und hat sich damit von der wirklichen Welt entfernt. Die Finanzm\u00e4rkte \u00fcbertreffen bei weitem die Wertsch\u00f6pfung, sie laufen seit Jahren der Wertsch\u00f6pfung davon, und dies ist ein kindliches Denken, das gerade zusammenbricht.<\/p>\n<p><strong>Sie rechnen in \u201eEhrliche Arbeit\u201c mit dem Finanzkapitalismus ab!<\/strong> <strong>Wie kann man in der modernen Welt sinnvoll gegen den homo oeconomicus k\u00e4mpfen und warum ist die neoliberale Nutzenmaximierung vernunftwidrig? <\/strong><\/p>\n<p>Weil dieser homo oeconomicus eine Kunstgestalt ist, die es gar nicht gibt \u2013 der Mensch h\u00e4lt es nicht aus, immer zu kalkulieren, immer zu rechnen. Liebe, Vertrauen, Solidarit\u00e4t, die besten Sachen, die wir Menschen kennen, haben mit Nutzenmaximierung rein gar nichts zu tun. Wenn einer eine Beziehung angeht, mit der Frage, was er davon hat, soll er gleich damit aufh\u00f6ren. Und insofern befriedigt diese Art von Weltanschauung die tiefen Sehns\u00fcchte der Menschen nicht, sie ist deshalb auch nur von einer beschr\u00e4nkten Lebensdauer. Der Mensch l\u00e4sst sich diese Reduzierung auf Nutzenmaximierung nicht gefallen, ihm gef\u00e4llt es nicht, dass er st\u00e4ndig rechnen muss. F\u00fcr mich ist dieser Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger, zu dem wir ja konditioniert werden, der Prototyp dieser neuen Welt, in der der Mensch st\u00e4ndig die Preise vergleicht. Ein Mensch, der dazu gezwungen ist, morgens drei Stunden fr\u00fcher aufzustehen, um die Preise von Lidl und Aldi zu beobachten \u2013 wir haben doch Besseres zu tun.<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fcher forderten Sie einen Kampf gegen die Vergesellschaftung der Wirtschaft, wie stehen Sie heute dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Man mu\u00df den Spie\u00df umdrehen. Ich habe fr\u00fcher zu recht gegen die Sozialisierung der Wirtschaft gesprochen, also die Vergesellschaft der Wirtschaft, heute mu\u00df ich mich gegen die Verwirtschaftung der Gesellschaft aussprechen. Es gibt kaum noch einen Bereich, der inzwischen nicht von Privatisierung, Deregulierung und Wettbewerb bestimmt wird. Selbst der Kernbereich des Staates ist schon erfasst, es gibt Justizvollzugsanstalten, wo der Strafvollzug privaten Firmen \u00fcbergeben wird. In Amerika gibt es mehr private Macht als staatliche Polizei, im Irak mehr S\u00f6ldner als staatliches Milit\u00e4r. Das sind aber nur Symptome. Alles ger\u00e4t unter das Diktat der Wirtschaft \u2013 selbst die Ehe. Wir reduzieren diese als Lebensabschnittspartnerschaft, weil irgendwann jemand anderes kommen k\u00f6nnte, der noch besser ist, also k\u00f6nnen wir uns nicht festlegen.<br \/>\n<strong><br \/>\n<\/strong><br \/>\n<strong>Welche Aufgabe k\u00f6nnte nach dem Scheitern von Sozialismus und Kapitalismus der Katholischen Soziallehre zukommen?<\/strong><\/p>\n<p>Dort, wo ihr Platz immer war. Gleich weiten Abstand zu halten zwischen Individualismus und Kollektivismus; der Kapitalismus wie der Kommunismus, sie haben nur eine Seite des Menschen im Blick, und die haben sie f\u00fcr das Absolute erkl\u00e4rt, der Kapitalismus \u2013 das Individuum und der Kommunismus das Kollektiv. Die christliche Soziallehre hingegen sieht den Menschen in seiner Ganzheit, in seiner Doppelgesichtigkeit, er ist sowohl Individuum mit individuellen Rechten und Pflichten wie Sozialwesen mit sozialen Rechten und Pflichten. Und diese Balance muss st\u00e4ndig neu eingependelt werden. Im Moment hat die Welt eine Schlagseite zu einem losgelassenen Individualismus und dagegen muss sich die Katholische Soziallehre wenden. Dies beginnt damit, dass sie auch die gro\u00dfen Institutionen des sozialen Lebens st\u00e4rkt, beispielsweise die Familie, die gerade ruiniert wird. Um ein Beispiel zu geben: Nach dem j\u00fcngsten Bundesgerichtshofsurteil soll eine Frau, die bisher halbtags gearbeitet hat, jetzt ganztags arbeiten, um Unterhalt zu erhalten, mit anderen Worten, die Mutter mit Kind soll genauso viel arbeiten wie der Vater ohne Kind. Hieraus l\u00e4sst sich nur schlu\u00dffolgern, dass Erziehungsarbeit offenbar gar keine Arbeit ist. Hier zeigt sich schon sehr deutlich wie die Familie unter die Gesetze des Arbeitsmarktes gestellt wird.<\/p>\n<p><strong>Was verstehen Sie unter der neuen sozialen Verantwortung? Wie soll der k\u00fcnftige Sozialstaat konkret aussehen?<\/strong><\/p>\n<p>Das wichtigste Prinzip, dass wir aktivieren und vitalisieren m\u00fcssen, ist die Subsidiarit\u00e4t, eine gegliederte Gesellschaft also, nicht eine uniformierte. Subsidiarit\u00e4t darf nicht isoliert werden, sonst f\u00fchrt dies zu einem Missverst\u00e4ndnis. Subsidiarit\u00e4t funktioniert nur im Zusammenhang mit der Solidarit\u00e4t. Ohne Solidarit\u00e4t h\u00e4ngt die Subsidiarit\u00e4t in der Luft, die Subsidiarit\u00e4t ist das Kompetenzprinzip der Solidarit\u00e4t. Sie gliedert die Gemeinschaft nach der Vorfahrtsregel \u2013 zuerst die kleineren Gemeinschaften, deshalb f\u00e4ngt Gliederung der Gesellschaft bei der Familie an, deshalb m\u00fcssen wir mehr Sozialversicherungen, nicht staatliche steuerfinanzierte Alterssicherheit und nicht kapitalgedeckte Privatversicherungen f\u00f6rdern \u2013 und auch nicht reine Privatversicherungen. Sozialversicherung also, und die kann selbst verwaltet werden, ohne Tarifautonomie; wir haben die Sozialpartner dezimiert, dies ist ja als Tarifkartell attackiert worden, trotzdem nimmt die Tarifpartnerschaft dem Staat Arbeit ab, sie ist also eine subsidi\u00e4re Einrichtung. Ich will drei Institutionen nennen: Familie, solidarische Sozialversicherung, die selbst verwaltet wird, und Tarifpartnerschaft. Und wenn man an das gro\u00dfe Europa denkt, kann diese Idee nur mit Hilfe des Prinzips der Subsidiarit\u00e4t gelingen. Europa funktioniert weder mit nationalstaatlichem Egoismus noch mit gr\u00f6\u00dftem Zentralismus, sondern nur mit einer gestuften Verantwortung.<\/p>\n<p><strong>Was hei\u00dft, da\u00df die Ordnung der Dinge der Ordnung der Personen untergeordnet werden soll? Was verstehen Sie unter einem Sozialstaat, der auf dem Selbstbewu\u00dftsein der Personen beruht?<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist ein Kernsatz eines gro\u00dfen Konzilsdokumentes \u2013 \u201eGaudium et Spes\u201c. Darin ist die ganze Katholische Soziallehre verdichtetet; n\u00e4mlich dass der Mensch, die Person, wichtiger als irgendeine Sache ist. Am Menschenbild entscheidet sich das Schicksal einer Gesellschaft. Was ist der Mensch? Ist er ein autark-autonomes Wesen, was machen kann, was es will, oder hat es Verantwortung gegen\u00fcber Gott und den Mitmenschen? Also die Person muss wiederum einen gleich weiten Abstand zu Individualismus und Kollektivismus halten, die Person ist der Platzhalter einer Integration des sozialen und des individuellen Wesen des Menschen. Zwar muss die Katholische Lehre einen Beitrag zur Zeit leisten, dar\u00fcber hinaus aber hat sie einen zeitlosen Kern \u2013 die W\u00fcrde der menschlichen Person, und diese W\u00fcrde hat ihren letzten Anker darin, dass sie Abbild Gottes ist, eine h\u00f6here W\u00fcrdigung gibt es gar nicht. Das gilt f\u00fcr alle Menschen dieser Erde, ohne Ausnahme. Dieses Abbildsein, nicht vom Staat, sondern von Gott gegeben, das ist unser st\u00e4rkstes Bollwerk zur Verteidigung des Menschen.<\/p>\n<p><strong>Beispiel Atomkraft! Wo sehen Sie hier die Dialektik der Aufkl\u00e4rung am Werk? <\/strong><\/p>\n<p>Bei diesem Thema habe ich dazugelernt. Ich war immer der Meinung, die Atomkraft sei die Spitzentechnologie der Zukunft, aber nicht erst seit Fukushima muss man dar\u00fcber nachdenken, dass bis heute keine Antwort auf die Frage der Entsorgung gegeben wurde. Wir \u00fcberlassen diese den nachfolgenden Generationen, ohne ihnen daf\u00fcr eine Antwort geben zu k\u00f6nnen. Mit anderen Worten: Wir handhaben etwas, dass wir nicht beherrschen \u2013 und dies halte ich tats\u00e4chlich f\u00fcr Magie, das ist Beschw\u00f6rung. Statt Beherrschung \u2013 Beschw\u00f6rung. Wir haben aber nicht nur Verantwortung f\u00fcr die Lebenden, sondern auch f\u00fcr die k\u00fcnftigen Generationen, wir k\u00f6nnen diesen doch kein M\u00fcll hinterlassen, von dem wir nicht wissen, wie sie diesen entsorgen, hinterlassen.<\/p>\n<p><strong>In Ihrem neuen Buch nehmen Sie immer wieder Bezug zu den unterschiedlichsten Philosophen, Sie haben selbst Philosophie studiert und gelehrt. Haben Sie einen Favoriten, von dem Sie sagen k\u00f6nnten, dessen philosophisches Denken f\u00fcr Ihr Leben und Denken pr\u00e4gend war?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Die Philosophie ist so gro\u00df, dass sie die Wahrheit nie ganz hat, die Wahrheit ihr nicht ganz erscheint. Deshalb n\u00e4hern sich die unterschiedlichsten Philosophien von allen Seiten dem vom uns nie ganz zu erfassenden Begriff der Wahrheit an. Ich w\u00fcrde mich daher weigern, eine Hierarchie aufzumachen. Allerdings gebe ich zu, dass meinem Lebensverst\u00e4ndnis das Denken des Thomas von Aquin in der Nachfolge des Aristoteles entspricht. Thomas von Aquin unterscheidet sich vom platonischen Idealismus mit Aristoteles, dass er die Ideen in den Sachen sucht. Und vom Materialismus unterscheidet ihn, dass die Ideen, das Wesen, unser Telos ist, das, wohin wir uns entwickeln sollen, w\u00e4hrend der Materialismus jede Idee als gestaltgebend abstreitet. Thomas von Aquin bleibt f\u00fcr mich der Vertreter der aristotelischen Mitte.<br \/>\n<strong><br \/>\n<\/strong><br \/>\n<strong>Sie haben bei dem heutigen Papst Benedikt XVI. Theologie studiert! War er ein strenger Lehrer? <\/strong><\/p>\n<p>Nein. Ich habe ihn in Bonn als jungen Theologieprofessor kennengelernt. Dort war er f\u00fcr die Bonner Studenten eine Ausnahmegestalt, weil er mit gro\u00dfer Zartheit die kompliziertesten theologischen Fragen mit sanfter Stimme erkl\u00e4rt hat. Ratzinger kommt selbst ja aus der Tradition des heiligen Augustinus, und dies ist eine Tradition, in deren Mittelpunkt die Liebe steht: \u201eLiebe und dann tue, was du willst\u201c, dies ist der sch\u00f6nste Satz des Heiligen Augustinus\u2019, dies ist kein Satz der Willk\u00fcr, denn richtig voll zu lieben, hei\u00dft Anerkennung des Anderen; Benedikt XVI. ist ein Papst, der von seiner theologischen Herkunft auch starke Br\u00fccken zum Luthertum bauen kann, denn auch Luther war von Augustinus und dessen Gnadenlehre stark beeinflu\u00dft.<\/p>\n<p><strong>\u201eDumm ist der Konservatismus nicht\u201c \u2013 so darf ich Sie zitieren, warum brauchen wir diesen Konservatismus in den Tagen des anything goes, der gro\u00dfen Beliebigkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin von Herkunft und Gem\u00fct gar kein Konservativer, ich habe mich immer als progressiven Menschen verstanden. Ich entdecke nur pl\u00f6tzlich im Alter, dass m\u00f6glicherweise die Welt zu bewahren die neue Maxime des Fortschrittes und der Zukunft ist. In einer Zeit der gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen geht es eigentlich um Entschleunigung, weil wir sonst vor lauter Tempo, vor lauter B\u00e4umen, den Wald nicht mehr sehen. Ich habe auch entdeckt, dass Sachen zu verteidigen, die gut sind, Tapferkeitsfragen sind. Das tapfer und modisch nicht nur der ist, der was Neues will, sondern auch der, der Altes, Gutes verteidigt. Deshalb glaube ich, m\u00fcssen wir in diesen Turbozeiten die Beweislast umdrehen. Nicht mehr das Alte muss beweisen, dass es besser ist als das Neue, sondern das Neue muss beweisen, dass es besser ist. Ich bin ja nicht f\u00fcr Stillstand, nat\u00fcrlich gibt es Ver\u00e4nderung, aber wer etwas ver\u00e4ndern will, hat die Beweislast, dass das, was ver\u00e4ndert werden soll, dass das Ziel der Ver\u00e4nderung also besser ist als das Bestehende. Wir m\u00fcssen die Beweislast umdrehen, weil wir sonst kopflos, verr\u00fcckt werden. Das Bewahren geht vor Ver\u00e4ndern, trotzdem bleibt die Welt nicht stehen. Wir sind nie am Ziel, aber mit der Entschleunigung w\u00fcrde es uns weitaus besser gehen.<\/p>\n<h1>Interview mit Dr. Ingo Friedrich, Vizepr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Parlaments a. D. und Ehrenmitglied des Europ\u00e4ischen Parlaments<\/h1>\n<p>von Ingo Friedrich<\/p>\n<p><strong>Normalerweise freut man sich \u00fcber einen Preis, \u00fcber den Friedensnobelpreis allemal. Aber hierzulande war von Euphorie wenig zu sp\u00fcren. Haben wir den Nobelpreis verdient, Herr Dr. Friedrich?<\/strong><\/p>\n<p>Viele Menschen und auch ich haben sich sehr \u00fcber die Vergabe des Friedensnobelpreises an die Europ\u00e4ische Union gefreut. Ja, wir haben den Preis verdient, denn die Europ\u00e4ische Union wirkt als eines der gr\u00f6\u00dften und erfolgreichsten Friedensprojekte der Geschichte. In seinem Testament hat Alfred Nobel von einer \u201eBruderschaft zwischen den Nationen\u201c und einer Art \u201eFriedenskongress\u201c als Kriterium f\u00fcr den Nobelpreis gesprochen. Genau das trifft auf Europa zu.<\/p>\n<p><strong>Ein Blick in die deutsche Bev\u00f6lkerung befreit den Beobachter zumindest nicht vom Verdacht, das Br\u00fcssel weit weg ist. Sind wir hierzulande eher Euroskeptiker, oder einfach noch nicht reif f\u00fcr ein gemeinsames Europa, f\u00fcr eine europ\u00e4ische Bewegung, deren Pr\u00e4sident Sie f\u00fcr Bayern sind?<\/strong><\/p>\n<p>Die Deutschen sind m. E. derzeit geistig-politisch auf dem Weg vom bisher Europabegeisterten \u201eNationalskeptiker\u201c zum Europa-realistischen und nationalstaatlich orientierten B\u00fcrger. Sie n\u00e4hern sich damit der \u00fcblichen Haltung der anderen gro\u00dfen EU-Staaten an. Solange diese neue Haltung der Deutschen notwendige und sinnvolle europ\u00e4ische Gemeinsamkeiten, etwa der Bankenkontrolle, der gemeinsamen Au\u00dfenpolitik oder der Bew\u00e4ltigung der Schuldenkrise nicht blockiert, erleichtert sie zwar nicht die Arbeit f\u00fcr Europa, ist aber auch nicht wirklich sch\u00e4dlich.<br \/>\nDer Weg zu einem gemeinsamen Europa vollzieht sich eben manchmal in kleineren und manchmal in gr\u00f6\u00dferen Schritten. Deswegen bleibt die Arbeit europ\u00e4ischer Verb\u00e4nde und Bewegungen wichtig und hilfreich, gerade auch um die Komplexit\u00e4t europ\u00e4ischer Vorg\u00e4nge zu erkl\u00e4ren und f\u00fcr eine positive europ\u00e4ische Grund\u00fcberzeugung der B\u00fcrger zu arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht die Zukunft Europas aus? Finanzminister Sch\u00e4uble meinte: \u201eWir profitieren man meisten von Europa.\u201c Was meint er damit?<\/strong><\/p>\n<p>Das Ziel bleibt ein Europa, das \u00fcberall dort Kompetenzen und gemeinsame Kapazit\u00e4ten bekommt, wo der Nationalstaat nicht mehr \u201eliefern\u201c kann, weil er \u00fcberfordert ist. Vor diesem Hintergrund wird Europa auch zuk\u00fcnftig kein klassischer Staat analog des v\u00f6lkerrechtlich definierten Modells der heutigen Nationalstaaten werden. EU-Europa wird sich aber immer staats\u00e4hnlicher entwickeln und wichtige Aufgaben als additive Entscheidungsebene subsidi\u00e4r und zus\u00e4tzlich zur regionalen und nationalen Entscheidungsebene \u00fcbernehmen. Erschwert wird die Erf\u00fcllung dieser Aufgabe naturgem\u00e4\u00df durch die immer noch bestehenden gro\u00dfen mentalen und kulturellen Unterschiede.<br \/>\nF\u00fcr Deutschland haben sich folgende Vorteile ergeben: In der Finanzkrise hat das deutsche Wirtschaftsmodell europaweit Vorbildcharakter gewonnen, auch wenn die dadurch bewirkten Anstrengungen f\u00fcr die sog. peripheren Staaten immens und unpopul\u00e4r sind. Insgesamt wird Europa dadurch wettbewerbsf\u00e4higer und st\u00e4rker. Diese zu erwartenden St\u00e4rkung bedeutet mehr Stabilit\u00e4t und nutzt damit auch Deutschland, weil dadurch langfristig verl\u00e4sslich kalkuliert werden kann. Hinzu kommt, dass Deutschland durch den relativ niedrigen Euro-Kurs (der DM-Kurs w\u00fcrde deutlich h\u00f6her liegen) im globalen Wettbewerb einen erheblichen Exportvorteil f\u00fcr sich verbuchen kann.<\/p>\n<p><strong>Immer lauter werden die Stimmen gegen den Euro, zerst\u00f6rt die gemeinsame W\u00e4hrung die Identit\u00e4t Europas?<\/strong><\/p>\n<p>Der gemeinsame Euro zwingt gerade die S\u00fcdstaaten zu zwar unpopul\u00e4ren aber auf Dauer richtigen, weil wettbewerbsf\u00f6rdernden Strukturanpassungen. Durch die vor der Euroeinf\u00fchrung bestehende M\u00f6glichkeit der W\u00e4hrungsabwertung war der Anpassungsdruck wesentlich geringer. Auf Dauer werden diese Staaten den Sinn der Ma\u00dfnahmen erkennen und es ist zu erwarten, dass durch ein st\u00e4rkeres Europa die gemeinsame Identit\u00e4t ebenfalls nicht ab, sondern zu nimmt.<\/p>\n<p><strong>Was h\u00e4tte der Austritt Englands f\u00fcr Folgen f\u00fcr die gesamteurop\u00e4ische Wirtschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Austritt Englands w\u00fcrde global als Beginn eines Auseinanderdriftens Europas verstanden werden. Wir Europ\u00e4er m\u00fcssen \u2013 auch wenn manchmal mit zusammengebissenen Z\u00e4hnen \u2013 England als Mitglied ertragen und es immer wieder durch geeignete Ma\u00dfnahmen auf den \u201ePfad der europ\u00e4ischen Tugend\u201c zur\u00fcckf\u00fchren. England selbst will wirtschaftlich beim Binnenmarkt bleiben, es darf aber andererseits die \u00fcbrigen EU-Staaten nicht daran hindern, weiter voranzuschreiten.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4re die T\u00fcrkei ein w\u00fcrdiger Partner in Europa, oder sollte man derartige Spekulationen derzeit noch zur\u00fcckschieben?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Beitritt der T\u00fcrkei w\u00fcrde derzeit und auf absehbare Zeit sowohl die Aufnahmef\u00e4higkeit der europ\u00e4ischen Institutionen, als auch die Akzeptanzbereitschaft der EU-B\u00fcrger weit \u00fcberfordern, ganz zu schweigen von der sicher auch bestehenden \u00dcberforderung der t\u00fcrkischen B\u00fcrger. Insofern m\u00fcssen die vereinbarten Verhandlungen mit der T\u00fcrkei weitergef\u00fchrt werden, um f\u00fcr dieses gro\u00dfe und stolze Land einen Sonderstatus mit allen M\u00f6glichkeiten und \u00d6ffnungen knapp unterhalb der Vollmitgliedschaft zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet heute Souver\u00e4nit\u00e4t oder Gemeinwohl, muss es l\u00e4nderspezifisch gedacht werden, oder eben doch europ\u00e4isch? <\/strong><\/p>\n<p>So wie wir heute, realistischerweise eine mehrdimensionale Identit\u00e4t praktizieren (also gleichzeitig bayerische Deutsche, deutsche Europ\u00e4er und europ\u00e4ische Weltb\u00fcrger sind) so m\u00fcssen wir auch die Begriffe Souver\u00e4nit\u00e4t und Gemeinwohl heute neu denken und erg\u00e4nzen. Faktum ist, dass es heute gilt, ein europ\u00e4isches Gemeinwohl neben dem regionalen und nationalen Gemeinwohl zu definieren und zu ber\u00fccksichtigen. Dieser Lernprozess bleibt uns nicht erspart.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend Europa einerseits zur Einheit strebt, gibt es in vielen L\u00e4ndern, zumindest verbal, den Wunsch zur L\u00e4nderautonomie, zur Renationalisierung, Bayern will sich von Berlin distanzieren, Thema L\u00e4nderfinanzausgleich, die Katalonen hegen seit Jahren den Wunsch, sich vom Rest Spaniens zu separieren, Tirol tr\u00e4umt schon lange von seiner wirtschaftlichen Unabh\u00e4ngigkeit vom finanzschw\u00e4cheren S\u00fcditalien. Sehen Sie hier eine ernsthafte Gefahr?<\/strong><\/p>\n<p>Das Recht auf Heimat und damit der Wunsch im vertrauten Lebensumfeld \u201ezu Hause\u201c zu bleiben, wird durch die schnell voran schreitende Globalisierung und Internationalisierung verst\u00e4rkt und muss von einer verantwortungsbewussten Politik ernst genommen werden. Es gilt abzuw\u00e4gen, zwischen sinnvoller St\u00e4rkung der Regionen und einem \u00fcberzogenem Partikularismus beziehungsweise einer r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Renationalisierung und Kleinstaaterei. Statt gewachsene Staaten zu spalten und Europa noch un\u00fcbersichtlicher zu machen, sollte man sich an Erfolgsmodellen, wie z. B. Bayern orientieren und den Regionen so viel Gestaltungsm\u00f6glichkeiten, wie verkraftbar einr\u00e4umen. Dies auszudiskutieren wird im Einzelfall stets eine schwierige Herausforderung bleiben. Dies gilt \u00fcbrigens aber auch f\u00fcr die Problematik einer sinnvollen Abgrenzung zwischen nationalen und europ\u00e4ischen Kompetenzen.<\/p>\n<p><strong>Brauchen wir Europa aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden? Schon jetzt ist absehbar, dass aufgrund der demografischen Entwicklung und der niederen Geburtsraten in der Bundesrepublik Arbeitskr\u00e4ftemangel in Zukunft droht.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wir brauchen Europa auch, aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden. Eine \u00d6ffnung Europas f\u00fcr sinnvolle Zuwanderungen, etwa im Bereich der Fachkr\u00e4fte ist dabei ein Zeichen f\u00fcr St\u00e4rke und Zukunftsf\u00e4higkeit. In der globalen Welt des 21. Jahrhunderts ist das gemeinsame Auftreten und die Formulierung gemeinsamer Interessen auf Weltebene auch f\u00fcr die gro\u00dfen EU-Staaten und f\u00fcr die EU-B\u00fcrger sehr vorteilhaft. Ein europ\u00e4ischer Beitrag zur globalen Stabilit\u00e4t in allen Teilen der Welt hat dabei auch unmittelbar positive Wirkungen f\u00fcr das \u201ealte Europa\u201c.<\/p>\n<p><strong>Was macht die Europ\u00e4ische Bewegung Bayern e. V.?<\/strong><\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Bewegung Bayern versucht durch Veranstaltungen mit den gro\u00dfen Verb\u00e4nden und Organisationen, die Komplexit\u00e4t europ\u00e4ischer Entscheidungen zu erkl\u00e4ren und damit das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr und die Zuwendung zu Europa zu verbessern und zu intensivieren. Europa mussnicht nur aus pragmatischen und wirtschaftlichen Gr\u00fcnden gebaut werden, sondern es gr\u00fcndet auch auf geistig-ethischen Werten, die h\u00e4ufig ihren Ursprung im christlich-abendl\u00e4ndischen Wertefundament finden. In diesem Sinne ist Europa mehr als der n\u00fcchterne Zusammenschluss souver\u00e4ner Staaten, sondern auch eine Angelegenheit des Herzens.<\/p>\n<h1>Im Interview Ihre Exzellenz, Prof. Gabriela von Habsburg<\/h1>\n<p><strong>Frau von Habsburg, Sie sind die Botschafterin von Georgien, was macht eine Botschafterin ganz konkret?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Hauptanliegen ist es, Georgien in Deutschland bekannter zu machen. In meinen Gespr\u00e4chen stelle ich immer wieder fest, dass zwar jeder schon einmal von unserem Land geh\u00f6rt hat, viele es aber kaum kennen. Mit Politikern zum Beispiel spreche ich viel \u00fcber die politische Situation im Land, die vielen Reformen, die seit der Rosenrevolution umgesetzt wurden aber nat\u00fcrlich auch \u00fcber unsere au\u00dfenpolitischen Ziele, eine zuk\u00fcnftige Vollmitgliedschaft in EU und NATO.<br \/>\nVon besonderer Bedeutung ist es f\u00fcr uns aber auch, die georgische Kultur in Deutschland zu pr\u00e4sentieren. Oft sind unsere Besucher \u00fcberrascht, dass Georgien ein ur-europ\u00e4isches Land ist. Unsere Botschaft ist in diesem Bereich sehr aktiv. Wir veranstalten regelm\u00e4\u00dfig unterschiedliche Veranstaltungen. H\u00e4ufig laden wir ein zu Lesungen von und mit georgischen Schriftstellern. Aber auch Konzerte, Filmpremieren oder Vortragsveranstaltungen stehen bei uns auf dem Programm.<br \/>\nEinmal im Jahr richten wir dar\u00fcber hinaus um unseren Nationalfeiertag eine georgische Kulturwoche aus. Im vergangenen Jahr war das Thema Film, wir haben unter anderem eine Retrospektive des georgischen Films gezeigt. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt auf georgischen Theaterproduktionen liegen. 2013 d\u00fcrfen sich unsere G\u00e4ste auf arch\u00e4ologische Fundst\u00fccke aus Georgien freuen.<br \/>\nNat\u00fcrlich k\u00fcmmern wir uns aber auch um Wirtschaftsbeziehungen. In Zusammenarbeit mit unseren Partnern, z.B. der DIHK, informieren wir \u00fcber Georgien als Wirtschafts- und Investitionsstandort.<\/p>\n<p><strong>Nach der Unabh\u00e4ngigkeit von der Sowjetunion ist Georgien ein eigener Staat mit eigener Verfassung. Arbeiten Sie gerade an einer neuen Verfassung?<\/strong><\/p>\n<p>Georgien hatte sich gleich nach seiner Unabh\u00e4ngigkeit eine neue Verfassung gegeben. Es musste eine Grundlage geschaffen werden, auf der dieser neu gegr\u00fcndete Staat funktionieren sollte. Die georgische Regierung sch\u00fctzt Grundrechte und ist sehr modern. Sie wurde mit Unterst\u00fctzung der Gesellschaft f\u00fcr Internationale Zusammenarbeit, damals noch Gesellschaft f\u00fcr technische Zusammenarbeit erarbeitet. Im Oktober 2010 hat das georgische Parlament eine Verfassungsreform verabschiedet, die imHerbst 2013 in Kraft treten wird. Gelobt von der Venedig-Kommission des Europarates wird Georgien damit die n\u00e4chste Stufe seiner demokratischen Entwicklung erreichen und sich von einer pr\u00e4sidialen zu einer parlamentarischen Demokratie entwickeln.<\/p>\n<p><strong>Immer wieder stand Georgien in den Schlagzeilen wegen Korruptionsaff\u00e4ren, Mafia-Strukturen, die die Entwicklung des Landes bremsen? Wie ist die Situation heute?<\/strong><\/p>\n<p>Zu Beginn unserer Unabh\u00e4ngigkeit, in dem 1990er Jahren, war das hohe Ma\u00df an Korruption in Georgien eines der gr\u00f6\u00dften politischen wie wirtschaftlichen Probleme \u00fcberhaut. Eshatte das Land in die Knie gezwungen und das Entwicklungspotential, das es h\u00e4tte haben k\u00f6nnen, erdr\u00fcckt. S\u00e4mtliches Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in den Staat und seine Strukturen waren zerst\u00f6rt. Dies wurde dann auch der N\u00e4hrboden f\u00fcr die politische Bewegung, die sp\u00e4ter f\u00fcrdie sogenannte &#8222;Rosenrevolution&#8220; bekannt wurde. Am Anfang war es eine kleine Gruppe junger Politiker, Aktivisten und Studenten. Sie waren es leid,diesem Regime unterworfen zu sein. Sie waren in der EU und den USA ausgebildet worden und hatten daher erlebt was es bedeuten kann, in einer liberalen Demokratie zu leben. Nach gef\u00e4lschten Wahlen im Jahr 2003 fanden friedliche Massendemonstrationen, die Rosenrevolution, statt. Die bisherigen Machthaber mussten dem Druck der Bev\u00f6lkerung nachgeben und traten zur\u00fcck. F\u00fcr Micheil Saakaschwili und sein Team war die Zeit gekommen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<br \/>\nIn den vergangenen Jahren sind viele Reformen umgesetzt worden und sowohl durch Aufkl\u00e4rung, aber auch durch harte Strafgesetze haben wir die Korruption in den Griff bekommen. Die Polizei, die noch 2002 wegen ihrer Willk\u00fcr gef\u00fcrchtet wurde, geh\u00f6rt heute zu den vertrauensw\u00fcrdigten Institutionen des Landes. Aber auch unabh\u00e4ngige Beobachter best\u00e4tigen dieses Bild: Noch im Jahr 2004 galt unser Land laut Transparency International in diesem Bereich als eines der Schlusslichter. Heute haben wir uns um \u00fcber 100 Pl\u00e4tze nach oben bewegt, sind in unserer Region damit unangefochtener Spitzenreiter. F\u00fcr die Weltbank ist die Entwicklung Georgiens sogar der Beweis, dass Korruption f\u00fcr eine Kultur nicht endemisch ist. Auf den politischen Willen kommt es an.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die wirtschaftliche Lage des Landes zwischen Kaukasus und Schwarzen Meer einzusch\u00e4tzen? Welche Wirtschaftszweige werden insbesondere gef\u00f6rdert?<\/strong><\/p>\n<p>Georgien steht heute gut da. Im vergangenen Jahr ist die Wirtschaft um 7 Prozent gewachsen, im ersten Halbjahr 2012 waren es sogar 7,5 Prozent. Vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise ist dies durchaus bemerkenswert. Ohne Mittelbeimischung und internationale Finanzierung von Darlehen an kleinste, kleine und mittlere Unternehmen w\u00e4re das so nicht m\u00f6glich gewesen. Das Finanzvolumen der Ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen lag 2011 bei 1.117,2 Millionen US-Dollar. Dies sind rund 14 Prozent mehr als urspr\u00fcnglich gesch\u00e4tzt. Der wichtigste Sektor ist dabei der Energiebereich.<br \/>\nMit der Hilfe ausl\u00e4ndischer wie inl\u00e4ndischer Geldgeber wird viel Geld in die Infrastruktur investiert, was Georgien als Wirtschaftsstandort attraktiver macht. Dadurch kann Georgien sein Potential, das wir es aufgrund seiner geostrategisch g\u00fcnstigen Lage hat, aussch\u00f6pfen.<br \/>\nF\u00fcr Georgien hat sich die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen als wichtiger Wirtschaftsfaktor etabliert. Strategisches Ziel der vorherigen aber auch der jetzigen Regierung ist es zum einen, die vollst\u00e4ndige Abdeckung des Strombedarfs im Land durch nationale Ressourcen zu schaffen. Zum anderen aber, soll Energie aus Wasserkraft zum gr\u00f6\u00dften Exportgut werden.<br \/>\nAu\u00dferdem ist der Tourismussektor eine echte Wachstumsindustrie. In den Bergen entstehen neue Skigebiete, an der Schwarzmeerk\u00fcste neue Urlaubsressorts. In 2012 besuchten mehr als vier Millionen internationale Touristen Georgien, das sind \u00fcber eine Millionen mehr als 2011.<\/p>\n<p><strong>In Georgien hat derzeit ein ungeahnter Bauboom eingesetzt, wer investiert in die Region? <\/strong><\/p>\n<p>Der Bauboom ist eng verkn\u00fcpft mit den bereits erw\u00e4hnten, wirtschaftlichen Entwicklungen. So sind zurzeit ein dutzend Wasserkraftwerke in der Planung, um Wasserkraft zum Exportgut zu machen. Zudem treibt die Regierung den Bau von Autobahnen, Eisenbahnstrecken und Flugh\u00e4fen voran. Die Tourismusbranche und der Bau von neuen Hotels werden ebenfalls gef\u00f6rdert, indem Investoren von Abgaben befreit werden.<br \/>\nDurch die Bek\u00e4mpfung der Korruption, dem Abbau von B\u00fcrokratie und der Einf\u00fchrung von EU und OECD Standards ist Georgien f\u00fcr ausl\u00e4ndische Investoren attraktiv geworden. Lautder Weltbank Doing Business Studie 2012 ist Georgien, nach Hong Kong und Singapur das dritt attraktivste Land im Bereich Bauabwicklung. Barrieren f\u00fcr ausl\u00e4ndische Investoren sind nicht vorhanden. Dies spiegelt sich nat\u00fcrlich in dem Bauboom wieder. Auch die georgische Bev\u00f6lkerung profitiert von der guten Wirtschaftslage. Die Leute bauen H\u00e4user und renovieren.<br \/>\n<strong><br \/>\nLeidet Georgien unter der russischen Besetzung, wie ist die Lage zwischen Georgiern und Russen, gibt es dort \u00e4hnliche Konflikte oder sind solche zu erwarten \u2013 wie im ehemaligen Jugoslawien?<\/strong><\/p>\n<p>Diese beiden Konflikte sind v\u00f6llig unterschiedlich gelagert, man kann sie nicht miteinander vergleichen. Aber nat\u00fcrlich ist der Konflikt f\u00fcr uns schmerzhaft.<br \/>\nDie zwei Kriege, die unser Land seit seiner Unabh\u00e4ngigkeit ertragen musste, waren schrecklich und haben Spuren hinterlassen. In der Folge des letzten Krieges mit der Russischen F\u00f6deration im August 2008 sind 20 Prozent unseres Staatsgebietes besetzt geblieben. Unter franz\u00f6sischer Vermittlung wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt. Doch bis heute weigert sich Russland, die Vereinbarungen zu erf\u00fcllen. Russland hat sich bis heute milit\u00e4risch nicht auf die Positionen zur\u00fcckgezogen, die es vor Kriegsausbruch innehatte und stationiert Truppen noch heute bis an den Rand der von ihnen besetzten Gebiete \u2013zum Teil also lediglich 60 km von der Hauptstadt Tbilisi entfernt. Und bis heute weigert sich Russland, der EUMM, der EU-Monitoring Mission in Georgien, Zutritt zu den besetzten Gebieten zu gew\u00e4hren. Auch dies stellt einen weiteren Bruch des Waffenstillstandsabkommens dar.<br \/>\nGespr\u00e4chsangebote unserer Regierung werden ignoriert. Unsere Bem\u00fchungen, \u00fcber das Waffenstillstandsabkommen hinaus den Dialog zu suchen, werden bel\u00e4chelt.<br \/>\nMehr als 300.000 meist ethnische Georgier wurden im Laufe der Konflikte mit Gewalt aus ihren Heimatorten in den Provinzen Abchasien und S\u00fcdossetien vertrieben. Sie k\u00f6nnen nicht dorthin zur\u00fcckkehren.Zur\u00fcckgeblieben ist insbesondere in Abchasien eine kleine georgische Minderheit, die sich st\u00e4ndigen Repressalien ausgesetzt sieht. Ihre Freiheitsrechte werden ignoriert, weder in den parlamentarischen Gremien, noch in sonstigen Organen des Proxy-Regimes werden sie repr\u00e4sentiert. Verboten ist es ihnen, ihre Kinder in ihrer Sprache zuunterrichten. Verweigert wird ihnen der Zugang zu rechtsstaatlichen Institutionen. Regelm\u00e4\u00dfig sind sie Opfer von \u00dcbergriffen abchasischer Milizen. Der Hohe Kommissar f\u00fcr nationale Minderheiten der OSZE, Botschafter Knut Vollebaek,und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch haben in ihren Berichten die kategorische Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung der georgischen Minderheit durch die abchasische F\u00fchrung kritisiert.<br \/>\nWenn wir die internationale Gemeinschaft um Unterst\u00fctzung zur R\u00fcckgewinnung unserer territorialen Integrit\u00e4t bitten, dann ist das vor allem im Interesse dieser Menschen.<br \/>\nNein, es geht nicht um territoriale Politik. Es geht nicht darum, stumpf an einem St\u00fcck Land festzuhalten. Es geht um ein klares \u201eNEIN\u201c zu ethnischen S\u00e4uberungen, wie sie in Abchasien und S\u00fcdossetien geschehen sind. Wer ethnische Konflikte durch gezielte Provokationen ausl\u00f6st, sch\u00fcrt und zur Speerspitze sezessionistischer Interessen macht, der verst\u00f6\u00dft gegen elementare Grundlagen f\u00fcr Frieden in dieser Welt. Wir Georgier sind dankbar, dass ein Gro\u00dfteil der internationalen Gemeinschaft, allen voran die Vereinigten Staaten und die Europ\u00e4ische Union, uns darin unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><strong>Gibt es derzeit eine akute Bedrohung durch Russland, Putin h\u00e4lt daran fest, die besetzen Gebiete nicht preiszugeben. Sehen Sie perspektivisch eine L\u00f6sung des \u201eKonfliktes\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Russland besetzt georgisches Territorium. Das k\u00f6nnen wir nicht akzeptieren. Wir bem\u00fchen uns darum, die Bewohner der besetzten Gebiete mit einer Reihe von vertrauensbildenden und f\u00f6rdernden Ma\u00dfnahmen aus der Isolation zu befreien. Eine nachhaltige L\u00f6sung kann aber nur darin bestehen, dass Russland sich an geltendes Recht h\u00e4lt und seine milit\u00e4rische Besetzung aufgibt.<\/p>\n<p><strong>Georgien strebt in die Europ\u00e4ischen Union, wie ist das Land f\u00fcr einen m\u00f6glichen Beitritt ger\u00fcstet, wo m\u00fcsste Ihrer Meinung noch nachgebessert werden? Wie steht es mit der Bewahrung von Menschenrechten?<\/strong><\/p>\n<p>Georgien hat in den vergangenen Jahren viele Reformen umgesetzt, die uns n\u00e4her an die EU r\u00fccken. Der Korruption wurde Einhalt geboten, die Polizei geh\u00f6rt zu den vertrauensw\u00fcrdigsten Institutionen, die Verwaltung wurde reformiert, die Verfassung erneuert. Der erste Machtwechsel seit unserer Unabh\u00e4ngigkeit durch Wahlen im letzten Oktober zeigt die demokratische Entwicklung unseres Landes.<br \/>\nDie ersten Schritte sind gemacht. Seit 2006 sind wir Mitglied des Programms \u201e\u00d6stliche Partnerschaft\u201c, seit dem letzten Dezember verhandelt unsere Regierung mit der EU \u00fcber ein so genanntes \u201eDeep and Comprehensive Free Trade Agreement\u201c, also ein umfassendes Freihandelsabkommen. Die Visaerleichterungen f\u00fcr Georgien, die das Europ\u00e4ische Parlament im Dezember 2010 verabschiedet hat, geben vielen Georgiern die M\u00f6glichkeit, Europa zu erkunden. Insbesondere f\u00fcr junge Menschen ist das wichtig. Denn es erm\u00f6glicht Austausch und Ausbildung.<br \/>\nEs gibt noch Defizite, aber ich denke, dass der politische Wille in Georgien gro\u00df genug ist, um den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle k\u00f6nnte der Standortfaktor bei der zuk\u00fcnftigen Entwicklung des Landes spielen? <\/strong><\/p>\n<p>Seine geografische Lage ist bereits jetzt f\u00fcr Georgien ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Georgien ist ein multikulturelles Land, welches aufgrund seiner Lage und seiner Geschichte mit Europa, Russland, dem Mittleren Osten aber auch Zentralasien verbunden ist. Als Br\u00fcckenkopf verschafft Georgien direkten Zugang zu den Boom-M\u00e4rkten der Golfregion oder der Gemeinschaft Unabh\u00e4ngiger Staaten. Als Transitland erm\u00f6glicht es den Transport von Rohstoffen aus dem Kaspischen Meer. Ohne dabei von Russland oder dem Iran abh\u00e4ngig zu sein, gelangen sie \u00fcber Georgien in die T\u00fcrkei und von dort weiter in die EU bzw. direkt von Georgien per Schiff \u00fcber das Schwarze Meer in die Staaten der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n<p><strong>Der russische Absatzmarkt ist mit der Schlie\u00dfung der Grenze eingebrochen, ist dies eine existentielle Bedrohung f\u00fcr die B\u00fcrger?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat uns dieses Handelsembargo getroffen. Jedoch hat sich Georgien in den letzten Jahren auch wirtschaftlich gut entwickelt. Im vergangenen Jahr ist die Wirtschaft um 7 Prozent gewachsen, im ersten Halbjahr 2012 waren es sogar 7,5 Prozent. Vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise ist dies durchaus bemerkenswert. Ohne Mittelbeimischung und internationale Finanzierung von Darlehen an kleinste, kleine und mittlere Unternehmen w\u00e4re das so nicht m\u00f6glich gewesen.<br \/>\nDas Finanzvolumen der Ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen lag 2011 bei 1.117,2 Millionen US-Dollar. Dies sind rund 14 Prozent mehr als urspr\u00fcnglich gesch\u00e4tzt. Der wichtigste Sektor ist dabei der Energiebereich.Mit der Hilfe ausl\u00e4ndischer wie inl\u00e4ndischer Geldgeber wir viel Geld in die Infrastruktur investiert, was Georgien als Wirtschaftsstandort attraktiver macht. Dadurch kann Georgien sein Potential, das wir es aufgrund seiner geostrategisch g\u00fcnstigen Lage hat, aussch\u00f6pfen.<br \/>\nEine echte Wachstumsindustrie ist der Tourismussektor. In den Bergen entstehen neue Skigebiete, an der Schwarzmeerk\u00fcste neue Urlaubsressorts.<br \/>\nWie gesagt. Georgien entwickelt sich noch. Aber wir sind auf einem guten Weg.<\/p>\n<h1>Hat die deutsche Sprache eine Perspektive in Europa? Bundestagspr\u00e4sident Norbert Lammert im Gespr\u00e4ch<\/h1>\n<p><strong>Herr Bundestagspr\u00e4sident, geht es mit der deutschen Sprache bergab?<\/strong><\/p>\n<p>Dies w\u00e4re mindestens zu pauschal, aber richtig ist, dass sich der Stellenwert der deutschen Sprache sowohl mit Blick auf den allgemeinen Sprachgebrauch der Weltgemeinschaft als auch im Blick auf den Stellenwert von Deutsch als Wissenschaftssprache in den letzten Jahren ver\u00e4ndert hat, und dass er heute zweifellos nicht mehr die Bedeutung hat, wie es fr\u00fcher, insbesondere im Wissenschaftsbereich, jahrzehntelang der Fall war.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt die Politik beim Thema Globalisierung der Sprache?<\/strong><\/p>\n<p>Sie spielt eine Rolle, aber nicht die einzige \u2013 und auch nicht in allen F\u00e4llen die ausschlaggebende Rolle. Dass es etwa im Bereich der Wissenschaft die Ver\u00e4nderungen gab, die es gegeben hat, h\u00e4ngt neben objektiven Faktoren auch mit dem subjektiven \u00dcbermut vieler deutscher Wissenschaftler zusammen, die auf in Deutschland stattfindenden Konferenzen \u2013 bei einem meist \u00fcberwiegend meist deutsch sprechenden Publikum \u2013 gleichwohl insbesondere ihre Fremdsprachenkenntnisse spazieren f\u00fchren wollen, und dass wir teilweise auch f\u00fcr Forschungsprojekte von den Wissenschaftsinstitutionen als Teilnahmebedingung Projektantr\u00e4ge in Englisch erwarten, geh\u00f6rt aus meiner Sicht zu den \u00dcbertreibungen, die zwar in die Autonomie der Wissenschaften geh\u00f6ren m\u00f6gen, aber nicht zur St\u00e4rkung von Deutsch als Wissenschaftssprache geeignet sind.<\/p>\n<p><strong>Mehrsprachsprachlichkeit versus deutsche Sprache als Merkmal nationaler Identit\u00e4t \u2013 wie ist dies zu vereinbaren?<\/strong><\/p>\n<p>Man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen. Wir haben nat\u00fcrlich und m\u00fcssen ein Interesse an Mehrsprachigkeit haben, die Schulen m\u00fcssen sich heute noch mehr als das vor einer oder zwei Generationen notwendig war, um die Vermittlung von Sprachkompetenz bem\u00fchen, weil in einer globalen Welt, allein in einem vielsprachigen Europa, Sprachkompetenz eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr Mobilit\u00e4t und f\u00fcr beruflichen Erfolg ist. Aber zu glauben, das lie\u00dfe sich durch die fr\u00f6hliche Vereinbarung am ehesten sichern, dass alle Englisch sprechen, verkennt die Pr\u00e4zisionsanforderungen, die an Sprache im beruflichen, im technischen und ganz besonders im wissenschaftlichen Bereich gerichtet werden. Auch und gerade bei Wissenschaftlern ist in aller Regel die F\u00e4higkeit sich in einer anderen Sprache als der Muttersprache so pr\u00e4zise auszudr\u00fccken wie es wissenschaftlichen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgt, eben doch nur in sehr engen Grenzen zu beobachten. Deshalb liegt es auch im Interesse der Wissenschaft, dass wir die Mehrsprachigkeit und die Aufrechterhaltung der Sprachkompetenz in den jeweiligen Nationalstaaten sichern.<\/p>\n<p><strong>Ist es sinnvoll Deutsch als Landessprache in der Verfassung der Bundesrepublik zu verankern?<\/strong><\/p>\n<p>Nach meiner \u00dcberzeugung ist es ganz sicher sinnvoll. Davon h\u00e4ngt nicht unsere Bem\u00fchung zur F\u00f6rderung der Sprache ab, aber es w\u00fcrde den Stellenwert, den Sprache f\u00fcr nationale Identit\u00e4t und f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis dieses Landes nach innen und nach au\u00dfen hat unmi\u00dfverst\u00e4ndlich markieren. Und im Vergleich zu vielem anderen, was in der Verfassung steht, und bei dem man mindestens auch dar\u00fcber streiten kann, ob es unbedingt in die Verfassung geh\u00f6rt, hat die Sprache eine Bedeutung und einen Rang, der eine solche Ber\u00fccksichtigung in der Verfassung sicher rechtfertigt.<\/p>\n<p>Herr Prof. Dr. Lammert, herzlichen Dank f\u00fcr das Interview, das Dr. Stefan Gro\u00df f\u00fchrte. Das Gespr\u00e4ch fand im Anschlu\u00df an einen Vortrag des Bundestagspr\u00e4sidenten in der Hanns-Seidel-Stiftung in M\u00fcnchen statt. Dort diskutierte Prof. Lammert mit Staatsminister a.D., Dr. h.c. mult. Hans Zehetmair.<\/p>\n<h1>Interview mit Bestseller-Autor und Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer<\/h1>\n<p><strong>Wie kann man aus Versehen ein Konservativer werden?<\/strong><br \/>\nWenn man wie ich aus einer linken Familie stammt und irgendwann Zweifel an bestimmten Verstiegenheiten bekommt.<\/p>\n<p><strong>Sie sind kein Bekenntniskonservativer! Nicht wie beispielsweise Roland Koch, der mit seinem Buch \u201eKonservativ\u201c Praxishilfen f\u00fcr gebeutelte Konservative geben will. Der Begriff konservativ hat heutzutage Konjunktur, fast wird er inflation\u00e4r gebraucht. Was bedeutet konservativ f\u00fcr Sie konkret?<\/strong><\/p>\n<p>Konservativ, so wie ich es benutzte, hei\u00dft zuerst nicht links zu sein. Dies klingt nach nicht sehr viel, ist aber tats\u00e4chlich doch eine ganze Menge, weil jedenfalls in der Welt, in der dar\u00fcber befunden wird, wie Dinge zu sehen und zu bewerten sind, die Linken eindeutig dominieren.<\/p>\n<p><strong>Was ist das sogenannte Gute, f\u00fcr das die Linke steht? Der Begriff des Guten, des \u201eH\u00f6chsten Gutes\u201c, ist ja alles andere als links.<\/strong><\/p>\n<p>Die Linke nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, auf der richtigen Seite zu stehen und f\u00fcr das \u201eGute\u201c zu k\u00e4mpfen. Gut insofern, als sie, wie wir wissen, nie eigene Machtinteressen verfolgt, sondern sich immer f\u00fcr andere einsetzt. Also f\u00fcr Menschen, die ihrer Anwaltschaft bed\u00fcrfen, f\u00fcr die Frauen, f\u00fcr die Ausl\u00e4nder, f\u00fcr die sexuell Benachteiligten, f\u00fcr die alleinerziehenden Frauen etc. Und darauf gr\u00fcndet nat\u00fcrlich auch ihr moralischer Selbstanspruch und ihr Selbstverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p><strong>Warum ist die Linke Ihrer Meinung nach so anf\u00e4llig f\u00fcr Unheilsszenarien? Warum enden die Utopien, das Gute, immer wieder in Terror und Verfolgung?<\/strong><\/p>\n<p>Die Anf\u00e4lligkeit ist die Kehrseite beim Kampf f\u00fcr die gro\u00dfe Idee. Es gibt wenig Linke, die ohne den gro\u00dfen Plan auskommen, denn dieser macht ja die Verf\u00fchrungskraft der linken Idee aus. Fast jeder Linke tr\u00e4gt unter dem Arm fast immer ein Weltrettungsprojekt. Und um die Dringlichkeit dieses Projektes immer noch dringlicher zu machen, steht nat\u00fcrlich daneben immer die Sorge, dass, wenn es ganz anders kommen sollte, die Welt untergeht.<\/p>\n<p><strong>Warum ist die Linke, sind die westdeutschen Linken, oft so dogmatisch, sind Linke, wie Sie es nennen \u201eangespannt\u201c und keine ausgesprochenen Liebhaber der Meinungsvielfalt, obwohl sie sich auch auf die Tradition der Aufkl\u00e4rung, nicht zuletzt auf Immanuel Kant und sein \u201eHabe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen\u201c, berufen?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn sie gegen das B\u00f6se k\u00e4mpfen und f\u00fcr das Gute, dann gibt es Situationen, wo Toleranz Verrat an ihren Ideen bedeutet. Zu gro\u00dfe Duldsamkeit mit abweichenden Meinungen bedeutet auch Nachl\u00e4ssigkeit im Kampf f\u00fcr die richtige Sache.<\/p>\n<p><strong>Was st\u00f6rt sie am meisten an den Linken?<\/strong><\/p>\n<p>Mich st\u00f6rt am meisten ihre Humorlosigkeit. Und diese verfluchte Eigenschaft, nicht nur selbst sich gedruckt zu sehen, sondern es schon als Erfolge zu feiern, dass man verhindert hat, dass die andere Seite gedruckt wurde.<\/p>\n<p><strong>Sie haben Philosophie und Literatur studiert. Wer in der Geschichte der abendl\u00e4ndischen Geistesgeschichte ist f\u00fcr Sie ein Linker per excellence? Welcher Philosoph der Gegenwart ist Ihr Favorit?<\/strong><\/p>\n<p>Der Gr\u00fcndungsvater der Linken ist f\u00fcr mich nicht Karl Marx, sondern Jean Jacques Rousseau, wo sich fast alle Dinge, die die Linke in irgendeiner weise ausmacht, schon vorfinden; angefangen beim Sentimentalismus der Gef\u00fchlskultur, beim Glauben an das Gute im Menschen und bei der Hoffnung seiner Verbesserbarkeit. Der gro\u00dfe Konservative hingegen ist f\u00fcr mich David Hume auf der gem\u00e4\u00dfigten, Thomas Hobbes auf der dunklen Seite. In der Gegenwart w\u00fcrde ich Hermann L\u00fcbbe als den gro\u00dfen Wertkonservativen nennen.<\/p>\n<p><strong>Wird der neue Mensch, von dem nicht nur die Linke tr\u00e4umt, wieder ein linker oder vielleicht doch ein konservativer sein?<\/strong><\/p>\n<p>Der Konservative \u00fcberl\u00e4\u00dft die Schaffung des neuen Menschen, wenn \u00fcberhaupt nur einem \u2013 dem Allm\u00e4chtigen.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<br \/>\nDas Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Dr. Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Ist Multiple Sklerose heilbar? \u2013 Im Interview mit Nicolaus K\u00f6nig<\/h1>\n<p><strong>Eine der prominentesten Politikerinnen Deutschlands, Malu Dreyer, erste Ministerpr\u00e4sidentin von Rheinland-Pfalz, hat Multiple Sklerose, und diese Thematik Anfang 2013 \u2013 im Fokus ihres politischen Amtes \u2013 erneut in den Blickpunkt der \u00d6ffentlichkeit gestellt. Ist Multiple Sklerose in Deutschland immer noch ein Tabu-Thema und warum? Wie viele F\u00e4lle sind in der Bundesrepublik bekannt, wie hoch ist die Dunkelziffer?<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Frage nach der Behinderung in einer T\u00e4tigkeit stellt sich immer das Problem, inwieweit ist jemand dauerhaft und unter Stressbelastung leistungsf\u00e4hig, und inwiefern muss man Behinderte oder auch chronisch Kranke unter diesem Aspekt sehen. Eine chronische Krankheit wie die MS ist kein Defekt in dem Sinne, wie sie beispielsweise Minister Sch\u00e4uble hat. Im Gegensatz hierzu, zu einem Zustand, bei dem sich nichts mehr \u00e4ndert,ist der Verlauf der MS offen, im Zustand der Entwicklung und Ver\u00e4nderung. Im Unterschied zur Behinderung als Folge eines einmaligen Ereignisses sieht man bei der chronischen Erkrankung erst innerhalb einer gewissen Zeit, was der Betroffene kann oder eben nicht kann. Doch hier hat in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden, da man erkannt hat, was die Betroffenen Au\u00dfergew\u00f6hnliches zu leisten imstande sind. Was man also zunehmend sieht, ist die Leistungsf\u00e4higkeit dieser Menschen, die trotz MS ihren Alltag gro\u00dfartig bew\u00e4ltigen. Von einer Tabuisierung von MS m\u00f6chte ich heute nicht mehr sprechen. Die Zahl der F\u00e4lle liegt in Deutschland mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit bei 120.000. Diese Zahlen sind nicht gesch\u00e4tzt, sondern untersucht. Die Dunkelziffer ist nicht sehr hoch, sie liegt vielleicht bei 5-10 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Bei Multiple Sklerose handelt es sich um eine chronisch-entz\u00fcndliche Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems, was ist eine Entmarkung?<\/strong><\/p>\n<p>Dazu muss man wissen, dass das Nervensystem des Menschen (\u00fcber 100 Milliarden Nervenzellen) so funktioniert, dass von der Nervenzelle aus ein elektrischer Impuls auf die n\u00e4chsten Nervenzellen \u00fcbertragen wird. Diese \u00dcbertragung l\u00e4uft \u00fcber ein Axon, dem Nervenkabel. Dieses ist, wie in der Elektrizit\u00e4t auch, von einer Isolierschicht ummantelt: nur mit dem Unterschied, dass im Nervensystem des Menschen diese Isolierschicht nicht nur eine isolierende Aufgabe gegen\u00fcber anderen Zellen hat, damit die Nervenimpulse nicht \u00fcbertragen werden, sondern auch eine beschleunigende Aufgabe. Und diese Isolierschicht wird prim\u00e4r im Laufe der Krankheit angegriffen und dann kommt es auch zu einem Nervenzelluntergang. Aber im Vordergrund steht erst die Entmarkung, die Zerst\u00f6rung der Isolierschicht.<\/p>\n<p><strong>Wie erkenne ich, dass ich m\u00f6glicherweise Multiple Sklerose habe? Gibt es eine Art von Fr\u00fcherkennung durch m\u00f6gliche Vorsorgeuntersuchungen? <\/strong><\/p>\n<p>Die Diagnose MS ist zun\u00e4chst zuerst eine klinische. Bei einem Betroffenen, der keine Beschwerden hat, w\u00fcrde man zun\u00e4chst keine MS diagnostizieren, obwohl wir wissen, dass es Menschen gibt, die mit entsprechenden Ver\u00e4nderungen in ihrem Nervensystem leben, ohne dass sie es merken. Aber die Diagnose selbst wird auch heute noch prim\u00e4r anhand der Beschwerden festgestellt, zus\u00e4tzlich durch Untersuchungen im Kernspintomogramm und des Nervenwassers u. a. Aber MS ist keine Erkrankung, die man anhand technischer Untersuchungen vorzeitig erkennen bzw. diagnostizieren kann, beispielsweise durch gezielte Fr\u00fchuntersuchungen. Pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen sind daher nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Ist diese Erkrankung genetisch vererbbar, und wenn ja, mit welchem genetischen Risiko?<\/strong><\/p>\n<p>Der genetische Anteil liegt in ihrer Gesamtheit ungef\u00e4hr bei 30 Prozent, wobei die eigentliche Vererbung nur einen Anteil von 15 Prozent hat. Dazu kommen aber noch andere genetisch bedingte Eigenschaften des Menschen, wie z. B. bestimmte Formen des Immunsystems, bei denen die MS \u00f6fter auftritt als bei anderen. Anders ausgedr\u00fcckt, 70 Prozent sind nicht genetische Faktoren. Insofern ist die Feststellung, dass jemand vielleicht eine genetische Disposition hat diesbez\u00fcglich nicht hilfreich, weil die Aussagekraft, was daraus wird, nicht bestimmbar ist. Je n\u00e4her die Blutverwandtschaft ist umso gr\u00f6\u00dfer ist das Risiko MS zu bekommen. In der Allgemeinbev\u00f6lkerung liegt die Wahrscheinlichkeit eine MS zu bekommen bei ca. 0,15%.Bei Geschwistern mit einem MS-Betroffenen beispielsweise steigt die Zahl auf 5 Prozent. Ein einigen Zwillingen liegt sie bei bis zu 30 Prozent. Wenn beide Elternteile MS haben steigt das Risiko f\u00fcr deren Kinder auf 12 bis 15 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Krankheitsverl\u00e4ufe sind typenspezifisch, gibt es bei einer MS-Erkrankung auff\u00e4llige und immer wiederkehrende Symptome?<\/strong><\/p>\n<p>Die h\u00e4ufigsten Symptome bei MS sind Gef\u00fchlsst\u00f6rungen, Sehst\u00f6rungen und St\u00f6rungen der Beweglichkeit, also der Motorik. Bez\u00fcglich der Gef\u00fchlsst\u00f6rungen ist vielen Menschen gar nicht klar ist, dass das nicht nur zu einem Gef\u00fchlsverlust, sondern auch zu Fehlempfinden und \u00dcberempfindlichkeiten kommen kann, zu Symptomen, die man sonst nicht kennt. Zum Beispiel, dass man etwas als kalt oder hei\u00df empfindet, obwohl dem nicht so ist, oder einem Gef\u00fchl des st\u00e4ndigen Vibrieren oder Kribbelns. Letzteres kennt man sonst nur als fl\u00fcchtiges Symptom bei einer \u201eeingeschlafenen\u201c Extremit\u00e4t.Typisch f\u00fcr die Sehst\u00f6rungen ist das Verblassen der Farben.Seltener kommt es auch zu Doppelbildern. Und schlie\u00dflich \u2013 f\u00fcr alle sichtbar \u2013 motorische Einschr\u00e4nkungen \u2013 vorwiegend St\u00f6rungen des Gehens oder der Handfunktion. Prinzipiell gibt es bei MS keine St\u00f6rung, die nicht auftreten kann.<\/p>\n<p><strong>Dank der modernen Medizin und den diagnostischen M\u00f6glichkeiten sind viele Krankheiten heilbar, was macht die \u201eHeilungschancen\u201c bei MS so kompliziert und ist eine Heilung \u00fcberhaupt m\u00f6glich?<\/strong><\/p>\n<p>Eine Heilung ist nicht m\u00f6glich, obwohl die Krankheit heute gut behandelbar ist. Jeder Mensch, der behauptet, er k\u00f6nnte einen MS-Kranken heilen, sagt die Unwahrheit. Es ist deshalb noch unm\u00f6glich, weil die eigentlich ausl\u00f6sende Ursache, warum MS entsteht und welche Faktoren daf\u00fcr entscheidend sind, immer noch unbekannt ist. Wir kennen aber eine Reihe von Bedingungen unter denen es zu einer MS kommt. Wir wissen beispielsweise, dass es sich um eine sogenannte Autoimmunkrankheit handelt, weshalb der K\u00f6rper das eigene Nervengewebe angreift.<br \/>\nAber neben den oben genannten genetischen Bedingungen gibt es eine ganze Reihe von anderen Faktoren, von denen wir heute wissen, dass sie zu Entstehung und z. T. auch zu weiteren Progression einer MS-Erkrankung beitragen wie Rauchen, stark fleischhaltige Ern\u00e4hrung, bestimmte Virusinfektionen u. a.<br \/>\nUmgekehrt ist es z. B. so, dass ein S\u00e4ugling, der l\u00e4nger als ein halbes Jahr ausschlie\u00dflich gestillt wurde, ein geringeres Risiko hat sp\u00e4ter eine MS zu bekommen, als bei einer k\u00fcrzeren Stillphase. Auch die Beachtung aller bekannter Faktoren w\u00fcrde weder die Entstehung einer MS verhindern noch kann man dadurch den Verlauf der MS definitiv zum Stillstand bringen, aber eben optimieren.<\/p>\n<p><strong>Welche Medikamente k\u00f6nnen den Krankheitsverlauf verz\u00f6gern, wie ist der Stand der Forschung? <\/strong><\/p>\n<p>Seit 20 Jahren haben wir eine zunehmende Zahl von Medikamenten, mit denen man den Krankheitsverlauf beeinflussen kann, die alle von derMS als einer Autoimmunkrankheit ausgehen. Diese Medikamente beeinflussen also das Immunsystem. Als \u201eBasistherapeutika\u201c werden heute die sogenannten Immunmodulatoren eingesetzt, Medikamente also, mit denen man in einzelne Abl\u00e4ufe des Immunsystems eingreifen kann, um dadurch das Fortschreiten der Krankheit zu reduzieren. Medikamente mit einem geringen Risikos bei relativ guter subjektiver Vertr\u00e4glichkeit. Der Schwerpunkt der Wirkung liegt in der Schubreduktion, die bei ca. 30% liegt. Auch die Progression der Behinderung wird offensichtlich positiv beeinflusst. Bei unzureichender Wirkung dieser Basismedikamente werden zur Therapieeskalation st\u00e4rker wirksame Medikamente mit ca. 60% Schubreduktion eingesetzt, allerdings zum Preis der st\u00e4rkeren und z. T. auch gef\u00e4hrlicheren Nebenwirkungen. Seltener werden heute noch Immunsuppressiva bei schweren bzw. schwer beeinflussbaren Krankheitsverl\u00e4ufen eingesetzt, die entsprechend ihrem Namen nicht nur einzelne Schritte im Ablauf der immunologischen Prozesse beeinflussen sondern das ganze Immunsystem unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>Engagiert sich die Pharmaindustrie mit Nachhaltigkeit f\u00fcr MS oder w\u00fcnschten Sie sich hier mehr Engagement und Initiativen? <\/strong><\/p>\n<p>Man kann der Pharmaindustrie sicherlich nicht vorwerfen, dass sie nicht genug daf\u00fcr tut, denn MS ist ein riesiger Markt. Wir rechnen weltweit mit 2 bis 3 Millionen MS-Betroffenen. Allein in Deutschland kostet eine moderne immunologische Therapie zwischen 20.000 bis 30.000 Euro pro Jahr. Somit ist ein finanzieller Anreiz vorhanden, der die Industrie durchaus herausfordert, neue Medikamente auf den Markt zu bringen.Ein Problem ist aber, dass die Pharmaindustrie, die immer beweisen muss, dass diese neuen Medikamente besser sind als die vorherigen, an der Beurteilung und damit Erforschung \u00e4lterer und eventuell auch wirksamer und billigere Medikamente kein Interesse hat. Derartige Untersuchungen sind so aufwendig und teuer, dass nur die Pharmaindustrie die Mittel hat, sie durchzuf\u00fchren.Deshalb besteht darin ein Problem, dass die Pharmaindustrie eine solche Forschung nicht unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><strong>Meinen Sie, dass diejenigen, die bereits im Rollstuhl sind, nicht mehr gehen oder selbst auch nicht mehr allein essen und trinken k\u00f6nnen \u2013 durch die richtigen Medikamente wieder auf die Beine kommen?<\/strong><\/p>\n<p>Hier muss man unterscheiden, ob es sich um einen Zustand handelt, der im Rahmen der akuten Entz\u00fcndung der Erkrankung aufgetreten ist, dann sind die die Chancen z. B. durch eine Kortisonbehandlungrelativ gut, sich wieder zu erholen. Das Problem ist, wenn jemand \u00fcber lange Zeit schon eine schwere Behinderung hat und wir unterstellen m\u00fcssen, dass die Nervenfasern, die daf\u00fcr verantwortlich sind, zerst\u00f6rt sind. Dann sind die Chancen nach dem momentanen Stand der Forschung geringer, dass dieser Zustand zur\u00fcckgebildet werden kann. Aber wann man solche Differenzierungen trifft, wann man etwas oder nichts mehr machen kann, bleibt weiter sehr schwierig zu entscheiden. Was hierbei oft \u00fcbersehen wird, ist die Aufgabe der symptomatischen Therapie, d. h. wie kann ich mit einer Therapie, die eben nicht die immunologischen, sondern sich im Bereich der Rehabilitation bewegt, denjenigen also dazu bringen, dass er m\u00f6glichst optimal mit seinem Zustand zurechtkommt. Durch solche symptomatischen Therapien kann bei Patienten mit Behinderungen im Rahmen der MS oft sehr viel erreicht werden. Denn wenn man gar nichts macht, wird die Situation automatischer schlechter.<\/p>\n<p><strong>Viele der MS-Betroffenen stellen sich die Frage: \u201eWarum ich? Warum bekam ich MS gerade zu dem Zeitpunkt?\u201c Meinen Sie, dass der Ausl\u00f6ser MS auch mit Stress zu tun hat \u2013 ob im Job, in einer Beziehung? Haben diejenigen eine schlechte Abwehr?<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich haben MS-Betroffene gegen\u00fcber allgemeinen Infektionen eine erstaunlich gute Abwehr. Bei den Betroffenen gibt es keine allgemeine Abwehrschw\u00e4che. Auch wenn es sich bei der MS um einen immunologischen Prozess handelt, hei\u00dft das nicht, dass das Immunsystem als Ganzes gesch\u00e4digt is. Bei akutem Stress muss man allerdings zwischen ausl\u00f6sendem Stress und Stress innerhalb des Krankheitsverlaufs unterscheiden. Ich glaube nicht, dass Stress f\u00fcr das Entstehen der Krankheit verantwortlich ist. Zweifellos ist es aber so, dass Stress bei einer bestehenden MS-Erkrankung, die Situation, durchaus negativ ver\u00e4ndern kann, was aber nicht hei\u00dfen soll, dass ein MS-Betroffener unter eine K\u00e4seglocke gestellt und von der Au\u00dfenwelt abgeschottet werden muss. Extrembelastungen k\u00f6nnen \u2013 m\u00fcssen aber offensichtlich nicht \u2013 wahrscheinlich zu einer Verschlechterung f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Warum haben mehr Frauen als M\u00e4nner MS?<\/strong><\/p>\n<p>Auch das ist eine Frage, die wahrscheinlich mit in die Genetik hereinspielt, aber auch in die hormonelle Situation. In der Fr\u00fchphase der Erkrankung, auch bei Kindern in der pr\u00e4pubert\u00e4ren Phase, wissen wir, dass die Geschlechterverh\u00e4ltnisse viel ausgeglichener sind. ImErwachsenenalter hat die hormonelle Situation der Frau einen Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf der Krankheit.<\/p>\n<p><strong>Kann man es beeinflussen, dass man keinen Schub mehr bekommt?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist der Schwerpunkt der immunmodulierenden Medikamente. Ich will mich allerdings nicht dazu versteigen zu sagen, dass man die Garantie bekommt, keinen Schub zu bekommen, aber die Chancen, dass man weniger Sch\u00fcbe erleidet als unbehandelt, sind eben sehr gro\u00df. Mindestens 30 bis 60 Prozent bei den modernen Medikamenten, die aber auch ihre Nebenwirkungen haben. Durch diese Medikamente ist es m\u00f6glich, dass einzelne Patienten keine Sch\u00fcbe mehr haben. Aber eine Garantie ist es leider noch keine.<\/p>\n<p><strong>Was halten Sie davon, wenn man statt der verschiedenen Medikamente, die die Pharmaindustrie MS-Betroffenen vorschl\u00e4gt \u2013 homopatische Medizin oder \u00c4hnliches \u2013 gibt? Verschlimmert man dadurch eher die Krankheit?<\/strong><\/p>\n<p>Bei diesen sogenannten alternativen Medizinen, dazu geh\u00f6rt die Hom\u00f6opathie, muss man unterscheiden, ob die Grundkrankheit oder der subjektive Zustand beeinflusst werden soll. Ich halte es f\u00fcr ausgeschlossen, das man mit alternativen Medikamenten oder alternativen Therapieverfahren den Verlauf der Krankheit nachhaltig beeinflussen kann. Aber worin der Schwerpunkt dieser Verfahren liegt, ist das subjektive Wohlbefinden. Da die Leistungsf\u00e4higkeit der MS-Betroffenen eingeschr\u00e4nkt ist, bleibt es wichtig, dass die subjektive Befindlichkeit und auch der Umgang mit den Symptomen positiv beeinflusst wird, um auf diese Art und Weise zu erreichen, dass es den Betroffenen besser geht. Da k\u00f6nnen alternative Methoden im Einzelfall hilfreich sein. Ich halte es allerdings f\u00fcr schwierig, wenn jemand, der eine immunmodulierende Therapie unbedingt braucht, auf diese zugunsten einer homopatischen verzichtet. Da der Verlauf der MS oft nicht vorhersehbar ist \u2013 es gibt ja auch einen kleinen Prozentsatz von MS-Betroffenen mit einem jahrelang sehr g\u00fcnstigen Verlauf \u2013, ist in Einzelf\u00e4llen z. B. bei einer hom\u00f6opathischen Behandlung keine Kausalit\u00e4t zwischen einem g\u00fcnstigen Verlauf und der Wirksamkeit der Therapie nachzuweisen. Das ist das Problem.<\/p>\n<p><strong>Im Augenblick sucht ja das Klinikum Gro\u00dfhadern nach eineiigen Zwillingen, von welchen einer MS hat. Was kann durch diese Forschung erzielt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Der Erforschung der MS liegt ein Tiermodell zugrunde. Es gibt erstaunlicherweise kein Tier, das eine MS Krankheit spontan entwickelt, d.h. alle Tierversuche, die seit 60 Jahren in der Erforschung der Medikamente angewandt werden, sind k\u00fcnstlich induzierte Krankheiten, die man diesen Tieren, meistens M\u00e4usen, beif\u00fcgt. Nun ist es vor kurzer Zeit im Max-Planck-Institut in Martinsried bei M\u00fcnchen durch Prof. Weckerle gelungen, ein Mausmodell zu z\u00fcchten, das unter normalen Lebensbedingungen ein Krankheitsbild entwickelt, das wie eine MS einzuordnen ist, d.h. Sch\u00fcbe und Remissionen bekommt. Dabei hat sich herausgestellt, dass diese M\u00e4use gesund bleiben, wenn man sie unter absolut sterilen Bedingungen h\u00e4lt. Nun gibt es die Vorstellung, dass das allein von der Oberfl\u00e4che gr\u00f6\u00dfte Immunsystem mit seiner Unzahl von Bakterien, der Darm des Menschen, eine Rolle spielt. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass die Darmbakterien eine viel umfangreichere Variabilit\u00e4t haben als wir dachten, und dass m\u00f6glicherweise \u2013 so der jetzige Ansatz \u2013 hier eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr zu finden ist,warum bei gleicher genetischen Ausstattung \u2013 eineiige Zwillinge \u2013 der eine unter einer MS leidet und der andere nicht.<\/p>\n<p><strong>Herr Dr. K\u00f6nig, als ehemaliger Chefarzt der Marianne-Strau\u00df-Klinik sind Sie zugleich Vorsitzender der Bayerischen Multiple Sklerose Stiftung (DMSG). Welche Ziele verfolgt die Stiftung?<\/strong><\/p>\n<p>Die Stiftung ist eine Einrichtung, die prim\u00e4r das Ziel hat, die Arbeit des bayerischen Landesverbandes der DMSG zu unterst\u00fctzen. Ein erheblicher Teil der Aufwendungen seitens des Landesverbandes um unsere 7.000 Mitglieder zu betreuen, erfolgt \u00fcber Spenden, Erbschaften und freiwillige Zuwendungen. Ein wichtiger Teil, leider ein nicht ausreichender, \u00fcber \u00f6ffentliche Zuwendungen. Da viele dieser Zuwendungen aber nicht geplant oder vorausgesagt werden k\u00f6nnen, versucht die Stiftung durch Anlegen eines Kapitalstocks die bayerische DMSG in ihrer Arbeit zu unterst\u00fctzen, um eine kontinuierliche und zuverl\u00e4ssige Versorgung zu gew\u00e4hrleisten. Als eigene Aufgaben der Stiftung werden Personen, bzw. Angeh\u00f6rigedurch den bayerischen Pflegepreis gew\u00fcrdigt, die mit hohem Engagement MS-Kranke zu Hause betreuen. Mit diesem Preis wollen wir den Angeh\u00f6rigen f\u00fcr ihre gro\u00dfartigen Leistungen in der \u00d6ffentlichkeit ein Zeichen setzen. Dar\u00fcber hinaus werden auch finanziell in Not geratene Personen im Einzelfall durch die Stiftung unterst\u00fctzt, etwas was die DMSG nicht leisten kann und auch andere Projekte in Zusammenhang mit der MS gef\u00f6rdert.<\/p>\n<h1>B\u00fccher f\u00fcr Nomaden &#8211; Interview mit J\u00fcrgen Petry<\/h1>\n<p><strong>Stefan Gro\u00df: Herr Petry, Sie haben sich 35 Jahre, teils beruflich, teils auch privat, mit dem Verlagswesen und dem Buchhandel in der Mongolei besch\u00e4ftigt und vor einigen Jahren auch ein Buch \u00fcber das Land geschrieben. Wie kamen Sie dazu?<\/strong><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Petry: Es fing durch einen Zufall an. Im Sommer 1978 fragte mich der Leiter der Auslandsabteilung im Ministerium f\u00fcr Kultur der DDR, ob ich mir vorstellen k\u00f6nnte f\u00fcr einige Wochen in die Mongolei zu reisen. Dort sollte eine, (Originalfassung) \u201eAnalyse des Ist-Zustandes und der Wirksamkeit des Verlagswesens und Buchhandels in der Mongolischen Volksrepublik, unter besonderer Ber\u00fccksichtigung k\u00fcnftiger Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen im Rahmen der sozialistischen Hilfe durch die DDR\u201c, erarbeitet werden. Die Sprache war etwas gestelzt, doch derAuftrag klar. Ich konnte es mir vorstellen und so flog ich drei Wochen sp\u00e4ter, zusammen mit meinem Kollegen und Freund Justus Weiss nach Ulan Bataar. (w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt hei\u00dft das \u201eStadt der roten Helden\u201c, vor der Revolution hie\u00df sie Urga)<br \/>\n<strong><br \/>\nStefan Gro\u00df: Gab es daf\u00fcr einen politischen Hintergrund? Verfolgte man ein bestimmtes Ziel oder hatte man sich im Kulturministerium der DDR einfach so gedacht, helfen wir denen mal etwas?<\/strong><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Petry: Politischer Hintergrund waren wohl die Spannungen zwischen der Sowjetunion und China. Bereits einige Jahre zuvor hatte der \u201eRat f\u00fcr gegenseitige Wirtschaftshilfe\u201c beschlossen, die Mongolei wirtschaftlich und kulturell kr\u00e4ftiger zu unterst\u00fctzen. Jedenfalls liefen in dieser Zeitbereits mehrere wirtschaftliche Hilfsma\u00dfnahmen. Beteiligt waren daran mehr oder weniger alle sozialistischen L\u00e4nder. F\u00fcr die DDR war einer der Schwerpunkte Kultur und Bildung. J\u00e4hrlich erhielten hunderte junge Mongolen, Frauen wie M\u00e4nner, in der DDR eine Berufsausbildung oder einen Studienplatz an Hochschulen und Universit\u00e4ten. Schwerpunkt war Leipzig. Das erkl\u00e4rt auch die Verbreitung der deutschen Sprache in der Mongolei. Damals jedenfalls. Die geplante Hilfe f\u00fcr die Buchbranche war lediglich eine Aufgabe von vielen und keineswegs die bedeutendste.<br \/>\n<strong><br \/>\nStefan Gro\u00df: Sie sollten ja zun\u00e4chst den Ist-Zustand untersuchen. Was fanden Sie vor?<\/strong><\/p>\n<p>Weitaus mehr als wir erwartet hatten. Dazu muss ich voraus schicken, dass die Mongolei nach der Revolution von 1924 praktisch keine Bildungstr\u00e4ger mehr besa\u00df, also ein Volk von Analphabeten war. Die Tr\u00e4ger der mongolischen Kultur und Bildung waren bis dahin vor allem die lamaistischen M\u00f6nche in den Kl\u00f6stern. Die wurden, teils durch die Interventionstruppen des Generals Ungern \u2013 Sternberg, vor allem aber durch die des Revolutionsf\u00fchrers Suche Bator geschleift und die M\u00f6nche nahezu ausgerottet (vernichtet sollen 137 Kl\u00f6ster worden sein). Was an unwiederbringlichen Kulturg\u00fctern vernichtet wurde, kann man nicht einmal erahnen. Das jedenfalls war kein Ruhmesblatt der kommunistischen Revolution. Nach den Revolutionswirren hatte das Land, das mit 1 565 000 Quadratkilometern so gro\u00df ist wie Frankreich, Deutschland, Polen, Rum\u00e4nien, Ungarn und ein paar Quadratkilometer dazu, noch ca. 700 000 Einwohner, keine einheitliche Sprache, keine Schulen, keine nennenswerte medizinische Versorgung und auch keine funktionierende Verwaltung. Das alles war uns bekannt, nachdem wir uns mit der j\u00fcngeren Geschichte des Landes befasst hatten. Vorgefunden haben wir ein Volk ohne Analphabeten, 5 spezialisierte Verlage, 9 Buchhandlungen in der Hauptstadt und 18 in den Aimakhauptst\u00e4dten (das sind Verwaltungszentren), Schulen, Hochschulen, 2 Universit\u00e4ten und vieles andere mehr. Betrachten wir es vom Ausgangspunkt her, war das eine ungeheure kulturelle Leistung, vor der wir die allergr\u00f6\u00dfte Hochachtung bekamen.<br \/>\n<strong><br \/>\nStefan Gro\u00df: Das klingt ja alles ganz gut. Was gab es denn da noch zu unterst\u00fctzen? Entschuldigen Sie bitte die etwas flapsige Frage. Aber sagen Sie uns bitte vorher noch ein Wort dazu, wie das alles erreicht wurde, trotz Krieg mit Japan, Unterst\u00fctzung der Sowjetunion im Krieg mit Deutschland, zwei Schriftreformen und anderes mehr?<\/strong><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Petry: Sicher l\u00e4sst sich nicht alles an europ\u00e4ischen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten messen. So wurde zum Beispiel die Schulpflicht ein wenig rigoroser als bei uns durchgesetzt. Kinder kamen mit 6 Jahren, bis auf die Ferienzeiten, ins Internat in die Aimakhauptstadt und mit 14 erst zur\u00fcck zu ihren Eltern, oder, die besonders Begabten, zur Studienvorbereitung. Wer im Ausland oder in der Hauptstadt studiert hatte, der ging dorthin, wo er gebraucht wurde und nicht ins Ausland. Deshalb gab es auch keinen \u00c4rztemangel in den entfernten Gebieten, um nur ein Beispiel zu nennen. Und die Alphabetisierungskampagnen f\u00fcr Erwachsene beruhten auch nicht auf dem Freiwilligkeitsprinzip. Um auch gleich den ersten Teil ihrer Frage zu beantworten und dabei will ich mich auf die Buchbranche beschr\u00e4nken. Schwieriger als B\u00fccher zu schreiben und herzustellen, war es, sie zum Leser zu bringen. Au\u00dferhalb der Hauptstadt gab es nur ganz wenige Kilometer befestigte Stra\u00dfen. Trotzdem haben es die mongolischen Buchh\u00e4ndler und Verleger geschafft, das Land termingerecht mit Schulb\u00fcchern zu versorgen und B\u00fccher in die entferntesten Orte zu transportieren. Nicht sehr schnell, nicht immer vollkommen bedarfsgerecht, zugegeben, aber geschafft haben sie es. Heraus kam bei unserer Reise ein Unterst\u00fctzungsprogramm, das, wenn auch nicht vollst\u00e4ndig, so doch Schritt f\u00fcr Schritt abgearbeitet wurde. Es reichte von der kostenlosen Lizenzvergabe an mongolische Verlage, bis zur Ausr\u00fcstung von Buchhandlungen oder die Bereitstellung von B\u00fccherbussen. Das war nicht wenig, f\u00fcr die wirtschaftlich schw\u00e4chelnde DDR.<br \/>\n<strong><br \/>\nStefan Gro\u00df: Herr Petry, Sie waren 12 Mal in der Mongolei. Zuletzt im September des letzten Jahres. Erz\u00e4hlen Sie uns doch bitte, was Sie diesmal besonders beeindruckte.<\/strong><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Petry: Viel Positives aber genau so viel Negatives. 1978 hatte das Land ungef\u00e4hr 1.2 Millionen Einwohner, heute sind es 2.9 Millionen. In der Hauptstadt lebten damals 320 000 Einwohner, heute ca. 1.7 Millionen. Deutlich sichtbar ist der Bauboom, die mit Autos voll gestopften Stra\u00dfen, teuerste Hotels, Verwaltungszentren, Internationale Konzerne, besonders aus S\u00fcdkorea, China, Indien aber auch Russland, den USA und auch aus Europa. Sie alle st\u00fcrzen sich auf die reichen Bodensch\u00e4tze und zerst\u00f6ren ohne R\u00fccksicht die d\u00fcnne Grasnarbe und verschmutzen die sp\u00e4rlichen Wasserressourcen. Begriffe wie Umweltschutz sind weitgehend unbekannt. Das Land l\u00e4uft Gefahr zur W\u00fcste zu werden. Besonders traurig gemacht hat mich aber etwas ganz anderes. Es gibt in der ganzen Mongolei keinen einzigen Verlag mehr. In der Hauptstadt und auch in den Aimaks gibt es keine Buchhandlungen und auch keine B\u00fccher mehr. Letzteres ist etwas \u00fcbertrieben. Es gibt ein paar Druckereien die auch ein paar B\u00fccher produzieren, aber sie haben nat\u00fcrlich keinen Vertrieb. Die Folgen dieser Entwicklung sind bereits jetzt sp\u00fcrbar. Langfristig m\u00f6chte ich lieber nicht dar\u00fcber nachdenken.<br \/>\n<strong><br \/>\nStefan Gro\u00df: Was kann man dagegen tun?<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht, Herr Gro\u00df.Vielleicht l\u00f6st es die Marktwirtschaft ja doch noch, aber ich bin einfach skeptisch. Andererseits haben die Mongolen in ihrer j\u00fcngeren Geschichte bewiesen, dass sie schon mit ganz anderen Problemen fertig geworden sind. Aber ohne Hilfe von au\u00dfen? Wir m\u00fcssen es einfach \u00f6ffentlich machen. Dem dient ja auch letztlich Ihr Interview mit mir.<\/p>\n<h1>Das Kreuz mit der PID &#8211; Interview mit Martin Lohmann<\/h1>\n<p><strong>\u00dcber kaum ein Thema wird in den letzten Jahren so intensiv und so kontrovers diskutiert wie \u00fcber die sogenannte Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID). Philosophen wie Robert Spaemann, Ludger Honnefelder, aber auch Juristen wie Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde und Josef Issensee treten mit allem Nachdruck f\u00fcr ein generelles Verbot einer Selektion im Achzellkernstadium ein. Andererseits gibt es eine breite Front von PID-Bef\u00fcrwortern, zu denen beispielsweise Julian Nida-R\u00fcmelin und der australische Philosoph Peter Singer z\u00e4hlen, aber auch J\u00fcrgen Habermas sprach sich vor \u00fcber zehn Jahren bereits f\u00fcr eine begrenzte Zulassung aus. Die evangelische Kirche in Deutschland zieht die Grenzen bei diesem Thema nicht so eng, woran liegt das?<br \/>\n<\/strong><br \/>\n<strong>Martin Lohmann<\/strong>: In der Tat kann man den Eindruck gewinnen, dass in den evangelischen Kirchen die klare Position zum unbedingten Lebensschutz nicht mehr so selbstverst\u00e4ndlich zu sein scheint wie noch vor einigen Jahren. Ein von Katholiken und Protestanten vor einigen Jahrzehnten gemeinsam herausgegebenes Dokument mit dem Titel \u201eGott ist ein Freund des Lebens\u201c w\u00e4re heute wohl kaum so denkbar. Leider. Schade. Ich bedauere das sehr. Denn eigentlich m\u00fcssten sich alle Christen darin einig sein, dass der Lebensschutz weder logische noch \u00f6kumenische Probleme mit sich bringt. Das Lebensrecht eines jeden Menschen ist vom Beginn bis zu seinem nat\u00fcrlichen irdischen Ende weder teilbar noch abstufbar. Es gilt ganz. Ohne Wenn und Aber. Es ist vorgegeben, kommt von Gott und entzieht sich menschlichem Zugriff. Oder auch menschlichem \u00dcbergriff.<br \/>\nDamit aber hier kein falscher Eindruck entsteht: Trotz der vielfach wahrnehmbaren Unsicherheit in den evangelischen Kirchen gibt es sehr viele evangelische Christen, die sehr eindeutig und deutlich f\u00fcr die Unantastbarkeit des Lebensrechtes und der Menschenw\u00fcrde eintreten. Ich bin zum Beispiel als Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht sehr froh und dankbar f\u00fcr die ungez\u00e4hlten Freunde aus den evangelischen Kirchen und aus den Freikirchen, die hier mutig und \u00fcberzeugt Position f\u00fcr das Leben und seinen Schutz beziehen.<br \/>\nHartmut Steeb zum Beispiel, der Generalsekret\u00e4r der Deutschen Evangelischen Allianz, hat erst jetzt wieder sehr deutlich die Abgeordneten des Bundestages unmissverst\u00e4ndlich aufgefordert, sich uneingeschr\u00e4nkt f\u00fcr das nicht an Bedingungen gekn\u00fcpfte Lebensrecht eines jeden Menschen einzusetzen. Steeb steht hier f\u00fcr sehr viele \u00fcberzeugte evangelische Christen.<br \/>\nGestatten Sie mir aber eine Anmerkung zu einer Formulierung in Ihrer Frage: Wenn Sie nun von einem Achtzellstadium sprechen, dann wird damit etwas transportiert, das dem Ernst der Angelegenheit nicht ganz gerecht wird. Denn wir wissen, dass mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle der neue Mensch beginnt und bereits alle, ich betone: alle Informationen des neuen Menschen vorhanden sind, sind aber \u201enur\u201c noch entfalten m\u00fcssen. Es ist also kein werdendes, sondern immer wachsendes menschliches Leben. Darum geht es also: Wir reden hier von Menschen, nicht von Zellhaufen. Aus diesen ist niemals etwas anderes sichtbar geworden als eben ein Mensch. Deshalb verlangt die Logik jedes Nein zur Selektion und jedes Ja zum Leben.<br \/>\nWarum das in den evangelischen Kirchen weniger deutlich gesehen zu werden scheint als in der katholischen Kirche mit ihrem erkennbaren Lehramt, m\u00fcssten Sie eigentlich andere fragen. Ich jedenfalls bleibe dabei, dass wir dringend ein vernehmbares gemeinsames Zeugnis aller Christen f\u00fcr etwas eigentlich christlich Normales brauchen: f\u00fcr die Unantastbarkeit der Heiligkeit des Lebens, die von Anfang an gilt.<br \/>\n<strong><br \/>\nF\u00fcr die katholische Kirche verbietet sich \u2013 begr\u00fcndet durch die Heiligkeit des Lebens, die Gesch\u00f6pflichkeit des Menschen und durch seine Gottesebenbildlichkeit \u2013 aus ethisch-moralischen sowie aus theologisch-metaphysischen Gr\u00fcnden eine PID. Ist die katholische Kirche damit unmodern?<\/strong><br \/>\n<strong><br \/>\nMartin Lohmann<\/strong>: Nein, garantiert nicht. Sie handelt und redet vielleicht in diesen Fragen nicht immer politisch korrekt, aber dennoch bleibt die Logik des Lebens korrekt. Logik und Menschenw\u00fcrde sind keine Frage von modern oder unmodern. Sie sind eine Frage von richtig oder falsch und, mehr noch, von gut oder b\u00f6se. Der Kirchenstifter und Gottessohn Jesus Christus, nach dem sich die Christen benennen, bleibt unser Ma\u00dfstab. Und der hat ebenfalls bekanntlich nicht nach dem gefragt, was damals gerade modern war. Er hat uns vielmehr den Schl\u00fcssel zur Wahrheit gegeben. Und der Kirche ist der Auftrag gegeben, die Wahrheit zu verk\u00fcnden \u2013 ob gelegen oder nicht. Will sagen: ob modern oder nicht. Die Kirche hat sich nicht an Umfragen zu orientieren, sondern an Christus. So gesehen bleibt sie dann immer irgendwie modern, obwohl modern kein theologischer oder kirchlicher Begriff ist. Ihre Verk\u00fcndigung muss wahr bleiben. Wenn Sie so wollen: Wer die Unantastbarkeit der Menschenw\u00fcrde, die \u00fcbrigens der Nagel ist, an dem unser Grundgesetz h\u00e4ngt, verteidigt und an die Unverletzlichkeit des Lebensrechtes erinnert, handelt letztlich immer modern.<br \/>\n<strong><br \/>\nWarum kann ein genetischer Defekt eines Embryos nicht der Grund f\u00fcr eine PID sein?<\/strong><br \/>\n<strong><br \/>\nMartin Lohmann: <\/strong>Weil die W\u00fcrde des Menschen und sein Lebensrecht nicht vom Grad der Gesundheit abh\u00e4ngt, sondern durch die Ebenbildlichkeit und die Gesch\u00f6pflichkeit des Menschen von oben gegeben ist und daher nicht abgestuft werden kann. Es darf keine Selektion geben, ebenso, wie es keine Menschen erster, zweiter oder dritter Klasse gibt. Wir haben kein Recht auf T\u00f6ten, es gibt aber sehr wohl ein Recht auf Leben.<br \/>\n<strong><br \/>\nGibt es eine \u201eHeiligung der Behinderung\u201c, kann man ein Leben mit schwerer Behinderung christlich verantworten, wenn man wei\u00df, dass bei einer vorausgegangenen PID m\u00f6glicherweise diese Behinderung erkannt und der Embryo vernichtet worden w\u00e4re, das Leben in dieser Form also nicht Wirklichkeit geworden w\u00e4re? Oft wird ja argumentiert, dass eine PID nicht nur der W\u00fcrde und Unantastbarkeit des Lebens widerspricht, sondern dass der Wert des Menschen als \u201eZweck an sich selbst\u201c in Frage gestellt wird. Kann ein Mensch mit schwersten Behinderungen in unserer modernen Gesellschaft, wo Tod und Behinderung zunehmend verdr\u00e4ngt werden, ein w\u00fcrdevolles Dasein f\u00fchren?<\/strong><br \/>\n<strong><br \/>\nMartin Lohmann:<\/strong> Das ist eine Herausforderung an uns alle, Leben nicht abzuwerten, sondern stets wertzusch\u00e4tzen. Eine Gesellschaft, die Tod und Behinderung, welche \u00fcbrigens ja auch sp\u00e4ter durch einen Unfall oder eine Krankheit entstehen kann, verdr\u00e4ngt, verwirkt das Siegel der Humanit\u00e4t. Wir w\u00e4ren ziemlich dekadent, wenn wir nur noch Glanz und Perfektion zulassen und als vollwertig erkennen w\u00fcrden. Vor Gott ist jeder Mensch, in Worten: jeder Mensch!, wertvoll und voller W\u00fcrde. Aus christlicher Sicht kann und darf es daher keine Minderwertigkeit geben. Ach ja: Selbst unsere Verfassung macht keine Einschr\u00e4nkung und setzt in Artikel 1 gleichsam dogmatisch fest: Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar. Punkt. Des Menschen \u2013 hei\u00dft es da. Nicht: des gesunden und jungen, des erfolgreichen oder des gerade passenden Menschen. Nein, schlicht und ergreifend hei\u00dft es da: des Menschen. Und das ist auch sehr gut so!<br \/>\n<strong><br \/>\nWas spricht gegen eine \u2013 wie von einigen Mitgliedern des Bundestages bef\u00fcrwortet \u2013 wirklich begrenzte Zulassung der PID f\u00fcr behinderte Eltern mit Kinderwunsch?<\/strong><br \/>\n<strong><br \/>\nMartin Lohmann<\/strong>: Ich wei\u00df, dass das eine sehr schwierige Frage ist. F\u00fcr die Betroffenen allemal. Aber auch sie sprengt die Logik des Lebens und der damit gegebenen Verantwortung schlie\u00dflich nicht. Wenn es neues menschliches Leben gibt, muss es besch\u00fctzt und beh\u00fctet werden, und es darf auf keinen Fall selektiert und get\u00f6tet werden. Jedes menschliche Tun hat Konsequenzen und verlangt nach positiver Verantwortung. Wer also ahnt oder wei\u00df, dass er die Verantwortung einer m\u00f6glichen Handlung eventuell nicht tragen kann, sollte sich vor der Zeugung eines neuen Menschen \u00fcberlegen, was er tut. Vorher kann man Nein sagen, sobald der neue Mensch entstanden ist, gibt es eine Pflicht zur Verantwortung f\u00fcr dieses Leben. Und noch etwas: Es gibt kein Recht auf ein Kind. Ist dieses aber entstanden, hat es ein Recht auf Leben und Schutz.<br \/>\n<strong><br \/>\nWenn man die PID verbietet, bedeutet dies ja nicht, dass sp\u00e4tere Behinderungen in der Schwangerschaft auftreten k\u00f6nnen, die dann oft zu einer Sp\u00e4tabtreibung f\u00fchren, die gesetzlich nicht verboten ist. Warum also die PID erlauben und die g\u00e4ngige Praxis des Schwangerschaftsabbruchs nicht? Ist das nicht logisch inkonsequent?<\/strong><br \/>\n<strong><br \/>\nMartin Lohmann: <\/strong>Sie sprechen einen heiklen Punkt an. In der Tat gilt die von mir genannte und markierte Logik ganz und immer. Man sollte also eine in sich unlogische gesetzliche Regelung nicht zum Ma\u00dfstab nehmen, sondern umgekehrt: Das Ja zum Leben muss der Ma\u00dfstab sein! Und ein Menschenrecht auf Abtreibung, was immer die T\u00f6tung eines noch nicht geborenen Menschen ist, darf und kann es niemals geben \u2013 auch wenn verwirrte Leute dies schon gefordert haben oder fordern.<br \/>\n<strong><br \/>\nHerr Lohmann, Sie haben ein Buch mit dem Titel \u201eDas Kreuz mit dem C\u201c geschrieben und besch\u00e4ftigen sich darin mit dem christlichen Wertebild in den Unionsparteien, eine der vielen Fragen lautet dabei: Wie christlich ist die Union? Nun votieren einige Unionsmitglieder, beispielsweise die Bundesfamilienministerin Kristina Schr\u00f6der, f\u00fcr eine begrenzte Zulassung der PID. Was bedeuten solche Argumentationen f\u00fcr das Werteprogramm einer christlichen Partei? Steht sie damit vor dem Ausverkauf?<\/strong><br \/>\n<strong><br \/>\nMartin Lohmann<\/strong>: Oh je, jetzt machen Sie aber ein gro\u00dfes Fass auf. Wir haben mit dem Arbeitskreis Engagierter Katholiken AEK in der CDU, der in der Folge meines von Ihnen erw\u00e4hnten Buches entstanden ist, gegen alle Widerst\u00e4nde aus der Parteif\u00fchrung versucht, einige katholische \u00dcberzeugungen in \u00f6kumenischem Geist in dieser Partei wieder zu erwecken und von einer durch Vergessen und Verdr\u00e4ngen entstandenen Staubschicht zu befreien. Inzwischen wird \u00fcber alle diese Themen zum Gl\u00fcck wieder lebhaft innerhalb der CDU diskutiert. Andererseits w\u00e4chst die nicht unbegr\u00fcndete Sorge, dass sich die Union aus welchen Gr\u00fcnden auch immer fahrl\u00e4ssig ihres Markenkerns beraubt und man sehenden Auges in Kauf zu nehmen scheint, bald unverkennbar unerkennbar zu sein. Ich h\u00e4tte so gerne Unrecht mit dem, was ich in meinem Buch damals bef\u00fcrchtet habe: dass die Union in ein riesiges programmatisches Nichts fallen k\u00f6nnte und ihren mit dem C verbundenen Mehrwert leichtsinnig verschleudert. Nun f\u00fcrchte ich, dass ich mit meinen Bef\u00fcrchtungen vielleicht Recht behalten k\u00f6nnte. Das aber w\u00e4re fatal. Und tragisch. Denn eigentlich steckt in der CDU viel mehr Zukunftsmusik und Profil, als das zurzeit zugelassen und erkannt wird. Wenn man nicht mehr erkennt, was die CDU unterscheidet oder unterscheiden k\u00f6nnte, wenn man sein eigenes Profil verr\u00e4t, dann muss und darf man sich nicht wundern, wenn es zum billigen Ausverkauf kommt. Deshalb hoffe ich nach wie vor inst\u00e4ndig auf mentales Erwachen im Adenauerhaus. Nicht nur ich bleibe von der Einzigartigkeit, der Notwendigkeit und dem humanen Mehrwert einer Politik aus christlicher Verantwortung \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p><strong><em><u>Martin Lohmann ist katholischer Publizist, Theologe und Historiker. Er arbeitet als Verlagsleiter der K\u00f6lner Kirchenzeitungsverlages Bachem Medien und ist ehrenamtlich Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht BVL. Zudem ist er Sprecher des von ihm initiierten und mitbegr\u00fcndeten Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU.<\/u><\/em><\/strong><\/p>\n<h1>Lothar de Maizi\u00e8re im Gespr\u00e4ch<\/h1>\n<p><strong>Ist die heutige Bundesrepublik, das Land von dem Sie als DDR-B\u00fcrger tr\u00e4umten?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe als DDR-B\u00fcrger nicht von einem anderen Land getr\u00e4umt, sondern ich wollte, da\u00df mein Land, Brandenburg-Berlin, die ostdeutschen L\u00e4nder, in Demokratie und Freiheit leben k\u00f6nnen \u2013 das hat sich erf\u00fcllt.<br \/>\n<strong><br \/>\nWas h\u00e4tten Sie sich gew\u00fcnscht, was ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mir gew\u00fcnscht, da\u00df wir die Situation mental erlebbarer gemacht h\u00e4tten, und da\u00df wir auch in symbolischen Handlungen deutlich gemacht h\u00e4tten, da\u00df eine neue Zeit beginnt. Ich habe damals vorgeschlagen, da\u00df wir nicht den 12. Deutschen Bundestag w\u00e4hlen, sondern den ersten gesamtdeutschen Bundestag, dies w\u00e4re ein Signal f\u00fcr die Menschen gewesen. Da herrschte zun\u00e4chst im Westen die Meinung, wir w\u00e4ren nur eine vergr\u00f6\u00dferte Bundesrepublik und machen so weiter wie bisher. Da\u00df die Vereinigung das Leben aller Deutschen ver\u00e4ndert, ist bei den Westdeutschen erst sehr viel sp\u00e4ter angekommen.<\/p>\n<p><strong>Fast 22 Jahre sind nach dem Fall der innerdeutschen Grenze vergangen. Wo stehen wir heute, wo steht die CDU?<\/strong><\/p>\n<p>Wir stehen als Deutschland in Europa, auch in internationaler Verantwortung. Deutschland ist erwachsen geworden, au\u00dfenpolitisch souver\u00e4n, es hat eine wichtige Rolle bei der Ost-Erweiterung der europ\u00e4ischen Union gespielt, da waren die anderen westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder anfangs gar nicht davon begeistert. Die CDU hat sich aus einem rheinisch-katholischen Wahlverein zu einer Partei der Mitte entwickelt; sie ist die einzige Partei, die im echten Sinne heute Volkspartei ist. Ich bedaure, da\u00df die Personaldecke der CDU so d\u00fcnn ist, so da\u00df man M\u00fche hat, mitunter Posten verantwortlich zu besetzen. Das ist aber eine Frage, die mit der Gesamtfrage von Glaubw\u00fcrdigkeit und Politik \u2013 und wie Politik sich darstellt \u2013 zusammenh\u00e4ngt. Dies ist damit nicht unbedingt ein CDU-spezifisches Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p><strong>Gibt es heute noch einen Unterschied zwischen der Ost- und der West &#8211; CDU, von der Sie auch in Ihrem Buch sprechen?<\/strong><\/p>\n<p>Nach 20 Jahren sind auch die handelnden Personen andere geworden, und ich glaube, da\u00df die jetzt politisch Handelnden gesamtdeutsch sozialisiert sind. Die anderen waren westdeutsch, die anderen ostdeutsch sozialisiert; ich gestehe, da\u00df ich die DDR nicht ganz losgeworden bin, will ich auch nicht, weil es ein wichtiger Teil meines Lebens gewesen ist, aber die Politiker, die jetzt handeln, wie Angela Merkel und Thomas de Maizi\u00e8re, sind in der Wendezeit politisch sozialisiert worden und sind gesamtdeutsche Politiker, empfinden auch eine gesamtdeutsche Verantwortung. Ich bin mir aber sicher, da\u00df die Arbeitslosen in Sachsen Angela Merkel genauso anerkennen wie die in Gelsenkirchen.<\/p>\n<p><strong>In Ihrem neuen Buch \u201eIch will, dass meine Kinder nicht mehr l\u00fcgen m\u00fcssen, Meine Geschichte der deutschen Einheit\u201c setzten Sie sich mit dem Thema L\u00fcge auseinander, was hei\u00dft, \u201edass meine Kinder nicht mehr l\u00fcgen m\u00fcssen\u201c? <\/strong><\/p>\n<p>Ich habe in DDR-Zeiten erlebt, da\u00df mich meine Kinder immer wieder fragten, ob sie das, was wir zuhause politisch ge\u00e4u\u00dfert haben auch in der Schule sagen k\u00f6nnten. Oder, da\u00df sie mich fragten, ob es zwei Wahrheiten gebe, eine private und eine f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmte. Dieses Gef\u00fchl, seine eigenen Kinder von vornherein zur Janusk\u00f6pfigkeit zu erziehen, und zu sagen, aus taktischen Gr\u00fcnden w\u00fcrde ich die Frage in der Schule anderes beantworten als zuhause, dies hat mich so umgetrieben, und das war eigentlich der Hauptgrund, eigentlich die Hoffnung, diese Mi\u00dfst\u00e4nde zu \u00e4ndern, das ich damals in die Politik gegangen bin. Das war f\u00fcr mich der ausschlaggebende Punkt, \u00fcberhaupt Politik zu machen.<\/p>\n<p><strong>Was verbinden Sie mit Michael Gorbatschow, der das Vorwort f\u00fcr Ihr Buch, das tiefere Einblicke in die Wendezeit gibt, geschrieben hat?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist komisch. Er ist einer der gro\u00dfen Weltver\u00e4nderer und trotzdem ist er fast eine tragische Figur. Er ist angetreten, einen neuen Sozialismus, eine reformierte UdSSR, zu schaffen. Er hat den Zerfall der Sowjetunion mitbewirkt, aber den Sozialismus eben nicht dahin f\u00fchren k\u00f6nnen, wohin er wollte. Er ist mit Sicherheit einer der gro\u00dfen Weltbeweger der zweiten H\u00e4lfte 20. Jahrhunderts. Ich bin mit ihm sehr eng befreundet und wir haben gemeinsam die letzten Jahre den \u201ePetersburger Dialog\u201c geleitet. Er ist eine historische Pers\u00f6nlichkeit, denn kaum einer wie er hat die Welt im 20. Jahrhundert so dramatisch ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Wie beurteilen Sie die soziale Lage in Ostdeutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Besser, als die \u00f6ffentliche Darstellung, aber schwierig genug noch immer.<\/p>\n<p><strong>Bev\u00f6lkerungsabwanderung, demographischer Wandel, welche Zukunft hat der Osten Deutschlands?<\/strong><\/p>\n<p>Wir werden noch einige gro\u00dfe Umbr\u00fcche erleben. Wir haben nach der Wiedervereinigung festgestellt, da\u00df die Landbev\u00f6lkerung nicht in die Selbst\u00e4ndigkeit gehen wollte, sondern die Gro\u00dfbetriebe behalten hat, die LPGs, die sich jetzt zwar anders nennen, haben keine Erben, die Kinder sind nicht mehr in der Landwirtschaft geblieben. Wir werden also eine wirkliche Umkrempelung auf dem Land erleben und damit auch der Landeskultur. Der Landwirt ist nicht nur Bauer, sondern betreibt die Landeskultur, ist <em>der<\/em> \u00d6kologe. Dies wird schwierig werden. Zudem haben wir eine starke \u00dcberalterung im Osten, die fast dramatisch ist. Vor allem in Leipzig, G\u00f6rlitz, in all diesen St\u00e4dten, die sch\u00f6n hergerichtet sind, aber wo die Stadtabwanderung stattgefunden hat. Diese St\u00e4dte locken jetzt westdeutsche Bundesb\u00fcrger an, damit diese dort billige Wohnungen beziehen. Wir werden in zehn Jahren Pflegeheime brauchen. Ich glaube dennoch an eine Durchmischung mit den anderen Osteurop\u00e4ern. Wir erleben zunehmend, da\u00df auch an den Randgebieten Polen in Deutschland arbeiten und umgekehrt. Ich hoffe doch, da\u00df er mit der zunehmenden Industrialisierung zu einer gewissen R\u00fcckwanderung kommt. Wir werden uns aber darauf einstellen m\u00fcssen, da\u00df die Bev\u00f6lkerung in Deutschland schwindet. Desto wichtiger ist gerade die Frage der Integration von Ausl\u00e4ndern bei uns, und da\u00df wir dort vern\u00fcnftige Wege gehen. Insofern hat mich die \u00c4u\u00dferung unseres neuen Innenministers schon ziemlich verwundert.<\/p>\n<p><strong>Dieses Jahr ist Liszt-Jahr, was sch\u00e4tzen Sie an diesem gro\u00dfen Komponisten und Dirigenten?<\/strong><\/p>\n<p>Liszt ist ein \u201eEurop\u00e4er in Th\u00fcringen\u201c. Ich habe als Kind noch erlebt, wie seine Musik noch f\u00fcr Siegesmeldungen der Deutschen Wehrmacht mi\u00dfbraucht wurde \u2013 das hat er nicht verdient. Es gibt verschiedene Werke, f\u00fcr die ich die gr\u00f6\u00dfte Bewunderung habe, sein Klavierspiel geh\u00f6rt allerdings nicht dazu. Zweifellos ist Liszt einer der gro\u00dfen knorrigen Figuren der romantischen Epoche im ausgehenden 19. Jahrhundert. Er hat dem Klavierspiel in der Virtuosit\u00e4t Dinge abverlangt, wo er offensichtlich von der Geigenvirtuosit\u00e4t des Paganini inspiriert worden ist. Er war ein Feuerwerker und ein genialer Techniker, der leider ein wenig hinter der Figur von Richard Wagner verbla\u00dft.<br \/>\n<strong><br \/>\nWelche Bedeutung hat der Theologe Dietrich Bonhoeffer in Ihrem Leben gespielt, insbesondere sein Buch \u201eWiderstand und Ergebung\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, Bonhoeffer war eine politisch-theologische Pers\u00f6nlichkeit, die mich mein Leben lang faszinierte. Bonhoeffer hatte sich mit der Zwei-Reiche-Lehre Luthers auseinandergesetzt und hat die K\u00f6nigsherrschaft Jesus Christi \u00fcber Himmel und Erde gegen\u00fcbergestellt. Insofern war seine Lehre f\u00fcr uns in der evangelischen Kirche in der DDR mit dem Staat wichtig. Der sozialistische Staat war immer der Auffassung, die Kirche mu\u00df sich um das seelische Wohl k\u00fcmmern, wir k\u00fcmmern uns um das irdische. Dieser staatlichen Auffassung aber haben wir widersprochen, denn, wenn wir Nachfolger von Jesus Christus sein wollen, dann m\u00fcssen wir die K\u00f6nigsherrschaft von Jesus Christi im Himmel und auf Erden bezeugen. Und insofern nehmen wir uns das Recht heraus, unsere eigenen Angelegenheiten auf Erden mit zu bestimmen. Dies war eine sehr starke theologische Rechtfertigung des Tuns, was die evangelischen Kirchen in Ostdeutschland geleistet haben.<\/p>\n<p>Von Lothar de Maiz\u00e8re ist gerade sein neues Buch: &#8222;Ich will, dass meine Kinder nicht mehr l\u00fcgen m\u00fcssen, Meine Geschichte der deutschen Einheit&#8220;, unter Mitarbeit von Volker Resing im Herder-Verlag erschienen.<\/p>\n<h1>Im Interview, Dr. Thomas Goppel, MdL, Staatsminister a. D.<\/h1>\n<p><strong>Herr Dr. Goppel, ich zitiere Sie: \u201eErst Bildung er\u00f6ffnet dem Menschen Chancen f\u00fcr ein Leben in Freiheit, Selbstentfaltung und Verantwortung.\u201d Wenn Bildung ein Gut erster Klasse ist, widerspricht dem nicht, dass Studierende f\u00fcr ihre Bildung zahlen m\u00fcssen? Ein heftiger Streit um die Abschaffung der Studiengeb\u00fchren f\u00fchrt derzeit zu einer angespannten Lage mit dem Koalitionspartner FDP.<\/strong><\/p>\n<p>Wir finden eine verquere Gemengelage vor. Die FDP, die die Studienbeitr\u00e4ge erst nicht wollte, will sie jetzt beibehalten. Unser Ministerpr\u00e4sident wollte sie nie, hat sie aber sozial so abgefedert, dass sie ohne weiteres beibehalten werden k\u00f6nnten. Einer wie ich hat immer von Studienbeitr\u00e4gen gesprochen, nie \u2013 wie \u00fcbrigens Sie auch \u2013 von Geb\u00fchren. Auch f\u00fcr Bayern gilt: Der Staat finanziert die Ausbildung aller. So, wie die jungen Meister wollten wir allerdings auch die Studierenden um die Spitzenfinanzierung ersuchen, die vor allem in unberechenbar gro\u00dfen Zulaufjahren \u2013 jetzt also auf Sicht \u2013 anf\u00e4llt. Wir wollen also nicht schr\u00f6pfen, sondern gezielt zus\u00e4tzlich f\u00f6rdern, Gutes tun.<br \/>\nWir wollen nicht verdienen an den Studenten und ihren Abgaben, sondern wir wollen gemeinsam mit ihnen ihr Studium besser und direkter gestalten. Im \u00fcbrigen gilt auch hier: Etwas, f\u00fcr das nichts bezahlt wird, ist nichts wert, das wissen wir aus allen allt\u00e4glichen Begegnungen. Seitdem bezahlt wird, k\u00fcmmern sich Studierende um den optimierten Ablauf ihres Studiums. Das aufzugeben, bin ich ehrlich gesagt auch nicht bereit. Studienbeitr\u00e4ge machen auch ein ganz klein wenig darauf aufmerksam, dass die Gesellschaft eine Unmenge daf\u00fcr aufwenden muss, damit jeder einzelne sach- und anlagengerecht versorgt wird. Nicht nur die Akademiker wie bisher. Einen Ausgleich halte ich da f\u00fcr \u00fcberf\u00e4llig. Wenn morgen die Studienbeitr\u00e4ge wegfallen, bedeutet das einen Verlust von 100ten Millionen Euro, die den Hochschulen direkt abgehen. Der Finanzminister wird sie nicht ohne Gegenleistung aus seiner Kasse berappen. Er wird ausdr\u00fccklich darauf bestehen, dass ein Teil davon von den Studierenden selbst getragen wird, und wenn er es indirekt bei den Haushaltsverhandlungen durchdr\u00fcckt. \u00dcberdies wird es viele Jahre dauern, bis das schon verausgabte Geld wieder da ist. Die dazugeh\u00f6rigen Studierenden sind dann l\u00e4ngst nicht mehr vor Ort. Den ganz gro\u00dfen Vorzug, dass die Betroffenen zahlen und kontrollieren, was mit ihrem Geld (das ja mit einem zinsg\u00fcnstigen Kredit f\u00fcr alle beschafft werden kann) geschieht, w\u00fcrde ich so oder so niemals wieder aufgeben wollen (ganz im Gegensatz zu den weit verbreiteten Sozialtr\u00e4umern, die sichtlich an den Geldesel f\u00fcr Selbstbediener glauben).<\/p>\n<p><strong>Sie pl\u00e4dieren f\u00fcr traditionelle Werte in Familie und Gesellschaft wie sie sich in der Christlichen Soziallehre und Ethik finden. Welche Kraft steckt heute noch im Konservativsein, warum soll es sich lohnen, diese Werte wieder zu bem\u00fchen? <\/strong><\/p>\n<p>Die Familie ist in der Gesellschaft diejenige Institution, in der Menschen aufgrund ihrer Zusammengeh\u00f6rigkeit auf Verl\u00e4sslichkeitsgarantien bauen, die es sonst in den heutigen Gesellschaften nicht gibt. Blutsverwandtschaft, das Miteinander vom ersten bis zum letzten Tag der eigenen Existenz, das ist ein N\u00e4hefaktor, der durch nichts zu ersetzen ist und \u2013 wie wir wissen \u2013 in der Gesellschaft von heute durch Versicherungen, Vertr\u00e4ge, gesetzliche Garantien und Verpflichtungen aller teuer erkauft werden muss. Ein St\u00fcck Solidarit\u00e4t, das die Familie frei Haus liefert, anderweitig zu ersetzen, aufwachsen zu lassen in anderen, k\u00fcnstlich gefundenen Zusammenschl\u00fcssen von Kleingruppen, macht letztlich den immer unzul\u00e4nglich operierenden Sozialstaat aus, der meist nur d\u00fcrftig kittet, was ohne Familienbezug verloren geht. Leihm\u00fctter, Tagesm\u00fctter, Sozialp\u00e4dagogen, auch Kinderg\u00e4rtnerinnen und Lehrer sind immer Teilersatz f\u00fcr das, was wir von Vater und Mutter im Verbund mit den eigenen Kindern erwarten: Liebe, Langmut, Geduld, Zuwendung, Beharrlichkeit, Z\u00e4rtlichkeit, Mitleid und Betroffenheit\u2026 Stellvertretend stehen diese Tugenden und Werte f\u00fcr all die elterliche, famili\u00e4re Leistung, die andere gegen Bezahlung und auf Abruf, aber eben als Dienstleistung, nicht als Dienst am N\u00e4chsten (ohne Zeit- und Geldlimit) zum gesellschaftlichen Alltag beisteuern. Das Eltern- und Familiesein beginnt dort, wo die Gesellschaft Pause macht, um f\u00fcnf Uhr die berufliche Pflicht endet. Es geht um 24 Stunden, um schwere wie gute Zeiten, um rund um die Uhr, wenn wir von Familie reden. Wer solche Erfahrung nicht selbst gesammelt und erlebt hat, wird N\u00e4he der Art auch nicht praktizieren. Sie ist f\u00fcr die Gesellschaft eine g\u00e4nzlich andere Ein\u00fcbung des Umgangs mit anderen, ist durch nichts zu ersetzen. Es betrifft im \u00dcbrigen auch alle diejenigen Institutionen, die die Familie nicht mehrals Fundament f\u00fcr praktizierten Zusammenhalt, als ihr R\u00fcckgrat empfinden: Handwerk, Vereine etc. Die Kirchengemeinden folgen gerade diesem Beispiel \u2013 zu ihrem Schaden. Sie erkl\u00e4ren ihr Tun mit der Tatsache, dass der Staat l\u00e4ngst mehr Einfluss auf die einzelnen seiner Mitglieder habe, auch die der Familien. Von Freiheit ist da keine Rede mehr. Und eigentlich wollten wir ja f\u00fcr mehr Freiheit eintreten und nicht mehr Abh\u00e4ngigkeit von Staat und Gesellschaft! Verlangt das nicht nach der Familie als dem Ort individuell beh\u00fcteter und wachsender Freiheit f\u00fcr einen jeden?<\/p>\n<p><strong>Herr Goppel, Sie sind ein \u00fcberzeugter Christ! Welche Chance hat die christliche Religion in Zeiten der S\u00e4kularisierung noch? <\/strong><em><br \/>\n<\/em><br \/>\nIch bin ein \u00fcberzeugter Anh\u00e4nger des Christentums, weil mir die Idee, weil mir der Gedanke gef\u00e4llt, dass die Summe aller menschlichen Existenzen eines Tages, wenn die Welt zu Ende sein sollte, die g\u00f6ttliche Existenz widerspiegelt. In jedem von uns steckt auch eine einmalige Qualit\u00e4t. Das bedeutet doch, dass jeder, auf den wir verzichten, den wir nicht auf die oder auf der Welt lassen so, wie er oder sie gottgewollt unser Sein erg\u00e4nzt und bereichert, ein Verlust f\u00fcr das ganze Bild, das Mosaik Menschheit ist. Die Unwiederholbarkeit der Pers\u00f6nlichkeit \u2013 die Seele \u2013 ist im christlichen Pers\u00f6nlichkeitsbild existent; in keiner anderen Religion finde ich einen vergleichbaren All- oder Ewigkeitsbezug \u00fcber den Lebensalltag auf Erden hinaus. Es gibt weltweit keine vergleichbare Religion f\u00fcr mich, die mir zusichert, dass ich Bestandteil des g\u00f6ttlichen Plans bin, einer, der zudem auf die Nachbarschaft der anderen angewiesen ist. Dieses Angewiesensein auf die anderen und die ebenso angesagte Beteiligung an der Existenz des G\u00f6ttlichen \u2013 diese beiden Seiten sind in einer Einmaligkeit durchdacht, die f\u00fcr jeden von uns, egal ob er glaubt oder nicht, Anreiz sein m\u00fcssten, nicht eines Tages ausgeschlossen zu sein.<\/p>\n<p><strong>Was verstehen Sie unter einer \u201eaktiven B\u00fcrgergesellschaft\u201c?<\/strong><br \/>\nDie aktive B\u00fcrgergesellschaft ist f\u00fcr mich die Gemeinschaft, in der jeder einzelne seine M\u00f6glichkeiten aussch\u00f6pft, um den anderen zu Diensten zu sein. Zu Diensten zu sein hei\u00dft, dass das alle Formen der Leistungserbringung inkludiert, ganz gleich wie diese Leistung geschieht: umsonst, gratis oder bezahlt, je nachdem wie die Anforderung definiert ist. Allemal ist die B\u00fcrgergesellschaft dann gefordert, wenn wir unseren Auftrag ernst nehmen, immer das Beste zu wollen. Ganz oben auf der Skala der Anforderungen steht dann die Pflicht, jeweils die vorhandenen Talente zu entdecken und zu f\u00f6rdern. Auch da nehmen wir unsere eigene \u00dcberzeugung und das, was im Evangelium an Beispielen nachzulesen ist (beispielsweise das Gleichnis von den \u00fcbertragenen Talenten) als Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr die eigene Vorstellung vom T\u00e4tigwerden, das uns selbst betrifft, aber auch die \u00fcbrigen herausfordert. Niemanden in seinem Fortkommen zu behindern, entspricht einem der wichtigsten Auftr\u00e4ge, die die aktive B\u00fcrgergesellschaft f\u00fcr uns alle in fortgesetzter Diskussion nachvollziehbar zu pr\u00e4sentieren hat.<br \/>\nDie Besserung der Gesellschaft, die Verpflichtung zur St\u00fctzung der anderen und damit gleichzeitig selbst St\u00fctze zu werden, wird am sch\u00f6nsten deutlich in der bew\u00e4hrten Redensart: \u201eDie, denen du eine St\u00fctze bist, geben dir Halt.\u201c Das beschreibt eine aktive B\u00fcrgergesellschaft am besten.<\/p>\n<p><strong>Wo endet f\u00fcr Sie die Pressefreiheit? Darf es eine Zensur geben, damit tradierte Wertvorstellungen unangetastet bleiben? Sie hatten seinerzeit harsch den unangemessenen Papst-Aufmacher im Satiremagazin \u201eTitanic\u201c vor dem Hintergrund der sogenannten Vatileaks-Aff\u00e4re kritisiert. Gibt es andere Beispiele?<\/strong><em><br \/>\n<\/em><br \/>\nDie Einschr\u00e4nkung der Pressefreiheit ist meine Sache nicht, aber ich gehe davon aus, dass f\u00fcr alle Menschen Gleiches gilt, unabh\u00e4ngig davon, dass jeder von seinen Rechten unterschiedlich Gebrauch machen darf. Journalisten d\u00fcrfen alles, aber sie d\u00fcrfen das nur in dem Umfang wie andere auch. Damit ist im Prinzip alles beschrieben. Wenn ein Journalist wissentlich die Unwahrheit verbreitet, um anderen zu schaden, ist das unzul\u00e4ssig. Und ich bleibe bei der Meinung: das ist in diesem Beruf ein Grund, die Lizenz zu entziehen. Wissentlich die Unwahrheit weiter verbreiten! Alle anderen Sachverhalte sind im Einzelfall miteinander zu kl\u00e4ren. F\u00fcr den Journalisten gilt derselbe Rechtsstaat wie f\u00fcr mich. Der Journalismus, der Politiker aus dem Amt schreibt, muss wissen, dass er kein Sonderrecht beanspruchen kann.<br \/>\nBeim Papst ging es darum, dass die \u201eW\u00fcrde des Menschen\u201c angegriffen wurde. Die W\u00fcrde des Menschen ist da im Focus, wo Dritte mit b\u00f6swilliger Unterstellung arbeiten, um eben die W\u00fcrde zu zerst\u00f6ren, die uns eigen ist, es im Wissen darum tun, dass sich der Betreffende nicht wehren kann, aus gutem Grund nicht wehrt und schon allein deshalb der Zweck der Herabw\u00fcrdigung, der Beleidigung erf\u00fcllt wird. \u201eTitanic\u201c, ihr Herausgeber hat billigend und als berechneten Werbeeffekt in Ansatz gebracht, einen anderen, noch dazu von hohem Rang pers\u00f6nlich zu verletzen. Im vorliegenden Fall steht meine Meinung fest: Das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung ist missbraucht, die journalistische Sorgfaltspflicht wissentlich verletzt, denn: Das Titelblatt der \u201eTitanic\u201c ist nicht automatisch identifiziert als ausgewiesenes Satiremagazin.<br \/>\nIn der Politik musste ein Philipp Jenninger gehen, weil er in einer Rede einige S\u00e4tze falsch betont hat, die sich mit dem Dritten Reich befasst haben. Wenn man dies dagegensetzt, macht das f\u00fcr alle nachvollziehbar, dass auch bei der \u201eTitanic\u201c-Pr\u00e4sentation \u00c4hnliches h\u00e4tte greifen m\u00fcssen. Zwangsweise. Ihr Chefredakteur reklamiert f\u00fcr sich Seriosit\u00e4t. Dann lag er diesmal gr\u00fcndlich, auch rechtsaufsichtlich daneben.<\/p>\n<p><em><strong>\u201ePolitik als Beruf\u201c. Was bedeutet dies konkret f\u00fcr Sie?<\/strong><\/em><em><br \/>\n<\/em><br \/>\nDer Politiker hat einen umfassenden Aufsichts- und Gestaltungsauftrag, ist im Prinzip der Hausmeister der Gesellschaft. Ebenso wenig, wie es uns gelingt, die Aufgaben des Hausmeisters abzuschaffen bzw. im Alltag zu ignorieren, lassen sich die Politik und ihre Akteure abschaffen. Allerdings nicht jeder Hausmeister taugt was. Er wird ersetzt. Daf\u00fcr gibt es in der Politik, im Staat und den Kommunen Wahlen. Der Unterschied zum Hausmeistervertrag bleibt sein langfristiger Vertrag mit K\u00fcndigungsklausel, der Vertrag, den ich habe, endet bei Nichtbew\u00e4hrung automatisch, wenn die W\u00e4hler nicht tr\u00e4ge und uninteressiert sind. Alle f\u00fcnf Jahre stehe ich zur Disposition, wom\u00f6glich ohne Arbeitsschutz. Das unterscheidet mein Berufsrisiko auch von dem des Journalisten.<\/p>\n<p><em><strong>Hat der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbr\u00fcck seinen moralischen Haushalt mit seinen Vortragseinnahmen in Millionenh\u00f6he verspielt? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Der Kanzlerkandidat der SPD hat seinen moralischen Anspruch nicht verspielt, so lange er ihn f\u00fcr sich selbst reklamiert. Wenn er aber gleichzeitig bekennt, dass er der SPD angeh\u00f6rt, einer Partei, die bestimmte Grunds\u00e4tze als Minimum f\u00fcr eine Anerkennung in der Gesellschaft formuliert, dann ger\u00e4t das in Widerspruch und dann ist es die Frage, ob auch die generelle Glaubw\u00fcrdigkeit leidet.<br \/>\nEhrlich allerdings war Steinbr\u00fcck schon: Er hat deutlich gesagt, dass ihm die sozialdemokratischen Denkans\u00e4tze immer noch fremd sind. Ob so ein dortiger Kanzlerkandidat aussehen kann?<\/p>\n<p><em><strong>Sie sind gerade zum Pr\u00e4sidenten des Bayerischen Musikrats (BMR) wieder gew\u00e4hlt worden. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch. Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem politischen Leben?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist die Musik das Elixier, um Beruf, Freizeit und Aktivit\u00e4t f\u00fcr beides miteinander zu verbinden. Immer dann, wenn ich merke, dass der Alltag in all dem, was er so an Verbalinjurien und anderem einem zumutet, wenn all das \u00fcberhand nimmt, ist es das Beste, sich zur\u00fcckzuziehen, Musik zu h\u00f6ren \u2013 das in Dur und Moll unterscheiden zu k\u00f6nnen und in der Lage zu sein, mit Piano und Forte auch die eigene Stimmung ein St\u00fcck weit zu adaptieren, weiterzugeben, neu zu entfalten und wieder neu ans Werk zu gehen. Musik begleitet mich dank der elterlichen Klavierinsistenz seit Schulzeiten, weil ich von Anfang an sp\u00fcrte, dass das Musizieren wirklich erholende Funktion hat f\u00fcr den, der mit dem Kopf oder mit den H\u00e4nden arbeitet. Nicht umsonst sind viele Chirurgen gute Pianisten, wie andere, die in schweren geistigen Berufen unterwegs sind, Naturwissenschaftler und andere, gerne in einem Orchester t\u00e4tig, weil zu Musikzeiten ein anderer Teil des Gehirns so trainiert wird, dass er im Wettbewerb mit dem eigenen Ehrgeiz auch auf anderen Gebieten bleibt und bleiben kann.<br \/>\nIch zum Beispiel schreibe gern. Dazwischen zu sitzen, Musik zu h\u00f6ren oder auch aktiv zu betreiben, ist die Voraussetzung daf\u00fcr, dass sich die Dinge im Kopf wie im Umfeld neu ordnen und wieder zusammenkommen. Das ist ein Erfahrungswert, den ich gern weitergebe, besonders auch an den Nachwuchs in den Blaskapellen, den Tanzschulen, den Ch\u00f6ren, den Theaterh\u00e4usern. In der Musik tue ich das mit Leidenschaft und Begeisterung \u2013 den besten Eigenschaften, um als Vorbild durchzugehen.<\/p>\n<p><em><strong>Sie sind Vorsitzender der Gesellschaft zur F\u00f6rderung der Augustinus-Forschung. Was fasziniert Sie am Denken des Kirchenvaters? Was k\u00f6nnen wir von Augustinus in 21. Jahrhundert lernen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Dazu bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Der fr\u00fchere Vorsitzende der Gesellschaft, die nun ihren Sitz in W\u00fcrzburg hat, der ehemalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, Reinhold V\u00f6th, und der gl\u00e4nzende Augustinusforscher und -pater Professor Cornelius Petrus Mayer haben mich zu diesem Amt bewogen.<br \/>\nAlle philosophischen, ethischen, ganz wesentlich transzendent angelegten Grunds\u00e4tze unseres Lebens funktionieren nur, wenn wir sie in den Bezug zu einer Person setzen k\u00f6nnen. Augustinus ist als Person ein Identit\u00e4tsstifter wie kaum ein anderer. Er macht wie sp\u00e4ter, viele Jahre sp\u00e4ter, Adolph Kolping Ausf\u00fchrungen, die jeweils mit der Person der Angesprochenen in Bezug gebracht werden k\u00f6nnen und, um zu wirken,auch m\u00fcssen. Jeder Satz, der von Augustinus stammt, hat irgendeinen Bezug zu dem, was er gelebt hat. Und damit wird er, bleibt er aktives Vorbild. In dieser Rolle bin ich f\u00fcr beide unterwegs, und dies sollte ein St\u00fcck mein Bezug sein: Augustinus f\u00fcr die Lebensgrunds\u00e4tze, die man hat, und Adolph Kolping f\u00fcr die tats\u00e4chlichen Lebensverh\u00e4ltnisse, die man schafft. Da, wo es um Praxis geht, ist Adolph Kolping gefragt, da, wo es um Theorie geht, ist Augustinus gefordert. Eine differenzierte Erkl\u00e4rung verdienen viele S\u00e4tze der Bibel \u2013 mit Augustinus komme ich weiter: eine konkrete, praktische Umsetzung brauchen die meisten Textstellen der Bibel \u2013 mit Adolph Kolping komme ich weiter. Mein Eindruck, meine Erfahrung ist, dass Augustinus und Adolph Kolping, beide, bei den Menschen ansetzen und nicht wie Franziskus bei den Tieren, bei anderen Bezugsgr\u00f6\u00dfen, die da auch sind, angesetzt sein k\u00f6nnten. Die beiden haben sich ganz bewusst auf den Menschen bezogen und teilen die Auffassung, dass der Mensch gewollte, allt\u00e4gliche Wiederholung der g\u00f6ttlichen Existenz ist, in einer ebenso unwiederholbaren Zusammensetzung wie Gott selbst, nach unserer Vorstellung die universale Einheit. Gott will durch die Menschen verdeutlichen, dass das, was er an uns sch\u00e4tzt, die Einmaligkeit ist, die er uns allen zugestanden hat. Und das macht es so spannend \u2013 unterwegs zu bleiben und auch nicht aufzugeben, weil man nie wei\u00df, ob man am n\u00e4chsten Tag noch in derselben Weise denkt und plant und \u00fcberlegt wie gestern. Wir erleben, jeder von uns, im Alltag und in seinem Umfeld am laufenden Band diejenigen, die solchem Wandel, solcher Erneuerung unterfallen; wir sind ihnen auf die Spur gesetzt \u2013 auch uns zuliebe und unseretwegen: Ist es anderes Denken, F\u00fchlen, Reden oder Handeln, was wir sehen? Oder haben wir uns gewandelt? Auf solch st\u00e4ndiger Spurensuche zu bleiben, ist es, was mich reizt. Und, ob ich dabei eine feste \u00dcberzeugung besitze und pflege, pr\u00fcfe und behalte, ist das, was mich bindet, ja st\u00e4ndig aufs Neue fesselt. Dar\u00fcber bin ich gl\u00fccklich.<br \/>\nF\u00fcr mich z\u00e4hlt, dass die Eltern mir beigebracht haben, mich nicht auf mich selbst zu verlassen, sondern sicherzustellen, dass ich auf etwas vertrauen kann, was bleibt, auch wenn ich alleingelassen scheine. Wenig religi\u00f6s gebundene Menschen pflegen sich darauf zu berufen, dass sie sich selbst helfen, damit ihnen wenigstens einer helfe. Da taugt mir der Glaubenssatz schon eher, der da erinnert: \u201eHilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!\u201c Gibt es einen verl\u00e4sslicheren Nachbarn, einen von dem ich wei\u00df, dass er mir traut, das Leben erm\u00f6glicht hat und die Freiheit geschenkt, die es gestattet, alles und das Gegenteil davon zu entscheiden? Die Gr\u00f6\u00dfe ist wohl unerreichbar und unerreicht.<\/p>\n<h1>Interview mit Philipp Freiherr von und zu Guttenberg<\/h1>\n<p><strong>Nachhaltigkeit ist derzeit in allen Medien ein Schlagwort! Sie unterscheiden zwischen falscher Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeit, k\u00f6nnen Sie dies erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Dieser vielzitierte Ansatz der Nachhaltigkeit ist nicht neu: Hans-Carl v. Carlowitz verwendete in einer Publikation aus dem Jahre 1713 den Begriff der \u201enachhaltigen Nutzung\u201c der W\u00e4lder nachweislich zum ersten Mal. Es bedeutet aus der Natur lernen und verantwortungsvoll mit Blick auf k\u00fcnftige Generationen zu wirtschaften. Nachhaltigkeit entstand und gilt bis heute als individuelles \u00f6konomisches Modell im l\u00e4ndlichen Raum zur langfristigen Sicherung der Lebens- und Produktionsgrundlagen.<br \/>\nWenn dieses Prinzip der Nachhaltigkeit, eingebettet in ein gesundes, nicht auf die schnelle Gewinnmitnahme ausgerichtetes Wertesystem, durch die Generationen weitergegeben wird in stetiger Obsorge f\u00fcr unsere Natur \u2013 auch als Produktions- und Lebensgrundlage &#8211; , profitieren einerseits die nachhaltig Wirtschafteten stetig von der Vorsorge Ihrer Vorv\u00e4ter, andererseits stehen sie selbst ihren Kindern und Kindeskindern gegen\u00fcber in der Pflicht. Das Fundament f\u00fcr dieses Handeln ist dabei zwingend Eigentum, Eigenverantwortlichkeit und ein freiheitlicher Handlungsrahmen, der tats\u00e4chlich die Obsorge f\u00fcr die n\u00e4chste Generation erm\u00f6glicht. Alles, was diesen zwingenden Prinzipien widerspricht, ist meist nicht nachhaltig, sondern bedient sich dieses Etiketts. Das verstehe ich unter falscher Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen immer von \u201eWald als Waffe\u201c, was haben wir darunter zu verstehen? <\/strong><\/p>\n<p>Viele Akteure versuchen die Bedeutungshoheit \u00fcber den Wald und seine Nutzung zu erhalten. Oft stehen dahinter keine Sachinteressen, sondern ideologische Denkmuster, die den \u201eWald\u201c zu einem Schlachtfeld f\u00fcr politische Zwecke missbrauchen. Im Kampf um mediale Aufmerksamkeit sind Alarmismus und Polemik an der Tagesordnung. Der \u201eWald\u201c dient hier meist nur als Mittel zum Zweck. Das merkt man vor allem daran, wenn die Bereitschaft fehlt, sich mit den eigentlich Betroffenen \u2013 also den Waldbesitzern und F\u00f6rstern \u2013 an einen Tisch zu setzen und einen Konsens zu finden, der f\u00fcr alle tragbar ist.<br \/>\n\u201eWald als Waffe\u201c hat jedoch auch noch eine andere \u2013 positive \u2013 Bedeutung. Denn gerade in Zeiten der Energiewende ist Wald eine echte Allzweckwaffe. Nachhaltig erwirtschaftetes Holz ist eine der intelligentesten Ressourcen, die wir haben.<br \/>\n<strong><br \/>\nDie Ressource \u00d6l wird bald verbraucht sein. Welche Rolle k\u00f6nnte der Wald in der Zukunft bei der Ressourcenverteilung spielen?<\/strong><br \/>\n<em><br \/>\n<\/em><br \/>\nIn Deutschland entfallen derzeit rund 60 Prozent der Holzverwendung auf die stoffliche und rund 40 Prozent auf die energetische Nutzung. Damit ist Holz als Roh- und Werkstoff zwar unterrepr\u00e4sentiert, spielt aber bereits jetzt eine gro\u00dfe \u2013 in Zukunft noch gr\u00f6\u00dfere \u2013 Rolle. Gerade bei der Substitution anderer Wertstoffe kommt Holz inzwischen eine wachsende Bedeutung zu. Die Anwendungspalette von Holz ist gigantisch und die zuk\u00fcnftigen Einsatzbereiche des Rohstoffes werden die heutigen in ihrer \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Wirkung noch um ein Vielfaches \u00fcbertreffen.<br \/>\nAngefangen bei der stofflichen und thermischen Verwertung, aber auch in der Chemieindustrie und um Pharmabereich ist Holz als \u00d6lsubstitut zunehmend gefragt. F\u00fcr den Energiemix ist Holz insbesondere wegen seiner Grundlasttauglichkeit relevant. Es hat hervorragende Eigenschaften bei der stofflichen Verwertung. Auch in Erwartung weiter steigender Preise f\u00fcr fossile Energien (Heiz\u00f6l, Erdgas) verzeichnet Holz einen sp\u00fcrbaren Verbrauchszuwachs. Von den verschiedenen erneuerbaren Energien wird die meiste Endenergie (W\u00e4rme, Strom) aus fester Biomasse (\u00fcberwiegend aus Holz) gewonnen (rd. 39 %) mit deutlichem Abstand vor der Windkraft (rd. 17 %), Biokraftstoffe (rd. 16 %) und Wasserkraft (rd. 9 %).<br \/>\nDazu ist Holz ein nat\u00fcrlicher Werkstoff, Kohlenstoffspeicher und Co2-neutraler, sowie nachwachsender Energietr\u00e4ger.<\/p>\n<p><strong>Warum ist Holz die effizienteste L\u00f6sung f\u00fcr das Klimaproblem?<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmen der Energiewende gewinnt der heimische Rohstoff Holz eine immer wichtigere Rolle als Teil einer \u201eGreen Economy\u201c. Der Rohstoff Holz bietet im Vergleich zu seinen Mitbewerbern Vorteile und ein Potenzial, welches tats\u00e4chlich zur Effizienzsteigerung,zum Rohstoffwandel und zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung beitragen kann! Es gibt keine Technologie und keinen Rohstoff, der die Bereiche CO2 \u2013 Senke, &#8211; Speicher und \u2013Substitution in dieser einzigartigen Weise verbinden kann. Und das vor unserer Haust\u00fcre:<br \/>\nUnser deutscher Wald bindet j\u00e4hrlich rund 110 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Durch die j\u00e4hrliche Produktion von Schnittholz werden knapp 20 Millionen Tonnen CO2 langfristig gespeichert und die kombinierte thermische und stoffliche Verwertung kommt auf einen j\u00e4hrlichen Substitutionseffekt von 128 Millionen Tonnen CO2. Diese Leistungsbilanz ist nicht zu \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p><strong>Weshalb wird bei der Rede von Erneuerbaren Energien immer nur Wasser, Wind und Sonne gesprochen, und das Thema Holz eher beil\u00e4ufig behandelt?<\/strong><\/p>\n<p>Bei den erneuerbaren Energien redet ganz Deutschland von Wind, Wasser und Sonne. Rund 70% der erneuerbaren Energien stammt jedoch aus Biomasse. Davon rund die H\u00e4lfte aus fester Biomasse, also Holz. Warum diese Tatsache von der Politik beflissentlich \u00fcbersehen wird, l\u00e4sst Ursachen nur erahnen. Unser Problem ist wahrscheinlich, dass wir im Lobbychor der stimmgewaltigen 4 grossen Stromproduzenten und gut ausgestatteten Industrie nicht geh\u00f6rt werden.<br \/>\nDas muss und wird sich aber \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Was haben wir unter Bio\u00f6konomie zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00f6konomische Produktion und Denken auf Basis der Nachhaltigkeit unter Heranziehung nachhaltig nachwachsender Ressourcen. Da weltweit unsere Ressourcen bei einer stetig wachsenden Weltbev\u00f6lkerung immer knapper werden, ist diese Art des nachhaltigen Wirtschaftens unerl\u00e4sslich \u2013 und zwar weltweit.<br \/>\n<strong><br \/>\n<\/strong><br \/>\n<strong>Warum sind Nutzungsverzichte zugunsten der Biodiversit\u00e4t unmoralisch, Greenpeace argumentiert anders?<\/strong><\/p>\n<p>Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Stilllegung von 5% unserer W\u00e4lder &#8211; eine Forderung aus der Biodiversit\u00e4tsstrategie der Bundesregierung &#8211; bedeutet einen Verzicht von 3 bis 7 Mio Festmetern j\u00e4hrlich. Der Verzicht auf 5% bedeuten in Deutschland ganz konkret: wir schicken 45.000 Besch\u00e4ftigte auf die Stra\u00dfe. Von Seiten des Naturschutzes wird das Leitbild und gesellschaftspolitische Ziel der multifunktionalen, nachhaltigen Forstwirtschaft immer st\u00e4rker angezweifelt und zunehmend eine Trennung der Waldfunktionen gefordert.<br \/>\nEine Abkehr von der Multifunktionalit\u00e4t, von der auf 3 S\u00e4ulen ruhenden Nachhaltigkeit,h\u00e4tte aber Folgen, die wir benennen m\u00fcssen, denn hier geht es nicht nur um blinden Aktionismus zur Spendenakquise sog. Umweltverb\u00e4nde. Das ist gesch\u00e4ftst\u00fcchtig und legitim. Hier wird ein gesellschaftspolitisches Prinzip in Frage gestellt, dass -aus der Forstwirtschaft kommend- ein m\u00f6glicher Pfad in eine ertr\u00e4gliche Zukunft w\u00e4re. Wir m\u00fcssen all jene, die diese absurden Forderungen stellen,darauf hinweisen, dass es unverantwortlich, ja sogar unmoralisch ist, durch Nutzungsverzichte hier in Europa die Produktion in andere Gebiete unserer Erde zu verlagern, die nachweisbar nicht nachhaltig bewirtschaftet werden. Mit jedem Festmeter, auf den wir hier verzichten, w\u00e4chst der Druck auf die Vernichtung der Prim\u00e4rw\u00e4lder. Wenn ich heute in Deutschland auf 5 Millionen fm aus in luxusbegr\u00fcndeter Ideologie verzichten will, dann hole ich sie mir morgen aus Togo, Indonesien oder Brasilien. So erschreckend einfach ist es.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnen die deutschen Waldbesitzer (2 Millionen an der Zahl, eine Lobby von mehr als vier Millionen Bundesb\u00fcrgern), gehen den Klimawandel tun?<\/strong><\/p>\n<p>Der Wald ist beim Klimawandel Opfer und Retter zugleich. Keine andere Ressource, keine Technologie oder Rohstoff birgt soviel Potential und ist ebenso betroffen.<br \/>\nDie nachhaltige Bewirtschaftung unserer W\u00e4lder und die Bereitstellung des Klimajokers Holz ist bereits der beste Beitrag, den wir als Waldbesitzer gegen den Klimawandel leisten k\u00f6nnen. Doch auch f\u00fcr uns gilt, dass mit den sich ver\u00e4nderten Klimabedingungen das Risiko steigt, unsere Forstwirtschaft risikoreicher wird. Abgesicherte Klima-Anpassungsstrategien sind derzeit leider noch nicht verf\u00fcgbar. Was wir ben\u00f6tigen sind klimaplastische, vitale Mischw\u00e4lder, mit standortangepassten, marktorientierten Baumarten. Es geht hier letztlich auch um gr\u00f6stm\u00f6gliche Flexibilit\u00e4t in der Bewirtschaftung und Risikostreuung. Die \u00f6kologische Verantwortung und das \u00f6konomische Risiko liegen nach wie vor beim Eigent\u00fcmer.<\/p>\n<p><strong>Warum ist Eigentum ein Fundamt f\u00fcr die Nachhaltigkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist wohl der wichtigste Aspekt<br \/>\nNachhaltiges Wirtschaften, das Denken in Generationen in einer freien demokratischen Gesellschaft braucht das Eigentum und die Freiheit als Fundament.<br \/>\nEigentum ist weit mehr als Besitz, mehr als nur ein Recht.<br \/>\nEigentum ist die \u00f6konomische Grundlage individueller Freiheit, die sich in unserer Gesellschaft auch damit rechtfertigt, da\u00df aus der Leistung des Eigentums Gemeinwohlleistungen erwachsen. Das darf man nie vergessen.<\/p>\n<p>Ich darf an dieser Stelle aber auch darauf hinweisen, dass viele Menschen das l\u00e4ngst verdr\u00e4ngt haben. Die Diskussionen um Erbschaftssteuer, Verm\u00f6gensteuer, usw. zeugen t\u00e4glich davon.<br \/>\nMerkw\u00fcrdigerweise vergisst man dabei, dass Freiheit individuelle Selbstverantwortung erm\u00f6glicht und diese M\u00fcndigkeit einen kategorischen Imperativ fordert, dessen Ma\u00dfst\u00e4be sich verallgemeinern lassen und die unsere Gesellschaft st\u00fctzen.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Die Freiheit Eigentum zu erwerben, zu halten und vor allem frei zu vererben, motiviert uns Waldbesitzer, Leistung, Engagement und einen nachhaltigen Lebensstil in unsere Gesellschaft zur\u00fcck zu bringen.<br \/>\nNachhaltigkeit zwingt uns aber auch zum t\u00e4glichen Verzicht, zu einer gesellschafts- und sch\u00f6pfungsbejahenden Lebens- und Betrachtungsweise.<\/p>\n<p>Die Wende zur Nachhaltigkeit ist auch eine R\u00fcckbesinnung auf Werte, die in der momentanen Entwicklung leicht zu einer gesellschaftlichen Grundsatzdebatte f\u00fchren k\u00f6nnte und m\u00fcsste.<br \/>\nNachhaltigkeit wird sich nicht in der Anonymit\u00e4t der Digital Natives umsetzen lassen. Die kollektive Flucht aus der Verantwortung und hinein in den Lebensraum freibeuterischer digitaler Lebensr\u00e4ume ist in meinen Augen eine Sackgasse.<\/p>\n<p>Nachhaltiger Waldnutzen ist gelebter Generationenvertrag.<br \/>\nUnserem Wald kommen dabei mehr Aufgaben zu als blo\u00dfer Rekonvaleszenzraum einer fehlgeleiteten urbanen Schutztruppe.<\/p>\n<p>Das hat sich er und unsere Gesellschaft nicht verdient!<\/p>\n<h1>FDP-Generalsekret\u00e4r Christian Lindner im Gespr\u00e4ch mit der Tabula Rasa, Zeitung f\u00fcr Gesellschaft und Kultur<\/h1>\n<p><strong>Herr Lindner, Sie sind der Hoffnungstr\u00e4ger der FDP, Sie ziehen Menschenmengen geradezu magisch an, nicht nur hier in Jena. Ihre Partei aber liegt gerade bei unter 5 Prozent in W\u00e4hlergunst. Wie erkl\u00e4ren Sie sich, dass die Liberalen derzeit einen so schweren Stand beim W\u00e4hler haben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Viele haben mit der FDP die Hoffnung verbunden, dass schnell tief greifende Reformvorhaben angepackt werden. So waren auch unsere Ziele. Nun sind viele entt\u00e4uscht, dass es nur kleine Schritte gibt. Und dass die FDP teilweise sogar zu Kompromissen gezwungen war oder Fehleinsch\u00e4tzungen unterlag, die uns von unseren langfristigen Zielen eher entfernt haben. Diese W\u00e4hler sind nicht zu anderen Parteien gewandert, sondern in das Lager der Nichtw\u00e4hler. Die wollen wir neu \u00fcberzeugen. Deshalb haben wir uns neu aufgestellt.<\/p>\n<p><strong>Was sind die Grundpfeiler Ihrer politischen Botschaft?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Die Identit\u00e4t der FDP kann man mit drei Begriffen zusammenfassen: Marktwirtschaft, Rechtsstaat, Toleranz. Das findet man im Paket nur bei uns. Zum Beispiel sind auch die Gr\u00fcnen f\u00fcr gesellschaftspolitische Liberalit\u00e4t, aber eben nicht f\u00fcr Freiheit in der Wirtschaft. Andererseits war die CSU neben uns die einzige Partei, die in den Gr\u00fcnderjahren der Bundesrepublik geschlossen f\u00fcr die Soziale Marktwirtschaft war, aber gesellschaftspolitisch gehen Konservative andere Wege. Wer die Freiheit liebt und von ihr als Prinzip \u00fcberzeugt ist, kann sie nicht auf eine Dimension beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen immer wieder von der Generation 1994; wir haben die Generation 68, die Generationen 89 und 90 und die \u201eGeneration Benedikt\u201c. Was haben wir von der Generation 1994 zu erwarten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Ich habe das mit Blick auf die krisenhafte Lage der FDP Anfang der neunziger Jahre formuliert. Damals sind Philipp R\u00f6sler, Daniel Bahr, viele andere und ich in die FDP eingetreten. Nicht, weil wir glaubten, etwas werden zu k\u00f6nnen, sondern weil uns diese Partei am Herzen liegt. Wir haben uns geschworen, dass die FDP niemals mehr ihre Eigenst\u00e4ndigkeit in einer Koalition opfern darf. Damals hatte die FDP keine klare Botschaft. Heute liegen die Dinge anders. In der Sache k\u00f6nnen wir heute angesichts der Dominanz einer sozial und \u00f6kologisch verbr\u00e4mten Gleichheitspolitik als Freiheitspartei viel Unterst\u00fctzung finden. Die zunehmende Eingebung unseres Lebens durch ein feines b\u00fcrokratisches Gespinst aus Geboten und Verboten, die Ausdehnung des \u00f6ffentlichen Sektors, die Notwendigkeit, dass die Privatheit nicht nur vor dem Staat, sondern auch vor kommerziellen Anbietern im Internet gesch\u00fctzt werden muss \u2013 all das und mehr verlangt nach liberalen Antworten. Darin liegt unsere Chance. Die Aufgabe ist, Vertrauen f\u00fcr die FDP, unsere Themen und unsere Positionen zu gewinnen.<\/p>\n<p><strong>Die FDP ist eine Partei des Mittelstandes. Wie ist es Ihrer Meinung m\u00f6glich, auch die \u201eunteren\u201c Bev\u00f6lkerungsschichten zu erreichen \u2013 gerade im Osten des Landes, wo aufgrund der geringeren L\u00f6hne auch die Angst vor Altersarmut w\u00e4chst?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Die FDP ist nicht die Partei einer Einkommensklasse, sondern einer Einstellung zum Leben. Wer einen Parteitag besucht, w\u00e4re \u00fcberrascht, wie vielf\u00e4ltig die Mitglieder und W\u00e4hler sind. Wir sind die Partei all derjenigen Menschen, die optimistisch und freiheitsliebend sind, die etwas aus ihrem Leben machen wollen. Die Freude an den Ergebnissen ihrer Schaffenskraft haben. Und die Verantwortung f\u00fcr sich und andere \u00fcbernehmen. Bed\u00fcrftige oder Schwache lassen wir nicht allein. Sie brauchen aber keinen verholzten Wohlfahrtsstaat, der nur umverteilt, sondern Unterst\u00fctzung durch einen aufstiegsorientierten Sozialstaat, der zum Wiedereinstieg in die Eigenverantwortung bef\u00e4higt. Es geht also darum, Menschen Arbeit zu geben und nicht dauerhafte Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Nat\u00fcrlich verlangt das gerade von Geringqualifizierten viel. Umso mehr muss man Respekt vor allen haben, die hart f\u00fcr wenig Geld arbeiten, weil sie nicht dauerhaft die Solidarit\u00e4t ihrer Mitb\u00fcrger in Anspruch nehmen wollen. Wir brauchen ein Bildungssystem, das faire Chancen er\u00f6ffnet, Zug\u00e4nge zur Bildung schafft, aber das nicht alles vereinheitlicht. Insofern ist die FDP eine Partei, die Aufstiegschancen durch Flei\u00df und Talent belohnen will. Wir haben kein Problem mit Unterschieden in der Gesellschaft. Aber die Unterschiede m\u00fcssen eben durch Leistung und nicht durch das Gl\u00fcck der Geburt begr\u00fcndet sein, damit man sie als gerecht akzeptieren kann.<\/p>\n<p><strong>Sie arbeiten gerade an einem neuen Parteiprogramm, das die \u201eWiesbadener Grunds\u00e4tze\u201c von 1997 \u00fcberarbeitet. K\u00f6nnen Sie uns vielleicht schon einige Eckpunkte benennen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Es wird ein Manifest f\u00fcr Freiheit, B\u00fcrgersouver\u00e4nit\u00e4t und Fairness \u2013 das zeichnet sich bereits heute ab. Obwohl wir nat\u00fcrlich auf alle Gegenwarts- und Zukunftsfragen Antworten geben m\u00fcssen, deuten sich Schwerpunkte an. Zum Beispiel das klare Bekenntnis zum Markt- und Leistungsprinzip, aber im Sinne des Ordoliberalismus. Viele Debatten kreisen um die Frage, wie faire Aufstiegschancen verwirklicht werden k\u00f6nnen. Das erfordert neue Antworten in der Sozial- und Bildungspolitik. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist ein Thema: Was verbindet uns, wenn in Zukunft viele B\u00fcrger keine Wurzeln in Deutschland haben? Ich denke, dass ist der Verfassungspatriotimus und der Respekt vor Unterschieden. Unsere Vorstellung der Freiheit zur Verantwortung deklinieren wir durch: Verantwortung f\u00fcr die Mitwelt, also unsere Gesellschaft und &#8211; gro\u00dfes Wort, ja: &#8211; die Menschheit. Verantwortung f\u00fcr die Umwelt. Verantwortung f\u00fcr die Nachwelt, im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens. Diese dreifache Verantwortung wird in Deutschland gerne delegiert \u2013 an den Staat oder an abstrakte Institutionen. So erkl\u00e4rt sich teilweise der Erfolg der Gr\u00fcnen. Wir gehen einen anderen Weg und denken diese Verantwortung vom vern\u00fcnftigen, freien Individuum her.<\/p>\n<p><strong>\u201eFreiheit: gef\u00fchlt \u2013 gedacht \u2013 gelebt\u201c ist eine Ihrer Maximen, die Sie gemeinsam mit dem neuen Bundeswirtschaftsminister Philipp R\u00f6sler 2009 in Buchform pr\u00e4sentierten. Von Immanuel Kant stammt der Ausspruch: \u201eGedanken ohne Inhalt sind <em>leer<\/em>, <em>Anschauungen<\/em> ohne <em>Begriffe<\/em> sind blind\u201c. Wie konkretisieren Sie den Freiheitsbegriff in der Moderne? Welche Rolle spielen dabei die Begriffe \u201eFairne\u00df\u201c und \u201eFreiheitsqualit\u00e4t\u201c?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Das ist zwar eine sehr abstrakte, sehr theoretische Diskussion, aber wenn Sie m\u00f6gen: Der Begriff von Freiheit, den die FDP hat, ist allein kein negativer Freiheitsbegriff, der also nur das fremde Machtdiktat auf mein Leben abwehren will. Es gibt eine weitere Dimension. Wir m\u00fcssen unterscheiden zwischen quantitativer und qualitativer Freiheit. Eine rein quantitative Freiheit will die Zahl der zur Verf\u00fcgung stehenden Wahloptionen f\u00fcr Lebenswege ausdehnen. Aber mit mehr Quantit\u00e4t steigt nicht automatisch die Qualit\u00e4t. Eine etwas geringere Zahl von Optionen, die qualitativ h\u00f6herwertig sind, kann besser sein. Ein Beispiel: Die Freiheitsquantit\u00e4t der Berufswahlm\u00f6glichkeiten des einen Menschen ist drei: Gl\u00fcckspieler, Taschendieb oder Schwarzarbeiter. Die Freiheitsquantit\u00e4t bei einem anderen ist nur zwei, aber sie umfasst die M\u00f6glichkeiten Grundschullehrer oder Fischh\u00e4ndler. Fraglos w\u00fcrden wir aber lieber zwischen den nur zwei Optionen w\u00e4hlen, weil sie qualitativ besser sind. Auf die politische Ebene \u00fcbertragen bedeutet dies, dass wir aktiv Lebenschancen durch Bildung und Weiterbildung er\u00f6ffnen m\u00fcssen. Das ist zugleich fair. Unter Fairness verstehen wir eine hinreichend als fair empfundene Gleichheit der Startchancen, nicht aber die Ann\u00e4herung der Ergebnisse in der Gesellschaft. Liberale haben, wie Ralf Dahrendorf gesagt hat, eine gro\u00dfe Toleranz gegen\u00fcber Ungleichheit in der Gesellschaft, wenn sie sich aus gleichen Regeln f\u00fcr alle und unterschiedlichem Einsatz ergibt. Da liegt die Quelle von Hoffnung, dass individuelle Anstrengung einen Unterschied im Leben macht.<\/p>\n<p><strong>Wo macht man Gerechtigkeit fest?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: F\u00fcr uns Liberale kann Gerechtigkeit nur eine Verfahrensgerechtigkeit sein, also f\u00fcr alle gleiche politische und staatsb\u00fcrgerliche Rechte \u2013 ja. Aber bei der Verteilung von materiellen G\u00fctern oberhalb eines sozio\u00f6konomischen Existenzminimums muss es das Leistungsprinzip geben. Wer w\u00fcrde sonst \u00fcber materielle Verteilung in der Gesellschaft entscheiden, was w\u00e4re da der Gerechtigkeitsma\u00dfstab \u2013 er m\u00fcsste willk\u00fcrlich von Politikern am gr\u00fcnen oder roten Tisch festgelegt werden. Damit dies als legitim empfunden werden kann, brauchen wir in Deutschland eine Ann\u00e4herung der Startchancen. Davon sind wir aber hierzulande noch entfernt. Und wir brauchen zweite und dritte Chancen auf den Wiedereinstieg in Teilhabe an Bildung und an Arbeit \u2013 auch davon sind wir in unserem b\u00fcrokratisch verholzten Wohlfahrtsstaat noch entfernt.<\/p>\n<p><strong>Der Begriff des Neoliberalismus, der immer wieder von der FDP favorisiert wurde, ist best\u00e4ndig in der Kritik. Wie stellen Sie sich ein neoliberales Wirtschaften ganz konkret vor?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Dieser Begriff ist inzwischen ein inhaltlich v\u00f6llig deformierter Kampfbegriff. Wer sich die M\u00fche macht, ihn zu ergr\u00fcnden, stellt fest, dass damit etwas ganz anderes gemeint ist, als heute in der politischen Diskussion vertreten wird. Diejenigen, die sich als Gegenbegriff zum aufkommenden Faschismus als neue Liberale oder eben Neoliberale bezeichnet haben \u2013 dies waren kein Laissez-faire-Liberalen. Sie haben sich gerade dadurch vom klassischen Liberalismus unterschieden, dass sie eine aktive Rolle f\u00fcr den Staat gefordert haben. Sie wollten, dass der Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessen steht, wie Alexander R\u00fcstow gesagt hat, um dem Wirtschaftsgeschehen klare Regeln vorzugeben. Innerhalb der Offenheit des Marktes soll ja die St\u00e4rke des Rechts und nicht das Recht des St\u00e4rkeren gelten. Heute verwendet man den Begriff Neoliberalismus als dumpfe Schrumpfformel f\u00fcr Minimalstaat, Deregulierung und Privatisierung. Das wird der Partei von Otto Graf Lambsdorff und der Wirtschaftsordnung von Ludwig Erhard, auch ein Neoliberaler, nicht gerecht.<\/p>\n<p><strong>Immer wieder spielt der Begriff der \u201eWertegesellschaft\u201c bei Ihnen und Ihrer Partei eine gro\u00dfe Rolle. Wo sollen wir ihrer Meinung nach die neuen Werte finden, wenn das eigentliche Fundament, die im Abendland verankerte j\u00fcdisch-christliche Tradition, nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df erscheint? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Wir m\u00fcssen mit dem Umstand leben, dass in Zukunft Millionen deutscher Staatsb\u00fcrger keinen christlichen Glauben mehr haben. Deshalb braucht es eine andere Klammer f\u00fcr unsere Gesellschaft, die allen unabh\u00e4ngig von Herkunft und Bekenntnis das Gef\u00fchl der Zusammengeh\u00f6rigkeit erlaubt. Ich sehe das im Verfassungspatriotismus, in den republikanischen Werten unseres Grundgesetzes, in deren Zentrum die W\u00fcrde des Einzelnen steht. Diese Werte des Grundgesetzes haben sich tats\u00e4chlich aus einer Tradition des so genannten christlich-j\u00fcdischen Abendlandes ergeben, so problematisch dieser Begriff auch ist, ergeben. Sie sind teilweise in der Auseinandersetzung mit den Kirchen entstanden, haben Einfl\u00fcsse aus dem antiken Rom und Athen aufgenommen. Sie sind geronnene Geschichte. Aber sie lassen sich eben auch aus reiner Vernunft ableiten \u2013 und das ist eine gro\u00dfe Chance. Denn so ist es m\u00f6glich, Menschen, die unsere abendl\u00e4ndische Tradition nicht teilen, weil sie aus anderen Kulturkreisen zu uns gekommen sind, in unsere Wertegemeinschaft miteinzubeziehen und einzuladen, Verfassungspatrioten zu werden.<\/p>\n<p><strong>Sie haben 2011 den Redner- und Dialogpreis \u201ere: republik\u201c erhalten. Welche Rolle spielt die Rhetorik in der Politik und inwieweit ist Politik immer noch sophistisch, wo ist die Grenze zwischen Redekunst- und Beredsamkeit? Kant hatte in seiner \u201eKritik der Urteilskraft\u201c die Rhetorik kritisiert, weil sie immer nur auf die Schw\u00e4chen des Gegners abzielt und damit moralisch wenig Achtung verdient.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Das, was Kant meinte, scheint mir eher auf das bezogen zu sein, was man Eristik, Streitkunst, nennt. Dazu hat Schopenhauer ein B\u00fcchlein \u201eDie Kunst, Recht zu behalten\u201c geschrieben. In der Mediendemokratie geh\u00f6ren kommunikative F\u00e4higkeiten zum R\u00fcstzeug eines Politikers dazu. Durch Begriffe wird Politik gemacht. Denken Sie an die erfolgreiche \u201eAgenda 2010\u201c, der wir heute viel Wettbewerbsf\u00e4higkeit verdanken. Sie ist kommunikativ nicht gelungen. Die politische Rede ist das zentrale Medium, um Vertrauen zu gewinnen, Positionen darzulegen und Menschen zu begeistern.<\/p>\n<p><strong>Wer ist Ihr Lieblingsgegner bei politischen Diskussionen in der Berliner Republik?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Da kann ich niemanden im Einzelnen hervorheben. Spannend ist es immer, wenn man mit diametral anderen Meinungen umgehen muss. Leider werden aber oft immer wieder dieselben Argumente vorgetragen. Vor einiger Zeit gab es eine Sendung mit einem Sozialdemokraten. In diesem Gespr\u00e4ch konnte man Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede sauber herausarbeiten. Da ging es nicht nur um den Effekt, sondern tats\u00e4chlich um die Substanz. Da konnte man auch unterschiedliche Bewertungen einmal mit Respekt stehen lassen \u2013 so eine Art der Debatte macht mir Freude.<\/p>\n<p><strong>Sie haben auch Philosophie studiert, welcher Philosoph hat sie am nachhaltigsten gepr\u00e4gt und beeindruckt? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Die liberalen Klassiker, Karl Popper, John Rawls &#8211; beeindruckt haben mich aber zwei, die im strengen Sinne keine Philosophen waren. Ralf Dahrendorf, weil er eine soziologische Zeitdiagnostik mit liberalen Antworten verbunden hat. Und Friedrich August von Hayek mit seinem Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Freiheit, die erst das in der Gesellschaft verstreute Wissen mobilisiert.<\/p>\n<p><strong>Herr Lindner \u2013 Sie haben eine Rennfahrerlizenz. Auch einige Philosophen, wie Michel Foucault und Albert Camus teilten die Leidenschaft f\u00fcr schnelle Autos.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Lindner<\/strong>: Dann bin ich ja in guter Gesellschaft mit meiner Leidenschaft. Ja, ich habe einmal einen Lizenzlehrgang gemacht. Leider fehlt mir gegenw\u00e4rtig f\u00fcr den aktiven Motorsport die Zeit. Aber ich verliere mein Ziel nicht aus den Augen, irgendwann einmal die 24 Stunden auf dem N\u00fcrburgring mitzufahren.<\/p>\n<h1>Im Interview mit dem Generalkonsul Japans in Deutschland Akira Mizutani<\/h1>\n<p><strong>Ein Krieg der Bilder, wie man ihn aus Zeiten des \u201eKalten Krieges\u201c kannte, \u00fcberflutet t\u00e4glich s\u00e4mtliche Medien, vom Internet bis zum Fernsehen. Die Drohgeb\u00e4rden aus Nordkorea und die M\u00f6glichkeit eines Milit\u00e4rschlages sind brandaktuell. Wie ernst sehen Sie die Bedrohung von Nordkorea seitens des jungen Diktators Kim, der ein Mann der Widerspr\u00fcche ist und sich im globalen Spiel der Macht inszeniert? Wie sch\u00e4tzen Sie die politische Lage in der Region insgesamt ein? <\/strong><\/p>\n<p>Die Situation ist sehr ernst, aber Kim Jong-un m\u00f6chte dieses Theater inszenieren, damit er innenpolitisch seinen Machterhalt sichern kann. F\u00fcr dieses Spektakel ist der Zeitpunkt gerade sehr g\u00fcnstig, da die USA und S\u00fcdkorea im April ihre j\u00e4hrlichen milit\u00e4rischen \u00dcbungen durchgef\u00fchrt haben. Kim und sein Regime beabsichtigen vielleicht, ihren Landsleuten zu vermitteln, dassdie entschlossene Haltung ihres gro\u00dfen F\u00fchrers die b\u00f6sen Amerikaner und S\u00fcdkoreaner vertrieben hat.<\/p>\n<p><strong>In Tokio wurden im April Patriot-Raketen stationiert, wie kann sich Japan im Ernstfall sch\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben wir bereits einige Abfangraketen aufgestellt. Juristisch haben wir auch zwei Gesetze, damit wir auf den Ernstfall richtig reagieren k\u00f6nnen. Zum einen das Gesetz zur Sicherung der Unversehrtheit Japans und seiner Bev\u00f6lkerung im Falle eines bewaffneten Angriffs. Wir haben auch das Gesetz f\u00fcr sicherheitsgef\u00e4hrdende Umst\u00e4nde in den um Japan liegenden Gebieten, damit wir die Aktivit\u00e4ten unserer Verb\u00fcndeten unterst\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie Angst, dass sich andere Regime wie beispielsweise der Iran mit Pr\u00e4sident Ahmadinedschad durch die Drohungen von Nordkorea in ihrer Politik best\u00e4tigt finden k\u00f6nnten? Seit langem droht Irans Pr\u00e4sident mit Vergeltung!<\/strong><\/p>\n<p>Ja und Nein. Auf einer Seite haben wir Bedenken, weil Nordkorea so unberechenbar ist. Auf der anderen Seite sind uns die Drohgeb\u00e4rden schon seit vielen Jahren bekannt. Zudem glauben wir, dass Nordkorea mit seinen Machtgeb\u00e4rden eine gewisse St\u00e4rke nach Innen demonstrieren will.<br \/>\nDas Problem vom Iran ist sehr ernst, aber gleichzeitig m\u00f6chte ich darauf hinweisen, dass die B\u00fcrger in Europa nicht so empfindlich gegen\u00fcber Nordkorea sind wie gegen\u00fcber dem Iran. Viele Deutsche wissen vielleicht nicht, dass mindestens 17 Japaner in den 70er und 80er Jahren vom nordkoreanischen Geheimdienst aus Japan verschleppt wurden. Die Opferzahl k\u00f6nnte noch viel h\u00f6her sein. Zwar hat sich der damalige Diktator Kim Jong Il entschuldigt und die \u201eErkl\u00e4rung von Pjongjang zwischen Japan und Nordkorea\u201c kam zustande.Dieses Dokument bildet die Grundlage der japanischen-norkoreanischen Beziehungen. Leider kam es danach zu mehreren Atombombentests und zu Absch\u00fcssen von Raketen. Wir waren nicht in der Lage, die Verhandlungen weiterzuf\u00fchren. Um diesen Stillstand zu durchbrechen, sollte die internationale Gemeinschaft mit einer Stimme sprechen.<\/p>\n<p><strong>Sie betonten, da\u00df es unterschiedliche sicherheitspolitische Voraussetzungen zwischen Europa und Asien gibt, was haben wir darunter zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Struktur der Ost-West-Konfrontation bleibt leider in Fernost immer noch weiter bestehen. Im deutlichen Gegensatz zu den umfassenden B\u00fcndnissystemen in Europa existieren in Asien verschiedene bilaterale Beziehungen. In Asien \u00fcbernehmen die USA die Funktion einer \u201eRadnabe\u201c; bilaterale Sicherheitsb\u00fcndnisse zwischen den USA und Japan bzw. S\u00fcdkorea bilden jeweils die \u201eSpeichen\u201c. Hier gibt es leider Spielr\u00e4ume, in denen sogenannte \u201eSchurkenstaaten\u201c ihr Unwesen treiben k\u00f6nnten. In Asien befinden sich \u00fcbrigens vielf\u00e4ltige Staatenmit unterschiedlichen Religionen, gesellschaftlichen Systemen und Entwicklungsniveaus von Demokratie. Japan ist die \u00e4lteste Demokratie Asiens und wir versuchen seit vielen Jahren zwischen diesen L\u00e4ndern gegenseitiges Vertrauen herzustellen.<\/p>\n<p><strong>Immer wieder kam es zu Entf\u00fchrungen von japanischen Staatsb\u00fcrgern durch das nordkoreanische Regime, was steckte dahinter?<\/strong><\/p>\n<p>Nordkorea wollte viele seiner Agenten nach Japan einschleusen, damit sie geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten beispielsweise auf dem Gebiet der Hochtechnologie durchf\u00fchren konnten. Die japanische Sprache zu beherrschen ist auch ein Ziel. Entscheidend war dabei, dass sich die Nordkoreaner an die japanischen Gewohnheiten, die sich von denen der Koreaner sehr unterscheiden, anpassen konnten. Sie brauchten die verschleppten Japaner aus verschiedenen Schichten und Altersgruppen als \u201eLehrer\u201c daf\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>Wie gestalten sich die Beziehungen zwischen Japan und der Volksrepublik China?<\/strong><\/p>\n<p>Die Beziehungen sind uns sehr wichtig und wir sind an einer guten Partnerschaft interessiert. Aberder gewaltsame Aufruhr im Namen des Patriotismus, 2012, den die kommunistische Regierung unterst\u00fctzte, ist nicht zu akzeptieren.<br \/>\nDie vielzitierten Streitigkeiten um die Senkaku-Inseln zwischen Japan und China lassen sich anhand vier Schl\u00fcsselbegriffe n\u00e4her erl\u00e4utern. 1. Niemandsland, 2. \u00d6lvorkommen, 3. Verbot des widerspr\u00fcchlichen Verhaltens, 4. obligatorische Gerichtsbarkeit.<br \/>\n1. Die Senkaku-Inseln geh\u00f6ren seit 1895 ununterbrochen zum japanischen Territorium. Zuvor lie\u00df die damalige japanische Regierung 10 Jahre lang gr\u00fcndlich untersuchen, ob die Inseln einem fremden Staat angeh\u00f6ren k\u00f6nnten. Nachdem es feststand, dass die Inseln \u201eNiemandsland (terra nullius)\u201c waren, hat das japanische Kabinett beschlossen, die Inseln einzugliedern; ein v\u00f6lkerrechtlich v\u00f6llig normales Vorgehen. 2. Die UNO hat 1969 festgestellt, dass es unter dem Meeresboden um die Inseln \u00d6l gibt. Daraufhin hatten China und Taiwan f\u00fcr diese Gebiete Hoheitsanspr\u00fcche angemeldet. Fr\u00fcher gab es keine Anspruchsmeldung. 3. Beim \u201eVerbot des widerspr\u00fcchlichen Verhaltens\u201c geht es darum, dass man mit seinem Verhalten nicht seinen eigenen fr\u00fcheren Worten oder Vorgehen widersprechen sollte. Dass China gegen dieses Prinzip verst\u00f6\u00dft, daf\u00fcr gibt es viele Beweise. Es gibt \u00e4ltere Karten oder Zeitungsartikeln aus China, die belegen, dass China selbst fr\u00fcher davon ausging, dass die Senkaku-Inseln Teil von Japan sind. 4. Japan hat die sogenannte \u201eobligatorische Gerichtsbarkeit\u201c bei Verhandlungen im Internationalen Gerichtshof akzeptiert. D.h., wenn Japan dort angeklagt wird, wird Japan automatisch in ein Gerichtsverfahren einwilligen, vorausgesetzt, wenn die Gegenpartei auch die obligatorische Gerichtsbarkeit akzeptiert. China hat sich aber schon immer solch einer obligatorischen Gerichtsbarkeit widersetzt. China sollte die Angelegenheit vor den Internationalen Gerichtshof bringen, statt mit Gewalt seinen Willen durchzusetzen versuchen, wenn es von seiner Sache so sicher ist.<\/p>\n<p><strong>Vor zwei Jahren ersch\u00fctterte eine Erdbebenkatastrophe Ihr Land, der Fall Fukushima hat nicht nur in der Bundesrepublik f\u00fcr ein Umdenken in Sachen Atompolitik gef\u00fchrt. Wie gestaltet sich der Wiederaufbau der betroffenen Regionen und auf welche Energien setzt Japan verst\u00e4rkt in der Zukunft? <\/strong><\/p>\n<p>Die Infrastruktur ist bereits zu 90 Prozent wieder hergestellt, aber erst 30 Prozent der zerst\u00f6rten Wohnh\u00e4user. Viele Menschen leben nach wie vor in \u00dcbergangsunterk\u00fcnften. Dem Proze\u00df des Wiederaufbaus wird oberste Priorit\u00e4t zugemessen, insgesamt25 Bill. Yen sollen daf\u00fcr bereitgestellt werden. Mit den vom Tsunami wegbesp\u00fclten St\u00e4dten und D\u00f6rfern auf die Anh\u00f6hen auszuweichen und sie dort wieder aufzubauen, sind gro\u00dfe Herausforderungen. Wir beschleunigen aber die Bew\u00e4ltigung dieser Aufgaben und versuchen, ganz neue Stadtformen, zukunftsorientierte St\u00e4dte zu gestalten.<br \/>\nWas die Zukunft der Energien betrifft, setzt Japan in der Zukunft auf einen Energiemix. 1. Sparen, 2. den Effizienzgrad erh\u00f6hen und 3. neue Bezugsquellen zu finden (zum Beispiel: Methan-Hydrat, geothermische- oder Gezeitenengergie). Im gegenw\u00e4rtigen Zustand decken die einheimischen Energiequellen nur 4 Prozent des Energiebedarfs in Japan.Der Betrieb mit fossilen Brennstoffen kostet viel Geld und der CO2-Ausstoss ist sehr hoch. Um diese Probleme zu beseitigen, ist es notwendig, die AKWs, unter versch\u00e4rften Bedingungen, wieder anzufahren. Durch den Ausbau erneuerbarer Energien in Zukunft wollen wir die Abh\u00e4ngigkeit von der Nuklearenergie so weit wie m\u00f6glich reduzieren. Laut einer Umfrage wollen ca. 70 Prozent der Japaner entweder aus der Kernkraft aussteigen oder die Abh\u00e4ngigkeit davon reduzieren. Aber die Japaner wissen auch, dass der Ausstieg nicht so schnell wie in Deutschland m\u00f6glich ist. Wir wollen deshalb gr\u00fcndlich diskutieren und danach \u00fcber den besten Energiemix entscheiden.<\/p>\n<p><strong>US-Starinvestor Soros hatte unl\u00e4ngst Europa vor einer weiteren Finanzkrise gewarnt. Wie Soros betonte geht die EZB einen Weg, der einst schon Japan zum Verh\u00e4ngnis geworden sei. Nun erkl\u00e4rt er Japans neue Geldpolitik gegen\u00fcber CNBC f\u00fcr \u201eeine Sensation\u201c. Die Bank von Japan hatte Anfang April bekannt gegeben, Milliarden an frischem Geld in die \u00d6konomie zu pumpen. Gelddruck um die Wirtschaft zu stimulieren, ist das das neue Erfolgsrezept? <\/strong><\/p>\n<p>Japans Regierung setzt diesbez\u00fcgliche auf eine drei-Pfeiler-Strategie. Wir setzen 1. auf eine expansive Geldpolitik, 2. auf eine flexible Finanzpolitik und 3. auf eine investitionsfreundliche Wachstumsstrategie. Das Ziel liegt darin, die japanische Wirtschaft aus einer lang anhaltenden Phase der Deflation herauszuholen. Die Zentralbanken von Gro\u00dfbritannien, Amerika und der EU (EZB) unterst\u00fctzen unsere Position. Wir alle wissen aber, dass diese Geldpolitik nicht allein hilft. Der wichtigste Punkt ist Punkt 3, die Bem\u00fchungen um die investitionsfreundliche Wachstumsstrategie. Wir legen hohen Wert auf z.B. die Deregulierung oder die F\u00f6rderung der Hochtechnologie. Japan und Deutschland sind einerseits Konkurrenten, andererseits wird ihre weitere Zusammenarbeit in diesen Bereichen sicherlich neue Marktnischen oder Gesch\u00e4ftschancen erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Japan bewirbt sich f\u00fcr die Olympischen Spiele 2020, wie ist das Land ger\u00fcstet? Was versprechen Sie sich von dieser Bewerbung?<\/strong><\/p>\n<p>Die Olympischen Spiele haben 1964 in Tokyo stattgefunden. Wir garantieren bei der Bewerbung Tokyos f\u00fcr 2020 Sportst\u00e4tten auf h\u00f6chstem qualitativem Niveau mit bestm\u00f6glichen Serviceleistungen. Wir wollen die Weltgemeinschaft zu einer gro\u00dfen Feier einladen, die auch die Jugend der Welt inspiriert. Wir wollen die olympischen Spiele zur zukunftstorientiertesten Stadt der Welt holen, wo die Olympiade schon einmal sehr erfolgreich stattfinden konnte.<br \/>\nNach dem gro\u00dfen Erdbeben vor 2 Jahren haben wir intensiv erfahren, was Sport bewirken kann. Auch deshalb ist das Symbol der Olympischen Spiele Tokyo 2020 ein f\u00fcnffarbiger Blumenkranz, der Samsara symbolisiert, den Kreislauf von Werden und Vergehen. Mit den Olympischen Spiele wollen wir n\u00e4mlich einerseits den \u201eR\u00fcckkehr\u201c nach Tokyo nach 1964, andererseits die \u201eWiedergeburt\u201c nach dem gro\u00dfen Erdbeben vor 2 Jahren symbolisch feiern. Beim Beben hatten wir unsere Widerstandskraft und Entschlossenheit gezeigt. Im selben Sinne wollen wir ein Signal des Mutes in die Welt und besonders an die jungen Generationen senden. Damit zeigen wir gleichzeitig unsere Dankbarkeit f\u00fcr die Unterst\u00fctzung aus aller Welt.<\/p>\n<h1>Im Interview Honorarkonsul Max Aschenbrenner \u2013 K\u00f6niglich Norwegisches Konsulat M\u00fcnchen<\/h1>\n<p>von Max A. Aschenbrenner<\/p>\n<p><strong>Wie gestalten sich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Norwegen und Deutschland, insbesondere in der Au\u00dfenpolitik? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Beziehungen zwischen Norwegen und Deutschland sind insgesamt betrachtet ausgesprochen gut, schon seit Jahrzehnten stabil, partnerschaftlich und vertrauensvoll. Das gilt f\u00fcr die Beziehungen zwischen den Regierungen &#8211; von welchen politischen Richtungen sie auch jeweils gestellt wurden oder werden &#8211; genauso wie f\u00fcr die der Menschen in beiden L\u00e4ndern zueinander. Das hat sich gerade auch bei dem Terrorangriff in Oslo und Ut\u00f8ya am 22.07.2011 gezeigt, als die Bev\u00f6lkerung auch hier in Deutschland gro\u00dfe Solidarit\u00e4t bekundet hatte. Diese gezeigte Anteilnahme an dem gr\u00f6\u00dften Unheil, das Norwegen seit dem zweiten Weltkrieg getroffen hat und wurde dort sehr dankbar zur Kenntnis genommen.<\/strong><br \/>\n<strong>Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden L\u00e4ndern kann man ebenfalls nur als sehr gut bezeichnen. Das soll aber nicht ausschlie\u00dfen, dass sich in dem einen oder anderen Bereich die wirtschaftlichen Beziehungen nicht noch zum beiderseitigen Nutzen intensivieren lie\u00dfen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Norwegen und die Bundesrepublik sind starke Industrienationen, wo finden hier die st\u00e4rksten Kooperationen statt und wo w\u00fcnschen Sie sich eine noch intensivere Zusammenarbeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Norwegen ist ein Energieland schlechthin. Folglich gibt es gerade hier die engsten wirtschaftlichen Ber\u00fchrungspunkte. Dabei denkt man nat\u00fcrlich zuerst an die enormen Gas- und \u00d6lvorkommen auf dem norwegischen Atlantiksockel. Allein mit seinen Gaslieferungen nach Deutschland ist Norwegen zweitgr\u00f6\u00dfter Exporteur, der die Bundesrepublik mit einem knappen Drittel des hier verbrauchten Erdgases versorgt. Bei Exploration und F\u00f6rderung beteiligen sich auch deutsche Firmen, wie z. B. Bayerngas, die sogar \u00fcber eine eigene norwegische Tochterfirma dort selbst aktiv ist.<\/strong><br \/>\n<strong>Aber auch regenerative Energien spielen eine zunehmend wichtigere Rolle. Ein sehr gutes Beispiel ist das j\u00fcngst beschlossene Stromkabel nach Norwegen. Es wird es erm\u00f6glichen, \u00fcbersch\u00fcssigen Windstrom aus Deutschland nach Norwegen zu leiten, die Energie in Pumpkraftwerken zu speichern, um sie nach Bedarf wieder in das deutsche Stromnetz einzuspeisen. Mit dieser \u201egr\u00fcnen Batterie\u201c kann Norwegen einen wichtigen Beitrag f\u00fcr die Energiewende in Deutschland leisten.<\/strong><br \/>\n<strong>M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine weitere Intensivierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ich bei norwegischen Investitionen in Deutschland und vor allem bei einer Verst\u00e4rkung der Kooperation mittelst\u00e4ndischer Unternehmen beider L\u00e4nder.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gibt es hierf\u00fcr bereits Ans\u00e4tze?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dazu kann ich Ihnen als Beispiel das skandinavische <\/strong><strong>Wirtschaftsforum, kurz SWIFO, nennen. Es entstand 2010 aus einer Initiative der nordischen Konsulate in Bayern. Bei Veranstaltungen die allen an wirtschaftlichen Kontakten Interessierten offenstehen wollen wir Kontakte initiieren, die dann \u00fcber Ideen zu hoffentlich erfolgreichen Projekten f\u00fchren. Die n\u00e4chste Veranstaltung im M\u00e4rz 2013 werden wir gemeinsam mit dem Bayerischen Wirtschaftsministerium gestalten und uns dabei mit der sehr nordischen\/norwegischen Thematik \u201eFrauen in der Berufswelt und in F\u00fchrungspositionen\u201c besch\u00e4ftigen. N\u00e4here Informationen finden Sie \u00fcbrigens im Internet unter <\/strong><strong><u>www.swifo.de<\/u><\/strong><u><br \/>\n<\/u><br \/>\n<strong>Weltweite Rezession und Finanzkrise sind die Schlagworte der Stunde. Wie steht Norwegen nach der Finanzkrise da? Was halten Sie von der sogenannten Nordw\u00e4hrung, dem Nord-Euro?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Den \u201eNord-Euro\u201c im engeren Sinn kann es schon begrifflich nicht geben. Norwegen ist nicht einmal EU-Mitglied und hat seine eigene W\u00e4hrung; wie \u00fcbrigens seine angrenzenden skandinavischen EU-Nachbarn Schweden und D\u00e4nemark auch. Richtig ist aber, dass Norwegen genauso wie Deutschland zu den wirtschaftlich starken L\u00e4ndern im n\u00f6rdlichen Teil Europas geh\u00f6rt und von daher auch ein eigenes Interesse an der Stabilit\u00e4t der Wirtschaftund der europ\u00e4ischen W\u00e4hrung hat.<\/strong><br \/>\n<strong>Jedenfalls bislang ist Norwegen vergleichsweise gut durch die wirtschaftlichen Turbulenzen der letzten Jahre gekommen; wegen seiner insgesamt starken Wirtschaft und nicht zuletzt wegen seiner enormen \u00d6l-und Gaseinnahmen. Diese flie\u00dfen \u00fcbrigens nicht in den Staatshaushalt sondern in den sog. \u00d6lfond, der inzwischen der weltweit gr\u00f6\u00dfte Pensionsfond ist. <\/strong><br \/>\n<strong>Richtig ist aber auch, dass Norwegen ebenso wenig wie irgendein anderes Land als \u201eInsel der Seligen\u201c auf Dauer von den wirtschaftlichen Krisen anderer L\u00e4nder unber\u00fchrt bleiben kann, insbesondere nicht von Risiken solcher L\u00e4nder, mit denen enge Handelsbeziehungen bestehen. Dabei ist entsprechend den Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnissen f\u00fcr Norwegen Deutschland als einer bedeutendsten Wirtschafts- und Handelspartner noch wichtiger als umgekehrt. Um den norwegischen Botschafter in Deutschland, Sven Erik Svedman zu zitieren: \u201eWenn es Deutschland gut geht, geht es auch Norwegen gut\u201c. Insoweit gibt es nat\u00fcrlich zwischen beiden Nationen gleichgerichtete wirtschaftliche und politische Interessen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen Norwegen und die Bundesrepublik gemeinsam die Zukunft Europas und den Euro-Raum gestalten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mit dem Willen und der Bereitschaft, also an den Herausforderungen der Zukunft konstruktiv und verantwortungsvoll mitzuwirken, mitzugestalten. Jedes Land ist ja auch, zumindest mittelbar, von den politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen betroffen. Welche M\u00f6glichkeiten ein Land jeweils hat h\u00e4ngt von seiner Gr\u00f6\u00dfe, seinerund wirtschaftlichen wie politischen Bedeutung ab. Insoweit sind die Deutschlands andere als die Norwegens mit seinen nur 5 Millionen Einwohnern; au\u00dferdem ist Norwegen auch nicht selbst Mitglied der EU, sondern mit dieser nur assoziiert. <\/strong><br \/>\n<strong>Gleichwohl versteht sich Norwegen als ein europ\u00e4isches Land und wird sich auch k\u00fcnftig seiner Mitverantwortung stellen. Dabei ist eine gut partnerschaftliche Abstimmung in europ\u00e4ischen Fragen zwischen den Regierungen Deutschlands und Norwegen eine gute, bew\u00e4hrte Tradition, an der sich ersichtlich auch nichts \u00e4ndern wird.<\/strong><br \/>\n<strong><br \/>\nIn Norwegen liegt die Zahl der Arbeitslosen unter 3 %. F\u00fcr die Bundesrepublik, insbesondere die ostdeutschen L\u00e4nder, w\u00e4re dies ein Idealzustand. Wie gelingt Ihnen eine fast Vollbesch\u00e4ftigung, mit welchen Wirtschaftszweigen?<\/strong><\/p>\n<p>Das Wirtschaftswachstum Norwegens hat gerade in den letzten beiden Jahrzehnten in manchen Bereichen zu Arbeitskr\u00e4ftemangel gef\u00fchrt. Ein hohes Einkommensniveau, soziale Stabilit\u00e4t und Sicherheit und nicht zuletzt angenehme und familienfreundliche Arbeitsbedingungen machen den Arbeitsmarkt in Norwegen attraktiv. Das gilt f\u00fcr handwerkliche T\u00e4tigkeiten vor allem am Bau. Man sieht das in Oslo und Umgebung auch au\u00dferhalb der Ferienzeit an vielen Fahrzeugen mit Kennzeichen aus z. B. Polen und Ostdeutschland. Aber auch \u00c4rzte, Ingenieure und vergleichbare Akademiker sind in nennenswerter Zahl aus Deutschland und anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern nach Norwegen gegangen. Es scheint sich hier ein Kreis zu schlie\u00dfen: gute Wirtschaftskraft f\u00fchrt zu attraktiven Arbeitsbedingungen, engagierte Mitarbeiter tragen ihrerseits zu weiterem Wirtschaftswachstum bei.<\/p>\n<p><strong>Wie werden die Sozialschwachen in Norwegen vom Staat unterst\u00fctzt?<\/strong><\/p>\n<p>Norwegen ist wie die Bundesrepublik auch ein sozialer Rechtsstaat. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es auch dort gesetzliche Schutzsysteme f\u00fcr soziale Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter. Nicht minder bedeutsam als die finanziellen Hilfen des Staates ist daneben aber auch, wie die Gesellschaft mit denjenigen umgeht, die, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, Hilfe und Unterst\u00fctzung brauchen. In Norwegen gibt es eine gewachsene und allgegenw\u00e4rtige Tradition der gegenseitigen R\u00fccksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Gleichbehandlung aller. Dies erleichtert vieles.<br \/>\nGerne wird in diesem Zusammenhang Ihre Frage noch erweitert, die sich zun\u00e4chst nur auf die \u201esozial Schwachen\u201c richtete. Eine gesellschaftliche Herausforderung ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Familie und Beruf noch weiter zu verbessern und insbesondere die Rolle von Frauen zu st\u00e4rken. Das Beispiel Norwegens zeigt, dass es gesetzlicher Regelungen bedarf, diese aber durch Akzeptanz und Unterst\u00fctzung der Gesellschaft flankiert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnen die Deutschen von Norwegen im Hinblick auf die Energiepolitik lernen. Welche Energien werden vorrangig genutzt? <\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Norwegen sind \u00d6l und Gas seit den ersten Funden in den fr\u00fchen 1970iger Jahren die wirtschaftlich eindeutig bedeutendste Energiequelle. Das wird auch noch einige Jahrzehnte so bleiben, zumal technische Neuerungen sowohl die Suchergebnisse verbessern als auch die M\u00f6glichkeit anschlie\u00dfender Produktion. Norwegen hat sich dabei durch den Aufbau einer eigenen Industrie eigenst\u00e4ndiges Knowhow erworben, so dass norwegische Unternehmen inzwischen auch weltweit mit der Exploration und F\u00f6rderung fossiler Energien am Markt sind.<br \/>\nHistorisch weit zur\u00fcck reicht die Nutzung der Wasserkraft, f\u00fcr die sich in Norwegen aufgrund der nat\u00fcrlichen Bedingungen ganz besonders gute M\u00f6glichkeiten bieten. Aus den vorhandenen Kraftwerken deckt sich der norwegische Eigenbedarf an Strom nahezu vollst\u00e4ndig. In dem schon genannten Projekt der \u201egr\u00fcnen Batterie\u201c wird sich die Wasserkraft auch noch weiter wirtschaftlich auswirken.<br \/>\n<strong><br \/>\nDas Land der Fjorde geh\u00f6rt zu den gr\u00f6\u00dften Fischerei-Nationen der Welt, was bedeutet hier ein nachhaltiger Umgang mit den Naturressourcen?<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00dcberfischung der Meere ist ein weltweites Problem. EU-intern gibt es st\u00e4ndig Auseinandersetzungen \u00fcber die H\u00f6he der Fischereiquoten, die allesamt \u00fcber den Empfehlungen der Fischereibiologen liegen. F\u00fcr Norwegen ist der Fischfang seit je her der bedeutendste Wirtschaftszweiggewesen, bis er von der Energiewirtschaft abgel\u00f6st wurde. Gleichwohl spielt die Fischerei gerade im Norden des Landes immer noch eine bedeutende wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle. Umso st\u00e4rker achten die Norweger auf die nachhaltige Nutzung und Bewirtschaftung und oft h\u00f6rt man den selbstbewussten Satz \u201ewir verwalten unsere Naturressourcen selbst\u201c. Dies und die Furcht, norwegische Fischgr\u00fcnde auch f\u00fcr Flotten aus der EU \u00f6ffnen zu m\u00fcssen mag eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle daf\u00fcr gespielt haben, dass die Norweger zwei Referenden \u00fcber den EU-Beitritt abgelehnt haben. Zum nachhaltigen Umgang mit Naturressourcen geh\u00f6rt im \u00dcbrigen auch neben dem Fischfang verst\u00e4rkt Aquakultur zu betreiben. Hier hat Norwegen Dienstleistungen erbracht und einen bedeutsamen Wirtschaftsfaktor geschaffen.<\/p>\n<p><strong>Wie bringt sich Norwegen in die deutsche Kultur ein, bzw. welche gro\u00dfen kulturellen Projekte sind f\u00f6rderw\u00fcrdig und worauf setzen Sie dabei den Schwerpunkt?<\/strong><\/p>\n<p>Norwegen hat eine ganze Reihe bekannter K\u00fcnstler hervorgebracht, bei denen Deutschland in der Ausbildung oder beim sp\u00e4teren Erfolg eine besondere Rolle spielte. Edvard Munk in Berlin, Edvard Grieg in Leipzig oder Ipsen, der lange Jahre in M\u00fcnchen gelebt und gewirkt hat, seien hier als Beispiel genannt. Wir haben hier in Bayern mit Olaf Gulbransson, dem genialen Zeichner und Illustrator des Simplicissimus, den einzigen norwegischen K\u00fcnstler, dem hierzulande am Tegernsee ein eigenes Museum gewidmet ist. Insoweit ist dieses auch ein idealer Ort, norwegische Kultur im Allgemeinen und zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler aus Norwegen im Besonderen, auch hier in Deutschland zu pr\u00e4sentieren. Einen ganz besonders guten \u201eKlang\u201c hat zeitgen\u00f6ssischer, moderner Jazz aus Norwegen, mitNamen wie Petter Molvaer, Jan Garbarekund vielen anderen. In M\u00fcnchen findet regelm\u00e4\u00dfig eine Veranstaltungsreihe \u201eThe Norway of Jazz\u201c im renommierten Jazzclub Unterfahrt statt. Ich selbst als Anh\u00e4nger dieser Musik gehe gerne dorthin und freue mich, wenn auf diesem Weg norwegische Kultur bekannt wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr die bundesdeutschen Touristen ist Norwegen ein beliebtes Touristenziel. Was interessiert umgekehrt die Norweger\/innen an der Bundesrepublik?<\/p>\n<p>Die Sch\u00f6nheit und der Reichtum der norwegischen Landschaft bietet Norwegern daheim beste Gelegenheiten f\u00fcr Sport und \u201eFreiluft-Aktivit\u00e4ten\u201c zu Hause, so dass sie daf\u00fcr nicht eigens nach Deutschland kommen m\u00fcssen, alpinen Skisport vielleicht ausgenommen. Daf\u00fcr bietet Deutschland eine st\u00e4dtische Kultur, die wiederum die Norweger besonders sch\u00e4tzen. Hier in M\u00fcnchen ist nat\u00fcrlich das Oktoberfest der Besuchermagnet schlechthin, nicht zuletzt auch f\u00fcr G\u00e4ste aus dem hohen Norden.<\/p>\n<h1>Das neue \u201eNaturkundemuseum Bayern\u201c \u2013 eine Investition in die Zukunft: Im Gespr\u00e4ch mit Dr. Auguste von Bayern, Prinzessin zur Lippe<\/h1>\n<p>von Auguste von Bayern, Prinzessin zur Lippe<\/p>\n<p><strong>Die Life Sciences, die Biowissenschaften, die Biomedizin, die Humanbiologie, die Geo- und Umweltwissenschaften sind auf der \u00dcberholspur, nirgendwo gibt es derzeit mehr neue Entdeckungen, der allt\u00e4gliche Wissenszuwachs ist gigantisch. Ist unsere Gesellschaft \u00fcber diese Themen gen\u00fcgend informiert, eine Frage an die Wissenschaftlerin?<\/strong><\/p>\n<p>Selbst als Biologin und Forscherin ist es unm\u00f6glich immer auf dem neuesten Stand, auch nur in einem Teil der Disziplinen zu bleiben. Das Wissen in den Biowissenschaften explodiert gerade. Alle zwei Jahre verdoppelt es sich! Wenn man sich \u00fcberlegt, was allein in den letzten Jahren in den Biowissenschaften an Erkenntnissen und Anwendungsm\u00f6glichkeiten hinzugekommen ist \u2013 nur allein in der Genetik, Krebsforschung, Gehirnforschung, Biochemie! Dennoch soll es die Aufgabe des Museums sein immer auf den neusten Stand der Forschung zu bleiben. Eine gro\u00dfe Herausforderung, aber auch eine spannende. Das Museum wird zugleich Begegnungsst\u00e4tte mit der Forschung und Wissenschaftlern eine Plattform f\u00fcr die Vermittlung ihre aktuellen Forschungsergebnisse bieten.<\/p>\n<p><strong>Eines der beliebsteten Museen der Bundesrepublik ist das \u201eMuseum Mensch und Natur&#8220; im Schloss Nymphenburg. Das Museum ist in seiner Art einzigartig! Sie planen aber ein gro\u00dfes Naturkundemuseum, gar von einer \u201eNatur- und<br \/>\nKulturmeile\u201c ist die Rede, warum?<\/strong><\/p>\n<p>Man ist vielleicht \u00fcberrascht: das kleine Museum &#8222;Mensch und Natur&#8220; in Nymphenburg ist heute das besucherst\u00e4rkste Museum Deutschlands &#8211; das allerdings, wenn man die Besucherzahl auf den Quadratmeter rechnet. Aber genau das ist der Punkt: das jetzige Museum Mensch und Natur platzt aus allen N\u00e4hten und hat mit 200.000 Besuchern pro Jahr seine Kapazit\u00e4tsgrenze l\u00e4ngst erreicht. Z.B. muss es jedes Jahr 1500 Schulklassen abweisen, weil ihm die Kapazit\u00e4t fehlt! Dabei k\u00f6nnten es viel mehr Besuchersein. Bei einer Vergr\u00f6\u00dferung des Museums rechnen wir konservativ mit mind. 600.000 Besuchern pro Jahr.<br \/>\nUnser Ziel ist es ein einzigartiges Museum in Deutschland zu schaffen, das als Pendant zum Technik-orientierten Deutschen Museum, die Life Sciences und Umweltwissenschaften abdeckt und mit dem eine neue europaweite Museumsattraktion geschaffen wird.Einzigartig, wird es allein schon wegen der unvergleichlich sch\u00f6nen Lage. Das Museum wird sich harmonisch in die Schlossanlage, den Park, den Botanischen Garten, den lebendigen Stiftungen, der Porzellanmanufaktur und das Schlossrondell einf\u00fcgen. Eine wahrhafte Kultur- und Naturmeile gibt es so kein zweites Mal in Deutschland.<br \/>\nUnd warum? Ein gro\u00dfes Life Sciences Museum ist wichtig, wenn wir den Anschluss an die Entwicklung in Europa nicht verlieren wollen, und in Forschung und Wirtschaft in den Life Sciences in Zukunft weiter einer Vorreiterrolle spielen wollen.<br \/>\n<strong><br \/>\nWas ist das Neuartige an diesem Museumskonzept? Mit welchen p\u00e4dagogischen Mitteln soll die junge Generation f\u00fcr die gro\u00dfen Themen der Gesellschaft, Umweltschutz, Klimawandel, Biodiversit\u00e4t sensibilisiert werden? Nachhaltigkeit ist ein gro\u00dfes Thema, was kann Ihr Museum dazu beitragen, das Jugendliche lernen verantwortungsvoll-gesamtperspektivisch und global zu denken? Junge Menschen speichern Wissen oft \u00fcber die sinnliche Wahrnehmung, visuelles Sehen und Haptik \u2013 moderne Ger\u00e4te wie Explorer sind neu auf dem Markt, werden diese zum Einsatz kommen? <\/strong><\/p>\n<p>Sie sprechen in Ihrer Frage schon Einiges an, auf das bei der Konzeption des Museums gro\u00dfen Wert gelegt werden wird. Das Museumskonzept mit dem Thema &#8222;Zukunft-Mensch-Natur&#8220; stellt den Menschen in den Mittelpunkt und seine Interaktion mit seiner Umwelt. Es zeigt, wie der Einfluss des Menschen bereits heute die Zukunft formt, die unseres Planeten Erde, und auch die eigene. Die Themen sollen interdisziplin\u00e4r und vor allem interaktiv und auf h\u00f6chstem museumsp\u00e4dagogischen Niveau vermittelt werden. Das Gesamtbild und die Zusammenh\u00e4nge sollen aufgezeigt werden. Zusammenh\u00e4nge verstehen, das ist uns wichtig. Das Museum soll allen B\u00fcrgern, egal welchen Alters oder Bildungsgrad einen Zugang zu den gro\u00dfen, wichtigen naturwissenschaftlichen Themen geben,auch mit Hilfe von modernster Technik und neuen Medien. Nur was man kennt, sch\u00e4tzt man und nur was man sch\u00e4tzt, sch\u00fctzt man auch &#8211; und der Mensch geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n<p><strong>Welchen Umfang haben die Sammlungsbest\u00e4nde \u2013 derzeit sind diese in den Magazinen der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) der \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4nglich? Welche r\u00e4umlichen Kapazit\u00e4ten ben\u00f6tigen Sie, um diese F\u00fclle zu pr\u00e4sentieren? <\/strong><\/p>\n<p>In den Staatlich Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns sind wahrhaftig Sch\u00e4tze vergraben, die der \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4nglich in den Magazinen ruhen. Die Menge allein ist unglaublich: circa 30 Millionen Sammlungst\u00fccke, darunter Einmaliges wie ein 30 Meter langes Skelett eines Diplodokus-Sauriers oder die gr\u00f6\u00dfte Schmetterlingssammlung der Welt. Welch Reichtum aus Forschung, Historie und Abenteuer da unten liegt, ist unfassbar! Die Kapazit\u00e4tsgrenze des jetzigen Museums ist leider l\u00e4ngst erreicht und kann diesen Reichtum nicht im Ansatz zeigen. Im neuen Museum werden viele Exponate einen neuen Platz finden und endlich von der \u00d6ffentlichkeit bestaunt werden k\u00f6nnen.<br \/>\n<strong><br \/>\nWo werden Sie bei der Gestaltung des geplanten \u201eNaturkundemuseum Bayern\u201c die Schwerpunkte setzen, mehr auf den historischen Sammlungsbestand oder auf Veranstaltungsreihen zu Themen wie alternativer Energien, Artensterben, Klimawandel und Ressourcenknappheit, Gentechnik, Gehirn-und Stammzellenforschung? <\/strong><\/p>\n<p>Sie nehmen mir die Frage vorweg, denn viele verstehen unter Naturkundemuseum, einen Ort, in dem nur alte verstaubte Tiere zu sehen sind. In Wirklichkeit geht es aber vielmehr um die Vermittlung der Bildungs-<em>Inhalte aus den Life Sciences.<\/em>Der historische Sammlungsbestand wird also der Erl\u00e4uterung und Illustration von h\u00f6chst modernen Themen dienen, nicht der eigentliche Schwerpunkt sein.<br \/>\nDas Museum soll ein spannendes Life Sciences Pendant zum Deutschen Museum werden, das hei\u00dft die Bio-, Geo- und Umweltwissenschaften. ein riesiges Spektrum von F\u00e4chern -,werden im Mittelpunkt stehen. Vor allem aber soll das Namu Bayern ein modernes, dynamisches und interaktives Informations- und Bildungsforum werden, wo sich die B\u00fcrger jeden Alters oder Bildungshintergrund- auf den neusten Stand der Life Sciences bringen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich wird es dabei z.B. um Gentechnik, Gesundheit und Ern\u00e4hrung, Klimafragen und Naturschutz, aber auch um viele andere zukunftsentscheidende Themen gehen. Denn diese gro\u00dfen Themen sind schon jetzt f\u00fcr uns alle von so entscheidender Bedeutung und f\u00fcr die kommenden Generationen wird es schlicht existenziell. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen wir nur auf der Basis von Bildung wichtige Entscheidungen \u00fcber Natur und Umwelt verantwortungsvoll treffen.<br \/>\nDas neue Naturkundemuseum soll aber auch von internationalen Rotations- und Wanderausstellungen profitieren. Und selbstverst\u00e4ndlich werden auch zahlreiche Sch\u00e4tze der SNSB zu sehen sein.<br \/>\n<strong><br \/>\nWie kann man Ihr Projekt unterst\u00fctzen oder eine Patenschaft \u00fcbernehmen? Und wann werden Sie die T\u00fcren zum \u201eNaturkundemuseum Bayern\u201c \u00f6ffnen k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt zahlreiche Unterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr unsere Initiative. Wir sind dankbar \u00fcber jede kleine Spende, jede Unterschrift und jedes Facebook-Like. Aber besonders wichtig f\u00fcr unser &#8222;politisches Gewicht&#8220; ist m\u00f6glichst viele aktive Mitglieder zu begeistern, um der Politik zu signalisieren, dass b\u00fcrgerliches Engagement vorhanden ist. NaMu-F\u00f6rdermitglied kann man ab 100 (erm\u00e4ssigt 50) \u20ac. Derzeit suchen wir au\u00dferdem 1000 engagierte B\u00fcrger, die 1000,- Euro spenden und dem NaMu-Club of Thousand beitreten. Als Anerkennung wird man als NaMu-Stifter auf einer gro\u00dfen Tafel im Museum genannt.<br \/>\nF\u00fcr Unternehmen, aber nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Verb\u00e4nde oder Privatpersonen gibt es verschiedene NaMu-Partnerschaften ab \u20ac10.000\/5.000\u20ac. Grunds\u00e4tzlich ist jede Art der Unterst\u00fctzung und jede H\u00f6he der Spende willkommen. Jeder einzelne Euro hilft. Es freut uns auch schon, wenn man uns hilft, das Projekt bekannt zu machen und es weiterempfiehlt, z.B. \u00fcber Facebook, Email-Verteiler oder \u201eMundpropaganda\u201c. Mehr Informationen und unser Anmeldeformular findet man auf unserer Homepage <strong>www.namu-bayern.de<\/strong> oder auf Facebook:<\/p>\n<h1>Interview mit Prof. Dr. Alfred Grosser: Was bleibt aber stiftet der Moralp\u00e4dagoge<\/h1>\n<p>von Alfred Grosser<\/p>\n<p><strong>Was bleibt, aber stiftet der Dichter, sagt H\u00f6lderlin, was stiftet der Moralp\u00e4dagoge? Sie sprechen von unserer Zeit als einer, in der die Zeiten des Gl\u00fccks etwas weniger geworden sind! Was k\u00f6nnen wir dagegen tun und wo sehen Sie die Ursachen?<\/strong><\/p>\n<p>Unter anderem, indem ich versuche das st\u00e4ndige \u201eWas wird das Ausland sagen?\u201c zu bek\u00e4mpfen sowie die Art, sich von Israel st\u00e4ndig erpressen zu lassen, wie ich das in meinem Buch \u201eVon Auschwitz nach Jerusalem. \u00dcber Deutschland und Israel\u201c dargestellt habe. Heute muss aber vor einem neuen deutschen Hochmut gewarnt werden, mit seinen dummen antieurop\u00e4ischen Konsequenzen.<br \/>\nEtwas dagegen tun k\u00f6nnte man beispielsweise in der Presse. Anstatt nur negative Meldungen zu verbreiten, w\u00e4re es doch weitaus besser und w\u00fcrde das Gl\u00fcck bef\u00f6rdern, wenn man mehr \u00fcber positive Ereignisse berichten w\u00fcrde. Dieses Positive allein begegnet einem in der \u00f6ffentlichen Medienwelt allerdings sehr selten. Etwas B\u00f6ses hingegen findet sich immer wieder. Und um Freude zu verbreiten, br\u00e4uchte man auch einen Begriff, dass es Freude geben kann und Freude geben soll. Aber der Geist der Zeit ist Anti-Freude.<\/p>\n<p><strong>Was macht Ihrer Meinung den Geist der Verzeihung aus? In der heutigen Welt, so scheint es, Ihre pers\u00f6nliche Geschichte hat Sie etwas anderes gelehrt, ist die Verzeihung aus der Mode gekommen!<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin gar nicht zu sehr f\u00fcr Verzeihen. Ich bin zuerst einmal daf\u00fcr, dass man begreift, dass der Andere vielleicht auch Recht gehabt hat. Ich bin daf\u00fcr, dass man den Anderen nicht personifiziert, es gibt keine Kollektivschuld, es gibt solche und andere Deutsche. Um eine Anspielung auf das Buch \u201eDas Amt\u201c zu machen; es gibt Diplomaten die so oder anders waren; jede Verallgemeinerung ist etwas, f\u00fcr das man sich erst einmal entschuldigen sollte. Ich glaube, das Verzeihen ist grunds\u00e4tzlich sehr schwierig, wenn man nicht selbst gelitten hat. Deswegen ist das gegenseitige Verzeihen vor allen Dingen erst dann wirklich und echt, wenn man das Leiden des Anderen erst einmal verstanden und akzeptiert hat. Beispielsweise k\u00f6nnen heute die Israelis den Pal\u00e4stinensern nicht verzeihen, weil sie sie nicht verstehen.<\/p>\n<p><strong>Was beeindruckt Sie an Emmanuel Levinas? Sie haben eine tiefe Affinit\u00e4t zu Camus, warum?<\/strong><\/p>\n<p>Levians, er beeindruckt mich, weil er die Ethik \u00fcber alles stellt, \u00fcber jede Metaphysik. Es kann keine Politik geben, ohne eine moralische Begr\u00fcndung, ob die nun gut oder schlecht ist. Und es gibt zuerst eine Moral und die Sicht des Anderen bestimmt diese Moral weitgehend. Als ich 65 wurde, stifteten mir ehemalige Studenten und Kollegen ein Buch mit dem Titel \u201eDer Andere\u201c und Levinas ist jemand, der das Gesicht des Anderen verherrlicht. Ich glaube, das ist wesentlich. Meine Begeisterung f\u00fcr Camus besteht seit Anfang an, weil er menschlich ist, weil er andere versteht. Ein Beispiel: er pl\u00e4diert, dass der extrem rechte Schriftsteller Robert Brasillachnicht erschossen wird, er ist doch erschossen worden, nicht weil er Anh\u00e4nger dieser Ideen ist, sondern weil er gegen die Todesstrafe ist. Er ist systematisch gegen die Todesstrafe \u2013 auch gegen die Todesstrafe der Feinde. \u00dcbrigens kenne ich sehr wenige Menschen, die im R\u00fcckblick sagen, man h\u00e4tte in N\u00fcrnberg niemand verurteilen k\u00f6nnen, wenn sie auch gegen die Todesstrafe sind.<\/p>\n<p><strong>Sie pl\u00e4dieren f\u00fcr die M\u00e4eutik des Lernens und der Wissensvermittlung im sokratischen Sinne! Was bietet diese Methode f\u00fcr Vorteile f\u00fcr Studierende? Sie haben immer jene Form von Wissenschaft kritisiert, die sich im Elfenbeinturm verschlie\u00dft.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe immer versucht, sokratisch zu sein, ich gehe auf den anderen ein \u2013 \u201eDu sagt das, Du sagst das Gegenteil \u2013 siehst Du nicht den Widerspruch\u201c; dann kommt im Gespr\u00e4ch die Konsequenz, die man nicht gewollt hat und \u00fcber die es wieder nachzudenken gilt. Das ist die sokratische Methode. Ich habe diese immer wieder mit meinen Studenten vollzogen, die sich dar\u00fcber ge\u00e4rgert haben. Aber ich selbst wurde von einem Philosophieprofessor beeinflusst, diese sokratische Einstellung zu haben.<\/p>\n<p><strong>Warum mu\u00df man gegen Mythen ank\u00e4mpfen, lebt es nicht sch\u00f6ner mit diesen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das w\u00fcrde ich, wenn ich b\u00f6sartig w\u00e4re, von Religionen sagen, da aber meine Frau sehr gl\u00e4ubig ist, werde ich es nur halb sagen. Mythen k\u00f6nnen positiv sein. Beispielsweise war der <em>\u00c9lys\u00e9e<\/em><em>&#8211;<\/em><em>Vertrag<\/em> von Anfang an ein Scheitern. Charles De Gaulle hat gesagt, er sei tot, es ist wenig daraus entstanden, au\u00dfer dass der Mythos 50 Jahre sp\u00e4ter eine gro\u00dfe Wirkung und viel bewirkt wird, weil sich tausende Menschen gegenseitig begegnen im Namen eines Vertrages, der zum Mythos geworden ist. Also ich bin nicht gegen alle Mythen, aber ich versuche immer Mythen zu zerst\u00f6ren, denn mit Mythen baut man auch Fanatismen auf.<\/p>\n<p><strong>Was kann der moralisierende Einzelg\u00e4nger leisten?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein freudiges Einwirken auf andere, es ist ein freudiges Ein-sich-lassen auf sich selbst, man soll wissen, wer man ist, sich also nicht selbst aufgeben, in dem Willen, andere zu beeinflussen. Ich will beeinflussen und will mich beeinflussen lassen. Ich glaube, dieser Austausch ist unglaublich wertvoll. Einer meiner Freunde, ein gro\u00dfer Jesuit sagte, ich m\u00f6chte, dass der andere sei, d.h. eine Pers\u00f6nlichkeit habe und das er anders sei als ich. Und ich tue diese Arbeit, wenn ich zu den Gymnasiasten in Deutschland und Frankreich gehe und sch\u00f6ne Dialoge f\u00fchre, weil diese jungen Menschen nie eine dumme Frage stellen \u2013 im Gegensatz zu den Erwachsenen.<\/p>\n<p><strong>Ihre Autobiographie \u201eDie Freude und der Tod\u201c beginnen Sie mit dem ausdr\u00fccklichen Hinweis auf eine, Ihre, gl\u00fcckliche Existenz, aber auch vom Tod ist die Rede. Gibt es da eine Dialektik? Wo steht der Aufkl\u00e4rer, dem jede Metaphysik fremd ist?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, das Ende ist der Tod, dies habe ich entdeckt als ich neun war und mein Vater gestorben ist. Man darf keine Zeit vergeuden. Mit vielen Christen verbindet mich, dass man die Zeit nicht f\u00fcr Kleinigkeiten verschwenden soll. Der Tod ist f\u00fcr mich das endg\u00fcltige Ende, weder hoffe ich auf mehr noch habe ich Schrecken davor. Es bleibt wenig Zeit, heute mit 88 setze ich alles daran, die Zeit intensiv zu nutzen.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Sie das deutsch-franz\u00f6sische Verh\u00e4ltnis zur Zeit? Wie beurteilen Sie die Beziehungen zwischen Hollande und Merkel?<\/strong><\/p>\n<p>Da muss man zwischen unterer und oberer Ebene unterscheiden. Auf den unteren Ebenen, auf der Universit\u00e4t, der Schul- und St\u00e4dteebene geht es sehr gut \u2013 hier gibt es viele Austauschprogramme in ganz Frankreich und auch die Forschungskooperationen sind besser als je zuvor. An der Spitze hingegen geht es nicht gut. Weil Hollande nicht den Mut hat das zu tun, was die Kanzlerin vorschl\u00e4gt, n\u00e4mlich zu sparen. Da ist der Name Schr\u00f6der was Furchtbares, denn Schr\u00f6der wei\u00dft darauf hin, das man weniger Lohn zahlen und die Altersgrenze nach oben schrauben und viele Einschr\u00e4nkungen machen muss. Wenn man auf Deutschland blickt, sollte man sagen, dass es bessere Verh\u00e4ltnisse zwischen den Gewerkschaften und den Unternehmern in Frankreich geben soll, man sollte mittelst\u00e4ndische Unternehmen wie in Deutschland f\u00f6rdern, ebenso die Forschung und nicht nur sparen. Hollande \u2013 bedr\u00e4ngt von seiner Linken innerhalb und au\u00dferhalb der Partei \u2013 hat nicht den Mut, etwas durchzusetzen. Und die Kanzlerin ihrerseits besteht auf einen Standpunkt, den heute niemand mehr teilt. Man kann nicht sagen, die Menschen in Spanien, Portugal und Griechenland sollen sich zu Tode sparen. Wo kommt denn das Geld her, damit sie wieder einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, um ihre Schulden zu bezahlen? Sie sollte wenigstens ein paar Worte des Mitleids zum Ausdruck bringen, des Verstehens f\u00fcr das gro\u00dfe Leiden zum Beispiel der Jugendlichen in Spanien, von denen ein viertel arbeitslos ist, f\u00fcr die Spanier und Griechen also, bei denen die Geh\u00e4lter um 40% gek\u00fcrzt wurden. Da sehe ich ein immenses Leiden, eine immense Hoffnungslosigkeit \u2013 daf\u00fcr Verst\u00e4ndnis zu zeigen, dies ist der Kanzlerin bis heute nicht gelungen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben immer f\u00fcr Europa gek\u00e4mpft, ist die \u201eAlternative f\u00fcr Deutschland\u201c eine Gefahr oder ist diese Partei nur eine vor\u00fcbergehende Episode? Ist die Euro-Zone zu gro\u00df geworden?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, es ist keine vor\u00fcbergehend Episode. Es gibt eine gewisse neue Deutschlandfeindlichkeit oder Merkelfeindlichekit. Auch mit Blick auf die Wahlen im September hat die Kanzlerin, zusammen mit Cameron, den Anti-Europ\u00e4er, in Br\u00fcssel gesagt, dass man noch mehr sparen muss, f\u00fcr einen Haushalt, der sowie so schon so winzig ist. Wo man doch einen enormen anderen Haushalt br\u00e4uchte, einen europ\u00e4ischen Haushalt unter europ\u00e4ischer Kontrolle, der \u00fcberall investiert, damit die Wirtschaft wieder aufw\u00e4rts geht. Aber solch einen Fond gibt es nicht und die Bundesrepublik wird ihn nie zugeben.<\/p>\n<p><strong>Ihnen ist soeben der Theodor Wolff Preis f\u00fcr Ihr Lebenswerk zugesprochen worden. Was bedeutet das f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur die sch\u00f6ne Anerkennung von Seiten des Zeitungsverbands, wo ich doch nicht nur als Professor, sondern als Journalist gewirkt habe. Aber vor allem habe ich ja jahrzehntelang, in all meinen Vorlesungen \u00fcber Weimar, von dem gro\u00dfen, von mir bewunderten Journalisten Theodor Wolff gesprochen, der 1933 aus seiner Zeitung hinausgeworfen wurde, w\u00e4hrend seine B\u00fccher auf dem Scheiterhaufen landeten. Er ist von Frankreich nicht gut behandelt worden, wurde von den Italienern der Gestapo ausgeliefert und starb in einem KZ. Er glaubte wie mein Vater an die tiefe deutschj\u00fcdische Verbundenheit.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, das Dr. Dr. Stefan Gro\u00df f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Prof. Dr. Alfred Grosser, 1925, war Prof.em. am Institut d\u2019\u00e9tudes politiques, Paris, Pr\u00e4sident des CIRAC (Centre d\u2019information et de recherche sur l\u2019Allemagne contemporaine), Politischer Kolumnist f\u00fcr La Croixund Ouest-France, Friedenspreistr\u00e4ger (1975) des deutschen Buchhandels als &#8222;Mittler zwischen Franzosen und Deutschen, Ungl\u00e4ubigen und Gl\u00e4ubigen, Europ\u00e4ern und Menschen anderer Kontinente&#8220;. Ver\u00f6ffentlichungen u.a.Verbrechen und Erinnerung, Mein Deutschland,Wie anders sind die Deutschen? Wie anders ist Frankreich?; Von Auschwitz nach Jerusalem. \u00dcber Deutschland und Israel, Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz. Grosser erhielt u.a.: Grosses Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband, Grosskreuz des Ordre national du M\u00e9rite,Grand Officier de la L\u00e9gion d\u2019Honneur.<\/p>\n<h1>Die Tabula Rasa im Gespr\u00e4ch mit dem Verleger der Wochenzeitung \u201eder Freitag\u201c, Jakob Augstein<\/h1>\n<p>von Jakob Augstein<\/p>\n<p><strong>Was verstehen Sie unter einer medialen \u201eZersplitterung\u201c, von der auch auf dem Medienkongress, einer gemeinsamen Veranstaltung der \u201etaz\u201c und dem \u201eder Freitag\u201c, am 8. und 9. April 2011 in Berlin die Rede war?<\/strong><\/p>\n<p>Das Netz, das es den unterschiedlichen Nutzern erlaubt, in aller inhaltlichen Vielfalt zu kommunizieren, hat, wie einst Berthold Brecht in seiner Radiotheorie formuliert hat, den Vorteil, dass jeder einzelne Mensch Sender werden kann. Es hat aber den gravierenden Nachteil, dass bei vielen Sendern kaum einer das Gesendete h\u00f6ren wird. Insofern braucht es die gro\u00dfen Institutionen, die \u201eMarken\u201c, um diese Kommunikation b\u00fcndeln. Wenn das nicht passiert, dann versendet sich alles im Netz, und die Informationen verdampfen, ohne irgendwo eine konzentrierte Wirkung entfaltet zu haben. Ich glaube nicht an ein System, in dem jeder einzelne Sender eine gesellschaftlich relevante Wirkung erzielen kann.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle sollten die etablierten Medien zuk\u00fcnftig spielen \u2013 auch gegen\u00fcber kleinen Netz- und Onlinezeitungen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass es eine Solidarit\u00e4t zwischen den Medien geben muss. Konkurrenz ist doch ganz belebend. Es ist sch\u00f6n, wenn es Partnerschaften und Freundschaften wie zwischen dem \u201eFreitag\u201c und der \u201etaz\u201c gibt. Aber am Ende sind wir als Unternehmen allein unterwegs.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie Angst vor dem Journalismus als Prekariat?<\/strong><\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist es f\u00fcr den Journalismus nicht gut, wenn unterbezahlte, um ihren Status f\u00fcrchtende Journalisten zu Unternehmenslenkern, zu Managern, zu Bankern geschickt werden, die \u00fcber viel Geld und damit \u00fcber ein dementsprechendes Selbstbewusstein verf\u00fcgen. Wenn man sehr optimistisch ist, k\u00f6nnte man hoffen, dass die Journalisten dann eine bessere Arbeit machen, weil sie sich unabh\u00e4ngiger f\u00fchlen, und das Gef\u00fchl haben, \u00fcber eine Klasse zu schreiben, zu der sie nicht geh\u00f6ren. Vermutlich wird es aber eher dazu f\u00fchren, dass die Journalisten \u00e4ngstlicher sind, sch\u00fcchterner und zur\u00fcckhaltender. Das kann nicht in unserem Interesse sein \u2013 nat\u00fcrlich m\u00fcssen Journalisten ausreichend verdienen.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Sie die Zukunft des Journalismus \u2013 Online\u2013 Print? <\/strong><\/p>\n<p>Positiv. Wenn die Medienmacher es verstehen, die Vorteile von Online und Print miteinander zu verkn\u00fcpfen und nicht glauben, Online w\u00fcrde \u00fcber Print obsiegen oder Print m\u00fcsse Online an die Wand dr\u00fccken. Ich glaube, beides w\u00fcrde fehl gehen. Man muss die Vorteile beider Mediengattungen miteinander verkn\u00fcpfen. Wir versuchen dies beim \u201eFreitag\u201c. Es gibt andere, sehr viel gr\u00f6\u00dfere Zeitungen, die das sehr gekonnt vormachen. \u201eDer Spiegel\u201c ist sicherlich ein Beispiel, aber auch die \u201eBILD\u201c-Zeitung kombiniert Online und Print auf eine sehr gute Weise.<\/p>\n<h1>Interview mit Konstantin Neven DuMont \u00fcber die Zukunft des digitalen Zeitalters<\/h1>\n<p>von Konstantin Neven DuMont<\/p>\n<p><strong>Steht die klassische Zeitung vor dem Aus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Konstantin Neven DuMont<\/strong>: Sie steht nicht vor dem Aus, aber sie wird in Zukunft weiter an Auflage verlieren, weil sich die Menschen zunehmend auch eben digital informieren werden.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet digitale Zukunft f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Konstantin Neven DuMont: <\/strong>Digitale Zukunft bedeutet, da\u00df die Markteintrittsbarrieren f\u00fcr Inhalte f\u00fcr Hersteller oder auch Anbieter deutlich gesenkt werden, und da\u00df begr\u00fc\u00dfe ich, weil es eben auch den Wettbewerb erh\u00f6ht und die Gro\u00dfen unter Druck setzt, an ihrer Qualit\u00e4t zu arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Welche Zukunft hat der Qualit\u00e4tsjournalismus im Netz?<\/strong><\/p>\n<p>Das kommt nat\u00fcrlich auf die Refinanzierung an. Ich bin schon der Meinung, da\u00df Journalisten auch in Zukunft f\u00fcr ihre Arbeit angemessen bezahlt werden sollen. Das Thema Pay Content hat ja bislang noch nicht funktioniert, und die Frage ist eben, ob es sich allein \u00fcber die Werbung so refinanzieren l\u00e4\u00dft. Das sind die Fragen an denen wir in den n\u00e4chsten Jahren verst\u00e4rkt arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Welche Chance haben die digitalen Leseger\u00e4te in der Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Konstantin Neven DuMont: <\/strong>Die digitalen Leseger\u00e4te haben sicherlich eine Chance, ich habe selber auch ein Ipad, wobei ich ehrlich zugeben mu\u00df, wenn man ein gutes Smartphone oder Laptop hat, braucht man das Ipad eigentlich nicht wirklich. Ich lese mittlerweile auch fast alles digital, obwohl ich auch noch mal ein Buch aus Papier zur Hand nehme, aber gerade bei Zeitungen ist mir schon aufgefallen, da\u00df ich mich auch da schon Online informiere. Wenn man wei\u00df, wo eben die guten Geschichten im Netz zu finden sind, kann man sich das alles schon so zusammenstellen, da\u00df man am Ende des Tages zufrieden ist. Man darf allerdings nicht vergessen, da\u00df viele Anbieter heute ihre Onlineauftritte noch in gewisser Weise vom Printmedium quer subventionieren, wenn das rein digital refinanziert werden mu\u00df, wird das schwieriger, wenn man beim Thema Pay Content keine Fortschritte macht. Das f\u00fchrt dann oft auch dazu, da\u00df Autoren gar nicht mehr f\u00fcr ihre Arbeit finanziert werden, und das finde ich pers\u00f6nlich sehr schade. Generell gesehen sind dies die Themen, an denen wir noch viel experimentieren, viel Bewu\u00dftsein schaffen m\u00fcssen, um da L\u00f6sungen auch f\u00fcr die Zukunft zu entwickeln.<\/p>\n<h1>Der Traum vom perfekten Menschen &#8211; Zwischen Machbarkeit und seinen Grenzen<\/h1>\n<p>Interview zur \u00e4sthetischen Chirurgie in der Universit\u00e4tsklinik Jena mit Prof. Dr. Dr. Schultze-Mosgau.<\/p>\n<p>von Stefan Schultze-Mosgau<\/p>\n<p><strong>Ca. 300 000 Sch\u00f6nheitsoperationen werden in Deutschland j\u00e4hrlich vorgenommen \u2013 Tendenz stark steigend. Der Hauptteil der sogenannten freiwilligen Patienten sind Frauen, nur jeder 5. Mann legt sich freiwillig unters Messer. Trotzdem steht eine Vielzahl der Menschen dem Thema noch sehr kritisch gegen\u00fcber und Ma\u00dfnahmen wie Gesichtsstraffung und Faltenbehandlungen werden von der Umwelt nicht immer wohlwollend verbucht. Sie sind Klinikdirektor der Klinik f\u00fcr Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Jena. Sind Sch\u00f6nheitsoparationen auch ein Thema an Ihrer Klinik? K\u00f6nnen Sie uns Zahlen nennen? Kann man sich einem solchen Trend \u00fcberhaupt verweigern?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, die \u00e4sthetische Chirurgie ist einer der Schwerpunkte in unserer Klinik. Man kann eine trendm\u00e4\u00dfige Zunahme der Anzahl an \u00e4sthetisch chirurgischen Eingriffen \u00fcber die letzten f\u00fcnf Jahre hin verzeichnen. Im Kontext des Anti-Aging und des Wellness- trendes zeigt sich auch f\u00fcr die unterschiedlichen Eingriffe im Bereich der \u00e4sthetischen Chirurgie eine kontinuierliche Zunahme.<\/p>\n<p><strong>Welches ist der h\u00e4ufigste Eingriff? Laut Statistik stehen Fettabsaugungen an Platz eins, gefolgt von Brustoperationen und Nasenkorrekturen. Geh\u00f6rt letzteres in Ihrem Fachgebiet zu den t\u00e4glichen Routineeingriffen? <\/strong><\/p>\n<p>Fettabsaugungen und Brustoperationen stehen bei uns nicht an den vorderen Stellen. Zumeist werden, um den Alterserscheinungen einer Hauterschlaffung entgegen zu wirken, Korrekturen im Bereich der Oberlider oder der gesamten Gesichtshaut nachgefragt, so dass das Lidlifting und das Facelift gefolgt von Nasenkorrekturen oder anderen \u00e4sthetischen Korrekturen im Bereich des Gesichtes von der H\u00e4ufigkeit noch vor Fettabsaugungen oder Eingriffen an der Brust stehen. Diese Eingriffe f\u00fchren wir regelhaft durch.<\/p>\n<p><strong>Handelt es sich um einen rein \u00e4sthetischen Eingriff, \u00fcbernehmen die Krankenkassen soweit ich wei\u00df, keine Kosten. Nur wenn der K\u00f6rper stark von der Norm abweicht oder z.B. sehr gro\u00dfe Br\u00fcste R\u00fcckenschmerzen verursachen, ein stark ver\u00e4ndertes Gesicht nach einem Unfall Depressionen ausl\u00f6st. Wie verh\u00e4lt es sich an Ihrer Klinik bez\u00fcglich der Kosten? Vielerorts wird ja auch mit Ratenzahlung geworben, so da\u00df eine breitere Masse bedient werden kann!<\/strong><\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der Kostensicherung ist festzustellen, dass Eingriffe aus einer rein \u00e4sthetischen Indikation in der Regel nicht zu den Vertragsleistungen der Versicherungstr\u00e4ger geh\u00f6ren und somit, da sie au\u00dfervertraglich sind, von den Patienten selbst zu tragen sind. Dies betrifft in der Regel rein \u00e4sthetisch plastische Eingriffe. Hingegen werden bei plastisch rekonstruktiven Eingriffen, bei denen eine angeborene oder erworbene Formver\u00e4nderung mit Krankheitswert vorliegt, in der Regel die Kosten von den Versicherungstr\u00e4gern \u00fcbernommen. Dies ist im Einzelfall abzukl\u00e4ren. Da es sich in der Regel um planbare Eingriffe handelt, die zeitlich nicht gebunden sind, spielt bei unseren Patienten eine Ratenzahlung keine Rolle.<\/p>\n<p><strong>Wichtig f\u00fcr den Erfolg ist sicher die richtige Wahl des Arztes. H\u00e4ufig sind \u201eSch\u00f6nheitschirurgen\u201c gar keineplastischen Chirurgen. Inwieweit sind Fachqualifikationen erforderlich?<\/strong><\/p>\n<p>Sie adressieren das Thema der Qualit\u00e4tssicherung bei \u00e4sthetisch chirurgischen Eingriffen. Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen sind ausgebildet f\u00fcr plastisch \u00e4sthetische Eingriffe im Gesichtsbereich. Ebenfalls sind durch die Zusatzbezeichnung \u201ePlastisch \u00e4sthetische Operationen\u201c die anderen Eingriffe abgedeckt, so dass eine entsprechende Expertise f\u00fcr plastisch \u00e4sthetische und plastisch rekonstruktive Eingriffe vorliegt.<\/p>\n<p><strong>Die Erfolge der \u00e4sthetischen Chirurgie sind gro\u00df und diese Begeisterung verdr\u00e4ngt h\u00e4ufig, da\u00df Sch\u00f6nheitsoperationenRisiken bergen! Prof. Hans-Ulrich Steinau, \u00e4rztlicher Direktor der Klinik f\u00fcr plastische Chirurgie der Uniklinik Bochum, hat sogar eine Studie gestartet, die sich mit dramatischen und unerw\u00fcnschten Operationsfolgen besch\u00e4ftigt. \u00dcber welche unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen kl\u00e4ren Sie auf und wie h\u00e4ufig treten diese tats\u00e4chlich in Erscheinung?<\/strong><\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung \u00fcber m\u00f6gliche Komplikationen hat bei \u00e4sthetisch chirurgischen Eingriffen einen besonderen Stellenwert. In der Regel verfahren wir so, dass nach einer Erstvorstellung der Patienten individuell die W\u00fcnsche des Patienten besprochen werden und nach Erhebung eines Befundes ein f\u00fcr den Patienten individuell abgestimmtes Therapiekonzept festgelegt wird, was ebenfalls gfls. Begleiterkrankungen oder anderen Ver\u00e4nderungen des Patienten Rechnung tr\u00e4gt. In weiteren Vorstellungsterminen wird die Operation erkl\u00e4rt und eine Risiko- sowie Alternativaufkl\u00e4rung durchgef\u00fchrt. Hierbei werden neben den \u00fcblichen chirurgischen Komplikationsm\u00f6glichkeiten wie Nachblutung und Entz\u00fcndung auch individuelle Risiken und Komplikationen des Eingriffes besprochen. Hiernach hat der Patient eine weitere Bedenkzeit, gfls. wird ein weiteres Aufkl\u00e4rungsgespr\u00e4ch durchgef\u00fchrt, bevor dann ein Termin f\u00fcr den Eingriff vereinbart wird.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr einen \u00e4sthetisch-chirurgischen Eingriff gibt es &#8211; so die Definition -keine medizinische Notwendigkeit. Ausschlaggebend ist allein der Wunsch des Patienten. G\u00e4be es auch Operationen, die Sie aus ethischen Gr\u00fcnden ablehnen w\u00fcrden? Gerade in den USA scheinen ja den W\u00fcnschen der freiwilligen Patienten keine Grenzen gesetzt zu sein, ganz nach dem Motto Hauptsache sch\u00f6n \u2026.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, \u00e4sthetische chirurgische Eingriffe dienen der Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t und es liegt in der Verantwortung des Arztes, dies bei einem empathischen Arzt-Patientenverh\u00e4ltnis mit dem Patienten ausf\u00fchrlich zu besprechen und in Abw\u00e4gung und Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Risiken eine Entscheidung mit dem Patienten zusammen zu finden. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen wir einen Eingriff ablehnen. Das ist immer dann der Fall, wenn die Erwartungen des Patienten sowie seine subjektive Eigenwahrnehmung sich zu weit von einer klinisch-operativen Realisierbarkeit entfernen oder das zu erwartende Ergebnis bei der subjektiven Erwartung des Patienten das Operationsrisiko nicht rechtfertigt. In diesem Falle haben wir als Chirurgen die Verantwortung, dies dem Patienten mitzuteilen.<\/p>\n<p><strong>Das Kreiskrankenhaus in Starnberg bei M\u00fcnchen wirbt mit der Atmosph\u00e4re eines 5 Sterne Hotels? Was kann Ihre Klinik den selbstzahlenden Kunden\/innen w\u00e4hrend des Krankenhausaufenthaltes an Annehmlichkeiten bieten? Wie lange ist im Durchschnitt der station\u00e4re Teil der Behandlung?<\/strong><\/p>\n<p>Das UKJ sowie die Klinik und Poliklinik f\u00fcr Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie\/Plastische Chirurgie geh\u00f6rt zu einem der modernst ausgestatteten Universit\u00e4tskliniken in Deutschland. Neben Einzelbettzimmern mit Internetanschluss und Kabelfernsehen werden weitere Annehmlichkeiten wie Essen nach Men\u00fckarte vorgehalten. Die durchschnittliche station\u00e4re Verweildauer kann pauschal nicht festgelegt werden, da in der Regel f\u00fcr unterschiedliche Eingriffe unterschiedliche Verweildauern existieren. In Einzelf\u00e4llen werden auch in Absprache mit dem Patienten und bei entsprechend engmaschigen Nachsorgeterminen sehr kurze station\u00e4re Verweildauern gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Sie sind ja in erster Linie \u00e4rztlicher Direktor der konventionellen Mund-, Kiefer und Gesichtschirugie und beispielsweise spezialisiert auf die operative Therapie kraniofazialer Fehlbildungen wie Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten oder Kieferfehlstellungen \/ Dysgnathien. In wieweit kommt Ihrem Zentrum hier ein \u00fcberregionaler Stellenwert zu? <\/strong><\/p>\n<p>Die Behandlung von angeborenen Fehlbildungen wie Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten oder kraniofazialen Fehlbildungen ebenso wie Kieferfehlstellungen und Dysgnathien ist tats\u00e4chlich ein \u00fcberregionaler Schwerpunkt unserer Klinik. Dies zeigt sich u. a. an der Tatsache, dass in unserer Klinik ein universit\u00e4res Lippen-Kiefer-Gaumen-Spaltzentrum etabliert ist, bei dem interdisziplin\u00e4r Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten betreut werden. In diesem Zentrum behandeln wir Patienten nicht nur aus der Th\u00fcringer Region, sondern auch aus den angrenzenden Regionen der benachbarten Bundesl\u00e4nder. Wir f\u00fchren im Jahr eine Vielzahl an prim\u00e4ren und sekund\u00e4ren Eingriffen bei Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten oder angeborenen Fehlbildungen bis hin zu komplexen Fehlbildungenssyndromen durch. Auch im Bereich der skelettalen Fehlbildungschirurgie f\u00fchren wir die hohe Anzahl von 140 Umstellungsosteotomien pro Jahr durch.<br \/>\nZusammenfassend kann man daher mit Recht sagen, dass die Behandlung von angeborenen Fehlbildungen und Dysgnathien zu den Schwerpunkten unserer T\u00e4tigkeit geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Laut Ihrer Homepage betreuen Sie j\u00e4hrlich ca. 1400 Patienten. Siegarantieren Ihnen eine speziell auf Sie zugeschnittene Behandlung und professionelle Rahmenbedingungen auf dem Standard einer Universit\u00e4tsklinik. Die H\u00e4lfte Ihres Angebotes bel\u00e4uft sich auf plastische, \u00e4sthetische Eingriffe. K\u00f6nnen Sie uns sagen, ob es sich die H\u00e4lfe der Patienten auch solchen Operationen unterziehen? <\/strong><\/p>\n<p>Auf der Homepage haben wir das Spektrum plastisch \u00e4sthetische Eingriffe sowie die Behandlung von medizinisch indizierten Eingriffen bei Erkrankungen unseres Fachgebietes. Das dargestellte Angebot an plastisch \u00e4sthetischen Eingriffen f\u00fchren wir nat\u00fcrlich auch regelhaft durch. Dar\u00fcber hinaus sind wir als Grund- und Regelversorger sowie Maximalversorger als Universit\u00e4tsklinik nat\u00fcrlich an der traumatologischen Behandlung von mehrfach verletzten Patienten sowie der Behandlung von Tumorpatienten mit b\u00f6sartigen Erkrankungen im Kopf-\/Halsbereich ma\u00dfgeblich beteiligt. Das Spektrum der plastischen Chirurgie umfasst sowohl plastisch \u00e4sthetische Eingriffe als auch plastisch rekonstruktive Eingriffe an den Weichgeweben und den Knochenstrukturen, so dass eine strikte Trennung nicht immer vorgenommen werden kann.<\/p>\n<p><strong>Momentan herrscht in vielen Fachbereichen ein starker Nachwuchsmangel an engagierten \u00c4rzten. Wie sieht es bei Ihnen an der Klinik aus? Bedeutet Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie immer die Bereitschaft auch plastisch-\u00e4sthetisch t\u00e4tig sein zu wollen? <\/strong><br \/>\nIn unserer Klinik haben wir keinen Nachwuchsmangel, im Gegenteil, wir haben eine h\u00f6here Nachfrage als zur Verf\u00fcgung stehende Ausbildungsstellen. F\u00fcr die Facharztausbildung zum Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen und zur Erlangung der Zusatzbezeichnung \u201ePlastisch \u00c4sthetische Operationen\u201c geh\u00f6rt nat\u00fcrlich, entsprechend der Weiterbildungsordnung, auch die Notwendigkeit und Bereitschaft, sich plastisch \u00e4sthetisch chirurgisch zu engagieren. Die T\u00e4tigkeit eines Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen, auch in der Grund und Regelversorgung, ebenso wie in der Maximalversorgung, ist immer mit einem hohen Anteil an \u00e4sthetischer Komponente verbunden.<\/p>\n<p><strong>Die Nachsorge und Rekonvaleszenz der operierten Patienten obliegt dem Pflegepersonal und dessen Qualit\u00e4t spielt demnach eine gro\u00dfe Rolle und ist mitverantwortlich f\u00fcr eine gute Reputation. Inwieweit herrscht Pflegenotstand in Ihrem Fachbereich? Wie steht es mit dem Verh\u00e4ltnis zwischen Pflegepersonal und \u00c4rzten auf Ihren Stationen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Zusammenarbeit zwischen \u00c4rzten und Pflegepersonal ist f\u00fcr eine qualit\u00e4tssichernde und optimale Patientenbehandlung von besonderer Bedeutung und hat einen hohen Stellenwert. Um im Sinne der Patienten die optimale Versorgung zu gew\u00e4hrleisten, werden die Visiten und Besprechungen gemeinsam bei uns in der Klinik durchgef\u00fchrt. Auf diese Weise wird ein optimaler Informationsfluss, der f\u00fcr eine reibungslose Zusammenarbeit Voraussetzung ist, sichergestellt. Alle Planstellen der Pflege auf unserer Station sind besetzt, so dass ich einen Pflegenotstand durch nicht zu besetzende Stellen im Bereich der Pflege nicht sehen kann.<\/p>\n<p><strong>Gestatten Sie uns noch eine letzte Frage: Inwiefern spielt das eigene \u00e4sthetische Empfinden und der eigene Anspruch an ein gepflegtes \u00c4u\u00dferes eine Rolle, um Ihren Beruf erfolgreich aus\u00fcben zu k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, eine Gepflegtheit und Sensibilit\u00e4t f\u00fcr \u00c4sthetik spielt generell in der Medizin eine Rolle. Sie haben aber recht, ich denke gerade in unserem Fachbereich mit einem hohen Anteil an Gesichtschirurgie, ist ein Empfinden f\u00fcr Symmetrie und \u00c4sthetik kein Nachteil. Ich denke, wir alle versuchen diesem Anspruch t\u00e4glich gerecht zu werden.<\/p>\n<h1>Im Interview \u2013 Mark Mast<\/h1>\n<p>von Mark Mast<\/p>\n<p><strong>Was hat Sie damals bewogen, die Bayerische Philharmonie zu gr\u00fcnden. Es gab doch zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Reihe von Orchestern in M\u00fcnchen? <\/strong><\/p>\n<p>Als ich 1987 nach M\u00fcnchen zu Celibidache kam, habe ich das M\u00fcnchner Jugendorchester geh\u00f6rt. Damals war ich so von dieser Musizierkultur begeistert, die ich sonst nur von Celibidache kannte, dass es ein Traum f\u00fcr mich war, irgendwann einmal vor diesem Orchester zu stehen. Als ich dann sechs Jahre sp\u00e4ter zum Chefdirigenten gew\u00e4hlt wurde, war das schon die Erf\u00fcllung eines Traums. Ab 1993 begann dann eine sehr erfolgreiche gemeinsame Zeit, wobei ich das Gl\u00fcck hatte, den p\u00e4dagogischen Eros, den ich bei Celibidache erlebt hatte, nun selbst zu leben. Aus dieser F\u00fclle an Ideen, aus dieser sehr kreativen Zeit, ist zun\u00e4chst die Junge M\u00fcnchner Philharmonie und danach die Kinderphilharmonie M\u00fcnchen entstanden. Damit war zum einen die Keimzelle gelegt f\u00fcr das intergenerative, generationen\u00fcbergreifende Musizieren, als zum anderen f\u00fcr den Anspruch sowohl p\u00e4dagogisch als auch k\u00fcnstlerisch erstklassig zu sein. Bei Celibidache war jede Probe \u00f6ffentlich, es gab keine Geheimnisse, es war alles transparent, die Proben waren voll. Heute wird es als gro\u00dfe Erfindung gepriesen, Proben \u00f6ffentlich zu machen \u2013 gegen Bezahlung selbstverst\u00e4ndlich. Ich habe f\u00fcnf Jahre bei Celibidache nichts bezahlt, weil es das Credo dieses Ausnahmedirigenten war, das das wichtigste menschliche Tun das Lehren sei. Damals hatte ich dies nicht verstanden, aber diese tiefe Wahrheit ist mir jetzt ganz bewusst geworden: Wenn wir das, was wir als Essenz erkannt haben in die n\u00e4chste Generation weitergeben, dann w\u00e4chst und reift die Menschheit von Generation zu Generation.<br \/>\n<strong><br \/>\nWas sch\u00e4tzen Sie an Ihrem Lehrer Celibidache, welche seiner vielen Tugenden hat Sie am meisten begeistert?<\/strong><\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Tugend von Celibidache war, dass er dem Musizieren und damit dem Menschsein eine derartige Tiefe gegeben hat, wie sie den Dingen zusteht. Er war immer, ich habe ihn nie anders erlebt, spontan. Bei ihm habe ich gelernt, im-Moment-zu-Sein. Diese F\u00e4higkeit im-Moment-zu-Sein, spontan auf das zu reagieren, was man h\u00f6rt, erlebt, sieht: Das ist eine Lebenskernkompetenz. Und vielleicht ist dies die gr\u00f6\u00dfte Tugend Celibidaches. Dies war jedenfalls auch die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr sein Umfeld. Denn dadurch war er sehr unbequem, er hat keine Routine und keine Wiederholung, keine Repr\u00e4sentationskultur geduldet. Es ging ihm immer um den pers\u00f6nlich-direkten Kontakt mit seinem Gegen\u00fcber.<br \/>\n<strong><br \/>\nWas dirigieren Sie am liebsten, wer ist Ihr Lieblingskomponist?<\/strong><\/p>\n<p>Eine schwierige Frage. Wenn ich eine Bruckner Sinfonie dirigieren darf, ist das das Sch\u00f6nste, was es gibt. Wenn ich eine h-Moll Messe oder Werke von Carl Orff dirigiere, ist es ein Traum. Ich stehe insofern in der Tradition der Celibidache-Schule, denn durch die spontane Begegnung mit dem Klang wird jeder Klang wertvoll. Es ist meine Aufgabe als Dirigent, die Handschrift des jeweiligen Komponisten zu lesen, zu h\u00f6ren und zu verstehen. So klingt auch jeder Komponist anders, ist eine andere Pers\u00f6nlichkeit, die es herauszuarbeiten gilt. Wenn man meine Pr\u00e4ferenzen als Kanon definieren wollte, dann stehen Bach, Haydn, Mozart, Brahms und Bruckner f\u00fcr mich an erster Stelle.<\/p>\n<p><strong>Sie legen den Schwerpunkt Ihrer Arbeit immer wieder auf Komponisten aus Bayern. Allerorts wird 2013 Wagner und Verdi gehuldigt, die Bayerische Philharmonie tut das nicht. Warum? Wollen Sie bestimmte Gegenakzente zum g\u00e4ngigen Kulturbetrieb setzen, oder mit dieser Pr\u00e4ferenz auf die regionalen K\u00fcnstler, deren Werk und Wirkung hinweisen, weil diese K\u00fcnstler samt Werke im Kunstbetrieb oft nur eine untergeordnete Rolle spielen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin 1987 ins \u201eExil\u201c nach M\u00fcnchen gekommen. Die bayerischen Komponisten und ihre Werke sind mir im Laufe der Jahre dann hier begegnet. 1995 hatte ich den Orff-Tag wesentlich mitgestaltet, 2001 war ich Protagonist des Werner-Egk-Jahres, und 2005 engagierte ich mich nachhaltig f\u00fcr Karl Amadeus Hartmann. Orff, Egk, Hartmann und Richard Strauss, um nur diese zu nennen, n\u00e4chstes Jahr ist Strauss-Jahr, sind aus meiner Sicht, auch aus Respekt dem Ort gegen\u00fcber, dem genius loci, diejenigen Pers\u00f6nlichkeiten, die f\u00fcr die Bayerische Philharmonie eine zentrale Rolle spielen. Auf meinen Tourneen pflege ich grunds\u00e4tzlich die zu ehren, die an diesen Orten Existentielles geschaffen haben und versuche mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Durch die Auseinandersetzung mit diesen bayerischen Komponisten leisten wir Essentielles f\u00fcr die Rezeption dieser Komponisten, denn au\u00dfer der \u201e<em>Carmina Burana\u201c <\/em>kommen ihre Werke nicht im Lehrplan vor. Selbst an der Musikhochschule sind sie eher eine Randerscheinung. Bei uns h\u00e4ngen diese drei, Orff, Egk und Hartmann im Probenraum. Wenn sich die Bayerische Philharmonie, so unser Credo, nicht um diese Komponisten k\u00fcmmert, wer soll es dann tun? Es ist unsere Selbstverpflichtung.<br \/>\n<strong><br \/>\nIhre Orchester sind bunt gemischt, Vielsprachigkeit und K\u00fcnstler aus allen Kontinenten versammeln sich bei Ihnen zur Probe, zum gemeinsamen Musizieren. Warum legen Sie den Schwerpunkt auf diese <em>Polyphonie nicht nur der Stimmen, sondern auch der Menschen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Andere sprechen von Globalisierung, aber f\u00fcr uns und f\u00fcr Musiker generell, ist es allt\u00e4gliche Realit\u00e4t. Musik ist die internationale Sprache ohne Grenzen. In dieser Realit\u00e4t sind wird unterwegs. Diese Universalit\u00e4t, dass wir grenz\u00fcbergreifend integrieren, ist eine Facette unserer T\u00e4tigkeit. Wir versuchen ganz gezielt, mit unserer Musik die Botschaft einer friedlichen Welt und eines harmonischen Miteinanders transparent zu machen. <\/em><br \/>\n<strong><br \/>\n<em>Was sind Ihre Visionen f\u00fcr die Bayerische Philharmonie?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Zun\u00e4chst sind wir sehr stolz und dankbar, was wir in den letzten 19 Jahren erreicht haben. Dies ist bemerkenswert und ein Lebenswerk zugleich. Es ist aber, ernst gesprochen, erst der Anfang. Ich w\u00fcnsche mir f\u00fcr die Bayerische Philharmonie und f\u00fcr ihre Musiker, dass der Freiraum zum Musizieren und zur menschlichen Begegnung zur inspirierten friedlichen und liebevollen Begegnung f\u00fchrt, dass dieser Freiraum dauerhaft erhalten bleibt und institutionalisiert wird. <\/em><\/p>\n<p>\u201eWir alle haben die Sehnsucht nach einem Miteinander und m\u00fcssen den Mut haben, Utopien zu leben\u201c<\/p>\n<h1>Konstantin Wecker im Interview<\/h1>\n<p><strong>Wie hat sich die Zusammenarbeit mit der Bayerischen Philharmonie ergeben?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe Mark Mast vor f\u00fcnf Jahren kennengelernt. Und ich finde die Zusammenarbeit sehr spannend, weil er aus einer ganzen anderen Ecke kam, er war Jazzer, und hat Saxophon, Blues gespielt, ist dann zur Klassik gewechselt. Diese Lebensgeschichte finde ich toll, alles was grenz\u00fcberscheitet musikalisch \u00fcberschreitend ist, interessiert mich sehr, viel mehr als diejenigen, die in ihren festen Gebieten starr bleiben. Ich war von seiner Idee \u00fcberzeugt, mit jungen Musikern zu arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Inwieweit hat sie ihr Freund und Lehrer Carl Orff und die klassische Musik beeinflu\u00dft?<\/strong><\/p>\n<p>Carl Orff hat mich musikalisch stark gepr\u00e4gt. Dies ist interessant, wenn man meine Lieder h\u00f6rt, und sich nicht gut wirklich gut mit Orff auskennt. Es w\u00fcrde keiner glauben, da\u00df mich Orff mehr beeinflu\u00dft hat als alle anderen. Das ist ganz faszinierend \u2013 auch im R\u00fcckblick f\u00fcr mich selbst. Nat\u00fcrlich hat mich auch Schubert gepr\u00e4gt; insofern bin ich v\u00f6llig anders als viele meiner h\u00f6chstgesch\u00e4tzten Kollegen sozialisiert, als Hannes Wader beispielsweise, den ich \u00fcber alles liebe, der aber vom amerikanischen und der englischen Folkmusik herkommt, oder viele von der franz\u00f6sischen Musik. Bei mir war es die Klassik, denn mein Vater war Operns\u00e4nger und hat klassisches Liedgut gesunden. Als Knabe habe ich selbst Schumann, Schubert und Verdi gesungen. Dies ist meine Herkunft. Und dann hat mich Orff mit seinen Instrumentierungen erwischt, der Orff ist f\u00fcr mich ein bayerischer Blues, ich selbst mache auch einen bayerischen Blues. Zwar war ich nicht Baumwollpfl\u00fccken, aber den bayerischen Blues, den k\u00f6nnen Carl Orff und ich besser.<\/p>\n<p>Meine Musik ist also von der Klassik und der Instrumentierung Orffs beeinflu\u00dft. Ich hatte in den 80ern, was man sich heute gar nicht vorstellen kann, ein Kammerorchester dabei, das war damals v\u00f6llig unpopul\u00e4r. Und dennoch hatte ich ein gro\u00dfes Publikum um mich sammeln k\u00f6nnen. Also, mit einem Kammerorchester, dies war f\u00fcr die Art, bei den Liedermachern in dieser Zeit v\u00f6llig untypisch.<\/p>\n<p>Ich werde nie vergessen wie ich Ende in den 70ern, als ein h\u00f6chst politischer S\u00e4nger, der ich immer war, kritisch darauf angesprochen wurde, da\u00df ich ein Cello auf der B\u00fchne hatte. Auf den damaligen Vorwurf, das Cello sei ein <em>bourgeoises<\/em> Instrument konnte ich nur lakonisch antworten, da\u00df dies die Gitarre eben auch sei. Hannes Wader, der mich fr\u00fcher nie m\u00f6chte, wir haben uns erst sp\u00e4t lieben gelernt, hat einmal gesagt: \u201emir waren immer sechs Saiten einer Gitarre zu viel\u201c, ihm h\u00e4tten drei gen\u00fcgt, mehr war Wader nicht puritanisch genug\u201c. Und dann kam so ein kulinarischer Bayer wie ich mit Cello daher, was vielen damals \u00fcberhaupt nicht gepa\u00dft hat.<\/p>\n<p><strong>In Ihrem Film mit Hannes Wader sp\u00fcrt man, da\u00df Sie eine kraftvolle Ausstrahlung haben, woher nehmen Sie diese kraftvolle Energie<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine sch\u00f6ne Frage. Auf diese gibt es eine Antwort, die sich jeder selbst geben k\u00f6nnte, wenn er nicht einen Fehlgedanken h\u00e4tte. Viele Menschen denken, Energien sind etwas, die man mit der Geburt mitbekommen hat und je \u00e4lter man wird, werden diese immer weniger, ist das Fa\u00df quasi irgendwann einmal leer. Der eine kriegt mehr, der andere weniger. Energie ist etwas, was da ist, was existiert. Die einzige M\u00f6glichkeit, Energie zu bekommen, ist offen zu sein und dies zu bleiben. Man merkt es an Bekannten und Freunden, je verschossener jemand ist, desto unenergetischer ist; vielleicht ist einer gemein, vielleicht m\u00e4chtig, vielleicht b\u00f6sartig, das kann auch eine gewisse Energie sein, aber es ist nicht eine wirkliche energetische Ausstrahlung. Das geht nur durch Offenheit; man mu\u00df neugierig sein und den Mut haben, sich auf Neues einzulassen. Das gibt eine wahnsinnige Energie. Und bei Orff, der damals schon weit \u00fcber achtzig war und kaum mehr gehen konnte, weil er k\u00f6rperlich ziemlich gebrechlich war, er hatte Augen, die leuchteten. Und man dachte, hier sitzt einem ein Siebzehnj\u00e4hriger gegen\u00fcber. Das war diese Wachheit, die er bis zum Schlu\u00df hatte. Energie kann jeder haben und Orff hatte er sie in einem ganz besonderen Ma\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>Sie beschreiben, da\u00df Sie jeden Abend ihre Lieder neu und mit Freude interpretieren, ist das ein Ausdruck dieser Energie?<\/strong><\/p>\n<p>Ja nat\u00fcrlich. Der Austausch zwischen dem Publikum und dem, was auf der B\u00fchne passiert, ist etwas sehr liebevolles. Man ist nicht dauernd gleicher Meinung, das mu\u00df man auch nicht sein, aber man hat die gleiche Sehnsucht. Dies ist etwas, was den K\u00fcnstler so sehr mit seinem Publikum verbindet. Das macht dann wirklich Spa\u00df.<\/p>\n<p><strong>\u201eSie glauben an den Menschen, das Mitgef\u00fchl, die Liebe, an das Gute im Menschen, sie glauben an eine liebevolle, gewaltfreie Gesellschaft des Miteinanders\u201c. Was ist darunter zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine Utopie. Das ist genau alles, was wir in unserer Gesellschaft nicht haben, leider. Aber wir haben komischerweise die Sehnsucht nach einem Miteinander, wir haben die Sehnsucht, da\u00df keiner den anderen unterdr\u00fcckt. Jeder von uns hat diese Sehnsucht, auch wenn wir sie nicht leben. Wir denken, wir d\u00fcrfen die Sehnsucht nicht leben, weil wir sonst keine Karriere machen k\u00f6nnen, weil wir sonst in der Gesellschaft, in dieser Ellenbogengesellschaft, nicht weiterkommen. Ich meinerseits glaube, wir m\u00fcssen den Mut haben, Utopien in uns leben zu wollen und auch zu d\u00fcrfen. Jeder von uns hat diese Sehns\u00fcchte. Es gibt nur ganz wenige gest\u00f6rte Menschen, die der Meinung sind, auf den anderen einzutreten, wenn dieser am Boden liegt. Aber es ist eine Minderheit, die zwar immer gern hochgehoben wird, wann man sagt, da\u00df der Mensch so sei, doch meiner Meinung nach ist er nicht so. Aber wir sind in einer Gesellschaft, die uns diese Sehns\u00fcchte nicht erlaubt, weil sie uns vorgaukelt, da\u00df wir dann nicht leistungsf\u00f6rdernd sind. La\u00dft uns, so denke ich, diese Sehnsucht leben. Man sollte sich keineswegs von Menschen fertigmachen lassen, die meinen, man m\u00fcsse gegen den Gutmenschen schimpfen. Was ist denn das Gegenteil vom Gutmensch, der Schlechtmensch? Will ich ein Schlechtmensch sein? Ich behaupte, es ist besser ein Gutmensch als ein Schlechtmensch zu sein, schlechte Menschen hatten wir in der Nazizeit.<\/p>\n<h1>Im Interview \u2013 Armin Mueller-Stahl: \u201eIch will nur noch Dinge machen, wo ich fliegen kann\u201c<\/h1>\n<p>von Armin Mueller-Stahl<\/p>\n<p><strong>Herr Mueller-Stahl, k\u00f6nnen Sie Ihre Ehrenpreise noch z\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>Drei glaube ich<\/p>\n<p><strong>Wie ist das, wenn man einen Preis f\u00fcr das Lebenswerk bekommt, ist das schon ein Abgesang?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, ich f\u00fchle mich nicht so, man ist auf der einen Seite geehrt, auf der anderen Seite sagt es einem, da\u00df man etwas im Leben geleistet hat.<\/p>\n<p><strong>Herr Ministerpr\u00e4sident Seehofer meinte, da\u00df Sie eigentlich alles k\u00f6nnen \u2013 stimmt das?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, mit den Ohren wackeln kann ich noch nicht, aber ich \u00fcbe es.<\/p>\n<p><strong>Welche Bedeutung hat unter Ihren vielen Preisen der Bayerische Filmpreis?<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Preis ist ein besonderer f\u00fcr mich. Ich bin sozial ein Bayer in Preu\u00dfen oder ein Preu\u00dfe ein Bayern. Ich wollte auch mal nach M\u00fcnchen ziehen, aber der Immobilienverk\u00e4ufer, der mich durch M\u00fcnchen f\u00fchrte, war ein alter Nazi und die Villen, die er mir zeigte, waren so teuer, das ich davon abgesehen habe.<br \/>\nSelbst verstehe ich mich als Br\u00fcckenbauer. Ich bin nicht nur ein M\u00fcnchner, Berliner oder New Yorker. Ich bin sozusagen ein Deutscher von Geburt und ein Weltb\u00fcrger aus \u00dcberzeugung. Ich nehme diesen Preis als Ehrung mit Dankbarkeit an, weil die Menschen scheinbar gemerkt haben, da\u00df ich etwas Vern\u00fcnftiges getan habe. Ich habe nicht nur gepatzt, aber ich habe auch in meinem Leben viele Mi\u00dferfolge gehabt und da sammeln sich viele Geschichten. Also in einem gelebten Leben kommt viel zusammen.<\/p>\n<p><strong>Wo waren Sie am liebsten, in welchem Land f\u00fchlen Sie sich wohl?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin sehr gern in Deutschland und gern in Kalifornien. Ich habe dort gute Freunde und liebe die Sonne, habe den Pazifik vor mir und die <em>Rocky Mountains <\/em>hinter mir. Landschaftlich f\u00fchle ich mich dort wohl. Aber immer wenn ich nach M\u00fcnchen, und ich komme beinahe jedes Jahr hierher, und sehe das Voralpenland und mit seinen Wolken am Horizont auft\u00fcrmen, was gibt es etwas Sch\u00f6neres?<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr welche Leistung im Leben w\u00fcrden Sie sich selbst einen Preis geben?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mir gar keinen geben, ich w\u00fcrde anderen einen geben, aber nicht mir.<\/p>\n<p><strong>Sie sehen besonders fitt aus, was machen Sie pers\u00f6nlich, um so gut auszusehen?<\/strong><\/p>\n<p>Die <em>Fitness<\/em>spiele ich nur. Sie k\u00f6nnen es in einem Alter nicht verhindern, auch bei denen, die wie viele Menschen so auf Gesundheit pochen und anderes meinen, es bleibt wie es ist \u2013 die Schrauben werden locker, da k\u00f6nnen sie tun, was sie wollen, \u00e4ndern tut sich nichts.<br \/>\nIch gehe jeden nachmittag eine Stunde spazieren, fahre Rad und gehe gelegentlich Schwimmen, aber all dies nicht mit jener Leidenschaft wie jene Leute, die versuchen, sich das ewige Leben an den Hals zu laufen. Das alles tue ich nicht. Was meine Ern\u00e4hrung betrifft, bin ich in guter Beratung bei meiner Frau, die \u00c4rztin ist.<\/p>\n<p><strong>Was werden Sie demn\u00e4chst drehen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe drei Drehb\u00fccher auf dem Tisch, aber ich glaube, ich werde keines drehen, weil ich soviel gedreht habe. Jetzt will ich andere Dinge machen, Dinge, bei denen ich fliegen kann. Wenn sie filmen, sind sie immer abh\u00e4ngig; von Partnern, vom Wetter, vom Kameramann, vom Regisseur, vom Drehbuch, von vielen Dingen. Beim Malen oder Schreiben fliege ich, niemand kommt und sagt, diesen Satz so, diesen nicht so; Gott sei Dank haben sich das die Leute abgew\u00f6hnt!<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, das Dr. Dr. Stefan Gro\u00df f\u00fchrte.<\/p>\n<h1>Im Interview Katrin Stoll \u2013 Inhaberin des Auktionshauses NEUMEISTER in M\u00fcnchen<\/h1>\n<p>von Katrin Stoll<\/p>\n<p><strong>Sie f\u00fchren eines der renommiertesten Auktionsh\u00e4user f\u00fcr Kunst in der Bundesrepublik, und sind seit 2008 alleinige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin und Inhaberin. Wie kann man sich die Arbeit eines Aktionshauses vorstellen? <\/strong><\/p>\n<p>Ein Aktionshaus ist ein Marktplatz. Auf diesem wird die Ware \u201eKunst\u201c angeboten und zum jeweiligen Tageswert gehandelt. Dabei gibt es konjunkturelle und Zeitgeistschwankungen. Genau diese Schwankungen machen das Spannende an unserem Beruf aus, weil letztendlich immer das Kunstobjekt im Mittelpunkt steht, da es sich manchmal um nicht ganz ausrecherchierte Kunstobjekte handelt. Viele Disziplinen, wie an der B\u00f6rse auch, spielen hierbei zusammen. Bei uns ist es insbesondere das Fiskalpolitische und das Geisteswissenschaftliche. Erg\u00e4nzt wird dieses interdisziplin\u00e4re Arbeiten durch die Zusammenarbeit mit vielen f\u00fchrenden Kunstexperten in der ganzen Welt.<\/p>\n<p><strong>Arbeiten die Aktionsh\u00e4user eigentlich zusammen, oder gibt es eine starke Konkurrenz und ein gemeinsames Kooperieren ist dadurch nicht m\u00f6glich?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Beides trifft zu. Selbstverst\u00e4ndlich versucht man kollegial zu sein. An erster Stelle steht bei NEUMEISTER der Kunde und die optimale Beratung. Wenn bestimmte Kunstwerke, beispielsweise Briefmarken, an einem anderen Standort besser verkauft werden, empfehlen wir unseren Kunden dann nat\u00fcrlich die anderen H\u00e4user, von denen wir wissen, dass unsere Kunden mit diesen speziellen W\u00fcnschen dort besser aufgehoben sind. Kundenbindung und Glaubw\u00fcrdigkeit sind uns wichtiger als einmaliger Umsatz.<br \/>\nSeit J\u00fcngstem, es war ein Kraftakt, der sich aber ausgezahlt hat, gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen den gro\u00dfen Auktionsh\u00e4usern in M\u00fcnchen, gerade auf dem Sektor der Moderne. Wir koordinieren gemeinsam unsere Auktionstermine, damit ausw\u00e4rtige Kunden die M\u00f6glichkeit haben, die Vorbesichtungstermine und Auktionen direkt aufeinanderfolgend zu besuchen, so ersparen sie sich mehrfache Anreisen. Diese Leistung verstehen wir als Servicetool f\u00fcr unsere Kunden. Und die oft intensive Kooperation hat sich nicht nur im Hinblick auf den Kundenservice ausgezahlt.<\/p>\n<p><strong>Seit 2008 ist Rezession. Hat sich das Anlagebewusstsein in diesen unsicheren Zeiten ver\u00e4ndert? Gibt es einen erneuten Trend, in Kunstwerke zu investieren?<\/strong><\/p>\n<p>In jedem Fall, nach den Entwicklungen im Immobilienbereich und beim Edelmetall sind die Kunstwerke wieder hoch gefragt. Was wir bundesweit und international allerdings feststellen, ist eine Verknappung im Angebotssektor. Viele Leute fragen sich, warum sie jetzt, bei den niedrigen Zinsen, verkaufen sollen und entscheiden sich lieber daf\u00fcr, ihre Sachwerte zu behalten. Insgesamt gilt es festzustellen, dass die Rezession alle Kunsth\u00e4ndler getroffen hat. Andererseits werden, gerade in New York, wieder Kunstwerke zu H\u00f6chstwerten gehandelt. Bei den gro\u00dfen Werken bedeutender K\u00fcnstler existiert derzeit hohe Investitionsbereitschaft \u2013 zumal die Kenner wissen, dass qualit\u00e4tsvolle Kunstwerke in Zukunft weiter an Wert zulegen.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nWelche Kunstart, Gattung, Stilrichtung und Epoche ist derzeit besonders gefragt, wo erzielt das Kunst- und Auktionshaus NEUMEISTER die besten Verkaufsergebnisse? <\/strong><\/p>\n<p>Es ist die Klassische Moderne, sie ist der Blue Chip. Demgegen\u00fcber hat die zeitgen\u00f6ssische Kunst spekulative Elemente, die nicht so gut berechenbar sind. Die Klassische Moderne hingegen, die im 20. Jahrhundert durch zwei Weltkriege dezimiert wurde, steht hoch im Kurs. Grund ist die \u201eKnappheit des Materials\u201c. Dezimiert wurden die Kunstwerke durch die Aktion \u201eEntartete Kunst\u201c oder wie beim \u201eBlauen Reiter\u201c dadurch, dass die K\u00fcnstler zudem jung verstorben sind. Preistreiber nach wie vor sind K\u00fcnstler wie Grosz, Beckmann und Kirchner, die durch ihre pers\u00f6nlichen Biografien einen internationalen Markt haben. Ob in Amerika oder in der Schweiz \u2013 der internationale Bekanntheitsgrad ist ein preistreibendes Moment. Neben der Romantik ist der \u201eBlaue Reiter\u201c der Expressionisten eine K\u00fcnstlergattung, die \u00fcbernational gut repr\u00e4sentiert ist \u2013 deswegen sind hier auch besonders hohe Wertzuw\u00e4chse zu verzeichnen.<\/p>\n<p><strong>Bei vielen Firmen, insbesondere bei gro\u00dfen deutschen Unternehmen, wird die NS-Vergangenheit zumeist totgeschwiegen. Sie sind einen anderen Weg gegangen und haben die Geschichte Ihres Hauses in der Naziherrschaft penibel untersuchen lassen. Was hat Sie dazu bewogen?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIch habe die Beispiele von Flick, Thyssen, Quandt, Krupp studieren d\u00fcrfen. Seit der \u00dcbernahme von NEUMEISTER im August 2008, zu einer Zeit, als in Amerika die Subprime-Krise begann und auch ich mit dem neugekauften Auktionshaus von der Rezession getroffen wurde, wollte ich reinen Tisch mit der Vergangenheit machen. Die Zeit der \u00dcbernahme war schwer und ein Neuanfang \u2013 auch in Distanz zu Herrn Weinm\u00fcller &#8211; war f\u00fcr mich unbedingt geboten. Insofern geh\u00f6rte die Provenienzforschung f\u00fcr mich zu einem Neuanfang dazu.<\/p>\n<p><strong>Kunst und F\u00e4lschertum sind oft nicht weit voneinander entfernt, kommt es oft vor, dass Ihnen F\u00e4lschungen \u2013 bewu\u00dft oder unbewu\u00dft \u2013 angeboten werden? <\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kommt dies vor. In jedem Bereich, wo viel Geld umgesetzt wird, gibt es Trittbettfahrer, die mit unlauteren Methoden arbeiten. Dagegen setze ich, was vielleicht betriebwirtschaftlich nicht effizient ist, auf ein gro\u00dfes Expertenteam. Ich habe 20 Kunsthistoriker im Haus. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man Auktionen auch mit weniger kunsthistorischem Potential durchf\u00fchren, aber ich k\u00f6nnte nicht schlafen, ich h\u00e4tte immer Sorge, dass ein einzelner Fall eine enorme Wirkung haben k\u00f6nnte. Damit w\u00fcrde ich die Marke ruinieren. Auch hier gilt: mir ist es wichtiger, den Wert der Firma zu wahren als auf einen einmaligen Umsatz zu spekulieren.<br \/>\nDie Expertisen m\u00fcssen auf alle F\u00e4lle sauber sein, sobald etwas nicht eindeutig durchschaubar oder belegbar ist, woher das Kunstwerk stammt, also gewisse Eigenschaften nicht belegbar sind, nehme ich Abstand. Insofern arbeiten wir eng mit den einzelnen Archiven zusammen, diese Archive, wie zum Beispiel das Kirchner- oder Klee-Archiv haben detailgenaue Informationen, kennen die Briefwechsel, wissen \u00fcber Datierungen Bescheid, haben internes Wissen, das sie nicht preisgeben, um es F\u00e4lschern nicht zu einfach zu machen. Bei F\u00e4llen, wo die Herkunft nicht klar ist, m\u00fcssen wir laut einem Urteil vom Bundesgerichtshof eng mit den Fachexperten zusammenarbeiten. Letztendlich liegt es bei den Archiven \u00fcber die Echtheit zu entscheiden \u2013 nicht zuletzt auch, damit wir selbst aus der Haftung herausgenommen werden. F\u00fcr Kunstwerke aus dem 20. Jahrhundert gilt generell, dass sie belegbar sein m\u00fcssen, wenn dies nicht der Fall ist, bieten wir diese gar nicht an.<\/p>\n<p><strong>Ist der Beruf der Auktionatorin vergleichbar mit dem Beruf des Dirigenten? Sie stehen am Pult und dirigieren den Saal.<\/strong><\/p>\n<p>Die Auktion hat f\u00fcr mich ein starkes psychologisches Element. Im Saal gibt es eine starke emotionale Situation, da auch Nachlass, Schulden und Scheidungen zu Verk\u00e4ufen f\u00fchren. Der Verk\u00e4ufer steht also unter Umst\u00e4nden unter einer gro\u00dfen emotionalen Belastung. Dies gilt nicht nur f\u00fcr ihn, sondern auch f\u00fcr die K\u00e4ufer und Marktbeobachter. Diese emotionale heterogene Stimmung im Saal zu f\u00fchren und zu koordinieren, bestm\u00f6glich auszuspielen, ist die Aufgabe des Auktionators. Dabei gilt es, hochprofessionell zu bleiben und Niederlagen wegzustecken, dies macht den Reiz aus, insofern, gleichwohl ich beim produktiven Akt keine Rolle spiele, ist diese Situation mit dem eines Dirigenten vergleichbar. Allerdings hat er den Vorteil, dass er sein Orchester gut kennt, bei den K\u00e4ufern und Verk\u00e4ufern ist das \u201edirigieren\u201c oft nicht so leicht.<\/p>\n<p><strong>Seit wann ist es eigentlich m\u00f6glich, am Telefon zu bieten?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nSeit es die mobilen Telefone gibt. Aufgrund der Globalisierung sind die Leute nicht mehr vor Ort, sondern das Bieterverhalten hat sich dahingehend ver\u00e4ndernd, das das Kaufen immer \u00f6fter telefonisch geschieht. Eine Vielzahl unserer Kunden kommt nach wie vor zur Vorbesichtigung, der Kauf aber l\u00e4uft dann per Telefon. Seit unseren ersten Onlineaktionen dachten wir, dass wir die St\u00fchle im Auktionshaus reduzieren m\u00fcssten, da wir davon ausgingen, dass das Publikum weniger wird. Aber derzeit zeichnet sich ein umgekehrter Trend ab. Der Auktionssaal ist wieder voll \u2013 insbesondere mit Marktbeobachtern.<\/p>\n<p><strong>Wer ist ihre Zielgruppe <\/strong><\/p>\n<p>Unsere Zielgruppe sind nicht die Vorst\u00e4nde der Dax-Unternehmen, sondern der b\u00fcrgerliche Mittelstand, das Bildungsb\u00fcrgertum, Gesch\u00e4ftsleute und Freiberufler, die alle knallhart rechnen, weil es sich beim Auktionshaus eben um einen B\u00f6rsenplatz handelt. Mit dem Zuschlag in der Auktion wissen unsere Kunden den Warenwert bezogen auf einen exakt definierten Zeitpunkt. Und eine so geringe Marge von 27 Prozent, in der noch die 19 Prozent Mehrwertsteuer eingeschlossen sind, finden Sie sonst kaum.<\/p>\n<p><strong>Beschr\u00e4nkt sich Ihr Umsatz auf M\u00fcnchen?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>M\u00fcnchen ist der Ort mit den meisten Auktionsh\u00e4usern in Deutschland, aber durch das Internet, durch die europ\u00e4ische Harmonisierung, haben wir enorm profitiert. Insofern ist f\u00fcr uns der gesamteurop\u00e4ische Markt wichtig. Der Versand hat zugenommen dank Internet und Globalisierung, manchmal geht es bei uns in der Logistik schon fast wie bei Amazon zu.<\/p>\n<h2>Im Interview Andreas Kern<\/h2>\n<p><strong><em>K\u00f6nnen Sie uns die Funktions- bzw. Arbeitsweise von wikifolio.com kurz erl\u00e4utern? Was ist unter Social<\/em><\/strong><strong><em> Trading zu verstehen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Anleger k\u00f6nnen auf wikifolio.com von der Erfahrung erfolgreicher Trader profitieren, die auf wikifolio.com ihre Handelsstrategien als, \u201ewikifolios\u201c, ver\u00f6ffentlichen. 1.900 wikifolios sind mittlerweile \u201einvestierbar\u201c, das hei\u00dft auf ihre Wertentwicklung wurde jeweils ein wikifolio-Zertifikat der Lang &amp; Schwarz Aktiengesellschaft aufgelegt. Diese Finanzprodukte sind mit eigener ISIN versehen bei jeder Bank und direkt \u00fcber die B\u00f6rse Stuttgart handelbar. Mit der Investition in ein solches wikifolio-Zertifikat partizipiert der Anleger an der Wertentwicklung des jeweiligen wikifolios und folgt automatisch den Trades, die die Trader in ihren wikifolios durchf\u00fchren.<\/p>\n<p>Transparenz ist dabei das oberste Gebot: Allen Besuchern von wikifolio.com wird Einblick in das Handeln der Trader gew\u00e4hrt. In Echtzeit werden reale Marktdaten, Kennzahlen und alle wikifolio-Trades angezeigt. Somit k\u00f6nnen sich interessierte Nutzer und potentielle Investoren jederzeit von der Qualit\u00e4t der Handelsideen \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p><strong><em>Das Thema Schwarmintelligenz spielt im Internet immer wieder eine gro\u00dfe Rolle. Was hat diese Intelligenz mit wikifolio.com zu tun?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Am Ende des Tages liegt der Erfolg der einzelnen Strategien, aber auch ihr Gesamterfolg am K\u00f6nnen und der Qualit\u00e4t der Trader. Aber es liegt auch in der Hand der Anleger, mit ihren Investitionen signalisieren, welchen Strategien Sie auch k\u00fcnftig eine Outperformance zutrauen.<\/p>\n<p>Gerade auf wikifolio.com k\u00f6nnen Sie beobachten, wie \u201eHidden Champions\u201c \u2013 bisher unbekannte Trader, die manchmal gar nicht aus der Finanzbranche stammen gute und konstante Trading-Leistungen vorf\u00fchren und sogar etablierten Finanz-Professionals als Vorbild oder Ideengeber f\u00fcr ihre eigenen Handelsstrategien dienen.<\/p>\n<p><strong><em>Ist Social Trading die Zukunft des Wertpapierhandels?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>wikifolio.com leistet auf jeden Fall einen Beitrag zur Demokratisierung der Finanzbranche. Wir sehen die steigende Beliebtheit auch am steigenden Handelsvolumen. Mittlerweile sind mehrere Monate hintereinander wikifolio-Zertifikate unter den meistgehandelten Werten bei der EUWAX und kristallisieren sich gleich neben ETFs als beliebte neue und transparente Anlageklasse der Deutschen heraus.<\/p>\n<p><strong><em>Was muss man wissen, um bei wikifolio.com einzusteigen und warum sollten Privatanleger bei wikifolio.com einsteigen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>wikifolio.com richtet sich grunds\u00e4tzlich an jene Personen, die sich bereits aktiv mit dem Kapitalmarkt besch\u00e4ftigen und eine attraktive Beimischung f\u00fcr ihr Portfolio suchen.<\/p>\n<p>Aber auch an all jene, die ihr Wissen rund um den Handel mit Aktien, ETFs oder volatileren Produkten erweitern m\u00f6chten. Mit einem eigenen wikifolio oder beim Beobachten der Trader k\u00f6nnen Sie mehr lernen als bei so manchen Fortbildungs-Angeboten die im Internet feilgeboten werden.<\/p>\n<p><strong><em>Wodurch unterscheidet sich wikifolio.com vom klassischen Online-Trading mit Einzelaktion oder Depots?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die Investition in ein wikifolio-Zertifikat folgen Sie automatisch der zu Grunde liegenden Handelsidee und jedem einzelnen Trade den der Trader in seinem wikifolio durchf\u00fchrt. \u00dcblicherweise fallen beim Kauf oder Verkauf von Wertpapieren Transaktionskosten an. Jeder Trader handelt in seinem wikifolio jedoch ohne explizite Transaktionskosten bei sehr engen Spreads, ganz gleich wie dynamisch seine Strategien sind. Von diesem Kostenvorteil profitieren nat\u00fcrlich auch die K\u00e4ufer eines wikifolio-Zertifikats.<\/p>\n<p><strong><em>Haben Privatanleger, die mit Ihrer Social Trading Plattform arbeiten, mehr Erfolg bei der Anlage?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das kann man so generell nicht sagen, da es auch hier auf die Auswahl der richtigen Handelsstrategien ankommt.<\/p>\n<p>Aber eine Analyse der zehn zu Jahresbeginn bei Anlegern beliebtesten wikifolio-Zertifikate, also jene mit den meisten Assets under Management (AUM) hat k\u00fcrzlich gezeigt, dass bei Betrachtung der Performance im Zeitraum von 1. Januar bis 31. Oktober 2014 im Vergleich zum DAX die wikifolios im Schnitt deutlich besser abschneiden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der DAX eine leicht negative Performance von -0,8 Prozent aufweist, kann der Durchschnitt der Top-10-wikifolios mit 7,5 Prozent Plus mit einer deutlich besseren Wertentwicklung aufwarten. Zus\u00e4tzlich war die Volatilit\u00e4t der wikifolios mit 0,6 Prozent dabei auch noch geringer als beim DAX mit rund 0,9 Prozent.<\/p>\n<p><strong><em>Welches sind denn die erfolgreichsten Trader bislang auf Ihrer Plattform und was charakterisiert diese?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das Erfolgsgeheimnis der Plattform ist neben der Transparenz auch die Qualit\u00e4t und vor allem die Vielfalt der guten Trader. In der Top-wikifolio-Rangliste finden Sie Strategien professioneller Verm\u00f6gensverwalter, Musterdepots gro\u00dfer Finanzmedien und auch private Trader, die aus den unterschiedlichsten Branchen kommen und teilweise so ihr Hobby zum Beruf machen. Mit unserer sehr benutzerfreundlichen Suche kann man sich mit wenigen Maus-Klicks einen \u00dcberblick verschaffen.<\/p>\n<p><strong><em>Was unterscheidet wikifolio.com von anderen Social Trading Plattformen, warum sollten Privatanleger bei Ihnen einsteigen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Anleger k\u00f6nnen schon mit relativ kleinen Betr\u00e4gen die Strategien der wikifolio-Trader nutzen. Das Listing der wikifolio-Zertifikate an der B\u00f6rse Stuttgart sorgt f\u00fcr regulierten und transparenten Handel. Jeder kann \u00fcber seine Hausbank oder Broker in wikifolio-Zertifikate investieren. Die Orders kommen anonym \u00fcber die B\u00f6rse Stuttgart zu wikifolio.com.<\/p>\n<p>Umgekehrt sind aber alle Trades in den wikifolios \u00f6ffentlich einsehbar, und wer m\u00f6chte, kann jeden Schritt der Trader mitverfolgen und einfach mitlernen.<\/p>\n<p>In Sachen Transparenz, breiter Handelbarkeit und fairem Geb\u00fchren-Modell gibt es so weit ich wei\u00df weltweit kein vergleichbares Angebot.<\/p>\n<p><strong><em>Wie sehen Sie sich f\u00fcr die Zukunft aufgestellt, wo wollen Sie in f\u00fcnf Jahren sein?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Alle Zeichen bei wikifolio.com stehen auf Wachstum. Neben dem kontinuierlichen Ausbau unseres Teams werden wir die Expansion in neue M\u00e4rkte forcieren. Der Markteintritt in die Schweiz steht dabei ganz oben auf der Liste, weitere L\u00e4nder haben wir f\u00fcr die kommenden Jahre bereits ins Auge gefasst. Wir werden in den n\u00e4chsten Jahren dazu auch mehr als 5 Millionen Euro in die Weiterentwicklung der technischen Plattform investieren.<\/p>\n<p><strong><em>Wie agieren Sie als Privatperson auf wikifolio.com?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich habe ein eigenes wikifolio, besch\u00e4ftige mich damit aber nicht so intensiv wie andere Trader. In meinem Online Broker Depot habe ich etwa 20 wikifolio-Zertifikate als Erg\u00e4nzung. Mit meinem privaten Verm\u00f6gen verfolge ich dabei eine einfache Strategie: Ist der Markt gerade sehr g\u00fcnstige Bewertet, partizipiere ich eher passiv und langfristig mit ETFs an der Entwicklung. Wenn ich von keinem Aufw\u00e4rtstrend ausgehe, kaufe ich verst\u00e4rkt wikifolio-Zertifikate und kann damit auch in volatilen Marktphasen profitieren.<\/p>\n<p>Fragen Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Im Interview die Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks \u2013 Bettina Reitz<\/h1>\n<p>von Bettina Reitz<\/p>\n<p><strong>Frau Reitz, was macht einen guten Film aus?<\/strong><br \/>\nEin Filmemacher muss sich \u00fcberlegen, <em>was<\/em> er erz\u00e4hlen und dann, <em>wie<\/em> er es erz\u00e4hlen will. Und diese W-Fragen, die wir schon in der Schule bei Erz\u00e4hlungen gelernt und fragen mussten, sind auch essentiell f\u00fcr einen guten und in sich stimmigen Film, unabh\u00e4ngig, ob in der Kultur, im Krimi oder in der Kom\u00f6die.<\/p>\n<p><strong>Inwieweit hat eine Fernsehdirektorin einen Einfluss auf die Ver\u00e4nderung im Fernsehen?<\/strong><\/p>\n<p>Ver\u00e4nderungen sind immer in einem Austausch mit der Fernsehdirektion zu sehen. Was ich grunds\u00e4tzlich nicht mache, ist meine Kreativit\u00e4t und Vorstellung als Vorgabe zu dirigieren. Die Verantwortung liegt auch bei den Programmbereichen und Redaktionen. Als Fernsehdirektorin arbeitet man nicht wie ein Manager gro\u00dfer Firmen, wo \u00fcbergeordnete Strukturen nach unten verteilt werden; vielmehr geht es darum, Kreativit\u00e4t frei zu setzen und die Lust am Ver\u00e4nderungsprozess gemeinsam zu formulieren. Das Motto lautet daher bei mir eher: Kreativit\u00e4t statt Verordnung.So wird erst einmal versucht Defizite im Programm im wechselseitigen Gespr\u00e4ch zu beheben; es handelt sich also um einen gegenseitigen Diskurs. Es geht uns meist um sanfte Schritte, neue Formate dem Publikum zu vermitteln, ohne dieses zu erschrecken. Aber wir m\u00fcssen uns auch mit Blick auf die neuen Medien Ver\u00e4nderungsprozessen stellen, die radikaler sein d\u00fcrfen und auch m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Film und Fernsehen haben eine gesellschaftliche Verantwortung, wo liegen derzeit die Schwerpunkte?<\/strong><\/p>\n<p>Das Fernsehen ist immer noch eines der wichtigsten Leitmedien, wenn nicht sogar das Wichtigste in Deutschland \u2013 schon allein aufgrund der Vielfalt der Angebote und der Konzentration bzw. Verweildauer. Es gibt keine gleichwertige Bindungsm\u00f6glichkeit an Zuschauer oder Zuh\u00f6rer wie starke TV-Angebote. TV deckt gem\u00e4\u00df unserem Auftrag alles an Informationen, Kultur und Unterhaltung ab, das man ben\u00f6tigt, um aktuell auf dem Laufenden zu sein bzw. gut unterhalten zu werden. Die Vielfalt der Programmangebote ist gro\u00df. Wo ich aber Nachholbedarf sehe, ist unser Dialog mit der Jugend \u2013 eine der wichtigsten Herausforderungen, vor denen wir aktuell stehen. Dies gilt nicht nur f\u00fcr die jungen Menschen als Zuschauer, sondern genauso f\u00fcr die F\u00f6rderung junger Talente. Die Frage, die sich mir dabei stellt, ist: Haben wir die Vielschichtigkeit der Talente so im Blick, oder ist es nur die ganz kurzlebige Leistungsschau, die \u00fcber Talente entscheidet, wie sie in der heutigen Leistungsgesellschaft zu funktionieren haben? Hier st\u00f6rt mich, dass wir oft nur nach Punkten und Rankings entscheiden; wer ins Raster passt, erh\u00e4lt seine Chance, wer nicht, wird einfach zur Seite gestellt. So fallen sehr viele Talente durch den Rost, weil ihnen das knallharte Film- und Mediengesch\u00e4ft nicht den Raum und insbesondere die Freiheit l\u00e4sst, sich zu entwickeln, ihre kreativen M\u00f6glichkeiten entfalten zu k\u00f6nnen und uns Programmverantwortliche zu \u00fcberraschen.<br \/>\nDie gesellschaftliche Verantwortung des Fernsehens sehe ich also auch in der Bereitschaft, bei aller Budgetknappheit und liebgewonnene Gewohnheiten den Zuschauer herauszufordern, in Umsetzung wie in der Thematik unseres Programms.<\/p>\n<p><strong>Wie richten Sie den BR auf ein j\u00fcngeres Publikum aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ein j\u00fcngeres Publikum k\u00f6nnen wir noch durch Events gewinnen. Wir versuchen, Sendestrecken zu bauen, durch die wir auch j\u00fcngere Menschen erreichen und dadurch Verl\u00e4sslichkeit erzielen. In den letzten Jahren hat sich beim BR gezeigt, dass neben Fiktion insbesondere gro\u00dfe Faschingssendungen auch von J\u00fcngeren gern gesehen werden. Bei Formaten mit diesem Inhalt haben wir bereits einen Bereich, in denen die Jugend nachw\u00e4chst und damit zu einer festen Gr\u00f6\u00dfe wird. Mit \u201equer\u201c und \u201eKabarett\u201c bedienen wir schon jetzt ein j\u00fcngeres Klientel.<br \/>\nVerst\u00e4rkt setzen wir in Zukunft auf Angebote mit Live-Events und auf eine noch engere Zusammenarbeit mit \u201eBayern 3\u201c und \u201ePuls\u201c, die ein j\u00fcngeres Publikum ansprechen. Zum einen bedarf es also tats\u00e4chlich j\u00fcngerer Inhalte, zum anderen m\u00fcssen wir aber auch die jungen Leute irgendwo erreichen und z.B. \u00fcber ein attraktives Webangebot auch auf die linearen Angebote lenken. Hier ist eine enge Abstimmung von Radio, Internet und Fernsehen gefragt. Wenn es uns k\u00fcnftig gelingt, an zwei oder drei Abenden dieses Publikum mit z.B. fiktionalen Programmen an uns zu binden, w\u00e4re das f\u00fcr den BR und mich schon ein Etappensieg auf dem Weg, j\u00fcngere Menschen zum linearen Fernsehen zur\u00fcckzuholen. Im Januar hat das bei der Ausstrahlung von \u201eT\u00fcrkisch f\u00fcr Anf\u00e4nger\u201c hervorragend geklappt.<br \/>\nZugleich bin ich mir aber bewusst, dass die j\u00fcngere Generation nicht mehr gewonnen werden kann, wenn wir uns nicht auf die Seh- und Benutzergewohnheiten des jungen Publikums einstellen. Dies bedeutet f\u00fcr uns, dass wir hier nur mithalten k\u00f6nnen, wenn unsere Programme sowohl im Netz als auch bei den Abspielger\u00e4ten pr\u00e4sent sind. \u00dcber die Mediathek m\u00fcssen wir zeigen, was wir an originellen und qualitativen Sendungen haben, da es der Jugend am Ende egal ist, ob sie unsere Inhalte auf einem klassischen Fernbedienungsknopf oder mobil finden. (Die Jugend hat noch nie viel ferngesehen und ist heute zuerst mobil und im Netz unterwegs!) Ich pers\u00f6nlich w\u00fcnschte mir mehr Reihen wie aktuell \u201eHubert und Staller\u201c oder \u201eM\u00fcnchen 7\u201c, oder am besten eine Serie, die noch j\u00fcngere Menschen anspricht. Generell brauchen wir Sendungen, die generations\u00fcbergreifend funktionieren und starke Bindungen erzielen.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet Trimedialit\u00e4t, der Bayerische Rundfunk setzt verst\u00e4rkt darauf?<\/strong><\/p>\n<p>Der Bayerische Rundfunk setzt auf die enge redaktionelle und technische Zusammenarbeit zwischen Radio, Fernsehen und Online, weil die Trimedialit\u00e4t genau da ansetzt, wo Grenzen zwischen diesen Formaten zu \u00fcberwinden sind. Was wir versuchen, ist Ressourcen zu heben, dass also die Themen nicht von den einzelnen Kollegen jeweils einzeln aufgesetzt werden, wobei dreimal aneinander vorbeigearbeitet wird, sondern dann die Recherchen zusammengef\u00fchrt werden. Dies bedeutet einen Paradigmenwechsel, da die meisten Bereiche im BR getrennt \u201egewachsen\u201c sind: in Fernsehen, H\u00f6rfunk und Online. Nicht der Ausspielweg oder die einzelne Sendung steht im Vordergrund, sondern das Thema. Das stellt hohe Anforderungen an Arbeitsweise und Kultur aller Gewerke im BR. Der Vorteil bei der trimedialen Zusammenarbeit besteht darin, eine breitere Wissensbasis zu erm\u00f6glichen, neue kreative Angebote zu schaffen und Themen in unterschiedlichen Formen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu setzen, die dann auf den jeweils besten Ausspielwegen einem breiteren Publikum zur Verf\u00fcgung gestellt werden k\u00f6nnen. Wichtig dabei: Es muss auch weiterhin im BR eine breite Meinungsvielfalt geben.<br \/>\nUnd es wird nach wie vor Inhalte wie das fiktionale Programm geben, die immer noch in ihren klassischen Redaktionshoheiten angesiedelt bleiben. Ein Unikat eines Fernseh-,Kinofilms oder H\u00f6rspiels wird auch dann noch ein Unikat bleiben. Aktuell gehen wir davon aus, dass diese Unikate als eigenst\u00e4ndige Werke neben der trimedialen Aktualit\u00e4t \u00fcberleben werden.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht das Fernsehen der Zukunft aus? Haben Sie Angst vor den Onlineangeboten durch das Internet, durch YouTube, wo jeder sein eigener Programmdirektor ist?<\/strong><\/p>\n<p>Angst ist ein schlechter Begleiter. Ich denke, Neugierigsein und mit Abenteuerlust diesen Prozessen beizuwohnen, ist die richtige Haltung. Ich glaube, wir werden noch lange die Programmdirektoren mit ihren Planungseinheiten brauchen, denn nicht jeder Mensch will immer sein eigener Programmdirektor sein. Aber k\u00fcnftig wird diese Arbeit verst\u00e4rkt von Maschinen \u00fcbernommen, die unsere Interessensprofile auswerten. In Zukunft wird diese Programmmaschine dann spezielle Angebote f\u00fcr ihre speziellen Interessen und Schwerpunkte suchen. Aber Protagonisten und originelle oder wichtige Inhalte, die die Zuschauer lieben oder ansprechen, m\u00fcssen gefunden und entwickelt werden \u2013 das k\u00f6nnen die Suchsysteme noch nicht.<br \/>\nWie genau das Mischverh\u00e4ltnis sein wird zwischen den noch klassisch vorbereiteten Angeboten und dem, was \u00fcber einen globalisierten internationalen Markt \u00fcber uns hereinbrechen wird, ist eine spannende Frage. Es steht aber jetzt schon fest, dass wir eine junge Generation haben, die international gepr\u00e4gt ist \u2013 insbesondere amerikanische Serien sind sehr beliebt. Aber es zeigt sich auch, dass eine Vielzahl der jungen Menschen andererseits stark regional gepr\u00e4gt ist, es gibt ein ausgesprochenes Heimatgef\u00fchl. Je globaler sie auf der einen Seite aktiv sind und agieren, umso mehr finden sie in ihrer Heimat ein St\u00fcck Sicherheit. Dies beobachten wir bei unseren Programmangeboten. Und hier ist es wichtig, dass wir uns in Zukunft anders aufstellen.<br \/>\nGenerell m\u00fcssen das Fernsehen und der Rundfunk der Zukunft neue Events generieren, bei denen die Menschen zusammenkommen und gleichzeitig aus diesen Events auch Programmangebote erstellen. Darin sehe ich auf der einen Seite eine Br\u00fccke zur Heimat, eine Br\u00fccke, die eine Programmsicherheit gerade f\u00fcr regionale Anbieter garantiert. Auf der anderen Seite sind j\u00fcngere Menschen auch gro\u00dfe Programmabenteurer. Dadurch wird sich der Markt noch weiter global \u00f6ffnen und in eine Konkurrenz zur Regionalit\u00e4t treten. Welcher Inhalt wird gesucht und setzt sich wo und wie durch? Diesen neuen Herausforderungen sehe ich mit Spannung entgegen.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr das Interview, das Dr. Dr. Stefan Gro\u00df f\u00fchrte.<br \/>\nDas Interview entstand auf dem Bayerischen Filmpreis 2014.<\/p>\n<h1>Im Interview: Dr. Holger En\u00dflin \u2013 Vorstand bei Sky Deutschland AG<\/h1>\n<p>von Holger En\u00dflin<\/p>\n<p><em>Mit \u00fcber 3,8 Mio. Abonnenten und einem Umsatz von mehr als 1,6 Mrd. Euro ist Sky Deutschland der f\u00fchrende Pay-TV-Anbieter in der Bundesrepublik und in \u00d6sterreich. Das im MDAX gelistete B\u00f6rsenunternehmen bietet Abonnementfernsehen und On-Demand-Services f\u00fcr Privat- und Gesch\u00e4ftskunden an. Sky hat mittlerweile mehr als 70 exklusive TV-Sender im Angebot, die meisten darunter im hochaufl\u00f6senden HD-Format. Live-Sport, Spielfilme, Serien, Kinderprogramme, Dokumentationen sowie Sky Sport News HD, der einzige 24-Stunden-Sportnachrichtensender Deutschlands und \u00d6sterreichs, geh\u00f6ren zum Spektrum. Durch den Festplattenreceiver Sky+ ist ein zeitversetztes Fernsehen m\u00f6glich; und durch die Videothek Sky Anytime k\u00f6nnen hunderte, st\u00e4ndig wechselnde Titel abgerufen werden. Und mit dem Online-Fernsehen Sky Go sind die Programme \u00fcber Mobilger\u00e4te und den PC zu empfangen. <\/em><\/p>\n<p><strong>1. Herr En\u00dflin:Rupert Murdoch will einen europ\u00e4ischen Pay-TV-Riesen schaffen und seine Pay-TV-Sender Sky Deutschland und Sky Italia unter dem von ihm kontrollierten Konzern British Sky Broadcasting Group Plc (BSkyB) b\u00fcndeln. Nun h\u00e4lt der zweitgr\u00f6\u00dfte Aktion\u00e4r von Sky Deutschland, Odey Asset Management LLP, der mit 8 % an Sky Deutschland beteiligt ist, das Angebot von BSkyB, 6,75 Euro je Aktie zu bezahlen, f\u00fcr zu niedrig. Wie geht es jetzt weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Holger En\u00dflin: Im Rahmen der von Ihnen angesprochenen, beabsichtigten Transaktion hat BSkyB mit 21st Century Fox vereinbart, deren Beteiligung an Sky Deutschland zu erwerben \u2013 nach Aus\u00fcbung von Umtauschrechten sind das 57,4 Prozent \u2013 und verk\u00fcndet, ein freiwilliges Bar\u00fcbernahmeangebot f\u00fcr die ausstehenden 100% der Sky Deutschland Aktien zu einem Preis von \u20ac6,75 je Aktie abzugeben. Zur Finanzierung der Transaktion hat BSkyB unter anderem eine Kapitalerh\u00f6hung durchgef\u00fchrt, an der 21st Century Fox im Rahmen des Bezugsrechtsangebotes teilnahm. Dadurch erwarb 21st Century Fox zus\u00e4tzliche Aktien im Wert von ca. \u20ac673 Millionen, um den Anteil von 21st Century Fox an BSkyB in H\u00f6he von 39,1% zu erhalten.<\/p>\n<p>Der Vorstand und Aufsichtsrat von Sky Deutschland werden das Angebot von BSkyB pr\u00fcfen und sich dabei von Finanz- und Rechtsberatern unterst\u00fctzen lassen. Nach Ver\u00f6ffentlichung und Pr\u00fcfung des \u00f6ffentlichen Angebots werden Vorstand und Aufsichtsrat eine Stellungnahme nach Deutschem Recht abgeben.<\/p>\n<p><strong>2. Ende Juli hatte BSkyB zugestimmt, den 57- prozentigen Anteil von Murdoch an Sky Deutschland f\u00fcr 2,9 Mrd. Pfund (3,7 Mrd. Euro) in bar zu \u00fcbernehmen. Was haben wir darunter zu verstehen, ist das Geld nun f\u00fcr weitere Investitionen frei? <\/strong><br \/>\nSiehe Frage 1<\/p>\n<p><strong>3. Was \u00e4ndert sich f\u00fcr die Kunden von Sky Deutschland durch diese mediale Transaktion, wie britisch wird der Bezahlsender?<\/strong><br \/>\nHolger En\u00dflin: Unabh\u00e4ngig von der beabsichtigten Transaktion kann ich Ihnen versichern, dass unsere Kunden auch weiterhin ein Fernsehangebot erhalten, das in Deutschland und \u00d6sterreich hinsichtlich Vielfalt, Qualit\u00e4t und Exklusivit\u00e4t seinesgleichen sucht.<\/p>\n<p><strong>4. \u00d6ffentlich-rechtliches Fernsehen erf\u00fcllt oft die Qualit\u00e4tsstandards der Kunden nicht, was bietet Sky perspektivisch, um noch mehr Kunden vom qualitativen Bezahlfernsehen zu \u00fcberzeugen?<\/strong><br \/>\nHolger En\u00dflin: Wir unterscheiden uns von herk\u00f6mmlichen TV-Anbietern vor allem in drei Punkten: unserem Programm-Portfolio, das exklusive und hochwertige Inhalte wie beispielsweise die Bundesliga live oder HBO-Serien wie \u201eGame of Thrones\u201c umfasst, wegweisenden Innovationen wie unserem Online-Fernsehen Sky Go, und einem hervorragenden, vielfach ausgezeichneten Kundenservice. Wenn es uns gelingt, in diesen drei Bereichen unsere Marktf\u00fchrerschaft weiter auszubauen, werden wir auch auf Kundenseite weiter stark wachsen.<\/p>\n<p><strong>5. Sky wird immer beliebter, wie erkl\u00e4ren Sie, dass jetzt die K\u00fcndigungsrate auf den tiefsten<\/strong> <strong>Stand der Unternehmensgeschichte gesunken ist? Dennoch ist<\/strong> <strong>ein Abo f\u00fcr viele Kunden mit \u00fcber 31 Euro im Monat eine finanzielle Herausforderung, gibt es \u00dcberlegungen, die Abopreise zu senken? <\/strong><\/p>\n<p>Holger En\u00dflin: Unsere K\u00fcndigungsquote ist im letzten Quartal auf den historischen Tiefststand von 7,7 Prozent gesunken. Das ist ein Wert, der auch im internationalen Vergleich Ma\u00dfst\u00e4be setzt. Und er belegt, wie zufrieden unsere Kunden mit unserem Angebot sind. Auch unsere 24-Monats-Vertr\u00e4ge, die inzwischen von etwa 80 Prozent aller Neukunden bevorzugt werden, tragen sicher dazu bei, dass sich die K\u00fcndigungsquote so erfreulich entwickelt hat.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Durchschnittlich geben Sky Kunden heute EUR 34,59 im Monat f\u00fcr ihr Abonnement aus. Der Anteil an Kunden, die mehr als 50 Euro im Monat f\u00fcr Sky zahlen, hat sich seit 2010 von 1 auf 16 Prozent gesteigert. Das zeigt, dass unsere Kunden durchaus bereit sind, f\u00fcr ein qualitativ hochwertiges Produkt einen angemessenen Preis zu bezahlen.<\/p>\n<p><strong>6. Wie erfolgreich w\u00e4re Sky ohne die Exklusiv\u00fcbertragungsrechte der Fu\u00dfball-Bundesliga und der UEFA Champions League? 2017 endet der Vertrag mit der DFL \u2013 stehen Sie schon in neuen Verhandlungen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben jetzt gerade mal die erste Saison der laufenden Rechteperiode f\u00fcr die Bundesliga und die 2. Bundesliga beendet und halten die \u00dcbertragungsrechte noch weitere drei Jahre bis einschlie\u00dflich der Saison 2016\/17. Mit der DFL stehen wir grunds\u00e4tzlich in engem Austausch. Es ist aber noch zu fr\u00fch, um \u00fcber Details des kommenden Rechtvergabeprozesses zu sprechen.<\/p>\n<p>Davon abgesehen: Live-Fu\u00dfball, insbesondere die Bundesliga und die Champions League (hier haben wir uns die \u00dcbertragungsrechte bis einschlie\u00dflich 2017\/18 gesichert), ist sicherlich ein zentraler Bestandteil unseres Programmportfolios. Aber Sky bietet noch viel mehr: topaktuelle Filme, Serien meist direkt nach US-Start, Dokumentationen, Kindersendungen \u2013 und nat\u00fcrlich noch viel mehr Live-Sport von der Formel 1 \u00fcber Tennis, Golf, etc. Es ist diese enorme Vielfalt unseres Programms, die Sky einzigartig macht.<\/p>\n<p><strong>7. Das Internet-TV ist auf dem Vormarsch, mit SkyGo haben Sie eine Plattform geschaffen, die in diesem Segment erfolgreich agiert. Wird das nicht-lineare Fernsehen das lineare in Zukunft abl\u00f6sen oder zu einem Nebensegment machen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind in beiden Segmenten sehr gut aufgestellt, denn f\u00fcr uns ist es wichtig, unseren Kunden die M\u00f6glichkeit zu geben, selbst zu w\u00e4hlen, wie, wo und wann sie Sky sehen wollen. Insbesondere die Entwicklung unseres Online-TV-Angebots Sky Go macht uns derzeit viel Freude: Im vergangenen Quartal z\u00e4hlten wir \u00fcber 28 Millionen Kunden-Logins \u2013 eine Steigerung um mehr als 70 Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr. Aber auch f\u00fcr klassisches lineares Fernsehen wird es weiterhin einen Markt geben, denn beide Arten von Fernsehen existieren nebeneinander. Denken Sie nur mal an die gro\u00dfen Live-Events wie die Spitzenspiele der Bundesliga und der Champions League.<\/p>\n<p><strong>8. Sky hat in den letzten 22 Jahren 4,5 Milliarden Euro Verlust gemacht, dennoch blicken Sie optimistisch in die Zukunft \u2013 was ist das Erfolgsrezept? <\/strong><\/p>\n<p>Ganz einfach: Wir haben das richtige Gesch\u00e4ftsmodell. Die Entwicklung von Sky seit der Neustrukturierung unseres Businesses im Jahr 2009 belegt das eindeutig. 2013 haben wir erstmals ein Gesch\u00e4ftsjahr operativ mit Gewinn abgeschlossen. Wir rechnen damit, am Ende dieses Kalenderjahres \u00fcber 4 Millionen Kunden zu haben. Wer h\u00e4tte uns das vor f\u00fcnf Jahren zugetraut?<\/p>\n<p><strong>9. Immer wieder engagiert sich Sky als Partner, so beim neuen Filmfestspiel in Potsdam, ist Sponsor bei gigantischen Sportereignissen. Aber das Unternehmen engagiert sich auch sozial, beispielsweie \u00fcber die Sky Stiftung. Wie l\u00e4\u00dft sich die Firmenphilosophie von Sky Deutschland kurz umschreiben? Warum diese vielen Engagements \u2013 spielt hier auch eine ethische Komponente mit hinein?<\/strong><\/p>\n<p>Holger En\u00dflin: Neben wirtschaftlichem Wachstum ist die soziale Verantwortung ein wesentlicher Bestandteil des Selbstverst\u00e4ndnisses von Sky. Als Medienunternehmen mit einer breiten \u00f6ffentlichen Wahrnehmung engagieren wir uns auf verschiedenen Ebenen \u2013 f\u00fcr Kinder, f\u00fcr die Umwelt, f\u00fcr die Medienbranche, und auch f\u00fcr unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.<\/p>\n<p>Ich bin selbst Vater, daher liegt mir unsere Sky Stiftung, zu deren Vorstandsteam ich geh\u00f6re, besonders am Herzen: Sie setzt sich seit Jahren daf\u00fcr ein, benachteiligte Kinder sowie Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Kulturen f\u00fcr ein sportlich aktives Leben zu begeistern.<br \/>\n<strong><br \/>\n10. F\u00fcr viele Fernsehanstalten wird es immer wichtiger, ein junges Publikum zu gewinnen, welche Strategien f\u00e4hrt Sky, um j\u00fcngere Menschen auf dem hei\u00dfumk\u00e4mpften Markt langfristig als Kunden zu gewinnen?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Kunden sind heute schon deutlich j\u00fcnger als die Zuschauer der gro\u00dfen \u00f6ffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehanbieter. Das Durchschnittsalter unserer Neukunden ist im vergangenen Jahr auf 35 Jahre gesunken. Dem jungen Publikum gef\u00e4llt offensichtlich die Wahlfreiheit, die sie mit Sky beim Konsum ihres Lieblingsprogramms genie\u00dfen. Sky Go und die Online Videothek Snap by Sky sind mit Sicherheit ma\u00dfgebliche Faktoren, die auch in Zukunft junge Menschen f\u00fcr Sky begeistern werden.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, das Dr. Dr. Stefan Gro\u00df f\u00fchrte<\/p>\n<h1>Im Interview \u2013 der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von ASTRA Deutschland, Wolfgang Els\u00e4\u00dfer<\/h1>\n<p>Um zu Hause \u00fcberhaupt Fernsehen zu k\u00f6nnen bedarf es ja nicht nur der Programmacher und der Sendeanstalten, die f\u00fcr den Content verantwortlich sind, sondern auch jemand, der f\u00fcr die \u00dcbertragung verantwortlich ist. Daf\u00fcr sorgt Astra mit seinen Satelliten.<\/p>\n<p>von Wolfgang Els\u00e4\u00dfer<\/p>\n<p><strong>25 Jahre Astra, \u201eherzlichen Gl\u00fcckwunsch\u201c in der Retrospektive: Wie m\u00fchsam war der Weg zum Satelliten-Fernsehen, wo lagen die gr\u00f6\u00dften H\u00fcrden?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man ein Unternehmen gr\u00fcndet und gegen staatlich finanzierte Konkurrenz antritt, kannman das wohl getrost als H\u00fcrde bezeichnen. Mit TV Sat gab es inDeutschland bereits einen Satelliten f\u00fcr TV-\u00dcbertragungen, der wurde von der damaligen Deutschen Bundespost betrieben. Der transportierte aber gerade mal vier Programme. Dann kam Astra \u00ac\u2013 mit einem innovativen Konzept, viel unternehmerischem Mut und einem starken Kundenfokus. Das erste gro\u00dfe operative Highlight der jungen Firma war sicher der erfolgreiche Launch von Astra 1A im Jahr 1988. Das war gleich ein Paukenschlag im Markt. Nat\u00fcrlich braucht man gerade am Anfang auch eine Portion Gl\u00fcck f\u00fcr den notwendigen R\u00fcckenwind. Bei uns war das ohne Zweifel, dass Astra 1A seine Sonnensegel ausklappte und \u2013 funktionierte! Relativ schnell haben wir die wichtigen Sender auf diesem Tran<em>sponder<\/em>bekommen,RTL, Pro Sieben beispielsweise, so dass wir mit diesem attraktiven Angebot viele Haushalte erreichen konnten. Historisch gesehen war sicher auch der Fall der Berliner Mauer ein Meilenstein. Neben dem Start von Astra im englischen Markt, mit Rupert Murdoch, haben wir n\u00e4mlich durch die Wiedervereinigung bei der Erschlie\u00dfung des deutschen Markts gleich einen Quantensprung gemacht. Die Leute waren hungrig nach Satellitenempfang.<\/p>\n<p><strong>Wer transportiert die Satelliten? Werden die von den Amerikanern hochgeschossen?<\/strong><\/p>\n<p>Erst seit kurzem. Wir haben bis dato den Ariane Weltraumbahnhof in Kourou, Franz\u00f6sisch Guyana, und den f\u00fcr Protonraketen in Baikonur, Kasachstan, benutzt. Dann kam Elon Musk, der Gr\u00fcnder von PayPal und Tesla mit seiner neuen Firma Space X. Die wirbelt gerade geh\u00f6rig die Branche durcheinander, weil Musk Satelliten von Cape Canaveral aus viel g\u00fcnstiger ins All bringt. Ende 2013 waren wir die ersten, die mit einer Falcon-Rakete von Space X einen TV-Satelliten in eine geostation\u00e4re Umlaufbahn gebracht haben. Das hei\u00dft, die Satelliten stehen in rund 36.000 Kilometer H\u00f6he quasi station\u00e4r \u00fcber ihrer Ausleuchtzone auf der Erde. Sonst m\u00fcsste man t\u00e4glich morgens die Sch\u00fcssel anders drehen als abends.<\/p>\n<p><strong>Wie viele Programme werden \u00fcber Astra ausgestrahlt?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Muttergesellschaft SES ist mittlerweile der gr\u00f6\u00dfte Satellitenbetreiber der Erde. Wir haben \u00fcber 50 Satelliten und k\u00f6nnen damit technisch gesehen 99% der Landfl\u00e4che der Erde abdecken. Insgesamt \u00fcbertr\u00e4gt SES weltweit \u00fcber 6.200 Fernsehprogramme. In Europa sind es ca. 900 \u00fcber Astra 19,2 Ost, davon 300 deutschsprachige Sender und von denen werden wiederum ca. 90 in HDTV, also hochaufl\u00f6sender Qualit\u00e4t, ausgestrahlt.<\/p>\n<p><strong>Wie viele Satelliten braucht man daf\u00fcr, reicht nicht einer?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, f\u00fcr die \u00dcbertragung der vielen Sender k\u00e4men wir mit nur einem Satelliten nicht weit. Deswegen haben wir auf 19,2 Grad Ost, das ist die Position auf die alle Satellitensch\u00fcsseln Deutschlands ausgerichtet sind, vier Satelliten co-positioniert. Damit haben wir ausreichend Bandbreite f\u00fcr die \u00dcbertragung und einen Sicherheitspuffer. Stellen Sie sich einmal vor, w\u00e4hrend dem WM-Finale f\u00e4llt pl\u00f6tzlich das Bild aus und es gibt keinen Plan B. Insgesamt haben wir eine Sendesicherheit von \u00fcber 99,9 Prozent, das ist schon sehr hoch. Also rein rechnerisch fallen wir vielleicht ein paar Sekunden \u00fcbers Jahr aus, aber das merkt der Zuschauer nicht.<\/p>\n<p><strong>Wie lange h\u00e4lt ein Satellit?<\/strong><\/p>\n<p>Die durchschnittliche Lebensdauer betr\u00e4gt 14-15 Jahre. Ein Satellit, auch wenn er weit von der Erde entfernt ist, unterliegt in der Schwerelosigkeit immer noch bestimmten physikalischen Einwirkungen wie Erdanziehungskraft oder auch durch Sonnenwinde. Ein Satellit wird permanent gesteuert, damit er in seiner Position bleibt und sich nicht wegdreht. Daf\u00fcr hat er Treibstofftanks an Board. Diese sind irgendwann leer, wenn man gen\u00fcgend Man\u00f6ver geflogen hat. Dann werden die Satelliten mit dem letzten Rest auf eine etwas h\u00f6here Position verbracht, quasi eine Art Ruhest\u00e4tte. Der Weltraumschrott, \u00fcber den immer wieder berichtet wird, der entsteht aber viel erdnaher. Besonders betroffen ist die H\u00f6he von 800 Kilometern, das ist die bevorzugte Flugbahn der Aufkl\u00e4rungssatelliten. Die internationale Raumstation ISS fliegt zwischen 350 und 400 Kilometern, aber auch die musste schon mehrmals Objekten ausweichen, die gr\u00f6\u00dfer als ein Zentimeter sind.<\/p>\n<p><strong>Was kostet es an Vorleistungen, damit ein Satellit ins All startet?<\/strong><\/p>\n<p>Das ganze Thema ist generell ziemlich aufwendig, allein f\u00fcr den Bau des Satelliten kann man bis zu drei Jahre veranschlagen. Auch der Transport ins All ist ein technologischer h\u00f6chst anspruchsvoller Prozess. Insgesamt kommt f\u00fcr den Launch eines neuen Astra Satelliten inklusive Bau, Raketenstart und Versicherung ein Betrag im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich zusammen.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man sich ganz konkret das Zusammenspiel zwischen Satelliten einerseits und dem ausgestrahlten Programmen andererseits vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Sendesignale der Fernsehsender gehen \u00fcber so genannte Uplink-Stationen hoch zu den Astra-Satelliten. Die Kollegen bei SES in Luxemburg haben eine, bei uns in M\u00fcnchen-Unterf\u00f6hring steht ebenfalls eine Satellitenbodenstation. Die wird zum Beispiel von Sky Deutschland genutzt, Fernsehsender wie die ARD betreiben ihre eigenen Uplinks. Kommt das Signal oben beim Satelliten an, macht der eigentlich nichts anderes als das Signal zu verst\u00e4rken und \u00fcber einem gewissen Gebiet wieder abzustrahlen \u2013 aus dem Richtstrahl 36.000 Kilometer nach oben wird quasi eine TV-Dusche aus 36.000 Kilometer H\u00f6he nach unten. So dauert beispielsweise die Ausstrahlung der Tagesschau vom Sender bis zum Satellitenreceiver zu Hause nicht einmal eine Sekunde. In weiten Teilen Zentraleuropas kann man das Signal mit einer 60cm Antenne empfangen.<\/p>\n<p><strong>18 Millionen TV-Haushalte nutzen derzeit Satelliten-Fernsehen in Deutschland. Sind Sie mit diesen Zahlen zufrieden?<\/strong><\/p>\n<p>Ja und nein. Vor 10 Jahren gab es erst 14 Millionen Sat-Haushalte, gerade in den letzten 3 Jahren konnten wir signifikant zulegen. 18 Millionen sind f\u00fcr uns schon ein toller Erfolg. Aber wir wollen nat\u00fcrlich weiter zulegen und mittelfristig die Marke von 20 Millionen knacken. Ich glaube hierf\u00fcr sind wir ganz gut aufgestellt, wir bieten dem Zuschauer maximale Fernsehfreiheit in bester Qualit\u00e4t zu den geringsten Kosten. Bei uns bezahlen Sie keine monatlichen Geb\u00fchren, beim Kabelfernsehen sind Sie mit 20 Euro im Monat dabei. Und Sie bekommen noch die Hardware vorgeschrieben, bei uns k\u00f6nnen Sie jeden Fernseher und Receiver verwenden, den Sie m\u00f6chten. Au\u00dferdem bekommen Sie bei Astra 30 HD-Sender frei Haus \u2013 und wenn Sie HD+ oder Sky dazu buchen wollen, bekommen Sie auch wirklich das komplette TV-Angebot. Auf den Punkt kann man das vielleicht mit \u201eMehr, besser, g\u00fcnstiger \u2013 und fairer\u201c bringen. Unser Angebot gibt es so weder im Kabel, noch beim Internetfernsehen, und schon gar nicht \u00fcber DVB-T. Satellitenfernsehen ist klar das qualitativ bessere Fernsehen. Nicht nur Privatkunden, auch die Wohnungswirtschaft interessiert sich sehr stark f\u00fcr das Thema Satellitenempfang, weil man mittlerweile mit der Glasfasertechnik \u00fcber eine Satellitensch\u00fcssel in neuen wie bestehenden Wohnanlagen tausende Haushalte ohne Qualit\u00e4tsverlust versorgen kann.<\/p>\n<p><strong>Das digitale Fernsehen hat in relativ kurzer Zeit einen Siegeszug angetreten, aber auch das Fernsehen im Internet wird immer beliebter. Nach wie vor verbringen die Deutschen die meiste Zeit noch vor dem Fernsehen, doch in absehbarer Zeit k\u00f6nnte sich das durch das Internetfernsehen vielleicht \u00e4ndern. Sehen Sie hier eine Gefahr, dass immer mehr Kunden ins Internet abwandern, ist IPTV im Kommen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, die Fernsehgewohnheiten der Menschen werden sich sukzessive \u00e4ndern, aber wir reden hier \u00fcber eine Evolution, keine Revolution. Dass kann am besten bei sich selbst bemerken. Entspannung, Abschalten, Live-Events, Spitzensport \u2013 das sind nur einige Beispiele f\u00fcr die St\u00e4rken des linearen Fernsehens. Die werden auch Bestand haben. F\u00fcr die nicht-linearen Inhalte eignet sich dagegen das Internet. Aber genauso, wie das gute alte laufende TV-Programm jetzt auch abseits der Fernseher auf Tablets oder Smartphones konsumiert wird, gilt das umgekehrt f\u00fcr non-lineare Inhalte. Auch Inhalte auf Abruf werden auf dem gro\u00dfen Bildschirm geschaut. F\u00fcr das Thema hybrides Fernsehen gibt es einen Standard, genannt \u201eHybrid Broadcasting Broadband TV\u201c, abgek\u00fcrzt HbbTV. Fast alle Fernseher, die sie heute kaufen k\u00f6nnen, sind damit ausger\u00fcstet. Diesen Standard haben wir gemeinsam mit der Industrie ins Leben gerufen, damit der Endkunde zwischen der linearen und nicht-linearen Welt hin und her schalten kann \u2013 und zum Beispiel zus\u00e4tzlich zum laufenden Programm die Mediatheken der Sender abrufen kann. Unsere Schwester HD PLUS bietet zum Beispiel den Zugriff auf die Mediatheken privater Sender mit dem Service HD+ Replay. Kurz: Das Internet sehe ich nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Wir glauben, dass sich die Nutzung von bewegten Bildern nicht dramatisch vom Satelliten ins Internet verlagert. Es wird eine Co-Existenz geben, und da sehen wir unsere Chance, neue Gesch\u00e4ftsmodelle f\u00fcr Fernsehsender anzubieten.<\/p>\n<p><strong>Herr Els\u00e4\u00dfer, Sie kritisieren, dass \u201eMillionen von deutschen TV-Haushalten[\u2026] ohne Not die M\u00f6glichkeiten ihres modernen HD-Flachbildschirmes, teils aus Unwissenheit, m\u00f6glicherweise auch aus unbegr\u00fcndeter Sorge vor Technik oder Kosten\u201c, erschenken. Was kann man Ihrer Meinung nach daran \u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p>Von den 18 Millionen Satelliten-Haushalten nutzt tats\u00e4chlich erst etwas mehr als die H\u00e4lfte HD. Die andere H\u00e4lfte war w\u00e4hrend der Fu\u00dfballweltmeisterschaft wahrscheinlich beim Public Viewing. Wenn man so ein Spektakel nicht in HD genie\u00dft, ist das aus meiner Sicht \u2013 vorsichtig formuliert \u2013 eine verpasste Chance. Wir werben seit Jahren daf\u00fcr, bei einer Neuanschaffung oder Ersatzk\u00e4ufen gleich in HD-Equipment zu investieren, um das Potenzial moderner Flachbildschirme auch wirklich zu nutzen. Durch die WM hat es hier einen ordentlichen Schub gegeben und ich hoffe, dass sich die positive Entwicklung fortsetzt.<\/p>\n<p><strong>Wo ist man da im Preissegment?<\/strong><\/p>\n<p>Receiver gibt es heute von einfachem 30-Euro-Modell bis hin zum Spitzenreceiver um die 500 Euro mit allen Schikanen inklusiver gro\u00dfer Festplatte. Dabei sind die Preisunterschiede zwischen einem SD und einem HD Receiver marginal, oft sind das keine 10 Euro mehr. Am besten sollte man sich einen HD+ Receiver kaufen. Mit dem kann man nicht nur die Privatsender, sondern auch alle \u00fcber Astra frei empfangbaren HD-Sender sehen. Zukunftssicher sind auch Sky Receiver, mir denen kann man alle Programme empfangen.<\/p>\n<p><strong>Fernsehen noch intensiver erleben \u2013 mit Ultra-HD ist das bereits m\u00f6glich. Was verbessert sich durch die neue Technik f\u00fcr den Zuschauer, was ist an weiteren qualitativen Ver\u00e4nderungen geplant?<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist bei der Einf\u00fchrung von neuen Technologien wichtig, dass es eine Standardisierung der Produkte gibt. Dann haben Hersteller und Kunden Investitionssicherheit und es entsteht ein Markt f\u00fcr neue Ger\u00e4te &#8211; und damit technische Reichweite. Dann k\u00f6nnen die Sender entsprechende Angebote in den Markt bringen. Wir haben dies sehr erfolgreich von analog zu digital und von Standard Digital (SD) zu HDTV gemanagt. Das hat einige Jahre gedauert und \u00e4hnlich wird das beim neuen Thema Ultra HD verlaufen. Ultra HD bietet eine viermal h\u00f6here Aufl\u00f6sung als HD, das ist quasi wie aus dem Fenster schauen. Die Leute kaufen sich immer gr\u00f6\u00dfere Bildschirme, und wenn man relativ nahe davor sitzt, sieht man auf einem HD Bild Pixel. Das ist bei Ultra HD nicht der Fall. Perspektivisch werden wir weitere Verbesserungen bekommen, etwas bei der Farbdarstellung oder durch erheblich bessere Kontrastwerte. Das Thema Ultra HD wird von der gesamten Branche nachhaltig und mit Weitblick entwickelt. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass Ultra HD \u00fcber kurz oder lang HD als Standard abl\u00f6sen wird.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcnschen Sie sich f\u00fcr Astra f\u00fcr die n\u00e4chsten 10 Jahre?<\/strong><\/p>\n<p>Wir w\u00fcnschen uns, dass es bald m\u00f6glichst viele Ultra HD Programme gibt. Von Sky, von den privaten, aber auch den \u00f6ffentlich rechtlich Sendern. Und dass wir weiter unsere Reichweite steigern und unseren Kollegen vom Kabel und der terrestrischen Verbreitung noch ein paar Haushalte abluchsen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Dr. Dr. Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>&#8222;Wenn das Christentum im alten Europa eine Zukunft haben will, denke ich, kann es das nur \u00f6kumenisch haben, da gibt es keine Alternative dazu.&#8220;<br \/>\nIm Interview Walter Kardinal Kasper<\/h1>\n<p>von Karl Kardinal Kasper<\/p>\n<p><strong>2013 gab es eine Initiative zur \u00d6kumene von Spitzenpolitikern, mit Herrn Norbert Lammert, Herrn Richard von Weizs\u00e4cker. Wie steht es mit der \u00d6kumene jetzt? <\/strong><\/p>\n<p>Die \u00d6kumene hat mich seit vielen Jahren besch\u00e4ftigt. Aus W\u00fcrttemberg stammend ist mir die \u00d6kumene in die Wiege gelegt. Aber f\u00fcr mich ist es durch die Arbeit in Rom selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df die \u00d6kumene weltweit, mit den Orthodoxen beispielsweise, funktionieren mu\u00df, Deutschland ist da nur ein Land unter vielen. Wie diese \u00d6kumene funktioniert, ist das Thema der Stunde und nicht nur etwas, das innerkirchlich von Bedeutung ist. Gerade diese globale \u00d6kumene bleibt ein \u00e4u\u00dfert interessantes Feld, insbesondere politisch.<br \/>\nVieles ist in den letzten Jahren in der \u00d6kumene geschehen, aber viele Differenzen gibt es noch in den K\u00f6pfen und den Herzen. Ich bin in dieser Sache sehr zuversichtlich.<br \/>\nDas Grundproblem ist: alle wollen die Einheit, aber ein evangelisches und katholisches Kirchenverst\u00e4ndnis versteht unter Einheit nicht dasselbe, das Ziel der \u00d6kumene ist also gar nicht so einfach zu bestimmen. Das bedeutet nicht, da\u00df es Zwischenl\u00f6sungen gibt, aber die mu\u00df man auf Gemeindeebene l\u00f6sen.<br \/>\nMit Papst Franziskus haben wir eine neue Chance f\u00fcr die \u00d6kumene, denn er hat mit allen Konfessionen gute Kontakte und auch \u00f6kumenisch sehr viel vor, die zeigt sich bereits sehr deutlich nach einem Jahr seines Pontifikats.<br \/>\nEr hat als Konzept etwas, das ich nur aus der lutherischen Kirche her kannte, in sein Denken aufgenommen, die vers\u00f6hnte Verschiedenheit. Dies hat er schon in seinem Dialog mit den j\u00fcdischen Rabbis ge\u00e4u\u00dfert \u2013 und hier sehe ich einen Aufbruchs- und Wachstumsproze\u00df, der nicht nur dazu dient, der Kirche zu dienen, sondern auch den Menschen, um ihr Gl\u00fcck zu finden.<br \/>\nWenn das Christentum im alten Europa eine Zukunft haben will, denke ich, kann es das nur \u00f6kumenisch haben, da gibt es keine Alternative dazu. Aber jede Kirche sollte auch ihre Hausaugaben machen. Wenn der Papst jetzt damit beginnt, die synodale Struktur st\u00e4rker zu betonten, so kommt das den evangelischen Christen und den Orthodoxen ebenso zugute, da braucht man keinen Dialog f\u00fchren, dadurch w\u00e4chst man bereits enger zusammen.<br \/>\n\u00d6kumene ist nicht nur ein Teil der theologischen Arbeit \u2013 Christsein heute, in der Moderne, war f\u00fcr mich von Anfang an immer ein Thema. Ich habe \u00fcber den Philosophen Schelling, eine moderne Philosophie, habilitiert, kurzum:mir war es immer wichtig, das moderne Denken von innen her zu verstehen.<br \/>\nHeute ist es die gro\u00dfe Aufgabe, Christein im heute, keine neue Kirche zu erschaffen, die kann man nicht neu erfinden, aber eine erneuerte Kirche mit einem neuen Gesicht zu pr\u00e4gen, die sich denProblemen der Menschen stellt. Es mu\u00df wichtig sein und bleiben, was den Menschen unmittelbar angeht. Der Glaube kann in einer pluralistischen Welt nur \u00fcberlegen, wenn man sich den Schicksalen der einzelnen Menschen annimmt. Nach einem Jahr Franziskus hat sich gezeigt, da\u00df die katholische Kirche mit ihm einen \u00dcberraschungscoup gelandet hat.<br \/>\nGerade die Armut in der s\u00fcdamerikanischen Welt ist es, die dieser Papst sehr gut kennt und dadurch Br\u00fccken zu den anderen Konfessionen schlagen kann; diese, seine menschliche Art des Br\u00fcckenbauens wird von allen Religionen in S\u00fcdamerika sehr gesch\u00e4tzt. Da\u00df er so denkt, gesamtmenschlich denkt, ist ein au\u00dferordentliches Zeichen an alle anderen Konfessionen und darin sehe ich eine St\u00e4rke f\u00fcr das konfessionelle Zusammenwachsen, getreu dem Motto: Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit.<\/p>\n<p><strong>Gibt es mehr Zentralismus seit dem II. Vatikanischen Konzil?<\/strong><\/p>\n<p>Das wir ein Zentrum mit Rom haben, ist ein Geschenk, aber dies meint nicht Zentralismus. Wenn man aber glaubt, man kann alles von Rom aus regieren, daf\u00fcr ist die Welt zu verschieden. Auch hierf\u00fcr geht der jetzige Papst mit gutem Beispiel voran, weil er darauf Wert legt, da\u00df regionale Entscheidungen auch von den regionalen Bisch\u00f6fen getroffen werden k\u00f6nnen. Aber in den zentralen grundlegenden Fragen mu\u00df man an einem Strick ziehen, was ich als eigentliche St\u00e4rke der katholischen Kirche begreife und was man nicht aufgeben kann.<\/p>\n<p><strong>Postmetaphysische Ethiken gab es viele. In Ihrer neuen Publikation sprechen Sie auch auf Levinas und auf Derrida und die Freundschaft an. Jetzt haben Sie ein neues Buch mit dem Titel \u201eBarmherzigkeit\u201c vorgelegt, eine neue Ethik f\u00fcr das 21. Jahrhundert m\u00f6glicherweise? Was zeichnet den Begriff der Barmherzigkeit aus und wie ist dieser universalisierbar?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe im Buch versucht zu zeigen, da\u00df es Ans\u00e4tze zu diesem Begriff in allen gro\u00dfen Religionen gibt, bei den <em>Hindus<\/em>, den Buddhisten und im Islam, wo jede Sure mit einer Preisung der Barmherzigkeit anf\u00e4ngt. Barmherzigkeit ist eine urmenschliche Erwartung, derart, da\u00df der andere mir als ein barmherziger Mensch begegnet. Barmherzigkeit bedeutet ja, einen neuen Anfang geschenkt zu bekommen \u2013dies ist die Grundbotschaft des Alten Testaments. Aber auch im Gleichnis vom Verlorenen Sohn, bzw. vom barmherzigen Vater im Evangelium nach Lukas sehen wir, da\u00df Gott ein barmherziger ist, eine gro\u00dfartige Idee finde ich.<br \/>\nDie Barmherzigkeit schlie\u00dft die soziale Gerechtigkeit nicht aus. Wir merken es in unserem sozialen System, wenn wir alles nur verrechtlichen wollen, wird alles sehr kompliziert, man braucht im Rechtssystem auch Barmherzigkeit, die auf die einzelne Person zugeschnitten ist, sie ist also vonn\u00f6ten, wo das Recht nicht mehr greift, oder eine Person nur als Sache oder Fall behandelt wird. Barmherzigkeit kann man nicht auf den Staat reduzieren, sondern wir sind es, die die Barmherzigkeit leben m\u00fcssen.<br \/>\nIch denke auch, da\u00df es politisch unheimlich wichtig ist, barmherzig zu sein. Dies gilt selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr die Kirche, die vielen Menschen oft als unbarmherzig erscheint. Sie mu\u00df Barmherzigkeit walten lassen, und dies ist \u2013 meiner Meinung nach \u2013 einer ihrer wichtigsten Imperative.<br \/>\nIch selbst hatte meine Schwierigkeiten mit dem Begriff der Barmherzigkeit, selbst als Professor, aber nach langer Recherche und gr\u00fcndlichem Bedenken ist es mir schlie\u00dflich gelungen, dieses Buch zu schreiben. Und Gl\u00fcck hatte ich dar\u00fcber hinaus, da\u00df der jetzige Papst dieses Buch \u2013 quasi f\u00fcr mich \u2013 beworben hat, weil er von der Wichtigkeit der Barmherzigkeit v\u00f6llig \u00fcberzeugt ist. Und er wei\u00df, weil er selbst aus Lateinamerika kommt, wie wichtig Barmherzigkeit ist, insbesondere f\u00fcr die Menschen in den Armenvierteln der Welt, in den Slums, die f\u00fcr viele, weil sie arm sind, keinen Wert haben. Ohne Barmherzigkeit g\u00e4be es im dortigen Neokapitalismus keine Hilfe. Wichtig ist und bleibt die seelische Barmherzigkeit, und interessant ist, wenn sie die Gerichtspredigt Jesu lesen, nach welchen Kriterien wir am Schlu\u00df Rechenschaft geben m\u00fcssen. Dann sieht man wie wichtig es ist, barmherzig zu sein, andere Not und Elend gelindert zu haben.<\/p>\n<p><strong>Wo sehen Sie die gr\u00f6\u00dfte Gefahr oder die Herausforderung f\u00fcr die Kirche im 21. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte die Antwort auf die westliche Welt beschr\u00e4nken, in den anderen Kulturen ist das sehr unterschiedlich. Im Westen sehe ich die gr\u00f6\u00dfte Gefahr in der Gleichg\u00fcltigkeit, wo alles beliebig ist, wo jeder macht, was er will. Menschen sollten wieder mehr Ideale haben, die mu\u00df man zwar nicht teilen, aber dar\u00fcber kann man wenigstens streiten, was zumindest einen sinnvollen Dialog m\u00f6glich werden l\u00e4\u00dft. Bei der derzeitigen Gleichg\u00fcltigkeit, dieser \u201eWurstigkeit\u201c kann man mit Glaubensverk\u00fcndigungen nicht kommen, weil alles relativ ist. Karl Rahner, einer der gr\u00f6\u00dften Theologen der vorangegangen Generation, hat einmal gesagt, ein Atheist ist ein pastoraler Gl\u00fccksfall. Zwar bestreitet dieser, da\u00df Gott existiert, aber ihm ist es immerhin ein Anliegen, Gott zu negieren, mit ihm kann man wenigstens streiten. Mit einem, der gar nicht glaubt, mit dem kann man gar nicht diskutieren.<br \/>\nDie Gleichg\u00fcltigkeit im Wesen scheint mir wie eine geistig-seelische W\u00fcste, wo man von einem Event zum n\u00e4chsten jagt. Alles ist dann wieder nichtig und man jagt zum n\u00e4chsten. Religion hingegen hat was mit Faszination zu tun. Es ist eine Definition von Religion, da\u00df noch etwas anderes, das noch mehr da ist. Daran krankt der Westen momentan, dem es vielleicht zu gut geht, es soll auch keinem schlecht gehen, aber das gen\u00fcgt nicht. Da sehe ich eine Schwierigkeit, die ich immer in der alten DDR gesehen habe, die ich oft im tiefsten Sozialismus bereist habe. Dort gibt es Menschen, die gar keinen Sinn mehr f\u00fcr die Frage haben. Hier ist es eine Aufgabe der Kirche zu provozieren, die Frage, die letzten Fragen zu stellen, wozu bin ich eigentlich da, was ist der Sinn meines Lebens, was hei\u00dft es gl\u00fccklich zu leben, das ist ja nicht nur Essen und Trinken, und hier da fehlt es \u2013 nicht nur in der ehemaligen DDR.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, das Dr. Dr. Stefan Gro\u00df f\u00fchrte.<\/p>\n<h1>\u201eWir alle haben die Sehnsucht nach einem Miteinander und m\u00fcssen den Mut haben, Utopien zu leben&#8220; &#8211; Konstantin Wecker im Interview<\/h1>\n<p>von Konstantin Wecker<\/p>\n<p><strong>Herr Wecker: Inwieweit haben Sie ihr Freund und Lehrer Carl Orff und die klassische Musik beeinflu\u00dft?<\/strong><\/p>\n<p>Carl Orff hat mich musikalisch stark gepr\u00e4gt. Dies ist interessant, wenn man meine Lieder h\u00f6rt, und sich nicht gut wirklich gut mit Orff auskennt. Es w\u00fcrde keiner glauben, da\u00df mich Orff mehr beeinflu\u00dft hat als alle anderen. Das ist ganz faszinierend \u2013 auch im R\u00fcckblick f\u00fcr mich selbst. Nat\u00fcrlich hat mich auch Schubert gepr\u00e4gt; insofern bin ich v\u00f6llig anders als viele meiner h\u00f6chstgesch\u00e4tzten Kollegen sozialisiert, als Hannes Wader beispielsweise, den ich \u00fcber alles liebe, der aber vom amerikanischen und der englischen Folkmusik herkommt, oder viele von der franz\u00f6sischen Musik. Bei mir war es die Klassik, denn mein Vater war Operns\u00e4nger und hat klassisches Liedgut gesunden. Als Knabe habe ich selbst Schumann, Schubert und Verdi gesungen. Dies ist meine Herkunft. Und dann hat mich Orff mit seinen Instrumentierungen erwischt, der Orff ist f\u00fcr mich ein bayerischer Blues, ich selbst mache auch einen bayerischen Blues. Zwar war ich nicht Baumwollpfl\u00fccken, aber den bayerischen Blues, den k\u00f6nnen Carl Orff und ich besser.<\/p>\n<p>Meine Musik ist also von der Klassikund der Instrumentierung Orffs beeinflu\u00dft. Ich hatte in den 80ern, was man sich heute gar nicht vorstellen kann, ein Kammerorchester dabei, das war damals v\u00f6llig unpopul\u00e4r. Und dennoch hatte ich ein gro\u00dfes Publikum um mich sammeln k\u00f6nnen. Also, mit einem Kammerorchester, dies war f\u00fcr die Art, bei den Liedermachern in dieser Zeit v\u00f6llig untypisch.<br \/>\nIch werde nie vergessen wie ich Ende de 70er, als ein h\u00f6chst politischer S\u00e4nger, der ich immer war, kritisch darauf angesprochen wurde, da\u00df ich ein Cello auf der B\u00fchne hatte. Auf den damaligen Vorwurf, das Cello sei ein <em>bourgeoises<\/em> Instrument konnte ich nur lakonisch antworten, da\u00df dies die Gitarre eben auch sei. Hannes Wader, der mich fr\u00fcher nie m\u00f6chte, wir haben uns erst sp\u00e4t lieben gelernt, hat einmal gesagt: \u201emir waren immer sechs Saiten einer Gitarre zu viel\u201c, ihm h\u00e4tten drei gen\u00fcgt, mehr war Wader nicht puritanisch genug\u201c. Und dann kam so ein kulinarischer Bayer wie ich mit Cello daher, was vielen damals \u00fcberhaupt nicht gepa\u00dft hat.<\/p>\n<p><strong>In Ihrem Film mit Hannes Wader sp\u00fcrt man, da\u00df Sie eine kraftvolle Ausstrahlung haben, woher nehmen Sie diese kraftvolle Energie?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine sch\u00f6ne Frage. Auf diese gibt es eine Antwort, die sich jeder selbst geben k\u00f6nnte, wenn er nicht einen Fehlgedanken h\u00e4tte. Viele Menschen denken, Energien sind etwas, die man mit der Geburt mitbekommen hat und je \u00e4lter man wird, werden diese immer weniger, ist das Fa\u00df quasi irgendwann einmal leer.Der eine kriegt mehr, der andere weniger. Energie ist etwas, was da ist, was existiert. Die einzige M\u00f6glichkeit, Energie zu bekommen, ist offen zu sein und dies zu bleiben. Man merkt es an Bekannten und Freunden, je verschossener jemand ist, desto unenergetischer ist; vielleicht ist einer gemein, vielleicht m\u00e4chtig, vielleicht b\u00f6sartig, das kann auch eine gewisse Energie sein, aber es ist nicht eine wirkliche energetische Ausstrahlung. Das geht nur durch Offenheit; man mu\u00df neugierig sein und den Mut haben, sich auf Neues einzulassen. Das gibt eine wahnsinnige Energie. Und bei Orff, der damals schon weit \u00fcber achtzig war und kaum mehr gehen konnte, weil er k\u00f6rperlich ziemlich gebrechlich war, er hatte Augen, die leuchteten. Und man dachte, hier sitzt einem ein Siebzehnj\u00e4hriger gegen\u00fcber. Das war diese Wachheit, die er bis zum Schlu\u00df hatte. Energie kann jeder haben und Orff hatte er sie in einem ganz besonderen Ma\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>Sie beschreiben, da\u00df Sie jeden Abend ihre Lieder neu und mit Freude interpretieren, ist das ein Ausdruck dieser Energie?<\/strong><\/p>\n<p>Ja nat\u00fcrlich. Der Austausch zwischen dem Publikum und dem, was auf der B\u00fchne passiert, ist etwas sehr liebevolles. Man ist nicht dauernd gleicher Meinung, das mu\u00df man auch nicht sein, aber man hat die gleiche Sehnsucht. Dies ist etwas, was den K\u00fcnstler so sehr mit seinem Publikum verbindet. Das macht dann wirklich Spa\u00df.<\/p>\n<p><strong>\u201eSie glauben an den Menschen, das Mitgef\u00fchl, die Liebe, an das Gute im Menschen, sie glauben an eine liebevolle, gewaltfreie Gesellschaft des Miteinanders\u201c. Was ist darunter zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine Utopie. Das ist genau alles, was wir in unserer Gesellschaft nicht haben, leider. Aber wir haben komischerweise die Sehnsucht nach einem Miteinander, wir haben die Sehnsucht, da\u00df keiner den anderen unterdr\u00fcckt. Jeder von uns hat diese Sehnsucht, auch wenn wir sie nicht leben. Wir denken, wir d\u00fcrfen die Sehnsucht nicht leben, weil wir sonst keine Karriere machen k\u00f6nnen, weil wir sonst in der Gesellschaft, in dieser Ellenbogengesellschaft, nicht weiterkommen. Ich meinerseits glaube, wir m\u00fcssen den Mut haben, Utopien in uns leben zu wollen und auch zu d\u00fcrfen. Jeder von uns hat diese Sehns\u00fcchte. Es gibt nur ganz wenige gest\u00f6rte Menschen, die der Meinung sind, auf den anderen einzutreten, wenn dieser am Boden liegt. Aber es ist eine Minderheit, die zwar immer gern hochgehoben wird, wann man sagt, da\u00df der Mensch so sei, doch meiner Meinung nach ist er nicht so. Aber wir sind in einer Gesellschaft, die uns diese Sehns\u00fcchte nicht erlaubt, weil sie uns vorgaukelt, da\u00df wir dann nicht leistungsf\u00f6rdernd sind. La\u00dft uns, so denke ich, diese Sehnsucht leben. Man sollte sich keineswegs von Menschen fertigmachen lassen, die meinen, man m\u00fcsse gegen den Gutmenschen schimpfen. Was ist denn das Gegenteil vom Gutmensch, der Schlechtmensch? Will ich ein Schlechtmensch sein? Ich behaupte, es ist besser ein Gutmensch als ein Schlechtmensch zu sein, schlechte Menschen hatten wir in der Nazizeit.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich die Zusammenarbeit mit der Bayerischen Philharmonie ergeben?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe Mark Mast vor f\u00fcnf Jahren kennengelernt. Und ich finde die Zusammenarbeit sehr spannend, weil er aus einer ganzen anderen Ecke kam, er war Jazzer, und hat Saxophon, Blues gespielt, ist dann zur Klassik gewechselt. Diese Lebensgeschichte finde ich toll, alles was grenz\u00fcberscheitet musikalisch \u00fcberschreitend ist, interessiert mich sehr, viel mehr als diejenigen, die in ihren festen Gebieten starr bleiben. Ich war von seiner Idee \u00fcberzeugt, mit jungen Musikern zu arbeiten.<\/p>\n<h1>Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Karl-Josef Kuschel<\/h1>\n<p>von Karl-Josef Kuschel<\/p>\n<p>\u201e<strong>Von Gott kann man nicht sprechen, wenn man nicht wei\u00df, was Sprache ist\u201c, was ist damit gemeint? <\/strong><\/p>\n<p>Zuna\u0308chst einmal ist das ein Zitat des gro\u00dfen Lyrikers Gu\u0308nther Eich aus seiner Bu\u0308chner-Preis- Rede Ende der 50er Jahre. Und der Satz hat noch eine Fortsetzung. Dann wird deutlich, was damit gemeint ist: Tut man es dennoch, sagt Eich, also spricht man von Gott, ohne zu wissen, was Sprache leistet, was Sprache mo\u0308glich und unmo\u0308glich macht, dann missbraucht man seinen Namen und erniedrigt ihn zur Propagandaformel. Das hei\u00dft: Gu\u0308nther Eich will darauf hinweisen, dass Sprache gro\u00dfe Mo\u0308glichkeiten hat \u2013 aber auch gro\u00dfe Gefahren in sich birgt. Na\u0308mlich die der Versteinerung, der Objektivierung, der Verdinglichung. Und wenn man \u201eGott\u201c wie ein Ding, wie eine Sache behandelt, dann bleibt er nicht mehr der lebendige Gott, der sich aller Sprache entzieht. Es ist eine Warnung davor, dass \u201eGott\u201c, den wir den Unnennbaren, den Unbegreiflichen, den Unverfu\u0308gbaren nennen, in wohlfeile Formeln aufgelo\u0308st wird. Sprache hat diese Gefahr in sich \u2013 also die der Verdinglichung, der Verzweckung, des propagandistischen Missbrauchs, was im \u201eFall\u201c der Gottesrede besonders gefa\u0308hrlich ist.<\/p>\n<p><strong>Warum brauchen wir globale ethische Standards, Sie sprechen von einem Weltgewissen, um zu u\u0308berleben? <\/strong><\/p>\n<p>Globale ethische Standards braucht man, weil wir in einer immer sta\u0308rker zusammenwachsenden Weltgesellschaft leben \u2013 sowohl o\u0308konomisch wie o\u0308kologisch wie finanziell. Wenn Sie an Fragen wie die des Weltklimas denken, der Weltmigrationsstro\u0308me, der Weltverbrechen wie Drogenhandel, Waffenhandel etc., dann wissen Sie, was ich meine. Wir leben in einer zunehmend kommunikativ vernetzten Weltgesellschaft. Wie soll man da u\u0308berleben, wenn man nicht elementare ethische Standards miteinander teilt? Wenn nicht das Gebot, du sollst nicht lu\u0308gen, du sollst nicht stehlen, nicht morden, du sollst Sexualita\u0308t nicht missbrauchen, um nur diese vier zu nennen, wenn die nicht u\u0308berall geteilt werden? In einer immer sta\u0308rker zusammenwachsenden W eltwirtschaft zum Beispiel kann man nicht interagieren, kann man kein Vertrauen, kann man keine gescha\u0308ftlichen Beziehungen aufbauen ohne ein Minimum an Vertrauen, an Zuverla\u0308ssigkeit, an Ehrlichkeit. Auch der Welthandel mit ausla\u0308ndischen Partnern beispielsweise wu\u0308rde ja sofort zusammenbrechen, wenn man das Gefu\u0308hl ha\u0308tte, man wird vom anderen nur u\u0308bervorteilt, man wird angelogen, man wird betrogen, u\u0308bers Ohr gehauen. Vertra\u0308ge wa\u0308ren dann das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. Mit anderen Worten: die eine Welt- Gesellschaft braucht ein Welt-Ethos, das hei\u00dft universal, u\u0308berall geltende ethische Standards \u2013 zumindest in elementaren Bereichen, unbeschadet kultureller oder religio\u0308ser Unterschiede. In speziellen Bereichen, sagen wir bei Geburtenkontrolle, Abtreibung, Sterbehilfe oder vielen anderen konkreten ethischen Fragen, wird es sicher keinen Konsens geben. Aber die Weltreligionen ko\u0308nnen bei diesen elementaren ethischen Standards so etwas wie ein Weltgewissen sein, damit die Weltgesellschaft zusammengehalten wird und nicht auseinander driftet.<\/p>\n<p><strong>Was ko\u0308nnen wir Christen von den anderen Religionen lernen, wo sehen Sie Nachholbedarf? <\/strong><\/p>\n<p>Lassen Sie mich ihre abstrakte Frage gleich \u201eherunterbrechen\u201c: Was habe <em>ich <\/em>von <em>Menschen <\/em>anderen Glaubens gelernt? Ich habe vor allen mit vielen ju\u0308dischen Kolleginnen und Kollegen, aber auch muslimischen, zusammengearbeitet und unendlich viel von ihnen gelernt. Ich habe zuna\u0308chst einmal gelernt, dass der jeweils Andere nicht nur der <em>anders <\/em>Glaubende, sondern auch der Anders<em>glaubende <\/em>ist. Daraus folgt: Glauben an Werte, an etwas Go\u0308ttliches, etwas Heiliges ist kein Privat- oder Exklusivbesitz einer Religion. Dass es u\u0308berall auf der Welt<br \/>\nMenschen gibt, die sich religio\u0308s oder spirituell orientieren, hei\u00dft ja umgekehrt: Man ist als Christ nicht alleine in der einen Weltgesellschaft. Man lernt die Pluralita\u0308t religio\u0308ser Ausdrucksformen kennen und auch scha\u0308tzen. Man wei\u00df sich verbunden mit Menschen, die a\u0308hnlichen Idealen folgen. Natu\u0308rlich in ihrer eigenen Sprache, kulturbedingt, in ihren eigenen Ausdrucksformen, in ihren eigenen Riten und mit ihren eigenen Festen. Aber ich war immer beglu\u0308ckt, zum Beispiel an Festen des Judentums teilnehmen zu ko\u0308nnen oder von Muslimen eingeladen worden zu sein zum Fastenbrechen am Ende des Ramadan oder zum Opferfest. Weil ich merkte: Ich teile als Christi dieselben Ideale, das gelebte Leben in eine \u201ego\u0308ttliche Ordnung\u201c einzubetten. Gelernt habe ich auch, dass ich als Christ mit Juden die Hebra\u0308ische Bibel und mit Muslimen viele U\u0308berlieferungen teile, die der Koran ausdru\u0308cklich \u201ebesta\u0308tigt\u201c: U\u0308berlieferungen von Adam, Abraham und Moses bis hin zu Jesus und Maria.<\/p>\n<p><strong>Wahrheit ist immer wieder das gro\u00dfe Thema, bei dem sich die Religionen streiten. Wie ko\u0308nnen sich die gro\u00dfen Religionen noch mehr anna\u0308hern? <\/strong><\/p>\n<p>Zuna\u0308chst einmal ist zu sagen: Religionen vertreten Wahrheitsanspru\u0308che gegeneinander. Das darf man nicht verharmlosen, nicht bagatellisieren. Ein Jude wird sich immer orientieren an der Tora, ausgelegt in Mischna und Talmud. Christen werden sich immer an Botschaft und Person Jesu Christi orientieren, der fu\u0308r sie der definitive Interpret Gottes ist. So wie sich ein Muslim fu\u0308r sein Leben und Sterben am Koran orientiert als dem fu\u0308r ihn definitiven \u201eWort Gottes\u201c. Ich nenne das die theologische Axiomatik, und sie macht ja auch eine Religion zur \u201eReligion\u201c. Die entscheidende Frage aber ist: Gibt es unter Respektierung dieser Wahrheitsanspru\u0308che in jeder der genannten Religionen auch Raum fu\u0308r den Glauben der Anderen? Diese Frage ist Jahrhunderte lang ausgeblendet worden; man hat seine eigene Wahrheit zum Exklusivbesitz gemacht. Man hat sich oft genug polemisch abgegrenzt gegen \u201edie Anderen\u201c. Man hat sie entweder als Defizita\u0308re oder als Ungla\u0308ubige oder als Unorthodoxe bezeichnet. Mein christliches Wahrheitsgewissen in Orientierung an der Botschaft Jesu gibt \u201eden Anderen\u201c, den Nichtchristen und auch den Nichtgla\u0308ubigen, den Menschen guten Willens, die ihrem Gewissen folgen, <em>Raum vor Gott<\/em>. Dem Mattha\u0308us-Evangelium zufolge (Kap. 25) werden Christen ja am Ende, wenn Christus wiederkommt zum Weltgericht, nicht gefragt: Warst du in der richtigen Kirche, hast du die richtige Religion zelebriert, hast du nach der richtigen Dogmatik geglaubt? Sie werden nach dem Werken der Barmherzigkeit gefragt: Was hast du dem Geringsten meiner Bru\u0308der getan? Fu\u0308r einen interreligio\u0308sen Dialog hei\u00dft das, bereit zu sein, sich fu\u0308r den Anderen zu o\u0308ffnen, auf den anderen zuzugehen, sich um ihn zu ku\u0308mmern. Wie tut man das am besten? Indem man seine U\u0308berlieferungen studiert. Indem man versucht, sich in den Wahrheitsanspruch des Anderen hinein zu versetzen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die scho\u0308ne Formel gebraucht: Ziel des interreligio\u0308sen Dialogs ist das bessere wechselseitige Verstehen untereinander. Was ja nicht hei\u00dft, dass ich meine Religion aufgebe, dass ich konvertiere. Aber ich muss die mich bemu\u0308hen, die Andersheit des Anderen besser zu verstehen. Das sagt mir mein christliches Wahrheitsgewissen, das ist fu\u0308r mich ein Teil der Nachfolge Christi: Mich in die Schuhe des anderen zu stellen, den Weg des anderen versuchen nachzuvollziehen, um so immer genauer die Andersheit des Anderen verstehen zu ko\u0308nnen.<\/p>\n<p>Vor welchen gro\u00dfen Herausforderungen steht die Kirche im 21. Jahrhundert?<\/p>\n<p>Wenn Sie die katholische Kirche meinen, gibt es seit dem Konzil eine gro\u00dfe Agenda, die nach wie vor der Einlo\u0308sung harrt. Das ist auf der einen Seite die Auseinandersetzung mit dem <em>Sa\u0308kularismus der Moderne<\/em>. Millionen von Menschen fu\u0308hlen sich religio\u0308s oder kirchlich nicht mehr gebunden. Haben ihre Vorbehalte, haben ihre traumatischen Erfahrungen mit Kirche gemacht. Wie gehen wir also mit Menschen um, die explizit jede religio\u0308se oder auch kirchlich-institutionelle Verbindung zuru\u0308ckweisen, oft aus guten sachlichen oder perso\u0308nlichen<br \/>\nGru\u0308nden? Mit diesen Menschen muss Kirche im Gespra\u0308ch bleiben. Das andere ist die <em>innerchristliche O\u0308kumene<\/em>. Nach wie vor haben die Kirchen es nicht vermocht, die Kirchenspaltung und damit die Exkommunikation auf Ortsebene abzuschaffen. 2017 ist nicht mehr lange hin, das Jahr des 500 ja\u0308hrigen Jubila\u0308um der Reformation. Will die katholische Kirche so weiter machen, indem sie immer noch den protestantischen Kirchen das volle Kirchensein abspricht? Sie sei nicht die wirkliche Kirche Christi, sondern irgendeine defizita\u0308re Form, eine \u201ekirchliche Gemeinschaft\u201c? Will man also die Kirchenspaltung nach wie aufrechterhalten und den U\u0308berlegenheitsanspruch der katholischen Kirche immer noch verteidigen? Millionen von Menschen in allen Kirchen warten darauf, dass die Kirchenleitungen endlich zu Lo\u0308sungen kommen und das umsetzen, was die theologische Forschung seit dem Konzil la\u0308ngst erhoben hat: Die kirchentrennenden Differenzen sind beseitigt und die noch verbleibenden Differenzen sind nicht mehr kirchentrennend. Doch diese Ergebnisse sind nicht rezipiert. Wir ko\u0308nnten la\u0308ngst eine Abschaffung der Kirchenspaltung durchfu\u0308hren, wenn man die theologischen Ergebnisse ernst na\u0308hme und umsetzte. Und das dritte gro\u00dfe Feld ist der <em>Dialog mit den Weltreligionen<\/em>, ausgehend von der Tatsache, dass wir in einer religio\u0308s pluralen Weltgesellschaft leben, in der auch die anderen Religionen ma\u0308chtigen Einfluss haben. Vor allem der Islam. Rein statistisch sind Christentum und Islam die einzigen Religionen, die den Namen Weltreligionen verdienen. Jeder hat ungefa\u0308hr 1 Milliarde nomineller Anha\u0308nger, jede ist weltweit verbreitet. Der interreligio\u0308se Dialog steht vor gro\u00dfen Herausforderungen, weil der Weltfrieden nicht zuletzt vom Religionsfrieden abha\u0308ngt. Und dieser ha\u0308ngt nicht zuletzt von der Bereitschaft zum Dialog ab.<\/p>\n<p><strong>Kunst als Paradigma von Harmonie und Verso\u0308hnung. Welche Rolle kommt der Kunst im interkulturellen Diskurs zu? <\/strong><\/p>\n<p>Kunst ist heute Weltkunst. Das ist ein wichtiges Faktum. Das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht so absehbar. Zwar haben sich europa\u0308ische Ku\u0308nstler wie Picasso von Ku\u0308nsten aus Asien oder Ozeanien beeinflussen lassen, sie haben Impulse au\u00dfereuropa\u0308ische Kulturen aufgenommen. Ein Emil Nolde ist in den Su\u0308dpazifik gereist, ein Paul Gauguin hat in Ozeanien gearbeitet. Heute aber haben wir eine ganz neue globale Kunstsituation. Wir haben Literatur als Weltliteratur. Ganz selbstversta\u0308ndlich rezipieren wir heute Autoren aus Afrika oder Su\u0308dafrika: eine Nadine Gordimer, einen Wole Soyinka. Ganz Europa hat getrauert, als ein gro\u00dfer Su\u0308damerikaner neulich starb: Garcia Marquez. Wir rezipieren ganz selbstversta\u0308ndlich auch Autoren und Autorinnen aus Nordamerika. Die letzte Nobelpreistra\u0308gerin, Alice Munro, war eine Kanadierin. Die Grenzen sind la\u0308ngst durchla\u0308ssig geworden. Kunst in Form von Weltliteratur, Weltmusik und Weltkunst kann Horizonte ero\u0308ffnen, Grenzen sprengen und Grundfragen, die in der Kunst zum Ausdruck kommen, als Menschheitsfragen bewusst machen. Sie kann den interkulturellen Dialog befo\u0308rdern. Anders gesagt: Die internationalisierte Kunst, die Weltkunst, die wir jetzt erleben, kann zum Ansto\u00df werden, Grundfragen des Menschen neu zu thematisieren. Die Fragen des Menschen nach dem Woher und dem Wohin seines Lebens, nach dem Sinn seiner Arbeit und seines Daseins, nach den Konflikten, denen er ausgesetzt ist, und nach der Hoffnung, die Menschen miteinander teilen. Insofern ist Kunst ein wichtiges Instrument, ein wichtiges Medium der Kommunikationsfa\u0308higkeit zwischen Menschen verschiedener Kulturen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h1>Im Interview der Verleger und Medienunternehmer Eduard Kastner<\/h1>\n<p>von Eduard Kastner<\/p>\n<p><strong>Herr Kastner, wir leben in einer multimedialen Welt, die Nutzung des Internets steigt kontinuierlich, das Fernsehsehen bleibt stabil, aber die Bundesb\u00fcrger lesen immer weniger. Braucht es noch B\u00fccher oder ist das Medium \u00fcberholt?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nEs kommt nat\u00fcrlich darauf an, ob Sie das auf Print-Medien beziehen. Erwiesenerma\u00dfen wird mehr gelesen, gerade \u00fcber die elektronischen Medien. Es steigt auch die Motivation dadurch, mehr \u201ePrint\u201c zu lesen: wegen der pers\u00f6nlichen Wichtigkeit des Gelesenen oder den variierenden Umst\u00e4nden des Lesens. Elektronische Medien bekommen so den Teaser-Status, um danach \u2013 bei Bedeutung \u2013 die Contents in Print zu \u201everewigen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der gro\u00dfe Trend im Internet sind derzeit Medienportale mit kurzen Videobotschaften, sehen Sie darin mehr als einen Zeitgeist?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nEs ist Teil der \u201eArbeitsteilung\u201c: schnelle Information per E-Medium, Nacharbeitung per Print. Ob dabei immer Video-Botschaften an Bord sind, bezweifle ich. Sie sind eher aufwendig herzustellen, aber w\u00fcnschenswert, weil sie viel mehr Informationen enthalten. Es war immer Ziel aller Medien, wichtige Inhalte in sehr kompakter Weise schnell zu verbreiten. Wo bleibt da noch Platz f\u00fcr \u201eZeitgeist\u201c. Nat\u00fcrlich zwingt uns das Internet dazu um so mehr. Aber damit engt sich das Internet ein, wird zum \u201eVorabkanal\u201c. Will es das? Wom\u00f6glich wird es nicht gefragt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Mobile-Darstellung kommt diesem Trend entgegen und schafft damit Platz f\u00fcr umfangreiche Hintergrundinformationen \u2013 das muss nicht nur Print bedeuten. Es sind Hybrid-Formen bei uns bereits t\u00e4gliche Praxis.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie, dass das E-Book die Lesegewohnheiten ver\u00e4ndert?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nJedes neue Medium ver\u00e4ndert die Lesegewohnheiten. Es fragt sich nur, wohin. Das E-Book ermutigt, schnell in neue Inhalte einzutauchen, sie zu testen. Ob ein typischer E-Book-Nutzer in den Urlaub noch Print-B\u00fccher mitnehmen will, bezweifle ich. Dazwischen liegt die t\u00e4gliche Wahrheit.<\/p>\n<p><strong>Sie scheinen mit Ihrem Angebot, insbesondere auf dem Schulbuchsektor ein krisenfreies Segment zu bedienen, ist dem so?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nNat\u00fcrlich sind Anweisungen an den P\u00e4dagogen dann krisenfest, wenn sie allein und nur in Print angeboten werden. Aber wie lange ist dies noch Realit\u00e4t? Wir leben von der Tradition, von Gewohnheiten. Allerdings ist der Raum der elektronischen Medien derzeit noch sehr eng. Echt gearbeitet wird mit Print. Die elektronischen Medien dienen der Pr\u00e4sentation in der Klasse. In 10 Jahren wird dies anders aussehen.<\/p>\n<p><strong>Warum ist es schwerer, den Lesern beizubringen, dass sie f\u00fcr Journalismus auch im Internet bezahlen m\u00fcssen?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nEs ist nicht nur schwerer, schlichtweg sehr schwer. Wir z\u00f6gern noch, f\u00fcr unsere sehr breiten Dienste (z. B. www.hallertau.info) etwas zu verlangen. Dabei haben wir kaum Gegenfinanzierung \u00fcber Werbung. Diese Form der Meinungsvielfalt f\u00e4llt bei uns unter demokratischen Luxus, den wir bieten, weil die Printmedien uns (noch) den finanziellen Spielraum geben. Andere werden schneller gezwungen sein, etwas zu verlangen \u2013 oder die journalistische Qualit\u00e4t auf Facebook-Niveau abzusenken. Es kann nur nichts verlangt werden, wenn es (fast) nichts kostet. So kann es nur Qualit\u00e4tsjournalismus geben, wenn daf\u00fcr \u00fcber ein Abo etc. gezahlt wird. Doch der User entscheidet, welche Qualit\u00e4t er akzeptiert. Hier gibt es Verwerfungen zwischen Internet und Print.<\/p>\n<p><strong>Was verstehen Sie unter \u201eDruckkultur\u201c?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDas Wort besteht aus zwei Teilen: \u201edruck\u201c, weil wir das k\u00f6nnen und wir darin eine starke Position einnehmen und \u201eKultur\u201c, die wir bewusst pflegen via Ausstellungen, Konzerte und vieles andere. Diese Form der \u201eKultur\u201c braucht immer irgendwie \u201edruck\u201c. Unsere Einladungen sind so aufw\u00e4ndig, dass sie elektronisch nicht g\u00e4nzlich erfassbar sind, der Kick fehlte. Wir zeigen damit, dass \u201eKultur\u201c in gedruckter Form mehr bietet als elektronische Animation. Die \u201edruckKultur\u201c behandelt aber viele andere Themen rund um Medien, Innovationen, Konjunturprognose u.v.m.. Sie bildet unsere\/meine Welt ab und zeigt weit \u00fcber \u201ePrint\u201c hinaus. Die Grundlagen kommen aber aus dem \u201edruck\u201c, wie wir ihn seit 115 Jahren auf den Markt bringen. Druck ist ein Kulturgut der Zukunft.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnte Ihrer Meinung nach die Zukunft der Printmedien aussehen?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nSie meinen, wie die Printmedien sich entwickeln? Davon abzukoppeln ist die Frage ihrer Herstellung und damit, wie sie physisch aussehen. Bleiben wir bei der Entwicklung der Printmedien. Generell wird immer ein gewisser Prozentsatz der Kommunikation die Papierform w\u00e4hlen: wenn etwas wichtig ist, besondere Aufmerksamkeit erreichen soll, Vertrauen ins Spiel gebracht wird oder gewisse Traditionen erf\u00fcllt werden m\u00fcssen. Bei der Verpackung wird Papier\/Pappe zunehmen. Hinzu kommt das ver\u00e4nderte Verhalten zuk\u00fcnftiger Generationen: die elektronischen Medien sind noch so jung, das sich bei ihnen noch sehr viel Neues ergeben wird. Das alles wird Print einschr\u00e4nken\/ver\u00e4ndern. Neue Medien werden entstehen. Das Buch wird sich auf Edelb\u00e4nde oder Billigware zur\u00fcckziehen (m\u00fcssen). Zeitungen verlieren in der heutigen Form ihre Berechtigung. Sie \u00fcberleben als Hintergrundinformation, Unterhaltungsmedium etc. mit Wochenrhythmus. Fachzeitschriften wandern \u00e4hnlich ins Netz. Hinzu kommt die M\u00f6glichkeit jedes Haushalts- Arbeitsplatzes, sich das Medium in Papier selbst auszudrucken. Hier stehen wir also erst am Anfang. Es ist aber nur zu logisch. Dabei werden neue Formate entstehen.<\/p>\n<p><strong>Sie erweitern in Zeiten der Krise ihr Verlagshaus, wo sehen Sie die Potentiale der n\u00e4chsten Jahre?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nWeil Zeitschriften jetzt noch Print sind, nehmen wir so viele auf wie m\u00f6glich. Auch bei Edelb\u00fcchern strengen wir uns an. Wir versuchen, kurz- und mittelfristig so viel Print wie m\u00f6glich in unsere Eigenregie aufzunehmen. Noch mehr werden wir Verpackungen ausbauen. Wenn die neue Drucktechnik des Rollendigitaldruckes am Markt sich installiert, m\u00fcssen wir voll dabei sein.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht das Druckhaus der Zukunft aus? Empfehlen Sie wie ein die Banken bei Anlagen ein gemischtes Portfolio, hier nun eins aus Internet und Print?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDas Druckhaus der Zukunft ist eine reine industrielle Installation. Vorne wird eine Rolle Papier reingeschoben, seitlich kommen die Umschl\u00e4ge o.\u00e4. hinzu (online oder offline) und hinten verl\u00e4sst ein fertiges Produkt die Anlage, postalisch bereits aufbereitet. Lediglich im Verpackungsdruck u.\u00e4. bleibt die bisherige Technik noch sehr lange. Wegen des Portfolios brauchen Sie die anderen Medien, d.h. das Drucken ist nur eine Ausgabeform. Mehr Mehrwert wird in der jetzigen \u201eVorstufe\u201c erzeugt \u00e4hnlich vielf\u00e4ltig wie in der Molekularbiologie. Gedruckt kann z.B. auch als 3D in Kunststoff werden.<\/p>\n<p><strong>Was haben wir unter Software-Engineering und Softwarearchitektur?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDie Software ist nur der gr\u00f6\u00dfere Schl\u00fcssel zur Produktion in der \u201eVorstufe\u201c. Auch hier wird sich noch viel \u00e4ndern. Viele Nutzen der Zukunft werden immateriell ausgegeben, quasi als App. Die Software der Zukunft gleicht mehr einem gro\u00dfen Organismus.<\/p>\n<p><strong>Welche Potentiale sehen Sie im digitalen Bilddruck?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDie digitale Drucktechnik, konkret als Rollendigitaldruck mit Ink-Jet-Technik, steht vor dem qualitativen Durchbruch. Es wird sich ein \u201esch\u00f6neres\u201c Druckbild ergeben als in Offset. Die Tinte wird nicht teurer sein als jetzt die Druckfarbe.<\/p>\n<p><strong>Herr Kastner, m\u00fcssen wir uns von der \u201eWeltmacht Papier\u201c verabschieden? All unser Wissen, unsere Werte, unsere Kunst verdanken wir dem gedruckten Wort und den Bildern auf Papier, das Abendland war immer eine Schriftkultur!<br \/>\n<\/strong><br \/>\nSicherlich wird Papier seine Weltmacht verlieren wie z.B. Spanien einst die Welt regierte. Doch es gibt im heutigen Spanien noch viel Lebensqualit\u00e4t. Das Kostbarste wird immer materiell bleiben wie z.B. Kunstwerke, Urkunden, Geldscheine etc.. So ist der Mensch angelegt. Im Netz gibt es keine Sicherheit noch Geborgenheit. Papier wird es immer geben \u2013 nur eben relativ weniger.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h1>Die Produzentin von &#8222;T\u00fcrkisch f\u00fcr Anf\u00e4nger&#8220; und &#8222;Fack ju G\u00f6hte&#8220; &#8211; Lena Sch\u00f6mann &#8211; im Interview<\/h1>\n<p>von Lena Sch\u00f6mann<\/p>\n<p><em>Frau Sch\u00f6mann, herzlichen Gl\u00fcckwunsch zu \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c!<\/em><\/p>\n<p>Danke<\/p>\n<p><em>Was macht eigentlich eine Produzentin? Was f\u00fcr konkrete Aufgaben hat man da zu erf\u00fcllen?<\/em><\/p>\n<p>Als Produzentin hat man den gesamtinhaltlichen Bezug vor Augen, also die Gesamtverantwortung und muss sich um das gesamte Projekt k\u00fcmmern. Dies betrifft die Finanzierung, die Zusammenstellung des Teams, des Autors und des Regisseurs. Man ist bei der Drehbuchentwicklung dabei und w\u00e4hrend der Dreharbeiten. Dabei gilt es, den roten Faden nicht zu verlieren \u2013 insbesondere nat\u00fcrlich im Blick auf das Budget. Bis hin zur letzten Sekunde des Films ist h\u00f6chste Aufmerksamkeit geboten. Die Arbeit geht zudem \u00fcber den Kinostart hinaus, aktuell zum Beispiel arbeiten wir gemeinsam mit der Highlight an der DVD zum Film.<\/p>\n<p><em>In k\u00fcrzester Zeit sind Sie nach \u201eT\u00fcrkisch f\u00fcr Anf\u00e4nger\u201c f\u00fcr einen zweiten Kinohit ma\u00dfgeblich mitverantwortlich. Kom\u00f6dien sind derzeit gefragt. Gibt es ein Erfolgsrezept?<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube, dass man im Filmgesch\u00e4ft generell nicht mit Erfolg rechnen kann oder sich diesen logisch erkl\u00e4ren kann. Wenn dem so w\u00e4re, w\u00fcrde man ja tats\u00e4chlich nur erfolgreiche Filme produzieren. Wichtig ist, dass man sich die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche gibt und die Zuschauer dies auch merken, dann hat man schon sehr viel erreicht. Erfolg l\u00e4\u00dft sich aber grunds\u00e4tzlich nicht planen. Was mir \u2013 bei allen Filmprojekten \u2013 aber geholfen hat, ist die Reflexion dar\u00fcber, f\u00fcr welche Zielgruppe der Film bestimmt ist, wie man ihn vermarkten kann, kurzum ein Innehalten zu Beginn.<\/p>\n<p><em>Wie steht es um den Humor in Deutschland? Haben die Deutschen einen ausgepr\u00e4gten Humor?<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube schon. Wenn man sich beispielsweise die Top 10 der erfolgreichsten deutschen Kinofilme in den letzten Jahren ansieht, so sind das immer Kom\u00f6dien gewesen. Die Deutschen sind ein Volk, die meiner Ansicht nach, gern zum Lachen ins Kino gehen. Dies zeigt sich, dass deutsche Kom\u00f6dien sehr gefragt sind. Aktuell spiegelt sich dies bei \u201eVaterfreuden\u201c von Matthias Schweigh\u00f6fer wider.<\/p>\n<p><em>Finden Sie, da\u00df Humor, oder Kom\u00f6dien, von verschiedenen Kulturen unterschiedlich aufgenommen werden? Mit anderen Worten, ist Humor kulturspezifisch?<\/em><\/p>\n<p>Ja, auch das glaube ich. Wobei es Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel bei \u201eZiemlich beste Freunde\u201c; dies war ja nicht nur eine Kom\u00f6die, sondern eher eine Dramedy. Aber dieser franz\u00f6sische Film hat nicht nur in Deutschland, sondern weltweit die Kinos gef\u00fcllt. Aber der kulturspezifische Hintergrund ist nat\u00fcrlich ein gro\u00dfes Thema. Eine erfolgreiche deutsche Kom\u00f6die muss nicht zwangsl\u00e4ufig auch in \u00d6sterreich und in der Schweiz funktionieren. Schon hier zeigt sich, dass der Humor unterschiedlich ist. Gl\u00fccklicherweise haben wir mit \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c einen Film, der auch in diesen L\u00e4ndern gut angenommen wird.<\/p>\n<p><em>Halten Sie Kom\u00f6dien f\u00fcr ein schwierigeres oder komplizierteres Genre als das Drama?<\/em><\/p>\n<p>Generell gelten Kom\u00f6dien ja immer als das schwierigste Genre \u00fcberhaupt. Meiner \u00dcberzeugung nach ist der Autor entscheidend. Bora Dagtekin ist sicherlich der derzeit beste Kom\u00f6dienautor in Deutschland. Er schreibt einfach wahnsinnig intelligente und pointierte Dialoge, die oft auch laut und politisch unkorrekt sind. Dann gibt es einige Set-Pieces, die voll mit Screwball-Elementen und emotionalen Themen gef\u00fcllt sind. So gibt es bei \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c neben lauten Lachern auch dramatische Momente, die die Kom\u00f6die dann wiederum warmherzig und charmant machen.<\/p>\n<p><em>Sie waren bereits als Studentin in der Stoffentwicklung und als Producerin t\u00e4tig. Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit mit der Rat Pack Filmproduktion ergeben?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe meine ersten Schritte in der Stoffentwicklung zusammen mit Christian Becker gemacht, dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Rat Pack Film. Von der Pike auf bin ich so in das Filmgesch\u00e4ft hineingewachsen, zuerst in der Stoffentwicklungsabteilung.<br \/>\nDadurch, dass Martin Moszkowicz von der Constantin Film, den Autor Bora Dagtekin an die Constantin Film gebunden hat und die Rat Pack Filmproduktion wiederum eine Tochterfirma der Constantin Film ist, hatte sich diese Konstellation schon f\u00fcr \u201eT\u00fcrkisch f\u00fcr Anf\u00e4nger\u201c und nun mit \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c gut ergeben.<\/p>\n<p><em>In wie weit waren Sie an der Stoffentwicklung von \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c beteiligt? Was hat Sie motiviert? <\/em><\/p>\n<p>Wenn Bora und ich einen Film zusammen machen, dann ist das immer eine sehr enge und intensive Zusammenarbeit. Wir erg\u00e4nzen uns sehr gut als Team und arbeiten auch in der Stoffentwicklungsphase schon sehr eng zusammen. Das finde ich auch sehr wichtig, weil das den Grundstein f\u00fcr das Projekt legt und weil das Drehbuch immer der wichtigste Part, das wichtigste Bauelement, f\u00fcr einen Film ist. Bereits w\u00e4hrend der Entstehungsphase des Drehbuches hatte ich mich somit schon einbringen k\u00f6nnen und wir haben die Zeit sehr intensiv am Drehbuch gearbeitet. Aber Bora ist ganz klar der Autor und witzigerweise kommen wir beide ausLehrerfamilien.<\/p>\n<p><em>Hatten Sie als Lehrertochter einen besonderen Blickwinkel f\u00fcr das Thema?<\/em><\/p>\n<p>Ja, klar. Neben dem Kom\u00f6dienaspekt wollten wir ja eine Story um eine Problemklasse machen. Dabei sollte ein Bezug zu den aktuellen bildungspolitischen Themen, wie Burn-out bei Lehrern, p\u00e4dagogische \u00dcberforderung im Lehrerzimmer oder grenzwertiges Verhalten von Jugendlichen, hergestellt werden. Immer zugespitzt auf tagesaktuelle Brisanzthemen sollte die Kom\u00f6die eine zeitgem\u00e4\u00dfe Ebene erhalten. Uns war es dabei wichtig, dass der Beruf des Lehrers nicht durch den Kakao gezogen wird, sondern dass man neben all dem Spa\u00df auch sp\u00fcrt, dass Deutschland ein Land der Bildungsoffensive ist und dass Lehrer auch nicht nur die faulen S\u00e4cke sind, wie sie so oft auch betitelt werden, sondern dass die meisten sehr engagiert sind und sich f\u00fcr ihre Sch\u00fcler aufreiben. Ich glaube \u2013 all dies hat damit zu tun, diese Sensibilit\u00e4t f\u00fcr das Thema, dass ich aus einer Lehrerfamilie komme und deswegen das hehre Ziel hatte, mit \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c einen Film zu schaffen, in dem Lehrer zwar komische Abenteuer erleben, aber wo auch die Liebe zum Beruf deutlich sp\u00fcrbar ist und wo man dann augenzwinkernd zeigen kann, womit die Lehrer zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p><em>Gibt es eine Kom\u00f6die, die Sie gesehen haben, die Sie besonders gepr\u00e4gt oder Ihren Stil beeinflusst hat? Welche und in welcher Hinsicht?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe sehr viele Lieblingskom\u00f6dien, weil ich mir generell viele Kom\u00f6dien anschaue. Kom\u00f6dien, die mich bei \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c mit beeinflusst haben, waren \u201eBridesmaids\u201c (\u201eBrautalarm\u201c) und \u201eBad Teacher\u201c. An \u201eBridesmaids\u201c hat mich der politisch unkorrekte Humor fasziniert, der mir auch bei \u201eWe\u2019re the Millers\u201c (\u201eWir sind die Millers\u201c) sehr gut gefallen hat. Generell mag ich die typisch amerikanischen Kom\u00f6dien, die die Grenzen ein wenig \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p><em>Waren Sie am Set w\u00e4hrend der Dreharbeiten von \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c? Wie war das Set-Life?<\/em><\/p>\n<p>Ja, ich war jeden Tag am Set. Es war eine sehr anstrengende Arbeit, denn wir hatten ein gro\u00dfes, motiviertes, flei\u00dfiges Team. Aber wir haben auch wahnsinnig viel gelacht. Auf die neue DVD von \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c werden wir etwa 20-30 Minuten Outtakes mit draufpacken. Nicht nur am Set und bei den Schauspielern wurde viel gelacht, sondern auch Bora Dagtekin hatte hinter seiner Videokombo jede Menge Spa\u00df. Das Sch\u00f6nste im R\u00fcckblick ist es aber, wenn man sieht, dass sich die gemeinsame Arbeit gelohnt hat und die Zuschauer zufrieden sind. Dann kann man gemeinsam in Erinnerungen schwelgen und \u00fcber harte oder anstrengende Drehtage zusammen schmunzeln.<\/p>\n<p><em>Wie erkl\u00e4ren Sie sich den gro\u00dfen Erfolg von \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c?<\/em><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach ist das nicht erkl\u00e4rbar. Im Nachhinein ist es aber, so denke ich, eine Mischung aus vielem. Wir waren mit dem richtigen Thema zur richtigen Zeit am Markt. Die Schulkom\u00f6die war stets ein gro\u00dfes deutsches Kom\u00f6diengenre, aber in den letzten zehn Jahren hat es keine Schulkom\u00f6die mehr gegeben. Mit \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c ist es uns gelungen, das Genre wieder zum Leben zu erwecken und in das kommerzielle deutsche Kino hineinzutragen. Ich glaube, dass eine ganze Teenager Generation auf so einen Schul-Film gewartet hat. Letztendlich aber muss alles stimmen, es muss ein guter Film sein, und in unserem Fall hatten wir ein gro\u00dfartiges Drehbuch von Bora Dagtekin, wunderbare Schauspieler wie Elyas M\u2019Barek und Karoline Herfurth, Katja Riemann und Uschi Glas, ein sehr flei\u00dfiges Team, das mit gro\u00dfer Leidenschaft gearbeitet hat. Wenn man das Gl\u00fcck hat, dass diese ganzen Faktoren zusammentreffen, kann ein Erfolgsprodukt entstehen.<\/p>\n<p><em>Welcher ist Ihr pers\u00f6nlicher Lieblingsmoment in \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c?<\/em><\/p>\n<p>Das ist sehr schwierig, weil ich sehr viele Lieblingsmomente oder Lieblingsszenen habe und derzeit noch gar keinen Abstand zum Film, was immer so ist, wenn man lange und intensiv an einem Projekt gearbeitet hat. Sp\u00e4ter sieht man alles etwas anders. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass ich irgendwann \u201eFack ju G\u00f6hte\u201c als ganz \u201enormalen\u201c Kinofilm anschauen kann und mir dann \u2013 in Distanz \u2013 meine objektive Meinung dazu bilden k\u00f6nnte. Im Augenblick fasziniert mich eine bestimmte Musik in einer bestimmten Szene, weil ich genau wei\u00df, wie schwierig der Weg dahin war. Oder ich erinnere mich an einen Drehtag an dem wir eine spezielle Szene gedreht haben und welche H\u00fcrden damit verbunden waren. Sch\u00f6n ist, dass ich immer wieder lachen muss, obwohl ich den Film \u00fcber 80 Mal gesehen habe. Vielleicht k\u00f6nnen Sie mich das in drei Jahren noch mal fragen und dann kann ich die Frage beantworten.<\/p>\n<p><em>Ist \u201eFack ju G\u00f6hte 2\u201c in Planung?<\/em><\/p>\n<p>Wir arbeiten gerade an einem zweiten Teil. Wir haben noch kein Drehbuch, sondern beginnen gerade mit der Planung und \u00fcberlegen uns, wann es mit dem Dreh losgehen kann.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, das Sophie Adell und Dr. Dr. Stefan Gro\u00df f\u00fchrten.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h1>&#8222;F\u00fcr das Menschsein finde ich vieles im &#8218;Faust&#8216;.&#8220;- Im Interview: Der Bankier Friedrich von Metzler<\/h1>\n<p>von Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Sie f\u00fchrten und f\u00fchren noch eines der renommiertesten privaten Bankh\u00e4user in der Bundesrepublik, was motiviert Sie sich t\u00e4glich zu engagieren, woher nehmen Sie ihre Kraft, sind es famili\u00e4re, geschichtliche, religi\u00f6se Aspekte, die Sie pr\u00e4gen?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIch f\u00fchre nicht allein, wir sind ein Team von neun Partnern mit flachen Hierarchien. Die zweite, dritte, vierte Ebene ist hier unternehmerisch sehr t\u00e4tig. Insofern sind wir wirklich teamm\u00e4\u00dfig aufgestellt. Mich motiviert immer wieder, dass unsere Vorfahren die Bank \u00fcber mehr als 300 Jahre durch alle Gef\u00e4hrdungen und problematischen Zeiten unabh\u00e4ngig gebracht haben. Wir mussten nie gest\u00fctzt werden, unser Gesch\u00e4ft wurde immer so gef\u00fchrt, dass wir auch in schwierigsten Zeiten \u2013 und auch unsere Kunden \u2013 \u00fcberlebt haben.<br \/>\nMeine Maxime ist es, die Kunden so zu beraten, dass diese auch f\u00fcr schwierige Zeiten vorbereitet und richtig aufgestellt sind. Und das begreife ich als eine gestalterische und interessante T\u00e4tigkeit. Dar\u00fcber hinaus belebt die Internationalit\u00e4t unser Gesch\u00e4ft und dadurch die t\u00e4glichen Abl\u00e4ufe.<\/p>\n<p><strong>Wie wichtig ist der Begriff der Verantwortung in ihrem Beruf?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Sehr wichtig. Aber ich glaube, der ist in jedem Beruf wichtig. Man hat Verantwortung f\u00fcr Mitarbeiter, man hat Verantwortung f\u00fcr Kunden. Produzierende Unternehmen haben auch noch die Verantwortung f\u00fcr das Produkt, dass das gut ist. Das haben wir nicht, bei uns dreht es sich nur um Menschen, Mitarbeiter und Kunden.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet f\u00fcr Sie als Banker die Tugend der Geduld?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nWir haben zum Beispiel keine Teams, die bewertet werden, wie viele Provisionseinnahmen sie \u00fcber einen gewissen Zeitraum erwirtschaften, sondern wir beurteilen unsere Mitarbeiter nur nach langfristiger Kundenzufriedenheit. Der Kunde muss uns auch schon l\u00e4nger kennen, um dann das Vertrauen zu entwickeln, dass er sich wirklich auf uns verlassen kann. Verm\u00f6genserhalt \u00fcber Generationen, oder eine strategische Verm\u00f6gensmehrung durch geduldige Anlagepolitik kann immer nur langfristig sein.<\/p>\n<p><strong>Berthold Brecht hatte in seiner \u201eDie Dreigroschenoper\u201c einmal formuliert: \u201eWas ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gr\u00fcndung einer Bank? Was sagen Sie dazu?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDas ist sch\u00f6n formuliert, aber nicht passend f\u00fcr uns. Vor 340 Jahren ist unsere Bank gegr\u00fcndet worden und was ich zur\u00fcckverfolgen kann, hat sie sich immer gut und loyal gegen\u00fcber den Kunden und Mitarbeitern gegen\u00fcber verhalten. Wir sind in diesem langen Zeitraum nie in eine spekulative Schieflage geraten. Man kennt das ja aus Holland: Tulpenspekulation. London: South East Company Bubble. Paris John Law. Das gab es in Frankfurt nie.<\/p>\n<p><strong>Lothar Sp\u00e4th hat einmal in einem Interview betont, dass sich Banken, Wirtschaft und Ethik ausschlie\u00dfen, stimmt das?<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nicht. Wenn wir hier einen Mitarbeiter f\u00fcr uns gewinnen wollen, dann achten wir sehr auf seinen Charakter und seine Wertevorstellung. Wir holen nicht nur jemanden herein, derbei uns Gesch\u00e4fte machen soll, sondern es muss die richtige Wertebasis dabei sein. Und das hat sich sehr bew\u00e4hrt. Bereits mein Vater hat immer gesagt, wenn er gefragt wurde, auf wen achtest du, wenn du jemanden einstellt und f\u00fcr die Bank gewinnen willst, dann sagte er: \u201eAuf die drei gro\u00dfen Cs. Und das ist: Charakter, Charakter, Charakter.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sie sind ein Verfechter der europ\u00e4ischen Einheit und des Euro! Wie geht es Ihrer Meinung weiter mit Europa? <\/strong><\/p>\n<p>Ich bin f\u00fcr den Euro, weil ich hoffe, dass der Euro Europa n\u00e4her zusammenbringt. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat Deutschland immer f\u00fcr Europa gezahlt, weil es f\u00fcr uns so wichtig ist, in Europa integriert zu sein. Die Ursprungsgeschichte des Euro war klar, denn eine W\u00e4hrung muss stark sein, damit die Industrie in dem Land international, global wettbewerbsf\u00e4hig wird oder bleibt. Leider wurden die verschiedenen L\u00e4nderrisiken nicht bedacht, die sich im Zins niederschlagen m\u00fcssen. Dies hat zu einer Ausgaben-Expansion in den verschiedenen L\u00e4ndern gef\u00fchrt, die jetzt dr\u00fcckend sind.<\/p>\n<p><strong>Haben wir in Sachen Finanzkrise das Schlimmste hinter uns bzw. das Beste noch vor uns?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIch warte da einfach mal ab. Ich finde es sehr gut, wie unsere Bundesregierung versucht, das Beste aus der jetzigen Situation zu machen und ich sehe auch gro\u00dfe Bem\u00fchungen in den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, um Reformen durchzubringen. Ich bin da zuversichtlich f\u00fcr die Zukunft.<br \/>\nWir im Haus haben uns immer gefragt, war wir f\u00fcr Europa tun k\u00f6nnen und ein Projekt mit dem Goethe-Institut gestartet, mit dem wir junge S\u00fcdeurop\u00e4er nach Frankfurt holen. Von diesen konnten wir die Mehrheit in einen guten Job vermitteln und sie sind jetzt in der Lage, ihre Familien in ihren Heimatl\u00e4ndern finanziell zu unterst\u00fctzen. Dieses Europa-Jugend-Projekt liegt mir am meisten am Herzen.<\/p>\n<p><strong>Sie sind ein ausgewiesener Kunstkenner und M\u00e4zen, gibt es eine bestimme Gattung oder Kunstrichtung, Epoche, der Sie sich mit Leib und Seele verschrieben haben?<\/strong><\/p>\n<p>Sie \u00fcbersch\u00e4tzen mich in meinem Kunstverstand. \u00dcbrigens bin ich auch nicht sehr musikalisch, aber ich bin froh, wenn sich gute Dinge f\u00fcr die Menschen hier in Frankfurt entwickeln. Aber wenn sie sich \u00fcber zeitgen\u00f6ssische Kunst mit der Familie Metzler unterhalten wollen, dann sehen sie eine begeisterte Sylvia Metzler, meine Frau, die sich intensiv darum k\u00fcmmert.<\/p>\n<p><strong>Sie reisen gern. Ein Bild zeigt Sie vor Ihrem Schreibtisch mit einer Vielzahl von Koffern, die ihre eigene Geschichte haben. Was fasziniert sie an Japan und China oder an anderen L\u00e4ndern?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nMich fasziniert nat\u00fcrlich die Art, wie andere L\u00e4nder, wie andere V\u00f6lker leben. Was ja \u00fcberall etwas anders als in Deutschland ist. Ich bin gleich nach der Au\u00dfenhandelskaufmannslehre nach London, New York und Paris geschickt worden, weil mein Vater immer sagte, du sollst das Ausland kennen lernen, denn in diesen Kapitalm\u00e4rkten kannst du unser zuk\u00fcnftiges Gesch\u00e4ft lernen. Dieser Rat war sehr gut und ich bin ihm mit Begeisterung in jungen Jahren gefolgt. Auch heute noch faszinieren mich L\u00e4nder wie die USA, Japan und China.<\/p>\n<p><strong>Gibt es ein besonderes Buch, einen besonderen Denker, dem sie nachhaltig viel verdanken, wo Sie vielleicht sagen w\u00fcrden, dies ist eine Quelle meines Lebens?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr das Menschsein finde ich vieles im \u201eFaust\u201c.<\/p>\n<p><strong>Sie sind protestantisch, es gibt eine protestantische Arbeitsethik und -moral? Spielt das religi\u00f6se Moment bei Ihnen eine zentrale Rolle?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIch finde es gro\u00dfartig, wie die W\u00fcrde des Menschen durch das Christentum herausgearbeitet wurde, insbesondere, dass wir heute doch mit unseren Mitmenschen ganz anders umgehen, als dies noch in den vergangenen Jahrhunderten der Fall war. Das hat das Christentum ma\u00dfgeblich mitbestimmt und herausgearbeitet \u2013 dar\u00fcber bin ich sehr gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch lebe, ich atme und ich bin Sixt. 24 Stunden, 365 Tage im Jahr\u201c <strong>\u2013 Im Interview Regine Sixt<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Frau Sixt, Sie sind Markenbotschafterin einer der f\u00fchrenden Autovermietungen der Welt. K\u00f6nnen Sie uns Ihr T\u00e4tigkeitsfeld n\u00e4her skizzieren?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lebe, ich atme und ich bin Sixt. 24 Stunden, 365 Tage im Jahr. F\u00fcr mich ist das die sch\u00f6nste Aufgabe der Welt. Als Verantwortliche f\u00fcr das International Marketing von Sixt liegt mir unsere Marke enorm am Herzen. Das beginnt bei den Menschen am Counter, die so etwas wie die Visitenkarte des Unternehmens sind: Die Uniformen designe ich seit Jahren selbst \u2013 und passe sie den regionalen Besonderheiten an. So sind unsere Mitarbeiter an der C\u00f4te d\u2019Azur anders gekleidet als in den arabischen L\u00e4ndern. Das setzt sich fort bei dem markanten Design unserer Stationen und setzt sich fort in unseren vielen Kommunikationsma\u00dfnahmen. Wir erstellen nun allein vier eigene Zeitschriften. Sixt ist eine Marke, die weltweit in mehr als 100 L\u00e4ndern einen gigantischen Wiedererkennungswert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Im Jahr 1912 hat Martin Sixt in M\u00fcnchen das Unternehmen \u201eSixt Autofahrten und Selbstfahrer\u201c als erste Autovermietung Deutschlands gegr\u00fcndet. Wie waren die ersten Jahre f\u00fcr Sie im Unternehmen, in das Sie im Jahr 1976 eingetreten sind? Ma\u00dfgeblich unter Ihrer F\u00fchrung begann seit 1991 die internationale Expansion der Firma. Vor welchen Schwierigkeiten standen Sie pers\u00f6nlich, von Beruf sind Sie ja Diplom-Dolmetscherin? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich sehe nie Schwierigkeiten, h\u00f6chstens Herausforderungen. Als ich bei Sixt begann, hatten wir eine Flotte von 800 Fahrzeugen und tr\u00e4umten davon, dass es eines Tages 3.000 sein werden. Heute sind es 225.000. Wir haben in unserer Familie einfach dieses ganz bestimmte Sixt-Gen. Das bedeutet f\u00fcr mich: Man muss als Unternehmer jeden Tag aufs Neue das Richtige unternehmen. Und man muss jeden Tag von Neuem handeln. Nur so kommt man weiter.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Welche unternehmerische Philosophie pr\u00e4gt Sie? Ihr Mann, Erich Sixt, der heutige Vorstandsvorsitzende, hatte 1969, in dritter Generation, die Leitung des Unternehmens \u00fcbernommen. Geld, so hie\u00df es in einem Interview, sei nicht die eigentliche Triebfeder, sondern ihm geht es eher um Selbstbest\u00e4tigung, um die F\u00e4higkeit auszuloten, wie man weiter kommt \u2013 gleich einem Bergsteiger. Was motiviert Sie, immer wieder f\u00fcr die Firma aktiv zu werden? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht doch darum, aus seinem Leben und seinen M\u00f6glichkeiten das Bestm\u00f6gliche zu machen. Wir haben die gro\u00dfe Vision, ganz an die Spitze unserer Branche zu kommen. Diese Vision werden unsere S\u00f6hne Alexander und Konstantin Sixt &#8211; nun beide auch Vorst\u00e4nde unseres b\u00f6rsennotierten Unternehmens &#8211; mit ganzer Kraft fortf\u00fchren. Man muss wie ein Bergsteiger gro\u00dfe Ziele haben, viele, viele Schritte setzen und Risiken \u00fcberwinden, um diese Ziele auch zu erreichen. Geht nicht \u2013 das gibt\u2019s nicht bei uns!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Was denken Sie, ist das Geheimnis Ihres Erfolges? Wie schaffen Sie es, Menschen zu motivieren, immer wieder neue Netzwerke zu kn\u00fcpfen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich motiviere andere ganz automatisch, weil ich selbst motiviert und begeistert bin. Unsere Welt ist doch so ein sensationeller Ort \u2013 da gibt es so vieles zu entdecken und zu bewegen! So viele wunderbare Menschen kreuzen jeden Tag meinen Weg. Ich gehe mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt \u2013 und da erlebe ich jeden Tag aufs Neue phantastische Dinge und Begegnungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong> Sie z\u00e4hlen zu den wichtigsten und einflu\u00dfreichsten Frauen Deutschlands. Wie gelingt es Ihnen immer wieder, das Unternehmen auf Wachstumskurs zu halten?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt doch nur eines: Always up! Stehenbleiben gilt nicht. Wenn man das Unternehmen mit innovativen Ideen und Premium-Services vorantreibt, kann es doch nur nach oben gehen. Sicherlich ist auch die Rollenverteilung in unserer Familie perfekt f\u00fcr unsere Erfolgsstory.<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong> Nach dem Zweiten Weltkrieg hat ihr Unternehmen einen Neustart begonnen \u2013 zun\u00e4chst als Taxi-Flotte f\u00fcr amerikanische Truppen. In Zukunft will Sixt wieder in eines Ihrer urspr\u00fcnglichen Kerngesch\u00e4fte einsteigen und den Limousinenservice \u201emyDriver\u201c weiter kr\u00e4ftig ausbauen. Taxiunternehmer sehen darin einen unfairen Wettbewerb. Wie beurteilen Sie das? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir bieten unseren Kunden \u00fcberzeugende Produkte und hochwertige Services, die genau ihren Bedarf treffen. Alternative Angebote wie myDriver zwingen Wettbewerber eher dazu, sich mit Themen wie Qualit\u00e4t und Service auseinander zu setzen. \u00dcberregulierung dagegen schadet nur der Wirtschaft. Das Ziel muss eher ein Wettbewerb zugunsten der Kunden sein.<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li><strong> \u201emyDriver\u201c grenzt sich start vom Uber ab. Uber betreibt eine App, wodurch es m\u00f6glich ist, Fahrten mit einem Chauffeurdienst, aber auch mit privaten Fahrern zu buchen. Was unterscheidet Uber von \u201eMy Driver\u201c?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Unsere Qualit\u00e4t, unser Service, unsere Verl\u00e4sslichkeit, unsere Erfahrung. Qualit\u00e4t hat sich noch immer durchgesetzt. F\u00fcr uns ist es unvorstellbar, dass Kunden zum Beispiel von Fahrern chauffiert werden, die keinen Bef\u00f6rderungsschein besitzen.<\/p>\n<ol start=\"8\">\n<li><strong> Innovatives Denken, Kreativit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t haben Ihr Unternehmen gro\u00df gemacht. 2011 hat Sixt seine Dienstleistungen auf den Bereich Premium-Carsharing erweitert und mit BMW das Joint Venture DriveNow gegr\u00fcndet. Was haben wir demn\u00e4chst aus Ihrem Haus zu erwarten?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Mobilit\u00e4t befindet sich in einem stetigen Wandel. Die Bed\u00fcrfnisse der Kunden ver\u00e4ndern sich permanent \u2013 und wir entwickeln daf\u00fcr die idealen L\u00f6sungen. DriveNow zum Beispiel tr\u00e4gt konsequent dem Mobilit\u00e4tsbedarf der Menschen in den Gro\u00dfst\u00e4dten und Metropolen Rechnung. Wir arbeiten bereits heute an der Mobilit\u00e4t der Zukunft. Sie k\u00f6nnen sicher sein, dass wir rechtzeitig dar\u00fcber sprechen werden.<\/p>\n<ol start=\"9\">\n<li><strong> Wie sehen Sie, Frau Sixt, den Konzern im Jahr 2020 aufgestellt? <\/strong>Sie sind nun verdienterma\u00dfen im Februar in den Vorstand berufen worden.<strong> Mittlerweile in der vierten Generation haben Ihre S\u00f6hne Alexander Sixt (Leitung der Konzernentwicklung) und Konstantin Sixt (Leitung des Internetgesch\u00e4fts) das Familienunternehmen personell stark gest\u00e4rkt!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Unsere S\u00f6hne haben in den vergangenen mehrfach neue Impulse f\u00fcr die Entwicklung unseres Unternehmens gesetzt. Man nehme nur das Carsharing oder den Online- und Mobile-Bereich. Sie sind nun in den Vorstand berufen worden und gehen mit gro\u00dfem Elan, aber auch mit gro\u00dfer Weitsicht und Disziplin an ihre Aufgaben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"10\">\n<li><strong> Sie f\u00fchren ein \u201eLeben im Sauseschritt\u201c. Familie, das Unternehmen, ihre sozialen Verpflichtungen und ihre diplomatischen Verpflichtungen als <\/strong>Honorargeneralkonsulin<strong> von Barbados, wie schaffen Sie es immer wieder, sich dieser enormen Arbeitsbelastung zu stellen? Was machen Sie am liebsten, wenn Sie gerade mal nicht f\u00fcr die Firma t\u00e4tig sind? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sixt ist nicht nur meine Arbeit, sondern mein Leben. Mein Werk. Und auch wenn ich zum Beispiel im Tegernseer Tal auf einem Berg stehe und in die Weite blicke, denke ich gleichzeitig an Sixt. Ich wei\u00df: Nicht nur der Ausblick ist wundervoll \u2013 auch die Zukunft unseres Unternehmens. Denn wir haben schon den n\u00e4chsten Gipfel fest im Blick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eTr\u00e4nchen Trocknen\u201c \u2013 die Regine Sixt Kinderhilfe Stiftung<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Interview mit Regine Sixt<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Frau Sixt, wie kamen Sie urspr\u00fcnglich auf die Idee, die Kinderhilfe Stiftung \u201eTr\u00e4nchen Trocknen\u201c ins Leben zu rufen?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz einfach: Ich komme ja viel in der Welt herum. Und ich habe sehr viel Not und Elend gesehen, unter denen die J\u00fcngsten in der Gesellschaft am schwersten leiden. Deshalb entschied ich mich, etwas zu unternehmen. Wenn ich etwas anpacke, dann richtig. Das Motto \u201eTr\u00e4nchen trocknen\u201c entstand in einer Kinderkrebsstation, als ich ein weinendes M\u00e4dchen auf den Arm nahm und fragte, was ich denn f\u00fcr sie tun k\u00f6nne. Die Antwort der Kleinen: \u201eTrockne mir doch meine Tr\u00e4nen!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Was sind die Ziele der Kinderhilfe Stiftung \u201eTr\u00e4nchen Trocknen\u201c?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M\u00f6glichst vielen Kindern zu helfen. Und zwar in den vier Bereichen: <em>Gesundheit, Bildung, Nothilfe und F\u00fcrsorge<\/em>. Jedes Kind hat ein Recht darauf, gut besch\u00fctzt und umsorgt aufzuwachsen und Perspektiven auf ein normales Leben zu haben. Au\u00dferdem geht es darum, eine ganz konkrete M\u00f6glichkeit anzubieten sich zu engagieren. Nehmen wir das Beispiel meiner Damenwiesn: Die Veranstaltung auf dem M\u00fcnchner Oktoberfest ist eine feste Institution und vereint mehr als 1.000 wunderbare Frauen aus verschiedensten Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft. Und sie alle unterst\u00fctzen unsere Kinderhilfe nach Leibeskr\u00e4ften.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>\u201eTr\u00e4nchen Trocknen\u201c ist eine weltweit aktive Kinderhilfe. In wie vielen L\u00e4ndern ist Ihre Kinderhilfe \u201eTr\u00e4nchen Trocknen\u201c derzeit aktiv?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir erfahren Unterst\u00fctzung aus mehr als 105 L\u00e4ndern weltweit, in denen Sixt pr\u00e4sent ist. Bislang haben wir mehr als 40 internationale Projekte mit aufgebaut, gef\u00f6rdert oder umgesetzt. Das sind\u2013 au\u00dfer bei der Nothilfe in aktuellen Krisenf\u00e4llen \u2013 alles Projekte, die langfristig angelegt sind. Derzeit treiben wir rund 20 Projekte voran. Das ist eine ganze Menge, wenn man bedenkt, wie herausfordernd es heute ist, schon ein einziges Projekt unter stets schwierigen lokalen Bedingungen dauerhaft zum Erfolg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Mit \u201eTr\u00e4nchen Trocknen\u201c werden sehr unterschiedliche Projekte in verschiedenen L\u00e4ndern unterst\u00fctzt. Wie entscheiden Sie sich f\u00fcr die konkreten Projekte, welche Sie mit Ihrer Stiftung unterst\u00fctzen m\u00f6chten?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich werden st\u00e4ndig neue Projekte an uns herangetragen. Wenn wir uns konkret entscheiden, muss das Projekt zumindest einer der vier genannten Kategorien entsprechen. Dann spielt eine Rolle, wie professionell das Projekt gemanagt ist, ob sich vor Ort Mitarbeiter von uns darum k\u00fcmmern k\u00f6nnen und ob sich idealerweise auch Partnerorganisationen engagieren, zu denen wir bereits eine enge und langj\u00e4hrige Verbindung haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Was motivierte Sie, eine weltweite Kinderhilfe aufzubauen, im Gegensatz zu einer Kinderstiftung, die ausschlie\u00dflich in Deutschland Hilfe leistet?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Welt von Sixt reicht weit \u00fcber die Grenzen Deutschlands hinaus. Wenn Sie vom Flugzeug aus auf die Welt hinabblicken, sehen Sie keine Grenzen. Es gibt \u00fcberall Kinder, die auf Hilfe warten. Gerade in den armen L\u00e4ndern der Erde, wo die Not am gr\u00f6\u00dften ist. Den Kindern dort Perspektiven zu er\u00f6ffnen, gerade auch durch Bildung, dass sie aus eigener Kraft eine gute Existenz aufbauen k\u00f6nnen, das ist unser Ziel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>Sie leiten sowohl Ihre Kinderhilfe Stiftung als auch den Sixt Konzern. Inwieweit arbeitet Ihre Stiftung \u201eTr\u00e4nchen Trocknen\u201c mit dem Sixt-Konzern zusammen?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere Kinderhilfe Stiftung ist mittlerweile auch ein zentraler Pfeiler unseres offiziellen Corporate Social Responsibility Programms bei Sixt. Meine beiden S\u00f6hne Alexander und Konstantin sind Mitglieder im Vorstand der Kinderhilfe Stiftung \u2013 und sie sind seit Beginn des Jahres ja auch Vorst\u00e4ndsmitglieder der Sixt SE. Das bedeutet, dass wir die Kinderhilfe Stiftung mit der gleichen Professionalit\u00e4t und Entschlossenheit vorantreiben wie den b\u00f6rsennotierten Konzern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li>Was ist Corporate Social Responsibility?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es beschreibt die soziale Verantwortung, die jedes Unternehmen den Menschen und der Umwelt gegen\u00fcber hat. \u201eGiving back to society\u201c ist f\u00fcr mich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Wir haben mit viel Disziplin und harter Arbeit in nun mehr als 100 Jahren dieses Unternehmen aufgebaut bis zur heutigen globalen Bedeutung. Da ist es f\u00fcr mich selbstverst\u00e4ndlich, im sozialen Bereich engagiert zu sein. Denn es braucht nicht nur offizielle Institutionen, die sich engagieren, sondern viele einzelne Menschen, die ihr M\u00f6glichstes beitragen zu einer guten Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"8\">\n<li>In Deutschland besteht ein soziales Netz, welches stabiler ist als in den meisten anderen L\u00e4ndern. Hat das einen Einfluss auf die Corporate Social Responsibility der deutschen Unternehmen? Wie sch\u00e4tzen Sie die Corporate Social Responsibility der Konzerne in Deutschland ein, im Vergleich zu der CSR in anderen Industrienationen?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht hat traditionell die USA die l\u00e4ngste Erfahrung mit diesem Thema. Das sehen wir auch deshalb, weil Sixt in den Vereinigten Staaten z\u00fcgig expandiert und wir mit amerikanischen Unternehmen jahrzehntelange Kooperationen pflegen. Ich selbst habe zum Beispiel meine erste Airline-Kooperation am Beginn meiner Karriere bei Sixt vor Ort in New York mit PanAm abgeschlossen. In den USA geh\u00f6rt es zum guten Ton, dass wohlhabende Unternehmer auch als Philanthropen auftreten. Denken Sie nur an die vielen hochkar\u00e4tigen Charity-Dinner. Aber Deutschland holt auf und verankert das Thema immer besser in den einzelnen Unternehmensstrategien. Zudem arbeiten wir auch im Fundraising arbeiten international. Wir hatten zum Beispiel wiederholt Charity-Dinner mit den Spitzen der franz\u00f6sischen Gesellschaft in Paris und veranstalten \u00e4hnliche Events in vielen verschiedenen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"9\">\n<li>Manchmal werden Stiftungen daf\u00fcr kritisiert, da\u00df zu viele der Spendeneinnahmen f\u00fcr die Verwaltung ausgegeben werden und zu wenige der Erl\u00f6se direkt bei den Hilfsbed\u00fcrftigen ankommen. Wie ist das Verh\u00e4ltnis von Verwaltungsaufwand zur direkten Hilfe der Betroffenen bei Ihrer Kinderstiftung \u201eTr\u00e4nchen Trocknen\u201c? Wie kann man einen hohen Verwaltungsaufwand bei Hilfsorganisationen umgehen?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie brauchen heute Profis, um eine Stiftung erfolgreich zu f\u00fchren, das ist ganz klar. Alles andere w\u00e4re unverantwortlich. Aber ich kann Ihnen versichern: Unsere CSR-Abteilung ist ein Posten in unserem Budget wie andere Abteilungen auch. Von den Spendengeldern, die wir auf verschiedensten Veranstaltungen generieren, geht jeder Cent direkt in unsere Projekte. Getragen wird das Engagement aber auch von unseren vielen Mitarbeitern, die ehrenamtlich f\u00fcr die gute Sache k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"10\">\n<li>Frau Sixt, Sie sind in verschiedenen Bereichen eine \u00e4u\u00dferst erfolgreiche Frau \u2013 wie machen Sie es m\u00f6glich, sich um so vieles gleichzeitig zu k\u00fcmmern?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man sagt uns Frauen ja gerne nach, dass wir Spezialistinnen f\u00fcr Multi-Tasking sind. Ich liebe es ganz einfach, vieles zu bewegen. Da schaut man nicht auf die Uhr. Das ist mein Leben, so soll es sein. Wer gro\u00dfe Ziele hat, f\u00fcr die er brennt &#8211; im Sozialen genauso wie im Business -, der kann heute mehr bewegen denn je zuvor. Es geht einfach darum, die Chancen zu nutzen. Und die Welt ist doch voller Chancen. Packen wir\u2019s an!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Interview Staatsministerin Monika Hohlmeier<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Welche Charaktereigenschaft haben Sie an Ihrem Vater besonders gesch\u00e4tzt? War er ein strenger Vater?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Vater war streng, aber nur dann wenn es um die Einhaltung der grundlegenden Verpflichtungen seiner Kinder ging. Dazu z\u00e4hlten: Erstens: Man ist nicht b\u00f6sartig gegen\u00fcber einem anderen. Zweitens: Man hat sich vern\u00fcnftig zu benehmen. Meinem Vater ging es immer um grundlegende Fragen wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Offenheit \u2013 dies hat er von uns erwartet. Respekt vor den eigenen Eltern geh\u00f6rte auch dazu. Nur bei diesen Dingen war er wirklich streng. Wenn es um die Schule ging, war er zumeist relativ locker und manche Faulheitsanwandlungen in bestimmten F\u00e4chern trugen meine Mutter und er mit Fassung.<\/p>\n<p>Er hat uns immer wieder klar gesagt: \u201eder Herrgott hat euch F\u00e4higkeiten mitgegeben. Setzt diese f\u00fcr euch und andere ein, damit alle davon profitieren. Daf\u00fcr hat er sie euch mitgegeben. Begabungen und F\u00e4higkeiten zu haben ist ein Geschenk, es bedeutet aber auch Veranwortung.\u201c Im Hause Strau\u00df herrschte eine grunds\u00e4tzlich christliche Einstellung, die auf eben diese Tugenden Wert legte. Im selben Atemzug haben wir sehr viel Vertrauen entgegengebracht bekommen, sehr viel pers\u00f6nliche Freiheit genossen \u2013 wir durften entscheiden, was wir mit unserer Freizeit machen wollen, an welche Schule wir gehen, wer unsere Freunde sind und vieles andere mehr. Er hat uns nie in die Politik gedr\u00e4ngt, aber nat\u00fcrlich sind wir in einem politischen Haushalt aufgewachsen und waren deshalb einfach politisch interessiert. Er hat uns nie als Portal f\u00fcr die Medien benutzt, sondern, wenn jemals ein Foto von uns gemacht werden sollte, hat er uns immer vorher gefragt, ob wir das \u00fcberhaupt w\u00fcnschen. Da f\u00fchlten wir uns nie unter Druck gesetzt. Auch bei dem sehr bekannten Wahlkampfplakat aus dem Jahre 1980 in der letzten Phase des Bundeskanzlerwahlkampfs war ich gerade mal 18 Jahre. Er verpflichtete den verbl\u00fcfften Edmund Stoiber, bei mir pers\u00f6nlich anzurufen, ob ich willens sei, auf diesem Plakat zu erscheinen. Wir mussten also nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit funktionieren.<\/p>\n<p>Immer wieder haben wir interessante Dinge kennengelernt, die kein anderer Mensch, und schon gar nicht in unserem Alter, kennenlernen durfte. Aus diesem Grund muss ich zwar sagen, dass ich eine andere Kindheit als \u00fcblich verbracht habe, aber ich hatte eine gute Kindheit und super Eltern. Mein Vater hat sich trotz seiner knappen Zeit, f\u00fcr uns interessiert. Er hat mich mit meiner Mutter in Trainingslagern der Leichtathletik besucht, Geburtstage f\u00fcr uns reserviert, Ferien mit uns verbracht, uns viele Stunden f\u00fcr offene Gespr\u00e4che und Diskussionen geschenkt, er hat unsere Freunde akzeptiert wie sie waren, ob schwarz, rot oder gr\u00fcn, langhaarig oder kurzhaarig, dick oder d\u00fcnn, arm oder reich &#8211; das war meinem Vater egal, solange er den Eindruck hatte, dass es ehrliche und faire Freunde waren. Und ansonsten war in diesen Fragen ohnehin die Mama mehr zust\u00e4ndig als der Papa, weil diese schlichtweg mehr da war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>25 Jahre Mauerfall: Ihr Vater hat die Deutsche Einheit immer gewollt, der Gedanke vom vereinigten Deutschland hatte ihn existentiell gepr\u00e4gt und motiviert! W\u00fcrde er sich \u00fcber die Entwicklung in Deutschland nach 25 Jahren Mauerfall freuen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er w\u00fcrde sich freuen, dass die Mauer gefallen ist. Er w\u00fcrde traurig sein dar\u00fcber, dass wir die eine oder andere Chance auch vergeben haben. Mein Vater w\u00e4re einer gewesen, der sicherlich noch wesentlich mehr Druck auf die wirtschaftliche Entwicklung der neuen L\u00e4nder ausge\u00fcbt h\u00e4tte. Er h\u00e4tte ganz sicher die wirtschaftliche Entwicklung vom Mittelstand st\u00e4rker gef\u00f6rdert. Auch wie die Abwicklung von Unternehmen \u00fcber die Treuhandanstalt damals von statten ging, h\u00e4tte er kritisch hinterfragt.<\/p>\n<p>Generell muss man nat\u00fcrlich sagen, so ein Experiment wie die Wiedervereinigung, war einmalig in der Geschichte; er h\u00e4tte sich dar\u00fcber gefreut, dass dieser Fall der Mauer so friedlich und ohne Blutvergie\u00dfen stattgefunden hat. Gerade vor dem Hintergrund des ausgehandelten Milliardenkredits Anfang der 80er sagte er zu mir, \u201eMonika, die politischen Verh\u00e4ltnisse in Russland sind noch nicht so weit. Es w\u00fcrde heute ein gro\u00dfes Blutvergie\u00dfen geben, die Panzer w\u00fcrden ausr\u00fccken und Menschen w\u00fcrden sterben, aber die Einheit Deutschlands wird kommen. Die Sowjetunion ist pleite. Nur mit Waffen kann man Menschen nicht zum Stillhalten zwingen. Eines Tages ist es so weit! Eines Tages wird der Moment g\u00fcnstig sein. Bis dahin m\u00fcssen wir die DDR wirtschaftlich so weit an uns gebunden haben, dass ein \u00dcbergang keine zu schweren Br\u00fcche verursacht.\u201c Er hat Recht behalten.<\/p>\n<p>Was ihm im heutigen Deutschland nicht gefallen w\u00fcrde, ist das v\u00f6llig inkonsequente Umgehen mit der ehemaligen SED, heute PDS. Dass es immer noch einige ewig gestrige gibt, die behaupten, die DDR sei kein totalit\u00e4rer Staat gewesen, h\u00e4tte ihn politisch zutiefst irritiert. Wahrscheinlich h\u00e4tte er den Bundespr\u00e4sidenten Gauck deutlich bei seiner Meinung unterst\u00fctzt, in der typischen rhetorischen Art und Weise eines Franz Josef Strau\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Die Geschichte vergi\u00dft nichts, so hei\u00dft es: Wo ist Ihrem Vater Ihrer Meinung nach am meisten Unrecht zuteil geworden? Beim roten \u201eStoppt-Strau\u00df\u201c oder beim Vorwurf des \u201ekriegsl\u00fcsternen Unmenschen\u201c, wie Sie in einem Text einmal formulieren?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses \u201eStoppt-Strau\u00df\u201c h\u00e4ngt ja zusammen mit dem Bild des macht- und kriegsl\u00fcsternen v\u00f6llig unkontrollierten Franz Josef Strau\u00df. Damit ist ihm wirklich Unrecht getan worden und es hat ihn tief verletzt. Der \u201eSpiegel\u201c trug daf\u00fcr die Hauptverantwortung, \u201eStern\u201c und \u201eS\u00fcddeutsche\u201c folgten willig. Es gab Momente, in denen mein Vater unter der Last der ihm unterstellten Bosheit beinahe zusammenbrach. Die Kraft, die er aufbringen musste, um seine wahren politischen Auffassungen zu verteidigen, war fast unmenschlich. Dass sich der Spiegel hierzu mittlerweile einer teilweise kritischen Selbstbetrachtung unterzogen hat, respektiere ich.<\/p>\n<p>Mein Vater war jemand, der mit seinem herausragenden Intellekt und seinem umfassenden Wissen, Wahrheit ungeschminkt ausgesprochen hat. Daf\u00fcr wurde von den einen geliebt, von den anderen, deren Ideale er als unrealistisch zerriss, zutiefst gehass. Wer \u201eParadieswelten\u201c des Sozialismus zerpfl\u00fcckte, dem wurde nicht verziehen. Hier trafen wirklich Welten aufeinander. Heute w\u00fcrde ich sagen: man hat diesem Franz Josef Strau\u00df am meisten mit diesem Zerrbild des \u201ekriegsl\u00fcsternen D\u00e4mons\u201c Unrecht getan.<\/p>\n<p>Mein Vater war vom Zweiten Weltkrieg gepr\u00e4gt und liebte deshalb den Frieden, von der Willk\u00fcr des totalit\u00e4ren Systems der NSDAP angewidert, er war von Jugend an ein Nazihasser. In diesem Punkt wurde von interessierter Seite versucht, ihn als Nazifreund zu diffamieren! Er war das exakte Gegenteil. Aber damit wollte man ihn d\u00e4monisieren und eben als diesen kriegsl\u00fcsternen Franz Josef Strau\u00df darzustellen.<\/p>\n<p>Ich habe einen anderen Menschen erlebt, einen den der Kalte Krieg bewegte und der daf\u00fcr Sorge tragen wollte, dass in Europa nie wieder ein Krieg gef\u00fchrt werden kann. Seine ganzen Bestrebungen in der Au\u00dfen- und Verteidigungspolitik galten diesem Ziel. Er blieb, trotz aller Probleme, treuer Verb\u00fcndeter der Amerikaner, die f\u00fcr ihn Garant der Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit Deutschlands und Europas waren. Und die Freundschaft zu Frankreich lag ihm zutiefst am Herzen. Ich kenne keine Sommerferien, in denen wir nicht mit franz\u00f6sischen Regierungsmitgliedern, mit den politischen Spitzen Frankreichs in einer Runde sa\u00dfen; er hat die Ferien dazu genutzt die pers\u00f6nlichen Kontakte zu vertiefen, weil er fest davon \u00fcberzeugt war, dass dieses Europa sich nur dann in Frieden weiterentwickeln kann, wenn Deutschland und Frankreich Seite an Seite an der Spitze dieses Europas gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Wie haben Sie pers\u00f6nliche Anfeindungen, die Ihrem Vater ungerechterweise widerfahren sind als Kind verarbeitet?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zeitweilig war es nicht so einfach, das r\u00e4ume ich ehrlich ein. Wir haben eine andere Kindheit gehabt. Mich hat dieses Bild gepr\u00e4gt, welches meine Situation als Kind am besten trifft: wir waren die Zebras unter dem Ponyhaufen. Die Tochter von Franz Josef Strau\u00df war immer etwas anderes. Da unsere Eltern aber hinter uns standen, konnten wir damit recht gut umgehen. Wir mussten keine Rolle spielen. Erst sp\u00e4ter hat mich der Druck von au\u00dfen belastet, ich hatte Depressionen. Ich lernte, mit meinen \u00c4ngsten umzugehen, mein Leben zu leben, mich von au\u00dfen nicht erdr\u00fccken zu lassen. Diese F\u00e4higkeit kommt mir heute zugute. Und auch die Kraft, die von meiner sensiblen Mutter ausging, hat mich gest\u00e4rkt \u2013 gerade in Zeiten, wo die Anfeindungen gegen\u00fcber meinem Vater am schlimmsten waren, und wo wir alle massiv angefeindet wurden. Die Feindseligkeiten, die Stahlkugeln, Steine, Pfirsiche und Eierw\u00fcrfe \u2013 bis zu den tats\u00e4chlich terroristischen Pl\u00e4nen, unsere Familie zu vernichten \u2013 all das haben wir gemeinsam durchgestanden. Ich werde immer wieder gefragt, wie es war mit dieser Bedrohung zu leben. Meine Antwort darauf: Ich musste mein Leben als das annehmen was es war. Ich danke meinen Sicherheitsbeamten bis zum heutigen Tag, dass mit als renitentem Teenager so liebensw\u00fcrdig und menschlich fein umgegangen sind \u2013 und dass sie gemeinsam mit uns Kindern das Beste aus einer Situation gemacht haben, die keiner \u00e4ndern konnte.<\/p>\n<p>Aber so wie es schwierige Umst\u00e4nde, so sehr gab faszinierende: Gro\u00dfveranstaltungen mit zwanzig- drei\u00dfigtausend begeisterter Anh\u00e4nger zu erleben, ist etwas, das mir in Erinnerung geblieben ist. Wir Kinder durften gro\u00dfe Staatsoberh\u00e4upter und K\u00f6nigsh\u00e4user kennenlernen, das waren einmalige Erlebnisse, die ich nicht vergessen habe und die mich viel gelehrt haben.<\/p>\n<p>Wir Kinder hatten eine Jugend der Gegens\u00e4tze und mussten lernen, damit umzugehen. Immer wieder war es unsere Mutter, die uns nahegelegte, dass wir uns nichts auf den Namen Strau\u00df einbilden sollten, dass wir bescheiden sein und unseren eigenen Weg gehen sollten. Unsere Eltern halfen uns, mit den oft unfairen Anfeindungen umzugehen: damit also, dass es Menschen gab, die uns nur deshalb mieden, weil wir Strau\u00df hie\u00dfen, Klischees \u00fcber uns verbreitet wurden, Eltern ihren Kindern verboten, Umgang mit uns zu pflegen. So haben wir gelernt, vom Vater gleicherma\u00dfen wie von der Mutter, keinen Vorurteilen aufzuliegen, die Menschen genau kennenzulernen, bevor man \u00fcber diese urteilt, keinen Ger\u00fcchten zu folgen, sondern uns selbst\u00e4ndig ein Urteil, eine Meinung zu bilden. Vielleicht bin ich dadurch ein wenig rebellisch geworden, ein Widerspruchsgeist, zeitweilig auch ein Dickkopf, eine Anh\u00e4ngerin von Fairness. Aber vielleicht war das in der Situation unserer Familie auch gar nicht anders m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Was hat Ihrem Vater sein ganzes Leben lang vorangetrieben, was k\u00f6nnte man als sein Credo bezeichnen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein Credo \u2013 dies ist etwas, das ihn mit dem heutigen Bundespr\u00e4sidenten Joachim Gauck eint \u2013 ist der Gedanke der Freiheit. Eine wichtige Maxime war ihm \u2013 auch hier mit Gauck vereint \u2013 der Gedanke von der Sozialen Marktwirtschaft. Eine Marktwirtschaft darf um keinen Preis unkontrolliert auf Kosten der Mehrheit von Menschen im Lande ausgetragen werden, wo sich einige wenige bereichern. Einer Globalisierung in Form von Oligarchentum und skrupelloser Finanzmarktzockerei w\u00fcrde er sich entgegenstellen. Grundpfeiler waren f\u00fcr ihn Frieden, Freiheit, Soziale Marktwirtschaft und der demokratische Rechtsstaat. Aber Gerechtigkeit bedeutete f\u00fcr ihn nicht die sozialistisch falsch verstandene Gleichmacherei, sondern die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit der Menschen und ein auf fairen Grundregeln beruhende Gesellschaftsordnung. Er war sich bewusst, dass es keine 100%ige Gerechtigkeit geben kann, kein Paradies auf Erden. Die vier Grundpfeiler sind zu den prim\u00e4ren Ma\u00dfst\u00e4ben seines politischen Handelns geworden.<\/p>\n<p>Beim Thema Frieden war es sicherlich die Einigung Europas mit dem Ziel die Mauer zu Fall zu bringen, den Eisernen Vorhang der Trennung Deutschlands und Europas einzurei\u00dfen. Sein Gesellschaftsbild beruhte nicht auf zentralistischen Einheitsvorgaben, sondern auf der Entwicklung einer vielf\u00e4ltigen, den sozialen Grunds\u00e4tzen verpflichteten Wirtschaft, die nicht nur aus riesigen Industriekonglomeraten besteht, sondern aus einer Vielfalt kleiner, mittlerer und gro\u00dfer Unternehmen, die unter vern\u00fcnftigen politischen Rahmenbedingungen den wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand im gegenseitigen Wettbewerb st\u00e4rken. Er wollte, dass alle Menschen aus unterschiedlichen Schichten eine Chance haben, ihre F\u00e4higkeiten und Talente zu beweisen. Er favorisierte ein Schulsystem, welches den unterschiedlichen F\u00e4higkeiten des Menschen Rechnung tragen sollte. Daf\u00fcr hat mein Vater das Bild der \u201ebayerischen Blumenwiese\u201c gepr\u00e4gt, das im Gegensatz zum streng getrimmten englischen Einheitsrasen stand. \u201eDa gibt es eine Vielfalt von Blumen, Gr\u00e4sern und Farben, deren Reichtum gerade nicht in der Gleichheit besteht.\u201c Er war fest davon \u00fcberzeugt, dass Menschen durch ihre individuellen F\u00e4higkeiten, wenn man ihnen einen guten politischen Grundrahmen bietet, in \u00fcberraschender Weise scheinbar riesige Herausforderungen meistern k\u00f6nnen. Indoktrination, Bevormundung, Reglementierungswut, ideologische Schranken und Gleichmacherei (darum hat er immer gegen B\u00fcrokratie gek\u00e4mpft) l\u00e4hmen und frustrieren. Wir sind heute in einem Zeitalter, in dem wir uns sehr gr\u00fcndlich mal Gedanken machen sollten, ob das \u00dcberma\u00df an B\u00fcrokratie, das in Deutschland entwickelt wird, und zwar von allen und von jedermann, tats\u00e4chlich das richtige ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Im R\u00fcckblick: Auf welche der vielen Leistungen, die Franz Josef Strau\u00df f\u00fcr die Bundesrepublik und als Ministerpr\u00e4sident f\u00fcr Bayern errungen hat, sind Sie besonders stolz?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Entwicklung Bayerns von einem agrar-gepr\u00e4gten armen Land zu einem modernen Industriestandort von Weltruf, der Tradition und Moderne symbiotisch verbindet. In der EU gilt das Unternehmen Airbus immer noch als ein Markstein f\u00fcr eine kluge von der Politik unterst\u00fctzte wirtschaftliche Wunderleistung, das seine positiven Wirkungen in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Trotz der hohen politischen Verantwortung ist er Mensch geblieben und hat sich nicht verbiegen lassen. Das ist eine seiner gr\u00f6\u00dften Leistungen. Gesch\u00e4tzt habe ich immer, dass er seine \u00dcberzeugungen nie dem Zeitgeist und der Opportunit\u00e4t des Zeitgeistes geopfert hat. Eine Zeit lang war es beispielsweise opportun, die DDR und das DDR System nicht anzugreifen, sch\u00f6n zu reden. Er blieb bei seiner \u00dcberzeugung, war unbequem, ging ungew\u00f6hnliche Wege \u2013 wie damals bei seinem Besuch bei Mao Tse Tung oder als er de facto Albanien \u201ewiederentdeckt\u201c hat. Er hat immer wieder versucht, scheinbar unver\u00e4nderliche Dinge zu ver\u00e4ndern, stets von Neuem auszuloten, ob nicht doch Unm\u00f6gliches m\u00f6glich gemacht werden kann. Manchmal wurde ihm dies vorgeworfen, weil er sich oft auf einem gef\u00e4hrlichen Terrain bewegte. Davor habe ich nach wie vor den h\u00f6chsten Respekt. Er hatte den Mut, etwas zu riskieren und keine Angst, Fehler zu machen. Nur der, der nichts macht, macht auch keine Fehler.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Gab es einen Lieblingsschriftsteller?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rainer Maria Rilke war sein Lieblingsschriftsteller, den er auch immer neben dem Bett liegen hatte. Rilke, dessen Werke ja oft nachdenklich und in gewisser Weise auch schwierig sind, er war ein treuer Wegbegleiter meines Vaters.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Was sollten Politiker nach Meinung von Franz Josef Strau\u00df auf keinen Fall tun?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Vater war ein Mensch mit Licht und mit Schatten \u2013 dazu stand er ja auch, dazu stehe ich bis heute.<\/p>\n<p>Ich glaube, ein Politiker braucht die F\u00e4higkeit zur Selbstreflektion. Hybris, Abgehobenheit, ideologische Verblendung, alles, was dazu geeignet ist, ganze Staaten ins Ungl\u00fcck zu st\u00fcrzen, davor m\u00fcssen Politiker sich h\u00fcten. Wie bekannt konnte mein Vater manchmal ziemlich w\u00fctend werden, einzelne Wutausbr\u00fcche sind legend\u00e4r, dennoch w\u00fcrde ich es niemandem zur Nachahmung empfehlen, weil beide Seiten darunter leiden und Feindschaften geboren werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Wichtigste habe ich vorher schon formuliert: Allwissenheit, Allm\u00e4chtigkeit haben wir Menschen nicht. Gerade Politiker sollten sich hier in Bescheidenheit \u00fcben. Alles, was totalit\u00e4r und ideologisch ist, hat er abgelehnt. Durch ihn haben wir Kinder Geschichtsunterricht bekommen. Dieser bestand in der Grundaussage darin: wehre dich gegen alles Totalit\u00e4re, wehre dich gegen alles, was glaubt die Perfektheit, das Paradies auf Erden schaffen zu k\u00f6nnen, wehre dich gegen jeden und laufe niemanden nach, der vorgibt der Beste, der Tollste, der Perfekteste, der Unantastbare und der Hundertprozentige mit dem vollkommenen Wohlf\u00fchlrezept zu sein. Misstraue jedem und allen, die in diese Richtung gehen. Das habe ich mir gemerkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Was kann unsere heutige Jugend von Franz Josef Strau\u00df lernen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Mut zur Zukunft. Nicht alles \u00e4ngstlich zu betrachten, sondern einfach auf diese Zukunft zuzugehen. In Deutschland sind viele inzwischen sehr \u00e4ngstlich geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Th\u00fcringen steht vor der Wahl rot regiert zu werden! Was w\u00fcrde Ihr Vater zu dieser Entwicklung im vereinigten Deutschland sagen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also entsetzt ist gar kein Ausdruck daf\u00fcr. Dass wir in Deutschland nicht gelernt, oder es auch zugelassen haben, dass die paradiesischen Verhei\u00dfungen der versammelten Linken irgendwo wieder Fu\u00df fassen k\u00f6nnen, w\u00fcrde ihn entsetzen. Denn \u00fcberall dort wo Links und Linksau\u00dfen regierten, m\u00fcssen Jahre sp\u00e4ter die Schulden wieder zur\u00fcckbezahlt werden. Deutschland wird sich wundern, wie Th\u00fcringen mit der Zeit Schritt f\u00fcr Schritt abw\u00e4rts marschieren wird. Das ist wirklich bedauerlich und dass man auch heute noch mit so utopistischen Ideen antreten kann, zeigt auch die Schw\u00e4che der SPD. Die SPD hat in den neuen L\u00e4ndern weitgehend versagt. Meinen Vater und mich w\u00fcrde die Toleranz und die Leichtgl\u00e4ubigkeit gegen\u00fcber den Kommunisten wundern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Interview \u2013 Dietmar M\u00fcller-Elmau<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Welt zu Gast auf Schloss Elmau: Was besch\u00e4ftigt den Schlo\u00dfherrn vor dem Gipfel? Die Verantwortung ist enorm, bereuen Sie es in einer stillen Stunde?<\/p>\n<p>Ich besch\u00e4ftige mich vor allem mit der Perfektionierung des nach zweij\u00e4hriger Bauzeit erst kurz vor Ostern neu er\u00f6ffneten Schloss Elmau Retreat, das neben dem vor 8 Jahren in neuer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit wiederaufgebauten Schloss auch Residenz der Staats- und Regierungschefs sein wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was erwarten Sie sich \u2013 politisch gesehen \u2013 vom Gipfel? Sie sind im Geist der politischen Theologie gro\u00df geworden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass sich die Teilnehmer auf eine gemeinsame Politik zum besseren Schutz von Umwelt und Freiheit verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Ich bin gl\u00fccklicherweise nicht im Geist einer politischen Theologie, sondern der offenen Gesellschaft gro\u00df geworden, in der Fragen des Politischen pragmatisch verhandelt und nicht mit Argumenten des Glaubens, der Moral oder der Herkunft beantwortet werden, die per se nicht verhandelbar sind. Ich habe mich dann aber in der Besch\u00e4ftigung mit deutscher Geschichte vor allem mit der Ideengeschichte und politischen Relevanz gegens\u00e4tzlicher Ideale von Freiheit in protestantischen Religionskulturen in Deutschland und Amerika auseinandergesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Perspektivwechsel: Der neue Kurs oder die neue Firmenphilosophie von Schloss Elmau unter Ihrer Leitung legt die Maxime zugrunde: Nicht Freiheit vom Ich, sondern Urlaub des Ich, was haben wir darunter zu verstehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freiheit vom Ich ist ein metaphysisches oder religi\u00f6ses, die Freiheit des Ich ein politisches Ideal, dass die Freiheit des anderen als Grenze der eigenen respektiert. Ich m\u00f6chte G\u00e4sten von Schloss Elmau in ihrer Freizeit vor allem gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freiheit bieten, gleichg\u00fcltig was jeder darunter f\u00fcr sich verstehen mag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Blick zur\u00fcck: Die Elmau war, wie Sie es auch in Ihrem neuen Buch \u201eSchloss Elmau, Eine deutsche Geschichte\u201c beschreiben, die Heimat Ihrer Jugend, aber nicht die Heimat Ihres intellektuellen Ich: Sind Sie auf Schloss Elmau angekommen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute ist Schloss Elmau f\u00fcr mich vielleicht eines der sch\u00f6nsten, sicher aber das zur Zeit interessanteste und au\u00dfergew\u00f6hnlichste Hotel der Welt, in dem ich am liebsten meine Ferien mit meiner Familie oder Freunden oder allein verbringen m\u00f6chte. Ankommen werde ich wohl nirgendwo je richtig, da ich immer weitergehen, neues entdecken und entwickeln m\u00f6chte. Mit der Fertigstellung des Schloss Elmau Retreat er\u00f6ffnen sich f\u00fcr Schloss Elmau v\u00f6llig neue Perspektiven. Der G7 Gipfel ist hoffentlich nur der Anfang und nicht das Ende einer beinahe 100 j\u00e4hrigen Transformationsgeschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Statt Konsens, sind Sie ein Verfechter des Dissens, der Polyperspektivit\u00e4t, internationalen Globalit\u00e4t und des transatlantischen Denkens bzw. Dialoges, man k\u00f6nnte auch sagen, der postmodernen Differenz. Elmau hat sich innerlich renoviert und sich vom alten Konzept Ihres Gro\u00dfvaters, das Sie als zu eng empfunden haben, distanziert. Es geht in Ihrem neuen Konzept nicht mehr um die Aufl\u00f6sung des Ich, die Ich-Vergessenheit und Aufhebung des Ich, sondern um ein kr\u00e4ftiges, bejahendes, existentielles Ich; Sie betonen: Ohne Vielfalt keine Freiheit und unterstreichen immer wieder das Ideal der offenen Gesellschaft: Haben Sie nicht Angst, das zuviel Freiheit letztendlich das traditionelle Werteger\u00fcst aufl\u00f6st? Wird Elmau ein Ort der Zivilisationskritik bleiben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schloss Elmau wird in Zukunft hoffentlich nie wieder ein Ort der Ablehnung der Freiheit des Ich, sondern der Bejahung und permanenten Erweiterung der Freiheit und Kreativit\u00e4t des Ich bleiben. Gerade weil es das perfekte Hotel ebenso wenig geben wird, wie perfekte Menschen oder eine perfekte Welt und Politik, muss man alles eingedenk menschlicher Unzul\u00e4nglichkeit immer wieder kritisch hinterfragen und versuchen st\u00e4ndig zu verbessern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr Haus ist eine Bastion des Protestantismus, auch wenn Sie immer wieder die protestantische Homogenit\u00e4t kritisieren und das katholische Farbenspiel von Licht und Schatten, das Ihnen mehr am Herzen liegt betonen. Welche Rolle spielt die Religion f\u00fcr Sie im 21. Jahrhundert? Sie sprechen oft vom Mangel an s\u00e4kularer Vernunft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schloss Elmau hat f\u00fcr mich keine eindeutige Identit\u00e4t, das Hotel ist wie seine G\u00e4ste und Mitarbeiter voll von Widerspr\u00fcchen, Komplexit\u00e4t und Kompromissen gegens\u00e4tzlicher Interessen. Die einzige Konstante ist die Unstimmigkeit. Schloss Elmau ist f\u00fcr mich ein urbanes Hotel in unber\u00fchrter Natur, ein Ort der Freiheit und des Fremdenverkehrs, des st\u00e4ndigen Kommens und Gehens, der Vermischung, Inspiration, Erholung und Bewegung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ohne Transzendenzbezug kann es meiner Ansicht nach keine Freiheit geben, welche die Freiheit des anderen als Grenze der eigenen respektiert und keine Rechtsgemeinschaft geben, welche unterschiedliche Wertegemeinschaften als Teil der offenen Gesellschaft akzeptiert. S\u00e4kulare Vernunft bewahrt den Glauben an das Jenseits vor seiner Verweltlichung und Entzauberung im Diesseits ebenso wie Politik vor religi\u00f6ser, metaphysischer oder \u00e4sthetischer \u00dcberh\u00f6hung und nicht mehr hinterfragbarer Letztbegr\u00fcndung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Gipfel ohne Putin. Fehlt da nicht was? Ihnen ist Kultur wichtig, insbesondere eine intellektuelle Streitkultur, im Zustand der Harmonie sehen Sie ja eher etwas Stagnierendes:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, wenn Putin die Freiheit der offenen Gesellschaften des Westen nicht als Bedrohung seiner Macht, sondern als Grundlage von Wohlstand und Sicherheit auch f\u00fcr Russland sehen und deshalb Mitglied des Gipfels der wirtschaftlich st\u00e4rksten Nationen der freien Welt sein k\u00f6nnte. Ich f\u00fcrchte allerdings, dass Russland am liebsten nur Mitglied eines G2 Gipfels mit der USA sein m\u00f6chte, um Regeln f\u00fcr nicht souver\u00e4ne Staaten setzen zu k\u00f6nnen, an die man sich als vermeintlich souver\u00e4ne, weil milit\u00e4risch \u00fcberlegene Weltmacht selber nicht halten muss. Da dieser Platz aber bereits von China besetzt und Amerika nicht bereit ist Europa aufzugeben, versucht Putin Deutschland auf seine Seite zu ziehen um Europa zu spalten und damit Russland gegen\u00fcber der USA und China zu st\u00e4rken. Der G7 Gipfel bietet dagegen vielleicht auch eine M\u00f6glichkeit die Westbindung Deutschlands und damit die Einigung Europas zu vertiefen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Sohn von Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker hat einmal gesagt: \u201eMein Vater ist wie ein Fahrrad, wenn es steht, f\u00e4llt es um.\u201c Was machen Sie in Ihrer Freizeit?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe nicht genug Kraft zum Nichtstun und bin daher st\u00e4ndig in Bewegung, auf Reisen, beim Lesen und Bauen und mangels Zeit leider immer weniger beim Wandern, Skifahren oder Bergsteigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sehen Sie die weitere Entwicklung von Schloss Elmau nach dem Gipfel. Dem 5-Sterne-Ressort Heiligendamm hat der G 8 Gipfel \u2013 nachhaltig gesehen \u2013 ja nicht zum merkantilen Erfolg geholfen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Hotel das vor dem Gipfel nicht nachhaltig erfolgreich war, wird es auch nach dem Gipfel nicht sein k\u00f6nnen. Bisher hat der Erfolg von Schloss Elmau die Erwartungen \u00fcbertroffen. Daf\u00fcr gibt es aber keine Garantie. Jedes Investment ist mit Risiko verbunden. Ich bef\u00fcrchte immer das Schlimmste und versuche stets mein Bestes zu geben, damit es nicht eintritt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gipfel dieser Art haben ja nicht nur Freunde, von den Protestbewegungen einmal zu schweigen. Wie ist die Stimmung in der Bev\u00f6lkerung, schl\u00e4gt Ihnen Unmut oder Neid entgegen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Mehrheit der B\u00fcrger und alle ma\u00dfgebenden Politiker der Region stehen dem Gipfel positiv gegen\u00fcber. Alle, auch die Gegner profitieren vom Gipfel, sei es durch Zusch\u00fcsse zur Verbesserung der Infrastruktur oder das erh\u00f6hte Interesse der Medien. Schloss Elmau bereichert die Region kulturell und wirtschaftlich. \u00dcber 90% der Auftr\u00e4ge f\u00fcr den Wiederaufbau von Schloss Elmau und den Neubau des Schloss Elmau Retreat wurden an Firmen und Handwerker in Oberbayern vergeben. Mit Ausnahme der lokalen Presse \u00fcberwiegt die Anerkennung den Neid bei weitem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Haben Sie Angst vor m\u00f6glichen Eskalationen, man denke an die letzten Ereignisse in Frankfurt gegen die Europ\u00e4ische Zentralbank, obwohl es ein gut fundiertes Sicherheitskonzept gibt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe keine Angst vor Eskalationen, auch wenn gewaltbereite Feinde der Freiheit in der offenen Gesellschaft alles dransetzen werden, den Gipfel zu sabotieren und das Symbol G7 zu besch\u00e4digen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie \u00fcberzeugen Sie kritische Stimmen, die durch den G 7 Gipfel ihre landschaftliche Idylle und Heimat gef\u00e4hrdet sehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bisher ist die Idylle von Schloss Elmau nicht im Geringsten nachhaltig besch\u00e4digt worden. Naturschutz ist f\u00fcr Schloss Elmau Existenzgrundlage. Daher bin ich froh, dass das Tal komplett abgeschirmt wird. Nat\u00fcrlich besteht berechtigte Sorge, dass gewaltbereite Demonstranten, die nicht f\u00fcr irgendwelche erkennbaren Inhalte demonstrieren, sondern den Gipfel nur sabotieren und damit vor allem die Aufmerksamkeit der Medien auf sich lenken wollen, Wiesen und W\u00e4lder in den umliegenden Gemeinden besch\u00e4digen. Ich bin jedoch optimistisch, dass die bayerische Polizei dies weitestgehend verhindern, wenn nicht gar unm\u00f6glich machen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Architektur steht \u2013 ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt es \u2013 f\u00fcr ein erneuertes Denken, f\u00fcr einen Aufbruch. Sie haben mit dem Neubau auf der Elmau, einem \u201eneuen Hotel im Hotel\u201c, wie Sie es nennen, eine neue Architektur geschaffen. 17 identische Suiten \u2013 eine Vielzahl neuer Zimmer, Sie sprechen dabei vom Ideal der offenen Gesellschaft\u201c. Anders gefragt: Welche Philosophie steckt dahinter?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wollte reisenden \u00c4stheten, K\u00fcnstlern mit oder ohne Familie in Schloss Elmau zur optimalen Erholung nicht nur eine gro\u00dfe Vielfalt unterschiedlicher Zimmer und Suiten, Restaurants, Spas, Lounges, kultureller Veranstaltungen und Alternativen zum Nichtstun, sondern last not least auch die Freiheit der Wahl zwischen zwei verschiedenen Hotels in einem bieten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welche Rolle \u00fcbernimmt Ihre Frau innerhalb des Hotelbetriebes, bzw. beim G 7 Gipfel?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie leitet die inzwischen bereits legend\u00e4ren Schloss Elmau Edutainment Wochen f\u00fcr Kinder und Jugendliche mit Debating Clubs, Workshops f\u00fcr Wissenschaft und Technik, Literaturwerkstatt, Schachakademie, Fussballcamps, TV und Film Workshops usw., die von renommierten P\u00e4dagogen durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obamas Pantoffeln, bayerischer Charme und landestypische Spezialit\u00e4ten. Was bietet der Gourmet M\u00fcller-Elmau seinen hochkar\u00e4tigen G\u00e4sten, welcher Wein beispielsweise wird den Staatschefs serviert?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was auch immer die Kanzlerin als Hausherrin und Gastgeberin ihren G\u00e4sten anbieten m\u00f6chte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr Hotel ist f\u00fcr erlesene Exklusivit\u00e4t Deutschlandweit bekannt, aber auch f\u00fcr die Ruhe und Abgeschiedenheit in einer wunderbaren Umgebung. Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel hat diesen Ort bewu\u00dft ausgesucht. Welche <em>Highlights sind f\u00fcr die prominenten G\u00e4ste geplant? <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Selbst wenn ich es w\u00fcsste, k\u00f6nnte ich es Ihnen nicht sagen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Interview Django As\u00fcl <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Wie w\u00fcrden Sie den typischen Bayern beschreiben, was sch\u00e4tzen Sie an diesem Menschenschlag, was nicht?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch die Gr\u00f6\u00dfe Bayerns findet nat\u00fcrlich viel Alltagsleben fernab von Gro\u00dfst\u00e4dten wie M\u00fcnchen oder dem Ballungsgebiet N\u00fcrnberg-F\u00fcrth-Erlangen statt. Ich selber bin quasi ein Kind der Provinz und habe eigentlich diese Mischung aus Direktheit und Entschleunigung immer gesch\u00e4tzt. F\u00fcr mich ist der Bayer daher in erster Linie kein grunds\u00e4tzlicher Vertreter von Jubel, Trubel, Heiterkeit, sondern er muss schon seinen Grund haben, um sich mal richtig zu freuen oder aus sich raus zu gehen. Das ist nat\u00fcrlich rein mein subjektiver Eindruck. Aber ich mag genau diese Z\u00fcge. Auf der anderen Seite m\u00f6gen andere die \u00dcberschaubarkeit der Provinz auf Dauer langweilig finden. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war es als Kind ein gewisser Schutz und ist heute ein Hort der Gem\u00fctlichkeit. Das, was also viele am sogenannten typischen bayerischen Leben nicht so toll finden, weil es auch mit sozialer Kontrolle zu tun hat, gef\u00e4llt mir besonders gut.<\/p>\n<p>Ich mag es, wenn ich am Marktplatz sitze oder im Tennisklub bin und seit 40 Jahren die gleichen Leute treffe. Wer dauernd Neues und Action erleben will, muss nat\u00fcrlich in die Stadt. Wobei das Stadtleben eigentlich \u00fcberall relativ \u00e4hnlich ist. Egal ob man in M\u00fcnchen oder in Hannover ist. Als gro\u00dfes Plus hat Bayern nat\u00fcrlich neben dem Mia san mia die wunderbare Landschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Als \u201eniederbayerische T\u00fcrke aus Hengersberg\u201c haben Sie Karriere gemacht: Durch Ihre t\u00fcrkischen Wurzeln dienen Ihnen oft als Folie f\u00fcr einen befremdeten Blick auf die deutsche Wirklichkeit. Ist das nur ein Klischee, oder ist der t\u00fcrkische Humor einfach besser?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie t\u00fcrkischer Humor ausschaut, kann ich gar nicht so genau beurteilen. Meine Sozialisation war von Geburt an zu mindestens 80 Prozent von niederbayerischen Aborigines gepr\u00e4gt. Noch im Vorschulalter war ich jeden Sonntag am Stammtisch. Der ganze Ort war eine Art Laufstall f\u00fcr mich. Ob beim B\u00e4cker, Metzger oder Bodenleger:<\/p>\n<p>Ich konnte \u00fcberall ein und aus gehen und habe daher das sogenannte t\u00fcrkische Leben nur in der T\u00fcrkei im Sommerurlaub mitgekriegt. Was wiederum ein ziemlicher Kulturschock war Jahr f\u00fcr Jahr. Ich habe nat\u00fcrlich auch ein bisschen Einblick in die ganze Gastarbeiterszenerie damals gekriegt, wenn ich mit meinem Vater mal zur Fabrik fuhr, um meine Mama abzuholen. Aber da meine Eltern auch von Anfang an sehr viel mit den Einheimischen zu tun hatten, blieb der t\u00fcrkische Alltag f\u00fcr mich eher etwas Exotisches. Das hat sich bis heute nicht ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Ihr Tourkalender ist voll. Wie erkl\u00e4ren Sie beispielsweise Berlinern, Hamburgern oder ihrem Publikum in der ganzen Bundesrepublik Ihre Herkunft aus Deggendorf, Ihre bayerische Verwobenheit, Bodenst\u00e4ndigkeit und Ihre tiefe Heimatverbundenheit?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir geht es nicht darum, explizit meine Umst\u00e4nde zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Sondern ich bringe einfach schr\u00e4ge Situationen auf die B\u00fchne. Das kann Erlebtes oder Beobachtetes sein. Wobei ich eigentlich auch von Anfang an sehr stark mit dem Bayerischen statt mit dem T\u00fcrkischen in Verbindung gebracht wurde von Garmisch bis Kiel. Was nat\u00fcrlich auch an meinem nicht gerade sanften niederbayerischen Akzent liegt. Generell interessiert die Menschen im gesamten Sprachraum scheinbar das Bayerische, weil nur damit nicht nur eine Sprache, sondern auch eine Mentalit\u00e4t in Verbindung gebracht wird. Und da die bayerische Gesellschaft von der Staatsregierung \u00fcber den Stammtisch bis hin zum FC Bayern immer wieder Stoff liefert, bin ich keine Ausnahme unter den bayerischen Kollegen. Da gibt es etliche, die seit Jahren bundesweit auf Tournee nicht vor leeren R\u00e4ngen spielen. Die Heimatverbundenheit erkl\u00e4rt sich in den Geschichten. Das muss ich nicht explizit betonen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Was reizt Sie am politischen Kabarett? Seit 2008 sind Sie Stammredner beim allj\u00e4hrlichen Maibockanstich, Neben dem Nockherberg ist der Maibockanstich mittlerweile eine feste Institution f\u00fcr Bayerns Politiker.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mich reizt auf jeden Fall die Riesengaudi im Hofbr\u00e4usaal. Bei mir haben ja alle Parteien und Politiker sehr schnell gemerkt, dass ich gegen sie \u00fcberhaupt nichts habe und somit auch nicht zur Abrechnung ans Pult schreite. Die bayerische Politik gibt immer wieder viel Stoff her. Und gerade die Herrschenden haben nicht nur ein dickes Fell, sondern auch einen sehr soliden Humor. Die teilen gern aus. Und drum stecken sie auch gern ein bei diversen Bieranstichen. Das hat wohl viel mit der bayerischen Lebensart zu tun. Einen Starkbieranstich in Leverkusen kann man sich jedenfalls nicht vorstellen. Und einen hochdeutsch sprechenden Derblecker auch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Sind Sie ein politischer Mensch, oder interessiert Sie Politik nur als Vorlage um Kabarett zu machen?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Politik hat wie auch Wirtschaft viel mit Ursache und Wirkung zu tun.<\/p>\n<p>So gesehen interessieren mich diverse Prozesse und die mal kurzen, mal langen Dienstwege zur vermeintlichen L\u00f6sung schon. Ich habe als kleines Kind schon gelernt, mich relativ breit zu interessieren. So gesehen finde ich es schon spannend zu beobachten, welche Auswirkungen beispielsweise ein Mindestlohn im Alltag von Arbeitgebern und Arbeitnehmern hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>Wer provoziert muss auch einstecken k\u00f6nnen! Wie gehen Sie mit Kritik um?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz wichtig ist immer: Wer kritisiert und mit welcher Intention?<\/p>\n<p>Meine h\u00e4rtesten Kritiker sind Leute, die mich schon lange und sehr gut kennen. Und die auch vom Kabarett Ahnung haben. Da w\u00e4re ich schlecht beraten, deren Kritik zu ignorieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li>Politiker werden ja nicht gern kritisiert, im Kabarett jedoch ist das m\u00f6glich! Gibt es Personen, die Sie bewu\u00dft im Programm ausklammern?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir geht es in erster Linie mal um Unterhaltung. Und wenn irgendwelche Personen sich besonders viel M\u00fche geben, um satirisch verarbeitet zu werden, muss das eben honoriert werden. Aber mich interessiert definitiv nicht jedes Thema und auch nicht jede Person.<\/p>\n<p>Aber da ich ja neben dem normalen B\u00fchnenprogramm auch jedes Jahr einen Jahresr\u00fcckblick mache, tauchen darin zu meiner \u00dcberraschung schon mal Leute auf, die in meinem jeweiligen Standard-B\u00fchnenprogramm sicher nichts verloren h\u00e4tten. Ein Jahresr\u00fcckblick ist da schon ein sehr bunter Querschnitt vom abgelaufenen Jahr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"8\">\n<li>Wer interessiert Sie als politische Pers\u00f6nlichkeit am meisten, mit wem k\u00f6nnen Sie sich am besten identifizieren?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Maibockredner interessieren mich nat\u00fcrlich die bayerischen Spitzenleute am meisten. Identifizieren kann mich allerdings mit keinem von denen. Was nicht hei\u00dfen muss, dass man sich nicht gut versteht. Gerade von Leuten wie Seehofer, S\u00f6der, Pronold oder Aiwanger kann ich aus Erfahrung sagen: Die haben alle einen guten Humor und freuen sich, von mir entsprechend ber\u00fccksichtigt zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"9\">\n<li>Nichts ist ernster als Humor! W\u00fcnschen Sie sich, dass die kritischen T\u00f6ne, die Sie anschlagen \u2013 auch tats\u00e4chlich zu einer Ver\u00e4nderung im politischen Alltag f\u00fchren?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So wie ich nicht erwarte, dass sich Politiker in meine Arbeit einmischen, d\u00fcrfen auch die Politiker erwarten, dass ich mich nicht in deren Belange einmische. Wobei das explizit meine Meinung ist. Andere Kollegen m\u00f6gen das anders sehen. Zumal mir auch durchaus bewusst ist:<\/p>\n<p>So manche Entscheidung, die da gef\u00e4llt wird, hat nicht unbedingt einen substanziellen, sondern eher parteitaktischen Hintergrund. Und ganz<\/p>\n<p>ehrlich: Mein Publikum will von mir nicht die B\u00fchnenversion von Zeitungskommentaren vorgesetzt kriegen, sondern zwei Stunden Hocham\u00fcsantes, ohne dabei das Hirn ausschalten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"10\">\n<li>Sie sind seit 20 Jahren sehr erfolgreich im Gesch\u00e4ft \u2013 gibt es eigentlich ein Leben neben der Satire?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf alle F\u00e4lle. Diverse Stammtische, Caf\u00e9s und auch der Tennisklub k\u00f6nnen durchaus best\u00e4tigen, dass es bei mir in Hengersberg ein enorm festgefahrenes und unterhaltsames Leben gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"11\">\n<li>Wenn Django As\u00fcl einen Wunsch frei h\u00e4tte, was w\u00fcrde er gern an oder in der Politik ver\u00e4ndern?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir von der bayerischen Opposition definitiv noch viel mehr Stoff als bisher f\u00fcr meine zuk\u00fcnftigen Maibockreden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Interview Joseph Vilsmaier<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u2013 <\/strong><strong>Gratulation zur Bayerischen Verfassungsmedaille! Mit der Bayerischen Verfassungsmedaille werden B\u00fc<\/strong><strong>rger geehrt \u201e<\/strong><strong>die in besonderer Weise zum Zusammenhalt der Menschen in Bayern beitragen uns sich f\u00fc<\/strong><strong>r die Werte der Bayerischen Verfassung einsetzen\u201c<\/strong><strong>. Inwieweit haben Sie dies w\u00e4<\/strong><strong>hrend Ihrer Laufbahn als Kameramann, Regisseur und Produzent angestrebt und inwieweit war dies eher eine Begleiterscheinung Ihres Schaffens?<\/strong><\/p>\n<p>AW: Zuerst mal hab ich mich wirklich sehr geehrt gef\u00fchlt, dass mir hier in meiner Heimat eine so hohe Anerkennung zuteil wird! Oft ist es doch so, dass man erst im Ausland etwas erreichen muss, damit man zuhause anerkannt wird. Aber so eine Auszeichnung strebt man ja nicht an! Man versucht halt ein anst\u00e4ndiges Leben zu f\u00fchren! Und was meine berufliche Laufbahn angeht, kam auch eins zum andern und da ich meinen Beruf nie als \u201eArbeit\u201c angesehen hab, sondern als Privileg, dass ich genau das machen konnte, was ich machen wollte, w\u00fcrde ich mich schon als Gl\u00fcckspilz bezeichnen! Und die bayerische Verfassungsmedaille war dann die Kr\u00f6nung!<\/p>\n<p><strong>\u2013 <\/strong><strong>Herr Vilsmaier, Sie wurden in Bayern geboren, sind in Bayern aufgewachsen, arbeiten heute noch in Bayern. Obgleich Sie durch Ihren Beruf viel gereist sind, sind Sie stets in Bayern beblieben, drehten 2012 mit \u201eBavaria \u2013 <\/strong><strong>Traumreise durch Bayern\u201c <\/strong><strong>sogar eine Hommage an den Freistaat Bayern. Was verbindet Sie mit Bayern und was verbinden Sie mit Bayern?<\/strong><\/p>\n<p>AW: Mich verbindet mit Bayern nat\u00fcrlich meine Herkunft, meine Kindheit, da sind meine Wurzeln und alles was mir im Leben wichtig ist! Meine Kinder, meine Familie\u2026Freunde\u2026. Bayern hat mich gepr\u00e4gt! Und je mehr ich gereist bin, umso mehr lernte ich mein Zuhause \u201eDahoam\u201c zu sch\u00e4tzen!<\/p>\n<p><strong>\u2013 <\/strong><strong>Was bedeutet es f\u00fc<\/strong><strong>r Sie eine Heimat zu haben? Wie wichtig ist Ihnen Heimat?<\/strong><\/p>\n<p>AW: Wenn ich mir all die Fl\u00fcchtlinge und heimatlosen Menschen anschau&#8216;, bin ich dankbar, dass meine Kinder und ich ein besseres Schicksal haben. Es ist wichtig, Wurzeln zu haben! Mehr kann ich dazu gar nicht sagen.<\/p>\n<p><strong>\u2013 <\/strong><strong>Was w\u00fc<\/strong><strong>nschen Sie sich f\u00fc<\/strong><strong>r den Freistaat Bayern?<\/strong><\/p>\n<p>AW: Im Grunde doch nur, dass alles so bleibt wie es ist!<\/p>\n<p><strong>\u2013 <\/strong><strong>Sie gelten mitunter als \u201e<\/strong><strong>Erneuerer des Heimatfilms\u201c<\/strong><strong>. Wie sagt ihnen diese Bezeichnung zu?<\/strong><\/p>\n<p>AW: Ach, mir sind solche Zuordnungen eigentlich egal! Manche Menschen brauchen eben solche Schubladen damit ihr Weltbild wieder stimmt! Aber nat\u00fcrlich hab ich bei \u201eHerbstmilch und bei \u201eRama dama\u201c einen Heimvorteil gehabt. Denn wenn ich mich irgendwo wirklich auskenn\u2019 und vor allem wei\u00df wie die Leut\u2019 ticken, dann in meiner unmittelbaren Heimat! Und wenn es dadurch ein \u201eHeimatfilm\u201c wird, dann ist es halt ein Heimatfilm!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u2013 <\/strong><strong>In den meisten Ihrer Filme sind Sie gleichzeitig Regisseur sowie Kameramann. Welche Vorteile hat solch eine Doppelkonstellation als Filmemacher? Inwieweit ist es f\u00fc<\/strong><strong>r den Zuschauer m\u00f6<\/strong><strong>glich, das Land Bayern im Film \u201eBavaria \u2013 <\/strong><strong>Traumreise durch Bayern\u201c <\/strong><strong>durch Ihre Augen zu sehen?<\/strong><\/p>\n<p>AW: Mir ist eher wichtig, dass sich die Leut\u2019 ein eigenes Bild machen! Durch meine Augen schau nur ich!\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Regisseur\/Kameramann und Produzent zu sein ist einerseits anstrengend und kr\u00e4fteraubend, andererseits brauch ich mich mit keinem Regisseur, keinem Kameramann und keinem Produzenten auseinander zu setzen! Das spart viel Gerede und ich kann es so machen wie ich es will! Allerdings hei\u00dft das auch, f\u00fcr alles den Kopf hinzuhalten!<\/p>\n<p><strong>\u2013 <\/strong><strong>Sie absolvierten gleichzeitig eine Ausbildung in Kameratechnik bei ARRI und ein Studium der Musik am M\u00fc<\/strong><strong>nchner Konservatorium. Wie erg\u00e4<\/strong><strong>nzen sich diese beiden Berufsfelder? Welche Rolle spielt Musik in Ihren Filmen? Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Leben?<\/strong><\/p>\n<p>AW: Wenn man jung, flexibel und interessiert ist, geht das problemlos ineinander \u00fcber! Und Musik hat in meinem Leben immer eine gro\u00dfe Rolle gespielt! Es gibt kein anderes Medium das Menschen derart miteinander verbindet und fast eine heilende Wirkung hat. Und dem Film, w\u00fcrde ohne Musik, ein wichtiges dramaturgisches Mittel fehlen!<\/p>\n<p><strong>\u2013 <\/strong><strong>An welchen Orten drehen Sie am liebsten?<\/strong><\/p>\n<p>AW: Da ich fast schon \u00fcberall gedreht hab, bin ich immer froh wenn ich heim komm\u2019! Aber Anfang n\u00e4chsten Jahres geht\u2019s wieder mal nach S\u00fcdafrika!<\/p>\n<p><strong>\u2013 Wie w\u00fc<\/strong><strong>rden Sie es beschreiben, Bayern 50 Stunden lang aus der Luft gesehen zu haben f\u00fc<\/strong><strong>r die Dreharbeiten zu Ihrem Film \u201eBavaria\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>AW: Ich glaub\u2019 sagen zu k\u00f6nnen, dass ich Bayern kenn\u2019 und zwar in- und auswendig! Ich kenn das Sch\u00f6ne und das nicht ganz so Sch\u00f6ne, aber ehrlich g\u2019sagt, m\u00f6chte ich nirgendwo anders leben! Ich geh\u00f6r\u2019 einfach hierher!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Interview mit Bayerns Medienministerin Ilse Aigner<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Bayern ist ein beliebter Filmstandort in Deutschland. Sie sind als Wirtschaftsministerin auch f\u00fcr die Film- und Medienpolitik verantwortlich. Was macht ein Medienminister?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Medienstandort Bayern st\u00e4rken! Wir m\u00fcssen die Innovationskraft der hiesigen Medienunternehmen sichern. Die Digitalisierung hat den Medien enorme Fortschritte gebracht. Folge davon ist ein harter globaler Wettbewerb. Der hat Auswirkungen auf alle bayerischen Medienunternehmen. Ich will, dass der bayerische Markt und seine Akteure international sichtbar sind. Das geht nur, wenn die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Ich setze mich vor allem f\u00fcr unsere kleinen und mittleren Unternehmen ein. Vielfalt ist wichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Der Marktanteil deutscher Filme ist innerhalb des internationalen Wettbewerbs zur\u00fcckgegangen. Warum?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Marktanteil deutscher Filme in Deutschland unterliegt Schwankungen. Im Jahr 2014 ist der Anteil deutscher Produktionen auf 26,7 Prozent gestiegen bei 32,1 Millionen Besuchern. Das ist das zweitbeste Ergebnis f\u00fcr die deutsche Produktion seit dem Rekordjahr 2009. Ziel muss es sein, den Marktanteil noch mehr zu steigern. Dazu m\u00fcssen wir national und international erfolgreiche Kinofilme produzieren. Deshalb auch ein eigener neuer F\u00f6rdertopf f\u00fcr internationale Co-Produktionen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Gibt es ein neues Bewusstsein f\u00fcr den Bayerischen Film, den Bayerischen Heimatfilm und warum denken Sie k\u00f6nnte dieser ein Exportschlager werden?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In unserer Zeit \u00e4ndert sich Vieles immer schneller \u2013 da werden authentische bayerische Filme, die mit dem Genre des Heimatfilms spielen, auch immer beliebter. Oft sind das Geschichten, die unmittelbar mit dem Ort und der Sprache verkn\u00fcpft sind. Durch diese Einmaligkeit sind bayerische Filme auch unnachahmlich. Zum Exportschlager k\u00f6nnen sie werden, wenn sie universelle Wahrheiten aussprechen und menschliche Bed\u00fcrfnisse ansprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Wie steht die Medienbrache innerhalb der Bayerischen Wirtschaft da?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Medienbranche ist ein starkes St\u00fcck der Bayerischen Wirtschaft. Allein in der Region M\u00fcnchen macht die IuK- und Medienbranche 18,3\u00a0Prozent des gesamten Umsatzes aus. Und auch abseits dieser Zahlen ist sie ein wichtiger Treiber f\u00fcr neue Trends im Digitalbereich. Spieleentwickler haben z. B. wiederholt Anwendungen im technischen Umfeld vorbereitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Welche Herausforderung stellt das Internet f\u00fcr den Film dar?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Kinofilm muss das Internet in seine Erz\u00e4hlweise und Produktion integrieren. YouTube z.B. ist schon heute der wichtigste Verbreitungsweg f\u00fcr Trailer von Kinofilmen. Der Kinofilm soll aber zugleich sein eigenes Format verteidigen. Dies kann er, wenn er gut, spannend und relevant ist. Das Internet bringt f\u00fcr den Kinofilm nat\u00fcrlich auch Gefahren mit sich, Stichwort \u201eInternetpiraterie\u201c. Deshalb ist der Schutz des Urheberrechts und seiner Durchsetzung die anstehende Herausforderung auf nationaler und europ\u00e4ischer Ebene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>Was haben wir unter Medienkompetenz zu verstehen?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Medienkompetenz hei\u00dft zun\u00e4chst, die verschiedenen Mediensysteme und deren Inhalte zu kennen und zu reflektieren. Es bedeutet aber auch, die Inhalte entsprechend kritisch zu nutzen. Medienkompetenz ist eine Schl\u00fcsselkompetenz des 21. Jahrhunderts. Die gro\u00dfe Zahl an Angeboten und deren vielfache Verkn\u00fcpfung stellen hohe Anforderungen an die Vermittlung von Medienkompetenz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li>Was ist ein Medienf\u00fchrerschein und was ist unter Netzneutralit\u00e4t zu verstehen?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Medienf\u00fchrerschein vermitteln wir unseren Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern die Grundlagen f\u00fcr den kritischen Umgang mit den Medien. Der Medienf\u00fchrerschein Bayern wird von der Staatsregierung gef\u00f6rdert und ist eine echte Erfolgsgeschichte. Bis jetzt wurden \u00fcber 150.000 Urkunden an die Absolventen verliehen.<\/p>\n<p>Netzneutralit\u00e4t bedeutet, dass Datenpakete im weltweiten Netz grunds\u00e4tzlich gleich behandelt werden. Die Netzneutralit\u00e4t steht f\u00fcr Freiheit und Fortschritt des Internet. Sie ist deshalb ein hohes Gut. Wenn wir dar\u00fcber diskutieren, ob wir beispielsweise Notfalldiensten oder sonstigen f\u00fcr die Allgemeinheit wichtigen Diensten im Internet Vorfahrt geben, darf die Datenautobahn f\u00fcr den normalen Nutzer nicht zum Standstreifen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"8\">\n<li>Thema Urheberrecht: Wie kann man das Urheberrecht sch\u00fctzen?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ohne Zustimmung des Urhebers darf nichts gehen. Das Gesetz schreibt auch eine angemessene Verg\u00fctung vor. Verst\u00f6\u00dfe sind straf- und bu\u00dfgeldbewehrt. Aber das Internet und die Digitaltechnik haben vieles ver\u00e4ndert. Das Internet soll als Vermarktungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr Kreative im gesamteurop\u00e4ischen Markt fruchtbar gemacht werden. Dazu werden wir die Rechtsdurchsetzbarkeit verbessern. Der illegale Datenaustausch darf nicht wirtschaftlich nachhaltigen Verwertungsmodellen den Boden entziehen. Die Nutzer brauchen ebenfalls Rechtssicherheit, insbesondere vor b\u00f6swilligen Abmahnungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"9\">\n<li>Droht dem Staat und den Medien eine Gefahr von den Netzanbietern? Bzw. haben Sie Angst vor der Monopolmacht der Netzanbieter?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind Netzanbieter m\u00e4chtig. Sie verf\u00fcgen \u00fcber die Infrastruktur. Wir wollen aber gleichen Zugang zum Internet f\u00fcr alle B\u00fcrger. Gegen den Missbrauch von Marktmacht gibt es aber Schutzmechanismen. Vor allem braucht es einen funktionierenden Wettbewerb. Voraussetzung ist der diskriminierungsfreie Netzzugang auf der Vorleistungsebene. Die Bundesnetzagentur achtet darauf, dass die Spielregeln eingehalten werden. Mit der Wettbewerbsentwicklung im deutschen TK-Markt kann man insgesamt zufrieden sein. Das hat zuletzt auch das Sondergutachten der Monopolkommission best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"10\">\n<li>Sollten wir unabh\u00e4ngig von Europa an einem nationalstaatlichen Medienrecht festhalten?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entscheidend ist, dass die relevanten Fragen auf der richtigen Ebene geregelt werden. Medien sind ein wesentlicher Bestandteil der Kultur eines Landes. Bayern ist gepr\u00e4gt durch eine einmalige Medienvielfalt. Daher wollen wir in den einzelnen Mitgliedstaaten der EU ein Medienrecht, das regionale Besonderheiten ber\u00fccksichtigt. Dennoch kann man nicht auf einen europaweiten Rechtsrahmen f\u00fcr bestimmte Bereiche verzichten, wie etwa Jugendschutz oder Datenschutz. Das verlangt schon die Wettbewerbsgerechtigkeit f\u00fcr Anbieter aus verschiedenen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Medienvielfalt und Demokratie geh\u00f6ren zusammen, welche Gefahren sehen Sie hier?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stimmt, Medienvielfalt ist ein wesentliches Grundelement unserer Demokratie. Im Zeitalter der Digitalisierung mit weltweit agierenden Medienkonzernen und mit einer Vielzahl von kostenfreien Medienangeboten im Internet hat sich das Angebot vervielfacht, nicht immer aber mit mehr Vielfalt. Eine Gratismentalit\u00e4t bei den Nutzern k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass hochwertige journalistische Angebote nicht mehr finanzierbar sind. Ich setze mich daher f\u00fcr ein vielf\u00e4ltiges Medienangebot ein und unterst\u00fctze &#8211; wo n\u00f6tig &#8211; Angebote finanziell, die f\u00fcr unsere Gesellschaft wichtig sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"11\">\n<li>Warum muss die Medienpolitik eine Regulierung der Medienpolitik sein? Medienmacht versus Subsidiarit\u00e4t<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Medienvielfalt kann bedroht sein, wenn Medienmacht in den H\u00e4nden weniger Akteure liegt. Aufgabe des Staates ist es, eine Medienordnung zu schaffen, die vielen gesellschaftlich bedeutsamen Kr\u00e4ften eine Stimme sichert. Der Vielfalt an Meinungen in der Gesellschaft muss Rechnung getragen werden. Das bedeutet, dass Regeln f\u00fcr die Unternehmen ver\u00e4ndert werden m\u00fcssen, wo es die Entwicklung verlangt. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Medienordnung zu modernisieren und an die im Zuge der Digitalisierung ver\u00e4nderte Realit\u00e4t anzupassen. Dazu geh\u00f6rt z. B. die Schaffung von mehr Freir\u00e4umen f\u00fcr deutsche Medienunternehmen, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"12\">\n<li>Bei allem Stress als Staatsministerin f\u00fcr Wirtschaft, was tun Sie zum Ausgleich in Ihrer knapp bemessenen Freizeit?<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ab und zu schaffe ich es, bei der Buchlekt\u00fcre oder einem guten Film zu entspannen. Am liebsten schalte ich aber komplett ab in den Bergen beim Wandern oder Skifahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist hier der wichtigste Begriff das Wort Verantwortung<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Im Interview spricht der Unternehmer Thomas Bauer \u00fcber die Risiken der Erbschaftsreform und fordert Nachbesserungen im Gesetzesentwurf. Er pl\u00e4diert f\u00fcr den ehrbaren Kaufmann, die Tugend der Verantwortung und setzt beim Thema Fachkr\u00e4ftemangel auf Zuwanderung. <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie Chance, die eigenen Anteile in die n\u00e4chste Generation zu vererben, steht bei 60 Prozent\u201c, haben Sie einmal betont. F\u00fcr die Erbengeneration bleibt das Risiko mehr Steuern zu zahlen, als das Unternehmen wert sei. Nun hat das <strong>Bundeskabinett am 8. Juli 2015 den Gesetzentwurf zur Anpassung des Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetzes an die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts beschlossen. Sind die Gefahren f\u00fcr den Mittelstand dadurch verringert oder sehen Sie Nachbesserungsbedarf? Anders gefragt: Ist der Gesetzesentwurf wirtschaftlich sinnvoll, wird es Firmenerben dadurch schwerer, ihren Betrieb fortzuf\u00fchren?<\/strong><\/p>\n<p>Viele B\u00fcrger und Politiker haben die Vorstellung, dass Unternehmen etwas sind, das auf Ewigkeit ausgerichtet ist und niemals seinen Wert verliert. Diese Vorstellung ist v\u00f6llig absurd. Als Bauunternehmer beobachte ich seit \u00fcber drei Jahrzehnten das Aufwachsen und den Untergang von Unternehmen. In der Bauwirtschaft sind in den letzten 20 Jahren etwa 80 Prozent aller Gro\u00dfbaufirmen vom Markt verschwunden \u2013 gro\u00dfteils durch Konkurs oder Notverkauf. Bei den Kleinbaufirmen verschwinden 60 Prozent innerhalb von etwa 15 Jahren wieder vom Markt. Das ist nur ein Beispiel aus einer Branche, in der es marktbedingt besonders viel Misslingen gibt. Jeder Unternehmer kennt dieses Risiko. Schlimm ist ein Erbschaftsteuergesetz, das diese Risiken nicht sinnvoll ber\u00fccksichtigt. Bargeld oder Grundst\u00fccke haben eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht untergehen. Firmen haben leider eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie misslingen.<\/p>\n<p>Wenn ein erfolgreicher Unternehmer pl\u00f6tzlich stirbt, dann berechnet sich die Erbschaftsteuer im Moment seines Todes. War das Unternehmen sehr stark von seiner Person abh\u00e4ngig, dann sinkt der Wert des Unternehmens allein durch seinen Tod z. B. auf die H\u00e4lfte ab. Muss ein Erbe nun 30 % Erbschaftsteuer zahlen, was bereits bei kleineren mittelst\u00e4ndischen Unternehmen leicht der Fall sein kann, so muss bei dem beispielhaft dargestellten Wertverlust nahezu das ganze Unternehmen verkauft werden, um die Erbschaftsteuer zu bezahlen. Aus den nun nur noch 50 % Erl\u00f6s f\u00fcr den Verkauf der Anteile muss n\u00e4mlich auch noch Einkommenssteuer bezahlt werden, da der Wertzuwachs seit dem Erwerb durch den Erblasser auch noch zu verteuern ist. Ohne geeignete Erbschaftsteuerregelung ist die Firma dann mit Sicherheit weg.<\/p>\n<p>Derartige Wertver\u00e4nderungen innerhalb kurzer Zeit sind bei Unternehmen \u00fcbrigens keinesfalls selten. Mein Unternehmen, die BAUER AG, war vor der Finanzmarktkrise an der B\u00f6rse das 4-fache Wert, was es heute nach all den Turbulenzen wert ist. W\u00e4re jemand aus der Familie damals gestorben und er h\u00e4tte sich auf eine Stundungsregelung f\u00fcr die Erbschaftsteuer eingelassen, er m\u00fcsste heute sehr viel mehr Erbschaftsteuer bezahlen, als er f\u00fcr seine Anteile heute erhalten k\u00f6nnte. Derartige Regeln sind extrem ungerecht. Auch das neue Erbschaftsteuergesetz mit der Verschonungsregel birgt diese enormen Gefahren f\u00fcr die Erben. Ich halte das f\u00fcr unertr\u00e4glich. Die Loyalit\u00e4t der Erben zu ihrem Unternehmen m\u00fcssen diese mit enormen Risiken erkaufen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich hei\u00dft das: Diese Risiken m\u00fcssten eigentlich aus dem Gesetz entfernt werden. Das private Eigentum an Unternehmen ist sch\u00fctzenswert, egal, wie gro\u00df die Unternehmen sind. Die Risiken bei gro\u00dfen Unternehmen sind nicht geringer, wie die bei kleinen Unternehmen. Stundungsregeln nutzen niemandem. Sie sind enorm gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Als Unternehmer habe ich mein ganzes Leben Angst davor gehabt, dass irgendwann die Erbschaftssteuer \u201emein\u201c Unternehmen zerst\u00f6ren wird. Etliche Entscheidungen habe ich nur wegen der Erbschaftsteuer getroffen. Diese waren oft nicht gut f\u00fcr die Firma, sie hatten nur den Sinn das Risiko zu senken. Ich wei\u00df bei meinem Unternehmen, dass die Erbschaftsteuer nur sch\u00e4dlich f\u00fcr das Unternehmen war. Ich glaube das gilt f\u00fcr viele andere Unternehmen in gleicher Weise. Es macht deshalb auch keinen Sinn, wenn Bayern und der deutsche Staat viele hundert Millionen Euro daf\u00fcr ausgeben, dass neue Unternehmen entstehen, wenn gleichzeitig mit einer Erbschaftsteuer in \u00e4hnlicher Gr\u00f6\u00dfenordnung Firmenentwicklungen so gest\u00f6rt werden, dass in Summe kein \u201eMehr\u201c herauskommt.<\/p>\n<p>Die deutsche Erbschaftsteuer bleibt \u2013 egal wie die Reform nun ausgeht \u2013 ein System mit enormen Risiken f\u00fcr die Erben von Unternehmen und f\u00fcr die Unternehmen selbst. Ich w\u00fcrde die Erbschaftsteuer v\u00f6llig anders gestalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bislang sind nur Unternehmen bis zu 3 Mitarbeitern von der Lohnsummenpr\u00fcfung ausgeschlossen, hier ist eine Erh\u00f6hung auf 5-20 Mitarbeiter im Gespr\u00e4ch. W\u00e4ren damit die Sorgen f\u00fcr kleine mittelst\u00e4ndische Unternehmen vom Tisch? Berechnungen des Zentrums f\u00fcr Europ\u00e4ische Forschung (ZWE) geben dem Korrekturentwurf seitens der CSU recht!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier bin ich nicht im Detail Experte. Die ganz kleinen Firmen sind wegen der Freibetr\u00e4ge und wegen der hier noch sehr niedrigen S\u00e4tze nicht das ganz gro\u00dfe Problem. Hier wurde im Gesetzentwurf an etwas herumgeschraubt, das nicht mehr Gerechtigkeit und auch nicht mehr Geld f\u00fcr den Fiskus bringt \u2013 nur mehr B\u00fcrokratie. Die bayerische Staatsregierung hat Recht, wenn sie hier Nachbesserungen verlangt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bringt die Erbschaftsteuer bundesdeutschen Unternehmen einen Standortnachteil, weil diese im Ausland weniger verbreitet ist?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, sogar ganz erheblich! Viele Eigent\u00fcmer deutscher Firmen sind schon lange ins Ausland gegangen um dort die Erbschaftsteuer zu sparen. Liebherr und M\u00fcller sind bekannte deutsche Namen. Diese Firmen m\u00fcssen sich nicht mehr um die Erbschaftsteuer Sorge machen. Sie k\u00f6nnen sich voll auf die Entwicklung der Firmen konzentrieren und mit dem gesparten Geld harte Konkurrenz gegen heimische Firmen machen, um deren Markt zu erobern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Bauer AG ist einer der gro\u00dfen Mittelst\u00e4ndler, besser gesagt: ein internationaler Konzern mit \u00fcber 10.400 Mitarbeitern, Tendenz steigend. Die Finanzkrise hat in vielen Wirtschaftsbereichen nachhaltig ihre Spuren hinterlassen! Auch f\u00fcr Sie ist Sparen ein Diktat und fordern dabei \u201eDetailarbeit\u201c Was haben wir darunter zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr die BAUER AG haben die Finanzmarktkrise, die Probleme im Nahen Osten, aber speziell auch die massiv entstandene Konkurrenz aus China dazu gef\u00fchrt, dass wir in den letzten Jahren erheblich mit den Verwerfungen auf unseren internationalen M\u00e4rkten zu k\u00e4mpfen hatten. Nur \u00e4u\u00dferste Sparsamkeit und totale Fokussierung auf ein immer noch besseres Produkt erm\u00f6glichen es uns, im Wettbewerb zu bestehen. Leider ist dabei die Profitabilit\u00e4t deutlich weniger geworden. Derartige Entwicklungen sind f\u00fcr Unternehmer Teil des Auf- und Ab im Wirtschaftsleben. Der Staat tut aber mit der Erbschaftsteuer so, als ob es so etwas nicht gibt. Erfreulicherweise scheint sich derzeit manches f\u00fcr die BAUER AG wieder besser zu entwickeln. Wir waren wahrscheinlich ganz am Anfang einer Entwicklung, die viele andere Firmen noch gehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ob Amazon, Google, Alibaba oder andere Internetkonzerne, die Digitalit\u00e4t ist eine der Herausforderungen f\u00fcr die Gesellschaft und die Unternehmer, wie ist Ihrer Meinung nach der Mittelstand und insbesondere die Baubranche auf die Internetrevolution 4.0 vorbereitet? <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Digitalisierung ist f\u00fcr die meisten Unternehmen, auch am Bau, schon ge\u00fcbte Realit\u00e4t im Arbeitsalltag. Das Internet bestimmt die Kommunikation vor allen anderen Mitteln. Die Zukunft wird uns aber noch viele neue M\u00f6glichkeiten bieten. Am Bau ist hier das Stichwort BIM (Building Information Modeling). Hier wird die Zusammenarbeit aller am Bau Beteiligten \u2013 Baufirmen, Planer, Auftraggeber, etc. \u2013 \u00fcber standardisierte Datenaustauschsysteme gestaltet. Daraus ergeben sich viele Chancen zur Verbesserung der Abl\u00e4ufe aber speziell auch zur Fehlervermeidung. Digitalisierung ist f\u00fcr die Zukunftsentwicklung enorm wichtig. Wir d\u00fcrfen aber nicht der Gefahr folgen, dass wir dabei andere Themen der Innovation vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was fr\u00fcher das Maschinenzeitalter war, ist heute die virtuelle Welt samt den technischen Optionen. Verliert der Mensch hierbei seine Rolle als produktiv wertsch\u00f6pfende Kraft?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, mit Sicherheit nicht. Den Computer, der uns das Denken abnimmt, gibt es noch nicht und es wird ihn noch lange nicht geben. Die virtuelle Welt beschleunigt aber die Abl\u00e4ufe in den Wertsch\u00f6pfungsketten enorm. Die Wirtschaft wird damit insgesamt noch deutlich schneller und damit auch produktiver. Dies wird die Wohlstandsmehrung der Zukunft entscheidend mit gestalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr den Ethos in der Wirtschaft steht der ehrbare Kaufmann, gibt es diesen noch und wie w\u00fcrden Sie seine Rolle heute spezifizieren? <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist hier der wichtigste Begriff das Wort Verantwortung. Mit Verantwortung kann man nahezu jedes Handeln sehr gut messen \u2013 ist es verantwortlich oder nicht. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass die meisten F\u00fchrungskr\u00e4fte diesem Wert noch h\u00f6chste Bedeutung zumessen. Der Unanst\u00e4ndige kann \u00fcber einige Zeit der Sieger sein \u2013 auf Dauer wird aber immer der Anst\u00e4ndige gewinnen. Die wichtigste Aufgabe von Politik ist es, nicht durch ein \u00dcberma\u00df an Regelungen den Menschen die Verantwortung abzunehmen. Compliance-Systeme und Governance-Systeme sind schon gut, \u00fcbertreibt man aber mit solchen Systemen oder auch mit Gesetzen, dann geht Verantwortung verloren. Und wer keine Verantwortung mehr hat, der kann auch nicht mehr verantwortlich handeln. In der F\u00fchrungspraxis stehen wir sehr oft vor Entscheidungen, bei denen alle Alternativen unbefriedigend sind. Da hilft einem nur das eigene Verantwortungsgef\u00fchl, um die Dinge richtig zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thema Fachkr\u00e4ftemangel: Was k\u00f6nnen Politik oder die Wirtschaft hier in Zukunft leisten, muss sich das Bildungs-, und Studienwesen reformieren? Welche Rolle spielt die Zuwanderung beim Transformationsproze\u00df in einer demographisch alternden Gesellschaft?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir haben in Deutschland und speziell in Bayern ein ausgezeichnetes Bildungssystem. Wir d\u00fcrfen uns nicht irre reden lassen von all den internationalen Vergleichen, bei denen Deutschland bei den Akademikern schlecht abschneidet. Unser duales Bildungssystem ist der wichtigste Pfeiler unseres wirtschaftlichen Erfolgs. Wir m\u00fcssen unser System weiterentwickeln, auf keinen Fall aber grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndern. Was Zuwanderung betrifft, sollten wir uns darauf einstellen, dass diese etwas ganz normales sein wird. Wenn wir die heutige Realit\u00e4t bei unseren jungen Menschen anschauen, dann gehen sehr viele in die Welt hinaus, um Erfahrung zu sammeln oder auch um anderswo ganz normal zu arbeiten. Es ist doch nat\u00fcrlich, dass sich viele in der Ferne wohl f\u00fchlen, eventuell dort heiraten und dann dort ihr Leben verbringen. Genauso normal ist es aber auch, dass Menschen nach Deutschland kommen. Dieser Austauschprozess wird die Zukunft in zunehmendem Ma\u00dfe bestimmen. Da soll man sich nicht unvern\u00fcnftig dagegen wehren. Das hat auch nichts mit \u00dcberfremdung zu tun. In der Firma Bauer haben wir viele Ausl\u00e4nder die bei uns in Deutschland arbeiten. Sie f\u00fchlen sich in der Lederhose genauso wohl wie wir Bayern. Ich glaube, dass regionale Kultur mit Menschen aus vielen L\u00e4ndern m\u00f6glich ist. Das muss man nur wollen. Au\u00dferdem ist Zuwanderung unausweichlich, wenn in einem Land zu wenige Kinder geboren werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Worin sehen Sie die Hauptverantwortung des Unternehmers?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Unternehmer muss sich um die Zukunft sorgen und immer auf der Suche nach Neuem sein. Er muss sich auch vor allem Anderen um die Kultur des Unternehmens k\u00fcmmern. Nur in einem Unternehmen mit einer ausgepr\u00e4gten und auf den Menschen orientierten Kultur kann auf Dauer Erfolg entstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie sind Landesschatzmeister der CSU, haben eine Professur an der TU M\u00fcnchen, sind Pr\u00e4sident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie e.V. und \u00fcben dar\u00fcber hinaus eine fast un\u00fcbersehbare Vielzahl von \u00c4mtern aus: Was motiviert Sie und welche Eigenschaften sind f\u00fcr den unternehmerischen Spirit Voraussetzung?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich glaube, dass Unternehmer die Pflicht haben sich gesellschaftlich einzubringen. Das hat zwei Gr\u00fcnde: Wer viel von der Gesellschaft bekommt, so der erste Grund, der hat auch die Pflicht etwas zur\u00fcck zu geben. Viele Unternehmer meinen, dass der eigene Erfolg nur selbst geschaffen ist. Das ist nie der Fall. Erfolg ist zuerst einer Chance geschuldet, die einem eine Gesellschaft gibt. Und Erfolg hat auch sehr viel mit Gl\u00fcck zu tun, das sollte sich jeder immer wieder vergegenw\u00e4rtigen. F\u00fcr mich war es immer eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dass ich mich f\u00fcr die Gesellschaft einsetze. Das braucht keine weitere Motivation. Der zweite Grund ist sehr vernunftgepr\u00e4gt. Unternehmer sind in der Gesellschaft die Minderheit. Engagieren sie sich nicht mehr als der Rest der Bev\u00f6lkerung werden sie nichts erreichen. Ich konnte aber auch lernen, dass Engagement einem sehr viel zur\u00fcckgibt: Erfahrung, Einblick und auch Spa\u00df. Wer sich breit engagiert, der hat f\u00fcr viele Themen einen deutlich besseren Blick und er kann dann besser entscheiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fragen Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Prof. Thomas Bauer ist u. a. Vorstandsvorsitzender der Bauer AG in Schrobenhausen, Landesschatzmeister der CSU, Pr\u00e4sident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Vizepr\u00e4sident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und hat eine Professur an der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen inne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Text in im Bayernkurier, Heft 4, erschienen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Interview mit BMW-Chef Schaller<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong> BWM Motorrad konnte in den letzten Jahren deutsch seine Ums\u00e4tze steigern, nie gab es mehr Motorr\u00e4der aus Bayern weltweit. Gibt es eine Trendwende bei den Bikern, mehr auf Traditionsmarken zu setzen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der anhaltende Erfolg von BMW Motorrad ist ein Ergebnis einer langj\u00e4hrigen und konsequenten Gesch\u00e4ftspolitik. Mit einem Plus von 10,5 % nach den ersten sechs Monaten sind wir auch dieses Jahr auf Kurs, um am Ende des Jahres wieder einen neuen Absatzrekord zu erzielen. Unser starkes Modellportfolio und die Strahlkraft der Marke BMW Motorrad sind die Basis f\u00fcr diesen Markterfolg. Unsere neue Fahrzeuggeneration sorgt f\u00fcr einen regelrechten Nachfrageschub.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus inspiriert Motorradfahren und das spezielle Lebensgef\u00fchl aber nicht nur die bestehenden Motorradfahrer, sondern weckt heute das Interesse bei viel mehr Menschen als in den zur\u00fcckliegenden Jahren. Es entsteht eine neue Motorradkultur, die wir auch mit unserer neuen Markenausrichtung \u201eMake Life a Ride\u201c abbilden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Elektromobilit\u00e4t ist das Thema der Zukunft, was hei\u00dft das f\u00fcr BMW Motorrad?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Nachhaltigkeitsstrategie der BMW\u00a0Group entsprechend, ist es der Anspruch von BMW Motorrad, das Thema Elektromobilit\u00e4t konsequent zu belegen. Wir haben mit dem C\u00a0evolution deshalb ein vision\u00e4res Fahrzeugkonzept mit einem H\u00f6chstma\u00df an Praxistauglichkeit, Sicherheit und einem inspirierenden Design umgesetzt. Dieses Fahrzeug ist aber nur der Anfang. Es werden weitere Fahrzeuge folgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> BMW hat 2014 den neuen E-Scooter pr\u00e4sentiert \u2013 die BMW C evolution. Sie bewerben den E-Scooter als intelligente Antwort auf das wachsende Verkehrsaufkommen, auf steigende Energiekosten und immer strengere CO2-Auflagen. Was haben wir darunter zu verstehen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Elektromobilit\u00e4t ist lokal emissionsfrei, d.h. es fallen in der Stadt keinerlei Abgas an. Das Zweirad bietet dar\u00fcber hinaus sehr viele Vorteile in Bezug auf seine geringe Verkehrsfl\u00e4che und seine Wendigkeit. Parkplatzsuche und Stau sind f\u00fcr einen Zweiradfahrer kaum ein Thema. Der C evolution ist somit das ideale Fahrzeug f\u00fcr den Verkehr im urbanen Umfeld und bietet zudem jede Menge an Fahrspass.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Viele Biker setzten nach wie vor auf viel PS und Benzin. Gibt es da \u00fcberhaupt einen Markt f\u00fcr die neue Generation E-Scooter?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Hoher Kraftstoffverbrauch ist bei modernen Motorr\u00e4dern pass\u00e9. Kunden w\u00fcrden das heute nicht mehr akzeptieren. Der Elektroantrieb eignet sich unserer Meinung nach besonders f\u00fcr Commuting-Fahrzeuge im urbanen Bereich. Hier gen\u00fcgen Reichweiten von \u00fcber 100 km f\u00fcr die t\u00e4glichen Fahrten v\u00f6llig aus. Der Markt f\u00fcr Elektro-Zweir\u00e4der ist heute noch \u00fcberschaubar. Das wird sich aber \u00e4ndern. Die Batterien werden g\u00fcnstiger und leistungsf\u00e4higer werden, damit wird ein Elektro-Fahrzeug noch attraktiver als es heute schon ist.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong> In den pulsierenden Metropolen der Megacitys werden in der Zukunft Parkpl\u00e4tze immer seltener, Sie sprechen von urbaner Mobilit\u00e4t \u2013 wie sieht die genau aus? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Weltweit gibt es einen starken Trend in Richtung Urbanisierung, d.h. immer mehr Menschen zieht es in die Metropolen. Das bringt gro\u00dfe Herausforderungen f\u00fcr die Infrastruktur einer Gro\u00dfstadt mit sich. Die St\u00e4dte reagieren mit unterschiedlichen Ma\u00dfnahmen, um der zunehmenden Verkehrs- und Umweltbelastung vorzubeugen. Neben restriktiven Ma\u00dfnahmen wie Zufahrtsbeschr\u00e4nkungen oder City-Maut setzt man auch auf E-Mobilit\u00e4t und Zweirad-Fahrzeuge.<\/p>\n<p>Mit dem C evolution bieten wir unseren Kunden eine L\u00f6sung an, die in einzigartiger Form emissionsfreies Fahren mit der f\u00fcr BMW typischen Freude am Fahren verbindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong> Ressourcenknappheit und Umweltschutz \u2013 wie reagiert BMW Motorrad in der Forschung auf diese Herausforderungen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir in der BMW Group sind \u00fcberzeugt, dass wir durch nachhaltiges Wirtschaften die Zukunft unseres Unternehmens sichern. Und so ist es nur folgerichtig, dass Nachhaltigkeit eine zentrale Grund\u00fcberzeugung der BMW Group und damit auch von BMW Motorrad ist.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberzeugung bildet sich entsprechend sowohl in der Produktion unserer Motorr\u00e4der und Scooter als auch in einer starken Konzentration unserer Vorentwicklung und Entwicklung auf Elektromobilit\u00e4t ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li><strong>7<\/strong>. <strong>Ein Problem sind nach wie vor die Batterien, die nur eine begrenzte Kilometerzahl erm\u00f6glichen und mindestens 3 Stunden an die Steckdose m\u00fcssen, um wieder neu aufgeladen zu werden. Welche Entwicklungen zeichnen sich auf diesem Sektor ab?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Es ist absehbar, dass sich die Kosten nach unten und die Leistungsf\u00e4higkeit nach oben entwickeln. BMW Motorrad hat den immensen Vorteil vom Know how und der Innovationskraft der BMW Group profitieren zu k\u00f6nnen. So haben wir die M\u00f6glichkeit an den zuk\u00fcnftigen Entwicklungen der Speichertechnologie unmittelbar teilzunehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"8\">\n<li><strong> F\u00fcr viele h\u00e4ngt die Entscheidung, auf ein Elektromobil umzusteigen, ma\u00dfgeblich mit an den hohen Preisen. Dies betrifft nicht nur E-Autos, sondern auch E-Motorr\u00e4der. Die Elektromobilit\u00e4t ist ja schon in den K\u00f6pfen der Bev\u00f6lkerung angekommen, nur f\u00fcr viele sind die Modelle einfach zu teuer. Warum kann man nicht billigere Modelle anbieten und damit mehr Kunden gewinnen? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Leistungsf\u00e4hige Batterietechnologie ist heute noch sehr teuer. Die Kosten h\u00e4ngen also an den Energiespeichern. Diese Kosten m\u00fcssen \u00fcber den Fahrzeugpreis an den Kunden weitergegeben werden. Billige Elektrofahrzeuge erf\u00fcllen heute weder bei Reichweite noch bei Qualit\u00e4t und Sicherheit die Anforderungen unserer Kunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"9\">\n<li><strong> K\u00f6nnen Sie uns etwas zu den Verkaufszahlen im e-Segment sagen? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Sowohl im Einf\u00fchrungsjahr des C evolution, das noch kein volles Verkaufsjahr war, als auch bis Jahresmitte 2015 liegen wir im Rahmen unserer Planung. Hauptmarkt ist Frankreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"10\">\n<li><strong> \u201eDie urbane Zukunft f\u00e4hrt auf zwei R\u00e4dern\u201c &#8211; wie sieht das Motorrad 2020 aus und welche aktuellen, elektrobetriebenen Modelle sind derzeit am Markt?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Heute gibt es eine noch relativ geringe Zahl von Herstellern, die Elektro-Motorr\u00e4der oder &#8211; Scooter in unterschiedlichen Fahrzeugsegmenten anbieten. Dieser Markt steht noch am Anfang einer Entwicklung. Ich denke, auch im Jahr 2020 werden die allermeisten Motorr\u00e4der und Scooter noch mit umweltfreundlichen Verbrennungsmotoren unterwegs sein. F\u00fcr BMW Motorrad ist es essentiell, dass das Fahren mit zwei R\u00e4dern auch in Zukunft vor allem viel Freude macht. Wir erkennen heute, dass Motorrad-.Fahren wieder deutlich an Attraktivit\u00e4t gewinnt. Wir wollen unsern Teil dazu beitragen, dass die Faszination Motorrad erhalten bleibt.<\/p>\n<p>Und zur Faszination Motorrad wird zuk\u00fcnftig sicher auch das elektrische Motorradfahren geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Interview: Stephan Schaller<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Interview\u00a0 Jan Fleischhauer &#8211; 10 Jahre Merkel<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Norbert Bl\u00fcm hat gegen\u00fcber dem \u201eSpiegel\u201c im Jahr 2000 einmal ge\u00e4u\u00dfert \u201eWas mir bei der Merkel gef\u00e4llt, ist eine Sprache, die nicht so politisch abgelutscht ist wie meine. Sie bringt in diese perfekte Politwelt gelegentlich ein St\u00fcck von nat\u00fcrlicher Unbeholfenheit ein\u201c. Was ist davon \u00fcbrig geblieben?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bl\u00fcm hat auf freundliche Art zum Ausdruck gebracht hat, dass man von Angela Merkels Reden nichts in Erinnerung beh\u00e4lt. Sie wird sicherlich zu den Kanzlern geh\u00f6ren, bei denen am Ende kein Satz \u00fcberliefert sein wird, den man mit ihrer Kanzlerschaft verbindet. Als Rednerin ist Merkel ganz furchtbar; es bedarf gro\u00dfer M\u00fche, ihrem Redefluss aufmerksam zu folgen, wenn sie ein Podium betritt. Dennoch, und das ist interessant, hat sie eine ganz eigene Art gefunden, mit dem Volk zu kommunizieren, und dabei von sich und von ihrer Politik ein klares Bild zu erzeugen. Es ist schwer zu sagen, wie sie die Menschen erreicht, weil ihr ja kaum jemand wirklich zuh\u00f6rt, aber sie erreicht sie ganz offenkundig, sonst h\u00e4tte sie nicht die Zustimmungsraten, die sie nun einmal hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Zufall und die Zeitl\u00e4ufte haben Angela Merkel oft geholfen. Max Frisch schrieb einmal \u201eAm Ende ist es immer das F\u00e4llige, was uns zuf\u00e4llt\u201c \u2013 gilt dies auch f\u00fcr die Kanzlerin?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei jedem Kanzler geh\u00f6rt Fortune dazu, wenn er den Sumpf des Alltagsgesch\u00e4fts verlassen will. Helmut Kohl w\u00e4re ohne die Wiedervereinigung nicht in die Reihe derjenigen aufger\u00fcckt, die man zu den gro\u00dfen Kanzlern z\u00e4hlt. Wen umgekehrt nie das Gl\u00fcck der Umst\u00e4nde streifte wie den armen Kurt Kiesinger oder den braven Ludwig Erhard, bleibt immer eine mittelm\u00e4\u00dfige Figur, egal wie t\u00fcchtig er war. Im Leben eines Kanzlers ist so gesehen nichts vorteilhafter als die Krise. Erst die Krise gibt der Kanzlerschaft Gestalt; sie sorgt daf\u00fcr, dass sich alle Augen auf die Person an der Spitze des Gemeinwesens richten. Ob Merkel letztendlich eine gro\u00dfe Kanzlerin gewesen sein wird, das l\u00e4sst sich erst im R\u00fcckblick sagen. Aber wenn man die Zahl der Krisen sieht, die in ihre Amtszeit fallen, hat sie schon einmal gute Voraussetzungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201ePhysikerin der Macht\u201c \u2013 so wird sie oft genannt. Die Politik betrachtet sie angeblich wie ein Labor. Die Versuchsanordnung ist dabei oft wichtiger als das Ziel, scheint dieses unrealistisch, wird dieses oft aufgegeben. Was steckt dahinter?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Bild von der Physikerin der Macht ist ja fast ein Klischee geworden. Dahinter steht der Versuch, aus der mathematischen Begabung, \u00fcber die sie unbestreitbar verf\u00fcgt, bestimmte Charaktereigenschaften abzuleiten. Dass eine Physikerin einen anderen Weltzugang hat als ein Historiker oder Jurist, da ist sicherlich etwas dran, aber meiner Meinung geht in dem Satz von der Physikerin der Macht v\u00f6llig unter, dass Frau Merkel vor allem eine gro\u00dfe Psychologin ist. Auf dem H\u00f6hepunkt der Ukraine-Krise wurde sie gefragt, warum sie immer noch mit Wladimir Putin telefoniere, obwohl sie doch wissen m\u00fcsse, dass er sie in jedem Gespr\u00e4ch anl\u00fcge. Ihre Antwort war bezeichnend: Nat\u00fcrlich rede sie weiterhin mit ihm, schlie\u00dflich sei es doch enorm aufschlussreich, die Weltsicht eines Staatschefs zu h\u00f6ren, die der ihren um 180 Grad entgegengesetzt sei. Sich in die Denkweise anderer Menschen einf\u00fchlen zu k\u00f6nnen, um insgesamt zu einer besseren Lagebeurteilung zu kommen \u2013 dies ist aus meiner Sicht eine Eigenschaft der Kanzlerin, die zu selten Erw\u00e4hnung\u00a0 findet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Merkels Politikstil \u2013 wie w\u00fcrden Sie diesen beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe, uneingestandene Vorbild ist Helmut Kohl. Merkel hat sich in den Jahren, in denen sie diesem Mammut des Konservatismus als Ministerin diente, mehr von ihm abgeschaut, als vielen bewusst ist. Sie hat seine Art \u00fcbernommen, die Dinge treiben zu lassen, bis sie sich in die gew\u00fcnschte Richtung entwickeln. Geduld ist eine in der Politik weithin untersch\u00e4tzte Tugend. Sie hat von Kohl auch gelernt, wie man mit Feinden und Verr\u00e4tern verf\u00e4hrt. Sie macht das nicht so spektakul\u00e4r wie der schwarze Riese, aber am Beispiel von Norbert R\u00f6ttgen hat man gesehen, dass fortgesetzte Illoyalit\u00e4t auch im System Merkel seinen Preis hat. Und Merkel hat wie Kohl Spa\u00df an der Macht. Sie ist gern Kanzlerin. Viele Kanzler werden von dem Amt zerm\u00fcrbt, man kann auf Bildstrecken sehen, wie sie in atemberaubender Geschwindigkeit altern. Angela Merkel freut sich jeden Tag, dass sie ins Kanzleramt fahren darf, jede Krise ist eine Aufgabe, der sie sich gerne annimmt. Sie findet Konflikte spannend und die Suche nach einer L\u00f6sung keine Last, sondern eine intellektuelle Herausforderung,\u00a0 \u00e4hnlich einer Denksportaufgabe. Dies erkl\u00e4rt auch, warum sie so erfolgreich ist. Wenn es ein Ziel in ihrem Leben gibt, dann ist es l\u00e4nger zu regieren als der Einheitskanzler.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der fr\u00fchere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel hat einmal bemerkt, dass Frau Merkel es verstanden habe, \u201edass Menschen zu ihr nicht nur eine intellektuelle, sondern offenbar auch eine emotionale Beziehung empfinden\u201c. Sehen Sie das auch so?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Kanzler, den die Leute als kalten Fisch empfinden, kann sich auf Dauer nicht halten, das war schon immer so. Frau Merkel ist es auf ihre n\u00fcchterne Weise gelungen, ein emotionales Band zu schaffen, weil gerade die Art, wie sie redet und agiert als sehr deutsch empfunden wird. Wenn die Deutschen etwas auszeichnet, dann ist das Faible f\u00fcr Common-sense-Politik, also der Wunsch nach jemandem an der Spitze, der die Dinge vern\u00fcnftig regelt, ohne sich dabei allzu sehr von Gef\u00fchlen oder der R\u00fccksichtnahme auf Parteiinteressen leiten zu lassen. Ihre Kritiker treibt das zur Verzweiflung, weil Merkel jeden Konflikt so entsch\u00e4rft, dass am Ende kaum noch etwas \u00fcbrig bleibt, \u00fcber das man streiten k\u00f6nnte. In den Feuilletons steht, sie w\u00fcrde die Politik entsaften und damit die Demokratie ihres Blut berauben. Das mag schon sein, aber die W\u00e4hler ziehen eine Merkel einem Gabriel, der viel mehr von politischer Leidenschaft getrieben ist, allemal vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0\u201eMerkel f\u00fchrt nicht, sie moderiert\u201c und dabei ist sie noch h\u00f6chst popul\u00e4r \u2013 die Mutter der Nation. Als Kanzlerin des Machbaren scheut sie Konflikte. Ist dies das Geheimnis ihres Erfolges?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch dies ist ja fast zum Klischee geworden \u2013 der Vorwurf, Merkel moderiere nur, so als sei Politik eine gro\u00dfe Talkshow. Nat\u00fcrlich f\u00fchrt sie, was erleben wir in Europa den ansonsten gerade? Angela Merkel ist jetzt in einer Phase ihrer Kanzlerschaft angekommen, wo die Au\u00dfenpolitik einen Gro\u00dfteil ihrer Arbeitszeit einnimmt. Das h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass es niemanden in Europa gibt, der \u00fcber mehr Erfahrung verf\u00fcgt als sie. Als Alexis Tsipras seinen Antrittsbesuch in Rom machte, in der klaren Hoffnung, mit den Italienern eine neue S\u00fcdschiene zu begr\u00fcnden,\u00a0 sagte Renzi zu ihm: \u201eEs ist nett, dass Du mich besuchst. Aber wenn ich Du w\u00e4re, w\u00fcrde ich schleunigst einen Termin bei der Dame in Berlin machen.\u201d Das Besondere an Frau Merkel ist, dass sie\u00a0 \u2013 das hat sie \u00fcbrigens ebenfalls von Kohl gelernt \u2013\u00a0 nicht vor sich hertr\u00e4gt, wie m\u00e4chtig sie ist. Sie ist zu gro\u00dfer diplomatischen Bescheidenheit in der Lage, das macht sie zu einer so \u00fcberragenden Krisenmanagerin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Viele Ihrer Herausforderer und Konkurrenten blieben im, fast k\u00f6nnte man sagen, angelanischen Zeitalter, auf der Strecke, oder haben ihre Minister- oder andere \u00c4mter zur\u00fcckgegeben \u2013 ber\u00fchmt ist der \u201eAndenpakt\u201c. Worin sehen Sie das Geheimnis ihrer Macht?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie f\u00fchrt eine Partei, die anders als die Sozialdemokratie gewohnt ist, Gehorsam zu leisten. Christdemokratische Kanzler haben es da immer einfacher gehabt. Man denke nur an Brandt, Schmidt und Schr\u00f6der, die alle an bestimmten Punkt von ihrer Partei verlassen wurden. Merkel ist es gewohnt, dass die Partei ihr folgt. Leute, die es mit der Schlechtrednerei zu toll treiben, werden eliminiert. So ist es in der CDU immer gewesen. Es ist meiner Meinung nach eine falsche Darstellung, das K\u00f6pfen von Konkurrenten als M\u00e4nner-Frauen-Konflikt zu deuten. Unter den Frondeuren, die sich ihrem Aufstieg entgegenstellten, waren nun einmal 95 Prozent M\u00e4nner. Einer wie Kohl h\u00e4tte an ihrer Stelle nicht anders gehandelt. Der h\u00e4tte es aufgrund der Geschlechtsstruktur der CDU auch nur mit M\u00e4nnern als Gegner zu tun gehabt, das h\u00e4tte in seinem Fall nur keinen interessiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Als einstiges M\u00e4dchen von Helmut Kohl hat sich die Kanzlerin die Weltb\u00fchne der Politik erobert, die Finanzkrise 2008 gemeistert. Sie ist die m\u00e4chtigste Frau der Welt, und Sie will die Einheit Europas um jeden Preis. \u201eScheitert der Euro, scheitert Europa\u201c dieser Satz ist mittlerweile zum gefl\u00fcgelten Wort geworden. Ist die Europapolitik Merkels nicht ein Spiegelbild ihres, um es mit Nietzsche zu formulieren, Willens zur Macht?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man wird nicht Kanzler, wenn man nicht in historischen Kategorien denkt. Wer Kanzler ist, m\u00f6chte die Welt ja nicht zum schlechteren ver\u00e4ndern, sondern im g\u00fcnstigsten Fall in einem besseren Zustand hinterlassen, als er diese vorgefunden hat. Als Kanzlerin diejenige zu sein, unter deren \u00c4gide Europa zusammenbricht, das will Merkel auf jeden Fall vermeiden. Um das zu verhindern, w\u00fcrde sie zur Not morgen sofort ein viertes Rettungspaket f\u00fcr Griechenland schn\u00fcren. Aber das hat nichts mit dem Willen zur Macht zu tun, eher mit dem Blick auf das Ende der Machtf\u00fclle, die einem verliehen wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Angela Merkel ist im Geist des Protestantismus aufgewachsen mit sozialistischer Sozialisierung! Wieviel DDR steckt denn noch in Angela Merkel?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass die Scheu sich festzulegen, eher typisch f\u00fcr Ostdeutsche ist. Aber in Merkel steckt mehr Protestantismus als DDR. Wenn man ihre Herkunft heranziehen will, um sie zu erkl\u00e4ren, dann ist das deutsche Pfarrhaus wichtiger als die Jugend in Templin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen der Bundeskanzlerin, wenn es dazu ein Ranking gebe, wie w\u00fcrden Sie hier eine Einordnung treffen?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihre St\u00e4rke ist, dass sie nie versucht hat, etwas anderes zu sein, als sie ist. Dies klingt selbstverst\u00e4ndlich, ist es aber nicht. Viele Politiker versuchen ihre Schw\u00e4che zu kompensieren, indem sie diese durch besondere Anstrengung gerade auf dem Gebiet, das ihnen nicht liegt, wett zu machen versuchen. Merkel wollte nie anders sein \u2013 sie wollte nie mitrei\u00dfende Reden halten oder die Leute durch besonderes Charisma von den St\u00fchlen rei\u00dfen. Sie ist sich einfach treu geblieben, und hat so lange weitergemacht, bis man das, was eben noch als zu unemotional und zu wenig mitrei\u00dfend galt, zum Merkel-Stil erkl\u00e4rte. Ihre Schw\u00e4che ist, dass sie in einer politischen Situation, die sehr aufgeheizt ist, mit einem Gegenspieler, der das Blut der Leute zum Brodeln bringt, gro\u00dfe M\u00fche h\u00e4tte, die richtige Antwort zu finden. Steinmeier war in seiner bed\u00e4chtigen Art als Gegenkandidat ideal, Gabriel w\u00e4re in seiner Quecksilbrigkeit schon sehr viel schwerer zu begegnen. Wir haben uns daran gew\u00f6hnt, dass die politische Auseinandersetzung so merkelm\u00e4\u00dfig dahin pl\u00e4tschert. Aber das muss nicht so bleiben. In vielen L\u00e4ndern um uns herum waren die Wahlk\u00e4mpfe zuletzt sehr hart, auch in Deutschland haben wir schon die Erfahrung mit extrem polarisierenden Wahlen gemacht. Es w\u00e4re spannend zu sehen, wie Merkel h\u00e4tte in so einem ver\u00e4nderten Setting reagieren w\u00fcrde. Ich glaube im Gegensatz zu vielen Beobachtern \u00fcberhaupt nicht, dass sie unangreifbar ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie f\u00fchlt sich einer, der aus versehen konservativ wur.de, bei der CDU aufgehoben, Mitte, Ma\u00df und der Verlust des C werden ihrem Regierungsstil oft vorgeworfen. Wie konservativ ist die CDU unter Merkel?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kenne ich die Klagen von Konservativen, dass sie sich in der CDU nicht mehr richtig zuhause f\u00fchlen w\u00fcrden. Dazu kann ich nur sagen: Die CDU unter Helmut Kohl war nicht viel konservativer. Die meisten haben es vergessen, aber in der ersten Regierung Kohl sa\u00dfen Leute wie Rita S\u00fc\u00dfmuth oder Heiner Gei\u00dfler, der heute bei Attac herumspringt.\u00a0 Jeder Kanzler zieht in die Mitte, keiner Amt hat sich je im Amt radikalisiert. Wenn sie von links kommen, ziehen sie nach rechts, das nehmen ihnen dann die Linken \u00fcbel. Kommen sie von rechts, und bewegen sich nach links, sind die Konservativen sauer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie beurteilen Sie \u2013 mit Hinblick auf die Fl\u00fcchtlingsthematik \u2013 die z\u00f6gerliche Haltung der Bundeskanzlerin?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn ich mich richtig erinnere, war sie diejenige, die in ihrer Neujahrsansprache schon deutlich Fremdenfeindlichkeit verurteilt hat, als der Parteivorsitzende der SPD noch den Pegida-Anh\u00e4ngern in Dresden die Hand sch\u00fcttelte. Wir f\u00fchren in der Fl\u00fcchtlingsfrage viel st\u00e4rker als den europ\u00e4ischen Nachbarn lieb ist. Denen w\u00e4re lieber, wir w\u00e4ren in diese Frage deutlich z\u00f6gerlicher. Der deutsche Sonderweg kann man manchmal erstaunliche Abzweigungen nehmen, wie man sieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bundestagswahl 2017: Die Bundeskanzlerin will ihre vierte Amtszeit! Sind die Deutschen mit ihr zufrieden?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Augenblick scheinen die Deutschen mit der Kanzlerin so zufrieden, dass keiner in der Sozialdemokratie, der ernsthafte Ambitionen auf das h\u00f6chste Regierungsamt hat, gegen sie antreten will. Dies sagt in jedem Fall sehr viel dar\u00fcber aus, wie ihre Gegner die Erfolgschancen der Bundeskanzlerin f\u00fcr 2017 einsch\u00e4tzen. Und wer bin ich, der Weisheit der deutschen Sozialdemokratie in Frage zu stellen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fragen Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Interview Jan Fleischhauer mit dem Bayernkurier\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die virtuelle Welt ist mittlerweile zur Realit\u00e4t geworden, so k\u00f6nnte man \u00fcberspitzt formulieren. Haben Sie Angst vor dem Internet bzw. strukturiert dieses unser Denken neu?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re ja eher nicht zu den Leuten, die st\u00e4ndig von brennender Sorge erf\u00fcllt sind, insofern jagt mir auch das Internet wenig Angst ein. Wir haben schon so viele angek\u00fcndigte Katastrophen \u00fcberlebt \u2013 ich bin sicher, wir werden auch die Online-Revolution mit allen ihren Verhei\u00dfungen \u00fcberleben. Au\u00dferdem w\u00e4re es geradezu komisch, wenn ausgerechnet ich mich \u00fcber die digitale Welt beklagen w\u00fcrde. Viele Leser kennen mich wegen meiner w\u00f6chentlichen Kolumne: Ohne SPIEGEL Online h\u00e4tte es den \u201cSchwarzen Kanal\u201d nie gegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch die Neuen Medien ist ein neuer Meinungspluralismus entstanden, was fr\u00fcher einem erlauchten Kreis an Journalisten vorbehalten war, ist zu einer gigantischen Maschine geworden, die letztendlich auch \u2013 mit Blick auf die Fl\u00fcchtlingsthematik und den allerorts heraufziehenden Rassismus \u2013 Gefahren birgt. Einerseits Pressefreiheit \u2013 aber zuviel Freiheit f\u00fchrt zu einer neuen Un\u00fcbersichtlichkeit? Viele f\u00fchlen sich durch das Meinungsangebot allein gelassen \u2013 es fehlt ein Regulativ!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das einzige Regulativ, das nach meiner festen \u00dcberzeugung auf Dauer funktioniert, ist das Qualit\u00e4tsbewusstsein der Leser. Bei allem Gerede und Geschimpfe \u00fcber die sogenannte Mainstream-Presse: Am Ende wissen die meisten, was sie an Zeitungen wie der \u201cFrankfurter Allgemeinen\u201d oder der \u201cS\u00fcddeutschen\u201d haben. Die Naiven und Bl\u00f6den hatten schon immer ihre eigene Informationsquellen. Fr\u00fcher waren das die Groschenheftchen, die sie mit einer alternativen Weltsicht versorgten, heute sind es Seiten wie \u201cBuzzfeed\u201d. Bedenklich wird es, wenn pl\u00f6tzlich auch in b\u00fcrgerlichen Kreisen obskure Quellen herangezogen werden, um irgendwelche wilden Thesen zu untermauern. Wenn man nach dem Beleg fragt, hei\u00dft es: Das stand im Internet. Da hilft nur noch Achselzucken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Facebook, Twitter, Instagram \u2013 gehen wir nicht zu lax mit unseren pers\u00f6nlichen Daten um? Wir geben pers\u00f6nliche Rechte bzw. Daten freiwillig in die H\u00e4nde von Monopolen \u2013 droht uns da m\u00f6glicherweise nicht in ferner Zukunft eine Monopol-Mediendiktatur, die mit unseren Daten \u2013 nicht nur wie bereits mit der gezielten Werbung \u2013 spielt und neue Abh\u00e4ngigkeiten schafft? Sehen Sie die Demokratie dadurch bedroht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob gleich die Demokratie bedroht ist. Aber in jedem Fall ist die Medienwelt, wie wir sie kennen, existentiell herausgefordert. Das Paradox dabei ist: Noch nie haben Presseorgane wie der SPIEGEL oder die \u201cFAZ\u201d so viele Leser erreicht. Leider haben die Gesch\u00e4ftsleute im Verlag vers\u00e4umt, sich beizeiten ein Modell einfallen zu lassen, wie man mit der Online-Nutzung auch Geld verdient. Was die Monopolisierung unserer Daten bei Unternehmen wie Facebook, Google oder Amazon angeht, frage ich mich manchmal, ob wir da nicht einer gigantischen PR-Geschichte erliegen. Angeblich wissen diese Firmen aufgrund der Spuren, die wir bei jeden Besuch im Netz hinterlassen, alles \u00fcber uns. Das ist das Versprechen, mit diesem sie Unternehmen f\u00fcr sich werben. Ich glaube das gerne, ich wundere mich nur, warum ich bei Facebook immer Videos \u00fcber russische Auffahrunf\u00e4lle in meine Timeline eingespielt bekomme. Vielleicht wissen sie ja im Silicon Valley etwas \u00fcber mich, was ich noch nicht wei\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Droht uns durch das Internet ein Realit\u00e4tsverlust, man chattet, verliebt sich \u2013 aber der Bezug zur Wirklichkeit wird dadurch eher verschoben, illusion\u00e4r und oder verzerrt. Virtualit\u00e4t versus lebensweltlicher Pragmatik. Anders gefragt: wohnt der Weltbelieferung ein St\u00fcck weit eine Zerstreuungssucht als anthropologische Konstante inne, die die Menschen als Kompensation zur Leere vorm Nichts, vor dem horror vacui?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zerstreuungssucht wird immer neue\u00a0 Zerstreuungsobjekte finden. Jetzt ist es eben das Handy, auf das man st\u00e4ndig schielt. Was hingegen wirklich eine qualitative \u00c4nderung bedeutet, ist die Radikalisierung durch das Netz. Ich habe neulich einen Artikel gelesen, indem ein Wissenschaftler vor \u201cradikalen Parallelgesellschaften\u201d sprach, die sich in den sogenannten sozialen Netzwerken etablierten. Das fand ich einen sehr passenden Begriff. Das Internet f\u00fchrt leider nicht nur Menschen zusammen, denen unser Gemeinwesen am Herzen liegt, sondern auch die Hetzer und Irren. Weil sie von Gleichgesinnten best\u00e4rkt werden, die ihren Wahnwitz und ihren Hass teilen, haben sie den Eindruck, sie w\u00fcrden einer schweigenden Mehrheit die Stimme verleihen. Am Ende stehen dann Aufm\u00e4rsche wie in Heidenau, wo mehr oder weniger n\u00fcchterne B\u00fcrger \u201cWir sind das Volk\u201d skandieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sieht f\u00fcr Sie die mediale Medienlandschaft in den n\u00e4chsten 20 Jahren aus, schauen wir dann nur noch Netflix, werden wir zu Sklaven des Internets?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ach, wenn Netflix in Zukunft unser gr\u00f6\u00dftes Problem w\u00e4re, dann w\u00e4re ja alles gut. Ich glaube nicht, dass wir uns um den Zusammenhalt der Gesellschaft Sorgen machen m\u00fcssen, weil die Leute statt \u201cPolizeiruf\u201d oder irgendwelche Quizsendungen lieber amerikanische Fernsehserien wie sehen.\u00a0 Die einzigen, die heute noch glauben, dass wir ein \u00f6ffentlich-rechtliches Fernsehsystem brauchen, damit die Menschen nicht verdummen, sind die Verfassungsrichter in Karlsruhe.\u00a0Ansonsten halte ich mich Prognosen lieber zur\u00fcck: Journalisten tun gut daran, wenn sie sich sich hin und wieder daran erinnern, dass sie aus gutem Grund im Beobachtungs- und nicht im Vorhersagegesch\u00e4ft sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fragen Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><a href=\"http:\/\/www.tabularasamagazin.de\/dieses-mindestlohngesetz-war-und-ist-so-ueberfluessig-wie-ein-kropf-im-gespraech-mit-hans-michelbach\/\">\u201eDieses Mindestlohngesetz war und ist so \u00fcberfl\u00fcssig wie ein Kropf\u201c \u2013 Im Gespr\u00e4ch mit Hans Michelbach <\/a><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Multikonzerne wie beispielsweise Amazon \u2013 die Arbeitswelt ver\u00e4ndert sich rasant. Was bedeutet dies f\u00fcr den Mittelstand?<\/p>\n<p>Erst einmal bedeutet das einen stark verzerrten Wettbewerb. Der Mittelstand zahlt in Deutschland ordentlich seine Steuern; Konzerne wie Amazon dagegen schieben Gewinne und Verluste solange hin und her, bis praktisch kaum noch eine Steuerlast \u00fcbrig bleibt. Das verschafft ihnen einen unfairen Vorteil. Hier ist die Politik gefragt. Der Wirtschaftsfl\u00fcgel hat in dieser Frage Dampf gemacht. Der Bundesfinanzminister hat das Thema auf die internationale Tagesordnung gesetzt. Wir brauchen aber noch raschere Fortschritte.<\/p>\n<p>Ein zentrales Anliegen der bayerischen Politik ist die St\u00e4rkung des Mittelstandes und die F\u00f6rderung des Unternehmertums, hier gibt es eine enge Verzahnung zwischen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Universit\u00e4t. Also Bayern ist gut aufgestellt, wo sehen Sie aber noch Handlungsbedarf? Anders gefragt: Wo sehen Sie derzeit die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen, die kleine und mittelst\u00e4ndische Unternehmen belasten?<\/p>\n<p>Mit der bayerischen Staatsregierung k\u00f6nnen wir \u00fcberwiegend zufrieden sein, was Bayern betrifft. Unsere Probleme liegen mehr auf der Bundesebene. Ich nenne beispielhaft Erbschaftssteuerreform, Flexibilisierung des Renteneintrittsalters nach oben, weiterer B\u00fcrokratieabbau. Wir h\u00e4tten nichts dagegen, wenn es von der Staatsregierung und der CSU in Berlin noch mehr R\u00fcckenwind g\u00e4be.Gerade das Thema Entb\u00fcrokratisierung wird auch auf dem Bayerischen Mittelstandstag Mitte September in Deggendorf eine gro\u00dfe Rolle spielen. Wir brauchen automatische \u00dcberpr\u00fcfungen und Verfallsdaten von Gesetzen und Verordnungen. Der Bundestag muss Rechtsverordnungen von den Ministerien wieder \u201ezur\u00fcckholen\u201c k\u00f6nnen. Das w\u00e4re eine effektive Waffe gegen B\u00fcrokratiemonster<\/p>\n<p>Worin liegen die St\u00e4rken mittelst\u00e4ndischer Unternehmen und wie kann das R\u00fcckgrat der Gesellschaft in Zukunft noch besser gest\u00e4rkt werden?<\/p>\n<p>Mit mehr als drei Millionen Unternehmen, die mehr als 80 Prozent der Ausbildungspl\u00e4tze und zwischen 60 und 70 Prozent aller Arbeitspl\u00e4tze bereitstellen, ist der Mittelstand R\u00fcckgrat und Motor der deutschen Volkswirtschaft und des Arbeitsmarktes. Seine gro\u00dfen St\u00e4rken sind seine Flexibilit\u00e4t und seine Innovationskraft. Nicht umsonst ist eine besonders erfolgreiche Exportbranche wie der Maschinenbau stark mittelst\u00e4ndisch gepr\u00e4gt. Und wenn wir von den hidden champions sprechen, dann geht es sich dabei in aller Regel um mittelst\u00e4ndische Firmen. Der Mittelstand wird seine starke Stellung aber nur halten k\u00f6nnen, wenn man ihm nicht unfaire Lasten aufb\u00fcrdet oder dem Arbeitsmarkt mutwillig Fachkr\u00e4fte entzieht.<\/p>\n<p>Kleine und mittlere Unternehmen sind oft innovativer als Gro\u00dfunternehmen, woran liegt das?<\/p>\n<p>Sie sind einfach beweglicher. Die Firmeninhaber sind n\u00e4her an den Kunden und n\u00e4her an den Mitarbeitern. Ideen werden schneller umgesetzt. In den technischen orientierten mittelst\u00e4ndischen Firmen geh\u00f6rt T\u00fcffeln ganz einfach immer noch zum Selbstverst\u00e4ndnis. Das schafft besondere Kompetenz f\u00fcr individuelle L\u00f6sungen. Und solche L\u00f6sungen werden immer \u00f6fter ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Der Deutsche Mittelstand hinkt bei der Industrie 4.0 noch nach, wie kann dem Abhilfe geschaffen werden? Mehr als ein Drittel der Unternehmer haben keine Digitalstrategie!<\/p>\n<p>Wir sollten unseren Mittelstand nicht schlechter machen als er ist. Ein Blick auf die Messen zeigt: Bei der Industrie 4.0 kann sich unser Mittelstand sehen lassen. Aber der Wettbewerb ist hart. Insgesamt sind die Herausforderungen beim Thema Digitalisierung so breit und so unterschiedlich wie die ganze Breite der mehr als drei Millionen mittelst\u00e4ndischen Betriebe.<\/p>\n<p>Wird die Digitalisierung letztendlich nicht mehr Job kosten als sie erschaffen kann?<\/p>\n<p>Diese Furcht wird gern von jenen gesch\u00fcrt, die am liebsten alles beim Alten lassen wollen. Dabei zeigt doch unsere Erfahrung: Wer sich dem Fortschritt verweigert, bleibt am Ende auf der Strecke.<\/p>\n<p>Was bedeutet der demographische Wandel f\u00fcr den Mittelstand?<\/p>\n<p>Demographischer Wandel ist eine langfristige Entwicklung. Was dieser Wandel letztendlich bedeutet, h\u00e4ngt davon ab, wie wir uns darauf einstellen. Wenn wir uns nicht anpassen, bekommen wir Probleme bei der Gewinnung von Fachkr\u00e4ften, bei der Finanzierung unserer Sozialsysteme und vielem mehr. Hier sehe f\u00fcr die erheblichen Handlungsbedarf und Mut zur Ver\u00e4nderung. Demographischer Wandel bedeutet aber auch Wandel der Nachfrageprofile. \u00c4ltere Kunden haben andere Bed\u00fcrfnisse als j\u00fcngere. Darauf m\u00fcssen sich vor allem die Konsumg\u00fcterindustrie und der Handel einstellen.<\/p>\n<p>Sie bestehen auf eine Nachbesserung der Erbschaftsreform, wie diese gerade von Bundesminister Wolfgang Sch\u00e4uble vorgelegt wurde! Welche Nachteile bringt der jetzige Stand der Reform f\u00fcr den Mittelstand und welche Nachbesserungen sind n\u00f6tig? Die Wirtschaft hat die Reform abgelehnt, weil Familienbetriebe dadurch zu sehr belastet w\u00fcrden. Philipp Graf Lerchenfeld bezeichnete den Gesetzesentwurf in Teilen als \u201eR\u00fcckschritt zum Referentenentwurf\u201c.<\/p>\n<p>Es spricht gleich Mehreres gegen die Reformvorlage. Die Erbschaftssteuer greift ins Eigenkapital ein. Dies kann zur Gefahr f\u00fcr Betriebe und Arbeitspl\u00e4tze werden. Es benachteiligt die inhabergef\u00fchrten mittelst\u00e4ndischen Unternehmen gegen\u00fcber den Konzernen, die eben nicht mit einer Erbschaftssteuer belastet sind. Hinzukommt, dass der Gesetzentwurf die Verm\u00f6genssteuer durch die Hintert\u00fcr wieder einf\u00fchrt. Hier versucht die SPD massiv, ihren Sozialneid auszuleben. Ich erwarte vom Bundesfinanzminister und von der Bundeskanzlerin, dass sie die SPD auf Kurs bringen.<\/p>\n<p>Thema Mindestlohn: Trotz Nachbesserungen beim Mindestlohn im Juni 2015 durch das Arbeitsministerium sind viele bayerische Hoteliers und Gastwirte mit dem erh\u00f6hten B\u00fcrokratieaufwand unzufrieden. Viele mittelst\u00e4ndische Unternehmen sehen sich durch das \u201eB\u00fcrokratiemonster \u00e0 la Nahles\u201c \u00fcberfordert. Sind wir mit diesem Mindestlohngesetz auf dem richtigen Weg?<\/p>\n<p>Dieses Mindestlohngesetz war und ist so \u00fcberfl\u00fcssig wie ein Kropf. Es wird immer ein B\u00fcrokratiemonster bleiben. Da helfen auch j\u00fcngsten Minimal\u00e4nderungen nicht. Und anders als die SPD behauptet, haben die Arbeitnehmer praktisch nichts davon. Ihre Gesamteinkommen liegen heute letztlich nicht h\u00f6her als vorher. Man sollte die Lohnfindung dort lassen, wo sie hingeh\u00f6rt: in den Verhandlungen der Tarifparteien.<\/p>\n<p>Immer mehr Mittelst\u00e4ndler beklagen sich \u00fcber den Fachkr\u00e4ftemangel, die Abwanderung Auszubildender in die Gro\u00dfst\u00e4dte bzw. zu den gro\u00dfen Konzernen, die mit Top-Geh\u00e4ltern werben. Welche Chance hat hier der Mittelstand auf lange Sicht und wie kann man die Position der mittelst\u00e4ndischen Unternehmen st\u00e4rken?<\/p>\n<p>Wir sollten hier nicht in Schwarzmalerei verfallen. Nat\u00fcrlich wird der Wettbewerb um die Fachkr\u00e4fte h\u00e4rter. Aber die mittelst\u00e4ndischen Betriebe in der Fl\u00e4che stehen so schlecht nicht da. Es zieht Arbeitnehmer und Auszubildende vor allem dann in die Gro\u00dfst\u00e4dte, wenn die Politik die Fl\u00e4che vernachl\u00e4ssigt.Die bayerische Staatsregierung f\u00e4hrt hier einen klugen Kurs. Sie st\u00e4rkt die Fl\u00e4che und damit auch den Mittelstand. Zum Beispiel durch die dualen Studienangebote, die Fachkr\u00e4ftebedarf und Qualifikation gut miteinander verbinden und gleichzeitig hochwertiges Know-how in die Regionen tragen.Sorge machen wir eher selbsternannte Bildungsexperten, die glauben machen wollen, m\u00f6glichst alle m\u00fcssten ein Abitur machen. Der Mensch beginnt aber nicht erst beim Akademiker.<\/p>\n<p>Welche Rolle wird die Gesellschaft 4.0 f\u00fcr den Mittelstand spielen?<\/p>\n<p>Der Mittelstand wird sich einer solchen Entwicklung stellen und sie ebenso erfolgreich meistern wie andere Ver\u00e4nderungen vorher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Interview mit Ingo Friedrich &#8211; Zerbricht Europa?<\/h1>\n<p>Mit dem Ehrenpr\u00e4sidenten des Europ\u00e4ischen Parlamentes, Ingo Friedrich, sprach Stefan Gro\u00df \u00fcber den islamischen Terror in Paris, die Konsequenzen und \u00fcber die Herausforderungen Europas in den n\u00e4chsten Jahren.<\/p>\n<p><strong>The European: Erneut hat der islamische Terror in Paris zugeschlagen. Welche Bedeutung hat dies f\u00fcr Europa?<\/strong><br \/>\nDer Anschlag hat Europa ins Herz getroffen. Er wird nat\u00fcrlich den Graben zwischen Islam und Europa vergr\u00f6\u00dfern. Umso wichtiger ist, dass alle Islamvertreter in Europa unmissverst\u00e4ndlich jeglicher Gewalt mit islamistischer Begr\u00fcndung entgegentreten. Auch Imame mit nicht akzeptablen \u00c4u\u00dferungen m\u00fcssen sofort gestoppt werden, um weitere Missleitungen von Jugendlichen zu verhindern.<\/p>\n<p><strong>The European: Wie kann sich Europa gegen\u00fcber diesen perfiden M\u00f6rdern sch\u00fctzen, was unternimmt Europa gegen die Terrorbek\u00e4mpfung?<\/strong><br \/>\nDie Au\u00dfengrenzen der EU m\u00fcssen strikt kontrolliert werden. Jeder Einreisende muss sich ausweisen, muss registriert werden, muss sich korrekt verhalten. Wer sich unkorrekt verh\u00e4lt, muss sofort ausgewiesen werden. Ansonsten m\u00fcssen alle Sicherheitsorgane gest\u00e4rkt werden, um ihre Aufgabe in der bedrohten neuen Situation wahrzunehmen.<\/p>\n<h6>\u201eEuropa wird daran nicht zerbrechen, aber es gibt Risse, es gibt Fl\u00fcgelbildungen&#8220;<\/h6>\n<p><strong>The European: Wie steht es gerade um Europa?<\/strong><br \/>\nNicht so gut. Bei der Fl\u00fcchtlingskrise sagen viele Beobachter, dass Europa bei der Verteilung von Fl\u00fcchtlingen versagt hat. In Wirklichkeit ist es aber so, dass Europa dazu noch gar keine Kompetenzen hat. Die Nationalstaaten lehnen es bisher ab, die Kontingente aufzunehmen. Andererseits steht Europa in der Verantwortung, die Au\u00dfengrenzen anders zu sichern als bisher. Ich glaube, es f\u00fchrt kein Weg daran vorbei, dass wir die Au\u00dfengrenzen der Europ\u00e4ischen Union, sei es in Griechenland, sei es in Italien, sichern m\u00fcssen, so wie es Spanien bereits macht.<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inread-experience.teads.tv\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<p><strong>The European: Haben Sie Angst, dass Europa vor dieser Herausforderung zerbricht?<\/strong><br \/>\nEuropa wird daran nicht zerbrechen, aber es gibt Risse, es gibt Fl\u00fcgelbildungen. Eine sch\u00f6ne Entwicklung ist es sicher nicht. Die Herausforderung durch die Fl\u00fcchtlinge ist offenbar so gigantisch, dass die europ\u00e4ischen Organe bisher nicht so antworten k\u00f6nnen, wie wir uns das erwarten. Die Zusammenarbeit aller nationalen Sicherheits- und Polizeiorgane muss intensiviert werden.<\/p>\n<p><strong>The European: Wie wird die Rolle der Bundeskanzlerin in Br\u00fcssel wahrgenommen?<\/strong><br \/>\nDer Bundeskanzlerin macht man den Vorwurf, dass sie durch ihre \u00c4u\u00dferung, die Grenzen ein paar Tage aufzumachen, gewisse Erwartungen geweckt hat. Damit bietet sie nat\u00fcrlich eine Angriffsfl\u00e4che. Und alle k\u00f6nnen jetzt darauf hinweisen, es sei die Bundeskanzlerin gewesen, die diesen Fl\u00fcchtlingsstrom in Richtung Deutschland ausgel\u00f6st hat. Der w\u00e4re aber meiner Meinung nach genauso gelaufen auch ohne diese \u00c4u\u00dferung. Durch eine konkrete Politik muss nun eine Reduzierung der Zuwanderung erreicht werden.<\/p>\n<p><strong>The European: Die Schweiz w\u00e4hlte konservativ, Polen und Ungarn sowieso. Haben Sie Angst vor einem Rechtsruck?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde es weniger als Rechtsruck, eher als Signal eines nationalen Egoismus betrachten. Da gibt es eine historische Parallele: Im Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation war es n\u00e4mlich \u00e4hnlich. Eine schwache Zentralgewalt, damals der Kaiser, stand den harten und nachhaltig k\u00e4mpfenden Kurf\u00fcrsten gegen\u00fcber. Hier sehe ich eine gewisse Parallele zwischen dem Europa von 800 nach Christus bis 1806 und dem heutigen Europa \u2013 dies alles geht aber zulasten eines gemeinsamen europ\u00e4ischen Agierens auf globaler Ebene.<\/p>\n<p><strong>The European: Wird derzeit \u00fcber eine L\u00f6sung bei der Fl\u00fcchtlingsfrage diskutiert, die von allen EU-Mitgliedern akzeptiert werden kann?<\/strong><br \/>\nDas ist sehr schwer, denn Staaten wie zum Beispiel Polen sind bisher \u00fcberhaupt nicht daran gew\u00f6hnt, islamische B\u00fcrger aufzunehmen. Sie werden sich deshalb leider weigern, diese Aufnahme zu akzeptieren. Andererseits werden auch diese L\u00e4nder auf Dauer nicht darum herumkommen, einem europ\u00e4ischen Gesamtkonzept zustimmen zu m\u00fcssen. Denn die Polen oder andere osteurop\u00e4ische Staaten, auch D\u00e4nemark, brauchen ihrerseits die europ\u00e4ische Solidarit\u00e4t, sodass sie auf Dauer einen gewissen Solidarit\u00e4tsbeitrag \u2013 auch bez\u00fcglich der Fl\u00fcchtlinge \u2013 leisten werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>The European: Sie sprechen oft vom \u201eeurop\u00e4ischen\u201c Menschen, was haben wir denn darunter zu verstehen?<\/strong><br \/>\nDer europ\u00e4ische Mensch ist nat\u00fcrlich nicht gescheiter als andere Menschen, aber ich will damit zum Ausdruck bringen, dass wir, wenn das Projekt Europa erfolgreich bleiben soll, dieses Europa auch vom Herzen her anders beurteilen m\u00fcssen. Dazu w\u00fcrde geh\u00f6ren, dass neben der regionalen und der nationalen Identit\u00e4t ein europ\u00e4isches Empfinden, eine europ\u00e4ische Identit\u00e4t dazukommt. Und diese additive europ\u00e4ische Identit\u00e4t habe ich mit dem \u201eeurop\u00e4ischen Menschen\u201c versucht zu beschreiben.<\/p>\n<p><strong>The European: Nun isoliert sich Deutschland vom Kurs anderer EU-Staaten mit seiner Politik der Willkommenskultur. Wie wird sich die Position der Bundesrepublik innerhalb der EU vom jetzigen Standpunkt aus entwickeln?<\/strong><br \/>\nDeutschland hat als wirtschaftlich erfolgreiches (von der Bev\u00f6lkerungszahl und von der Wirtschaftskraft her gr\u00f6\u00dftes europ\u00e4isches) Land immer eine besondere Rolle gespielt, die bisher auch gut angenommen worden ist. In der jetzigen Phase ist es sehr schwer, eine Br\u00fccke zwischen der notwendigen und erw\u00fcnschten F\u00fchrungsrolle Deutschlands und gleichzeitig der Akzeptanz der Sensibilit\u00e4ten und unterschiedlichen Erfahrungshorizonte der anderen Nationalstaaten zu bauen. Diese Br\u00fccke zu schlagen, ist kompliziert. Ich bin mir aber sicher, wenn sich Frankreich, Italien und Deutschland auf eine gemeinsame Agenda verst\u00e4ndigen, hat dies eine zentrale Bedeutung f\u00fcr die weitere Entwicklung Europas.<\/p>\n<p><strong>The European: Nun gibt es in Bayern einen Sonderweg von Herrn Horst Seehofer! Wie wird denn dieses Eigeninteresse beziehungsweise Partikularinteresse innerhalb der Bundesrepublik in Europa wahrgenommen?<\/strong><br \/>\nDie europ\u00e4ischen Partner machen keinen so gro\u00dfen Unterschied zwischen Deutschland und Bayern. Nat\u00fcrlich wei\u00df man in Br\u00fcssel und Stra\u00dfburg, dass die meisten Fl\u00fcchtlinge an der bayerischen Grenze ankommen, Bayern besonders betroffen ist und deswegen besonders berechtigt ist, eine L\u00f6sung einzufordern. Es herrscht Konsens dar\u00fcber, dass Lager an der bayerisch-\u00f6sterreichischen Grenze nicht sehr sinnvoll erscheinen. Aber wenn die Europ\u00e4ische Union es nicht schafft, an den Au\u00dfengrenzen solche Transitzonen zu installieren, dann werden die Nationalstaaten handeln m\u00fcssen. Wir kennen gigantische Fl\u00fcchtlingseinrichtungen aus Pal\u00e4stina, Zeltst\u00e4dte mit \u00fcber 100.000 Menschen, die \u00fcber Jahre mehr oder weniger schlecht oder recht funktionieren. Solche Aktivit\u00e4ten an den Au\u00dfengrenzen der Europ\u00e4ische Union sind wahrscheinlich unvermeidbar.<\/p>\n<h6>\u201eEurop\u00e4er denken und erwarten, dass Merkel Kanzlerin bleibt\u201c<\/h6>\n<p><strong>The European: Es wird derzeit \u00fcber Merkels Nachfolge spekuliert. Ist es auch ein Thema in der Europ\u00e4ischen Union? Also Sch\u00e4uble als m\u00f6glicher Kandidat?<\/strong><br \/>\nNein, die Europ\u00e4er denken und erwarten, dass Frau Merkel, trotz dieser zeitweiligen Schwierigkeiten und zeitweiligen Unstimmigkeiten, Kanzlerin bleibt.<\/p>\n<p><strong>The European: Wo sehen Sie die gro\u00dfen Herausforderungen auf finanzieller, politischer und gesellschaftlicher Ebene f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union?<\/strong><br \/>\nIch glaube, die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen sind im Bereich der mentalen und der Informationsebene bei den B\u00fcrgern zu sehen. Die Ver\u00e4nderungen, denen wir gegen\u00fcberstehen, sind so dramatisch \u00fcbergreifend, dass die Erwartungen, die wir an die B\u00fcrger hinsichtlich der Akzeptanz und des Erlernens dieser neuen Komplexit\u00e4ten stellen, sehr anspruchsvoll sind. Ich sehe die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen beim Informieren der B\u00fcrger: Was bedeutet heute Digitalisierung, was bedeutet heute Globalisierung mit offenen Grenzen, was bedeutet es, dass unkalkulierbare Bewegungen in Afghanistan unmittelbare Auswirkungen auf Deutschland haben? Dies alles zu verstehen und in einen Gesamtkontext einzuordnen, ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung.<br \/>\nFinanziell und wirtschaftlich sehe ich die Herausforderung derzeit als bew\u00e4ltigbar an. Was dar\u00fcber hinaus eine gro\u00dfe Problematik sein wird, ist der kulturelle Aspekt. Hier d\u00fcrfen wir nicht von den m\u00fchsam gelernten Grundwerten Europas abweichen: der Trennung von Staat und Kirche, der Religionsfreiheit, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Hinzukommt: F\u00fcr nicht grundlegende Religionsregeln gilt der Grundsatz: Landesrecht bricht Religionsrecht. Diese vier zentralen Grunds\u00e4tze d\u00fcrfen an keiner Stelle tangiert, geschweige denn abgeschw\u00e4cht werden. Dies durchzusetzen, wird die zweite ganz gro\u00dfe Herausforderung sein.<\/p>\n<p><strong>The European: Europa ist als Werte- und Wirtschaftsgemeinschaft autonom. Aber inwieweit sind wir dann doch abh\u00e4ngig von Amerikanern und Russen?<\/strong><br \/>\nDas globale Spiel wird sehr eng, weil die Welt kleiner geworden ist. Es gab einmal ein Bild, dass die drei, USA, Russland und Europa, wie ein Schmetterling sein w\u00fcrden. Europa, der K\u00f6rper des Schmetterlings, in der Mitte, Amerika der Fl\u00fcgel links, und Russland der Fl\u00fcgel rechts. Es gibt heute die Notwendigkeit eines Zusammenspiels, einer Zusammenarbeit. Wir sehen das in allen Teilen der Welt, sei es in Syrien, sei es in der Ukraine. So schwer es uns f\u00e4llt, wir m\u00fcssen mit diesen beiden anderen Giganten zusammenarbeiten. Was wahrscheinlich aber das Wichtigste ist: dass wir als Europ\u00e4er \u2013 in entsprechender Zusammenarbeit der 28 Staaten \u2013 es lernen m\u00fcssen, in einer \u00e4hnlichen Liga spielen zu k\u00f6nnen wie die anderen beiden. Nur so k\u00f6nnen wir als werdende Supermacht wahrgenommen werden und in dieser Rolle auch unsere Meinungen f\u00fcr die globale Stabilisierung \u2013 neben den Amerikanern und Russen \u2013 einbringen.<\/p>\n<p><strong>The European: Nationales und europ\u00e4isches Denken stehen sich oft isoliert gegen\u00fcber. Wird es nicht f\u00fcr die europ\u00e4ische Idee immer schwieriger, wenn immer weniger Leute Interesse f\u00fcr dieses Europa bekunden und sich mehr auf ihr nationalstaatliches Denken fokussieren?<\/strong><br \/>\nEs ist eine sehr schwierige Sache, dass die B\u00fcrger durch zu wenig Information, aber auch durch mangelnde personelle europ\u00e4ische Identifizierungsm\u00f6glichkeiten, zu wenig wissen, welche unsch\u00e4tzbaren Vorteile die Zusammenarbeit der europ\u00e4ischen Staaten mit sich bringt. Vielleicht haben wir Europ\u00e4er auch \u201eeinen gewissen Fehler\u201c begangen. Wir haben vor lauter Sorge, das \u201eKind Europa\u201c k\u00f6nnte Schaden erleiden, immer nur die Vorteile betont. Wir h\u00e4tten vielleicht glaubw\u00fcrdiger auftreten k\u00f6nnen, wenn wir auch gesagt h\u00e4tten, dass jede Zusammenarbeit auch Nachteile hat, so wie jedes Medikament auch ungewollte Nebenwirkungen hat, ja sogar wie jede Ehe auch Nachteile mit sich bringt. So ist es unvermeidbar, dass die europ\u00e4ische Zusammenarbeit auch Probleme mit sich bringt. Die Realit\u00e4t Europas bedeutet: Ja, es gibt auch Nachteile, aber die Vorteile der Zusammenarbeit \u00fcberwiegen deutlich.<\/p>\n<p><strong>The European: Derzeit werden die Fl\u00fcchtlingszahlen permanent nach oben korrigiert. Eine Aufnahmekapazit\u00e4tsgrenze, eine konkrete Zahl, wird dabei nicht genannt. Wo w\u00fcrde diese Ihrer Meinung nach liegen? Wie viele Fl\u00fcchtlinge vertr\u00e4gt Europa?<\/strong><br \/>\nDas ist die Frage aller Fragen. Diese kann aber im Augenblick noch nicht wirklich definiert werden. Definieren l\u00e4sst sich aber, von welchen Kautelen die Obergrenze abh\u00e4ngt! Es h\u00e4ngt davon ab, welche Aufnahmekapazit\u00e4t die Nationalstaaten neben Deutschland zur Verf\u00fcgung stellen. Was sind diese bereit aufzunehmen? Das ist eine sehr zentrale Aufgabe. Zweitens, welche Aufnahmekapazit\u00e4ten gibt es in den L\u00e4ndern, die zwischen Deutschland und der Au\u00dfengrenze liegen, welche sind dort realistisch? Und der dritte Aspekt ist, dass die Dimensionen der heutigen Fl\u00fcchtlingszahlen in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung auf Dauer nicht bew\u00e4ltigbar sind. Es muss alles gemacht werden, dass die Zahl der 2016 zu erwartenden Fl\u00fcchtlinge deutlich unter der von 2015 liegt. Wenn wir aktuell von einer Million reden, dann sehe ich im n\u00e4chsten Jahr h\u00f6chstens eine Aufnahmekapazit\u00e4t in halbierter Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>The European: Kann in Europa das bisher fast immer praktizierte Einstimmigkeitserfordernis bei strittigen Entscheidungen beibehalten werden?<\/strong><br \/>\nEinmal ist ja das Einstimmigkeitserfordernis bei der Durchsetzung der kleineren Anzahl von 120.000 Fl\u00fcchtlingen durchbrochen worden. Da ist mit Mehrheiten entschieden worden. Ein funktionsf\u00e4higes, staats\u00e4hnliches Gebilde kann auf Dauer nicht mit Einstimmigkeit optimal funktionieren. Denn damit w\u00fcrden wir immer gegen\u00fcber den anderen Giganten \u2013 China, Russland und Amerika \u2013 zur\u00fcckfallen. Wir m\u00fcssen bereit sein zu akzeptieren, dass es \u2013 so selten wie m\u00f6glich \u2013 auch zu Entscheidungen mit Mehrheiten kommt, zumal es in den Vertr\u00e4gen so vorgesehen ist.<\/p>\n<p><strong>The European: Sprechen wir \u00fcber die Zukunft Europas \u2013 wie sieht Europa in 20 Jahren aus?<\/strong><br \/>\nIch erwarte mir trotz aller Probleme eine gr\u00f6\u00dfere Staats\u00e4hnlichkeit der europ\u00e4ischen Entwicklung. Die Themen werden immer mehr die Tendenz haben, national allein nicht mehr l\u00f6sbar zu sein. Und wenn sie national nicht mehr gel\u00f6st werden k\u00f6nnen, dann muss es europ\u00e4isch gemacht werden. Ich erwarte aber, dass es, um es drastischer zu sagen, noch mehr kracht, blitzt und donnert als bisher, dass europ\u00e4ische Entscheidungen h\u00e4ufiger als heute mit Nachtsitzungen und unter dramatischen Bedingungen zustande kommen. Die Fakten sind einfach so: Auch die Schweiz und Norwegen \u00fcbernehmen ohne Murren permanent Gesetze aus Europa. Sie haben dabei aber das Gef\u00fchl, sie seien souver\u00e4n, was sie praktisch gar nicht mehr sind.<\/p>\n<h6>\u201eBrexit w\u00e4re schlimmer als Grexit\u201c<\/h6>\n<p><strong>The European: Grexit oder Brexit. Dieses gro\u00dfe Thema, das seit Monaten Europa aufger\u00fcttelt und zu heftigen Streitigkeiten unter Staatspr\u00e4sidenten und Wirtschaftsministern gef\u00fchrt hat, ist ja mittlerweile durch die Fl\u00fcchtlingskrise \u00fcberlagert, verdr\u00e4ngt und aus dem medialen Diskus fast verschwunden. Wie sieht denn da die Zukunft Griechenlands Ihrer Meinung nach aus?<\/strong><br \/>\nBrexit w\u00e4re schlimmer als Grexit. Die Wahrscheinlichkeit ist aber, dass die Griechen dableiben \u2013 trotz mangelnder Reformbereitschaft, und dass die Engl\u00e4nder knapp entscheiden werden. Die Realit\u00e4t wird dann jedoch insofern abgefedert, dass selbst bei einem Brexit, beim Austritt der Briten, ein jahrelanger Scheidungsprozess anstehen wird. Es w\u00fcrde ja nicht von heute auf morgen ein Bruch entstehen. Es w\u00fcrde genauso wie bei einem Beitritt das Ausf\u00e4deln in verschiedenen Vertr\u00e4gen behandelt werden m\u00fcssen, wo man versucht, alles wieder auseinanderzudr\u00f6seln, sei es beim Binnenmarkt oder bei anderen Vertr\u00e4gen.<br \/>\nEin Austritt w\u00e4re kein Paukenschlag, sondern w\u00fcrde sich auch in der Realit\u00e4t als langsamer Prozess darstellen. Wenn die Engl\u00e4nder feststellen, was es bedeutet: nach drei, vier Jahren, eventuell sogar bevor es dann zum echten Bruch f\u00fchren w\u00fcrde, w\u00e4re sogar ein Zur\u00fcck in die EU m\u00f6glich. Ich erwarte bei England eher eine langfristige Diskussion.<\/p>\n<p><strong>The European: Was w\u00e4re eigentlich so schlimm, wenn Griechenland aus der Europ\u00e4ischen Union austritt?<\/strong><br \/>\nDas w\u00e4re nicht so schlimm. Die Wahrscheinlichkeit ist aber gering. Brexit w\u00e4re schlimmer als Grexit.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>&#8222;Kino wird f\u00fcr mich niemals ein Auslaufmodell sein!&#8220; Interview mit Bettina Reitz<\/h1>\n<p>Die Medienmanagerin, Filmproduzentin und Pr\u00e4sidentin der Hochschule f\u00fcr Fernsehen und Film M\u00fcnchen, Bettina Reitz, spricht mit Stefan Gro\u00df \u00fcber die Zukunft des Kinos in einer digitalisierten Welt und fordert mehr k\u00fcnstlerische Kreativit\u00e4t durch eine faire Finanzierung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>The European: Frau Reitz, von Ihrem neuen B\u00fcro in der <\/strong><strong>HFF<\/strong><strong> M\u00fcnchen schweift der Blick \u00fcber das M\u00fcnchner Kunstareal. Inspirierend f\u00fcr Ihre Zukunftspl\u00e4ne als neue Pr\u00e4sidentin dieser renommierten Filmhochschule?<\/strong><br \/>\nAuf jeden Fall! In direkter Nachbarschaft wartet eine spannende Mischung aus Kunst, Kultur und Wissen nur darauf, sich inhaltlich mit uns auszutauschen und zu kooperieren. Damit erschlie\u00dfen sich f\u00fcr uns Welten \u00fcber Film und Fernsehen hinaus; wie aktuell beispielsweise in einer Kooperation mit der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen zum Thema Gaming.<\/p>\n<p><strong>The European: Ist das Erschlie\u00dfen solcher neuer Welten auch deshalb so wichtig, weil Kino und Fernsehen schon als Auslaufmodelle gelten?<\/strong><br \/>\nKino wird f\u00fcr mich niemals ein Auslaufmodell sein. Es ist der Kinofilm, an dem sich Fernsehfilme und Serien weltweit messen lassen m\u00fcssen. Er setzt die qualitativen und handwerklichen Ma\u00dfst\u00e4be, egal wie viele Entwicklungen uns in der digitalen Welt momentan begegnen! Das Fernsehen ist jetzt schon in einem sp\u00fcrbaren Wandel, und da wird noch einiges passieren. Die junge Generation kennt Fernsehen, wie wir es nutzen, schon heute nicht mehr. Meinem Sohn oder den Studierenden kann ich nicht erkl\u00e4ren, dass sie jetzt ein tolles Programm verpasst haben, weil sie nicht zu einer bestimmten Zeit vor dem Fernseher sa\u00dfen \u2013 daf\u00fcr haben sie kein Verst\u00e4ndnis, weil sie schon l\u00e4ngst zu einem anderen Nutzer-Verhalten \u00fcbergegangen sind. Vor allem das Fernsehen und die digitale Welt haben den Markt der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten weit aufgesto\u00dfen. Neben den Kinoformen gibt es unz\u00e4hlige Formate, im Event- und Serienerz\u00e4hlen aufzufallen. Einerseits treibt uns die technische Entwicklung vor sich her, andererseits er\u00f6ffnet sie ungeahnte M\u00f6glichkeiten und Herausforderungen f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inread-experience.teads.tv\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<h6>Kreative Entwickler sind unsere Zukunft<\/h6>\n<p><strong>The European: Sparma\u00dfnahmen stehen auf der Tagesordnung von <\/strong><strong>ARD<\/strong><strong> und <\/strong><strong>ZDF<\/strong><strong>, wie kann man den Spagat zwischen Sparen einerseits und anspruchsvoller Fernsehkultur andererseits \u00fcberbr\u00fccken?<\/strong><br \/>\nIch sehe es allgemeiner: Das Zusammenspiel zwischen Sendern und F\u00f6rderern auf der einen Seite, und den Kreativschaffenden auf der anderen Seite, knirscht. Verleih- und Sender-Interessen sind nicht kompatibel! Es geht hier nicht um Schuldzuweisung, sondern um die Feststellung, dass das Geld f\u00fcr so viele Filme nicht reicht und zu viele Filme, zumindest im Kino, nicht erfolgreich genug sind. Die Qualit\u00e4t der B\u00fccher und Produktionen muss hierbei genauso streng \u00fcberpr\u00fcft werden, wie eine kalkulationsgerechte und faire Finanzierung. Auch und gerade in Zeiten digitaler Realit\u00e4t sollten wir uns zu einer starken Kultur- und Filmlandschaft bekennen! Die kreativen Entwickler in diesem Land sind unsere Zukunft und das schlie\u00dft ohne Wenn und Aber die K\u00fcnstler ein. Sender und F\u00f6rderer m\u00fcssen die Entwicklung von Drehb\u00fcchern finanziell besser ausstatten und den Produzenten bei ihren Entwicklungen und Produktionen helfen.<\/p>\n<p><strong>The European: Deutschland wird immer \u00e4lter. Sie kritisieren zu Recht, dass der demographische Wandel letztendlich daf\u00fcr verantwortlich ist, dass sich viele Jugendliche vom \u00d6ffentlichen Fernsehen verabschieden und Alternativen beispielsweise bei amerikanischen Angeboten suchen und ins Internet wechseln. Wie ist dem telegenen Generationenkonflikt zu begegnen?<\/strong><br \/>\nDie \u00f6ffentlich-rechtlichen Anbieter unternehmen gro\u00dfe Anstrengungen, um auch in diesen Zielgruppen ernst genommen zu werden. Ich sehe es dennoch skeptischer, da \u201eProgrammangebote f\u00fcr Alle\u201c oftmals gleichbedeutend ist mit \u201eProgrammangeboten f\u00fcr \u00e4ltere Zielgruppen\u201c. Junge Menschen bewegen sich in kleinen, fragmentierten Interessengruppen und wollen mit ihren Film- und Fernsehinteressen gerne in Grenzbereiche vordringen. Die sind aber nicht unbedingt Mainstream und FSK 12. Die Generation, die wir bei uns ausbilden, wird in einem ver\u00e4nderten Markt neue Chancen vorfinden, sich darin aber auch behaupten m\u00fcssen. Neue Sehgewohnheiten sind eine Sache. Eine andere ist die Entwicklung von Geschichten, die bestenfalls Menschen weltweit begeistern, weil sie existentielle Themen behandeln. Hier m\u00fcssen wir auch gro\u00df und international denken d\u00fcrfen!<\/p>\n<h6>Neue berufliche M\u00f6glichkeiten<\/h6>\n<p><strong>The European: Was muss die Ausbildung an einer Filmhochschule wie der <\/strong><strong>HFF<\/strong><strong> M\u00fcnchen leisten, damit hier die Erfolgsgeschichten von Morgen erz\u00e4hlt werden?<\/strong><br \/>\nSie muss das Vertrauen in die eigene kreative Kraft st\u00e4rken und erreichen, dass ein starkes Team und eine gemeinsame Vision mit einer Sicherheit \u00fcber das Was und Wie der Gestaltung einhergehen. Einer Sicherheit um die Wirkung, die filmische Ausdrucks- und Sogkraft, die man als Filmemacher erreichen will. Es geht um das Bewusstsein meiner filmischen Wirkungsm\u00f6glichkeiten. Daf\u00fcr sind ganz verschiedene Bereiche des Studiums wichtig: Die Vermittlung von Basiswissen aus den Bereichen Technik und Medienwissenschaft. Die k\u00fcnftig noch st\u00e4rker verzahnte Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen, die Spiel- und Dokumentarfilmregisseure, Produzenten, Drehbuchautoren und Kameraleute ausbilden. So dass Teams mit gegenseitigem Respekt vor und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die unterschiedlichen Talente entstehen, die im Idealfall weit \u00fcber die Studienzeit hinaus zusammenarbeiten. Hinzu kommen professionelle Angebote in der Lehre \u00fcber neue Lehrst\u00fchle wie Montage oder VFX oder k\u00fcnftig seriellem Erz\u00e4hlen. Und das Erkennen und Aufzeigen neuer beruflicher M\u00f6glichkeiten f\u00fcr unsere Studierenden, die sich mit dem Wandel des Fernsehens vielleicht gerade erst abzeichnen. Das m\u00fcssen wir in die Ausbildung mit einbeziehen und selbst Trends setzen f\u00fcr unsere k\u00fcnftigen Absolventen.<\/p>\n<p><strong>The European: Dann sollen die k\u00fcnftigen Absolventen also nicht alle m\u00f6glichst viele Oscars gewinnen?<\/strong><br \/>\nSolche gro\u00dfen Preise wie der Oscar sind etwas ganz Besonderes. Ich selbst werde die Erfahrungen rund um den Oscar f\u00fcr \u201eDas Leben der Anderen\u201c von Florian Henckel von Donnersmarck, an dem ich als BR-Ko-Produzentin unmittelbar beteiligt war, niemals vergessen. Aber ich wei\u00df, dass dies eine Ausnahme war. Und ich wei\u00df auch, dass man Filme, Ideen und die hier sprudelnde Kreativit\u00e4t nicht daran messen darf. Unsere Studierenden sollen den Markt pr\u00e4gen, mit gestalten und ver\u00e4ndern. Aber sie sollen dabei nicht an Preise denken, sondern an Geschichten, die eine Kraft besitzen, und die sie so umsetzen k\u00f6nnen, dass ihr filmisches Werk weltweit beeindruckt.<\/p>\n<p><strong>The European: Oft hei\u00dft es ja zum Filmnachwuchs nur noch, in Deutschland w\u00fcrde zu viel davon ausgebildet. Und dem gegen\u00fcber stehe zu wenig Vielfalt; zu viel Fernsehen im Kino, zu wenig gro\u00dfe Kinogeschichten.<\/strong><br \/>\nDiesen Vorw\u00fcrfen m\u00fcssen sich alle Filmhochschulen kritisch stellen. Woran krankt<br \/>\nder Kinofilm hierzulande und was m\u00fcssen wir konkret tun, um ihm zu helfen?<br \/>\nDas ist keine Einzelaufgabe, sondern ein gewaltiges Gemeinschaftsprojekt, das wir zusammen mit der Filmbranche und der Politik unbedingt angehen und zum Erfolg f\u00fchren m\u00fcssen. Kino ist ein wichtiges Kulturgut und bindet in der Gemeinschaft Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Das ist gerade in diesen Zeiten eine enorm wichtige integrative Chance.<\/p>\n<p><em>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Sie ist der zur Macht gewordene Protestantismus \u2013 Interview mit Jan Fleischhauer<\/h1>\n<p>Der Journalist und Bestsellerautor Jan Fleischhauer \u00e4u\u00dfert sich im Gespr\u00e4ch mit Stefan Gro\u00df \u00fcber Angela Merkels Politik der Mitte und ihre Art, zu kommunizieren. Am Ende, so prognostoziert Fleischhauer, wird wenig \u00fcbrigbleiben von den Inhalten, die diese Bundeskanzlerin vermittelt.<\/p>\n<p><strong>The European: Herr Fleischhauer, erinnern wir uns. Norbert Bl\u00fcm hatte gegen\u00fcber dem \u201eSpiegel\u201c im Jahr 2000 einmal ge\u00e4u\u00dfert: \u201eWas mir bei der Merkel gef\u00e4llt, ist eine Sprache, die nicht so politisch abgelutscht ist wie meine. Sie bringt in diese perfekte Politwelt gelegentlich ein St\u00fcck von nat\u00fcrlicher Unbeholfenheit ein\u201c. Was ist davon \u00fcbriggeblieben?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Bl\u00fcm hat auf freundliche Art zum Ausdruck gebracht hat, dass man von Angela Merkels Reden nichts in Erinnerung beh\u00e4lt. Sie wird sicherlich zu den Kanzlern geh\u00f6ren, bei denen am Ende kein Satz \u00fcberliefert sein wird, den man mit ihrer Kanzlerschaft verbindet. Als Rednerin ist Merkel ganz furchtbar; es bedarf gro\u00dfer M\u00fche, ihrem Redefluss aufmerksam zu folgen, wenn sie ein Podium betritt. Dennoch, und das ist interessant, hat sie eine ganz eigene Art gefunden, mit dem Volk zu kommunizieren, und dabei von sich und von ihrer Politik ein klares Bild zu erzeugen. Es ist schwer zu sagen, wie sie die Menschen erreicht, weil ihr ja kaum jemand wirklich zuh\u00f6rt, aber sie erreicht sie ganz offenkundig, sonst h\u00e4tte sie nicht die Zustimmungsraten, die sie nun einmal hat.<\/p>\n<p><strong>The European: Der Zufall und die Zeitl\u00e4ufte haben Angela Merkel oft geholfen. Max Frisch schrieb einmal: \u201eAm Ende ist es immer das F\u00e4llige, was uns zuf\u00e4llt\u201c \u2013 gilt dies auch f\u00fcr die Kanzlerin?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Bei jedem Kanzler geh\u00f6rt Fortune dazu, wenn er den Sumpf des Alltagsgesch\u00e4fts verlassen will. Helmut Kohl w\u00e4re ohne die Wiedervereinigung nicht in die Reihe derjenigen aufger\u00fcckt, die man zu den gro\u00dfen Kanzlern z\u00e4hlt. Wen umgekehrt nie das Gl\u00fcck der Umst\u00e4nde streifte wie den armen Kurt Kiesinger oder den braven Ludwig Erhard, bleibt immer eine mittelm\u00e4\u00dfige Figur, egal wie t\u00fcchtig er war. Im Leben eines Kanzlers ist so gesehen nichts vorteilhafter als die Krise. Erst die Krise gibt der Kanzlerschaft Gestalt; sie sorgt daf\u00fcr, dass sich alle Augen auf die Person an der Spitze des Gemeinwesens richten. Ob Merkel letztendlicheine gro\u00dfe Kanzlerin gewesen sein wird, das l\u00e4sst sich erst im R\u00fcckblick sagen. Aber wenn man die Zahl der Krisen sieht, die in ihre Amtszeit fallen, hat sie schon einmal gute Voraussetzungen.<\/p>\n<h6>Frau Merkel ist vor allem eine gro\u00dfe Psychologin<\/h6>\n<p><strong>The European: \u201ePhysikerin der Macht\u201c \u2013 so wird sie oft genannt. Die Politik betrachtet sie angeblich wie ein Labor. Die Versuchsanordnung ist dabei oft wichtiger als das Ziel. Scheint dieses unrealistisch, wird es oft aufgegeben. Was steckt dahinter?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Das Bild von der Physikerin der Macht ist ja fast ein Klischee geworden. Dahinter steht der Versuch, aus der mathematischen Begabung, \u00fcber die sie unbestreitbar verf\u00fcgt, bestimmte Charaktereigenschaften abzuleiten.Dass eine Physikerin einen anderen Weltzugang hat als ein Historiker oder Jurist, da ist sicherlich etwas dran, aber meiner Meinung geht in dem Satz von der Physikerin der Macht v\u00f6llig unter, dass Frau Merkel vor allem eine gro\u00dfe Psychologin ist. Auf dem H\u00f6hepunkt der Ukrainekrise wurde sie gefragt, warum sie immer noch mit Wladimir Putin telefoniere, obwohl sie doch wissen m\u00fcsse, dass er sie in jedem Gespr\u00e4ch anl\u00fcge. Ihre Antwort war bezeichnend: Nat\u00fcrlich rede sie weiterhin mit ihm, schlie\u00dflich sei es doch enorm aufschlussreich, die Weltsicht eines Staatschefs zu h\u00f6ren, die der ihren um 180 Grad entgegengesetzt sei. Sich in die Denkweise anderer Menschen einf\u00fchlen zu k\u00f6nnen, um insgesamt zu einer besseren Lagebeurteilung zu kommen \u2013 dies ist aus meiner Sicht eine Eigenschaft der Kanzlerin, die zu selten Erw\u00e4hnung findet.<\/p>\n<p><strong>The European: Merkels Politikstil \u2013 wie w\u00fcrden Sie den beschreiben?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Das gro\u00dfe, uneingestandene Vorbild ist Helmut Kohl. Merkel hat sich in den Jahren, in denen sie diesem Mammut des Konservatismus als Ministerin diente, mehr von ihm abgeschaut, als vielen bewusst ist. Sie hat seine Art \u00fcbernommen, die Dinge treiben zu lassen, bis sie sich in die gew\u00fcnschte Richtung entwickeln. Geduld ist eine in der Politik weithin untersch\u00e4tzte Tugend. Sie hat von Kohl auch gelernt, wie man mit Feinden und Verr\u00e4tern verf\u00e4hrt. Sie macht das nicht so spektakul\u00e4r wie der schwarze Riese, aber am Beispiel von Norbert R\u00f6ttgen hat man gesehen, dass fortgesetzte Illoyalit\u00e4t auch im System Merkel seinen Preis hat. Und Merkel hat wie Kohl Spa\u00df an der Macht. Sie ist gern Kanzlerin. Viele Kanzler werden von dem Amt zerm\u00fcrbt, man kann auf Bildstrecken sehen, wie sie in atemberaubender Geschwindigkeit altern. Angela Merkel freut sich jeden Tag, dass sie ins Kanzleramt fahren darf, jede Krise ist eine Aufgabe, der sie sich gerne annimmt. Sie findet Konflikte spannend und die Suche nach einer L\u00f6sung keine Last, sondern eine intellektuelle Herausforderung, \u00e4hnlich einer Denksportaufgabe. Dies erkl\u00e4rt auch, warum sie so erfolgreich ist. Wenn es ein Ziel in ihrem Leben gibt, dann ist es l\u00e4nger zu regieren als der Einheitskanzler.<\/p>\n<p><strong>The European: Der fr\u00fchere <\/strong><strong>SPD<\/strong><strong>-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel hat einmal bemerkt, dass Frau Merkel es verstanden habe, \u201edass Menschen zu ihr nicht nur eine intellektuelle, sondern offenbar auch eine emotionale Beziehung empfinden\u201c. Sehen Sie das auch so?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Ein Kanzler, den die Leute als kalten Fisch empfinden, kann sich auf Dauer nicht halten, das war schon immer so. Frau Merkel ist es auf ihre n\u00fcchterne Weise gelungen, ein emotionales Band zu schaffen, weil gerade die Art, wie sie redet und agiert als sehr deutsch empfunden wird. Wenn die Deutschen etwas auszeichnet, dann ist das Faible f\u00fcr Common-sense-Politik, also der Wunsch nach jemandem an der Spitze, der die Dinge vern\u00fcnftig regelt, ohne sich dabei allzu sehr von Gef\u00fchlen oder der R\u00fccksichtnahme auf Parteiinteressen leiten zu lassen. Ihre Kritiker treibt das zur Verzweiflung, weil Merkel jeden Konflikt so entsch\u00e4rft, dass am Ende kaum noch etwas \u00fcbrig bleibt, \u00fcber das man streiten k\u00f6nnte. In den Feuilletons steht, sie w\u00fcrde die Politik entsaften und damit die Demokratie ihres Blut berauben. Das mag schon sein, aber die W\u00e4hler ziehen eine Merkel einem Gabriel, der viel mehr von politischer Leidenschaft getrieben ist, allemal vor.<\/p>\n<h6>Eine \u00fcberragende Krisenmanagerin<\/h6>\n<p><strong>The European: \u201eMerkel f\u00fchrt nicht, sie moderiert\u201c und dabei ist sie noch h\u00f6chst popul\u00e4r \u2013 die Mutter der Nation. Als Kanzlerin des Machbaren scheut sie Konflikte. Ist dies das Geheimnis ihres Erfolges?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Auch dies ist ja fast zum Klischee geworden \u2013 der Vorwurf, Merkel moderiere nur, so als sei Politik eine gro\u00dfe Talkshow. Nat\u00fcrlich f\u00fchrt sie, was erleben wir in Europa den ansonsten gerade? Angela Merkel ist jetzt in einer Phase ihrer Kanzlerschaft angekommen, wo die Au\u00dfenpolitik einen Gro\u00dfteil iher Arbeitszeit einnimmt. Das h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass es niemanden in Europa gibt, der \u00fcber mehr Erfahrung verf\u00fcgt als sie. Als Alexis Tsipras seinen Antrittsbesuch in Rom machte, in der klaren Hoffnung, mit den Italienern eine neue S\u00fcdschiene zu begr\u00fcnden, sagte Renzi zu ihm: \u201eEs ist nett, dass Du mich besuchst. Aber wenn ich Du w\u00e4re, w\u00fcrde ich schleunigst einen Termin bei der Dame in Berlin machen.\u201d Das Besondere an Frau Merkel ist, dass sie \u2013 das hat sie \u00fcbrigens ebenfalls von Kohl gelernt \u2013 nicht vor sich hertr\u00e4gt, wie m\u00e4chtig sie ist. Sie ist zu gro\u00dfer diplomatischen Bescheidenheit in der Lage, das macht sie zu einer so \u00fcberragenden Krisenmanagerin.<\/p>\n<p><strong>The European: Angela Merkel ist im Geist des Protestantismus aufgewachsen mit sozialistischer Sozialisierung! Wie viel <\/strong><strong>DDR<\/strong><strong> steckt denn noch in Angela Merkel?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass die Scheu, sich festzulegen, eher typisch f\u00fcr Ostdeutsche ist. Aber in Merkel steckt mehr Protestantismus als DDR. Wenn man ihre Herkunft heranziehen will, um sie zu erkl\u00e4ren, dann ist das deutsche Pfarrhaus wichtiger als die Jugend in Templin.<\/p>\n<p><strong>The European: Die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen der Bundeskanzlerin, wenn es dazu ein Ranking gebe, wie w\u00fcrden Sie hier eine Einordnung treffen?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Ihre St\u00e4rke ist, dass sie nie versucht hat, etwas anderes zu sein, als sie ist. Dies klingt selbstverst\u00e4ndlich, ist es aber nicht. Viele Politiker versuchen ihre Schw\u00e4che zu kompensieren, indem sie diese durch besondere Anstrengung gerade auf dem Gebiet, das ihnen nicht liegt, wettzumachen versuchen. Merkel wollte nie anders sein \u2013 sie wollte nie mitrei\u00dfende Reden halten oder die Leute durch besonderes Charisma von den St\u00fchlen rei\u00dfen. Sie ist sich einfach treu geblieben, und hat so lange weitergemacht, bis man das, was eben noch als zu unemotional und zu wenig mitrei\u00dfend galt, zum Merkel-Stil erkl\u00e4rte. Ihre Schw\u00e4che ist, dass sie in einer politischen Situation, die sehr aufgeheizt ist, mit einem Gegenspieler, der das Blut der Leute zum Brodeln bringt, gro\u00dfe M\u00fche h\u00e4tte, die richtige Antwort zu finden. Steinmeier war in seiner bed\u00e4chtigen Art als Gegenkandidat ideal, Gabriel w\u00e4re in seiner Quecksilbrigkeit schon sehr viel schwerer zu begegnen. Wir haben uns daran gew\u00f6hnt, dass die politische Auseinandersetzung so merkelm\u00e4\u00dfig dahinpl\u00e4tschert. Aber das muss nicht so bleiben. In vielen L\u00e4ndern um uns herum waren die Wahlk\u00e4mpfe zuletzt sehr hart, auch in Deutschland haben wir schon die Erfahrung mit extrem polarisierenden Wahlen gemacht. Es w\u00e4re spannend zu sehen, wie Merkel in so einem ver\u00e4nderten Setting reagieren w\u00fcrde. Ich glaube im Gegensatz zu vielen Beobachtern \u00fcberhaupt nicht, dass sie unangreifbar ist.<\/p>\n<h6>Unter Kohl war die CDU nicht konservativer<\/h6>\n<p><strong>The European: Wie f\u00fchlt sich einer, der aus Versehen konservativ wurde, bei der <\/strong><strong>CDU<\/strong><strong> aufgehoben, Mitte, Ma\u00df und der Verlust des \u201eC\u201c werden ihrem Regierungsstil oft vorgeworfen. Wie konservativ ist die <\/strong><strong>CDU<\/strong><strong> unter Merkel?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Nat\u00fcrlich kenne ich die Klagen von Konservativen, dass sie sich in der CDU nicht mehr richtig zu Hause f\u00fchlen w\u00fcrden. Dazu kann ich nur sagen: Die CDU unter Helmut Kohl war nicht viel konservativer. Die meisten haben es vergessen, aber in der ersten Regierung Kohl sa\u00dfen Leute wie Rita S\u00fcssmuth oder Heiner Gei\u00dfler, der heute bei Attac herumspringt. Jeder Kanzler zieht in die Mitte, keiner hat sich je im Amt radikalisiert. Wenn sie von links kommen, ziehen sie nach rechts, das nehmen ihnen dann die Linken \u00fcbel. Kommen sie von rechts, und bewegen sich nach links, sind die Konservativen sauer.<\/p>\n<p><strong>The European: Wie beurteilen Sie \u2013 im Hinblick auf die Fl\u00fcchtlingsthematik \u2013 die z\u00f6gerliche Haltung der Bundeskanzlerin?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Wenn ich mich richtig erinnere, war sie diejenige, die in ihrer Neujahrsansprache schon deutlich Fremdenfeindlichkeit verurteilt hat, als der Parteivorsitzende der SPD noch den Pegida-Anh\u00e4ngern in Dresden die Hand sch\u00fcttelte. Wir f\u00fchren in der Fl\u00fcchtlingsfrage viel st\u00e4rker als den europ\u00e4ischen Nachbarn lieb ist. Denen w\u00e4re lieber, wir w\u00e4ren in diese Frage deutlich z\u00f6gerlicher. Der deutsche Sonderweg kann manchmal erstaunliche Abzweigungen nehmen, wie man sieht.<\/p>\n<p><strong>The European: Bundestagswahl 2017: Die Bundeskanzlerin will ihre vierte Amtszeit! Sind die Deutschen mit ihr zufrieden?<\/strong><br \/>\nFleischhauer: Im Augenblick scheinen die Deutschen mit der Kanzlerin so zufrieden, dass keiner in der Sozialdemokratie, der ernsthafte Ambitionen auf das h\u00f6chste Regierungsamt hat, gegen sie antreten will. Dies sagt in jedem Fall sehr viel dar\u00fcber aus, wie ihre Gegner die Erfolgschancen der Bundeskanzlerin f\u00fcr 2017 einsch\u00e4tzen. Und wer bin ich, die Weisheit der deutschen Sozialdemokratie infrage zu stellen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Interview mit Prof. Dr. Dr. Gesine Schwan &#8211; \u201eMerkel hat die Renationalisierung in Europa entscheidend verst\u00e4rkt\u201c<\/h1>\n<p>Mit Interview mit Prof. Dr. Dr. Gesine Schwan sprach Stefan Gro\u00df \u00fcber die Europa- und Fl\u00fcchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel, \u00fcber das Erstarken der AfD und \u00fcber die politische Entwicklung in Osteuropa.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>The European: Wie steht es Ihrer Meinung nach um Deutschland und Europa. Viele kritisieren die Kanzlerin f\u00fcr ihre Fl\u00fcchtlingspolitik. EU-Ratspr\u00e4sident Tusk warnt vor dem Scheitern von Schengen und betont: Der \u201eEU bleiben in der Fl\u00fcchtlingskrise weniger als zwei Monate.\u201c M\u00fcssen wir Angst vor der Zukunft haben?<\/strong><br \/>\nWir m\u00fcssen schon sehen, dass es sehr kritisch steht. F\u00fcr mich ist Angst keine sinnvolle Kategorie oder Haltung in der Politik, weil sie meistens nicht ins Konstruktive f\u00fchrt. Wir haben \u00fcber lange Zeit, und das ging grade von der deutschen Bundesregierung und auch von der Kanzlerin aus, eine Europapolitik in kurzsichtigem nationalem Interesse Deutschlands praktiziert. Sie hat die Renationalisierung in Europa entscheidend verst\u00e4rkt. Das ist der Grund der heutigen Situation, in der man den Mangel an Solidarit\u00e4t beklagt. Wir waren jahrelang \u2013 von Seiten der deutschen Bundesregierung \u2013 kein benevolenter Hegemon, obwohl es l\u00e4ngst klar war, welch gro\u00dfe Macht wir in Europa gewonnen hatten. Deswegen ist es jetzt auch so schwer, in der vielleicht ersten Situation, in der die Bundesrepublik Deutschland selbst Hilfe braucht, die Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t der anderen EU-Partner zu erhalten. Dies gilt nicht so sehr, weil wir schwach ist, sondern weil wir so attraktiv f\u00fcr viele Fl\u00fcchtlinge sind. In Europa fehlt eine moralisch-politische Autorit\u00e4t. Deswegen befinden wir uns in dieser sehr schwierigen Krise. Ich m\u00f6chte damit auch nicht besch\u00f6nigen, dass die Motive in Polen und Ungarn sehr skeptisch gegen\u00fcber Europa sind.<\/p>\n<p><strong>The European: Also Angst m\u00fcssen wir nicht haben, oder?<\/strong><br \/>\nEs kann schon gef\u00e4hrlich werden, blo\u00df Angst ist etwas Diffuses. Mir kommt es darauf an, die derzeit gef\u00e4hrliche Situation so pr\u00e4zise zu sehen, um dann pr\u00e4zise darauf zu antworten. Und es um vorweg zu sagen: Ich glaube, dass die Schlie\u00dfung der Grenzen, wenn sie von Deutschland ausginge, die Europ\u00e4ische Union zerst\u00f6ren w\u00fcrde. Daher halte ich das f\u00fcr eine v\u00f6llig falsche Antwort, eigentlich auch f\u00fcr eine, die man nicht realisieren kann, denn es w\u00fcrde zu chaotischen Stauzust\u00e4nden in S\u00fcdosteuropa kommen. Meiner Meinung kann nur eine solidarische Aktion helfen, beispielsweise einen Hilfsfonds f\u00fcr die L\u00e4nder aufzulegen, die in Europa Fl\u00fcchtlinge aufnehmen. Und diesen Fonds in Europa gemeinsam zu verb\u00fcrgen, ist jetzt notwendig, damit wir wirklich gemeinsam vorankommen.<\/p>\n<p><strong>The European: Hat die <\/strong><strong>SPD<\/strong><strong> mit der Kanzlerin Merkel derzeit Gl\u00fcck?<\/strong><br \/>\nDas k\u00f6nnte eine ganz kurzsichtige parteipolitische Idee sein, wenn man denkt, dass die SPD Gl\u00fcck mit einer Kanzlerin hat, die in Bedr\u00e4ngnis ist. Sie hat auch nicht Gl\u00fcck in dem Sinne, dass die Kanzlerin wirklich eine praktikable Strategie h\u00e4tte. Denn die vier Schritte, die sie immer wieder propagiert, so u. a. die Ursachenbek\u00e4mpfung, gehen nicht von heute auf morgen. Die Fl\u00fcchtlingslager besser stabilisieren ist immerhin ein Weg. Die Grenzen von au\u00dfen zu sichern etwas sehr Schwieriges. Ich sehe nicht, wie das gelingen soll, und wie wir vermeiden wollen, wieder ganz katastrophale Bilder von sinkenden Schiffen zu haben. Diesmal nicht vor Lampedusa, sondern an den sehr komplizierten Au\u00dfengrenzen der griechischen Inseln, die ja noch schwerer zu sch\u00fctzen sind.<br \/>\nEine Verteilung der Fl\u00fcchtlinge in Europa ist ohne eine gemeinsame solidarische Politik unm\u00f6glich. Was wir zugleich ben\u00f6tigen, ist mehr Wirtschaftswachstum, ist ein Paradigmenwechsel, damit wir insgesamt aus dieser Depression herauskommen. Aber die solidarischen Elemente sind in Merkels Strategie nicht enthalten.<\/p>\n<p><strong>The European: Kritik kommt auch von der <\/strong><strong>SPD<\/strong><strong>, von Sigmar Gabriel und Gerhard Schr\u00f6der. Sie haben die Fl\u00fcchtlingspolitik als Fehler bezeichnet. Von keinem Plan war die Rede. Sehen Sie das genauso?<\/strong><br \/>\nIch glaube, dass die damalige Entscheidung von Frau Merkel eine schlimme aktuell chaotische Situation in S\u00fcdosteuropa zu vermeiden und schlimme Bilder durch die Welt gehen zu lassen, sie dazu bewogen hat, die \u00d6ffnung der Grenzen f\u00fcr syrische Fl\u00fcchtlinge in Deutschland zu bef\u00fcrworten. Ich glaube aber, da hatte sie keine klare Strategie. Sie hat sich wahrscheinlich auch nicht ganz klar gemacht, dass man eine solche Entscheidung sehr schwer zur\u00fcckrufen kann. Die Antwort von Gerhard Schr\u00f6der, sie h\u00e4tte es im Vorhinein auf Zeit tun sollen, \u00fcberzeugt mich nicht. Denn so etwas kann man zeitlich nicht beschr\u00e4nken, wenn man Zeitgrenzen festlegt. Das Dilemma ist ja nach wie vor aktuell. Was bei den Bef\u00fcrwortern der Grenzschlie\u00dfung \u00fcbersehen wird, ist der damit verbundene auch ganz handfeste wirtschaftliche Schaden f\u00fcr die EU und die zerst\u00f6rerische Wucht, die das h\u00e4tte. Das Dilemma aber bleibt, selbst bei Grenzschlie\u00dfungen. Die Fl\u00fcchtlinge kommen auch, wenn die Grenzen dicht sind. Es hat lange gedauert, wir haben das Problem lange vor uns hergeschoben, aber nun hat uns die Realit\u00e4t eingeholt, d.h. die vielen Miseren in Afghanistan und Afrika usw. Jetzt m\u00fcssen wir wirklich in einer Z\u00e4sur einen neuen Solidarit\u00e4tsanlauf nehmen und vor allem auch schnell handeln.<\/p>\n<p><strong>The European: Wie beurteilt man Fl\u00fcchtlingspolitik der Bundesregierung in Osteuropa, in Polen beispielsweise, wie wird Deutschland wahrgenommen?<\/strong><br \/>\nWas von der jetzigen polnischen Regierung an Kritik an Deutschland ge\u00e4u\u00dfert wird, wenn man beklagt, dass die Bundesregierung zu wenig R\u00fccksicht mit ihren Entscheidungen bez\u00fcglich ihrer Nachbarn nimmt, hat ein Korn Wahrheit. Die polnische Regierung unter Jaros\u0142aw Kaczy\u0144ski hat aber unabh\u00e4ngig davon das Ziel gehabt, die Demokratie in eine autorit\u00e4re Staatsform zu verwandeln. Dies hat nichts mit der Fl\u00fcchtlingsfrage zu tun. Ich bin der Meinung, dass die Gesellschaft in Polen eine ganz andere ist als die ungarische. Auch in Ungarn gibt es mehr Opposition gegen\u00fcber Viktor Orb\u00e1n als man oft h\u00f6rt. Die polnische Gesellschaft jedoch hat sehr viel mehr Erfahrung mit zivilgesellschaftlicher Opposition, \u00fcberhaupt mit Opposition. Solidarno\u015b\u0107 mit Lech Wa\u0142\u0119sa war ja eine gro\u00dfe Oppositionsbewegung. Jaros\u0142aw Kaczy\u0144ski zielt auf etwas \u00c4hnliches wie es der autorit\u00e4re Kommunismus war, nur eben ohne Kommunismus und daf\u00fcr mit einer sehr klerikal-konservativen Note und mit einer sehr r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten katholischen Idee.<br \/>\nDie Polen werden wiederum ihre Oppositions- und Widerstandsinstinkte ganz schnell wieder mobilisieren, was sie auch schon tun. \u00dcberall schie\u00dfen Komitees zur Rettung der Demokratie aus dem Boden.<\/p>\n<p><strong>The European: Der Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Parlaments, Martin Schulz (<\/strong><strong>SPD<\/strong><strong>) hat Polen vorgeworfen, eine Demokratie im Stile Putins zu praktizieren. Wie rechts ist denn Polen Ihrer Meinung nach wirklich, wie antieurop\u00e4isch wird dort Ihrer Meinung nach regiert?<\/strong><br \/>\nPolen ist gar nicht antieurop\u00e4isch. Im Gegenteil die polnische Gesellschaft war die pro-europ\u00e4ischste von allen, die in der EU sind. Es bringt keinen Erkenntniswert, das gegenw\u00e4rtige Polen mit dem Russland Putins gleichzusetzen.<br \/>\nIch glaube, dass deutsche Politiker und Politikerinnen eher zur\u00fcckhaltend mit ihren \u00c4u\u00dferungen sein sollten, weil sie sehr schnell instrumentalisiert werden k\u00f6nnen. Als Mitglied der Zivilgesellschaft kann ich mir diese Kritik erlauben.<br \/>\nIm Wesentlichen muss die \u00dcberwindung dieser autorit\u00e4ren Wendung, die die gegenw\u00e4rtige Regierung in die Wege geleitet hat und bestrebt ist fortzusetzen, von innen her, von den Polen, selbst kommen. Und ich bin mir sicher, dass dieser Prozess auch erfolgreich sein wird.<\/p>\n<p><strong>The European: Wie geht es weiter mit Griechenland? Schuldenkrise, zunehmende Armut und Rentenk\u00fcrzungen geh\u00f6ren dort zum bitteren Alltag. Sind damit soziale Unruhen vorprogrammiert?<\/strong><br \/>\nWenn man, wie in der gegenw\u00e4rtigen Politik des Landes, auch auf Initiative Deutschlands, die 12. Rentenk\u00fcrzung durchsetzen will, was ein Fehler der unsolidarischen deutschen Politik ist, kann man mit sozialen Unruhen und einer noch gr\u00f6\u00dferen Depression im Land rechnen.<br \/>\nDer gr\u00fcne EU-Abgeordnete Sven Giegold hat zu Recht von der Bundesregierung gefordert, und ich schlie\u00dfe mich dem an, dass diese Rentenk\u00fcrzung jetzt nicht auch noch vollzogen werden darf. Denn wie soll ein Land, das im Moment die Hauptlast der Einreise aller Fl\u00fcchtlinge nach Europa tr\u00e4gt, \u00fcberhaupt noch agieren k\u00f6nnen, wenn der soziale Zusammenhalt von au\u00dfen \u2013 nicht von innen \u2013 immer mehr zerst\u00f6rt wird. Die Solidarit\u00e4t unter den Griechen ist gro\u00df, aber sie ist nicht unbegrenzt.<\/p>\n<p><strong>The European: Nach der Silvesternacht in K\u00f6ln formieren sich in Deutschland B\u00fcrgerwehren, die AfD erstarkt und bedr\u00e4ngt die <\/strong><strong>SPD<\/strong><strong>.<\/strong><br \/>\nIn Deutschland sehe ich keine B\u00fcrgerwehren, sondern eine Partei, die versucht alle Ressentiments, die es gibt, zu wecken, um an die Macht zu kommen. Die AfD ist auch keine pro-europ\u00e4ische Partei. Was das Erstarken der Partei um Frauke Petry betrifft, da kann man nur hoffen, dass es viele zivilgesellschaftliche Initiativen gibt, die sich dagegen stellen und eine demokratische Kultur, die stark genug ist, damit sich extremistische Gedanken nicht weiter ausbreiten. Dazu aber brauchen wir eine Fl\u00fcchtlingspolitik der ruhigen Hand. Und hier zeigt sich wieder das Dilemma: Die Kanzlerin verfolgt eine Politik, die von Anfang nicht durchdacht war und von ihrer Union nicht getragen wird. Die SPD kann schwer die Politik Merkels, die strategisch sehr unzureichend ist, gegen ihre Partei unterst\u00fctzen.<br \/>\nNat\u00fcrlich hat auch die SPD mit Widerst\u00e4nden zu k\u00e4mpfen, die sich aus meiner Sicht daraus ergeben, dass der politische Kurs der Regierung unklar ist, weil sich nicht erschlie\u00dfen l\u00e4\u00dft, was die Regierung eigentlich will. Das Dilemma liegt darin, dass die Union letztlich mehrheitlich Fl\u00fcchtlinge raushalten will, aber die Kanzlerin eine Aufnahme der Fl\u00fcchtlinge fordert, wie eben auch die SPD, die sich auf die Integration konzentrieren will. Man kann nicht zu einer guten und fruchtbaren Integration kommen, sowohl f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge als auch f\u00fcr uns, wenn man zugleich die Fl\u00fcchtlinge im Grunde unter der Hand attackiert und raushaben will. Man muss sich entscheiden. Und diese Entscheidung ist eine schwere Last. Diese muss die SPD ihrerseits selbst treffen. Die Union ist dazu aus meiner Sicht nicht in der Lage.<\/p>\n<p><strong>The European: Sie beklagen, dass es keine koh\u00e4rente europ\u00e4ische Fl\u00fcchtlingspolitik gibt, weil die Bundesrepublik nur eine nationale, aber keine Europapolitik gemacht hat. Wie ist das Problem nun aus Ihrer Sicht zu l\u00f6sen?<\/strong><br \/>\nIch habe es schon am Anfang gesagt. Es hat an Weitsicht der Kanzlerin und an ihrer fehlenden Solidarit\u00e4t f\u00fcr andere EU-L\u00e4nder gelegen. Dieses Versagen in Sachen europ\u00e4ischer Solidarit\u00e4t ist der deutschen Bundesregierung unter Angela Merkel anzulasten. Eine Krise nach der anderen, auch die Finanz- und Wirtschaftskrise, wurde immer nur verschoben, nie gel\u00f6st. Die Schuldenkrise in Griechenland k\u00f6nnte l\u00e4ngst Geschichte sein, wenn es im Jahr 2009 eine vern\u00fcnftige L\u00f6sung gegeben h\u00e4tte und nicht soziale K\u00fcrzungen und unertr\u00e4gliche Zinsen auferlegt worden w\u00e4ren , eine L\u00f6sung, wo die Wirtschaft nicht kollabiert w\u00e4re. Jetzt haben wir f\u00fcnf Krisen auf einmal. Und die Situation wird noch schwieriger, wenn Gro\u00dfbritannien aus der EU aussteigt, wenn ein \u201eBrexit\u201c kommen sollte. Wir k\u00f6nnen Europa nur retten, wenn wir dieses Europa sowohl wirtschaftlich als auch solidarisch auf einen wirtschaftlichen und sozial-erfolgreichen Weg bringen, wenn wir z.B. gemeinsam das Problem der Arbeitslosigkeit l\u00f6sen. Und f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingsthematik bedeutet das: Wir brauchen eine solidarische Finanzierung f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge. Es braucht einen neuen Aufschwung f\u00fcr Europa. Ich f\u00fcrchte, dass die Kanzlerin, die einfach in ihrer t\u00e4glichen Arbeit immer mehr zerrieben wird und von einer Reise nach der anderen sich nicht mal erholen kann, dies allein nicht schaffen wird, weil sie auch nicht den Grundimpetus zur Solidarit\u00e4t hat. Die SPD muss, wenn sie wirklich historische Gr\u00f6\u00dfe erreichen will, das jetzt schaffen.<\/p>\n<p><strong>The European: Sie unterstreichen, dass wir ein Einwanderungsland sind und die T\u00fcren offen halten sollten. Aber wie kann man diese Politik der offenen T\u00fcren der kritischen Bev\u00f6lkerung Deutschlands vermitteln?<\/strong><br \/>\nEs ist ein scheinbarer Widerspruch, wenn man betont, dass zu viele Fl\u00fcchtlinge hier sind und zugleich hervorhebt, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind. Ein gro\u00dfes Problem bei der Integration der Fl\u00fcchtlinge ist, dass viele mit einem Ticket zu uns kommen wollen, das nicht f\u00fcr sie gilt. Wenn wir von vornherein klare und unterschiedliche Kontingente festlegen, also differenzieren w\u00fcrden, w\u00e4re das Problem einfacher. Wir m\u00fcssten also unterscheiden zwischen denen, die hier eine bessere Zukunft suchen und die wir auch f\u00fcr unsere Wirtschaft verwenden k\u00f6nnen und einem kleineren Teil von Asylsuchenden, die das Recht haben, dass wir sie aufnehmen. Dann k\u00f6nnen wir das ganz anders ordnen. Es geht nicht um die reine Zahl. Es geht darum, wie wir den Zugang der Menschen nach Deutschland und Europa ordnen. Eine Million auf 80 Million 2015, in einem Jahr, ist noch nicht die Welt. Wir haben in den 50er Jahren 50 Millionen Deutsche in Westdeutschland gehabt und 8 Millionen Vertriebene. Auch diese wurden nicht als wunderbare Deutsche in Empfang genommen, sondern als Fremdlinge angesehen. Und damals waren die Bedingungen noch viel armseliger. Es kommt darauf an, eine klare Kontingentierungsstrategie zu formulieren.<br \/>\nWenn man jetzt dar\u00fcber nachdenkt, dass man ein Einwanderungsgesetz erst 2017 auf den Weg bringen will, dann ist dies viel zu sp\u00e4t. Bereits 2002\/2003 haben Rita S\u00fcssmuth und Jochen Vogel Vorschl\u00e4ge dazu unterbreitet, die man l\u00e4ngst h\u00e4tte aufnehmen k\u00f6nnen. Damals hat Angela Merkel Rita S\u00fc\u00dfmuth noch als parteisch\u00e4digend kritisiert, weil sie sich \u00fcberparteilich in dieser Angelegenheit engagiert hat.<\/p>\n<p>Fragen Dr. Dr. Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Interview mit Hans-Peter Friedrich &#8211; Wir haben eine Staatskrise<\/h1>\n<p>Im Interview spricht der stellvertretende Vorsitzende der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, Dr. Hans-Peter Friedrich, mit Stefan Gro\u00df \u00fcber die aktuelle Fl\u00fcchtlingspolitik, die Meinungs- und Informationsfreiheit und die Rolle der Bundespolizei.<\/p>\n<p><strong>Wie hart muss der Staat im R\u00fcckblick auf die \u00dcbergriffe in K\u00f6ln durchgreifen?<\/strong><br \/>\nDie Vorg\u00e4nge von K\u00f6ln werfen ein trauriges Licht auf die Sicherheitslage in Nordrhein-Westfalen. Rot-Gr\u00fcn l\u00e4sst dieses Land verlottern. Es wird Zeit, dass dort alle M\u00f6glichkeiten ausgesch\u00f6pft werden, die Sicherheit zu gew\u00e4hrleisten \u2013 \u00fcbrigens auch von der Justiz.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen immer wieder von Staatskrise, warum?<\/strong><br \/>\nDauerhafter Rechtsbruch durch den Staat ist eine Staatskrise. Genau das erleben wir gerade: nationales und europ\u00e4isches Asylrecht wird seit Monaten nicht durchgesetzt. Die Bundesregierung hat die Grenzen ge\u00f6ffnet, ohne dass die Volksvertreter vorher Gelegenheit hatten, sich damit zu befassen. Unser Staat scheint den Anspruch aufzugeben, seine Grenzen zu sichern und seine B\u00fcrger zu sch\u00fctzen. Das ist ein fatales Signal nach innen und nach au\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen die \u00d6ffentlich-rechtlichen Medien derzeit in der Fl\u00fcchtlingspolitik? Sie sprechen von einem \u201eSchweigekartell\u201c?<\/strong><br \/>\nWenn den B\u00fcrgern durch Beh\u00f6rden und Medien die Wahrheit vorenthalten wird, weil man glaubt, den B\u00fcrgern diese Wahrheit nicht zumuten zu k\u00f6nnen, r\u00fcckt das die Meinungs- und Informationsfreiheit in unserem Land in ein schlechtes Licht. Der m\u00fcndige B\u00fcrger kann selbst entscheiden, wie Fakten zu bewerten sind.<\/p>\n<p><strong>Peter Gauweiler hat vor wenigen Tagen den Austritt der <\/strong><strong>CSU<\/strong><strong> aus der Gro\u00dfen Koalition gefordert! Ist das der richtige Weg?<\/strong><br \/>\nNein. Jede Partei muss das Ziel haben, zu regieren und mitzugestalten. Selbst in einer Koalitionsregierung gibt es dazu gr\u00f6\u00dfere M\u00f6glichkeiten als in der Opposition. Die CSU bleibt die Stimme der Vernunft in der gro\u00dfen Koalition.<\/p>\n<p><strong>Als Bundesminister waren Sie auch f\u00fcr die Bundespolizei verantwortlich. Wir haben ein schwaches Heer, aber haben wir auch eine schwache Polizei. Wo sehen Sie Nachbesserungsbedarf?<\/strong><br \/>\nDas Thema \u201eInnere Sicherheit\u201c stand \u00fcber viele Jahre weder auf der Priorit\u00e4tenliste der Bev\u00f6lkerung noch der Politik und schon gar nicht auf der von Finanzministern und Haushaltspolitikern. Dies ist jetzt anders. Als Bundesinnenminister habe ich immer versucht, das Thema \u201eInnere Sicherheit\u201c voranzutreiben, angefangen von mehr Video\u00fcberwachung bis hin zu strengeren Asylrechtsvorschriften und einer besseren Zusammenarbeit der Beh\u00f6rden von Bund und L\u00e4ndern. Schade, dass scheinbar immer erst etwas passieren muss, bis sich das Notwendige vollst\u00e4ndig umsetzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Bayern will bei der Grenz\u00fcberwachung eigene Wege gehen und die Bayerische Polizei f\u00fcr die Grenzkontrollen einsetzen. Werden da Befugnisse gegen\u00fcber dem Bund \u00fcbertreten?<\/strong><br \/>\nNein, im Gegenteil: Der Bund hat die Pflicht zur Grenzsicherung. Dieser Pflicht kommt er im Moment nicht nach. Das Gutachten des ehemaligen Verfassungsrichters di Fabio bescheinigt dem Bund eine Verletzung seiner Verpflichtungen innerhalb der bundesstaatlichen Ordnung. Das muss sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Deutsche Sicherheitsexperten sind \u00fcber die deutsche Fl\u00fcchtlingspolitik entsetzt, insbesondere beim Verfassungsschutz, im <\/strong><strong>BKA<\/strong><strong>, beim <\/strong><strong>BND<\/strong><strong>. \u201eWir werden eine Abkehr vieler Menschen vom Verfassungsschutz erleben\u201c, so die Warnung. Ex-Innen-Staatssekret\u00e4r August Hanning hat einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, wie die Fl\u00fcchtlingskrise zu l\u00f6sen sei. Hanning fordert die \u201estrikte Anwendung des nationalen und supranationalen Rechts\u201c. Warum verf\u00e4hrt die Bundesregierung hier so z\u00f6gerlich? Warum muss man extra betonen, dass auch Fl\u00fcchtlinge bei Straftaten mit der vollen Kraft des Gesetzes bestraft werden m\u00fcssen?<\/strong><br \/>\nIch kann hier nur f\u00fcr die CDU\/CSU-Fraktion sprechen. Wir als Parlamentarier sind derselben Meinung: Wir brauchen die strikte Anwendung nationalen und supranationalen Rechts.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Interview mit Angelika Niebler &#8211; \u201eWer zu uns kommt, muss unsere Werte respektieren\u201c<\/h1>\n<p>Die CSU-Vizechefin und Vorsitzende der CSU-Europagruppe, Dr. Angelika Niebler, fordert im Gespr\u00e4ch mit Stefan Gro\u00df Respekt vor unserer Wertekultur und ein h\u00e4rteres Durchgreifen bei Straftaten. Sie lehnt es ab, dass Frauen ihr Verhalten nach den \u00dcbergriffen in mehreren St\u00e4dten \u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>\u201eOhne Dirndl und Mini-Rock ist das nicht mein Land&#8220;, so haben Sie betont. Was hat sich mit den Angriffen auf Frauen in beim Thema Willkommenskultur ge\u00e4ndert.<\/strong><br \/>\nWer zu uns kommt, muss unsere Werte respektieren. Dazu geh\u00f6rt auch die Stellung der Frauen in unserer Gesellschaft. Frauen sind kein Freiwild, nur weil sie einen kurzen Rock tragen oder Dekollet\u00e9 zeigen. Es kann auch nicht sein, dass wir Frauen nun unser Verhalten anpassen m\u00fcssen, um nicht Gefahr zu laufen, sexuell bel\u00e4stigt zu werden. Oder dass sich Fl\u00fcchtlinge weigern, von Polizistinnen kontrolliert, von Sozialarbeiterinnen betreut, von Lehrerinnen unterrichtet zu werden. Gegen derartige Denkweisen m\u00fcssen wir uns massiv zur Wehr setzen.<\/p>\n<p>Das abwertende Verhalten gegen\u00fcber Frauen trifft nicht nur Einzelpersonen \u2013 was schlimm genug ist \u2013, es ist auch ein Angriff auf das Wertesystem unserer Gesellschaft. Wenn Frauen sich aufgrund von sexuellen \u00dcbergriffen nicht mehr ungehindert im \u00f6ffentlichen Raum bewegen k\u00f6nnen, dann ist das nicht mehr unser Land. Wenn sie nicht als gleichberechtigt anerkannt werden, ist das ein R\u00fcckschritt f\u00fcr unseren freiheitlich demokratischen Staat, den wir nicht akzeptieren k\u00f6nnen und wollen. Die Frauen sind sehr besorgt, das bekomme ich aus vielen Nachrichten an mich mit.<\/p>\n<p><strong>Die <\/strong><strong>CSU<\/strong><strong> pl\u00e4diert f\u00fcr eine Obergrenze. Nun hat der Verfassungsrichter Udo Di Fabio ein Gutachten erstellt, das der Bundesregierung vorwirft, Verfassungsrecht zu brechen. Diese Gutachten best\u00e4rkt Horst Seehofer, der bereits vor einem wachsenden Vertrauensverlust in die Staatsr\u00e4son gewarnt hat. Wie steht Europa zur Obergrenze?<\/strong><br \/>\nEs geht ja nicht nur um eine kurzfristige Notaufnahme von Fl\u00fcchtlingen, sondern um eine Zuwanderung mit allen Folgen wie Wohnen, Arbeit, Bildung und Ausbildung. Viele Staaten machen sich hier gro\u00dfe Sorgen, weil sie da bereits gro\u00dfe Probleme haben.<br \/>\nDie Quotendebatte l\u00e4uft jetzt seit Mai 2015. Da hat die Kommission Vorschl\u00e4ge gemacht und das Parlament diese auch z\u00fcgig beschlossen. Allerdings ziehen einige Mitgliedsstaaten nicht entsprechend mit und handeln teils verantwortungslos gegen diese Beschl\u00fcsse. Aber in Europa brauchen Entwicklungen oft auch Zeit, w\u00e4hrenddessen m\u00fcssen dann nationale Ma\u00dfnahmen in Erw\u00e4gung gezogen werden.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen wir die Frauen vor \u00dcbergriffen besser sch\u00fctzen?<\/strong><br \/>\nZum einen m\u00fcssen wir aufkl\u00e4ren. \u00dcber unsere Werte, Regeln und Gesetze, \u00fcber unsere Lebensart. Unser Wertekanon ist vorbehaltlos zu respektieren, dass muss auch Migranten aus m\u00e4nnlich-autorit\u00e4ren Kulturen verst\u00e4ndlich gemacht werden. Wir m\u00fcssen den Fl\u00fcchtlingen die Chance geben, das zu lernen. Wenn wir Kriminalit\u00e4t verhindern wollen, ist Integration der beste Schutz.<br \/>\nAuf der anderen Seite muss der Rechtsstaat mit allen Mitteln durchgreifen und deutlich zeigen, dass Gewalt gegen Frauen verfolgt und bestraft wird. V\u00f6llig unabh\u00e4ngig vom ethnischen und kulturellen Hintergrund der T\u00e4ter, da gibt es weder Bonus noch Malus. Nur klare Regeln.<br \/>\nLetztendlich geht es auch ums Vertrauen in unseren Staatsapparat, an Polizei und Justiz. Es muss der Glaube erhalten bleiben, dass man im Notfall nicht allein gelassen wird. Sonst trauen sich die Frauen am Ende vielleicht nicht mehr auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>Brauchen wir andere Abschieberegeln?<\/strong><br \/>\nDar\u00fcber muss man reden. Wer Straftaten begeht und sich nicht an unsere Rechtsordnung halten will, hat sein Recht verwirkt, aufgenommen zu werden und muss mit Konsequenzen rechnen. Die derzeit g\u00fcltige Regelung ist zu lax. Es erscheint mir sinnvoll, Abschiebung bereits bei einem statt bei drei Jahren Strafverurteilung anzuordnen. Dies muss auch wirken, bevor ein Asylverfahren zu Ende gef\u00fchrt ist.<\/p>\n<p><strong>Wie wird Merkels Willkommenskultur in Br\u00fcssel bewertet. Hat man f\u00fcr diesen deutschen Sonderweg noch Verst\u00e4ndnis?<\/strong><br \/>\nBei uns im Europ\u00e4ischen Parlament gibt es eine breite Mehrheit daf\u00fcr, dass wir den Fl\u00fcchtlingsstrom begrenzen m\u00fcssen. Zahlreiche L\u00e4nder haben bereits nationale Initiativen ergriffen, weil man sich in Europa bislang nicht auf eine Linie verst\u00e4ndigen konnte, wie zuletzt Schweden und D\u00e4nemark, die wieder verst\u00e4rkt Grenzkontrollen eingef\u00fchrt haben. Von kritischen Nachfragen \u00fcber die deutsche Position zur Fl\u00fcchtlingspolitik bis zu v\u00f6lligem Unverst\u00e4ndnis reicht das Spektrum der Meinungen im Parlament und durch die Vorf\u00e4lle in K\u00f6ln hat sich Debatte noch versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Interview mit Philipp Freiherr von und zu Guttenberg<\/strong><\/p>\n<h1>Greenpeace versteht den Wald nicht<\/h1>\n<p>Der Pr\u00e4sident der deutschen Waldbesitzer wehrt sich gegen politische Forderungen auf Nutzungsverzicht. Wem Umweltschutz wirklich am Herzen liege, der m\u00fcsse die Waldwirtschaft st\u00e4rken.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/philipp-von-und-zu-guttenberg\/10603-die-zukunft-des-waldes\">Guttenberg<\/a><\/p>\n<p><strong>The European: Nachhaltigkeit ist das Schlagwort des Jahrzehnts! Sie unterscheiden zwischen falscher Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeit, k\u00f6nnen Sie dies erkl\u00e4ren?<\/strong><br \/>\nDieser viel zitierte Ansatz der Nachhaltigkeit ist nicht neu: Hans Carl von Carlowitz verwendete in einer Publikation aus dem Jahre 1713 den Begriff der \u201enachhaltigen Nutzung\u201c der W\u00e4lder nachweislich zum ersten Mal. Das bedeutet aus der Natur zu lernen und verantwortungsvoll mit dem Blick auf k\u00fcnftige Generationen zu wirtschaften. Nachhaltigkeit entstand und gilt bis heute als individuelles \u00f6konomisches Modell im l\u00e4ndlichen Raum zur langfristigen Sicherung der Lebens- und Produktionsgrundlagen.<\/p>\n<p>Wenn dieses Prinzip der Nachhaltigkeit, eingebettet in ein gesundes, nicht auf die schnelle Gewinnmitnahme ausgerichtetes Wertesystem, durch die Generationen weitergegeben wird in stetiger Obsorge f\u00fcr unsere Natur \u2013 auch als Produktions- und Lebensgrundlage \u2013, dann profitieren einerseits die nachhaltig Wirtschaftenden stetig von der Vorsorge ihrer Vorv\u00e4ter. Andererseits stehen sie selbst ihren Kindern und Kindeskindern gegen\u00fcber in der Pflicht. Das Fundament f\u00fcr dieses Handeln ist das Eigentum, die Eigenverantwortlichkeit und ein freiheitlicher Handlungsrahmen, der die Obsorge f\u00fcr die n\u00e4chste Generation erm\u00f6glicht. Alles, was diesen zwingenden Prinzipien widerspricht, ist meist nicht nachhaltig, sondern bedient sich dieses Etiketts. Das verstehe ich unter falscher Nachhaltigkeit.<\/p>\n<h6>Wald wird von Politik missbraucht<\/h6>\n<p><strong>The European: Sie sprechen immer vom \u201eWald als Waffe\u201c, was haben wir darunter zu verstehen?<\/strong><br \/>\nViele Akteure versuchen, die Bedeutungshoheit \u00fcber den Wald und seine Nutzung zu erhalten. Oft stehen dahinter keine Sachinteressen, sondern ideologische Denkmuster, die den \u201eWald\u201c zu einem Schlachtfeld f\u00fcr politische Zwecke missbrauchen. Im Kampf um mediale Aufmerksamkeit sind Alarmismus und Polemik an der Tagesordnung. Der \u201eWald\u201c dient hier meist nur als Mittel zum Zweck. Das merkt man vor allem daran, wenn die Bereitschaft fehlt, sich mit den eigentlich Betroffenen \u2013 also den Waldbesitzern und F\u00f6rstern \u2013 an einen Tisch zu setzen und einen Konsens zu finden, der f\u00fcr alle tragbar ist.<br \/>\n\u201eWald als Waffe\u201c hat jedoch auch noch eine andere \u2013 positive \u2013 Bedeutung. Denn gerade in Zeiten der Energiewende ist Wald eine echte Allzweckwaffe. Nachhaltig erwirtschaftetes Holz ist eine der intelligentesten Ressourcen, die wir haben.<\/p>\n<p><strong>The European: Die Ressource \u00d6l wird bald verbraucht sein. Welche Rolle k\u00f6nnte der Wald in der Zukunft bei der Ressourcenverteilung spielen?<\/strong><br \/>\nIn Deutschland entfallen derzeit rund 60 Prozent der Holzverwendung auf die stoffliche und rund 40 Prozent auf die energetische Nutzung. Damit ist Holz als Roh- und Werkstoff zwar unterrepr\u00e4sentiert, spielt aber bereits jetzt eine gro\u00dfe \u2013 in Zukunft noch gr\u00f6\u00dfere \u2013 Rolle. Gerade bei der Substitution anderer Wertstoffe kommt Holz inzwischen eine wachsende Bedeutung zu. Die Anwendungspalette von Holz ist gigantisch und die zuk\u00fcnftigen Einsatzbereiche des Rohstoffes werden die heutigen in ihrer \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Wirkung noch um ein Vielfaches \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Angefangen bei der stofflichen und thermischen Verwertung, aber auch in der Chemieindustrie und im Pharmabereich ist Holz als \u00d6lsubstitut zunehmend gefragt. F\u00fcr den Energiemix ist Holz insbesondere wegen seiner Grundlasttauglichkeit relevant. Es hat hervorragende Eigenschaften bei der stofflichen Verwertung. Auch in Erwartung weiter steigender Preise f\u00fcr fossile Energien (Heiz\u00f6l, Erdgas) verzeichnet Holz einen sp\u00fcrbaren Verbrauchszuwachs. Mit \u00fcber 60 Prozent leistet Biomasse den gr\u00f6\u00dften Beitrag zur Endenergie aus regenerativen Quellen. Gerade zum Heizen wird sie genutzt \u2013 rund 87 Prozent der regenerativen W\u00e4rme kommt von der Biomasse, vor allem vom Holz. Dazu ist Holz ein nat\u00fcrlicher Werkstoff, Kohlenstoffspeicher und Co2-neutraler sowie nachwachsender Energietr\u00e4ger.<\/p>\n<h6>Holz spielt wichtige Rolle in der \u201eGreen Economy\u201c<\/h6>\n<p><strong>The European: Warum ist Holz die effizienteste L\u00f6sung f\u00fcr das Klimaproblem?<\/strong><br \/>\nIm Rahmen der Energiewende gewinnt der heimische Rohstoff Holz eine immer wichtigere Rolle als Teil der \u201eGreen Economy\u201c. Holz bietet im Vergleich zu seinen Mitbewerbern Vorteile und ein Potenzial, welches tats\u00e4chlich zur Effizienzsteigerung, zum Rohstoffwandel und zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung beitragen kann! Es gibt keine Technologie und keinen Rohstoff, der die Bereiche Co2-Senke, -Speicher und -Substitution in dieser einzigartigen Weise verbinden kann. Und das vor unserer Haust\u00fcr: Der Wald in Deutschland entlastet die Atmosph\u00e4re j\u00e4hrlich um rund 52 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Diese Leistungsbilanz ist nicht zu \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p><strong>The European: Weshalb wird bei der Rede von Erneuerbaren Energien immer nur von Wasser, Wind und Sonne gesprochen und das Thema Holz eher beil\u00e4ufig behandelt?<\/strong><br \/>\nBei den erneuerbaren Energien redet ganz Deutschland von Wind, Wasser und Sonne. Der gro\u00dfe Teil der erneuerbaren Energien stammt jedoch aus Biomasse. Warum diese Tatsache von der Politik beflissentlich \u00fcbersehen wird, l\u00e4sst Ursachen nur erahnen. Unser Problem ist wahrscheinlich, dass wir im Lobbychor der stimmgewaltigen vier gro\u00dfen Stromproduzenten nicht geh\u00f6rt werden. Das muss und wird sich aber \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>The European: Was haben wir unter Bio\u00f6konomie zu verstehen?<\/strong><br \/>\nDie \u00f6konomische Produktion und das Denken auf Basis der Nachhaltigkeit unter Heranziehung nachwachsender Ressourcen. Da unsere Ressourcen auf der ganzen Welt bei einer stetig wachsenden Weltbev\u00f6lkerung immer knapper werden, ist diese Art des nachhaltigen Wirtschaftens unerl\u00e4sslich \u2013 und zwar weltweit.<\/p>\n<h6>Die Stilllegung unserer W\u00e4lder h\u00e4tte fatale Folgen<\/h6>\n<p><strong>The European: Warum sind Nutzungsverzichte zugunsten der Biodiversit\u00e4t unmoralisch, Greenpeace argumentiert anders?<\/strong><br \/>\nIch gebe Ihnen ein Beispiel: Die Stilllegung von 5 Prozent unserer W\u00e4lder \u2013 eine Forderung aus der Biodiversit\u00e4tsstrategie der Bundesregierung \u2013 bedeutet einen Verzicht von drei bis sieben Millionen Festmetern j\u00e4hrlich. Au\u00dferdem bedeutet der Verzicht auf 5 Prozent: Wir schicken 45.000 Besch\u00e4ftigte auf die Stra\u00dfe. Vonseiten des Naturschutzes wird das Leitbild und gesellschaftspolitische Ziel der multifunktionalen, nachhaltigen Forstwirtschaft immer st\u00e4rker angezweifelt und zunehmend eine Trennung der Waldfunktionen gefordert.<br \/>\nEine Abkehr von der Multifunktionalit\u00e4t, von der auf drei S\u00e4ulen ruhenden Nachhaltigkeit, h\u00e4tte Folgen, die wir benennen m\u00fcssen. Denn hier geht es nicht nur um blinden Aktionismus zur Spendenakquise sogenannter Umweltverb\u00e4nde. Das ist gesch\u00e4ftst\u00fcchtig und legitim. Hier wird ein gesellschaftspolitisches Prinzip infrage gestellt, das \u2013 aus der Forstwirtschaft kommend \u2013 ein m\u00f6glicher Pfad in eine ertr\u00e4gliche Zukunft w\u00e4re. Wir m\u00fcssen all jene, die diese absurden Forderungen stellen, darauf hinweisen, dass es unverantwortlich ist, durch Nutzungsverzichte hier in Europa die Holzproduktion in andere Gebiete unserer Erde zu verlagern, die nachweisbar nicht nachhaltig bewirtschaftet werden. Mit jedem Festmeter, auf den wir hier verzichten, w\u00e4chst der Druck auf die Vernichtung der Prim\u00e4rw\u00e4lder. Wenn wir heute in Deutschland auf f\u00fcnf Millionen Festmeter aus einer luxusbegr\u00fcndeten Ideologie heraus verzichten wollen, dann kommt das Holz morgen aus Togo, Indonesien oder Brasilien. So erschreckend einfach ist das.<\/p>\n<p><strong>The European: Was k\u00f6nnen die deutschen Waldbesitzer (zwei Millionen an der Zahl, eine Lobby von mehr als vier Millionen Bundesb\u00fcrgern) gegen den Klimawandel tun?<\/strong><br \/>\nDer Wald ist beim Klimawandel Opfer und Retter zugleich. Keine Ressource, keine Technologie, kein Rohstoff birgt so viel Potenzial und ist gleichzeitig so betroffen.<br \/>\nDie nachhaltige Bewirtschaftung unserer W\u00e4lder und die Bereitstellung des Klimajokers Holz ist bereits der beste Beitrag, den wir als Waldbesitzer gegen den Klimawandel leisten k\u00f6nnen. Doch gleichzeitig bekommen wir die Auswirkungen des Klimawandels zu sp\u00fcren, unsere Forstwirtschaft wird risikoreicher. Daher ben\u00f6tigen wir vitale Mischw\u00e4lder mit standortangepassten, marktorientierten Baumarten. Es geht hier um gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Flexibilit\u00e4t in der Bewirtschaftung und Risikostreuung. Die \u00f6kologische Verantwortung und das \u00f6konomische Risiko liegen nach wie vor beim Eigent\u00fcmer.<\/p>\n<p><strong>The European: Warum ist Eigentum ein Fundamt f\u00fcr die Nachhaltigkeit?<\/strong><br \/>\nDas ist wohl der wichtigste Aspekt. Nachhaltiges Wirtschaften, das Denken in Generationen in einer freien und demokratischen Gesellschaft braucht das Eigentum und die Freiheit als Fundament. Eigentum ist weit mehr als Besitz, mehr als nur ein Recht. Eigentum ist die \u00f6konomische Grundlage individueller Freiheit, die sich in unserer Gesellschaft auch dadurch rechtfertigt, dass aus der Leistung des Eigentums Gemeinwohlleistungen erwachsen. Das darf man nie vergessen.<\/p>\n<p>Ich darf an dieser Stelle aber auch darauf hinweisen, dass viele Menschen das l\u00e4ngst verdr\u00e4ngt haben. Die Diskussionen um Erbschaftsteuer, Verm\u00f6gensteuer, und so weiter zeugen t\u00e4glich davon. Merkw\u00fcrdigerweise vergisst man dabei, dass Freiheit individuelle Selbstverantwortung erm\u00f6glicht und diese M\u00fcndigkeit einen kategorischen Imperativ fordert, dessen Ma\u00dfst\u00e4be sich verallgemeinern lassen und die unsere Gesellschaft st\u00fctzen.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Die Freiheit, Eigentum zu erwerben, zu halten und vor allem frei zu vererben, motiviert uns Waldbesitzer, Leistung, Engagement und einen nachhaltigen Lebensstil an unsere Gesellschaft zur\u00fcckzugeben.<br \/>\nNachhaltigkeit zwingt uns aber auch zum t\u00e4glichen Verzicht, zu einer gesellschafts- und sch\u00f6pfungsbejahenden Lebens- und Betrachtungsweise.<br \/>\nDie Wende zur Nachhaltigkeit ist eine R\u00fcckbesinnung auf Werte, die in der momentanen Entwicklung leicht zu einer gesellschaftlichen Grundsatzdebatte f\u00fchren k\u00f6nnte und m\u00fcsste. Nachhaltigkeit wird sich nicht in der Anonymit\u00e4t der Digital Natives umsetzen lassen. Die kollektive Flucht aus der Verantwortung und hinein in den Lebensraum freibeuterischer digitaler Lebensr\u00e4ume ist in meinen Augen eine Sackgasse. Nachhaltiger Waldnutzen ist gelebter Generationenvertrag.<br \/>\nUnserem Wald kommen dabei mehr Aufgaben zu, als blo\u00dfer Rekonvaleszenzraum einer fehlgeleiteten urbanen Schutztruppe zu sein.<br \/>\nDas haben er und unsere Gesellschaft nicht verdient!<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Interview mit Julia Kl\u00f6ckner &#8211; \u201eWir d\u00fcrfen die Generationenaufgabe der Integration nicht dem Zufall \u00fcberlassen\u201c<\/h1>\n<p>Mit der CDU-Vize-Chefin und Spitzenkandidatin von Rheinland-Pfalz, Julia Kl\u00f6ckner, sprach Stefan Gro\u00df vor dem EU-Gipfel in Br\u00fcssel \u00fcber das Thema der Stunde, die Fl\u00fcchtlingskrise, \u00fcber die erstarkte AfD, \u00fcber Religion und Heimat.<\/p>\n<p><strong>16.02.2016<\/strong><\/p>\n<p><strong>Frau Kl\u00f6ckner Sie fordern eine h\u00e4rtere Integration und betonen: \u201eDeutschland ist kein Selbstbedienungsladen\u201c. Wie geht es weiter mit der Fl\u00fcchtlingspolitik? Sehen sie eine baldige L\u00f6sung?<\/strong><\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlingskrise wird nicht mit einem Schalter zu beenden sein. Wir haben langfristige und kurzfristige Perspektiven zur Reduzierung. Deshalb m\u00fcssen wir als Land zweigleisig fahren. Denn wir k\u00f6nnen nicht nur warten, bis die EU einstimmig entscheidet. Sicherlich wird der Gipfel in Br\u00fcssel am 18. und 19. Februar eine Z\u00e4sur sein.<br \/>\nWir brauchen schnell wirksame Ma\u00dfnahmen. Gleichzeitig d\u00fcrfen wir nicht nachlassen, f\u00fcr die Reduzierung der eigentlichen Fluchtursachen einzutreten. Das wird aber l\u00e4nger dauern. Deshalb habe ich meinen A2 Plan vorgeschlagen, weil es jetzt um eine Atempause f\u00fcr die Kommunen geht. Sie tragen die Hauptlast, auch f\u00fcr Integration. Die kann nicht gelingen, wenn eine \u00dcberforderung eintritt. Deshalb m\u00fcssen wir Tageskontingente einf\u00fchren, die Aufnahmerichtungen an die Grenze verlegen, Menschen konsequent zur\u00fcckschicken, die hier nicht bleiben d\u00fcrfen und ein Integrationspflichtgesetz einf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Hat sich unser Land ver\u00e4ndert? Befindet sich die Bundesrepublik in einer schweren Krise? Brauchen wir eine neue Leitkultur?<\/strong><\/p>\n<p>Unser Land, unsere Gesellschaft hat sich schon immer ver\u00e4ndert und das ist auch gut so, ja sogar notwendig. Sonst w\u00e4ren Frauen, zum Beispiel, weit davon entfernt, Landesvorsitzende oder Kanzlerin zu sein. Ver\u00e4nderung ist also per se nichts Schlechtes, allerdings ist die Frage, wohin sich etwas ver\u00e4ndert. Es gibt Grundwerte, die wir nicht \u00e4ndern wollen und die m\u00fcssen wir kennen und deutlich machen \u2013 uns selbst und den Menschen gegen\u00fcber, die jetzt zu uns kommen. Das ist auch eine Chance der Selbstvergewisserung, also in was hinein wollen wir die Menschen denn integrieren? Wir m\u00fcssen uns klar werden, was uns wichtig ist.<\/p>\n<p>Wir haben lange f\u00fcr die Gleichberechtigung von Mann und Frau gek\u00e4mpft. Darauf kann es jetzt keinen kulturellen oder religi\u00f6sen Rabatt geben. Bei uns stehen Familienehre und die Scharia nicht \u00fcber dem Grundgesetz, aus dem sich Rechte ergeben, aber eben auch Pflichten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ver\u00e4ndert die Fl\u00fcchtlingskrise unser Land, auch ins Positive. Wir sehen es bei den Ehrenamtlichen, die an ihren Aufgaben wachsen, mir ihrer Leistungsbereitschaft ein freundliches Gesicht Deutschlands zeigen. Die Situation ist aber auch ein Stresstest f\u00fcr unsere Institutionen, f\u00fcr Verfahren und Gesetze, die jetzt auf dem Pr\u00fcfstand stehen. Vieles wird so pragmatischer gestaltet.<\/p>\n<p>Ob wir uns in einer Krise befinden? Ich w\u00fcrde sagen, dass wir ein Rendezvous mit der Globalisierung haben, so wie es auch Wolfgang Sch\u00e4uble ausdr\u00fcckt. Wir, auch die EU, haben das Fl\u00fcchtlingsproblem zu lange ignoriert. Bei den Schengen Au\u00dfengrenzen haben wir gesagt: Die andern regeln das schon. Aber das geht jetzt so nicht mehr.<\/p>\n<p>Eine neue Leitkultur brauchen wir nach meiner Meinung nicht. Wir haben eine Kultur, gepr\u00e4gt durch unsere aufgekl\u00e4rte, freiheitlich, demokratische Werteordnung. Die gilt es jetzt auch zu artikulieren, auch einzufordern und mit Nachdruck zu vermitteln. Das ist mir wichtig. Kein Nebeneinander von wertneutralem multi-kulti, nicht einfach nur die Addition von Vielfalt. Wir d\u00fcrfen die Generationenaufgabe der Integration nicht dem Zufall \u00fcberlassen.<\/p>\n<p><strong>Die Parteienlandschaft im Land verschiebt sich, sie wird radikaler. Die AFD erstarkt. Was l\u00e4uft falsch im Land?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde nicht von radikaler sprechen, ich nehme eher eine Polarisierung in der Gesellschaft wahr. Erstmal denke ich, wir m\u00fcssen damit aufh\u00f6ren, dass sich die Skeptiker und die Euphoriker gegenseitig mit Polemik \u00fcberziehen. Menschen wollen Antworten, weil sie \u00c4ngste und auch Sorgen haben. Das ist auch nichts Ungew\u00f6hnliches angesichts dieser beispiellosen Herausforderung. Falsch finde ich, wenn Menschen pauschal diffamiert oder in die rechte Ecke gestellt werden durch rot-gr\u00fcne Moralkeulen. Wir wissen aus Weimar, dass Demokraten in der Mitte zusammen stehen m\u00fcssen und sich nicht taktisch auseinander dividieren oder gar spalten lassen sollten. Und wir d\u00fcrfen Populisten nicht ausweichen, sondern wir m\u00fcssen sie argumentativ entwaffnen. Deshalb ist es ein Fehler, dass die Ministerpr\u00e4sidentin von Rheinland-Pfalz bei der so genannten Elefantenrunde abtaucht und sogar einen \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender unter Druck setzen wollte, die AFD auszuladen. Die bekam so einen M\u00e4rtyrer Status. Das halte ich f\u00fcr fatal.<\/p>\n<p>*Sie sind quasi die politische Enkelin von Helmut Kohl und bezeichnen ihn als Weltb\u00fcrger und Mann der Weltgeschichte. Helmut Kohl nannte sie einen Gl\u00fccksfall f\u00fcr die Partei. Was haben sie was andere nicht haben? Was zeichnet sie aus? Helmut Kohl ist ja nicht daf\u00fcr bekannt, Komplimente in den eigenen Reihen zu verteilen.*<br \/>\nWas vielleicht die wenigsten wissen, oder sich daran erinnern k\u00f6nnen ist, dass Helmut Kohl ein junger Wilder, ein Reformer in Rheinland-Pfalz war. Er hat unsere Partei modernisiert, hatte das meistbeachtete Kabinett in Deutschland. Unter ihm galt unser Land als Talent- und Ideenschmiede der Republik. Daran wollen wir ankn\u00fcpfen mit einem frischen Team, das ich aufgestellt habe.<\/p>\n<p>Ich glaube, es geht darum, eine Partei zusammen zu halten und dann programmatisch aufzustellen. Dass wir heute eine moderne Programmpartei sind, mit dem Erfahrungsschatz vieler, das ist die Tradition von Helmut Kohl.<\/p>\n<p><strong>Ihre politische Karriere weist ja indirekt nach Berlin ins Kanzleramt<\/strong>.<\/p>\n<p>Dem widerspreche ich. Meine politische Karriere weist, sofern die W\u00e4hler wollen, in die Mainzer Staatskanzlei. Das ist mein Ziel. Ich war neun Jahre lang als Abgeordnete und Staatssekret\u00e4rin in Berlin. Ich habe mich bewusst f\u00fcr Rheinland-Pfalz entschieden und deshalb weist mein Weg in meine Heimat Rheinland Pfalz.<\/p>\n<p><strong>Was macht die F\u00fchrungsst\u00e4rke von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus? Wo liegt das Geheimnis Ihres Erfolges gerade in Zeiten, wo eine Krise die andere jagt.<\/strong><\/p>\n<p>Angela Merkel zeigt Standhaftigkeit und R\u00fcckgrat, und das ist in schwierigen Zeiten besonders wichtig. Sie denkt vom Ende her und ist niemand, der reflexhaft reagiert und ihre Meinung st\u00e4ndig \u00e4ndert, so wie Herr Gabriel.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sp\u00fcrt Angela Merkel Dringlichkeit der Krise und die Sorgen vieler Menschen, die damit verbunden sind. Sie arbeitet bis an die Leistungsgrenzen und dar\u00fcber hinaus daran, Europa zusammen zu halten, die Zahlen der Fl\u00fcchtlinge zu reduzieren und die Fluchtursachen zu beseitigen. Sie ist eine sehr souver\u00e4ne und in sich ruhende F\u00fchrungsperson. Ich w\u00fcsste nicht, wen ich an ihrer Stelle jetzt eher in der Position sehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt der katholische Glaube. \u00dcberhaupt das Religi\u00f6se in Ihrem Leben?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde es gar nicht in katholisch oder evangelisch sortieren. Der Glaube gibt mir Halt. So wei\u00df ich auf der einen Seite, dass man seine Talente nutzen soll und sagen: \u201emach das, was du kannst\u201c. Auf der anderen Seite kann man sich aber irgendwann auch aufgehoben f\u00fchlen und loslassen. Das gibt schon ein St\u00fcck Gelassenheit. Und bei schwierigen Entscheidungen orientiere ich mich erst recht am christlichen Menschenbild, Stichwort Subsidiarit\u00e4t. Die christliche Soziallehre besagt, auf Freiheit zu setzen, auf die Pers\u00f6nlichkeit des Einzelnen. Das hei\u00dft, dass der Mensch frei sein muss, um sich entsprechend des Potentials zu entwickeln, das in ihm steckt. Das hei\u00dft aber auch Eigenverantwortung, eben das Subsidiarit\u00e4tsprinzip, also nicht alles auf die n\u00e4chsth\u00f6here Ebene abzuschieben. Und es hei\u00dft Solidarit\u00e4t, konkret Hilfe zur Selbsthilfe. Insofern leite ich daraus auch viel f\u00fcr die Bildungspolitik ab. Keine Einheitsschulen beispielsweise, jedem seine Bildung und nicht eine Bildung. Aber ich leite damit auch den Schutz des Lebens ab. Jeder Mensch ist gleich viel Wert. Aus diesem Grund bin ich auch gegen aktive Sterbehilfe.<\/p>\n<p><strong>Sie sind ein Mensch, der tief in seiner Heimat Rheinland-Pfalz verankert ist. Was bedeutet Heimat eigentlich f\u00fcr sie?<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff Heimat hat verschiedene Bedeutungen und Ebenen. Ich versteht erst einmal etwas Lokales darunter, einen Ort. Ich bin gro\u00df geworden in Guldental, das elterliche Weingut steht da, die feste Scholle. Heimat sind f\u00fcr mich Ger\u00fcche, wie Heu oder die Hefe, die im Herbst \u00fcber dem Dorf liegt, wenn die Weinlese eingefahren wird und wenn der Most anf\u00e4ngt, zu g\u00e4ren.<br \/>\nHeimat sind nat\u00fcrlich Menschen, ist Familie, sind die Liebsten, die man hat. Und wenn ich mit Fl\u00fcchtlingen rede, dann sagen sie, dass sie die Heimat in sich tragen, als Erinnerung an ihre tats\u00e4chliche, zerbombte Heimat, wo sie nicht mehr leben k\u00f6nnen. Heimat ist also auch ein Grundgef\u00fchl, wo man sich aufgehoben f\u00fchlt.<\/p>\n<p><strong>Sie waren Chefredakteurin des Sommeliermagazins. Was verbindet Politik mit einem guten Wein? Jesus von Nazareth erz\u00e4hlt das Geheimnis vom neuen Wein in alten Schl\u00e4uchen, wie interpretieren Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Ich spreche lieber von neuem Wein in neuen Schl\u00e4uchen: Denn gibt man den neuen Wein in alte Schl\u00e4uche, zerrei\u00dfen sie. Eine neue Botschaft braucht auch neue Mittler. Bei Jesus war es so, dass er das Vierfachgebot der Liebe gepredigt hat, also auch die Feindesliebe. Und er hat gesagt, dass der Mensch nicht f\u00fcr die Gesetze da sein muss, sondern die Gesetze f\u00fcr den Menschen. Und die alten Schl\u00e4uche, die alte Gesetzgebung, die alte Mannschaft, die wollte und konnte die neue Botschaft von Jesu nicht weitertragen.<\/p>\n<p>Deswegen hat er von diesem neuen Wein f\u00fcr neue Schl\u00e4uche gesprochen. Und das hei\u00dft politisch f\u00fcr Rheinland-Pfalz auch: Wir brauchen den Wechsel, damit Neues m\u00f6glich wird. Und das geht nicht durch einen neuen Anstrich, sondern durch eine neue Mannschaft und andere Inhalte. Wein und Politik haben gemeinsam, das es ab zu und mal brodeln muss, so wie die G\u00e4rung beim Wein. Und nat\u00fcrlich kommt es auf die Zutaten an und die Menschen dahinter.<\/p>\n<p><strong>Am Deutschen Stammzellgesetz von 2001 w\u00fcrden Sie aber nicht r\u00fctteln, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Es zeigt sich ja inzwischen, dass wir Recht behalten haben. Bei der embryonalen Stammzellforschung ist man nicht vorangekommen, aber bei der adulten, die ethisch unbedenklich ist, schon. Und die Schiebung des Stichtages f\u00fchrte nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer Doppelmoral. Denn wenn wir in Deutschland keine Stammzellen gewinnen k\u00f6nnen und die in anderen L\u00e4ndern gewonnenen Stammzellen nutzen m\u00fcssen, dann ist das ethisch nicht korrekt. Deshalb sollten wir mehr in die adulte Stammzellforschung investieren.<\/p>\n<p>Fragen: Dr. Dr. Stefan Gro\u00df<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Glauben und Wissen, Gott und Moderne &#8211; Robert Spaemann im Gespr\u00e4ch Inwieweit spielt die neuplatonische Philosophie mit ihren Lehren von den drei Wesenheiten innerhalb Ihres christlichen Denkens eine pr\u00e4gende Rolle? Kann man mit diesem Denken heutzutage noch philosophieren? Da stecken schon in der Frage ein paar Dinge, denen ich nicht so zustimmen w\u00fcrde. 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