{"id":58,"date":"2019-08-01T11:58:54","date_gmt":"2019-08-01T09:58:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-stefan-gross.de\/cms\/?page_id=58"},"modified":"2020-12-09T11:51:14","modified_gmt":"2020-12-09T09:51:14","slug":"aeltere-texte","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.dr-stefan-gross.de\/cms\/aeltere-texte\/","title":{"rendered":"\u00c4ltere Texte"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Die jungen Gr\u00fcnen verweisen die AfD auf die Pl\u00e4tze<\/strong><\/h1>\n<p><em>Die Gr\u00fcnen sind mit ihrer Klimapolitik derzeit auf dem Vormarsch. Dagegen hat die AfD ihren Zenit wohl \u00fcberschritten. Statt Optimismus und Hoffnung verbreiten Gauland und Co nur Pessimismus. Damit ist die Zukunft aber nicht zu gestalten.<\/em><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnen haben Konjunktur. Getreu dem Motto: Es kommt nicht darauf an, was man sagt, sondern wie man dies tut. Ob Robert Habeck, die gr\u00fcne F\u00fchrungsspitze in Bayern, Ludwig Hartmann und Katharina Schulze, oder die Klimaaktivistin Luisa Neubauer \u2013 die Wahlumfragen best\u00e4tigen es: gr\u00fcn ist im Aufwind. So steht beispielsweise Gr\u00fcnen-Chef Robert Habeck laut ZDF-\u201ePolitbarometer\u201c erstmals auf Platz eins der zehn wichtigsten Politiker der Bundesrepubik und hat damit selbst die Kanzlerin \u00fcberholt.<\/p>\n<p>In Sachen Klima sagen die Gr\u00fcnen zwar nicht Neues, doch der Drive und die Agilit\u00e4t, mit der sie das tun, \u00fcberzeugt. Es kommt nicht wie eine abgedroschene Phrasenpolitik her\u00fcber, es mutet nicht an, als seien dies nur pure Lippenbekenntnisse und selten beschleicht einen das Gef\u00fchl der Ideologisierung wie bei der alten Garde von Trittin, Fischer und Co. Es ist die gelebte Authentizit\u00e4t, der Geist des Aufbruchs, den man dahinter versp\u00fcrt.<\/p>\n<p><strong>Selbst die Sachsen drehen in den gr\u00fcnen Wind<\/strong><\/p>\n<p>Die Youngster eint ein neuer Wind, der die Umfragewerte der Partei enorm in die H\u00f6he katapultiert. Selbst im sonst so \u201ebraunen\u201c Sachsen, wo der rechtsradikale Sumpf die Demokratie verw\u00e4ssert und sich wie ekliger Schleim \u00fcber das einstige Kulturland zieht, feiern die Gr\u00fcnen bemerkenswerte Erfolge. Das Geheimnis ganz einfach: Die Karte auf die man setzt, ist Generationenverantwortung und Klimawandel: W\u00e4hrend die AfD ihren Zenit \u00fcberschritten und in den Umfragewerten wie eine ausged\u00f6rrte Zimmerpflanze nach unten klettert und beim ewigen Sing-Sang von Politikverdrossenheit, Fl\u00fcchtlingskrise und Klimaleugnung das eigene geistige Portfolio mit schlechten Nachrichten und Ressentiment \u00fcbertrumpft, fahren die Gr\u00fcnen mit ihrem neuen Klimaschutzprogramm ein Rekord nach dem anderen ein. Auf Bundesebene liegen sie derzeit bei 20 Prozent und st\u00fcrmen zielsicher auf die Festung der CDU.<\/p>\n<p><strong>Die Generation 50+ wirkt machtlos<\/strong><\/p>\n<p>Gegen derartige Personalpower hat die Generation 50+ derzeit wenig entgegenzusetzen. W\u00e4hrend Theresa May am Brexit d\u00fcmpelt, Angela Merkel sich bis 2021 retten will, um machtpolitisch Helmut Kohl zumindest in Dienstjahren zu folgen, und ihr stilles Weiter-so noch stiller fortsetzt, haben die Gr\u00fcnen der Kanzlerin schon l\u00e4ngst die Macht aus den H\u00e4nden gerissen. Die Kanzlerin avanciert in der Klimadebatte zur Kulissenschieberin, w\u00e4hrend die Gr\u00fcnen die Stars auf der B\u00fchne sind \u2013 manchmal noch ein wenig unsicher, manchmal zu bieder und im Lehrerton sich vergreifend.<\/p>\n<p><strong>Dem b\u00f6sen Ende n\u00e4her<\/strong><\/p>\n<p>Ihre fulminante Antriebsenergie verdankt die \u00d6kopartei letztendlich neuen Studien der Klimainstitute. Sei es der Club of Rome oder die Vereinten Nationen. Der \u201eGlobal Environment Outlook\u201c verhei\u00dft nichts Gutes f\u00fcr die Welt von Morgen. Allein der Luftverschmutzung fallen j\u00e4hrlich sieben Millionen Menschen zum Opfer, die Ozeane ersticken zusehend im Plastikm\u00fcll, die Wirbeltierpopulation hat sich um 60 Prozent dramatisch verkleinert und eine Vielzahl von Insekten sind vom Aussterben bedroht. Auch w\u00e4chst die Zahl der \u201edegradierten B\u00f6den\u201c dramatisch. Die Erderw\u00e4rmung und \u00dcberfischung ist zur existentiellen Bedrohung von \u00fcber drei Milliarden Menschen geworden. Und die Kohlendioxidemissionen sind, laut der Internationalen Energieagentur (IEA), auf einen neuen Rekordstand geklettert: plus 1,7 Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr auf 33 Milliarden Tonnen CO2.<\/p>\n<p>Vor den Folgen eines \u00f6kologischen Kollapses hatte der Philosoph Hans Jonas bereits Anfang der neunziger Jahre gewarnt und f\u00fcr mehr Harmonie zwischen Technik und Natur pl\u00e4diert. Seine Umweltethik, sein Prinzip der vorausschauenden Verantwortung, wird jetzt von den jungen Gr\u00fcnen wundervoll bespielt und mit dem Umweltticket erobern sie sich die Politikdom\u00e4ne.<\/p>\n<p><strong>Mehr Zukunftsoptimismus bitte!<\/strong><\/p>\n<p>Zwar ist der Blick in die Zukunft alles andere als hoffnungsweisend, allein der gute Wille, Verantwortung f\u00fcr die Zukunft des Planeten zu \u00fcbernehmen, \u00fcberzeugt derzeit auch die h\u00e4rtesten Gegner der Gr\u00fcnen. Dem Zukunftspessimismus der AfD stellen sie zumindest einen K\u00e4mpferwillen entgegen, der nicht Sinn- Hoffnungs- und Ausweglosigkeit propagiert, sich nicht die blo\u00dfe Gesinnung auf die Fahnen schreibt, sondern die Einsicht in die Notwendigkeit, dass es in Sachen Klima so nicht weitergehen kann. Oder wie es 2003 Reinhart Koselleck formulierte: \u201eDer Mensch als weltoffenes Wesen, gen\u00f6tigt, sein Leben zu f\u00fchren, bleibt auf Zukunftssicht verwiesen, um existieren zu k\u00f6nnen. Die empirische Unerfahrenheit seiner Zukunft mu\u00df er, um handeln zu k\u00f6nnen, einplanen. Er mu\u00df sie, ob zutreffend oder nicht, voraussehen.\u201c<\/p>\n<p>Die Angst vorm b\u00f6sen Ende schwei\u00dft die Menschen derzeit mehr zusammen als die Angst vor einer drohenden Migration. Wer blo\u00dfe \u00c4ngste sch\u00fcrt, tut dem Fortschritt eben auch keinen Gefallen.<\/p>\n<h1><strong>Warum verteidigen Sie immer die Reichen, Herr Zitelmann?<\/strong><\/h1>\n<p>Ich glaube nicht, dass es einen Zusammenhang zwischen Verm\u00f6gen und Moral gibt. Es ist weder so, dass im Villenviertel lauter amoralische Schurken wohnen und im sozialen Brennpunkt lauter moralisch hochstehende Lichtgestalten \u2013 noch ist es umgekehrt. Ehrliche und unehrliche Menschen gibt es in jeder Gesellschaftsschicht, sagt Rainer Zitelmann im Interview mit The European.<\/p>\n<p><strong>Herr Zitelmann, Sie haben wieder ein viel beachtetes Buch geschrieben, 456 Seiten, fast 800 Fu\u00dfnoten: \u201eDie Gesellschaft und ihre Reichen\u201c. International, sogar in der \u201eTimes\u201c wurde das Buch besprochen. Ein Buch f\u00fcr Reiche oder doch f\u00fcr Arme, die sich nicht dar\u00fcber entr\u00fcsten sollen, sondern dadurch ihr Leben zu ver\u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Ein Buch f\u00fcr alle, die sich daf\u00fcr interessieren, wie Sozialneid entsteht.<\/p>\n<p><strong>Eines Ihrer wissenschaftlichen Themen sind immer wieder die Reichen, sei es deren Psychologie oder nun, mit Umfragen vom Meinungsforschungsinstitut Allensbach und Ipsos MORI untermauert, eine Ph\u00e4nomenologie von Reichen und ihrem Reichtum?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zitelmann: Die Reichtumsforschung ist noch ganz in ihren Anf\u00e4ngen. Da gibt es viel nachzuholen. Es gibt jede Menge wissenschaftliche Arbeiten \u00fcber Armut, aber nur wenige \u00fcber Reichtum. Beispielsweise wussten wir wenig \u00fcber den Zusammenhang von Pers\u00f6nlichkeitsmerkmalen und finanziellem Erfolg. Das war Thema meiner Dissertation <a href=\"http:\/\/psychologie-der-superreichen.de\/\">Psychologie der Superreichen<\/a>. Und wir wussten wenig dar\u00fcber, wie Vorurteile \u00fcber die Minderheit der Reichen entstehen. Die wissenschaftliche Vorurteilsforschung hat sich mit vielen Minderheiten befasst \u2013 mit Juden, Schwarzen, Homosexuellen, auch mit Armen \u2013, aber es gab kein gro\u00dfes Werk zum Thema \u201eVorurteile \u00fcber Reiche\u201c. Diese L\u00fccke wollte ich mit meinem neuen Buch \u201eDie Gesellschaft und ihre Reichen\u201c <a href=\"http:\/\/die-gesellschaft-und-ihre-reichen.de\/\">f\u00fcllen<\/a>. Ich hoffe, mit meinen Arbeiten andere Forscher anzuregen, denn es gibt noch sehr, sehr viele unerforschte Themen der Reichtumsforschung.<\/p>\n<p><strong>Der Fokus liegt immer wieder auf den Superreichen und Ihre Argumentation l\u00e4uft zumeist drauf hinaus, dass sie diese verteidigen? Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Nun ja, meine B\u00fccher sind keine polemischen Verteidigungsschriften, sondern wissenschaftliche Werke und als solche um Objektivit\u00e4t bem\u00fcht. Das war als Wissenschaftler schon immer mein Anspruch, von der ersten Dissertation \u00fcber Hitler bis zum aktuellen Werk zur Vorurteilsforschung. Doch ich nehme Ihren Gedanken auf: Nehmen wir mal an, meine in den vergangenen Jahren erschienenen B\u00fccher w\u00fcrden einen Beitrag zur Verteidigung der Reichen leisten \u2013 was w\u00e4re daran verkehrt? Sie m\u00fcssen ja die Ausgangssituation ber\u00fccksichtigen:<\/p>\n<p>Es gibt jede Menge Ankl\u00e4ger der Reichen. Die Reichen selbst verteidigen sich nicht, und wenn, dann sehr defensiv und ungekonnt, oftmals mit schwachen und untauglichen Argumenten. Da k\u00f6nnen Reiche von anderen Minderheiten noch eine Menge lernen. Und unter den Sozial- und Geisteswissenschaftlern gibt es \u00fcberwiegend solche, die Reichtum als Problem sehen. Vergangenes Jahr erschien beispielsweise das Buch des Dortmunder Philosophen Christian Neuh\u00e4user \u201eReichtum als moralisches Problem\u201c. Er will Reichtum verbieten. Das FAZ-Feuilleton lobte: \u201cNeuh\u00e4user greift mit seinem Buch ein wichtiges Thema auf und verortet es kenntnisreich in der weiteren philosophischen Debatte. Die These, dass ein \u00f6konomisches Auseinanderdriften einer Gesellschaft auch dann ein Problem ist, wenn niemand in existentieller Weise arm ist, \u00fcberzeugt.\u201d Der bekannte Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann ist Marxist und h\u00e4lt auf Einladung der Linkspartei Vortr\u00e4ge, die sich extrem kritisch mit Reichen befassen. Wenn es so viele Ankl\u00e4ger unter den Sozial- und Geisteswissenschaftlern, unter den Journalisten und unter den Politikern gibt, w\u00e4re es dann nicht sogar geradezu notwendig und legitim, dass auch mal einer kommt, der eine Gegenposition einnimmt? Selbst einem M\u00f6rder gesteht man doch einen Verteidiger zu, weil ein Prozess ohne Verteidiger eben ein Schauprozess ist. Es ist sogar so, dass bei schwerwiegenden Anklagepunkten ein Verteidiger nach der Strafprozessordnung ausdr\u00fccklich vorgeschrieben ist, was nicht nur dem Schutz des Angeklagten dient, sondern auch dem Erkenntnisgewinn: denn nur dann ist gew\u00e4hrleistet, dass alle Fakten, und zwar sowohl belastende wie auch entlastende, wirklich vorgetragen werden. Wenn das sogar f\u00fcr M\u00f6rder gilt, aber \u2013 das schwingt in Ihrer Frage mit \u2013 es mit Blick auf Reiche als kritikw\u00fcrdig gilt, wenn jemand die Rolle des Verteidigers einn\u00e4hme, dann stellt sich die Frage: Sind Reiche schlimmer als M\u00f6rder, so dass sie nicht einmal einen Verteidiger verdienen?<\/p>\n<p><strong>Br\u00e4uchten wir nicht \u2013 aufgrund der gravierenden Schere, die sich auch in Deutschland zwischen arm und reich immer mehr auftut ein Buch, das nicht den Reichtum legalisiert, sondern eine Debatte anst\u00f6\u00dft, wie die Armut zu bek\u00e4mpfen sei?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Ihre Frage wundert mich: Erstens gibt es jede Menge B\u00fccher zu diesem Thema. Wozu sollte ich ein weiteres hinzuf\u00fcgen? Und eine Debatte \u00fcber die sogenannte Schere zwischen Arm und Reich wird doch seit Jahren intensiv gef\u00fchrt, die muss ich nicht erst ansto\u00dfen. Ich habe mit meinem Buch jetzt eine ganz neue Debatte angesto\u00dfen, n\u00e4mlich \u00fcber die Sicht auf die Reichen.<br \/>\nZweitens: Ich sehe nicht, dass Armut steigt. Obwohl viele arme Menschen aus anderen L\u00e4ndern in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, hat sich die Zahl der Hartz IV-Empf\u00e4nger sogar verringert. Das ist eigentlich eine Sensation, wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Hartz IV-Empf\u00e4nger einen Migrationshintergrund hat! Viel beeindruckender noch ist die Entwicklung im Weltma\u00dfstab. In den vergangenen 30 Jahren ist mehr als eine Milliarde Menschen bitterer Armut entronnen, besonders in Asien \u2013 Dank der kapitalistischen Globalisierung. Man sieht das besonders deutlich in China: 1981 lag die Zahl der extrem armen Chinesen noch bei 88%, heute sind es nur noch 1%. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Multimillion\u00e4re und Milliard\u00e4re in China so stark gestiegen wie nirgendwo sonst. Die Schere zwischen Arm und Reich ist gr\u00f6\u00dfer geworden. Aber bei meinen Gespr\u00e4chen in China habe ich niemanden getroffen, der deshalb zur\u00fcck zu den Zeiten Maos wollte, als die Menschen dort noch gleicher waren. Die chinesische Entwicklung widerlegt \u00fcbrigens den verbreiteten Nullsummenglauben, wonach der Reichtum der Reichen auf der Armut der Armen beruhe. Ein Irrglaube, den Bertolt Brecht ja sogar in Gedichtform gegossen hat und dem, wie unsere Befragung zeigt, viele Menschen anh\u00e4ngen.<\/p>\n<p><strong>Was ist so toll am Reichtum? Oder anders gefragt, warum verteidigen Sie die Reichen?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Zum \u201everteidigen\u201c habe ich ja schon etwas gesagt. Ich m\u00f6chte aber noch einen Gedanken hinzuf\u00fcgen: Ein Ergebnis der wissenschaftlichen Reichtumsforschung lautet, dass die meisten Reichen als Unternehmer reich geworden sind. Wenn Sie sich die Listen mit den reichsten Menschen der Welt oder mit den reichsten Menschen Deutschlands anschauen, dann werden Sie feststellen, dass fast alle Unternehmer sind. Entweder haben sie selbst ein Unternehmen aufgebaut \u2013 so wie beispielsweise Jeff Bezos (Amazon), Bill Gates (Microsorft), Larry Ellison (Oracle), Mark Zuckerberg (Facebook), Larry Page (Google), Sergey Brin (Google), Warren Buffett und viele andere -, oder sie f\u00fchren das Unternehmen fort, das ihre Eltern aufgebaut haben. Wer meint, wir br\u00e4uchten keine Reichen, der sagt damit eigentlich, wie br\u00e4uchten keine erfolgreichen Unternehmer. Kennen Sie irgendeine Gesellschaft, in der es keine Unternehmer gibt und in denen es den Menschen gut ging?<\/p>\n<p><strong>Neid spielt in Deutschland, anders beispielsweise als in der USA, dies zeichnen Sie sehr deutlich nach, eine gro\u00dfe Rolle. Viele Reiche hierzulande, abgesehen von Empork\u00f6mmlingen und Neureichen, legen den Fokus ganz gezielt darauf, nicht als reich erkannt oder damit zugleich gebrandmarkt zu werden! Warum soll man sich also zu seinen Reichtum bekennen, was ist das Surplus, oder anders gefragt: Was bringt das dem gesellschaftlichen Diskurs?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Es gibt ja einen dritten Weg zwischen der ostentativen Zuschaustellung von Reichtum (wie wir das etwa von vielen reichen Russen kennen) und dem \u00e4ngstlichen Verbergen und Leugnen des Reichtums, wie das oft in Deutschland zu beobachten ist. Schauen Sie sich Friedrich Merz an: Statt auf die Frage, ob er Million\u00e4r sei, selbstbewusst mit einem klaren \u201eJa\u201c zu antworten, druckste er zun\u00e4chst herum. Und am Ende behauptete er sogar noch, er geh\u00f6re zur Mittelschicht. Das ist nur durch die Angst vor dem in Deutschland verbreiteten Sozialneid zu erkl\u00e4ren. Aber mit diesem Versteckspiel beschwichtigt man die Neider nicht, wie ja der Fall Merz auch belegt. Ich denke, wir sind dann einen Schritt weiter, wenn jemand wie Merz \u00f6ffentlich sagen kann: \u201eIch bin Million\u00e4r, und das ist gut so\u201c. So wie es der ehemalige Regierende B\u00fcrgermeister von Berlin, Klaus Wowereit getan hat, der sagte: \u201eIch bin schwul, und das ist gut so.\u201c<\/p>\n<p><strong>Was sind denn die g\u00e4ngigen Vorurteile und Stereotypen und warum gibt es diese \u00fcberhaupt bzw. warum sind diese Ihrer Meinung nach falsch?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Reichen wird vor allem unterstellt, dass sie moralisch schlechte, r\u00fccksichtslose, gierige und unehrliche Menschen seien. Dabei kennen nur 17 Prozent der Deutschen mindestens einen Million\u00e4r n\u00e4her. Und jene Menschen, die einen Million\u00e4r pers\u00f6nlich kennen, beurteilen diesen sehr, sehr viel positiver als jene Menschen, die keinen Million\u00e4r kennen. Auch das wird durch die Befragung belegt. In meinem Buch entwickle ich die Kompensationstheorie: Wenn sich Menschen anderen Menschen auf einem bestimmten Gebiet unterlegen f\u00fchlen (in diesem Fall: in der wirtschaftlichen bzw. finanziellen Kompetenz), dann neigen sie dazu, diesen Menschen auf anderen Gebieten Minuspunkte zu geben, damit das Selbstwertgef\u00fchl erhalten bleibt. Sozialneider stimmten beispielsweise h\u00e4ufig der Aussage zu: \u201eReiche sind gut im Geldverdienen. Daf\u00fcr sind sie in der Regel keine anst\u00e4ndigen Menschen.\u201c Mit der Frage, ob die Vorteile und Stereotypen \u00fcber Reiche richtig oder falsch sind, befasse ich mich in dem Buch nur am Rande. Warum soll ich etwas widerlegen, das in keiner Weise belegt ist? Ich sehe es so, dass derjenige, der ein Vorurteil hat, das erst einmal begr\u00fcnden und belegen m\u00fcsste \u2013 und nicht derjenige, der dieses Vorurteil nicht teilt.<\/p>\n<p><strong>Welche Charaktereigenschaften zeichnen reiche Menschen aus und wie werden diese kulturell wahrgenommen. Gibt es beim Thema Akzeptanz von Reichtum regionale Unterschiede?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: In meiner Dissertation \u201ePsychologie der Superreichen\u201c habe ich die Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale von Reichen erforscht. Was sie auszeichnet ist z.B., dass sie Freude daran haben, gegen den Strom zu schwimmen und unabh\u00e4ngig von Mehrheitsmeinungen zu agieren, dass sie in Krisen und nach Niederlagen die Verantwortung selbst \u00fcbernehmen (statt sie bei anderen oder in \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden zu suchen) und dass sie als Ergebnis impliziter Lernprozesse \u00fcber ein hohes Ma\u00df an implizitem Wissen verf\u00fcgen, so dass sie richtige unternehmerische Entscheidungen oft intuitiv f\u00e4llen k\u00f6nnen. Da die meisten Menschen keine Superreichen kennen, bestimmen Fantasien ihr Bild \u00fcber Reiche, Fantasien, die sie beispielsweise aus Hollywoodfilmen \u00fcbernommen haben.<\/p>\n<p><strong>Neid und Schadensfreude fallen oft zusammen. Bei besser finanziell Situierten wird ihr Scheitern oft mit Schadensfreude goutiert, mit dem Argument, dass es ihnen ja eh besser geht und sie Schicksalsschl\u00e4ge besser kompensieren k\u00f6nnen. Was sind hier die psychologischen Gr\u00fcnde?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Aus der wissenschaftlichen Neidforschung wissen wir, dass Neid und Schadenfreude eng zusammenh\u00e4ngen. In Deutschland ist die Schadenfreude besonders ausgepr\u00e4gt. In der Befragung, die wir in den USA, Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Deutschland durchgef\u00fchrt haben, war Deutschland das einzige Land, in dem die Zahl derjenigen, die Schadenfreude empfinden, wenn ein Million\u00e4r Geld verliert, gr\u00f6\u00dfer war als derjenigen, die keine Schadenfreude empfinden. Im Englischen gibt es ja nicht einmal ein eigenes Wort f\u00fcr Schadenfreude, die Angelsachsen haben das Wort aus dem Deutschen \u00fcbernommen. Beim Neid geht es im Kern darum, dass der Neider m\u00f6chte, dass es dem Beneideten schlechter gehen solle, dass dem Beneideten etwas weggenommen wird. Und zwar auch dann, wenn der Neider selbst gar keinen Vorteil davon hat. Jede Schlechterstellung des Beneideten f\u00fchrt beim Neider zu Genugtuung. Das nennt man dann auch Schadenfreude.<\/p>\n<p><strong>Sie stellen in Ihrem Buch die Frage: \u201eF\u00fchrt mehr Gleichheit zu weniger Neid? Darauf m\u00fcsste es doch eine positive Antwort geben?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Ganz im Gegenteil. In den Wohlfahrtsstaaten Deutschland und Frankreich ist der Neid viel st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt als in Gro\u00dfbritannien und den USA. Wir haben das mit einem Sozialneidkoeffizienten gemessen, der das Verh\u00e4ltnis von Neidern und Nicht-Neidern misst. Wenn die Menschen gleicher werden, wird die verbliebene Ungleichheit immer st\u00e4rker als schreiendes Unrecht empfunden. Wir sehen das ja nicht nur bei Reichen, sondern auch bei den Geschlechtern. Obwohl die rechtliche und auch die wirtschaftliche Gleichheit zwischen M\u00e4nnern und Frauen heute sehr viel gr\u00f6\u00dfer ist als etwa vor 50 Jahren, ist zugleich die Emp\u00f6rung \u00fcber die verbliebenen Unterschiede gewachsen. Es wird doch heute als schlimmer Skandal und als himmelschreiendes Unrecht wahrgenommen, dass Frauen in Deutschland 5,8% weniger verdienen als M\u00e4nner. Ich denke, die Emp\u00f6rung wird nicht kleiner werden, wenn sich das irgendwann auf 2,9% halbiert hat.<\/p>\n<p><strong>Soziologisch gesehen: Woher kommt der Sozialneid?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Die Social Comparison-Forschung zeigt, dass wir uns andauernd \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 mit anderen Menschen vergleichen, um Informationen f\u00fcr unsere Selbstbewertung zu erhalten. Umgekehrt gilt: Wenn wir uns selbst bewerten, dann vergleichen wir uns mit anderen. Dieser Vergleich geschieht automatisch, weil wir uns nur im Vergleich mit anderen selbst wahrnehmen k\u00f6nnen. Neid kann entstehen, wenn sich Person A mit Person B vergleicht und Person B Eigenschaften, G\u00fcter oder Positionen besitzt, die Person A gerne haben w\u00fcrde. Dass diese Vergleiche h\u00e4ufig unbewusst stattfinden, ist eine der Ursachen daf\u00fcr, dass wir Neid gerne verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Wenn soziale Gruppen andere Gruppen als \u00f6konomisch erfolgreicher wahrnehmen, k\u00f6nnen ihre Angeh\u00f6rigen Kompensationsstrategien entwickeln, um ihr Selbstwertgef\u00fchl zu erhalten. Angeh\u00f6rige h\u00f6herer sozialer Schichten k\u00f6nnen die Kriterien f\u00fcr die Rangordnung in einer Gesellschaft \u2013 beispielsweise wirtschaftlicher Erfolg oder Bildung \u2013 leichter akzeptieren, weil sie selbst oben in der Hierarchie stehen. Angeh\u00f6rige h\u00f6herer sozialer Schichten neigen in st\u00e4rkerem Masse dazu, sich aufgrund sozio\u00f6konomischer und kultureller Merkmale von anderen Gruppen abzugrenzen, w\u00e4hrend die Angeh\u00f6rigen unterer Schichten sich eher auf moralische Kriterien st\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Welche positiven Eigenschaften und welche negativen unterstellt man reichen Menschen?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Die positiven Eigenschaften, die viele Menschen mit Reichen verbinden, sind zum Beispiel Flei\u00df und Intelligenz. Die negativen sind R\u00fccksichtslosigkeit, Egoismus, Materialismus. In der psychologischen Wahrnehmungsforschung unterscheidet man M-Werte (moralische Werte) und K-Werte (Kompetenzwerte). Reiche schneiden bei moralischen Werten schlecht ab, bei Kompetenzwerten gut. Das hilft ihnen aber nichts. Ein gieriger und r\u00fccksichtsloser Mensch, der zugleich als flei\u00dfig und intelligent wahrgenommen wird, der wird dadurch ja keineswegs sympathischer und liebenswerter, sondern eher noch gef\u00e4hrlicher. Wenn mir jemand anderes etwas Schlechtes will, dann w\u00e4re es im Grunde besser f\u00fcr mich, dass dieser Mensch dumm und faul w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Sie klassifizieren bei der Beurteilung von Reichtum verschiedene Klassen, soziale Schichten, politische Weltanschauungen wie die Linken oder die Rechten, aber auch Frauen, M\u00e4nner, j\u00fcngere und alte Menschen sowie eine l\u00e4nderspezifische bzw. in verschiedenen L\u00e4ndern unterschiedliche Wahrnehmung und Beurteilung des Reichtums. Wie sieht hier das jeweilige Urteil aus und warum haben J\u00fcngere oft kein Problem mit den Superreichen?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Das stimmt so nur f\u00fcr Deutschland und Frankreich, wo junge Menschen Reiche etwas positiver sehen als \u00e4ltere. In den USA ist es genau umgekehrt, aber der Unterschied ist hier sehr viel ausgepr\u00e4gter: Junge Amerikaner sehen Reiche ausgesprochen negativ, \u00e4ltere Amerikaner sehen Reiche ausgesprochen positiv. Das hat viele Gr\u00fcnde. Ein Grund ist vermutlich, dass die amerikanischen Schulen und Hochschulen noch viel st\u00e4rker links ausgerichtet sind als hierzulande. Ein anderer Grund ist, dass f\u00fcr viele junge Amerikaner die Finanzkrise ein einschneidendes Erlebnis war. Und als Verursacher dieser Krise werden \u201egierige Banker\u201c oder einfach \u201edie Superreichen\u201c wahrgenommen. Was die politischen Richtungen anlangt, so war in Deutschland das Ergebnis sehr eindeutig: Sozialneid ist am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt bei W\u00e4hlern der Linken, der SPD und der AfD, deutlich schw\u00e4cher bei W\u00e4hlern der Union und der FDP.<\/p>\n<p><strong>Das Thema Managergeh\u00e4lter wird in unserer Gesellschaft immer wieder diskutiert. Daimler-Chef Zetsche beispielsweise hat ein Rentengehalt von fast 5000 Euro am Tag. Das kann man doch nicht rechtfertigen, wenn man die schmalen Geh\u00e4lter von Altenpflegern oder Verk\u00e4ufern damit vergleicht. Die k\u00fcmmern sich doch um die Schwachen in der Gesellschaft? Aber womit rechtfertigen sich die exorbitanten Geh\u00e4lter in der Wirtschaft? Das kann und sollte doch auf die Dauer nicht gut gehen?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Unsere Befragung hat gezeigt, dass die meisten Menschen nicht verstehen, wodurch die H\u00f6he von Geh\u00e4ltern bestimmt wird. Sie glauben, das Gehalt werde dadurch bestimmt oder sollte dadurch bestimmt werden, wie lange jemand arbeitet und wie sehr er sich anstrengt. Dann w\u00e4ren die von Ihnen angesprochenen Unterschiede nat\u00fcrlich nicht zu rechtfertigen. Aber Managergeh\u00e4lter sind weder eine Schwei\u00dfpr\u00e4mie noch eine Kompensation f\u00fcr lange Arbeitszeiten, sondern sie entstehen durch Angebot und Nachfrage. Und da ist es wie bei begehrten Top-Fu\u00dfballern: Die verdienen ja auch nicht deshalb mehr, weil sie l\u00e4nger oder h\u00e4rter trainieren, sondern weil sie \u00fcber seltene F\u00e4higkeiten verf\u00fcgen. In meinem Buch zeige ich, dass die meisten Menschen jedoch ihre eigenen Erfahrungen (ich nenne das: Angestelltendenken) auf einen Kontext \u00fcbertragen, wo das ganz und gar nicht passt.<\/p>\n<p><strong>Sind Reiche ehrlicher als Nichtreiche? Haben sie mehr Moral?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich glaube nicht, dass es einen Zusammenhang zwischen Verm\u00f6gen und Moral gibt. Es ist weder so, dass im Villenviertel lauter amoralische Schurken wohnen und im sozialen Brennpunkt lauter moralisch hochstehende Lichtgestalten \u2013 noch ist es umgekehrt. Ehrliche und unehrliche Menschen gibt es in jeder Gesellschaftsschicht.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen die Medien in der Neiddebatte?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Diesem Thema ist ein Drittel des Buches gewidmet. Obwohl das Buch in fast allen bedeutenden Medien breit \u2013 und positiv \u2013 besprochen wurde (es gibt inzwischen \u00fcber 30 Artikel dazu), wurde dieser Teil des Buches nur in einer einzigen Rezension kurz erw\u00e4hnt. Es w\u00e4re ein Thema f\u00fcr ein eigenes Interview. Lassen Sie uns dar\u00fcber ein ganzes Interview machen. Es lohnt sich.<\/p>\n<p><strong>Sollten Superreiche in Deutschland nicht auch hier ihre Steuern zahlen?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Wer sagt, dass sie das nicht tun? Woher wissen Sie das? Wer hierzulande sein Geld verdient, muss seine Eink\u00fcnfte in Deutschland versteuern. Wir wissen, dass z.B. das eine Prozent der Menschen, die am besten verdienen, mehr als 20 Prozent der Einkommensteuer zahlen, w\u00e4hrend 50 Prozent der Menschen gerade mal etwas mehr als 5 Prozent bezahlen. Ich kenne keinen empirischen Beleg daf\u00fcr, dass es bei Reichen mehr Steuertrickser gibt als im Durchschnitt der Bev\u00f6lkerung. Da die Finanz\u00e4mter Reiche h\u00e4ufiger und gr\u00fcndlicher pr\u00fcfen als Normalverdiener (eben weil hier mehr zu holen ist), spricht sogar manches daf\u00fcr, dass es sich umgekehrt verh\u00e4lt. Dass Superreiche angeblich \u00fcberwiegend Steuertrickser seien oder keine bzw. nur Steuern zahlen, ist eine Behauptung, die niemals belegt wurde, aber die viele Menschen einfach deshalb glauben, weil sie so oft wiederholt wurde und wird.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>148 Peitschenhiebe und 33 Jahre Kerker f\u00fcr Anti-Kopftuch-Anw\u00e4ltin <\/strong><\/h1>\n<p>Wer sich f\u00fcr die Rechte von Frauen im Iran einsetzt versp\u00fcrt die ganze H\u00e4rte des Mullah-Regimes. F\u00fcr ihr Engagement gegen den Zwangsschleier und f\u00fcr mehr Freiheit muss die Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotudeh einen hohen Preis zahlen. Zu \u00fcber 30 Jahre Kerker und 148 Peitschenhieben hat sie ein Gericht nun verurteilt.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg hatte einst geschrieben: \u201eFreiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden\u201c. Doch diese Maxime gilt im Iran nichts. Dort herrschen seit Jahren Angst und Repression. Gleichwohl sich das Land eine Republik nennt, regieren die Mullahs mit brachialer Gewalt, Engstirnigkeit und religi\u00f6sem Fundamentalismus. \u00dcberwachen und Strafen geh\u00f6ren zum rigiden System der islamischen Republik, die nicht nur bei Lichte betrachtet alles andere als eine lupenreine Demokratie ist, sondern ein religi\u00f6s-engstirniger W\u00e4chterstaat bleibt. Legislative und Exekutive obliegen den Glaubensfanatikern. Die W\u00e4chter agieren als luzide M\u00e4chte, die \u00fcber Leben und Tod entscheiden \u2013 und sie sind es, die letztendlich die Gesetze nach ihrem Gusto pr\u00fcfen und abw\u00e4gen. Allein und radikal geschieht dies vor dem Hintergrund der religi\u00f6s zementierten Prinzipien des Islams und die Scharia regiert repressiv, gnadenlos und mit harter Hand. Wer sich gegen diese auflehnt, bekommt die ganze Strenge und Macht der Sittenw\u00e4rter zu sp\u00fcren. So bleibt die Scharia \u2013 lange nach Ajatollah Ruhollah Chomeini \u2013 die absolut nicht hinterfragbare Instanz der Exekutive, willk\u00fcrlich und bar jedweder Menschlichkeit das religi\u00f6se Gesetz politischer Instrumentalisierung.<\/p>\n<p><strong>Chomeinis Erben setzten die Blutspur<\/strong><\/p>\n<p>Chomeinis Erben setzen bis heute die Blutspur ihres politischen und religi\u00f6sen F\u00fchrers von einst ungebrochen fort. Und so bleiben Terror, Trauer und Tod die traurigen Alltagsph\u00e4nomene in einem Land, in dem die Eskalation von Gewalt und Brutalit\u00e4t gefeiert, Kritiker hingerichtet, Frauen vergewaltigt oder mit S\u00e4ure \u00fcbersch\u00fcttet werden. Das System lebt von Unruhe, Hass und Zerst\u00f6rung und einem Antisemitismus, der sich die Vernichtung Israels auf die blutigen Fahnen des Glaubens geschrieben hat.<\/p>\n<p><strong>Methoden wie bei der Stasi<\/strong><\/p>\n<p>Wer es wagt zu rebellieren, dem droht die Sittenpolizei, die in altbew\u00e4hrter Stasimanier, den Staatslenkern als perfide \u00dcberwachungsmaschinerie dient und die geringsten Verst\u00f6\u00dfe ahndet. Die Diskriminierung der Frau geh\u00f6rt im Iran zum Glaubenskanon. Dank Scharia sind Zwangsehen, Berufsverbote, sexuelle \u00dcbergriffe und Gewalt in der Ehe rechtlich legitim und fundiert. Die Frau hat im System einfach keinen Stellenwert, ihre Stimme z\u00e4hlt weder vor Gericht noch in der Ehe. Innerfamiliere Ehrenmorde gelten als straffrei oder sind durch eine \u201eBlutgeldzahlung\u201c ges\u00fchnt. Selbst vor inszenierten Vergewaltigungen vor Hinrichtungen schreckt der Glaubensstaat nicht zur\u00fcck, legalisiert diese geradezu, weil Jungfrauen nach islamischem Gesetz eben nicht hingerichtet werden d\u00fcrfen. Das streng patriarchische System verst\u00f6\u00dft so in fast allen Rechtsbereichen gegen g\u00fcltiges V\u00f6lker- und Menschenrecht. Aber das st\u00f6rt die Mullahs nicht, die sonst Frieden und Freiheit im Glauben predigen \u2013 und die auch noch vom Deutschen Bundespr\u00e4sidenten Frank-Walter Steinmeier daf\u00fcr ein Gl\u00fcckwunschschreiben zu 40 Jahre islamischer Revolution entgegen nehmen durften.<\/p>\n<p><strong>33 Jahre Kerker und 148 Peitschenhiebe<\/strong><\/p>\n<p>Nun sorgt ein Urteil im Iran f\u00fcr Aufsehen. Die Menschenrechtlerin und Freiheitsaktivistin Nasrin Sotudeh wurde in Teheran zu 33 Jahren Kerker und 148 Peitschenhieben verurteilt. Verurteilt wurde sie schon oft, auch im Gef\u00e4ngnis sa\u00df die studierte Juristin und Sacharow-Preistr\u00e4gerin bereits in den vergangenen Jahren immer wieder. Doch der neue Richterspruch setzt neue Ma\u00dfst\u00e4be im Umgang mit Systemkritikern.<\/p>\n<p><strong>Wider die Menschenrechte<\/strong><\/p>\n<p>Sotudeh ist das wohl prominenteste Gesicht des Protests und l\u00e4sst sich schon seit Jahren nicht vom theokratischen System einsch\u00fcchtern; schon 2009 nicht, als die minderj\u00e4hrige Straft\u00e4ter in Todeszellen und festgenommene Oppositionelle verteidigte, die gegen die Wiederwahl des damaligen Pr\u00e4sident Mahmud Ahmadinedschad protestierten. Bereits damals hatte die heute 55-j\u00e4hrige Anw\u00e4ltin Haft und Hungerstreik hinter sich. \u201eAktivit\u00e4ten gegen die nationale Sicherheit\u201c und \u201ePropaganda gegen das Regime\u201c wurden ihr damals zur Anklage gereicht.<\/p>\n<p>Doch Repressalien seitens der Mullahs, Berufs- sowie Ausreiseverbot, kennt die mutige und couragierte Sotudeh seit ihrer Jugend, weil sie sich unentwegt f\u00fcr die Rechte der Frauen stark machte und f\u00fcr die Gleichberechtigung unerschrocken k\u00e4mpfte. Diesen Kampf setzt sie unbeirrt fort.<\/p>\n<p>Nun ist die seit 2018 im ber\u00fcchtigten Evin-Gef\u00e4ngnis in Teheran, das f\u00fcr Folterungen bekannt einsitzende Aktivistin nicht nur wegen staatsfeindlicher Propaganda und Beleidigung des F\u00fchrers Ayatollah Ali Khamenei angeklagt, sondern wie in Diktaturen ohne Vorwarnung und in ihrer Abwesenheit \u00fcblich, auch wegen Spionage, was die H\u00e4rte des Urteils nochmals dramatisch in die H\u00f6he ausschlagen lie\u00df. Im Fokus des der Anlage stand au\u00dferdem, dass die renommierteste Menschenrechtsaktivistin des Irans zwei junge Frauen verteidigte, die gegen das vom Mullahregime verh\u00e4ngte Kopftuchzwang protestierten.<\/p>\n<p><strong>Nasrin Sotudeh wird Steinmeier nicht verstehen<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dfenminister Heiko Maas hat sich unterdessen zum Urteil ge\u00e4u\u00dfert und betont: dass sich \u201edie Bundesregierung seit ihrer Verhaftung f\u00fcr Nasrin Sotoudeh eingesetzt\u201c habe. \u201eSie hat lediglich ihr Recht auf Meinungsfreiheit ausge\u00fcbt. Diese drakonischen Strafen sind nicht nachvollziehbar. Wir werden uns auch in Zukunft f\u00fcr ihre Freilassung einsetzen.\u201c<\/p>\n<p>Doch Unbehagen bleibt. Angesichts derartiger Unmenschlichkeit des Mullah-Regimes irritieren die Gl\u00fcckw\u00fcnsche zum 40. Jahrestag der \u201eIslamischen Revolution\u201c, die Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier der iranischen F\u00fchrung \u201eim Namen meiner Landsleute\u201c \u00fcbermittelte. F\u00fcr Frauen wie Nasrin Sotudeh kann das nur wie Spott und Hohn klingen \u2013 und das ausgerechnet aus einem demokratischen Land, das f\u00fcr Freiheit und Menschlichkeit steht, f\u00fcr Ideen und Ideale also, f\u00fcr die sie unter Einsatz ihres Lebens vehement eintritt.<\/p>\n<h1><strong>Kramp-Karrenbauer erntet linken Entr\u00fcstungssturm<\/strong><\/h1>\n<p>Das politische Berlin ist irritiert. Ausgerechtet die CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ist in eine politische Schieflage geraten, weil sie einen Witz \u00fcber Intersexuelle machte \u2013 und das ausgerechnet zur Fastnacht, wo seit Jahrhunderten Humor und Spott regieren.<\/p>\n<p>Annegret Kramp-Karrenbauer hat Erfolg und gilt als potentielle Nachfolgerin von Angela Merkel. Sie ist politikerprobt, schlagfertig und zeigt Kante. Und sie kommt gut an, nicht nur in der Partei \u2013 auch im Wahlvolk wie letzte Umfragen deutlich zeigen. Sie denkt pragmatisch und agiert praktisch, und sie hat ihn \u2013 den gesunden Menschenverstand. Doch gerade den will man ihr aus Oppositionskreisen gerade streitig machen.<\/p>\n<p>Stein des ebenso lapidaren wie medial v\u00f6llig sinnlosen Disputes und Shitstorm war eine Fastnachtsrede, dem \u201eStockacher Narrengericht\u201c, wo Kramp-Karrenbauer mit \u201eflapsigen\u201c \u00c4u\u00dferungen gegen\u00fcber intersexuellen Menschen eine Welle der Emp\u00f6rung ausgel\u00f6st hat. \u201eWer war denn von Euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten f\u00fcr das dritte Geschlecht einf\u00fchren,\u201c sagte die Politikerin am Bodensee und erg\u00e4nzte: \u201eDas ist f\u00fcr die M\u00e4nner, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen d\u00fcrfen beim Pinkeln oder schon sitzen m\u00fcssen. Daf\u00fcr, dazwischen, ist diese Toilette.\u201c<\/p>\n<p>\u201eErlaubt ist, was gef\u00e4llt\u201c hatte einst Deutschlands Dichterf\u00fcrst Johann Wolfgang Goethe in seinem \u201eTorquato Tasso\u201c geschrieben. Doch so gut ist es mit der Meinungsfreiheit selbst in Karnevalszeiten nicht mehr in Deutschland bestellt. Selbst der Humor steht unter Kuratel. Und die Fastnacht, so scheint es, ist die Zeit, wo die Deutschen am allerwenigsten Spa\u00df verstehen. Nicht die Deutschen, wohl aber deren politisch korrekter Teil, hat nicht nur ein Humorproblem, sondern goutiert allein den politisch korrekten Witz, der apodiktisch die \u00f6ffentliche Konsensmeinung abbildet und jede weltanschauliche Abweichung mit dem Hammer abstraft.<\/p>\n<p><strong> \u201cIm Moralapostolat\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Wer Witze \u00fcber Gender, die Unisex-Toilette, das Dritte Geschlecht oder sich gar gegen\u00fcber Intersexuellen lustig macht, geh\u00f6rt in die Acht, zumindest verbr\u00e4mt. Da machen auch B\u00fcttenreden keine Ausnahme mehr. Doch wenn man schon zu Karneval seine Meinung nicht mehr sagen darf, wann dann? Die B\u00fcttenrede geht bekanntlich auf die mittelalterliche Sitte des \u201eR\u00fcgerechts\u201c zur\u00fcck. Und der Sinn der B\u00fctt ist erwiesenerma\u00dfen die ungestrafte Kritik an den Herrschenden \u2013 und nun eben einmal im Falle Kramp-Karrenbauers gerade umgekehrt \u2013 einer Herrschenden \u00fcber den genderisierten Mainstream. Mit ihrer unverbl\u00fcmten Rede steht die CDU-Politikerin in einer gro\u00dfen Tradition, wo derbe Witze Konjunktur feiern und der Spott regiert. Zu Fastnacht wird \u00fcber die Strenge geschlagen \u2013 und das ist auch gut so. Dass die liberale Katholikin, die immer wieder mit \u00c4u\u00dferungen zur Homo-Ehe in die Kritik geraten ist, zu Karneval an einem Reizthema z\u00fcndelt, welches ihr als guter Katholikin befremdlich bleiben muss, \u00f6ffnet in den Reihen ihrer Gegner gleich die T\u00fcr zur H\u00f6lle und entfacht einen linken Entr\u00fcstungssturm.<\/p>\n<p>H\u00e4tte Kramp-Karrenbauer die 20 Millionen ADAC-Mitglieder, die 150.000 Schalke-Mitglieder, die 138.000 CSU-Mitglieder oder gar 160.000 Rassekaninchenz\u00fcchter polemisch in ihrer B\u00fctt verbr\u00e4mt, der mediale Gegenwind w\u00e4re ihr erspart geblieben. Doch sie r\u00fcttelte an einem Thema, das mittlerweile zum Politikum geworden ist und das nur ein Bekenntnis kennt: Akzeptanz und keinen kritischen Diskurs. Deutschland geriert sich so, und das seit j\u00fcngstem auch zu Karneval, zum \u201eMoralapostolat\u201c wie es der Philosoph Horst G. Herrmann in seinem gleichnamigen Buch beschrieb. Die Geburt der westlichen Hypermoral ist kein Geschenk des Katholizismus und seiner ausgelassenen Lebensfreude, die sich im Karneval fulminant entz\u00fcndet und die Sinnlichkeit frenetisch vor dem Beginn der Fastenzeit noch einmal feiert und zelebriert, sondern ein Produkt aus dem Geist der Reformation, Luthers Verbotskultur und der protestantischen Vernunftlogik.<\/p>\n<p><strong>Kalauer \u00fcber Ostdeutsche, Donald Trump und die AfD sind willkommen<\/strong><\/p>\n<p>Wer Kalauer \u00fcber Ostdeutsche, die Braunen in Brandenburg oder die auf falschem Kurs segelnde AfD macht, gegen Donald Trump als \u201eKanalratte aus Washington\u201c hetzt, ist im politischen Berlin hochwillkommen. Zu noch mehr Meriten kommt der, der Sachsen-Bashing betreibt. Und wer gegen Gender, Unisex und \u201edivers\u201c polemisiert, dem wird sogar w\u00e4hrend der Faschingszeit der politische Pranger errichtet und die mediale Schelte folgt wie ein Gewittersturm. Und so hatten es die Reaktionen aus dem \u201eMoralapostolat\u201c auf AKKs B\u00fcttenrede in sich. \u201eErzkonservativer Wind\u201c kritisierte SPD-Generalsekret\u00e4r Lars Klingbeil. \u201eWieder so ein Tag zum Fremdsch\u00e4men\u2026 Ist es so schwierig, eine humorvolle Narrenrede zu halten, ohne platt auf Minderheiten einzudreschen?\u201c, twitterte der FDP-Bundestagsabgeordnete Jens Brandenburg, der Fraktionssprecher f\u00fcr die Anliegen von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen (LSBTI) ist. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die LINKE) sprach von einem \u201eTrauerspiel\u201c: \u201eDie Vorsitzende der gr\u00f6\u00dften Bundestagspartei findet es lustig, auf Stammtischniveau am Karneval Menschen zu denunzieren, die nicht der geltenden Machonorm entsprechen. Ein Jammer.\u201c Sven Lehmann von den Gr\u00fcnen forderte gleich in einem Offenen Brief eine Entschuldigung und fragte rhetorisch: \u201eHallo Frau Kramp-Karrenbauer, haben Sie es wirklich n\u00f6tig, f\u00fcr einen billigen Kalauer sich auf Kosten von inter- und transsexuellen Menschen lustig zu machen? Wenn ja, dann w\u00e4re das wahnsinnig peinlich.\u201c<\/p>\n<p>Resignierend ist festzuhalten: Die Emp\u00f6rungskultur hat in Deutschland wieder einen traurigen H\u00f6hepunkt erreicht und selbst der Humor ist in die Ketten des politischen Mainstreams gelegt und damit seiner kritischen Funktion entkleidet. \u201eErlaubt ist nicht, was gef\u00e4llt\u201c, sondern, auch diese Erfahrung musste Goethes Tasso machen, \u201eErlaubt ist, was sich ziemt\u201c. Droht uns nun, so lie\u00dfe sich mit Alexander Kissler fragen, ein \u201eHumorw\u00e4chterstaat\u201c?<\/p>\n<h1><strong>Greta Thunberg bleibt eine Marionette linken Mainstreams<\/strong><\/h1>\n<p>Die Welt hat ein neues Orakel. Delphi ist out, die 16-j\u00e4hrige Schwedin Greta Thunberg in. Seit dem Klimagipfel in Katowice und ihrem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum 2019 in Davos ist die Sch\u00fclerin so etwas wie die selbstinkarnierte Vernunft des Wahren, Guten und Sch\u00f6nen. Wer gegen den Jungsporn und ihr Wertebild wettert, erntet einen gewaltigen Shitstorm.<\/p>\n<p>Und dabei spricht Greta nur das aus, was Millionen von Intellektuellen schon seit Jahren kritisieren. Gegen die einst vom Philosophen Hans Jonas als Maxime der Weltvernunft geforderte \u201eHeuristik der Furcht\u201c und seinem eindringlichen Appell vor einem m\u00f6glichen Klimakollaps wirkt Gretas Warnruf wie eine Inszenierung aus fremder Hand, die dabei aufgrund ihrer viralen Verbreitung per se schon unter Ideologieverdacht steht. Das Ganze scheint wie eine perfide Indoktrination aus Kindermund, apodiktisch, anklagend und besserwisserisch. Und es f\u00e4llt einem tats\u00e4chlich sehr schwer, diesem lebendigen \u201cWeltgewissen\u201d, das wie Hegels Weltgeist nicht zu Pferde, um so pr\u00e4senter jedoch durch die Medien geistert, auch nur einen Funken von Authentizit\u00e4t abzugewinnen. Selbst wenn Kindermund bekanntlich Wahrheit kundtut, und Charles Dickens gar Kindern attestiert, Ungerechtigkeiten autark aufzusp\u00fcren, geradezu sensibel fein zu ventilieren \u2013 und selbst wenn Mahatma Gandhi einst den Weltfrieden gleich in Kinderhand legte, so ist die Orchestrierung von Greta Thunberg durch das \u201esoziale\u201c Gewissen der Medien nichts anderes als eine von links gesteuerte Medienmache, die einem Kind nichts anderes als ein fertiges Parteiprogramm aus linker Hand in den Mund legt.<\/p>\n<p>Wer, wie CDU-Generalsekret\u00e4r Paul Ziemiak per Twitter, am intellektuellen Gehalt von Greta Thunbergs Aussagen zweifelt, die \u2013 wie seherisch \u2013 den deutschen Kohleausstieg 2038 absurd findet und das Ganze, wo es eben auch hingeh\u00f6rt, in die Ideologiekiste wirft, ger\u00e4t sogleich ins Visier linken und gr\u00fcnen Gutmenschentums. Gr\u00fcnen-Politikerin Renate K\u00fcnast spricht von Gef\u00fchlsk\u00e4lte und attestiert dem CDU-Politiker Unchristlichkeit; die Linke-Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler kommentiert: \u201eWie klein muss eigentlich Ihr Selbstbewusstsein sein, dass Sie sich als CDU-Generalsekret\u00e4r an einer 16-J\u00e4hrigen aus Schweden abarbeiten m\u00fcssen?\u201c Und auch der Aachener Gr\u00fcnen-Politiker Alexander Tietz-Latza reiht sich mit Vehemenz ein, wenn er schreibt: \u201eEine 16-J\u00e4hrige mit Vision &amp; Weitblick gebasht von einem Generalsekret\u00e4r mit Realit\u00e4tsverweigerung.\u201c<\/p>\n<p>Zimiaks Kritik bezog sich auf ein Interview der schwedischen Sch\u00fclerin mit der Deutschen Presse-Agentur, wo Thunberg kritisierte, dass Deutschland erst 2038 ganz aus der Kohle aussteigen will. \u201cDas ist absolut absurd. Und die Leute denken, das w\u00e4re etwas Gutes\u201d, sagte sie in Stockholm.<\/p>\n<p>Man kann sich in Deutschland angesichts solcher Diskussionen mit wachem Verstand nur noch fragen, wo der gesunde Menschenverstand geblieben ist. Nat\u00fcrlich ist es sch\u00f6n und bewundernswert, wenn Kinder Zukunftsvisionen haben, den Zeitgeist und die verlogene Selbstinszenierungsmaschinerie des politischen Diskurses kritisieren, doch ein derartiger Hype um eine Sch\u00fclerin geht eindeutig zu weit. Wenn Linke und Gr\u00fcne ein derartiges Vertrauen in den kindlichen Geist haben, dann sollten sie auch im Bundestag ihre Pl\u00e4tze doch f\u00fcr Sch\u00fcler_innen und Sch\u00fcler freimachen, vielleicht bewegt sich dann wirklich etwas in der Gesellschaft, wenn Visionen statt Ehrgeiz, Willen zur Macht und Postenabsicherung regieren.<\/p>\n<p>Pikant am Fall Greta Thunberg, die am Asperger-Syndrom leidet, einer Variante des Autismus, das einerseits mit tiefgreifenden Entwicklungsst\u00f6rungen einhergeht, andererseits auf eine schwach ausgepr\u00e4gte soziale Interaktion sowie auf ein stereotypes Verhalten mit eingeschr\u00e4nkten Interessen verweist, ist aber nun die Tatsache -wie ARD Stockholm per Twitter mitteilte -, dass der schwedische Unternehmer Ingmar Rentzhog mit Greta f\u00fcr die Neuemission seines Unternehmens \u201eWe don\u2018t have time\u201c geworben\u201c habe und rund 1 Mio. \u20ac eingesammelte. So ganz vom Gutmenschentum durchdrungen scheint die Causa Greta Thunberg also auch nicht zu sein. Das Allzumenschliche stellt auch ihr ein Bein, denn ihr reiner Idealismus steht und f\u00e4llt letztendlich mit einer pekuni\u00e4ren Verrechnungslogik, die ihre hehren Werte banalisiert. Nun ist zu vermuten, dass Thumberg selbst in \u201ePanik\u201c ger\u00e4t, in eine Panik, die sie in Davos der Weltgemeinschaft w\u00fcnschte, als sie betonte: \u201eIch will, dass ihr in Panik geratet!\u201d<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist es zu begr\u00fc\u00dfen, wenn eine neue Generation Mut zur Kritik hat, sich eine kritische Generation peu \u00e0 peu herauskristallisiert und f\u00fcr ihre Zukunftsinteressen vehement eintritt; ein Wunsch an die junge Generation, den sich auch LINKE-Politiker Gregor Gysi von einer kraftvollen, politischen Jugend w\u00fcnscht und erwartet, dass sie sich einfach nicht zu viel gefallen l\u00e4sst: Dennoch wirken mit der Marionette Greta Thunberg derartige politische Ambitionen aus Kinderhand zu k\u00fcnstlich, zu gestellt und verlieren daher das Wichtigste \u2013 ihre Authentizit\u00e4t. Und die bedarf es in der Klimadebatte um so mehr.<\/p>\n<h1><strong>Wir brauchen mehr Europa &#8211; Interview mit Manfred Weber<br \/>\n<\/strong><\/h1>\n<p>The European traf von Chef der EVP-Fraktion im Europ\u00e4ischen Parlament und m\u00f6glichen neuen EU-Kommissionspr\u00e4sidenten Manfred Weber zum Gespr\u00e4ch und sprach mit ihm \u00fcber die Zukunft Europas, seine Visionen und warm es f\u00fcr uns Deutsche besser ist, sich als Europ\u00e4er zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p><em>Immer wieder wird das Thema Fl\u00fcchtlinge von Populisten angeschoben, wie k\u00f6nnte man endlich diese Problematik zielf\u00fchrend beenden. Oder anders gefragt: Was w\u00e4re die L\u00f6sung bei der Fl\u00fcchtlingsfrage. \u201eSie hatten betont, Europa darf sich nicht abschotten\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Wir haben viel erreicht. Die Fl\u00fcchtlingszahlen sind gegen\u00fcber 2015 um 85 Prozent im Mittelmeer zur\u00fcckgegangen. Europa ist heute deutlich besser im Vermeiden von illegaler Migration aufgestellt. Wenn wir Menschen und Vertrauen zur\u00fcckgewinnen wollen, m\u00fcssen wir \u00fcber Erfolge sprechen. Und wir m\u00fcssen den Streit zwischen den Regierungschefs in Europa selbst beenden. Europa muss mit einer Stimme sprechen.<\/p>\n<p><em>Sie sind der Spitzenkandidat der EVP bei der Europawahl und beerben m\u00f6glicherweise Jean-Claude Juncker. Welche Zielsetzungen haben Sie an dieser Schaltstelle der Macht?<\/em><\/p>\n<p>Es gibt zun\u00e4chst praktische Fragen, die wir anpacken m\u00fcssen. Europa muss seine Wirtschaftskraft erhalten, es muss in Forschung und Innovationen investiert und die Au\u00dfengrenzen gesichert werden. Ich spreche mich auch daf\u00fcr aus, dass wir die T\u00fcrkei-Gespr\u00e4che beenden und zu Nachbarkeitsgespr\u00e4chen \u00fcbergehen. Aber das gr\u00f6\u00dfere Thema ist, wie wir es am Brexit gerade erleben, dass die Menschen viel zu viel Distanz zu Europa haben. Meine gro\u00dfe Vision ist es, dass die Menschen Europa als ihre Heimat empfinden, wo man sich auf diesem Kontinent wohlf\u00fchlt. Es geht um mehr als nur um die Frage, politische und technische Antworten zu geben.<\/p>\n<p><em>Sie sprechen immer von einer inhaltlichen Neuorientierung der CSU. Welche Themen k\u00f6nnten das schwerpunktm\u00e4\u00dfig sein? Die Gr\u00fcnen besetzen Umwelt- und Klimathemen und fahren damit in der W\u00e4hlergunst ganz nach vorn. Wie sollte sich die CSU aufstellen?<\/em><\/p>\n<p>Die Menschen sp\u00fcren, dass wir in Zeiten Leben, die gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen hervorrufen, sei es die Globalisierung, die Digitalisierung, der Klimawandel oder die Migration. Uns geht es gut, aber die Sorge, dass es so m\u00f6glicherweise nicht weitergeht, dominiert ebenso. Und dieses Grundgef\u00fchl, das bei den Menschen existiert, muss \u00fcberwunden werden. Dazu braucht die CDU in vielen Bereichen mehr Kreativit\u00e4t. Und wir m\u00fcssen raus aus der Ein-Themen-Partei, denn wenn wir nur \u00fcber Migration reden, machen wir uns auch klein. Dann wird die Gr\u00f6\u00dfe der Volkspartei CSU nicht deutlich. Wir sollten uns daher mehr um die Sorgen der Menschen k\u00fcmmern und innovativer sein.<\/p>\n<p><em>Die Gemengelage mit der Schwester, der CDU, war im Jahr 2018 nicht besonders diskurf\u00e4hig, was w\u00fcnschen Sie sich mit Blick auf die CDU und einen m\u00f6glichen Kanzler?<\/em><\/p>\n<p>Die CSU muss deutlich machen, dass wir eigene Interessen durchsetzen. Und wir m\u00fcssen auch mal die Krallen zeigen, wenn es sachlich notwendig ist. Aber klar ist auch, dass wir bei der \u00fcberwiegenden Anzahl der Themen eine geeinte Union sind. Die Menschen erwarten vor allen in Zeiten der Ver\u00e4nderungen, dass wir uns als diese geeint Union auch f\u00fcr die Interessen und Sorgen der B\u00fcrger stark machen. Also Schluss mit den Streitereien.<\/p>\n<p><em>Was w\u00fcnschen Sie sich f\u00fcr Europa?<\/em><\/p>\n<p>Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl und Identit\u00e4t. Dass wir uns als Deutsche auch als Europ\u00e4er f\u00fchlen. Nur so werden wir global unsere Interessen durchsetzen setzen k\u00f6nnen. Wir sind ein gro\u00dfes Land und wirtschaftlich stark, aber wir werden jeden Tag im Vergleich zu China und Russland schw\u00e4cher. Und deswegen ist auch unsere Zukunft als gro\u00dfes Land nur in einem geeinten Europa m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>Das Interview wurde auf einer Veranstaltung der Neuen Passauer Presse gef\u00fchrt.<\/p>\n<h1><strong>Wir m\u00fcssen mehr auf die Menschen zugehen &#8211; Interview mit Mike Mohring<br \/>\n<\/strong><\/h1>\n<p>Viele Menschen haben das Gef\u00fchl, dass sie mit ihrer erk\u00e4mpften Meinungsfreiheit wieder an Grenzen sto\u00dfen und merken, wenn meine Meinung nicht opportun ist, werde ich in eine Ecke gestellt, sagt der CDU-Fraktionschef von Th\u00fcringen und Spitzenkandidat bei der Landtagswahl 2019, Mike Mohring, im Gespr\u00e4ch mit dem \u201cThe European\u201d.<\/p>\n<p><em>Was hat Angela Merkel falsch, was richtig gemacht?<\/em><\/p>\n<p>Aktuell ganz richtig, nicht mehr f\u00fcr den Parteivorsitz zu kandidieren. Das hat in der Partei einen lebendigen Prozess ausgel\u00f6st, der tut den Mitgliedern und der Demokratie gut. In Merkels Amtzeit f\u00e4llt die st\u00e4rkste, lang anhaltende Konjunkturphase Deutschlands. Dass es diesem Land gut geht, liegt auch an der Regierungspolitik von Angela Merkel.<\/p>\n<p><em>Wer ist der richtige Kandidat f\u00fcr das Amt des Parteivorsitzenden?<\/em><\/p>\n<p>Alle drei sind gut Kandidaten, sowohl Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer als auch Jens Spahn. Es wird ein spannendes Rennen werden, und es ist v\u00f6llig offen, wie es ausgeht. Ich bin selbst neugierig auf dem Parteitag und freue mich auf Reden der Bewerber. Unser Beitrag zum Ergebnis ist ein kleiner, wir Th\u00fcringer stellen nur 24 von 1001 Delegierten.<\/p>\n<p>_ Was verbindet Sie mit Sebastian Kurz?_<\/p>\n<p>Ich bewundere es sehr, dass er mutig an die Spitze der \u00d6VP gegangen ist und seine Partei umgekrempelt und als neue Volkspartei belebt hat. Er macht eine gute und souver\u00e4ne Regierungspolitik und hat auch in der EU-Ratspr\u00e4sidentschaft \u00d6sterreichs gezeigt, dass auch kleinere L\u00e4nder in Europa eine gro\u00dfe Rolle spielen k\u00f6nnen. Deshalb war er auch mein Gast in Th\u00fcringen zum gro\u00dfen Jahresempfang meiner Fraktion.<\/p>\n<p><em>In den letzten Wochen wurde intensiv \u00fcber den UN-Migrationspakt debattiert. Deutschland hat im Bundestag positiv dar\u00fcber abgestimmt. War das richtig?<\/em><\/p>\n<p>Die sich auskennen sagen, dass \u00fcberall in der Welt Standards verbessert werden und Deutschland nicht als das Hauptzufluchtsland \u00fcbrig bleibt, weil dort die besten Bedingungen herrschen. Und es entlastet uns, wenn vor Ort, wo Flucht beginnt, die Ursachen bek\u00e4mpft werden, wenn die Standards in anderen Zufluchtsl\u00e4ndern verbessert werden. Die scharfe Debatte ist ein leider nicht einmaliges Ergebnis Berliner Politik. Es wird zu sp\u00e4t und zu unwirksam informiert und reagiert und das Wort am Anfang anderen \u00fcberlassen. Im Bundestag und jetzt auf dem Bundesparteitag wird \u00fcber das F\u00fcr und Wider diskutiert, so wie es Jens Spahn und ich angeregt haben. Wenn der Eindruck besteht, die Themen der Leute seien nicht die Themen der Volkspartei CDU, entsteht eben das, was man in den Sozialen Netzwerken jetzt erlebt konnte, eine Riesenkampagne mit vielen Falschinformationen und einem unwohligen Gef\u00fchl. Argumente dringen kaum noch durch, und es entsteht eine mediale Parallelwelt aus vorgefassten Meinungen.<\/p>\n<p><em>Leben wir in einer Maulkorb-Politik? Oft hat man ja den Eindruck, dass man seine Meinung nicht mehr sagen darf. Sie haben mal betont! \u201eWir k\u00f6nnen nicht jeden zum Nazi machen, der seine Meinung sagt\u201c. Die Ostdeutschen, so scheint es jedenfalls, sind sp\u00e4testens seit 2015 noch kritischer und lassen sich den Mund nicht verbieten.<\/em><\/p>\n<p>Das ist die Wahrnehmung. Zumal, wir Ostdeutschen sind doch viel reflektierter und kritischer. Es gibt kein gewachsenes Zutrauen in Institutionen. Das alles muss immer wieder hart erarbeitet werden. Viele Menschen haben das Gef\u00fchl, dass sie mit ihrer erk\u00e4mpften Meinungsfreiheit wieder an Grenzen sto\u00dfen und merken, wenn meine Meinung nicht opportun ist, werde ich in eine Ecke gestellt. Die Leute wollen in der Freiheit auch die Garantie haben, die Freiheitsrechte auch nutzen zu k\u00f6nnen. Viele sp\u00fcren, dass das in einer vermeintlich politisch-korrekten Welt nicht so akzeptiert wird. Und dann gibt es auch gro\u00dfe Zeitschriften, die Sachsen auf einem schwarzen Titelblatt mit Runenschrift endend beschreiben und damit ein Bild erzeugen, der Osten sei ein Landstrich des Rechtsextremismus. Wenn diese kollektive Beschreibung eines ganzen Landes oder Bev\u00f6lkerungsgruppe hingenommen werden muss, dann reagieren einige Menschen so heftig, wie wir es gerade erleben.<\/p>\n<p><em>Was hat Bodo Ramelow falsch gemacht?<\/em><\/p>\n<p>Ramelows Regierung ist deutlich ideologisch gesteuert. Das f\u00e4llt dem Land unter anderem im Bereich der Bildungspolitik und der inneren Sicherheit auf die F\u00fc\u00dfe, aber auch in der Asylpolitik oder bei einer Verdreifachung von Windvorrangfl\u00e4chen. Wo geliefert werden m\u00fcsste, wird nicht geliefert, zum Beispiel bei der Verwaltungsreform, der Personalentwicklung oder Digitalisierung. Am Ende sind es verlorene Jahre f\u00fcr Th\u00fcringen, weil die Substanz verbraucht wird. Die Steuereinnahmen sind hoch wie nie, aber die Investitionsquote sinkt. Diese Jahre aufzuholen, wird anstrengend werden, weil die Rahmenbedingungen komplizierter sind, weil die Zinsen steigen werden, weil die globale Wirtschaftsentwicklung schwieriger werden und die Handelsbeziehungen belastet sind.<\/p>\n<p><em>Wenn man aus Bayern kommt, hat man das Gef\u00fchl, dass es den Osten gar nicht gibt. Nur Nazis, so die Vorurteile. Wird der Osten weiter abgeh\u00e4ngt, versinkt der Osten wieder in der Bedeutungslosigkeit?<\/em><\/p>\n<p>Wenn man nach Th\u00fcringen und Sachsen schaut, sieht man zwei starke Bundesl\u00e4nder. Das Problem ist, dass wir immer wieder darum k\u00e4mpfen m\u00fcssen, dass es so bleibt und wir wahrgenommen werden. Auch deshalb werden Michael Kretschmer und ich f\u00fcr das Pr\u00e4sidium der CDU kandidieren, damit der Osten auch eine Stimme in der obersten Parteispitze hat. Wenn wir selbst nicht f\u00fcr uns werben, werden es andere nicht f\u00fcr uns tun. Es geht um eine Gespr\u00e4chsebene auf Augenh\u00f6he. Viele Ostdeutsche haben das Gef\u00fchl, dass sie nicht mehr auf dieser Augenh\u00f6he wahrgenommen werden, ihre Biografien nicht wertgesch\u00e4tzt werden, ihre eigene Lebensleistung nicht anerkannt wird. Das spitzt sich gerade bei der \u00e4lteren Generation in der Rentenfrage zu. Da muss man tats\u00e4chlich hinschauen, ob Lebensleistungen nicht angemessen gew\u00fcrdigt werden.<\/p>\n<p><em>Das ist ein Programm gegen die AfD?<\/em><\/p>\n<p>Ja, absolut, aber das ist nur ein Punkt. Die AfD spielt ja mit diesen \u00c4ngsten und mit diesen Verlusten und dem Abgeh\u00e4ngtsein. Die richtige Antwort ist: die Politik muss ihren Job machen, die Menschen respektieren und der Staat handlungsf\u00e4hig sein. Die Dinge m\u00fcssen zum Ergebnis gef\u00fchrt werden, und wir d\u00fcrfen nicht in der Analyse verharren. Wenn wir das schaffen, gewinnen wir auch die Herzen und das Vertrauen und Zutrauen der B\u00fcrger zur\u00fcck.<\/p>\n<p><em>Hei\u00dft der neue Ministerpr\u00e4sident Th\u00fcringens Mohring? Und was w\u00fcrde er anders machen?<\/em><\/p>\n<p>Das allerwichtigste ist, Politik mit den Menschen und den Kommunen gestalten. Das klingt wie eine Binse, und scheint doch so schwer zu sein. Bei Rot-Rot-Gr\u00fcn erleben wir gerade das Gegenteil. Deshalb geht es auch um neue Gemeinsamkeit, darum, zuzuh\u00f6ren, daf\u00fcr notfalls auch mal Tempo rauszunehmen und nie zu vergessen, dass auch der andere m\u00f6glicherweise Recht hat. Wenn wir das zum Credo allen politischen Handelns macht, dann kann man erfolgreicher Politik gestalten als die linke Landesregierung, aber vielleicht auch besser als wir es bis 2014 getan haben. Nicht umsonst sind wir in die Opposition gekommen. Wenn die Leute wahrnehmen, dass wir in dieser neuen Rolle etwas gelernt haben, den Perspektivwechsel verstanden haben und neu durchstarten, dann haben wir wieder eine Chance, das Zutrauen zu gewinnen, was uns einst verloren gegangen ist.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Das Banking wird sich in der Zukunft deutlich ver\u00e4ndern<\/strong><\/p>\n<p>\u201cIch bin \u00fcberzeugt, dass sich das Banking der Zukunft noch einmal deutlich ver\u00e4ndern wird. Und durch die Digitalisierung wird die Ver\u00e4nderung nie mehr so langsam fortschreiten wie heute. Vor zehn Jahren h\u00e4tte kaum jemand gedacht, dass sich so etwas wie Mobile Banking durchsetzen w\u00fcrde\u201d, sagt der Vorstandsvorsitzender der comdirect bank AG im Interview mit \u201cThe European\u201d.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/arno-walter\/15116-interview-mit-arno-walter\">comdirect bank AG<\/a><\/p>\n<p><em>Herr Walter, nicht alle Bundesb\u00fcrger wickeln ihre Bankgesch\u00e4fte \u00fcber Direktbanken ab. Was ist eine Direktbank?<\/em><\/p>\n<p>Nicht alle, aber immer mehr, was uns nat\u00fcrlich freut. Direktbanken gibt es bereits seit Mitte der 1990er Jahre. comdirect beispielsweise feiert 2019 das 25-j\u00e4hrige Bestehen. Im Gegensatz zu klassischen Banken verzichten Direktbanken auf Filialen \u2013 stattdessen findet man ihre Angebote ausschlie\u00dflich online und digital, weshalb Direktbanken auch Online- oder Digitalbanken genannt werden. Man kann heute sagen, dass Direktbanken Fintechs erster Stunde sind: eine Mischung aus IT-Unternehmen und Bank.<\/p>\n<p>Der Kontakt zum Kunden erfolgt per Telefon, E-Mail, (Video)-Chat oder Kontaktformular. Urspr\u00fcnglich auch per Fax oder auf dem Postweg, aber das hat sich mittlerweile stark reduziert. Unsere Kunden sind \u00fcberwiegend selbstbestimmte Entscheider, gerade auch beim Thema Finanzen. Sie wollen keine klassische Bankberatung. Aber wenn sie Fragen haben, erwarten sie von ihrer Bank, rund um die Uhr erreichbar zu sein, auf m\u00f6glichst vielen Kan\u00e4len. comdirect bietet eine 24\/7 Kundenbetreuung, an allen Tagen im Jahr. Filial\u00f6ffnungszeiten gibt es f\u00fcr unsere Kunden nicht.<\/p>\n<p>ADVERTISING<\/p>\n<p><em>Banken stehen vor neuen Herausforderungen. Der Wettbewerb wird immer h\u00e4rter. Smartphonebanken, aber auch Google, Amazon, Facebook, Apple und Alibaba spielen bei Bankgesch\u00e4ften eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Wie kann comdirect auf dem Markt der Global Player mithalten?<\/em><\/p>\n<p>Das stimmt, noch nie war das Wettbewerbsumfeld f\u00fcr Direktbanken so herausfordernd wie heute. Zu den von Ihnen genannten Wettbewerbern sind in den letzten Monaten noch Vergleichsplattformen hinzugekommen, die momentan aggressiv um Bankkunden werben. Durch die EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 m\u00fcssen Banken die Kundenschnittstelle f\u00fcr Dritte, also auch f\u00fcr Fintechs oder Big Techs wie Google, Amazon und Co., freigeben. Das erh\u00f6ht den Wettbewerbsdruck nat\u00fcrlich stark.<\/p>\n<p>comdirect hat sich entschieden, f\u00fcr bestimmte Dienstleistungen mit den Global Playern zu kooperieren. Damit holen wir unsere Kunden dort ab, wo sie sich sowieso befinden: Viele nutzen beispielsweise Sprachassistenten wie die von Amazon oder Google. comdirect war die erste Bank in Deutschland mit einem Alexa Skill, also einer Anwendung f\u00fcr Amazons Sprachassistenten. Wir waren auch Launchpartner bei Google Assistant und Google Home. Zun\u00e4chst waren damit nur Kursabfragen m\u00f6glich. Heute informiert Alexa unsere Kunden bei Kursver\u00e4nderungen automatisch. \u00dcber Google Home kann der Kontostand abgefragt oder eine \u00dcberweisung vorbereitet werden, mit der Google Assistant App sogar von jedem Smartphone ohne weitere Endger\u00e4te.<\/p>\n<p>Insbesondere beim Bezahlen beobachten wir deutliche Ver\u00e4nderungen: Die Nutzung von Bargeld nimmt auch in Deutschland ab, Kartenzahlungen nehmen zu. Dabei wird vor allem das kontaktlose Bezahlen immer interessanter. Hier h\u00e4lt man die Karte lediglich vor ein entsprechendes Leseger\u00e4t und muss bei Betr\u00e4gen unter einer bestimmten Grenze (bei Visa sind es 50 Euro) weder eine PIN eingeben noch eine Unterschrift leisten. 40 Prozent aller Kreditkarten-Transaktionen im station\u00e4ren Handel in Deutschland bezahlen comdirect-Kunden heute bereits kontaktlos.<br \/>\nMit Google Pay, was wir seit dem Deutschlandstart als Partner unterst\u00fctzen, k\u00f6nnen unsere Kunden auch mit dem Mobiltelefon kontaktlos bezahlen. Sp\u00e4ter in diesem Jahr wird comdirect Apple Pay auf den Markt bringen, das mobiles Bezahlen f\u00fcr Kunden in Deutschland sowohl schnell und bequem als auch einfach, sicher und vertraulich macht.<\/p>\n<p><em>Wie \u00fcberzeugen Sie potenzielle Kunden, Transaktionen \u00fcber comdirect abzuwickeln?<\/em><\/p>\n<p>Zum einen nat\u00fcrlich \u00fcber ein attraktives Angebot. Die Frage, welchen Preis man f\u00fcr eine Leistung zahlt, ist f\u00fcr viele Menschen von gro\u00dfer Bedeutung. Wir bieten neben einem kostenlosen Girokonto inklusive Visakarte \u00fcberzeugende Konditionen im Wertpapierhandel. Auch unsere digitale Verm\u00f6gensverwaltung cominvest ist bereits ab 3.000 Euro Einmalanlage kosteng\u00fcnstig erh\u00e4ltlich \u2013 so erm\u00f6glichen wir vielen Menschen Zugang zu einem professionellen Anlagemanagement.<\/p>\n<p>Zum anderen \u2013 und das ist meiner Meinung nach der wichtigere Aspekt \u2013 mit einem erstklassigen Serviceangebot f\u00fcr die Kunden. Wir wollen unseren Kunden mit innovativen L\u00f6sungen das Leben freier und einfacher machen. Unsere comdirect App beispielsweise hat f\u00fcr ihr nutzerfreundliches Design in diesem Jahr drei wichtige Auszeichnungen gewonnen. \u00dcberweisungen lassen sich damit so einfach, schnell und sicher wie m\u00f6glich ausf\u00fchren \u2013 auch per Sprache und Chat. Alle Finanzen sind dort \u00fcbersichtlich auf einen Blick erfassbar. Bei Kontobewegungen werden Kunden, so gew\u00fcnscht, per Push-Benachrichtigung informiert.<\/p>\n<p>Auch im Wertpapierhandel haben wir smarte L\u00f6sungen entwickelt. Mit dem Anlageassistenten beispielsweise kann die Produktauswahl vereinfacht werden, der Depotmanager inklusive Analyse- und Simulationsfunkton zeigt Optimierungspotenziale auf.<\/p>\n<p>Unser Ziel ist es, der smarte Finanzbegleiter insbesondere einer zunehmend \u2013auf das Smartphone fokussierten Gesellschaft zu sein. Hierf\u00fcr entwickeln wir unser Angebot kontinuierlich weiter.<\/p>\n<p><em>\u00dcberweisungen sind f\u00fcr viele Bankkunden l\u00e4stig. Auch wenn heute bereits viele Menschen Online-Banking nutzen: Auch hier muss erst der Rechner hochgefahren, sich ins Bankensystem eingeloggt und die \u00dcberweisungsdaten \u00fcbertragen werden, um dann am Ende noch m\u00fchsam den Auftrag per Transaktionsnummer zu autorisieren. Welche Alternativen bietet comdirect?<\/em><\/p>\n<p>Wir haben beispielsweise mit der comdirect App wie erw\u00e4hnt eine smarte L\u00f6sung f\u00fcr das \u00dcberweisen geschaffen. Kunden haben die Wahl zwischen der klassischen, der Sprach- und der Chat-\u00dcberweisung. Bei der Sprach\u00fcberweisung m\u00fcssen Empf\u00e4nger und Betrag lediglich eingesprochen werden. Die Chat-\u00dcberweisung macht den Geldtransfer so einfach wie eine WhatsApp-Nachricht. Hier werden Empf\u00e4nger und Betrag, gegebenenfalls auch der Verwendungszweck, einfach eingetippt. Das Besondere: Alle Transaktionen mit demselben Empf\u00e4nger werden \u00fcbersichtlich wie ein Chatverlauf dargestellt.<\/p>\n<p>Mit dem photoTAN-Verfahren k\u00f6nnen \u00dcberweisungen in der comdirect App dann in wenigen Sekunden freigegeben werden.<\/p>\n<p>Praktisch f\u00fcr unsere Kunden ist auch die Funktion, Rechnungen abzufotografieren und dadurch ins System zu \u00fcbertragen. Das Abtippen von Rechnungen entf\u00e4llt damit.<\/p>\n<p>Seit Sommer 2018 k\u00f6nnen unsere Kunden au\u00dferdem \u00dcberweisungen per Google Home oder Assistant vorbereiten. Daf\u00fcr m\u00fcssen der Name des Bankkontakts und der Betrag in den Sprachassistenten eingesprochen und mit einem Passwort freigegeben werden. Die Ausf\u00fchrung selbst mit den echten Kundendaten erfolgt dann aber gesichert bei uns im System, \u00fcber die comdirect App.<\/p>\n<p>Sie sehen: \u00dcberweisungen k\u00f6nnen heute schnell, einfach und \u00fcberall durchgef\u00fchrt werden. Und es gibt daf\u00fcr nicht nur den einen, sondern viele Wege.<\/p>\n<p><em>Customer Journey ist ein Begriff aus dem Marketing und bezeichnet die einzelnen Zyklen, die ein Kunde durchl\u00e4uft, bevor er sich f\u00fcr den Kauf eines Produktes entscheidet. Sie haben j\u00fcngst in einem Gastbeitrag betont, dass Online-Banking und eine schicke Banking App nicht mehr ausreichen, um Kunden langfristig zu binden bzw. die Kundenzufriedenheit abzusichern. Stattdessen pl\u00e4dieren Sie daf\u00fcr die Customer Journey komplett neu und konsequent aus Kundensicht zu denken?<\/em><\/p>\n<p>Genau. Damit meine ich, dass Angebote wie ein Online-Auftritt oder die schicke App nicht f\u00fcr sich alleine funktionieren, um zu \u00fcberzeugen. Das Gesamtpaket muss stimmen. Der moderne, mobile Kunde m\u00f6chte \u00fcberall und jederzeit seine Bankgesch\u00e4fte erledigen k\u00f6nnen. Kontostandabfrage morgens beim Fr\u00fchst\u00fcck \u00fcber Google Home? Kein Problem. Kursbenachrichtigung \u00fcber Alexa und anschlie\u00dfende Transaktion in der trading App? Klar. Kontoer\u00f6ffnung digital in wenigen Minuten? Selbstverst\u00e4ndlich, und mit VideoIdent entf\u00e4llt sogar der Gang in die Postfiliale. Viele Banken behaupten, dass der Kunde bei ihnen im Mittelpunkt steht. Wir gehen einen Schritt weiter: Als comdirect wollen wir uns mit unseren Dienstleistungen in das t\u00e4gliche Leben des Kunden integrieren, immer genau dann da, wenn er uns braucht.<\/p>\n<p>Woher wissen wir als Bank aber, was der Kunde will? Bei comdirect haben wir diverse Formate geschaffen, um m\u00f6glichst nah am Kunden und seinen Bed\u00fcrfnissen zu sein. So werden beispielsweise bei Produktentwicklungen sehr fr\u00fchzeitig Nutzertests durchgef\u00fchrt. R\u00fcckmeldungen von Kunden halten wir im Ideentool fest. Auch Feedback aus der comdirect Community flie\u00dft in unsere Entwicklungen ein. Nicht zuletzt geben uns Veranstaltungen mit Externen, wie beispielsweise das Finanzbarcamp, wertvolle Impulse.<\/p>\n<p><em>Die Generation Mobile setzt zwar ihren Schwerpunkt auf das Mobiltelefon und damit auf Convenience, also Bequemlichkeit. Aber bei einem sensiblen Thema wie dem Geld wollen viele mehr Informationen \u00fcber neue Produkte. Welche Informationsformate bietet die comdirect an?<\/em><\/p>\n<p>Das eine, Bequemlichkeit, schlie\u00dft das andere, n\u00e4mlich Interesse am Thema Finanzen, ja nicht aus. Im Gegenteil: Unsere Kunden sind ja gr\u00f6\u00dftenteils die selbstbestimmten Finanzentscheider \u2013 und wir unterst\u00fctzen sie darin mit diversen Bildungsformaten. Im comdirect Magazin beispielsweise beleuchten wir einzelne Anlagem\u00e4rkte. In der comdirect Akademie bilden sich Anleger kostenlos Schritt f\u00fcr Schritt weiter. Und bei Online-Seminaren k\u00f6nnen sie sich gezielt zu Themen informieren, die sie interessieren.<\/p>\n<p>Unser Engagement in Sachen Finanzbildung geht aber \u00fcber einzelne Informationsangebote hinaus. Mit der Stiftung Rechnen, die wir gemeinsam mit der B\u00f6rse Stuttgart gegr\u00fcndet haben, wollen wir die mathematische Kompetenz durch Freude am Rechnen erh\u00f6hen. Unsere Initiative finanz-heldinnen richtet sich gezielt an Frauen und m\u00f6chte deren finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit f\u00f6rdern. Und mit der Aktion pro Aktie, die wir zusammen mit anderen Direktbanken umsetzen, m\u00f6chte die Deutschen f\u00fcr die Wertpapieranlage begeistern.<\/p>\n<p><em>Auf Ihrem Blog schreiben Sie, dass sich die Bank von morgen in die Lebenswelt ihrer Kunden einf\u00fcgen muss, um zukunftsf\u00e4hig zu sein. K\u00f6nnen Sie das erkl\u00e4ren?<\/em><\/p>\n<p>Ehrlicherweise gilt das bereits f\u00fcr die Bank von heute. Kunden erwarten von ihrem Kreditinstitut das, was sie bereits aus anderen Lebensbereichen gewohnt sind: jederzeit und \u00fcberall an Informationen zu gelangen und Dienstleistungen mit wenigen Klicks zu beauftragen. Ein Bankgesch\u00e4ft muss so schnell, einfach und intuitiv zu erledigen sein wie der Kauf eines neuen T-Shirts bei Amazon.<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberzeugt, dass sich das Banking der Zukunft noch einmal deutlich ver\u00e4ndern wird. Und durch die Digitalisierung wird die Ver\u00e4nderung nie mehr so langsam fortschreiten wie heute. Vor zehn Jahren h\u00e4tte kaum jemand gedacht, dass sich so etwas wie Mobile Banking durchsetzen w\u00fcrde. Heute glauben wir, dass es sogar das Online-Banking \u00fcberholen kann. Was in zehn Jahren sein wird, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Meine Vermutung: Der Einsatz von K\u00fcnstlicher Intelligenz wird zu ganz neuartigen Nutzererlebnissen auch im Bankbereich f\u00fchren. Das ist die Zukunft.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Katharina Schulze ist erfrischend anders<\/strong><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnen sind auf der \u00dcberholspur sowohl im Bund als auch in Bayern. In Zeiten von GroKo-Krise und Migrations-Dilemma setzen viele W\u00e4hler auf frische Gesichter, auf eine unverbrauchte Politikergeneration, die weniger mit Ressentiments arbeitet, sondern aus dem Geist der Vers\u00f6hnung heraus.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/15078-der-neue-superstar-der-gruenen\">Fotograf: Andreas Gregor<\/a><\/p>\n<p>Dass Politik nicht nur eine M\u00e4nnerdom\u00e4ne ist, sondern zumeist weitaus geschickter und friedlicher von Frauen gef\u00fchrt wurde, ist bekannt. Und die Zahl aufgekl\u00e4rter Monarchinnen spricht B\u00e4nde. Sei es die \u00f6sterreichische Kaiserin Maria Theresia als Vision\u00e4rin Europas, Katharina die Gro\u00dfe als Weltmachtf\u00fchrerin, K\u00f6nigin Luise von Preu\u00dfen als Friedensstifterin, Katharina Pawlowna Romanowa, K\u00f6nigin von W\u00fcrttemberg, als Sozialreformerin oder Maria Pawlowna, Gro\u00dfherzogin von Sachsen-Weimar, als Dichterf\u00fcrstin. Die Geschichte des Abendlandes zeigte ihren feinsinnigen Esprit immer dann, wenn Frauen an der Macht oder diese umsichtig und klug eine Regentschaft mit gestalteten und verwalteten.<\/p>\n<p>Semantisch betrachtet, steht der Name Katharina seit dem vierten nachchristlichen Jahrhundert f\u00fcr Mut, Pers\u00f6nlichkeit, \u00dcberzeugungskraft und beseelter Leidenschaft. So vermochte Katharina von Alexandrien der Legende zufolge selbst Kaiserin Faustina zum Christentum zu bekehren. Auch Kaiser Maxentius konnte ihren Freiheitsdrang, ihre Ritterlichkeit und ihren Willen nicht beugen, selbst als er seine besten 50 Philosophen und Gelehrten aufbot, um Katharina vom Irrweg des Christentums abzubringen. Doch Katharina blieb standhaft bis in den Tod hinein. Dieser unb\u00e4ndige Wille der Heiligen hatte einst auch Jeanne d\u2019Arc, Johanna von Orl\u00e9ans, befl\u00fcgelt. Die Bauerntochter wurde zur Nationalpatronin Frankreichs, stand f\u00fcr Patriotismus, Wagemut und Standhaftigkeit, f\u00fcr klassische Tugenden, die sich in ihrem Frauenbild vereinigten.<\/p>\n<p><strong>Der neue Superstar der Gr\u00fcnen<\/strong><\/p>\n<p>Nun ist Katharina Schulze, der neue Superstar der Gr\u00fcnen nach der Landtagswahl in Bayern, keine Heilige, will dies partout auch nicht sein. Doch die Politologin, die seit 2013 im Bayerischen Landtag mit regiert, m\u00f6chte sich die politische B\u00fchne vorerst auch nicht streitig machen lassen. Ihre Feuertaufe jedenfalls hatte sie am 14. Oktober erfolgreich bestanden. Dass das F\u00fchrungsduo mit Ludwig Hartmann mit frischen Winden durch den Freistaat segelt, M\u00fcnchen gar das neue Herze der gr\u00fcnen Bewegung ist und unvoreingenommen f\u00fcr eine politische Kultur der Dialogf\u00e4higkeit und Bereitschaft steht, m\u00fcssen selbst viele alte CSU-Granden anerkennen. Doch wie viel Potential tats\u00e4chlich in der Gr\u00fcnen Newcomerin steckt, muss sie jetzt noch unter Beweis stellen. Die 17,5 Prozent werden ihr Gradmesser sein \u2013 H\u00fcrde, Auftrag und Ansporn zugleich.<\/p>\n<p>Kampfeswille, eine \u00fcberzeugende Rhetorik und der ungest\u00fcme Wagemut der Jugend, die Welt zu ver\u00e4ndern, zeichnet die 33-j\u00e4hrige Freiburgerin aus. Damit erweist sich Schulze nicht nur als das unverbrauchte Gesicht der ewig n\u00f6rgelnden Gr\u00fcnen samt Gesinnungsethik, \u00d6kokrawall und Verbotskultur, sondern als Frischzellenkur, die die Partei tats\u00e4chlich in die b\u00fcrgerliche Mitte f\u00fchren kann.<\/p>\n<p><strong>Erfrischend anders<\/strong><\/p>\n<p>Das Macho-Gehabe bayrischer Politiker l\u00e4sst sie unbeeindruckt wie ein Alpengewitter an sich vorbeiziehen. Und gegen\u00fcber dem monotonen Sing-Sang eines Anton Hofreiters, der seine politischen Statements wie ein Sprachautomat von sich hin wirft, brilliert sie mit purer Lebendigkeit und Leichtigkeit. Und auch mit der ewig anklagenden Gesinnungsrhetorik einer Katrin G\u00f6ring-Eckardt, die f\u00fcr den freudlosen Protestantismus der Gr\u00fcnen steht, hat sie wenig gemein. Und selbst von Claudia Roth unterscheidet sie sich wohltuend. Denn w\u00e4hrend bei der Vizepr\u00e4sidentin des Deutschen Bundestages ein aggressiver und anklagender Unterton immer mitschwingt, argumentiert Schulze ideologiefreier, offener und schmiegt sich somit an den Bundesvorsitzenden Robert Habeck an, der mehr die Vermittlung denn die Provokation liebt. Aber wenn es um Nazis geht, zieht auch die smarte Politikerin gern mal den Mittelfinger blank.<\/p>\n<p>Der Marsch durch die Institutionen hatte die Gr\u00fcnen \u00fcber viele Jahre lang verh\u00e4rtet, sie zu erbitterten Anw\u00e4lten ihrer politischen Ansichten und zu Ver\u00e4chtern politisch Andersdenkender werden lassen. Die Verbotskultur war nichts anderes als die verbitterte Antwort im Grabenkrieg um Anerkennung, getreu dem Motto: \u201eUnd bist du nicht willig, so brauch\u2019 ich Gewalt\u201c, wie Johann Wolfgang Goethe in seiner Ballade \u201eErlk\u00f6nig\u201c nahe Jena dichtete. Eine Verbesserung des Menschen durch Sanktionen, Erpressung, Gewalt und Willk\u00fcr galt einst als politisches legitimes Mittel linker sowie rechter aufgeladener ideologisch-totalit\u00e4rer Systeme, die den besseren Menschen eben nur \u00fcber die Opferung seiner Freiheit auf dem Folterb\u00e4nken der Diktatur repressiv zu erschaffen suchten.<\/p>\n<p><strong>Neue Aufbruchstimmung<\/strong><\/p>\n<p>Doch damit ist mit Katharina Schulze hoffentlich Schluss und eine Epoche gr\u00fcner Fehden samt Gewaltorgien geschlossen. Mit Schulze haben die Gr\u00fcnen gelernt, und daf\u00fcr stand letztendlich auch ihr Slogan im Bayerischen Landtagswahlkampf \u201eMut geben statt Angst machen! Herz statt Hetze\u201c, dass der Kampfschauplatz sinnvoller politischer Aktion nicht in der verrohten Stra\u00dfenschlacht liegt, sondern in der Kultivierung vern\u00fcnftiger Argumente auf Augenh\u00f6he. Dass Schulze hier f\u00fcr einen freien Geist des besseren Arguments steht, hatte sich beim B\u00fcrgerentscheid \u00fcber die 3. Startbahn (Bel\u00e4stigung durch L\u00e4rm und Abgase), den von ihr getragenen Protest gegen die Olympiabewerbung M\u00fcnchens (Kommerz und Profit) und bei der Diskussion um das rigide Polizeiaufgabengesetz der bayerischen CSU (Beschr\u00e4nkung individueller Freiheit) gezeigt.<\/p>\n<p>Aber es sind eben nicht nur die klassischen Themen der Gr\u00fcnen, die auf ihrer Agenda stehen. Neben Integration, einer moderaten Asylpolitik, Mobilit\u00e4tsgarantie, Bildungsoffensive und bezahlbaren Wohnraum, der \u00d6kologie, dem Fl\u00e4chenschutz, der Bewahrung der Sch\u00f6pfung, der Tierethik, dem Erhalt der Artenvielfalt und dem Klimawandel samt 100 Prozent sauberen \u00d6kostrom und Klimaschutzgesetz sind es eben immer wieder Fragen zur inneren Sicherheit, die die Vorzeigegr\u00fcne wie ein Transparent vor sich tr\u00e4gt. So wirbt sie schon einmal f\u00fcr mehr Polizei und posiert mit Spezialkommandos. Was ihr aber gegen den Strom l\u00e4uft, sind \u00dcberwachungsstaat und Vorratsdatenspeicherung. Was sie hingegen pr\u00e4feriert, sind individuelle Freiheit, Chancengleichheit und die Vision eines friedlich geeinten Europas. Diese Ideale tr\u00e4gt sie an ihrem offenen Herzen f\u00fcr jeden sicht- und sp\u00fcrbar \u2013 und diese Urspr\u00fcnglichkeit und Authentizit\u00e4t macht sie f\u00fcr viele liebenswert und w\u00e4hlbar.<\/p>\n<p><strong>Ernsthafte Konkurrenz f\u00fcr Markus S\u00f6der?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Markus S\u00f6der hingegen ist Katharina Schulze schon jetzt, wie einst Johanna von Orleans f\u00fcr den englischen K\u00f6nig Heinrich V, eine ernstzunehmende Konkurrentin und m\u00f6gliche Herausforderin \u2013 zumal sie eben nicht nur gr\u00fcne Themen bedient. Vorerst jedoch hat sie S\u00f6der aus dem politischen Wohlf\u00fchlklima in Bayern verband, die Angst vor den Gr\u00fcnen scheint zu gro\u00df. Und dennoch muss Schulze aufpassen, nicht von der CSU verbrannt zu werden, die m\u00f6glicherweise mehr in Mitte r\u00fcckt und den Gr\u00fcnen die Themen klaut. Doch von einem Spur- oder Richtungswechsel ist auch nach der Landtagswahl bei den Christsozialen wenig zu versp\u00fcren; die angek\u00fcndigte Demut des Ministerpr\u00e4sidenten, die f\u00fcr eine programmatischen Neuanfang in der CSU-Zentrale stehen sollte, ist verdampft. Ein pures Weiter-so bleibt die Devise.<\/p>\n<p>Eine ernste Gefahr f\u00fcr das Amt des Ministerpr\u00e4sidenten ist Schulze somit vorerst noch nicht, sie ist einfach zu jung und ben\u00f6tigt rein rechnerisch und rechtlich noch sieben Jahre um am Thron des Ministerpr\u00e4sidenten zu r\u00fctteln. Mit ihrem Siegeszug jedoch macht Schulze nun auch den S\u00fcden Deutschlands politisch noch gr\u00fcner, wenngleich noch nicht ganz so gr\u00fcn wie im benachbarten Baden-W\u00fcrttemberg unter Winfried Kretschmann.<\/p>\n<p><strong>Kramp-Karrenbauer w\u00e4re eine gute Wahl f\u00fcr die CDU-Spitze<\/strong><\/p>\n<p>Der Kampf um die Nachfolge um den CDU-Vorsitz hat begonnen. Friedrich Merz, Jens Spahn und Annegret Kamp-Karrenbauer sind aussichtsreiche Kandidaten, um Merkel im Amt zu folgen. Als Favoritin gilt derzeit die Politikerin aus dem Saarland. Was aber kann sie besonders gut?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/15036-kramp-karrenbauer-kaempferisch-und-korrekt\">Foto: CDU \/ Laurence Chaperon<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend in M\u00fcnchen Horst Seehofer die politische B\u00fchne auf Raten verl\u00e4sst und die G\u00f6tterd\u00e4mmerung einer langen Karriere \u00fcber dem Zenit einl\u00e4utet herrscht in Berlin eine erfrischende Morgenr\u00f6te. Deutschlands Polit-Greise verlassen die B\u00fchne. Und die Abdankung der M\u00e4chtigen impliziert den Aufstieg der J\u00fcngeren ganz Sinne des zirkul\u00e4ren Elitendenkens von Oswald Spengler. Im Poker um die Macht gleicht diese Verschiebung einem programmatischen Neuanfang, dem m\u00f6glicherweise ein Zauber innewohnt, der politisch dar\u00fcber hinaus dringend notwendig und geboten ist, will Deutschland nicht rechtskonservative franz\u00f6sische, polnische oder gar ungarische Verw\u00e4lzungen erleben.<\/p>\n<p><strong>Volkspartei wohin?<\/strong><\/p>\n<p>Politisch haben die einstigen Kraftzentren, die Volksparteien, den Beinahe-Konkurs angemeldet. Die SPD ist in der Insolvenz angekommen und stellt sich permanent die Existenzfrage. Aus der einst m\u00e4chtigen Volkspartei ist ein Club von Selbstzweiflern und Haderern geworden, die sich, um es mit Christian Lindner zu formulieren, gew\u00fcnscht h\u00e4tten, lieber \u201enicht zu regieren, als falsch zu regieren.\u201c Und selbst die Union, die jahrelang wie ein majest\u00e4tisches Dampfschiff vor Anker ging und ihren schwarzen Rauch in den \u00c4ther blies, hat kr\u00e4ftig an Fahrt verloren und schwangt zwischen Skylla und Charybdis.<\/p>\n<p>Selbst der H\u00f6henflug der AfD hat sich in eine bleierne Stille verwandelt, die insbesondere in Friedrich Merz einen Leviathan wittert, der die sagenhafte Aufstiegswelle in einen Umkehrschub verwandeln k\u00f6nnte. Die Gr\u00fcnen hingegen haben Konjunktur; kometenhaft erobern sie sich die politische B\u00fchne mit Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Die zaghafte FDP flirtet in den Hinterzimmern der Macht um ein m\u00f6gliches regierungspolitisches Comeback. Doch Jamaika scheint derzeit nur die zweite Wahl. Schwarz-Gr\u00fcn hingegen \u2013 nicht nur rechnerisch derzeit m\u00f6glich \u2013 wird gleichwohl vom Volkssouver\u00e4n gew\u00fcnscht und steht auf der Agenda der Berliner Republik ganz oben.<\/p>\n<p>Die Architektonik der politischen Landschaft in Deutschland pr\u00e4feriert derzeit eine ungeahnte Offenheit, die man die letzten Jahre unter der starren Regentschaft der Volksparteien so nicht kannte. In Zeiten dieser neuen Un\u00fcbersichtlichkeit, der tektonischen Verschiebungen, bedarf es politischer Naturen, die nicht nur \u00fcber den Tellerrand ihrer eigenen M\u00f6glichkeiten hinaus denken und die F\u00e4higkeit besitzen, den Diskurs offen zu f\u00fchren, sondern Charakteren mit politischen Weitblick und dem feinsinnigen Gesp\u00fcr f\u00fcr das, was der Fall ist. Regenten mit Scheuklappen und Realit\u00e4tsverlust dagegen sind Schattenph\u00e4nomene einer Welt von gestern.<\/p>\n<p><strong>Annegret Kramp-Karrenbauer ist keine Mini-Merkel<\/strong><\/p>\n<p>Annegret Kramp-Karrenbauer, die f\u00fcr viele zu viel Merkel ist, sich aber vehement davor wehrt, eine Mini-Merkel zu sein, w\u00e4re eine, die \u00fcber Grenzen hinweg denkt, die Diskurs und anschlussf\u00e4hig ist und die die politische Weite, die auch im Begriff des Politischen mitschwingt, ausf\u00fcllen w\u00fcrde. Sie k\u00f6nnte als Globalistin nicht nur den Parteivorsitz im Dezember \u00fcbernehmen, wie sie in einem Town Hall-Gespr\u00e4ch mit dem Publizisten und Verleger Wolfram Weimer in der Microsoft-Zentrale unter den Linden betonte, sondern gar das Kanzleramt anf\u00fchren.<\/p>\n<p>Kramp-Karrenbauer ist so etwas wie die politische Inkarnation der bodenhaften Scholle; sie ist pragmatisch, uneitel und statt Krawall schl\u00e4gt sie die leisen, die vermittelnden T\u00f6ne an. Damit verk\u00f6rpert sie die inhaltliche Weite der Ursprungs-CDU als einer Gemengelage, die in der Vielheit der Meinungen eine qualitative Kraft der Erneuerung sieht und die damit einen v\u00f6llig anderen politischen Kurs als Angela Merkel die letzten Jahre einschlagen k\u00f6nnte. Kramp-Karrenbauer oder AKK: akribisch, korrekt und kompetent, wie sich ihr Twitterkurzname auch deuten l\u00e4sst, wei\u00df, dass auch die CDU an Stahlkraft verloren, eine intrinsische Erneuerung geboten ist, um die \u201eStabilit\u00e4t im Politischen\u201c zu garantieren. Und Kramp-Karrenbauer, die von Merkels R\u00fccktritt auf Raten ebenso \u00fcberrascht war, wie das Gros der Unionspolitiker, ist sich sicher, dass eine Renaissance der CDU nur \u00fcber eine Personalie geht, die nicht selbstverliebt die Klaviatur ihrer Egomanie und Eitelkeiten spielt, sondern die sich ganz auf die Kernkompetenzen der Christdemokraten konzentriert, eine Arbeiterin im Weinberg des Politisch-Konkreten also.<\/p>\n<p><strong>Kramp Karrenbauer steht f\u00fcr die Ideale der Ur-CDU<\/strong><\/p>\n<p>Die Saarpolitikerin, die im beschaulichen P\u00fcttlingen aufgewachsen ist, ist so etwas wie der politische Keimzelle der CDU in persona, eine K\u00e4mpfernatur ohne in den Selbstinszenierungswahn eines Gerhard Schr\u00f6ders oder Joschka Fischers zu verfallen. Die Hybris der Selbstinszenierung liegt ihr ebenso fern wie ein v\u00f6lliger Gesichtsverlust und politischer Einheitsbrei.<\/p>\n<p>Kramp-Karrenbauer bleibt Merkel auch in tosender Brandung treu: Sie ist nicht der Typ von K\u00f6niginm\u00f6rderin, die im pers\u00f6nlichen Machbarkeitswahn die Messer gegen ihre einstige F\u00f6rderin wetzt, was sie moralisch als sehr integer in den politischen Grabenk\u00e4mpfen um die Macht erscheinen l\u00e4sst. Sie ist eben kein Brutus des Politischen, sondern jemand, der sich die Macht durch Eigenst\u00e4ndigkeit, Ehrgeiz und einem unb\u00e4ndigen Willen verschafft und nicht hinter der Maske des Dolchsto\u00dfes. In Zeiten von Fake News und hybrider medialer Inszenierung ist das eine Tugend, die Kramp-Karrenbauer in Personalunion verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p><strong>Eine \u201eCDU-Promenadenmischung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Kramp-Karrenbauer, die sich selbst als typische \u201eCDU-Promenadenmischung\u201c versteht, die spektral in alle Fl\u00fcgel politischer Interessen, Wahrnehmungen und Denkmuster ausgreift, sieht die Union auch dann am st\u00e4rksten, wenn diese genau dieses Polyglotte bedient, wenn sie sich gleichwohl konservativ, links und in der Mitte verortet, ohne ort- und heimatlos zu sein, weil diese Diversit\u00e4t den Markenkern der CDU und damit die Eigentlichkeit und Unverwechselbarkeit der Adenauer-Partei ausmacht.<\/p>\n<p><strong>Die Union ist dann stark, wenn sie sich breit aufstellt<\/strong><\/p>\n<p>Die Union war dann man st\u00e4rksten, wenn sie \u201ef\u00fcr alle Fl\u00fcgel Angebote hatte\u201c. Und das bedeutet f\u00fcr die liberale Katholikin, rigide Law and Order-Politikerin, auch eine Vers\u00f6hnung der politischen R\u00e4nder, der gesellschaftlichen Divergenzen und der schiefen Ebene von arm und reich. Zwischen Don Camillo, dem konservativ bewahrenden und Peppone, dem linksliberal-latent aggressiven, will Kramp-Karrenbauer vermitteln, eine Br\u00fcck schlagen. Politik muss vom Manager bis zum Bergarbeiter gespannt werden, nicht nur um soziale Vertr\u00e4glichkeit zu arrangieren und zu garantieren, sondern auch um die Prinzipen von Sozialer Marktwirtschaft und Katholischer Soziallehre miteinander zu solidarisieren, weil letztere insonderheit die Person, die Personalit\u00e4t, zum Markenkern einer politischen Ethik erkl\u00e4rt. Diese Prinzipien der katholischen Soziallehre, das Solidarit\u00e4tsprinzip, das Gemeinwohlprinzip und das Subsidiarit\u00e4tsprinzip hat sich Kramp-Karrenbauer auf die politische Agenda als soziale Wirtschaftspolitikerin geschrieben, die aber der aristotelischen Tugend der Gerechtigkeit dann Legitimit\u00e4t verschafft, wenn sie betont, dass der Rechtsstaat durch straff\u00e4llige Asylanten in seiner Geltungskraft bedroht wird und die Abschiebung die einzige Antwort darauf sein kann. Der Rechtsstaat bleibt die normative Kraft des Faktischen \u2013 eine Geltungsmaxime Kramp-Karrenbauers. Und diese normative Kraft des Staates darf keine Ausnahme vor linken oder rechten Straft\u00e4tern machen.<\/p>\n<p><strong>Kramp-Karrenbauer favorisiert eine programmbasierte Volkspartei<\/strong><\/p>\n<p>Doch von einer steten Ausdifferenzierung des politischen Parteienspektrums h\u00e4lt die geborene V\u00f6lklingerin wenig. Ihr Favorit bleibt eine programmbasierte Volkspartei, die so Kramp-Karrenbauer, einzig in der Lage sei, Bindungskr\u00e4fte freizusetzen, die das ohnehin schon zerfaserte politische System des F\u00f6deralismus energischer verkn\u00fcpfen k\u00f6nnte. Doch, was sie sich w\u00fcnscht ist, mehr Interessenausgleich auch in ihrer Union. Wie schwierig dies in Zeiten von Fake News ist, zeigt sich \u00fcberdeutlich beim Thema Digitalisierung, die als negative Folie eben auch die Eigenschaft hat statt Transparenz, Differenz zu bef\u00f6rdern. Was sie dann negativ bef\u00f6rdert, sind rechte \u201eEchokammern\u201c und zu oft eine gravierende Kluft zwischen Virtualit\u00e4t und Realit\u00e4t, die sich kommunikativ nicht ein- oder zur\u00fcckholen l\u00e4sst. Und das h\u00e4tte dann gleichsam zur Folge, dass die politische Kultur quasi monadisch zirkuliert und alternative Fakten schaffe und sich letztendlich dem Diskurs verweigere.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber w\u00fcnscht sich Kramp-Karrenbauer das Thema Digitalisierung ganz oben im Zentrum der Macht verortet, wo eben das in den Fokus gestellt werden kann, worum es ihr insonderheit bei einer humanen Digitalisierung geht, n\u00e4mlich um nichts anderen als den Menschen. Wo der digitale Prozess in seinen Verfemungs- und Verfremdungswegen hingegen die politische Kultur qua Demokratisierungsprozess diskreditiert, bedarf es notwendiger Korrekturen, da der \u201epolitische Diskurs\u201c letztendlich davon lebt, \u201edass man eine gemeinsam wahrgenommene Realit\u00e4t hat, \u00fcber die man streitet.\u201c<\/p>\n<p><strong>Zuerst muss die CDU ihre Hausaufgaben machen<\/strong><\/p>\n<p>Aber bevor Kramp-Karrenbauer daran denkt, mit wehenden Fahnen in das Kanzleramt einzuziehen, die Merkelnachfolge vielleicht schon 2019 anzutreten, will sie erst einmal ihre Hausaufgaben machen. Und dazu geh\u00f6rt die Stabilisierung der zerr\u00fctteten Union, die nach Grabenk\u00e4mpfen zwischen Berlin und M\u00fcnchen innerlich mehr denn je gespalten und wie einst die Titanic nach Rettungsbooten sucht. Und was w\u00e4re ein Blick in die Unnahbarkeit der Zukunft, wenn das Naheliegende dabei auf der Strecke bliebe? Auch hier denkt Kramp-Karrenbauer ganz pragmatisch, ohne unkritische Euphorie: zuerst gilt es schwierige Landtagswahlen 2019 und die Europawahl zu gewinnen, die Partei winterfest zu machen, das Substantielle und Gemeinsame herauszustellen, um dadurch eben jene Stabilit\u00e4t zu gewinnen, die ein kontinuierliches Regierungshandeln erm\u00f6glicht, und nicht, wie derzeit in der Gro\u00dfen Koalition, sich jeder mit Regierungsauftrag allein darum bem\u00fcht, aus der Verantwortung herauszuschleichen. \u201eMeine Hoffnung ist eine andere. Wir m\u00fcssen uns vorrangig um den Brexit und um Europa k\u00fcmmern\u201c, sagte sie auf dem Podium in Berlin. Und damit erweist sich Kramp-Karrenbauer nicht nur als versierte Sicherheits- und Sozialpolitikerin, sondern als eine, die Europa mit gestalten will, der es letztendlich auch wie Kanzlerin Angela Merkel um die architektonische Einheit Europas geht, um ein Br\u00fcckenbauen und einen politischen Diskurs, der nicht nur zwischen Frankreich und Deutschland, sondern insonderheit mit den vielen kleinen europ\u00e4ischen Staaten zu f\u00fchren ist. Eine Gespr\u00e4chsbereitschaft und Offenheit, die man sicher auch gern in Br\u00fcssel h\u00f6rt und die zum Wesenskern einer Politikerin geh\u00f6rt, die im Saarland europ\u00e4ischer politisiert und sozialisiert wurde als manch einer in Berlin. Kramp-Karrenbauer w\u00e4re also eine gute Wahl zwischen Friedrich Merz und Jens Spahn. Sie k\u00f6nnte die CDU zu alter Kraft zur\u00fcckf\u00fchren, eben weil sie energischer als Merkel ist, entschlossener und anpackt, wo die Kanzlerin abwartet.<\/p>\n<p><strong>Kommt jetzt die Stunde der Annegret Kramp-Karrenbauer?<\/strong><\/p>\n<p>Die ehemalige Ministerpr\u00e4sidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer, sorgt seit Monaten f\u00fcr einen frischeren Wind in der CDU-Parteizentrale. Seit Jahren gilt die Politikerin als aussichtsreiche Nachfolgerin von Angela Merkel. Nach dem Vericht auf das Amt des Parteivorsitzes stehen die Chancen f\u00fcr sie nicht schlecht. Doch f\u00fcr was steht die charismatische Kramp-Karrenbauer eigentlich?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14947-machtkampf-in-der-cdu\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Es gibt in Deutschland Politiker, die machen ihre Aufgaben ganz ohne gro\u00dfen L\u00e4rm. Sie sind die leisen Regenten, die Probleme nicht bloss bereden, sondern eben l\u00f6sen. Zu dieser Gattung Mensch z\u00e4hlt die ehemalige saarl\u00e4ndische Ministerpr\u00e4sidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Der Name ist ein wenig sperrig, doch die Person, die dahintersteht, geht derzeit geradlinig und geschmeidig ihren Weg nach ganz oben. In der CDU f\u00e4llt ihr Name immer h\u00e4ufiger, wenn es um die Frage geht, wer nach Angela Merkel eigentlich die Union der Zukunft verk\u00f6rpert. Der stete Aufstieg von \u201eAKK\u201c, wie sie unter Unionisten gerne genannt wird, ist bemerkenswert, gerade weil er sich so leise vollzieht. W\u00e4hrend viele Politiker fast sklavisch nach medialer Aufmerksamkeit gieren und sich geschickt in jeder Medienwelle inszenieren, pflegt AKK demonstrative Bescheidenheit.<\/p>\n<p>Seit sie das Amt der CDU-Generalsekret\u00e4rin in Berlin begleitet, schl\u00e4gt die Politikerin aber auch mal h\u00e4rtere T\u00f6ne an. Dennoch steht Kramp-Karrenbauer f\u00fcr den politischenen Ausgleich, strategische Vermittlung und damit als Br\u00fcckenbauerin, die nicht mit Kritik an der eigenen Partei spart. Nun hat die enge Vertraute von Angela Merkel die M\u00f6glichkeit, in die Fu\u00dfspuren der Kanzlerin selbst zu treten.<\/p>\n<p><strong>Die weise Politikerin<\/strong><\/p>\n<p>Vom Populismus eines Lafontaine war Kramp-Karrenbauer denkbar weit entfernt. Die studierte Rechts- und Politikwissenschaftlerin regiert auch in Berlin diskret und sachlich, mit weiblicher Vorausschau und weiser Hand, ja mit viel Geschick und dem n\u00f6tigen Gesp\u00fcr f\u00fcr Bodenhaftung. Sie ist eine Politikerin vom ur-alten Schlag, die ihre Hausaufgaben macht, die bei sachpolitischen Themen sattelfest ist und dem gesunden Menschenverstand folgt. Kramp-Karrenbauer ist uneitel und pragmatisch und steht dabei noch immer mit voller Nummer im Telefonbuch. Im Saarland galt sie als b\u00fcrgernah und hatte keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste. Vom L\u00e4rm, Selbstinszenierungswahn und einem damit verbundenen Herrschaftskult wie in Bayern hatte sie immer schon wenig gehalten. Lichtjahre trennen sie von den S\u00f6ders, Seehofers und Scheuers. So gilt sie mit ihrer ausgewogenen Art f\u00fcr viele schon seit Jahren als eine junge Angela Merkel \u2013 nur eben westdeutsch sozialisiert und dar\u00fcber hinaus einem konservativ-katholischen Milieu entstammend.<\/p>\n<p><strong>\u201eWahlkampf bei allen Windverh\u00e4ltnissen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Lange Zeit war AKK aus dem beschaulichen V\u00f6lklingen eine Art Nebendarstellerin am Rande der Republik. Ihr fehlte die Stahlkraft einer Julia Kl\u00f6ckner oder einer Ursula von der Leyen. Die Medien hatten sie kaum auf dem Schirm, f\u00fcr die h\u00f6heren Weihen war sie zu weit weg im Westen. Doch inzwischen hat sie in der innerparteilichen Akzeptanz die beiden anderen eingeholt. Sie ist der Typ von Frau, der immer untersch\u00e4tzt wird, hier Merkel nicht un\u00e4hnlich. Doch Kramp-Karrenbauer kann auch anders \u2013 auch gegen Merkel, sie ist mutiger als die Kanzlerin, hat mehr Chupze. Sp\u00e4testens 2012 war ihre Stunde gekommen und ihr Name in aller Munde. Gegen Merkels Rat hatte sie die Jamaika-Koalition an der Saar mit einem Federstrich aufgel\u00f6st und durch eine Gro\u00dfe Koalition ersetzt. Und die ehemalige Nachfolgerin von Peter M\u00fcller war seitdem aus der CDU nicht mehr wegzudenken. Kramp-Karrenbauer macht \u201eWahlkampf bei allen Windverh\u00e4ltnissen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Die Netzwerkerin<\/strong><\/p>\n<p>2016 wurde sie als Merkel-Nachfolgerin und als neue Bundespr\u00e4sidentin gehandelt, jetzt kandidiert sie f\u00fcr den Parteivorsitz. In ihrer Partei gilt sie als einflussreich und als gute Netzwerkerin. Sie genie\u00dft das h\u00f6chste Vertrauen der Kanzlerin, die ihre politischen Tugenden sch\u00e4tzt, ihre Zielstrebigkeit und Gelassenheit. Kramp-Karrenbauer z\u00e4hlt zum liberalen Kreis ihrer Partei und kann sich auf den Arbeitnehmerfl\u00fcgel verlassen. Das macht sie auch f\u00fcr SPD und Gr\u00fcne w\u00e4hlbar. Dar\u00fcberhinaus hat sie eine hohe Reputation in der Frauen-Union und unter den deutschen Katholiken. Seit Jahren ist sie Mitglied des Zentralkomitees und setzt sich dort verst\u00e4rkt f\u00fcr eine Lockerung des Z\u00f6libates, f\u00fcr die Weihung weiblicher Diakone und f\u00fcr die Verteidigung der klassischen Ehe ein. Daf\u00fcr musste sie sich den Vorwurf von SPD und Gr\u00fcnen gefallen lassen, dass sie Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie vergleiche. Doch Kramp-Karrenbauer ist weder homophob oder gar reaktion\u00e4r. Eine Ehe f\u00fcr alle geht ihr aber deutlich zu weit.<\/p>\n<p>Die Vita von AKK liest sich wie eine zielstrebige Karriereplanung: mit 19 Jahren CDU-Mitglied, sp\u00e4ter Stadtr\u00e4tin, mit 36 Jahren Bundestagsabgeordnete, dann Landtagsmitglied und Ministerin. Dabei hatte sie ihre Karriere keineswegs geplant. Hebamme oder Lehrerin waren erstmal ihre Ziele. Doch nach dem Marsch durch die politischen Institutionen, von der Lokal- in die Landespolitik, blickt das politische Talent auf eine traumhafte Karriere zur\u00fcck, gekr\u00f6nt mit den \u00c4mtern der Ministerpr\u00e4sidentin 2011 und der CDU-Generalsekret\u00e4rin 2018.<\/p>\n<p><strong>Die Getreue der Kanzlerin<\/strong><\/p>\n<p>Beim Poker um das m\u00f6gliche Kanzleramt ist Kramp-Karrenbauer eine weitere Prinzessin im Karussell, mit der zu rechnen \u2013 und mit der seit dem 29. Oktober 2018 immer mehr zu rechnen ist. Das m\u00fcssen auch ehemalige Kronprinzessinnen wie Ursula von der Leyen oder Julia Kl\u00f6ckner anerkennen. Und das wei\u00df auch die Kanzlerin, die sich der Loyalit\u00e4t Kramp-Karrenbauers sicher ist.<\/p>\n<p>Die Saarl\u00e4nderin hielt Merkel in der Fl\u00fcchtlingskrise unverbr\u00fcchlich die Treue, bezeichnete Sigmar Gabriels Kritik an Merkels Fl\u00fcchtlingspolitik als perfide und attackierte den damaligen bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten Horst Seehhofer und dessen notorische Verbalattacken gegen Berlin. Statt destruktivem Dissens klagt Kramp-Karrenbauer mehr Harmonie von der Schwester ein, die \u201eCSU ist eine Partei, die gerne mal lautere T\u00f6ne anschl\u00e4gt\u201c, bemerkt sie lakonisch.<\/p>\n<p>Mit Kramp-Karrenbauer als Parteichefin w\u00e4re nicht nur die Verj\u00fcngung der Partei eingel\u00e4utet, mit ihr w\u00fcrde auch eine Politikerin den Raum der Macht betreten, die n\u00e4her mit dem Ohr an der Stimme des Volkes ist und die sich in den Landtags-Grabenk\u00e4mpfen stets unter Beweis stellen musste. Ein stoisches Weiter-so wie unter Angela Merkel wird es mit ihr nicht geben, dazu ist sie schon als Pers\u00f6nlichkeit zu breit aufgestellt.<\/p>\n<p><strong>Hat Friedrich Merz das Kanzlergen?<\/strong><\/p>\n<p>Er gilt als konservativ und wirtschaftsliberal \u2013 der fr\u00fchere Unionsfraktionschef Friedrich Merz. Ihm k\u00f6nnte es gelingen, die CDU aus dem Umfragetief zu alter Macht zur\u00fcckzuf\u00fchren. Doch wof\u00fcr steht der Mann, den Merkel einst als politischen Gegner und Herausforderer entmachtete?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14946-wird-er-merkel-abloesen\">Bild: Youtube-Screenshot<\/a><\/p>\n<p>Das politische Berlin galt im letzten Jahrzehnt als Ein-Frau Show. Im Wesen nichts Neues. Merkel, Merkel und nochmals Merkel. Ganze Generationen kennen bis dato nur eine Regierungschefin und k\u00f6nnen sich einen F\u00fchrungswechsel \u00fcberhaupt nicht mehr vorstellen. In der Tat hatte die Kanzlerin \u2013 neben Helmut Kohl \u2013 einen bemerkenswert langen Atem und kontrollierte und f\u00fchrte die Bundesrepublik viele Jahre hindurch mit Weitsicht und Umsichtigkeit. Merkel wurde so peu a peu zur m\u00e4chtigsten Regierungschefin und zur Konstrukteurin Europas und f\u00fchrte Deutschland wirtschaftlich zum Erfolg. Doch zum Schicksalsjahr wurde der Physikerin das Jahr 2015 und die gravierenden Fehler, die sich mit ihrer falschen Migrationspolitik verbanden. Nicht nur in Deutschland wurde sie daf\u00fcr abgestraft, auch das Ausland und selbst der amerikanische Pr\u00e4sident Donald Trump reagierten mit Schrecken auf die Politik der offenen T\u00fcren. So schwer es f\u00fcr die Bilanz Merkels auch ist: am Aufstieg der AfD ist sie ma\u00dfgebend beteiligt, der Brexit geht letztendlich mit auf ihr Konto und die Vision eines geeinigten Europas steht vor einem Scherbengericht. Die Fl\u00fcchtlingsfrage hat Europa geteilt und derzeit ist der Kitt br\u00fcchiger denn je. Was Deutschland jetzt braucht, ist Mut zur Ver\u00e4nderung, was sich nicht zuletzt in einer neuen Personalie spiegeln k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Angela Merkel und Horst Seehofer angeschlagen um den Machterhalt k\u00e4mpfen, stehen die Chancen f\u00fcr einen alten Rivalen der Kanzlerin derzeit sehr gut. Friedrich Merz ist in der Partei kein Unbekannter und gilt vielen als echter Nachfolger nicht nur im Amt des Parteichefs, sondern auch als m\u00f6glicher Bundeskanzler. Von 2000 bis 2002 stand der Jurist Merz schon im Zentrum der Macht, war Vorsitzender der Unionsfraktion und von 2002 bis 2004 Vize der Unionsfraktion. Dann verdr\u00e4ngte ihn Angela Merkel aus dem Amt. Und aus diesen Tagen hat Merz noch eine Rechnung mit der Kanzlerin offen. Als Finanzexperte wurde er mit der Steuerreform auf dem Bierdeckel bekannt, als Kritiker der Migrationspolitik durch seine Leitkulturdebatte, die er als erster entz\u00fcndet hatte. W\u00e4hrend unter Angela Merkel Deutschland nicht nur zusehends nach links r\u00fcckte und Multikulti als Geschenk begriff, das die Gesellschaft bereichert, ging Merz dazu immer wieder auf Distanz.<\/p>\n<p>Mit seinem Begriff der \u201edeutschen Leitkultur\u201c kritisierte er bereits zur Jahrtausendwende den Migrationsschub von Muslimen und klagte rigoros die Akzeptanz deutscher Werte ein. In diesem Zusammenhang monierte er insbesonders traditionelle Br\u00e4uche bei Muslimen und forderte, sie m\u00fcssten \u201eunsere Sitten, Gebr\u00e4uche und Gewohnheiten akzeptieren\u201c. So verwundert es nicht, dass insbesondere Friedrich Merz in den vergangenen Jahren zum heftigsten Kritiker von Merkels Fl\u00fcchtlingspolitik wurde. Nun k\u00f6nnte sich der Protest gegen das Kanzleramt auszahlen und Merz die Meriten f\u00fcr seine Oppositionspolitik erhalten.<\/p>\n<p>Unverhofft kommt oft. So k\u00f6nnte man die politische Karriere der letzten Jahre von Friedrich Merz bezeichnen. Denn von der Showb\u00fchne der Politik war er sp\u00e4testens 2009 endg\u00fcltig verschwunden, hatte sich zusehends in der Wirtschaft etabliert und Weltpolitik als Vorsitzender des Netzwerkes Atlantik-Br\u00fccke betrieben. Der Aufsichtsratschef des gr\u00f6\u00dften Verm\u00f6gensverwalters der Welt, BlackRock, steht f\u00fcr viele Merkel-Gegner schon seit geraumer Zeit auf der Wunschliste, wenn es um die Abl\u00f6se von Merkel und eine Verj\u00fcngung der Partei geht.<\/p>\n<p>Begonnen hatte Merz als Europapolitiker. 1989 wurde er in das Europ\u00e4ische Parlament gew\u00e4hlt, dem er bis 1994 angeh\u00f6rte. Von 1994 bis 2009 war er Mitglied des Bundestages und von 1996 bis 1998 Obmann der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion im Finanzausschuss des Deutschen Bundestages. 1998 wurde Merz zun\u00e4chst stellvertretender Vorsitzender, und im Februar 2000 als Nachfolger von Wolfgang Sch\u00e4uble Vorsitzender der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion und damit Oppositionsf\u00fchrer. Nachdem die damalige Parteivorsitzende Angela Merkel den Fraktionsvorsitz f\u00fcr sich selbst beanspruchte, wurde Merz zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gew\u00e4hlt. Politisch resigniert, trat er im Dezember 2004 von diesem Amt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Im Unterschied zur Bundeskanzlerin agierte Merz nie stromlinienf\u00f6rmig, abwartend und anpassungsfreudig. W\u00e4hrend Merkel die Inkarnation des taktischen Aussitzens gewesen ist, war Merz immer schon Konfrontation pur. Merz ist kein Chameleon, das best\u00e4ndig die Farbe wechselt, auch kein Schaf, das immer der Herde hinterherl\u00e4uft und den Mainstream imitiert. Wenn es so etwas wie die Inkarnation eines Wirtschaftsliberalen gibt, dann ist es der Politiker aus dem Sauerland. Seine T\u00e4tigkeiten f\u00fcr und innerhalb der Wirtschaft hatten ihm aber nicht nur Freunde eingebracht. So kam es im Jahr 2006 zur Diskussionen \u00fcber Interessenkonflikte von Bundestagsabgeordneten, die neben ihrem Abgeordnetenmandat weitere T\u00e4tigkeiten aus\u00fcbten. 2006 hatte Merz mit acht weiteren Abgeordneten des Deutschen Bundestags beim Bundesverfassungsgericht Klage gegen die Offenlegung ihrer Nebeneink\u00fcnfte eingelegt, letztendlich aber verloren.<\/p>\n<p>Und in der Tat liest sich die Liste, wo Merz wirtschaftlich verwoben ist, wie das Who is Who der deutschen Wirtschaft. Er geh\u00f6rt zu den Aufsichtsr\u00e4ten der AXA Konzern AG, der DBV-Winterthur Holding AG, der Deutsche B\u00f6rse AG, der IVG Immobilien AG und der WEPA Industrieholding SE. Er ist Mitglied des Verwaltungsrates der BASF Antwerpen N. V. und der Stadler Rail AG sowie der HSBC Trinkaus &amp; Burkhardt. Seit Dezember 2017 ist er Aufsichtsratsvorsitzender des K\u00f6ln\/Bonner Flughafens.<\/p>\n<p>\u201eMut zur Zukunft\u201c, \u201eNur wer sich \u00e4ndert, wird bestehen\u201c und \u201eMehr Kapitalismus wagen\u201c \u2013 allein diese drei Publikationen machen deutlich, was Merz am Herzen liegt. Das merkelsche Weiter-so, der Handlungsstau in der Gro\u00dfen Koalition und eine Politik auf Zeit widersprechen dem agilen Merz. Der fordert ein klares Umdenken sowohl in der Finanz-, der Sicherheits- und der Familienpolitik. Als Wirtschaftsliberaler steht er f\u00fcr einen neuen Aufbruch, pl\u00e4diert f\u00fcr Deregulierung und Privatisierungen, will mehr K\u00fcrzungen bei Sozialleistungen und keinen Wohlfahrtsstaat, der Wahlgeschenke verteilt. Auch in Sachen Gentechnologie gilt er als Vorreiter. Der durch Merkel eingeleiteten Energiewende steht er weiterhin kritisch gegen\u00fcber und bef\u00fcrwortet die Kernkraft. 2010 unterzeichnete Merz den \u201cEnergiepolitischen Appell\u201d und pl\u00e4dierte f\u00fcr die Laufzeitverl\u00e4ngerung deutscher Kernkraftwerke. Und auch ein Jahr sp\u00e4ter noch warnte er von einer zu schnellen und un\u00fcberlegten Energiewende.<\/p>\n<p>Ob Merz energiepolitisch auf der H\u00f6he der Zeit liegt, mag man bezweifeln, wenn man den steilen Aufstieg der Gr\u00fcnen mit ihrer Nachhaltigkeitspolitik und zukunftsweisender Umweltpolitik betrachtet. Tats\u00e4chlich sind es in der Tat gr\u00fcne Themen, die immer mehr W\u00e4hler in die Arme von Annalena Baerbock und Robert Habeck treiben. Die Gr\u00fcnen hatten sich in den letzten Monaten geschickt in der politischen Mitte verortet und sowohl der Union als auch der AfD Stimmen abgenommen. Als neue \u201eVolkspartei\u201c der Mitte haben sie gute Chancen, zumindest in den n\u00e4chsten Monaten, dass der Zulauf weiter ungebremst bleibt.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke von Friedrich Merz dagegen liegt woanders. Er k\u00f6nnte es schaffen, der angeschlagenen CDU unter Angela Merkel wieder mehr Stahlkraft zu verleihen und ihren Anh\u00e4ngern den verlorenen Stolz zur\u00fcckzugeben. So bef\u00fcrwortet auch der fr\u00fchere bayerische CSU-Staatsminister Thomas Goppel die Kandidatur von Merz: \u201eEr er\u00f6ffnet damit f\u00fcr die CDU eine immense Perspektive und setzt damit auch ein Signal gegen eine weitere Erosion hin zur AfD.\u201c Kurzum: F\u00fcr viele bleibt Merz der einzige Hoffnungstr\u00e4ger, der die CDU wieder zu alter St\u00e4rke f\u00fchren kann. Das vermag ihm zu gelingen, wenn er der CDU ein klareres politisches Gesicht verpasst. Weg von Multikulti hin zu einer konservativen Verortung \u2013 das w\u00e4re f\u00fcr die Volkspartei wahrscheinlich die Rettung und w\u00fcrde sie aus der Konturlosigkeit unter Merkel wieder in mehr Sonnenlicht tauchen.<\/p>\n<p><strong>Der Zuckerbaron und Eisenbahnpionier Ludwig von Jacobs<\/strong><\/p>\n<p>Ein neues Buch im CH. GOETZ-VERLAG widmet sich der Unternehmerpers\u00f6nlichkeit Friedrich von Jacobs. Jacobs war alles in einem: Unternehmer, Politiker und Kunstm\u00e4zen. Der Zuckerbaron aus Potsdam (1794-1879) war aber auch Eisenbahnpionier. Mit dieser ganzen Breite seiner Schaffenskraft ist von Jacobs selbst zum Erfolgsmodell geworden und auch f\u00fcr heutige Leser eine interessante Leitfigur.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14952-neue-monografie-im-ch-goetz-verlag\">Wikipedia, gemeinfrei<\/a><\/p>\n<p>Innovationen pr\u00e4gen die Gesellschaft, sie sind die Motoren des Fortschritts. Doch Zukunft bedarf Herkunft, das wusste keiner besser als Odo Marquard und das wei\u00df keiner besser als Karl-Ludwig Kley, der sich auf Spurensuche in die Vergangenheit begab und einen Unternehmer der Extraklasse f\u00fcr die Gegenwart neu entdeckt hat. Herausgekommen ist eine beeindruckende Monografie.<\/p>\n<p>Entrepreneurs gibt es viele, aber nicht allen wird der Glanz zuteil, wegweisend zu agieren und Zukunft zu gestalten. Einer dieser Unternehmer war Ludwig von Jacobs, der Urururgro\u00dfvater von Karl-Ludwig Kley. Beide, sowohl der Zuckerbaron aus dem 19. Jahrhundert als auch der Ex-Merck-Chef und der derzeitige Vorsitzende des Aufsichtsrat der Lufthansa, Kley, haben der Geschichte, der Gesellschaft und ihren Unternehmen neben dem Erfolg zugleich ihr ganz pers\u00f6nliches Credo mit eingeschrieben \u2013 beide waren und sind Spitzenmanager der Zuk\u00fcnftigen, bewahren Tradiertes durch den Geist des Innovativen, sind Globalisten, denen der Horizont nicht weit genug sein kann und beide sind Br\u00fcckenbauer mit dem Gesp\u00fcr f\u00fcr das Ganze.<\/p>\n<p>Im CH. GOETZ VERLAG ist nun ein Buch erschienen, das ganz explizit die Welt von gestern und die von morgen verkn\u00fcpft. Der Industrielle Ludwig von Jacobs, Gr\u00fcnder und Gro\u00dfunternehmer im 19. Jahrhundert, einer der Glanzgestalten Brandenburgs, war alles in einem, Unternehmenslenker, Vision\u00e4r, Politiker und M\u00e4zen \u2013 und all dies in den Einband des Lebens gebunden, das 1794 begann und 1879 endete. Ein Leben ausgefaltet wie ein breites, buntes Band.<\/p>\n<p>Und wenn es so etwas wie den K\u00f6nig der Zuckerindustrie gab, dann war das mit Sicherheit Ludwig von Jacobs, der Pionier einer Industrie, die damals in ihrem Zenit stand. Dass Jacobs Vision\u00e4r war, ein Unternehmer mit Weitblick, zeigte sich explizit auch beim Einsatz neuester Technologien. Er war einer der ersten, der die Dampfmaschine in seiner Potsdamer Fabrik einsetzte. Doch der Zuckerbaron ist mehr als ein erfolgreicher Kaufmann gewesen, dem es nicht nur gen\u00fcgt h\u00e4tte, die Zuckerindustrie zu revolutionieren. Er war ein ambitionierter Grenzg\u00e4nger zugleich, ein Mensch mit Polyperspektivit\u00e4t, dem der Spartensieg nicht genug war. Als Vertriebstalent erwies sich Jacobs sp\u00e4testens dann, als er \u2013 zun\u00e4chst im Dienste seiner Zuckerinteressen \u2013 zum Eisenbahnpionier wurde und ein Gesch\u00e4ftsmodell per excellence entwickelte, das gleichwohl effizient wie nachhaltig war.<\/p>\n<p>Mit dieser ganzen Breite seiner Schaffenskraft ist von Jacobs selbst ein Erfolgsmodell und auch f\u00fcr heutige Leser eine interessante Leitfigur, dem der Facettenreichtum des Lebens Anlass und Aufgabe, ja Verantwortung war. Und der dar\u00fcber hinaus die Br\u00fccke sowohl in die Politik als auch in die Kunst schlug, einer, der sich sowohl f\u00fcr den politischen Diskurs des damaligen Preu\u00dfens interessierte, Kunst und Kultur f\u00f6rderte und sich als Architekt der damaligen Gesellschaft begriff, um in der Gemeinschaft etwas zu bewegen, das \u00fcber das reine Unternehmertum weit hinausreicht.<\/p>\n<p>Das Buch enth\u00e4lt zahlreiche unver\u00f6ffentlichte Bildnisse und Darstellungen. Und so ist es eine geistige wie sinnliche Fundgrube f\u00fcr das Unternehmertum im 19. Jahrhundert. Es ist eine Monografie, die sich r\u00fcckw\u00e4rts wie vorw\u00e4rts lesen l\u00e4sst \u2013 und die dabei immer wieder fasziniert. Dem Engagement des umsichtigen wie geschichtsinteressierten Karl-Ludwig Kley und des Historikers Sebastian Sigler, der die M\u00fchen der Ebene auf sich genommen hat, aufwendige Recherchereisen in die brandenburgische Mark unternommen, verregnete Friedh\u00f6fe und dunkle Archive durchst\u00f6bert hat, ist es zu verdanken, dass dieses Buch als liebenswertes Kleinod entstanden ist, das einen Unternehmer w\u00fcrdigt, der viel f\u00fcr Potsdam, f\u00fcr die Kultur und die Menschen getan hat und dem damit ein Denkmal gesetzt wird, das ihn aus der Vergessenheit entrei\u00dft und ihn inmitten des 21. Jahrhunderts ankommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Ideenreichtum und der ganzheitliche Ansatz eines Ludwig von Jacobs k\u00f6nnte vielen Unternehmern der Gegenwart Ansporn zur Nachahmung sein. Die Me\u00dflatte lag zumindest im 19. Jahrundert schon sehr hoch \u2013 und Jacobs war hier ein Vorzeige-Athlet.<\/p>\n<p><em>Ludwig von Jacobs, Ein Unternehmerleben im 19. Jahrhundert, Zuckerbaron und preu\u00dfischer Politiker, Hg. von Karl-Ludwig Kley, Autor Sebastian Sigler, Design Andrea Rexhausen, CH. GOETZ VERLAG, M\u00fcnchen 2018.<\/em><\/p>\n<p><strong>FAZ fordert Merkel zum R\u00fcckzug auf<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Wahl ist bekanntlich vor der Wahl. In Hessen wurde die CDU erneut abgestraft und kam auf der schlechteste Ergebnis seit 1966. Die Bundeskanzlerin muss jetzt endlich die Konsequenzen ziehen und auf eine erneute Kandidatur um den Parteivorsitz im Dezember verzichten.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14943-erneute-rote-karte-fuer-merkel\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<p>Berhhold Kohler von der FAZ nimmt kein Blatt vor den Mund. Nach dem erneuten schlechten Abschneiden der Union bei einer Landtagswahl m\u00fcsse Bundeskanzlerin Angela Merkel jetzt die Konsequenzen ziehen.<\/p>\n<p>\u201cHessens B\u00fcrger haben nicht auf Angela Merkel, Andrea Nahles und die vielen anderen Politiker aus CDU und SPD geh\u00f6rt. Auch in dieser Landtagswahl wurde mit den Parteien der schwarz-roten Koalition im Bund abgerechnet, sosehr Bundes- wie Landespolitiker die W\u00e4hler auch gebeten hatten, ihre \u201eWut \u2026auf das, was in Berlin l\u00e4uft\u201c (Merkel) nicht an den Falschen auszulassen, schreibt Kohler. In Hessen wurde die CDU nicht aufgrund ihrer Regionalpolitik abgestraft, sondern weil sich die Bundeskanzlerin immer wieder in den Landtagswahlkampf einmischte. Doch von der Berliner Republik hat man am Main die Nase gr\u00fcndlich voll. Ob der interne Streit mit der CSU, der Fall Maa\u00dfen oder der Zick-Zack-Kurs beim Diesel \u2013 bundespolitisch kann die CDU nicht punkten und verliert immer mehr an Boden.<\/p>\n<p>Der Souver\u00e4n, das Staatsvolk, ist von den Berliner Verh\u00e4ltnissen ma\u00dflos entt\u00e4uscht und auch Volker Bouffier erh\u00e4lt die Quittung f\u00fcr Merkels Politik. So wird der erfahrene Landespolitiker weniger f\u00fcr sein Engagement in Hessen abgestraft, sondern vielmehr wegen des Unbehagens an der Regierungspolitik der Gro\u00dfen Koalition. Der hessische Ministerpr\u00e4sident hatte im Wahlkampf auf die \u201cAnziehungskraft der Kanzlerin\u201d gesetzt, doch \u00fcbersehen, dass ihr Name bei zunehmend immer mehr Deutschen Absto\u00dfungsreaktionen ausl\u00f6st. So konnte auch Bouffiers Kontrastprogramm zur CSU den Einbruch nicht verhindern. \u201cSelbst wenn er Regierungschef bleiben k\u00f6nnen sollte, ist klar: Merkels Zugkraft schwindet. Die Sorge der CDU, sich nicht vom noch dramatischeren Niedergang der SPD abkoppeln zu k\u00f6nnen, nimmt zu\u201d, so Kohler.<\/p>\n<p>Bislang klebte Bundeskanzlerin Angela Merkel spichw\u00f6rtlich an der Macht. Ihr selbstgestecktes Ziel, unbedingt Altbundeskanzler Helmut Kohl mit einer noch l\u00e4ngeren Regentschaft zu \u00fcberholen und sich als die l\u00e4ngste, die ewige Kanzlerin zu feiern, muss Merkel nun kr\u00e4ftig \u00fcberdenken, will sie ihrer Regentschaft noch ein gl\u00fcckliches Finale bereiten. Der Wille zur Macht ist, trotz einer Wahlklatsche nach der anderen, bei Merkel nach wie vor ungetr\u00fcbt. Der Physikerin, die viel f\u00fcr Deutschland in den letzten 13 Jahren geleistet hat, ist jedoch das politische Gesp\u00fcr, die Sensibilit\u00e4t des Regierens, abhanden gekommen. Merkel scheint die seismischen Verschiebungen nicht mehr zu sp\u00fcren und zeigt sich nur noch als Politikerin, die starsinnig im Amt klebt und ein Erdbeben nach dem anderen ausl\u00f6st. Das sie dabei die kritischen Stimmen des Volkes so geflissentlich ignoriert, kann letztendlich nur an ihrem eigenen Selbstinszenierungswahn und Unfehlbarkeitsanspruch liegen, der die politischen Verh\u00e4ltnisse im Land ignoriert oder als marginale Ph\u00e4nomene abstuft, f\u00fcr die letztendlich die Unm\u00fcndigkeit des Wahlvolkes selber steht.<\/p>\n<p>Doch der Unmut \u00fcber einen derartigen Absolutismus ist selbst in den eigenen Reihen mittlerweile so gro\u00df, dass es ein gravierender politischer Fehler w\u00e4re, wie die FAZ kommentiert, wenn Merkel im Dezember tats\u00e4chlich noch einmal um den Parteivorsitz kandidieren w\u00fcrde. Bislang hielt \u201cMerkel daran fest, sich im Dezember nochmals als CDU-Vorsitzende best\u00e4tigen zu lassen. Lehrt nicht auch das Schicksal ihres Vorg\u00e4ngers, dass ein Kanzler nie den Parteivorsitz abgeben sollte?\u201d (\u2026) \u201cIn Merkels Lage aber w\u00e4re das Festhalten daran der gr\u00f6\u00dfere Fehler. Mit der Weitergabe des Stabes aus freien St\u00fccken w\u00fcrde sie belegen, dass auch sie wei\u00df, was alle wissen: Das Ende ihrer Kanzlerschaft naht. Merkel w\u00e4re nach ihrer spektakul\u00e4ren Laufbahn ein souver\u00e4ner Abgang zu w\u00fcnschen. Ein Festklammern aber schw\u00e4cht die Partei weiter und k\u00f6nnte zur Rebellion f\u00fchren. Das sollte Merkel, den Fall Kauder vor Augen, eigentlich selbst erkennen. Andernfalls m\u00fcsste es ihr jetzt eine (r) sagen.\u201d<\/p>\n<p><strong>Die CSU muss Demut lernen<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Landtagswahl reden alle vom Niedergang der CSU. Fast frenetisch wird das Wahlbeben medial gefeiert. Doch die Christsozialen sind noch lange nicht am Ende. Mit mehr Demut k\u00f6nnten sie bei der n\u00e4chsten Wahl wieder als Sieger hervorgehen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14866-die-csu-ist-noch-lange-nicht-am-ende\">Foto: Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Wenn es so etwas wie Monarchie im freiheitlich-rechtlichen Demokratiesystem \u00fcberhaupt noch gibt, hatte diese die CSU als Staathalter des Freistaates seit 1957 inne. Fast absolutistisch regierte zuerst Franz-Josef Strau\u00df und dann die Reihe seiner Adepten und deklinierte das Erfolgsmodell des \u201eBayern first\u201c mantraartig durch. Doch der Absolutismus \u00e0 la Ludwig XIV. ist in die Jahre gekommen. Nun folgte am 14. Oktober keine Bayerische Revolution wie einst 1789 in Frankreich. Dennoch: ein sp\u00fcrbarer Riss bleibt es schon auf der \u00dcberholspur der sonst so erfolgsverw\u00f6hnten und machtpotenten M\u00e4nnerpartei, die sich im Personenkult selbstgen\u00fcgsam, kritik- und alternativlos feierte. Aber 37 Prozent sind eben auch nicht das Ende der Welt. Aber es bleibt eine magische Zahl, aber eben eine, von der alle Wahlgewinner, seien es die Freien W\u00e4hler, die FDP, die Gr\u00fcnen oder die AfD nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Selbst in Zeiten des Niedergangs zaubert die CSU noch Wahlergebnisse aus dem Hut, allein der Allmachtsanspruch ist dahin.<\/p>\n<p><strong>37 Prozent sind nicht das Ende der Herrschaft<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem Wahldebakel raunt es vom Abgesang der CSU durch die mediale Welt. Vom Erdbeben, von tektonischer Verschiebung, vom Ende der H\u00f6flinge, vom Tod des K\u00f6nigs ist die Rede. K\u00f6pfe sollen rollen, zuerst nat\u00fcrlich von Horst Seehofer und dann von Markus S\u00f6der. Aber die Alleszertr\u00fcmmerer der gr\u00fcnen Journalie \u00fcbersehen geflissentlich die 37 Prozent, die schwach, aber deutlich f\u00fcr einen Regierungsauftrag steht. Aus Sicht der Gr\u00fcnen ist das Schafott bereits aufgestellt, die Henkersmalzeit angerichtet, ein Autodaf\u00e9 als gr\u00fcnes Happening w\u00e4re die Kr\u00f6nung. Doch personalpolitisch \u2013 sowohl mit Blick auf die Hessenwahl als auch den ohnehin por\u00f6sen Burgfrieden in Berlin \u2013 wird sich die CSU derzeit davor h\u00fcten, dass Spitzenpersonal abzus\u00e4beln.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine Kultur des Dialogs<\/strong><\/p>\n<p>Was die CSU allerdings lernen muss, ist eine Kultur des Dialoges. Herrschaftsfrei war dieser weder bei Strau\u00df, Stoiber, Seehofer oder S\u00f6der; letztendlich waren und sind sie alle demokratische Autokraten, die jenseits idealer Diskursvorstellungen eines J\u00fcrgen Habermas Parteipolitik betreiben. Wie einst Erich Honecker, Helmut Kohl und die ewige Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die CSU-Spitze die Haftung zur Scholle, die Volksn\u00e4he, verloren. F\u00fcr ihre Selbstzentrierung, Hybris und ihren absoluten Wahrheitsanspruch hat die Partei jetzt einen Denkzettel erhalten. Ob im Kanzleramt oder in der Bayerischen Staatskanzlei, die hybride hohe Ross-Politik hat an der Seele des Volksgeistes genagt und man \u00fcbergibt den Staffelstab der Macht, zumindest zeitweise, an jene, die man f\u00fcr geneigter meint, Partei f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse und Interessen einzunehmen. Der B\u00fcrger begreift sich l\u00e4ngst nicht mehr als Vasall, sondern als Souver\u00e4n. Und wenn den W\u00e4hler das Gef\u00fchl beschleicht, dass die Volksparteien ihn nicht mehr hofieren, zieht er eben die Notbremse und stoppt die politische Schleichfahrt. Aber die Schleichfahrt oder die ICE-Geschwindigkeit \u2013 beide geh\u00f6ren zum Wesen von Volksparteien, die eben auch mal am Abstellgleis \u2013 wie die Bayern-SPD und Bundes-SPD \u2013 landen kann oder an Fahrt einb\u00fc\u00dft, wie derzeit die CSU.<\/p>\n<p><strong>Demut lernen<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend viele EVP-Europa-Politiker dezent Politik machen, die gro\u00dfen Schrauben der Macht leise verstellen, politische Reformen clare et distincte durchf\u00fchren, herrschte in der Bayern-CSU in den letzten Monaten eine Selbstkultivierung wie auf dem Oktoberfest \u2013 \u00e4hnlich unintellektuell, aber mit Gebr\u00fcll, verfang sich die ganze CSU-Spitze in ihrer eigenen Bierseligkeit. Doch was der Partei, gerade nach dem 14. Oktober fehlt, hatte Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der am Wahlabend gelassen ausgesprochen. Und ein bislang unbekanntes Wort entwickelte seine Zauberkraft im Sprachschatz der CSU-Granden: Demut. Markus S\u00f6der nimmt das Wahlergebnis \u201emit Demut\u201c an. Vom Begriff der Demut, dem neuen Zauberwort der Stunde, das S\u00f6der so gelassen aussprach als sei es eine pure Selbstverst\u00e4ndlichkeit, wird auch die Zukunft der CSU abh\u00e4ngen. Gelingt es ihr nicht, die Arroganz abzusch\u00fctteln, den Selbstinszenierungshype aus Macho-Kultur und \u00dcberheblichkeit in ein seri\u00f6ses Regierungen zu filtern, werden die 37 Prozent noch das beste Ergebnis sein, f\u00fcr das die CSU in j\u00fcngster Zeit stand. Die Partei war die letzten Jahre soweit von einer dem\u00fctigen Haltung entfernt wie die Milchstra\u00dfe von der Erde.<\/p>\n<p><strong>Die CSU kann wieder, wenn sie sich \u00e4ndert<\/strong><\/p>\n<p>Aber wenn es der CSU gelingt, sich endlich aus ihrem fast religi\u00f6sem Gottesgnadentum zu befreien, h\u00e4tte sie gute Chancen, die Mehrheit der W\u00e4hlerschaft in Bayern wieder hinter sich zu versammeln. Das es dem Freisaat so unumwunden gut geht, dass dieser wirtschaftlich gediegen und kraftvoll wie ein Rolls Roycs vor sich hinschnurrt, das hier die Integration vielerorts gelungen ist, die Arbeitslosigkeit so fl\u00e4chendeckend gering, die Wirtschaft sprichw\u00f6rtlich brummt und die Ballungszentren in Zukunft neue Wachstums und Einwohnerrekorde verzeichnen werden. Verantwortlich f\u00fcr Bayern als das Silicon Valley der Lebenskultur, sozialer Absicherung und eines beneidenswerten Reichtums waren die Christsozialen, die seit Jahrzehnten die Soziale Marktwirtschaft mit einer wirtschaftsumsichtigen Politik zu verbinden wussten. Das in Bayern trotzdem nicht alles perfekt ist, gleichwohl der Himmel wei\u00df-blau strahlt, dass die Mieten \u00fcberteuert, der Wohnraum begrenzt, die digitale Infrastruktur auf dem Land selbst in afrikanischen L\u00e4ndern besser funktioniert \u2013 daran sollten sich auch die erfolgsverw\u00f6hnten Bayern gew\u00f6hnen und ein wenig Langmut walten lassen. Ein bisschen Demut im Land t\u00e4te den Bayern selbst gut und w\u00fcrde sie vor allem auch in der Bundesrepublik ein bisschen liebensw\u00fcrdiger machen. Das \u201eMia san mia\u201c kann keiner mehr h\u00f6ren. Denn Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, ein Sprichwort, das nicht nur die CDU einholt, sondern das auch der Bundesligarekordmeister, der FC-Bayern M\u00fcnchen, am eigenen Leib schmerzhaft versp\u00fcrt.<\/p>\n<p><strong>Die etablierten Parteien haben gravierende Fehler begangen<\/strong><\/p>\n<p>Die etablierten demokratischen Parteien haben gravierende Fehler begangen, sagt die Direktorin der Akademie f\u00fcr Politische Bildung Ursula M\u00fcnch im Interview mit Stefan Gro\u00df. \u201cDer Hauptfehler war, dass man zu lange die Interessen eines Teils der Bev\u00f6lkerung zu wenig geachtet und zu wenig wahrgenommen hat.\u201d<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/ursula-muench\/14817-interview-ursula-muench\">\u00a9 Akademie f\u00fcr Politische Bildung Tutzing<\/a><\/p>\n<p><em>Stefan Gro\u00df: Wie ist Ihre Prognose f\u00fcr den 14. Oktober, was k\u00f6nnte man sich w\u00fcnschen?<\/em><\/p>\n<p>Ursula M\u00fcnch: Ich w\u00fcnsche mir vor allem eine handlungsf\u00e4hige Regierung in Bayern. Die CSU wird auch nach der Wahl noch eine St\u00e4rke haben, von der andere Parteien in Deutschland nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Aber was mir ganz wichtig erscheint, ist gerade mit Blick auf die Bundestagswahl und die nachfolgenden Koalitionsverhandlungen eine z\u00fcgige Regierungsbildung. Die Bev\u00f6lkerung h\u00e4lt nichts von geheimer Postenverteilung, Nicht-Transparenz und politischen Spielchen bei Koalitionsgespr\u00e4chen. Das Ansehen der Politiker leidet ohnehin unter der Unterstellung, diese w\u00fcrden zu sehr die Interessen ihrer Partei und zu wenig das Gemeinwohl vertreten. Dieser Eindruck sollte bei Koalitionsverhandlungen in Bayern tunlichst vermieden werden.<\/p>\n<p><em>Stefan Gro\u00df: Wie beurteilen Sie derzeit die politische Lage im Land?<\/em><\/p>\n<p>Ursula M\u00fcnch: Einer gewissen Besorgnis kann auch ich mich nicht erwehren. Was mich vor allem besorgt, ist dieser hohe Erregungsgrad, den wir gerade in der \u00f6ffentlichen Debatte feststellen. Vor allem fehlt mir die Bereitschaft, die Argumente der jeweils anderen zur Kenntnis zu nehmen. Statt um Diskurs, wie nach den Vorf\u00e4llen in Chemnitz, geht es nur um Konfrontation. Das bringt nat\u00fcrlich eine Sprengkraft in eine politische Debatte hinein, die wir in der Bundesrepublik in dieser Form, dieser Sch\u00e4rfe und in dieser Emotionalit\u00e4t meines Erachtens schon lange nicht mehr gehabt haben. Es geht zumeist um die Fl\u00fcchtlingsthematik, aber diese wird so emotional aufgespielt, dass wesentliche Sachfragen auf der Strecke bleiben. Das macht mir ein wenig Kummer, aber ich male jetzt auch nicht den Untergang des Abendlandes an die Wand. Aber manche betreiben mit Weltuntergangsstimmung ihr lukratives Gesch\u00e4ft. Und so habe ich eine gewisse Besorgnis mit Blick auf den \u00f6ffentlichen Diskurs, ansonsten bin ich aber zuversichtlich, dass unsere politischen Institutionen, unsere Gerichte und insgesamt die politisch Verantwortlichen, gut arbeiten und funktionieren.<\/p>\n<p><em>Stefan Gro\u00df: Was l\u00e4sst ihrer Meinung nach die AFD so stark werden, was ist das Potential?<\/em><\/p>\n<p>Ursula M\u00fcnch: Das ist nat\u00fcrlich die Kernfrage. Hier kommt Verschiedenes zusammen: Ein Grundproblem sehe ich darin, dass die etablierten demokratischen Parteien gravierende Fehler begangen haben. Der Hauptfehler war, dass man zu lange die Interessen eines Teils der Bev\u00f6lkerung zu wenig geachtet und zu wenig wahrgenommen hat. Im Blick habe ich hier die Menschen, die seit Jahren nicht mehr zu Wahl gehen. Aus der sinkenden Wahlbeteiligung hat weder die Politik noch die \u00d6ffentlichkeit die Frage abgeleitet, warum diese Leute nicht mehr w\u00e4hlen gehen. Und erst nachdem ein Teil dieser fr\u00fcheren Nichtw\u00e4hler sich entschieden hat, Protestw\u00e4hler zu sein und nun auf einmal eine ganz andere Resonanz erh\u00e4lt, reagiert die Politik. Wir haben, so meine Diagnose, aufgrund von Ignoranz die Interessen vieler, die jetzt zur AfD gehen, \u00fcbersehen. Gerade in der Fl\u00fcchtlingspolitik nach 2015, als gravierende Fahler von einem Gro\u00dfteil der etablierten Parteien in Deutschland gemacht wurden, hatte man der \u00d6ffentlichkeit das Gef\u00fchl gegeben, dass diese \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c politisch nicht zu steuern sei. Das war ausgesprochen unklug. Auch die Position, die Kanzlerin Angela Merkel mit ihren Stellungnahmen und vor allem mit dem Satz \u201eWir schaffen das, und wenn wir es nicht schaffen, dann ist das nicht mehr mein Land\u201c vertreten hat, kam bei einem Teil der W\u00e4hlerschaft, die sich ohnehin nicht repr\u00e4sentiert f\u00fchlt, schlecht an. Die Politik hatte f\u00e4lschlicherweise dieses \u201eWir\u201c auf die Bev\u00f6lkerung \u00fcbertragen, ohne zu sehen, dass der gro\u00dfe Zuzug von Fl\u00fcchtlingen in der Bev\u00f6lkerung v\u00f6llig unterschiedlich ankommt. Meines Erachtens hat die Politik durch dieses \u201eWir schaffen das\u201c und durch dieses \u201eDann ist das nicht mehr mein Land\u201c eine Kluft zwischen Teilen der Bev\u00f6lkerung und den sogenannten Eliten provoziert. Erst in den vergangenen Monaten begannen die Parteien ein Gesp\u00fcr f\u00fcr diese neue Spaltung in der Gesellschaft zu entwickeln. W\u00e4re die damalige Fl\u00fcchtlingspolitik, die ich grunds\u00e4tzlich f\u00fcr gut hei\u00dfe, anders organisiert und vor allem auch vermittelt worden, h\u00e4tte es diese Kluft nicht gegeben und die AfD h\u00e4tte nicht so an Boden gewinnen k\u00f6nnen. Die AfD muss derzeit gar nichts tun oder leisten, sondern nur die mediale \u00d6ffentlichkeit mit ihren Posts, Twitter- und Facebook-Nachrichten f\u00fcttern. Diese mediale Inszenierung gelingt der AfD gut, andere Parteien tun sich hier deutlich schwerer. Wir beobachten in Deutschland also gerade, dass es der AfD besser als den anderen Parteien gelingt, dieses \u2013 auch durch die Fl\u00fcchtlingspolitik gewachsene \u2013 Repr\u00e4sentationsdefizit f\u00fcr sich selbst zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p><em>Stefan Gro\u00df: Die Gr\u00fcnen sind in Bayern derzeit auf Platz 2. Was machen die Gr\u00fcnen richtig?<\/em><\/p>\n<p>Ursula M\u00fcnch: Wir haben in der Vergangenheit schon \u00f6fters die Erfahrung gemacht, dass die Gr\u00fcnen zumindest auf Bundesebene sehr gute Ergebnisse bei den Umfragen hatten, die waren schon h\u00e4ufig im h\u00f6heren zweistelligen Bereich. Bei der Wahl schnitten sie dann deutlich schlechter ab. Insofern muss man jetzt zun\u00e4chst mal abwarten. Aber die Gr\u00fcnen haben ein \u00fcberzeugendes F\u00fchrungspersonal, die beiden Spitzenkandidaten machen das richtig gut. Hier weht ein frischer Wind. Man nimmt ihnen inzwischen ab, dass sie sich auch um die Innere Sicherheit k\u00fcmmern und durchaus auch um die Sorgen von Menschen, denen es materiell nicht so gut geht. Die Gr\u00fcnen haben au\u00dferdem deutlich vor dem Landtagswahlkampf begonnen, das Thema Heimat positiv zu besetzen. Da h\u00e4tte es einen Gr\u00fcnen vor f\u00fcnf oder zehn Jahren noch geschaudert. Bei den Gr\u00fcnen ist damit ein Pragmatismus eingezogen, und gleichzeitig schaffen sie es bemerkenswerterweise noch, deutlich zu machen: wir gehen aber nicht eine Koalition zu jedem Preis ein. Also wir verkaufen uns jetzt auch nicht v\u00f6llig umsonst. Das Erfolgsrezept der Gr\u00fcnen sind also personelle Ver\u00e4nderungen, Pragmatismus und die Verbindung zwischen Heimatbegriff und Umweltschutz: Damit k\u00f6nnten sie auch ein Klientel ansprechen, das fr\u00fcher eindeutig zur CSU-Stammw\u00e4hlerschaft geh\u00f6rte.<\/p>\n<h1>Das Dieselthema ist das Waterloo der Bundeskanzlerin<\/h1>\n<p>Die AfD f\u00e4hrt auf der \u00dcberholspur, mit oder ohne Diesel. Die Gro\u00dfe Koalition macht das mit ihrem Handlungsstau m\u00f6glich. Ob bei der Einwanderung oder eben beim Dieselfiasko \u2013 Deutschland gleicht einem gro\u00dfen Inszenierungstheater, wo ein Hofnarr dem anderen die Hand gibt. Die Ereignisse bleiben pure Schattenspiele.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14816-die-illusion-von-der-elektromobilitaet\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>Seit Jahren steht das Thema Diesel auf der Agenda der Bundesregierung. Es ist wie ein H\u00fctchenspiel, wo sich nur die Statisten \u00e4ndern. Herausgekommen ist auch beim j\u00fcngsten Dieselgipfel im Kanzleramt wenig. Ob Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) oder Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) \u2013 beim Thema Diesel bleiben beide hilflose Statisten, die entweder der Automobillobby hinterherrennen oder dieser hilflos ausgeliefert sind. Scheuer setzt auf Verkaufspr\u00e4mien, um die Automobilindustrie anzukurbeln, Schulze \u2013 sowie die SPD \u2013 wollen Hardwarenachr\u00fcstungen f\u00fcr \u00e4ltere Dieselmodelle der Schadstoffklasse 5, was die stattliche Anzahl von 1,8 Millionen Diesel in Deutschland betr\u00e4fe. Der Einbau von SCR-Katalysatoren w\u00fcrde die Industrie dann im Durchschnitt 2000 bis 3000 Euro kosten.<\/p>\n<h6>Merkel scheitert auch beim Dieselthema<\/h6>\n<p>Wie wichtig ein Durchbruch in Sachen Diesel w\u00e4re, wei\u00df keine besser als die Bundeskanzlerin. Angela Merkel muss nach Monaten des politischen Kleinkrieges mit der CSU endlich einen Erfolg auf den Tisch legen, soll die ohnehin schon freudlose vierte Kanzlerschaft wenigstens einmal im Lichterglanz erstrahlen. Und so hat die CDU-Politikerin auf Hardware-L\u00f6sungen gedr\u00e4ngt und eine klare Erwartungshaltung an die Automobilindustrie ausgesprochen. Doch in den Chefetagen von Daimler, BWM und Audi bleibt man beim Thema Hardware einstimmig taub. Bei der Weigerung der Konzerne \u2013 und von der allgemeinen Taubheit auch in naher Zukunft kann man wohl ausgehen \u2013 riskiert Merkel ein weiteres Waterloo in ihrer eh schon angeschlagenen Kanzlerschaft. Der einst so taktischen Kanzlerin vermag im Augenblick nichts zu gelingen. Nun bekommt sie die Quittung f\u00fcr ihre Politik des Ausharrens und des Hinhaltens ausnahmsweise mal nicht von den rechten Ossis, den Populisten, sondern von ihrer geliebten Wirtschaftslobby.<\/p>\n<p>So sehr also die Politik auf eine L\u00f6sung bei der Dieselthematik dr\u00e4ngt, passieren wird nichts. Die Autolobby ist einzig dazu bereit, ihre Verkaufszahlen zu erh\u00f6hen und Pr\u00e4mien zwischen 5.000 \u2013 10.000 Euro als Kaufanreiz anzubieten. Letztendlich, und darauf l\u00e4uft das Ganze hinaus, bezahlt die Zeche der Steuerzahler, der schon jetzt f\u00fcr Umr\u00fcstaktionen von Fahrzeugen im \u00f6ffentlichen Nahverkehr zur Kasse gebeten wird. Und Merkels Erwartungshaltung bleibt eine leere Floskel in einer Floskelrepublik, wo Stillstand und Planlosigkeit regieren.<\/p>\n<h6>Die Illusion von der Elektromobilit\u00e4t<\/h6>\n<p>\u00dcber alle Parteigrenzen hinweg, wird die Elektromobilit\u00e4t wie die Verhei\u00dfung von morgen als Probleml\u00f6ser bei Fahrverboten, \u00fcberh\u00f6hten CO2-Emmissionen und Feinstaub angepriesen. Die Gr\u00fcnen gar wollen zur\u00fcck in die Mobilit\u00e4t des 20. Jahrhunderts und das Automobil aus ihrer Welt bunter Vielfalt ganz verbannen. Doch bei aller Zukunftseuphorie bleibt fraglich wie sich die Elektromobilit\u00e4t fl\u00e4chendeckend durchsetzen soll. Ohne Atomkraftwerke ist diese Vision undenkbar, doch der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossene Sache. Ohne eine gravierende Umstrukturierung st\u00e4dtischer Infrastrukturen samt Millionen von Auflade-Stationen bleibt die Elektromobilit\u00e4t reine Illusion, die zugleich bekundet wie unpragmatisch hier die Zukunft gedacht wird. Alfred Gaffal von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft bringt das Mobilit\u00e4ts-Dilemma genau auf den Punkt. Es fehlt nicht nur ein schl\u00fcssiges Gesamtkonzept bei der Mobilit\u00e4tswende, sondern das Thema \u201eElektromobilit\u00e4t wird diskutiert ohne zu kl\u00e4ren, wo der Strom herkommt und wie er an den Ort des Verbrauchers kommt\u201c und so wird der Diesel \u201emittelfristig noch eine wichtige Rolle spielen.\u201c<\/p>\n<h6>Das Schweigen der Deutschen<\/h6>\n<p>Wie auch immer das Thema Diesel ausgehen wird, bemerkenswert bleibt das Schweigen der Betroffenen. Anstatt lautstark zu protestieren, die Planlosigkeit der Bundesregierung beim Diesel zu attackieren, verweilen die Bundesb\u00fcrger in einer bemerkenswerten Lethargie. W\u00e4hrend in Amerika Milliarden an Entsch\u00e4digungen f\u00fcr manipulierte Software an Dieselfahrzeugen gezahlt werden, verhalten sich die Bundesb\u00fcrger wie L\u00e4mmer, die zum Schafott gef\u00fchrt werden. Wahrscheinlich geh\u00f6rt der Protest nicht mehr zur Alltagskultur in Deutschland. Dabei waren Stuttgart 21 und die Demonstrationen um die Startbahn West Erfolgsmodelle wehrhafter B\u00fcrgerlichkeit. Doch im paternalistischen Wohlf\u00fchlstaat \u00fcberl\u00e4sst man die Protestkultur lieber den Abgeh\u00e4ngten im Osten oder den Gr\u00fcnen im Hambacher Forst und st\u00e4rkt damit weiterhin die AfD.<\/p>\n<p><strong>Wir brauchen mehr Altruismus <\/strong><\/p>\n<p>Alle zwei Jahre feiert die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) in Br\u00fcssel den Tag der Bayerischen Wirtschaft. EU-Haushaltskommissar G\u00fcnther Oettinger hielt die Keynote auf der Abendveranstaltung und forderte mehr Altruismus.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14793-guenther-oettinger-fordert-ein-umdenken\">Foto: Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Europa war und ist eine kongeniale Idee. Nach Jahrhunderten von Kriegen und Kleinstaaterei ist mit der EU ein Europa gewachsen, das prosperiert, dem aber in seiner gr\u00f6\u00dften Stunde auch die Schicksalsfrage droht. Der Handelsstreit mit den USA, der harte Brexit, eine nicht geregelte Verteilung von Fl\u00fcchtlingen, ein Aufflammen von Nationalismus und Populismus sowohl von au\u00dfen und nach innen als auch die gravierende Differenz zwischen Nord- und S\u00fcdeuropa stellen die EU vor eine neue Zerrei\u00dfprobe.<\/p>\n<p><strong>Die GroKo im Handlungsstau<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Tag der Bayerischen Wirtschaft, der alle zwei Jahre in der Bayerischen Vertretung in Br\u00fcssel gefeiert wird, hat EU-Handelskommissar G\u00fcnther Oettinger vor einer gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Erosion gewarnt. In einem Appell an Wirtschaftsvertreter und Politiker aus Bayern betonte der ehemalige Ministerpr\u00e4sident von Baden-W\u00fcrttemberg, dass ein \u201eWeiter so\u201c nicht m\u00f6glich sei. Oettinger kritisierte nicht nur die deutsche Politik, die derzeit nicht handlungsf\u00e4hig sei und sich an Randthemen wie Interna sinnlos abarbeite, anstatt vern\u00fcnftig und zukunftsorientiert zu regieren, ein Zustand der in Br\u00fcssel nicht mehr vern\u00fcnftig zu vermitteln sei, sondern auch das Deutschland zu wenig f\u00fcr Europa tut. Die GroKo sei ein Zerw\u00fcrfnis von Getriebenen, die mit ihrer Politik der Kurzatmigkeit und des Auf-Sicht-Fahrens die gro\u00dfen Probleme der Zeit verkenne und im Sumpf von Macht- Eitelkeiten und Personalien vor sich hin vegetiere. Doch dieser Handlungsstau trifft ein Europa, das sich als Krisenherd immer wieder behaupten muss. Die Idee Europas \u2013 samt seiner abendl\u00e4ndischen Wertekultur, den gro\u00dfen Meilensteinen von Aufkl\u00e4rung und Religionsfreiheit \u2013 ist massiv bedroht und gleicht einem Pulverfass. Die Kriegsschaupl\u00e4tze im Nahen Osten sind bedenklich nah an Europa heranger\u00fcckt. Autokraten wie Erdogan stellen die freiheitliche-liberale Werteordnung, die Presse- und Meinungsfreiheit in Frage und der amerikanische Pr\u00e4sident Donald Trump provoziert mit Handelskriegen und fokussiert sein \u201eAmerika first\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201eEs ist kalt au\u00dferhalb Europas\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Dieses prosperierende Europa ist aber keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr, so die kritische Bestandaufnahme Oettingers. Und: \u201eEs ist kalt au\u00dferhalb Europas\u201c, hie\u00df es in seiner Keynote in der Bayerischen Vertretung beim festlichen Dinner. Was Europa mehr denn je als Lebenselixier braucht, ist ein neuer Geist von Altruismus, eine Kultur des Altruismus, die sich auch im Wirtschaftsdenken niederspiegeln muss. Statt purem Neoliberalismus und einer verantwortungslosen Globalisierung gilt es Afrika zu stabilisieren, dessen Einwohnerzahl sich laut UN bis 2050 mehr als verdoppeln wird. \u201eWenn wir die Stabilit\u00e4t nicht dorthin exportieren, werden wir die Instabilit\u00e4t importieren.\u201c<\/p>\n<p><strong>Keine Wagenburgmentalit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Aber auch den rechten Populisten von Frankreich bis Ungarn erteilte der EU-Kommissar eine klare Absage in Sachen Abschottung. Europas Zukunft liege nicht in der Verbarrikadierung; einer Gesinnungsethik muss auch eine Verantwortungsethik folgen. Die Wagenburgmentalit\u00e4t, wie sie derzeit von der AfD in Deutschland propagiert wird, werde der EU nicht helfen, die Probleme der Migration zu l\u00f6sen. Der beste Grenzschutz, so Oettinger, sei eben die wirtschaftliche Entwicklung und F\u00f6rderung Afrikas; hier m\u00fcssten mehr Investitionen flie\u00dfen, die Entwicklungshilfe zu neuee Qualit\u00e4t aufgestockt werden, um den Kontinent nicht den Chinesen \u2013 samt ihrem egoistischen Neokolonialismus \u2013 zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Nur durch ein breites Engagement Europas in Afrika gel\u00e4nge die Regulierung eines instabilen Kontinents, der auch Europa gef\u00e4hrlich werden kann, wenn sich dieses in nationalen Eigeninteressen selbstherrlich spiegelt und die Welt drau\u00dfen vergisst. Nur durch einen qualitativ-ver\u00e4nderten, globalen Altruismus, so der Appell an die Wirtschaftsvertreter, wird es einzig gelingen, die Zukunft Europas zu sichern und die instabilen Krisenregionen dieser Welt zu befrieden. Und f\u00fcr diese Idee, die Oettinger als Kampfansage gegen jedweden Populismus und Nationalismus verstanden wissen will, lohnt es sich zu k\u00e4mpfen, gerade auch in Deutschland, wo mit der AfD die freiheitlich-liberale Werteordnung auf dem Spiel steht. Diesem Erstarken der Rechtspopulisten gilt es ganz entschlossen entgegenzutreten. Europa, so der Kommissar, darf kein Elitenprojekt sein.<\/p>\n<p><strong>Der Anti-Merkel, Machiavell und smarte Demokrat<\/strong><\/p>\n<p>Sebastian Kurz gilt als Superstar einer neuen Politikerelite. Von den einen wird er daf\u00fcr angefeindet als w\u00e4re er die Inkarnation des B\u00f6sen schlechthin, von den anderen als Sehnsuchtskanzler herbeigew\u00fcnscht. Kurz ist alles in einem: Taktiker, ein Machiavell und dennoch smart und intelligent. Doch wie tickt die Antipode Merkels wirklich, dem sogar AfD-W\u00e4hler folgen w\u00fcrden!<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14695-wer-ist-sebastian-kurz-wirklich\">Foto: Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p><strong>Kein angepasster Biedermann<\/strong><\/p>\n<p>Politiker mit Charisma sind fast so selten wie der Schnee in der Sahara. Fr\u00fch politisch ins Amt gesp\u00fclt sind viele mehr Technokraten als geniale Taktiker, bestallte Verwalter mit einem geradezu hybriden Willen zur Macht. Aber dieser Wille als Selbsterhaltungs- und Selbstverzauberungskomplex hat wenig mit Nietzsches Willensbegriff zu tun. Versteht dieser doch darunter eine Kraft, die sich permanent ver\u00e4ndert und Neues aus sich herausgebiert. Was stattdessen auf der politischen Schaub\u00fchne regiert, ist der stromlinienf\u00f6rmige Biedermann, der wandlungsf\u00e4hig wie ein Kom\u00f6diant, sich buchst\u00e4blich allen Rollen anpasst und sein politisches Bekenntnis, schattenlos wie Peter Schlemihl in Adelbert von Chamissos wundersamer Geschichte, mantraartig bis zum Widerk\u00e4uen wiederholt. Das \u201eLebe gef\u00e4hrlich\u201c, das Friedrich Nietzsche in seiner \u201eFr\u00f6hlichen Wissenschaft\u201c einfordert, z\u00e4hlt nicht zu den Kardinaltugenden der deutschen Kader; vielmehr regieren allzumenschliche Interessen wie die Beibehaltung der Macht, die Sicherung des Status quo und das taktische Auf-Sicht-Fahren. Taktieren statt agieren \u2013 daf\u00fcr steht letztendlich ein ganzes Gros von bundesdeutschen Politikrepr\u00e4sentanten.<\/p>\n<p><strong>Was Kurz von deutschen Politikern unterscheidet<\/strong><\/p>\n<p>Sebastian Kurz ist anders. Er agiert blitzschnell, er bestimmt das Tempo und treibt nicht nur in Sachen Fl\u00fcchtlingspolitik, Grenzsicherung und Frontex den Hofstaat europ\u00e4ischer Politiker wie eine Schafherde vor sich her. Der 31-j\u00e4hrige Bundeskanzler mit Blitzkarriere samt Turboschub, der mit 27 Jahren der j\u00fcngste Au\u00dfenminister der Welt war und die einst marode schwarz-rote \u00d6VP\/SP\u00d6-Regierung mit seiner \u201eListe Kurz\u201c aus der Notbeatmung mit Sauerstoff versorgte und zu neuem Leben erweckte, wei\u00df geschickt den Augenblick zu nutzen. Dabei kommt ihm immer wieder seine machiavellisch-nietzscheanische Intelligenz zu Hilfe, jene produktive Schubkraft jugendlicher Energie und Wagemut. Kurz kann provokant, wenngleich das nicht seine Haupttugend ist. Es ist nicht der \u00e4tzende Radikalo, der mit der Fratze der Agitation und mit blinden Vorurteilen \u00e0 la Andrea Nahles, Katharina Schulze oder Anton Hofreiter wie ein wilder Elefant durch die politischen Porzellanthemen rauscht. Er hat was solides im Stil, etwas Ausgewogenes, etwas Verbindliches; er ist gem\u00e4\u00dfigt und doch bestimmend, er ist ausgleichend und doch kein Einheitsbrei.<\/p>\n<p><strong>Sebastian Kurz war Merkel immer schon einen Schritt voraus<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Deutschland \u00fcber Ankerzentren streitet, bei der Fl\u00fcchtlingsfrage immer wieder den R\u00fcckw\u00e4rtsgang einlegt, kann der agile Kurz hier Lorbeeren sammeln und gerade die Rechtsw\u00e4hler wieder in seiner Volkspartei der Mitte, wie er beim Sommerempfang der CDU in Erfurt immer wieder betonte, versammeln und mobilisieren. Koalitionen seiner Schwesterpartei \u2013 der deutschen Union \u2013 mit der AfD lehnt er kategorisch ab. Er will keine rechten Verschw\u00f6rer und Europa-Leugner, sondern ein Europa, das geeint im Geist, keine Trennungen zwischen Ost und West, Nord und S\u00fcd duldet. Er will aber ein Europa der Leistungsbereiten. Leistung ist eine Maxime, die kein gefl\u00fcgeltes Wort bei Kurz bleibt, sondern eine treibende Kraft. Tagt\u00e4glich agiert sein Kabinett mit einer Zielstrebigkeit, die das sonst so gem\u00fctliche \u00d6sterreich aus den Jahren der Gro\u00dfen Koalition \u00fcberhaupt nicht mehr gew\u00f6hnt war. T\u00e4glich steht etwas Neues auf der Agenda; Kurz will mit aller Macht Ver\u00e4nderungen \u2013 sie sind der Motor seiner politischen Aktionen. Der Anker f\u00fcr seine solide Politik bleibt dabei die Fl\u00fcchtlings- und Sicherheitsfrage, das Kern- und Kompetenzthema des \u00f6sterreichischen Bundeskanzlers. Mit dieser, so ist der sich sicher, f\u00e4llt die Schicksalsfrage des Kontinents.<\/p>\n<p><strong>Der beliebteste Politiker<\/strong><\/p>\n<p>Laut Insa-Meinungstrend w\u00fcrden 38 Prozent der Deutschen derzeit den \u00d6sterreicher w\u00e4hlen, wenn dieser als Kanzlerkandidat in Berlin antr\u00e4te und damit der dahinsiechenden GroKo die Rote Karte zeigen und einer vor sich dahind\u00fcmpelnden Union, die derzeit auf 28 Prozentpunkte kommt, die Quittung auf den Tisch legen. Sogar \u201eacht von zehn AfD-W\u00e4hlern, jeder dritte FDP-W\u00e4hler und drei von zehn CDU\/CSU-W\u00e4hlern w\u00e4ren f\u00fcr den Bundeskanzler. \u201eAber auch jeder f\u00fcnfte aktuelle W\u00e4hler von SPD und Linke votierte f\u00fcr Kurz. Selbst 13 Prozent der Gr\u00fcnen-W\u00e4hler w\u00fcrden f\u00fcr den 31-j\u00e4hrigen Kanzler stimmen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Kurz ist schon jetzt eine Marke<\/strong><\/p>\n<p>Seit CSU-Politiker Karl Theodor von und zu Guttenberg kam kein einziger Deutscher Politiker mehr an dessen Beliebtheitsgrad heran. Und so schw\u00f6ren viele W\u00e4hler in Deutschland auf Kurz. Wo er ist sind die Messehallen berstend voll, biegen sich die Kameras und der \u00d6sterreicher versinkt im Blitzlichtgewitter. Kurz ist eben auch ein Showeffekt, nicht die blasse Karikatur eines Beamten, der gek\u00fcnstelt seine mediale Wirkung zu inszenieren sucht. Bei Kurz wirkt alles echt, leicht. Schon jetzt ist er eine Marke, ein Vermarktungsk\u00fcnstler, der sich geschickt und wohl\u00fcberlegt in Szene zu setzen wei\u00df. Der aber nicht polternd, wie manche Granden in der deutschen Schwesterpartei, die gr\u00f6lende Masse aufheizt, sondern mit gewandter Rhetorik und mit Alpencharme sich die Herzen erobert. Sebastian Kurz l\u00e4uft mit seiner L\u00e4ssigkeit, Coolness und Intelligenz bereits vielen deutschsprachigen Politikern den Rang ab.<\/p>\n<p>Auf weltpolitischer B\u00fchne spielt nur Emmanuel Macron noch in der gleichen Liga, wenngleich dieser viel mehr f\u00fcr Europa als der \u00f6sterreichische Kanzler selbst steht und mehr als dieser die reichgedeckten Fleischt\u00f6pfe in Br\u00fcssel und Berlin in sein marodes, vom Kulturkampf gezeichnetes Frankreich zu sp\u00fclen sucht.<\/p>\n<p><strong>Keine Starall\u00fcren<\/strong><\/p>\n<p>Kurz hatte sich die Weltb\u00fchne bereits als Au\u00dfenminister erobert. Gepunktet hat der smarte \u00d6VP-Politiker aus dem Arbeiterbezirk Wien-Meidling schon damals, weil er \u2013 anders als Kanzler Christian Kern \u2013 in der Economy Class flog, w\u00e4hrend der SP\u00d6-Politiker in der Business Class jettete. Dies sind kleine Gesten eben, die Kurz wie Papst Franziskus beliebt machen. Man kann ihn anfassen, mit ihm sprechen, er gilt als konzentrierter Zuh\u00f6rer mit gutem Personenged\u00e4chtnis. Keinesfalls als L\u00e4chel-Kanzler, politischer Snob oder arroganter Politkader, der sich nur f\u00fcrs Blitzlichtgewitter mit dem \u201eVolk\u201c zeigt, obgleich er ein \u201eSelfie-Kanzler\u201c schon ist. Aber er wirkt viel verbindlicher als Merkel in ihrer Spr\u00f6dheit als emotionales Vakuum, ist nicht banal-arrogant, platt und oberfl\u00e4chlich wie Donald Trump, nicht hetzerisch und aufwiegelnd wie Alice Weidel, Alexander Gauland oder wie FP\u00d6-Chef Heinz-Christian Strache. Die Koalition mit der FP\u00d6 J\u00f6rg Haiders scheint f\u00fcr ihn dann auch mehr Notgemeinschaft, statt Lebenselixier zu sein. Das er hier immer wieder Kompromisse schmieden muss, die nicht in sein politisches Selbstbild passen, mag ihn st\u00f6ren und macht ihn zur Angriffsfl\u00e4che politischer Erzfeinde.<\/p>\n<p><strong>Gegen Merkels Vormundschaft<\/strong><\/p>\n<p>Was Kurz in \u00d6sterreich in relativ kurzer Zeit gelang, bleibt Merkel in Deutschland verwehrt. Das Eingest\u00e4ndnis, bei der Fl\u00fcchtlingskrise Fehler gemacht zu haben, passt nicht zum Selbstbild als Kanzlerin von Gottes-Gnaden; Selbstzweifel wie Fehlentscheidungen schlie\u00dfen sich dabei in Personalunion wie beim kirchlichen Dogma a priori aus. Was die Kanzlerin aber Kurz nicht verzeihen mag, ist die beherzte Schlie\u00dfung der Balkanroute auf der ber\u00fchmten Westbalkan-Konferenz, die ma\u00dfgebend auf sein Konto geht. Dass er damit die Kanzlerschaft von Merkel rettete und Deutschland eine Atempause beim Fl\u00fcchtlingskollaps erm\u00f6glichte, sieht das politische Berlin eher als Hybris eines jungen Mannes, der f\u00fcr Merkel ein unerfahrener Politakteur bleibt und zudem die Dreistigkeit besitzt, sich aus der merkelschen Vormundschaft zu befreien.<\/p>\n<p><strong>Wir m\u00fcssen Europas Grundwerte sichern<\/strong><\/p>\n<p>Die EU-Ratspr\u00e4sidentschaft liegt derzeit in den H\u00e4nden \u00d6sterreichs. In einem Interview mit dem \u00f6sterreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz betont dieser, wie wichtig ein geordneter Brexit und die Sicherheit Europas f\u00fcr die freiheitliche Werteordnung ist. The European traf Sebastian Kurz in Erfurt beim Sommerempfang der CDU Th\u00fcringen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/sebastian-kurz--2\/14752-interview-mit-bundeskanzler-sebastian-kurz\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p><em>Der Brexit ist das gro\u00dfe Thema der Stunde. Wie geht es da weiter?<\/em><\/p>\n<p>Sebastian Kurz: Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir uns in der Europ\u00e4ischen Union fokussieren. Das wichtigste Thema aus meiner Sicht ist ein ordentliches Abwickeln des Brexits. Wenn wir es nicht schaffen, dass es nach dem Brexit noch immer eine gute Kooperation zwischen Gro\u00dfbritannien und der Europ\u00e4ischen Union gibt, dann bringt es nicht nur eine massiv negative Entwicklung f\u00fcr Gro\u00dfbritannien, sondern auch f\u00fcr uns in der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n<p>Wir versuchen Michel Barnier dabei zu unterst\u00fctzen, dass die Einheit innerhalb der Europ\u00e4ischen Union so gut erhalten bleibt, so wie das in den letzten Monaten der Fall war, und wir hoffen, dass es dann auf beiden Seiten genug Bewegung gibt, um auch eine gemeinsame L\u00f6sung zustande zu bringen. Das ist aus meiner Sicht das allerwichtigste und zentralste Thema.<\/p>\n<p><em>Wie steht es mit der Meinungsfreiheit in Europa?<\/em><\/p>\n<p>Sebastian Kurz: Das besorgt mich sehr, wenn ich mir die Entwicklungen in einigen dieser Staaten ansehe. Wir haben zuletzt auch die Entwicklungen in Rum\u00e4nien alle mitverfolgt, die Art und Weise wie seitens der Beh\u00f6rden mit den Demonstranten umgegangen wurde. Nicht nur deshalb haben wir hier einen sehr besorgten Blick auf die Vorg\u00e4nge dort. Aber auch in anderen Staaten gibt es negative Entwicklungen was die Demokratie betrifft.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir die Grundwerte, f\u00fcr die Europa steht, immer wieder hochhalten. Die Basis f\u00fcr unseren europ\u00e4ischen way of life ist nat\u00fcrlich die Sicherheit, aber eben auch Grundwerte wie Freiheit und Demokratie.<\/p>\n<p>Nur wenn wir das alles gew\u00e4hrleisten, k\u00f6nnen Menschen in Frieden und in Wohlstand in einem geordneten Umfeld innerhalb der europ\u00e4ischen Union in Freiheit leben. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass hier ein ordentlicher Diskurs stattfindet. Wenn es Fehlentwicklungen in Sachen Demokratie innerhalb der europ\u00e4ischen L\u00e4nder gibt, bringt es aber nichts mit dem erhobenen Zeigefinger dazustehen. Was es braucht, sind handfeste L\u00f6sungen, so wie diese gerade von der Europ\u00e4ischen Kommission in einem Dialog mit diesen L\u00e4ndern in Angriff genommen wurde.<\/p>\n<p><em>Das Interview war Teil einer Pressekonferenz beim Sommerempfang der CDU-Th\u00fcringen.<\/em><\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich halte es nicht mit Todesphilosophien<\/strong><\/p>\n<p>Es gilt als der bedeutenste Maler des 21. Jahrhunderts. \u201cThe European\u201d traf den K\u00fcnstler, Bildhauer und Professor Markus L\u00fcpertz in M\u00fcnchen bei einer Austellung seiner Sch\u00fcler und sprach mit ihm \u00fcber die Kunst, die Malerei und \u00fcber den Tod.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/markus-luepertz\/14698-interview-mit-markus-luepertz\">Foto: Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p><em>Wie tief steckt die Malerei in der Krise?<\/em><\/p>\n<p>Es ist keine Krise, es ist eine Vergesslichkeit. Zeit kann nie f\u00fcr Krisen verantwortlich gemacht werden. Die Malerei hat im Moment keine herausragende Bedeutung wie sie diese noch in den 50 er Jahren hatte. Wenn sie in den 50er, 60er und 70er Jahren von Kunst redeten, waren sie automatisch bei der Malerei. Heute sind sie bei ganz was anderem.<\/p>\n<p><em>Was ist die Aufgabe der Kunst im 21. Jahrhundert?<\/em><\/p>\n<p>Es gibt keine Frage der Aufgabe. Kunst ist existent wie die L\u00fcfte; sie hat keine Verpflichtung irgendwas zu tun, sie hat keine Verpflichtung sinnvoll oder p\u00e4dagogisch zu sein. Sie ist Kunst. Und Kunst ist der Inbegriff des Frei-Seins. Deswegen ist die Kunst immer die politischste, ohne dass sie \u00fcber Politik reden muss. Wenn sie Kunst machen, sind sie tolerant und gro\u00dfz\u00fcgig. Das muss man begriffen haben. Die Kunst ist nicht daf\u00fcr da, irgendein Zeitgef\u00fchl zu l\u00fcften.<\/p>\n<p><em>Was macht ein Genie, was mach den Dilettantismus aus?<\/em><\/p>\n<p>Dilettanten sind wir alle. Wenn sie kein Genie haben, bleiben sie im Dilettantismus h\u00e4ngen.<\/p>\n<p><em>Worin liegt f\u00fcr Sie das Geheimnis k\u00fcnstlerischen Schaffens?<\/em><\/p>\n<p>Das ist ein Perpetuum Mobile. Ich habe als ganz junger Mann angefangen und das hat nie aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p><em>Sie haben beruflich und gesellschaftlich alles erreicht, sind eine Ikone der Kunst, Professor, Magnifizenz. H\u00f6lderlin hatte einmal gesagt: Was bleibt aber stiftet der Dichter, was stiftet Markus L\u00fcpertz?<\/em><\/p>\n<p>Ich hoffe doch ein gro\u00dfartiges Werk<\/p>\n<p><em>\u201c\u00dcber Gott steht noch der K\u00fcnstler\u201d haben Sie einmal gesagt, wie meinen Sie das?<\/em><\/p>\n<p>Religion ist nicht mehr vorhanden, sie ist soziale und kriminelle Dinge verstrickt, die sie in ihrer Wertung und Ehre verletzt. Und wir als K\u00fcnstler, Knechte vom lieben Gott, sind nun dazu gerufen, Gott unter die Arme zu greifen, damit die Menschen von der Seele der Natur, vom Umfeld und vom Gegen\u00fcber noch etwas begreifen.<\/p>\n<p><em>Ist Eitelkeit eine Last oder eine Tugend?<\/em><\/p>\n<p>Es ist eine Last. Sie m\u00fcssen jeden morgen Fr\u00fchsport machen und einen teuren Ma\u00dfschneider bezahlen.<\/p>\n<p><em>F\u00fcrchten Sie den Tod?<\/em><\/p>\n<p>Ich will leben, ich hasse den Tod, weil er mich erblinden l\u00e4sst. Ich vergesse ihn einfach. So lange du lebst, ist er existent, danach ist es eh egal. Ich halte es nicht mit Todesphilosophien. Nein! Der Gevatter Hein ist ein Mann, der durch meine Bilder geistert und der mir immer wieder begegnet \u2013 aber letztendlich ist er ein Problem der Lebenden.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Jeder vaginale ist ein klitoraler Orgasmus<\/strong><\/p>\n<p>Ein Comic erz\u00e4hlt die Geschichte der Vulva. Ein Organ, das gesellschaftlich verfemt, pseudowissenschaftlich vernunglimpft und zum Spielball von m\u00e4nnlicher Willk\u00fcr und Dominanz wurde. Mit dem \u201eDer Ursprung der Welt\u201c bringt Str\u00f6mquist Licht in ein langes und dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte, das absurder und grausamer nicht gewesen sein konnte.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14624-vergessen-sie-tinder-die-geschichte-der-vulva\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>Die Geschichte zeichnet sich meist in schwarz oder wei\u00df, aber im Falle der Kulturgeschichte des weiblichen Geschlechtsteils wohl eher in dunkelgrau \u2013 das zeigt der Comic von Liv Str\u00f6mquist \u2013 \u201eDer Ursprung der Welt\u201c in aller Deutlichkeit.<\/p>\n<p>Einst war die Vulva erkl\u00e4rterma\u00dfen die Wiege des Lebens, die Keimzelle der Fruchtbarkeit \u2013 vereint mit der sexuellen Neugier. In der Antike, im alten \u00c4gypten \u2013 in vielen indigenen Kulturen und Volkst\u00e4mmen der Fr\u00fchzeit wurde sie verehrt. Kunst und Kultur waren vaginal durchtr\u00e4nkt, feierten mit Lobeshymnen, auf Alt\u00e4ren, in Reliefs und als Statuen das weibliche Geschlechtsteil orgiastisch als den Ursprung der Welt.<\/p>\n<p>Doch die Geschichte vom heiligen Zauber, von Anbetung und Verkl\u00e4rung, verkehrte sich nicht zuletzt durch eine m\u00e4nnlich dominierte Wissenschaft und religi\u00f6se Institutionen in das pure Gegenteil. Der Mythos des Heiligen wurde durch die Stigmatisierung ersetzt. Und anstelle der Verehrung traten Repressalien, abgrundtief-sinnlose Verrohungen sowie Verunstaltungen wie im Falle der auch heute noch praktizierten Klitorisbeschneidungen oder Genitalverst\u00fcmmlungen in vielen Teilen Afrikas und in einer Vielzahl muslimischer L\u00e4nder.<\/p>\n<p><strong>Widerliche Exzesse am weiblichen Geschlechtsorgan<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber 2000 Jahre hinweg landete die Vulva auf dem Opfertisch m\u00e4nnlicher Geltungs-, Macht-und \u00dcberlegenheitsanspr\u00fcche. Das einst verehrte weibliche Geschlecht wurde in die Niederungen des Lebens verbannt und zum blo\u00dfen Objekt sexueller Begierde. Der Selbsterm\u00e4chtigung des M\u00e4nnlichen ging die \u00c4chtung der Vulva einher. Weibliche Sexualit\u00e4t galt das widernat\u00fcrlich, die Vulva als eklig, die Sexualit\u00e4t der Frau als sinnliche Raserei ohne Verstand. Und mit der Abwertung der Vulva ging die Abwertung der Frau und der Weiblichkeit bis in j\u00fcngste Geschichte hinein weiter. Sie war nichts anderes als der experimentelle Ort, wo widerliche Exzesse vollzogen wurden. So galten \u00fcbergro\u00dfe Schamlippen \u2013 \u00fcber die Aufkl\u00e4rung hinaus \u2013 als Zeichen animalischer Sexualit\u00e4t, die Menstruation letztendlich gar als das b\u00f6se Blut der Verblendung und als Zeichen von Unkeuschheit und Unreinheit. Der Menstruationshass rief im schlie\u00dflich die Hexenprozesse auf den Plan. Und kirchliche Engstirnigkeit \u2013 samt religi\u00f6sem Aberglauben \u2013 initiierten ihrerseits einen gerade absurden Verfolgungswahn auf die Vulva.<\/p>\n<p><strong>Weiblicher Sex galt als unrein<\/strong><\/p>\n<p>Weiblicher Sex galt \u2013 nicht zuletzt durch das Veto Augustinus\u2019 \u2013 als Schande, als Abfall von Gott. Und so wurde die Vulva zum Giftbecher des B\u00f6sen, aus dem zu trinken die heilige Ratio in Absurdit\u00e4ten und rastlose Triebhaftigkeit st\u00fcrzte. Weibliche Onanie wurde gar als so gef\u00e4hrlich eingestuft, dass man die Lust nur in Karbols\u00e4ure ertr\u00e4nken konnte. Die Entfernung der Klitoris \u2013 meist von \u00c4rzten und Psychologen empfohlen \u2013 war und ist traurige Tagesgewissheit, einzig dazu da, die Ohnmacht des Weiblichkeit zu unterstreichen und die Dominanz des M\u00e4nnlichen hervorzuheben. Die Sexualit\u00e4t des Mannes in lasziver Freiz\u00fcgigkeit wurde goutiert, die der Frau als Hure abgestempelt.<\/p>\n<p><strong>Die Zerst\u00fcckelung der Weiblichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Selbst der Mythos von der zerst\u00f6rerischen Kraft der Menstruation h\u00e4lt sich bis in die Gegenwart. Und die Gr\u00f6\u00dfe der Klitoris wurde, trotz einer Vielzahl von Forschungen am Genital, erst 1998 entdeckt und damit der alte Konflikt von vaginalem und klitoralem Orgasmus neu entfacht. Die \u00dcberraschung dabei: \u201eForschungsergebnisse der letzten Jahre,\u201c so schreibt Str\u00f6mquist, \u201elassen vermuten, dass die Klitoris tats\u00e4chlich noch gr\u00f6sser ist \u2013 und ihre Venenenden sich \u00fcber einen gro\u00dfen Teil des K\u00f6rpers erstrecken\u201c und das ganze Organ bei der Stimulation anschwillt. Diese Entdeckung \u201emacht die ganze Diskussion \u00fcber klitorale \/ vaginale Orgasmen bedeutungslos, da alle Orgasmen durch den Klitoriskomplex ausgel\u00f6st werden.\u201c Der weibliche Orgasmus ist fast ausnahmslos klitoral!<\/p>\n<p><strong>Sigmund Freud und das Pr\u00e4 des vaginalen Orgasmus<\/strong><\/p>\n<p>M\u00e4nner spielten bei der Verbr\u00e4mung des weiblichen Geschlechtsteils keine r\u00fchmliche Rolle. So mag Sigmund Freud ein guter Philosoph und vielleicht auch Psychoanalytiker gewesen sein, wenngleich aus heutiger Sicht \u00fcberholt, aber das weibliche Geschlechtsteil verh\u00f6hnte er. Den vaginalen Orgasmus feierte er, den klitoralen stempelte er ab. Die Klitoris nannte er einen \u201em\u00e4nnlichen Apparat\u201c. Seine \u00c4usserungen \u201e\u00fcber die H\u00f6herwertigkeit des vaginalen Orgasmus hatten zur Folge, dass Generationen von Frauen total verunsichert waren, weil sie ihre Sexualit\u00e4t f\u00fcr fehlend oder gest\u00f6rt hielten, wenn sie nur einen Klitoris-Orgasmus bekamen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sartre \u2013 Das Sein und die vaginale Leere<\/strong><\/p>\n<p>Auch Jean-Paul Sartre zeigt sich bez\u00fcglich des weiblichen Geschlechts als bemerkenswert unaufgekl\u00e4rt. F\u00fcr Sartre, der mit seinem Buch \u201eDas Sein und das Nichts\u201c den Existentialismus begr\u00fcndete, blieb das weibliche Geschlecht etwas, das nicht existierte, in das der Mann seinen Penis stecken kann. Und in \u201eDas Sein und das Nichts\u201c hei\u00dft es: \u201eDas Sexualorgan ist vor allem ein Loch. (\u2026) Das weibliche Geschlechtsorgan ist (\u2026) ein Ruf nach Sein wie \u00fcberhaupt alle L\u00f6cher; die Frau an sich ruft nach einem fremden Fleisch, mit dem sie durch Eindringen und Aufl\u00f6sen in Seinsf\u00fclle verwandelt werden soll.\u201c \u201eDie Frau hat also ein geringeres Selbstwertgef\u00fchl, da sie kein Geschlecht hat, sie ist durchl\u00f6chert und sehnt sich nach einem Penis, der ihr Loch stopft und diesen Mangel (Die leere Stelle, wo ein Geschlechtsorgan sein sollte) behebt\u201c, f\u00fcgt Str\u00f6mquist an. F\u00fcr Sartre war das weibliche Geschlechtsorgan also nur ein Loch, ein Nichts, das gef\u00fcllt werden sollte. Und trotz seines Existentialismus, bei dem es immer wieder um die Abgr\u00fcnde des menschlichen Selbst ging, einen Humanismus gegen\u00fcber der Vulva leitete er daraus nicht ab. Dies ist um so verwunderlicher, weil seine Lebensgef\u00e4hrtin Simone de Beauvoir mit ihrem Buch \u201eLe Deuxi\u00e8me Sexe\u201c 1949 ein Skandalwerk hingelegt hat, wo von der \u201eSensibilit\u00e4t der Vagina\u201c, den \u201eZuckungen der Klitoris\u201c und dem \u201em\u00e4nnlichen Orgasmus\u201c immer wieder die Rede ist. F\u00fcr de Beauvoir war der Existentialismus schlie\u00dflich ein Feminismus, in Bezug auf das weibliche Geschlechts war sie Sartre um Lichtjahre voraus.<\/p>\n<p><strong>Courbet war viel moderner als Freud und Sartre zusammen<\/strong><\/p>\n<p>Gustave Courbets \u201eUrsprung der Welt\u201c schlug buchst\u00e4blich wie eine Bombe ein. Als Auftragsarbeit 1866 gemalt, war das Bild die Provokation schlechthin. Blanke Pornographie meinten die einen, die Entdeckung und Entmystifizierung die anderen. Der Realismus Courbets hatte mit der blinzelnden Vagina die Moderne ber\u00fchrt und an einem tausend Jahre alten Tabu ger\u00fcttelt. Courbets \u201eUrsprung\u201c war zu provokativ, zeigte es doch die nackte Wahrheit, die Entbergung dessen, was dem Heiligen \u00fcber Jahrhunderte hinweg kontr\u00e4r lief. Sein \u201eUrsprung\u201c wurde erst 1995 der gro\u00dfen \u00d6ffentlichkeit \u2013 und das unter strenger Bewachung \u2013 im Mus\u00e9e d\u2019Orsay in Paris zug\u00e4nglich und provoziert bis heute noch die Besucher.<\/p>\n<p><strong>Martin Heidegger und der Ursprung des Kunstwerkes<\/strong><\/p>\n<p>Aber wie immer in der Kunst z\u00e4hlt die Idee, der andere Blick, die andere Technik, die es \u00fcber die Verg\u00e4nglichkeit hinaus in die Ewigkeit hebt und Stein des Ansto\u00dfes bleibt. Nicht Gott ist der Vater aller Dinge, sondern das geradezu metaphysisch neu aufgeladene weibliche Geschlechtsorgan stand bei Courbet im Mittelpunkt. Courbet zeichnet kein Gesicht, sondern die Vagina und exemplifiziert damit die Ambivalenz zwischen sexueller Begierde und dem Ursprung des Lebens als Ort der sexuellen Verschmelzung. Der Realismus gleicht dabei einer religi\u00f6sen Verkl\u00e4rung und mit dem Kunstwerk selbst tritt ontologisch \u201eetwas Neues ins Dasein\u201c, das den Gegensatz von \u201eGeistig-Seelischem\u201c und \u201ePhysisch-Materiellem\u201c zur Entbergung bringt, wo sich, um mit Martin Heidegger zu sprechen, die Wahrheit in ihrer Unverborgenheit zeigt. Courbet hat mit seinem \u201eDer Ursprung der Welt\u201c, die Vagina als \u201est\u00e4ndiges Sichverschlie\u00dfen\u201c und \u201eEntbergen\u201c dargestellt, wie es sp\u00e4ter Heidegger in seinem Werk das \u201eUrsprung des Kunstwerks\u201c als das Wesen der Kunst und des Kunstwerks insgesamt in Deutungshoheit brachte; dass Kunst also letztendlich und urspr\u00fcnglich f\u00fcr Wahrheit steht, die sich im Werk ereignet und damit erst Geschichte stiftet. \u201eDer K\u00fcnstler ist der Ursprung des Werkes. Das Werk ist der Ursprung des K\u00fcnstlers. Keines ist ohne das andere. Beide haben ihren Ursprung in der Kunst\u201c, wie es bei Heidegger hei\u00dft.<\/p>\n<p><strong>Liv Str\u00f6mquists Eloge auf das Leben<\/strong><\/p>\n<p>Liv Str\u00f6mquist hat mit ihrem Comic die Tabuisierung der Vulva nachgezeichnet und zugleich eine Eloge auf das weibliche Geschlecht geschrieben, auf ein Organ, dass gesellschaftlich verfemt, pseudowissenschaftlich vernunglimpft und zum Spielball von m\u00e4nnlicher Willk\u00fcr und Dominanz wurde. Einst als Ursprung der Lust und des Lebens frenetisch gefeiert, wurde das weibliche Geschlecht in der Kulturgeschichte diskriminiert, tabuisiert, banalisiert und d\u00e4monisiert.<\/p>\n<p>Mit dem \u201eDer Ursprung der Welt\u201c bringt Str\u00f6mquist Licht in ein langes und dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte, das absurder und grausamer nicht gewesen sein konnte. Ihre Kulturgeschichte gleicht einer \u201eEntbergung\u201c an deren Ende die Wahrheit \u00fcber das weibliche Geschlechtsorgan, die Vulva \/Vagina steht. Es ist der Hort der Freude und des Lebens zugleich \u2013 sie zu missachten bleibt eine Kr\u00e4nkung der menschlichen Natur.<\/p>\n<p><strong>Was kann eigentlich Tinder?<\/strong><\/p>\n<p>Daran gilt es auch in Zeiten von Dating-Apps wie Tinder wieder zu erinnern. Der schnelle Sex per Internet wird die Sehnsucht nach wahrer Liebe nicht tilgen und der Taumel der Lust bleibt eine kurzfristige Episode, die letztendlich zu neuen Kr\u00e4nkungen an Leib und Seele f\u00fchrt. Durch Tinder vermag man zwar das eigene Ego kurzfristig aufzupolieren, weil man in der Welt der Begehrlichkeiten im ersten Rang sitzt \u2013 allein mehr vermag Tinder auch nicht.<\/p>\n<p><em>Liv Str\u00f6mquist, Der Ursprung der Welt, avant-verlag<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gender-Mainstreaming als neue Tugend<\/strong><\/p>\n<p>Die CDU hat schon bessere Tage erlebt. Der Streit mit der Schwester hat dem Image geschadet und mit Daniel G\u00fcnther werden Stimmen laut, die sogar mit der Linkspartei eine Koalition anstreben. Was ist aus der CDU geworden, wo bleibt das Christliche? Statt christlicher Tugenden werden Multi-Kulti und Gender-Mainstreaming zum Religionsersatz.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14519-der-christliche-ausverkauf-der-cdu--2\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<p>Die \u00c4ra der Kanzlerschaft von Angela Merkel pr\u00e4gt eine gepflegte Lethargie \u2013 zumindest wenn es um den Wert des Christlichen geht. Nirgends anecken, profillos regieren. Die ganze Regentschaft gleicht einem Zick-Zack-Kurs bequemer Anbiederung und Gleichmacherei und droht dabei zugleich ihren Markenkern auf dem Spielplatz der politischen Macht und Eitelkeiten wie ein beil\u00e4ufiges Gut zu verschenken. Vom C ist unter der Physikerin Merkel nicht mehr viel zu sp\u00fcren, der einstige Glanz, der sich damit verband, ist zu einer Klarsichtfolie geworden, die nur dann aufgepustet, wenn die Fl\u00fcchtlingspolitik als humanit\u00e4rer Akt heraufbeschworen wird. Mit Merkel hat das C endg\u00fcltig Konkurs angemeldet, ein zweckrationalisierter Wertekanon regiert, der in seiner Beliebigkeit immer mehr von dem preisgibt, was den einstigen Markenkern der CDU unter Konrad Adenauer und den Anf\u00e4ngen der Bundesrepublik bildete. Geblieben ist ein Werterelativismus, dem jeder konservative Tiefgang fehlt. Das christlich-liberale, das durch den Geist der Aufkl\u00e4rung hindurch, eine selbstkritische Korrektur vorgenommen hat, ist zur ergrauten Macht geworden, die als Beliebigkeitsformel zum leblosen Bodensatz globaler Inszenierungen vernutzt wird.<\/p>\n<p><strong>Eine \u201eDiktatur des Relativismus\u201c regiert<\/strong><\/p>\n<p>Merkels CDU der Mitte, die allzu gern nach links schwenkt, die dem gr\u00fcnen Zeitgeist huldigt, der SPD die Inhalte klaut, hat das C entkernt und damit einer S\u00e4kularisierung Tor und T\u00fcr ge\u00f6ffnet, die gleichsam in einer \u2013 wie schon Papst Benedikt der XVI. kritisierte \u2013 \u201eDiktatur des Relativismus\u201c kulminiert. Das Christliche wird so zum bunten Einer- oder Allerlei und verliert in Claudia Roth\u2019schen Regenbogenfarben jegliche Kontur und wird \u2013 sobald es um W\u00e4hlergunst und Wahlstimmen geht \u2013 beliebig ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>In Zeiten des Anything Goes, wo Gender-Mainstreaming und die Geschlechtsneutralit\u00e4t zu den neuen heiligen Kathedralen des Individualismus stilisiert werden, verkommt das hohe C eben zum hohlen C. Dabei war das C einst Erweckungszeichen einer ganzen Generation nach dem Krieg, verlieh unendliche Energien- und Beschleunigungskr\u00e4fte, doch die Abriebkr\u00e4fte aus dem Vakuum der Mitte zerst\u00f6ren zusehends die sozialen Errungenschaften, die Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, die Freiheit des Einzelnen und die Eigenverantwortung. Was dagegen bleibt, ist ein sich arrangierender Multi-Kulti-Kurs, der zumindest dem Wunsch vieler Bundesb\u00fcrger diametral entgegengesetzt ist.<\/p>\n<p><strong>Die Verleugnung des Eigenen<\/strong><\/p>\n<p>Im Unterschied zur CSU zeigt sich bei der CDU eine gewisse \u00c4ngstlichkeit zu regieren, Angst vor der Kritik ist eine permanent anwesende Gr\u00f6\u00dfe, quasi eine Profilneurose. Und so bleibt die CDU unter Merkel eine in Sachen christlicher Religion ruhig gestellte Partei, ohne Wenn und Aber, ohne Entweder-Oder, die sich lieber der religi\u00f6sen Pluralit\u00e4t \u00f6ffnet, den Islam zum Teil Deutschlands erkl\u00e4rt und bei der Integration muslimischer Einwanderer ihr Goldenes Kalb entdeckt. Dieses Auf-Sich-Fahren und die eigene Unf\u00e4higkeit, sich klar zum konservativen Markenkern zu bekennen, wird so immer mehr zur Probe ihrer politischen Glaubw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p>Auch 2018 ist Deutschland ein s\u00e4kularisiertes und religionsfreies Land, an dessen Gottesferne die christlichen Parteien ma\u00dfgeblich mitverantwortlich sind. Die eigene Religion wird kleingeredet, die anderen in den kulturell-politischen Fokus ger\u00fcckt, aufgeblasen und inszeniert. Das Christliche verdunstet dabei buchst\u00e4blich in der Warenkette im Supermarkt, verdampft zum blo\u00dfen Lippenbekenntnis und erweist sich leidglich als altbackener Zopf, w\u00e4hrend fremde Kulturen hierzulande ein Wohlf\u00fchlbecken finden, das sie in aller Beliebigkeit ausf\u00fcllen k\u00f6nnen. Zwar zeigt die Union damit, wie multikulturell und ethnisch offen sie ist, aber dem eigenen B\u00fcrger schmeckt dieser Cocktail einfach nicht. Im CDU-Grundsatzprogramm von 2007 hei\u00dft es: \u201eWir brauchen eine kontrollierte Zuwanderung von gut ausgebildeten, leistungsbereiten und integrationswilligen Menschen. (\u2026) Integration bedeutet die Akzeptanz kultureller Verschiedenheit auf der Basis allgemein geteilter und gelebter Grundwerte. Integration bedeutet, Verantwortung zu \u00fcbernehmen f\u00fcr unser Land. (\u2026) Deutschkenntnisse sind der Schl\u00fcssel zur Integration. (\u2026) Wer sich der Integration verweigert, muss mit Sanktionen rechnen.\u201d<\/p>\n<p>Ein Blick in die No-Go-Areas der Bundesrepublik, der Fall Sami A., die vielen Gewaltverbrechen belehren eines anderen. Grundsatzprogramm und Realit\u00e4t bleiben meilenweit voneinander entfernt.<\/p>\n<p><strong>Die neue Un\u00fcbersichtlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Dabei w\u00e4chst in Zeiten neuer Un\u00fcbersichtlichkeiten, sei es durch die Globalisierung oder die Digitalisierung, auf Seiten der W\u00e4hlerschaft gerade wieder der Wunsch nach Verbindlichkeiten und einem Werteprofil, nach einem verbindlichen Tugendkanon, der sich nicht dauernd im Ausnahmezustand befindet. Dagegen aber wird die abendl\u00e4ndisch-christliche Leitkultur, die das traditionelle Bild vom Menschen als in Freiheit geschaffener Vernunft samt Lebensschutz zu ihrem Fundament erkl\u00e4rt, als konservatives und verh\u00e4ngnisvolles Klischeebild abgesch\u00fcttelt sowie das Konservative zugunsten pluraler Mehrheitsf\u00e4higkeit abgew\u00e4hlt. Der Konservative wird mit Arkusaugen betrachtet, in aller Beliebigkeit in die rechte Ecke verschoben, totgeschwiegen oder gemobbt. Dabei eignet seiner Wesensnatur keineswegs das blo\u00df Reaktion\u00e4re, Pers\u00f6nlichkeiten wie Adenauer und Erhard zeigten dies deutlich, sondern Toleranz, Weltoffenheit, Besonnenheit, K\u00e4mpfertum und Gesunder Menschenverstand. Der Konservative be\u00e4ugt den politischen Dirigismus kritisch, sieht in der neuen repressiven Toleranz eine Gefahr f\u00fcr die Freiheit und f\u00fcr das christliche Menschenbild. Ihm ist ein Drittes Geschlecht eben nicht Ausweis, sondern Verlust von Toleranz. Und im Gender-Mainstreaming sieht er letztendlich eine pure Ideologisierung am Werk, die auf Gleichmacherei und Geschlechtsleugnung hinausl\u00e4uft. Mit einer derartigen Politisierung des Geschlechtlichen verleugnet die Union ihr einstiges Ideal eines sich frei entscheidenden Menschen, ohne zu erkennen, dass Gender ein Totalangriff auf eben diese Freiheit ist.<\/p>\n<p>Wenn das konservative, wertstabilisierende Element fehlt, erobert sich die Neutralit\u00e4t einer falsch verstandenen politischen Aktion das Feld. Das Ergebnis sind austauschbare politische Gebilde und die Wahlprogramme. Die inhaltliche Leere politischer Reden bleibt Ausdruck von Standlosigkeit, die dann zur politischen Ortlosigkeit wird, da eine derartige Aktivit\u00e4t schnell in politisch blinden Aktionismus umschl\u00e4gt, der nicht nur der Politik schadet, sondern der bereits der Kunst immer schon geschadet hat. Denn: Wie in der modernen Kunst auf die Ortlosigkeit die Wesenlosigkeit folgte, so auf den Aktionismus die L\u00e4hmung.<\/p>\n<p><strong>Wo das Konservative fehlt, w\u00e4chst die Rechte<\/strong><\/p>\n<p>Wer dem konservativen Kern keinen Raum mehr gibt, diesen ideologisch als Sonderm\u00fcll des Politischen deklassifiziert, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Wahlvolk sein heilsgeschichtliches Gl\u00fcck in der alternativlosen AfD zu finden glaubt. Ebenso erweisen sich politische Pl\u00e4nkelspiele mit der SED-Nachfolgepartei, der DIE LINKEN, wie sie der Ministerpr\u00e4sident von Schleswig-Holstein, Daniel G\u00fcnther, als reines Paradigma politischer Machterhaltung durchspielt und dabei sehr viel vom Innersten der CDU preisgibt, treibt immer mehr CDU-W\u00e4hler aus den eigenen Reihen. Wie lose das Wertgef\u00fcge in der CDU wirklich ist, hatte die WerteUnion deutlich erkannt und forderte genau eine Besinnung auf die ehemaligen CDU-Tugenden. Doch schon daf\u00fcr hagelte es aus der liberal-gr\u00fcnen Mitte der Partei mit harscher Kritik. Es bleibt dabei: Die Zukunft der CDU f\u00e4llt mit ihrer Kanzlerin. Sollte Merkel immer mehr gen links treiben, hat sie das politische Erbe Adenauers verspielt und ihre eigene Partei inhaltlich ausverkauft. Merkel, der ideologiefreien Wissenschaftlerin, bleibt ihr Christentum ein bunter Legokasten, den sie mit x-beliebigen Teilen ersetzt und umbaut. Und damit erweist sie sich keineswegs als Repr\u00e4sentantin liberaler, christlich-sozialer und konservativer Werte, sondern als Karrieristin, die letztendlich das Profil der CDU schlucken wird.<\/p>\n<p>\u201eAnpassungsintelligenz\u201c, wie es Martin Lohmann einst formulierte, bleibt der Schicksalsbegriff der Stunde. Wer mal liberal, mal christlich sozial, mal konservativ sein will, \u201ewer also an der Spitze meint, aus dem Und ein Oder machen zu k\u00f6nnen, verr\u00e4t nicht nur etwas \u00fcber die eigene Wandlungsf\u00e4higkeit im Umgang mit Teilprofilen, sondern offenbart auch machtvolle Defizite im Kern-Verst\u00e4ndnis der eigenen Partei.\u201c Deutschlands Kanzlerin bleibt eine taktische Politikerin, die vom puren Willen zur Macht getrieben wird und bei Bedarf auch ihre politischen Grundsatzpositionen um 180 Grad dreht. Der Ausverkauf der Partei geht weiter.<\/p>\n<p><strong>Wir m\u00fcssen uns mit der AfD inhaltlich auseinandersetzen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDass rechts von der CDU eine Partei entstanden ist, die als drittst\u00e4rkste Kraft in den Bundestag eingezogen ist, darf uns nicht ruhen lassen. Gleichsam ist es Ausdruck unserer Demokratie. Trotz ihres ausgrenzenden und oft verachtenden Politikstils m\u00fcssen wir uns mit der AfD inhaltlich auseinandersetzen&#8220;, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Kl\u00f6ckner im Interview mit dem \u201cThe European\u201d.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/julia-kloeckner\/14516-interview-mit-julia-kloeckner\">CDU Rheinland-Pfalz<\/a><\/p>\n<p><em>Was bedeutet Ehrlichkeit in der Politik? In Zeiten von Fake News scheint diese ein rares Gut zu sein? Die Politikverdrossenheit vieler ist ja ein Spiegel, dass sie den Wahrheitswert politischer Aussagen in Zweifel stellen.<\/em><\/p>\n<p>Das zu sagen, was ist und was man meint, das bedeutet Ehrlichkeit \u2013 \u00fcbrigens nicht nur in Politik. Die B\u00fcrger verlangen zu Recht von uns Politikern, dass wir glaubw\u00fcrdig und wiedererkennbar sind, dass wir Position beziehen, klar und deutlich sprechen und unsere Haltung gut und nachvollziehbar erkl\u00e4ren. Gleichzeitig sollten wir miteinander ordentlich umgehen \u2013 es sind nicht immer \u201afake news\u2018, wenn der Gegen\u00fcber die eigene Meinung nicht teilt. Der Vorwurf ist aber schnell gemacht. Ehrliche Kommunikation bedeutet aber nicht, den politischen Gegner zu verletzen, das eben f\u00fchrt zu einer Vergiftung der politischen Kultur und zu Politikverdrossenheit, das nervt die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Und deshalb hoffe ich auch, dass diejenigen keinen langfristigen Erfolg haben, die ihre Politik auf kurzlebige Versprechungen, den schnellen Applaus und leere Phrasen gr\u00fcnden.\u201c<\/p>\n<p><em>Markus S\u00f6der hat mit seinem Kruzifix-Urteil f\u00fcr Aufsehen gesorgt, ist damit Deutschlands Demokratie in Gefahr oder st\u00e4rken wir damit tats\u00e4chlich unsere kulturelle Identit\u00e4t?<\/em><\/p>\n<p>\u201eIch bin der Meinung, dass man Heimat, kulturelle Identit\u00e4t oder auch Gl\u00e4ubigkeit nicht per Gesetz verordnen kann. Gleichwohl kann der Staat ein Zeichen setzen. Das Kreuz steht f\u00fcr Barmherzigkeit und Solidarit\u00e4t, ist zugleich Sinnbild f\u00fcr Hoffnung und Erl\u00f6sung. Das christliche Verst\u00e4ndnis vom Menschen \u2013 von seiner Freiheit in Verantwortung \u2013 ist Kompass und Richtschnur christdemokratischer Politik. Wer diese Werte beherzigt und lebt, der ist ganz sicher keine Gefahr f\u00fcr unsere Demokratie.\u201c<\/p>\n<p><em>Brauchen wir in Zeiten von Parallelgesellschaft und dem immer st\u00e4rker werdendem Einfluss des politischen Islam tats\u00e4chlich so etwas wie eine Leitkultur? Alt-Bundespr\u00e4sident Gauck betonte: \u201eDurch die Welle der Zuwanderung entsteht bei manchen Menschen das Gef\u00fchl: Wir sind gar nicht mehr bei uns zu Hause, sondern wir werden \u00fcberfremdet.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201eWenn wir wollen, dass die Integration derjenigen gelingt, die zu uns kommen und Bleiberecht haben, dann ist es richtig und wichtig dar\u00fcber zu sprechen und den genannten Menschen auch deutlich zu vermitteln, was uns als weltoffene und liberale Gesellschaft zusammenh\u00e4lt, welche Regeln es f\u00fcr ein konfliktfreies Miteinander hier gibt. Das m\u00fcssen wir so konkret und alltagstauglich wie m\u00f6glich machen \u2013 der alleinige Verweis auf unser Grundgesetz reicht hier nicht aus, ist zu abstrakt. Der Erfolg der Integration h\u00e4ngt ganz entscheidend von der Rolle der Frau ab. Gleichberechtigung gilt hier \u2013 egal woher man kommt. Darauf darf es weder einen kulturellen noch religi\u00f6sen Rabatt geben. Bei uns h\u00e4ngt die Familienehre nicht vom Lebensstiel der Tochter oder Schwester ab, Frauen sind gleichberechtigt und m\u00fcssen als Vorgesetzte und Autorit\u00e4tspersonen akzeptiert werden. Unter anderem darum geht es. Kurzum: Was hinter dem Begriff der Leitkultur steht, ist sicher keine Zumutung, sondern das Einmaleins unseres Zusammenlebens in diesem liberalen Rechtsstaat. Der genau deshalb ja f\u00fcr so viele Ziel ihrer Tr\u00e4ume und auch gef\u00e4hrlichen Reisen ist.\u201c<\/p>\n<p><em>Sie k\u00e4mpfen immer wieder f\u00fcr die Grundrechte der Frauen in der Demokratie und fordern ein Vollverschleierungsverbot f\u00fcr Frauen, weil Vollverschleierung nicht f\u00fcr religi\u00f6se Vielfalt, sondern f\u00fcr Diskriminierung steht. Wie k\u00f6nnen wir unsere Werte aus Aufkl\u00e4rung und Humanismus, die im Grundgesetz verankert sind, Menschen aus anderen Kulturen vermitteln, damit wir diese integrieren k\u00f6nnen?<\/em><\/p>\n<p>\u201eFrauen spielen die entscheidende Rolle bei der Integration. Weltoffenheit und Vielfalt sind kostbare Werte unserer Gesellschaft. Deshalb d\u00fcrfen wir Frauen nicht aus falsch verstandener Toleranz und angeblicher Kultursensibilit\u00e4t in den R\u00fccken fallen. In Deutschland entscheiden Frauen selbst, wie sie leben, wo sie arbeiten, wen sie heiraten. Frauen, die in patriarchalisch gepr\u00e4gten Familien aufwachsen und nicht selbstbestimmt und gleichwertig ihr Leben in Deutschland leben d\u00fcrfen, die sich von M\u00e4nnern gemachten Kleiderordnungen bis hin zur Vollverschleierung und Unkenntlichmachung beugen m\u00fcssen, solche Frauen brauchen unsere Solidarit\u00e4t \u2013 und nicht unsere Ignoranz, die gerne mit Toleranz verwechselt wird. Am Ende geht es dann auch immer auch um den Umgang mit den hier geborenen Frauen, die Gleichberechtigung gewohnt sind, sie sich auch erk\u00e4mpft haben \u2013 es darf keinen so genannten \u201eRollback\u201c geben. Es ist unverst\u00e4ndlich, mit welcher Vehemenz sich f\u00fcr eine gendergerechte Sprache eingesetzt wird, aber die Vollverschleierung, die Frauen zu unscheinbaren, identit\u00e4tslosen Gestalten in der \u00d6ffentlichkeit degradiert, dann als Freiheit der Religion abgetan wird \u2013 des Mannes wohlgemerkt. Was die Vermittlung angeht, so spreche ich mich f\u00fcr individuelle Integrationsvereinbarungen aus. Mit jedem, der hier eine Bleibeperspektive hat, sollte ein verbindliches Gespr\u00e4ch gef\u00fchrt werden \u2013 wozu der Staat sich verpflichtet und wozu der Migranten sich verpflichtet. Es hat auch etwas mit gegenseitigem Ernstnehmen zu tun und auf Augenh\u00f6he in die Pflicht nehmen. Unsere Spielregeln, Pflichten und unsere Erwartungen f\u00fcr ein gelingendes Zusammenleben m\u00fcssen wir von Anfang an klar machen \u2013 und zwar in alltagstauglichen Beispielen. Und es muss Konsequenzen haben, wenn man sich daran nicht h\u00e4lt.\u201c<\/p>\n<p><em>Die AfD ist auf dem Vormarsch. Gibt es ein institutionelles Politikversagen, das daf\u00fcr verantwortlich ist, dass Deutschland derzeit so gespalten, so polarisiert wie nie zuvor ist?<\/em><\/p>\n<p>\u201eDass rechts von der CDU eine Partei entstanden ist, die als drittst\u00e4rkste Kraft in den Bundestag eingezogen ist, darf uns nicht ruhen lassen. Gleichsam ist es Ausdruck unserer Demokratie. Trotz ihres ausgrenzenden und oft verachtenden Politikstils m\u00fcssen wir uns mit der AfD inhaltlich auseinandersetzen und sie auf diese Weise stellen \u2013 so wie wir es am anderen Rand des politischen Spektrums auch mit der \u201eDie Linke\u201c machen. Ein institutionelles Politikversagen sehe ich aber nicht. Dieser Befund w\u00fcrde der AfD eine Bedeutung zusprechen, die sie nicht hat. B\u00fcrger haben diese Partei gew\u00e4hlt, weil sie sich abgeh\u00e4ngt f\u00fchlen und glauben, mit ihren Anliegen, ihren Themen nirgends sonst Geh\u00f6r zu finden. F\u00fcr diese W\u00e4hler m\u00fcssen wir wieder ein Angebot machen, uns selbstkritisch fragen, ob wir genug getan haben, um sie mit unserer Politik zu erreichen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich sage aber auch: Einfach nur Protestw\u00e4hler zu sein \u2013 dieser Anspruch ist zu wenig und angesichts der Aussagen zahlreicher AfD-Spitzenfunktion\u00e4re vor allem gef\u00e4hrlich.\u201c<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Wir werden bald den Mars erobern<\/h1>\n<p>Zu einem besonderen Abend hatte Speakers Excellence, die AUDI AG, die WEIMER MEDIA GROUP und der Oberpollinger geladen. Ende Juli versammelten sich auf der Dachterrasse \u201eLe Buffet\u201c des Luxuskaufhauses Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur. Keynotspeaker war Frank M. Salzgeber mit einem Vortrag \u00fcber Innovation, Entrepreneurship, Zukunftstechnologien und Trends.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14446-executive-night-im-oberpollinger\">AFP\/ Getty Images<\/a><\/p>\n<p>Visionen sind das Salz der Erde, die faustischen Energien, die die Welt in ihrer Dynamik vorantreiben. Ohne die Aufkl\u00e4rung, ohne das Wagnis des Wissens auf seine Vernunft zu vertrauen, ohne den Weckruf des \u201cSapere aude\u201d Immanuel Kants, w\u00e4re das Wissen nur vertrocknete Metaphysik. Welche Innovationskraft im homo technicus steckt, zeigte eine Keynote von Frank M. Salzgeber auf der Executive Night im Oberpollinger.<\/p>\n<h6>Der Pioniergeist ist der Spirit der Wissenschaft<\/h6>\n<p>Die Wissenschaft von heute ist nur so gut wie ihre Zukunftsf\u00e4higkeit. Das wei\u00df keiner besser als Frank M. Salzgeber, Head of Technoloy bei der European Space Agency (ESA). Der gro\u00dfe Menschheitstraum, das Weltall zu erobern ist n\u00e4her denn je ger\u00fcckt, die Besiedlung des Mondes greifbar, die des Mars denkbar. Seit den zaghaften Versuchen eines Leonardo da Vinci, der Gebr\u00fcder Wright, den Konstrukteuren William Edward Boeing, Claude Dornier, Robert Hutchins Goddard, Hugo Junkers und nicht zuletzt durch Wernher von Braun und Elon Musk hat sich die Geschichte des Fliegens und der Raumfahrt radikal ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Das Undenkbare wurde Realit\u00e4t, weil es Pioniere, Quereinsteiger, Unbeirrbare und Tr\u00e4umer gab. Dagegen ist die \u201cSelbstbefruchtung\u201d, die Monotonie und Langsamkeit von Denkprozessen in gro\u00dfen Unternehmem, denen der Innovationsschub fehlt, weil sie sich intellektuell abkapseln, schon l\u00e4ngst keine Zukunftsressource mehr. Was der Ingenieur Salzgeber hingegen sucht, sind die \u201eVerr\u00fcckten.\u201c<\/p>\n<p>Wer die Welt vorantreiben will, bedarf der Verwegen- und Tollk\u00fchnheit des Denkens, dessen ist sich Frank Salzgeber sicher. Dezentralisierung statt monokausaler Verwaltung lautet daher seine Maxime und die Digitalisierung ist dabei die neue Metaphysik. Wie einst die Aufkl\u00e4rung neue Wege beschritt, soll die europ\u00e4ische Wirtschaft durch die Raumfahrttechnologie wettbewerbsf\u00e4higer, effizienter, kosteng\u00fcnstiger und schneller gemacht werden, denn jedes Kilo, das in den Orbit transportiert wird, kostet 100 000 Euro.<\/p>\n<h6>Wir m\u00fcssen unsere Ideen vermarkten<\/h6>\n<p>Zweitvermarktung bleibt dabei das Marketingkonzept und \u201ees gibt keine verr\u00fcckten Transfers\u201c. \u201eFr\u00fcher waren die Transfers eine Art Abfallprodukt \u2013 heute betrachten wir sie als wertvolle Wiederverwendung\u201c. Sprichw\u00f6rtlich alles will Salzgeber aus der Weltraumtechnologie herausholen, und sein B\u00fcro bezeichnet er selbst als \u201eInnovations-Recyclingsb\u00fcro\u201c der ESA, \u201edenn wer heute nicht recycelt, verschwendet Ressourcen\u201c. Dabei kann Salzgeber aus einer Wundert\u00fcte greifen, denn die Entwicklungen der Raumfahrt setzen die Trends von morgen, seien es wiederverwertbare Raketen, die der Weltraumeroberung Milliardensummen sparen helfen oder das Luft-Recycling-System der ESA. Einen neuen Meilenstein bei der Herzklappentechnologie k\u00f6nnte j\u00fcngst eine Entdeckung von Alexander Gerst auf der ISS sein. Gerst fand heraus, dass Metalle, die sich auf der Erde nicht verbinden, in der Schwerelosigkeit miteinander Synthesen eingehen.<\/p>\n<p>Als Leiter des Technology Transfer Programme Office (TTPO) der ESA geht es Salzgeber letztendlich und vordergr\u00fcndig darum, dass die Innovationen aus der Raumfahrt eben nicht buchst\u00e4blich im All verpuffen. Und so sucht er mit einem Jahresbudget von rund 5,5 Millionen Euro f\u00fcr die ESA Firmen, die Technologien aus der Raumfahrt wirtschaftlich nutzen wollen. Dabei sind originelle Ideen wichtiger als ausgewiesene Expertise. Die Erfolgsgeschichte l\u00e4sst sich eindeutig belegen: 630 Start-up-Firmen wurden gegr\u00fcndet, 300 Technologietransfers erm\u00f6glicht und \u00fcber 40 Millionen Euro investiert.<\/p>\n<h6>Raumfahrt ist die Technik der Zukunft<\/h6>\n<p>Salzgeber ist davon \u00fcberzeugt, dass \u201eTechnologie in der Raumfahrt helfen kann, die gro\u00dfen und kleinen Probleme des Alltages besser zu l\u00f6sen\u201c und fordert daher: \u201eWe need more space\u201c, \u201espacige\u201c Innovationen. \u201eWir bauen die Infrastruktur\u201c f\u00fcr die digitale Welt. Und die Raumfahrt, da ist er sich ganz sicher, ist die Basis f\u00fcr die k\u00fcnftige Digitalisierung, die Infrastruktur, die f\u00fcr eine v\u00f6llig neue Architektur des Wissens und der Kommunikation steht. \u201eEs wird kein autonomes Fliegen oder Fahren\u201c ohne die Weltraumtechnik geben. &#8222;Raumfahrt ist eine Art des Denkens.\u201c \u201eAlles muss leicht sein, sicher, energiesparend, nicht reparaturanf\u00e4llig und selbstheilend. Und das sind Eigenschaften, die auch f\u00fcr viele Waren hier auf der Erde w\u00fcnschenswert sind. In der Raumfahrt gilt: \u201aFailure is not an option\u2019\u201c.<\/p>\n<p>Wie sehr die Raumfahrt unser t\u00e4gliches Leben bereits bestimmt, zeigt sich \u00fcberdeutlich bei der Klima- und Wettervorhersage, bei der Tele- und Satellitenkommunikation, bei der Energie- und Leichtbautechnik, oder bei der Echtzeit\u00fcbertragung der Fu\u00dfball-WM. Ohne Satelliten w\u00e4re es auf der Erde trist wie im spirchw\u00f6rtlich finsterem Steinzeitalter. Der \u201espace\u201c hat die Welt gewaltig revolutioniert und ist so zum unverzichtbaren Begleiter allt\u00e4glicher Arbeits- und Lebensprozesse geworden, der menschliches Leben effizienter und nachhaltiger werden l\u00e4sst. Und seien es ganz banale Dinge wie der Akkuschrauber oder die Chipst\u00fcte, ein digitales R\u00f6ntgenger\u00e4t oder die Info Displays von \u00c4rzten und Logistikern, die einst f\u00fcr Astronauten entwickelt wurden \u2013 ganz zu schweigen von zukunftsweisenden Technologien wie der Energiespeicherung und die Brennstoffzellentwicklung \u2013 alles Made in space.<\/p>\n<h6>Wir werden bald den Mond besiedeln<\/h6>\n<p>Doch der Blick geht weiter \u2013 mit dem Moon Village Projekt plant die ESA die Besiedlung des Mondes. Die Mondbesiedlung prognostiziert Salzgeber f\u00fcr die n\u00e4chsten zehn Jahre, der Mars wird in den \u201en\u00e4chsten 20-30 Jahren folgen\u201c. \u201eVor ein paar hundert Jahren war Amerika sehr weit weg, heute ist man in acht Stunden da. Zum Mars dauert es ein bisschen l\u00e4nger, aber wir werden ihn auf jeden Fall erschlie\u00dfen\u201c. Und w\u00e4hrend Ferdinand Magellan im 16. Jahrhundert noch drei Jahre ben\u00f6tigte, um die Welt zu umsegeln, umrundet ein Satellit die Erde einmal in 90 Minuten und das in 300 km \u00fcber der Erdoberfl\u00e4che mit einer Geschwindigkeit von 7,8 km\/s (28.000 km\/h).<\/p>\n<h6>Innovation braucht Freiheit<\/h6>\n<p>Doch Innovationen entwickeln sich nicht statisch, sie brauchen Freir\u00e4ume, Freiheiten, die Salzgeber auch in der Personalf\u00fchrung einfordert. Nur ein freier Geist bleibt bef\u00e4higt, die Welt in ihrer Vielheit zu betrachten, die Perspektive zu wechseln und Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu l\u00f6sen. \u201eWir brauchen auch in der Personalf\u00fchrung mehr Raum, das hei\u00dft auch seinen Leuten mehr Freiheiten zu geben. Das f\u00f6rdert die Innovation.\u201c Salzgebers Credo lautet dann auch: \u201eEine Gesellschaft, die ihre Forschung stoppt, stoppt ihre Entwicklung\u201c. Was sich der Wirtschaftsingenieur w\u00fcnscht, ist ein offener Forschungsdiskurs, den Mut zur Innovation, den kindischen Entdeckungsgeist und eine Politik, die nicht wie in Deutschland nur auf Sicht f\u00e4hrt, sondern die globale Welt in den Augen beh\u00e4lt. Wir brauchen viel mehr Spirit. Dass Deutschland in Sachen Digitalisierung und Dezentralisierung den Pioniergeist Amerikas und seiner Innovationsschmieden einatmen muss, ist f\u00fcr Salzgeber eine pure Verst\u00e4ndlichkeit und entspricht seiner Logik des Fortschrittes. Und auch dass das Scheitern dazu geh\u00f6rt, ist ein Kalk\u00fcl, das man berechnen muss. Doch dieses kreativ in produktive Energie umzuwandeln, macht Wissenschaft aus.<\/p>\n<h6>Der Geist aus dem Silicon Valley<\/h6>\n<p>Vom Innovationsgeist Made in America kann Deutschland, das Land einstiger gro\u00dfer Entdeckungen, wieder viel lernen. Selbst der Vatikan, die nachhaltigste Institution der Weltgeschichte, setzt bei der Digitalisierung seiner Bibliothek auf Raumfahrttechnik und auch bei AUDI schlie\u00dfen sich Leichtbau, Schnelligkeit, \u00d6koeffizienz und gr\u00fcne Technik nicht aus. Wer wollte, konnte sich bei der Executive Night im Oberpollinger mit den Elektroautos shutteln lassen oder selber fahren. Fahrspa\u00df garantiert.<\/p>\n<h1>Die Sternstunde des Jean-Claude Juncker<\/h1>\n<p>In den letzten Monaten hatten viele den EU-Kommissionspr\u00e4siden Jean-Claude Juncker bereits abgeschrieben, Ger\u00fcchte \u00fcber den angeschlagenen Gesundheitszustand des ehemaligen Premiers von Luxemburg kursierten, Videos verbr\u00e4mten den Strategen der europ\u00e4ischen Einheit bis hin zur L\u00e4cherlichkeit. Doch durch seine Schlichtung im Handelsstreit mit den USA strahlt Juncker nun im Glanz als Retter Europas.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14431-eu-und-usa-entschaerfen-handelsstreit\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<h6>Europa \u2013 der Schattenkontinent<\/h6>\n<p>Die letzten Monate stand es nicht gut um die Reputation des EU-Pr\u00e4sidenten, die Sonne \u00fcber Europa verfinsterte sich, das alte Raubein wirkte m\u00fcde und amtsverdrossen, die beschworene Einheit des Abendlandes wollte einfach nicht z\u00fcnden und Europa glich einem Bummelnachtzug, der sich permanent verfuhr, stockte und f\u00fcr den fast jeder europ\u00e4ische Bahnhof zur Endstation wurde. Europa hatte sich im Frontenkrieg aufgerieben und Osteuropa sich immer wieder von der Lokomotive abgekoppelt. Jenseits des Atlantiks holte Donald Trump seinerseits zum globalen Vernichtungsschlag aus und schrieb die Verh\u00e4ngung von Strafz\u00f6llen auf seine politische Agenda. Nach Jahren der Harmonie zwischen Amerika und Europa drohte ein Zollkrieg sondergleichen, der nicht zur den transatlantischen Diskurs bis ins Mark hin ersch\u00fctterte, sondern der die Weltwirtschaft an den Rande eines Kollaps gebracht h\u00e4tte.<\/p>\n<h6>Nicht Merkel, sondern Juncker<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend Angela Merkel auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel in Bayreuth Richard Wagner fr\u00f6nte und ausnahmsweise nicht \u2013 im Lehrerdiktus und per Bevormundungsdiktion \u2013 europ\u00e4ische Politik machte, hat ihr ausgerechnet Jean-Claude Juncker die politische Show gestohlen und ein St\u00fcck weit Welt- und Europapolitik geschrieben. Nicht Merkel, die selbsterw\u00e4hlte Architektin der europ\u00e4ischen Einheit, die wie kein anderer Politiker als Patronin Europas in die Geschichtsb\u00fccher eingehen will, hat Trump zur R\u00e4son gebracht, sondern das politische Raubein Juncker. Er hat den Handelsstreit mit den USA vorerst geschlichtet und die Aufhebung von Strafz\u00f6llen durchgeboxt.<\/p>\n<h6>Europa hatte Donald Trump nie ernst genommen<\/h6>\n<p>Europa hatte Donald Trump nie ernst genommen, ihn als fatalen Fehler der Geschichte behandelt und so das Ego es halbstarken Poltergeistes erst Fahrt aufnehmen lassen. Trump ist ja bekanntlich kein Freund des ausgewogenen Diskurses; Charmeoffensive und Verbindlichkeit sind ihm fremd. In seiner R\u00fcpelhaftigkeit br\u00fcskiert er alle, die sein Gottesgnadentum anzweifeln oder es gar in Frage stellen.<\/p>\n<p>Doch Junckers liebenswerte Mischung aus Schnoddrigkeit und Kumpelhaftigkeit haben Trump wohl imponiert. Der EU-Pr\u00e4sident betritt nicht als Weltgewissen \u00e0 la Angela Merkel die politische B\u00fchne der Weltpolitik, auch der konformistisch-aggressive Kurs eines Emmanuel Macron liegt ihm fern. Juncker ist nicht der gespreizte Apparatschik, der formbare Politiker. Er hat vielmehr etwas Liebenswertes und Menschliches, Allzumenschliches, das ihn umflankt. Und dieser Authentizit\u00e4t konnte Trump etwas abgewinnen und hat ihn f\u00fcr Zugest\u00e4ndnisse f\u00fcgig gemacht, wo er im Idealfall sonst nur die kalte Schulter zeigt.<\/p>\n<p>Doch auch der US-Pr\u00e4sident war innenpolitisch nicht ganz unangefochten, was seinen harten Kurs in Sachen Handelskrieg betraf. Kritik kam beim eskalierendem Zollstreit nicht nur aus dem Kreis der Demokraten, sondern unter Druck geriet Trump insbesondere auch durch die eigene Partei. So rief seine Willk\u00fcr im Wildwest Zoll- und Handelskrieg namhafte Mitglieder des Partei-Establishments auf den Plan \u2013 zuletzt Paul Ryan, den Sprecher des Repr\u00e4sentantenhauses sowie mehrere einflussreiche Senatoren. Selbst Donald Trump also kann keineswegs schalten und walten wie es hierzulande immer nahegelegt und medial verkauft wird.<\/p>\n<h6>Die neue Pistolenpolitik Trumps<\/h6>\n<p>Doch die Beilegung des Handelsstreites, der Verzicht auf die Verh\u00e4ngung weiterer Z\u00f6lle hat auch seine Nacht- und Schattenseite. Trump, so wird ganz deutlich, regiert und diktiert, Europa reagiert. Zwar k\u00f6nnen die internationale Wirtschaft, Unternehmen, Verbraucher und Finanzm\u00e4rkte erst einmal wieder aufatmen, allein der fade Beigeschmack der Erpressbarkeit bleibt. Im Poker um die Macht konnte Trump wieder Punkte kassieren gerade wenn es um das Heiligtum der Europ\u00e4er, um ihre sensible Automobilwirtschaft geht. Mit seiner Pistolenpolitik hat Trump Europa an den Verhandlungstisch gezwungen \u2013 eine Methode, die f\u00fcr den Pokerk\u00f6nig einer Trumpfkarte gleichkommt, und die er nun immer wieder ausspielen kann \u2013 und wird.<\/p>\n<p>\u201eWo aber Gefahr ist, w\u00e4chst \/ Das Rettende auch\u201c \u2013 das hat zumindest Junckers Besuch in Washington gezeigt. Aber auch, dass man Trump als tobenden Vulkan nur befrieden vermag, wenn man auf Augenh\u00f6he mit ihm spricht. Vielleicht sollte nicht die Kanzlerin k\u00fcnftig die Gespr\u00e4che \u00fcber den transatlantischen Handel f\u00fchren, sondern der dem amerikanischen Pr\u00e4sidenten weitaus sympathischer scheinende Juncker.<\/p>\n<h1>Trotz aller Erfolge stehen wir bei der Energiewende immer noch am Anfang<\/h1>\n<p>\u201cTrotz aller Erfolge stehen wir bei der Energiewende immer noch am Anfang. Auch weil die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen oft zu sp\u00e4t, z\u00f6gerlich oder gar nicht an die Notwendigkeiten angepasst wurden. Die schwierigen Herausforderungen liegen noch vor uns\u201d, betont Hildegard M\u00fcller.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/hildegard-mueller--2\/14268-interview-mit-hildegard-mueller\">innogy SE<\/a><\/p>\n<p><em>Wann wird das Elektroauto das Stra\u00dfenbild in Deutschland pr\u00e4gen?<\/em><\/p>\n<p>Der Markthochlauf der Elektromobilit\u00e4t ist schwer einzusch\u00e4tzen. Die Prognosen in den unterschiedlichen Studien reichen von 5 % bis zu mehr als 50 % der Neuwagenverk\u00e4ufe im Jahr 2025. Ich pers\u00f6nlich rechne mit einem raschen Anstieg an Elektroautos. Alle Beteiligten \u2013 die Politik, die Autohersteller und die Energiebranche \u2013 sind entschlossen, den Durchbruch zu schaffen. Wir m\u00fcssen uns deshalb anstrengen, dass das Stromnetz Schritt halten und die zus\u00e4tzliche Belastung bew\u00e4ltigen kann. Das betrifft die Betreiber der H\u00f6chstspannungsleitungen, vor allem aber uns Verteilnetzbetreiber. Wir stehen vor einer Mammutaufgabe.<\/p>\n<p><em>Woran liegt es, dass die E-Mobilit\u00e4t bislang nur schleppend voran kommt?<\/em><\/p>\n<p>Die Energieversorger sind bereits in Vorleistung getreten und haben ein fl\u00e4chendeckendes Netz an Ladestationen aufgebaut. Allein Innogy betreibt zurzeit mehr als 5000 Lades\u00e4ulen in 700 deutschen St\u00e4dten und Gemeinden, viele weitere sind geplant. Mit Unternehmen der Autoindustrie und anderen Industriekunden setzen wir Konzepte f\u00fcr das Laden am Arbeitsplatz und den Flottenbetrieb um. innogy hat allein beim Automobilhersteller Daimler die Schallmauer von 1.500 Ladepunkten an insgesamt 22 Werksstandorten durchbrochen. Jetzt liegt es an den Autobauern, mit neuen Modellen f\u00fcr Schwung zu sorgen. Insbesondere die Reichweite der Autos muss weiter erh\u00f6ht werden, um mehr Flexibilit\u00e4t zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><em>Was bedeutet der Ausbau der Elektromobilit\u00e4t f\u00fcr die Energieversorgung in Deutschland?<\/em><\/p>\n<p>Der Ausbau der E-Mobilit\u00e4t ist beherrschbar \u2013 wenn es richtig gemacht wird. Zurzeit gibt es rund 35.000 E-Autos in Deutschland. Wenn es 40 bis 45 Millionen w\u00e4ren, was in etwa dem aktuellen Fahrzeugbestand entspricht, w\u00fcrde der Strombedarf insgesamt gerade einmal um 16 Prozent steigen: Diese zus\u00e4tzliche Strommenge k\u00f6nnten die vorhandenen Netze technisch verkraften. Problematisch f\u00fcr das Stromnetz w\u00e4re es nur dann, wenn alle E-Autos gleichzeitig laden w\u00fcrden. Diese Lastspitzen sind die eigentliche Herausforderung.<\/p>\n<p><em>Wie wollen Sie vermeiden, dass in solchen Situationen das Stromnetz zusammenbricht?<\/em><\/p>\n<p>Von solchen Horrorszenarien halte ich nichts. Wenn wir nichts unternehmen w\u00fcrden, k\u00f6nnte es zwar eng werden. Soweit muss es aber nicht kommen. Wir m\u00fcssen das Stromnetz allerdings parallel zum erwarteten Boom der Elektromobilit\u00e4t ert\u00fcchtigen. Nat\u00fcrlich kommen wir dabei um einen Ausbau des Stromnetzes nicht herum. Viel wichtiger als neue Kupferleitungen ist aber der Umbau zum intelligenten Stromnetz. Wir m\u00fcssen in der Lage sein, die Stromfl\u00fcsse intelligent zu steuern. Studien zeigen, dass wir die Anzahl der m\u00f6glichen Ladevorg\u00e4nge in einem Netz so verzehnfachen k\u00f6nnen. Dadurch reduzieren wir die Notwendigkeit f\u00fcr klassischen Netzausbau und halten im Interesse der Verbraucher die Kosten so gering wie m\u00f6glich. Auch volkswirtschaftlich ist das die effizienteste L\u00f6sung.<\/p>\n<p><em>Sie wollen also die Hoheit \u00fcber die Steckdosen?<\/em><\/p>\n<p>Eines ist klar: Der Autofahrer kann selbst entscheiden, wann und wo er laden m\u00f6chte. Wir wollen ihm aber bedarfsgerechte Angebote machen. Wer erst mitten in der Nacht l\u00e4dt, bekommt den Strom g\u00fcnstiger. Ganz aktuell bietet eine unserer Verteilnetz-T\u00f6chter Bauherren an, die Kosten f\u00fcr den Stromanschluss zu \u00fcbernehmen, wenn wir einen intelligenten Z\u00e4hler installieren d\u00fcrfen. So k\u00f6nnen wir die Zahl der Ladevorg\u00e4nge intelligent verteilen. Bei rund 90 Prozent Standzeit der Fahrzeuge geht das ohne Probleme. Wenn wir die Ladevorg\u00e4nge \u00fcber die Nacht verteilen k\u00f6nnen, h\u00e4tten wir viel gewonnen. Es muss nur gew\u00e4hrleistet sein, dass das Auto geladen zur Verf\u00fcgung steht, wenn der Fahrer es ben\u00f6tigt. Au\u00dferdem kann so auch die schwankende Einspeisung der erneuerbaren Energien besser genutzt werden.<\/p>\n<p><em>Derzeit wird viel \u00fcber die Klimaziele diskutiert. Schaffen wir die Energiewende?<\/em><\/p>\n<p>Trotz aller Erfolge stehen wir bei der Energiewende immer noch am Anfang. Auch weil die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen oft zu sp\u00e4t, z\u00f6gerlich oder gar nicht an die Notwendigkeiten angepasst wurden. Die schwierigen Herausforderungen liegen noch vor uns. Bislang lag der Fokus nur auf dem Ausbau von Windr\u00e4dern und PV-Anlagen. Au\u00dferdem sollen gro\u00dfe Stromautobahnen vom Norden in den S\u00fcden gebaut werden. Die brauchen wir auch. Entscheidend ist aber das Verteilnetz: Hier sind mehr als 95 Prozent aller EE-Anlagen angeschlossen, hier findet der Ausbau der E-Mobilit\u00e4t statt, hier findet Energiespeicherung und Sektorkopplung statt. Es sind deshalb erhebliche Anstrengungen notwendig, um die Verteilnetze f\u00fcr die stark steigende Volatilit\u00e4t bei Erzeugung und Verbrauch zu ert\u00fcchtigen. Die Verteilnetzbetreiber m\u00fcssen weiter investieren k\u00f6nnen, um diese Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen. Wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzt, k\u00f6nnen wir die Klimaziele schaffen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>In der EU wird es immer regional unterschiedliche Interessen geben<\/h1>\n<p>\u201cIn einer so gro\u00dfen Europ\u00e4ischen Union mit fast 500 Mio Einwohnern wird es immer regional unterschiedliche Interessen geben: zwischen Nord und S\u00fcd, zwischen Ost und West oder zwischen der Mitte und den R\u00e4ndern oder zwischen wohlhabenden und schw\u00e4cheren Regionen\u201d, sagt der Vizepr\u00e4sident Europ\u00e4isches Parlament a.D., Ingo Friedrich, im Interview mit dem \u201cThe European\u201d.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/ingo-friedrich\/14322-interview-mit-ingo-friedrich\">Ingo Friedrich<\/a><\/p>\n<p><em>Herr Friedrich, Sie sind Europ\u00e4er aus Leidenschaft. Wie steht es derzeit um Europa?<\/em><\/p>\n<p>Ohne die aktuelle Fl\u00fcchtlingskrise k\u00f6nnte sicher alles besser sein! Aber auch dieses Mal wird sich ein weiteres Mal zeigen: nach Bew\u00e4ltigung dieser neuen Krise wird die EU wiederum gest\u00e4rkt hervorgehen weil z.B. der Schutz der Aussengrenzen endlich in Angriff genommen wird.<\/p>\n<p><em>Spaltet die Fl\u00fcchtlingspolitik letztendlich den europ\u00e4ischen Kontinent?<\/em><\/p>\n<p>In einer so gro\u00dfen Europ\u00e4ischen Union mit fast 500 Mio Einwohnern wird es immer regional unterschiedliche Interessen geben: zwischen Nord und S\u00fcd, zwischen Ost und West oder zwischen der Mitte und den R\u00e4ndern oder zwischen wohlhabenden und schw\u00e4cheren Regionen. Hier m\u00fcssen stets und immer Kompromisse und Ausgleichsmassnahmen gefunden werden. Das ist eine Daueraufgabe aller Staaten bzw. staats\u00e4hnlicher Organisationen.<\/p>\n<p><em>Nicht nur in Osteuropa ist ein Rechtsdrive im politischen Diskurs zu vernehmen, sondern auch in Italien regiert eine rechtskonservative Regierung. Der italienische Innenminster Matteo Salvini pl\u00e4diert nicht nur f\u00fcr einen sch\u00e4rferen Asylkurs, er fordert auch Grenzkontrollen zu \u00d6sterreich. Steht damit die gro\u00dfe Idee von Schengen auf dem Spiel?<\/em><\/p>\n<p>Das Prinzip Schengen mit innereurop\u00e4isch offenen Grenzen f\u00fcr Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital steht nicht zur Disposition. Aber die Haltung vieler B\u00fcrger, ihre Interessen nur noch \u00fcber rechtspopulistische \u201eKan\u00e4le\u201c vertreten zu lassen muss nachhaltig analysiert werden. Besteht die M\u00f6glichkeit eine \u201ebessere\u201c Politik f\u00fcr die B\u00fcrger zu machen, dann muss sie auch gemacht werden. Sind aber die Voraussetzungen dergestalt, dass auf Grund objektiver Fakten keine bessere Politik gestaltet werden kann, dann muss das den B\u00fcrgern auch so erkl\u00e4rt werden. In Deutschland darf z.B. gefragt werden in welchem Land der Welt eine insgesamt noch bessere Politik umgesetzt wurde. Wenn dann nur ein oder zwei L\u00e4nder genannt werden k\u00f6nnen, dann ist das doch ein interessanter Hinweis darauf, dass wir offenbar an eine gewisse Obergrenze angelangt sind. Ein sorgenfreies Leben in dieser real existierenden Welt wird uns wahrscheinlich noch lange versperrt bleiben.<\/p>\n<p><em>Wie beurteilen Sie die Ergebnisse des letzten Gipfel es europ\u00e4ischen Rates. Bundeskanzlerin Angela Merkel? Die Kanzlerin hat auf dem EU-Gipfel ein Paket gegen illegale Migration durchgesetzt.<\/em><\/p>\n<p>Die Kanzlerin hat mehr erreicht als alle Beobachter erwartet haben. Mit diesen Beschl\u00fcssen kann nun gearbeitet werden und nat\u00fcrlich steckt auch dieses Mal der Teufel im Detail.<\/p>\n<p><em>Frankreichs Pr\u00e4sident Emmanuel Macron braucht eine starke Kanzlerin f\u00fcr seinen Plan zum Umbau der EU. Was bedeutet es, wenn Macron der <\/em><em>CSU<\/em><em> misstraut?<\/em><\/p>\n<p>Wir alle profitieren davon wenn Frankreich und Deutschland gut zusammen arbeiten! Wenn Macron sieht, dass auch in Deutschland schwierige Fragen nur mit komplizierten Kompromissen gel\u00f6st werden k\u00f6nnen er wird sich gezwungen sehen, auf diese Situation R\u00fccksicht zu nehmen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1>Bitcoins haben mit einer stabilen W\u00e4hrung nichts zu tun<\/h1>\n<p>Die \u00f6sterreichische Oberbank ist weiter auf Erfolgskurs und f\u00e4hrt ein Rekordergebnis nach dem anderen ein. The European sprach mit Generaldirektor Franz Gasselsberger \u00fcber Wachstum, den schwachen Euro und \u00fcber die Bitcoinblase.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/franz-gasselsberger\/14269-interview-mit-franz-gasselsberger--2\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p><em>Gro\u00df: 2017 schaffte Ihr Institut das achte in Folge. Der \u00dcberschuss nach Steuern stieg um \u00fcber 10 Prozent auf 200 Millionen Euro an. Die Deutsche Bank hingegen ist im Minus und Stellen werden abgebaut. Worin liegt Ihr Erfolgsgeheimnis?<\/em><\/p>\n<p>Gasselsberger: Ich glaube, wir haben ein Gesch\u00e4ftsmodell, das wir sehr zielstrebig abarbeiten. Wir haben einen Masterplan, den wir bis zum Jahr 2020 sehr stringent umsetzen m\u00f6chten. Einerseits sind wir eine Bank des Mittelstandes, haben ein starkes Wachstum im Kommerzkreditgesch\u00e4ft, was sehr breit getragen ist. Dabei profitieren wir stark von der Hochkonjunktur. Auf der anderen Seite haben wir ein zweites starkes Standbein im Privatkundengesch\u00e4ft. Wir sind eine Bank, die sehr stark in der Wohnbaufinanzierung ist. Aber auch Private Banking bei der gehobenen Verm\u00f6gensveranlagung sind wir sehr erfolgreich \u2013 da haben wir im ersten Quartal sehr starke Wertpapierprovision erwirtschaften k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrde ich sagen, dass wir eine ausgezeichnete Kostenstruktur haben. Unsere Kostenertragsrelation liegt immer um die 50 Prozent, w\u00e4hrend die Banken 60-70 Prozent bekommen. Das hei\u00dft, wir haben kein Kostenproblem, wir m\u00fcssen nicht Mitarbeiter entlassen, keine Filialen schlie\u00dfen \u2013 ganz im Gegenteil. Wir haben eine unglaublich gute Risikosituation. Diese hat sich im ersten Quartal dieses Jahres sogar nochmals verbessert. Deshalb konnten wir mehr Risikovorsorgen aufl\u00f6sen. Dar\u00fcber hinaus ist unsere Expansion zu nennen. Dies ist \u2013 gerade auch in Deutschland \u2013 ein gro\u00dfer Erfolgsfaktor.<\/p>\n<p><em>Gro\u00df: Seit einigen Jahren sind Sie in Deutschland sehr pr\u00e4sent, entwickeln die Standorte weiter. Was ist zuk\u00fcnftig in der Bundesrepublik an Standorten noch geplant?<\/em><\/p>\n<p>Gasselsberger: In Baden-W\u00fcrttemberg, in Hessen und in Sachsen haben wir das Ziel zu wachsen. Da wollen wir das, was wir am Jahresende 2017 als Ziel formuliert haben entsprechend umzusetzen. Dort wollen wir unsere Pr\u00e4senzen im kommenden Jahr definitiv weiter vertiefen.<\/p>\n<p><em>Gro\u00df: Welche Konsequenzen haben Trumps au\u00dfenpolitischen Pl\u00e4ne \u2013 zum Beispiel das gescheiterte Atomabkommen \u2013 f\u00fcr Ihre Bank? Sie sind ja 2015 in das iranische Finanzsystem mit eingestiegen.<\/em><\/p>\n<p>Gasselsberger: Es ist so, dass durch die K\u00fcndigung des Atomabkommen durch Trump eine rechtliche Situation entsteht, wie sie einmal vor dem Abkommen war \u2013 das hei\u00dft: wir werden ab Anfang November keine oder kaum finanzielle Transaktionen (Zahlungsverkehr, Dokumentengesch\u00e4ft) mit dem Iran bzw. auch keine Finanzierungen machen d\u00fcrfen. Diesem Thema haben wir uns zu stellen. Das ist eine sehr unerfreuliche Entwicklung. Aber wir k\u00f6nnen eben gewisse Gesch\u00e4fte, von denen wir geglaubt haben, diese machen zu k\u00f6nnen, dann nicht so umsetzen wie geplant. Wir werden sehen, wie sich die Dinge weiter entwickeln, allerdings gehen wir davon aus, dass es wegen der Aufhebung des Atomabkommens f\u00fcr Europ\u00e4ische Banken nicht mehr m\u00f6glich sein wird, mit dem Iran in Gesch\u00e4fte zu machen in n\u00e4chster Zeit.<\/p>\n<p><em>Gro\u00df: Sie haben einmal betont, dass Sie nicht in das Investment Banking einsteigen wollen. Warum eigentlich nicht? Sie sagten, Sie w\u00fcrden nicht im 21. Stock eines Frankfurter Hochhauses versauern wollen.<\/em><\/p>\n<p>Gasselsberger: Das Investmentbanking ist nicht die traditionelle Kernkompetenz der Oberbank. Das Gesch\u00e4ft, das wir betreiben, ist ausschlie\u00dflich das Kundengesch\u00e4ft. Wir sehen es als unsere Aufgabe, die Einlagen der Kunden entgegen zu nehmen, zu betreuen und zu verwalten. Diese Liquidit\u00e4t geben wir dann wiederum an ausgew\u00e4hlte Kunden als Kredite ab. Das ist die \u201eUr-Aufgabe\u201c der Bank und unsere Kernkompetenz. Investmentbanking ist ein sehr spekulatives Gesch\u00e4ft und das ist nicht unser Vorhaben.<\/p>\n<p><em>Gro\u00df: Die Oberbank will nun den boomenden Tourismus st\u00e4rker ins Visier nehmen. Die Branche gilt als hochverschuldet. Was versprechen Sie sich davon?<\/em><\/p>\n<p>Gasselsberger: Tourismusfinanzierung haben wir in den letzten vier bis f\u00fcnf Jahren als Kompetenz ausgebaut. In unserem Einzugsgebiet \u00d6sterreich, Deutschland, Tschechien, Ungarn finden mehr als 300 Millionen N\u00e4chtigungen statt. Der Tourismus ist eine sehr kreditlastige \u2013 und im Prinzip auch stabile \u2013 Branche. Dabei muss allerdings sehr stark zwischen den sehr Guten und den weniger Guten differenziert werden. Das hei\u00dft: die Guten werden immer besser und die weniger Guten werden mehr und mehr von dem Markt verdr\u00e4ngt, nicht zuletzt weil der Qualit\u00e4tsanspruch der Kunden steigt. Wir als Oberbank haben in diesem Bereich eine Kompetenz aufgebaut. Diese Kompetenz wollen wir vertiefen, denn gerade in Bayern sehen wir in diesem Bereich gro\u00dfe Chancen.<\/p>\n<p><em>Gro\u00df: Ihre Bank steht f\u00fcr das Projekt \u201eZukunft Frau 2020\u201c und will bis zu 40 Prozent F\u00fchrungspositionen mit Frauen besetzen. Was kann man tun, um Frauen in diese Situation zu bringen?<\/em><\/p>\n<p>Gasselsberger: Das bedarf zun\u00e4chst einmal eines Kulturwandels im Unternehmen. 60 Prozent unserer Mitarbeiter sind Frauen, davon sind allerdings lediglich 20 Prozent in F\u00fchrungspositionen. Das ist zu wenig! Das Thema ist sehr komplex. Es liegt n\u00e4mlich nicht nur an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, es liegt nicht nur an den M\u00e4nnern, die in einigen F\u00e4llen wiederrum M\u00e4nner f\u00fcr F\u00fchrungspositionen bevorzugen, sondern auch an den Frauen, die sich manchmal zu wenig zutrauen. Wir werden diesem Thema nicht nur einen hohen Stellenwert geben, sondern auch verpflichtende Quoten bei der Besetzung von Stellen \u2013 sowohl in den zentralen Abteilungen als auch in den unterschiedlichen Regionen \u2013 einsetzen. Wir m\u00fcssen hier wirklich einen entscheidenden Paradigmenwechsel erreichen, ansonsten wird uns die Umsetzung nicht gelingen. Wir stehen vor einem gro\u00dfen Generationswechsel in der Oberbank. Und wenn wir dann alle F\u00fchrungspositionen wieder nur aus dem Pool der Minderheit \u2013 n\u00e4mlich der M\u00e4nner (etwa 40 Prozent) \u2013 besetzen, dann verzichten wir auf das gro\u00dfe Potential der Frauen. Das w\u00e4re nicht gut!<\/p>\n<p><em>Gro\u00df: Die Verschuldung s\u00fcdeurop\u00e4ischer Banken w\u00e4chst \u2013 Italien ist hochverschuldet. Hat dies Auswirkungen auf die Gesch\u00e4fte der Oberbank?<\/em><\/p>\n<p>Gasselsberger: Das hat keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Oberbank, denn wir agieren weder in Italien noch in der T\u00fcrkei. Indirekt ber\u00fchrt es nat\u00fcrlich schon unser Gesch\u00e4ft, denn die Relation Euro\/Dollar ist momentan sehr stark unter Druck. Der Euro schw\u00e4cht sich momentan sehr stark ab. Das hat sicherlich insbesondere mit der derzeitigen Unsicherheit in Italien zu tun. Insgesamt kann also gesagt werden, dass die Euro-Zone von den politischen Verh\u00e4ltnissen in Italien betroffen ist. Auf der anderen Seite kann die unerwartete Schw\u00e4che des Euros nat\u00fcrlich als Chance f\u00fcr die Exportwirtschaft gesehen werden.<\/p>\n<p><em>Gro\u00df: Ende 2017, Anfang 2018 gab es einen Hype um Kryptow\u00e4hrung. Viele Anleger haben darauf spekuliert. Werden Bitcoin und Co. die W\u00e4hrung der Zukunft sein?<\/em><\/p>\n<p>Gasselsberger: Ich glaube nicht. Es ist leider so, dass es bei Anlegern immer wieder so etwas wie eine Zockermentalit\u00e4t gibt: manche gehen ins Casino, manche spielen Lotto und manche kaufen sich eben Bitcoins. Ich denke, dass eine Reihe von Menschen viel Lehrgeld zahlen muss. Um es mal etwas deftiger auszudr\u00fccken: Einige Anleger werden auf die Schnauze fallen. Bitcoins haben mit einer stabilen W\u00e4hrung nichts zu tun \u2013 das ist reine Spekulation.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Bamf-Skandal zeigt Merkels Versagen<\/strong><\/p>\n<p>Der Streit um die Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten beim Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (Bamf) nimmt kein Ende. Jetzt hat der ehemalige Chef des Bamf, Frank-J\u00fcrgen Weise, die Bundesregierung, insbesondere den fr\u00fcheren Innenminister, Thomas de Maizi\u00e8re, scharf kritisiert. Auch die Bundeskanzlerin steht im Fokus der Kritik.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14150-berlin-ist-bei-der-fluechtlingsfrage-ueberfordert\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Mit ihrem Pro-Einwanderungskurs irritiert die GroKo in aller Regelm\u00e4\u00dfigkeit die Bev\u00f6lkerung. Die Willkommenskultur sorgt in Deutschland f\u00fcr Unbehagen und st\u00e4rkt die AfD. W\u00e4hrend Alexander Gauland auf der einen Seite mit total unangebrachten Nazispr\u00fcchen (der Nationalsozialismus sei nur ein \u201eVogelschiss\u201c in 1000 Jahren deutscher Geschichte) f\u00fcr berechtigte mediale Furore sorgt und mit derartigen Provokationen das \u201eb\u00fcrgerliche\u201c Korsett der AfD nach au\u00dfen hin in aller Regelm\u00e4\u00dfigkeit besch\u00e4digt und seiner Partei damit wahrlich keinen Gefallen tut, hat die Bundesregierung ihrerseits mit den Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten beim Bamf einen handfesten Skandal.<\/p>\n<p>Nun macht der ehemalige Bamf-Chef Frank-J\u00fcrgen Weise auf die Bundesregierung Druck. Nie, so Weise, hat er eine Beh\u00f6rde in einem schlechteren Zustand erlebt. Delikat an der Angelegenheit ist, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel \u00fcber die Missst\u00e4nde informiert war, denn Weise hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass das Bamf in einem miserablen Zustand ist. Die Datenverarbeitung als auch der Aufbau- und die Ablauforganisation seien katastrophal. Es ist daher v\u00f6llig unerkl\u00e4rbar, \u201ewie angesichts dieses Zustandes davon ausgegangen werden konnte, dass das Bamf den erheblichen Zuwachs an gefl\u00fcchteten Menschen auch nur ansatzweise bewerkstelligen k\u00f6nnte\u201c, kritisierte Weise in der \u201eBild am Sonntag.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Deutschlands f\u00fchrendem Beh\u00f6rdenmanager Frank-J\u00fcrgen Weise, der in der Fl\u00fcchtlingskrise neben der Arbeitsagentur zeitweise auch das Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (Bamf) leitete, steht sein guter Ruf auf dem Spiel. Merkel hatte den Guru der Prozessoptimierung damals selbst f\u00fcr den pikanten Posten vorgeschlagen. Weise ist zwar krisenerprobt, aber kein Zauberer, um die Vorgaben des Kanzleramtes zu erf\u00fcllen. Die direkte Weisung aus Berlin, eine Million Asylentscheidungen pro Jahr durch das Bamf zu regulieren, entsprach einer zehnfachen Steigerung des Outputs, da es sich im Vorjahr lediglich um 97.415 abgeschlossene Verfahren handelte. Eine \u00dcberforderung der Bamf-Beh\u00f6rde war damit a priori programmiert.<\/p>\n<p><strong>Weise zieht die Rei\u00dfleine<\/strong><\/p>\n<p>Nun hat Frank-J\u00fcrgen Weise die Rei\u00dfleine gezogen und will nicht als Buhmann in der Kritik stehen. Berlin wirft er Handlungsstau vor. Die b\u00fcrokratische Institution in N\u00fcrnberg mit ihren Beamten war seit 2015 schlichtweg \u00fcberfordert und das hat zu unhaltbaren Zust\u00e4nden, zu einem regelrechtem \u201eOrganisationsversagen\u201c gef\u00fchrt. Bereits 2017 hatte Weise als \u201eBeauftragter f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsmanagement\u201c in vertraulichen Berichten nach Berlin immer wieder auf die katastrophale Lage hingewiesen, Berlin hingegen die kalte Schulter gezeigt. Mitschuldig an den derzeitigen Zust\u00e4nden sei auch der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re (CDU), so Weise, der nicht erkannt habe, wie \u00fcberfordert das Fl\u00fcchtlingsamt war.<\/p>\n<p>\u201eEin funktionierendes Controlling h\u00e4tte bereits im Jahr 2014 eine Fr\u00fchwarnung gegeben\u201c, so informiert der \u201eSpiegel\u201c Dagegen ist das Bamf auf einen faktischen Konkurs zugesteuert. Es fehlt nach wie vor an Personal und an einer qualitativen Strukturierung der Beh\u00f6rde. Im Fl\u00fcchtlingsjahr 2015 mussten die Asylentscheider \u2013 quasi im Schnellverfahren \u2013 zweitausend F\u00e4lle bearbeiten. Die IT brach unter dem Ansturm der Fl\u00fcchtlingswelle schier zusammen, der \u201eTotalausfall aller System\u201c drohte. \u00dcber 30 Prozent aller Asylakten wiesen \u201ekleinere bis gravierende Fehler\u201c auf. Und f\u00fcr die Pr\u00fcfung aller syrischen Ausweisdokumente auf ihre Echtheit gab es lediglich drei Personalstellen.<\/p>\n<p>Der Vorwurf gegen Thomas de Maizi\u00e8re betrifft in erster Linie die gravierenden Sicherheitsl\u00fccken bei der Fl\u00fcchtlingswelle. Erst 2016, viel zu sp\u00e4t, reagierte Berlin. Die qu\u00e4lende Frage bleibt, warum die \u201esolche gravierenden Sicherheitsl\u00fccken\u201c nicht erkannt und beseitigt wurden, warum es kein \u201efunktionierendes internes Kontrollsystem\u201c und \u201eeine arbeitsf\u00e4hige interne Revision\u201c im Bamf bei der Amts\u00fcbernahme Weises nicht gegeben habe.<\/p>\n<p><strong>Ein Tribunal \u00fcber Merkels Fl\u00fcchtlingspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Weise nun in der n\u00e4chsten Sitzung des Innenausschusses zur Asyl-Aff\u00e4re aussagt und seine schonungslose Bilanz von Anfang 2017 wieder in den Raum wirft, k\u00f6nnte es auch f\u00fcr Bundeskanzlerin Angela Merkel unangenehm werden. Das \u201eOrganversagen\u201c ist nicht nur an die Adresse des ehemaligen Innenministers adressiert, sondern auch an das Bundeskanzleramt. Laut \u201eBild am Sonntag\u201c hatte sich Weise mit Merkel 2017 zwei Mal getroffen, um \u00fcber die Missst\u00e4nde zu informieren. Passiert ist nichts. Kanzlerin Merkel scheint weiterhin gegen Kritik immun. Doch wenn es zu einem Untersuchungsausschuss k\u00e4me, w\u00e4re das gleichzeitig ein Tribunal \u00fcber Merkels Fl\u00fcchtlingspolitik, das man derzeit noch verhindern will.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Peter Altmaier (CDU), den Ex-Kanzler-Chef, der in dieser Funktion der zentrale Kopf der Fl\u00fcchtlingspolitik in der Regierung Merkel III war und im Oktober 2015 zum \u201eFl\u00fcchtlingskoordinator\u201c bestellt wurde, droht Ungemach, denn Altmaier stand politisch f\u00fcr den Ansatz, den \u201eMigrantenzuzug geordnet ablaufen zu lassen, statt den vielleicht vergeblichen Versuch zu unternehmen, ihn einzud\u00e4mmen. Dazu geh\u00f6rte auch, die Verfahren im BAMF m\u00f6glichst schnell zu machen. Eine Priorit\u00e4tensetzung, die damals die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Beobachter richtig fand, die heute jedoch kritischer gesehen wird\u201c, hei\u00dft es in der \u201eWelt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Der Fall Josefa Schmid<\/strong><\/p>\n<p>Klar ist, dass nun K\u00f6pfe rollen m\u00fcssen. Bisher wurde nur Josefa Schmid, die ehemalige Leiterin der Bremer Beh\u00f6rde entlassen, aber nicht weil sie die Missst\u00e4nde verschwieg, sondern offengelegt hatte. Die Disziplinarma\u00dfnahme gegen Schmid hatte den Bamf-Skandal erst ins Rollen gebracht. Die Juristin, die im Januar 2018 von Deggendorf nach Bremen versetzt wurde, hatte im April 2018 dem Bundesinnenministerium offengelegt, dass mindestens 3332 Asylantr\u00e4ge unzul\u00e4ssigerweise in Bremen bearbeitet wurden. Das Schmidt die illegalen Machenschaften ihrer Vorg\u00e4ngerin Ulrike B. und weiterer Personen zur Sprache brachte und den Verdacht \u00e4u\u00dferte, dass selbst die Zentrale in den Fall verwickelt sei, f\u00fchrte schlie\u00dflich zur Strafversetzung durch Bamf-Pr\u00e4sidentin Jutta Cordt.<\/p>\n<p>Der Fall Josefa Schmid zeigt deutlich, wie es um die Demokratie in Deutschland bestellt ist. DDR 2.0 l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, denn wer nicht f\u00fcr das System und seine Verschwiegenheiten ist, wer endlich die Wahrheit sagt und kritisch berichtet, wird politisch entm\u00fcndigt, in die Sprachlosigkeit und auf das Abschiebegleis geschoben. Bleibt abzuwarten, ob dieses Schicksal nun auch Frank-J\u00fcrgen Weise droht.<\/p>\n<h1>Der Sozialismus bleibt das Ideal der linken Intellektuellen<\/h1>\n<p>Trotz Millionen von Toten feiert die sozialistische Idee ihren Siegeszug durch die Geschichte hinweg. Insbesondere die intellektuelle Elite ist f\u00fcr den Ungeist marxscher Despotie und Tyrannei empf\u00e4nglich. Warum aber m\u00f6gen Intellektuelle den Kapitalismus nicht?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/14089-die-anfaelligkeit-der-eliten-fuer-die-diktatur\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<p>Karl Marx ist keineswegs ein toter Hund wie er lange in der westlichen Welt gehandelt wurde, sondern bleibt eine anachronistische Licht- und Schattengestalt, dem ebenso das D\u00e4monische, Rassistische und Judenfeindliche innewohnt wie umgekehrt die Strahlkraft des Ideellen und der Utopie.<\/p>\n<p>Seit 200 Jahren umflankt der marxsche Geist die Intellektuellen, hat Nietzsche, Schopenhauer und den Deutschen Idealismus weit in die Randfelder der politisch-geistigen Aktion geschlagen und ideologisch verdr\u00e4ngt. Statt Pessimismus, Nihilismus, abstrakter Geisttheorien in nebelhafter Sprache, er\u00f6ffnete der \u201eim Geist Marx\u2019\u201c verfasste Sozialismus, wenngleich nur periodisch und zeitlich beschr\u00e4nkt, einerseits Gl\u00fcckserbauung und die Vision vom freien Menschen wie umgekehrt die Verelendung der Massen, den Archipel Gulag und Millionen von Toten im Angesicht der totalit\u00e4ren Idee. Wie Marx (Anmerkung) selbst bleibt seine Ideengeschichte h\u00f6chst ambivalent. Er fand Bewunderer wie Ver\u00e4chter zugleich.<\/p>\n<h6>Die Anf\u00e4lligkeit der Eliten f\u00fcr die Diktatur<\/h6>\n<p>Doch es ist nicht der Proletarier von heute, der sich dem Geist des Sozialismus zugeh\u00f6rig f\u00fchlt, der frenetisch die Ideale von einst feiert, sondern ausgerechnet die Intellektuellen sind es, die pathoshaft zum Paradigma des Sozialismus samt seiner religi\u00f6s-aufgeladenen und existentiellen Beschw\u00f6rungsideologie neigen und die sich nach einem radikalen Ende des Ausbeutersystems sehnen. Dem einher geht eine befremdende Verkl\u00e4rung und Lobpreisung von Diktaturen.<\/p>\n<p>Ausgerechnet die geistige Elite \u2013 von links bis rechts \u2013 sei es Henri Barbusse, Lion Feuchtwanger, Jean-Paul Sartre, Michel Foucault, Noam Chomsky oder Alain de Benoist, lassen sich von der D\u00e4monenkunst des Antikapitalismus eines Mao Tse-tung, eines Che Guevara, eines Pol Pot, eines Lenin, Stalin und Hitler verkl\u00e4ren, verteidigen und glorifizieren diese Systeme, nur weil sie der Hy\u00e4ne des Kapitalismus kaltbl\u00fctig die Schulter zeigten. Was bleibt ist das gro\u00dfe Paradox der intellektuell-reinen Vernunft, die immer wieder in Mythos, in ein System von Nichtrationalit\u00e4t umschl\u00e4gt: Intellektuelle sind f\u00fcr Ideologien besonders anf\u00e4llig.<\/p>\n<h6>Die intellektuelle Vielfalt<\/h6>\n<p>Die Strahlraft des Existentiellen umweht den Intellektuellen entweder im Gewand der leichten Melancholie, des sanften R\u00fcckzugs einer zarten Seele oder im lichtdurchtr\u00e4nkten Meer sch\u00e4umender Brandung, im Gewittersturm, in den legend\u00e4ren Stahlgewittern, die zum Kampf, zu Heldenmut und zum heroischen Sich-Opfern aufrufen. Stefan Zweig oder Ernst J\u00fcnger, Jean Zigler oder Jacob Augstein, Rudi Dutschke oder Andreas Baader \u2013 so weit reicht die intellektuelle Klaviatur. Feingeister und K\u00e4mpfer, Idealisten und Pragmatiker \u2013 f\u00fcr viele aus ihren Reihen impliziert der Kapitalismus nach wie vor die gierige Raubtiermentalit\u00e4t, ein pures Fressen und Gefressenwerden, die harte Hand der Geldwirtschaft gepaart mit materieller Ungleichheit. Dem Sozialismus hingegen attestieren sie jenen Zauber, der mit Sanftmut regiert, der f\u00fcr Verteilungsgerechtigkeit pl\u00e4diert, der etaistisch ist, der f\u00fcr materielle Ausgeglichenheit und f\u00fcr ein Wertebild steht, das den Menschen nicht verzweckt, sondern als Wert, als Zweck an sich selbst, betrachtet, der mit \u201ekonkreten Utopien\u201c im Sinne von Ernst Bloch weltver\u00e4ndernd agiert.<\/p>\n<h6>Warum Idealisten zur Radikalit\u00e4t neigen<\/h6>\n<p>\u201eWas f\u00fcr eine Philosophie man w\u00e4hle, h\u00e4ngt sonach davon ab, was man f\u00fcr ein\u00a0Mensch man sei\u201c, hatte der gro\u00dfe Freiheitsheld der Deutschen, Johann Gottlieb Fichte, einst betont. Der Jenaer Fichte, der die Freiheit wie das goldene Kalb beschwor und gegen Napoleon raste und die deutsche Identit\u00e4t und Nation idealisierte \u2013 er war letztendlich in Personalunion die Urgewalt eines Intellektuellen und Ideologen. Und sein Idealismus schlie\u00dflich ist nichts anderes als ein kategorisches System gewesen, das die Freiheit nicht wie eine seichte Feder aus sich entlie\u00df, sondern diese per Notwendigkeit einforderte.<\/p>\n<h6>Die Pervertierung der Freiheit<\/h6>\n<p>Der Idealismus, der Sozialismus oder Kommunismus, alle haben die Freiheit immer pervertiert, ins G\u00e4ngelband eines grobschl\u00e4chtigen Paternalismus geschmiedet und die eigentlich Freien letztendlich versklavt. So war die 68er-Bewegung, deren f\u00fcnfzigster Geburtstag 2018 ansteht, genauso ambivalent wie der Sozialismus und Kommunismus selbst. Auf der einen Seite die Vision von universaler Gerechtigkeit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit jenseits von materieller Beschr\u00e4nkung, andererseits die r\u00fccksichtslose Vereinnahmung derjenigen, die sich ihrem Denkschablonen entzogen. Furios war der Durchgang durch die Institutionen, was blieb war der Terror der RAF, der blutr\u00fcnstig seinen Tribut forderte.<\/p>\n<h6>Der Konstruktions-Idealismus und Sozialismus<\/h6>\n<p>Der Idealismus sowie der Kommunismus werden auf dem Rei\u00dfbrett entworfen, sind intellektuell durchkonstruiert, Hochleistungsideologien rationalen Spekulierens, logisch-durchgeformt bis ins Detail, Gebilde einer kreativen Vernunft, die sch\u00f6pferisch agiert, w\u00e4hrend dem Kapitalismus ein blo\u00dfer Naturalismus eigen bleibt, der Sieg des St\u00e4rkeren \u00fcber den Schw\u00e4cheren, der pure Zufall und das Gl\u00fcck des egoistischen und cleveren Menschen, der instinkthaft agiert. Im Gegensatz zum Sozialismus ist der Kapitalismus kein Gesch\u00f6pf der Vernunft, sondern verdankt sich einem puren Mechanismus von Kausalit\u00e4ten, Zweckb\u00fcndnissen und der Triebfeder und Anbetung des Materiellen. Seine Entstehung verdankt sich, darwinistisch gesprochen, selektiver Evolution, ist evolution\u00e4r, wie Rainer Zitelmann in einem Beitrag in der FAZ vom 18. Mai 2018 schreibt. Aus dieser Zuf\u00e4lligkeit seiner historischen Entfaltung resultiert der intellektuelle Hass auf ein System intellektueller Unzumutbarkeit. Intellektuelle lieben Methode und Konstruktion, nicht den blinden Trieb und verachten aus tiefster \u00dcberzeugung das, was nicht in ihr Gedankensystem passt. Sie m\u00f6gen Verteilungsgerechtigkeit und empfinden die Macht und den Reichtum der ihrer Meinung \u201ed\u00fcmmeren\u201c Million\u00e4re und Milliard\u00e4re als gravierende Ungerechtigkeit, als Entw\u00fcrdigung ihres eigenen geistigen Eliteseins.<\/p>\n<p>So bleibt der eingefleischte Antikapitalismus, als Globalisierungskritik, als \u00d6kologismus und Anti-Amerikanismus die zentrale S\u00e4ule der s\u00e4kularen Religion der Intellektuellen und h\u00e4lt sich nach dem Mauerfall, nach Fukuyamas beschworenem \u201eEnde der Geschichte\u201c als tradiertem Klassen- und Systemkampf, besonders hartn\u00e4ckig auch in den K\u00f6pfen jedweder gebildeter Couleur. Trotz Millionen von Toten wird der Antikapitalismus zur Seligpreisung gesteigert gleichwohl er doch die heilig-heeren Ideale der Freiheit pervertiert und in das Zwangskorsett kollektiver Versklavung presst. Dem Antikapitalismus eignet so ein immanenter Selbstwiderspruch, ein tragischer, wie Zitelmann meint. Dennoch bleibt der Kapitalismus der Feind, der gro\u00dfe G\u00f6tze, der symptomatisch f\u00fcr Massenarmut, Massenelend, Enfremdung und die globale Klimakatastrophe steht. Ihm wohnt a priori ein D\u00e4mon inne, der ihn in seinen Ausw\u00fcchsen als Turbo- bzw. Finanzkapitalismus, als Neokolonialismus und als Neoliberalismus disqualifiziert. So bekannte \u201eAlain de Benoist, Vordenker der franz\u00f6sischen \u201eNouvelle Droite\u201c, die in der Tradition von Denkern der \u201eKonservativen Revolution\u201c der 20er Jahre in Deutschland steht, erst k\u00fcrzlich: \u2018Mein Hauptgegner war immer der Kapitalismus in \u00f6konomischer Hinsicht, der Liberalismus in philosophischer und das B\u00fcrgertum in soziologischer Hinsicht.\u2019\u201d<\/p>\n<h6>\u201eKapitalismus ist nicht das Problem, sondern die L\u00f6sung\u201c<\/h6>\n<p>Der Historiker, ehemalige Verlagsleiter und \u201eWelt\u201c-Redakteur, Autor und Immobilieninvestor aus Berlin, Rainer Zitelmann, hatte sich Anfang 2018 umfangreich mit dem Thema Kapitalismus besch\u00e4ftigt und ein Buch vorgelegt, ein Besteller wie viele aus seiner Feder, wo er detailgenau das intellektuelle Bauchgef\u00fchl der linken sowie rechten Kapitalismusgegner analysiert. \u201eKapitalismus ist nicht das Problem, sondern die L\u00f6sung\u201c \u2013 so der einschl\u00e4gige Titel. Je kapitalistischer, so seine Maxime, desto dynamischer, je sozialistischer, desto r\u00fcckst\u00e4ndiger. Fallbeispiele daf\u00fcr findet Zitelmann viele.<\/p>\n<p>Wo der Sozialismus regiert, wie in der ehemaligen DDR oder in Nordkorea und Venezuela, den letzten Bastionen der marxschen Idee, stagniert das Wirtschaftswachstum und steigt propositional dazu die Verelendung. Aber Zitelmann bel\u00e4sst es nicht bei der Analyse, sondern fragt dezidiert nach den Gr\u00fcnden des linken und rechten intellektuellen Unbehagens, der Aversionen am Kapitalismus. Es steckt, so diagnostiziert der langj\u00e4hrige Journalist, ein tief sitzendes Schuldgef\u00fchl der privilegierten Klasse sowie \u00dcberlegenheits-und Minderwertigkeitsgef\u00fchle, Neid und Arroganz gleicherma\u00dfen dahinter: \u201eDer Intellektuelle vermag nicht zu verstehen, warum der ihm \u201ageistig unterlegene\u2019 Unternehmer, der nur einen Bruchteil der B\u00fccher gelesen hat und vielleicht noch nicht einmal \u00fcber ein abgeschlossenes Studium verf\u00fcgt, am Ende wesentlich mehr Geld verdient.\u201c Zum Wesen des Intellektuellen, zu seiner Deutungshoheit, geh\u00f6rt die intellektuelle Selbst\u00fcberh\u00f6hung und damit die Urteilsanma\u00dfung, dass sein Wissen qualitativ hochwertiger als jede empirische T\u00e4tigkeit sei, qualitativ wichtiger als die schn\u00f6de materielle Anreicherung von Reichtum, die zu einem Milliardenverm\u00f6gen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Diese intellektuelle Selbststilisierung f\u00fchrt umgekehrt zur rituellen Verdammung jeglichen Profitdenkens, zu einer radikalen Absage einer durch\u00f6konomisierten Lebenswelt bis hin in die trivialsten Bereiche der Lebensf\u00fchrung, ja zur inbr\u00fcnstigen Verachtung des Gelderwerbs und des Materialismus schlechthin. Als strenger Tugendw\u00e4chter obliegt es einzig dem Intellektuellen, \u00fcber die Oberfl\u00e4chlichkeit und Vulgarit\u00e4t des Materiellen zu informieren, die Bestialit\u00e4t dieses Systems freizulegen und Aufkl\u00e4rung im Sinne eines besseren Menschenbildes zu leisten. Der linke sowie rechte Intellektuelle bleibt dabei der klassische Metaphysiker, der von oben herab \u00fcber die Welt richtet \u2013 und dies am liebsten in Talkshows, exklusiven Clubs oder auf Podien in vornehmen Hotels bei volumin\u00f6s gedeckten Tafeln und verschwenderischer Lebensart. Ihm reicht zur moralischen Rechtfertigung der Zeigefinger, um seine Moralit\u00e4t zu veranschaulichen und gleichzeitig seine Dekadenz zu rechtfertigen. Der gute Intellektuelle bleibt letztendlich ein Salonl\u00f6we mit ungetr\u00fcbten Gewissen.<\/p>\n<h6>Ipsos Global Advisor Umfrage<\/h6>\n<p>Zweihundert Jahre nach Marx Geburtstag, hundertsiebzig Jahre nach dem Erscheinen des legend\u00e4ren Manifests, f\u00fcnfzig Jahre nach 68 kommt die Ipsos Global Advisor Umfrage zu folgendem Ergebnis: \u201eDie H\u00e4lfte der Menschen rund um den Globus denkt, dass heute sozialistische Ideale von gro\u00dfem Wert f\u00fcr den gesellschaftlichen Prozess seien. Gleichzeitig stimmt jeder zweite Befragte zu, dass der Sozialismus ein System politischer Unterdr\u00fcckung, Massen\u00fcberwachung und staatlichen Terrors sei.\u201c<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die Mehrheit der Deutschen ist das soziale Gerechtigkeit wichtiger als die individuelle Freiheit. Und immerhin acht von zehn Menschen weltweit w\u00fcnschen sich eine Reichensteuer und sieben von zehn ein bedingungsloses Grundeinkommen. All das zeigt: Die Idee vom Sozialismus hat nichts an Charme verloren, sie bleibt als Alternativsystem bestehen und \u00fcbt ihr Faszinosum weiter aus \u2013 dessen ungeachtet, dass der Kapitalismus nicht das Problem, sondern die L\u00f6sung ist.<\/p>\n<p><em>Anmerkung: Karl Marx wurde in Jena mit der Schrift \u201eDifferenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie\u201c promoviert. Seit der Wende wird die B\u00fcste, einst das Aush\u00e4ngeschild vor der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t, versteckt. Keiner wollte nach der Friedlichen Revolution von 1989 das Bekenntnis zu Marx neu aufleben lassen, die Angst grassierte, mit dem <\/em><em>DDR<\/em><em>-System identifiziert zu werden und damit auf der akademischen Hierarchie abzusteigen. Diese Angst vor dem Gespenst Karl Marx hatte auch Sahra Wagenknecht immer wieder beklagt, die eigentlich \u00fcber den Trierer Meisterdenker promovieren wollte, damals aber daf\u00fcr keinen Betreuer an ostdeutschen Universit\u00e4ten fand.<\/em><\/p>\n<h6>Buchtipp<\/h6>\n<p><a href=\"http:\/\/kapitalismus-ist-nicht-das-problem.de\/\">Rainer Zitelmann: Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die L\u00f6sung, Eine Zeitreise durch 5 Kontinente, Gebundene Ausgabe \u2013 26. Februar 2018<\/a>.<\/p>\n<h1>Der Weltb\u00fcrger ist weder rechts noch links<\/h1>\n<p>Am 9. Mai j\u00e4hrt sich der Todestag von Friedrich Schiller. Dem Klassiker ging es ganz konkret darum, wie sich dieses gesellschaftliche Ideal harmonischer Gemeinschaftlichkeit, das sittliche Gemeinwohl, verwirklichen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13993-zum-todestag-von-friedrich-schiller\">Anton Graff<\/a><\/p>\n<p>Dabei begriff Schiller diese keineswegs \u00e0 la Bloch als blo\u00dfe Utopie. Ihm ging es ganz konkret darum, wie sich dieses gesellschaftliche Ideal harmonischer Gemeinschaftlichkeit, das sittliche Gemeinwohl,verwirklichen l\u00e4sst. Dabei war er zugleich Vision\u00e4r und Realist. Vision\u00e4r und Idealist, weil er eine Reformierung der Gesellschaft f\u00fcr notwendig erachtete, Realist, weil sich diese nur durch eine aufgekl\u00e4rte Menschheit durchsetzten lie\u00dfe<\/p>\n<h6>1. Der Weltb\u00fcrger ist weder rechts noch links<\/h6>\n<p>Auch im Jahr 2018 w\u00e4re Friedrich Schiller ein grenzenloser Verfechter der europ\u00e4ischen Idee. Schiller will den \u201eWeltb\u00fcrger\u201c, jenen freien Geist, der sich seiner politischen Verantwortung bewusst ist, der als gem\u00e4\u00dfigter Denker jedem politischen Radikalismus und jedem religi\u00f6sen Fundamentalismus abschw\u00f6rt. Sein Weltb\u00fcrger ist den Idealen von Freiheit, B\u00fcrgerlichkeit und Br\u00fcderlichkeit verpflichtet. Mit einer AfD k\u00f6nnte Schiller genauso wenig anfangen wie mit linkem Terror, jeglicher Extremismus ist ihm ein Greuel. Seine \u00e4sthetischen Briefe lesen sich, als w\u00e4ren sie gestern geschrieben. Weil Schiller, und das macht ihn so modern, den Menschen weder auf Rationalit\u00e4t noch auf Sinnlichkeit reduzieren will, lehnt er alles ab, was seinen Ursprung entweder in einer reinen Verkopftheit oder in einer blinden Raserei hat. Er wei\u00df, dass ein reiner Idealismus \u00e0 la Robespierre zur Diktatur f\u00fchrt, ein reiner Materialismus hingegen zu einem oberfl\u00e4chlichen Leben, das es sich bequem macht, wo Lust und Neigung regieren. Nur, wo sich Rationalit\u00e4t und Sinnlichkeit, Pflicht (Formtrieb) und Neigung (Stofftrieb) aus Freiheit verbinden, findet Vers\u00f6hnung statt, kommt der Mensch zu seiner Bestimmung, zu seinem Wesen. Dort, wo er spielt, wird er Mensch, ist er gem\u00e4\u00dfigt.<\/p>\n<h6>Kritik am oberfl\u00e4chlichen Zeitgeist<\/h6>\n<p>Der Marbacher Schiller ist ein gnadenloser Chronist. Wie sp\u00e4ter Engels und Brecht analysiert der \u00c4sthetiker die Unarten der Zeit, die Verflachung der Mode und den geistigen Verfall auf breiter Front. Die kritische Analyse dessen, was den sogenannten Zeitgeist ausmacht, liest sich wie eine genuine Beschreibung der Kulturverflachung des, 21. Jahrhunderts. Der Weimarer \u00c4sthetiker spricht von Erschlaffung, von einem erm\u00fcdeten Zeitgeist, der die Gefahr in sich birgt, a-politisch zu werden. Erschlaffung ist das Fehlen der Vernunft und des Verstandes als Triebfedern. Dieser Flachheit im kulturell und politischem Betrieb sich entgegenzustellen, begreift Schiller nicht nur als Herausforderung der Stunde, als das, was geboten ist, sondern als die Pflicht eines jeden B\u00fcrgers, der als Weltb\u00fcrger nicht gesinnungsethisch, sondern verantwortungsethische handelt. Schiller bek\u00e4mpft den Spie\u00dfb\u00fcrger, den selbstgef\u00e4lligen Unpolitischen, der zur Gesellschaft auf Distanz geht, dem das Politische egal und gleichg\u00fcltig ist. Er kritisiert den angepa\u00dften B\u00fcrger, den heutigen Nichtw\u00e4hler, und fordert demgegen\u00fcber das politische Interesse im Sinne der aufgekl\u00e4rten Vernunft, den B\u00fcrger also, der f\u00fcr das Gemeinwohl k\u00e4mpft. Kritisch w\u00fcrde sein Urteil heute gegen\u00fcber denjenigen ausfallen, deren Handlungspr\u00e4missen von Gier, Luxus, Neid, Mi\u00dfgunst und Eitelkeit bestimmt sind.<\/p>\n<h6>Wider den Egoismus \u2013 f\u00fcr einen humanen Stil<\/h6>\n<p>Schon vor \u00fcber 200 Jahren kritisierte Schiller die \u201eSchlaffheit\u201c des Geistes, jenes Spiel mit den Formen. Darin sah er einen Zweck ohne Zweck, eine gleichg\u00fcltige Verschiebung von Verantwortung, ein regelloses Spiel mit leeren H\u00fclsen und Floskeln. Den postmodernen Realismus, der sich dieses Formvokabular zu eigen gemacht hat und den Siegeszug durch die Instanzen angetreten ist, w\u00fcrde er als h\u00f6chst unproduktiv entlarven, die ganze Postmoderne als etwas charakterisieren, was auf ein entleertes Ich hinausl\u00e4uft, das nur sich selbst kennt und wahrnimmt. Dieses sich selbst deutende, bedeutende Ich f\u00fchrt geradezu in einen Nihilismus, der in seiner radikalsten Form einen Egoismus zur Folge hat. Dieser wird zum Brandzeichen einer Gesellschaft, die sich zerst\u00fcckelt, die sich be- und entfremdet und das soziale Miteinander zerst\u00f6rt. Statt das Gemeinwohl zu bef\u00f6rdern, steigert der Einzelne nur sein Individualwohl. Was dar\u00fcber zerbricht, ist das Humanun. Diesen Egoismus zu zertr\u00fcmmern, darin sieht Schiller eine der Aufgaben seiner \u00e4sthetischen Erziehung. Dabei ist sich Schiller bewu\u00dft: Zuerst muss sich der Mensch zu seinem sittlich-moralischem Wesen erziehen und dann den gesellschaftlichen Transformationsprozess einl\u00e4uten. Menschsein bedeutet Sein im Anderen und im Anderen-Sein. Oder anders gesagt: Gl\u00fcck findet der Mensch erst als B\u00fcrger, wenn er sich moralisch verh\u00e4lt und den Staat zu einem Raum der Freiheit f\u00fcr alle werden l\u00e4\u00dft, zum humanen Staat, eben zum \u00e4sthetischen Staat.<\/p>\n<p>Heute w\u00fcrde Schiller, der Autor der \u201eR\u00e4uber\u201c, einerseits f\u00fcr eine Verteilungsgerechtigkeit pl\u00e4dieren, andererseits f\u00fcr eine humanit\u00e4re L\u00f6sung in der Fl\u00fcchtlingsfrage, wobei nicht die Integration f\u00fcr ihn die ma\u00dfgebende Rolle spielen w\u00fcrde, sondern die moralische Selbsterziehung jedes einzelnen, der sich an den universalen Werten von Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit orientiert und durch das ma\u00dfvolle Spiel zwischen Vernunft und Neigung zum B\u00fcrger wird. Vom B\u00fcrger f\u00fchrt dann der Weg zum Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<h6>\u201eSchaub\u00fchne\u201c und Neue Medien<\/h6>\n<p>Nun ist Schiller aber auch Realist und wei\u00df, dass der Mensch endlich und fehleranf\u00e4llig ist. Dieser Schwachheit des Geistes, des Gem\u00fctes und des Leibes gilt es entgegenzusteuern. Dabei im Blick hat Schiller die Kunst, genauer das Theater, die \u201eSchaub\u00fchne als moralische Anstalt\u201c. Sie gilt ihm als Medium, das zu politischer Bildung erzieht. Das Theater vermag sowohl den Vernunft- als auch den Triebmenschen ansprechen, es kommt damit sowohl dem \u201eunteren\u201c oder niederen Beweggr\u00fcnden als auch der moralischen Natur des Menschen entgegen. Weil es \u201eeinem mittleren Zustand, der beide widersprechende Enden vereinigt\u201c, herstellt, dient es zur Verwirklichung der Gl\u00fcckseligkeit als h\u00f6chstem Ziel, bef\u00f6rdert die Bildung des Herzens und des Verstandes. Damit kommt dem Theater oder der Kunst eine Schl\u00fcsselrolle bei der \u00e4sthetischen Erziehung zu, denn im Unterschied zum Staat (und seinen Rechtsvorschriften) mit seinen \u201everneinenden Pflichten\u201c und der Religionen (samt ihren Offenbarungen) unterst\u00fctzt, bzw. \u00fcberformt die Kunst alle beide. Versagt der Staat als gesetzgebende Instanz, so Schiller, dann obliegt es der Kunst hier deutend einzugreifen, Irrt\u00fcmer einer fehlbildenden Geschichts- und Realit\u00e4tssicht zu korrigieren. Nur ihr ist es m\u00f6glich, \u201e[\u2026] die ungl\u00fccklichen Schlachtopfer vernachl\u00e4ssigter Erziehung in r\u00fchrenden, ersch\u00fctternden Gem\u00e4lden\u201c an ihrem Schicksal vorbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>War es f\u00fcr Schiller noch die Schaub\u00fchne sind es heute das Fernsehen, das Kino, die Sozialen Netzwerke, die Medien insgesamt, denen Schiller die verantwortungsvolle Aufgabe einer \u00e4sthetischen Erziehung \u00fcbergegeben w\u00fcrde, von denen er erwartete, gegen den Zeitgeist zu streiten, die Moralit\u00e4t statt den Stumpfsinn zu bef\u00f6rdern, politisch zu erziehen als zu verharmlosen. Wo die Medien ihren Bildungsauftrag nicht erf\u00fcllen, wo die \u00c4ngste des gemeinen Mannes \u2013 wie derzeit in der Fl\u00fcchtlingskrise \u2013 nicht mehr vom politischen Klasse wahrgenommen werden, wo die Politik sich in Herzergie\u00dfungen zerrei\u00dft und sich selbst inszeniert, wo die \u00d6ffentlich-rechtlichen Medien eindimensional berichten, da d\u00fcrfte, so w\u00fcrde Schiller schlie\u00dfen, es auch nicht verwundern, wenn das Volk verroht, wenn es sich jenseits von Kultur, Kunst und Politik selbst erzieht \u2013 nur dann leider nicht zum Weltb\u00fcrger, sondern eben zum Spie\u00df- oder Wutb\u00fcrger samt radikalen Tendenzen inklusive. Noch schlimmer w\u00e4re es, wenn die Salafisten als die \u201ebesseren Sozialarbeiter\u201c die Erziehung hierzulande \u00fcbernehmen.<\/p>\n<h1>Kreuzzug gegen das Kreuz: Wer sich nicht zu seiner Identit\u00e4t bekennt, wird untergehen<\/h1>\n<p>Geh\u00f6rt das Kreuz zu Deutschland? Markus S\u00f6der unternimmt einen Rettungsversuch, die Gr\u00fcnen sind alarmiert und blasen zum Sturm auf das Kreuz. Droht uns nun endg\u00fcltig der Untergang des Abendlandes? Und f\u00fcr was steht das Kreuz eigentlich und droht uns ein neuer Kulturkampf?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13946-europa-ist-zivilisationsmuede\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung hat die Religion einst vom Himmel geholt und in die Regulative der praktischen Vernunft gekettet. Religion im Gewand der Moral war das einzig legitime Korsett religi\u00f6ser Geltungskraft. Und die Postmoderne schlie\u00dflich hat der Religion endg\u00fcltig den Dolchsto\u00df verpasst und sie in das Nirwana der Identit\u00e4tslosigkeit verbannt. An die Stelle von Heimat, Ordnung, Sinn- und Identit\u00e4tsstiftung, verbunden mit einem normativ-regulativ-universalem Geltungsanspruchs des Religi\u00f6sen, ist die plaudernde, diskursoffene Differenz, der Pluralismus und die Polyphonie getreten. Die Religion ist seitdem auf dem R\u00fcckzug und mit ihr die Symbolkraft. Das Kreuz als Symbol des Leidens, der Auferstehung und des Prinzips Hoffnung ist zu einem Randph\u00e4nomen einer Gesellschaft geworden, die sich zunehmend ihrer traditionellen Wurzeln entkleidet und die zivilisatorisch-technische Vernunft zum A und O verkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Dabei steht Europa auf den Grundfesten der abendl\u00e4ndischen Tradition, des christlichen Hellenismus sowie des christlich fundierten Humanismus, einer Synthese von Glauben und Vernunft also, die als pr\u00e4gende Kr\u00e4fte die letzten zweitausend Jahre die Menschengeschichte formten und nach wie vor die vorpolitischen Grundfesten unserer kulturellen Identit\u00e4t bilden. Wer an diesen Fundamenten r\u00fcttelt, stellt nicht nur die christlich-zivilisatorischen Kategorien der N\u00e4chstenliebe, Vergebung und Verzeihung in Frage, sondern zugleich das gesamte Wertefundament samt der unendlichen F\u00fclle kultureller Wertsch\u00f6pfungen. Was ist denn die gotische Kirche anderes als Symbol des g\u00f6ttlichen Jerusalems, als Strahlen- und Lichttempel, der auf die g\u00f6ttliche Ordnung verweist?<\/p>\n<h6>Das Symbol als \u201eaufschlie\u00dfende Kraft\u201c<\/h6>\n<p>Der Philosoph Ernst Cassirer dachte den Menschen als \u201eanimal symbolicum\u201c, als ein symbolbildendes und Symbole verwendendes Wesen, das sich dadurch erst einen Wirklichkeitsbezug erschafft. Unsere Welt in ihrer Totalit\u00e4t bleibt symbolisch aufgeladen; Symbole erm\u00f6glichen gemeinsame Verst\u00e4ndigung und Erinnerung. Und schon f\u00fcr Johann Wolfgang Goethe war das Symbolische die \u201eaufschlie\u00dfende Kraft\u201c, die \u201eim Besonderen das Allgemeine darzustellen vermochte, die die \u201eErscheinung in Idee, die Idee in ein Bild verwandeln konnte\u201c und der dabei immer etwas zugrunde lag, das sich jeder Vereinnahmung widersetzte. Auch f\u00fcr den protestantischen Theologen Paul Tillich wohnte dem Symbol eine Macht inne, die \u201edie Sph\u00e4re der Anschauung unbedingt \u00fcbersteigt\u201c. Religi\u00f6se Symbole waren f\u00fcr ihn daher konstitutive Elemente von Identifikation und Handlung. Und selbst die Sprache, so Tillich, sei religi\u00f6s und symbolisch, weil sie sich auf das Transzendente bezieht.<\/p>\n<p>Das Transzendente widersetzt sich der Vereinnahmung hatte Joseph Ratzinger einst im Dialog mit J\u00fcrgen Habermas betont und herausgehoben: \u201eDen Kulturen der Welt ist die absolute Profanit\u00e4t, die sich im Abendland herausgebildet hat, zutiefst fremd. Sie sind \u00fcberzeugt, da\u00df eine Welt ohne Gott keine Zukunft hat. Insofern ruft uns gerade die Multikulturalit\u00e4t wieder zu uns selber zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Ratzinger bleibt es die Kreuzestheologie, das Kreuz, dass sich der Vereinnahmung widersetzt, das Salz der Erde und Stachel im Fleisch zugleich ist. Es bildet den essentiellen Hinterraum einer offenen Gesellschaft, den zu verschlie\u00dfen, die Selbstaufhebung der Gesellschaft mit impliziert. Und angesichts der Gefahr einer \u201eentgleisenden Moderne\u201c hatte Habermas nicht f\u00fcr die Ausklammerung, sondern f\u00fcr eine \u00dcbersetzung auch und gerade der religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen in \u201eeine \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Sprache\u201c pl\u00e4diert. \u201eEine liberale politische Kultur\u201c m\u00fcsse \u201esogar von den s\u00e4kularisierten B\u00fcrgern erwarten, da\u00df sie sich an den Anstrengungen beteiligen, relevante Beitr\u00e4ge aus der religi\u00f6sen in eine \u00f6ffentliche Sprache zu \u00fcbersetzen.\u201c<\/p>\n<h6>Postmoderne Beliebigkeit<\/h6>\n<p>Wer christliche Symbole abschafft, weil er damit religi\u00f6se Gef\u00fchle Andersgl\u00e4ubiger verletzt, weil er eben nur auf eine interkulturelle Harmonie und Vers\u00f6hnung setzt, der \u00f6ffnet genau wie einst die Postmoderne der Beliebigkeit und des anything goes \u00e0 la Paul Feyerabend Tor und T\u00fcre. Das Ergebnis bleibt irritierend wie schockierend zugleich. Irritierend, weil es die gewachsene Geschichte aus dem Geist des Christentum verleugnet, schockierend, weil es zeigt, wie uns die Beliebigkeit im Angesicht des Fremden zum Ausdruck kultureller Anpassungsfreudigkeit geworden ist. Wer seine Symbole abschafft, verliert letztendlich seine Kultur als N\u00e4hr- und Wehrboden.<\/p>\n<p>Die Postmoderne ist gescheitert, weil sie keine kulturellen Normen und Werte, keine Ethik, aus sich entwickeln konnte, weil sie letztendlich nur gegen das Bestehende, das Tradierte k\u00e4mpfte, ohne etwas Substantielles dagegenzustellen. Wo dieses aber fehlt, regiert das Allerlei, verliert die Gesellschaft ihr Halteseil.<\/p>\n<h6>Die Macht des Symbols<\/h6>\n<p>Im heraufziehenden Kulturkampf, in der Verleugnung des Eigenen und in einer zunehmend pluralistisch sich zeichnenden Gesellschaft bleibt der Rekurs auf das Identit\u00e4tsstiftende, das Kreuz, \u00fcberlebenswichtig, denn es verweist auf das Transzendente, das zur Kultur bef\u00e4higt. Dieses befindet sich in Europa im schleichenden Abgesang; in der islamischen Welt hingegen ist es der z\u00fcndende Funke religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen und Inspirationen, die Kraftquelle, die \u00fcber ein zivilisatorisch m\u00fcdes Europa obsiegen kann.<\/p>\n<p>Gr\u00fcne Idealisten sollten sich dies kritisch vor Augen halten, wenn sie dem Kreuz abschw\u00f6ren, es f\u00fcr obsolet und seine Symbolkraft f\u00fcr tradiert erkl\u00e4ren. Die Kraft des Religi\u00f6sen, versinnbildlicht sich in seinen Symbolen und ist st\u00e4rker als die s\u00e4kularisierte Vernunft, weil sie aus einer Quelle sch\u00f6pft, von der die Vernunft nur Abbild ist. Der Islam mit seinen Symbolen ist auf dem Vormarsch die Welt zu erobern, ein Christentum, das sich selbst zerfleischt, bietet ihm hier die g\u00fcnstigste Angriffsfl\u00e4che, um sich selbst zu entm\u00e4chtigen. Falsch verstandene Toleranz f\u00fchrt eben nicht zu Vers\u00f6hnung zwischen den Kulturen, sondern zur Aufl\u00f6sung der eigenen.<\/p>\n<h1>Im Kreuzgang &#8211; Markus S\u00f6der und der gr\u00fcne Shitstorm<\/h1>\n<p>Der neue bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der hat mit seinem Kruzifix-Vorsto\u00df eine Debatte angesto\u00dfen, die viel \u00fcber die Deutsche Nation aussagt. Aus dem gr\u00fcnen Lager hagelt es Kritik. Die Religion werde instrumentalisiert, die weltanschauliche Neutralit\u00e4t stehe auf dem Spiel. Doch S\u00f6der wei\u00df genau, was er tut.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13944-muss-das-kreuz-weg\">S.Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Seit Tagen wird der Bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus mit seinem Kruzifix-Vorsto\u00df mit Hohn und Spott \u00fcberzogen. Heftige Kritik kam dabei aus der gr\u00fcnen Multikulti-Ecke. So kritisierte Katrin G\u00f6ring-Eckardt S\u00f6ders Kruzifix-Pflicht als besch\u00e4mend f\u00fcr Christen. \u201eDas Kreuz ist keine heimelige Wand-Deko\u201c, sondern wird f\u00fcr plumpes Wahlkampfget\u00f6se missbraucht. Auch der M\u00fcnchner Weihbischof Wolfgang Bischof kritisierte S\u00f6der und die Kreuzespflicht in allen staatlichen Beh\u00f6rden. Das Kreuz sei kein Symbol f\u00fcr Bayern \u201eund erst recht kein Wahlkampflogo.\u201c \u201eWer im Geist des Kreuzes handeln will, der muss die Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns stellen, und zwar besonders die Menschen in Not.\u201c Nun ist beim Vorwurf des Bischofs kein Kausalzusammenhang zu erkennen denn Bayern ist sowohl in Sachen Fl\u00fcchtlingskrise als auch bei der Integration Vorreiter.<\/p>\n<h6>Kirche kritisiert Kreuz-Vorsto\u00df<\/h6>\n<p>Das ausgerechnet Kritik von Seiten der Kirche kommt, ist nicht nur befremdlich, aber vielleicht verst\u00e4ndlich, wenn man sich an den Besuch von Kardinal Marx und Landesbischof Bedford-Strohm am Tempelberg erinnert, wo die Kreuze einfach in der Tasche verschwanden, um religi\u00f6se Gef\u00fchle nicht zu verletzten. Der allgemein hervorgebrachte Vorwurf, S\u00f6der instrumentalisiere die Religion samt Kreuz und verletzte damit die Neutralit\u00e4t des Staates in Sachen Religionsfreiheit, bleibt absurd, denn Artikel 4 des Grundgesetzes, der die Religionsfreiheit garantiert und dazu verpflichtet, weltanschaulich und religi\u00f6s neutral zu sein, wird durch das Aufh\u00e4ngen von Kreuzen nicht tangiert. Weder wird dadurch das Kreuz auf ein kulturelles Symbol reduziert noch zum Symbol des Staates verkl\u00e4rt. Auch der Vorwurf einer \u201epopulistischen Symbol-Wahlkampfaktion\u201c, wie sie der sonst umsichtige FDP-Chef Christian Lindner in den aufgew\u00fchlten Diskurs wirft, mag nicht tragen, sondern eher befremden. Wie gro\u00df muss die Illusion denn sein, um mit dem Kreuz eine Landtagswahl zu gewinnen?<\/p>\n<p>Der neue Ministerpr\u00e4sident selbst l\u00e4sst sich durch den anschwellenden Gesang der Kritiker nicht aus dem Schritt bringen. In Sachen Kruzifix bleibt er unnachgiebig. Er wei\u00df eben um die Kraft des Symbolischen \u2013 anders als seine Gegner, die ihn hier deutlich untersch\u00e4tzen. Traurig nur, dass S\u00f6ders Kreuzesvorsto\u00df zum leidigen Kreuzweg des Ministerpr\u00e4sidenten selbst wird, der im aufbrechenden Kulturkreuzkampf zum letzten Verteidiger des Christentums avanciert.<\/p>\n<h1>Benedikt XVI. und das Prinzip Hoffnung<\/h1>\n<p>Joseph Ratzinger, der sp\u00e4tere Benedikt XVI. gilt als der intellektuellste Denker auf dem Papststuhl zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Am 16. April feiert er seinen 91. Geburtstag. Sein Pontifikat war gepr\u00e4gt vom Duktus des gelehrten Professors. Und immer weider kreiste sein Denken um das Prinzip Hoffnung. Was aber stiftet diese?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13859-zum-91-geburtstag-des-deutschen-papa-emeritus\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi\">Joseph Ratzinger, Benedikt XVI.<\/a>, gilt nicht nur als der Intellektuelle auf dem Papstthron, sondern auch als einer der profundesten Kenner der Theologiegeschichte und einer der anerkanntesten Theologen des 21. Jahrhunderts. So sehr sein Denken die ganze Breite von Theologumena ersch\u00f6pft, so sind es immer wieder philosophische Frage- und Problemstellungen, um die er in allen seinen Schriften kreist. Deutlich wird dabei, dass Ratzinger aus den Quellen der platonischen Denktradition sch\u00f6pft. <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi\">Augustinus bleibt bis zum heutigen Tag eine der Prim\u00e4rquellen Ratzingers und er beeinflusste seine Enzykliken \u201eDeus Cariats est\u201c, Spe salvi\u201c und \u201eCaritas in Veritate\u201c ma\u00dfgeblich<\/a>.<\/p>\n<p>.<\/p>\n<h6>Die Krise der Kirche<\/h6>\n<p>Glauben und Wissen, Vernunft und Religion sind die gro\u00dfen Themen von Benedikt XVI. Von seinen philosophisch-theologischen Anf\u00e4ngen, von seiner Promotion \u00fcber seine Habilitation bis zu den j\u00fcngsten Publikationen bleibt die Frage nach dem spannungsreichen Verh\u00e4ltnis zwischen Glauben und Wissen zentrales Thema. Und sie erweist sich als derart zentral, weil sich, so der Befund Benedikts XVI., das Christentum in einer tiefgreifenden Krise befindet, die letztendlich auf der Krise seines Wahrheitsanspruchs beruht. Mit dem modernen Verzicht auf die Wahrheit wird letztendlich auch der Gottesbegriff in Frage gestellt, die Theologie f\u00fcr obsolet erkl\u00e4rt und durch die Religionswissenschaften ersetzt. Der Verzicht auf die Wahrheitsfrage bringt dann aber jenen modernen Relativismus hervor, oder anders gesagt: Mit dem Ende der Metaphysik ist schlie\u00dflich auch die Frage nach der Wahrheit an ihr Ende gekommen. Diesem modernen Relativismus l\u00e4sst sich freilich nur begegnen, wenn die Frage nach der Wahrheit, nach dem Verh\u00e4ltnis von Glauben und Wissen, erneut gestellt wird. Und genau dies war und ist das Anliegen Ratzingers.<\/p>\n<h6>Vom Zweifel am Glauben<\/h6>\n<p>So beginnt Joseph Ratzinger seine \u201eEinf\u00fchrung in das Christentum\u201c mit einem skeptischen Argument, jedoch nicht vor dem Hintergrund der erkenntnistheoretischen Fragestellung, sondern aus der Sicht des Glaubenden und dessen Bedrohung seitens des Nichtglaubens. So sicher die Glaubensgewissheit auch sei, so steht sie doch allerorten in der Gefahr, durch die Ungewissheit st\u00e4ndig kritisch hinterfragt zu werden, die dann dem Glaubenden die \u201eBr\u00fcchigkeit des Ganzen\u201c permanent vor Augen h\u00e4lt. Keine Glaubensgewissheit ist also derart unverbr\u00fcchlich, als dass sie nicht der M\u00f6glichkeit des Zweifelns anheimgegeben ist.<\/p>\n<p>Gerade diese permanente Infragestellung, die Fragilit\u00e4t des Glaubens also, ist Ratzinger zufolge das Dilemma der menschlichen Existenz \u2013 und eine Theologie, die sich diesem Dilemma stellt, ist eine existentialistische. Der Zweifel als best\u00e4ndige Gefahr bildet \u2013 mit Kierkegaard gesprochen \u2013 den Abgrund, gegen den sich der Glaubende stets wehren muss. Glaube und Unglaube \u2013 sie bilden das dialektische Prinzip menschlicher Existenz, denn wie der Glaubende stets vom Unglauben umfangen wird, so der Ungl\u00e4ubige vom Glauben. \u201eWer der Unwissenheit des Glaubens entfliehen will, wird die Ungewi\u00dfheit des Unglaubens erfahren m\u00fcssen, der seinerseits doch nie endg\u00fcltig gewi\u00df sagen kann, ob nicht doch der Glaube die Wahrheit sei.\u201c<\/p>\n<h6>Dem Christentum der Gegenwart fehlt die Hoffnung<\/h6>\n<p>Das heutige Christentum, so der kritische Befund, hat sich vom Gedanken der Hoffnung verabschiedet. Der Unglaube und der Zweifel regieren. Und damit bleibt die gegenw\u00e4rtige Krise eine des Glaubens, dem die wissende Einsicht, dass Glaube nur durch Gott m\u00f6glich ist, fehlt. Der Glaube ist Substanz, der Hoffnung gebiert. Und nur durch dieses In-Sein der Hoffnung im Glauben, durch die aktuelle Pr\u00e4senz, ist es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, von der Actualitas-Verfasstheit zum Futurum zu schreiten. In der Gegenwart zeigt sich das Kommende, das K\u00fcnftige nicht als So- oder Anderssein, sondern mit Gewissheit. Und wenngleich dieses Kommende nicht sichtbar ist, nicht erscheint, ist im Glaubenden eine \u201edynamische Wirklichkeit\u201c auf das K\u00fcnftige hin am Werk.<\/p>\n<p>Die habitus-Verfasstheit des Glaubens ist dann auch nicht eine subjektive Haltung, eine \u00dcberzeugung und ein Feststehen auf das Nichtsichtbare hin, sondern eine objektive Wirklichkeit, ein allgemein in uns seiendes G\u00fcltiges, eine objektive Wertigkeit. Eine blo\u00dfe begriffliche Reduktion des Glaubens auf sein \u201epers\u00f6nliches Ausgreifen\u201c auf das Kommende, wie es die protestantische liberale Theologie in der Luthernachfolge vor Augen hatte, lehnt Benedikt daher als zu schwach gefasst ab. Vielmehr gibt uns der Glaube \u201eschon jetzt etwas von der erwarteten Wirklichkeit\u201c, denn \u201ediese gegenw\u00e4rtige Wirklichkeit ist es, die uns ein \u201aBeweis\u2019 f\u00fcr das noch nicht zu Sehende wird.\u201c Das Performative des Glaubens bleibt daher die Einbeziehung der Zukunft in die Gegenwart, ein Sich-ihr-\u00d6ffnen, wobei die Zukunft nicht mehr blo\u00df zu einem reinen Noch-nicht wird. Vielmehr ver\u00e4ndert sich die Gegenwart durch das Zuk\u00fcnftige, empf\u00e4ngt ihr Heil aus dem Noch-Nicht und Unsichtbaren; die Gegenwart wird vom Zuk\u00fcnftigen ber\u00fchrt, \u201eund so \u00fcberschreitet sich Kommendes in Jetziges und Jetziges in Kommendes.\u201c \u201eAllein durch den Glauben als Fundament ist ein Leben aus der Hoffnungsgewissheit m\u00f6glich, denn in Jesus Christus hat sich Gott gezeigt, hat die Substanz des Kommenden mitgeteilt. [\u2026] und so erh\u00e4lt das Warten auf Gott eine neue Gewi\u00dfheit. Es ist Warten auf Kommendes von einer schon geschenkten Gegenwart her.\u201c Und dieser Glaube als Hoffnung schafft jene tiefe Souver\u00e4nit\u00e4t, dass er auch dann nicht an den Sinnlosigkeiten, den Wirrnissen und Negativerfahrungen zerbricht, die immer wieder an der Existenz Gottes zweifeln lassen. Wider der dramatischen Komplexit\u00e4t von Ereignissen, in denen Gott schwieg, gibt die Hoffnung das Vertrauen.<\/p>\n<p>Die Zukunft ist damit ontologisch in der Gegenwart verortet, die ihre Seinsbezogenheit aus dem Futur bezieht. Umgekehrt ist die Gegenwart nur dann sinnvoll, weil sich im Glauben der Logos Gottes offenbart, der ihm den tragenden Sinn verleiht, aus der allt\u00e4glichen Vorfindlichkeit auszubrechen, um jenes ewige Leben zu erhoffen, das die Zeit transzendiert.<\/p>\n<p>Eben weil der Glaube als Substanz ein Fundament gibt, das sich von jeder materiellen Basis unterscheidet, ist er letztendlich der tragende Grund, der eine Verl\u00e4sslichkeit garantiert, wie sie in der endlichen materiellen Welt gar nicht vorkommen kann. Die ideelle Welt des Glaubens, die Verfasstheit, bleibt als \u201ehypostasis\u201c von der blo\u00df materiellen Substanz unber\u00fchrt, die als sekund\u00e4re gegen\u00fcbertritt, weil sie die Verl\u00e4sslichkeit auf K\u00fcnftiges hin \u00fcberhaupt nicht zu garantierten vermag.<\/p>\n<h6>Vom Ort der Hoffnung<\/h6>\n<p>Der Ort der vorl\u00e4ufigen Hoffnung ist das verg\u00e4ngliche Sein mit seinen Sinnkrisen und permanenten kleinen Hoffnungen. Zwar sind diese notwendig, damit endliches Leben funktioniert, sie reichen aber nicht aus, jene Hoffnung zu garantieren, von dem der christliche Glaube spricht. Daher bezieht sich die wahre Hoffnung, die qualitative Hoffnung, die sich von der blo\u00df allt\u00e4glichen Seinsbew\u00e4ltigung unterscheidet, zwangl\u00e4ufig auch auf ein Leben, das als ewiges durch die Taufe, das \u201eVolk Gottes\u201c und die Sakramente gew\u00e4hrt wird. Allein durch die Hoffnung auf das ewige Leben hin, das nicht als addierbare Gr\u00f6\u00dfe kleiner Hoffnungen bestimmt wird, vermag der Glaube die Gewohnheit, das Materie-Gebundensein, zu \u00fcberwinden und eine neue Freiheit zu er\u00f6ffnen. Diese dynamische Aktualit\u00e4t des Glaubens bewirkt dann schlie\u00dflich die Verschiebung von der Quantit\u00e4t hin zur Qualit\u00e4t des Glaubens. Der Glaube als Substanz ist nicht blo\u00dfe Information, sondern als \u201egeschenkte Gegenwart\u201c ver\u00e4ndert er auch das Leben, erweist sich letztendlich als performativ, im Sinne der Lebensgestaltung wie es im Zweiten Timotheus-Brief (1,7) zum Ausdruck kommt: \u201eGott hat uns nicht den Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.\u201c<\/p>\n<h6>Das Prinzip Hoffnung<\/h6>\n<p>Erst der Glaube als Hoffnung, so die Engf\u00fchrung Benedikts, der sich hier auf das 11. Kapitel des Hebr\u00e4er-Briefes bezieht, schafft Zukunft als positive Realit\u00e4t, ver\u00e4ndert das Leben, das ohne Gott ohne Hoffnung war (Eph. 2, 12), wie Paulus im Brief an die Epheser anmerkte. Die Hoffnung bleibt, wie Ratzinger am Anschluss an Augustinus\u2019 Brief an Proba vermerkt, die Heilskonstante im Meer der unendlich-endlichen Daseinswirklichkeit, jenes transzendentale Wissen, was die Hoffnung zu jener dynamischen Wirklichkeit werden l\u00e4sst, die dauernd \u00fcber sich hinaus unterwegs ist. Das wahre Leben ist diese Sehnsucht nach dem Unbekannten, nach dem, was nur vorl\u00e4ufig als \u201eHimmel\u201c bestimmt werden kann. Es ist die Sehnsucht nach dem Unbekannten, wie es schon Paulus im \u201eR\u00f6merbrief\u201c anmerkte. Dieses Unbekannte ist der eigentliche Sinn und das Ziel der christlichen Hoffnung \u2013 das heilige Unwissen, das sich nur durch eine personale Beziehung zu Jesus Christus erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Jede Vorstellung des Unbekannten aber bleibt aporetisch, l\u00e4sst sich nur negativ (apophatisch) oder mittels symbolischer oder positiver (kataphatisch) Ausdr\u00fccke in aller Vorl\u00e4ufigkeit beschreiben. Und ebenso scheitert jeder Versuch, einer individuellen Heilsherrlichkeit, der Versuch, jene Hoffnung lediglich auf subjektiven Weg zu erlangen. Welche Rolle bei der Heilshoffnung letztendlich die Kirche als \u201eVolk Gottes\u201c, die aus allen V\u00f6lkern kommt und damit wahrhaft katholisch ist als Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen spielt, hatte Ratzinger schon in seiner Promotion herausgestellt. In seiner Enzyklika \u201eSpe salvi\u201c wiederholt er nochmals jene Absage an eine individualistische Hoffnungsvorstellung. Im kritischen Blick dabei hat er jene radikale sich abkapselnde Vita Contemplativa, jenes In-sich-Ruhen und transzendente Kreisen, jenes mystische Sich-Versenken und ekstatische Aus-sich-Heraustreten, das sich hermetisch dem Dialog widersetzt. Demgegen\u00fcber stellt er das dialogische Prinzip, die Personalit\u00e4t der Beziehung. Der Glaube ist faktisch immer Vollzug durch und mit Christus und damit, so die ekklesiologische Konsequenz, durch das \u201eVolk Gottes\u201c. Jedes einzelnen Menschen. Es ist die zu ihrem Wesen geh\u00f6rende Offenheit der Hoffnung, die dem Wesen der menschlichen Freiheit entspricht.<\/p>\n<h6>Der Ort der Hoffnung ist die personalisierte Gemeinschaft<\/h6>\n<p>Das Heil der Hoffnung, so Ratzinger, liegt nicht im addierbaren Fortschritt, in welchem die ma\u00dflose Vernunft regiert, sondern in einem Akt, in dem sich die Vernunft dem Glauben \u00f6ffnet \u2013 in der Katharsis der Vernunft, die letztendlich der Freiheit des Subjekts zugrunde liegt, sich entweder zum Guten oder zum B\u00f6sen zu entscheiden. Aus dieser Ambivalenz der Freiheit resultiert, wie Ratzinger gerade mit Blick auf die Glaubenskrise der Moderne unterstreicht, die M\u00f6glichkeit der Verkehrung des Willens, der letztendlich nicht das Gute anvisiert, sondern die Vernunft dahingehend instrumentalisiert, dass sie nach dem Alles-nur-M\u00f6glichen ausgreift und so zu jenem von Kant in \u201eDas Ende aller Dinge\u201c proklamierten verkehrten \u201eEnde aller Dinge in moralischer R\u00fccksicht\u201c f\u00fchrt.<\/p>\n<h6>Die instrumentelle Vernunft<\/h6>\n<p>Die instrumentelle Vernunft hat nicht nur die christliche Hoffnung desavouiert, diese in die Privatheit verdr\u00e4ngt, sondern auch das Reich Gottes zu einem blo\u00dfen Reich der Menschen degradiert, aus dem, so Benedikt XVI., sich das selige Leben nicht gewinnen l\u00e4sst. Die Hybris, so seine \u00dcberzeugung, zeige sich in einer sich selbst erm\u00e4chtigenden Vernunft, die kein Ma\u00df mehr kennt. Das f\u00fchrt schlie\u00dflich dazu, dass der Glaube zu einem blo\u00dfen Fortschrittsglauben pervertiert, der sich statt auf das Unverf\u00fcgbare und Unbenennbare zu richten, sich selbst als vollkommene Freiheit feiert und diese als alleinige Verhei\u00dfung anpreist. In einem derart auf Fortschritt fixierten Heilsoptimismus wird dieser zur einzigen Motivationsquelle. Was diesem aber fehlt, ist eben die Qualit\u00e4t des An-sich Guten, die weder durch die reine Vernunft (Bacon, Kant, Deutscher Idealismus, Hegel) eingefordert werden kann, noch vom Reich des Materiellen (Marx und die gescheiterten Systementw\u00fcrfe des realen Sozialismus und dessen Zusammenbrechen zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts) zugrunde gelegt wird, sondern allein durch Gott. Ohne ihn ist der Mensch hoffnungslos.<\/p>\n<p>Die Hoffnung, die sich an die marxistische Utopie bindet, bleibt letztendlich eine, die an ein Wertebild gebunden ist, dessen Fehler der Materialismus selbst ist. Bekanntlich aber vermag die Materie keine Erl\u00f6sung zu schaffen.<\/p>\n<p>Eine blo\u00df auf die Geschichte \u00fcbertragene Evolutionslehre schl\u00e4gt nur in einen dialektischen Fortschritt um, wobei dann bei Marx die klassenlose Gesellschaft anstelle des Menschensohnes tritt. Die mit dem dialektischen Geschichtsbegriff einhergehende Revolution und Utopie werden dann f\u00fcr Ratzinger jene konkreten Gestalten eines politischen und s\u00e4kularen Messianismus, den er radikal ablehnt, weil dieser schlie\u00dflich darin m\u00fcndet, dass \u201eder G\u00f6tze Zukunft\u201c die Gegenwart auffrisst.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass der \u201eG\u00f6tze Revolution\u201c jener gro\u00dfe Gegner des Hoffnungsbegriffs Ratzingers ist, sondern in gleich viel h\u00f6herem und radikalerem Umfang erweist sich dieser als Gegenspieler rationalen politischen Handelns auf eine \u201ewirkliche Verbesserung der Welt hin\u201c. Diesem neuen Mythos k\u00f6nnen dann Freiheit und Hoffnung gar nicht mehr korrespondieren, da in dieser Geschichtskonzeption der Begriff der freien Selbstbestimmung \u00fcberhaupt keine Rolle mehr spielt. So erweist sich der marxistische Zukunftsbegriff leidglich als notwendige Durchgangsstadium eines Fortschrittsoptimismus der deterministisch und biologistisch gepr\u00e4gt ist, der durch Evolution und Dialektik bestimmt bleibt. Bei dem aber das Prinzip Hoffnung im Sinne Ratzingers \u00fcberhaupt keine Rolle mehr spielt.<\/p>\n<h6>Kritik an Karl Marx<\/h6>\n<p>Die wahre Gestalt der christlichen Hoffnung kann daher keine vorgefundene, keine Verhei\u00dfung an eine Optimierung des Fortschritts durch Vernunft und Politik sein, denn die politische Utopie ist mit dem Marxismus selbst verloren gegangen, weil sich dieser s\u00e4kulare Messianismus nur auf die Materie des Seins konzentriert, aber das Eigentliche im Menschen, seine Seele, vergisst. Woran der Marxismus scheitete, war der Materialismus selbst, der eben, so Benedikt XVI., keine Alternative zum seligen Leben darstellen kann. Im Zentrum der Kritik steht dabei zum einen ein Verst\u00e4ndnis von Hoffnung, das den Aspekt des Christlichen daraus ausklammert und Hoffnung nur als utopisches Ideal begreift, dem eine blo\u00df, sei es politisch oder moralisch legitimiert, weltver\u00e4ndernde Kraft innewohnt. Aber genau diese Reduktion der Hoffnung ist zum einen ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Glaubenskrise der Moderne verantwortlich, da die Hoffnung s\u00e4kular bleibt und zum leeren Surrogat von Totalitarismen wird; zum anderen kulminiert diese in einer politischen Theologie und \u2013 in ihrer Radikalit\u00e4t \u2013 im s\u00e4kularisierten Marxismus als der gro\u00dfen Zivilreligion des 20. Jahrhunderts. Dieser Antitheismus in Form eines s\u00e4kularisierten \u201ealttestamentlichen Messianismus\u201c tauscht den Begriff der Hoffnung lediglich zugunsten einer religi\u00f6sen Utopie, die letztendlich nicht den Menschen ver\u00e4ndert, sondern nur die Verh\u00e4ltnisse, in denen er lebt.<\/p>\n<h6>Die Trennung von Religion und Politik<\/h6>\n<p>Mit der \u00dcbertragung des Reichsgedankens auf das Politische verliert dieses selbst seine Autonomie und missbraucht das Mysterium vom Reich Gottes \u201ezur Rechtfertigung politischer Irrationalit\u00e4t\u201c. Der Geist der Revolution bleibt so nur blo\u00df \u00e4u\u00dferlich, f\u00fchrt nicht zu jener Hoffnung, die eng mit dem Begriff vom Reich Gottes verbunden ist. Vielmehr instrumentalisiert diese Art der Revolution den Menschen, indem er diesen letztendlich zu ver\u00e4ndern sucht. Diese politische Instrumentalisierung kann aber nie jene Ver\u00e4nderung bewirken wie sie der christlichen Hoffnung eignet; sie ist letztendlich ein Gewaltakt, der die Ver\u00e4nderung der \u201emenschlichen Natur\u201c durch die Zerst\u00f6rung des Humanums mit innerer Notwendigkeit erkauft.<\/p>\n<p>Ratzinger zieht daraus den Schluss, dass das Reich Gottes niemals zu einer politischen Norm werden kann, sondern nur zu einer moralischen, die das Politische unter das Moralische stellt; jene sogenannte \u00dcberordnung der Moral \u00fcber die Politik, die sich dann aber nicht im Rahmen einer Eschatologie, sondern nur in einer Moraltheologie vollziehen lassen kann. Damit ist ganz klar die Grenze zwischen Politik und Eschatologie abgesteckt: beide sind radikal voneinander zu trennen. Nur so l\u00e4sst sich der \u201eHoffnungsgehalt der Eschatologie\u201c \u00fcberhaupt retten. Die Verwischung von Eschatologie und die Politisierung des Gottesreichsmysteriums zum instrumentellen Gebrauch der Schaffung des neuen Menschen f\u00fchrt konsequenterweise nach Auschwitz und zum Archipel Gulag.<\/p>\n<h6>Gott ist die Liebe<\/h6>\n<p>Der Glaube ist keine Vorfindlichkeit, kein Etwas, wie Benedikt XVI. in fast heideggerischer Terminologie formuliert, etwas das blo\u00df da, das vorhanden ist, sondern vielmehr etwas, das zuhanden ist, das aus dem \u201eAnruf\u201c der Freiheit resultiert, einem personalem \u201eAnruf\u201c, der sich immer wieder neu ereignet, weil die Freiheit, an die er sich richtet, nicht im Verf\u00fcgungsrahmen des Menschen steht, sondern von diesem \u2013 fast existentialistisch \u2013 errungen werden muss. Wer Verhei\u00dfung zum Programm von Vernunft und Politik macht und diese als alleinseligmachende Prinzipien proklamiert gibt letztendlich eine falsche Verhei\u00dfung. Der \u201erechte Zustand der menschlichen Dinge, das Gutsein der Welt, kann daher nie einfach durch Strukturen allein gew\u00e4hrleistet werden, wie gut sie auch sein m\u00f6gen.\u201c Anders gesagt: Endliches kann nur Endliches hervorbringen. Und die letzte Gestalt des Glaubens bleibt, wie Benedikt XVI. im Anschluss an Augustinus formuliert auf diesem Wege verschlossen. Vielmehr speist sich das selige Leben umgekehrt aus jenem \u201emoralischen Schatz\u201c und allein durch die Liebe Gottes, in jenem Anruf, in den wir immer schon gestellt sind.<\/p>\n<p>Bereits in der Enzyklika \u201eDeus caritas est\u201c hei\u00dft es: \u201eGott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm\u201c Damit kommt zweierlei zum Ausdruck: Erstens: die Liebe Gottes geht zum einen immer schon voraus, und zweitens liegt es im Wesen der endlichen Freiheit, diese Liebe auch anzunehmen, zumal die endliche Freiheit immer br\u00fcchig ist, immer, wie betont, auch die Freiheit zum B\u00f6sen existiert, weil es \u201edas endg\u00fcltig eingerichtete Reich des Guten in dieser Welt\u201c nicht geben wird. Diese bedeutet f\u00fcr die Liebe zu Gott und \u2013 hier in letzter Konsequenz f\u00fcr den Glauben \u2013 dass eine freie Zustimmung zum Guten nur als Akt der Freiheit m\u00f6glich sein kann, aus der vern\u00fcnftigen Einsicht in die \u00dcbervern\u00fcnftigkeit des Glaubens also, denn der Glaube setzt die Vernunft voraus, die ihrerseits des Glaubens zur L\u00e4uterung bedarf.<\/p>\n<h6>Francis Bacon und die Grenzen der Wissenschaft<\/h6>\n<p>Im Anruf der Freiheit im Glauben zeigt sich einerseits die gro\u00dfe M\u00f6glichkeit diesem Ruf zu folgen und andererseits die menschliche Freiheit diesen zu negieren. Und diese Negation hat, wie Ratzinger in fast allen seinen Schriften kritisch anmerkt, jene Krise der Hoffnung hervorgerufen, die letztendlich auch eine Krise des Glaubens ist. Zwar, und darauf weist Ratzinger immer hin, haben die guten Strukturen wegweisenden Charakter, aber sie reichen nicht aus. Und damit scheitert auch das optimistisch-technische Wissenschaftsprojekt von Francis Bacon; die Wissenschaft kann zwar \u201evieles zur Vermenschlichung der Welt und der Menschheit beitragen\u201c, aber der Stachel, das Salz, die unerh\u00f6rte Provokation des Christentums, wie Benedikt auch in seinen Gespr\u00e4chen mit Peter Seewald hervorhob, bleibt. Endg\u00fcltig kann der Mensch nicht von au\u00dfen erl\u00f6st werden, der Fortschritt ist nur intrinsisch m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ein Fortschritt ohne Glaube f\u00fchrt, wie Benedikt XVI., Theodor Adorno zitierend, hervorhebt, eben auch von der Steinschleuder zur Megabombe, von der Sch\u00f6pfung zur Pr\u00e4implantationsdiagnostik, zur Genetik und der Schaffung des neuen Menschen. Letztendlich ist er nur noch das Produkt menschlicher Selbsterm\u00e4chtigung.<\/p>\n<h6>Die asiatischen Weisheitslehren sind auf dem Vormarsch<\/h6>\n<p>Durch diese negative Weite der sich selbst entgrenzenden Vernunft, in der Schaffung des neuen Menschen, wird die B\u00fcchse der Pandora weit ge\u00f6ffnet. Und dadurch hat die christliche Hoffnung im 20 und 21. Jahrhundert viel an Kraft verloren und dem Unglauben seine Spielst\u00e4tten neu geschaffen, ihren Wesenskern, ihre kulturell-geistige Identit\u00e4t beiseite ger\u00e4umt, um der instrumentellen Vernunft Raum zu geben. Die Hoffnung verk\u00fcrzt sich dabei auf den vielbeschworenen Individualismus, der das moderne Europa nicht mehr an die christlichen Wurzeln bindet, sondern an die asiatischen Weisheitslehren und die spirituelle Selbsterleuchtung. Was dabei aber verlorengeht, ist das Wesen des christlichen Hoffnungsbegriffs, der auf Weite, Personalit\u00e4t und Gemeinschaft gebaut ist. Der verabschiedet sich nunmehr ganz leise, so der gro\u00dfe Theologe Ratzinger.<\/p>\n<h1>Keine Burkas und Schleier in Schulen und Kitas!<\/h1>\n<p>In Sachen Zuwanderung, Integration, Parallelgesellschaften und Kopftuchverbot bleibt der Bundeskanzler Sebastian Kurz auf eisernem Kurs. Diesmal im Kanzlervisier das Kopftuchverbot f\u00fcr Kinder. Die Bundesregierung \u00d6sterreichs plant ein Kopftuchverbot in Kinderg\u00e4rten und Grundschulen. \u201eEine Verschleierung von Kleinkindern ist definitiv nichts, was in unserem Land Platz haben sollte&#8220;.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13817-sebastian-kurz-kaempft-gegen-verschleierung\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<p>Von den einen geliebt, von den anderen gehasst. <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12940-sebastian-kurz-kein-mann-ohne-eigenschaften\">Sebastian Kurz<\/a> provoziert und polarisiert. Unter Deutschlands linken Intellektuellen und ihrer Willkommenskultur ist er nicht nur der Provokateur schlechthin, sondern einer, dem man neidvoll weder Amt noch Einfluss g\u00f6nnt. Kurz ist drahtig, sportlich \u2013 gepaart mit einer soliden Eleganz. Schon rein optisch unterscheidet er sich wohltuend vom bundesdeutschen Berufspolitiker samt protestantisch finsterem Arbeitsethos und moralischer-moralinsaurer Verklemmtheit. Kurz ist \u2013 trotz grandiosem Karriereaufstieg \u2013 einer aus dem Volk geblieben, einer aus den \u00e4rmeren Stadtbezirken Wiens samt Dauerarbeitslosen, Deprimierten und Abgeh\u00e4ngten. Sie hat er im Auge und ihre W\u00fcnsche und \u00c4ngste goutiert er \u2013 gerade in Zeiten wo eine zweite gewaltige Fl\u00fcchtlingswelle aus dem Mittelmeer mit wogender Brandung auf Europa zu rauscht. Kurz ist ein Bewahrer, kein Zerst\u00f6rer.<\/p>\n<h6>Kurz rettete Bundeskanzlerin das Amt<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend in Deutschland lange dar\u00fcber palavert wurde, wie man den Fl\u00fcchtlingsstrom \u00fcber den Balkan abebben lassen k\u00f6nnte, war es wiederum Kurz, der die Grenzen \u00d6sterreichs \u201eKurz\u201cerhand schloss und damit Westeuropa eine Atempause im Fl\u00fcchtlingsstrom verg\u00f6nnte. Angela Merkel und der damalige Bundeskanzler Faymann waren schlichtweg \u00fcberfordert und die Blitzaktion des damaligen Au\u00dfenministers galt als offener Affront gegen Merkels Politik der offenen Tore. Seitdem w\u00fcnscht man sich den Rebellen aus Wien lieber in der Ostmongolei oder im finstersten Sibirien. Angela Merkel jedenfalls hat der Youngster im Handstreich damit au\u00dfenpolitisch auf lange Sicht besiegt und der Kanzlerin letztendlich das Amt gerettet.<\/p>\n<h6>Boris Palmer \u2013 Kurz ist kein Schmuddelkind<\/h6>\n<p>Einzige Ausnahme im Fl\u00e4chenkonzert der Kurzkritiker ist der T\u00fcbinger Oberb\u00fcrgermeister Boris Palmer, der geradezu mit einer Charmeoffensive nach seinem Besuch in Wien seine Parteifreunde in Verlegenheit brachte. \u201eIch halte die in Deutschland und gerade im gr\u00fcnen Milieu weit verbreitete Haltung, der \u00f6sterreichische Kanzler sei ein Schmuddelkind, f\u00fcr unreflektiert und vorurteilsbeladen.\u201c<\/p>\n<p>In den eigenen Reihen selbst angez\u00e4hlt, ein unliebsamer Wegbegleiteter und St\u00f6renfried, der sich dem politischen Mainstream der Gr\u00fcnen in Sachen Fl\u00fcchtlingspolitik verweigert, sieht Palmer in Kurz einen Verb\u00fcndeten. So wertete der gr\u00fcne Oberb\u00fcrgermeister die Wahlen in \u00d6sterreich und den Sieg der Konservativen als ein klares Votum gegen die Politik der unbegrenzten Zuwanderung.<\/p>\n<h6>Neuer Vorsto\u00df \u2013 Kopftuchverbot f\u00fcr Kinder<\/h6>\n<p>In Sachen Zuwanderung, Integration, Parallelgesellschaften und Kopftuchverbot bleibt Kurz, der charismatische Politiker aus dem Wiener Arbeitermilieu Meidling, auf eisernem Kurs. Diesmal im Kanzlervisier das Kopftuchverbot f\u00fcr Kinder, denn dies sei \u201eein zunehmendes Ph\u00e4nomen\u201c. \u201eWir hatten das vor einigen Jahrzehnten in \u00d6sterreich nicht.\u201c Seit einem halben Jahr herrscht in \u00d6sterreich \u2013 anders als in Deutschland \u2013 ein generelles Gesichtsverh\u00fcllungsverbot mit Bu\u00dfgeld. Doch das reicht Wien noch nicht. Die neue Bundesregierung \u00d6sterreichs plant nun ein Kopftuchverbot in Kinderg\u00e4rten und Grundschulen. \u201eEine Verschleierung von Kleinkindern ist definitiv nichts, was in unserem Land Platz haben sollte\u201c, so Kurz. \u201eDazu geh\u00f6rt auch, dass es zu keiner Diskriminierung in jungen Jahren\u201c kommen soll. Chancengleichheit gilt f\u00fcr den liberal-konservativen Politiker wie einst f\u00fcr John Rawls\u2019 \u201eSchleier des Nichtwissens\u201c als Grundpfeiler einer offenen Gesellschaft. Die Verschleierung im Jugendalter kultiviere hingegen das blanke Gegenteil, f\u00f6rdere Isolation und Parallelgesellschaften, die die Integration auf breiter Front zum Scheitern verurteilen.<\/p>\n<p>Flankendeckung erh\u00e4lt Kurz vom Koalitionspartner und FP\u00d6-Chef Chef Heinz-Christian Strache, der \u201eFehlentwicklungen beim politischen Islam entgegentreten\u201c will. Auch Altbundeskanzler und SP\u00d6-Chef Christian Kern signalisiert Bereitschaft. \u201eGrunds\u00e4tzlich bin ich der Meinung, dass das Kopftuch bei kleinen Kindern im Kindergarten und in der Volksschule nichts verloren hat\u201c.<\/p>\n<p>In Deutschland votierte die AfD im Februar gegen eine Vollverschleierung und bereits 2017 hatte der ehemalige CSU-Generalsekret\u00e4r Andreas Scheuer gefordert sich an \u00d6sterreich ein Vorbild zu nehmen. \u201eWir geben unsere Identit\u00e4t nicht auf, sondern sind bereit, daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen. Die Burka geh\u00f6rt nicht zu Deutschland\u201c hie\u00df es damals aus <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13326-dobrindt-wir-brauchen-eine-neue-buergerlichkeit\">Bayern<\/a>. Der Shitstorm war gewaltig<\/p>\n<h6>Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes fordert Burka-Verbot<\/h6>\n<p>Aber nicht nur \u00d6sterreich, die AfD und Andreas Scheuer haben vom Schleier und Vollverschleierung gr\u00fcndlich die Nase voll, auch die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes (TDF) will in einem aktuellen Positionspapier den Gesichtsschleier aus dem \u00f6ffentlichen Raum verbannen und betont, dass das Verbot der Vollverschleierung nichts mit Islamfeindlichkeit zu tun habe. \u201eOhne ein Verbot\u201c, so die Bef\u00fcrchtungen, \u201ewird es in Deutschland bald sehr viel mehr Vollverschleierung geben.\u201c Zwar grenzt sich das TDF-Vorstandsmitglied Hania Luczak radikal vom r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Frauenbild der \u201eAlternative f\u00fcr Deutschland\u201c ab, aber auch sie begreift den Schleier als Barriere und will nicht das Deutschland in einer repressiven Vollverschleierungskultur wie Algerien versinkt. Religionsfreiheit sei, so das Argument, ein hohes Gut, und damit dieses nicht zur leeren Worth\u00fclse verkomme, d\u00fcrfen keine \u201emenschenverachtenden und antidemokratischen Gesinnungen T\u00fcr und Tor\u201c ge\u00f6ffnet werden, denn weder im Koran noch durch den Propheten Mohammed werden Vorschriften zur Verh\u00fcllung des weiblichen Geschlechts restriktiv eingefordert. Der Protest der Aktivistinnen richtet sich generell gegen Diskriminierung, da wird die katholische Kirche nicht ausgeschlossen. Aber auch gegen den linksintellektuellen Mainstream wettern die Aktivistinnen, der ja bekanntlich beim kritischen Hinterfragen von Praktiken wie Fr\u00fchehe oder Vollverschleierung sofort die Rassismus- und Ideologiekeule heraushole und Kritik fl\u00e4chendeckend in die Ecke der Islamophobie und des Neokolonialismus verbannt.<\/p>\n<h6>Gemeinsame Erkl\u00e4rung 2018<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend Deutschland \u00fcber die Vollverschleierung weiter nachdenkt, ist Bundeskanzler Kurz schon wieder einen Schritt voraus. Doch in Deutschland regt sich die geistige Opposition und geht auf Konfrontationskurs und Distanz zur Kanzlerin. Die \u201eGemeinsame Erkl\u00e4rung 2018\u201c, initiiert von Vera Lengsfeld, unterschrieben von Intellektuellen wie Uwe Tellkamp, verzeichnet mittlerweile \u00fcber 100.000 Unterschriften, t\u00e4glich werden es mehr. Es wird nicht nur gegen die illegale Masseneinwanderung protestiert, gegen die Pathologisierung Andersdenkender, sondern gegen einen Staat, der die Interessen, \u00c4ngste und <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13790-der-tod-des-osterhasen-kommt-leise\">differenzierten Meinungen seiner B\u00fcrger nicht achtet, zumindest nicht ernst nimmt<\/a>. Dieser Mut, gegen den Mainstream zu schwimmen, ist beachtenswert \u2013 Sebastian Kurz h\u00e4tte seine Freude und Genugtuung daran.<\/p>\n<h1>Ohne Emotionalit\u00e4t geht im Unternehmen nichts<\/h1>\n<p>Walter Kohl ist Unternehmer, Buchautor und Speaker. Auf dem 12. Oberbayerischen Wissensforum von Speakers Exzellenz in Rosenheim trafen wir ihn zum Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/walter-kohl\/13763-interview-mit-walter-kohl\">Speakers Excellence<\/a><\/p>\n<p><em>Sie beginnen ihre Vortr\u00e4ge oft mit Lieblingszitaten. Welche sind das?<\/em><\/p>\n<p>Das Erste stammt von Alfred Herrhausen. \u201eOhne Wirtschaftlichkeit schaffen wir es nicht, ohne Menschlichkeit ertragen wir es nicht\u201c. Es fordert uns auf, eine gesunde Balance anzustreben. Das zweite Zitat ist von Napoleon \u201eEs gibt keine schlechten Soldaten Marschall, es gibt nur schlechte Offiziere\u201c. Genauso ist es in Unternehmen. Probleme liegen meist auf der F\u00fchrungsebene und dort m\u00fcssen L\u00f6sungen gefunden werden.<\/p>\n<p><em>Sie machen Unternehmercoaching, was haben wir darunter zu verstehen?<\/em><\/p>\n<p>Ich coache die drei Kernpunkte eines Unternehmerlebens gesamtheitlich: den Unternehmer als Pers\u00f6nlichkeit, das Unternehmen und die Unternehmerfamilie. In Bezug auf das Unternehmen sind dies Themen wie Kundennutzen, Strategie, Wettbewerbsf\u00e4higkeit, Prozesse, Unternehmenskultur, Kommunikation, Schnittstellenmanagement, kaufm\u00e4nnische Steuerung, Entscheidungswege etc. Also Themen, die sich in allen Branchen wiederfinden. Ein zweiter Kernpunkt ist der Unternehmer selbst als Pers\u00f6nlichkeit mit all seinen Herausforderungen, aber auch Einsamkeiten. Der dritte Kernpunkt ist die Unternehmerfamilie. Das Unternehmen sitzt immer mit am Tisch, liegt abends mit im Bett. Die Familie muss Wege finden, mit der Wucht und den Anspr\u00fcchen des Unternehmens umzugehen.<\/p>\n<p><em>Was verstehen Sie unter einer guten Unternehmensf\u00fchrung. Dieser gilt als Schl\u00fcssel f\u00fcr den Erfolg!<\/em><\/p>\n<p>Gute Unternehmensf\u00fchrung m\u00fcndet in Erfolg, den ich als andauernde Wiederholungsauftr\u00e4ge verstehe. Die Kunden kommen wieder und empfehlen dich weiter. Dadurch haben der Unternehmer und das Unternehmen bewiesen, dass Preise, Qualit\u00e4t und Termintreue stimmen und dass sie wettbewerbsf\u00e4hig sind.<\/p>\n<p><em>Welche Rolle spielt die Vernunft, welche die Emotion?<\/em><\/p>\n<p>Beide sind wichtig, auf die Dosierung kommt es an. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut. Die Lehrmeinung der Betriebswirtschaft, das Menschen rational handeln, teile ich nicht. Ich bin der Meinung, dass Menschen oft emotional agieren, gerade auch wenn sie technische Berufe aus\u00fcben. Ich glaube, an unserem Handeln betr\u00e4gt der Anteil an der Emotionalit\u00e4t 95%, der an der Vernunft 5 % und diese Verteilung sollten gerade Unternehmer, die oft sehr personenbezogen agieren, ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p><em>Wie gelingt Kommunikation?<\/em><\/p>\n<p>Kommunikation beruht auf Vertrauen und Glaubw\u00fcrdigkeit, sonst ist sie zum Scheitern verurteilt. Sie kann durch Klarheit in der Ansprache, in der Wertewahl, der Zielrichtung und Aktionsorientierung und letztendlich in den gemeinsam kommunizierten Erwartungen gelingen. Wird klar und pr\u00e4zise strukturiert, ist bereits viel gewonnen.<\/p>\n<p><em>Was bedeutet f\u00fcr Sie Erfolg sowohl als Person als auch als erfolgreicher Unternehmer?<\/em><\/p>\n<p>Ein Erfolgsma\u00dfstab f\u00fcr Unternehmen ist die F\u00e4higkeit oder M\u00f6glichkeit, es kurzfristig gewinnbringend verkaufen zu k\u00f6nnen. Das zeigt: die Hausaufgaben sind gemacht, das Unternehmen ist wettbewerbsf\u00e4hig und es verf\u00fcgt \u00fcber eine Zukunftsperspektive. Als Mensch sollte man die Klarheit haben, was wichtig im Leben ist. Die Trennung von Wichtigem und Dringendem ist eine st\u00e4ndige Herausforderung f\u00fcr Unternehmer. Und schlie\u00dflich die Frage: Was soll von dir \u00fcbrig bleiben, was soll auf deinem Grabstein stehen? F\u00fcr mich w\u00fcnsche ich mir, das dort steht \u201eEin Freund\u201c. Dies bedeutet, dass ich etwas f\u00fcr Freundschaft und Frieden getan habe, dass ich Menschen helfen konnte, ihren Frieden zu finden, dass ich einen Beitrag zur Sinnhaftigkeit leisten konnte.<\/p>\n<p><em>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch<\/em><\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Endlich schaffen wir unsere eigene kulturelle Identit\u00e4t ab<\/h1>\n<p>Die Sprache ist ein feines Gef\u00e4\u00df, Gradmesser und Kulturgut zugleich. Doch traditionelle Begriffe werden wie der Osterhase abgeschafft und landen im M\u00fcll von Sprachideologen, die Deutschland zunehmend aus der christlichen Identit\u00e4t zu befreien suchen. Das ist nicht nur traurig, sondern zeigt \u2013 der Kulturkampf ist schon angebrochen \u2013 das Christliche auf dem R\u00fcckzug.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13790-der-tod-des-osterhasen-kommt-leise\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>Wer einen Blick auf seine Ostereink\u00e4ufe wirft, macht einen schrecklichen Fund. Der Osterhase ist rein nominell aus der sch\u00f6nen, bunten Einkaufswelt verschwunden, kl\u00e4rglich ersetzt durch den \u201eTraditionshasen\u201c oder \u201eSchokohasen\u201c. Im Namen der kollektiven Sprachreinigung ist das \u201eOster\u201c, in Zeiten von Leitkultur- und Islamdebatte gel\u00f6scht. Der gro\u00dfe Philosoph des Anti-Christlichen, Friedrich Nietzsche, h\u00e4tte seine grelle Freude an der neuen Ideologie christlicher Sprachverbote. Das Christentum, f\u00fcr Nietzsche eine Moral der Schwachen, eine Sklavenmoral, die dem Willen zur Macht weichen m\u00fcsste, um den Herrenmenschen zu inthronisieren, befindet sich endlich auf dem R\u00fcckzug. Nietzsches Gott-ist-tot-Ideologie hat jetzt auch den Osterhasen hingerafft. Und tats\u00e4chlich, wir tun alles daran, unsere abendl\u00e4ndischen Wurzeln zu verleugnen und zu s\u00e4kularisieren. Zuerst werden die Namen getilgt, dann die religi\u00f6s gepr\u00e4gten Feste und Feiertage. Die Angst vor der kulturellen Identit\u00e4t kennt keine Gnade. Getreu dem Motto \u2013 lieber sich selbst vernichten, als sp\u00e4ter vernichtet werden. Eine Zukunft ohne Herkunft ist das neue Ideal der Sprachbereiniger und Verwirrer. Auf diese Art und Weise wird das kulturelle Erbe entkleidet, seines subjektiven Kerns beraubt, in eine sprachliche Austauschbarkeit geschraubt und dem kollektiven Vergessen an die Hand gereicht. Derartige sprachliche Modifikationen der Unkenntlichkeit, der Unkenntlichmachung, bed\u00fcrfen \u00fcberhaupt nicht anderer Religionen, um sich selbst als Kulturnation \u2013 samt Sprache \u2013 abzuschaffen.<\/p>\n<h6>Wer seine Tradition verleugnet, gibt seine Identit\u00e4t auf \u2013 DDR 2.0<\/h6>\n<p>Wer seine Tradition verleugnet, gibt seine Identit\u00e4t auf. Deutschland ist hier auf dem besten Wege, denn das Zauberwort der Stunde hei\u00dft bekanntlich Diversity. Die christliche gepr\u00e4gte Bundesrepublik, die den Gottesbezug ausdr\u00fccklich in der Pr\u00e4ambel verankert hat, wird langsam zu einer DDR 2.0. Dort wurde alles, was nur indirekt Zeugnis christlichen Ursprungs war den Sprachaufr\u00e4umern, den Kulturvernichtern zum Kampfbegriff. Die Entchristlichung war Parteiprogramm und Ideologie in einem, Vernichtung all dessen, was nicht dem Klangzauber sozialistischer Parolen entsprang. Das Christliche war das B\u00fcrgerliche schlechthin und der Abgesang auf dasselbe gebar erst den neuen Menschen, der den alten Mythos wie einen leblosen Sack von sich warf, das Brauchtum aus fernen Vorzeiten wie eine B\u00fcrde in den Orkus der Geschichte warf. Wie radikal und rigoros die DDR ihre sozialistische B\u00fcrokratie erschuf, zeigte sich immer wieder an Neusch\u00f6pfungen von Begrifflichkeiten. Die \u201eJahresendfl\u00fcgelfigur\u201c wurde zur traurigen Legende und Gewissheit, nahm Weihnachten jeden Glanz, jedes Geheimnis. Die Angst vor dem Christentum und seiner revolution\u00e4ren Kraft galt als Schreckensvision, nur der Gedanke daran war schon ver\u00e4chtlich und kategorisch daher aus dem Sprachged\u00e4chtnis und Alltag zu tilgen.<\/p>\n<h6>Vom christlichen Ursprung des Osterhasen<\/h6>\n<p>Nun handelt es sich beim Osterhasenbrauch, so s\u00e4kularisiert er auch in der Kauf- und Marktwelt kommerzialisiert wird, um ein christliches Symbol und um eine jahrhundertealte Tradition. Bereits in der Antike galt er als Inbegriff von Fruchtbarkeit, sch\u00f6pferischer Lebenskraft, als Gl\u00fccksbote schlechtin. Sowohl die griechische Liebesg\u00f6ttin Aphrodite als auch die Gottesmutter Maria wurden in der Kunst mit einem Hasen dargestellt. In der Ikonografie der Ostkirche, explizit, beim Mail\u00e4nder Bischof und Kirchenlehrer Ambrosius (339-397), stand der Hase f\u00fcr den auferstandenen Christus, der im Tod Leben bringt. Das aus fr\u00fchen Zeiten bekannte \u201eDreihasenbild\u201c seinerseits war Zeichen der christlichen Dreieinigkeit, die nach jahrelangen Streitigkeiten zwischen Christen und Arianern, im sogenannten \u201efilioque\u201c-Streit zwischen der Wesens\u00e4hnlichkeit oder Wesensgleichheit der Substanzen oder g\u00f6ttlichen Hypostasen, auf den Konzilen von Konstantinopel beigelegt wurde. Seit dieser Zeit ist der substantielle Bestandteil der g\u00f6ttlichen Dreieinigkeit, die Trinit\u00e4t, das zentrale Glaubensgeheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Sp\u00e4ter, im 17. Jahrhundert, wurde der Osterhase in einer Abhandlung \u201eDe ovis paschalibus \u2013 von Oster-Eyern\u201c des Medizinprofessors Georg Franck von Franckenau erstmals erw\u00e4hnt. Seitdem ist er zum Symbol des schwachen Menschen, geworden, der seine Zuflucht in Christus sucht.<\/p>\n<h6>Rose-M\u00f6hring und das Beinahe-Ende der Nationalhymne<\/h6>\n<p>Ist mit dem nominellen Osterhasenverbot eine s\u00e4kulare Sprachreinigung am Werk, die an den Grundfesten der abendl\u00e4ndischen Kultur leise r\u00fcttelt, sorgte erst j\u00fcngst der Vorsto\u00df der Gleichstellungsbeauftragten des Bundesfamilienministeriums Kristin Rose-M\u00f6hring f\u00fcr Z\u00fcndstoff. Dem ber\u00fchmten Dichter der Deutschen, dem Patrioten der Deutschen Einheit, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, sollte das Fallbeil gelegt, das \u201eLied der Deutschen\u201c gegendert werden. Fallerleben selbst hatte die Repressalien des reaktion\u00e4ren Preu\u00dfens hautnah versp\u00fcrt, verlor Professur und Pension, Flucht und \u00c4chtung inbegriffen. Dass gerade Hoffmannsleben, der K\u00e4mpfer f\u00fcr b\u00fcrgerliche Freiheiten, der mit seiner Kritik an der Kleinstaaterei, der F\u00fcrstenwillk\u00fcr, der Allmacht von Polizei und Milit\u00e4r und seinem Veto f\u00fcr die Pressefreiheit zum Freiheitshelden einer ganzen Generation wurde, ausgerechnet einer Sprachkorrektur einer freiheitlichen Demokratie zum Opfer werden k\u00f6nnte, h\u00e4tte sich der Verfasser der \u201eUnpolitischen Lieder\u201c selbst in seinen schrecklichsten Tr\u00e4umen nicht zu denken gewagt.<\/p>\n<p>Die irrsinnige Idee und aberwitzige Attacke der SPD-Politikerin kam punktgenau zum Frauentag auf das Tableau der politisch \u00dcberkorrekten. Nach kanadischem und \u00f6sterreichischem Vorbild (ausgerechnet \u00d6sterreich) sollte das \u201eLied der Deutschen\u201c geschlechtsneutral umgedichtet werden. Rose-M\u00f6hring gefielen die Zeilen von Fallersleben einfach nicht. Zu Macho, zu national, zu Deutsch. Deswegen sollten auch gleich Begriffe wie Vaterland durch Heimatland ersetzt und die Zeile \u201ebr\u00fcderlich mit Herz und Hand\u201c in \u201ecouragiert mit Herz und Hand\u201c umbenannt werden.<\/p>\n<p>Selbst die Frauenzeitung \u201eBrigitte\u201c konnte dem Vorschlag aus Berlin nichts abgewinnen. Kritik kam, Gott sei Dank, nicht nur aus den Reihen der Union. Julia Kl\u00f6ckner, Annegret Kramp-Karrenbauer, die Kanzlerin und Bundespr\u00e4sident Steinmeier hatten sich gegen eine geschlechtsneutrale Neuformulierung der Nationalhymne ausgesprochen. \u201eMir fielen andere Themen ein, die wichtiger f\u00fcr Frauen w\u00e4ren als die Nationalhymne zu \u00e4ndern\u201c, twitterte Kl\u00f6ckner damals.<\/p>\n<p>Die Kirche schweigt noch zum Ausverkauf des Osterhasen als Auslaufmodell und predigt hingegen die Vers\u00f6hnung mit dem Islam. Vielleicht hat sie zu Ostern etwas Besseres vor, als ihre Tradition zu pflegen und zu bewahren. Es kann aber auch viel banaler sein, da Kirchenf\u00fcrsten und Geistliche offiziell keine Kinder haben und daher auch keine Osterhasen kaufen, oder weil vielleicht viele Politiker eine bosnisch-serbische Zugehhilfe besch\u00e4ftigen, die den qualitativen Unterschied auf der Osterhasen-Schokoladen bzw. Traditionshasenquittung in den deutschen Filialen, bei Karstadt &amp; Co, gar nicht registriert oder als marginal abtut.<\/p>\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass der Osterhase im Sprachvernichtungsspiel bessere Karten hat als Hoffmann von Fallersleben. Bislang wird sie ihm verweigert. Das ist nicht nur schade f\u00fcr unsere Tradition und unsere Kinder.<\/p>\n<h1>Das konservative Manifest der Moderne<\/h1>\n<p>Wer heutzutage sich als Konservativer bekennt, wird schnell in die rechte Ecke abgeschoben wie der Fall von Uwe Tellkamp zeigt. Doch der wahre Konservative ist liberal, achtet traditionelle Werte und streitet gegen den Nationalismus. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Wolfram Weimers neues Manifest.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13786-fuer-eine-neue-buergerlichkeit\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<p>Die abendl\u00e4ndische Kultur ist auch eine Geschichte von Manifesten. Sei es in der Literatur oder in der Politik. Keines aber war weltver\u00e4ndernder als Marx\u2019 und Engels \u201eManifest der Kommunistischen Partei\u201c. Mit ihm schlug die Geburtsstunde des global fundierten Sozialismus als Sozialexperiment der Extraklasse \u2013 doch seine Engstirnigkeit kostete Millionen das Leben. W\u00e4hrend im Reich der Mitte und in Nordkorea die alten Z\u00f6pfe aus vergangen Tagen noch zelebriert werden und f\u00fcr Massenverelendung und Zwangskollektivierung stehen, zeigt sich im Europa nach der Aufkl\u00e4rung und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein anderes Bild. Der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Marsch durch die Institutionen, der vor 50 Jahren seinen Siegeszug feierte, ist in die Jahre gekommen. Linke Ideologien haben an Wert verloren, zu tief sitzen die Wunden der sozialistischen Experimente, der inkludierten Beton-Ideologie, der Vergesellschaftung des Individuums und der Zwangskollektivierung. Selbst die Links-Ausrichtung der CDU unter der Merkel-\u00c4ra st\u00f6\u00dft zunehmend auf Ablehnung. Das temperierte Wohlf\u00fchlklima des Mitte-Kurses, der Wertverfall, der Kulturpessimismus, die Laissez-faire-Politik in der Migrationsfrage und die s\u00e4kulare Verlagerung des Religi\u00f6sen in den Bannkreis der reinen Vernunft bewirkt keinen Zauber mehr und hat jedwede Strahlkraft verloren.<\/p>\n<h6>Die neue Sehnsucht nach den alten Werten<\/h6>\n<p>Anstelle von Multi-Kulti, tugendloser Freiz\u00fcgigkeit, antiautorit\u00e4rer Gesinnung und Gender-Irrsinn ist hingegen das Konservative auf dem Vormarsch, aber eben nicht als antiliberales, antidemokratisches und antiegalit\u00e4res, sondern als \u201ekonservative Revolution\u201c im Sinne von Hugo von Hofmannsthal. Der Literat tr\u00e4umte bereits 1927 in seiner Rede \u201eDas Schrifttum als geistiger Raum der Nation\u201c von einem Transformationsprozess, der die ganze Gesellschaft umgreift, mit dem Ziel, \u201eeine neue deutsche Wirklichkeit\u201d zu schaffen, an der die ganze Nation teilnehmen k\u00f6nne.\u201c Schon damals beklagte Hofmannsthal, dass die \u201eproduktiven Geisteskr\u00e4fte\u201c in Deutschland zerrissen sind, der Begriff der geistigen Tradition kaum anerkannt sei. Und Thomas Mann betonte, bevor er sich von der \u201ekonservativen Revolution\u201c verabschiedete, weil er darin das Aufflammen des Nationalsozialismus sah: \u201eDenn Konservatismus braucht nur Geist zu haben, um revolution\u00e4rer zu sein als irgendwelche positivistisch liberalistische Aufkl\u00e4rung, und Nietzsche selbst war von Anbeginn, schon in den \u201aUnzeitgem\u00e4\u00dfen Betrachtungen\u2018, nichts anderes als konservative Revolution.\u201c<\/p>\n<h6>Was bedeutet konservativ?<\/h6>\n<p>Konservativ ist diese Revolution, weil sie die Moderne als krisenhaft empfindet und eine gesellschaftliche Modernisierung aus dem Geist der abendl\u00e4ndischen Geistestradition sucht, nicht um die Moderne zu destruieren, sondern um diese mit alten Tugenden und Werten neu zu beleben. \u201eZukunft braucht Herkunft&#8220; hatte Odo Marquard in einem ber\u00fchmten Essay einst geschrieben. Und bereits im Jahr 1932 charakterisierte Edgar Julius Jung die konservative Revolution als die \u201eWiedereinsetzung aller jener elementaren Gesetze und Werte, ohne welche der Mensch den Zusammenhang mit der Natur und mit Gott verliert und keine wahre Ordnung aufbauen kann. An Stelle der Gleichheit tritt die innere Wertigkeit, an Stelle der sozialen Gesinnung der gerechte Einbau in die gestufte Gesellschaft.\u201c Dass die konservative Revolution nicht nur bewahren will, sondern konstruktiv und konstitutiv f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung der Gesellschaft wirbt und anstatt nur auf Tradiertem vielmehr auf neue \u201elebendige Werte\u201c setzt, hatte Arthur Moeller van den Bruck herausgearbeitet. \u201eDer konservative Mensch [\u2026] sucht heute wieder die Stelle, die Anfang ist. Er ist jetzt notwendiger Erhalter und Emp\u00f6rer zugleich. Er wirft die Frage auf: was ist erhaltenswert?\u201c Aber dieses zu Erhaltende ist nach Moeller van den Bruck erst noch zu schaffen, denn konservativ sei, \u201eDinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt.\u201c<\/p>\n<h6>Die neue B\u00fcrgerlichkeit<\/h6>\n<p>Dass der Geist des Konservativen keineswegs eine unzeitgem\u00e4\u00dfe Betrachtung ist, zeigte ein Gastbeitrag von Alexander Dobrindt Anfang 2018. Dort bediente sich der CSU-Fraktionschef des Begriffes \u201ekonservative Revolution\u201c und forderte die St\u00e4rkung einer neuen B\u00fcrgerlichkeit. Obwohl es \u201ekeine linke Republik und keine linke Mehrheit in Deutschland\u201c mehr gebe, so kritisierte er, beherrschten die linken 68er immer noch die Debatte. Auf einen maroden Linksruck, \u201eauf die linke Revolution der Eliten\u201c, m\u00fcsse nunmehr eine \u201ekonservative Revolution der B\u00fcrger\u201c folgen.<\/p>\n<h6>Das konservative Manifest<\/h6>\n<p>So sieht es nicht nur Dobrindt, so sehen es viele, die ersch\u00f6pft vom linken Kulturkampf sind \u2013 auch der Publizist Wolfram Weimer, der p\u00fcnktlich zum 50. Jahrestag der 68erBewegung sein konservatives Maifest vorgelegt hat, ein Gegenprogramm zum vorherrschenden Mainstream wie ihn deutsche Medien und die gr\u00fcne Zeitgeistkultur zelebrieren. Weimers Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Konservativsein will weder den Geist des Antiliberalen, Reaktion\u00e4ren, des Ressentiments, des Nationalen samt seiner grauenhaften Maske aus Nationalismus und Antisemitismus wieder aufatmen lassen oder gar beschw\u00f6ren, sondern mittels Zehn Geboten, daran erinnern, was eigentlich wertkonservativ ist. Sein Manifest f\u00fcr eine neue B\u00fcrgerlichkeit ist dabei ein Kompendium \u201egegen linke und rechte Ideologien\u201d, eine Provokation f\u00fcr Linke und Rechtspopulisten gleicherma\u00dfen, denn sein Konservativer ist in seinem ur-eigensten Wesen ein liberaler Geist, einer, der die Aufkl\u00e4rung eingeatmet und verinnerlicht hat, einer der bewahrt und doch erneuert, ein Patriot der heimatlichen Scholle, der \u201esich seinem Vaterland verbunden\u201c f\u00fchlt, \u201eohne es zu glorifizieren und ohne andere Nationen herabzusetzen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKeine Zukunft ohne Herkunft\u201c ist die Maxime, die sich Weimer auf die Fahnen schreibt. Und er setzt dabei immer wieder auf den alten Tugendkanon, auf die geistige Renaissance von antiker Philosophie, r\u00f6mischem Rechtsglauben und christlicher Wehr- und Werthaftigkeit, auf die vorpolitischen Grundlagen des s\u00e4kularisierten Rechtsstaates also. Weimer erneuert und befeuert so die Quellen der abendl\u00e4ndischen Zivilisation, wie sie ihre Bl\u00fcte in Jerusalem, Athen und Rom entfaltete, in der Gottesebenbildlichkeit und der unver\u00e4u\u00dferlichen Menschenw\u00fcrde als dem A und O des Politischen und Ethischen haben. Und aus dem Geist des Christentums erwachsen, ist Weimer dabei ein energischer Streiter gegen jedweden Utilitarismus, der den Menschen auf seine blo\u00dfe Materialit\u00e4t verk\u00fcrzt und ihm dadurch die Ressource Sinn als Existential abspricht.<\/p>\n<h6>Wir brauchen wieder mehr Sinn und Religion<\/h6>\n<p>Mit wachem Auge sieht der Publizist und Verleger, das in einer Welt globaler Raserei Entschleunigungskr\u00e4fte freigesetzt werden, die es wieder erlauben und erneut nach dem Sinn von Sein zu fragen, nach der Eigentlichkeit, die dem Menschen so wesensm\u00e4\u00dfig ist, und die zu vergessen, ihn auf einen puren Materialismus reduzieren w\u00fcrde. Aber genau gegen diesen gilt es zu streiten, um eine neue Sinnf\u00fclle aufzurichten, die existentielle Kategorien wie Identit\u00e4t, Geborgenheit und neoreligi\u00f6se Sehnsucht wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit r\u00fccken. Wird das Comeback zu den alten Werten nicht gelingen, so der kritische Befund, bleibt nur der \u201eletzte Mensch\u201c Nietzsches \u00fcbrig. Und siegt letztendlich das Anti-Religi\u00f6se, erobert sich das S\u00e4kulare Himmel und Erde weiter, dann hilft nur eine Renaissance des Religi\u00f6sen. Diese, so Weimer, ist das \u201eEreignis\u201c, das Nietzsches \u201eGott-ist-tot-Ideologie entgegentritt und uns lehrt, \u201edass das Antignostische nicht das Ende der Geschichte ist\u201c. In Zeiten des Anything Goes ist die \u201eS\u00e4kularisierung keine Verhei\u00dfung mehr, sondern ein Risiko\u201c und eine kulturelle Erneuerung geht mit der Renaissance des Religi\u00f6sen Hand in Hand. Die christliche Religion ist die \u201eWirkungsgrundlage\u201c der freiheitlichen Demokratie, ihr kritisches Korrektiv zugleich, eine Gegenmacht, die Ideologien zu Fall bringt. Und darum gilt es aus ihren Wassern neue Kraft und neuen Sinn zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<h6>Der neue W\u00e4chterstaat<\/h6>\n<p>Platon tr\u00e4umte einst vom W\u00e4chterstaat, der bevormundet und reguliert. Aber anders als Platon rebelliert Weimer ganz energisch dagegen. Linkes Gutmenschentum, eine Bevormundungspolitik, die blo\u00df formal reguliert und mit dem moralischen Zeigefinger agiert, lehnt er ab und kritisiert, dass eine \u201eTugendrepublik\u201c mit der Absicht heraufd\u00e4mmert, \u201edas Land in eine gigantische Besserungsanstalt zu verwandeln.\u201c In diesem modernen Paternalismus, im Bemutterungskomplex sieht der Publizist dann auch eine destruktive Kraft am Werk, die nicht nur das Individuum, sondern auch die Freiheit als Ganze besch\u00e4digt. Denn diese Freiheit ist es ja, die es zu retten gilt. Dies umso mehr in Zeiten, wo sich das zivilisierte Europa im Abschwung findet, wo der kulturell-tradierte Erosionproze\u00df sp\u00fcrbar und die Selbstaufgabe Europas traurige Gewissheit ist. Europa, so Weimer, leidet an einer \u201eNiedergangsklerose\u201c und misstraut sich selbst, \u201eja es hasst seine Geschichte\u201c. \u201eUnd so ist die kulturelle Gegenwart des Westens von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gepr\u00e4gt \u2013 einerseits st\u00fcrmt der Westen technologisch und wissenschaftlich immer weiter voran in die Moderne. Andererseits werden die Bremsreflexe der Retro-Bewahrung immer sp\u00fcrbarer \u2013 vom gr\u00fcnen Nachhaltigkeitsbewegungen bis zum Neo-Nationalismus.\u201c Der Konservative hingegen ist kein \u201eModernisierungsver\u00e4chter und Maschinenst\u00fcrmer, er kultiviert vielmehr auch Retardierungsmomente, die in einer Kultur des Bewahrens m\u00fcnden. \u201eEr ist in der Dialektik des Abendlandes ge\u00fcbt und sucht daher die urspr\u00fcngliche Bande seiner Herkunft, er pflegt die Identit\u00e4t seines Kulturkreises, verteidigt Europa und ist gerade darum ein bekennender Neugieriger des Fortschritts.\u201c<\/p>\n<p>Weimer, der bekennende liberal-konservative Denker wird so zum Mahner und seine Zehn Gebote zur Pflichtlekt\u00fcre. Intellektuell und feinf\u00fchlig nimmt der Publizist seine Leser durch die Zeitgeistgeschichte behutsam auf den Weg, vermittelt viel Philosophisches getreu dem Motto der neuen B\u00fcrgerlichkeit. \u201eKonservativ ist nicht ein H\u00e4ngen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.\u201d So pl\u00e4diert Weimer mit seinem konservativen Manifest nicht f\u00fcr eine konservative Gesellschaft der Zur\u00fcckgewandten und Ewig-Gestrigen, sondern f\u00fcr eine radikale Erneuerung der Gesellschaft. Sein Buch ist damit h\u00f6chstmodern und grenzt sich radikal vom alten reaktion\u00e4ren Konservativen wohltuend ab. Es ist eine Schrift gegen den Zeitgeist und geboren aus dem Geist einer gediegenen Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<h1>Nicht jeder Sozialist ist hirnlos<\/h1>\n<p>Viele Menschen, die den Sozialismus erlebt haben, trauern ihm nach. In Ostdeutschland sagen laut Umfragen immer noch die meisten Menschen: \u201eDer Sozialismus ist eine gute Idee, die nur schlecht ausgef\u00fchrt wurde\u201c. \u00dcbrigens sagten dies in den 50er-Jahren \u2013 das zeigen Meinungsumfragen \u2013 auch viele Menschen in der Bundesrepublik \u00fcber den Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/rainer-zitelmann\/13662-interview-mit-rainer-zitelmann--3\">Rainer Zitelmann<\/a><\/p>\n<p><em>\u201cWer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 30 Jahren noch ist, hat kein Hirn.\u201d Woran liegt das?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich habe den Spruch schon oft geh\u00f6rt und sogar selbst schon mal zitiert. Aber wenn man mal einen Moment dar\u00fcber nachdenkt, ist das doch ein gro\u00dfer Unsinn: Erstens gibt es viele junge Menschen, die nicht Sozialisten sind und dennoch ein gro\u00dfes Herz haben. Zweitens wei\u00df ich nicht, warum es ein Zeichen f\u00fcr ein gro\u00dfes Herz sein soll, wenn man einer Ideologie anh\u00e4ngt, in deren Namen im 20. Jahrhundert etwa 100 Millionen Menschen umgekommen sind. Und drittens bin ich ein toleranter Mensch und lehne zwar heute sozialistisches Denken jedweder Art strikt ab, w\u00fcrde jedoch trotzdem nicht jeden Sozialisten als hirnlos beschimpfen. Leider sch\u00fctzt auch Intelligenz nicht vor sozialistischem Denken.<\/p>\n<p><em>Warum sind junge Menschen, die den Sozialismus nicht erlebt haben, so sozialismusaffin?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Auch viele Menschen, die den Sozialismus erlebt haben, trauern ihm nach. In Ostdeutschland sagen laut Umfragen immer noch die meisten Menschen: \u201eDer Sozialismus ist eine gute Idee, die nur schlecht ausgef\u00fchrt wurde\u201c. \u00dcbrigens sagten dies in den 50er-Jahren \u2013 das zeigen Meinungsumfragen \u2013 auch viele Menschen in der Bundesrepublik \u00fcber den Nationalsozialismus. Das Argument, dass der Sozialismus gescheitert ist und viel Leid \u00fcber die Menschen gebracht hat, z\u00e4hlt f\u00fcr dessen Anh\u00e4nger nicht. Sie entgegnen regelm\u00e4\u00dfig, dies sei ja nicht der \u201erichtige\u201c und \u201ewahre\u201c Sozialismus gewesen. Was ich nicht verstehen kann: Der Sozialismus wurde doch in so vielen Varianten ausprobiert \u2013 eben gerade scheitert der \u201eSozialismus im 21. Jahrhundert\u201c nach dem Rezept eines Hugo Ch\u00e1vez in Venezuela kl\u00e4glich. In meinem Buch zeige ich das ausf\u00fchrlich, und zitiere Leute wie Sahra Wagenknecht und f\u00fchrende amerikanische Linksintellektuelle, die Ch\u00e1vezs Wirtschaftspolitik als vorbildliches Modell priesen. Venezuela ist ja nur das aktuellste Beispiel. Ausnahmslos alle sozialistischen Experimente sind in der Geschichte gescheitert: In Russland hat man es anders versucht als in Maos China, in Kuba anders als in Jugoslawien, in der DDR anders als in Nordkorea, in Albanien anders als in Rum\u00e4nien. Und dann gab es die vielen Varianten des \u201eafrikanischen Sozialismus\u201c, die das Elend der Menschen auf dem Kontinent nur vergr\u00f6\u00dfert haben. Immer wieder ging es schief. Auch alle Formen des \u201edemokratischen Sozialismus\u201c sind wirtschaftlich kl\u00e4glich gescheitert, wie ich in meinem Buch ausf\u00fchrlich an den Beispielen von Gro\u00dfbritannien (60er- und 70-er Jahre), Schweden (70er- und 80er-Jahre) und Chile (Anfang der 70er-Jahre) zeige. Die Leute, die immer noch ein neues Experiment machen wollen, erinnern mich an die Frau, die schon 15 Mal einen Kuchen gebacken hat, das Rezept immer wieder leicht abwandelte \u2013 aber die G\u00e4ste mussten sich jedes Mal \u00fcbergeben. Irgendwann muss man doch einsehen, dass das Rezept an sich Murks ist, egal wie man es abwandelt.<\/p>\n<p><em>In Ihrem neuen Buch \u201cKapitalismus ist nicht das Problem, sondern die L\u00f6sung\u201d pl\u00e4dieren Sie f\u00fcr mehr Kapitalismus und weniger Sozialismus. Woher kommt die Illusion seiner besseren Gesellschaft?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Der Grundfehler liegt ja darin, dass sich Intellektuelle im Kopf eine ideale Gesellschaft ausdenken und dann die Wirklichkeit daran messen. Da muss die Wirklichkeit immer schlecht abschneiden, weil es Ungerechtigkeit und Unvollkommenheiten gibt, die man sich in den Kopfkonstruktionen der idealen Gesellschaft nat\u00fcrlich einfach so \u201ewegdenken\u201c kann. Das Neue an meinem Buch ist daher, dass ich einen ganz anderen Ansatz verfolge, n\u00e4mlich einen wirtschaftshistorischen. Ich verzichte auf jedwede \u201egrunds\u00e4tzliche\u201c Argumentation und betrachte die Geschichte einfach als ein gro\u00dfes Experimentierfeld, bei dem sich in der Wirklichkeit gezeigt hat, was funktioniert und was nicht. Das hei\u00dft: Ich vergleiche nicht ein Kopfkonstrukt mit der Realit\u00e4t, sondern ich vergleiche Dinge, die man wirklich vergleichen kann, also z.B.: Nord- und S\u00fcdkorea, die Bundesrepublik und die DDR, Venezuela und Chile. Oder auch die Verh\u00e4ltnisse in Maos China und die Auswirkungen der kapitalistischen Reformen, die Deng Xiaoping nach Maos Tod umgesetzt hat. Gerade das Beispiel Chinas ist schlagend, denn dort verhungerten noch Ende der 50er-Jahre 45 Millionen Menschen als Folge des sozialistischen Experimentes des \u201eGro\u00dfen Sprungs nach vorne\u201c. In den letzten Jahrzehnten wurden Staatseinfluss und Planwirtschaft in China zunehmend reduziert, dem Markt wurde mehr Raum gegeben und das Privateigentum an Produktionsmitteln eingef\u00fchrt. Ich beschreibe diesen Prozess sehr ausf\u00fchrlich im ersten Kapitel meines Buches. Das Ergebnis war, dass Hunderte Millionen Chinesen der Armut entronnen und in die Mittelschicht aufgestiegen sind.<\/p>\n<p><em>Sie sprechen \u00fcber Afrika: Alle reden von Entwicklungshilfe, ist das der richtige Weg?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich antworte mal mit Abdoulaye Wade, der 2000 bis 2012 Pr\u00e4sident von Senegal, war: \u201eIch habe noch nie erlebt, dass sich ein Land durch Entwicklungshilfe oder Kredite entwickelt hat. L\u00e4nder, die sich entwickelt haben \u2013 in Europa, in Amerika; oder auch in Japan oder asiatische L\u00e4nder wie Taiwan, Korea und Singapur -, haben alle an den freien Markt geglaubt. Das ist kein Geheimnis. Afrika hat nach der Unabh\u00e4ngigkeit den falschen Weg gew\u00e4hlt.\u201c Dambisa Moyo, die in Sambia geboren wurde, in Harvard studierte und in Oxford promoviert wurde, hat die Entwicklungshilfe der reichen L\u00e4nder noch sch\u00e4rfer kritisiert: In den vergangenen 50 Jahren wurde im Rahmen der Entwicklungshilfe \u00fcber eine Billion Dollar an Hilfsleistungen von den reichen L\u00e4ndern nach Afrika \u00fcberwiesen. Sie fragt: \u201eGeht es den Afrikanern durch die mehr als eine Billion Dollar Entwicklungshilfe, die in den letzten Jahrzehnten gezahlt wurden, tats\u00e4chlich besser?\u201c Ihre Antwort: \u201eNein, im Gegenteil: Den Empf\u00e4ngern der Hilfsleistungen geht es wesentlich schlechter. Entwicklungshilfe hat dazu beigetragen, dass die Armen noch \u00e4rmer wurden und dass sich das Wachstum verlangsamte. Die Vorstellung, Entwicklungshilfe k\u00f6nne systemische Armut mindern und habe dies bereits getan, ist ein Mythos. Millionen Afrikaner sind heute \u00e4rmer \u2013 nicht trotz, sondern aufgrund der Entwicklungshilfe\u201c, so Moyo.<\/p>\n<p>Ich nenne im zweiten Kapitel meines Buches zahlreiche Fakten, die das belegen. William Easterly, Professor f\u00fcr \u00d6konomie und Afrikastudien an der New York University, h\u00e4lt Entwicklungshilfe f\u00fcr weitgehend nutzlos, oft sogar kontraproduktiv. Afrika wird nur dann erfolgreich sein, wenn es sich ein Beispiel an asiatischen L\u00e4ndern nimmt.<\/p>\n<p><em>Vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren, was bleibt von ihm?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Als ich jung war, war ich Marxist. Als Teenager habe ich alle bedeutenden Werke von Marx und Engels regelrecht verschlungen und alles schriftlich zusammengefasst, sogar die drei B\u00e4nde des \u201eKapital\u201c. Damals war ich fasziniert von Marx. Aber anders als viele Intellektuelle halte ich Marx heute nicht f\u00fcr einen gro\u00dfen Denker. Es gibt ja nur zwei M\u00f6glichkeiten, Marx zu beurteilen: Entweder haben ihn s\u00e4mtliche seiner Anh\u00e4nger in den vergangenen 100 Jahren komplett missverstanden. Das steckt im Grunde hinter der These derjenigen, die meinen, bislang seien seine \u201erichtigen\u201c Ideen nirgendwo umgesetzt wurden. Oder aber die Ideen taugen einfach nicht zur Schaffung einer \u201ebesseren Gesellschaft\u201c. Tatsache ist jedenfalls, dass kein einziger Staat, der sich auf Karl Marx berufen hat, das Los der Menschen verbessert hat, sondern dass alle \u2013 und zwar ausnahmslos \u2013 Not und Armut der Menschen vermehrt haben. Es wird viel von Marx gesprochen. Ich empfehle die B\u00fccher von Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises und Milton Friedman. Das waren aus meiner Sicht viel gr\u00f6\u00dfere und bedeutendere Denker als Karl Marx.<\/p>\n<p><em>Ist die Finanzkrise eine Krise des Kapitalismus?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Das ist eine der ganz gro\u00dfen Legenden, mit denen ich im 9. Kapitel meines Buches aufr\u00e4ume. Und wahrscheinlich ist es sogar die gef\u00e4hrlichste Legende. Sie besagt, die Finanzkrise sei ein Ergebnis vom \u201eMarktversagen\u201c und zu viel Deregulierung gewesen. Ich lege ausf\u00fchrlich dar, warum das nicht stimmt. Ich nenne hier nur zwei entscheidende Gr\u00fcnde f\u00fcr die Finanzkrise: Erstens die Politik der Zentralbanken, die massiv in das Wirtschaftsgeschehen eingegriffen haben und eingreifen, statt sich auf ihre eigentliche Aufgabe, also die Bewahrung der Geldwertstabilit\u00e4t, zu beschr\u00e4nken. Ich weise in meinem Buch detailliert nach, wie die Politik der amerikanischen Fed zuerst zur New Economy-Blase und dann \u2013 nach deren Platzen \u2013 zur Hauspreisblase gef\u00fchrt hat. Und derzeit werden weitere Blasen aufgebaut. Eine zweite Ursache der Finanzkrise waren die politischen Vorgaben der US-Regierung, ganz massiv Kredite an \u201eMinderheiten\u201c und bonit\u00e4tsschwache Gruppen auszugeben, die ohne diese politischen Vorgaben niemals Kredite bekommen h\u00e4tten. Ohne diese politischen Vorgaben h\u00e4tte es keine \u201esubprime-Kredite\u201c und damit auch keine Hauspreisblase gegeben.<\/p>\n<p><em>Was macht S\u00fcdkorea richtig und Nordkorea falsch?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich finde, gerade das Beispiel Nord- und S\u00fcdkorea eignet sich sehr gut, um zu zeigen, was der Kapitalismus leistet. Bevor Korea 1948 in einen kapitalistischen S\u00fcden und einen kommunistischen Norden geteilt wurde, war es eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt, vergleichbar mit Afrika s\u00fcdlich der Sahara. Das blieb bis Anfang der 60er-Jahre so. Heute steht das kapitalistische S\u00fcdkorea mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von etwa 28.000 Dollar vor L\u00e4ndern wie Spanien, Russland, Brasilien oder China und ist die achtst\u00e4rkste Exportnation der Welt. Produkte von koreanischen Unternehmen wie Samsung, Hyundai und LG sind weltweit beliebt. Sch\u00e4tzungen f\u00fcr Nordkorea beziffern das Bruttoinlandsprodukt auf 583 Dollar pro Kopf. Immer wieder sterben Tausende Nordkoreaner bei Hungersn\u00f6ten. Deutlicher kann man wohl nicht die \u00dcberlegenheit eines kapitalistischen gegen\u00fcber einem kommunistischen Wirtschaftssystem zeigen.<\/p>\n<p><em>Warum scheitern Ideologien wie der Sozialismus \u2013 oder kommt hier noch das gro\u00dfe Comeback?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich erinnere mich noch, als Anfang der 90er-Jahre unter dem Eindruck des Zusammenbruchs des Sozialismus die These vom \u201eEnde der Utopien\u201c oder gar vom \u201eEnde der Geschichte\u201c vertreten wurde. Ich habe mich schon damals dagegen gewandt. Der Sozialismus kann noch so oft scheitern, es wird immer wieder Menschen geben, die sagen: \u201eProbieren wir es noch einmal\u201c. Von Hugo Chav\u00e9z und seinen Bewunderern im Westen habe ich schon gesprochen. Sogar junge Amerikaner haben heute eine starke Affinit\u00e4t zu antikapitalistischen Ideen. Eine im Jahr 2016 durchgef\u00fchrte Umfrage ergab, dass 45 Prozent der Amerikaner zwischen 16 und 20 f\u00fcr einen Sozialisten stimmen w\u00fcrden und 20 Prozent sogar f\u00fcr einen Kommunisten. Nur 42 Prozent der jungen Amerikaner sprachen sich f\u00fcr eine kapitalistische Wirtschaftsordnung aus (verglichen mit 64 Prozent der Amerikaner \u00fcber 65 Jahren). Erschreckend ist \u00fcbrigens, dass bei der gleichen Umfrage ein Drittel der jungen Amerikaner meinte, unter George W. Bush seien mehr Menschen get\u00f6tet worden als unter Josef W. Stalin. Bei einer Umfrage von Infratest dimap in Deutschland 2014 stimmten 42 Prozent der Deutschen (in Ostdeutschland 59 Prozent) der Antwort zu, der \u201eSozialismus\/Kommunismus ist eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgef\u00fchrt wurde\u201c. Schauen Sie doch mal, was die LINKE, aber auch die Jusos in Deutschland wollen: Sie nennen das demokratischer Sozialismus, also etwas, das schon so oft kl\u00e4glich gescheitert ist.<\/p>\n<p>Die Hauptgefahr geht allerdings derzeit nicht von denen aus, die sich zum Sozialismus bekennen. Die Hauptgefahr sehe ich darin, dass der Staat und die Zentralbanken immer st\u00e4rker regulierend eingreifen und Marktgesetze aushebeln. In Deutschland k\u00f6nnen wir das am Beispiel der Energiewirtschaft gut beobachten. Und in den USA stellt ein Donald Trump derzeit den Freihandel massiv in Frage und setzt auf Protektionismus.<\/p>\n<p><em>Warum m\u00f6gen eigentlich Intellektuelle den Kapitalismus nicht?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Das ausf\u00fchrlichste Kapitel meines Buches behandelt genau diese Frage. Mir pers\u00f6nlich ist dieses Kapitel am wichtigsten. Denn es ist ja erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, dass ein System, das weltweit mehr zur Armutsbek\u00e4mpfung und Wohlstandsmehrung beigetragen hat als jedes andere System, gerade von Intellektuellen so sehr kritisiert und bek\u00e4mpft wird. Die Ursachen daf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig. Intellektuelle haben eine Affinit\u00e4t zu \u201ekonstruierten\u201c Systemen, weil ihre T\u00e4tigkeit ja genau darin besteht, Gedankengeb\u00e4ude zu konstruieren. Der Kapitalismus ist genau das Gegenteil. Er ist eine spontan entstandene Ordnung, \u00e4hnlich wie die Sprachen, die sich ja auch niemand ausgedacht hat. Und dann muss man nat\u00fcrlich einfach sehen, dass hier zwei Eliten \u2013 also die Bildungselite und die \u00f6konomische Elite \u2013 im Wettbewerb stehen. Intellektuelle verstehen nicht, warum ein kleiner Unternehmer, der nicht viele B\u00fccher gelesen und nicht studiert hat, daf\u00fcr aber eine pfiffige Idee hatte, oft wesentlich mehr verdient, ein sch\u00f6neres Haus hat, ein sch\u00f6neres Auto und vielleicht sogar die sch\u00f6nere Frau. F\u00fcr jemanden, nach dessen Vorstellung derjenige oben sein m\u00fcsste, der die meisten B\u00fccher gelesen hat, scheint eine Welt, in der das nicht so ist, wie auf den Kopf gestellt. Er sagt sich wohl: \u201eWenn der Markt dazu f\u00fchrt, dass sogar ein Philosoph weniger verdient als der ungebildete Franchisenehmer von sieben McDonald\u2019s-Restaurants, dann versagt der Markt offenbar, dann ist der Markt unfair und ungerecht. Und die Gerechtigkeit muss mindestens teilweise wieder hergestellt werden, indem man die Reichen kr\u00e4ftig besteuert.\u201c Intellektuelle verabsolutieren eine ganz bestimmte Art des Lernens, das explizite, akademische Lernen. Unternehmer lernen auf eine ganz andere Art, man nennt das implizites Lernen. Daf\u00fcr gibt es jedoch weder Zeugnisse noch akademische Grade, jedoch sehr wohl \u00f6konomische Belohnungen. Mir ist das klar geworden bei meiner zweiten Dissertation \u00fcber die \u201ePsychologie der Superreichen\u201c als ich erkannte, dass akademische Bildung f\u00fcr Unternehmer eine untergeordnete Rolle spielt und daf\u00fcr das implizite Lernen, das zu implizitem Wissen (manche sprechen von Bauchgef\u00fchl) f\u00fchrt eine viele entscheidendere Rolle spielt. Das verstehen die meisten Intellektuellen nicht. F\u00fcr sie z\u00e4hlt die Leistung eines solchen Menschen einfach nicht. Ich hatte mal versucht, einen Wikipedia-Eintrag \u00fcber den bedeutendsten deutschen Immobilieninvestor in den USA zu erstellen, der dort sehr erfolgreich 15 Milliarden Dollar investiert hat. Diesen Investor befanden die Wikipedia-Adminstratoren f\u00fcr unw\u00fcrdig bzw. unwichtig, w\u00e4hrend jeder kleine Fachhochschulprofessor, der ein paar B\u00fccher oder Aufs\u00e4tze publiziert hat, einen Eintrag erh\u00e4lt, was dessen ungeheure Wichtigkeit unterstreicht.<\/p>\n<p><em>Was zeichnet f\u00fcr Sie einen \u201cguten\u201d Kapitalismus aus?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Den \u201ereinen\u201c Kapitalismus gibt es nirgendwo auf der Welt, ebenso wenig wie den reinen Sozialismus. In der Realit\u00e4t gibt es nur Mischsysteme. Deshalb halte ich auch nicht so viel von libert\u00e4ren oder anarchokapitalistischen Utopien eines \u201erein\u201c kapitalistischen Systems. Zwar w\u00e4re mir eine solche Utopie wesentlich sympathischer als eine sozialistische Utopie, aber ich halte nun einmal generell nicht so viel von Kopfkonstrukten einer idealen Welt. Ich beobachte einfach, dass sich in den real existierenden Mischsystemen die Lage der Wirtschaft und der Menschen bessert, wenn der Kapitalismus-Anteil erh\u00f6ht und der Staatsanteil reduziert wird. Das Beispiel Chinas habe ich ja schon genannt. Aber schauen Sie mal auf Schweden: Das war in den 70er- und 80er-Jahren ziemlich sozialistisch und ist damit an die Wand gefahren. Die Schweden haben das erkannt und ab den 90er-Jahren wieder mehr auf den Markt als auf den Staat gesetzt. Das Ergebnis war, dass die gravierenden wirtschaftlichen Probleme Schwedens gel\u00f6st wurden. Das gleiche geschah durch die Reformen von Margaret Thatchter und Ronald Reagan in den 80er-Jahren, auf die ich sehr ausf\u00fchrlich in meinem Buch eingehe.<\/p>\n<p><em>Wie hat der Kapitalismus Ihr Leben gepr\u00e4gt, von links-au\u00dfen zum Unternehmer?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: In meiner Jugend war ich Antikapitalist, so wie viele junge Menschen und Intellektuelle. Sp\u00e4ter habe ich mich davon gel\u00f6st. Schlie\u00dflich bin ich selbst Unternehmer und Investor geworden, also Kapitalist. Wenn Sie mich fragen, ob ich mehr Menschen geholfen habe durch meine \u201eRote Zelle\u201c in den 70er-Jahren oder mehr Menschen, als ich im Jahr 2000 meine Firma gegr\u00fcndet und damit zum Beispiel 50 Arbeitspl\u00e4tze geschaffen habe, dann liegt die Antwort wohl auf der Hand.<\/p>\n<p><em>Sie kritisieren in Ihrem Buch immer wieder den Kapitalismuskritiker Piketty und haben nichts dagegen, dass die \u2013 auch hier in Deutschland, insbesondere von den Linken, kritisierte Schere zwischen arm und reich immer gr\u00f6\u00dfer wird. Was ist ihr Argument dabei? Eine Vergr\u00f6\u00dferung er sozialen Schere ist doch im h\u00f6chsten Grade ungerecht.<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: F\u00fcr Kapitalismuskritiker wie Piketty ist die Wirtschaft ein Nullsummenspiel, bei dem die einen (die Reichen) gewinnen, was die anderen (die Mittelschicht und die Armen) verlieren. Aber so funktioniert die Marktwirtschaft nun einmal nicht. Kapitalismuskritiker besch\u00e4ftigen sich immer mit der Frage, wie der Kuchen verteilt wird; ich besch\u00e4ftige mich damit, unter welchen Bedingungen der Kuchen gr\u00f6\u00dfer oder kleiner wird.<\/p>\n<p>Ich mache in meinem Buch ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, Sie lebten auf einer Insel, in der drei reiche Menschen je 5.000 Euro besitzen und 1.000 andere nur je 100 Euro. Das Gesamtverm\u00f6gen der Inselbewohner betr\u00e4gt also 115.000 Euro. Sie st\u00fcnden vor folgenden Alternativen: Das Verm\u00f6gen aller Inselbewohner wird durch Wirtschaftswachstum doppelt so gro\u00df und w\u00e4chst auf 230.000 Euro. Bei den drei Reichen verdreifacht es sich jeweils auf 15.000 Euro, diese besitzen zusammen nunmehr 45.000 Euro. Bei den 1.000 anderen w\u00e4chst es zwar auch, aber nur um 85 Prozent \u2013 jeder hat jetzt 185 Euro. Die Ungleichheit hat sich also deutlich erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Im zweiten Fall nehmen wir die 115.000 Euro und verteilen sie auf alle 1.003 Inselbewohner gleichm\u00e4\u00dfig, so dass jeder 114,65 Euro besitzt. W\u00fcrden Sie es als Armer mit einem Ausgangsverm\u00f6gen von 100 Euro vorziehen, in der Wachstums- oder in der Gleichheitsgesellschaft zu leben? Und was w\u00e4re, wenn durch eine Wirtschaftsreform, die zur Gleichheit f\u00fchren soll, das Gesamtverm\u00f6gen auf nur noch 80.000 Euro schrumpft, von denen dann jeder nur noch knapp 79,80 Euro erh\u00e4lt?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man einwenden, das Beste sei, wenn sowohl die Wirtschaft und der allgemeine Lebensstandard w\u00fcchsen und gleichzeitig auch die Gleichheit zunehme. Tats\u00e4chlich hat der Kapitalismus genau dies sogar nach den Berechnungen von Piketty im 20. Jahrhundert geleistet. Dennoch ist das Gedankenexperiment sinnvoll, weil in der Antwort die unterschiedlichen Wertpr\u00e4ferenzen deutlich werden: Wem die Erh\u00f6hung der Gleichheit der Menschen untereinander bzw. der Abbau von Ungleichheit wichtiger ist als die Erh\u00f6hung des Lebensstandards f\u00fcr eine Mehrheit, wird sie anders beantworten als derjenige, der die Priorit\u00e4ten umgekehrt setzt. Noam Chomsky, einer der f\u00fchrenden amerikanischen Linksintellektuellen, vertritt diesen Standpunkt, wenn er in seinem 2017 erschienenen Buch \u201eRequium f\u00fcr den amerikanischen Traum\u201c schreibt, \u201edass es um die Gesundheit einer Gesellschaft umso schlechter bestellt ist, je mehr sie von Ungleichheit gepr\u00e4gt ist, egal ob diese Gesellschaft arm oder reich ist\u201c. Ungleichheit an sich sei bereits zerst\u00f6rerisch. Das ist Bl\u00f6dsinn. Ich komme noch mal auf China zur\u00fcck: Die Zahl der Reichen und Superreichen ist dort in den letzten Jahrzehnten massiv gestiegen. Auch die Ungleichheit, gemessen im sogenannten Gini-Index, stieg massiv. Gleichzeitig hat sich das Los von Hunderten Millionen Chinesen verbessert, die aus bitterer Armut in die Mittelschicht aufgestiegen sind. Das zeigt doch, dass die Frage, ob die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht \u2013 au\u00dfer f\u00fcr<br \/>\nAnh\u00e4nger einer Neidphilosophie \u2013 v\u00f6llig irrelevant ist. Wichtig ist doch, welches System daf\u00fcr sorgt, dass es der breiten Masse besser geht. Und das ist der Kapitalismus, wie ich anhand vieler Beispiele in meinem Buch zeige.<\/p>\n<h1>Statt Gender-Irrsinn \u2013 den katastrophalen Pflegenotstand beenden<\/h1>\n<p>Anstatt hierzulande in die Pflege zu investieren, subventioniert man lieber Gender-Lehrst\u00fchle, finanziert Toilettenprojekte f\u00fcr das dritte Geschlecht und gleichgeschlechtliche Ampelm\u00e4nnchen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13598-die-altenpflege-in-deutschland-ist-inhuman\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>\u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar,\u201c so steht es jedenfalls im Artikel 1 des Grundgesetzes. Doch die Realit\u00e4t sieht anders aus. Ein Blick in die Alten- und Pflegeheime dieser Republik zeigt: die \u201eMenschenw\u00fcrde\u201c ist oft nicht mehr als eine leere Worth\u00fclse.<\/p>\n<p>In Sachen technischer Innovationen ist Deutschland Weltmeister. Wenn es hingegen um den Menschen, insbesondere die Alten, geht Verdr\u00e4ngungsweltmeister. Dabei geh\u00f6rt die Achtung vor dem anderen nicht nur zur abendl\u00e4ndischen Kultur wie das A und O, sondern diese ist einem christlich-fundierten Ethos geradezu immanent, welches sich dadurch auszeichnet, dass die Gesellschaft letztendlich nur so stark wie das schw\u00e4chste ihrer Glieder ist.<\/p>\n<h6>Der Pflegenotstand ist katastrophal<\/h6>\n<p>In Sachen Pflegenotstand hat sich in den letzten zw\u00f6lf Jahren unter der Regentschaft von Angela Merkel wenig ver\u00e4ndert. Die Lage ist nach wie vor katastrophal und widerspricht in eklatantem Ma\u00dfe der gesellschaftlichen Verantwortung einer Partei, die das C in ihrem Namen tr\u00e4gt. Erst ein Zwischenruf des jungen Altenpflegers Alexander Jorde in der ARD-Wahlarena 2017 stellte das Thema der Alten wieder in die gesellschaftliche Debatte. Jorde hatte damals der Kanzlerin vorgeworfen, dass die W\u00fcrde des Menschen im Umfeld von Kranken- und Altenpflege in Deutschland tagt\u00e4glich \u201etausendfach verletzt\u201c werde. Und Jorde hat Recht. Anstatt hierzulande in die Pflege zu investieren, subventioniert man lieber Gender-Lehrst\u00fchle, finanziert Toilettenprojekte f\u00fcr das dritte Geschlecht und gleichgeschlechtliche Ampelm\u00e4nnchen. Die Anerkennung der intersexuellen Minderheitsgesellschaft berauscht den Diskurs um Diversity und plurale Vielfalt. Sie ist aber im Umkehrschluss im gleichen Ma\u00dfe diskriminierend gegen\u00fcber Millionen von Pflegef\u00e4llen, die ihr Dasein bek\u00fcmmerlich fristen, weil die Kassen leer bleiben. Die Charta der Vielfalt vergisst die Vielen, christlich geht aber anders.<\/p>\n<h6>In Deutschland regiert ein rigider Utilitarismus<\/h6>\n<p>Was in Deutschland eher regiert, ist ein blanker Materialismus, der den Menschen funktional auf seine Leistungsf\u00e4higkeit und auf den Aspekt seiner N\u00fctzlichkeit reduziert. Wer dem Leistungsprinzip nicht entspricht, f\u00e4llt aus dem gesellschaftlichen Raster. Dies trifft gerade die, die auf die \u201eunsichtbare Hand\u201c des gesellschaftlichen Gewissens angewiesen sind, deren Gefolgschaft ihnen jedoch von der Leistungsgesellschaft oft verweigert wird. \u201eDer Menschheit W\u00fcrde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!,\u201c hatte bereits Friedrich Schiller notiert und eine Gesellschaft kritisiert, die eine der gro\u00dfartigsten Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung mit Stiefeln tritt \u2013 die W\u00fcrde des Einzelnen.<\/p>\n<h6>Die deutsche Altenrepublik<\/h6>\n<p>Deutschland ist eine Vergreisungs- und Altenrepublik. Die Zahl der Alten w\u00e4chst kontinuierlich. Weit \u00fcber zweieinhalb Millionen Bundesb\u00fcrger sind bereits auf Pflege angewiesen \u2013 und die Zahl steigt nach Sch\u00e4tzung des Statistischen Bundsamtes bis 2050 auf 4,5 Millionen. Die Demographie-Kurve explodiert dramatisch. In der Altersgruppe der 60 bis 80 J\u00e4hrigen sind es bereits \u00fcber 4 Prozent, bei den \u00fcber 80 J\u00e4hrigen 29 Prozent und in 35 Jahren k\u00f6nnten es mehr als 9,1 Millionen Menschen sein, die pflegebed\u00fcrftig sind. Dass Altwerden und ein w\u00fcrdevolles Leben in existentiellen Notsituationen nicht Hand in Hand gehen und der W\u00fcrde diametral entgegenlaufen, hatten 1994 bereits Hans K\u00fcng und Walter Jens in ihrem Buch \u201eMenschenw\u00fcrdig sterben. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Selbstverantwortung\u201c thematisiert und f\u00fcr die Sterbehilfe pl\u00e4diert. Wo das Leben seine humanen Fundamente verliert, muss aus ethischer Perspektive zumindest ein \u201eJa\u201c zur freiwilligen Beendigung des Lebens einger\u00e4umt werden. Die Kritik an K\u00fcng und Jens\u2019 Vorschlag glich damals einem Tsunami. Heute werden als Alternative Millionen in die Palliativmedizin investiert, doch der Weg bis zum Tod bleibt nach wie vor ein steiniges Pflaster \u2013 gerade in den Alten- und Pflegeheimen.<\/p>\n<h6>Pflegeheime als \u201eMenschenparks\u201c<\/h6>\n<p>Vom vielbesungenen gl\u00fccklichen Leben ist in den Altenheimen der Republik kaum etwas zu sp\u00fcren, auch Demenzg\u00e4rten \u00e4ndern wenig an der prek\u00e4ren Situation. Die Isolation vieler Alter regiert den Alltag, der emotionale Leerlauf ist damit vorprogrammiert und ein physisches wie psychisches Hinvegetieren die zerm\u00fcrbende Realit\u00e4t. Wem seine Mobilit\u00e4t und Selbst\u00e4ndigkeit bei der Lebensf\u00fchrung abhanden gekommen ist, wird schlichtweg in Deutschlands Altenheimen verwaltet. So gleichen viele Pflegeheime \u201eMenschenparks\u201c, wo an der T\u00fcrklinke mit der Souver\u00e4nit\u00e4t zum Teil auch die Menschenw\u00fcrde abgegeben werden. Aber anders als bei Peter Sloterdijk sind es nicht die neuen Geburtsst\u00e4tten einer selektiven Eugenik nach Nietzschescher Pr\u00e4gung samt dem dahinter stehenden Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Anthropotechnik, sondern instrumentalisierte Verwaltungsst\u00e4tten der Bevormundung samt Schweigespirale. Ein zeitlich streng organisierter Paternalismus regelt alles, aber eben nicht zu Gunsten der Alten, sondern im Sinne der Gewinnmaximierung und Kostenreduzierung. Der Blick in die Alten- und Pflegeheime wirft damit ein d\u00fcsteres und geradezu besch\u00e4mendes Bild auf die bundesdeutsche Gesellschaft. 30.000 Fachkr\u00e4fte fehlen, die Heime platzen aus allen N\u00e4hten, das Pflegepersonal wird schlecht bezahlt, ist klassisch unterbesetzt und rangiert in der Anerkennungskette innerhalb der Gesellschaft am unteren Ende. Die Alten und die Pfleger haben hierzulande keine Lobby.<\/p>\n<h6>Die Tristesse des Inhumanen regiert<\/h6>\n<p>Tristesse und depressive Resignation feiern ihren Siegeszug quer durch die Welt der Rollatoren und Krankenbetten. Eine Kultur des Inhumanen regiert. Wer alt ist, hat von der Gesellschaft eben wenig zu erwarten. Und dies trifft gerade die Generation, der Deutschland seinen grandiosen wirtschaftlichen Aufstieg verdankte. Sie liegt buchst\u00e4blich im Dreck und verwahrlost vielerorts emotional.<\/p>\n<h6>Aristoteles\u2018 \u201eDe anima\u201c und Goethes W\u00fcrde<\/h6>\n<p>Physische Lebenserhaltung ist noch keineswegs das Fundament f\u00fcr ein gl\u00fcckliches Leben allein. Das hatte bereits Aristoteles in seiner Schrift \u201eDe anima\u201c erkannt und zwischen vegetativer, sensitiver und Geistseele unterschieden. Die blo\u00dfe Reduktion des Menschen auf seine vegetative Natur widerspricht der Entelechie der Seele, ihrem Wesen, erst die Geistseele steht f\u00fcr Unsterblich- und Lebendigkeit. Der intellectus agens bleibt das Prinzip jenseits des rein Biologischen. Dies betonte sp\u00e4ter wiederum der Weimarer Olympier Johann Wolfgang Goethe, als er in einem Aphorismus schrieb: \u201eDer Mensch mache sich nur irgendeine w\u00fcrdige Gewohnheit zu eigen, an der er sich die Lust in heitern Tagen erh\u00f6hen und in tr\u00fcben Tagen aufrichten kann. \u2026 Aber es mu\u00df etwas Treffliches, W\u00fcrdiges sein, damit ihm stets und in jeder Lage der Respekt daf\u00fcr bleibe.\u201c<\/p>\n<p>Was in Deutschlands Pflege- und Altenheimen fehlt, ist emotionale W\u00e4rme, das Mitf\u00fchlen, die Geborgenheit und die Anerkennung des Leidenden in seiner Gebrechlichkeit, die Achtung vor seinem intellectus agens eben, seiner W\u00fcrde. Doch daf\u00fcr gibt es kaum oder nur wenig Kapazit\u00e4ten wie Pflegekr\u00e4fte immer wieder betonen.<\/p>\n<h6>8000 neue Stellen sind eine Farce<\/h6>\n<p>Auch die von der Gro\u00dfen Koalition vereinbarten zus\u00e4tzlichen 8000 Stellen f\u00fcr die Altenpflege k\u00f6nnen am maroden Zustand der Altenrepublik nichts \u00e4ndern. Wenn hier nicht deutlich nachgebessert wird, \u00e4ndert sich am traurigen Bild am Lebensende nichts. Eine ber\u00fchmte Stelle bei Konfuzius (Gespr\u00e4che 1,2) zeichnet die Piet\u00e4t gegen\u00fcber Eltern und Senioren als \u201eWurzel der Menschlichkeit\u201c aus, die zugleich der Garant f\u00fcr politische Stabilit\u00e4t sei: \u201eUnter denen, die die Alten achten, gibt es selten Menschen, die gegen die Obrigkeit rebellieren.\u201c Doch Konfuzius scheint im 21. Jahrhundert \u2013 zumindest in Deutschland \u2013 ein toter Hund.<\/p>\n<h6>Walter Benjamin und der Engel der Geschichte<\/h6>\n<p>Wie in der Berliner Republik mit einer m\u00f6glicherweise kommenden Gro\u00dfen Koalition der gesellschaftliche Stillstand vorprogrammiert ist, wird auch beim Pflegenotstand alles im Status quo verharren. Die Zukunft bleibt f\u00fcr die Alten d\u00fcster. Und das, was wir Fortschritt nennen: Digitalisierung, Internet und Arbeitswelt 4.0, verliert dann seine gesellschaftliche-moralische Diktion, wenn am anderen Ende der Mensch hierzulande nur auf seine Biomasse reduziert und stattdessen die Massenmigration millionenfach subventioniert wird. Was unsere Gesellschaft betrifft, so entwickeln wir uns so zivilisatorisch nicht nach vorn, sondern zur\u00fcck \u2013 gleichwie der \u201eEngel der Geschichte\u201c Walter Benjamins. Schon der gro\u00dfe Schriftsteller schrieb einst \u00fcber seinen Engel der Geschichte: \u201eAber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Fl\u00fcgeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schlie\u00dfen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den R\u00fccken kehrt, w\u00e4hrend der Tr\u00fcmmerhaufen vor ihm zum Himmel w\u00e4chst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.\u201c Im Wesen also nicht Neues nur das eben ein Sturm vom Paradiese her weht.<\/p>\n<p><strong>Wir Deutsche sind bez\u00fcglich unserer Energiewende und unserer Klimaschutz-Hysterie \u201ebekloppt\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Donald Trump hat kein Interesse an internationalen Klimaschutzma\u00dfnahmen. Auch Theresa May ist Klimaskeptikerin. Wir Deutschen sind bez\u00fcglich unserer Energiewende und unserer Klimaschutz-Hysterie \u201ebekloppt\u201c.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/holger-thuss\/13576-interview-mit-holgrer-thuss\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p><strong><em>Mit Hilfe der Theorie einer angeblich menschengemachten globalen Erw\u00e4rmung bewegt die gegenw\u00e4rtige Politikergeneration Billionen von Euro. Die flie\u00dfen nicht nur in die Erforschung des mutma\u00dflich durch CO2-Emissionen verursachten Klimawandels, sondern werden auch im Rahmen der sogenannten Energiewende umverteilt. Theaterst\u00fccke, Schulb\u00fccher oder die Kino-Leinwand vermitteln die Klimakatastrophe als unumst\u00f6\u00dfliche Tatsache. Kritiker des politisch befeuerten Hype werden h\u00e4ufig als \u201eLeugner\u201c gebrandmarkt und vom \u00f6ffentlichen Diskurs zielgerichtet ausgeschlossen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Herr Thu\u00df, was brachte Sie auf den Gedanken, EIKE zu gr\u00fcnden?<\/em><\/p>\n<p>Vor allem wollten wir damit den Kritikern der Theorie von der menschenverursachten Klimakatastrophe eine Stimme geben. Diese wurden seit Beginn der 2000er immer mehr ausgegrenzt und diskriminiert. Das hat uns emp\u00f6rt. Wir hatten damals so etwas wie eine Mischung aus Volkshochschule, wissenschaftlichem Institut und Verbraucherschutzorganisation im Sinn.<br \/>\nWir betreiben sozusagen Klimaforschungskritik. So \u00e4hnlich wie Gault-Millau Restaurants bewertet, beobachten wir die Klimadebatte und die damit zusammenh\u00e4ngende Energiewende. Denn gerade in Deutschland gibt einfach zu viel unkritische Bewunderung f\u00fcr Organisationen mit abstrusen Ideen wie dem menschgemachten Klimawandel. Inzwischen, nach fast 12 Jahren, sind wir damit so etwas wie ein Marktf\u00fchrer.<\/p>\n<p><em>Nehmen wir zum Beispiel den Meeresspiegel-Anstieg. Da\u00df der ein Problem f\u00fcr viele Millionen K\u00fcstenbewohner ist, k\u00f6nnen sie doch nicht bestreiten?<\/em><\/p>\n<p>Doch. Sie beziehen sich sicher auf die Studie des Amerikaners Steve Nerem, \u00fcber die vor kurzem wie auf Knopfdruck stark vereinfacht in fast allen deutschen Mainstream-Medien berichtet wurde. Diese Hysterie war der Sache vollkommen unangemessen. Es handelt sich n\u00e4mlich um einen typischen Fall von \u201eDatenfolter\u201c. Bei diesem Verfahren \u201egestehen\u201c Me\u00dfdaten nach einer Weile alles, was man von ihnen verlangt. Auf unserer Webseite www.eike.pw finden sich dazu einige Beitr\u00e4ge, die \u00fcber diesen doch sehr komplexen Sachverhalt aufkl\u00e4ren. Die K\u00fcstenbewohner zu verunsichern, halte ich hingegen f\u00fcr unverantwortlich. Das soll aber jetzt kein Pl\u00e4doyer gegen K\u00fcstenschutz sein, ganz im Gegenteil. Viele K\u00fcstenregionen oder Inseln sind durch die Unbilden der Natur oder ihre exponierte Lage permanent vom Meer bedroht. Schutzma\u00dfnahmen sind dort immer eine gute Idee.<\/p>\n<p><em>A propos Medien: Wie sind Ihre Erfahrungen?<\/em><\/p>\n<p>Bis etwa 2010 wurden wir von den \u00d6ffentlich-Rechtlichen und den Mainstream-Medien \u00fcberwiegend fair behandelt. Das ist heute nicht mehr der Fall, nachdem jahrelanges Totschweigen nichts gebracht hat. Allerdings gibt es viele kleinere Medienorganisationen, die wesentlich genauer und fairer berichten als etwa ARD und ZDF. Man hat dabei den Eindruck, da\u00df der von interessierter Seite manipulierte und f\u00fcr uns nicht zug\u00e4ngliche Wikipedia-Eintrag \u00fcber uns vielen Mainstream-Journalisten als Handlungsanleitung dient.<\/p>\n<p>So behauptete der ZDF-Journalist Professor Harald Lesch, <a href=\"http:\/\/www.geo.de\/natur\/nachhaltigkeit\/16233-rtkl-harald-lesch-ueber-klimaskeptiker-die-generation-wirtschaftswunder\">ein strikter Verfechter der Klimakatastrophen-Theorie, \u00f6ffentlich, niemand bei uns w\u00fcrde ans Telefon gehen und da\u00df er sogar hier in Jena gewesen sei, er aber nur einen Briefkasten vorgefunden h\u00e4tte<\/a>. Auch in Wikipedia steht, wir h\u00e4tten gar kein B\u00fcro. Das ist nat\u00fcrlich alles ganz gro\u00dfer Quatsch. [Hinweis der Redaktion: Auch dieses Interview wurde in der Jenaer EIKE-Zentrale gef\u00fchrt.] Diese Leute leiden offenbar an Verschw\u00f6rungstheorien und glauben \u00fcbrigens auch, meine Mitstreiter und ich seien verantwortlich f\u00fcr das Scheitern der Energiewende. Sch\u00f6n w\u00e4re es!<br \/>\n__<br \/>\n<em>Warum sind sachlich argumentierende Kritiker der Klimakatastrophen-Theorie so einflu\u00dflos?<\/em><\/p>\n<p>Das stimmt nicht so ganz. Wir haben sehr viele Unterst\u00fctzer unter Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Technikern und anderen wichtigen Multiplikatoren, mit steigender Tendenz. Auch kann man die Wahrheit nicht kaufen, vor allem bei so eklatantem Scheitern wie das der derzeitigen Bundesregierung, die gerade ihren Zeithorizont, was ihre \u201eKlimaziele\u201c angeht, von 2020 auf 2030 verschoben hat. Die Gesetze der Physik auszuhebeln, wird aber der Kanzlerin trotzdem nicht gelingen.<\/p>\n<p>Da\u00df wir nicht so leicht durchdringen, liegt nat\u00fcrlich an der Komplexit\u00e4t von Themen wie der Klima oder Energiewirtschaft. Hier mischen sehr viele mit, die sehr laut sind, sehr gut argumentieren k\u00f6nnen, die aber von der Sache selbst nichts verstehen. Und nat\u00fcrlich fehlen uns die nahezu unbegrenzten finanziellen Mittel der Gegenseite.<\/p>\n<p><em>Vom neuen Koalitionsvertrag sind Sie nicht begeistert\u2026<\/em><\/p>\n<p>Nein. Die Koalition\u00e4re ignorieren weiter Naturgesetze wie den nat\u00fcrlichen Klimawandel. Sie tun weiter so, als ob die Regierung \u201eKlima\u201c als statistischen Mittelwert des Wetters sch\u00fctzen oder beeinflussen k\u00f6nnte. Dazu kommt, da\u00df der minimale Beitrag Deutschlands zu den globalen Kohlendioxid-Emissionen selbst nach herrschender Lehre \u00fcberhaupt nicht klimasch\u00e4dlich sein kann. Obwohl, wie schon erw\u00e4hnt, die Kulisse nach 2030 verschoben wurde, wollen die Vielleicht-Koalition\u00e4re an ihren v\u00f6llig sinnlosen und volkswirtschaftlich extrem sch\u00e4dlichen Ma\u00dfnahmen zur Emissionssenkung festhalten. Sogar der unsinnige und gef\u00e4hrliche Begriff \u201eDekarbonisierung\u201c aus dem Vokabular linker Extremisten kommt im Koalitionsvertrag vor.<br \/>\nDie unsoziale Verdoppelung des Strompreises seit 2000 erw\u00e4hnt der Koalitionsvertrag dagegen nicht. Wo nach Verschrottung der intakten Kraftwerke der Strom herkommen soll, wird dort auch nicht beschrieben. Da\u00df die Energiewende zwei Billionen Euro kosten d\u00fcrfte, ohne irgend einen positiven Effekt \u2013 und wie w\u00fcrde der \u00fcberhaupt aussehen? \u2013 auf das Klima zu haben, scheint den<br \/>\nUnterzeichnern des Koalitionsvertrages egal zu sein.<\/p>\n<p><em>Was sollte Ihrer Meinung nach klimapolitisch in Zukunft getan werden?<\/em><\/p>\n<p>Wir brauchen eine marktwirtschaftliche, keine Subventions-Ordnung. Das bedeutet nat\u00fcrlich, da\u00df s\u00e4mtliche Klimaschutzma\u00dfnahmen und die sogenannte Energiewende sofort eingestellt werden m\u00fcssen. Diese Politik schadet nicht nur denen, die neben gigantischen Windkraftanlagen leben m\u00fcssen, sondern der gesamten Volkswirtschaft und auch und besonders der Umwelt. Wind- und Solaranlagen belegen inzwischen riesige einstige Naturfl\u00e4chen. Fr\u00fcher profilierten sich gr\u00fcne Politiker durch kompromi\u00dflosen Waldschutz. Heute nehmen sie es hin, da\u00df W\u00e4lder willk\u00fcrlich zu Sekund\u00e4rw\u00e4ldern erkl\u00e4rt und f\u00fcr Windparks abgeholzt werden d\u00fcrfen. Das ist doch aberwitzig!<\/p>\n<p>Wenn der Politikwechsel zur\u00fcck zu einem konventionellen Energiemix nicht gelingen sollte, bliebe mittelfristig eigentlich nur die Auswanderung. Es g\u00e4be dann n\u00e4mlich zwar keine Klimawandelopfer, aber viele Klimaschutzopfer. Durch die Klimapolitik besteht eine gro\u00dfe Gefahr, da\u00df wir uns Richtung deindustrialisiertes Entwicklungsland mit niedriger Lebensqualit\u00e4t entwickeln. Die riesige Ressourcenvernichtung durch Klimapolitik und Energiewende sind bereits heute eine der Ursachen, da\u00df es \u00fcberall klemmt: Von Flugh\u00e4fen \u00fcber Stra\u00dfen bis hin zu Schulgeb\u00e4uden: \u00fcberall sehen wir einen Investitionsstau. Schon jetzt erreichen uns Informationen \u00fcber Stromengp\u00e4sse beim produzierenden Gewerbe. Es w\u00e4re schon dramatisch, wenn wir uns hinter die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts zur\u00fcck entwickeln w\u00fcrden.<\/p>\n<p><em>Wie stellen Sie sich diese neue Politik konkret vor?<\/em><\/p>\n<p>Als erstes sollte aber das verfassungswidrige Erneuerbare-Energien-Gesetz vollst\u00e4ndig zur\u00fcckgenommen werden. Dann sollten neun von zehn Klima-Instituten geschlossen werden. Forschungsmittel m\u00fcssen dringend in zukunftstr\u00e4chtige Bereiche wie Gentechnik, Krebsforschung oder Kerntechnik umgeleitet werden. Besonders Gesundheitsthemen wie Krebs sind doch viel wichtiger als eine weitere Station im ewigen Eis!<\/p>\n<p><em>Wann rechnen sie mit diesem Politikwechsel?<\/em><\/p>\n<p>Irgendwann kommt der Stimmungsumschwung. Daran arbeiten wir und deutliche Anzeichen daf\u00fcr zeigen sich bereits in Umfragen. Wir haben eine ganze Reihe von Ansprechpartnern in verschiedenen politischen Parteien, die mit uns gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiten. Irgendwann waren dann alle schon immer gegen das EEG. Sp\u00e4testens nach einem ersten gro\u00dfen Blackout w\u00e4hrend einer Dunkelflaute wird es so weit sein.<\/p>\n<p>Andere westliche Industriestaaten steigen ebenfalls aus dem Ausstieg aus: Donald Trump hat kein Interesse an internationalen Klimaschutzma\u00dfnahmen. Auch Theresa May ist Klimaskeptikerin, ihr Koalitionspartner, die Ulster-Partei, ist sowieso gegen die Klimaschutz-Ma\u00dfnahmen, die meisten Politiker der \u00f6stlichen EU-Staaten sind gegen mehr Klimaschutz. Die Zustimmung der Dritten Welt oder von Schwellenl\u00e4ndern wie Indien oder China wurde erkauft. Selbst der progressive Hoffnungstr\u00e4ger Emanuel Macron glaubt zuallererst an seine Kernkraftwerke und k\u00fcndigte den Ausstieg aus der Kohle nur deshalb vollmundig an, weil er wei\u00df, da\u00df Kohleverstromung in seinem Land keine Rolle spielt. Hier mu\u00df ich Bundesau\u00dfenminister Gabriel recht geben: Au\u00dferhalb unseres Landes sind die meisten schon jetzt davon \u00fcberzeugt, wir Deutschen sind bez\u00fcglich unserer Energiewende und unserer Klimaschutz-Hysterie \u201ebekloppt\u201c.<\/p>\n<p><em>Wir danken f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/em><\/p>\n<h1>Die linken Ideologen, Idealisten und der Terror<\/h1>\n<p>Dystopien haben derzeit Konjunktur. Ob George Orwells \u201e1984\u201c oder die \u201eSch\u00f6ne neue Welt\u201c von Aldous Huxley stehen auf den Bestsellerlisten. Der Untergang des Abendlandes wird beschworen, Existenz\u00e4ngste werden kultiviert. Aber wie viel Dystopie steckt eigentlich in der Utopie? Ein sporadischer Gang durch die Ideengeschichte.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13463-die-utopie-der-idealismus-frisst-seine-kinder\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<h6>Platons \u201ePoliteia\u201c als rigides \u00dcberwachungssystem<\/h6>\n<p>Die Wiege der klassischen Sozialutopie stand in Griechenland. Einst entz\u00fcndete der Philosoph Platon die Fackel der Vernunft und gr\u00fcndete auf dieser seine Vision des Idealstaates. Die Abschaffung des Geldes, die sexuelle Revolution, eine ethisch legitimierte Eugenik sowie die Instrumentalisierung der Kunst durch die M\u00e4chtigen und die damit zwangsl\u00e4ufige Zensur waren Fundamente einer Utopie wie sie sein Staatsentwurf, die \u201ePoliteia\u201c, zeichnet. Der Vernunft traute Platon viel, dem Einzelnen wenig zu, der Demokratie gar nichts und in der Gleichheit sah er nur Instabilit\u00e4t. Die Herrschaft Auserw\u00e4hlter, die Monarchie oder Aristokratie galt ihm als Zeichen k\u00fchner Tugend und Sittlichkeit, die den Volksp\u00f6bel auf Spur bringt, rigoros durch \u00dcberwachung und Strafen. Seine \u201ePoliteia\u201c war nichts anders als ein autorit\u00e4res System einer besseren Welt aus dem Geist, dem Logos errichtet, hierarchisch gegliedert, totalit\u00e4r, kommunistisch und aus den Idealen des Wahren, Guten und Sch\u00f6nen abgeleitet. Was er im Namen der Menschheit erschuf, war schlie\u00dflich ein rigider W\u00e4chterstaat mit dem Philosophen als K\u00f6nig. Und so ist es in Platons Staat allein und ma\u00dfgeblich die Vernunft selbst, die ohne kritische Korrektur ihre Herrschaftstyrannei der Tugend entfalten konnte. Wer dem idealen System nicht entsprach, dem drohten Sanktionen. Die Vernunft war die Gesetzgeberin und Richterin zugleich, und sie klagte sich ein striktes Entweder-Oder ein.<\/p>\n<h6>Francis Bacon und die Macht der Eliten<\/h6>\n<p>Bei den Utopien nach Platon stand es nicht besser um die einzelne Kreatur. Joachim di Fiore gr\u00fcndete seine Utopie auf einem Tausendj\u00e4hrigen Reich, das im Chiliasmus finalisiert wird, Tommaso Campanellas \u201eSonnenstaat\u201c erkl\u00e4rte das Individuum zum Nichts und die Gattung \u00fcber alles, er tr\u00e4umte von einer p\u00e4pstlichen Universalmonarchie und Hierarchie aus dem Geist der Sonnenmetaphysik. Thomas Morus\u2019 \u201eUtopia\u201c beschwor den Staat als kommunistisch-soziales Ideal samt Toleranz. Aber auch er scheitert letztendlich genauso am realen Menschen und kommt ohne \u00dcberwachen und Unfreiheit nicht aus. Auch Francis Bacon wollte mit seiner \u201eNova Atlantis\u201c die beste Staatsverfassung niederschreiben, die gem\u00e4\u00df der \u201ebesten aller m\u00f6glichen Welten\u201c \u00e0 la Leibniz m\u00f6glich sei. Sein \u201eHaus Salomon\u201c wird zum exklusiven Ort freier Geister, einer Wissenschaftsrepublik par excellence. Aber auch in der freien Wissenschaftsrepublik, die heute noch Vorbild unserer Universit\u00e4ten ist, bleibt die autorit\u00e4re Macht den Eliten vorbehalten, Freiheit und Individualit\u00e4t spielen keine Rolle. Selbst die beste aller m\u00f6glichen Welten bedarf einer strukturierenden Verbotskultur, die das Zusammenleben regelt.<\/p>\n<h6>Robespierre \u2013 der Tugend-Terrorist<\/h6>\n<p>Ein Utopist sondergleichen war einst Robespierre. Jacobiner und Aufkl\u00e4rer in einem, gl\u00fchender Verfechter der Aufkl\u00e4rung. Der gute Geist der Revolution, der Freiheit und Gleichheit auf seine Fahnen schrieb, die Tugend zum Ideal erhob und die Vernunft zum Ideal erkl\u00e4rte, wird seine Vision vom heiligen Thron der Gleichheit mit Blut \u00fcbergie\u00dfen, wird zum \u201eBlutrichter\u201c der Franz\u00f6sischen Revolution, der die Tugendlosen auf der Guillotine opfert. Jean-Jacques Rousseaus Idee der freiheitlichen \u00dcbereinkunft in einen Gemeinwillen, die volont\u00e9 g\u00e9n\u00e9rale, wird ihm zum ordnungspolitischen Gradmesser mit Absolutheitsanspruch. Wer Gemeinwille und Gemeinwohl, begriffen als die absolute und unhintergehbare Wahrheit angreift, hat nur die Wahl zwischen Akzeptanz oder Tod. Getreu der Maxime, dass Terror L\u00e4uterung sei, wird er die Terrorherrschaft im Namen des wahren Guten legitimieren, um dem Gesellschaftsvertrag den Weg zu bereiten. Ohne Tugend, so Robespierre, sei Terror verh\u00e4ngnisvoll, ohne Terror die Tugend machtlos. Nur der Terror gegen das Verbrechen verschaffe der Unschuld Sicherheit. Vor Lenin und Stalins \u201eGulags\u201c entz\u00fcndete der Aufkl\u00e4rer so eine \u201eS\u00e4uberungswelle\u201c sondergleichen und legitimierte seinen \u201eTugendstaat\u201c durch die Vernichtung all ihrer Kritiker. Das Volk sei \u201edurch Vernunft zu leiten und die Feinde des Volkes durch terreur zu beherrschen\u201c, erkl\u00e4rte Robespierre am 5. Februar 1794 vor dem Nationalkonvent. \u201eDer Terror ist nichts anderes als unmittelbare, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; sie ist also Ausfluss der Tugend; sie ist weniger ein besonderes Prinzip als die Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie in seiner Anwendung auf die dringendsten Bed\u00fcrfnisse des Vaterlandes.\u201c<\/p>\n<p>Wie einst bei Platon, Campanella, Morus oder Bacon \u2013 die Tugend l\u00e4sst sich nur durch eine Verbotskultur kultivieren und der Terror ist das notwendige Band zur Erziehung des Menschen, zu seiner wahrhaften Natur.<\/p>\n<h6>Marx \u2013 der Anti-Utopist und die sozialistische Staats- und Parteib\u00fcrokratie<\/h6>\n<p>War Platon einst der Klassiker der Staatsutopie, so Karl Marx, vor 200 Jahren geboren, der Klassiker der National\u00f6konomie. Seine brillanten Analysen zum Kapitalismus, zum Mehrwert und zur fl\u00e4chendeckenden Ausbeutung, seine Vision einer klassenlosen Gesellschaft und einer vor\u00fcbergehenden Diktatur des Proletariats sind aber keineswegs utopisch, sondern verdanken sich der Umkehrung der Hegelschen Dialektik. Staat spekulativer Selbstobjektivierung des Geistes in seiner geschichtlichen Aneignung, stellt Marx eben Hegel auf die F\u00fc\u00dfe, erkl\u00e4rt nicht den Geist zum Prinzip der Geschichte, sondern die Materie und die Dialektik der Klassenk\u00e4mpfe. Marx war, gleichwohl von vielen vorgeworfen, eben kein Utopist. Der Trierer ist kein Freund von fr\u00fchromantischer Tr\u00e4umerei gewesen, die Blaue Blume Novalis\u2019 ist ihm fremd, die Ideen von Sozialismus und Kommunismus der Fr\u00fchsozialisten und Utopiker Ausdruck blanker B\u00fcrgerlichkeit, die allesamt den Klassenantagonismus negieren. Den franz\u00f6sischen \u201eUtopisten\u201c, Saint-Simonisten und Fourieristen wirft er Mystizismus vor, ihre Utopien seien reine Gedankenkonstruktionen \u2013 weit entfernt vom historischen Wachstum der Machtverh\u00e4ltnisse und des massenhaften Elends. Und so versteht Marx den wissenschaftlichen Sozialismus im Unterschied zu den Utopisten als eine notwendige prozesshafte und dialektische Entwicklung aus der jeweils konkret-historischen Situation heraus.<\/p>\n<p>So sehr Marx Anti-Utopist war, so sehr wurde er f\u00fcr die Utopie des neuen, des sozialistischen Menschen missbraucht. Die neuen Utopisten, Lenin, Stalin und Mao-Tse-Tung ersetzten die Diktatur des Proletariats durch die Herrschaft einer Staats- und Parteib\u00fcrokratie, abgesichert mit Polizei und Milit\u00e4rgewalt, \u00dcberwachung, Bespitzelung und Denunziation. Aus der Utopie der Befreiung wurde Barbarei, Millionen von Menschen so zu Staatsfeinden erkl\u00e4rt, deportiert, vernichtet und umgebracht. Selbst linke Ideologen der 68er Generation beschworen Terror und Gewalt gegen Andersdenkende. Der Sozialismus Marxens ist in Staatskapitalismus und Staatsterrorismus umgeschlagen, zum \u201eroten Faschismus\u201c, wie Wilhelm Reich in seinen Buch \u201eDie Sexuelle Revolution\u201c kritisierte. Der Totalitarismus und die faschistoide Massenpsychologie der Lenins und Stalins und des real existierenden Sozialismus zerschlugen so die urspr\u00fcngliche Idee des Sozialismus als eine Befreiung der arbeitenden Menschen aus den Zw\u00e4ngen von Herrschaft und Ausbeutung. Das 20. Jahrhundert hatte Marx\u2019 Ideale vollkommen korrumpiert und diskreditiert und ihn mit dem Ende der Geschichte (Francis Fukuyama) auf den Schrottplatz der Geschichte geschickt.<\/p>\n<h6>Das Grab der Utopien<\/h6>\n<p>Fazit: Ob bei den Utopien von Ikarien, der Hirtenidylle auf dem Peloponnes, Arkadien oder Elysium \u2013 die Utopien, aus welchem Stoff sie auch geschneidert sind, enden allesamt im Geistesterror, auf dem Schafott, der Guillotine oder in den KZ\u2019 dieser Welt. Das An-sich-Gute verkehrt sich brachial in sein Gegenteil um. Und so tr\u00e4gt der Idealismus immer ein St\u00fcck Terror in sich. \u00dcberall obsiegt die Doktrin, und wer das Gute nicht will, muss dazu gezwungen werden \u2013 und koste es sein Leben. Ob bei den realen, systemimmanent-kritischen Utopien der Lenins und Marx\u2019, sp\u00e4testens mit Stalins linksfaschistischem Terror, Hitlers Holocaust und im real existierenden Sozialismus fielen die K\u00f6pfe millionenfach.<\/p>\n<p>Das Problem bei allen Utopien bleibt der Mensch in seinem So- und Dasein, in seiner Spie\u00dferidylle, in seiner Neigung zu Neid und Triebhaftigkeit, im Hang zum B\u00f6sen und durch seine Freiheit zur Entscheidungsf\u00e4higkeit. Und der Utopist seinerseits erweist sich ungewollt als Henker, dessen Ideen schlie\u00dflich nur brachial wider die Menschennatur und gegen die urspr\u00fcngliche Idee des Guten, Wahren und Sch\u00f6nen umzusetzen sind.<\/p>\n<h6>Die Vernunft bedarf eines Korrektivs<\/h6>\n<p>Die Diktatur der Vernunft bedarf also einer Korrektur. Schon Pascal schrieb in seinen \u201ePens\u00e9es VI, 358\u201c: \u201eDer Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Ungl\u00fcck will es, dass, wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht.\u201c \u201eDas Herz hat seine Gr\u00fcnde, die der Verstand nicht kennt.\u201c Und in 1 K\u00f6nige 3, 5.9-10.16.22-28 fordert der weise Regent Salomon: \u201eVerleih daher deinem Knecht ein h\u00f6rendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom B\u00f6sen zu unterscheiden versteht. Wer k\u00f6nnte sonst dieses m\u00e4chtige Volk regieren?\u201c.<\/p>\n<p>Wie gef\u00e4hrlich die Vernunft ist, wie sehr sie das Abgr\u00fcndige in sich tr\u00e4gt, haben viele, aber eben auch S\u00f6ren Kierkegaard und Papst Benedikt XVI. erkannt und mit ihrem Sprung in den Glauben darauf geantwortet. Und f\u00fcr Papst Franziskus ist es die Barmherzigkeit, denn sie allein \u201ehat Augen, zu sehen, Ohren, zu h\u00f6ren, und H\u00e4nde, um aufzuhelfen.\u201c ,F\u00fcr Fukuyama bleibt es nach dem Untergang der totalit\u00e4ren Regime \u2013 von Kommunismus und Faschismus \u2013 aus dem Geist der Utopie die liberale Demokratie auf der Basis der Grundrechte, dem Rechtsstaatsprinzip und der freien Marktwirtschaft \u2013 sie allein ist anti-utopisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Der M\u00fcnchner Flughafen bleibt ein Erfolgskonzept<\/h1>\n<p>Die Erfolgsgeschichte wird besonders deutlich, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, dass wir 1992, im Jahr der Er\u00f6ffnung des neuen Flughafens, 12 Millionen Passagiere verzeichneten und sich die Zahl der Passagiere seither fast vervierfacht hat. Auch im kommenden Jahr erwarten wir ein deutliches Passagierwachstum. Mit dem Verkehrsaufkommen muss auch die Infrastruktur des Flughafens wachsen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/michael-kerkloh\/13536-interview-mit-michael-kerkloh--2\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p><em>Der M\u00fcnchner Flughafen ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Die Fluggastzahlen stiegen 2017 um 2,3 Millionen auf den neuen H\u00f6chstwert von 44,6 Millionen. Sind damit die Kapazit\u00e4tsgrenzen erreicht? Was w\u00fcnschen Sie sich f\u00fcr 2018?<\/em><\/p>\n<p>Die Erfolgsgeschichte wird besonders deutlich, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, dass wir 1992, im Jahr der Er\u00f6ffnung des neuen Flughafens, 12 Millionen Passagiere verzeichneten und sich die Zahl der Passagiere seither fast vervierfacht hat. Auch im kommenden Jahr erwarten wir ein deutliches Passagierwachstum. Mit dem Verkehrsaufkommen muss auch die Infrastruktur des Flughafens wachsen. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren mit dem M\u00fcnchen Airport Center, dem Terminal 2 und dem Satellitengeb\u00e4ude immer wieder zus\u00e4tzliche Kapazit\u00e4ten geschaffen. Wir wollen unseren Passagieren auch k\u00fcnftig einen hohen Komfort bieten und werden deshalb das 25 Jahre alte Terminal 1 an die Erfordernisse des Luftverkehrs von heute anpassen. Dar\u00fcber hinaus setzen wir auf eine Erweiterung unseres Start- und Landebahnsystems, um den weiter steigenden Mobilit\u00e4tsbedarf auch langfristig befriedigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Der A 350 wird als Superflieger gehandelt, die Lufthansa hat 15 Maschinen f\u00fcr M\u00fcnchen bestellt. Was \u00e4ndert sich durch den Einsatz des Airbus? Was sind die Vorteile des Langstreckenfliegers?<\/em><\/p>\n<p>Die Entscheidung der Lufthansa, bei uns in M\u00fcnchen f\u00fcnfzehn Gro\u00dfraumflugzeuge des Typs Airbus A 350 zu stationieren, hat Signalwirkung, denn wie kein anderes Flugzeug steht der A350 f\u00fcr Innovation und Fortschritt. An Europas erstem \u201e5-Star-Airport\u201c stationiert Lufthansa als \u201e5-Star-Airline\u201c ein ganz ausgezeichnetes Flugzeug, mit dem ein bedeutsamer Generationswechsel auf der Langstrecke eingel\u00e4utet wird. Der Schritt vom A 340 zum A 350 ist gleichzeitig ein Riesenschritt in Richtung eines nachhaltigen und ressourcenschonenden Luftverkehrs. Die A350-900 fliegt so sparsam wie kein anderes Langstreckenflugzeug, der Kerosinverbrauch liegt pro Passagier auf 100 Kilometern bei gerade einmal 2,9 Litern. Gleichzeitig sind die L\u00e4rmemissionen dank der hochmodernen Rolls-Royce Trent Triebwerke und der verbesserten Aerodynamik erheblich geringer als bei den Vorg\u00e4ngermodellen: Der von diesen Flugzeugen beim Start verursachte L\u00e4rmteppich ist deshalb nur noch halb so gro\u00df wie anderen Langstreckenflugzeugen.<\/p>\n<p>_ 2016 wurde der Satellit am Terminal 2 er\u00f6ffnet. Wie ist die Bilanz nach zwei Jahren?_<\/p>\n<p>Mit dem neuen Satellitenterminal f\u00fcr elf Millionen Reisende haben der M\u00fcnchner Flughafen und die Lufthansa nicht nur das Drehkreuz M\u00fcnchen, sondern auch ihre erfolgreiche Zusammenarbeit noch einmal deutlich ausgebaut. Das gro\u00dfartige Geb\u00e4ude, das p\u00fcnktlich und im geplanten Kostenrahmen fertiggestellt wurde, ist nach seinem reibungslosen Start sehr schnell zu einer festen Gr\u00f6\u00dfe im Drehkreuzbetrieb der Lufthansa herangewachsen. Mittlerweile l\u00e4uft das neue Passagiergeb\u00e4ude mit voller Auslastung und die G\u00e4ste aus aller Welt r\u00fchmen die tolle Ausstattung und das lichtdurchflutete Ambiente. Wir haben uns nat\u00fcrlich sehr dar\u00fcber gefreut, dass unser Terminal 2 und damit auch der Satellit im letzten Jahr als weltbestes Terminal ausgezeichnet wurde.<\/p>\n<p><em>Die Eurowings wird ab 2018 Langstreckenfl\u00fcge ab M\u00fcnchen anbieten. Was bedeutet das a: f\u00fcr andere Flugh\u00e4fen in Deutschland, b: f\u00fcr das Drehkreuz M\u00fcnchen und c: f\u00fcr die Kapazit\u00e4t am Standort?<\/em><\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr uns ein enormer Qualit\u00e4tssprung, denn damit gibt es am Flughafen M\u00fcnchen erstmals Low-Cost-Angebote auf der Langstrecke. F\u00fcr die Reisenden bedeutet das, dass mehr Fl\u00fcge zu den besonders beliebten Fernreisezielen zu g\u00fcnstigeren Flugpreisen angeboten werden. Der Vorteil f\u00fcr die Passagiere besteht auch darin, dass mit Eurowings ein besonders hochwertiger und zuverl\u00e4ssiger Anbieter von g\u00fcnstigen Fl\u00fcgen zur Verf\u00fcgung steht. Eurowings hat sich bereits erfolgreich am Markt positioniert und nutzt jetzt ihre Wachstumschancen in M\u00fcnchen. \u201eWin-win\u201c f\u00fcr Airline, Airport und Passagiere, das ist eine optimale Ausgangslage f\u00fcr alle.<\/p>\n<p><em>Zum dritten Mal in Folge belegt die Flughafen M\u00fcnchen GmbH (<\/em><em>FMG<\/em><em>) den Spitzenplatz als \u201eBester Arbeitgeber der Branche Verkehr und Logistik\u201c. Was kann M\u00fcnchen besser als andere Flugh\u00e4fen, was das Geheimrezept?<\/em><\/p>\n<p>Ich freue mich nat\u00fcrlich sehr, dass wir auch \u00fcberregional als ein so guter Arbeitgeber wahrgenommen werden und wir es als erstes Unternehmen aus der Verkehrsbranche in die \u201eTop Ten\u201c geschafft haben. Die ausgezeichneten Bewertungen des Arbeitgebers Flughafen M\u00fcnchen sind ein deutlicher Hinweis auf die hohe Motivation und Identifikation der Mitarbeiter. Der Flughafen als solches ist ja ohnehin schon ein begehrter Arbeitsplatz. Hinzu kommen der \u201eteam spirit\u201c und unser Motto \u201eVerbindung leben\u201c. Beides steht f\u00fcr ein besonderes Miteinander. Gelobt werden von den Mitarbeitern vor allem die interessanten Aufgaben, die gute Arbeitsatmosph\u00e4re, der kollegiale Zusammenhalt, die ausgewogene Work-Life-Balance sowie die vielf\u00e4ltigen Karrierechancen. All das tr\u00e4gt zu einer insgesamt positiven Grundstimmung bei und ist letztlich eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr unseren Unternehmenserfolg.<\/p>\n<p><em>Herr Kerkloh, Sie sprechen gern von Klimaneutralit\u00e4t. Was unternimmt der Flughafen M\u00fcnchen gegen den CO2-Aussto\u00df? Steht ein erh\u00f6htes Flugaufkommen nicht diametral zur Umwelt?<\/em><\/p>\n<p>Wir haben das ambitionierte Ziel, als erster deutscher Flughafen unseren Airport CO2-neutral zu betreiben. Bis zum Jahr 2030 wollen wir daf\u00fcr unsere direkt zurechenbaren CO2-Emissionen um 60 Prozent reduzieren und die verbleibenden 40 Prozent durch geeignete, m\u00f6glichst regionale Kompensationsma\u00dfnahmen, ausgleichen. F\u00fcr dieses Klimaschutzprogramm investieren wir bis 2030 insgesamt 150 Millionen Euro. Wir steigern unsere Energieeffizienz in einem modernen Blockheizkraftwerk, setzen auf regenerative Energien, stellen unseren Fuhrpark auf E-Mobility um und verwenden energiesparende LED-Technik. Wir optimieren Landeanflugverfahren und den Betrieb auf dem Vorfeld, jeder hat seinen Beitrag zu leisten. Fluggesellschaften setzen modernste Flugzeuge ein, nutzen besonders effiziente und ressourcenschonende Triebwerktechnologie und der oben angef\u00fchrte Airbus A350 der Lufthansa ist ein Vorreiter in Sachen Klimaschutz.<\/p>\n<p><em>Im Januar wurde auf dem Flughafen ein Zentrum gegen Cyber-Kriminalit\u00e4t gegr\u00fcndet. Was sind die konkreten Aufgaben?<\/em><\/p>\n<p>Der M\u00fcnchner Flughafen schl\u00e4gt beim Thema IT-Sicherheit ein neues Kapitel auf: Mit dem neuen \u201eInformation Security Hub\u201c (ISH) geht ein Kompetenzzentrum in Betrieb, in dem IT-Spezialisten der Flughafen M\u00fcnchen GmbH (FMG) zusammen mit Experten aus der europ\u00e4ischen Aviation-Branche Verteidigungsstrategien gegen Angriffe aus dem Internet testen und nach neuen L\u00f6sungen im Kampf gegen die Cyber-Kriminalit\u00e4t suchen. Als Flughafenbetreiber sind wir f\u00fcr die Funktionsf\u00e4higkeit einer \u201ekritischen Infrastruktur\u201c verantwortlich und m\u00fcssen den Schutz vor Cyber-Attacken tagt\u00e4glich aufs Neue sicherstellen. Das neue Kompetenzzentrum am M\u00fcnchner Airport dient aber nicht ausschlie\u00dflich der IT-Sicherheit am Flughafen, sondern vielmehr auch einer unternehmens- und branchen\u00fcbergreifenden Kooperation von Firmen, Beh\u00f6rden und andere Institutionen. Die prim\u00e4re Zielgruppe sind Flugh\u00e4fen, Fluggesellschaften und andere Partner aus der Luftverkehrsbranche, die auf Sicherheitsl\u00f6sungen und effiziente und pragmatische Ans\u00e4tze f\u00fcr den Kampf gegen Cyber-Kriminalit\u00e4t angewiesen sind.<\/p>\n<p>Fragen Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Die Politik-Vision\u00e4re und der Seifenblasen-Komplex<\/h1>\n<p>Hierzulande gilt er als Vorzeige-Intellektueller, der in der medialen Welt fast Kultstatus genie\u00dft. Doch Richard David Precht sp\u00fclt immer nur das in den Diskurs, was andere schon dachten. Das hat der Vorzeige-Eklektiker mittlerweile fast perfekt inszeniert. Blamiert sind Deutschlands Intellektuelle. Doch Precht ist nicht der einzige, der das System Seifenblase zum Umgangsjargon gemacht hat.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.photocase.com\">jarts \/ photocase.de<\/a><\/p>\n<p>Standen einst Karl Raimund Popper, J\u00fcrgen Habermas, Peter Sloterdijk und R\u00fcdiger Safranski f\u00fcr die intellektuelle Debattenkultur in der alten Bundesrepublik, f\u00fcr eine akademische Kultur mit Niveau, schwebt nebul\u00f6s mit Richard David Precht nun ein richtiger Modephilosoph durch die medial abgeflachte Welt und bestimmt den Diskurs. Der promovierte Germanist ist f\u00fcr das ZDF der Guru schlechthin, wenn es um Sachen philosophische Aufkl\u00e4rung geht. Precht ist ein geschickter Selbstinszenierer und linker Ideologe, der sich als Weltretter regelm\u00e4\u00dfig aufspielt. Damit passt er wunderbar in die geriatrische Fernsehkultur, die unterhalten und halbseiden gebildet werden will. Monstr\u00f6s verk\u00fcndet Precht das, was andere dachten, verabsolutiert dies und verkauft es als seine origin\u00e4re Philosophie, er w\u00fcrfelt wie ein gro\u00dfer Magier alles zusammen, ist eklektisch und damit eigentlich postmodern \u2013 doch Lichtjahre von der immerhin denkerisch und spielerischen Postmoderne entfernt.<\/p>\n<h6>Die sch\u00f6ne Seifenblase des Pseudo-Talks<\/h6>\n<p>Precht ist der moderne Taschentrickspieler der Philosophie, der auf alles eine Antwort hat \u2013 eine Art Weltgewissen in Personalunion. Das Ganze verkauft er dann mit spielerischer Hochn\u00e4\u00dfigkeit, Arroganz und im Gestus der Besserwisserei wie ein Hohepriester und toleriert dabei nur seine je individuelle Meinung. Argumentativer Diskurs ist seine Sache eben nicht und so macht er die ganze Philosophie zu einer Nullit\u00e4tenbude samt moralischem Zeigefinger. An die gro\u00dfen Denker der abendl\u00e4ndischen Kultur reicht er in Bruchst\u00fccken nicht einmal ansatzweise heran. Was er verkauft, ist aufgeblasener Zeitgeist in monologischer Struktur. Und seine Sendung \u201ePrecht\u201c ist eine sch\u00f6ne Seifenblasenshow, die die intellektuelle Verflachung in ihrer Reinheit widerspiegelt und das akademische Gespr\u00e4ch ins Nirwana geschickt hat.<\/p>\n<h6>Die visionslose Tagespolitik<\/h6>\n<p>Nun hat Deutschlands \u201eVorzeigephilosoph\u201c \u2013 mit seinem sp\u00fcrbar antrainierten Wissen \u2013 der deutschen Politik Visionslosigkeit vorgeworfen und Kurzsichtigkeit bescheinigt. Precht, der die Elite verachtet, weil er aus keiner kommt, Precht, der alles verachtet und mit fast nietzscheanischer Dekadenz aushebelt, ,was nicht in seinen intellektuellen Baukasten passt, erkl\u00e4rte gegen\u00fcber dem \u201eFocus\u201c, dass er \u201eniemanden aus der Riege der gegenw\u00e4rtigen Spitzenpolitiker, der das Pr\u00e4dikat \u201aVision\u00e4r\u2019 zu Recht tragen w\u00fcrde\u201c, w\u00fcsste. Der visionslosen Tagespolitik ermangele es nicht nur an Zeit, die enge Taktung erm\u00f6gliche keine freien Blicke und man m\u00fcsse \u201ev\u00f6llig unterschiedliche Themen gleichzeitig bearbeiten\u201c. Der geistige Horizont sei durch den \u201eRhythmus der Legislaturperioden\u201c beschr\u00e4nkt und ferne Visionen kommen dem abhanden, der kleingeistig im Turnus von zwei bis drei Jahren denke. Die Wiederwahl ins politische Amt wird letztendlich als Kriterium der Kurzsichtigkeit benannt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcberhinaus will Precht die intellektuelle Elite des Landes mehr in politische und zukunftsweisende Diskussionen einbinden. Menschen, \u201edie ausreichend Zeit, Intelligenz und Bildung besitzen, um \u00fcber grundlegende Zukunftsfragen nachzudenken\u201c und deren Ideen zumindest in den \u201e\u00f6ffentlichen Diskurs eingespeist und debattiert werden.\u201c Darin mag Precht sicherlich recht haben: die intellektuelle Kultur hierzulande ist, wie es Arnulf Baring schon vor Jahren beschrieb, im Niedergang. Doch mit seiner Kritik kocht Precht \u2013 als w\u00e4re er der Entdecker der Utopie \u2013 wieder nur das in seinem Suppentopf auf, was allzu bekannt ist.<\/p>\n<h6>Pragmatiker gefragt \u2013 Vision\u00e4re gibt\u2019s genug<\/h6>\n<p>Was wir brauchen, sind keine Vision\u00e4re, keine Gesinnungsethiker, sondern Pragmatiker und Verantwortungsethiker. Intellektuelle Besserwisser \u2013 wie Herrn Precht \u2013 haben wir genug.<\/p>\n<p>EIne Bundeskanzlerin Merkel f\u00fchlt sich, so in ihrer Neujahrsansprache neuerdings verpflichtet, endlich die Bed\u00fcrfnisse aller B\u00fcrger im Auge zu behalten. Doch ihre Vision bleibt ein multikulturelles Deutschland mit Sozialer Marktwirtschaft, der Ausverkauf klassischer Werte und vor allem der ihrer eigenen Partei. Die Bundesb\u00fcrger haben die Richtlinienkompetenz schlicht zu akzeptieren; wer rebelliert, dem droht der Maulkorb.<\/p>\n<p>Mehr DDR war nie nach der Wende im politischen Berlin. Kritik an ihrer Person l\u00e4sst Merkel blindlings liegen. Mit ihrem Satz \u201eIch sehe nicht, was wir anders machen sollten\u201c, hat sie bei vielen deutschen W\u00e4hlern endg\u00fcltig verspielt. Merkels Visionen von der Zukunft eines linken Deutschlands w\u00fcrden selbst bei Helmut Schmidt nur pures Entsetzen ausgel\u00f6st haben und sein damaliger Satz ist mittlerweile Legende: \u201eWer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.\u201c<\/p>\n<p>Auch dem deutschen Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier ist erst zu Weihnachten aufgefallen, dass viele Bundesb\u00fcrger finanziell abgeh\u00e4ngt sind, das ganze Regionen ausbluten, die Altersarmut gravierend steigt und die Schere zwischen arm und reich in Schwindel erregende H\u00f6he schnellt. Und daraufhin entwickelt Steinmeier seine Visionen die Sozialschwachen. Recht sp\u00e4t f\u00fcr einen sozial-verantwortlichen Politiker.<\/p>\n<p>SPD-Funktion\u00e4r und Vision\u00e4r\u201c Heiko Maas tr\u00e4umt gar von einer kritiklosen Gesellschaft, reguliert und bevormundet die Sozialen Medien wie ein gro\u00dfer Polizist. Die linke Bevormundungsrepublik erweist sich so als ein Verkehrswegesystem, das mittlerweile nur noch aus Verbotsschildern besteht. Maas\u2019 Vision ist ein Redeverbot, zumindest, wenn es ungew\u00fcnschte Kritik mit einschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Auchder gro\u00dfe Wahlverlierer und nun Neu-Sondierer, SPD-Chef Martin Schulz, hat eine Vision. Er tr\u00e4umt gar von einem geeinten Europa, wie das \u2013 bei allen nationalen Verschiedenheiten und der weitgehenden Uneinigkeit in Sachen Fl\u00fcchtlingsverteilung \u2013 funktionieren soll, darauf hat auch der ehemalige Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Parlamentes keine Antwort.<\/p>\n<p>Kurzum: Sowohl aufgeblasene Gutmenschen-Philosophen als auch eine politische Elite, die nur auf eine Wohl- und Floskelpolitik abstellt und letztendlich nur den eigenen Machtanspruch samt Wiederwahl sichern will, bleiben Seifenblasen-Statisten. Und die Gro\u00dfe Koalition ist ein Sammelsurium von Vision\u00e4ren, die, wenn sie mit ihrer Politik des Weiter-so weitermachen, letztendlich aber nur Visionslose bleiben.<\/p>\n<h1>\u201eEs gibt keine linke Republik und keine linke Mehrheit in Deutschland.\u201c<\/h1>\n<p>P\u00fcnktlich zur allj\u00e4hrlichen CSU-Klausur will CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt h\u00e4rter gegen Extremisten unterschiedlicher Couleur vorgehen. Dobrindt fordert nicht nur einen starken Staat, sondern setzt sich entschieden f\u00fcr eine \u201eneue konservative B\u00fcrgerlichkeit\u201c ein. Die Debattenkultur in der Bundesrepublik wird derzeit von einer linken Minderheit dominiert. Es ist Zeit f\u00fcr einen Aufbruch.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13326-dobrindt-wir-brauchen-eine-neue-buergerlichkeit\">BMVI <\/a><\/p>\n<h6>\u201eWir brauchen eine b\u00fcrgerlich-konservative Wende\u201c<\/h6>\n<p>In einem Gastbeitrag f\u00fcr die Tageszeitung \u201eDie Welt\u201c ruft der CSU-Politiker zu einem konservativen Aufbruch auf. \u201eWir brauchen den Aufbruch einer neuen B\u00fcrgerlichkeit, die sich ihrer Werte und Freiheit bewusst ist\u201c. \u201eWir brauchen den Aufbruch in eine neue, konservative B\u00fcrgerlichkeit, die unser Land zusammenf\u00fchrt, unsere Wertegemeinschaft st\u00e4rkt und unsere Freiheit verteidigt.\u201c<\/p>\n<p>Wie der ehemalige Verkehrsminister betont, f\u00fchlen sich viele B\u00fcrger angeh\u00e4ngt und haben das Gef\u00fchl \u201edass sie in den Debatten mit ihren Positionen, ihren Meinungen und ihrem Alltag nicht mehr stattfinden. Dass der politische Kampf um Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und Toleranz allen gilt, nur nicht ihnen. Dass diejenigen, die viel \u00fcber Vielfalt reden, in Wahrheit nur eine Meinung akzeptieren \u2013 ihre eigene\u201c. Wie der CSU-Chef der Landesgruppe im Deutschen Bundestag erkl\u00e4rt, lebt die Mehrheit der Menschen in Deutschland b\u00fcrgerlich, eine gibt \u201ekeine linke Republik und keine linke Mehrheit in Deutschland.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr den linken Zeitgeist macht Dobrindt die 68er-Bewegung mit ihrer Ideologie als \u201egeistige Verl\u00e4ngerung des Sozialismus\u201c verantwortlich. Doch die Zeiten, wo linke Vision\u00e4re regierten, sei endg\u00fcltig vorbei. \u201eAuf die linke Revolution der Eliten folgt eine konservative Revolution der B\u00fcrger.\u201c<\/p>\n<p>\u201eLinke Ideologien, sozialdemokratischer Etatismus und gr\u00fcner Verbotismus hatten ihre Zeit. Der neue Islamismus attackiert Europas Freiheitsidee und Selbstverst\u00e4ndnis und darf seine Zeit gar nicht erst bekommen.\u201c<\/p>\n<p>Auch mit Blick auf die Integration von Muslimen in Deutschland bezieht der CSU-Landesgruppen-Chef deutlich Position.<br \/>\n\u201eWer integrieren will, muss auch wissen, wohin \u2013 in welche Gesellschaft und welches Wertesystem. In unseren Klassenzimmern h\u00e4ngen Kreuze, bei uns geben sich Mann und Frau die Hand, bei uns nehmen M\u00e4dchen am Sportunterricht teil, wir zeigen in der \u00d6ffentlichkeit unser Gesicht. Das muss jeder akzeptieren, der in Deutschland wohnt. Scharia und Burka, Kinderehen und Zwangsverheiratungen, islamistische Hasspredigten und religi\u00f6se Hetze haben in unserem Land keinen Platz.\u201c<\/p>\n<p>Mit Quellen der dpa<\/p>\n<h1>Was bleibt von Samuel Beckett?<\/h1>\n<p>Mit \u201cWarten auf Godot\u201d hat der irische Schriftsteller Samuel Beckett sein Meisterst\u00fcck vorgelegt. Am 5. Januar 1953 wurde dieses vom Th\u00e9\u00e2tre de Babylone in Paris uraufgef\u00fchrt. Was bleibt von Samuel Beckett? Was k\u00f6nnen wir von \u201cWarten auf Godot\u201d heute noch lernen?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13316-warten-auf-godot\">Shutterstock<\/a><\/p>\n<p>Unverst\u00e4ndlichkeit wird Samuel Beckett von vielen Kritikern vorgeworfen; seine St\u00fccke seien von Absurdit\u00e4ten durchtr\u00e4nkt, so dass es kaum gel\u00e4nge, Sinnzusammenh\u00e4nge, Sinnhaftigkeit, all dem zu entnehmen. Ein Blick in die Texte mag die Betroffenheit manches Lesers unterstreichen, der sich anschickt, hier lebensweltliche Kost \u2013 gleichsam vom Lehnsessel der Bequemlichkeit \u2013 als H\u00e4ppchen zu erhalten. Ideen-Zapping f\u00fcr ein spie\u00dfb\u00fcrgerliches Denken, das sich auf den Status quo seiner heimatlichen Existenz verschr\u00e4nkt, um der Tristesse des Alltags schlagkr\u00e4ftig zu entgegnen, daf\u00fcr steht Beckett eben nicht. Gerade in der Verweigerung, ein brauchbares und vor allem unhinterfragbar-bestehendes Lebenskonzept vorzulegen, darin zeigt sich der aus Irland stammende Denker als profunder Kenner des Absurden.<\/p>\n<p>Es ist feingliedriger Nihilismus, wie \u00fcbrigens bei Nietzsche auch, der Beckett in seinen Theaterst\u00fccken vorschwebt. Aus der Erfahrung des Nichts heraus begegnet dem Menschen eine Welt, die non-konformistisch ist. Das Gesch\u00e4ft des Lebens besteht eben darin, diesen Nihilismus zu ertragen, sich mit ihm auseinanderzusetzen. In dieser nichtigen Welterfahrung liegt der Gedanke an Selbstt\u00f6tung nahe, denn was soll das Spiel mit der Zukunft, wenn sich Bestehendes nur wiederholt. Was von vielen Philosophen als Alternative zumindest angedacht wird, der Freitod, das lehnt Beckett als nichtige L\u00f6sung ab.<\/p>\n<p>Die Blase vom Ideenhimmel, von einem transzendenten Ideenhimmel, von dessen Bestehen man Trost und Hoffnung speisen k\u00f6nnte, so Becketts Existentialismus und Surrealismus, ist geplatzt. Der einzige Trost, und dies erinnert an den skeptischen Sokrates und an Sextus Empiricus, bleibt das Verharren im Ungewussten, im Selbstzweifel und in der als nichtig erfahrbaren Wirklichkeit. Es gibt kein absolutes Telos als Trost der Philosophie mehr, wie noch Boethius meinte, sondern nur noch blanke Existenz, die mit einer Zukunft spielt, die sie \u00fcberhaupt nicht mehr einholen kann.<\/p>\n<p>Die Sprache Becketts in der er diese Absurdit\u00e4t verk\u00fcndet, ist zweifellos ironisch, l\u00e4dt sich mit Witz und bitterem Sarkasmus auf. Statt absoluter Tristesse herrscht zumindest das gegen das Nichts aufbegehrende Sprachspiel, das zwischen Todesgedanken und verzweifelter Hoffnung vermittelt.<\/p>\n<p>Immer wieder wurde von der modernen Sekund\u00e4rliteratur darauf hingewiesen, dass sich in Becketts St\u00fccken nichts ereigne, dass sich das Unver\u00e4nderliche als einzige Konstante erhalte. Tats\u00e4chlich sind \u201eWarten auf Godot\u201c und das \u201eEndspiel\u201c, die den \u201eIdealen\u201c des absoluten Theaters verpflichtet sind, rein statische St\u00fccke, wo sich dem Zuschauer eine ewig wiederholende, ewig stagnierende Welt in Erscheinung bringt. Hierbei zeichnet sich tats\u00e4chlich ein Moment dessen aus, das man sp\u00e4ter als Postmoderne feiern wird, was in Derridas \u201eDifferance\u201c-Schrift letztendlich kulminiert. Denn: Sinn zeigt sich nicht im Blick auf ein Intendiertes, sondern entzieht sich permanent. Es gibt nur noch Spuren von Sinn, die selbst wieder auf Spuren verweisen \u2013 Rhizome, so nannten es Gilles Deleuze und Felix Guatteri. Existiert also keine Sinnperspektive, so bleibt es das Erlebnis des Unmittelbaren allein, aus dem der Interpret Sinn erschlie\u00dfen muss. Anstelle eines vorbestimmten Interpretationshorizontes setzt sich das nunmehr als autonom erfahrende Individuum \u2013 in der Erfahrung des Nichts \u2013, das seine Welt interpretieren soll, ohne darauf hoffen zu d\u00fcrfen, dass es sich in dieser Welt auch nur vor\u00fcbergehend einnisten darf. Vorl\u00e4ufigkeit und Langeweile als Schleife, dies sind die Kategorien des \u00c4sthetischen in Becketts Werk.<\/p>\n<p>Der Existentialismus von Jean Paul Sartre und von Albert Camus ist im Werk Becketts immer vernehmbar. Der Mythos des Sisyphus, das permanente Scheitern an einer Sinn aufgeladenen Welt f\u00fchrt aber auch bei Camus, ebenso wenig wie bei Beckett, in die endg\u00fcltige Aporie, sondern wird zum Zeichen eines weltperspektivischen Denkens, das davon \u00fcberzeugt ist, die absurde Wirklichkeit zumindest zu ertragen, die \u201egl\u00fccklichen\u201c Tage zu \u201e\u00fcberwinden\u201c. \u00dcberwindung meint aber hier nicht endg\u00fcltigen Sinn zu finden, sondern nur, die empfundene Sinnlosigkeit anzunehmen.<\/p>\n<p>Bei aller Wiederkehr des Gleichen wird in Becketts St\u00fccken \u2013 \u00fcber die Erfahrung der Negativit\u00e4t hinaus \u2013 f\u00fcr eine Transformation ins Positive geworben. Sisyphos nimmt sein Schicksal an und versteht dieses als sein lebensweltliches Gl\u00fcck; die Protagonisten in \u201eWarten auf Godot\u201c begreifen ihren sinnlos verstellten Alltag als ein Hoffen auf Godot, m\u00f6glicherweise auf Gott, der immer wieder angek\u00fcndigt wird, sich der Ankunft aber immer verweigert, entzieht; bei aller Absurdit\u00e4tserfahrung spricht Beckett eben auch von \u201egl\u00fccklichen Tagen\u201c.<\/p>\n<p>Ein Blick in die moderne Alltagswelt, in die Szene- und Diskokultur, best\u00e4tigt die von Beckett beschriebenen Ph\u00e4nomene. Hier rangiert das Nichts an erster Stelle, hier findet sich kaum Sinnhaftigkeit, sondern nur eine Flucht in das vor\u00fcber ziehende Ver\u00e4nderliche, der unmittelbare Genuss regiert. Statt Liebe grenzenloser Eros, statt Verantwortung grenzenlose Selbstsucht, statt Sinnsuche ewiges Vergessen, blind spr\u00fchende Energien, wie auch Bataille feststellte, der Verschwendung. Die selbstgen\u00fcgsame Flucht in die Diskotheken, das scheinbare Ideal, hier \u201eErl\u00f6sung\u201c, ad\u00e4quates Selbstsein, zu finden, wird zum einzigen Ziel pseudoreligi\u00f6ser Sinnsuche; das Nichts dabei zum Religi\u00f6sen verkl\u00e4rt. Die Entt\u00e4uschung bleibt gro\u00df, wenn sich das frenetisch Gepriesene letztendlich als Illusion erweist.<\/p>\n<p>Was, so l\u00e4sst sich nun fragen, bleibt von Beckett? Die Beschreibung einer Welt, in der die Negativit\u00e4t und das Absurde regieren, kann nicht geleugnet werden \u2013 die Pr\u00e4senz von Sinnlosem ist zu offenkundig, die Langeweile des Daseins regiert und beschneidet jedem Enthusiasmus die Fl\u00fcgel. Mit dieser profunden Zeitanalyse hat Beckett, der diese Ph\u00e4nomene zu Eckpfeilern seines Theaters macht, recht, hier ist er genialer Psychologe. Allein bei diesem negativen Befund stehen zu bleiben, damit begn\u00fcgt auch er sich nicht. Was bleibt ist eine Hoffnung, die nicht geschenkt, die immer \u00fcber einen Verlust erkauft werden muss. F\u00fcr Beckett entzieht sich zwar das gro\u00dfe Geb\u00e4ude metaphysischer Spekulationen, doch ein Blick in die heutige Lebenswelt zeigt auch ein dem Schein des allt\u00e4glichen Hinvegetierens Entgegengesetztes. Im Umfeld des Sinnlosen w\u00e4chst der Glaube an das Sinnhafte, an die Stelle eines radikalen Werteverfalls und Nihilismus tritt zusehends das Religi\u00f6se, das sich zunehmend seine Gebiete erobert.<\/p>\n<p>Es ist aber keineswegs das Religi\u00f6se im Zwangskorsett dogmatischer Kirchenlehren, das von der Jugend bejaht wird, auch wenn ein Blick auf den Petersplatz in Rom das Gegenteil belehrt, denn auch hier zeigt sich eine Generation vom religi\u00f6sen Aufwind getragen, sondern eher ein zivilreligi\u00f6ses Denken, das die Nischen individueller Sinnsuche ausf\u00fcllt und nachhaltig pr\u00e4gt. Der Bannkreis, in dem das Religi\u00f6se oder, wie Jaspers sagt, das \u201eUmgreifende\u201c Stellung bezieht, hat Konjunktur, erlebt eine wahrhafte Renaissance.<\/p>\n<p>Hoffnung bleibt das letzte Wort, sie zu verlieren, endete \u2013 auch f\u00fcr Beckett \u2013 in der absoluten Katastrophe. Man muss nur lernen, mit dem Absurden zu leben, es ertragen \u2013 eine zweifellos schwierige Last. Dies ist es, woran uns Beckett erinnert.<\/p>\n<h1>Die Tattoo-Gesellschaft exponiert sich<\/h1>\n<p>Jeder neunte ist in Deutschland t\u00e4towiert. Die T\u00e4towierkultur erlebt eine Renaissance wie nie zuvor. Doch was steckt eigentlich dahinter \u2013 au\u00dfer Selbstinszenierung? Reines Rebellentum oder doch die Suche nach einem St\u00fcck Heimat?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13302-vom-arschgeweih-zum-massenkult\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>Ganzk\u00f6rper- und Gesichtstattoos sind \u201ein\u201c. Das rituell zelebrierte \u201eArschgeweih\u201c \u201eout\u201c. Ob die Beckhams, Johnny Depp, Sarah Connor, Tommy Lee oder Fu\u00dfballer wie Mesut \u00d6zil, Lukas Podolski oder J\u00e9r\u00f4me Boateng \u2013 sie alle sind t\u00e4towiert. Nie erlebte das Tattoo eine derartige fl\u00e4chendeckende Renaissance wie derzeit \u2013 quer durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch. Statt monolithischer Bl\u00e4sse gleichen viele K\u00f6rper Litfa\u00dfs\u00e4ulen. Tattoos haben mittlerweile Starqualit\u00e4t, setzen Trends und finden Millionen von Nachahmern.<\/p>\n<p>Die Zeiten als die Tattoos verp\u00f6nt, Brandzeichen und Signum des Inhumanen von Sklaven und KZ-H\u00e4ftlingen waren, sind vorbei. Aber auch 08\/15 T\u00e4towierungen geh\u00f6ren der Vergangenheit an wie die Stigmatisierung ihrer Tr\u00e4ger. Das Tattoo ist l\u00e4ngst aus den Abgr\u00fcnden in die Kunst und Lifestyle-Szene abgewandert, ist keineswegs mehr Zeichen subalterner Kultur von Underdogs, R\u00e4ubern, kriminellen Bandenmitgliedern, Matrosen oder Prostituierten, die ihnen als \u00e4tzendes Mahnmal anlastete.<\/p>\n<h6>Ein globaler Trend<\/h6>\n<p>Ein Blick in die Geschichte zeigt: Seit 7000 Jahren gibt es sie, die T\u00e4towierungen: Bevor die Globalisierung eigentlich erfunden wurde, war das T\u00e4towieren schon ein allverbreitetes Ph\u00e4nomen \u00fcber alle Zeiten, Orte und Kulturen hinweg. Ob die Gletscher-Mumie \u00d6tzi mit ihren 47 Tattoos, ob bei den Skythen, \u00c4gyptern, Polynesiern, im alten Australien, China und Chile, bei der \u00e4gyptischen Priesterin Amunet aus der XI. Dynastie vor 4000 Jahren \u2013 in allen Kulturen kamen den Symbolen objektive Geltung zu, waren Tattoos entweder symbolisch aufgeladen und verwiesen auf einen spirituellen Kern, waren Abbilder des G\u00f6ttlichen und tugendhafter St\u00e4rke oder Rangabzeichen kampferprobter Siege, Totem und Abschreckbild gegen b\u00f6se Geister, die man auf nackter Haut pr\u00e4sentierte und die eine todernste Angelegenheit bedeuteten. Sie waren signifikante Zeichen kultischer Wert- und Normvorstellungen und identischer Repr\u00e4sentanz.<\/p>\n<h6>Das religi\u00f6se Bild-Verbot<\/h6>\n<p>Erst mit dem Judentum und dem Christentum, aus der Aufkl\u00e4rung des Hellenismus geboren, \u00e4nderte sich der Tattookult, trat an die Stelle bunter Symbolwelten das Symbolverbot. Schon im Buch \u201eMose\u201c hei\u00dft es: \u201eUnd einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und ge\u00e4tzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr.\u201c (3. Mose 19,28). Einzige Ausnahme waren bis 1890 katholische M\u00e4dchen in Bosnien, die t\u00e4towiert wurden, um einen \u00dcbertritt zum Islam zu verhindern.<\/p>\n<p>Rigide in Sachen Tattoo waren und sind auch noch die Japaner: 1872 Tattoo-Verbot, Aufhebung erst 1948. Im fernen Osten assoziiert man mit den Tattoos immer noch die Zugeh\u00f6rigkeit zur Mafia, zu Yakuza. Viele \u00f6ffentliche Orte bleiben f\u00fcr die Tr\u00e4ger ein Tabu. Aber genau in diesem Japan existiert auch eine feine T\u00e4towier-Kultur, die sich nicht der amerikanischen und europ\u00e4ischen Schmuck- und Modeindustrie anbiedert, sondern den Regeln des Zen-Buddhismus unterwirft. Uralte Mythologien samt Bildergeschichten werden rituell weitergegeben und erleben derzeit bei Tattoo-Meister Horiyoshi III. ihren kultischen H\u00f6hepunkt.<\/p>\n<h6>Der neue mediale Hype und die Instagram-Inszenierung<\/h6>\n<p>Heutzutage zeichnet sich in der Parteikultur des Westens ein anderes Bild als im fernen Japan. Ob auf dem Fu\u00dfballplatz oder dem Roten Teppich, die in die Haut gestochenen Symbole verleihen ihren Tr\u00e4gern eine sehr subjektive Deutungshoheit, sind quasi Pseudo-Identit\u00e4tsmerkmale, die f\u00fcr eine zweifelbare Unverwechselbarkeit und einen noch zweifelhafteren Autonomieanspruch stehen. Halbsternchens posieren und flunkern auf Fernseh-Partys und unterstreichen so mit aller Dramatik die Einmaligkeit ihrer Existenz. Auf Instagram und Facebook l\u00e4uft die ganze Inszenierung von Gesichts- und Ganzk\u00f6pert\u00e4towierungen auf Hochtouren \u2013 garniert mit absolut weiblicher Kurvenf\u00fclle. Follower garantiert. Dabei rangieren im Ranking der ausgefallenen Symbole die Frauen sogar \u00fcber den M\u00e4nnern. Und im biederen Deutschland folgt fast die H\u00e4lfte aller 19- bis 24-J\u00e4hrigen dem derzeit wohl kultigsten und angesagtesten Trend. Jeder neunte ist hier mittlerweile t\u00e4towiert. Je mehr Tattoos, so das Credo der Stunde, umso besser \u2013 getreu der Maxime \u201eIch habe ein Tattoo und bin jetzt kein Spie\u00dfer mehr!\u201c<\/p>\n<p>Bei soviel Selbstinszenierung f\u00fchlt sich der, der nicht t\u00e4towiert ist im Freibad und an Europas Str\u00e4nden mittlerweile als Ausgegrenzter, als bedeutungslos, nackt und botschaftsleer, als ein konservativer Spie\u00dfb\u00fcrger, der mit seiner wei\u00dfen Haut einem vergangenem Sch\u00f6nheitsideal hinterherl\u00e4uft, beziehungsweise, dieses kultiviert, der sich dem Lauf der Moden br\u00fcsk entgegenstellt.<\/p>\n<h6>Die ver\u00e4nderte Bildsprache<\/h6>\n<p>Doch wie sich die Moden ver\u00e4ndern, l\u00e4sst sich schlie\u00dflich auch an der Geschichte des Tattoo selbst ablesen. War es in der archaischen Welt und in den fr\u00fchen Kulturen einst ein symbolisches Zeichen im Sinne des Philosophen Ernst Cassirers, Zeichen der symbolischen Pr\u00e4gnanz, die f\u00fcr die Unmittelbarkeit des Erlebten stand, hat es seinen Sinn im Zeitalter der Moderne und Post-Post-Moderne ver\u00e4ndert. Symbole sind heute \u2013 vielmals religi\u00f6s entkleidet \u2013 Zeichen von Narzissmus und hybrider Selbstinszenierung. Der neue Mythos ist das Individuum selbst, das gegen seine Austauschbarkeit rebelliert. Die Bildsprache und Symbolik haben sich ihre R\u00e4ume zur\u00fcckerobert. Doch das Magische ist verlorengegangen. Exklusivit\u00e4t, Selbstdarstellung, Geltungssucht und Abgrenzung sind in die Stelle der Ernsthaftigkeit und Totemkultur getreten. Man t\u00e4towiert sich wie es nach Belieben gef\u00e4llt und verleiht seinem Habitus so eine vorreflexiv soziale Zugeh\u00f6rigkeit wie Pierre Bourdieu in seinem \u201eHabitus Konzept\u201c bemerkt.<\/p>\n<p>Selbst beim derzeitigen T\u00e4towierungsboom moderner Spa\u00dfgesellschaften bleibt die Sache mit den eingeritzten Symbolen sicherlich nur eine Modeerscheinung, die wie die Meeresbrandung mal aufbraust und wieder verebbt, die so inflation\u00e4r, sporadisch und kurzfristig ist wie die einzelnen Modewellen es selbst sind. Denn als L\u2019art pour l\u2019art ist sie allzu verg\u00e4nglich, um wahre Kunst zu sein. Was sie aber deutlich in allen ihren Facetten zum Ausdruck bringt, ist eine Rebellion gegen die bestehende Ordnung. Und damit zeigt sie sich auch als eine \u00c4sthetik des Widerstandes.<\/p>\n<h6>Auf der Suche nach der neuen Heimat?<\/h6>\n<p>Gerade in Zeiten, wo der R\u00fcckzug ins Individuelle Ausdruck der Egogesellschaft und der sozialen Verarmung ist, zeigt sich die \u201ek\u00fcnstlerische Selbststilisierung\u201c zumindest als stummer Protest von Selbstbehauptung, als k\u00f6rperlicher Ausdruck fehlender sozialer Anerkennung, um aus der Vermassung \u201eherauszustechen\u201c.<\/p>\n<p>Aber auch mit Blick auf eine Gesellschaft, die permanent diffundiert, die por\u00f6s und offen ist, gleichwie sie sich politisch und gesellschaftlich immer mehr polarisiert, wird deutlich: Man vertraut als sinngebender Kraft weniger der Vernunft als Flamme der Selbstbestimmung und Erkenntnis im Sinne Immanuel Kants, sondern man bekennt sich zu einer Sprache der neuen K\u00f6rperlichkeit, verbunden mit einer romantisch-verkl\u00e4rten Sehnsucht nach Heimat, nach einer Welt, die sich nicht permanent ver\u00e4ndert, sondern die man f\u00fcr sich wie einen Schatz verwaltet, f\u00fcr die man mit seinem Tattoo selbst steht.<\/p>\n<p>Rebellion, Individualisierung und Selbstbehauptung einerseits sowie die neu entdeckte K\u00f6rperlichkeit als Ausdruck der eigenen heilen Welt, als Schutzraum, andererseits, stehen letztendlich f\u00fcr die ganze Ambivalenz des Tattookults. Das Sch\u00f6nheitsideal bleibt dabei aber anf\u00e4llig, es birgt zumindest die Gefahr in sich, immer wieder und unbedingt zu gefallen und aufzufallen. Letztendlich bleibt es so ein ewiger Kreislauf von Selbstbesch\u00e4ftigung, der unsozial ist. Was wir dagegen brauchen, ist mehr soziales Engagement! Die blo\u00dfe Selbstbezogenheit bleibt ein Krebsgeschw\u00fcr und eine Gei\u00dfel der modernen Menschheit. Und diese hat auch Papst Franziskus in diesem Jahr wiederum in seiner Weihnachtsbotschaft scharf kritisiert.<\/p>\n<h1>Wer war Heinrich Heine?<\/h1>\n<p>Vor 220 Jahren feierte die deutsche Literatur eine Wiedergeburt par excellence. Der Sp\u00f6tter unter den Dichtern war geboren. Mit Heinrich Heine entz\u00fcndete sich die heilige Flamme der Literatur in einem neuen Gewand. F\u00fcr Judenhasser und Nationalisten war er ein Qu\u00e4lgeist, f\u00fcr Zeitgenossen ein brillanter Analytiker und Chronist und f\u00fcr Journalisten ein Vorbild.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13096-geburtstag-eines-genies-der-dichter-der-deutschen\">gemeinfrei<\/a><\/p>\n<p>Gescholten und bewundert, gepriesen und verabscheut, die Facetten der Heineinterpretation sind vielgestaltig. Spektakul\u00e4r ist Heine auf jeden Fall gewesen, auch wenn sein Abtritt von der Weltb\u00fchne vor 150 Jahren alles andere war. Das Sein zum Tode, das Heidegger sp\u00e4ter als Existential seiner Seinsanalyse zugrunde legen wird, verstellte Heine nicht die eigene, von Schmerzen zerr\u00fcttete Lebenswelt, er \u00fcberwand das Schicksal, in dem er es annahm; statt vita contemplativa reinste vita activa, reinste Schaffenskraft. Der am Lebensende erschienene Gedichtsband \u201eRomanzero\u201c und das 1854 ver\u00f6ffentlichte politische Verm\u00e4chtnis \u201eLutetia\u201c veranschaulichen dies nachhaltig. Die legend\u00e4ren, selbst Geschichte gewordenen Selbstbeschreibungen, die der Literat in den letzten acht Jahren von seiner \u201eMatrazengruft\u201c aus liefert, zeigen die ganze Existentialit\u00e4t, das j\u00e4he und nie erl\u00f6schende Ringen mit dem Leben.<\/p>\n<p>Kaum eine Pers\u00f6nlichkeit, von Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche einmal abgesehen, war ambivalenterer Natur als Heine. Er war Hellene, deutscher Klassiker und Romantiker in einem. Heine war aber auch Kosmopolit, Kommunist, Theologe, Dandy und vor allem Journalist. Marcel Reich-Ranicki nennt ihn gar den bedeutendsten Journalisten unter den deutschen Dichtern und begreift ihn als ber\u00fchmtesten Dichter unter den Journalisten. Eher als Karl Kraus und Egon Erwin Kisch pr\u00e4gte, ja, kreierte Heine jenen idealen Journalismus, den man heutzutage in den Gazetten vermisst. Es ist nicht der Romantiker, der \u00fcber das Zeitgeschehen lasziv reflektiert, sondern der scharfe Analyst, der Dialektiker des Geistes, der Lessing ma\u00dfgebliche Impulse verdankte.<\/p>\n<p>Der wahrscheinlich am 13. Dezember 1797 geborene und im Geist des Judentums erzogene Harri Heine, der erst nach seinem Bekenntnis zum Christentum 1825 zu Heinrich Heine wurde, bleibt der Erfinder aller journalistischen Genres. Getreu der Maxime, die in der sp\u00e4teren Ph\u00e4nomenologie zum Schlagwort wurde, wollte Heine nicht hinter den Ph\u00e4nomenen suchen, sondern zu den Sachen selbst kommen. Wollte man daher einen kategorischen Imperativ formulieren, der als Sollensanspruch seinem politischen Journalismus zugrunde gelegt werden k\u00f6nnte, so m\u00fcsste er lauten: \u201eSchreibe so, dass die beschriebenen Ph\u00e4nomene der Wahrheit entsprechen.\u201c Damit ist zugleich ein wesentliches Merkmal dieses Journalismus benannt: Wahrheit. Wahrheit bedeutet f\u00fcr Heine Authentizit\u00e4t und impliziert die Autonomie des Verfassers \u2013 seine Unbestechlichkeit. Als Journalist suchte er nicht nach der Hinterwelt, zu der er sich, er, der sich zum Kommunismus von Marx und Engels hingezogen f\u00fchlte, als theologisch-inspirierter und bibelfester Denker bekannte, sondern nach der Offenbarung des \u201ewirklich Wirklichen\u201c. Gott spielte, dies verst\u00e4rkt sich noch im Alterswerk, eine bedeutende Rolle in Heines Denken, nur, in den Journalismus geh\u00f6rt er eben nicht.<\/p>\n<p>Man w\u00fcrde den in D\u00fcsseldorf geborenen Heine falsch verstehen, reduzierte man sein Denken auf einen platten Atheismus, der alle theologischen Bez\u00fcge verleugnet. Heine war und blieb bis zum letzten Tag seines Lebens religi\u00f6s, ein zivilreligi\u00f6ser Denker, wenngleich er sich von jeder Religion distanzierte, die ihre Glaubenss\u00e4tze in Dogmen fasste. Jede Vereinnahmung der Religion durch das Zwangskorsett der Kirche und durch ihre subalternen Hierarchien lehnte er kategorisch ab \u2013 \u201eDeutschland, Ein Winterm\u00e4rchen\u201c bleibt \u00fcberzeugendes Beispiel hierf\u00fcr.<\/p>\n<p>Aber auch mit seinen \u201eDie schlesischen Weber\u201c schreibt Heine Journalismusgeschichte, denn hier deckt er soziale Missst\u00e4nde gnadenlos auf. Statt dem vielbeschworenen Gesinnungsjournalismus Tribut zu zollen, der auf das unmittelbare Tagesgesch\u00e4ft abzielt, ist Heine Verantwortungsethiker, der die Waffe des Schreibens bewusst einsetzt, um \u00fcber soziale Missverst\u00e4ndnisse nicht nur aufzukl\u00e4ren, sondern auch auffordert, die Missst\u00e4nde zu beseitigen. Die kritische Analyse des Zeitgeschehens, dieser frontale Angriff auf die despotischen Gesinnungsethiker und ihre politischen Intrigen zeichnet den scharf und pr\u00e4zis argumentierenden Journalisten Heine aus; die Sprache bleibt gezieltes Medium dauernder Provokationen, sie ist das kr\u00e4ftigste Mittel bei der Enttarnung jeder Sch\u00f6nhuberei.<\/p>\n<p>Die radikal-inszenierte Kritik am politischen System endete, auch dies bleibt ein Ph\u00e4nomen, das im 21. Jahrhunderts die Journalisten provoziert, im Publikationsverbot, in der radikalen Zensur. Heine war unbeliebt, unbequem \u2013 ein kritischer Geist par excellence, dessen Wahrheitsempfinden nicht nur den braunen Machthabern sp\u00e4ter ein Dorn im Auge wurde, sondern auch all jenen, die Wasser predigten und heimlich Wein tranken. Die B\u00fccherverbrennung, der Index, all dies nur Resultate eines politischen Despotismus, der sich jeder kritischen Zeitanalyse verschloss.<\/p>\n<p>Die Radikalit\u00e4t des Schreibens, die eineindeutige Argumentation im Geschriebenen, die Authentizit\u00e4t der dargestellten Ph\u00e4nomene, dies ist es, was man im 21. Jahrhundert von Heine lernen kann, Zeichen eines Journalismus, der sich den Idealen der Aufkl\u00e4rung und des Humanismus gegen\u00fcber verpflichtet wusste, dem das geschriebene Wort damit zur politischen Tat wurde, ja, zu einer Revolution des Denkens f\u00fchren sollte. Heine war also kein Literat, der sich auf den a-politischen Diskurs zur\u00fcckzog, kein Denker des Unpolitischen. Der Lyriker, der zugleich mit der romantischen Tradition bricht, blieb Reporter im idealen Sinn, der \u2013 auch heute noch \u2013 aus Bagdad, Islamabad oder aus irgendeiner Krisenregion authentisch berichten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Heine war, und dies zeichnet ihn aus, Anwalt der Armen, Anwalt der Entrechteten und Unterdr\u00fcckten \u2013 ein Grund mehr, sich mit seinem Werk erneut und intensiv auseinanderzusetzen. Seine Berichte, die er f\u00fcr die \u201eAugsburger Allgemeine Zeitung\u201c schreibt, die Beschreibung der franz\u00f6sischen Zust\u00e4nde lassen Heine aber auch zu einem Denker werden, der zwischen den Kulturen vermitteln will. Interkultureller Diskurs, Auss\u00f6hnung und eine friedliche Globalisierung der Lebenswelt bleiben Heines letztes Wort, dies sein europ\u00e4isches Verm\u00e4chtnis, dies sein \u00fcbernationaler Geist. Heine wurde immer vorgeworfen, dass er keine Heimat h\u00e4tte, Heine ist und bleibt Kosmopolit.<\/p>\n<h1>Juli Zehs \u201eUnterleuten\u201c am Weimarer Nationaltheater<\/h1>\n<p>Mit \u201eUnterleuten\u201c hat Juli Zeh einen Gesellschaftsroman par exellence geschrieben. Waren einst Grass, Walser und B\u00f6ll die Titanen der Deutschen Literatur, ist mit Zeh der Abschied der \u201ealten M\u00e4nner\u201c endg\u00fcltig eingel\u00e4utet. \u201eUnterleuten\u201c, jetzt auf dem Spielplan der DNT in Weimar, ist eine Chronik unserer Zeit, die mit der Gesellschaft gnadenlos abrechnet.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13216-oekologie-windraeder-und-postmoderne-gesellschaft\">Foto: Luca Abbiento<\/a><\/p>\n<p>Einst schrieb Alexander Pope \u201eAll gardening is landscape painting\u201c und meinte die Landschaftsidylle von Poussin und Lorrain. Landschaft im Sinne des englischen Liberalen sei nichts anderes als elegische Dichtung, und die Natur eben eine inszenierte, die sich im idyllischen Landschaftsgarten spiegelt. Natur, so das Credo einer ganzen Epoche, war das Zeichen f\u00fcr Freiheit des Menschen jenseits der Urbanit\u00e4t, Synonym f\u00fcr eine Aufkl\u00e4rung an Geist und Herzen.<\/p>\n<p>Ein Landschaftsbild ganz anderer Natur hat Juli Zeh mit ihrem Gesellschaftsroman \u201eUnterleuten\u201c gezeichnet. Jenseits von Rainald Grebes pessimistischer Nazi-Verbr\u00e4mung Brandenburgs, einer Tristesse ohne Glut und Zukunft, in dunkle Depressionsnebel geh\u00fcllt, geht die geb\u00fcrtige Bonner Juristin Zeh vielmehr en detail. Sie pauschalisiert nicht, entwirft keine Klischees vom brauen Osten, sondern zeichnet mit ihrem Gesellschaftsroman akribisch Charaktere \u2013 feinf\u00fchlig, diffizil und aus einer tiefen Menschenerkenntnis heraus. Was sie dabei portr\u00e4tiert, ist die unruhige Seelenlage einer Generation, die von Misstrauen, \u00c4ngsten und vom Egoismus als Lebenselixier gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>In der postmodernen Gesellschaft zwanzig Jahre nach der Wende prallen nicht nur systemisch Ost- und Westkonflikte wieder auf, wiederholt sich das Gesellschaftsdrama der Wende mit all seinen Plattit\u00fcden, Vorw\u00fcrfen inklusive Neid, sondern das fiktive \u201eUnterleuten\u201c erweist sich dar\u00fcber hinaus als Projektionsfl\u00e4che, wo Altes und Neues, D\u00f6rfliches und Digitalisierung, Kapitalismus und romantische Schw\u00e4rmerei, Gemeinschaftssinn und individuelle Interessenkultur sich im ewigen Wettlauf und in einer unkultivierten Streitkultur nebul\u00f6s ineinander weben. Zwanzig Jahre nach der Stasi sind die Methoden geblieben, die gegenseitige Bespitzelung, das Sich-einander-Verletzen, die tiefe Freude am Leid der Anderen, der L\u00fcge als luzides Programm der Selbsterhaltung \u2013 auch Recht und Unrecht bleiben eine Sache der Betrachtungsweise und sind abh\u00e4ngig von der Herrschafts- inklusive Geldnomenklatur.<\/p>\n<p>\u201eUnterleuten\u201c ist nicht das Idealmodell einer besseren Welt und Juli Zeh keine Autorin, der es um Gesellschaftsvisionen geht. Sie ist und bleibt eine bekennende Chronistin der Zeit, die sie in ihrer ganzen Ambivalenz realit\u00e4tsnah und doch mit dem Gran der Psychoanalytikerin aufzeichnet. Zeh ist ein Seismograph der Seele \u2013 ihre Charaktere stehen stellvertretend f\u00fcr eine ganze Gesellschaft. Und sie zeigt detailgetreu die Schattenrisse einer fragmentarischen Gesellschaft, der die gro\u00dfen Ideen abhanden gekommen sind und die das Bestehende blo\u00df noch blind verwaltet, die illusionslos in die Zukunft treibt. Einer Gesellschaft also, f\u00fcr die es keine absolute Wahrheit mehr gibt, die nur in Perspektivwechseln lebt und diese nach Gusto ver\u00e4ndert. Verlierer im Gesellschaftsdrama, das spektakul\u00e4r in einer Brunnenvergiftung endet, sind sowohl die Bonzen der DDR-\u00c4ra und ihre intrigant-willigenVollstrecker, die im Versuch die sozialistische Vergangenheit als heile Welt zu stilisieren als auch die neoliberalen Akteure, denen es nur um Gewinnmaximierung und perfiden Utilitarismus geht. Ihr falsches Spiel wird genauso entlarvt, f\u00e4llt letztendlich wie ein Kartenhaus zusammen. Sowohl die integre und eingeschworene Dorfgemeinschaft als auch die schn\u00f6de, anma\u00dfend agressive Besserwisserei der Zugezogenen \u2013 beide Welten sind so geschichtlich wie zerbrechlich. Beide zerfallen ins Nichts genau dann, wenn ihnen der Status quo abhanden kommt. Dann werden die Regeln des Anstandes, die Emotion zu Floskeln und die Wahrheit zu leeren H\u00fclle. Die Zeit tradierter Werte zerflie\u00dft wie die Herrschaft der alten M\u00e4nner, doch an ihre Stelle tritt ein moralisches Vakuum, das Zeh bewusst offen und unbestimmt l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Juli Zeh versteht sich auf die Ambivalenz ihrer Akteure, auf ihre Doppelb\u00f6digkeit, auf ihr Facettenspiel und die Verkleidungen. So werden aus linksliberalen Intellektuellen, die sich dem Marxismus als Leitkultur verschrieben, die die heile Gesellschaft wie ein Transparent vor sich hertrugen letztendlich Gewaltt\u00e4tige, die alle Masken fallen lassen und sich dem Gemeinen ebenso preisgeben wie die, die sie kritisieren. Der Geist tappt in die Falle der Dialektik und gebiert sich in wilder Raserei und im Totschlag. Die Masken fallen und \u00fcbrig bleibt die rohe Natur des Menschen, die emotionslos agiert. Identit\u00e4ten wechseln und sind letztendlich austauschbar. \u201eUnterleuten\u201c ist ein Portfolio dessen, was die menschliche Natur im \u00dcberlebenskampf aufbringt \u2013 kollektive Verschw\u00f6rung, Hass und Ideologie als Selbstschutz, aber auch erpresste Vers\u00f6hnung in Zeiten existentieller Not.<\/p>\n<p>\u201eUnterleuten\u201c ist nicht nur Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr einen Kampf der Kulturen, der Jungen gegen die Alten, der Computerfreaks gegen die Scholle, der ungestillten W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume gegen einen pragmatisch-biederen Realismus, der \u00e4sthetischen Idylle gegen die riesigen Windr\u00e4der der Industrialisierung und der politisch gener\u00f6s und \u00f6kologisch-verordneten Klimarettung, sondern der verzweifelte Kampf gegen die Segnungen der Technik und die Bevormundung durch die Klimaenthusiasten und Lobbyisten, die \u2013 ganz wie in der DDR \u2013 mit ihrem Verordnungswahn ein ganzes Dorf in den kollektiven Wahnsinn treiben.<\/p>\n<p>Das fiktive Dorf in Brandenburg ist keine Idylle und schon gar kein arkadisches Refugium f\u00fcr das Seelenheil. Es ist ein Monster, das als absurdes Theater selbst das hoch exaltierte, emotional zerr\u00fcttete Berlin blass neben sich erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In \u201eUnterleuten\u201c ist das einstige Naturideal der Aufkl\u00e4rung im Sinne der sch\u00f6nen Bildung und Veredlung des Charakters in sein Gegenteil umgeschlagen; die Vernunft mauert gegen sich selbst und die Intrige wird wieder gesellschaftsf\u00e4hig. Die Natur bleibt nichts als der sch\u00f6ne Schein, von der eben \u2013 im Unterschied zu Alexander Pope \u2013 keine Erl\u00f6sung mehr erwartbar ist, da \u201eUnterleuten\u201c nichts anderes als ein Mikrokosmos der Gesellschaft ist, ein Ort irgendwo im \u201eZeitalter bedingungsloser Egozentrik\u201c, wo der Glaube an das Gute l\u00e4ngst versagt und durch den Glauben an das Eigene ersetzt wurde.<\/p>\n<p>Juli Zeh wertet nicht, deklassiert die Ostdeutschen nicht zu Dunkeldeutschen, zum \u201cPack\u201d Gabriels, das sich stoisch zu Pegida und AfD bekennt, sondern zeichnet einen Generationenroman, wo der Zuschauer in jedem Protagonisten ein St\u00fcck von sich selbst erkennt, die Schattenseite seiner Seele, das Menschlich-Allzumenschliche Nietzsches. Aufgrund seiner Charaktere ist Zehs Roman ein gesamtdeutsches St\u00fcck, denn \u201eUnterleuten\u201c ist \u00fcberall, und die Konflikte, die es transponiert, sind so universal wie trivial-bizarr.<\/p>\n<p>Das Weimarer Nationaltheater (DNT) hat Zehs \u201eUnterleuten\u201c jetzt als B\u00fchnenfassung von Jenke Nordalm und Beate Seidel uraufgef\u00fchrt. Gro\u00dfes Theater, ein Volkstheater ganz im Sinne von Schillers Schaub\u00fchne, gro\u00dfes Theater f\u00fcr einen gro\u00dfartigen Stoff. Und dies in einer Stadt, die so ambivalent wie der Roman selbst ist. Aufkl\u00e4rung und Klassik, der Hort der deutschen Kultur und ihre Naturbegeisterung einerseits, die abgrundtiefe Lebensverachtung, Tod und Barbarei durch das Konzentrationslager Buchenwald andererseits. \u201eVom Erhabenen zum L\u00e4cherlichen ist es nur ein Schritt\u201c hatte einst Napoleon gesagt, vom Moralischen zum Barbarischen eben auch. Und das B\u00f6se ist keineswegs radikal, sondern banalen Ursprungs wie Hannah Arendt schon bemerkte. Dies ist es, was wir auch von \u201eUnterleuten\u201c erneut lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h1>300. Geburtstag von Johann Joachim Winckelmann<\/h1>\n<p>Genies von Weltrang gibt es nicht viele. Johann Joachim Winckelmann war einer davon. Er gab nicht nur einer ganzen Epoche die Kunstmaximen an die Hand, sondern erwies sich als \u00e4sthetischer Moralist und ausgewiesener Kenner antiker Kunst.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13223-der-genius-der-griechischen-klassik\">Wikipedia, Gemeinfrei<\/a><\/p>\n<p>\u201eEdle Einfalt, stille Gr\u00f6\u00dfe\u201c \u2013 in diesen vier Worten versammelt sich eine ganze Welt, die vom antiken Griechenland \u00fcber die Klassik bis in die moderne Arch\u00e4ologie und Kunstgeschichte hineinstrahlt. Kaum einer hat das europ\u00e4ische Kunstverst\u00e4ndnis so nachhaltig gepr\u00e4gt wie der gr\u00f6\u00dfte Sohn der Stadt Stendal in der Altmark. Vor 300 Jahren, am 9. Dezember 1717, wurde Johann Joachim Winckelmann geboren.<\/p>\n<h6>Der Selfmade-Aufsteiger<\/h6>\n<p>Winckelmann war Genie, Archivar, Bibliothekar, Poet, Salonl\u00f6we, ein grandioser Schriftsteller von Weltrang und ein Selfmade-Aufsteiger. Aus \u00e4rmlichsten Verh\u00e4ltnissen entsprungen, durchbrach er peu \u00e0 peu die St\u00e4ndegesellschaft und avancierte so zum angesagten Kultureurop\u00e4er, der F\u00fcrsten, Geistliche, K\u00f6nige und selbst den Papst gleichsam verzauberte. Winckelmann hatte den Esprit und die Gabe eines Magiers, anders w\u00e4re die Karriere vom einfachen Schustersohn zum Pr\u00e4fekten der r\u00f6mischen Altert\u00fcmer, zum obersten Antikenaufseher im Vatikan und einem der einflussreichsten Deutschen im damaligen Italien kaum denkbar.<\/p>\n<p>Seine deutschen Wurzeln hatte er schnell gegen Athen und Sparta eingetauscht. Die griechische Bildhauerei, die \u201cRegel der Sch\u00f6nheit\u201d, die \u201cNachahmung der Natur\u201d und der griechische Geschmack waren fortan seine Leidenschaft, das akribische Studium der Antike inbegriffen. Rom war ihm das neue Arkadien, das Elysium. Hier kam die nordische Natur in das Land vollkommener Seligkeit, hier vollendete sich Winckelmann selbst zum Kunstwerk. Inmitten der r\u00f6mischen Barockmetropole rebelliert Winckelmann gegen diese monstr\u00f6se \u00c4sthetik und deklassifiziert sie als Ungeist, als ungeheuer und als moralisches Vehikel, das vollkommen korrupt sei. Die Kultur des Barock und des Rokoko sei vom ethischen Standpunkt betrachtet Zeichen einer absolutistischen Kultur, die sich im Niedergang befindet. Dagegen wird er seine Vision vom elysischen Zeitalter setzen, von der Hirtenidylle am Peleponnes. Winckelmann fordert eine Renaissance der Gesellschaft genau aus diesem Geiste \u2013 ein Zur\u00fcck zum klassischen Ideal.<\/p>\n<h6>Der Genius als Br\u00fcckenbauer<\/h6>\n<p>Platonisch im Geist, sinnlich in der Lebensf\u00fchrung verkn\u00fcpfte Winckelmann elegant die Bande zwischen dem Empirischen und dem Intellekt, der Ideenlehre Platons samt ihrem \u00e4sthetischen objektiv-g\u00fcltigen Geltungsanspruch. Mit Goethe war er Analytiker und wie Schiller Idealist. So verdanken ihm die beiden Heroren der Weimarer Klassik Unendliches: Goethe verkl\u00e4rte die griechische Klassik zum Ideal und rebellierte gegen die Grotesken des Barock und die ausufernde Romantik des Herzleides. Schiller verlegte seine Stoffe immer wieder in die Antike. Und gleichwohl Goethe und Schiller ihre Kunst nicht als blo\u00dfe Reproduktion im Sinne des Klassikers der Kunstgeschichte und Arch\u00e4ologie verstanden, die sich allein im Geschichtlichen, in der puren Mimesis, ersch\u00f6pft, wurde Winckelmanns Antikenbild zum Vorbild einer Epoche aus dem Geist der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<h6>Sch\u00f6nheit bleibt der \u201eh\u00f6chste Endzweck und Mittelpunkt der Kunst\u201c<\/h6>\n<p>F\u00fcr Aufsehen in der intellektuellen Welt sorgten Winckelmanns \u201cGedancken \u00fcber die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst\u201d von 1755. Hier legte er den Grundstein f\u00fcr seine hellenistische Idealwelt, hiermit begr\u00fcndete er seinen Ruhm als Erfinder des deutschen Klassizismus. Die Darstellung der Sch\u00f6nheit bleibt der \u201eh\u00f6chste Endzweck und Mittelpunkt der Kunst.\u201c Und die Nachahmung der Griechen das Kunstideal schlechthin. \u201eDer einzige Weg f\u00fcr uns, gro\u00df, ja, wenn es m\u00f6glich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten, und was jemand vom Homer gesagt, da\u00df derjenige ihn bewundern lernet, der ihn wohl verstehen gelernet, gilt auch von den Kunstwerken der Alten, sonderlich der Griechen.\u201c<\/p>\n<h6>Das Gute, Wahre und Sch\u00f6ne<\/h6>\n<p>\u201cDie Kunst ist lange bildend, ehe sie sch\u00f6n ist\u201d, hatte Goethe einst formuliert und Winckelmann lieferte der Kunst jene Maximen, die sie objektiv und ewiglich machten. Die Antike als Vorbild, die griechische Kunst als Ausdruck des Kunstsch\u00f6nen und Kunstwahren, an ihr sollte sich der K\u00fcnstler messen, an ihr reifen, um sich letztendlich moralisch zu veredeln. Damit ist und bleibt Winckelmann nicht nur der Begr\u00fcnder der Kunstgeschichte schlechthin nach Vasari, die er in Epochen und Kunststile klassifizierte und damit einen objektiven Weg aller Kunst zeichnete, sondern erweist ich zugleich als Br\u00fcckenbauer zwischen Sinnlichkeit, \u00c4sthetik und Moral. Das Gute, Wahre und Sch\u00f6ne sind exemplarisch f\u00fcr ein Kunstverst\u00e4ndnis, das zur Tugendhaftigkeit erzieht, das das sch\u00f6ne Kunstwerk f\u00fcr die Seele anfassbar und bedeutend werden l\u00e4sst, so das Kunst zur Moralit\u00e4t erzieht. Dies gelingt allein der griechischen Kunst, da sich durch sie das G\u00f6ttliche zur Anschauung bringt.<\/p>\n<p>Idealische Kunst ist g\u00f6ttliche Wesenschau, Verweis auf den metaphysischen Grund, der durch die Sinne zur Vernunft spricht. Nur dieser vern\u00fcnftigen Kunst obliegt eine erzieherische Funktion! Und die h\u00f6chste Form der Kunst sind die wei\u00dfen Plastiken und die menschliche Figur, in denen das klassische Ebenma\u00df von W\u00fcrde und Gr\u00f6\u00dfe sich vollkommen zur Darstellung bringen. \u201eDie h\u00f6chste Sch\u00f6nheit ist in Gott, und der Begriff der menschlichen Sch\u00f6nheit wird vollkommen, je gem\u00e4\u00dfer und \u00fcbereinstimmender derselbe mit dem h\u00f6chsten Wesen kann gedacht werden, welches uns der Begriff der Einheit und der Unteilbarkeit von der Materie unterscheidet\u201c, hei\u00dft es in den \u201eGedancken\u201c. Die Kunst der Griechen letztendlich obsiegt der Natur, sie ist eine edlere, \u201esch\u00f6ne Natur\u201c, eine, die durch den Verstand perfektioniert wurde.<\/p>\n<h6>Edle Einfalt, stille Gr\u00f6\u00dfe\u201c ist die Kunstmaxime Winckelmanns<\/h6>\n<p>\u201eEdle Einfalt, stille Gr\u00f6\u00dfe\u201c ist die Kunstmaxime Winckelmanns, und er schreibt: \u201eDas allgemeine vorz\u00fcgliche Kennzeichen der griechischen Meisterst\u00fccke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Gr\u00f6\u00dfe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke. So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfl\u00e4che mag noch so w\u00fcten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine gro\u00dfe und gesetzte Seele. (\u2026).\u201c<\/p>\n<h6>Laokoon als Ideal<\/h6>\n<p>Exemplarisch f\u00fcr diese stille Gr\u00f6\u00dfe und Erhabenheit wird ihm die \u201eLaokoon-Gruppe\u201c. Nicht wie einst Vergil vermag er darin den gesteigerten Ausdruck eines unendlichen Schmerzes zu erkennen, sondern das Seufzen des \u201eLaokoon\u201c deutet f\u00fcr ihn auf eine \u00fcberzeitliche Wirklichkeit hin, in der sich der wahre \u201eCharakter der Seele\u201c im Zustand der Ruhe und Vollkommenheit entfaltet, in der Beherrschung der Leidenschaften und der Triebe.<\/p>\n<p>\u201eLaokoon\u201c schl\u00e4gt nicht um sich, schreit nicht \u2013 im h\u00f6chsten Moment des Schmerzes strahlt die Skulptur Ruhe und Konzentration aus. Und damit zeigt sich exemplarisch die Essenz menschlicher Existenz, die nicht nur in der stoischen Annahme ihres Schicksals \u00fcber die blo\u00dfe Natur siegt, sondern an der Grenze zwischen Leben und Sterben ihre W\u00fcrde und Vollendetheit zum Ausdruck bringt.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nheit, so res\u00fcmiert Winckelmann, der wegen seiner Kunstbeschreibungen sp\u00e4ter oft in die Kritik geriet, bedarf nicht nur der vollkommenen Regeln der Kunst, sondern ist in der Gestalt der wei\u00dfen Marmorplastik Darstellung des Erhabenen. Im \u201eApollo von Belvedere\u201c sieht er dann auch sein Ideal der Kunst in Stein gegossen. Der K\u00f6rper ist entsexualisiert, die Transformation des sokratischen Eros vollzogen. Was in seiner Reinheit \u00fcbrig bleibt, wird in Winckelmanns Augen zum Repr\u00e4sentanten der \u201einnersten Seele der Sch\u00f6nheit\u201c.<\/p>\n<p>Am 8. Juni 1768 wurde Winckelmann abrupt aus dem Leben gerissen. Der Genius des Wahren, Guten und Sch\u00f6nen wurde Opfer eines banalen Raubmordes. Was aber bleibt, sind seine Sch\u00f6nheitsideale der klaren Linie, und der Glaube an die Erhabenheit des menschlichen K\u00f6rpers und seiner inneren Sch\u00f6nheit, der Enthusiasmus f\u00fcr Kunst und letztendlich der Wille, sein eigenes Schicksal gegen jedwede Widerst\u00e4nde zu einem Kristall herauszuarbeiten. Und ist die Seele nicht sch\u00f6n, so w\u00fcrde er gegen die plastische Chirurgie und den Sch\u00f6nheitswahn des 21. Jahrhunderts wettern, dann n\u00fctzt alle Kosmetik nichts.<\/p>\n<h1>Wird Annegret Kramp-Karrenbauer Merkels Nachfolgerin?<\/h1>\n<p>Nach aktuellen Umfragen, wer Bundeskanzlerin Angela Merkel im politiscchen Amt beerben k\u00f6nnte, steht die saarl\u00e4nische Ministerpr\u00e4sidentin ganz weit oben auf der Wunschliste der Deutschen. 45 Prozent k\u00f6nnten sich die charismatische Politikerin in Berlin vorstellen. Jens Spahn und Thomas de Maizi\u00e8re liegen weit abgeschlagen auf der Wunschliste, allein Julia Kl\u00f6ckner kommt mit 43 auf Platz 2.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13207-wer-wird-die-neue-im-kanzleramt\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Es gibt in Deutschland Politiker, die machen ihre Aufgaben statt gro\u00dfen L\u00e4rm. Sie sind die leisen Regenten, die Probleme nicht bloss bereden, sondern eben l\u00f6sen. Zu dieser Gattung Mensch z\u00e4hlt die saarl\u00e4ndische Ministerpr\u00e4sidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Der Name ist ein wenig sperrig, doch die Person, die dahintersteht, geht derzeit geradlinig und geschmeidig ihren Weg nach ganz oben. In der CDU f\u00e4llt ihr Name immer h\u00e4ufiger, wenn es um die Frage geht, wer nach Angela Merkel eigentlich die Union der Zukunft verk\u00f6rpert. Der stete Aufstieg von \u201eAKK\u201c, wie sie unter Unionisten gerne genannt wird, ist bemerkenswert, gerade weil er sich so leise vollzieht. W\u00e4hrend viele Politiker fast sklavisch nach medialer Aufmerksamkeit gieren und sich geschickt in jeder Medienwelle inszenieren, pflegt AKK im Saarland demonstrative Bescheidenheit. Die Zeiten, in denen der rote Oskar Lafontaine das Land pomp\u00f6s und in absolutistischer Manier regierte, sind pass\u00e9. Ja AKK ist \u2013 genau besehen \u2013 ein Anti-Lafontaine, politisch wie pers\u00f6nlich.<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inread-experience.teads.tv\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<p>Vom Populismus eines Lafontaine ist die derzeitige amtierende Ministerpr\u00e4sidentin des zweitkleinsten Bundeslandes, Kramp-Karrenbauer, denkbar weit entfernt. W\u00e4hrend Lafontaine in der Opposition weiter Politik mit Hammer und Sichel betreibt und poltert, regiert die studierte Rechts- und Politikwissenschaftlerin ihr Land diskret und sachlich, mit weiblicher Vorausschau und weiser Hand, ja mit viel Geschick und dem n\u00f6tigen Gesp\u00fcr f\u00fcr Bodenhaftung. Kramp-Karrenbauer ist eine Politikerin vom ur-alten Schlag, die ihre Hausaufgaben macht, die bei sachpolitischen Themen sattelfest ist und dem gesunden Menschenverstand folgt. Derzeit hat sie ihrem Land eine rigide Sparpolitik verordnet. Kramp-Karrenbauer ist uneitel und pragmatisch und steht dabei noch immer mit voller Nummer im Telefonbuch. Im Saarland ist sie \u201eeine von uns\u201c, Ber\u00fchrungs\u00e4ngste gibt es nicht, wer mit ihr unterwegs ist, stellt verbl\u00fcfft eine ungeheure B\u00fcrgern\u00e4he fest.Von L\u00e4rm, Selbstinszenierungswahn und einem damit verbundenen Herrschaftskult wie in Bayern h\u00e4lt sie wenig. Manche sagen, sie sei eine junge Angela Merkel \u2013 nur eben westdeutsch sozialisiert und dar\u00fcber hinaus einem konservativ-katholischen Milieu entstammend.<\/p>\n<h6>\u201eWahlkampf bei allen Windverh\u00e4ltnissen\u201c<\/h6>\n<p>Lange Zeit war die Ministerpr\u00e4sidentin aus dem beschaulichen V\u00f6lklingen eine Art Nebendarstellerin am Rande der Republik. Ihr fehlte die Stahlkraft einer Julia Kl\u00f6ckner oder Ursula von der Leyen. Die Medien hatten sie kaum auf dem Schirm, f\u00fcr die h\u00f6heren Weihen war sie zu weit weg im Westen. Doch inzwischen hat sie in der innerparteilichen Akzeptanz die beiden anderen eingeholt. Kramp-Karrenbauer ist der Typ von Frau, der immer untersch\u00e4tzt wird, hier Merkel nicht un\u00e4hnlich. Doch Kramp-Karrenbauer kann auch anders \u2013 auch gegen Merkel, sie ist mutiger als die Kanzlerin, hat mehr Chupze. Sp\u00e4testens 2012 war ihre Stunde gekommen und ihr Name in aller Munde. Gegen Merkels Rat hatte sie die Jamaika-Koalition an der Saar mit einem Federstrich aufgel\u00f6st und durch eine Gro\u00dfe Koalition ersetzt. Und die Nachfolgerin von Peter M\u00fcller ist seitdem aus der CDU nicht mehr wegzudenken. Kramp-Karrenbauer macht \u201eWahlkampf bei allen Windverh\u00e4ltnissen\u201c.<\/p>\n<h6>Die Netzwerkerin<\/h6>\n<p>2016 wurde sie als Merkel-Nachfolgerin und als neue Bundespr\u00e4sidentin gehandelt. In ihrer Partei gilt sie als einflussreich und als gute Netzwerkerin. Sie genie\u00dft das h\u00f6chste Vertrauen der Kanzlerin, die ihre politischen Tugenden sch\u00e4tzt, ihre Zielstrebigkeit und Gelassenheit. Kramp-Karrenbauer z\u00e4hlt zum liberalen Kreis ihrer Partei und kann sich auf den Arbeitnehmerfl\u00fcgel verlassen. Das macht sie auch f\u00fcr SPD und Gr\u00fcne w\u00e4hlbar. Dar\u00fcberhinaus hat sie eine hohe Reputation in der Frauen-Union und unter den deutschen Katholiken. Seit Jahren ist sie Mitglied des Zentralkomitees und setzt sich dort verst\u00e4rkt f\u00fcr eine Lockerung des Z\u00f6libates, f\u00fcr die Weihung weiblicher Diakone und f\u00fcr die Verteidigung der klassischen Ehe ein. Daf\u00fcr musste sie sich den Vorwurf von SPD und Gr\u00fcnen gefallen lassen, dass sie Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie vergleiche. Doch Kramp-Karrenbauer ist weder homophob oder gar reaktion\u00e4r. Eine Ehe f\u00fcr alle geht ihr aber deutlich zu weit.<\/p>\n<p>Die Vita von AKK liest sich wie eine zielstrebige Karriereplanung: mit 19 Jahren CDU-Mitglied, sp\u00e4ter Stadtr\u00e4tin, mit 36 Jahren Bundestagsabgeordnete, dann Landtagsmitglied und Ministerin. Dabei hatte sie ihre Karriere keineswegs geplant. Hebamme oder Lehrerin waren erstmal ihre Ziele. Doch nach dem Marsch durch die politischen Institutionen, von der Lokal- in die Landespolitik, blickt das politische Talent auf eine traumhafte Karriere zur\u00fcck, gekr\u00f6nt mit dem Amt der Ministerpr\u00e4sidentin 2011.<\/p>\n<p>Den H\u00f6hepunkt ihrer politischen Karriere k\u00f6nnte jetzt das Amt der Bundeskanzlerin kr\u00f6nen. Damit h\u00e4tte Deutschland eine weitere CDU-Politikerin von Format, die mit frischen Wind die Berliner Republik neu aufmischen w\u00fcrde.<\/p>\n<h1>Ich bin f\u00fcr zwei Geschwindigkeiten in Europa<\/h1>\n<p>Ich bin ein Bef\u00fcrworter von mehreren Geschwindigkeiten, weil es ja auch der Erfahrung entspricht. Wenn 28 L\u00e4ufer sich auf einen Marathon begeben, dann kommen sie nicht in zwei Gruppen durchs Ziel. Sondern da kommt jeder nach seinen M\u00f6glichkeiten durchs Ziel.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/markus-ferber-2\/13205-interview-mit-markus-ferber--2\">Markus Ferber<\/a><\/p>\n<p><em>Es schimpfen ja alle \u00fcber Donald Trump, schon seit Jahren. Gibt es an Donald Trump eigentlich etwas, was positiv ist?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe bisher versucht, neutral an den Politikentwurf von Herrn Trump heranzugehen und ich habe nichts Positives bisher gefunden. Er ist innenpolitisch bisher mit allem gescheitert. Das einzige, was er bisher hinbekommen hat, war, den fiscal cliff zu umgehen \u2013 also, eine weitere Aufstockung der Verschuldungsgrenze \u2013 was seinem eigenen Klientel ja nicht gefallen hat. Und er ist mit der Gesundheitsreform gescheitert. Er isoliert die USA au\u00dfenpolitisch und insofern ist das eine sehr ern\u00fcchternde Bilanz. Ich gehe davon aus, wenn im November 2018 die Halbzeitwahlen zum Repr\u00e4sentantenhaus und f\u00fcr ein Drittel der Senatoren bedeuten, dass die Republikaner ihre Mehrheit verlieren werden, dass dann auch innerhalb der Republikaner der Druck gro\u00df werden wird, \u00fcber einen neuen Kandidaten f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahlen nachzudenken.<\/p>\n<p>Nun r\u00fcckt ja Europa immer mehr nach rechts \u2013 auch Deutschland! Wie sieht man das in Br\u00fcssel und in Stra\u00dfburg? Ist das ein Problem?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war eine gro\u00dfe \u00dcberraschung \u00fcber die Deutlichkeit des Wahlergebnisses. Auf der anderen Seite sind wir einer der letzten Mitgliedsstaaten der Europ\u00e4ischen Union, wo es solche populistischen Bewegungen ins Parlament schaffen. Insofern wird Deutschland immer mehr ein normales Land in der Europ\u00e4ischen Union. Aber es haben am Wahlabend alle europ\u00e4ischen Partner verstanden, dass die Rechtspopulisten keinerlei Gestaltungsspielraum bekommen werden. Und wir im Europ\u00e4ischen Parlament sind es ja auch gew\u00f6hnt, mit 20 % Populisten auf linker und rechter Ebene auszukommen und trotzdem Mehrheiten zu organisieren. Insofern war der AfD-Sieg bei der Bundestagswahl sicherlich \u00fcberraschend f\u00fcr manchen in der Europ\u00e4ischen Union. Aber die Tatsache selbst macht uns zu einem ganz normalen Land. Entschuldigung, wenn ich das so einfach formuliere, aber das ist in der Tat die Wahrnehmung, die ich in Br\u00fcssel geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Wieviel soziale Marktwirtschaft vertr\u00e4gt Europa?<\/p>\n<p>Das Ordnungsmodell der Europ\u00e4ischen Union ist die soziale Marktwirtschaft. Ludwig Erhard hat nicht nur das Nachkriegsmodell f\u00fcr Deutschland, sondern auch das Modell f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union formuliert. Und das ist auch das richtige Ansatz. Wir m\u00fcssen nat\u00fcrlich schon den sozialen Aspekt der sozialen Marktwirtschaft auf europ\u00e4ischer Ebene noch klarer definieren. Da reicht es nicht, zu sagen, dass die sozialen Sicherungssysteme in der nationalen Verantwortung sind. Gerade der Begriff der Solidarit\u00e4t, der mit dem Begriff der Subsidiarit\u00e4t einhergeht, hei\u00dft, dass Europa auch lernen muss, st\u00e4rker solidarisch zu sein. Und das bedeutet, dass wir bei einer Reihe von Finanztiteln jetzt in der Fortschreibung des n\u00e4chsten Finanzrahmens dar\u00fcber nachdenken m\u00fcssen, wie dieser Solidarit\u00e4tscharakter \u2013 also Hilfe zur Selbsthilfe, um wirklich wirtschaftliche Entwicklung zu generieren, und Menschen mitzunehmen, sei es in Qualifikationsma\u00dfnahmen, sei durch Integration in den Arbeitsmarkt und \u00c4hnliches mehr \u2013 da st\u00e4rker t\u00e4tig zu werden, als wir das momentan tun. Alleine die Eliten zu unterst\u00fctzen, im Rahmen der Forschungsf\u00f6rderung, im Rahmen des Studentenaustausches, und ganz andere Teile der Bev\u00f6lkerung au\u00dfen vor zu lassen, wird sich Europa auf Dauer nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Kommissions-Pr\u00e4sident hat ja von mehreren Geschwindigkeiten gesprochen. Macron hat das jetzt sozusagen auf zwei Geschwindigkeiten reduziert. Sind Sie ein Bef\u00fcrworter von zwei Geschwindigkeiten?<\/p>\n<p>Ich bin ein Bef\u00fcrworter von mehreren Geschwindigkeiten, weil es ja auch der Erfahrung entspricht. Wenn 28 L\u00e4ufer sich auf einen Marathon begeben, dann kommen sie nicht in zwei Gruppen durchs Ziel. Sondern da kommt jeder nach seinen M\u00f6glichkeiten durchs Ziel. Und so \u00e4hnlich stelle ich mir auch immer die Europ\u00e4ische Union vor. Wir haben gemeinsame Ziele, aber nicht jeder kann gleich als Erster da durchlaufen und man l\u00e4uft auch nicht in Gruppen durch. Der Macron-Vorschlag ist sehr introvertiert f\u00fcr die Euro-Gruppe und w\u00fcrde die L\u00e4nder, die noch nicht im Euro sind, wirklich dauerhaft aus dem Euro heraushalten. Das halte ich f\u00fcr schwierig, weil der Euro nat\u00fcrlich schon am Ende die W\u00e4hrung der gesamten Europ\u00e4ischen Union sein soll, wenn alle Kriterien erf\u00fcllt sind. Aber da zu sagen: Lasst uns, die 19, die den schon haben, noch enger zusammenzuarbeiten, als das heute der Fall ist, bedeutet, dass f\u00fcr die noch-nicht-Euro-L\u00e4nder die H\u00fcrde, Mitglied beim Euro zu werden, so hoch wird, dass das nie gelingen wird. Und das w\u00fcrde eine dauerhafte Spaltung der Europ\u00e4ischen Union bedeuten.<\/p>\n<p>Die Fragen stellte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Wieviel Antike steckt im Werk von Joseph Ratzinger?<\/h1>\n<p>In seiner Antrittsvorlesung \u201eDer Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen, Ein Beitrag zum Problem der theologia naturalis\u201c von 1959 in Bonn steht die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zwischen Glauben und Wissen im Fokus von Joseph Ratzinger. Wie verhalten sich Glaube und Vernunft zueinander?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi\">Getty Images<\/a><\/p>\n<p>Diese Frage ist auch vor dem Hintergrund des Verh\u00e4ltnisses zwischen Natur- und positivem Recht zentral. In der Bonner Rede wird ausgehend von Pascals esprit de finesse Descartes\u2019 esprit de g\u00e9ometrie als eine abstrakte Spekulation \u00fcber Gott kritisiert, durch die es unm\u00f6glich sei, ein konkretes Gottesverh\u00e4ltnis zu stiften, denn per Mathesis universalis kommt das Individuum nicht zum Glauben, allein der esprit de finesse kann die Relation herstellen.<\/p>\n<h6>Der Gott der Philosophen und der Gott des Glaubens<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend der Gott der Philosophen, die theologia naturalis, sich auf die Ratio verk\u00fcrzt und damit letztendlich ein Wissen ohne Offenbarung ist, setzt die personal-relationale Identit\u00e4t des Glaubens die Offenbarung voraus. Damit h\u00e4ngt die Differenz zwischen dem Gott des Glaubens und dem Gott der Philosophen mit der unterschiedlichen Bestimmung der jeweiligen Inhalte zusammen: philosophisch ist der Begriff das Telos und die Reflexion endet im Begriff des Absoluten als des unpers\u00f6nlichen Gottes, in einem allgemeinen Abstraktum. Das philosophisch Absolute bleibt das begriffsm\u00e4\u00dfig Bestimmbare, das sich nur der Vernunft zu erkennen gibt, das aber Gott an sich verfehlt. Zum Absoluten, oder dem christlichen Gott, um den es Ratzinger geht, kann man sich nur durch den Namen Gottes n\u00e4hern. Der Name Gottes bleibt dabei aber ein \u201eSkandal\u201c, da Gott mehr ist, als der, als den wir ihn bestimmen. Genauer gesagt. Der Name ist nicht ein Akt der Benennung seitens der Vernunft, sondern ein Akt Gottes selber, der damit auch die religio oder theologia naturalis \u00fcberschreitet. Die Namensnennung f\u00e4llt dabei in seine Offenbarung, oder anders: Gott offenbart sich mit seinem Namen. Damit ist der Unterschied zwischen vern\u00fcnftiger Namensgebung als theologia naturalis und christlichem Gottesglaube benannt, denn via causalitatis kommt das reflektierende Ich nicht zu Gott, es setzt diesen vielmehr in ein subjektives Bestimmungsverh\u00e4ltnis und macht diesen zum Objekt seiner Setzung. Erst durch den geoffenbarten Namen ist umkehrt eine Anrufbarkeit m\u00f6glich, vollzieht sich die Einheit von Gott und Mensch, geschieht die \u201eRelation der Mitexistenz mit ihm\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn1\">1<\/a><\/sup> W\u00e4hrend die Hybris der Philosophie sich in der Selbsterm\u00e4chtigung der Vernunft zeigt, erweitert der christliche Glaube die theologia naturalis und hat ihr gegen\u00fcber ein Pr\u00e4. Die theologia naturalis bleibt zwar die Voraussetzung der religio vera, ist aber nicht ihr endg\u00fcltiges Ziel. Anders gesagt: erst der christliche Glaube nimmt die philosophische Gotteslehre in sich auf und vollendet sie\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn2\">2<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Das Neuartige des christlichen Monotheismus liegt, so Ratzinger, in der Ansprechbarkeit Gottes, da\u00df man zu ihm beten kann und darin, da\u00df Gott \u201eals Gott zugleich das Absolute an sich und des Menschen Gott ist. [\u2026] Das k\u00fchne Wagnis dieses Monotheismus bleibt es, da\u00df er das Absolute \u2013 den \u201aGott der Philosophen\u2019 anspricht, es f\u00fcr den Gott der Menschen \u2013 \u201aAbrahams, Isaaks und Jakobs\u2019 h\u00e4lt.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn3\">3<\/a><\/sup> Der Gott des Aristoteles, der unbewegte Beweger und der Gott der Christen sind Einer, dennoch wird die Vernunft ohne den Glauben nicht heil, und der Glaube seinerseits ohne die Vernunft nicht menschlich. Vernunft und Glauben sind verschieden, stehen aber in Korrelation. Damit ergibt sich mit Blick auf den Aufkl\u00e4rungscharakter des Christentums, das sich mit seinem Bekenntnis zur Vernunft eindeutig auf die Seite der theologia naturalis, also an die Seite des Gott der Philosophen stellt, da\u00df auch diese sich reinigen, sich vom antiken G\u00f6tterverst\u00e4ndnisund -himmel distanzieren mu\u00df. Die purgatio ist somit eine wesentliche Selbstaufgabe der Vernunft, auch der politisch instrumentellen Vernunft, und sichert dieser damit zugleich ihre Unvertretbarkeit im Blick auf den Glauben. Die Selbstreinigung der Vernunft und ihr spekulativer Unbedingtheitsanspruch, der im Begriff des Absoluten kulminiert, geschieht daher vor dem Hintergrund des Glaubens, soll Gott nicht zu einem blo\u00dfen Regulativ bestimmt werden, dem in der endlichen Wirklichkeit keine Wirkm\u00e4chtigkeit zugesprochen wird.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn4\">4<\/a><\/sup> Umgekehrt mu\u00df der Glauben transparent f\u00fcr die Vernunft sein, sich ihr gegen\u00fcber \u00f6ffnen, beziehungsweise m\u00fcssen seine Inhalte vernunftgem\u00e4\u00df sein, damit diese von der Ratio anerkannt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h6>Der Bindestrich zwischen religio naturalis uns wahrer Religion<\/h6>\n<p>Da\u00df es einen Bindestrich zwischen religio naturalis und religio vera, zwischen philosophischer Erkenntnis und wahrer Religion qua Offenbarung gibt, findet seine Bestimmung, so Ratzinger, in der \u201eSeptuaginta\u201c, denn durch die Selbstaussage Gottes des \u201eIch bin der Ich-bin\u201c, wodurch aus dem Ich-bin letztendlich der Seiende wird, kommt es zur Synthese zwischen griechischen und biblischen Gottesbegriff, da dieser sich als Seiender offenbart, als einer, in dem Wesen und Dasein zusammenfallen. \u201eDas hei\u00dft: Was der oberste Begriff der Ontologie und der Schlu\u00dfbegriff der philosophischen Gotteslehre ist, erscheint hier als eine zentrale Selbstaussage des biblischen Gottes. [\u2026].\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn5\">5<\/a><\/sup> Genau in der Identifizierung zwischen Jahwe-Namen und ontologischer Definition sieht Ratzinger den Schl\u00fcssel zu einer \u201eLegitimit\u00e4t der Koexistenz von Philosophie und Glaube\u201c ebenso wie die \u201eLegitimit\u00e4t der analogia entis als der positiven Inbeziehungsetzung von Vernunfterkenntnis und Glaubenserkenntnis, von Natursein und Gnadenwirklichkeit [\u2026].\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn6\">6<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Dem Thema der religio oder theologia naturalis n\u00e4hert sich Ratzinger bei seiner Auseinandersetzung mit der r\u00f6misch-stoischen Philosophie erneut. Dabei im Blick die Dreiteilung der Theologie des Marcus Terentius Varro. In Varros nicht direkt \u00fcberlieferter Schrift \u201eAltert\u00fcmer menschlicher und g\u00f6ttlicher Einrichtungen\u201c (\u201eAntiquitates rerum humanarum et divinarum\u201c, <sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn7\">7<\/a><\/sup> einer Caesar gewidmeten r\u00f6mischen Kulturgeschichte in einundvierzig B\u00fcchern, <sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn8\">8<\/a><\/sup> auf die auch Augustinus in \u201eDe civitate dei\u201c oft zur\u00fcckgriff, findet sich der \u00e4lteste \u00fcberlieferte Beleg f\u00fcr den Terminus \u201eNat\u00fcrliche Theologie\u201c. Bezugnehmend auf Varro, der sich auf stoische Quellen st\u00fctzt,<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn9\">9<\/a><\/sup> unterscheidet Ratzinger zwischen der mythischen Theologie (theologia mythica), der Theologie der Philosophen (theologia naturalis) und der Staatsreligion samt ihrem G\u00f6tterglauben (theologia civilis). Die mystische Theologie ordnet Ratzinger wie Varro dem Theater, die politische der Polis und die \u201enat\u00fcrliche\u201c dem Kosmos zu. Theologia mythica und civilis konzentrieren sich im Unterschied zur theologia naturalis auf einen zivilreligi\u00f6sen Aspekt, auf die Aus\u00fcbung des Kultes und damit nicht auf das G\u00f6ttliche. So wird die Religion als theologia civilis von der theologia naturalis entkoppelt und die r\u00f6mische pietas bleibt anthropozentrisch, denn die \u201eNorm der Religion ist nicht Gott, sondern die civitas.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn10\">10<\/a><\/sup> \u201eDie theologia naturalis hat es mit der natura deorum zu tun, die beiden andern theologiae aber mit den divina instituta hominem. Damit ist aber letztlich der ganze Unterschied reduziert auf den von theologischer Metaphysik einerseits und von Kultreligion andererseits. Die civilische Theologie hat letztlich keinen Gott, sondern nur \u201aReligion\u2019, die \u201anat\u00fcrliche Theologie\u2019 hat keine Religion, sondern nur eine Gottheit.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn11\">11<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Dagegen haben sich die christlichen Theologen gegen das vom G\u00f6tterglauben geforderte religi\u00f6se Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die f\u00fcr alle g\u00fcltige Rechtsquelle anerkannt.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn12\">12<\/a><\/sup> Das Christentum, sofern es sich also gegen die r\u00f6mische Zivilreligion und f\u00fcr den Gott der Philosophen entscheidet, Ratzinger versteht dies als eigentliche Aufkl\u00e4rung, ist atheistisch, wenn darunter \u201enicht eine \u00dcberzeugung, sondern ein kultisches Verhalten\u201c verstanden wird, das sich nicht \u201eauf den Glauben an Gott, sondern auf das \u201areligi\u00f6se\u2019 Tun im menschlichen Raum\u201c bezieht.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn13\">13<\/a><\/sup> In der antiken civitas wird Gott konstruiert, zum Faktum des Gesetztseins, denn zuerst existiert die civitas, die sich dann ihre Religion gibt. Im Gegensatz dazu steht die civitas dei Augustinus\u2019. \u201eNicht weil sie bestand, erhob sie ihren Gr\u00fcnder Christus zum Gott, sondern weil Christus Gott ist, entstand sie. Nicht weil sie Christus liebte, glaubte sie schlie\u00dflich seine Gottheit, sondern weil sie durch den Glauben auf dem Fundament seiner Gottheit ruht, liebt sie ihn. Hier ist also zuerst Gott da und dann erst die Gemeinschaft der Menschen, die in ihm ihre Einheit haben. Nur dadurch, da\u00df es ihn gibt, und zwar als einen dem Menschen zugewandten, als ein summum bonum f\u00fcr ihn, kann die Liebe zu ihm einende Kraft der Menschen werden. Gott geht der civitas voran \u2013 das bedeutet auf Seiten der Menschen: Der Glaube geht der Liebe voran, die Erfahrung des Gegenstandes [\u2026] l\u00f6st den Zustand aus, der jetzt nicht mehr sch\u00f6pferisches Selbsttun, sondern antwortendes Mittun ist. Nicht die m\u00fctterliche civitas steht hier in der Mitte, sondern der Vater-Gott, von dem allein aus sich auch eine Mutterschaft der civitas bestimmen l\u00e4\u00dft.\u201c<\/p>\n<h6>Die Einheit der Nationen \u2013 Die Vision der V\u00e4ter<\/h6>\n<p>In seinem Buch \u201eDie Einheit der Nationen, Eine Vision der Kirchenv\u00e4ter\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn14\">14<\/a><\/sup> von 1962 thematisiert Ratzinger den Gedanken der civitas erneut und stellt ihr die stoische Kosmologie als \u201ephilosophische Opposition\u201c gegen\u00fcber. W\u00e4hrend in der r\u00f6mischen civitas das Recht gilt, also positives Recht, handelt es sich bei der Stoa um ein individuelles, apolitisches, auf innere Vernunftfreiheit abgestimmtes Weltbild. Die Stoa, so Ratzinger, hatte die Einheit des Menschen entdeckt, da\u00df es Eine Menschlichkeit gibt, \u201eda\u00df die ganze Menschheit ein einziger K\u00f6rper war\u201c, der \u201equer \u00fcber alle Zeiten und R\u00e4ume besteht\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn15\">15<\/a><\/sup> Die stoische Philosophie erweist sich damit als Ursprung eines \u00fcbernat\u00fcrlichen Rechts, eines \u00fcberpositiven Rechtes, als Naturrecht, das sich aus der Natur des Menschen ableitet, das das \u201eganze All in des Zeus gro\u00dfem Leibe\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn16\">16<\/a><\/sup> abbildet. Damit stehen sich zwei Bestimmungen des Rechts gegen\u00fcber, das Naturrecht des geist-stofflichen Pneuma, das aber pantheistisch begr\u00fcndet wird und die politische Religion oder Theologie Roms, wie sie sich der pax humana als Instrument des Staates zeigt. Sowohl die Stoa als auch die r\u00f6misch-politische Theologie leiten ihren Geltungsanspruch damit entweder rein metaphysisch oder als irdisch bestimmte Geltungsmacht ab.Beide bleiben einseitig. Denn die Stoa reduziert sich auf den Egoismus von Einzelinteressen, auf die private Gl\u00fcckseligkeit und vernachl\u00e4ssigt den universalen Anspruch der Moral. Die Theologie Roms hingegen verschafft zwar der praktischen Philosophie Geltung, jedoch um den Preis, da\u00df sie diese nur aus dem Recht begr\u00fcndet. Letztendlich wird damit die praktische Philosophie zur Magd der Politik, was schon zu Zeiten Roms, aber mehr, so Ratzinger, im 20. Jahrhundert, zu einer Unterordnung des Rechts unter die Macht gef\u00fchrt hat, die in der H\u00f6lle von Auschwitz sich als Macht der Ungerechtigkeit die zweifelhafteste Geltung verschafft hat.<\/p>\n<p>Beiden gegen\u00fcber, Pantheismus und r\u00f6mischer Staatsreligion, tritt als dritte pr\u00e4gende Kraft der Antike und ihrer widerstreitenden Rechtsauffassungen die Idee der Einheit von Gott und Mensch gegen\u00fcber, wie sie sich im biblischen Glauben, im Bekenntnis zum einzig-wahren Gott und der Verwurzelung aller Geschichte in Adam zeigte. Im Christentum als aufgekl\u00e4rter Religion, die sich sowohl vom G\u00f6tterglauben der Vorsokratiker distanziert und den Polytheismus wie Sokrates kritisiert, wird nicht nur zwischen dem \u201eGegen\u00fcberstehen\u201c von Gott und Welt unterschieden, sondern hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, da\u00df sich kein weltlicher princeps zum Vollstrecker der g\u00f6ttlichen Weltmacht erheben darf. Um dies zu erkl\u00e4ren, greift Ratzinger auf die Zwei-Adam-Lehre zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die strikte Trennung \u2013 wie sie in der alten Zwei-Polis-Lehre und in der Zwei-Adam-Lehre zum Ausdruck kommt \u2013, l\u00e4\u00dft zwar die Einheit der r\u00f6mischen Polis bestehen, nur \u00fcberbietet sie deren radikalen Anspruch, ihre normativen Gesetzlichkeiten, die einzige Kosmologie zu sein. Gerade im Christentum, das die r\u00f6mische Welt und Gesetzgebung anerkennt, zeigt sich der revolution\u00e4re Geist eben nicht in der politischen Aneignung, in der Macht der Waffen, sondern im Sinne einer eschatologischen Hoffnung, die letztendlich bei Gott liegt und eine universale Gerechtigkeit zwischen den Menschen stiftet. Das Reich Gottes, die christliche Einheitsidee, beschr\u00e4nkt sich damit nicht auf eine weltliche Theokratie, sondern bekr\u00e4ftigt sich in der Anerkennung von Tod und Auferstehung Christi; ihre eigentliche Hoffnung ist die \u00dcberwindung des alten Adam in Christi. Jedwede irdische Theokratie bleibt vorl\u00e4ufig. Zu ihrer Dialektik geh\u00f6rt, religi\u00f6s gesprochen, die Selbst\u00fcberwindung, die dann im neuen Adam zu einer \u201ezweiten Humanit\u00e4t\u201c wird, die nicht nur dem sich selbstverherrlichenden Menschen eine Absage erteilt, sondern f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, die einzige und endg\u00fcltige Menschheit zu sein. Diese christliche Hoffnung, oder um mit Karl Rahner zu sprechen, die \u201eVision der V\u00e4ter\u201c ist eben dahingehend revolution\u00e4r, weil sie die griechisch-r\u00f6mischen Kosmopolis zugunsten der Idee der einen Menschheit austauscht, f\u00fcr die letztendlich die Idee von der christlichen Kirche steht. Anders gesagt: An die Stelle von der Idee der einen Menschlichkeit der Stoa und dem einheitlichen r\u00f6mischen Staatsglauben \u2013 samt seinem universalem Geltungsanspruch und der Gesamtheit der positivierten Rechte \u2013tritt die Idee der Kirche, verk\u00f6rpert durch das Christusmysterium. \u201eDas Christusmysterium ist f\u00fcr die V\u00e4ter als solches und ganzes ein Mysterium der Einheit. [\u2026] Die Einheit ist darin nicht irgendein Thema, sondern das Leitmotiv des Ganzen.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn17\">17<\/a><\/sup> Anders gesagt: In der Menschwerdung Jesu Christi inkarniert sich Gott in jeden Menschen. Der \u201eLeib Christi\u201c wird zum Stellvertreter der gesamten Menschheit, die Kirche dabei zum Tr\u00e4ger, in der sich diese Einheit darstellt, zum Volk Gottes, wie Ratzinger in seiner Promotion schreibt. Gegen\u00fcber der griechischen Polis sind die Kirche der V\u00e4ter und die durch sie verk\u00f6rperte eschatologische Hoffnung auf den neuen Adam tats\u00e4chlich \u00fcbernational, hier wird das partikular-politische Sonderinteresse zugunsten des einen Glaubens aufgehoben und relativiert.<\/p>\n<h6>Kelsos contra Origenes<\/h6>\n<p>Ratzinger wei\u00dft in diesem Zusammenhang auf Kelsos Lehre von den V\u00f6lkerengeln hin, auf die Lehre, das jedem einzelnen Volk ein derartiger Engel korrespondiert, der die Einzelinteressen der V\u00f6lker vertritt und die Religion damit zugleich auf den nationalen Fokus reduziert. Kelsos begreift das Nationale nicht nur als den Ort der jeweiligen Religion und des Rechts, sondern als Verordnung der g\u00f6ttlichen Weltregierung und damit letztendlich als religi\u00f6ses Gebot, was sich in der griechischen Fassung von \u201eDeuteronomium 32, 8 deutlich zeigt, wenn dort steht: \u201eAls der H\u00f6chste die V\u00f6lker teilte, als er die S\u00f6hne Adams zerstreute, setzte er den Nationen Grenzen, entsprechend der Zahl der Engel Gottes.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Kelsos also den religi\u00f6s-nationalen Charakter hervorhebt, vertritt Origenes die Einheit der Idee der Menschheit, die sich im Mysterium von Jesu Christi zeigt. Denn: \u201eDas Sein Jesu Christi und die Botschaft Jesu Christi haben eine neue Dynamik in die Menschheit getragen, die Dynamik des \u00dcbergangs aus dem zerrissenen Sein der vielen einzelnen in die Einheit Jesu Christi, in die Einheit Gottes hinein. Und die Kirche ist gleichsam nichts anderes als diese Dynamik, dieses In-Bewegung-Kommen der Menschheit auf die Einheit Gottes hin. Sie ist ihrem Wesen nach \u00dcbergang. Vom zerrissenen, gegen den andern gewandeten Menschsein zum neuen Menschsein, zur Vereinigung des Zerscherbten hin. Genau das wollen die V\u00e4ter ausdr\u00fccken, wenn sie die Kirche \u201aLeib Christi\u2019 nennen.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn18\">18<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Dieser \u201eLeib Christi\u201c als transnationale Bestimmung der Kirche \u2013 auch im Stadium ihrer Vorl\u00e4ufigkeit \u2013 steht nicht nur in Opposition gegen die verschiedenen Regenten (oder himmlische Herrscher), sondern wird von Origenes negativ als Abfall von Gott, als eine Strafe der V\u00f6lker, die ihre geistige Einheit verraten haben, interpretiert. Die entzweite Menschheit hat sich in die H\u00e4nde ungn\u00e4diger Engel begeben, die den einzelnen V\u00f6lkern ihre Sprache und Religion verliehen haben. Diese Regentschaft der sogenannten Archonten, wie Origenes die V\u00f6lkerengel nennt, sind Usurpatoren, die analog zur Gottlosigkeit der Menschen sich ihre Herrschaftsgebiete gesucht haben. Die Archonten erzeugen Unordnung, Chaos und Ungesetzlichkeit. Diese Herrschaft des Chaos, die sie aufrichten, wird letztendlich mit dem Heilswerk Jesu aufgebrochen, denn er besiegt die dunklen M\u00e4chte der Finsternis und damit das Prinzip des B\u00f6sen und errichtet demgegen\u00fcber die neue Friedensordnung als Synthese zwischen \u201eAltem\u201c und \u201eNeuen Bund\u201c, zwischen Dekalog und Bergpredigt. Er f\u00fchrt die Menschen aus dem Gef\u00e4ngnis des Nationalen in die Einheit Gottes und damit schlie\u00dflich zur Idee der einen Menschheit, die sich dem Prinzip der nationalen Vielheit widersetzt. Damit wird, so Ratzinger deutlich, da\u00df nur die Kirche f\u00fcr die \u00fcbernationale Einheit stehen und nur ein Gott regieren kann, der sich in Jesu Christi opfert. Aber auch im Hinblick auf die politische Theologie agieren die Nationen, samt ihren V\u00f6lkerengeln und ihren Rechtsanspr\u00fcchen, nur im Range blo\u00dfer Vorl\u00e4ufigkeiten, deren eigentliches Ziel das himmlische Jerusalem bleibt, was sich in der theologischen Metaphysik der Nationen bei Origenes zeigt. Letztendlich, so Ratzinger, siegt Origenes gegen\u00fcber Kelsos, der beim Christentum ein \u00fcberregionales Sonderinteresse kritisiert hatte \u2013 samt dem Vorwurf, da\u00df sie es seien, die das v\u00f6lkische Gesetz verraten und sich so au\u00dferhalb der Gesetzlichkeit des Nationalen und der jeweiligen regionalen g\u00f6ttlichen Ordnung gestellt haben.<\/p>\n<h6>Das \u00dcbernationale als Korrektiv<\/h6>\n<p>Sowohl im Blick auf die Religion als auch auf verschiedenen politisch-religi\u00f6sen Ordnungen und Bindungen<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn19\">19<\/a><\/sup> erweist sich das \u00dcbernationale als eigentliches Korrektiv, auch \u2013 und damit kommt die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Vernunft und Glauben wieder ins Spiel \u2013 im Blick auf Origenes Lehre von der dreifachen Weisheit; der Weisheit Gottes, der Welt und der \u201eF\u00fcrsten\u201c dieser Welt. W\u00e4hrend die Weisheit Gottes, die sich in Jesus offenbart, f\u00fcr die \u00fcbernationale Weisheit steht, ist von ihr die Weisheit der Welt sowohl graduell als auch qualitativ verschieden. Diese Weisheit als Wissenschaft, \u201eWeltwissenschaft\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn20\">20<\/a><\/sup> hat ihren Ort in der Poesie, Grammatik, Rhetorik, Geometrie, Musik und Medizin. Von dieser wiederum ist die Weisheit der \u201eF\u00fcrsten\u201c zu unterscheiden, wobei Origenes dazu die Geheimlehren der \u00c4gypter, die Astrologie der Chald\u00e4er, die indischen wie auch die griechischen Spekulationen z\u00e4hlt. Und Ratzinger betont, da\u00df diese \u201evolksgebundenen Philosophien\u201c von den V\u00f6lkerengeln inspiriert sind und damit nichts weiter als nationale Weisheiten bleiben, wenngleich diese Lehren, und damit positiv, Weisheitslehren sind, in denen sich auch die Vernunft ausspricht, aber eben nicht die universale, gottgegebene Vernunft. Der Protest der \u201eF\u00fcrsten\u201c der Welt gegen\u00fcber dem Christentum ist dann nichts anderes als eine Verschw\u00f6rung gegen das sich im Christentum offenbarende \u00dcbernationale. Und mit dem Christentum, so Ratzinger im Anschlu\u00df an Origenes, wird auch die Vorl\u00e4ufigkeit des Nationalen deutlich, und nicht nur das: das Nationale kann \u201enur noch in der Form der wahrheitswidrigen Selbstbehauptung einer \u00fcberholten Ordnung weiterexistieren\u201c, es hat nach Christus keine Legitimit\u00e4t mehr.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn21\">21<\/a><\/sup> Kurzum: Der christliche Glaube durchbricht das alte Ordnungsprinzip des national-religi\u00f6sen, er setzt anstelle des Vaterlandes die weltumspannende Kirche, die mit ihrer Friedensbotschaft endg\u00fcltig den Kampf der Kulturen beendet. An die Stelle der absoluten Herrschaft der nationalen Gesetze ist das g\u00f6ttliche Gesetz getreten, das durch die eine Kirche \u00fcber alle V\u00f6lker der Welt regiert. Diesen idealen, weltumspannenden Staat als Kirche begreift Ratzinger dann als konkrete Vollendung der platonischen Idee vom ideellen Staat, der die endliche Welt nicht aufhebt, wie der gnostische Dualismus Kelsos\u2019, sondern diese zum Ort des geschichtlichen Heils werden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Das Christentum stellt durch seinen Begr\u00fcndungsanspruch den bestehenden politischen Kosmos in Frage, wenn es diesen seine eschatologische Sicht gegen\u00fcberstellt, die darin kulminiert, da\u00df er zwar das vern\u00fcnftige Naturgesetz und das positive Recht als die zwei m\u00f6glichen g\u00e4be, aber letztendlich das g\u00f6ttliche Naturgesetz \u00fcber das positive obsiegt, die Ethik \u00fcber dem Recht steht. Weil das Vern\u00fcnftige dem Christentum innewohnt, stellt es sich an die Seite der philosophischen Opposition und vermag aus der besseren Einsicht die vaterl\u00e4ndischen Gesetze zugunsten des g\u00f6ttlichen Gesetzes relativieren. Was die Philosophie und das Christentum damit verbindet, ist, da\u00df sie sich auch gegen die Weisungen der politischen Macht, die Gesetze, gegen das positive Recht entscheiden k\u00f6nnen. Die Christen haben dar\u00fcber hinaus noch eine prop\u00e4deutische Aufgabe, eine erzieherische Funktion: \u201eDie christliche Revolution erscheint aber so erst recht nicht mehr als Angriff auf den Kosmos als solchen, sondern geschieht \u2013 wie die philosophische Opposition \u2013 letztendlich sogar zu dessen eigenem Nutzen.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn22\">22<\/a><\/sup> Die Christen sind, so Ratzinger mit Origenes, die wahren \u201ePriester der Menschheit\u201c, weil sie die \u201eFr\u00f6mmigkeit gegen\u00fcber dem Gott aller Staaten lehrten\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn23\">23<\/a><\/sup> Wie Origenes so hebt auch Ratzinger hervor, da\u00df die Unterordnung des Heiligen unter das Politische und Nationale letztendlich die Freiheit des einzelnen Menschen aufhebt, weil sie nur seine endliche Freiheit im Fokus hat, aber nicht seine Freiheit als Bild Gottes, der auch den Kosmos samt seinen Regenten und irdischen M\u00e4chten geschaffen hat. Die Bejahung des geschaffenen Kosmos durch das Christentum wei\u00df sich letztendlich in der Opposition zum platonischen und gnostischen Dualismus.<\/p>\n<h6>Augustinus\u2019 civitas caelestis<\/h6>\n<p>Wenn Origenes in seiner Schrift \u201eContra Celsum\u201c den gnostischen Dualismus und die Trennung von Sch\u00f6pfergott und Erl\u00f6sergott kritisiert, entwickelt der Kirchenvater Augustinus in seinem Werk \u201eDe civitate dei\u201c seine Polemik gegen die r\u00f6mische Polis und politische Kosmologie, also gegen Recht- und Rechtsstaatlichkeit mit dem Anspruch auf Universalit\u00e4t. Sieht Origenes in den V\u00f6lkerengeln jene D\u00e4monen am Werk, die der christlichen Idee des \u00dcbernationalen sich entgegenstellen, so kritisiert Augustinus die Wahrheitslosigkeit der politischen Religion Roms, ja die Selbsterm\u00e4chtigung der Polis gegen\u00fcber Gott, ihre Verg\u00f6ttlichung und den darin eingeschlossenen Werterelativismus, der letztendlich diese Werte absolut setzt. Die Religion wird dem Staat unterstellt, sie hat nur die Funktion eines Gebrauchwertes, der als Dienstleister innerhalb des Apparates zu funktionieren hat. Damit verkommt sie zugleich eben zu blo\u00dfer religi\u00f6ser Gewohnheit und stellt sich letztendlich gegen die geoffenbarte Wahrheit. Mehr noch: In dieser ihrer Reduktion auf den Staat folgt sie letztendlich den gottabgewandten D\u00e4monen, liefert den Menschen diesen aus. Demgegen\u00fcber ist das Christentum dann eine Befreiung zur Wahrheit, eine \u201eBefreiung von der Macht der D\u00e4monen, die hinter der Gewohnheit stehen\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn24\">24<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Mit seiner politischen Theologie stellt sich Augustinus somit nicht nur gegen den Platonismus, sondern auch gegen das stoische Weltbild. W\u00e4hrend innerhalb der Stoa die Differenz zwischen Gott und Welt verschmilzt, weil im stoischen Monismus die Welt verg\u00f6ttlicht wird, ist innerhalb des platonischen Dualismus keine Verbindung zwischen Gott und Welt her mehr m\u00f6glich. Die radikale Transzendenz Gottes kann keine Verbindung zwischen sich und dem Menschen stiften. Diesem Grunddogma, da\u00df es zwischen Gott und Mensch keine Ber\u00fchrung gibt, stellt Augustinus seine Theologie gegen\u00fcber, die die Erde als Werk Gottes begreift. Der transzendente Gott der platonischen Philosophie wird dann in der Grundtatsache aufgehoben, da\u00df Gott Mensch geworden ist; der Sch\u00f6pfer der Welt bleibt dieser zugewendet, zeigt ihr sein Antlitz und ist als Sch\u00f6pfergott zugleich in der Geschichte pr\u00e4sent, wobei das irdische Reich Abglanz des ewigen ist. F\u00fcr Augustinus werden die irdischen Theokratien zweitrangig; \u00fcber ihnen allen gemeinsam steht der Gottesstaat als Vaterland aller Menschen. Dennoch sind sie als irdische Reiche notwendige Ordnungen und damit Rechtens, und als B\u00fcrger dieser Staaten mu\u00df sich auch der Christ ihnen f\u00fcgen, allein er mu\u00df ihr relatives Sein erkennen. \u201eDie letzte Sorge geh\u00f6rt allein der ewigen Heimat aller Menschen, der civitas caelestis.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn25\">25<\/a><\/sup> Und darin kommen, so Ratzinger, Origenes und Augustinus \u00fcberein, wenn sie mit dem Namen \u201ecivitas caelestis\u201c \u201enicht nur das kommende himmlische Jerusalem\u201c [\u2026], sondern auch schon das Gottesvolk auf der Wanderschaft durch die W\u00fcste der Erdenzeit: die Kirche\u201c meinen.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn26\">26<\/a><\/sup> Sie unterscheiden sich aber dann, so Ratzinger, wenn Origenes die christliche Revolution der Kirche durch eine eschatologische Radikalit\u00e4t \u00fcberbieten will und damit die irdischen Reiche auf-gibt, w\u00e4hrend Augustinus mit seiner ekklesiastischen-sakramentalen Theologie, Rom nicht nur als sein Vaterland begreift, sondern sich auch mit der Unvollkommenheit irdischer Macht und Recht abgefunden hat. Dieser Ungerechtigkeit stellt er das Martyrium als Gegengr\u00f6\u00dfe dem Staat gegen\u00fcber. Augustinus\u2019 Sieg liegt im \u201eNein-Sagen\u201c gegen\u00fcber den M\u00e4chten, die die \u00d6ffentlichkeit bestimmen. Die Kirche lebt in dieser Welt in der Form des Leidens. \u201eSeine Lehre von den zwei Staaten zielt weder auf eine Verkirchlichung des Staates noch auf eine Verstaatlichung der Kirche ab, sondern darauf, inmitten der Ordnungen dieser Welt, die Weltordnungen bleiben m\u00fcssen, die neue Kraft des Glaubens an die Einheit der Menschen im Leibe Christi gegenw\u00e4rtig zu setzen [\u2026].\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn27\">27<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Erst durch Augustinus, wie Ratzinger betont, und damit kommen wir an den Anfang zur\u00fcck, wird die theologia naturalis zur wahren Religion. \u201eDer Bindestrich, den Augustinus \u201azwischen neuplatonischer Ontologie und biblischer Gotteserkenntnis\u2019 gesetzt hat, ist also von der Sache des Monotheismus her legitim, er ist die konkrete Weise, wie sich f\u00fcr ihn der Bindestrich zwischen Gott der Philosophen und Gott es Glaubens, Gott der Menschen darstellen mu\u00dfte. Ja, er hat mit der Feststellung, da\u00df der stumme und unaussprechbare Gott der Philosophen in Jesus Christus zum redenden und h\u00f6renden Gott geworden ist, gerade erst den vollen inneren Anspruch des biblischen Glaubens vollstreckt.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn28\">28<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Der Bogen in die Gegenwart \u2013 Der Papst vor dem Bundestag<\/h6>\n<p>Auch in seiner Enzyklika \u201eCaritas in veritate\u201c hat Benedikt XVI. die Bedeutung eines universalen Sittengesetzes oder Naturrechtes hervorgehoben, wenn er schreibt: \u201eIn allen Kulturen gibt es besondere und vielf\u00e4ltige ethische \u00dcbereinstimmungen, die Ausdruck derselben menschlichen, vom Sch\u00f6pfer gewollten Natur sind und die von der ethischen Weisheit der Menschheit Naturrecht genannt wird. Ein solches universales Sittengesetz ist die feste Grundlage eines jeden kulturellen, religi\u00f6sen und politischen Dialogs und erlaubt dem vielf\u00e4ltigen Pluralismus der verschiedenen Kulturen, sich nicht von der gemeinsamen Suche nach dem Wahren und Guten und nach Gott zu l\u00f6sen. Die Zustimmung zu diesem in die Herzen eingeschriebenen Gesetz ist daher die Voraussetzung f\u00fcr jede konstruktive soziale Zusammenarbeit.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn29\">29<\/a><\/sup> Anders gesagt: Das Gesetz, da\u00df dem positiven Recht, die Korrelation im interkulturellen Diskurs stiftet, diese erm\u00f6glicht, ist das Naturgesetz, als das dem Menschen eingeschriebene universale Menschenrecht, die ihre Legalit\u00e4t und Legitimit\u00e4t durch die Vernunft und als analogia entis erf\u00e4hrt. Das Naturrecht \u2013 entweder aus der Quelle der reinen Vernunft oder als lex aeternatis \u2013 widerstreiten sich auch im 21. Jahrhundert nicht, so Ratzinger, sofern ihre Geltungsbereiche jeweils unterschiedlich begr\u00fcndet werden. Entweder in den positiven Gesetzen der jeweiligen Staaten oder in einer dieser Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit vorangegangenen absoluten Idee der universalen Gerechtigkeit oder des g\u00f6ttlichen Rechts. Ratzinger bleibt damit auf Schiene zu Origenes und Augustinus und verschiebt in Analogie zu den beiden Kirchenv\u00e4tern die Idee der \u201eEinheit der Nationen\u201c in die Post- oder Postpostmoderne. Die politischen Religionen haben ihren Ort in der Endlichkeit und Fragw\u00fcrdigkeit endlicher Existenz und bed\u00fcrfen, wie er im Diskurs mit Habermas hervorhebt, aber dann eine Korrektur, wenn sie widermenschlich, ungerecht, auf einem ungerechten Mehrheitswillen oder selbst gegen die Natur des Menschen als Sch\u00f6pfungswesen agieren, beziehungsweise dem Humanum widersprechen, sich die Natur als Bild Gottes widerrechtlich aneignen, was sich explizit f\u00fcr Ratzinger in der modernen Biotechnologie und den Neurowissenschaften zeigt. Experimentelle Forschung wie das Klonen oder die Pr\u00e4implantationsdiagnostik, so dann hart formuliert, geh\u00f6rt nicht unter das Kuratel der technisch-s\u00e4kular entgrenzten Vernunft, sondern umgekehrt des Glaubens, der zum Korrektiv dieser Vernunft wird, die ins Ma\u00dflose greift, die Hybris und Selbsterm\u00e4chtigung ist. Es gilt, und da spricht der Theologe, dem das Verh\u00e4ltnis zwischen Glaube und Vernunft das tiefste Verh\u00e4ltnis ist, das zu denken ist, hier, wie er es in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag formuliert, auf ein h\u00f6rendes Herz zu achten, auf das Gewissen \u201eals die in der Sprache des Seins ge\u00f6ffnete Vernunft\u201c, das in Distanz geht, wenn positives universales Recht transzendiert, wenn das Recht gegen die Natur des Menschen, gegen alle Menschen, streitet. Der Mensch hat, und darauf spricht der Papst im Bundestag an wenn er den Begriff der \u00d6kologie verwendet, eine Natur, auf die er \u201eachten mu\u00df und die er nicht beliebig manipulieren kann\u201c. Als Einheit von Vernunft, Wille und Natur handelt er gerecht, wenn er auf die \u201eNatur h\u00f6rt [\u2026] und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn30\">30<\/a><\/sup> Bezugnehmend auf denRechtspositivismus Kelsens betont Ratzinger die Abh\u00e4ngigkeit von Normen aus einer voluntativen Begr\u00fcndung heraus, da die Natur Normen nur enth\u00e4lt, \u201ewenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat.\u201c Dies geht, und das begreift Ratzinger als Skandal des Christentums, nur durch einen Sch\u00f6pfergott, \u201edessen Wille in die Natur miteingegangen ist.\u201c Und dann stellt sich auch im 21. Jahrhundert die Frage, ob die \u201eobjektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine sch\u00f6pferische Vernunft, einen Creator Spiritus\u201c voranstellt.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn31\">31<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Das Christum j\u00fcngster Geschichte hat im Unterschied zu anderen gro\u00dfen Religionen, dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben.\u201c Dagegen hat es auf die Natur und die Vernunft \u201eals die wahren Rechtsquellen verwiesen \u2013 auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegr\u00fcndetsein beider Sph\u00e4ren in der sch\u00f6pferischen Vernunft Gottes voraussetzt.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn32\">32<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Auch im demokratischen Staat, wo das Recht die Grundlage gesellschaftlichen Miteinanders bildet, die Trennung zwischen Kirche und Staat (Neutralit\u00e4tsthese) akzeptiert und als uneinholbar gesetzt ist, Naturrecht und positives Gesetz unhintergehbar sind, d\u00fcrfen die vorpolitischen Grundlagen des Rechts nicht wahllos ausgeklammert werden \u2013 das B\u00f6ckenf\u00f6rde-Argument, denn der freiheitliche Rechtsstaat verdankt sich einer Quelle, die er nicht selbst geschaffen hat. Und wenn die W\u00fcrde des Menschen unantastbar ist, die Gesetzgebung aber dieser \u2013selbst auf demokratischen Weg \u2013 zuwiderl\u00e4uft und sich gegen die Natur des Menschen entscheidet, dann mu\u00df das Naturrecht in Form des universalen Menschenrechts diese korrigieren und eingreifen. Dies hatte schon Gustav Radbruch mit seiner Radbruchschen Formel vor Augen. Wenn ein Gesetz Unrecht ist, bedarf es einer Korrektur seitens des Naturrechts, selbst wenn das Recht auf legalem Weg in die Rechtsg\u00fcltigkeit getreten ist. Das Recht auf Verweigerung hat der Papst in Berlin mit R\u00fcckgriff auf Origenes hervorgehoben, der den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begr\u00fcndet hatte: \u201eWenn jemand sich bei den Skythen bef\u00e4nde, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen w\u00e4re, bei ihnen zu leben [\u2026], dann w\u00fcrde er wohl sehr vern\u00fcnftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden w\u00fcrde [\u2026].\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn33\">33<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die Gefahr, da\u00df das Recht zugunsten der Macht der Religion gebrochen wird, sieht aber Ratzinger nicht so sehr mehr in den \u201ePathologien der Religion\u201c, die durch die europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rung vor zweihundert Jahren, mit Immanuel Kant, eine Katharsis erfahren haben, sondern in einer sich exklusiv gebenden positivistischen Vernunft, \u201edie \u00fcber das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann.\u201c Sie gleicht, fast monadisch, \u201eden Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei k\u00f6nnen wir uns doch nicht verbergen, da\u00df wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorr\u00e4ten Gottes sch\u00f6pfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn34\">34<\/a><\/sup> Damit votiert Ratzinger gegen eine Vernunft, die sich ihres Ursprunges entfremdet hat und qua Vernunft letztendlich dem demokratischen Rechtsstaat ihre Maximen, Regulative und Imperative auferlegt und zeigt ihre Grenzen auf. Mit einer rein utilitaristischen Vernunft, die sich dem technischen Positivismus ausliefert, kann sich Ratzinger nicht abfinden, zumal, so seine Meinung, sich diese in einer Gesellschaft ohne Gott eben in den Aporien des rein Faktischen, des Machbaren, verf\u00e4ngt. Benedikt XVI. pl\u00e4diert daher eher f\u00fcr ein postmodernes als f\u00fcr ein \u201evormodernes\u201c Verh\u00e4ltnis von Vernunft und Glaube, von Glaube und Politik. Dies betont er in seiner Sozialenzyklika \u201eCaritas in veritate\u201c. Auch dort findet sich der Hinweis auf den unverzichtbaren vorpolitischen Beitrag des Christentums in einer Zeit, wo die Herausforderung der Globalisierung und die Krise der Freiheit der freiheitlich-s\u00e4kularen Grundordnung die Vernunft permanent herausfordern, wo ein nutzenkalkulierendes, vom Egoismus getriebenes Menschenbild regiert. In einem s\u00e4kularisierten Staat eignet dem Christentum dann aber doch ein zivilisatorischerAspekt, der sich keineswegs, wie J\u00fcrgen Habermas aber meint, auf ein Christentum als Zivilreligion reduzieren l\u00e4\u00dft, sondern aus der kulturellen Vielfalt der Kulturen und der Gl\u00e4ubigen resultiert \u2013 dies auch vor dem Hintergrund eines Europa, das seine christlichen Wurzeln zunehmend verleugnet und sich dagegen f\u00fcr die reine aufgekl\u00e4rte Vernunft, f\u00fcr eine politische Weltformel aus reiner Vernunft entschieden hat. Es gibt diese Weltformel aber nicht, was es dagegen gibt, ist ein Hinh\u00f6ren und eine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen, von Glaubens\u00fcberzeugungen gepr\u00e4gten Traditionen, wobei der Glaube eben nicht auf die Vernunft allein reduziert werden darf.<\/p>\n<p>Um dem zerst\u00f6rerischen und den Frieden gef\u00e4hrdenden Potential einer rein technischen Vernunft, die sich jenseits der kulturellen Tradition und religi\u00f6ser Werte positioniert, zu entgegnen, stellt Ratzinger dem methodologische Kriterium der politischen Vernunft der Moderne, Hugo Grotius\u2019 \u201eetsi Deus non daretur\u201c, einer Verfassung der politischen Ordnung durch ein \u201eals ob es Gott nicht g\u00e4be,\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn35\">35<\/a><\/sup> sein \u201eveluti si Deus daretur\u201c entgegen, das darin kulminiert, da\u00df der Mensch seine W\u00fcrde wieder entdeckt, die aber in einer transzendenten Dimension seines eigenen Menschseins liegt. Diese kann dann zum \u201emethodologischen\u201c und nicht \u201ereligi\u00f6sen\u201c Kriterium der s\u00e4kularen politischen Ordnung im 21. Jahrhundert werden. Nur so gelingt es, die Unverf\u00fcgbarkeit des Menschen gegen die politisch-technologische Vernunft zu verteidigen. In seinem Postulat, \u201edas Axiom der Aufkl\u00e4rer um(zu)kehren,\u201c <sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn36\">36<\/a><\/sup> das \u201eals ob es Gott g\u00e4be\u201c, in dem Ratzinger das moderne Verst\u00e4ndnis der verk\u00fcrzten W\u00fcrde sieht, geht es ihm darum, den Allzust\u00e4ndigkeitsanspruch einer technischen Vernunft f\u00fcr alle politischen Belange zu unterbrechen. Unterbrechung, darauf hatte Johann Baptist Metz hingewiesen, ist der Inbegriff von Religion im politischen Diskurs. <sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn37\">37<\/a><\/sup> Die Aufgabe der Religion besteht damit einerseits darin zu verhindern, da\u00df die Vernunft \u201eperfektistisch\u201c der Utopie von Sozialismus, Kommunismus verf\u00e4llt, wie andererseits in ihrem Anspruch, alle sozialethischen Probleme mit Hilfe einer rein durchtechnisierten Organisation zu l\u00f6sen.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn38\">38<\/a><\/sup> Damit erinnert Ratzinger an die fundamentale Bedeutung der menschlichen W\u00fcrde, wie sie \u201esich aus dem politisch nicht verhandelbaren, sondern stets vorauszusetzenden Transzendenzbezug der menschlichen Person ergibt.\u201c <sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn39\">39<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Europas Kultur, so der Papst, ist das Resultat der\u201eBegegnung von Jerusalem, Athen und Rom\u201c \u2013 \u201eder Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms.\u201c Diese dreifache Begegnung bildet die Identit\u00e4t Europas ab und sie hat \u201eim Bewu\u00dftsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren W\u00fcrde des Menschen, eines jeden Menschen Ma\u00dfst\u00e4be des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns [\u2026] aufgegeben ist.\u201c <sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn40\">40<\/a><\/sup><\/p>\n<p><sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn1\">1<\/a><\/sup> Ratzinger, Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen, A. a. O., S. 18.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn2\">2<\/a><\/sup> A.a.O., S. 16.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn3\">3<\/a><\/sup> A.a.O., S. 28.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn4\">4<\/a><\/sup> Ratzinger, Wie weit tr\u00e4gt der Konsens \u00fcber die Rechtfertigungslehre?, in: IkaZ 29 (2000), S. 429.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn5\">5<\/a><\/sup> Ratzinger, Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen, Dritte Auflage, Trier 2006, A. a. O., S. 20.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn6\">6<\/a><\/sup> A.a.O., S. 22.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn7\">7<\/a><\/sup> \u00dcbersetzt: Altert\u00fcmer menschlicher und g\u00f6ttlicher Einrichtungen.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn8\">8<\/a><\/sup> Zu Varro: Vgl. Burkhart Cardauns, Marcus Terentius Varro, Einf\u00fchrung in sein Werk, Heidelberg 2001. Vgl. Yves Lehmann, Varron th\u00e9ologien et philosophe romain. Latomus, Bruxelles 1997.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn9\">9<\/a><\/sup> Wolfgang Speyer, Fr\u00fches Christentum im antiken Strahlungsfeld, T\u00fcbingen 1989, S. 416-419.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn10\">10<\/a><\/sup> Ratzinger, Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche, St. Ottilien 1992, S. 268.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn11\">11<\/a><\/sup> A.a.O., S. 270.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn12\">12<\/a><\/sup> Ratzinger, Rede vor dem Deutschen Bundestag. http:\/\/www.bundestag.de\/kulturundgeschichte\/geschichte\/gastredner\/benedict\/rede\/250244.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn13\">13<\/a><\/sup> Ratzinger, Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche, St. Ottilien 1992, S. 272.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn14\">14<\/a><\/sup> Ratzinger, Die Einheit der Nationen, Eine Vision der Kirchenv\u00e4ter, Salzburg, M\u00fcnchen 2005, S. 13ff.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn15\">15<\/a><\/sup> A.a.O., S. 14.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn16\">16<\/a><\/sup> A.a.O., S. 19f.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn17\">17<\/a><\/sup> A.a.O., S. 31.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn18\">18<\/a><\/sup> A.a.O., S. 34.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn19\">19<\/a><\/sup> A.a.O., S. 58.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn20\">20<\/a><\/sup> A.a.O., S. 55.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn21\">21<\/a><\/sup> A.a.O., S. 56.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn22\">22<\/a><\/sup> A.a.O., S. 63.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn23\">23<\/a><\/sup> A.a.O., S. 64 und S. 63.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn24\">24<\/a><\/sup> A.a.O., S. 76.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn25\">25<\/a><\/sup> A.a.O., S. 95.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn26\">26<\/a><\/sup> Ebenda.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn27\">27<\/a><\/sup> Ratzinger, Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen, S. 102.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn28\">28<\/a><\/sup> A.a.O., S. 28.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn29\">29<\/a><\/sup> Ratzinger, Caritas in veritate.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn30\">30<\/a><\/sup> Ratzinger, Rede vor dem Deutschen Bundestag. http:\/\/www.bundestag.de\/kulturundgeschichte\/geschichte\/gastredner\/benedict\/rede\/250244<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn31\">31<\/a><\/sup> Ebenda.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn32\">32<\/a><\/sup> Ebenda.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn33\">33<\/a><\/sup> Ebenda.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn34\">34<\/a><\/sup> Ebenda.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn35\">35<\/a><\/sup> Vgl. H. Grotius, De Iure Belli ac Pacis Libri Tres, Prolegomena, 11, 10.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn36\">36<\/a><\/sup> Ratzinger, Europa in der Krise, 82.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn37\">37<\/a><\/sup> J. B. Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, Mainz 1977, 150.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn38\">38<\/a><\/sup> Vgl. zu diesem Begriff A. Rosmini, Philosophie der Politik, hg. von C. Liermann, Innebruck-Wien 1999, 118.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn39\">39<\/a><\/sup> Markus Krienke, Der sozialethische Beitrag Joseph Ratzingers<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13169-recht-und-gerechtigkeit-im-denken-benedikts-xvi#fn40\">40<\/a><\/sup> Ratzinger, Rede vor dem Deutschen Bundestag.<\/p>\n<h1>Wer war Heinrich Heine?<\/h1>\n<p>Vor 220 Jahren feierte die deutsche Literatur eine Neugeburt par excellence. Der Sp\u00f6tter unter den Dichtern war geboren. Mit Heinrich Heine entz\u00fcndete sich die heilige Flamme der Literatur in einem neuen Gewand. F\u00fcr Judenhasser und Nationalisten war er ein Qu\u00e4lgeist, f\u00fcr Zeitgenossen ein brillanter Analytiker und Chronist und f\u00fcr Journalisten ein Vorbild.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/13096-geburtstag-eines-genies-der-dichter-der-deutschen\">gemeinfrei<\/a><\/p>\n<p>Gescholten und bewundert, gepriesen und verabscheut, die Facetten der Heineinterpretation sind vielgestaltig. Spektakul\u00e4r ist Heine auf jeden Fall gewesen, auch wenn sein Abtritt von der Weltb\u00fchne vor 150 Jahren alles andere war. Das Sein zum Tode, das Heidegger sp\u00e4ter als Existential seiner Seinsanalyse zugrunde legen wird, verstellte Heine nicht die eigene, von Schmerzen zerr\u00fcttete Lebenswelt, er \u00fcberwand das Schicksal, in dem er es annahm; statt vita contemplativa reinste vita activa, reinste Schaffenskraft. Der am Lebensende erschienene Gedichtsband \u201eRomanzero\u201c und das 1854 ver\u00f6ffentlichte politische Verm\u00e4chtnis \u201eLutetia\u201c veranschaulichen dies nachhaltig. Die legend\u00e4ren, selbst Geschichte gewordenen Selbstbeschreibungen, die der Literat in den letzten acht Jahren von seiner \u201eMatrazengruft\u201c aus liefert, zeigen die ganze Existentialit\u00e4t, das j\u00e4he und nie erl\u00f6schende Ringen mit dem Leben.<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inread-experience.teads.tv\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<p>Kaum eine Pers\u00f6nlichkeit, von Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche einmal abgesehen, war ambivalenterer Natur als Heine. Er war Hellene, deutscher Klassiker und Romantiker in einem. Heine war aber auch Kosmopolit, Kommunist, Theologe, Dandy und vor allem Journalist. Marcel Reich-Ranicki nennt ihn gar den bedeutendsten Journalisten unter den deutschen Dichtern und begreift ihn als ber\u00fchmtesten Dichter unter den Journalisten. Eher als Karl Kraus und Egon Erwin Kisch pr\u00e4gte, ja, kreierte Heine jenen idealen Journalismus, den man heutzutage in den Gazetten vermisst. Es ist nicht der Romantiker, der \u00fcber das Zeitgeschehen lasziv reflektiert, sondern der scharfe Analyst, der Dialektiker des Geistes, der Lessing ma\u00dfgebliche Impulse verdankte.<\/p>\n<p>Der wahrscheinlich am 13. Dezember 1797 geborene und im Geist des Judentums erzogene Harri Heine, der erst nach seinem Bekenntnis zum Christentum 1825 zu Heinrich Heine wurde, bleibt der Erfinder aller journalistischen Genres. Getreu der Maxime, die in der sp\u00e4teren Ph\u00e4nomenologie zum Schlagwort wurde, wollte Heine nicht hinter den Ph\u00e4nomenen suchen, sondern zu den Sachen selbst kommen. Wollte man daher einen kategorischen Imperativ formulieren, der als Sollensanspruch seinem politischen Journalismus zugrunde gelegt werden k\u00f6nnte, so m\u00fcsste er lauten: \u201eSchreibe so, dass die beschriebenen Ph\u00e4nomene der Wahrheit entsprechen.\u201c Damit ist zugleich ein wesentliches Merkmal dieses Journalismus benannt: Wahrheit. Wahrheit bedeutet f\u00fcr Heine Authentizit\u00e4t und impliziert die Autonomie des Verfassers \u2013 seine Unbestechlichkeit. Als Journalist suchte er nicht nach der Hinterwelt, zu der er sich, er, der sich zum Kommunismus von Marx und Engels hingezogen f\u00fchlte, als theologisch-inspirierter und bibelfester Denker bekannte, sondern nach der Offenbarung des \u201ewirklich Wirklichen\u201c. Gott spielte, dies verst\u00e4rkt sich noch im Alterswerk, eine bedeutende Rolle in Heines Denken, nur, in den Journalismus geh\u00f6rt er eben nicht.<\/p>\n<p>Man w\u00fcrde den in D\u00fcsseldorf geborenen Heine falsch verstehen, reduzierte man sein Denken auf einen platten Atheismus, der alle theologischen Bez\u00fcge verleugnet. Heine war und blieb bis zum letzten Tag seines Lebens religi\u00f6s, ein zivilreligi\u00f6ser Denker, wenngleich er sich von jeder Religion distanzierte, die ihre Glaubenss\u00e4tze in Dogmen fasste. Jede Vereinnahmung der Religion durch das Zwangskorsett der Kirche und durch ihre subalternen Hierarchien lehnte er kategorisch ab \u2013 \u201eDeutschland, Ein Winterm\u00e4rchen\u201c bleibt \u00fcberzeugendes Beispiel hierf\u00fcr.<\/p>\n<p>Aber auch mit seinen \u201eDie schlesischen Weber\u201c schreibt Heine Journalismusgeschichte, denn hier deckt er soziale Missst\u00e4nde gnadenlos auf. Statt dem vielbeschworenen Gesinnungsjournalismus Tribut zu zollen, der auf das unmittelbare Tagesgesch\u00e4ft abzielt, ist Heine Verantwortungsethiker, der die Waffe des Schreibens bewusst einsetzt, um \u00fcber soziale Missverst\u00e4ndnisse nicht nur aufzukl\u00e4ren, sondern auch auffordert, die Missst\u00e4nde zu beseitigen. Die kritische Analyse des Zeitgeschehens, dieser frontale Angriff auf die despotischen Gesinnungsethiker und ihre politischen Intrigen zeichnet den scharf und pr\u00e4zis argumentierenden Journalisten Heine aus; die Sprache bleibt gezieltes Medium dauernder Provokationen, sie ist das kr\u00e4ftigste Mittel bei der Enttarnung jeder Sch\u00f6nhuberei.<\/p>\n<p>Die radikal-inszenierte Kritik am politischen System endete, auch dies bleibt ein Ph\u00e4nomen, das im 21. Jahrhunderts die Journalisten provoziert, im Publikationsverbot, in der radikalen Zensur. Heine war unbeliebt, unbequem \u2013 ein kritischer Geist par excellence, dessen Wahrheitsempfinden nicht nur den braunen Machthabern sp\u00e4ter ein Dorn im Auge wurde, sondern auch all jenen, die Wasser predigten und heimlich Wein tranken. Die B\u00fccherverbrennung, der Index, all dies nur Resultate eines politischen Despotismus, der sich jeder kritischen Zeitanalyse verschloss.<\/p>\n<p>Die Radikalit\u00e4t des Schreibens, die eineindeutige Argumentation im Geschriebenen, die Authentizit\u00e4t der dargestellten Ph\u00e4nomene, dies ist es, was man im 21. Jahrhundert von Heine lernen kann, Zeichen eines Journalismus, der sich den Idealen der Aufkl\u00e4rung und des Humanismus gegen\u00fcber verpflichtet wusste, dem das geschriebene Wort damit zur politischen Tat wurde, ja, zu einer Revolution des Denkens f\u00fchren sollte. Heine war also kein Literat, der sich auf den a-politischen Diskurs zur\u00fcckzog, kein Denker des Unpolitischen. Der Lyriker, der zugleich mit der romantischen Tradition bricht, blieb Reporter im idealen Sinn, der \u2013 auch heute noch \u2013 aus Bagdad, Islamabad oder aus irgendeiner Krisenregion authentisch berichten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Heine war, und dies zeichnet ihn aus, Anwalt der Armen, Anwalt der Entrechteten und Unterdr\u00fcckten \u2013 ein Grund mehr, sich mit seinem Werk erneut und intensiv auseinanderzusetzen. Seine Berichte, die er f\u00fcr die \u201eAugsburger Allgemeine Zeitung\u201c schreibt, die Beschreibung der franz\u00f6sischen Zust\u00e4nde lassen Heine aber auch zu einem Denker werden, der zwischen den Kulturen vermitteln will. Interkultureller Diskurs, Auss\u00f6hnung und eine friedliche Globalisierung der Lebenswelt bleiben Heines letztes Wort, dies sein europ\u00e4isches Verm\u00e4chtnis, dies sein \u00fcbernationaler Geist. Heine wurde immer vorgeworfen, dass er keine Heimat h\u00e4tte, Heine ist und bleibt Kosmopolit.<\/p>\n<h1>Wir brauchen viel mehr Resonanzbeziehungen!<\/h1>\n<p>Hartmut Rosa ist einer der bekanntesten deutschen Soziologen und Politikwissenschaftler. Stefan Gro\u00df sprach mit dem Jenaer Professor \u00fcber den Neoliberalismus, \u00fcber die Entschleunigung und dar\u00fcber, wie man wieder gl\u00fccklich sein kann.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/hartmut-rosa\/12884-im-interview-hartmut-rosa\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p><em>Herr Rosa, soziologisch gesehen, in welchem Zeitalter leben wir, im Postfaktischen?<\/em><\/p>\n<p>Dieses \u201aPostfaktische\u2018 scheint mir eher etwas Politisches oder eine politikwissenschaftliche Kategorie zu sein als eine soziologische. Wir leben nach wie vor im Zeitalter der Moderne, welches durch die Tatsache gekennzeichnet ist, dass sich moderne kapitalistische Gesellschaften nur durch Steigerung erhalten k\u00f6nnen. Dass wir also zur Aufrechterhaltung der Institution, die wir haben, permanente Steigerungsleistungen erbringen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Die virtuelle Welt suggeriert N\u00e4he, liefert aber im Umkehrschluss in den sozialen Netzwerken eine abstrakte Anonymit\u00e4t. Was bedeutet dies aus Sicht des Soziologen?<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube, dass wir tats\u00e4chlich fast suchtf\u00f6rmig in virtuelle Welten getrieben werden, vor allen Dingen in soziale Medien, weil wir das Verlangen haben \u2013 und ich glaube das dies ein zutiefst menschliches Grundverlangen ist \u2013 nach Resonanz, nach Antwort, nach Beziehung. Wir wollen geh\u00f6rt, gesehen, wahrgenommen werden und wir wollen auch eine Spur hinterlassen im Internet. Aber diese Resonanz, die wir in der virtuellen Welt erfahren, scheint irgendwie nicht nachhaltig zu sein. Wir sind permanent darauf angewiesen, auch in schneller Folge gestaltete R\u00fcckmeldung zu kriegen, sonst f\u00fchren wir uns einsam und verloren.<\/p>\n<p>__Hat der Kommunitarismus in Zeiten des Neoliberalismus \u00fcberhaupt noch eine Chance? __<\/p>\n<p>Ich bin vom Begriff etwas abger\u00fcckt, weil Kommunitarismus erstens aus der Mode geraten ist und zweitens vielleicht auch von falschen Kreisen aufgegriffen worden ist. Ich glaube aber, dass die Sehnsucht nach Gemeinschaft im Sinne von wechselseitiger Verbundenheit, durchaus stark ist. Ich glaube, dass man das tats\u00e4chlich auch bei den gegenw\u00e4rtigen populistischen Bewegungen sieht \u2013also von Trump \u00fcber Brexit bis hin zu Pegida. Die Menschen haben nicht mehr das Gef\u00fchl, dass die politische Welt mit ihnen lebendig verbunden ist. Das kommt auch immer wieder zum Ausdruck, wenn Menschen sagen, die Politik h\u00f6rt mich nicht, sie sieht mich nicht, sie geht mich nichts an, sie scheint mir fremd und steht sogar feindlich gegen\u00fcber. Ich denke diese Erfahrung, die man bei Pegida h\u00f6ren kann oder bei den Leuten, die f\u00fcr Brexit auf die Stra\u00dfe gegangen sind, dies kann durchaus eine reale Erfahrung sein, n\u00e4mlich eine Entfremdungserfahrung. Allerdings glaube ich, dass daf\u00fcr nicht die paar Ausl\u00e4nder oder Immigranten schuld sind \u2013 die Attribuierung scheint mir v\u00f6llig falsch zu sein. Aber das Verlangen, sich Welt wieder anzuverwandeln, als gemeinsam gestaltete politische Welt, sehe ich deutlich und es scheint wichtiger denn je zu sein. Dies m\u00fcsste aber als republikanische Idee umgesetzt werden, bei dem man sich nicht gegen andere durchsetzt und alles was nicht passt ausschlie\u00dft oder beseitigt, sondern als eine Art in-Beziehung-setzen zu Anderem und Anderen im Modus des H\u00f6rens und Antwortens, welches immer eine Verwandlung ins Gemeinsame hin meint und nicht einfach eine Durchsetzung des Althergebrachten.<\/p>\n<p><em>Wir leben in beschleunigten Zeiten, Paul Virilio entwarf daf\u00fcr das Kunstwort Dromologie. Geschwindigkeit ist der entscheidende Faktor, der die Gesellschaft bestimmt, transportiert im Umkehrschluss aber, quasi als Dialektik, einen Effekt der Selbstblockade und damit Stillstand. Was bringt uns Ihre Entschleunigung in Zeiten, wo sich diese keiner mehr leisten kann?<\/em><\/p>\n<p>Mir ist bewusst, dass ich in den Medien oft als Entschleunigungs-Papst oder Entschleunigungs-Guru oder Entschleunigungs-Prophet bezeichnet wurde, sie werden aber kaum etwas von mir finden, bei dem ich jemals etwas gesagt h\u00e4tte \u201aIch stehe f\u00fcr Entschleunigung\u2018. Ich glaube nicht, dass wir einfach langsam tun k\u00f6nnen. Wir bewegen uns im Prinzip in einem kollektiven Hamsterrad, wenn wir da als Einzelne langsam tun, dann werden wir untergetrampelt oder wir fallen heraus. Wir k\u00f6nnen vielleicht rausspringen, allerdings zu dem unbestimmten Preis, da wir nicht wissen k\u00f6nnen, ob und wie wir jemals wieder zur\u00fcckkommen. Und wenn wir das Kollektiv tun wollen, ist das eine L\u00fcge. Denn man kann nicht sagen, dass wir langsamer machen k\u00f6nnen und damit den Rest dabei aufhalten.<\/p>\n<p>Also wer sagt, dass wir mehr Wettbewerb brauchen, um das Wachstum wieder anzukurbeln, der muss sich bewusst sein, dass er mit den Mechanismen Wachstumskreation oder Wachstumserzeugung und Wettbewerbsversch\u00e4rfung immer schon an der Zeitschraube dreht. Also wir k\u00f6nnen nicht langsamer machen und den Rest lassen, wie er ist. Und ich glaube \u00fcbrigens auch gar nicht, dass Entschleunigung oder Langsamkeit ein besonders attraktives Ziel ist. Wir haben nichts davon, wenn die Dinge einfach langsamer gehen \u2013 langsame Internetverbindungen sind t\u00f6dlich, und eine langsame Schlange im Supermarkt macht auch niemanden gl\u00fccklich, ein langsames Feuerwehrauto w\u00e4re auch ziemlich schlecht. Also Langsamkeit ist nur zu einer Chiffre f\u00fcr eine andere Form des in-der-Welt-Seins geworden. Und dies brauchen wir schon, also eine Idee davon, wie wir auf andere Weise mit Menschen und Dingen verbunden sein k\u00f6nnten. Allerdings h\u00e4lt die Weise unserer Weltbeziehung \u2013 deshalb hei\u00dft mein Buch im Untertitel \u201eDie Soziologie der Weltbeziehung\u201c \u2013 die Art unserer Weltbeziehung nicht nur von uns ab, sondern auch von dem institutionellen Kontext, in dem wir uns bewegen. Wenn wir also von einem anderen Leben tr\u00e4umen, k\u00f6nnen wir bei uns anfangen, m\u00fcssen aber auch auf die Welt, in der wir leben, selbst achten und uns dort Alternativen ausdenken.<\/p>\n<p><em>Ataraxie , die Seelenruhe des Gem\u00fctes und Apathie empfahlen schon die Griechen als Voraussetzung der Einkehr in das Ich. Wie gewinnen wir uns als autonome Wesen zur\u00fcck?<\/em><\/p>\n<p>Ich bin der Meinung, dass m\u00f6glicherweise dieser Versuch, uns als autonome Wesen zu konzeptualisieren und das anzustreben, ein Teil des Problems und gar nicht der L\u00f6sung ist. Man sieht es auch bei der Achtsamkeitsbewegung, die uns ja eigentlich suggeriert, wenn du nur die richtige innere Seelenruhe hast, die n\u00f6tige Gelassenheit, die richtige Achtsamkeit, dann wird dein Leben in Ordnung sein, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Frage, in welcher Welt du dich bewegst. Ich glaube aber, dass die wirklichen Momente gelingenden Lebens und die gelingende Form des in-der-Welt-Seins nicht die ist, in der wir vollst\u00e4ndig selbstbestimmt sind und eigentlich von gar nichts ber\u00fchrt oder bewegt werden da drau\u00dfen, sondern es sind Momente, in denen wir Autonomie verlieren, weil wir von etwas \u00fcberw\u00e4ltigt werden. Denn danach sehnen wir uns. Auch die Liebe wird nat\u00fcrlich so wahrgenommen. Wenn wir uns in jemanden verlieben, dann werden wir von einem anderen so \u00fcberw\u00e4ltigt, dass wir sagen, da konnte ich gar nicht mehr anders. Da verwandelt sich alles, unsere ganze Art des in-der-Welt-Seins. Solche Erfahrungen machen wir aber auch in anderen Kontexten, wenn wir von einer Idee ber\u00fchrt werden, dass wir sagen \u201eund dann habe ich dieses Buch gelesen und dann musste ich etwas anderes machen\u201c oder \u201eich war in dieser Landschaft und als ich zur\u00fcckkam war ich ein anderer\u201c.<br \/>\nAlles das sind Momente \u2013 oder \u201eich habe mich von einer Melodie ber\u00fchren lassen \u2013, in denen wir Autonomie verlieren. Deshalb steht bei mir im Mittelpunkt meiner \u00dcberlegungen die Idee von Resonanz. Und das ist nicht ein emotionaler Zustand der Seelenruhe, sondern das ist eine Form der Beziehung, des in-Beziehung-Tretens zu einem Anderen. Ich denke, dass es heute mindestens so sehr, wie an der F\u00e4higkeit zu Autonomie, daran fehlt, dass wir nicht mehr in der Lage sind, da drau\u00dfen etwas zu h\u00f6ren, uns wirklich ber\u00fchren und bewegen zu lassen. Und ich glaube Autonomie, das freie Schwingen des Subjekts, ist ein wesentlicher Bestandteil von Resonanz. Genauso wichtig ist aber die F\u00e4higkeit, offen genug zu sein f\u00fcr etwas Anderes und auch in einer Welt sich bewegen zu k\u00f6nnen, in der es erkennbare und andere Stimmen gibt. Solange wir immer nur auf Autonomie und Seelenruhe setzen, fehlt uns wom\u00f6glich diese andere Seite.<\/p>\n<p><em>Sie haben es schon einmal angedeutet, ich wiederhole die Frage doch noch einmal: Sie sprechen immer wieder vom Begriff \u201eWeltenbeziehungen\u201c und gr\u00fcnden darauf eine ganze, Ihre Soziologie. Ist dies Heideggers \u201eIn der Welt sein\u201c?<\/em><\/p>\n<p>Es gibt in der Tat eine gewisse N\u00e4he in der Fragestellung, ja es gibt eine ph\u00e4nomenologisch gemeinsame Basis. Wie erfahren wir uns als in die Welt gestellte Subjekte. Und die Frage der Weltbeziehung, des in-der-Welt-seins, ist eine Frage, die tats\u00e4chlich Heidegger auch motiviert hat. Mein eigenes Denken ist nicht sonderlich stark von Heidegger beeinflusst, mein Ausgangspunkt sind eher Leute wie Merleau-Ponty beispielsweise und nat\u00fcrlich auch Charles Taylor, der eine Rolle spielt. Also es gibt eine gewissen Gemeinsamkeit in der Fragestellung und in der ph\u00e4nomenologischen Herangehensweise, es ist aber nicht eine Heidegger\u2019sche Philosophie, die dabei herauskommt.<\/p>\n<p><em>In Ihrem Buch \u201eResonanz\u201c ziehen Sie einen Bogen auch zur P\u00e4dagogik, zur Erziehung. Welche Rolle kommt dem Begriff in diesem Kontext zu?<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube, dass Bildung tats\u00e4chlich ein zentraler Vorgang f\u00fcr den Prozess der Weltbeziehung oder f\u00fcr das Ausbilden einer Weltbeziehung ist. Bildung ist eigentlich Weltbeziehungs-Bildung. Bildung stiftet, wenn sie gelingt, vibrierende Beziehungen zwischen dem Subjekt und bestimmten Weltausschnitten. Politische Bildung bedeutet, dass ich ein Subjekt werde, das sich zur Welt der Politik in Beziehung setzen kann, das eine eigene Stimme entwickelt, eine Position und \u00dcberzeugung, die sich aber immer wieder in Beziehung setzt zu anderen Stimmen, zu anderen Menschen, sich von diesen ber\u00fchren und bewegen l\u00e4sst, \u00fcber alle Felder hinweg. Das gilt auch f\u00fcr die Naturwissenschaften oder f\u00fcr die Geschichtserfahrungen zum Beispiel. Bildung bedeutet das in Beziehung-Setzen zu einem bestimmten Weltausschnitt, der dadurch sprechend gemacht oder zum Klingen gebracht wird. Und wenn Bildung misslingt, dann scheinen uns alle Sinn-Provinzen des Lebens irgendwie tot und gleichg\u00fcltig nebeneinander zu stehen. \u201eLiteratur sagt mir irgendwie gar nichts\u201c und \u201eAch, Politik geht mir am Allerwertesten vorbei\u201c \u2013 , das sind lauter solche Alltagsspr\u00fcche, die wir immer wieder h\u00f6ren. Wo Bildung misslingt ist das Ergebnis, dass uns der entsprechende Weltausschnitt stumm gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n<p><em>Soziale Netzwerke sch\u00fcren Neid, Missgunst und Selbstgef\u00e4lligkeit, es weht der Hauch des Banalen und die Suche nach Sinn und Anerkennung bleibt oft auf der Strecke und wird entt\u00e4uscht. Welche Realit\u00e4t spielt das Internet bei der Selbstbestimmung des Menschen?<\/em><\/p>\n<p>Wenn man wissen will, welche Rolle Technik in unserem Leben spielt, kann man nie nur von der Technik allein ausgehen, sondern von der Frage, wie wir sie benutzen. Deshalb glaube ich, dass das Internet verschiedene M\u00f6glichkeiten hat, die in ihrer Wirkung durchaus ambivalent sind. Ich glaube, dass das Internet zu einer zentralen Achse unserer Weltbeziehung geworden ist, wir arbeiten mithilfe des Netzes, wir informieren uns mithilfe des Netzes, wir kommunizieren \u00fcber das Netz. Es ist eine zentrale Quelle von Selbstbestimmung und Selbstbesinnung, aber eben auch von Weltbeziehung geworden. Selbstbeziehung und Weltbeziehung lassen sich nicht voneinander trennen. In der Art und Weise, wie wir das Internet bewirtschaften oder bewohnen, kommt sehr deutlich zum Ausdruck, dass wir es auf resonante Weltbeziehungen hin anlegen. Wir m\u00f6chten uns da sichtbar machen, h\u00f6rbar machen, wahrnehmbar machen, eigenen Stimme gewinnen und wir m\u00f6chten von Anderen erreicht und ber\u00fchrt werden \u2013 und wir m\u00f6chten gesehen werden. Aber man sieht auch, dass es ganz h\u00e4ufig eben nicht zur Resonanz kommt, eher zu dem, was ich eine Echo-Beziehung nenne. Das hei\u00dft, es fehlt ein wesentlicher Teil von Resonanz. Resonanz bedeutet, dass mich etwas so ber\u00fchrt, dass ich mich dabei verwandle und auch ver\u00e4ndere. Dar\u00fcber hinaus habe ich die F\u00e4higkeit, andere so zu ber\u00fchren und zu bewegen, so dass sie sich dabei ver\u00e4ndern und sich zwischen und so etwas wie ein vibrierender Resonanzdraht entsteht.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu ist es h\u00e4ufig so, dass wir im Internet unsere Posts hinterlassen, dann aber eigentlich nur auf quantitative Zustimmung, auf m\u00f6glichst viele Likes oder Follower, angelegt sind und uns dabei weder ber\u00fchren lassen noch es selber schaffen, andere zu ber\u00fchren. Wir tauschen Kommunikationen aus und versuchen Sichtbarkeit zu schaffen, ohne wirklich in diesen Verwandlungsprozess in irgendeiner Form hineinzutreten. Und nat\u00fcrlich ist die gro\u00dfe Gefahr dabei, dass wir uns dabei in Echo-R\u00e4umen verfangen, bei denen wir eben nicht mehr einen Anderen oder eine andere Stimme h\u00f6ren, sondern nur uns selbst verst\u00e4rken. Das Internet birgt gewiss auch eine gro\u00dfe Gefahr, dass sie Echo-Sph\u00e4ren statt Resonanzfelder erzeugt.<\/p>\n<p><em>\u201eWir steuern auf einen kollektiven Burn-out zu\u201c haben Sie j\u00fcngst betont. Wie weit sind wir vom Netz abh\u00e4ngig, dieses suggeriert Heil und verspricht Resonanz, also Weltbeziehung. Wie kommen wir aus dem Dilemma von Anerkennung und Resonanzverweigerung wieder raus? Dass wir Anerkennung suchen und letztendlich doch nicht kriegen \u2013 bleibt das unser lebensweltliches Dilemma?<\/em><\/p>\n<p>Ja, wahrscheinlich gibt es keine einfachen Auswege. Selbstbeobachtung kann da durchaus helfen. Die allermeisten Menschen die Netzbewohner sind, stellen an sich zwei ambivalente Verhaltensweisen fest. Erstens: es macht irgendwie Spa\u00df sich darin zu bewegen, es ist mir auch wichtig, ich will das aus freien St\u00fccken rein, und trotzdem bleibt ein Moment des Unbefriedigt-Seins zur\u00fcck. So bin ich auf den Entfremdungsbegriff geradezu gekommen, als ich feststellte: Ich kann ewig surfen oder mich von Seite zu Seite klicken \u2013 irgendwie scheint es mir doch defizit\u00e4r zu sein. Deshalb habe ich Entfremdung definiert als eine Situation, in der ich aus freien St\u00fccken, also aus eigenem Antrieb etwas tue, das ich nicht wirklich tun will. Und das gro\u00dfe philosophische Problem besteht in dem \u201ewirklich\u201c \u2013 was will ich denn wirklich tun? Dass kann uns leider kein Philosoph sagen, denn dass w\u00e4re irgendwie paternalistisch, irgendwie von au\u00dfen autorit\u00e4r bestimmt. Aber wir alle kennen manchmal auch Handlungs- und Begegnungsweisen, wo wir sagen w\u00fcrden, das ist es, wie es wirklich sein soll. Und ich glaube, wenn wir solche Erfahrungen des \u201eWirklichen\u201c genauer analysieren, dann haben Sie diese Struktur der Resonanzbeziehung, des Ber\u00fchrt-Werdens und auch des andere Ber\u00fchrens. Und das Dilemma, in dem wir uns verfangen haben, h\u00e4ngt vielleicht tats\u00e4chlich mit der Anerkennungsnotwendigkeit zusammen, wir m\u00fcssen wertgesch\u00e4tzt und ber\u00fchrt werden, wir m\u00fcssen wertgesch\u00e4tzt und vielleicht sogar geliebt werden, aber wir haben auch dort eine gewisse Akkumulationstendenz und auch eine gewisse Beherrschungstendenz.<\/p>\n<p>Ich glaube es gibt zwei Arten von Selbstwirksamkeitserfahrung und die verwechseln wir miteinander. Resonanz bedeutet einerseits ber\u00fchrt zu werden, andererseits sich als wirksam zu erfahren, dass ich Andere auch erreichen kann. Selbstwirksamkeit kann dabei einerseits die Form haben, dass ich mich durchsetze und meine Leistung steigere, andererseits, wenn es Resonanz ist, ist es nicht ein Durchsetzen, sondern es ist ein in Verbindung setzten, denn da begegnet mir ein Anderes auf das ich reagiere. Wenn wir es schaffen k\u00f6nnten, auch kollektiv, auch in der Netzkultur, \u00fcberzugehen von dem \u201esich durchsetzen\u201c hin zu \u201eIch erreiche jemanden als mein mir antwortendes Gegen\u00fcber\u201c, dann h\u00e4tten wir vermutlich Einiges erreicht. Aber dass uns das so schwerf\u00e4llt und dass wir das Netz derzeit anders bewohnen, h\u00e4ngt mit der Gesamtverfassung unserer Gesellschaft zusammen, die auf einem Kampfmodus gestellt ist, auf einem Wettbewerbsmodus geeicht ist, der einen permanent zwingt, sich selbst zu optimieren und seine Reichweite zu vergr\u00f6\u00dfern und seine Ressourcen zu akkumulieren. Solange das der Grundmodus unseres Seins, unseres Denkens und Handelns ist, wird es uns schwerfallen, eine andere Netzkultur zu realisieren.<\/p>\n<p><em>Internet: Segen oder Fluch?<\/em><\/p>\n<p>Die naheliegende Antwort, die fast jeder, der bei Sinnen ist, geben w\u00fcrde, ist: beides.<br \/>\nUnter den gegebenen Verh\u00e4ltnissen, die wir realisiert haben, ist es eher ein Fluch.<\/p>\n<p><em>Die Resonanzbeziehung und die \u201elibidin\u00f6sen Weltbeziehung\u201c, ist das das gleiche oder gibt es eine Differenzierung in der Begrifflichkeit?<\/em><\/p>\n<p>Ich unterscheide mindestens drei versale Formen von Weltbeziehung. Das Eine sind resonante Weltbeziehungen, die ich als Entgegenkommen der antwortenden Weltbeziehungen verstehe, das Zweite w\u00e4ren Indifferenz-Beziehungen, wo mir die Welt einfach schweigend und gleichg\u00fcltig entgegenliegt, und das Dritte sogar repulsive Weltbeziehungen, wo ich die Welt als feindlich oder bedrohlich erfahre. Und \u201elibido\u201c ist ein Element von Resonanzbeziehung, dass ich n\u00e4mlich ein wirkliches Interesse an der anderen Seite habe, dass ich eine Art von positiver emotionaler Bezugnahme zu einer Seite herstelle, deshalb w\u00fcrde ich sagen \u201elibido\u201c, \u201elibidin\u00f6se Weltbeziehung\u201c ist ein Moment von Resonanzerfahrung. Dazu geh\u00f6rt aber auch die Selbstwirksamkeitserfahrung, also dass ich die F\u00e4higkeit und auch die \u00dcberzeugung habe, die andere Seite zu erreichen zu k\u00f6nnen, plus das transformative Geschehen, dass ich mich dabei verwandle. Und dass ist in dem Begriff der \u201elibidin\u00f6sen Weltbeziehung\u201c alleine noch nicht angelegt.<\/p>\n<p><em>Es wird immer wieder dar\u00fcber diskutiert, Soziale Netzwerke unter das Kuratel zu stellen, weil diese zum einen falsche Informationen liefern, infame Hetze betreiben und dem Rechtspopulismus als religi\u00f6se Alternative zum Rechtsstaat verkl\u00e4ren. Wo bleibt da die Freiheit der User? Ist unsere Freiheit am Ende? Sind Sie daf\u00fcr, dass der Staat in die Freiheitsrechte des Netzes eingreift?<\/em><\/p>\n<p>Nein dieser Meinung bin ich tats\u00e4chlich nicht. Ich glaube, wir befinden uns da in einem kulturellen Lern- und Experimentierprozess, bei dem noch keiner die perfekten L\u00f6sungen hat. Jeder, der sich jetzt hinstellt und sagt \u201eIch wei\u00df was ich tun muss\u201c, der macht sich aus meiner Sicht verd\u00e4chtig. Aber ich bin skeptisch dagegen, dass man mit Zensur und Verbot und Bestrafung besonders weit kommt. Ich glaube, wir m\u00fcssen tats\u00e4chlich alle kollektiv an der Kultur arbeiten, an der Netzkultur und ich hoffe, dass es ein kultureller Lernprozess ist, bei dem wir insbesondere lernen, den Echobeziehungen zu entgehen. Das Hauptproblem scheint mir zu sein, dass das Netz das Gegenteil von dem tut, was es eigentlich k\u00f6nnte, ich beschreibe ja Resonanzbeziehungen als Antwortbeziehungen \u2013 H\u00f6ren und Antworten, das w\u00e4re das Zentrale. Stattdessen scheint es aber gerade diese Haltung zu untergraben. Wir wollen das Andere gar nicht h\u00f6ren, sondern gie\u00dfen k\u00fcbelweise Hass auf den politischen oder auf den kulturellen oder weltanschaulichen Gegner aus. Das ist eine extrem ungl\u00fcckliche Entwicklung, dass man das Andere gerade nicht h\u00f6ren will, sondern dass man es anschreit. Der Wutschrei, der Emp\u00f6rungsschrei oder das h\u00f6hnische Gel\u00e4chter dominieren und untergraben diese Haltung von H\u00f6ren und Antworten. Dem Anderen in einer sinnvollen Weise antworten, ist etwas Anderes, als ihn mit Hatemails zu \u00fcberziehen. Aber diese Umstellung in der Kultur erreichen wir nicht durch Repulsion, durch Verbieten und Bestrafen, sondern durch geduldiges \u00dcben und \u00dcberreden und auch durch das Einf\u00fchren einer anderen Art von Kultur. Wir brauchen daher Foren, bei der nicht Hass, sondern der Resonanzmodus dominiert. Ich bin kein gro\u00dfer Fan von Verbieten und Bestrafen.<\/p>\n<p><em>Sie haben mal betont, dass der Mensch in seiner Lebenszeit sein eigenes Sinnpotential nicht mehr einl\u00f6sen kann, weil er sich permanent in die technische Welt verstrickt und von dieser determiniert wird. Sterben wir alle ungl\u00fccklich? Dar\u00fcber hinaus hatten Sie einmal betont, dass der Mensch immer gehetzt ist, dass er sich gar nicht mehr sich selbst findet, bzw. so getrieben wird, dass er eigentlich das, was er erleben kann, nur noch nach Au\u00dfen hin verschiebt. Ist das nicht eine Form von Ungl\u00fccklichsein?<\/em><\/p>\n<p>Max Weber schreibt in seinem Buch \u201eWissenschaft als Beruf\u201c, dass wir nicht mehr als und lebensges\u00e4ttigt sterben, sondern immer unvollendet, eigentlich in der Mitte eines Rennens, das wir nicht mehr zu Ende f\u00fchren k\u00f6nnen. Das stimmt. Menschen verschieben ihre Hoffnungen immer auf ein nie eingel\u00f6stes Jenseits. Wir leben immer von der Hoffnung einer in die Zukunft verschobenen Erf\u00fcllung. Das ist etwas anders, als die Figur, das Leben in seiner G\u00e4nze ausgekostet zu haben. Durch die verschiedenen Stadien des Lebens gelaufen zu sein, wie Fr\u00fchjahr, Sommer, Herbst und Winter. Bei Weber hei\u00dft es: \u201eDer alte und lebensges\u00e4ttigte Bauer\u00a7, der dann auch das Gef\u00fchl hat, dass es vielleicht an der Zeit f\u00fcr ihn ist zu sterben. Ich m\u00f6chte aber grunds\u00e4tzlich diese Frage ein bisschen von der Sinnfrage l\u00f6sen. Das Hauptproblem ist nicht, ob wir eine gute und \u00fcberzeugende Weltdeutung haben oder nicht, sondern die Frage, ob wir gl\u00fccklich oder ungl\u00fccklich gelebt haben. Aber diese h\u00e4ngt von der Qualit\u00e4t der Beziehungen ab, die wir zu Menschen und Dingen und zu uns selbst hergestellt haben. Das ist die Botschaft, die ich mit dem Resonanzbuch verbinden wollte und da will ich nicht sagen, wir sterben alle ungl\u00fccklich, weil wir keine Resonanzbeziehung mehr aufrechterhalten. Es gelingt uns immer noch und immer wieder und auch gegen widrige Umst\u00e4nde, aber es gibt definitiv Verbesserungsbedarf.<\/p>\n<p><em>Wie k\u00f6nnen wir wieder gl\u00fccklich werden? Wenn wir alle auf eine einsame Insel ziehen? Ist das eine Alternative?<\/em><\/p>\n<p>Wir haben unser Leben systematisch auf die Vergr\u00f6\u00dferung von Weltreichweite angelegt. Wir wollen m\u00f6glichst viel Welt erreichbar haben, mit schnellen Verkehrsmitteln, mit Technologien wie dem Internet. Die Idee ist immer, viel Welt erreichbar zu haben. Und dann tr\u00e4umen wir davon, unsere Weltreichweite systematisch zu verengen, auf die einsame Insel zu fahren, kein Internet, kein Flugzeug, ganz wenige Dinge. Und manche machen das im Kloster. \u201eIch geh ins Kloster\u201c, oder \u201eIch geh wenigstens f\u00fcr vier Wochen ins Kloster\u201c \u2013 wo wir systematisch Weltreichweite einschr\u00e4nken, wo wir all das nicht haben, was wir bisher als Luxus erfahren. Gehen wir in diese verengten Welten, werden wir fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wieder davon tr\u00e4umen, mehr Welt in Reichweite zu haben.<br \/>\nWir brauchen gen\u00fcgend Weltreichweite, um immer wieder Welt zum Sprechen bringen zu k\u00f6nnen, dass sie uns nicht als stumpf, gleichf\u00f6rmig, gleichg\u00fcltig gegen\u00fcbersteht. Aber die Weltbeziehung muss eng genug sein, dass wir zu einzelnen Dingen eine wirkliche, lebendige und dauerhafte Beziehung herstellen k\u00f6nnen. Was wir also brauchen, sind Balancebeziehungen. Aber wir sind im Moment aus der Balance geraten, durch eine Explosion an Verpflichtungen, durch die Explosion unserer To-Do-Listen, die mit der Explosion unserer Weltreichweite einhergeht, da k\u00f6nnte tats\u00e4chlich eine gewisse Reduktion der Weg sein, aber ich finde die Reduktion, also die Einschr\u00e4nkung von Weltreichweite darf nicht das Ziel sein, auf das wir uns zubewegen. Uns muss eine andere Beziehungsqualit\u00e4t als Vorbild vorschweben. Einfach nur zu sagen, ich geh auf die einsame Insel oder in den einsamen Bauernhof, das haben Menschen \u00fcber mehrere Generationen hinweg immer wieder versucht, es hat nicht geklappt.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>Prof. Dr. Hartmut Rosa lehrt an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena. Er steht dem Max-Weber-Kolleg der Universit\u00e4t Erfurt als Direktor vor und gibt die Fachzeitschrift Time &amp; Society mit heraus. Rosa z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Soziologen und Politikwissenschaftlern der Bundesrepublik. Zu seinen bekanntesten Ver\u00f6ffentlichungen der letzten Jahre z\u00e4hlen seine B\u00fccher: \u201eBeschleunigung. Die Ver\u00e4nderung der Zeitstrukturen in der Moderne\u201c \u201eBeschleunigung und Entfremdung \u2013 Entwurf einer kritischen Theorie sp\u00e4tmoderner Zeitlichkeit\u201c und \u201eResonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung\u201c. 2016 erhielt er den Tractatus-Preis.<\/p>\n<h1>Wir m\u00fcssen den \u00f6ffentlich rechtlichen Rundfunk umbauen!<\/h1>\n<p>Seit Jahren steht das \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehen in der Kritik. Zu staatstragend, zu unausgewogen und vor allem zu teuer. GEZ-Zahler beschweren sich in aller Regelm\u00e4\u00dfigkeit \u00fcber die d\u00fcrftige Qualit\u00e4t vieler Sendungen. Nun kommt eine neue Forderung aus Sachsen-Anhalt \u2013 die den radikalen Umbau des \u00d6ffentlichen fordert.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12974-schafft-die-tageschau-ab\">Fotolia<\/a><\/p>\n<h6>Rainer Robra und die Fernsehrevolution<\/h6>\n<p>Staatskanzleichef Rainer Robra von der CDU ist der medial daf\u00fcr verantwortliche Landesminister f\u00fcr Sachsen-Anhalt, der das \u201eErste\u201c in seiner jetzigen Form abschaffen will. Wie der Minister in einem Interview mit der \u201eMitteldeutschen Zeitung\u201c betonte, reiche als nationaler Sender das ZDF vollkommen aus. Und f\u00fcr die ARD schl\u00e4gt er vor, dass diese vielmehr zum \u201eSchaufenster der Regionen\u201c werden solle. Kanzlerduell und Bundestagswahl, die toppolitischen Themen als auch Kassenschlager aus Hollywood haben im \u201eErsten\u201c nichts zu suchen. Auch die \u201eTageschau\u201c sei ein Dinosaurier alter bundesdeutscher Medienkultur und \u201ein dieser Form \u00fcberfl\u00fcssig\u201c. Aber nicht nur die Tagesschau soll einer neuen Kosmetik weichen, an eine Renaissance denkt der Medienminister auch in Sachen Internetangebot der Sender.<br \/>\n\u201eNeufassung\u201c der telemedialen Medien hei\u00dft dies in der Sprache der Magdeburger Staatskanzlei \u2013 und gemeint ist damit auch das Verbot von presse\u00e4hnlichen Texten, die, die Zeitungsverleger freut es, ebenso mit einem Verbotsschild versehen werden.<\/p>\n<h6>Das Heilige<\/h6>\n<p>Jahrzehntelang war die \u201eTageschau\u201c neben dem \u201eTatort\u201c f\u00fcr viele deutsche Fernsehkonsumenten so etwas wie der t\u00e4gliche Gottesdienst, das Restreligi\u00f6se, das sie noch verwalten konnten, und der Ort und die Stunde, wo sie in aller Demut und Einkehr glaubten, \u00fcber die Wahrheit informiert zu werden. Die \u201eTagesschau\u201c war Zivilreligion, ein kulturell gewachsener Ritus, wo die Telefone schwiegen und man ungest\u00f6rt sein wollte, wo sich die Hausgemeinschaft and\u00e4chtig zum politischen Stelldichein versammelte, wo das Deutschland der 70er, 80er und 90er Jahre in eine gebetsartige Stille versank.<\/p>\n<h6>Acht Milliarden Euro<\/h6>\n<p>Die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Doch der alte Zopf der \u201eTagesschau\u201c ist geblieben. Acht Milliarden Euro werden jedes Jahr in die Kassen der \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien gespielt \u2013 Geld genug, um das Programm endlich von der politisch-eindimensionalen Hofberichterstattung samt Bevormundung, Arroganz und Besserwisserei zu befreien. Endlich Zeit damit aufzuh\u00f6ren, den moralischen Zeigefinger und die betuliche Gelehrsamkeit dem aufgekl\u00e4rten Zuschauer wie einen alten Brotteig vorzulegen.<\/p>\n<h6>Eine Reform an \u201eHaupt und Gliedern\u201c<\/h6>\n<p>Was wir brauchen ist nicht mehr Regionalit\u00e4t und l\u00e4nderspezifischen Kleinkram als buntes Allerlei, sondern eine intellektuelle Reform des Fernsehens an \u201eHaupt und Gliedern\u201c, garniert mit einem bunten Cocktail an sinnvoller Unterhaltung. Was wir dagegen haben ist Trash. ARD und ZDF haben ihren Bildungsauftrag schon l\u00e4ngst verloren \u2013 NTV und N24 den \u00f6ffentlichen Nachrichtendienst schon lange revolutioniert. Und die Dritten Programme sind der einzig segensreiche Kern dessen, was das Fernsehen heute noch zu bieten hat. Was wir daher ben\u00f6tigen, sind besser inszenierte Inhalte, die die Nation aus ihrer Nachtversunkenheit und Schlaftrunkenheit in die politische Realit\u00e4t zur\u00fcckholen. Unterhaltungsserien oder langweiligen Klischeekrimis befrieden nur noch ein betagtes Publikum.<\/p>\n<h6>Ein Blick nach Angelsachsen kann helfen<\/h6>\n<p>Die \u201eTagesschau\u201c allein sollte doch bleiben \u2013 sie steht f\u00fcr ein Minimum an Kontinuit\u00e4t in einer multi-medial verzweigten Un\u00fcbersichtlichkeit. Ein St\u00fcck Kontinuit\u00e4t mag da nicht schaden. Aber wenn immer von Diversit\u00e4t, Pluralismus und Interdisziplinarit\u00e4t die Rede ist, sollten diese Begriffe auch in den medialen Alltag einziehen. Die \u201eTagesschau\u201c so wie ist, gleicht einem steifen B\u00fcgelbrett, das weder jemand anschauen gleichwohl nur widerwillig benutzen will.<\/p>\n<p>Ein Blick \u00fcber den Kanal und nach \u00dcbersee zeigt \u2013 CNN ist seri\u00f6s, aber keineswegs langweilig. Amerikaner in Deutschland wundern sich schon l\u00e4nger \u00fcber den hier situierten Fernsehkonsum samt seiner Dr\u00f6ge. Also bitte keine Spie\u00dfb\u00fcrgeridylle mehr und kein fr\u00fchzeitiges \u201eSandm\u00e4nnchen\u201c f\u00fcr Erwachsene!<\/p>\n<h1>Jamaika ist keine Notl\u00f6sung<\/h1>\n<p>Mit dem Europa-Abgeordneten Markus Ferber sprach Stefan Gro\u00df \u00fcber Jamaika. Kann es eine Einigung geben?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/markus-ferber-2\/13174-interview-mit-markus-ferber\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p><em>Ist Jamaika eine Notl\u00f6sung? Es werden ja gerade in Berlin schon die Posten verteilt. Wo sind die gro\u00dfen Herausforderungen a, f\u00fcr Jamaika und b, f\u00fcr die CSU?<\/em><\/p>\n<p>Jamaika ist keine Notl\u00f6sung, sondern ist die Beantwortung der mathematischen Frage \u201eWo gibt es eine Kanzlermehrheit?\u201c, die das Grundgesetz f\u00fcr einen Regierungsbildungsprozess verlangt. Nachdem die SPD sich einer Regierungsbildung verweigert hat, und, glaube ich, zu Recht von Angela Merkel darauf hingewiesen wurde, dass weder mit der Linkspartei noch mit der AfD eine Zusammenarbeit vorstellbar ist, sind die rechnerischen M\u00f6glichkeiten ausgesch\u00f6pft. Nat\u00fcrlich prallen hier schon unterschiedliche Gesellschaftsmodelle aufeinander, und das macht die Sache nicht einfach. Ich glaube aber schon, dass wir weit \u00fcber Formelkompromisse hinaus L\u00f6sungen finden k\u00f6nnen. Ich sehe viele Gemeinsamkeiten in der Wirtschaftspolitik, in der Steuerpolitik, in der Sozialpolitik. Da wird es um ein paar Detail-Themen gehen. M\u00fctterrente, die f\u00fcr uns halt sehr wichtig ist, die ich aber auch f\u00fcr notwendig erachte, weil hier noch eine L\u00fccke im Sozialsystem ist. Ich denke da an die Generation meiner Mutter, die noch nicht davon profitieren, aber bewusst den Beruf aufgegeben haben, um sich der Kindererziehung zu widmen. Das ist sicherlich eines der Probleme im sozialen Bereich. Ich denke, die Herausforderungen in der Pflege, in der Krankenversicherung sind aufl\u00f6sbar. Und das zweite gro\u00dfe Thema wird die Fl\u00fcchtlingspolitik sein. Da k\u00f6nnte ich mir vorstellen, dass wir zu europ\u00e4ischen L\u00f6sungen kommen. Das w\u00fcrde sowohl der CSU-Forderung deutlich entgegenkommen, zu einer klaren Begrenzung zu kommen, auch zahlenm\u00e4\u00dfig. Aber es w\u00fcrde auch die M\u00f6glichkeit schaffen, \u00fcber ein einheitliches europ\u00e4isches Asylverfahren, den Menschen, die in Not sind, in der Europ\u00e4ischen Union, aber nicht nur in Deutschland, Schutz zu geben. Und der dritte gro\u00dfe Themenpunkt wird die Europapolitik sein. Hier prallen sehr unterschiedliche Konzepte aufeinander. Die Gr\u00fcnen, die sehr stark Macron unterst\u00fctzen, wie wir mehr die Juncker-Vorschl\u00e4ge unterst\u00fctzen, da wird es noch einiges an Diskussion geben, wohin soll sich die Europ\u00e4ische Union in den n\u00e4chsten vier Jahren entwickeln, weil da auch einiges zu tun ist. Und das sind f\u00fcr mich die drei Themenfelder, wo ich die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen sehe. In der Au\u00dfenpolitik, in der Sicherheitspolitik, in der Entwicklungshilfe sehe ich einen gro\u00dfen Konsens. Das werden Themen sein, die wir leichter bearbeiten k\u00f6nnen. Und wenn es uns gelingt, in den drei Themen-Bereichen zu vern\u00fcnftigen L\u00f6sungen zu kommen, kann es auch eine tragf\u00e4hige Regierungsmehrheit sein, die auch wirklich vier Jahre durchh\u00e4lt.<\/p>\n<h1>SPD deutlich st\u00e4rkste Kraft in Niedersachsen<\/h1>\n<p>Die Partei von Ministerpr\u00e4sident Weil liegt bei der Landtagswahl vor der CDU. Die Gr\u00fcnen verlieren deutlich, die AfD schneidet schw\u00e4cher als erwartet ab.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12944-landtagswahl-in-niedersachsen--3\">Stephan Weil<\/a><\/p>\n<p>Gesichtsverlust im Bund, aber Wahlgewinner in Niedersachsen. W\u00e4hrend die Bundes-SPD nach Canossa geht, k\u00f6nnen die Genossen im Norden wieder aufatmen. Der Wahlgewinner vom 15. Oktober ist Ministerpr\u00e4sident Stephan Weil. Drei Wochen nach der Bundestagswahl ist die SPD zur\u00fcck und Merkel erneut vor den Kopf gesto\u00dfen. W\u00e4hrend die Genossen feiern, ist die Stimmung im Adenauerhaus trist und zerm\u00fcrbt. Statt Champagner und H\u00e4ppchen, Graubrot und entt\u00e4uschte Gesichter. Die zweite Watsche in Folge, ein verspielter Sieg nach dem anderen. Dabei kam Merkel gleich drei Mal zur Flankendeckung nach Niedersachen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Merkel-CDU trauert, bekamen die Sozialdemokraten bei der Landtagswahl am Sonntag die meisten Stimmen. CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann muss sich mit Platz zwei begn\u00fcgen. Wahlverlierer sind die Gr\u00fcnen, die erhebliche Stimmverluste hinnehmen mussten. Wenngleich die AfD auf der Zielgeraden \u2013 nicht wie vor drei Wochen noch \u2013 den Endspurt f\u00fcr sich entscheiden konnte, wird sie erstmals in den nieders\u00e4chsischen Landtag einziehen.<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inread-experience.teads.tv\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<p>Nach den ersten Prognosen kommt die SPD auf 37 bis 37,0 Prozent (2013: 32,6), die CDU auf 33,8 Prozent (36,0). Die Gr\u00fcnen liegen bei nur 8,8 Prozent (13,7), die FDP kommt auf 7,4 Prozent (9,9). Die bei der Landtagswahl vor vier Jahren noch nicht existente AfD erringt 6,1 Prozent. Die Linken hfehlt im neuen Landtag erneut, sie kommt nur auf 4,6 Prozent (3,1).<\/p>\n<p>Nach dem Verlust der CDU in Hannover werden die Verhandlungen mit der FDP und den Gr\u00fcnen im Bund f\u00fcr die Kanzlerin immer schwerer, zumal diese bei ihren letzten Auftritten in Niedersachsen die Gr\u00fcnen als Verbotepartei kritisierte. Aber auch die Koalitionsbildung in Niedersachsen selbst k\u00f6nnte schwierig werden. Die FDP rutscht nach der aktuellen Umfrage um einen Prozentpunkt nach unten und steht gemeinsam mit den Gr\u00fcnen bei 9 Prozent. Zeitgleich sind die Sozialdemokraten laut der letzten Umfrage an der CDU vorbeigezogen.<\/p>\n<p>Die Wahl in Niedersachsen war das erste Stimmungsbarometerund zeitgleich ein Signal f\u00fcr die derzeitige \u00dcbergangsregierung in Berlin. Fatal am Ergebnis ist der Verlust der Jamaika-Koalition\u00e4re. Dies zeigt \u00fcberdeutlich, dass das Wahlvolk im Norden zumindest Jamaika abstraft. Aber auch die AfD kann ihren Siegeszug nur begrenzt genie\u00dfen, der Norden hat ihren schnellen Vormarsch vorerst gestoppt und die Partei in der politischen realit\u00e4t ankommen lassen. Strahlender Sieger des Abends ist SPD-Chef Martin Schulz, m\u00f6gliche Rangeleien um seine Nachfolge scheinen vorerst gestoppt. Mit Niedersachsen bleibt Schulz Parteichef \u2013 gleichwohl der herben Niederlage bei der Bundestagswahl.<\/p>\n<p>Der Sieg der SPD zeigt aber auch, dass die gro\u00dfen Volksparteien keineswegs ihre politische Macht verspielt haben, sondern genau dort wieder punkten k\u00f6nnen, wenn sie \u2013 wie in Niedersachsen \u2013 der AfD die Themen wegnehmen und wie in Salzgitter den Zuzug von weiteren Asyleinwandeeen per Erlass verbieten.<\/p>\n<h1>Der Anti-Merkel wird \u00f6sterreichischer Bundeskanzler<\/h1>\n<p>W\u00e4hrend viele Medien hierzulande \u00d6sterreich Sebastian Kurz in die rechte Ecke schieben, Nationalismus und Rechtsruck inklusive, die Wahl als Debakel des Anti-Demokratischen illustrieren, das dem Deutschen Liberalismus diametral entgegenl\u00e4uft, betritt mit einem m\u00f6glichen Bundeskanzler Sebastian Kurz hingegen ein Antimachiavell die politische B\u00fchne, der mit frischem Wind segelt.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12940-sebastian-kurz-kein-mann-ohne-eigenschaften\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Sebastian Kurz ist so etwas wie der Ferrari unter den Politikerin. Elegant, eloquent, schnell und vor allem mit Design. Schon titeln die Medien vom Donau-Messias. Wo Kurz erscheint, bebt die Masse. Kurz hat etwas von einem Rockstar mit einem ausgepr\u00e4gten Anti-Merkel-Effekt.<\/p>\n<p>Roland Barthes schrieb einstmals ein viel beachtetes Buch: die \u201eMythen des Alltags&#8220;, und darin postulierte er den Citro\u00ebn als neuen Mythos und stellte ihn in die Tradition der gotischen Kathedrale. War diese einst Leuchtzeichen einer aufstrebenden Kultur, so wurde der neue Citro\u00ebn zum Inbegriff einer exklusiven Moderne und zum Kultdesign des 20. Jahrhunderts, zum Modernit\u00e4tssignal einer aufbrechenden, disruptiven Avantgarde.<\/p>\n<p>Ein Mythos ist der 31-j\u00e4hrige Kurz zwar noch nicht, aber er k\u00f6nnte einer werden. Die etablierte politische Welt betrachtet ihn argw\u00f6hnisch, verachtet ihn und stellt ihn als eitlen Snob in die rechte Ecke. Aber Kurz ist eben eines nicht: ein Pendant zu Robert Musils Romanfigur \u201eUlrich&#8220;, ein Mann ohne Eigenschaften, der wie ein Pendel hin und her schl\u00e4gt und sich jeder konkreten Festlegung entzieht, um sich neue Optionen und Konstellationen offen zu halten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Schulz\u2019 und Merkels dieser Welt permanent auf Sicht fahren, das Taktieren, das Palavern, die Intrige und die rhetorische Sophistik wie eine Klaviatur hoch und runter spielen und eine Politik des langen Atems bis zur Ersch\u00f6pfungslosigkeit auffahren, bis hin zur \u00d6dnis, zur politischen Ein\u00f6de und Eindimensionalit\u00e4t, ist Kurz bei allen seinen Entscheidungen eben kurz und pr\u00e4gnant.<\/p>\n<h6>Vom Underdog ins Zentrum der Macht<\/h6>\n<p>Ernst Cassirer w\u00fcrde ihn gar als einen verstehen, der symbolisch agiert, in dem sich symbolische Pr\u00e4gnanz und symbolische Form, Wahrnehmung Tatsachenerfahrung, eben politische Realit\u00e4t und ein aufgeweckter, kreativer und beweglicher Geist miteinander vereinen. Anders gesagt. Kurz entwirft nicht in die Zukunft hinein, sondern reagiert auf tagespolitischer B\u00fchne, auf das, was der Fall ist. Und er macht es besonnen, aber nicht ohne perfekte Inszenierung; und seinen politischen Gegnern zum Trotz, tut er das nicht unreflektiert, sondern vielmehr spielerisch und galant, ein \u00d6sterreicher eben, den nicht der politische Apparat ins Amt gesp\u00fclt hat, der nicht im Netzwerk aufgefangen und in der Macht installiert wird, sondern der den amerikanischen Traum vom Underdog zur politischen Spitze durch die M\u00fchen der Ebene hindurch peu \u00e0 peu geschritten ist, vom Arbeitermilieu der unterprivilegierten Wiener Vorstadt ins Zentrum der Macht.<\/p>\n<p>Damit verleiht er auch der Politik und insbesondere der Politik als Beruf einen seidenen Glanz, eine Dynamik, die sich radikal von dem unterscheidet, was uns sonst als das Politische und Gestaltende gegen\u00fcbertritt. Kurz ist eben ein brillanter Pragmatiker von besonnenem Schlag, einer, der nicht auf Zeit spielt, sondern eben ein echter Probleml\u00f6ser. Ob beim Kopftuchverbot oder bei der Schlie\u00dfung der Balkanroute, der Au\u00dfenminister ist kein rechter Stimmungsmacher, sondern einer, der sein Ohr ganz dicht beim Volk hat, der wie ein Seismograph tektonische Verschiebungen, Br\u00fcche und anbahnende Erdbeben sowohl h\u00f6ren, bewerten und logische Urteile daraus zu schlie\u00dfen vermag,<\/p>\n<h6>Ein Politiker im Sinne Max Webers<\/h6>\n<p>Was Kurz ausmacht, ist seine strahlende Offenheit, die jugendliche Hingabe und das, was Politikern eben meist fehlt, die schnelle Reaktion und blitzschnelle Aktion. Klassifizieren l\u00e4sst sich der dynamische \u00d6VP-Politiker daher nicht als Gelegenheits- oder Nebenberufspolitiker, sondern der langj\u00e4hrige Au\u00dfenminister \u00d6sterreich ist in vollem Umfang das, was man unter einem Berufspolitiker versteht, der genau zum Weberschen Sinne auf die wechselseitige Durchdringung von Gesinnung und Verantwortung setzt. Anstatt in der Fl\u00fcchtlingskrise bestimmungslos sich treiben zu lassen, die Staatsordnung in ein instabiles Gef\u00e4\u00df zu verwandeln, setzte Kurz auf H\u00e4rte, verwechselte nicht den ethischen Imperativ der Gesinnung, das moralisch Richtige zu tun, mit dem politisch viel pr\u00e4gnanteren Begriff der Verantwortung, die Folgen des Handelns zu bedenken. Als galante Mischung zwischen Verantwortung und Gesinnung erf\u00fcllt dann Kurz auf das hehre Ideal, das Max Weber dem Beruf des Politikers attestierte: Erstens die sachliche Leidenschaft, zweitens das Verantwortungsgef\u00fchl und drittens das distanzierte Augenma\u00df.<\/p>\n<h6>Der Abschied von der \u201eWelt von Gestern\u201c<\/h6>\n<p>Mit Sebastian Kurz feiert \u00d6sterreich seine neue Wiedergeburt und zugleich einen Abschied von der \u201eWelt von Gestern\u201c, vom Hauch dogmatisch-religi\u00f6ser Umflankungen, vom Biedermeier der Alpenrepublik. Sondern mit ihm, dem Rockstar unter den Politikern, der ganze Arenen f\u00fcllt, gewinnt Felix Austria jenem Charme zur\u00fcck, der das Land auch f\u00fcr viele junge Bundesb\u00fcrger immer mehr attraktiver macht. Das bedeutet f\u00fcr sie, in einem Land zu leben, wo sich Tradition, Heimat und zugleich Weltoffenheit die Hand reichen. Und mit Kurz sowie auch mit dem Kanadischen Premierminister Justin Pierre James Trudeau geht ein frischer Wind durch die dunklen R\u00e4ume der Politik, wechselt ein junges Gesicht die verkrusteten Tapeten der Macht aus und verleiht dem Herbst eine wundervolle bunte F\u00fclle.<\/p>\n<p>Nun ist Sebastian Kurz nicht nur der j\u00fcngste Au\u00dfenminister, sondern am heutigen Sonntag vielleicht der j\u00fcngste Regierungschef der Welt. Deutschlands derzeitige F\u00fchrungselite hingegen wirkt dagegen wie eine geriatrische Clique auf Rekonvaleszenz, die sich im Untergangskampf reflexionslos in Selbstgef\u00e4lligkeiten und eitler Schuldlosigkeit gef\u00e4llt, die sich in Jamaika biegt, um die Macht nicht zu verlieren, gleichwohl der W\u00e4hlerauftrag deutlich in eine andere Richtung weist. Jamaika bleibt ein politischer Albtraum und die W\u00e4hler werden das in vier Jahren rigoros bestrafen.<\/p>\n<h6>Das \u201eArbeitstier\u201c und der Antimachiavell<\/h6>\n<p>Das \u201eArbeitstier\u201c Kurz hat hingegen hat einen quasi Nietzscheschen Willen zur Macht. Die Gabe, Niederlagen in produktive Energie zu verwandeln, um die verkn\u00f6cherten Geister von der politischen Oberfl\u00e4che im Nirwana versinken zu lassen. Und das ist gut f\u00fcr \u00d6sterreich, gut f\u00fcr eine neue heraufziehende Politik mit frischen Gesichtern, die den Muff von Selbstinszenierung, Selbstgef\u00e4lligkeit, monarchischen Herrschaftsanspruch samt Realit\u00e4tsverweigerung in den Orkus der Geschichte wirft.<\/p>\n<p>Nun beginnt sie wohl, die \u201eZeit f\u00fcr Neues\u201c und die Zeit der neuen Mythen, f\u00fcr die Sebastian Kurz das neue Symbol konservativer und wertorientierter Politik ist. Der neue Bundeskanzler ist kein Ph\u00f6nix aus der Asche wie Bundeskanzlerin Merkel, sondern steht f\u00fcr einen neuen Typus von Politik. Kurz ist der neue Antimachiavell und schlie\u00dft damit den Bogen zu Preu\u00dfens aufgekl\u00e4rtem Regenten Friedrich II., selbst wenn dieser die mit Voltaire gemeinsam verfasste Schrift sp\u00e4ter als Jugendwerk abtat. Auch Kurz wird noch manche H\u00fcrde im politischen Wettstreit \u00fcberwinden m\u00fcssen, die Hoffnung bleibt, dass ihm dies gelingt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>\u201eIch finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit\u201c<\/h1>\n<p>Er z\u00e4hlt zu den gro\u00dfen der Weltliteratur \u2013 der deutsche Schriftsteller Georg B\u00fcchner. Er zeichnet am Rand der Gesellschaft, verleiht den Entrechteten eine Stimme und entwirft eine Dramaturgie der Zukurzgekommenen, die das Schicksal physisch und psychisch knechtet. Doch bei aller Resignation zeichnet der Dichter des Vorm\u00e4rzes, der auch noch 2017 so aktuell ist, kein Bild restloser Verzweiflung.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.photocase.com\">cwalter \/ photocase.com<\/a><\/p>\n<p>Ihm zu Ehren gibt es ihn, den Georg-B\u00fcchner-Preis. Und der ist seit 1923 so etwas wie der Oscar in der deutschen Literatur. Die Liste der Preistr\u00e4ger liest sich darum auch wie das How is How der Intellektuellen. Ob Benn, K\u00e4stner, Frisch, Celan, Enzensberger, ob Grass, B\u00f6ll, Canetti, Handke, Walser oder Mosebach \u2013 f\u00fcr sie alle bleibt B\u00fcchner nicht nur ein interessanter Casus, sondern das Ausnahmetalent schlechthin.<\/p>\n<p>Denn B\u00fcchner (1813-1837) war alles in Personalunion: Naturwissenschaftler, Mediziner und Revolution\u00e4r. Ein Genie sondergleichen und einer der signifikantesten Literaten des Vorm\u00e4rzes, einer Zeit, in der der Geist des Liberalismus und der Nationalismus sich aus der politischen Opposition zum \u201eMetternich\u2019schen System\u201c entwickelten. Ihr Widerstand richtete sich politisch gegen jenen restaurativen Obrigkeitsstaat samt seinen Ideologien, der diese mit strengen Repressionsma\u00dfnahmen verteidigte, aber auch gegen den Standesd\u00fcnkel und die auf Kosten der Armen erkaufte Freiheit des Adels.<\/p>\n<p>Was B\u00fcchner all dem entgegensteuerte, war ein zutiefst empfundener Existentialismus des Individuums, das sich jede romantische Poesie bewusst versagt und anstelle von Heilung und Erl\u00f6sung das Fragment und das Drama setzt. Die Flucht in die Religion, das Pathos einer heiligen Existenz wehen an ihm vorbei, die Hegelsche \u201eVernunft der Geschichte\u201c wird zur Phrase, die zum blutigen Puppenspiel verkommt, zum Spiel, das den Einzelnen in seiner Endlichkeit und Zerbrechlichkeit, in seinem Hadern und Verzweifeln zeigt.<\/p>\n<p>B\u00fcchner ist der genaue Kenner des Lebens und der menschlichen Natur, er kennt nur allzu gut die Abgr\u00fcnde von Seele, Trieb und Unbewusstem. In einem ber\u00fchmten Brief an seine Braut aus dem Jahre 1824 wird das deutlich: \u201eIch f\u00fchle mich wie zernichtet unter dem gr\u00e4\u00dflichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verh\u00e4ltnissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem verliehen. Der einzelne nur Schaum auf der Welle, die Gr\u00f6\u00dfe ein blo\u00dfer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein l\u00e4cherliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz [\u2026]. \u201ePuppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst; die Schwerter, mit denen Geister k\u00e4mpfen \u2013 man sieht nur die H\u00e4nde nicht, wie im M\u00e4rchen [\u2026]\u201c. Das Leben bleibt ein d\u00fcsteres M\u00e4rchen.<\/p>\n<p>Das Scheitern an den pers\u00f6nlichen Verh\u00e4ltnissen in nuce erweist sich bei B\u00fcchner letztendlich als der ultimative Dreh- und Angelpunkt von Existenzen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden und die tats\u00e4chlich zu Randexistenzen mutieren, deren Schicksale er in all ihrer Radikalit\u00e4t, Fragilit\u00e4t, Einsamkeit und Schizophrenie nachzeichnet.<\/p>\n<p>Die seelische Not als Resultat von Individuen ohne Perspektive zeichnet auch heute noch die Aktualit\u00e4t B\u00fcchners, denn die zunehmende Isolation, der immerw\u00e4hrende und nie gelingende Versuch, sich in der Existenz festzusetzen, sind auch nach B\u00fcchner geblieben. \u201eWoyzeck\u201c und die Erz\u00e4hlung \u00fcber die Leiden des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold \u201eLenz\u201c sind bar ihres tiefenpsychologischen Inhalts moderne B\u00fchnenstoffe, die im 21. Jahrhundert immer noch ihren Ort und vor allem ihre tragischen Existenzen finden, sei es in den Randzonen der Gesellschaft, bei den Langzeitarbeitslosen oder in den psychosozialen Einrichtungen des Staates.<\/p>\n<p>Exemplarisch wird dieser Existenzrealismus B\u00fcchners, der sich vom klassischen Drama kritisch distanziert, in der bewusst uninszenierten Umgangssprachlichkeit der Akteure; Satzbr\u00fcche und Ellipsen steigern einerseits die Dramatik, andererseits sind sie deutliches Indiz daf\u00fcr, dass es eine gelingende Interaktion und Kommunikation unter den Akteuren auf Dauer nicht gibt. Erweitert wird dieses Spiel \u2013 gerade auch im \u201eWoyzeck\u201c \u2013 durch irrsinnige Tautologien der Macht ohne sinnerweiternde Aussagekraft. Zum einen verlieren die Akteure der Oberschicht, im Fall des \u201eWoyzeck\u201c, der Doktor, der Hauptmann und der Tambourmajor jede Individualit\u00e4tsnote und degenerieren zu Nicht-Personen, werden zu austauschbaren Ph\u00e4notypen. Demgegen\u00fcber erwachsen zum anderen die unterprivilegierten, die niederen Bev\u00f6lkerungsschichten zu den eigentlichen Pers\u00f6nlichkeiten und Charakteren heran, deren Schicksal ihre Einmaligkeit zeichnet. Sie umweht Authentizit\u00e4t und emotionale Kraft, sie stellen dem sinnentleerten Sprechen eine tief erlebte Metaphorik von Bildern gegen\u00fcber, die mit dem starren Regelwerk des Logozentrismus brechen. Das authentische Personsein zeigt sich hier durch die Namensgebung, durch die Ansprechbarkeit, w\u00e4hrend sich die Eindimensionalit\u00e4t von Stereotypen in anonymen Berufsbezeichnungen findet. Durch die Namensgebung bekommt das Schicksal Gewicht, die Armut ein Gesicht.<\/p>\n<p>Dadurch wird der b\u00fcrgerliche Realismus auf den Kopf gestellt, Moral, Sitte und Recht werden nicht jenen zugesprochen, die den Diskurs bestimmen, sondern die Randexistenzen erweisen sich bei B\u00fcchner als die eigentlichen Helden. In ihnen verdichtet sich der Sinn des Lebens, die Frage nach der sinnvollen Existenz in Zeiten ethischer Asymmetrien und in einer Welt, die \u2013 fast deistisch \u2013 davon ausgeht, da\u00df man das Schicksal nicht ver\u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>So auch im Drama \u201eWoyzeck\u201c: In all seiner Verlorenheit, in den Dem\u00fctigungen und Verletzungen, im Experiment Woyzeck, im interessanten casus, der nichts anderes als ein Versuchsobjekt in den H\u00e4nden anderer M\u00e4chte ist, verliert sich der Protagonist dennoch nie, bei aller Resignation, in banale Floskeln und sprachliche Hohlheit, ist nicht verliebt in die Phrase. Woyzeck bleibt authentisch, aber in seiner Authentizit\u00e4t eben auch korrumpierbar, wird zum Spielball von Intrige, Blamage und L\u00e4cherlichkeit, gegen die er sich \u2013 weil es ihm physisch und psychisch gar nicht m\u00f6glich ist \u2013 nicht wehren kann. Schon Alfred Kerr hatte in der \u201eTheater-Kritik\u201c am 15.Dezember 1927 geschrieben: \u201eWoyzeck ist der Mensch, auf dem alle rumtrampeln. Somit ein Behandelter, nicht ein Handelnder. Somit ein Kreisel nicht eine Peitsche. Somit ein Opfer nicht ein T\u00e4ter. Dramengestalt wird sozusagen die Mitwelt \u2013 nicht Woyzeck. Kernpunkt wird sozusagen die qu\u00e4lende Menschheit \u2013 nicht ihr gequ\u00e4lter Mensch. Bei alle dem bleibt wahr, dass Woyzeck durch seine Machtlosigkeit justament furchtbarsten Einspruch erhebt. Dass er am tiefsten angreift \u2013 weil er halt nicht angreifen kann.\u201c<\/p>\n<p>Und wie einst der arme Soldat B\u00fcchners, Vorlage zum Stoff war wie sp\u00e4ter bei \u201eEffi Briest\u201c von Theodor Fontane, eine Zeitungsmeldung, so sind die Woyzecks unserer Tage nicht weit vom einstigen Dramenhelden entfernt. Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der verliebt in Marie das uneheliche Kind finanziell zu unterst\u00fctzen sucht, den mageren Sold in seine Liebe investiert, sich auf Erbsendi\u00e4t setzen l\u00e4sst, verzweifelt letztendlich an einer heimlichen Aff\u00e4re, die Marie mit dem Tambourmajor eingeht. Der Mord an seiner Liebe bleibt f\u00fcr ihn die einzige M\u00f6glichkeit, sich an der Gesellschaft zu r\u00e4chen und dem Unbehagen an seiner Existenz Ausdruck zu verleihen, seine Aggression richtet sich dabei gegen die etablierte Klasse und endet dramatisch in der Selbstvernichtung. Woyzeck bleibt ein Millionenschicksal.<\/p>\n<p>Aber B\u00fcchner war mehr als nur der Literat. Wie sehr bereits der junge Arztsohn von der Idee wahrer Freiheit begeistert war, wird in seiner \u201eRede zur Verteidigung des Kato von Utica\u201c deutlich. In Kato feierte B\u00fcchner jenen Geist der r\u00f6mischen Republik, der einzig im Selbstmord seinen Weg zur Freiheit erblickte, ein stoisches Ideal, um sich in aller Individualit\u00e4t der Herrschaft C\u00e4sars zu entziehen. Auch im \u201eFatalismus-Brief\u201c verdeutlicht sich B\u00fcchners Drang nach Freiheit und Subjektivit\u00e4t, denn der Mensch ist ganz Subjectum, der sich immer wieder verwehren muss, vom Weltprozess aufgefressen und permanent vernichtet zu werden.<\/p>\n<p>Der politische B\u00fcchner wollte mehr, er schrieb gegen die Verobjektivierung der Geschichte mit seinem Ideal einer \u201eGesellschaft f\u00fcr Menschenrechte\u201c an. Eine Revolution der Denk- und Lebensweise im Geist von Liberalismus konnte sich seiner Meinung aber nicht durchsetzen, wenn sich die freiheitliche Opposition auf wohlhabende Liberale, Industrielle und Handelsleute beschr\u00e4nkte, sondern nur in einer radikalen Revolution gegen die bestehenden Politik- und Sozialverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>B\u00fcchner wusste allzu gut \u00fcber die Miseren der Landbev\u00f6lkerung und ihre dr\u00fcckende Armut bescheid, kannte die Not, die sich aus der ungleichen Verteilung der G\u00fcter ergab, die eine Revolution von oben f\u00fcr ihn sinnlos erscheinen lassen musste. Der \u201eHessische Landbote\u201c, 1834, nimmt dann programmatisch voraus, was sp\u00e4ter bei Karl Marx zum philosophischen Programm werden wird. Die Flugschrift, die unter der Parole \u201eFriede den H\u00fctten! Krieg den Pal\u00e4sten!\u201c war dann B\u00fcchners aktiver Versuch die bestehenden Missverh\u00e4ltnisse der Zeit aufzudecken. Der bewusst biblisch gehaltene Tonfall der Schrift diente dabei nicht nur als stilistisches Mittel, sondern in erster Linie dazu, eine religi\u00f6se Rechtfertigung der angestrebten Revolution zu liefern. Aber nicht der Idealismus, dies wusste er, f\u00fchrt zur Revolution, sondern f\u00fcr die gro\u00dfe Klasse der Entrechteten gibt es nur zwei Hebel: \u201ematerielles Elend und religi\u00f6ser Fanatismus\u201c. Freiheit gewinnt sich so in der Dialektik von Verlust und Aneignung.<\/p>\n<p>Was bleibt von B\u00fcchner? Mit Sicherheit der Mut, sich zu emp\u00f6ren, diesen Mut gilt es sich wieder anzutrainieren in Zeiten der Angepassten; Dieter Hildebrandt h\u00e4tte seine Freude an ihm, weil auch B\u00fcchner ein St\u00f6renfried ist, einer der aufst\u00f6rt, verst\u00f6rt und zerst\u00f6rt, einer, der den Kampf gegen den \u00fcberm\u00e4chtigen Gegner aufnimmt und bewusst das Scheitern mit einkalkuliert.<\/p>\n<h1>Die Stunde des Cem \u00d6zdemir<\/h1>\n<p>Die Bundesb\u00fcrger haben gew\u00e4hlt. Nach der herben Niederlage der SPD und der Absage f\u00fcr eine weitere Gro\u00dfe Koalition sind die Chancen f\u00fcr ein Jamaika-B\u00fcndnis gestiegen. Gute Karten dabei h\u00e4tte Gr\u00fcnen-Chef Cem \u00d6zdemir. Sollte Jamaika tats\u00e4chlich Realit\u00e4t werden, h\u00e4tte die Kanzlerin einen mittlerweile versierten Rhetoriker und Taktiker an ihrer Seite.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12831-kann-der-gruenen-chef-auch-aussenminister\">Cem \u00d6zdemir<\/a><\/p>\n<p>Die Bundesb\u00fcrger haben gew\u00e4hlt. Nach der herben Niederlage der SPD und der Absage f\u00fcr eine weitere Gro\u00dfe Koalition sind die Chancen f\u00fcr ein Jamaika-B\u00fcndnis gestiegen. Gute Karten dabei h\u00e4tte Gr\u00fcnen-Chef Cem \u00d6zdemir, das Arbeiterkind unter den gr\u00fcnen Intellektuellen, der Schwabe- oder \u201eSp\u00e4tzle-T\u00fcrke\u201c. Sollte Jamaika tats\u00e4chlich Realit\u00e4t werden, h\u00e4tte die Kanzlerin einen mittlerweile versierten Rhetoriker und Taktiker an ihrer Seite, der nicht mehr blo\u00df nachplaudert, was ihm andere vorplappern.<\/p>\n<h6>Die Metamorphose des Cem \u00d6zdemir<\/h6>\n<p>Einst war \u00d6zdemir so etwas wie der ewige Ja-Sager seiner Partei, blass und sch\u00fcchtern \u2013 charismatisch war was anderes. Bis zur Schlafm\u00fcdigkeit und gebetsm\u00fchlenartig wiederholte er die Political Correctness der Gr\u00fcnen; auf eine Plattit\u00fcde folgte die n\u00e4chste.<\/p>\n<p>Doch 2016 und 2017 waren anders und wurden zur Geburtsstunde des zweiten Cem. Er hatte seine Metamorphose nun endg\u00fcltig vollzogen. Der Meister der Tarnung und des Wegduckens war in die Offensive gegangen und hat den Schleier um sich gel\u00fcftet. \u00d6zdemir war zum Schmetterling geworden und hatte Kafkas Verwandlung in die entgegengesetzte Richtung vollzogen. Das Arbeiterkind unter den gr\u00fcnen Intellektuellen, der Schwabe- oder \u201eSp\u00e4tzle-T\u00fcrke\u201c, wie er oft genannt wird, hatet sich gewandelt. Er ist nicht mehr der smarte Kukident-Verk\u00e4ufer von nebenan. Der Gr\u00fcnen-Politiker ist ein anderer geworden, kr\u00e4ftiger, selbstsicherer. Er strotzt nun von Selbstvertrauen.<\/p>\n<h6>Die M\u00fchen der Ebene<\/h6>\n<p>Dabei hatte der Vorzeigepolitiker f\u00fcr gelungene Integration lange Zeit keinen guten Stand in den eigenen Reihen \u2013 irgendwie passte er nicht in die bunte Welt der gr\u00fcnen Pullover-Fraktion und notorischen Anti-Kriegs-Gegner. Dass sich \u00d6zdemir f\u00fcr Waffenlieferungen an kurdische Peschmerga aussprach, glich einem fl\u00e4chendeckenden Bombeneinschlag. Auch seine Kampfansage an die Terrortruppen des \u201eIslamischen Staates\u201c, die man nicht mit \u201eYogamatten\u201c bek\u00e4mpfen k\u00f6nne, l\u00f6ste einen kollektiven Shitstorm im linken Lager der Gr\u00fcnen aus und brachte die Genossen \u2013 samt Simone Peter \u2013 an den Rand eines kollektiven Nervenzusammenbruchs. Noch tiefer in Ungnade fiel er mit seiner \u00c4u\u00dferung, dass wer gegen \u201ePegida\u201c sei auch gegen \u201eT\u00fcrgida\u201c sein m\u00fcsse. \u201eEs gibt leider auch eine Art t\u00fcrkische Pegida in Deutschland, die wir genauso behandeln m\u00fcssen wie die uns bekannte\u201c, betonte er gegen\u00fcber der \u201eBild am Sonntag\u201c.<\/p>\n<p>Doch jenseits aller Schm\u00e4hungen, kritischen Anfeindungen und internen Grabenk\u00e4mpfen \u2013 der neue \u00d6zdemir hielt seinem Kurs.<\/p>\n<h6>Auf Konfrontation mit Ankara<\/h6>\n<p>Wie selbstsicher er geworden ist, zeigt sich \u00fcberdeutlich und pointiert in seinem David-Kampf gegen den t\u00fcrkischen Riesen Goliath. Der Diktator aus Ankara, der Totengr\u00e4ber der Pressefreiheit und der Menschenrechte, Ministerpr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan, bleibt f\u00fcr den Gr\u00fcnen-Politiker die personifizierte Fratze des B\u00f6sen, die leibliche Inkarnation des Satans.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Neo-Sultan wie ein Weltenrichter den Gr\u00fcnen von der Schw\u00e4bischen Alb als \u201eangeblichen T\u00fcrken\u201c stigmatisiert, dessen Blut g\u00e4nzlich verdorben sei, geht \u00d6zdemir seinerseits voll auf Konfrontationskurs. Er h\u00e4lt nichts von \u201efalscher R\u00fccksichtnahme und vorauseilendem Gehorsam\u201c gegen\u00fcber diesem Despoten der Macht, wie sie das politische Establishment der Berliner Republik einfordert. Die T\u00fcrkei ist ein \u201egro\u00dfes Gef\u00e4ngnis\u201c \u2013 dies zu ignorieren, ist blo\u00dfer und grobschl\u00e4chtiger Zynismus.<\/p>\n<h6>Volksheld<\/h6>\n<p>Je k\u00e4lter der Wind vom Bosporus ihm entgegenblies, desto k\u00e4mpferischer geb\u00e4rdete sich der Bundesvorsitzende der Gr\u00fcnen. Und w\u00e4hrend halb Europa Erdo\u011fan umschmeichelte, sich beim Fl\u00fcchtlingsdeal ihm buchst\u00e4blich vor die F\u00fc\u00dfe in den Sand warf, war es wiederum \u00d6zdemir, der nicht nur den antiliberalen Kuschelkurs der Kanzlerin, ihre Bu\u00dfg\u00e4nge in den Orient fr\u00fchzeitig kritisierte, sondern auch vor der nationalistischen Hetze t\u00fcrkischer Vereine wie DITIB und vor den Import-Imamen warnte \u2013 islamistische Gehirnw\u00e4sche inklusive.<\/p>\n<p>\u00d6zdemir, der Ph\u00f6nix aus der Asche, einer der Initiatoren der \u201eArmenien-Resolution\u201c im Bundestag, sah im Massaker vor hundert Jahren dann auch \u2013 anders als der designierte Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier \u2013 einen genuinen V\u00f6lkermord am Werk. Es war Genozid \u2013 basta!<\/p>\n<p>Das Gepolter und die Donnerwolken aus Ankara haben \u00d6zdemir keineswegs geschadet, sondern ihn geadelt und in den Augen vieler Deutscher zum Volkshelden werden lassen.<\/p>\n<h6>\u00d6zdemir war Merkel immer einen Schritt voraus<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend die Bundeskanzlerin noch von \u201eprivilegierter Partnerschaft\u201c sprach und beim Fl\u00fcchtlingskurs wie ein betrunkener Autofahrer schlingerte und dar\u00fcber hinaus sowohl parteiintern als auch bei der Schwester kontinuierlich an Gefolgschaft und Hofstaat verlor, hatte wiederum \u00d6zdemir betont, dass ein ungebremster Einreisestrom das Land \u00fcberfordere.<\/p>\n<p>Bei grunds\u00e4tzlichen Entscheidungen in den vergangenen Jahren gingen die Bonuspunkte im Hase- und Igel-Spiel an den Gr\u00fcnen, der einfach das bessere Gesp\u00fcr f\u00fcr den Zeitgeist hatte. Merkels auf Zeit-Spielen und ihr Zickzackkurs \u2013 \u00d6zdemir war hier weitaus realistischer, treffsicherer und verh\u00f6hnte Volkes Stimme nicht. Ob gegen Angela Merkel oder Erdo\u011fan, der Gr\u00fcnen-Chef wei\u00df sich nicht nur gekonnt zu inszenieren, er erweist sich nicht nur als bed\u00e4chtiger Player, sondern er kann auch Provokation. Offene Konfrontation ist sein Credo \u2013 und dabei spielt es nur marginal eine Rolle, ob er Merkel, die eigene Partei oder den tr\u00fcbsinnigen Erdogan kritisiert.<\/p>\n<p>Sollte es tats\u00e4chlich zu einer Jamaika-Koalition kommen, h\u00e4tte die Kanzlerin einen mittlerweile versierten Rhetoriker und Taktiker an ihrer Seite, der nicht mehr blo\u00df nachplaudert, was ihm andere vorplappern. Mit seinem aggressiven Konfrontationskurs gegen Ankara k\u00f6nnte sich \u00d6zdemir als Au\u00dfenminister der Bundesrepublik 2017 Meriten verdienen.<\/p>\n<h1>Interview mit Annegret Kramp-Karrenbauer &#8211; Wir m\u00fcssen vor allem eine Leitkultur leben<\/h1>\n<p>Wir m\u00fcssen vor allem eine Leitkultur leben. Eine theoretische Debatte ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass eine Gesellschaft sich ihrer selbst nicht sicher ist, sagt die Ministerpr\u00e4sidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Interview mit dem Chefredakteur des \u201cThe European\u201d, Stefan Gro\u00df.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/annegret-kramp-karrenbauer\/12668-interview-mit-annegret-kramp-karrenbauer--2\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p><em>Frau Ministerpr\u00e4sidentin, Sie sind nach der Wahl im Fr\u00fchjahr 2017 gewonnenen Wahl die zweitm\u00e4chtigste Frau der Bundesrepublik. Durch den Sieg der CDU an der Saar konnte die Bundes-CDU wieder kr\u00e4ftig an Boden gewinnen. St\u00e4rkt das die Stellung Ihres Bundeslandes und k\u00f6nnen Sie dadurch Ihre Interessen, beispielsweise die Maut, besser durchsetzen?<\/em><\/p>\n<p>Zuerst einmal garantiert es, dass das Saarland auch weiterhin vern\u00fcnftig und stabil und zukunftsorientiert regiert wird. Und es erm\u00f6glicht mir nat\u00fcrlich, die Netzwerke, die Verbindungen, die ich \u00fcber die letzten Jahre gekn\u00fcpft habe, auch f\u00fcr die Zukunft weiter zu vertiefen, auch zu nutzen dort, wo es im Interesse des Landes und seiner Menschen notwendig ist.<\/p>\n<p><em>Am 1. Juni, wurden Sie mit dem SignsAward als Politikerin des Jahres ausgezeichnet. Was zeichnet einen guten Politiker aus? Woher kommt die Politik-Verdrossenheit vieler Menschen, der Frust, der Aufstieg der AfD? Und wieso sind Sie nicht nur im Saarland so beliebt?<\/em><\/p>\n<p>Politiker m\u00fcssen glaubw\u00fcrdig sein. Denn die Menschen schenken mit ihrer Stimme Vertrauen. Diesem Vertrauen muss man gerecht werden \u2013 das ist eine hohe Verantwortung. Deswegen ist f\u00fcr mich das wichtigste in der Politik eine klare Haltung einzunehmen und diese Haltung auch beizubehalten \u2013 auch in schwierigen Zeiten. Zu einer solchen Haltung geh\u00f6rt eben auch eine offene Kommunikation mit den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, die wiederum Vertrauen erzeugt. Die offene Kommunikation ist das beste Mittel gegen Populismus.<\/p>\n<p><em>Dass Martin Schulz Bundeskanzler wird, ist mittlerweile so wahrscheinlich wie ein Tsunami am Tegernsee. Erst Schulz Hype dann der freie Fall. Was hat Angela Merkel, das Schulz fehlt?<\/em><\/p>\n<p>Ich bin bei Prognosen sehr vorsichtig geworden. Ich habe ja im eigenen Wahlkampf erlebt, wie schnell sich Stimmungen ergeben und wie schnell sie sich drehen k\u00f6nnen. Deswegen wird es die Aufgabe der CDU sein, einen sehr konzentrierten Wahlkampf zu f\u00fchren. In diesem Wahlkampf werden eine klare Haltung, eine Unbeirrbarkeit in schwierigen Situationen, eine Verl\u00e4sslichkeit und die F\u00e4higkeit, in die Zukunft zu denken, entscheidend sein. Genau diese Eigenschaften zeichnen Angela Merkel in einem H\u00f6chstma\u00df aus.<\/p>\n<p><em>Die Bundestagswahl steht vor der T\u00fcr. Was sind inhaltlich die gro\u00dfen politischen Schwerpunkte, auf die Sie im Wahlkampf setzen?<\/em><\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Thema ist: Wie gestalten wir Zukunft und wie sorgen wir daf\u00fcr, dass Deutschland seinen Wohlstand weiter ausbauen kann. Dazu braucht es Rahmenbedingungen, international wie national. F\u00fcr die internationalen Beziehungen arbeitet die CDU mit der Kanzlerin an vorderster Stelle \u2013 das gilt auch f\u00fcr die nationale Perspektive. Wir m\u00fcssen die wirtschaftliche St\u00e4rke der Vergangenheit f\u00fcr die Zukunft sichern \u2013 und zwar unter den Bedingungen der Digitalisierung und Internationalisierung. Daf\u00fcr steht die CDU wie keine andere Partei.<\/p>\n<p><em>Das Thema Leitkultur polarisiert wie kein anderes derzeit die deutsche Bev\u00f6lkerung. Der 10-Punkte-Plan von de Maizi\u00e8re st\u00f6\u00dft auf viel Kritik. Brauchen wir eine Leitkultur?<\/em><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen vor allem eine Leitkultur leben. Eine theoretische Debatte ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass eine Gesellschaft sich ihrer selbst nicht sicher ist. Wir haben die Aufgabe, diesen permanenten Prozess zu f\u00fchren. Vielleicht haben wir ihn in der Vergangenheit nicht intensiv genug gef\u00fchrt. Aber ich werbe sehr daf\u00fcr, dass wir sehr selbstbewusst zu unseren Werten und Haltungen stehen. Sie zeichnen uns aus. Denn nur, wenn man sich seiner selbst bewusst ist, kann man auch anderen Menschen gegen\u00fcber offen entgegentreten und sie mit offenen Armen in den eigenen Reihen empfangen.<\/p>\n<p><em>Dankesch\u00f6n.<\/em><\/p>\n<p>Fragen: Dr. Dr. Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Nach Schillers Tod kam Goethes Lebenskrise<\/h1>\n<p><em>Sie sind die Weimarer Klassiker par excellence. Goethe und Schiller waren Antipoden. So verschieden ihre Denkans\u00e4tze waren, so inspirierten sie sich doch wechselseitig. Doch mit dem Tod Friedrich Schillers kam Goethe in eine tiefe Sinn- und Lebenskrise.<\/em><\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12683-goethes-geburtstag-2017\">Foto: Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Johann Wolfgang Goethe \u2013 ein Einsamer? Alles andere assoziiert man mit dem Staatsminister, Dichterf\u00fcrsten und Gesellschafter als eben jene Einsamkeit. Doch Ernst Osterkamp belehrte in einem vielbeachteten Essay \u201eEinsamkeit, \u00dcber ein Problem in Leben und Werk des sp\u00e4ten Goethe\u201c eines anderen. Der gravierende Einschnitt im Leben Goethes, so die These, war der Tod Schillers 1805, der beim Weimarer Olympier nicht nur eine schwere k\u00fcnstlerische Krise ausl\u00f6ste, sondern bei dem sich dar\u00fcber hinaus zugleich das Gef\u00fchl umfassender Verlassenheit einstellte. Nicht nur die Preisaufgaben der Weimarischen Kunstfreunde wurden eingestellt, auch der Versuch einer Erneuerung der Kunst aus dem Geist der Antike war nunmehr in unendliche Ferne ger\u00fcckt. Schillers Tod l\u00e4utete einen Paradigmawechsel in Goethes Leben ein, was zwangsl\u00e4ufig darauf hinauslief, dass sich der ehemalige St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger zusehend seiner Zeit widersetzte, dem Zeitgeist und sich, wie Osterkamp betont, ins Eigene und \u201eN\u00e4chste\u201c zur\u00fcckzog. Diese unfreiwillige Einsamkeit nimmt Goethe fortan in sich auf, Entsagung bleibt das zentrale Thema seines weiteren Lebens und Schaffens.<\/p>\n<p>Der Tod Schillers f\u00fchrte Goethe geradewegs nicht nur in die Einsamkeit und Entsagung, sondern veranlasste den 56-j\u00e4hrigen Dichter auch zu einer Suche oder einem neuen Konzept, wie diese Einsamkeit produktiv zu bew\u00e4ltigen sei. Zwar f\u00e4llt bei Osterkamp das Wort Lebenskrise nicht, es l\u00e4uft aber alles auf eine solche bei Goethe hinaus, wenn vom \u201efundamentalen Wandel\u201c der \u201eLebensweise\u201c gesprochen wird. Zwar war eine radikale Ver\u00e4nderung der Lebensweise f\u00fcr Goethe unm\u00f6glich, m\u00f6glich ist ihm nur gewesen, eine Strategie zu finden, durch die der schmerzhafte Verlust des Geistesfreundes kompensiert werden konnte.<\/p>\n<p>Diese Bew\u00e4ltigungsleistung Goethes, damit er nicht ins Leere, in die Apathie falle, sieht Osterkamp in einer Doppelstrategie: \u201eDie eine bestand darin, die Einsamkeit f\u00fcr sich als eine Existenzform zu akzeptieren, die ihm zugleich den produktiven Widerstand gegen den Zeitgeist erm\u00f6glichte, die andere in der pragmatischen Erledigung des \u201aN\u00e4chsten\u2019 im Zeichen jener verk\u00fcrzten Zeithorizonte, die die konkrete Erfahrung, aber auch die Erwartung des Todes nahelegte \u2013 eine Erfahrung und eine Erwartung, die Goethe zugleich in seiner Resistenz gegen\u00fcber politischen Maximalprogrammen und geschichtsphilosophischen Globalentw\u00fcrfen best\u00e4tigten\u201c (S. 5).<\/p>\n<p>Gerade jene Verquickung von produktiver Einsamkeit und pragmatischer Abarbeitung am \u201eN\u00e4chsten\u201c l\u00e4sst sich als Charakteristikum der Existenzweise des sp\u00e4ten Goethe beschreiben. Die mit der Einsamkeit einhergehende Abkehr vom Kunstprojekt, auf das Werden und Wesen der K\u00fcnste nochmals gestalterisch Eingriff zu nehmen, kulminiert letztendlich in der Reduktion auf das Eigene, das nichts anderes als das eigene Werk ist. Goethe wird zum Konservator und Bewahrer seiner selbst, konzentriert und b\u00fcndelt die Kr\u00e4fte auf den Schaffenskreis Weimar und Jena. Mit der R\u00fcckkehr ins Ich verbunden ist die Absage ans Ganze, ans Globale, an den Bildungsoptimismus der Zeit. Vom Gedanken, auf die \u201eMenschen genetisch zu wirken,\u201c \u201edie Entwicklung von Kunst, Literatur und Wissenschaft im Zeichen umfassender programmatischer Leitlinie und Idealkonzeptionen\u201c (S. 6) zum Besseren umzubiegen, ein Projekt, das er mit der Preisaufgaben noch verfolgte, hat er sich ganz verabschiedet.<br \/>\nVielmehr zeigt sich Goethes \u201eneue Lebensweise\u201c als geistige Isolation gegen\u00fcber der eigenen Zeit. Das tragische Bewusstsein, einer Epoche anzugeh\u00f6ren, die nicht mehr die seinige war, hat sich in ihm verfestigt.<\/p>\n<p>Mit dem R\u00fcckzug in die Innerlichkeit geht auch einher, dass sich der Einsame nicht mehr auf neue, j\u00fcngere Bundesgenossen einzulassen gewillt ist. Neuen Freundschaftsbanden erteilt er eine klare Absage. Ausgenommen bleiben die Urfreunde Carl Friedrich Zelter, Wilhelm von Humboldt und (bedingt) Heinrich Meyer, bei denen er in Zeiten, wo das Schicksal mit ihm hadert, Trost sucht und findet.<br \/>\nDaher verwundert er nicht, da\u00df Goethe zunehmend Abwehrmechanismen aufrichtet, Strategien der Einsamkeit entwickelt, die es ihm erm\u00f6glichen, schaler Geselligkeit und dem langweilig-am\u00fcsiertem Hofleben zu entfliehen. Er sucht R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten, um aus der empirischen Tatsache des Alleingelassenseins eine produktive Existenzweise zu machen. Ein Ort dieses Zur\u00fcckgezogenseins wird f\u00fcr ihn die nahegelegene Universit\u00e4tsstadt Jena, wenngleich er anfangs in Jena noch zwischen der Einsamkeit als qu\u00e4lendem Schicksal und ersehnter Zur\u00fcckgezogenheit schwangt. Erst 1816 wird er die ihn qu\u00e4lende Ambivalenz restlos besiegen.<\/p>\n<p>Goethes Einsamkeit hat, wie Osterkamp in einem zweiten Teil seines Essays nachweist, nachdr\u00fccklich auf sein schriftstellerisches Sp\u00e4twerk gewirkt. Die Poesie der Einsamkeit wurde nunmehr f\u00fcr die behandelten Stoffe zentral. Es sind die gro\u00dfen Einsamen, die fortan ins Zentrum seiner Werke r\u00fccken, in \u201ePandora\u201c, in \u201eDie Wahlverwandtschaften\u201c, im \u201eFaust II\u201c, in der \u201eMarienbader Elegie, in \u201eWilhelm Meisters Wanderjahre\u201c. Melancholische Selbstzerr\u00fcttung, die Reduktion auf das leidende Ich, der Bruch mit der nicht mehr zu synthetisierenden Welt oder Moderne, die Unvers\u00f6hnlichkeit mit dem Gegenw\u00e4rtigen \u2013 all dies wird jetzt zum Thema. Denn: \u201eDas Sch\u00f6ne kehrt nie mehr in die Welt zur\u00fcck [\u2026], der Repr\u00e4sentant des sentimentalisch-selbstreflexiven Menschen der Moderne bleibt auf immer einsam in der von Gewalt- und N\u00fctzlichkeit gepr\u00e4gten Wirklichkeit zur\u00fcck\u201c (S. 11). An die Stelle eines \u00e4sthetischen Erziehungsprojektes, mit dessen Hilfe die gesellschaftliche Wirklichkeit neu zu formieren sei, tritt das unvollendete Drama Pandora als Zeichen der poetischen Erfahrung der Einsamkeit.<\/p>\n<p>Die nunmehr selbst gew\u00e4hlte Einsamkeit Goethes beeinflusste aber auch den Charakter des Sp\u00e4twerks, da der Dichter nunmehr unverhohlen Distanz gegen\u00fcber seinem Publikum nahm. Die k\u00fcnstlerische Freiheit, die sich aus der Einsamkeit heraus entwickelte, wurde so zu einer Befreiung vom angedienten Stil und Pathos des Zeitgeistes und der literarischen Form, wie diesem zu entsprechen und gen\u00fcgen zu sei. \u201eWer dem Publikum dient, ist ein armes Tier; \/ Er qu\u00e4lt sich ab, niemand bedankt sich daf\u00fcr\u201c, so formuliert es der alte Goethe.<\/p>\n<p>Wie Osterkamp betont, ist es diese sich dem Konzept der Einsamkeit verdankende \u201eformale Radikalit\u00e4t\u201c, die das Sp\u00e4twerk auszeichnet und ma\u00dfgeblich bestimmt. \u201e\u00dcberall in seinem Alterswerk polt Goethe das Gef\u00fchl der geistigen Isolation und der Verlassenheit vom Zeitgeist in eine produktive Distanz zum zeitgen\u00f6ssischen Publikum um, die ihm seine provozierende Altersradikalit\u00e4t in allen k\u00fcnstlerischen Formfragen erlaubt\u201c (S. 14). So nimmt es auch nicht wunder, dass Goethes sp\u00e4ten Werken der Erfolg beim Publikum versagt blieb, das Konzept der Einsamkeit lie\u00df ihn auch in den Augen seines Publikums einsam werden. Poesie der Einsamkeit allenthalben.<\/p>\n<p>Mit der Isolierung Goethes einher ging sein Verh\u00e4ltnis zum eigenen Werk. Er selbst befand sich nicht nur f\u00fcr historisch, sondern auch die Besch\u00e4ftigung mit dem eigenen Werk wurde museal. Zunehmend tritt der Archivar und Sammler Goethe auf den Plan, der sich \u2013 gemeinsam mit Heinrich Meyer \u2013 Gattungsfragen, kunsthistorischen Rubrikenzuordnungen, wie Osterkamp schon \u201eIm Buchstabenbilde\u201c hervorhob, zuwandte. \u201eDer Klassizismus trat damit endg\u00fcltig in seine retrospektive Phase ein\u201c (S. 14).<\/p>\n<p>Das Zeitalter des Klassischen, die Zeit Winckelmanns wird zugunsten von Historisierung und Musealisierung eingetauscht, ein Procedere, das 1805, sp\u00e4testens 1809 begann. Konsequente Historisierung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit und der Kunst waren die bewussten und beabsichtigten Folgen. Diese \u201eschriftstellerische Selbsthistorisierung aber hob die Einsamkeit des Dichters nicht auf, sondern begr\u00fcndete und stabilisierte sie im Medium der Selbstreflexion\u201c (S. 15). Zu dieser Historisierung z\u00e4hlt auch der schnelle Abschluss seiner 13 B\u00e4nde umfassenden Werkausgabe, die dann zwischen 1806-1810 bei Cotta erschien. Zu retten, was zu retten ist, dies ist Goethes Maxime als Konservator, dies die konsequente Folge seiner Arbeit am \u201eN\u00e4chsten\u201c, am eigenen Werk. Der Verg\u00e4nglichkeit und Vergesslichkeit des Zeitgeistes galt es das Pers\u00f6nliche, das Erschaffene zu entziehen, es den Wogen des Zeitgeistes zu entrei\u00dfen, um ihm unabh\u00e4ngig von aller Zeit G\u00fcltigkeit zu sichern \u2013 pragmatische Sicherung seiner Lebensverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Kurzum: Goethes Doppelstrategie der Einsamkeit, der R\u00fcckzug auf das \u201eN\u00e4chste\u201c und Innerste\u201c verschaffte ihm den Freiraum, sich aus der \u00f6ffentlich-politischen Sph\u00e4re, der gro\u00dfen Politik des Weimarer Hofes, heraus zu man\u00f6vrieren, um Verantwortung f\u00fcr das \u201eN\u00e4chste\u201c \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen. Diese Strategie, auf das \u201eN\u00e4chste\u201c oder Naheliegende seine Kr\u00e4fte zu konzentrieren, hat er dann auch in Zeiten politischer Unruhen durchgehalten. Den Kampf ums Ganze \u00fcberlie\u00df er den jeweiligen Ministern des kleinen Herzogtums, insbesondere Voigt, der sich gegen\u00fcber den wichtigsten Sorgen f\u00fcr Gegenwart und Zukunft zu verantworten hatte. Goethe seinerseits richtete, so nach der Niederlage gegen die Franzosen 1806, sein Interesse auf jene pragmatische T\u00e4tigkeit \u201eim lokalen wie temporalen Nahbereich im Sinne einer konkreten Verantwortung f\u00fcr dasjenige, was ihm anvertraut war\u201c (S. 20).<\/p>\n<h1>Was kann man von Kleist lernen?<\/h1>\n<p><em>Der heutigen Jugend ist Kleist wieder sehr nahe, denn auch sie durchleidet das Verwirrspiel der Gef\u00fchle, dieses befremdliche Spiel zwischen Selbstentwurf und An-sich-selbst-Scheitern. Und der best\u00e4ndige Kampf \u2013 wie einst von Kleist in seinem Werk \u201ePenthesilea\u201c beschrieben \u2013 ist auch f\u00fcr diese Jugend ganz aktuell.<\/em><\/p>\n<p>Scheitern als Lebensprinzip, so k\u00f6nnte man kurz Heinrich von Kleists irdisches Schicksal umschreiben. Und diese Maxime unterstrich der ber\u00fchmte Dramatiker selbst, als er sich zuletzt als \u201enichtsn\u00fctziges Glied der menschlichen Gesellschaft\u201c bezeichnete.<\/p>\n<p>Dabei hatte der 1777 im Frankfurt\/Oder geborene Dichter die besten Voraussetzungen f\u00fcr eine gesellschaftliche Karriere; er kam aus einer einflu\u00dfreichen pommerschen Familie, ausgestattet also mit dem besten Pedigree, hatte von Jugend an beste Beziehungen zu einem erlesenen Kreis einflu\u00dfreicher Politiker des preu\u00dfischen Staatsapparates. Anfang der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts trat er in das das 3. Bataillon des Garderegiments in Potsdam ein, wurde Leutnant; 1797 befreundete er sich mit Ernst von Pfuel, dem sp\u00e4teren preu\u00dfischen Ministerpr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Doch schon fr\u00fchzeitig versp\u00fcrte Kleist Unbehagen am milit\u00e4rischen Drill und die Sehnsucht nach einem Leben flankiert von Philosophie und Experimentalphysik. Und schon w\u00e4hrend dieser fr\u00fchen Jahre war Kleist ein Reisender, einer, der eigentlich keinen festen Wohnort hatte, der getrieben war von der Suche nach dem wahren Gl\u00fcck, das ihm bis zu seinem viel zu fr\u00fchen Tod am 21. November 1811 nicht zuteil werden sollte. Und der Selbstmord lie\u00df letztendlich das unruhig, nie rastende Herz aufh\u00f6ren zu schlagen.<\/p>\n<p>Von den Idealen der klassischen Dichtung und der philosophischen Aufkl\u00e4rung schon fr\u00fchzeitig begeistert, hat ihm ausgerechnet der K\u00f6nigsberger Philosoph Immanuel Kant die Euphorie einer an der Vernunft orientierten Lebensf\u00fchrung zerst\u00f6rt. Schon als 24-J\u00e4hriger schrieb Kleist resigniert an seine Halbschwester Ulrike, da\u00df das Leben ein schweres Spiel ist, \u201eweil man best\u00e4ndig und immer von neuem eine Karte ziehen soll und doch nicht wei\u00df, was Trumpf ist\u201c. Diese Resignation, die sich in seiner \u201eKant-Krise\u201c verdichtet \u2013 ausgerechnet durch die Lekt\u00fcre der \u201eKritik der Urteilskraft\u201c erwachsen \u2013, wird f\u00fcr sein weiteres k\u00fcnstlerisches Schaffen pr\u00e4gend. Vom Prinzip Wahrheit als Methode wird er sich grundlegend verabschieden; statt harmonischer Einheitssehnsucht ger\u00e4t ihm das Disparate, das Erschreckende und Grausame zusehends in den Blickwinkel seines Schaffens. Das romantische Gl\u00fcck, die Sehnsuchtsidylle samt Sch\u00e4ferroman und arkadischer Landschaft \u00e0 la Poussin ger\u00e4t Kleist zusehends zur Chim\u00e4re, auch wenn er nach 1801 versuchte, wie einst Rousseau im Park von Ermonville, gem\u00e4\u00df der Maxime des \u201eZur\u00fcck zur Natur\u201c zu leben.<\/p>\n<p>Entgegen dem damaligen Trend junger Adliger, auf der sogenannten Grande Tour ihren \u00e4sthetischen Horizont zu erweitern, die Welt der r\u00f6mischen Antike und Griechenlands einzusaugen, hatten seine Paris-Reisen eher abschreckenden Charakter und verst\u00e4rkten die Sehnsucht nach einem Gl\u00fcck in aller Abgeschiedenheit. Zu den unendlich vielen Reisen \u2013 Frankfurt \u2013 Berlin, Berlin \u2013 Frankfurt kamen unterschiedliche Anstellungen hinzu, in denen Kleist immer wieder grandios scheiterte, diplomatischer Dienst in Berlin, Beamtenverh\u00e4ltnis in K\u00f6nigsberg. Gleichwohl er zu jener Zeit, zwischen 1802-1807, \u201eDie Familie Ghonorez\u201c, die Trauerspiele \u201eDie Familie Schorffenstein\u201c, \u201eRobert Guiskard Herzog der Norm\u00e4nner\u201c und das Lustspiel \u201eDer zerbrochene Krug\u201c, das Trauerspiel \u201ePenthesilea\u201c, das Lustspiel \u201eAmphitryon\u201c, die Erz\u00e4hlungen \u201eMichael Kohlhaas\u201c und \u201eDas Erdbeben in Chili\u201c geschrieben hatte, blieb ihm das, war er als dramatischer Schriftsteller ersehnte versagt, der Ruhm und die Anerkennung. Die ausbleibende Anerkennung durch die etablierten Kunstkreise, konnte Kleist pers\u00f6nlich nicht verarbeiten, zu gro\u00df war die Kluft zwischen seinen eigenen Stilprinzipien auf der einen und dem Kunstbetrieb auf der anderen. Viele, allen voran der Weimarer Olympier Goethe, mochten sich mit Kleists Dramen nicht anfreunden, die formal wie inhaltlich weder der Weimarer Klassik noch der eigentlich damals aufflammenden Romantik zuzuordnen waren. So sehr Kleist klassische Motive immer wieder aufgriff und verarbeitete, war es doch nicht das majest\u00e4tisch im Mittelpunkt stehende Allgemein-Menschliche wie in der klassischen Dichtung, sondern das Disparate, das Trennende, das extrem Grausame. Und f\u00fcr Goethe war dieses Spiel aus Grauen, Schrecken und Mystizismus eben nichts als das wahre Unwesen der Romantik, von dem er sich sein ganzen Leben zu distanzieren wu\u00dfte. F\u00fcr Goethe z\u00e4hlte auch Kleist zu den bedeutenden, aber bedauernswerten K\u00fcnstlergestalten, die an einer \u201eunheilvollen Krankheit\u201c litten. Goethes distanzierte K\u00fchle hatten schon andere in Weimar gesp\u00fcrt, die zu ihm nach Th\u00fcringen pilgerten.<\/p>\n<p>Nicht nur den Ruhm, den der Dramatiker Kleist begehrte, blieb also ihm versagt, auch seine Unternehmungen als Journalist scheiterten; zuerst sein Journal f\u00fcr die Kunst \u201ePh\u00f6bus\u201c, dann ging er schlie\u00dflich 1811 mit den \u201eBerliner Abendbl\u00e4tter(n)\u201c pleite, trotz da\u00df an diesen klangvolle Autoren wie Ernst Moritz Arndt, Achim von Arnim, Clemens Brentano, Adelbert Chamisso mitarbeiteten. Sp\u00e4ter wird er mit \u201eDer zerbrochene Krug\u201c, \u201eDie Hermannsschlacht\u201c und dem Drama \u201ePrinz Friedrich von Homburg\u201c bescheidene Erfolge erzielen, allein dem ehrgeizigen und ruhms\u00fcchtigen Kleist gen\u00fcgt dies nicht, seine idealen Vorstellungen vom gelungenen Leben zufriedenstellen \u2013 hinzu kommt der Ha\u00df auf die napoleonische Belagerung und die als dramatisch empfundene Appeasement-Politik Friedrich Wilhelms III. gegen Napoleon. Der Aufkl\u00e4rer Kleist hatte sich zum Nationalisten gewandelt \u2013 doch auch f\u00fcr seine politischen Ideale standen die Zeiten schlecht, die Zeit des nationalen Aufbruchs hat er nicht mehr gelebt. Politisch frustriert \u00fcber das ihn ewig anmutende Reich des Franzosenkaisers Napoleons, dem er am liebsten selbst einen Schu\u00df in den Kopf gejagt h\u00e4tte, hatte Kleist alle Illusionen verloren und mit dem in seiner \u201eHermannsschlacht\u201c empfohlenen Partisanenkrieg reagierte die Obrigkeit \u00e4u\u00dfert kritisch und gereizt.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu einer Vielzahl idealisch denkender Poeten des 18. Jahrhunderts war Heinrich von Kleist etwas nicht \u2013 ein beseelter deutscher Idealist, der die Kalokagathiaals h\u00f6chstes \u00e4sthetisches Ziel anvisierte, der an eine Erl\u00f6sung des Subjets durch die Kunst glaubte, in der sich das Sch\u00f6ne und das Gute zu einer harmonischen Einheit verbanden. Panharmonie war seine Sache eben nicht, zu bruchst\u00fcckhaft die Welten, mit denen er hantierte. Das Subjekt als Fragment, der best\u00e4ndige Krieg und das Unterwegssein waren eher seine Themen, die Vielheit der Erscheinungen, die es zu ordnen galt, die aber in ihrer Disparatheit nie in ein Einheitskonzept geb\u00fcndelt werden k\u00f6nnen, daf\u00fcr interessierte er sich. Kleist war eher ein \u201eskeptischer Verhaltensforscher\u201c und seine Helden geboten keineswegs malizi\u00f6s \u00fcber ihren Alltag, sondern scheiterten permanent an den Allt\u00e4glichkeiten, sie sind nicht die weltbeherrschenden Intellektuellen gewesen, die der Welt ihre aufgekl\u00e4rten Maximen wie einen Spiegel vorhielten, die einen Zukunftsoptimismus par excellence verk\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Kleist blieb als Skeptiker der gro\u00dfe Moralist im Scheitern. Und wie seine Helden war auch er isoliert, geriet in den Strudel best\u00e4ndiger Sinnsuche und wurde dadurch letztendlich aus allen traditionellen Bindungen entlassen, entwurzelt. Ein Rhizom, wie Gilles Deleuze formulieren w\u00fcrde, ein transzendentaler Empirist, eine Begriffsperson, der schlie\u00dflich lieber zugrunde geht, als da\u00df er sich der \u201eProsa der Verh\u00e4ltnisse\u201c ergeben wollte. Vielmehr w\u00fcnschte Kleist zu scheitern, so ein Existential, als sich in einem kleinb\u00fcrgerlichen Alltag gefangen zu wissen. Lieber huldigte er der \u201eBegierde des Wettkampfs\u201c; das Gl\u00fcck wurde f\u00fcr ihn lediglich ein kurzes Intermezzo zwischen rauschhaft-kriegerischen Zust\u00e4nden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Goethe zeigte sich in Kleist jene Verwirrung der Gef\u00fchle, die es f\u00fcr den Klassiker schlie\u00dflich unm\u00f6glich werden lie\u00df, da\u00df sich daraus eine Art von Organisation aus dem Werk des Frankfurter Adligen ableiten lassen w\u00fcrde. Was Goethe einst kritisierte, bringt dem Dramatiker gerade aber im 20. und 21. Jahrhundert wieder Sympathien ein. Es ist eben nicht das frenetisch, sich feiernde Subjekt, das die Welt in Atem h\u00e4lt, das nach der alles erkl\u00e4renden Weltformel sucht, wie Goethe meinte, sondern das permanent auf sich zur\u00fcckgeworfene Ich, das sich und seine Entscheidungen und Lebensentw\u00fcrfe in Frage stellen mu\u00df, das andauernd an seiner Welt resigniert, diese Resignation verkraften und in einen pers\u00f6nlichen Sieg zu \u00fcberf\u00fchren sucht. Nirgends hat dieses moderne Ich ein Halteseil, immer wieder bricht der Boden unter ihm zusammen, immer wieder k\u00e4mpft es zwischen dem Chaos und dem Ordnungswillen, immer versucht es sich gegen die Negativit\u00e4ten aufzurichten, doch so sehr es dies versucht \u2013 alles bleibt fragmentarisch, vorr\u00fcbergehend, eine Sisyphusarbeit.<\/p>\n<p>Der heutigen Jugend ist Kleist wieder sehr nahe, denn auch sie durchleidet das Verwirrspiel der Gef\u00fchle, dieses befremdliche Spiel zwischen Selbstentwurf und An-sich-selbst-Scheitern. Und der best\u00e4ndige Kampf \u2013 wie einst von Kleist in seinem Werk \u201ePenthesilea\u201c beschrieben \u2013 ist auch f\u00fcr diese Jugend ganz aktuell.<\/p>\n<p>Kleist, der Dramatiker, wird so zum Vordenker der Dekonstruktionen, zum quasi Erfinder des nomadischen Ich, eines Ich, das sich keine harmonische Einheit mehr zu konstruieren vermag, sondern nur noch versucht, die Vielheit, die unendlichen Verweisungen, die Differenz von Deleuze, letztendlich auszuhalten. Nur w\u00e4hrend Deleuze diese Differenzen produktiv zu ertragen wu\u00dfte, weil er sie als Spuren begriff, die immer weiter verweisen \u2013 auf einen unendlichen Horizont mit neuen Sinnalternativen \u2013 und so die Vielheit und Verschiedenheit des Lebens zum Ausdruck bringen, ist Kleist an ihnen gescheitert, sein Suizid am Wannsee die bedauerliche Konsequenz.<\/p>\n<h1>Darum mochten Goethe und Schiller den Landschaftsgarten nicht<\/h1>\n<p>Goethe und Schiller bleiben die Ikonen der Deutschen Literatur. Vor 200 Jahren hatten sie den \u00e4sthetischen Diskurs gepr\u00e4gt, der auch noch heute Ma\u00dfst\u00e4be setzt. Trotz verschiedener \u00e4sthetischer Theorien waren sie sich darin einig: der englische Landschaftsgarten siedelt in der Gattungshierarchie der K\u00fcnste auf einer unteren Stufe.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12534-das-unbehagen-an-der-englischen-gartenkunst\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Es war Karl Jaspers, der den Begriff \u201eAchsenzeit\u201c pr\u00e4gte und darunter eine Zeit von kulturellen Hochbl\u00fcten verstand. Weimar, die Weimarer Klassik, war so ein sp\u00e4tes Juwel im jasperschen Sinne, eine Zeit der Genies und Allrounder.<\/p>\n<p>Goethe und Schiller sind beides gewesen, aber in erster Linie Menschen mit einem Gesp\u00fcr f\u00fcr ihre Zeit und einem unendlichen Drang, das Wissen zu kategorisieren und diesem in der lebendigen Gestalt der Kunst zu neuer Bl\u00fcte zu verhelfen. Sie waren Genies von Weltrang, insbesondere aber f\u00fcr die europ\u00e4ische Kunst- und Kulturgeschichte. Und dennoch waren sie zwei Denker, die unterschiedlicher nicht sein konnten, die aber ihre Verschiedenheit im Freundschaftsbund besiegelten und das Gegen\u00fcber in seiner Selbst\u00e4ndigkeit akzeptierten, tolerierten und ein Gespr\u00e4ch auf Augenh\u00f6he suchten und fanden. Dass sie von verschiedenen Standpunkten aus reflektierten, war der eigentliche Reiz, der den alten Goethe stets am j\u00fcngeren Schiller faszinierte. Beide liebten die Natur, sangen Lobeshymnen auf diese, beide waren Landschaftspoeten und Gartenliebhaber. F\u00fcr beide geh\u00f6rten G\u00e4rten, Parks sowie die unbez\u00e4hmbare Natur zum literarischen Repertoire. Und bei der Frage, welchen Rang die Gartenkunst im Rahmen der Hierarchie der K\u00fcnste einnimmt, waren sie sich \u2013 trotz unterschiedlicher Denkans\u00e4tze \u2013 einig.<\/p>\n<h6>Goethe, der Geist der Aufkl\u00e4rung und die Verirrungen der englischen Gartenkunst<\/h6>\n<p>Die englische Gartenkunst war zu Goethes und Schillers Zeiten en vogue. Im Unterschied zu den barocken Gartenanlagen atmeten die Landschaftsparks den Geist der Freiheit, der aufgekl\u00e4rten Freiheit, in ihrem ganzen Facettenreichtum. Goethe, der geniale Dichter und jugendliche Freigeist war vom englischen Garten, von der gespielten Formlosigkeit desselben fasziniert, war dieser doch Ausdruck seines eigenen Gestaltungswillen und der unb\u00e4ndigen Kraft des Willens zur Sch\u00f6pfung. Um so mehr verwundert es, dass er schon fr\u00fch, im Jahr 1777, im \u201cTriumph der Empfindsamkeit\u201d Abstand von den Gartenspielereien nach englischen Vorbild nimmt. Goethe ist nicht mehr der St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger, er ist zum Klassiker geworden und hat damit auch seine Formsprache ver\u00e4ndert. Nun kritisiert er diese Gattung, ihre gek\u00fcnstelten Affekte und \u201eSpielereien\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Autorit\u00e4ten wie Christian Cay Lorenz Hirschfeld, Gottlob Heinrich von Rapp, Johann Christian August Grohmann und Wilhelm Gottlieb Becker den Versuch unternahmen, der Gartenkunst ein festes wissenschaftliches Fundament zu geben, um sie im Gattungsdiskurs zu nobilitieren, versagt Goethe dieser Kunst einen h\u00f6heren Geltungsanspruch f\u00fcr die \u201eBildende Kunst\u201c. Damit ist der Weimarer Klassiker in Deutschland der erste, der \u00f6ffentlich gegen die englisch-sentimentale Gartenkunst rebelliert. So sehr er sich in seiner Jugend als auch sp\u00e4ter f\u00fcr den englischen Garten begeisterte, nie war ihm diese Kunst es wert, diese theoretisch zu legitimieren, nie verfasste er, im Unterschied zur Malerei, Bildhauerkunst und Architektur, eine Schrift, wo er nach Regularien sucht, diese \u00e4sthetisch-wissenschaftlich aufzuwerten.<\/p>\n<p>Goethe bleibt als Dichter ein leidenschaftlicher Naturverehrer, als Wissenschaftler und Theoretiker, dem es immer wieder und in erster Linie um allgemeine Prinzipien der Kunst geht, bleibt die Gartenkunst f\u00fcr ihn ein randst\u00e4ndiges Terrain, dem er insonderheit nach seinem Italienaufenthalt keine schw\u00e4rmerische Verkl\u00e4rung wie noch 1776 zukommen l\u00e4sst. Was Goethe nunmehr interessiert, ist eine Gehalts\u00e4sthetik die klare Prinzipien formuliert und Regularien aufstellt, die f\u00fcr jede objektive Kunst und damit f\u00fcr die Kunstmaximen das theoretische Fundament liefern. Sie wird bis zu Goethes Tod sein Kunstverst\u00e4ndnis bestimmen und pr\u00e4gen. Und so verwundert es kaum, dass er die englische Gartenkunst immer wieder als schlechte Nachahmung kritisiert und damit diskreditiert, da diese die Natur nur kopiert, anstatt dieselbe zu einer zweiten Kunst, zu einer zweiten Natur, zu erh\u00f6hen. Im \u201cR\u00fcckblick auf die Kunstausstellung von 1803\u201d r\u00fcckt er dann den allgemeinen Hang zum \u201eSentimental = Unbedeutenden und zum Platt = Nat\u00fcrlichen\u201c noch eindringlicher in den Fokus. Immer deutlicher akzentuiert sich dabei: Der englischen Gartenkunst ermangelt es an \u201eKunstwahrheit\u201c. \u201eEchte Kunst\u201c hat einen \u201eidealen Ursprung und eine ideale Richtung\u201c; sie hat ein reales Fundament, ist aber nicht realistisch. Wo die Idee fehlt, wie in der Gartenkunst und in der \u201eneu = deutsche(n)\u201c und \u201ereligi\u00f6s = patriotische(n)\u201c Kunst, da ist es auch mit der Kunst nicht weit her. Eine Kunst, die sich auf Neigung, Sentimentalit\u00e4t und blinde Religiosit\u00e4t reduziert, f\u00fchrt zwar zu religi\u00f6ser Begeisterung, nicht aber zu den Gesetzen der Kunst.<\/p>\n<h6>Die synthetische Aufgabe wahrer Kunst<\/h6>\n<p>Die Aufgabe aller wahrhaften Kunst beschreibt Goethe als ein Vorgehen vom \u201eFormlosen zur Gestalt \u00fcberzugehen\u201c. Und das Ziel jeder Kunst sei es nun, von der sinnlich fassbaren Natur ausgehend, ein Werk hervorzubringen, \u201edas, indem es das sinnliche Anschauen befriedigt, den Geist in seine h\u00f6chsten Regionen erhebt\u201c, denn wer nicht rein zu den \u201eSinnen\u201c spricht, der spricht auch nicht rein zum Gem\u00fct. Diejenige Kunst, der es gelingt, diese Maxime zu verwirklichen, der kommt innerhalb der Gattungshierarchie dann ein h\u00f6herer Rang zu. F\u00fcr Goethe ist es die Landschaftsmalerei, die er \u00fcber der Gartenkunst und Architektur verortet, aber der Plastik oder Bildhauerei unterordnet. Damit ist ein Kunstkanon oder eine Nomenklatur bereits erkennbar. Die Gartenkunst ist lediglich \u201eNaturwirklichkeit\u201c, die Malerei wahrhafte Kunst, weil sie nach Grunds\u00e4tzen \u2013 statt nach dem Prinzip regelloser Willk\u00fcr \u2013 arbeitet. Was der Gartenkunst englischer Pr\u00e4gung fehlt, ist die Kategorie der \u201eErfindung\u201c.<\/p>\n<h6>Die Baukunst<\/h6>\n<p>Seine Kritik an der Regellosigkeit des Dilettantismus und damit an der Gartenkunst wiederholt er in seinem Werk \u201c\u00dcber strenge Urtheile\u201d und straft die Gattung samt ihrer \u201eFormensprache \u201e als \u201eNullit\u00e4t\u201c ab. Die englische Gartenkunst bleibt, anders als die barocke und der Nutzgarten, f\u00fcr die Goethe hier mehr Sympathien entwickelt, eine, die auf halben Weg siedelt. Damit hat er die einst frenetisch gefeierte und als B\u00fchne vieler seiner Inszenierungen gepriesene englische Gartenkunst aus dem Olymp in die niederen Ebenen der Kunst verwiesen. Aber welche Kunst ordnet er \u00fcber diese? Diesen Versuche unternimmt der Weimarer Dichterf\u00fcrst in seiner zweiten Schrift zur Architektur, der \u201cBaukunst von 1795\u201d. Im Unterschied zur Gartenkunst versteht er die Architektur eben nicht als blo\u00df imitierende und mimetische Kunst, sondern als eine die nach einem h\u00f6chsten Zweck der Darstellung arbeitet, als eine sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit also. Fehlt der Kunst die Regel, so der reife Goethe in seinem Aufsatz \u201cVon deutscher Baukunst von 1823\u201d, siedelt sie qualitativ auf einer niederen Stufe.<\/p>\n<h6>Die Landschaftsmalerei als Landschaftsdichtung<\/h6>\n<p>Im Spiel der Hierarchie der K\u00fcnste ist es die Landschaftsmalerei ruysdaelscher Pr\u00e4gung, die Goethe fasziniert und die er im strengen Sinn als Landschaftsdichtung auszeichnet, so zumindest in seinem Aufsatz, \u201cRuysdael als Dichter\u201d. In und durch diese gemalte Dichtung, und dies versteht Goethe als Qualit\u00e4tsmerkmal hoher Kunst, kommt das Objektive der Kunst zur Geltung, spricht sich gleichsam ihr Begriff aus, offenbart sich die Synthese von Natur- und Kunstsch\u00f6nheit, die f\u00fcr die Vereinigung von objektiver Darstellung und subjektivem Erleben steht. Was an Ruysdael fasziniert, ist, dass dieser eine \u201evollkommene Symbolik\u201c erreicht, die die Gesundheit des \u00e4u\u00dferen und inneren Sinnes befriedigt.<\/p>\n<h6>Vollendete Form \u2013 die Plastik<\/h6>\n<p>Zum Ma\u00dfstab aller \u201eBildenden Kunst\u201c wird f\u00fcr Goethe die Plastik oder Bildhauerei. Sie f\u00fchrt den Gattungsreigen an und steht damit an h\u00f6chster Stelle innerhalb der Gattungshierarchie. Das Wahrhafte dieser Kunst symbolisiert sich f\u00fcr den Olympier in der Laokoon-Gruppe, die Goethe zum Ideal der plastischen Kunst erkl\u00e4rt. Im Laokoon verbinden sich das Anmutige und das Sch\u00f6ne, das Sinnliche und das Geistige zu einer h\u00f6heren Einheit, zu einer zweiten Natur, die weder des Allegorischen bedarf, sondern jenseits des Geschichtlichen die ewige Idee der genialischen Kunst versinnbildlicht. Mehr als die Darstellung der vollendet \u201etragischen Idylle\u201c kann die \u201eBildende Kunst\u201c nicht erreichen, wobei die \u00e4sthetischen Parameter des \u201eN\u00e4chsten\u201c, \u201eWahren\u201c und \u201eWirklichen\u201c in vollendeter Form angewendet werden.<\/p>\n<h6>Friedrich Schillerkritische Sicht auf die Gartenkunst und die Nobilitierung der Schaub\u00fchne<\/h6>\n<p>Friedrich Schiller war mehr als Goethe Idealist, tiefer in die Philosophie der Zeit verwoben und hatte mit seinem Werk \u201eDie \u00e4sthetische Erziehung des Menschen\u201c selbst Geschichte geschrieben. Er hatte dem Begriff des \u201eSpiels\u201c zur Eigenst\u00e4ndigkeit verholfen und eine Synthese von Sinnlichkeit und Vern\u00fcnftigkeit als Erziehungsideal gefordert.<\/p>\n<p>Als Professor in Jena war Schiller selbst Gartenbesitzer, hier entstanden Teile des \u201eWallensteins\u201c, der \u201eMaria Stuart\u201c und die ber\u00fchmten Balladen f\u00fcr den Musenalmanach. Das Gartenhaus war ein geistiges Universum der kleinen Universit\u00e4tsstadt, hier versammelten sich die Intellektuellen der Zeit. Goethe war ein regelm\u00e4\u00dfiger Gast, aber auch Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Ludwig Tieck, Sophie Mereau, Susette Gontard und Caroline von Humboldt.<\/p>\n<h6>Auch Schiller greift in den Gattungsdiskurs ein<\/h6>\n<p>Schillers Auseinandersetzung mit der Gartenkunst f\u00e4llt in die Zeit, als die englische Gartenkunst bereits ihren Zenit \u00fcberschritten hatte \u2013 sicherlich auch durch Goethes Veto. Dennoch greift der Dichterphilosoph nochmals in den Gattungsdiskurs ein. Auch Schiller hat in der mit Goethe und Meyer herausgegebenen Schrift \u201c\u00dcber den Dilettantismus\u201d zur neuen Mode Stellung bezogen. Das Res\u00fcmee des Marbacher Mediziners f\u00e4llt ganz in die Richtung Goethes, wenn er Kunst daran bemisst, ob sich der K\u00fcnstler selbst Gesetze auferlegt oder lediglich der Mode der Zeit folge. F\u00fcr eine reine Empfindsamkeit kann sich Schiller ebenso wie Goethe nicht erw\u00e4rmen, da es auch ihm wie dem Frankfurter Juristen und Minister letztendlich um Objektivit\u00e4t in der Kunst geht, um allgemeing\u00fcltige Prinzipien, um eine Architektonik im h\u00f6chsten Sinne.<\/p>\n<h6>Schillers Kritik am barocken und englischen Garten<\/h6>\n<p>Schiller nimmt in einer Rezension im Journal \u201c\u00dcber den Gartenkalender auf das Jahr 1795\u201d zumindest einmal theoretisch Bezug zur Gartenkunst. Im Mittelpunkt steht dabei seine kritische Distanz zur barocken Gartenkunst, die unter das \u201esteife Joch mathematischer Formen\u201c gepresst wird. Die barocke Gartenkunst versteht er als eine, die die Natur ihrer Freiheit beraubt. Aber auch die englische Gartenkunst, der es an Notwendigkeit und Regelprinzipien ermangelt, kann nicht den Anspruch f\u00fcr sich erheben, die Gattungshierarchie anzuf\u00fchren. Eine Gartenkunst, die die Natur determiniert und eine Kunst, die keine Regeln hat, vermag Schiller nichts abzugewinnen, woraus er schlussfolgert, sowohl dem barocken als auch dem englischen Gartenideal, was ihren k\u00fcnstlerischen Wert betrifft, eine Absage zu erteilen. Beide Gartentypen korrespondieren nicht mit Schillers Freiheits- und Harmonieverst\u00e4ndnis. Und mit Goethe res\u00fcmiert auch er: wo nicht Verstand und Gef\u00fchl zusammenspielen, kann das Kunstprodukt schlie\u00dflich nur die unteren Erkenntnisverm\u00f6gen befl\u00fcgeln und taugt nicht f\u00fcr gro\u00dfe Kunst.<\/p>\n<h6>Gro\u00dfe Kunst ist mehr als Nachahmung<\/h6>\n<p>Damit verortet auch Schiller die Gartenkunst nach englischem Vorbild in der Hierarchie der Kunst am unteren Ende. Das Kriterium wahrhafter Kunst, und dies gilt bei Schiller auch f\u00fcr die Architektur, muss Sinnlichkeit und Sittlichkeit miteinander vereinen. Eine sensualistische Wirkungs\u00e4sthetik sowie eine rein vern\u00fcnftige Begr\u00fcndung des Sch\u00f6nen wie sie Christian Wolff, Alexander Gottlieb Baumgarten und Johann Georg Sulzer vor Augen haben, lehnt Schiller daher ab, weil das Wesen der Kunst auf ein synthetisches Ereignis zur\u00fcckgeht, das den Dualismus von Sinnlichkeit und Sittlichkeit zwar voraussetzt, diesen aber zu \u00fcberwinden sucht. Kunst l\u00e4sst sich nicht auf Nachahmung reduzieren. Und die Aufgabe der Kunst sei es letztendlich, \u00fcber \u201edie formale \u00c4hnlichkeit des Materialverschiedenen\u201c hinauszugehen, da im blo\u00df \u201eNachgeahmten\u201c der Stoff den Inhalt verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<h6>Nicht zur\u00fcck nach Arkadien, sondern hin zum Elysium<\/h6>\n<p>Der moderne Mensch, den Schiller im Blick hat, vermag es nicht, wie der naive Gartenk\u00fcnstler noch vermeinte, von einer synthetischen Einheit zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit ausgehen zu k\u00f6nnen, sondern er muss zuerst versuchen, diese Synthese allererst zu stiften. Die Realisierung dieser Aufgabe schreibt der Dramatiker aber nicht mehr der Gartenkunst zu, sondern der idyllischen Dichtkunst, der es allein gelingt, die Entfremdung des Menschen von sich und von der Natur aufzuheben, indem sie die \u201eHirtenunschuld auch in den Subjekten der Kultur\u201c darstellt und so nicht zur\u00fcck nach Arkadien, sondern nach Elysium f\u00fchrt. F\u00fcr Schiller verbietet sich damit der R\u00fcckzug in die geschichtlich-arkadische Welt der Antike, weil man diese Idylle (naive Kunst) \u00fcberhaupt nicht mehr nachvollziehen kann.<\/p>\n<p>Ebenso kritisch bleibt Schillers Blick auf die Landschaftsmalerei. Zwar verortet er sie \u2013 wie bereits Goethe \u2013 \u00fcber der Gartenkunst, aber beide K\u00fcnste zielen auch f\u00fcr ihn nicht auf die Vernunft, sondern lediglich nur auf das Gem\u00fct. Was beiden somit fehle, ist der prop\u00e4deutische Effekt im Sinne einer Erziehung durch die Kunst. Wahrhafte Kunst hat den \u00e4sthetischen Staat als h\u00f6chsten Zweck, in dem der \u201esch\u00f6ne Umgang\u201c und der \u201esch\u00f6ne Ton\u201c als kommunikative Voraussetzung gelebt leben. Aus Sicht des Gehalts\u00e4sthetikers Schiller kann damit die Landschaftsmalerei vor dem Richterstuhl der \u00e4sthetischen Vernunft und des regulierenden Verstandes auch nicht bestehen. So verwundert es nicht, dass er innerhalb der Gattungshierarchie nicht der \u201eBildenden Kunst\u201c die Kronjuwelen aufsetzt, sondern der darstellenden Kunst \u2013 der \u201eSchaub\u00fchne\u201c.<\/p>\n<h6>Die Schaub\u00fchne bleibt das A und O aller Kunst<\/h6>\n<p>Allein die Schaub\u00fchne als moralische Anstalt vermag f\u00fcr Schiller, Sinnlichkeit und produktive Einbildungskraft zu verbinden und zur praktischen Vernunft anleiten. Sie bleibt das Allheilmittel zur \u00e4sthetischen Erziehung als Endzweck einer Gesellschaft freier B\u00fcrger, die von der Sch\u00f6nheit und dem Herzen befl\u00fcgelt in ihrer sittlichen W\u00fcrde angesprochen, das Moment der Gl\u00fcckseligkeit beim Zuschauer hervorrufen. Zu dieser Gl\u00fcckseligkeit beizutragen, darin sieht Schiller den h\u00f6chsten Zweck aller Kunst. Gl\u00fcckseligkeit und Gl\u00fccksw\u00fcrdigkeit \u2013 sie in eine, ja auf die kantische Einheit hinzuf\u00fchren, bleibt die einzigartige Aufgabe der Schaub\u00fchne, sofern es ihr gelingt, die beiden Herzen in des Menschen Brust in einen \u201emittleren Zustand\u201c zu vereinigen. Die Schaub\u00fchne steht damit als \u201eSchule der praktischen Weisheit\u201c \u2013 neben Dichtung und Lyrik \u2013 \u00fcber allen Gattungen der \u201eBildenden Kunst\u201c.<\/p>\n<h1>Intoleranz gegen Andersdenkende ist ein Merkmal bei vielen Linken und Gr\u00fcnen<\/h1>\n<p>Intoleranz gegen Andersdenkende ist in der Tat ein gemeinsames Merkmal bei vielen Linken und Gr\u00fcnen. Die Unduldsamkeit gegen Menschen, die anderer Meinung sind, sp\u00fcrt man in der Sprechweise von Linken und Gr\u00fcnen, und bei den Linksextremen zeigt sich diese Unduldsamkeit dann auch in Gewalt.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/rainer-zitelmann\/12541-interview-mit-rainer-zitelmann--2\">Rainer Zitelmann<\/a><\/p>\n<p><em>Herr Zitelmann, Sie sind Historiker und ein erfahrender Journalist, der im Ullstein- und im Propyl\u00e4en-Verlag sowie bei der DIE WELT in f\u00fchrenden Positionen war. Sie sind wie kaum ein anderer ein Kenner des Zeitgeschehens und schreiben regelm\u00e4\u00dfig viele Kommentare und Kolumnen f\u00fcr das Debattenmagazin \u201eThe European\u201c. Was l\u00e4uft falsch in Deutschland?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Obwohl das Wort \u201cNachhaltigkeit\u201d in aller Munde ist, ich kann es schon lange nicht mehr h\u00f6ren, ist die Politik in Deutschland genau das Gegenteil davon. Es gab in der bundesdeutschen Nachkriegszeit keinen Kanzler, der f\u00fcr seine Nachfolger und die Folgegenerationen so viele schwerwiegende Probleme angeh\u00e4uft hat, wie Merkel. Ob Einwanderung, Eurorettung, Energie- oder Sozialpolitik:<\/p>\n<p>In all diesen Feldern hat Merkel gef\u00e4hrliche Zeitbomben gelegt, die erst sp\u00e4ter hochgehen werden. Der Grund, warum sie wohl dennoch wieder gew\u00e4hlt werden wird: Die Folgen, etwa der verfehlten Energiepolitik, wirken sich heute noch kaum aus, sondern erst in der Zukunft. Ebenso stehen uns die schlimmsten Folgen der Eurorettung noch bevor. Gleiches gilt f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingspolitik. In der Politik ist es oft so, dass die heute verantwortlichen Politiker Dinge tun, die sich erst bei ihren Nachfolgern auswirken. So profitierten Bill Clinton und Tony Blair von der guten Politik ihrer Vorg\u00e4nger Ronald Reagan und Margaret Thatcher \u2013 und Merkel profitiert von Schr\u00f6ders Agenda 2010. Das alles war ein positives Erbe. Merkel wird dagegen ein schlimmes Erbe hinterlassen.<\/p>\n<p><em>Sie haben 20 erfolgreiche B\u00fccher, darunter Besteller, geschrieben. Ihr neuestes Buch tr\u00e4gt den Titel \u201eWenn Du nicht mehr brennst, starte neu\u201c. Viele Deutsche haben Angst vor Ver\u00e4nderungen, seien diese pers\u00f6nlicher Natur oder der Arbeitswelt geschuldet. Ihre Maxime hingegen lautet, mit Hermann Hesse gesprochen: \u201eIn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne\u201c, oder anders formuliert. Neuanf\u00e4nge sind f\u00fcr Sie etwas Existentielles. Woher kommt die Angst und was bringen Neuanf\u00e4nge?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich verstehe diese Angst, denn sie ist Ausdruck eines Sicherheitsstrebens, das mir nicht fremd ist. Aber ich glaube nicht, dass Sicherheit darin liegt, alles so zu lassen, wie es ist. Die Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern sich, und so m\u00fcssen wir uns selbst \u00e4ndern und die Gesellschaft muss sich \u00e4ndern. Im pers\u00f6nlichen Bereich denke ich, dass Angst vor Ver\u00e4nderung Ausdruck von mangelndem Selbstbewusstsein ist. Psychologen sprechen von \u201cSelbstwirksamkeit\u201d. Damit ist gemeint, dass ich mir selbst zutraue, gro\u00dfe Ziele zu erreichen, Krisen zu bew\u00e4ltigen und aus ihnen das Beste zu machen. Ich pers\u00f6nlich f\u00e4nde es langweilig, das ganze Leben lang immer das Gleiche zu tun. Und ich habe mir zugetraut, immer wieder neu zu starten. Wenn man mal dabei scheitert, dann ist das gut und nicht schlecht. Denn wer nie im Leben scheitert, hat damit nur eines bewiesen, dass er sich zu kleine Ziele gesetzt und zu wenig versucht hat.<\/p>\n<p><em>Sie haben eine beeindruckende Karriere hingelegt. Vom Linken zum Konservativen, von Autorenschaften in ganz linken Zeitungen bist hin zum Chef der &#8222;Geistigen Welt\u201c der DIE WELT. Sind Sie aus versehen konservativ geworden?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Als Konservativen w\u00fcrde ich mich nicht bezeichnen. Ich sehe mich als Nationalliberaler oder als demokratischer Rechter. Konservativ passt irgendwie nicht zu meinem pers\u00f6nlichen Lebensstil, klingt f\u00fcr mich ein wenig bieder und verstaubt, so nach blauem Jacket mit goldenen Kn\u00f6pfen und Einstecktuch.<\/p>\n<p>Liberalismus bedeutet f\u00fcr mich, Eintreten f\u00fcr die Freiheit. Und zwar vor allem f\u00fcr die geistige Freiheit, f\u00fcr Freiheit des Denkens, f\u00fcr die Freiheit in der intellektuellen Debatte. Deshalb ist mir die Political Correctness so sehr verhasst. Sie ist f\u00fcr mich gleichbedeutend mit Denkverboten und mit der Pflicht, sich einf\u00e4ltiger Sprachh\u00fclsen zu bedienen.<\/p>\n<p>Freiheit ist auch in der Wirtschaft das Wichtigste. Ich schreibe gerade an einem neuen Buch, das n\u00e4chstes Jahr erscheinen soll. Arbeitstitel: \u201cDer Kapitalismus tut den Menschen gut\u201d. Ich weise nach, dass es den Menschen immer dann besser ging, wenn dem Markt, also der Freiheit unternehmerischen Handelns, mehr Raum gegeben wurde. Das beeindruckendste Beispiel ist China: Allein beim \u201cGro\u00dfen Sprung nach vorne\u201d in den Jahren 1958 bis 1961 starben etwa 45 Millionen Menschen, die meisten verhungerten. Das war Folge eines gro\u00dfen sozialistischen Experimentes. Dar\u00fcber wissen die Menschen viel zu wenig, und als ich im Teenageralter Maoist war, wollte ich auch nichts davon wissen. Damals bezog ich mein \u201cWissen\u201d \u00fcber China aus der Peking-Rundschau. Ich gebe zu, dass ich erst jetzt mehrere B\u00fccher dar\u00fcber gelesen habe. Es hat niemals in der Menschheitsgeschichte eine so gro\u00dfe Wohlfahrtssteigerung f\u00fcr die Menschen gegeben wie in den letzten Jahrzehnten in China. Warum? Weil dort der Kapitalismus eingef\u00fchrt wurde und China sich in die Weltwirtschaft integriert hat, diese heute sogar pr\u00e4gt. Leider war und ist die wirtschaftliche Freiheit in China nicht mit der politischen Freiheit verbunden, aber immerhin: Das war schon eine gro\u00dfe Leistung von Deng Xiaoping, deren Kern es war: Mehr Freiheit, mehr Markt, mehr Kapitalismus wagen.<\/p>\n<p>Ich habe einen unb\u00e4ndigen Freiheitsdrang. Der hat mich in der Jugend, so wie viele Menschen, zu einem Linken gemacht. Und er hat mich sp\u00e4ter zu einem Liberalen oder demokratischen Rechten gemacht, dem Freiheit wichtig und Gleichmacherei ein Gr\u00e4uel ist.<\/p>\n<p><em>Sie kennen sich aus mit autorit\u00e4ren Denkern und Systemen, Sie haben eine viel gelesene und -zitierte Hitlerbiografie geschrieben. Was fasziniert an der dunklen Seite der Macht und warum findet dies immer wieder Nachahmer und Enthusiasten?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Das Grauen kommt ja daher im Gewand der hoffnungsvollen Verhei\u00dfung einer besseren Zukunft. Das gilt nicht nur f\u00fcr den Marxismus, sondern auch f\u00fcr den Nationalsozialismus, wie ich in meinem Hitler-Buch belege. So wie Anh\u00e4nger von Marx und Lenin fasziniert waren von der Vision einer klassenlosen Gesellschaft, so waren die Anh\u00e4nger Hitlers fasziniert vom Konzept der \u201cVolksgemeinschaft\u201d. Das war die These in meinem Buch \u201cHitler. Selbstverst\u00e4ndnis eines Revolution\u00e4rs\u201d, das erstmals vor 30 Jahren erschien und soeben im Lau-Verlag in einer um 100 Seiten erweiterten 5. Auflage neu herausgekommen ist. Heute ist das Konzept der \u201cVolksgemeinschaft\u201d zu dem zentralen Forschungsansatz der NS-Forschung geworden, wie ich in meinem einleitenden Essay zu dem Hitler-Buch zeige.<br \/>\nWenn wir die Faszination von Ideologien wie dem Marxismus-Leninismus, Maoismus oder Nationalsozialismus nicht verstehen, dann k\u00f6nnen wir aus der Geschichte nichts lernen. Die Menschen haben Hitler ja nicht wegen seinem Judenhass oder seinen Pl\u00e4nen zur Eroberung von neuem Lebensraum im Osten gew\u00e4hlt. Sondern weil er bessere Aufstiegschancen f\u00fcr die Arbeiterschaft, die \u00dcberwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft und soziale Gerechtigkeit versprach. Heute wissen wir, wie schrecklich das alles endete, aber das wussten die Menschen nicht, die Anfang der 30er Jahre fasziniert waren vom nationalen Sozialismus.<\/p>\n<p><em>Seit dem G 20-Gipfel in Hamburg ist der Terror von Links \u2013 lange Zeit politisch geduldet \u2013 zu einer politisch festen Gr\u00f6\u00dfe in unserer Alltagskultur geworden. Sie kennen das Ph\u00e4nomen vom linken Terror aus Ihrer Zeit als Cheflektor der Verlage Ullstein und Propyl\u00e4en. Dort ver\u00f6ffentlichten Sie unter anderem ein Buch von J\u00f6rg Haider \u2013 auch mit der Konsequenz, dass Ihr Auto angez\u00fcndet wurde. Leben wir in einer Gesinnungsdiktatur? Warum haben wir wenig Toleranz f\u00fcr konservatives Denken und viel f\u00fcr den linken Mainstream?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Intoleranz gegen Andersdenkende ist in der Tat ein gemeinsames Merkmal bei vielen Linken und Gr\u00fcnen. Die Unduldsamkeit gegen Menschen, die anderer Meinung sind, sp\u00fcrt man in der Sprechweise von Linken und Gr\u00fcnen, und bei den Linksextremen zeigt sich diese Unduldsamkeit dann auch in Gewalt.<\/p>\n<p>In der Bundesrepublik gab es seit den 60er Jahren eine laufende Verschiebung des politischen Koordinatensystems nach Links. Das habe ich 1994 ausf\u00fchrlich in meinem Buch \u201cWohin treibt unsere Republik?\u201d gezeigt und analysiert. Diese Analyse, obwohl vor 23 Jahren geschrieben, ist leider heute aktueller denn je. Ich habe schon damals gezeigt, wie sich die CDU nach Links entwickelt und den Gr\u00fcnen anpasst. Das war noch zu Zeiten von Kohl. Der Prozess der Sozialdemokratisierung und Vergr\u00fcnung der CDU hat mit Merkel nicht begonnen, sondern sie hat ihn nur in einer damals f\u00fcr die meisten Menschen nicht vorstellbaren Weise auf die Spitze getrieben und vollendet. Da alles ausgegrenzt wird, was nur leicht rechts von der CDU ist, hat das zur Folge gehabt, dass immer mehr Meinungen, die fr\u00fcher als legitim galten, auf einmal als \u201cunsagbar\u201d und \u201cunertr\u00e4glich\u201d galten und gelten. Was fr\u00fcher als Position der Mitte galt, war auf einmal rechts. Andererseits gab es seit Ende der 60er Jahre eine sich beschleunigende Erosion der Abgrenzung zu linken Antidemokraten, die zunehmend als legitimer Teil des politischen Spektrums gesehen wurden. Daher hatte ich schon damals in meinem Buch vorhergesagt, dass die SPD irgendwann mit den Gr\u00fcnen und dann auch mit den Linken zusammengehen wird. Damals, also 1994, als ich dieses Buch schrieb, hatten die Sozialdemokraten noch Koalitionen auf Bundesebene mit beiden Parteien ausgeschlossen.<\/p>\n<p><em>Sie sind Bodybuilder, investieren viel Zeit und haben bew\u00e4ltigen dennoch ein gewaltiges Pensum an Publikationen etc. Wie schaffen Sie das? Wie steuern Sie Ihren Tag? Was raten Sie f\u00fcr ein so intensives Arbeitsprojekt und warum nimmt Fitness in Ihrem Leben einen so hohen Stellenwert ein?<\/em><\/p>\n<p>Das Training kostet mich nicht viel Zeit. Ich trainiere seit 40 Jahren jede Woche (au\u00dfer wenn ich erk\u00e4ltet bin) drei bis sechs Mal, aber immer nur 30 bis 40 Minuten. Ich habe mich mit Trainingstheorien zum Kraftsport befasst und ein Buch dazu geschrieben. Das Ergebnis: Intensives Training bringt mehr als langes Training. Zum Zeitbudget: Ich habe sehr selten das Gef\u00fchl, zu wenig Zeit zu haben, obwohl ich viele Dinge mache: Nach wie vor veranstalte ich zahlreiche Fachseminare f\u00fcr die Immobilienbranche, habe einen Beratervertrag mit meiner ehemaligen Firma, arbeite mit zwei Immobilienunternehmen bei der Akquisiton und Vermittlung von Projektentwicklungen zusammen, schreibe meine B\u00fccher und Kolumnen. Und ich gehe jedes Wochenende feiern und habe Zeit f\u00fcr meine Freundinnen. Eben, als ich diese Interviewfragen beantworte, bin ich in Laguna Niguel in Kalifornien und es ist zwischen 6 und 9 Uhr morgens. In einer Stunde werden wir wohl zum Sport gehen und dann liege ich in der Sonne und lese ein Buch \u00fcber die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika. Morgen gegen 6 Uhr schreibe ich weiter am n\u00e4chsten Kapitel f\u00fcr mein neues Buch. Es hat sich \u00fcbrigens noch nie eine Freundin beklagt, dass ich zu wenig Zeit f\u00fcr sie h\u00e4tte. Wie ich das alles zusammenbekomme habe ich in meinen \u201c12 Lebensregeln\u201d erkl\u00e4rt, die sich im Kapitel 15 meiner k\u00fcrzlich erschienenen Autobiografie \u201cWenn du nicht mehr brennst, starte neu!\u201d finden. Ein wichtiger Grundsatz lautet, dass ich alles delegiere, was mir keine Freude macht und was auch andere erledigen k\u00f6nnen. Obwohl ich 15 Jahre lang fast jeden Tag geflogen bin, habe ich noch nie in meinem Leben einen Flug selbst gebucht, ich mache meine Arzt- oder Friseurtermine nicht selbst aus und delegiere \u00fcberhaupt alles, was mir keine Freude macht. Dadurch habe ich Zeit, die Dinge zu tun, die mir Spa\u00df machen und in denen ich gut bin, also vor allem das Schreiben und die Akquise.<\/p>\n<p><em>Sie sind ein ausgewiesener Finanzexperte und Immobilieninvestor! Wie beurteilen Sie die gegenw\u00e4rtige Finanz, Euro und Fl\u00fcchtlingskrise?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Zun\u00e4chst: Die Finanz- und die Eurokrise sind nicht vorbei, obwohl meist in den Medien in der Vergangenheitsform dar\u00fcber geschrieben wird. Ebensowenig ist die Fl\u00fcchtlingskrise vorbei. Die Ansicht, die Finanzkrise liege hinter uns, ist geradezu absurd. Wenn das so w\u00e4re: Warum sind die Zinsen dann bei Null und warum kauft die EZB f\u00fcr Hunderte Milliarden Anleihen? W\u00fcrde die EZB dieses Jahr die Zinsen auf nur zwei Prozent erh\u00f6hen und ihr Anleihenkaufprogramm beenden, dann w\u00fcrden das internationale Finanzsystem und der Euro sofort zusammenbrechen. Das kann keiner bestreiten. Und das kann doch kein Mensch als normal bezeichnen, der noch bei Verstand ist. Deshalb ist die Meinung, dass diese Krisen ausgestanden seien, ein gro\u00dfer Unsinn. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingskrise: Die gr\u00f6\u00dften Probleme mit der Zuwanderung, und zwar sowohl mit vielen derjenigen, die gekommen sind als auch mit jenen, die noch kommen werden, stehen noch vor uns. Die Politik hat ja kein Konzept zur L\u00f6sung. Es ist doch ganz offensichtlich, dass es kaum gelingt, Menschen, die einmal zu uns gekommen sind, wieder abzuschieben. Das war ebenso vorauszusehen wie die Tatsache, dass sich die meisten anderen europ\u00e4ischen L\u00e4nder weigern werden, Merkels Einwanderungskonzept zu folgen. Am meisten \u00e4rgert mich, wenn Politiker aller Parteien erz\u00e4hlen, man m\u00fcsse \u201cdie Fluchtursachen beseitigen\u201d. Das klingt irgendwie logisch, aber es ist eine v\u00f6llige \u00dcbersch\u00e4tzung unserer M\u00f6glichkeiten und einer jener Phrasen, die gedankenlos nachgeplappert werden. Die Fluchtursachen liegen im Wohlstandsgef\u00e4lle zwischen Afrika und Deutschland, und das wird weder Merkel noch Schulz beseitigen.<\/p>\n<p><em>Sie schreiben in Ihrem Buch in einem ganzen Kapitel \u201eWas ich von 45 Superreichen lernte\u201c. Was haben Sie gelernt?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Das war das Thema meiner zweiten Doktorarbeit, die ich 2015 geschrieben habe. Ich habe erstmals 45 Hochverm\u00f6gende pers\u00f6nlich interviewt \u2013 die meisten waren Selfmade-Unternehmer oder Investoren mit einem Nettoverm\u00f6gen zwischen 30 Millionen und einer Milliarde Euro. Ich habe diese zweite Dissertation geschrieben, weil ich hier eine Forschungsl\u00fccke sah und neugierig war, welche Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale diese Menschen haben. Einige dieser Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale treffen auch f\u00fcr mich zu, etwa der Nonkonformismus, also die Freude daran, gegen den Strom zu schwimmen. Oder die Einstellung, selbst die Verantwortung f\u00fcr R\u00fcckschl\u00e4ge zu \u00fcbernehmen, statt anderen die Schuld zu geben. Es ist schwer, das alles in einem Interview zu erkl\u00e4ren, was ich auf 430 engbedruckten Seiten dargestellt habe. Ich rate dazu, das Buch zu kaufen, allerdings nur dem, der nicht auf einfache Tipps zum Reich werden hofft. Dazu gibt es genug andere B\u00fccher, die meisten davon sind leider v\u00f6llig wertlos oder irref\u00fchrend. Die \u201cPsychologie der Superreichen\u201d breitet sehr umf\u00e4nglich Material aus, l\u00e4sst die Superreichen selbst zu Wort kommen und gibt Anlass, \u00fcber die eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu reflektieren. \u00dcbrigens ist das Buch keineswegs nur f\u00fcr den interessant, der selbst reich werden m\u00f6chte, sondern auch f\u00fcr jeden, der mehr \u00fcber die Denkweisen und Verhaltensmuster dieser Minderheit erfahren will, die den meisten Menschen ja sehr fremd ist \u2013 und \u00fcber die es jedenfalls viel mehr Vorurteile als Wissen gibt.<\/p>\n<p><em>Ihr Leben besteht aus Regeln, welche w\u00fcrden Sie Lesern Ihrer B\u00fccher anempfehlen?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Zum Gl\u00fcck besteht mein Leben nicht aus Regeln, aber es wird in der Tat von Regeln geleitet. Viele Leser meiner Autobiografie haben mir gesagt, die zw\u00f6lf Lebensregeln, die ich im 15.Kapitel darstelle, seien f\u00fcr Sie das Wichtigste an meinem Buch. Alle zw\u00f6lf Regeln sind mir sehr wichtig, aber hier ist nat\u00fcrlich nicht der Platz, alle aufzuf\u00fchren. Eine habe ich bereits genannt: Delegiere konsequent alles, was dir keine Freude macht. Eine andere lautet: Es ist nie zu sp\u00e4t, etwas Neues anzufangen. Ich bin im Juni 60 geworden. Manche Menschen denken dann schon \u00fcber die Rente nach. F\u00fcr mich ist Halbzeit, also genug Zeit, mit Neuem zu beginnen. Mein Vater ist 88, er hat letztes Jahr eine 1200-Seiten-Biografie \u00fcber Keppler ver\u00f6ffentlicht. Ich habe erst mit 30 angefangen zu arbeiten, da ich vorher mein 2. Staatsexamen und meine erste Promotion absolviert hatte. Also habe ich, wenn ich meinen Vater mal als Orientierungspunkt nehme, 30 Jahre hinter mir und mindestens 28 Jahre vor mir. \u201cWenn du nicht mehr brennst, starte neu!\u201d soll eine Ermutigung sein f\u00fcr Menschen, die nicht mehr voll und ganz begeistert sind von dem, was sie tun. Ich finde, das Leben ist zu schade, um die Zeit damit zu verschwenden, Dinge zu tun, f\u00fcr die man nicht brennt. Ich habe viele Dinge in meinem Leben getan \u2013 als Historiker, Cheflektor, leitender Journalist, Unternehmer, PR-Berater, Immobilieninvestor, Makler. Immer, wenn ich festgestellt habe, dass ich nicht mehr richtig brenne f\u00fcr das, was ich tue, habe ich mich neuen T\u00e4tigkeitsfeldern zugewandt. Ich finde Arnold Schwarzenegger faszinierend, der Bodybuilder, Immobilieninvestor, Schauspieler und Politiker war. Heute ist er ein international engagierter Umweltaktivist, was jedoch nicht mein Ding w\u00e4re. Aber sein Konzept, in einem Leben mehrere Leben zu leben, das hat mich schon als Jugendlicher fasziniert.<\/p>\n<p><em>Herr Zitelmann, wie wird man Million\u00e4r? Haben Sie Tipps f\u00fcr Einsteiger?<\/em><\/p>\n<p>Zitelmann: Am Anfang stand f\u00fcr mich \u00fcberhaupt der Entschluss, reich zu werden \u2013 ohne genau zu wissen, wie es geht. Das war nach einem Gespr\u00e4ch mit dem Politiker Peter Gauweiler, ich schildere das in meiner Autobiografie. Und dann war es f\u00fcr mich logisch, dass ich mir Wissen angeeignet habe von Menschen, die es geschafft hatten oder die kluge B\u00fccher dazu geschrieben haben. Ich habe damals alles gelesen, was ich zu dem Thema in die H\u00e4nde bekommen habe. Nicht, weil ich nach einfachen Tipps zum Reichwerden gesucht habe, das w\u00e4re ja naiv. Sondern weil mich die B\u00fccher, die ich gelesen habe, dazu gebracht haben, nachzudenken, meinen eigenen Weg zu finden. Was mir sonst manchmal im Leben gro\u00dfe Probleme bereitet hat, n\u00e4mlich der Nonkonformismus und die Art, gegen den Strom zu schwimmen, hat dazu gef\u00fchrt, dass ich viele Millionen verdient habe. Ich habe Investments get\u00e4tigt, die andere f\u00fcr v\u00f6llig abwegig hielten \u2013 zum Beispiel den Kauf eines Hauses in Berlin-Neuk\u00f6lln im Jahr 2004 ohne einen einzigen Euro Eigenkapital f\u00fcr eine Million Euro. Damals galt man als verr\u00fcckt, wenn man in Berlin Wohnungen gekauft hat und als komplett verr\u00fcckt, wenn man es in Neuk\u00f6lln gemacht hat. Das hat mich nicht gest\u00f6rt, sondern eher noch best\u00e4rkt. Denn die Immobilie konnte ich ja nur deshalb so g\u00fcnstig kaufen, weil die Mehrheit der Marktteilnehmer anderer Meinung war. Die Deutsche Bank lehnte die Finanzierung als zu riskant ab. Das konnte ich bei einer Rendite von 15%, die mir eine anf\u00e4ngliche j\u00e4hrliche Tilgung von 6% erlaubte, \u00fcberhaupt nicht verstehen. \u00dcbrigens hat die Deutsche Bank zu dieser Zeit viele als angeblich sicher geltende Fonds verkauft, mit denen die Anleger sp\u00e4ter eine Menge Geld verloren haben. Als dann vor einigen Jahren der Berliner Immobilienmarkt \u201cin\u201d war und Neuk\u00f6lln ganz besonders \u201cin\u201d, als praktisch jeder Investor in Berlin kaufen wollte, habe ich das Haus f\u00fcr 4,2 Millionen wieder verkauft. Damals war bis auf 200.000 Euro das Darlehen getilgt und die vier Millionen Gewinn waren steuerfrei, da ich die Immobilie zehn Jahre gehalten hatte. Es kann sich also lohnen, gegen den Strom zu schwimmen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Das gesellschaftliche Fundament darf nicht erodieren<\/h1>\n<p>Wenn es um die \u201cEhe f\u00fcr alle\u201d geht, bleibt die saarl\u00e4ndische CDU-Ministerpr\u00e4sidentin auf klarem Kurs. Selbst wenn ihre Partei die \u201cEhe f\u00fcr alle\u201d als Gewissensentscheidung&#8220; freigegeben hat, hei\u00dft das f\u00fcr die engagierte Katholikin nicht auf den Zug aufzuspringen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12567-kramp-karrenbauer-ist-weiter-gegen-ehe-fuer-alle\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Die saarl\u00e4ndische Ministerpr\u00e4sidentin <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/annegret-kramp-karrenbauer\/11958-interview-mit-annegret-kramp-karrenbauer\">Annegret Kramp Karrenbauer<\/a> (CDU) l\u00e4sst sich nicht verbiegen, wenn es um die \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c geht. Die engagierte Katholikin lehnt die vom Bundestag und von ihrer eigenen Partei beschlossene \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c, so in einem aktuellen Interview mit der \u201eRheinischen Post\u201c, weiterhin ab. \u201eMit der Entscheidung f\u00fcr die \u2019Ehe f\u00fcr alle\u2019 wird die Welt sicherlich nicht zusammenst\u00fcrzen, betonte die charismatische Politikerin. \u201eMan muss aber im Blick behalten, dass das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts dadurch nicht schleichend erodiert.\u201c<\/p>\n<p>Die Merkel-Getreue Politikerin von der Saar betont aber zugleich, dass sie es verstehen kann, das Bundeskanzlerin Angela Merkel die Entscheidung im Bundestag \u00fcber die \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c als Gewissensentscheidung freigegeben hatte, f\u00fcgt jedoch hinzu: \u201eIch sehe in meiner Partei, dass dazu jeder seine pers\u00f6nliche Meinung hat, das respektiere ich\u201c.<\/p>\n<h6>Hohe Reputation unter deutschen Katholiken<\/h6>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11719-ludwig-erhard-gipfel-2017--2\">Kramp-Karrenbauer<\/a> genie\u00dft eine hohe Reputation unter den deutschen Katholiken. Ihr Wort wiegt schwer bei vielen Gl\u00e4ubigen. Seit Jahren ist das politische Ausnahmetalent Mitglied des Zentralkomitees und setzt sich dort verst\u00e4rkt f\u00fcr die Lockerung des Z\u00f6libates, f\u00fcr die Weihung weiblicher Diakone und f\u00fcr die Verteidigung der klassischen Ehe ein.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr musste sie sich den Vorwurf von SPD und Gr\u00fcnen gefallen lassen, dass sie Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie vergleiche. Doch Kramp-Karrenbauer ist weder homophob oder gar reaktion\u00e4r. Eine Ehe f\u00fcr alle geht ihr aber deutlich zu weit.<\/p>\n<p>Die Ehe bleibt f\u00fcr die CDU-Politikerin eine auf \u201eDauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen;\u201c eine Heirat \u201eunter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen\u201c widerspricht ihrem christlichen Menschen- und Gottesbild.<\/p>\n<h6>R\u00fcckendeckung hat Kramp-Karrenbauer auch von Erzbischof Heiner Koch<\/h6>\n<p>Am 30. Juni 2017 erkl\u00e4rte der Vorsitzende der Kommission f\u00fcr Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Heiner Koch (Berlin):<\/p>\n<p>\u201eIch bedauere, dass der Gesetzgeber wesentliche Inhalte des Ehebegriffs aufgegeben hat, um ihn f\u00fcr gleichgeschlechtliche Partnerschaften passend zu machen. Gleichzeitig bedauere ich, dass mit dem Beschluss eine differenzierte Wahrnehmung unterschiedlicher Partnerschaftsformen aufgegeben wird, um die Wertsch\u00e4tzung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften hervorzuheben. Differenzierung aber ist keine Diskriminierung. Eine Wertsch\u00e4tzung gleichgeschlechtlichen Zusammenlebens kann auch durch eine andere institutionelle Ausgestaltung ausgedr\u00fcckt werden. Sie muss nicht in der \u00d6ffnung des Rechtsinstituts der Ehe f\u00fcr gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Erscheinung treten. Die V\u00e4ter des Grundgesetzes gaben der Ehe einen so herausragenden Platz in unserer Verfassung, weil sie diejenigen sch\u00fctzen und st\u00e4rken wollten, die als Mutter und Vater ihren Kindern das Leben schenken wollen. Wird jetzt vor allem der Schutz von Beziehungen und die \u00dcbernahme gemeinsamer Verantwortung als Begr\u00fcndung f\u00fcr die \u00d6ffnung der Ehe vorgebracht, so bedeutet dies eine wesentliche inhaltliche Umgewichtung und eine Verw\u00e4sserung des klassischen Ehebegriffs.<\/p>\n<p>Eine Diskussion um die St\u00e4rkung und F\u00f6rderung der vielf\u00e4ltigen Verantwortungsgemeinschaften in unserer Gesellschaft ist n\u00f6tig und muss eigens gef\u00fchrt werden. Wenn der Staat aber anerkannte verbindliche Gemeinschaften wirklich st\u00e4rken will, muss er etwa in der Ehe- und Familienpolitik deutliche Akzente setzen, um die Stabilit\u00e4t und Eigenverantwortung der Ehen zu unterst\u00fctzen statt die Gestaltungsr\u00e4ume der Eheleute zu beschneiden, wie etwa durch die (in einigen Wahlprogrammen geforderte) Aufhebung des Ehegattensplittings.<\/p>\n<p>Es ist bedenkenswert, dass viele von denen, die die Institution Ehe lange Zeit als lebensfeindlich und als Auslaufmodell bek\u00e4mpften, nun zu gl\u00fchenden Verfechtern der \u201aEhe f\u00fcr alle\u2018 wurden. Es stimmt nachdenklich, wie grundlegende \u00dcberzeugungen im Eheverst\u00e4ndnis aufgegeben werden mit dem Hinweis auf notwendige Flexibilit\u00e4t, ver\u00e4nderte Zeiten und popul\u00e4re Stimmungen. Es ist traurig, dass das Rechtsinstitut Ehe in das R\u00e4derwerk politischen Taktierens geraten ist. Das hat die Ehe nicht verdient.<\/p>\n<p>Als katholische Kirche werden wir uns nun verst\u00e4rkt der Herausforderung stellen, die Lebenskraft des katholischen Eheverst\u00e4ndnisses, wie es auch Papst Franziskus immer wieder klar benennt, \u00fcberzeugend zu verdeutlichen und in der \u00d6ffentlichkeit einladend zu vertreten. Gleichzeitig erinnere ich daran, dass der sakramentale Charakter unseres Eheverst\u00e4ndnisses von der heutigen Entscheidung im Deutschen Bundestag unber\u00fchrt bleibt. Gerade in der jetzt gef\u00fchrten Debatte ist mir wichtig zu betonen, dass die Deutsche Bischofskonferenz in ihren Stellungnahmen zum Lebenspartnerschaftsrecht betont hat, dass es ein Missverst\u00e4ndnis w\u00e4re, die hervorgehobene Rechtsstellung der Ehe und ihren bleibenden besonderen Schutz als Diskriminierung homosexuell veranlagter M\u00e4nner und Frauen zu verstehen. Als Kirche haben wir Respekt f\u00fcr jene gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, in denen \u00fcber viele Jahre hinweg gegenseitige Verantwortung und F\u00fcrsorge \u00fcbernommen wird.\u201c<\/p>\n<h1>Die Ausnahmeathleten in der deutschen Filmbranche<\/h1>\n<p>Mit dem Produzentenduo Wiedemann und Berg hat die deutsche Filmgeschichte aber erst begonnen. Von diesen Zeichensetzern k\u00f6nnen wir noch Gro\u00dfes erwarten. F\u00fcr den Kinofilm die \u201eHartmanns\u201c bekommen sie den diesj\u00e4hrigen Signs-Award in der Kategorie \u201eEngagement in der Kommunikation\u201c.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12318-signsaward17-fuer-max-wiedemann-und-quirin-berg\">Foto: Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Die Produzenten Max Wiedemann und Quirin Berg sind so etwas wie die Ausnahmeathleten in der deutschen Filmbranche. Wo anderen die Luft ausgeht, finanzieren und arrangieren sie ein Kino- und Fernseh-Highlight nach dem anderen. Der Film in allen seinen Facetten ist ihr Leben, die treibende und magische Macht, die sie antreibt \u2013 vielleicht ein Gen, das tief in beiden verankert ist. So haben die Jungathleten bereits ein \u0152uvre geschaffen, das beeindruckt, das f\u00fcr ein Arbeitsethos spricht, das leidenschaftlicher nicht sein kann. Das Zeichen setzt und die Messlatte immer wieder nach oben hin verschiebt.<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/teads.tv\/inread-outstream\/\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<p>Bereits kurz nach ihrem Studium an der M\u00fcnchner Filmhochschule eroberten sie die Weltb\u00fchne und kassierten mit ihrem ersten Kinofilm \u201eDas Leben der Anderen\u201c den Oscar f\u00fcr den Besten Fremdsprachigen Film. Das war 2006 und seitdem sind die beiden auf der \u00dcberholspur. Ihre Produktionen sind mittlerweile Meilensteine: sowohl qualitative und quantitative Bestseller.<\/p>\n<p>Ob \u201eM\u00e4nnerherzen\u201c, \u201eFriendship!\u201c, \u201eVaterfreuden\u201c, \u201eWho Am I \u2013 Kein System ist sicher\u201c\u2013 Berg und Wiedemann sind Gipfelst\u00fcrmer, die den Esprit und die Finessen, aber auch die Br\u00fcche im Zeitgeist erkennen und herauskristallisieren und dar\u00fcber hinaus mit der Creme de la Creme aus Regie, Drehbuch und Schauspielerelite in die Realit\u00e4t gie\u00dfen. Sie haben einfach das Gesp\u00fcr f\u00fcr den Erfolg und nicht zuletzt den unb\u00e4ndigen Gestaltungswillen, dem deutschen Kino oder Fernsehfilm ein St\u00fcck Unverg\u00e4nglichkeit zu schenken.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind sie Schatzsucher, sie wagen sich an Themen heran, vor denen viele andere zur\u00fcckschrecken, weil diese vielleicht zu stark polarisieren, so bei dem Dreiteiler \u201eMitten in Deutschland: NSU\u201c oder \u2013 gerade aktuell \u2013 der Serie \u201e4 Blocks\u201c.<\/p>\n<p>Sie selbst begreifen sich als Bauherren, die sorgsam und bed\u00e4chtig, finanziell klug und abgewogen ihre Projekte ausw\u00e4hlen und wie kleine Kathedralen in den Himmel stellen. Sie sind Unternehmer und Feingeister zugleich und erweisen sich so auch als Chronisten der bundesrepublikanischen Geschichte in ihrer Vielgestaltigkeit.<\/p>\n<p>Und sie sind Vision\u00e4re des deutschen Kinos, die neue Wege betreten. Sie sehen in der Digitalisierung eine Chance, schrecken nicht vor Netflix zur\u00fcck. Denn sie sind tief davon \u00fcberzeugt, dass eine gute Produktion ihren Mehrwert dann erh\u00f6ht, wenn sie jenseits der Kinoleinwand ein breites Publikum erreicht. Begeistert.<\/p>\n<p>Zahlreiche Filmpreise, Filmfestehrungen und Auszeichnungen sprechen f\u00fcr sich \u2013 sind Ausdruck eines nietzscheanischen unb\u00e4ndigen Willens.<\/p>\n<p>Mit Simon und Michael Verhoeven haben sie mit dem Kinofilm \u201eWillkommen bei den Hartmanns\u201c, den meistgesehenen Film des Jahres 2016, wieder eine deutsche Filmkom\u00f6die geschaffen, die der Gesellschaft nicht nur einen kritischen Spiegel im Zeitalter der Fl\u00fcchtlingskrise vor Augen h\u00e4lt, sondern auch f\u00fcr mehr Toleranz und Mitmenschlichkeit in Zeiten von rechter Polarisierung wirbt. Durch ein feinsinniges Gesp\u00fcr f\u00fcr starke Pointen sind die \u201eHartmanns\u201c zu einem Pflichtfilm geworden, der punktgenau die Balance zwischen \u00dcberzeichnung und Betroffenheit h\u00e4lt und zum Nachdenken anregt, weil er den Diskurs offen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Mit dem Produzentenduo Wiedemann und Berg hat die deutsche Filmgeschichte aber erst begonnen. Von diesen Zeichensetzern k\u00f6nnen wir noch Gro\u00dfes erwarten. F\u00fcr den Kinofilm die \u201eHartmanns\u201c bekommen sie den diesj\u00e4hrigen Signs-Award in der Kategorie \u201eEngagement in der Kommunikation\u201c.<\/p>\n<p>Die Laudatio hielt Nina Eichinger<\/p>\n<h1>Eva H\u00e5kansson \u2013 die schnellste Frau der Welt<\/h1>\n<p><em>Eva H\u00e5kansson \u2013 Geschwindigkeit ist ihre Passion. Rekorde geh\u00f6ren zu ihrem Leben wie f\u00fcr andere die Luft zum Atmen. Motorradsport \u2013 eine M\u00e4nnerdom\u00e4ne?, dar\u00fcber kann die geb\u00fcrtige Schwedin nur m\u00fcde lachen. Eva H\u00e5kansson ist nicht nur das sch\u00f6nste Gesicht des Rennsports, sondern auch der Sebastian Vettel unter den Rennfahrerinnen. 2017 erhielt sie daf\u00fcr den Signs-Award.<\/em><\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12264-signs-award17-leidenschaft-in-der-kommunikation\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Eva H\u00e5kansson ist nicht nur das sch\u00f6nste Gesicht des Rennsports, sondern auch der Sebastian Vettel unter den Rennfahrerinnen.<\/p>\n<p>1981 geboren \u2013 liegt der Rennsport in ihren Genen, sie bezeichnet diesen selbst als \u201egenetischen Defekt\u201c. Mit der Muttermilch bekam Eva H\u00e5kansson ihre Leidenschaft f\u00fcr schnelle Gef\u00e4hrte mit in die Wiege gelegt und seit ihrer Kindheit atmet sie den Geist von Geschwindigkeit und Adrenalin. W\u00e4hrend andere Kinder vertr\u00e4umt mit ihren Puppen spielten, war Eva H\u00e5kansson schon auf den Rennstecken dieser Welt zuhause. \u201eIch bin praktisch in seiner Motorradwerkstatt aufgewachsen\u201c und habe es gelernt, \u201emir die H\u00e4nde schmutzig zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Aber auch akademisch f\u00e4hrt Eva H\u00e5kansson einen Rekord nach dem anderen ein. Sie ist einfach nicht zu bremsen. Sport hier, Bildung dort. Nach der Schule sammelt sie Abschl\u00fcsse wie andere Briefmarken: Bachelor in Betriebswirtschaftslehre, Bachelor in Umweltwissenschaften, Master in Maschinenbau und Promotion. Die Maschinenbauingenieurin und Autorin glaubt, das Sport und Ingenieurswissenschaften keine M\u00e4nnerdom\u00e4ne sind.<\/p>\n<p>Aber nicht nur bei ihrer Berufswahl ging Eva H\u00e5kansson einen ungew\u00f6hnlichen Weg, sie war und ist auch eine Vision\u00e4rin. Als noch niemand an den Elektroantrieb glaubte, entwickelte sie bereits mit ihrem \u201eElektroCat\u201c das erste zugelassene E-Bike in Schweden. So viel Passion f\u00fcr den Antrieb der Zukunft begeisterte selbst das schwedische Parlament im Jahr 2007 und seitdem ist sie in Sachen Elektromobilit\u00e4t eine gefragte Rednerin und Referentin mit Starqualit\u00e4ten. Mit ihrem Buch \u201eDas Hybridfahrzeug \u2013 die Zukunft hat bereits begonnen\u201c hatte sie bereits 2008 Zeichen gesetzt. Und dieses Zeichensetzen ist seitdem ihre Lebensmaxime. \u201eIch habe diesen unb\u00e4ndigen Willen, Dinge zu tun, die niemand jemals zuvor getan hat.\u201c, so ihr Credo. Ihre Liebe zu Elektrofahrzeugen ist wie \u201eSchokolade ohne Kalorien\u201c.<\/p>\n<p>434 km\/h \u2013 Weltrekord. Eva H\u00e5kansson h\u00e4lt mit ihrem selbstgebauten Streamliner \u201eKillaJoule\u201c, einer Konstruktion \u2013 utopisch wie aus der Zukunft geschmiedet \u2013 den Geschwindigkeitsrekord. Ihre Rekordfahrt beschreibt sie als einen Mix aus Horror und Magie. \u201eDas Beschleunigen bis 320 km\/h ist ein wenig langweilig, richtig sp\u00fcrt man den Speed erst ab 400 km\/h\u201c, erz\u00e4hlt sie. Und der Stoff ihrer Tr\u00e4ume ist das 5,6-Meter lange Elektro-Motorrad mit 400 PS, das mit der 1,58-Meter gro\u00dfen Frau gerade mal \u2013 trotz Beiwagen und aus Kunststoff bestehend \u2013 700 Kilo wiegt.<\/p>\n<p>Doch Eva H\u00e5kansson w\u00e4re nicht diese ungew\u00f6hnliche Frau, die sie nun mal ist, wenn sie nicht schon ein neues Ziel sicher vor Augen h\u00e4tte. Die \u00dcberholspur bleibt ihr Markenzeichen und die H\u00f6chstgeschwindigkeit kocht in ihren Adern. Wo fr\u00fcher Benzingestank die Luft verpestete, regiert jetzt sauberer \u00d6kostrom. Schnell geht eben auch sauber. Geschwindigkeit ist das eine, aber die Lust an der Beschleunigung mittels umweltfreundlicher Batterien das andere \u2013 das ganz andere!<\/p>\n<p>Uns so hat die passionierte junge Rennlegende, leidenschaftliche Technikenthusiastin und Monteurin schon den n\u00e4chsten Rekorkversuch vor Augen. 300 Meilen pro Stunde, sagenhafte 483 km\/h sollen es sein. Hundertausende Dollar hat sie in in ihren roten Flitzer investiert. Doch Leistung, Geschwindigkeit, Drehmoment, das k\u00f6nnen viele, aber mit Elektro bleibt es eine Sensation.<\/p>\n<p>Eva H\u00e5kansson ist \u00d6kologie wichtig, ja das Zauberwort, par excellence, um das sie immer wieder kreist. Umweltverschmutzung und L\u00e4rm geh\u00f6ren zur Welt von Gestern, da ist sie sich hundertprozentig sicher. Sich selbst beschreibt sie als eine Kombination aus Speed-Junkie und \u00d6ko-Freak, als \u00d6kokriegerin, die einen andern Weg als Greenpeace-Aktivisten gehen will, einen, der nicht das Gesetz brechen will, um auf die Umwelt aufmerksam machen. Bei der Produktmanagerin des C-Evolution von BMW Motorrad zeigt sich, dass beim E-Racing Tempo und Power zusammen umweltfreundlich sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der ungebrochene Wille, die schnellste Frau der Welt nicht nur zu sein, sondern auch zu bleiben, ist das Elixier einer Frau, die Technik, Grenzbereichserfahrung, das leidenschaftliche Konstruieren und T\u00fcfteln und vor allem die Freude am Fahren mit garantiertem Spa\u00dffaktor zu ihren Eigenschaften z\u00e4hlt. Schnell und \u00d6ko sind bei ihr eins und daf\u00fcr, dass sie einer breiten \u00d6ffentlichkeit das Potential der Elektromobilit\u00e4t vermitteln will, daf\u00fcr verdient sie zurecht den Signs-Award 2017 als Zeichensetzerin in der Kategorie \u201eLeidenschaft in der Kommunikation\u201c. Der diesj\u00e4hrige Award ging an die schnellste Motorradfahrerin der Welt, die mit ihrem selbstgebauten Streamliner \u201eKillaJoule\u201c den Weltrekord von 434 km\/h aufstellte.<\/p>\n<p>Die Laudatio f\u00fcr Eva H\u00e5kansson hielt Seine K\u00f6nigliche Hoheit, Leopold Prinz von Bayern.<\/p>\n<h1>Wer bin ich &#8211; und wenn ja wie viele?<\/h1>\n<p><em>Vor zehn Jahren schrieb Richard David Precht einen Bestseller, er machte damit Furore und avancierte zum angesagtesten Philosophen in Deutschland. Doch was ist dran \u2013 an Precht? Wir haben uns im Nachgang das Buch genauer angeschaut.<\/em><\/p>\n<p>Das oft dunkle Raunen der Philosophie im Gewand der akademischen Tradition beklagen viele, die sich f\u00fcr die Kunst des Denkens interessieren, die also genuine Freunde der Weisheit sind, Freunde, die den Dialog mit sich selbst, mit den anderen suchen. Doch f\u00fcr viele endet bereits der Versuch einer Auseinandersetzung mit der tiefsten aller Weisheiten, der Philosophie, mit dem Aufschlagen des Klappentextes wissenschaftliche B\u00fccher. Das Resultat dieser z\u00e4rtlichen Ann\u00e4herung ist bekannt. Die oft als m\u00fchsam zu lesende Lekt\u00fcre verschwindet wieder zur\u00fcck ins Bucherregal.<\/p>\n<p>Sich der Philosophie, insbesondere auch im akademischen Studium anzun\u00e4hern, bleibt ein Risiko, nicht zuletzt ein existentielles f\u00fcr all jene, die am Ende ihrer Studien den Preis f\u00fcr ihren allzu hohen Idealismus zahlen m\u00fcssen \u2013 Philosophie als Broterwerb ist fast ausgeschlossen. Der Studierte schwankt dann zwischen dem heeren Wunsch, sein gefundenes Wissen einem akademischen Publikum preiszugeben, das klein und erlesen, m\u00f6glicherweise ihn in den inneren Raum des Akademie- und Universit\u00e4tsbetriebes, in den heiligen Tempel, aufnimmt, mit den notwendigen und unvermeidlichen \u00dcblichkeiten akademischer Insignien der Macht, mit Promotion und Habilitation und letztendlich mit einem Lehrauftrag versieht, oder: Er \u00f6ffnet sich einem Diskurs, macht seine Texte einem gro\u00dfen Publikum zug\u00e4nglich, versucht sich im Ethos des Schreibens, damit man ihn h\u00f6re, damit seine Stimme vernommen werde, was letztendlich auch der Philosophie heute noch um so mehr not tut, so sehr sie an die R\u00e4nder gespielt, mit den Sozialwissenschaften, der medizinischen Forschung und dem technischen Fortschritt um ihre Existenz ringt. Anders gesagt: Schreibt man es einfach und verstehen es alle, dann verschlie\u00dft sich der Tempelbezirk f\u00fcr immer, schreibt man es kompliziert oder komplizierter, besteht zumindest, wenngleich h\u00f6chst eingeschr\u00e4nkt, die M\u00f6glichkeit in akademischen W\u00fcrden zu altern. Diesem Dilemma der Mitteilung beizukommen, dem Wie des Mitgeteilten, diesen Kampf k\u00e4mpfen nicht nur Michel Onfray, Wilhelm Schmid und viele andere, sondern auch Richard David Precht mit seinem im Goldmann-Verlag erschienenen Buch Wer bin ich und wenn ja, wie viele?<\/p>\n<p>Philosophische B\u00fccher, die Bestseller werden, gibt es heutzutage nicht mehr viele. Vergangen sind die Zeiten, als Eberhard Griesebach mit seiner Gegenwart und Rudolf Eucken mit Der Sinn und Wert des Lebens und Geistige Str\u00f6mungen der Gegenwart ein Millionenpublikum begeisterten, was nicht zuletzt Eucken 1908 den Nobelpreis f\u00fcr Literatur einbrachte. Es war nicht nur die Fl\u00fcssigkeit der Darstellung, die sachbezogene und auf den Common Sense zugeschnittene Schreibart, sondern der darin mitgetragene Inhalt, Fragen, die die Welt besch\u00e4ftigten, Fragen zur Lebensanschauung, Fragen \u00fcber das Wozu und Warum endlicher Existenz, die den Menschen seit Urzeiten bestimmende Frage nach dem Sinn und dem Wesen der Wahrheit, die gro\u00dfen Fragen der Menschheit also, die Immanuel Kant als die drei Grunddimensionen des Menschen beschrieb. Was hei\u00dft Erkenntnis und wo liegen ihre Grenzen? Gibt es allgemeine und universale moralische Gesetze, die f\u00fcr alle Menschen g\u00fcltig sind, und wie lassen sie sich begr\u00fcnden? Und schlie\u00dflich: Worauf kann der Mensch vertrauen, selbst dann, wenn die Wissenschaft darauf keine Antworten mehr zu geben imstande ist?<\/p>\n<p>Precht nimmt sich der kantischen Fragestellungen an und gliedert demgem\u00e4\u00df sein Buch unter die Rubriken Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Und: Was darf ich hoffen? Dabei geht es ihm nicht \u00e0 la Kant um die Bedingungen von M\u00f6glichkeit von Erkenntnis, Sittlichkeit und Religiosit\u00e4t in den Grenzen der blo\u00dfen Vernunft, sondern um eine breitgef\u00e4cherte Aufarbeitung der jeweiligen Fragen, die ihre Antworten sowohl aus dem Idealismus als auch aus dem Empirismus und nicht zuletzt aus der kognitiven Hirnforschung beziehen. Letztere ist es, deren Entwicklung, Wirkung und Stellenwert Precht gern bem\u00fcht, um beispielsweise die von ihm herausgearbeiteten Aporien der Philosophie\u00adgeschichte (Descartes einerseits, Locke, Hume andererseits), die sich beispielsweise im Umfeld der Ich-Philosophie abzeichnen, in den modernen Diskurs hineinzutragen. Anstatt aber hier ins Detail zu gehen, die Frage, ob es eine Philosophie vom Ich gibt, ist ja keineswegs obsolet und nur geschichtlich, sondern \u00fcber sie wird aktuell diskutiert, finden sich bei Precht immer wieder Verweise auf die moderne Hirnforschung, die letztendlich, so das Dilemma, auch keine genaue Auskunft dar\u00fcber geben kann, was das Ich denn nun sei, und warum man sich selbst als f\u00fchlendes und denkendes Wesen begreift.<\/p>\n<p>So sehr das Buch einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte der Philosophie in ihren unterschiedlichen Facetten, die aktuellen Debatten um Sterbehilfe, Embryonal- und Stammzellforschung gibt, immer wieder verlaufen sich die Argumentationen im Sande, besiegt letztendlich das Fragezeichen einen bis dahin aufschlu\u00dfreichen Diskurs. Die Passagen \u00fcber die gro\u00dfen Philosophen \u00fcberzeugen nicht. Lesenswert ist Precht dann, wenn er sich den vergessenen Denkern der abendl\u00e4ndischen Geistesgeschichte zuwendet, wenn er beispielsweise Ram\u00f3n y Cajal und Ernst Mach in den Mittelpunkt seiner Argumentationslinien r\u00fcckt. Von den gro\u00dfen Philosophen erf\u00e4hrt man meist nicht mehr, als dies aus einschl\u00e4gigen Einf\u00fchrungen und der vorangestellten Vita ohnehin schon bekannt ist. Gerade die kleinen Fragen, die Fu\u00dfnoten, die ganze Diskussionen ausl\u00f6sten und zu verschiedenen Schulbildungen f\u00fchrten, werden leider nur gestreift oder sogar ganz ausgeklammert. Was also diesem Buch fehlt, ist ein problemorientierter Diskurs, was dann \u00fcbrigbleibt, ist eine mehr oder weniger gelungene Einf\u00fchrung in die Philosophiegeschichte, die auch Kapit\u00e4n Kirk und das Raumschiff Enterprise f\u00fcr philosophische Meisterleistungen erkl\u00e4rt, die aber an die Standardwerke von Wolfgang R\u00f6d und Johannes Hirschberger nicht im Geringsten heranreicht.<\/p>\n<p>Auch von der vielgelobten Ironie, dem Sprachzauber und einem wohlpointierten Witz, die auf dem Cover versprochen werden, findet sich wenig. Prechts Buch ist n\u00fcchtern geschrieben, ganz der neuen Sachlichkeit anvertraut, die Kurzweil der S\u00e4tze belegt dies nachdr\u00fccklich. Es ist, was es ist \u2013 ein Medienbuch \u00fcber Philosophie, das es mit Sofies Welt auch schon gegeben hat, das die Menge jener halbgestrickten Intellektuellen befrieden mag, die gern \u00fcber Philosophie plaudern, weil es en vogue ist. Was ihm zugute kommt, im Gegensatz zu vielen weitaus gelungeneren Einf\u00fchrungen in die Philosophie, ist der mediale Zauber, der darum veranstaltet wird. Unterst\u00fctzt wird dies auch von einem neuen Publikum, das sich mit immer weniger Wissen zufrieden geben will oder mu\u00df und einfach nur rezipieren will. Mit dieser Art von Philosophie l\u00e4\u00dft es sich bequem leben.<\/p>\n<p>Diesen Trend unterstrich dann auch Elke Heidenreich, die sich dazu hinrei\u00dfen lie\u00df, zu schreiben: \u201eWenn Sie dieses Buch lesen, haben Sie den ersten Schritt auf dem Weg zum Gl\u00fcck schon getan\u201c \u2013 von Johannes B. Kerner einmal ganz zu schweigen. Kurzum, das Dilemma bleibt: Wie schreibt man \u00fcber Philosophie, so da\u00df es anspruchsvoll bleibt und dennoch verst\u00e4ndlich ist! Eine gelungene Synthese zwischen akademischer Gelehrsamkeit und einem guten essay\u00adistischen Stil w\u00e4re auch f\u00fcr Precht hilfreicher.<\/p>\n<p>Vielleicht, so kann man nur mutma\u00dfen, ist der anspruchsvolle Umgang mit der Philosophie, das wortgewandte Schreiben doch etwas, was mit einer neuen Generationenlage zu tun hat, die an den Stil fr\u00fcherer Publizisten nicht mehr herankommt. R\u00fcdiger Safranski, Hermann L\u00fcbbe oder Odo Marquard liegen mit ihren philosophischen B\u00fcchern und gelehrten Essays Precht um L\u00e4ngen voraus<\/p>\n<h1>Das Kernland des Protestantismus bleibt a-religi\u00f6s<\/h1>\n<p><em>Zum 500. Jahrestag der Reformation zeichnet sich im Osten des Landes ein trauriges Bild \u2013 zumindest was die christliche Religion betrifft. 40 Jahre Zwangsideologie haben gewirkt und eine ganze Generation zu Atheisten werden lassen. Marx\u2019 Religionskritik hat nachhaltig gewirkt. Der Osten verweigert sich in Sachen Religion nach wie vor.<\/em><\/p>\n<p>Die Kirchen in Deutschland leeren sich, die evangelischen mehr noch als die katholischen. Immer mehr Gottesh\u00e4user werden \u201eumgewidmet\u201c, werden Kulturst\u00e4tten und Austellungs\u00adr\u00e4ume. Der Kirchgang wird zum kulturellen Event, entleert jeder Form des religi\u00f6sen Be\u00adkenntnisses. Gebaut werden nur noch Moscheen. Der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden war die gro\u00dfe Ausnahme, und er war kein christlich-religi\u00f6ses, sondern ein kunsthistorisches, bzw. kulturpolitisches Ereignis. Die christlichen Kirchen im Osten fristen nur noch eine gesellschaftliche Randexiszenz, vergleichbar mit der SPD im s\u00e4chsischen Landtag. Nirgendwo in Europa ist die Zahl der Kirchenzugeh\u00f6rigkeit so dramatisch gesunken wie in der DDR und im Osten nach der Wiedervereinigung. W\u00e4hrend in Amerika \u00fcber 80 Prozent an einen pers\u00f6nlichen Gott glauben, sind es in Ostdeutschland gerade mal acht Prozent.<\/p>\n<h6>Das Gespenst der S\u00e4kularisierung zeigte Wirkung<\/h6>\n<p>Das Gespenst der S\u00e4kularisierung geht um. Nichts h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckiger als das bewu\u00dfte Eingest\u00e4ndnis zum A-Religi\u00f6sen. Fast drei\u00dfig Jahre nach dem Mauerfall, drei\u00dfig Jahre in einer \u2013 auch in religi\u00f6sen Dingen \u2013 freien Demokratie bleibt zumindest dieses Ph\u00e4nomen konstant \u2013 der bewu\u00dfte Verzicht zum religi\u00f6sen Bekenntnis. Vierzig Jahre Totalitarismus, vierzig Jahre Zwangsideologie, all dies ist verloren, dem Zeitstrom zum Vergessen gereicht. Doch: Die Ideologie hat gewirkt \u2013 der deutsche Osten bleibt in Sachen Religion protestantisch, er protestiert in aller Nachhaltigkeit. Fast, so k\u00f6nnte man glauben, k\u00e4mpft er gegen jede neue Zwangsvereinnahmung. Die neue Freiheit, selbst wenn diese durch Arbeitslosigkeit und Depression zerr\u00fcttet ist, gilt es zu retten. Im frenetischen Freiheitstaumel wird das Religi\u00f6se, zumindest in seiner christlich-kirchlichen Auspr\u00e4gung, ignoriert. Die Angst ist die Angst vor dem Zwangskorsett, vor einer domestizierten Vereinnahmung, wie sie der pragmatische Sozialismus praktizierte. Man f\u00fcrchtet \u00dcbereinstimmungen mit dem alten System. Alles, so der neue Imperativ der Freiheit, was sich einer wie auch immer gepr\u00e4gten Autonomie andersartig verpflichtend gegen\u00fcberstellt, schadet dem Subjekt.<\/p>\n<h6>Ein Preudo-Kommunismus regiert breite Schichten<\/h6>\n<p>Die Politikverdrossenheit und Langzeitarbeitslosigkeit vieler Menschen, die Abwanderung gen Westen, die vielen strukturschwachen Regionen, die \u00fcberwiegend \u00fcberaltert sind, die Depression \u2013 all dies reicht zu einem Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit in Sachen religi\u00f6se Einkehr nicht aus. Statt dessen versteift man sich auf einen Pseudo-Kommunismus, der sich nachhaltig in der Links-W\u00e4hlerschaft h\u00e4lt, und glaubt mit ihm die geistige Situation der Zeit umzuprogrammieren. Das klassische Religi\u00f6se hat dabei keine Chance, es ein St\u00fcck weit zur\u00fcck zu erobern, das kann und soll \u2013 dies haben Feuerbach aus philosophischer Sicht und Marx und Engels aus einer antidokrin\u00e4r soziologischen Sichtweise \u201ewissenschaftlich nachgewiesen\u201c \u2013 nicht gelingen.<\/p>\n<h6>Der Antireligionseffekt als Lebenselixier<\/h6>\n<p>Insbesondere an ostdeutschen Schulen h\u00e4lt sich der Antireligionseffekt stoisch. Hier wird jede Resozialisation in Sachen Religion verweigert. Ohne das eineindeutige Zuge\u00adst\u00e4ndnis des Lehrers, keine \u00dcberzeugungsarbeit zu leisten, an derem Ende ein Taufbekenntnis steht, \u201eSie machen uns nicht religi\u00f6s\u201c, l\u00e4uft nichts. Ja, die ausdr\u00fcckliche R\u00fcckversicherung im Religionsunterricht nur geschichliche Daten zu liefern, ist geradezu die Voraussetzung, um \u00fcberhaupt Wissen zu vermitteln, was in Anbetracht des schlechten Abschneidens bei der Pisa-Studie auch tats\u00e4chlich notwendig ist. Die Vermittlung religi\u00f6ser Sinn- und Wertvor\u00adstellung\u00aden wird zum Kampf mit einer Sch\u00fclerschaft, die dieses Wissen radikal ablehnen, der Mathe\u00admatik- oder Sportlehrer hat es da einfacher.<\/p>\n<h6>Von religi\u00f6ser Bildung keine Spur<\/h6>\n<p>Zwar wei\u00df man von Jesu Christus, nur man verlegt seine Existenz auch gern einmal in das 19. Jahrhundert oder datiert diese in die Zeit des alten \u00c4gyptens vor. Schon auf die Frage, wer denn dieser Jesus sei \u2013 fragende Gesichter und der Informationskampf, mehr \u00fcber diesen zu berichten, wird zum Grabenkampf gegen die Bildzeitung, die eine gr\u00f6\u00dfere Faszination aus\u00adl\u00f6st, und gegen die man permanent streitet und nat\u00fcrlich verliert. Es ist f\u00fcr viele junge Ost\u00addeutsche \u00fcberhaupt unschicklich, passt \u00fcberhaupt nicht in ihr Weltbild, sich mit dem klassischen Kanon abendl\u00e4ndischer, und dies hei\u00dft auch christlicher Kultur zu besch\u00e4ftigen. Sp\u00e4testens beim Reformationsthema ist man schockiert, Reformation, Novemberrevolution? Immerhin ist Luther bekannt, der ja schlie\u00dflich f\u00fcr die Bauernaufst\u00e4nde verantwortlich gewesen sein soll und in M\u00fchlhausen enthauptet wurde \u2013 so die \u00fcberzeugte Leer-Meinung.<\/p>\n<p>Doch: Gelingt es dem Lehrenden, von der tradierten, rein funktionalen Wissensver\u00admittlung abzusehen, und Inhalte ohne religi\u00f6sen Hintergrund zu liefern, ohne den damit verbundenen Glaubensbezug zur Bergpredigt beispielsweise, dann w\u00e4chst Interesse, dann entscheiden sich zumindest die in der Kernzeit des Sozialismus Geborenen zu einem kurz gef\u00fchrten Stellungskrieg, dann kommt soziales Engagement und das Interesse an einer sozialeren Gesellschaft zum Ausdruck. So sehr die Rede vom Religi\u00f6sen, insbesondere die Generation zwischen 30 und 60 erschreckt, so sehr l\u00e4\u00dft sich mit der Idee des Humanen zumindest kurzfristig \u00fcberzeugen.<\/p>\n<h6>Auch die sozialistische Idee war verp\u00f6nt<\/h6>\n<p>Ja, der Sozialismus war revolution\u00e4r, war revolution\u00e4r, was zumindest die Leugnung des religi\u00f6sen Wissens betrifft. Verweigert wurden in DDR-Zeiten aber nicht nur das Religi\u00f6se, sondern auch die indoktrinierte Lehre, \u00fcber die Geschichte des Sozialismus und Kommunismus ausgiebig informiert zu sein. Auch hier schreckte jeder Informationsgewinn ab, der durch eine starre Wissensvermittlung erkauft wurde. Religion und sozialistischer Parteipragmatismus waren beide verp\u00f6nt, reizten nicht, waren nicht en vogue.<\/p>\n<p>Was vom sozialistischen Bildungskanon \u00fcbrig blieb, war ein Lippenbekenntnis, das bereits kurz nach der Wende, als die viel geh\u00fcteten sozialen und familie\u00e4ren und freundschaftlichen B\u00fcnde zusammenbrachen, erlosch. F\u00fcr das Christliche kam das unspektakul\u00e4re Aus schon viel eher. In polemischer Absicht hatte bereits Kierkegaard auf das Ph\u00e4nomen der S\u00e4kularisierung in D\u00e4nemark hingewiesen, als er schrieb: \u201eJederman ist heute Christ, ohne da\u00df irgend jemand wirklich Christ ist. Da\u00df Gott in Jesus Christus Mensch geworden und in der Welt erschienen ist, was hat dieser Glaube, der dem Verstand ewig paradox, ja, absurd erscheinen mu\u00df, der uns nur geschenkt werden kann als eine Gnade von oben her, dann aber einen Sprung darstellt in einen Bereich jenseits aller Vernunft, was hat dieser Glaube, frage ich, mit jener lauen, \u00e4u\u00dferlichen B\u00fcrgerlichkeit zu tun, in der unsere B\u00fcrger ohne die mindeste innere Bewegung durch Taufe, Konfirmation, Trauung hindurchgehen?\u201c<\/p>\n<h6>Die Religionsferne ist einer ganzen Generation in die Wiege gelegt<\/h6>\n<p>Die Religionsferne, so scheint es zumindest, ist genetisch und geschichtlich codiert, ist einer ganzen Generation im Osten in die Wiege gelegt, antrainiert. Nicht nur der Kommunis\u00admus zeitigt sich f\u00fcr die Absorbierung des Religi\u00f6sen verantwortlich, auch ein Blick in die Geschichte belehrt \u00fcber antireligi\u00f6se Affekte. Der deutsche Osten war lutherisch-protest\u00adantisch. Diese von Anfang an bestehende \u201eStaatstreue\u201c der evangelischen Kirchen hat zweifellos viel zur inneren Entleerung des Protestantismus beigetragen, wie sie nun heute in den neuen L\u00e4ndern zu beobachten ist. Lange, allzu lange galt eben auch \u201eder Sozialismus\u201c als Staatsdoktrin und Glaube der Herrschenden, inklusive der verbissene Atheismus, und das Volk stellte sich wohl oder \u00fcbel, meist widerwillig zwar, aber fr\u00fch resignierend, darauf ein, was offenbar nicht ohne langfristige seelische Besch\u00e4digungen geblieben ist.<\/p>\n<h6>Der Osten war das Land der Aufkl\u00e4rung<\/h6>\n<p>Auch die Aufkl\u00e4rung mit ihren Zentren in Berlin und Halle war pr\u00e4gend; der deutsche Idealismus mit seiner Wiege in Jena, f\u00fcr die philosophische Infragestellung des Religi\u00f6sen verantwortlich. Ebenfalls war die deutsche Klassik in Weimar nicht dem Ideal des Glaubens, sondern einer strengen Geschichts- und Naturwissenschaft verpflichtet. Die deutsche Klassik um Goethe und Schiller hatte wesentliche Teile der christlich-protestantischen Botschaft in einen, wenn nicht glaubenslosen, so doch glaubens-indifferenten, allgemein \u201emodern-humanistischen\u201c Geisteskanon \u00fcberf\u00fchrt, und in den Bildungszirkeln der Sozialdemokratie waltete eine entschieden atheistische, \u201estreng wissenschaftliche\u201c Weltanschauungslehre, wie sie der in Jena lehrende einflu\u00dfreiche Darwinist und \u201eMonist\u201c Ernst Haeckel vertrat. Die Aussichten f\u00fcr traditionell christlich orientiertes Denken und Alltagsleben standen schlecht, und der Kampf Bismarcks nach er Reichsgr\u00fcndung 1871 gegen den katholischen \u201eUltra\u00admontanismus\u201c als St\u00f6rfaktor f\u00fcr die in Berlin praktizierte nationale Politik tat ein \u00dcbriges.<\/p>\n<p>Man kann die Feststellung wagen: Seit etwa 1880 war der weitaus gr\u00f6\u00dfte Teil der Bev\u00f6lkerung auf dem Gebiet der sp\u00e4teren DDR, also die (im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern) gut gebildeten Arbeiter- und Kleinunternehmermassen in Berlin, Leipzig, Halle, Magdeburg, Merseburg, Bitterfeld, im Erzgebirge und im Th\u00fcringer Wald, bereits weitgehend ent\u00adchristlicht. Das religi\u00f6se Gef\u00fcge wurde immer wieder gesprengt, das Licht der Aufkl\u00e4rung \u00fcberwucherte den Glauben.<\/p>\n<p>Im Grunde bedurfte es gar nicht der Dazwischenkunft diktatorischer, streng atheistisch ausgerichteter Regimes wie Nationalsozialismus und Kommunismus, um die heutigen Menschen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gr\u00fcndlich von der christlichen Kirche und ihrer Botschaft wegzur\u00fccken. Ihre Kirchenferne ist zur Zeit vielleicht noch etwas prononcierter als etwa in Bayern oder im Rheinland, sie ist aber habituell dieselbe wie dort und wie in anderen L\u00e4ndern Westeuropas.<\/p>\n<h6>Was ist das Prinzip religi\u00f6ser Verweigerung?<\/h6>\n<p>Doch, was lie\u00dfe sich fragen, ist das Prinzip der Verweigerung noch heute? Die Gr\u00fcnde f\u00fcr das ausgepr\u00e4gte Religionsdefizit sind vielf\u00e4lig. Das sogenannte kollektive Sozialgef\u00fcge, das die Idee der christlichen N\u00e4chstenliebe sakul\u00e4risiert hat, der blinde Glaube an die Rettung durch den Kommunismus, an ein Wertesystem, das sich zumindest vordergr\u00fcndig einer sozialen Utopie verschrieb, sind zerbrochen. Der Ostdeutsche bleibt, was soziale oder religi\u00f6se Versprechen und Heilserwartungen betrifft, indiffernt. Was bleibt ist Gesinnungs\u00adleere und altbew\u00e4hrte Alltagsflucht. Ohne es zu wissen, stellt man sich apodiktisch auf den Standpunkt, um es mit Hegel zu formulieren, da\u00df man aus der Geschichte nichts lernen kann; was bleibt ist der Versuch bescheidener Selbsterfahrung, der sich jeder Form von Verbindlichkeit verweigert. Die neue Form des Religi\u00f6sen kulminiert in der Bindungs\u00adun\u00adf\u00e4higkeit, im Single-Sein, denn hier mu\u00df man sich auf nichts Verbindliches ein\u00adlassen, hier ist man Mensch, hier darf man sein. Anything goes \u2013 so auch die vielver\u00adbreitete Gesinnung im Osten. Man fl\u00fcchtet sich also lieber in Dance Floors, Events und in den, so es m\u00f6glich ist, Konsumrausch.<\/p>\n<p>Doch, wie H\u00f6lderlin meinte, \u201eWo Gefahr ist, w\u00e4chst das Rettende auch\u201c. Im Kleinen keimt Hoffnung. Neben der Fitness-Religion, die als pseudokultureller Ersatz \u00fcber die Tage der Einsamkeit hinweghilft, neben dem zunehmenden Interesse an einer mystischen Sekten\u00adkultur, die \u201eErl\u00f6sung\u201c verspricht, zeigen sich gegenl\u00e4ufige Tendenzen. Es f\u00e4llt auf, da\u00df sich neuerdings gerade in den neuen L\u00e4ndern im Raum der evangelischen Kirche spontan \u201echristliche Bruderschaften\u201c und \u201echristliche Orden\u201c zusammenfinden und formieren, die ein von Grund auf erneuertes Christentum anstreben, eine leidenschaftliche, aus tiefer Lebenser\u00adfahrung gespeiste Erneuerung des Glaubens und eine \u201eRefom an Haupt und Gliedern\u201c, wie sie einst auch Luther ins Auge gefa\u00dft hatte.<\/p>\n<h1>Interview mit Ilse Aigner &#8211; Die USA sind ein St\u00fcck unberechenbarer geworden<\/h1>\n<p>Dass Donald Trump sich entschieden hat, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen, bedaure ich sehr. Die Konsequenz f\u00fcr uns Europ\u00e4er muss sein, die Umsetzung des Abkommens gemeinsam mit unseren Partnern aus der ganzen Welt entschlossen voranzutreiben.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/ilse-aigner\/12320-interview-mit-ilse-aigner\">Foto: Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p><strong>Immer noch gibt es zu wenige Frauen in f\u00fchrenden \u00c4mtern? Auch beim Gehalt gibt es nach wie vor gro\u00dfe Unterschiede. Was l\u00e4uft falsch, was muss sich hier \u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wir brauchen mehr Frauen in F\u00fchrungspositionen. Frauen bringen im Job, gerade wenn sie F\u00fchrungsverantwortung tragen, andere Qualit\u00e4ten ein als ihre m\u00e4nnlichen Kollegen. Ich bin \u00fcberzeugt: eine gesunde Mischung von Frauen und M\u00e4nnern in F\u00fchrungspositionen ist ein Gewinn f\u00fcr alle Beteiligten.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen Frauen auch f\u00fcr gleiche Arbeit gleich entlohnt werden. Deshalb haben wir als CSU das Gesetz f\u00fcr mehr Lohngerechtigkeit im Bund mitgetragen. Eines muss aber klar sein: Wir d\u00fcrfen unsere Unternehmen nicht mit immer neuen b\u00fcrokratischen H\u00fcrden \u00fcberziehen. Wir stehen vor einem gesellschaftlichen Wandel, der seine Zeit braucht und der sich nicht nur durch staatliche Vorgaben verordnen l\u00e4sst. Entscheidend wird sein, bessere Rahmenbedingungen f\u00fcr die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schaffen. Ich bin mir sicher: Dann werden sich mehr Frauen f\u00fcr eine st\u00e4rkere Beteiligung am Erwerbsleben entscheiden. Wir brauchen deshalb mehr Investitionen in die Infrastruktur zur Kinderbetreuung. Und wir brauchen mehr Flexibilit\u00e4t, was die Verteilung der vereinbarten Arbeitszeit \u00fcber die Woche hinweg und den Arbeitsort betrifft.<\/p>\n<p><strong>Vor einem Jahr haben die Briten f\u00fcr den Brexit gestimmt? Wie stark sp\u00fcrt man die Auswirkungen in der deutschen bzw. bayerischen Wirtschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Gro\u00dfbritannien war 2016 der wichtigste Exportmarkt f\u00fcr Bayern innerhalb der EU und weltweit der drittwichtigste nach den USA und China \u2013 obgleich der bevorstehende Brexit bereits erste Spuren in der bayerisch-britischen Handelsbilanz hinterlassen hatte. Das Exportvolumen nach Gro\u00dfbritannien nahm im Vergleich zu 2015 um 3,1 Prozent ab, wohl vor allem aufgrund des schwachen britischen Pfundes infolge des Brexit-Votums. Vor allem im zweiten Halbjahr zeigte sich dieser Effekt.<\/p>\n<p>Die Wirtschaftskraft Gro\u00dfbritanniens ist so gro\u00df wie die der siebzehn kleinsten Staaten der EU zusammen. Bayern als stark vom Export abh\u00e4ngigem Land muss deshalb an einem guten Ausgang der Brexit-Verhandlungen gelegen sein. Wir brauchen keine neuen Handelsschranken. Das w\u00fcrde am Ende beiden Seiten schaden. Wir brauchen ein ausgewogenes bilaterales Abkommen, das die Interessen unserer Exportwirtschaft wahrt. Rachegel\u00fcste sind hier falsch. Allerdings verbietet sich umgekehrt ein Rosinenpicken seitens der Briten. Wir d\u00fcrfen den Binnenmarkt nicht gef\u00e4hrden.<br \/>\nDer Brexit hat aber auch noch eine ganz andere Seite: Wir beobachten, dass sich Unternehmen mit Niederlassungen in Gro\u00dfbritannien vermehrt Gedanken \u00fcber eine eventuelle Verlagerung auf das europ\u00e4ische Festland machen. Selbstverst\u00e4ndlich werden wir \u2013 mit unseren Standortvorteilen \u2013 daf\u00fcr werben, dass Unternehmen, die im Binnenmarkt bleiben wollen, nach Bayern kommen.<br \/>\nUnd wenn es den Unsicherheiten um den Brexit einen weiteren positiven Aspekt abzugewinnen gilt, dann ist es die Tatsache, dass Europa enger zusammenr\u00fcckt. Und dass wir uns des Wertes des Freihandels noch st\u00e4rker bewusst werden.<\/p>\n<p><strong>Mit Donald Trump kam ein Pr\u00e4sident an die Macht, der andere Wege geht, dem EU und Europa wenig bedeuten, der mit Saudi-Arabien Milliardendeals schlie\u00dft, sich aber um Klima und die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands kaum k\u00fcmmert. Der Nonkonformist mit dem Slogan \u201eAmerika first\u201c pl\u00e4diert f\u00fcr einen neuen Protektionismus. Haben wir unter Trump bald einen unseren wichtigsten Wirtschaftspartner verloren?<\/strong><\/p>\n<p>Fest steht: Unter Pr\u00e4sident Trump sind die USA ein St\u00fcck unberechenbarer geworden. Ich bin mir aber sicher, dass die USA f\u00fcr uns ein wichtiger Partner bleiben werden.<\/p>\n<p>Vor einigen Wochen beim Treffen der G-7-Finanzminister hatten sich die USA noch geweigert, ein Bekenntnis zum freien Handel zu unterschreiben. In ihrer Schlussdeklaration haben sich die Staats- und Regierungschefs der G-7-Staaten nun unerwartet klar gegen Protektionismus ausgesprochen. Das zeigt mir, dass wir bei Donald Trump am Ball bleiben m\u00fcssen. Wir werden ihn und seine Administration immer wieder von den Vorteilen des freien Handels \u00fcberzeugen m\u00fcssen. Dass Donald Trump sich entschieden hat, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen, bedaure ich sehr. Die Konsequenz f\u00fcr uns Europ\u00e4er muss sein, die Umsetzung des Abkommens gemeinsam mit unseren Partnern aus der ganzen Welt entschlossen voranzutreiben.<\/p>\n<p><strong>Das Thema Digitalisierung haben Sie in einer Regierungserkl\u00e4rung zur Chef\/in)-Sache gemacht. Was steht konkret auf der Agenda der zweiten Stufe der bayerischen Digitalisierungsoffensive.<\/strong><\/p>\n<p>Mit der zweiten Stufe der Digitalisierungsoffensive machen wir den Freistaat zur Leitregion f\u00fcr die Digitalisierung. Wir wollen, dass Bayern und seine Menschen zu Gewinnern der digitalen Revolution werden. Als Wirtschaftsministerin habe ich dabei insbesondere die Betriebe im Freistaat im Blick. Es sollen neue Verfahren, neue Prozesse und neue Gesch\u00e4ftsideen entstehen \u2013 in gro\u00dfen und in kleinen Unternehmen, in allen Branchen und in allen Landesteilen. Hierf\u00fcr investieren wir in den n\u00e4chsten Jahren kraftvoll. Lassen Sie mich einige Beispiele nennen: Mit dem Digitalbonus unterst\u00fctzen wir den bayerischen Mittelstand bei Investitionen im Bereich der Digitalisierung. Wir f\u00f6rdern die Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um sie fit zu machen f\u00fcr die digitalen Anforderungen. Wir treiben den Aufbau von digitalen Gr\u00fcnderzentren in allen Regierungsbezirken voran. Und wir erobern Sch\u00fcsselfelder digitaler Technologien und Anwendungen, Stichworte K\u00fcnstliche Intelligenz, Assistenzrobotik, 3D-Druck.<\/p>\n<p><strong>Unter allen Bundesl\u00e4ndern geht es den Bayern am Besten, die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordtief. Was ist das Erfolgsrezept des Freistaates?<\/strong><\/p>\n<p>Wie Ministerpr\u00e4sident Seehofer formuliert hat: mit 3,0 Prozent Arbeitslosigkeit im Mai 2017 haben wir eine \u201eTraummarke\u201c erreicht. Eine so gute Entwicklung hat noch vor wenigen Jahren kaum jemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Und das h\u00e4ngt wesentlich mit unserer Wirtschaftspolitik zusammen. Wir schaffen Rahmenbedingungen, die Arbeitspl\u00e4tze entstehen lassen und nicht Unternehmen davon abhalten, neue Stellen zu schaffen oder Stellen zu besetzen. Staatliche und private Investitionen sind dabei ein wichtiges Thema. Wir widmen uns den zentralen Zukunftsfeldern: Wir st\u00e4rken die Kompetenzen im Bereich Digitalisierung bei den Unternehmen und wir schaffen ein \u00d6kosystem f\u00fcr innovative Gr\u00fcnder. Im Bund setze ich mich entschieden f\u00fcr steuerliche Anreize ein, etwa f\u00fcr die energetische Geb\u00e4udesanierung, f\u00fcr Wagniskapital oder f\u00fcr Forschung und Entwicklung.<\/p>\n<p>Zudem haben wir ganz Bayern im Blick: Mit gezielter Regionalf\u00f6rderung etwa schaffen wir Bedingungen f\u00fcr gleichwertige Lebensverh\u00e4ltnisse in allen Regionen im Freistaat. Diese Anstrengung zahlt sich aus: Laut europ\u00e4ischen Statistikamt Eurostat verzeichnete Niederbayern im vergangenen Jahr mit 2,1 Prozent die niedrigste Erwerbslosenquote in ganz Europa.<\/p>\n<p><strong>In Nordrhein-Westfalen w\u00e4chst die Verschuldung des Landes auf ein Rekordhoch, No-Go-Areas geh\u00f6ren dort mittlerweile zum Alltag, die Infrastruktur liegt am Boden und viele St\u00e4dte sind sanierungsbed\u00fcrftig. Was l\u00e4uft in vielen Bundesl\u00e4ndern schief? Was w\u00e4re Ihr Rat?<\/strong><\/p>\n<p>Es liegt mir fern, den anderen Bundesl\u00e4ndern gute Ratschl\u00e4ge zu erteilen. Klar ist aber die Verantwortung der rot-gr\u00fcnen Landesregierung f\u00fcr die Zust\u00e4nde in NRW. Deshalb wurde diese jetzt ja auch abgestraft.<\/p>\n<p><strong>Warum geht es <\/strong><strong>SPD<\/strong><strong>-regierten L\u00e4ndern im Vergleich zu Landesregierungen unter F\u00fchrung der Union oder der <\/strong><strong>CSU<\/strong><strong> wirtschaftlich immer schlechter?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, es ist schon erkennbar, dass unionsregierte Landesregierungen bessere Rahmenbedingungen setzen \u2013 und die richtigen Anreize geben. Denken Sie etwa an die Digitalisierung: Wir in Bayern unterst\u00fctzen unsere Unternehmen, gerade auch die kleineren und mittleren dabei, in digitale Anwendungen, Produktionsst\u00e4tten und Gesch\u00e4ftsmodelle zu investieren. Damit bleiben sie wettbewerbsf\u00e4hig oder haben gegen\u00fcber anderen Unternehmen in Zukunft sogar die Nase vorn.<\/p>\n<p><strong>Nach dem Schulz-Hype ist es ruhig um die <\/strong><strong>SPD<\/strong><strong> geworden. Bleibt uns Angela Merkel auch noch in der 5. Wahlperiode erhalten? Was macht das Geheimnis ihres Erfolges Ihrer Meinung nach aus. Merkel hat viele Krisen \u00fcberstanden, die schwierigste sicherlich die Fl\u00fcchtlingskrise, jetzt erstrahlt sie im neuen Glanz. Ist sie einr politische \u00dcberfliegerin?<\/strong><\/p>\n<p>Bis zur Bundestagswahl im September ist noch viel Zeit. Und eine Prognose \u00fcber den Ausgang der Wahl werde ich sicherlich nicht treffen. Klar ist, dass der SPD-Kanzlerkandidat den Menschen viele Antworten schuldig bleibt.<\/p>\n<p>Wir als CSU werden in den n\u00e4chsten Monaten bei den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern daf\u00fcr werben, Angela Merkel auch eine vierte Amtszeit als Bundeskanzlerin zu erm\u00f6glichen. Andere bilden sich ein zu wissen, was f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung gut ist \u2013 aber sie handeln nach Theorien und Thesen und nicht nach der Lebenswirklichkeit. Ohnehin w\u00e4ren sie in der aktuellen Weltlage ebenso \u00fcberfordert wie mit den \u00f6konomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen in unserem Land. Anders als Angela Merkel \u2013 mit ihrer Erfahrung und Gelassenheit.<\/p>\n<p><strong>Was sind die gro\u00dfen Wahlkampfthemen der <\/strong><strong>CSU<\/strong><strong> bis zur Bundestagswahl am 24. September. Worauf legen Sie den Fokus?<\/strong><\/p>\n<p>Wirtschaftspolitisch steht f\u00fcr uns im Fokus, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Arbeitspl\u00e4tze schaffen. Wir wollen unsere Unternehmen entlasten und so Anreize f\u00fcr Zukunftsinvestitionen setzen: Wir wollen das Steuersystem international wettbewerbsf\u00e4hig gestalten, Stichworte steuerliche FuE-F\u00f6rderung, steuerwirksame Sofortabschreibungsm\u00f6glichkeit beim Erwerb von Anteilen an beg\u00fcnstigten Start-ups oder degressive Abschreibung f\u00fcr digitalisierungsrelevante Investitionen. Wir wollen die Lohnzusatzkosten bezahlbar halten. Wir wollen ein modernes Arbeitsrecht als Antwort auf die Digitalisierung. Wir wollen eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir wollen die Energiewende planungssicher und bezahlbar gestalten. Wir wollen die Au\u00dfenhandelsbeziehungen ausbauen. Freier Handel ist elementar f\u00fcr uns als Exportnation.<\/p>\n<p><em>Das Interview wurde <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/vera-markert\/12319-zeichensetzer-der-kommunikation-2017-ausgezeichnet\">auf dem SignsAward17<\/a> gef\u00fchrt. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner hielt die Laudatio auf die \u201cPolitikerin des Jahres\u201d, die Ministerpr\u00e4sidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer.<\/em><\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Die schwarz-links-gr\u00fcne Bevormundungsrepublik<\/h1>\n<p>Dieselfahrern stehen harte Zeiten bevor. Ist das Dieselfahrverbot erst der Anfang vom Ende des Privatautos? Die Bundesrepublik wird immer mehr zu einer Verbotszone, wo immer weniger erlaubt ist. Freiheit geht anders. Berlin regiert zwischen Verbotswahn und neuer Wankelm\u00fctigkeit. Doch diese Ambivalenz kann dem B\u00fcrger nicht schmecken. Wir brauchen eine neue Protestkultur.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12027-diese-dieselpolitik-ist-unertraeglich-polemisch\">Luis F. Masallera<\/a><\/p>\n<p>Sind die angedrohten Dieselfahrverbote in M\u00fcnchen und Stuttgart nur eine \u201eList der Vernunft\u201c, die einer h\u00f6heren Dialektik entspringen, und die wir daher nicht verstehen, oder sind sie neue Imperative der Macht, die die Handlungsfreiheit des Einzelnen limitieren? Odysseus jedenfalls, der Held von Troja, h\u00e4tte an den Beschl\u00fcssen unserer schwarz-links-gr\u00fcnen Bundesregierung seine wahre Freude gehabt. Denn in Deutschland wird ein Trojanisches Pferd nach dem anderen durchs Dorf getrieben.<\/p>\n<h6>Nach Au\u00dfen liberal, im Innern dogmatisch<\/h6>\n<p>Nach Au\u00dfen gibt man sich liberal und republikanisch, als offene Gesellschaft, die die Selbstbestimmtheit zum Markenzeichen erkl\u00e4rt und die Aufkl\u00e4rung als Triumphzug der Moderne reklamiert; im Inneren allerdings birgt ein Zuviel an Freiheitszuweisungen auch gewisse Risiken, die schwer abzusch\u00e4tzen und daher am besten mit Verbotsschildern zu versehen sind.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik mutiert so peu \u00e0 peu zu einer Oase, wo zwar noch vieles erlaubt, immer mehr aber verboten, oder unter das ber\u00fchmte Kuratel \u2013 nicht der Vernunft \u2013, sondern der Politik gestellt wird. Statt demokratischer Teilhabe und liberalem Weltb\u00fcrgerstaat treten staatlich verordnete Sanktionen, die das Staatsvolk blass aussehen lassen.<\/p>\n<h6>Der Obrigkeitsstaat als Leviathan<\/h6>\n<p>Ob bei der Fl\u00fcchtlingskrise, bei der Klima-Hysterie, bei der Diskussion um die Abschaffung des Bargeldes, bei Heiko Maas\u2019 Fabebook-Maulkorb oder nun bei den Dieselverboten \u2013 die gro\u00dfen Entscheidungen obliegen der Staatsgewalt, die dogmatisch \u00fcber das Wohl und Wehe ihrer B\u00fcrger entscheidet. Dem B\u00fcrger bleibt in Zeiten von Gesinnungsethik und apokalyptischem \u00d6koterror das Nachsehen. Den richtungsweisenden Entscheidungen, als dem Imperium und Imperativ des Richtigen, kann er sich nur resigniert unterwerfen. Gegen den Staat als das theologisch aufgeblasene einzig wahre Faktum zu rebellieren, erscheint fast sinn- und zwecklos. Was einzig richtig ist und sich ziemt, was dem Staatsb\u00fcrger schickt, obliegt der Staatsgewalt, die dann apodiktisch \u00fcber wahr und falsch, \u00fcber Gebote und Verbote entscheidet. Wahrheit, so l\u00e4sst sich daraus schlie\u00dfen, ist wieder zu einer politischen Gr\u00f6\u00dfe geworden. Die vern\u00fcnftige Aufkl\u00e4rung feiert ihren Abgang von der B\u00fchne und der Leviathan richtet sich als m\u00e4chtiger \u00dcbervater auf.<\/p>\n<h6>Das postfaktische Dieselverbot<\/h6>\n<p>Die Zeiten demokratischer Entscheidungsprozesse scheinen allenthalben vorbei. Derzeit regiert der absolute Staat, der sich nicht nur in alles einmischt, sondern der sich auch anma\u00dft, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das Instrument, dessen er sich dabei bedient, ist eine Logik, in der sich gesellschaftliche Herrschaft und Bevormundung mit einer pseudo-\u00f6kologisch-rationalen Vernunft verschwistern und ein apokalyptisches Zukunftshorrorszenario entwerfen. Die Natur sei derart bedroht und stehe geradezu vor einem endzeitlichen Kollaps, hei\u00dft es nun, dass nun allein eine richtungsweisende Kompetenz Rettung verspricht. Diese ist mit dem angedrohten Verbot von Dieselautos gekommen und w\u00f6lbt sich wie eine dunkle Gewitterwolke \u00fcber die 13 Millionen deutschen Dieselenthusiasten. Waren diese einst Vorreiter f\u00fcr die Gr\u00fcne Revolution, werden sie daf\u00fcr nun abgestraft, weil der Feinstaub und nicht mehr das Kohlendioxid zum Politikum geworden ist. Doch gegen alle Hysterie steigen auch die Feinstaubimmissionen nicht, sondern diese sinken.<\/p>\n<h6>Der Diesel \u2013 reif f\u00fcr das Endlager?<\/h6>\n<p>Bis 2107 galt der Diesel als der Musterknabe, wenn es um die Senkung des CO2-Aussto\u00dfes ging. Er wurde von der Umwelt-Lobby und den Politikern gleicherma\u00dfen frenetisch gefeiert und als Alternative zum Benzinmotor angepriesen. Deutschland war Dieselland und die Erfindung von Rudolf Diesel der Verkaufsschlager. Klimakritiker und Alarmisten waren befriedet, die Umsetzung der Klimaziele r\u00fcckte in greifbare Reichweite. Doch das einst gepriesene Sparauto \u2013 samt 3-Liter-Verbrauchsmotor \u2013 wird jetzt pl\u00f6tzlich zum Umwelt-S\u00fcnder abgestempelt und stigmatisiert. Wer Diesel f\u00e4hrt, f\u00e4hrt gegen die Zukunft, ist letztendlich ein perfider Geselle, dem Natur und Feinstaub egal sind.<\/p>\n<p>Der Rollback ist vollzogen, die neuen Alternativen sind der alte Benziner und die Glorifizierung des Elektroantriebes. Die Politik hat sich \u2013 wieder einmal muss man sagen \u2013 wie einst beim Atomausstieg von ihrer einstigen Direktive verabschiedet. Unverhofft und \u00fcberraschend. Und vor allem unlogisch. Denn um den in Paris ratifizierten Klimaschutzplan zu realisieren, gibt es derzeit f\u00fcr den Diesel keine Alternative, es sei denn, man verschenkt das gepriesene Elektroauto an alle Betroffenen. Doch das f\u00e4hrt bekanntlich immer noch mit dreckiger Energie und ist bislang auch kein Klimarenner, wenn man \u00fcber die geringen Reichweiten mal nicht reflektiert.<\/p>\n<h6>Eine Abschaffung w\u00e4re eine Sabotage des Klimaschutzplans<\/h6>\n<p>Den sparsamen Motor mit Direkteinspritzung also auf das kalte Abstellgleis zu schieben, k\u00e4me einer \u201eSabotage des Klimaschutzplanes\u201c gleich. Wenn man in Berlin oder Stuttgart allseits gegen die postfaktische Unvernunft polemisiert, die jenseits der Faktenlage Propaganda macht, dann stehen zumindest beim Diesel und seinen Millionen Fahrern die Fakten diesmal nicht nur ganz beim Verbraucher, sondern auch beim Klima \u2013 zumal sich viele Pendler, einkommensschwache und kinderreiche Familien den \u00d6kologieluxus gar nicht leisten k\u00f6nnen und durch teure Neuanschaffungen finanziell ausgeblutet werden.<\/p>\n<h6>Deutschlands H\u00fctchenspieler<\/h6>\n<p>Doch in Deutschland hat die H\u00fctchenspielerpolitik immer wieder und sp\u00e4testens dann einen konjunkturellen Aufschwung, wenn es um die Sicherung der Macht geht. So hat die Bundeskanzlerin den Diesel im Superwahljahr k\u00fcrzlich verteidigt. Wohlgemerkt nur die Kanzlerin, Gr\u00fcne und Sozis bleiben auf altem Kurs. \u201eF\u00fcr den Klimaschutz\u201c, so Merkel, \u201eist das Dieselauto heute genauso ein gutes Auto wie es das gestern und vorgestern war.\u201c Und an die Adresse der Gr\u00fcnen, j\u00fcngst noch favorisierter Koalitionspartner einer m\u00f6glichen rot-schwarzen Regierung, gerichtet: \u201eIch finde es perfide von den Gr\u00fcnen und zum Teil auch den Sozialdemokraten, dass jetzt so getan wird (\u2026), als w\u00e4re all das, was wir den Menschen gesagt haben, falsch.\u201c Merkel geht damit ganz gezielt bei den Autofahrern auf Wahlfang. Die positive Dieseloffensive ist verlockend \u2013 zumindest f\u00fcr W\u00e4hler, die die Union bislang noch nicht auf dem Wahlzettel hatten.<\/p>\n<p>Aber Versprechungen im Wahlkampf haben eine ebenso lange Haltwertzeit wie fangfrischer Fisch in der Sonne. Das Verfallsdatum ist begrenzt. Und in der Politik gilt noch oft das Seehofersche Prinzip: Was interessieren mich meine Entscheidungen und Versprechungen von gestern?<\/p>\n<h6>Die neue Dialektik von Wankelm\u00fctigkeit und Bevormundung<\/h6>\n<p>Genau diese Wankelm\u00fctigkeit der politischen Entscheidungen, der Zick-Zack-Kurs, das ewige Hin-und Her, das Vor- und Zur\u00fcck, die Entscheidungsunf\u00e4higkeit einerseits und die rigide Verbotskultur andererseits, das Hase und Igel-Spiel \u2013 gepaart mit der Handlungsunf\u00e4higkeit der politischen Entscheider \u2013, all dies scheint eines der neuen Markenzeichen des Regierens geworden zu sein. Erst vor Kurzem hatte Robin Alexander in seinem Buch \u201eDie Getriebenen\u201c akribisch und detailliert nachgewiesen, wie es in Deutschland mit der Verantwortungslosigkeit beim Ausbruch der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 stand, wie die Entscheidungsunf\u00e4higkeit mit wankelm\u00fctiger Hand regierte, wo die rechte nicht wusste, was die linke tat. Getriebene sind zumindest eins nicht, verl\u00e4ssliche Entscheidet.<\/p>\n<p>Ob die neue Wankelm\u00fctigkeit im Bundeswahlkampf als politisches Programm taugt, mag der W\u00e4hler entscheiden. Wankelm\u00fctigkeit einerseits und normativer Bevormundungsstaat andererseits zeugen jedenfalls von einer politischen Schizophrenie in der Berliner Republik. Aber vielleicht l\u00e4sst sich die Wankelm\u00fctigkeit und Entscheidungsschw\u00e4che nur mit Bevormundung und rigider \u00dcberwachung \u00e0 la Heiko Maas kompensieren. Vielleicht ist das die neue postfaktische Dialektik, die je nach Gusto ins Gegenteil schwenkt und deren Alternativlosigkeit sich genau darin zeigt, \u00fcber die Fakten, die 13 Millionen Dieselfahrzeuge, einfach hinwegzugehen.<\/p>\n<h6>Wann werden wir endlich m\u00fcndige B\u00fcrger?<\/h6>\n<p>Und so k\u00f6nnte das geplante Dieselfahrverbot erst der Anfang einer neuen \u00f6kologischen Umerziehungswelle sein, an deren Ende der g\u00e4nzliche Verzicht auf das private Automobil steht und verordnet wird. Damit jedenfalls w\u00fcrde der letzte Hort individueller Freiheit ein weiteres Opfer des allm\u00e4chtig-wankelm\u00fctigen Leviathans. Die Alternative zum Autoverbot sind Busse, S- und U-Bahnen. Doch die sind so etwas wie die Turbos in Sachen Feinstaub.<\/p>\n<p>Mit der Stimmungsmache gegen den Diesel hat der Kampf gegen das Auto an sich jedenfalls begonnen. Und die Bundesb\u00fcrger sollten endlich mal wieder Protest lernen, eine demokratische Protestkultur entwickeln und nicht wie die Kaninchen vor der Schlange kuschen und sich dabei von den selig machenden Klimaaktivisten in Berlin oder Stuttgart ins Bockshorn jagen lassen. Bislang zumindest l\u00e4sst sich der Deutsche noch zu viel gefallen, bislang!<\/p>\n<h1>Wie stehen Glaube und Vernunft zueinander?<\/h1>\n<p>\u201cWir sind Papst\u201d titelte einst \u201cBild\u201d. Nun feiert der geb\u00fcrtige Deutsche Joseph Ratzinger seinen 90. Geburtstag. 2013 ist Benedikt XVI. vom Amt zur\u00fcckgetreten und lebt nun zur\u00fcckgezogen im Vatikan. Eine Frage hat ihn sein ganzes Leben immer wieder angetrieben. Wie stehen Vernunft und Glauben zueinander? Am 16. April wird er 90.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi\">gettyimages<\/a><\/p>\n<p>\u201eEs ist ausgeschlossen, da\u00df unser Glaube den Verzicht auf vernunftgem\u00e4\u00dfe Erkl\u00e4rung oder vernunftgem\u00e4\u00dfes Forschen verlangt. Denn wir k\u00f6nnen nicht glauben, wenn wir nicht vern\u00fcnftigbegabte Seelen h\u00e4tten. Wenn es also ein Vernunftgebot ist, da\u00df bei gewissen erhabenen Dingen, die wir noch nicht begreifen k\u00f6nnen, der Glaube der Vernunft vorausgeht, so geht auch ohne Zweifel ein bi\u00dfchen Vernunft, die uns dieses lehrt, dem Glauben voraus.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn1\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Die \u201eKorrelationalit\u00e4t\u201c von Vernunft und Glauben<\/h6>\n<p>Da\u00df sich das Verh\u00e4ltnis, die \u201eKorrelationalit\u00e4t\u201c, zwischen Glaube und Vernunft (fides et ratio) im theologisch-philosophischen Denken Ratzingers als eine wichtige S\u00e4ule herauskristallisieren l\u00e4\u00dft, f\u00fchrt zugleich zu der Frage, wie dieses Verh\u00e4ltnis zu denken ist, oder anders formuliert, wem geh\u00f6rt das Pr\u00e4? Diese Thematik innerhalb der Theologie interessiert umso mehr, wenn die philosophische Grundlage des Christentums mit dem \u201eEnde der Metaphysik\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn2\">2<\/a><\/sup> selbst problematisch geworden ist. Wie ist in einem postmetaphysischen Zeitalter und in einer Zeit, wo das Theologische aus der \u201eme\u00dfbaren temporalen Geographie\u201c verschwunden ist,<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn3\">3<\/a><\/sup> wo Gott im \u201eGhetto der Funktionslosigkeit\u201c angesiedelt wird,<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn4\">4<\/a><\/sup> dann von Vernunft zu sprechen, und was mu\u00df die Vernunft leisten, da\u00df sie einem zunehmend transversalem Vernunftbegriff<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn5\">5<\/a><\/sup> kritisch entgegentreten kann? Oder mit den Worten Ratzingers formuliert: \u201eWelche Art von Vern\u00fcnftigkeit eignet dem christlichen Glauben? Wie ordnet er sich in das Ganze unserer Existenz ein; ist er mit den grundlegenden Erkenntnissen vereinbar, die die moderne Vernunft gewonnen hat? Antwortet er auf vern\u00fcnftiges Fragen und ist seine Vernunft mitteilbar?\u201c<\/p>\n<p>Bedingt die Vernunft also den Glauben, der sich dann als vernunftgeleiteter begreifen lassen mu\u00df, was letztendlich zu einer Subordination von Glaube und Religion unter die Vernunft f\u00fchren w\u00fcrde, wie das obige Zitat aus Augustinus\u2019 \u201eEpisulae\u201c nahelegt? Auch eine Passage im \u201eAngelusgebet\u201c vom 28. Januar 2007 scheint dies zumindest zu untermauern, denn hier bezieht sich Benedikt XVI. auf den von Thomas von Aquin formulierten wechselseitigen Dialog einer synthetischen Harmonie von Vernunft und Glaube, wenn es hei\u00dft: \u201eDer Glaube setzt die Vernunft voraus und vervollkommnet sie, und die vom Glauben erleuchtete Vernunft findet die Kraft, sich zur Erkenntnis Gottes und der geistlichen Wirklichkeiten zu erheben.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn6\">6<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Oder ist die g\u00f6ttliche Vernunft als ein sich offenbarender Glaube zu denken, der die endliche Vernunft reguliert und dieser deutend eingreifend zur Korrektur steht? Noch anders formuliert: Ist die menschliche Vernunft derart hilfsbed\u00fcrftig, wie Hansj\u00fcrgen Verweyen<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn7\">7<\/a><\/sup> und Klaus M\u00fcller<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn8\">8<\/a><\/sup> es in Ratzingers Vernunftbegriff hineininterpretieren wollen, wenn sie einen \u201eschwachen Vernunftbegriff\u201c in seinen Werken postulieren, der sogar Z\u00fcge eines postmodernen Relativismus in sich tr\u00e4gt, so da\u00df der Glaube die Vernunft retten mu\u00df, damit diese nicht in Beliebigkeit versinkt?<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Habermas bestreitet gar ein generelles Zugehen von Glaube und Vernunft; der Glaube habe vielmehr diese s\u00e4kulare Vernunft zu akzeptieren, denn am Faktum der zerbrochenen Synthese zwischen Glaube und Wissen ist nicht mehr vorbeizukommen, eine Erweiterung der s\u00e4kularen in die allgemein-christliche Vernunft undenkbar;<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn9\">9<\/a><\/sup> Habermas r\u00e4umt aber ein, da\u00df \u201edie aufgekl\u00e4rte Moderne kein angemessenes \u00c4quivalent f\u00fcr eine religi\u00f6se Bew\u00e4ltigung\u201c der letzten Dinge sei.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn10\">10<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Die Vern\u00fcnftigkeit der Welt<\/h6>\n<p>Bereits in seiner \u201eEinf\u00fchrung in das Christentum\u201c hatte Ratzinger im Blick auf den Johannes-Prolog den Logos mit Gott identifiziert und vermerkt: \u201eDer Gott, der Logos ist, verb\u00fcrgt uns die Vern\u00fcnftigkeit der Welt, die Vern\u00fcnftigkeit unseres Seins.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn11\">11<\/a><\/sup> Von der \u201eGottgem\u00e4\u00dfheit der Vernunft\u201c und der \u201eVernunftgem\u00e4\u00dfheit Gottes\u201c war dort die Rede.<\/p>\n<p>Und in seiner Regensburger Vorlesung \u201eGlaube und Vernunft\u201c hat Benedikt XVI. diesen Gedanken wiederum hervorgehoben und unterstrichen: \u201eNicht vernunftgem\u00e4\u00df handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn12\">12<\/a><\/sup> Die Frage, die sich daran anschlie\u00dft, ist, ob \u201ees nur griechisch\u201c ist, \u201ezu glauben, dass vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn13\">13<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Der Gott der Griechen<\/h6>\n<p>Zur Disposition steht damit zum einen der griechische Begriff des Absoluten als absoluter Vernunft und der christliche Gottesbegriff als sich in Wort und Handeln offenbarender Logos.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn14\">14<\/a><\/sup> Bereits hier zeigt sich, da\u00df der Vernunftbegriff, den Benedikt XVI. vor Augen hat, nicht die unpers\u00f6nliche Vernunft eines unbewegten Bewegers \u00e0 la Aristoteles oder einer sich selbst denkenden Noesis im Sinne des neuplatonischen Modells sein kann. Der johanneische Gottesbegriff als vern\u00fcnftig-sch\u00f6pferische Offenbarung bleibt das A und O, was aber keineswegs jenes immer wieder von Ratzinger postulierte Aufeinanderzugehen von biblischem Glauben und griechischem Denken in Frage stellen soll; vielmehr obliegt sowohl dem griechischen Denken als auch dem johanneischen Vernunftbegriff jene Katharsis vom mythischen Denken, beide sind Aufkl\u00e4rung, aufgekl\u00e4rte Vernunft; die griechische Philosophie kommt mit ihrer Begriffslogik dem christlichen Denken entgegen. Das mythosbefreite Christentum und die sokratische Kritik am Mythos sind beide religionskritisch. \u201eIm Christentum ist Aufkl\u00e4rung Religion geworden.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn15\">15<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Aber im Gegensatz zum unpers\u00f6nlichen Logos-Begriff der griechischen Nous-Reflexion, ist der christliche Vernunftbegriff auf einen Gottesbegriff zur\u00fcckzuf\u00fchren, der nicht als absolut jenseitige Transzendenz gedacht werden kann, als ein der Vernunft sich restlos verschlie\u00dfender, der sich, wie sp\u00e4ter im Voluntarismus als Willk\u00fcrgott auch ganz anders entscheiden k\u00f6nnte, sondern er wird als einer vorgestellt, der in Beziehung zu seinen Gesch\u00f6pfen steht, die als vernunftbegabte Wesen Anteil an der g\u00f6ttlichen Vernunft haben. Zwischen ewigen Sch\u00f6pfergeist und der geschaffenen, der kreat\u00fcrlichen Vernunft, gibt es eine Analogie, die auch dann besteht, wenn diese geschaffene Vernunft letztendlich daran scheitert, den g\u00f6ttlichen Logos an sich selbst zu begreifen. Selbst wenn daher die Un\u00e4hnlichkeiten gr\u00f6\u00dfer als die \u00c4hnlichkeiten sind \u2013 die Analogie bleibt. \u201eGott wird nicht g\u00f6ttlicher dadurch, dass wir ihn in einem reinen und undurchschaubaren Voluntarismus entr\u00fccken, sondern der wahrhaft g\u00f6ttliche Geist ist der Gott, der sich als Logos gezeigt und als Logos liebend f\u00fcr uns gehandelt hat.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn16\">16<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Das Ethos der Verantwortung<\/h6>\n<p>Eine radikale \u00dcbersteigerung der Vernunft, eine wie im Neuplatonismus nahegelegte transzendente R\u00fcckkehr in das Eine, die als mystischer Vollzug zur absolut-ekstatischen Henosis<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn17\">17<\/a><\/sup> f\u00fchrt, weist Ratzinger zur\u00fcck,<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn18\">18<\/a><\/sup> denn das Wesen der g\u00f6ttlichen Offenbarung ist das Wort und nicht die transzendente Aufhebung des denkenden Ich in Gott.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn19\">19<\/a><\/sup> Schon in der \u201eEinf\u00fchrung in das Christentum\u201c unterstrich er das \u201eEthos der Ver-antwortung, als Antwort auf das Wort\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn20\">20<\/a><\/sup> und damit zugleich die \u201eSeins- und Geschichtsm\u00e4chtigkeit\u201c dieses Wortes. Gegen eine radikale Transzendierung des Logos spricht dann auch, da\u00df f\u00fcr Ratzinger der g\u00f6ttliche Logos in Jesus Christus zu einem \u201eFactum historicum\u201c wurde. Die g\u00f6ttliche Vernunft hat ein Gesicht \u2013 Jesus Christus,<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn21\">21<\/a><\/sup> denn \u201ewer mich sieht, sieht den Vater\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn22\">22<\/a><\/sup> \u201eOhne Christus reicht jedoch das Licht der Vernunft nicht aus, um den Menschen und die Welt zu erleuchten.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn23\">23<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Da\u00df, wie bereits betont, am Bindestrich zwischen griechischer Metaphysik und biblischem Glauben festzuhalten ist, hat auch Benedikt XVI. in Regensburg erneut bekr\u00e4ftigt, wenn er sich hier wiederum gegen die \u201eWellen der Enthellenisierung\u201c ausspricht. Mit Luthers Sola Scriptura beginnt f\u00fcr ihn ein Proze\u00df, der die Philosophie und damit letztendlich auch die Vern\u00fcnftigkeit des griechischen Logos-Begriffs aus der Glaubenslehre verdr\u00e4ngt. Metaphysik und Ontologie, die f\u00fcr Ratzinger innerhalb seines Gottesbegriffes eine zentrale Rolle spielen, verblassen im Rekurs auf eine R\u00fcckbestimmung auf die Urgestalt des Glaubens im biblischen Wort. Diese Tendenz zur Enthellenisierung, so Benedikt XVI. kritisierend, greift Adolf von Harnack<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn24\">24<\/a><\/sup> sp\u00e4ter dann in seiner historisch-kritischen Methode auf, wenn er sich von allen philosophisch-theologischen Implikaten zugunsten der rein moralischen Botschaft des Neuen Testaments verabschiedet, oder wenn, wie bei Rudolf Bultmann, Jesus nur auf das \u201eDass\u201c seines Existierhabens reduziert wird, auf das Kerygma, auf das Ereignis des verk\u00fcndeten Wortes, das die verschlossene menschliche Existenz auf ihre Eigentlichkeit hin \u00f6ffnet.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn25\">25<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Sowohl gegen Harnack als auch gegen Bultmann h\u00e4lt Ratzinger mit Nachdruck fest, da\u00df das Wesentliche des Christentums, die \u201eGottheit Christi\u201c und die \u201eDreieinigkeit\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn26\">26<\/a><\/sup> sei und bezieht damit eine strikte Kritik an einer blo\u00df historisch-wissenschaftlichen argumentierenden Theologie, die die Person Christi letztendlich nicht im Rahmen der Theo-logie verortet, sondern deren Botschaft quasi auf eine rein praktische Vernunft reduziert, oder wie bei Kant, Gott lediglich als hypothetisches Postulat der praktischen Vernunft begreift, der in den Grenzen der theoretischen Vernunft, wie die \u201eKritik der reinen Vernunft\u201c deutlich belegt, \u00fcberhaupt keine Rolle spielt, weil dem Begriff keine Anschauung korrespondiert.<\/p>\n<h6>Die Kritik an der Vernunft der Moderne<\/h6>\n<p>Der Abschied von der Metaphysik im Zeichen der Moderne, eben auch der sich in und mit Kant voll entfaltenden Aufkl\u00e4rung, so Ratzinger, impliziert zugleich einen Abschied vom griechischen Logos-Denken. Theo-logie wird zu einem blo\u00dfen Als-Ob \u2013 ganz im Sinne der neuzeitlichen Vernunftbeschr\u00e4nkung. Was \u00fcbrig bleibt ist eine Vernunft, die nicht nur die Gottesfrage ausklammert, sondern diese f\u00fcr vorwissenschaftlich und vorvern\u00fcnftig erkl\u00e4rt, in den Grenzen der blo\u00dfen Vernunft ansiedelt, weil sie der Synthese zwischen mathematischer Struktur und Empirie als Fremdk\u00f6rper, als \u201earmseliges Fragmentst\u00fcck\u201c, gegen\u00fcbersteht.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn27\">27<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Diese Reduktion der Theo-logie aber auf diese Form von Wissenschaftlichkeit und historisch-kritischer Methode verengt insgesamt die Weite der Vernunft, eben ihre Synthesef\u00e4higkeit mit dem Glauben und kulminiert schlie\u00dflich in den vielbeschworenen \u201ePathologien der Religion und der Vernunft\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn28\">28<\/a><\/sup>. Diese sich selbst beschr\u00e4nkende Vernunft, wie der Vorwurf Benedikts XVI in seiner Regensburger Rede von der \u201eSelbstkritik der Moderne\u201c lautet, f\u00fchrt letztendlich auf eine Verk\u00fcrzung des Wissenschaftsbegriffs und zwingt das Subjekt dazu, da\u00df es sich bei seinen existentiellen Fragen eben nur noch auf die neue Form der Wissenschaftlichkeit und deren Erfahrungsabh\u00e4ngigkeit bestimmen kann, der Blick dar\u00fcber hinaus bleibt ihm unm\u00f6glich. Der alte Mythos wird nur von einem anderen ersetzt. Damit wird die Vernunft ganz auf das subjektiv individuelle Gewissen als Ausweis der einzig ethischen Instanz reduziert, wird zum Adressaten ihres eigenen Fragens und kann nichts anderes erwarten, als sich auf seine Fragen selbst die Antworten zu geben.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn29\">29<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Selbstvergottung der Moderne<\/h6>\n<p>Und genau in dieser selbstreferentiellen Bez\u00fcglichkeit einer glaubensunabh\u00e4ngigen und autonomen Vernunft liegt f\u00fcr Benedikt XVI. die gro\u00dfe Gefahr nicht nur f\u00fcr eine Art Selbstvergottung der endlich-menschlichen Vernunft, die sich allein zum Ma\u00dfstab macht, sondern auch die M\u00f6glichkeit, in eine postmoderne Beliebigkeit zu verfallen, zu einer \u201eschwachen Vernunft\u201c zu werden, die alles erlaubt, weil sie ihre eigene Grenze und ihr eigenes Gesetz ist und die Ma\u00dfst\u00e4be und Regularien nach Belieben erweitern kann. Eine Ausweitung des Vernunftbegriffs, wie ihn der Papst in Regensburg forderte, und strikt betonte, da\u00df es ihm nicht um ein Rollback der Aufkl\u00e4rung und einen \u201eKreuzzug gegen die Moderne\u201c, wie oft vorgeworfen, geht,<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn30\">30<\/a><\/sup> ist nur m\u00f6glich, auch und unter dem Anspruch einer allgemein-universellen G\u00fcltigkeit dieser Vernunft, \u201ewenn wir die selbstverf\u00fcgte Beschr\u00e4nkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare \u00fcberwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder er\u00f6ffnen.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn31\">31<\/a><\/sup> Denn eine \u201eVernunft, die dem G\u00f6ttlichen gegen\u00fcber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdr\u00e4ngt, ist unf\u00e4hig zum Dialog der Kulturen\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn32\">32<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Diese Weitung der Vernunft gelingt aber nicht, wenn die Rationalit\u00e4t auf ihre \u201einstrumentalen, utilitaristischen\u201c und funktional-berechnenden Aspekte reduziert wird, denn dabei geht nicht nur die Frage nach der Wahrheit verloren, Glaube und Vernunft haben ja trotz ihrer Verschiedenheit eine wichtige Funktion im Dienst der Wahrheit, haben \u201eihre urspr\u00fcngliche Grundlage in der Wahrheit,<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn33\">33<\/a><\/sup> sondern mit dem Deutungsanspruch der immanent-autonomen Vernunft wird der Glaube aus der Vernunft ausgeschlossen.<\/p>\n<h6>Neuer Fideismus?<\/h6>\n<p>Diesem aus der transzendentalen Vernunft ausgeschlossenen Glauben wird nicht nur der Wahrheitsanspruch aberkannt, der aber eine der wesentlichen Grundkategorien \u2013 neben der Liebe \u2013 der christlichen Offenbarung ist, sondern der Glaube wird radikal von der Vernunft getrennt, was auf einen neuen \u201eFideismus\u201c hinausl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Gerade diese theologische Richtung, nach der die \u00fcbernat\u00fcrliche Offenbarung als einzige Quelle des Glaubens und als Ursprung allen Wissens verstanden wird, will Ratzinger aber mit seiner Synthese zwischen Glaube und Vernunft nicht vertreten wissen. Was aus dieser Ausklammerung folgt ist, da\u00df \u201eder Glaube jeder Form der Rationalit\u00e4t und der Intelligibilit\u00e4t beraubt und dazu bestimmt\u201c wird, \u201esich in einen nicht definierbaren Symbolismus oder in ein irrationales Gef\u00fchl zu fl\u00fcchten.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn34\">34<\/a><\/sup> Der religi\u00f6se Glaube ist dann keiner rationalen Begr\u00fcndung mehr f\u00e4hig, das \u201eund\u201c ist gestrichen. Und eine Vernunft, die ihren Wahrheitsanspruch aufgibt, verf\u00e4llt dem Subjektivismus und der privaten Meinung.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn35\">35<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Was ist die \u201eschwache\u201c Vernunft?<\/h6>\n<p>Diese Reduzierung auf die blo\u00dfe Meinung \u2013 darin sieht Ratzinger in seiner Erl\u00e4uterung zur Enzyklika \u201eFides et ratio\u201c 1998 jene \u201eSchw\u00e4che\u201c der Vernunft. Insofern haben Verweyen und M\u00fcller dann Recht, wenn sie Aspekte f\u00fcr eine \u201eschwache\u201c Vernunft im Werk Ratzingers sehen wollen, die wahrheitsverlassene Vernunft ist schwach; nur gilt dies nicht f\u00fcr Ratzingers Begriff von Vernunft generell \u2013 als Korrelat des Glaubens, der die Vernunft an ihre Kreat\u00fcrlichkeit erinnert, sondern eben nur f\u00fcr die s\u00e4kularisierte Vernunft und f\u00fcr die \u201eschwachen und sehr begrenzten nat\u00fcrlichen Anlagen\u201c. <sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn36\">36<\/a><\/sup> Aber genau um diese geht es ihm ja auch, letztendlich um ein Zur\u00fcckholen der s\u00e4kularisierten in die allgemeine Vernunft, zumindest um diese M\u00f6glichkeit, und daf\u00fcr wirbt die Enzyklika \u201eFides et ratio\u201c, das nun anstelle von blo\u00dfer Meinung die metaphysische F\u00e4higkeit der Vernunft hinzutritt.<\/p>\n<p>Ratzinger betont aber zugleich, da\u00df diese Reinigung nicht in einem von au\u00dfen verordneten Rechtsanspruch des Christentums aufgezwungen werden kann, denn das k\u00e4me einem Proselytismus gleich, von dem er sich 2007 distanzierte, weil dieser nicht mit der Freiheit des Christen vereinbar sei. Die L\u00e4uterung zum christlichen Glauben ist nur als ein vern\u00fcnftiger Akt denkbar \u2013 clare et distincte.<\/p>\n<h6>Die die \u201emetaphysische Dimension der Wirklichkeit\u201c<\/h6>\n<p>Damit diese qua Freiheit sich vollziehende Einsicht in den Glauben sich ereignen kann, mu\u00df dem Glauben eine Form von Philosophie korrespondieren, der es zum einen gelingt, die \u201emetaphysische Dimension der Wirklichkeit\u201c zu erkennen, die den \u201efundamentalen Fragen der Existenz\u201c ohne \u201ereduktionistisches Vorverst\u00e4ndnis\u201c gegen\u00fcber offen ist, zum anderen aber auch ganz klar die Grenze zu Positivismus, Materialismus, Szientismus, Historismus, Relativismus und Nihilismus zu ziehen vermag.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn37\">37<\/a><\/sup> Anders gesagt: Die philosophische Vernunft kann nur dann mit dem Christentum konform gehen, wenn sie als recta ratio den wesentlichen Kern der christlichen Offenbarung mittr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Dies gelingt aber nicht der \u201eschwachen Vernunft\u201c, sondern nur jener, die Einsicht in die Glaubenswahrheit hat und zu der Benedikt XVI. ermutigt, wenngleich ihm dieser Vernunftbegriff immer wieder die Kritik einbrachte, die Vernunft \u00fcberzustrapazieren, oder anders gesagt: da\u00df er f\u00fcr eine zu starke Vernunftgl\u00e4ubigkeit pl\u00e4dierte. Die Grenze der Vernunft bleibt, sie kann nicht den Anspruch erheben, die Theo-logie zu ersetzen, um diese zur Ancilla Philosophiae zu machen, denn wenn dies geschehen w\u00fcrde, w\u00e4re auch der Gottesbegriff obsolet, der als Wirklichkeit das alles verstehende Denken transzendiert; die Grenzen unseres vern\u00fcnftigen Verstehens k\u00f6nnen nicht die Grenzen Gottes sein. Wo dies allerdings geschieht, da treffen sich die \u201eerkrankte Vernunft und die mi\u00dfbrauchte Religion [\u2026] im gleichen Ergebnis.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn38\">38<\/a><\/sup> Die g\u00f6ttliche Offenbarung qua Vernunft \u00fcbersteigt zwar die menschliche Vernunft supra rationem, aber sie ist nicht contra rationem.<\/p>\n<h6>Die Rede von dieser vern\u00fcnftigen Interkulturalit\u00e4t<\/h6>\n<p>Wie ist aber diese Vernunft zu denken, die der s\u00e4kularen beiseite stehen soll, und wie mu\u00df sie beschaffen sein, da\u00df \u201edie begegnenden Kulturen ethische Grundlagen finden k\u00f6nnen, die ihr Miteinander auf den rechten Weg f\u00fchrt\u201c?<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn39\">39<\/a><\/sup> Ratzinger geht es immer wieder um jenen Aspekt einer Vernunft, die eine interkulturelle und interreligi\u00f6se Relevanz f\u00fcr sich in Anspruch nehmen will, immer wieder ist die Rede von dieser vern\u00fcnftigen Interkulturalit\u00e4t, die als \u201eLogos-Vernunft\u201c dem Auftrag verpflichtet sei, \u201enach einem gemeinsamen Verstehen von Verantwortung mit aller redlich fragenden Vernunft und mit den gro\u00dfen religi\u00f6sen Traditionen der Menschheit zu suchen\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn40\">40<\/a><\/sup> Der Vernunft obliegt es, in den intra-religi\u00f6sen Dialog einzutreten, und zwar so, da\u00df sich der christliche Vernunftbegriff als allgemein-g\u00fcltiger, universaler artikulieren kann.<\/p>\n<p>Um den Vernunftbegriff Ratzingers zu verstehen, ist ein Blick in sein Buch \u201eDogma und Verk\u00fcndigung\u201c erhellend, den hier pr\u00e4zisiert er anhand des Begriffs der Person letztendlich auch seine Vorstellung von Vernunft, die er aus zwei Urspr\u00fcngen des Personenbegriffs ableitet \u2013 aus der Gottesfrage und dem Ursprung der Christusfrage.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn41\">41<\/a><\/sup> \u201eDer christliche Gott ist nicht nur Vernunft, objektiver Sinn, Geometrie des Weltalls, sondern er ist Anrede, Beziehung, Wort und Liebe. Er ist sehende Vernunft, die sieht und h\u00f6rt, die gerufen werden kann und den Charakter des Pers\u00f6nlichen hat. Der \u201aobjektive Sinn\u2019 der Welt ist ein Subjekt, in Beziehung zu mir.\u201c <sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn42\">42<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Das dialogisch-theologische Prinzip<\/h6>\n<p>Wenn christlicher Glaube immer meint, aus der isolierten Existenz herauszutreten, um \u201eExistenzeinheit\u201c mit Christus zu sein, ist im Glauben ein dialogisches Verh\u00e4ltnis gesetzt; Glaube ist damit nicht nur Antwort auf das Wort, sondern diese Antwort ist nur m\u00f6glich, wenn Gott sich zum Dialog entschlossen hat. Dieses dialogisch-theologische Prinzip, und darum ist Ratzinger der Gedanke der Trinit\u00e4t so wichtig, weil in ihr das dialogische Prinzip Wirklichkeit ist, Instanzcharakter hat, ist doppelt relational, einmal von Gott aus, das andere Mal vom Menschen. Nur Gott als Person kann in einen Dialog eintreten, also ein Beziehungsgef\u00fcge errichten, was einer Hypostase als a-pers\u00f6nlicher Wesenheit niemals m\u00f6glich ist, selbst wenn in der Sp\u00e4tantike, worauf Werner Beierwaltes hinweist, bereits der Gedanke immer wieder eine Rolle spielt, da\u00df Gleiches Gleiches erkennen kann.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn43\">43<\/a><\/sup> Neu allerdings \u2013 und sich vom griechischen \u201eproposon\u201c absetzend \u2013 tritt der Personengedanke das erste Mal bei Tertullian in seiner Gottesformel \u201euna substantia \u2013 tres personae\u201c auf, die in ihrer endg\u00fcltigen Form dann zur \u201euna essentia \u2013 tres personae\u201c wurde.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn44\">44<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Der Personenbegriff als \u201eRealit\u00e4t der Beziehung\u201c v<\/h6>\n<p>Der Personenbegriff konkretisiert sich f\u00fcr Ratzinger in der \u201eRealit\u00e4t der Beziehung\u201c von Vater-Sohn. Das Neue Testament verdeutlicht so exemplarisch ein Bewu\u00dftsein, \u201edas wesentlich Beziehung, sch\u00f6pferische, liebende, erkennende Beziehung ist. Der Gott der Bibel ist nicht nur Bewu\u00dftsein, sondern Wort, nicht nur Erkenntnis, nicht nur Grund des Seins, sondern tragende Kraft allen Sinnes.\u201e<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn45\">45<\/a><\/sup> Gott wird zuerst als Person erkennbar, zuerst als innertrinitarischer, dann als der Sohn, der am Kreuz gestorben und wieder auferstanden ist.<\/p>\n<p>Dieser innertrintarische Personengedanke spielt dann in der Offenbarung als Vernunft, als Logos, Liebe, Sinn, eine zentrale Rolle, denn wie die Person immer Relation einschlie\u00dft, nur durch Relation ist, ist die kreat\u00fcrlich-reflexive Vernunft st\u00e4ndig im Dialog mit dem Glauben. Jesus Christus ist der \u201eganz \u00fcber sich hinausgekommene und so wahrhaft zu sich gekommene Mensch\u201c und der Mensch ist, \u201eum so mehr bei sich, je mehr er beim anderen ist.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn46\">46<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Diese christologische, beziehungsweise anthropologische Bestimmung bedeutet auf die Vernunft \u00fcbertragen, da\u00df diese sich immer von einem andern her empf\u00e4ngt, sie ist damit immer Bild, genauer Abbild der g\u00f6ttlichen Vernunft. Bei dieser Bestimmung der Vernunft als Bild des Logos spielen johanneische Theologumena und platonische Philosopheme ineinander.<\/p>\n<h6>Die selbstreflexive T\u00e4tigkeit der Vernunft<\/h6>\n<p>In der selbstreflexiven T\u00e4tigkeit der Vernunft erf\u00e4hrt diese sich einerseits als unhintergehbar, sie kommt nicht h\u00f6her als in die Einsicht ihrer eigenen Vern\u00fcnftigkeit. Andererseits wird sie durch den Glauben, indem sie auf sich selbst reflektiert, quasi m\u00e4eutisch, auf ihren Ursprung hin verwiesen. Anders gesagt: Aus der g\u00f6ttlichen Vernunft, aus dem Gedachtsein in und durch Gott, gewinnt sich das vern\u00fcnftige Ich-denke, spiegelt in sich den alles umfassenden Logos, der \u201e\u00fcber allem\u201c, \u201ein allem\u201c ist. Die menschliche Vernunft kommt nicht von Au\u00dfen hinzu, sondern geh\u00f6rt zum innersten Kern des schaffenden Logos. \u201eAber gerade in diesem tiefsten Insein verleibt sein unendliches \u00dcber-sein.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn47\">47<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Der Unterschied zu Kant<\/h6>\n<p>Im Unterschied zur Transzendentalphilosophie Kants, worin das Ich-denke alle meine Vorstellungen begleiteten mu\u00df, ist die Bestimmtheit der endlichen Vernunft bei Ratzinger eben deutlich von Augustinus und letztendlich von Platons Ideenlehre her gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Diesen Primat des Logos vor dem Ethos unterstreicht Ratzinger, im Anschlu\u00df an Romano Guardini, wenn er betont, da\u00df das Sein vor der Tat ist, der Sinn vor dem Gedachten. Nicht das Tun schafft den Sinn, sondern der Sinn schafft das Tun.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn48\">48<\/a><\/sup> \u201eDer Sinn ist nicht eine Funktion unseres Schaffens, sondern seine vorausgehende Erm\u00f6glichung.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn49\">49<\/a><\/sup> Ein transzendentales Ich, das Gott als Implikat setzt und den Vernunftbegriff in das transzendentale Bezugssystem einbezieht, ist f\u00fcr Benedikt XVI. undenkbar, denn damit w\u00e4re anstelle der Transzendenz-Offenheit der Vernunft letztendlich nur ihr Abh\u00e4ngigsein vom reflektierenden Ich herausgestrichen, was zugleich auf eine Hybris hinauslaufen w\u00fcrde und die Geschaffenheit der Welt durch den g\u00f6ttlichen Logos in Frage stellte.<\/p>\n<h6>Die Aporie der verkapselten transzendentalen Vernunft<\/h6>\n<p>Eine in sich verkapselte transzendentale Vernunft vermag auch mit Blick auf die Wahrheitsfrage nicht gen\u00fcgen, denn die Wahrheit hat sie immer nur als vermittelte, als gesch\u00f6pfliche. Sie kann sich aber an diese erinnern, sofern sie \u00fcber sich und damit auch den Gedanken reflektiert, da\u00df sie sich nicht selbst verursacht haben kann, sondern vielmehr, da\u00df alles Denken und Erkennen Gedachtsein ist. Ohne den immer schon vorausgegangenen Denkakt Gottes w\u00e4re die Vernunft nicht, sie kann darauf nur antworten, dies vermag sie aber sowohl erkenntnistheoretisch als auch praktisch handelnd, wenn sie aus Freiheit den g\u00f6ttlichen Wertekanon vollzieht. \u201eDie Sch\u00f6pfung verweist nicht nur im Bereich der theoretischen Vernunft auf ihn, sondern auch im Bereich der praktischen Vernunft,\u201c denn im Gewissen ist der Sch\u00f6pfer dem Gesch\u00f6pf gegenw\u00e4rtig.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn50\">50<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Zum Verh\u00e4ltnis von Logostheologie und Sch\u00f6pfungstheologie<\/h6>\n<p>Logostheologie und Sch\u00f6pfungstheologie beziehen sich bei Ratzinger stark aufeinander. Die Sch\u00f6pfung bleibt der notwendige Hinweis, das Symbol, die \u00fcber sich selbst hinausweist. Damit tr\u00e4gt sie f\u00fcr den Akt der Vernunfterkenntnis und der transzendenten Offenheit der Vernunft letztendlich nicht wie im gnostischen Dualismus eine negative Qualit\u00e4t, auch nicht wie im Neuplatonismus Plotins eine seinsvermindernde Qualit\u00e4t, da der endliche Kosmos nicht das dualistisch gedachte Gegenprinzip ist, der verneint werden mu\u00df, sondern der origin\u00e4re Ort, von wo die endliche Vernunft ihren Ausgang nimmt.<\/p>\n<h6>Der Stellenwert des Endlichen<\/h6>\n<p>Wenn in der Theo-logie Ratzingers der endliche Kosmos derart aufgewertet wird, zeigt sich bei aller begr\u00fcndungstheoretischen N\u00e4he zum Geist des Griechentums letztendlich eine Differenz, denn die irdische Welt bleibt in ihren einzelnen Sch\u00f6pfungsgaben aufgehoben in der Vernunft, sie f\u00e4llt bei aller Freiheit nicht aus der Vernunft heraus, denn die Vernunft waltet auch im depravierten Nichtseienden. \u201eF\u00fcr den Griechen ist trotz all seiner Kosmosfreudigkeit die Welt keineswegs als Ganze gedanklich bestimmt, sondern wenn auch von der Idee geformt, so doch als Materie, ihrem stofflichen Bestand nach, wesentlich ungeistig, ja, geistfremd, der eigentliche Widerpart des Geistes.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn51\">51<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die endliche Sch\u00f6pfung ist der Ort des religi\u00f6s-vern\u00fcnftigen Aufstiegs und damit Antwort auf die Selbstmitteilung Gottes. \u201eAnabatische\u201c und \u201ekatabatische\u201c Linie, Aufstieg und Abstieg, geh\u00f6ren zusammen.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn52\">52<\/a><\/sup> Und diese beiden vereinigen sich in der Christologie, in der Christozentrik, denn in Christus und nicht im historischen Jesus zeigt sich Gott \u201eals der Absteigende\u201c. \u201e[\u2026] dies eben entm\u00fcndigt den Menschen nicht, sondern gibt ihn sich selbst zur\u00fcck, so da\u00df er im abgestiegenen Gott der Mit-aufsteigende, im schenkenden Gott der Opfernde und Antwortende wird.\u201e<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn53\">53<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Der Aufstieg zu Gott<\/h6>\n<p>Metaphysik und Onto-Theologie sind, und hier folgt Ratzinger Augustinus und Bonaventura, letztendlich die Grundlage einer analytisch-aufsteigenden zu nennenden Theologie, die von der Gesch\u00f6pflichkeit der Welt ihren Ausgang nimmt, was nur dann m\u00f6glich ist, wenn der Kosmos selbst vern\u00fcnftig ist, denn nur dadurch gelingt die Vergegenw\u00e4rtigung des Vern\u00fcnftigen, des Geistes, in allem Seienden.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn54\">54<\/a><\/sup> Die R\u00fcckkehr zu Gott, die Epistroph\u00e9, gelingt daher auch der \u201eschwachen\u201c Vernunft, insofern sie sich ihres Ursprungs versichert, indem sie sich als ontologisch durch Gott begr\u00fcndet erf\u00e4hrt und dadurch erkennt, da\u00df sie auch als \u201eschwache\u201c, als leib-geistige Einheit, in der Harmonie eines logoshaften Kosmos eingebildet ist, in eine Welt, in der \u201eGott immer von neuem Fleisch werden will\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn55\">55<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Weil die Vernunft ihrem Wesen nach \u2013 nicht wie bei Jean-Paul Sartre auf ihre blo\u00dfe Existenz reduziert wird, worin die \u201eblanke Willk\u00fcr des wesenlosen Pragmatismus\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn56\">56<\/a><\/sup> kulminiert \u2013 harmonische Einheit mit dem Sch\u00f6pfer ist, kann sie die endliche Welt bejahen. Im Axiom \u201eGratia peaesupponit naturam\u201c<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn57\">57<\/a><\/sup> er\u00f6ffnet sich f\u00fcr den Menschen jene innere Einheit von Geist (Vernunft) und Leib, von Gott und Mensch, von Gnade und Natur,<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn58\">58<\/a><\/sup> die Anerkenntnis der geschaffenen Welt als das \u201efreudige Ja zur sch\u00f6nen Reinheit der Natur\u201c:<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn59\">59<\/a><\/sup> \u201edie Idee des All-Umfassens, des gro\u00dfen, universalen Ja der Analogie des Seins\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn60\">60<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Was ist eine \u201epositive Weltbeziehung\u201c?<\/h6>\n<p>Die endliche Welt und damit die geschaffene Vernunft sind nicht, wie beispielsweise im Buddhismus, worauf Ratzinger in seinem Essay zur Neuauflage seiner \u201eEinf\u00fchrung in das Christentum\u201c hinweist, Schein, der negiert werden mu\u00df, wobei sich die kreat\u00fcrliche Vernunft selbst ins wesenlose Nichts transzendieren mu\u00df, sondern die innere Logik der geschaffenen Vernunft weist nicht von sich weg, sondern \u00fcber sich hinaus, ist \u201eSein-F\u00fcr\u201c, Relation, die ihre Seinsbestimmtheit in der Nachfolge sieht, in der Selbst\u00fcberschreitung und Einigung mit Gott. Diese Dynamik der Sendung, diese sich als und in der Geschichte vollziehende Nachfolge wird dann aufgehoben, wenn Gott nur apersonal gedacht wird, wo sich der eigentliche Skandal ereignet, wo es wie im Buddhismus keine \u201epositive Weltbeziehung\u201c gibt.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn61\">61<\/a><\/sup> Was bleibt ist eine \u201eWelt\u00fcberwindung\u201c, die aber dem Sch\u00f6pfungsgedanken diametral negativ gegen\u00fcbersteht. Im Gegensatz hierzu verb\u00fcrgt der Gott, der Logos ist, und sich in seiner Sch\u00f6pfung aussagt, auch den richtigen Weg, die Handlungsoption im Ethos der \u201eVer-antwortung\u201c. Ohne diesen Glauben, der die Vernunft f\u00fchrt, also eine rein praktische Vernunft oder ein \u201eWeltethos\u201c \u00e0 la Hans K\u00fcng, das die ethischen Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen sucht und diese als ethisch verallgemeinerbare Ma\u00dfst\u00e4be des moralischen Handelns begreift, verliert das Ethos seinen Grund. Eine Religion in praktischer Absicht, wie sie Hans K\u00fcng formulierte, l\u00e4\u00dft die tats\u00e4chliche Letztbegr\u00fcndung au\u00dfer acht, wie schon Robert Spaemann kritisierte, und l\u00e4uft nur noch auf eine sich selbst regulierende praktische Vernunft hinaus, die ihre Kreat\u00fcrlichkeit zugunsten der Perspektive sittlichen Seins eintauscht. Was dann \u00fcbrig bleibt, sind, wie Ratzinger betont, \u201enur noch Verkehrsregeln menschlichen Verhaltens [\u2026], die nach ihrem Nutzwert zu entwerfen und zu begr\u00fcnden sind. Es bleibt nur noch das Kalk\u00fcl der Wirkungen, das, was man teleologische Ethik oder Proportionalismus nennt\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn62\">62<\/a><\/sup><\/p>\n<h6>Die Aufgabe der Theologie im 21. Jahrhundert<\/h6>\n<p>Die \u201eschwache\u201c Vernunft bedarf derartiger Regeln, aber auch die kreat\u00fcrliche ist in ihrer ethischen sowie juristischen Verortung in der Welt auf diese angewiesen, wenngleich sie sich in den Glauben eingebettet wei\u00df, der immer wieder regulierend in sie eingreift, jene notwendigen Korrekturen vollzieht, die sie zum Abbild Gottes und seiner Werteordnung werden l\u00e4\u00dft. Die von Ratzinger postulierte Weite der Vernunft betrifft also in erster Linie die \u201eschwache\u201c Vernunft, die \u2013 gut neuplatonisch, hier ist es die Einzelseele \u2013 ihren Ursprung vergessen hat. Die Theologie, dies bleibt ihr missionarischer Auftrag, den Benedikt XVI. in einer Vielzahl seiner Schriften in den Vordergrund stellt, hat die Funktion der \u201eschwachen\u201c Vernunft ihre Selbstbeschr\u00e4nkung deutlich zu machen \u2013 dies vor dem Hintergrund einer ausgreifenden S\u00e4kularisierung, die ihre vorpolitischen-moralischen Wurzeln zugunsten individueller, quantitativer Willk\u00fcrfreiheit preisgegeben hat. Die Aufgabe der Theologie im 21. Jahrhundert besteht also darin, wie Ratzinger in seiner \u201eEinf\u00fchrung in das Christentum\u201c im R\u00fcckgriff auf Kierkegaards Erz\u00e4hlung \u00fcber den Clown und Harvey Cox Buch \u201eStadt ohne Gott?\u201c deutlich machte, die modernen Schablonen einer unwirklich erscheinenden Gottesrede zu durchbrechen, um \u201edie Sache der Theologie als Ernstfall menschlichen Lebens\u201c wieder erkennbar werden zu lassen.<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn63\">63<\/a><\/sup> Dies ist aber nur mittels eines qualitativen Freiheitsbegriffs m\u00f6glich.<\/p>\n<h6>Literatur<\/h6>\n<p><sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn1\">1<\/a><\/sup> Aurelius Augustinus, Epistulae 120, 3.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn2\">2<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Kann der Mensch die Wahrheit erkennen?, 27. November 1999, in: Benedikt XVI., Gott und die Vernunft, Aufruf zum Dialog der Kulturen, Augsburg 2007, S. 21.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn3\">3<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 191.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn4\">4<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Einf\u00fchrung in das Christentum, Vorlesungen \u00fcber das Apostolische Glaubensbekenntnis, Mit einem neuen einleitenden Essay, M\u00fcnchen 32005, S. 15.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn5\">5<\/a><\/sup> Wolfgang Welsch, Vernunft, Die zeitgen\u00f6ssische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft, Frankfurt\/Main 1996, S. 762. \u201eTransversale Vernunft ist, von den Rationalit\u00e4ten aus gesehen, n\u00f6tig, um zwischen deren diversen formen Austausch und Konkurrenz, Kommunikation und Korrektur, Anerkennung und Gerechtigkeit zu erm\u00f6glichen [\u2026] die transversale Vernunft ist selbst ein Faktor der Prozesse, so wie auch der Rationalit\u00e4t.\u201c<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn6\">6<\/a><\/sup> Benedikt XVI. Gott und Vernunft, Glaube und Vernunft, 28. Januar 2007, in: Gott und die Vernunft, Aufruf zum Dialog der Kulturen, Augsburg 2007, S. 9.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn7\">7<\/a><\/sup> Hansj\u00fcrgen Verweyen, Joseph Ratzinger \u2013 Benedikt XVI., Die Entwicklung seines Denkens, Darmstadt 2007, S. 27-34 und S. 99-113. F\u00fcr Verweyen traut Ratzinger der Vernunft nicht viel zu, er postuliert damit eben keinen starken Begriff, sondern einen schwachen, redet einer Relativierung der Vernunft das Wort. Konsequenzlogisch ergibt sich daraus, da\u00df diese \u201eschwache Vernunft\u201c eines Korrektivs bedarf, um nicht in die postmoderne Beliebigkeit abzuwandern. Denn einerseits pl\u00e4diere Ratzinger, wie in seiner Bonner Antrittsvorlesung f\u00fcr eine autonome Vernunft und Philosophie, die gerade in ihrer Autonomie und Selbst\u00e4ndigkeit dem Glauben hilfreich sein k\u00f6nnen, zum anderen relativiert Ratzinger diese, wenn er mit Blick auf die Kirchenv\u00e4ter davon spricht, da\u00df die philosophischen Aussagen nicht immer kritisch \u00fcberpr\u00fcft worden seien, was letztendlich seiner These wiederspreche, da\u00df sich das Christentum in die Tradition des religionskritischen Denkens der griechischen Philosophie stelle. Wenn also Ratzinger immer wieder daran festh\u00e4lt, da\u00df im Christentum \u201eAufkl\u00e4rung Religion geworden ist\u201c, so unterstreicht er doch auch, da\u00df der sonst betonten Hellenisierung des Christentums \u2013 zumindest in dieser Hinsicht \u2013 eine Enthellenisierung zu folgen habe. Joseph Ratzinger \/ Benedikt XVI., Glaube \u2013 Wahrheit \u2013 Toleranz, Das Christentum und die Weltreligionen, Freiburg 42005, S. 131-147).<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn8\">8<\/a><\/sup> Klaus M\u00fcller, \u00dcber das rechte Verh\u00e4ltnis von Philosophie und Theologie, Josef Pieper im Kontext einer neu entfachten Debatte, in: Hermann Fechtrup \/ Friedbert Schulze \/ Thomas Sternberg (Hg.), Die Wahrheit und das Gute (Dokumentationen der Josef Pieper Stiftung, 4), M\u00fcnster 1999, S. 75-93. Vgl. ders., Wieviel Vernunft braucht der Glaube?, Erw\u00e4gungen zur Begr\u00fcndungsproblematik, in: ders., Fundamentaltheologie, Fluchtlinien und gegenw\u00e4rtige Herausforderungen, Regensburg 1998, S. 77-100. F\u00fcr M\u00fcller verf\u00e4ngt sich Ratzinger in einem \u201esubtilen fideistischen Zirkel\u201c (S. 79f.).<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn9\">9<\/a><\/sup> J\u00fcrgen Habermas, Ein Bewusstsein von dem, was fehlt, \u00dcber Glauben und Wissen und den Defaitismus der modernen Vernunft, in: Neue Z\u00fcricher Zeitung, 10. Februar 2007.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn10\">10<\/a><\/sup> J\u00fcrgen Habermas, Ein Bewusstsein von dem, was fehlt, \u00dcber Glauben und Wissen und den Defaitismus der modernen Vernunft, in: Die Religionen und die Vernunft, Die Debatte um die Regensburger Vorlesung des Papstes, hg. von Kurt Wenzel, Freiburg im Breisgau 2007, S. 49.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn11\">11<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Einf\u00fchrung in das Christentum, Vorlesungen \u00fcber das Apostolische Glaubensbekenntnis, Mit einem neuen einleitenden Essay, M\u00fcnchen 52000, S. 23, (Anmerkung 3).<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn12\">12<\/a><\/sup> Benedikt XVI. Glaube und Vernunft, Die Regensburger Vorlesung, Kommentiert von Gesine Schwan, Adel Theodor Khoury, Karl Kardinal Lehmann, Freiburg, Basel, Wien, 2006, S. 16f.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn13\">13<\/a><\/sup> Benedikt XVI., Glaube und Vernunft, Regensburger Vorlesung (2006), S. 17<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn14\">14<\/a><\/sup> Benedikt XVI., Glaube und Vernunft, Regensburger Vorlesung (2006), S. 18.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn15\">15<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger \/ Benedikt XVI., Glaube \u2013 Wahrheit \u2013 Toleranz, Das Christentum und die Weltreligionen, Freiburg 42005 (Anmerkung 11), S. 137.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn16\">16<\/a><\/sup> Benedikt XVI., Glaube und Vernunft, Regensburger Vorlesung (2006), S. 22.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn17\">17<\/a><\/sup> Dazu: Werner Beierwaltes, Reflexion und Einung, Zur Mystik Plotins, in: Werner Beierwaltes, Hans Urs von Balthasar, Alois M. Haas, Grundfragend der Mystik, Einsiedeln 1974, S. 9-36. Vgl. ders., Denken des Einen, Studien zur neuplatonischen Philosophie und ihrer Wirkungsgeschichte, Frankfurt\/Main 1985, S. 123-154. Vgl. Benedikt XVI., Kann der Mensch die Wahrheit erkennen?, 27. November 1999, in: Benedikt XVI., Gott und die Vernunft, Aufruf zum Dialog der Kulturen, Augsburg 2007, S. 28.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn18\">18<\/a><\/sup> Vielmehr denk sich Ratzinger Gott so, wie er sich in Jesus Christus gezeigt hat. Er ist damit nicht der \u201eunendliche Abgrund\u201c, die \u201eunendliche H\u00f6he\u201c. \u201eGott ist nicht blo\u00df unendliche Distanz, sondern auch unendliche N\u00e4he.\u201c Vgl. Joseph Ratzinger, Was bedeutet Jesus Christus f\u00fcr mich?, in: Heinrich Spaemann (Hg.), Wer ist Jesus von Nazaret f\u00fcr mich? 100 zeitgen\u00f6ssische Zeugnisse, M\u00fcnchen 1973, S. 23.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn19\">19<\/a><\/sup> \u201eDas \u201aWort\u2019 ist das Opfer [\u2026], das aus dem Menschen aufsteigt und die ganze Existenz des Menschen in sich aufnimmt und ihn selbst zu \u201aWort\u2019 (logos) werden l\u00e4\u00dft. Der Mensch, der sich zum Logos formt und Logos durch den Glauben wird, der ist das Opfer, die wahre Herrlichkeit Gottes in der Welt.\u201c Vgl. Joseph Ratzinger \/Benedikt XVI., Der Geist der Liturgie, Eine Einf\u00fchrung, Freiburg, Basel, Wien, 22007, S. 39.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn20\">20<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Einf\u00fchrung in das Christentum (52005), S. 25.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn21\">21<\/a><\/sup> Vgl. Joseph Ratzinger \u2013 Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Erster Teil, Von der Taufe im Jordan bis zu seiner Verkl\u00e4rung, Freiburg 2007, S. 73. Generell: Santiago Madrigal (ed.), El pensamiento de Joseph Ratzinger, Te\u00f3logo y Papa, Madrid 2009. Vgl. Santiago Madrigal, Karl Rahner y Joseph Ratzinger, Tras las huellas del Concilio, Santander 2006.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn22\">22<\/a><\/sup> Johannes 14, 9<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn23\">23<\/a><\/sup> Benedikt XVI., \u201eErwache, o Mensch des dritten Jahrtausends\u201c, 25. Dezember 2005, in: Gott und die Vernunft, Aufruf zum Dialog der Kulturen, S. 93. Siehe auch: Konstitution Gaudium und spes, Nr 22.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn24\">24<\/a><\/sup> Insbesondere in seinem Werk Das Wesen des Christentums, Leipzig 1900 entwirft Adolf von Harnack sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Jesus gegen Christus, dem Ratzinger in seinem Buch Jesus von Nazareth heftig widerspricht.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn25\">25<\/a><\/sup> Benedikt XVI. \u2013 Joseph Ratzinger, Eschatologie, Tod und ewiges Leben, Regensburg 2007, S. 51-52.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn26\">26<\/a><\/sup> Benedikt XVI., Regensburger Vorlesung, S. 25. Vgl. auch: Joseph Ratzinger \u2013 Benedikt XVI., Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen, Ein Beitrag zum Problem der theologia naturalis, Leutersdorf, 22005. Ratzinger hat sich immer wieder gegen eine neuthomistische Methodik der christlichen Trinit\u00e4t ausgesprochen und sich im Anschlu\u00df an seine Habilitation \u00fcber den Offenbarungsbegriff bei Bonaventura f\u00fcr eine neue Trinit\u00e4tslehre ausgesprochen, in der der heilsgeschichtliche Aspekt eine wesentliche Rolle spielen soll. Immer wieder hatte Ratzinger kritisiert, da\u00df das \u201eWir\u201c in der Trinit\u00e4t, das personal-relationale Beziehung in der Dreiheit, vergessen wird. \u201eDiese Ausklammerung der Wir-Realit\u00e4t Gottes aus der christlichen Fr\u00f6mmigkeit [\u2026] war eine der folgenschwersten Entwicklungen der abendl\u00e4ndischen Kirche. [\u2026] Es war in der Tat die Folge der Trinit\u00e4tslehre Augustins, da\u00df die Personen Gottes g\u00e4nzlich ins Innere Gottes eingeschlossen wurden, Gott nach au\u00dfen hin zum reinen Ich wurde und da\u00df so die ganze Wir-Dimension ihren Ort in der Theologie verloren hat.\u201c Aber ohne dieses innertrinitarische \u201eWir\u201c ist auch aber auch die \u00f6konomische Trinit\u00e4t nicht nachvollziehbar. Vgl. Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, M\u00fcnchen 31977, S. 219.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn27\">27<\/a><\/sup> Benedikt XVI., Glaube und Vernunft, Regensburger Vorlesung (2006), S. 27. Was Ratzinger kritisiert ist, da\u00df die Trinit\u00e4tslehre ihren heilsgeschichtliche Bedeutung im Lauf der Geschichte verloren hat, aber ohne diese zu verstehen, ist es auch f\u00fcr dem an der g\u00f6ttlichen Dreieinigkeit teilhabenden Menschen nicht m\u00f6glich, \u201eComunio personarum\u201c zu werden. Vgl. Hans Christian Schmidtbaur, Der Dreifaltige Gott als \u201eCommunio\u201c in der Trinit\u00e4tslehre Joseph Ratzingers, in: Der Glaube ist einfach, Aspekte einer Theologie Papst Benedikts XVI, hg. von Gerhard Ludwig M\u00fcller, Regensburg 2007, S. 101ff. hier: S. 111.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn28\">28<\/a><\/sup> Sie auch: Benedikt XVI., Auf der Suche nach dem Frieden, Gegen erkrankte Vernunft und mi\u00dfbrauchte Religion, 6. Juni 2004, in: Gott und die Vernunft, Aufruf zum Dialog der Kulturen, Augsburg 2007, S. 59ff. Hier: S. 64.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn29\">29<\/a><\/sup> Benedikt XVI., Glaube und Vernunft, Regensburger Vorlesung (2006), S. 27.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn30\">30<\/a><\/sup> Vgl. Alan Posener, Benedikts Kreuzzug, Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft, Berlin 2009, S. 17.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn31\">31<\/a><\/sup> Benedikt XVI., Glaube und Vernunft, Regensburger Vorlesung (2006), S. 30.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn32\">32<\/a><\/sup> Benedikt XVI., Glaube und Vernunft, Regensburger Vorlesung (2006), S. 30.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn33\">33<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Die wichtigste kulturelle Herausforderung der Zeit, in: Benedikt XVI., Gott und die Vernunft, Aufruf zum Dialog der Kulturen, Augsburg 2007, S. 13.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn34\">34<\/a><\/sup> Die wichtigste kulturelle Herausforderung der Zeit (2007), S. 15.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn35\">35<\/a><\/sup> Eine \u00e4hnliche Tendenz zur blo\u00dfen Meinungsbildung, die von den Inhalten der Objektivit\u00e4t des Glaubens und seiner Inhalte zu einer blo\u00df religi\u00f6sen Erfahrung schwenkt, die sich an die Stelle der kirchlichen \u00dcberlieferung stellt, hatte Joseph Ratzinger schon in seinem Buch Dogma und Verk\u00fcndigung kritisiert. Vgl. Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 13 und S. 33.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn36\">36<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 165.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn37\">37<\/a><\/sup> Die wichtigste kulturelle Herausforderung der Zeit (2007), S. 17.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn38\">38<\/a><\/sup> Benedikt XVI., Auf der Suche nach dem Frieden, gegen erkrankte Vernunft und missbrauchte Religion, in: Benedikt XVI., Gott und die Vernunft, Aufruf zum Dialog der Kulturen, Augsburg 2007, S. 65. \u201eDer erkrankten Vernunft erscheint schlie\u00dflich alle Erkenntnis von definitiv g\u00fcltigen Werten, alles Stehen zur Wahrheitsf\u00e4higkeit der Vernunft als Fundamentalismus. Ihr bleibt nur noch das Aufl\u00f6sen, die Dekonstruktion, wie sie uns etwa Jacques Derrida vorexerziert: Er hat die Gastfreundschaft \u201adekonstruiert\u2019, die Demokratie, den Staat und schlie\u00dflich auch den Begriff des Terrorismus, um dann doch erschreckt vor den Ereignissen des 11. September zu stehen. Eine Vernunft, die nur noch sich selber und das empirische Gewisse anerkennen kann, l\u00e4hmt und zersetzt sich selber. Eine Vernunft, die sich v\u00f6llig von Gott l\u00f6st und ihn blo\u00df noch im Bereich des Subjektiven ansiedeln will, wird orientierungslos und \u00f6ffnet so ihrerseits den Kr\u00e4ften der Zerst\u00f6rung die T\u00fcr.\u201c Vgl. grundlegend f\u00fcr Derridas Projekt der postmodernen Vernunft, Jacques Derrida, Die diff\u00e8rance, in: Randg\u00e4nge der Philosophie, hg. von Peter Engelmann, Wien 1988, S. 29-52.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn39\">39<\/a><\/sup> J\u00fcrgen Habermas \u2013 Joseph Ratzinger, Dialektik der S\u00e4kularisierung, \u00dcber Vernunft und Religion, Mit einem Vorwort herausgegeben von Florian Schuller, Freiburg, Basel, Wien 72007, S. 40.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn40\">40<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Einf\u00fchrung in das Christentum, Vorlesungen \u00fcber das Apostolische Glaubensbekenntnis, Mit einem neuen einleitenden Essay, M\u00fcnchen 32005, S. 25.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn41\">41<\/a><\/sup> Vgl. Joseph Ratzinger \u2013 Benedikt XVI., Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 202.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn42\">42<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger \u2013 Benedikt XVI., Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 108.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn43\">43<\/a><\/sup> Werner Beierwaltes, Denken des Einen, Studien zur neuplatonischen Philosophie und ihrer Wirkungsgeschichte, Frankfurt\/Main 1985.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn44\">44<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 202.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn45\">45<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 98.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn46\">46<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Einf\u00fchrung in das Christentum, S. 221. Vgl. auch: Ders., Dogma und Verk\u00fcndigung, S. 209ff. Ders., Theologische Prinzipienlehre, Bausteine zur Fundamentaltheologie, Augsburg 2005, S. 179.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn47\">47<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 109.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn48\">48<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 108.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn49\">49<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 107.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn50\">50<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 106.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn51\">51<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 183.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn52\">52<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 77.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn53\">53<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 77<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn54\">54<\/a><\/sup> Zum Weltbegriff Ratzingers: Siehe: Ders., Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 182ff.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn55\">55<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 161.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn56\">56<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 158.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn57\">57<\/a><\/sup> Zum Begriff: Erich Przywara, Der Grundsatz \u201eGratia non destruit, sed supponit et perficit naturam\u201c, Eine ideengeschichtliche Interpretation, in: Scholastik 14 (1942), S. 178-186.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn58\">58<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 160.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn59\">59<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 160.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn60\">60<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Dogma und Verk\u00fcndigung, Donauw\u00f6rth 42005, S. 161.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn61\">61<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Einf\u00fchrung in das Christentum, Vorlesungen \u00fcber das Apostolische Glaubensbekenntnis, Mit einem neuen einleitenden Essay, M\u00fcnchen 32005, S. 21.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn62\">62<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Einf\u00fchrung in das Christentum, Vorlesungen \u00fcber das Apostolische Glaubensbekenntnis, Mit einem neuen einleitenden Essay, M\u00fcnchen 32005, S. 24.<br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/12054-90-geburtstag-von-papst-benedikt-xvi#fn63\">63<\/a><\/sup> Joseph Ratzinger, Einf\u00fchrung in das Christentum, Vorlesungen \u00fcber das Apostolische Glaubensbekenntnis, Mit einem neuen einleitenden Essay, M\u00fcnchen 32005, S. 34.<\/p>\n<h1>Interivew mit Oberbank-Chef Gasselsberger &#8211; Eine Deflation sehe ich in naher Zukunft nicht<\/h1>\n<p>Die Oberbank aus \u00d6sterreich mischt den deutschen Markt auf. W\u00e4hrend deutsche Banken mit gro\u00dfen Problemen k\u00e4mpfen, expandieren die \u00d6sterreicher zielstrebig. Wie kommt das? Und was erwartet uns an den Kapitalm\u00e4rkten? Ein Interview mit dem Oberbank-Chef Franz Gasselsberger.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/franz-gasselsberger\/12040-interview-mit-franz-gasselsberger\">GettyImages<\/a><\/p>\n<p><em>Ihre Bank expandiert. Immer mehr Filialen gibt es nun auch in ganz Deutschland. W\u00e4hrend andere H\u00e4user ihre Filialen schlie\u00dfen, ist die Oberbank auf der \u00dcberhol\u00adspur. Warum?<\/em><\/p>\n<p>Der Grund liegt ganz einfach darin, dass wir nicht zu viele Filialen f\u00fchren. Wir haben uns entschlossen, nur in wirtschaftlich attraktive Regionen zu gehen. Das sind zum Beispiel in Deutschland Bayern und gr\u00f6\u00dfere St\u00e4dte oder Kreisst\u00e4dte mit einem entsprechenden Potenzial. In den letzten zehn Jahren haben wir auf der Kostenseite immer konsequent unsere Hausaufgaben gemacht. Zahlreiche Verwaltungsaufgaben der Filialen haben wir in unserer Zentrale geb\u00fcndelt. Das f\u00fchrt dazu, dass wir eine unglaublich gute Cost-Income-Ratio von rund 51\u2009Prozent haben. Die Oberbank geh\u00f6rte nie zum Mainstream, und das hat sie auch immer ausgezeichnet. Wer jetzt pl\u00f6tzlich Hunderte oder Tausende Mitarbeiter abbaut, der hat in der Vergangenheit seine Hausaufgaben nicht gemacht. Das Entscheidende ist, dass man eine Bank \u00fcber die Erl\u00f6sseite f\u00fchrt, und da setzen wir ganz konsequent auf Betreuungsqualit\u00e4t, sowohl im Firmen- als auch im Privatkundengesch\u00e4ft. Nat\u00fcrlich hilft uns auch unsere Unternehmensgr\u00f6\u00dfe, wir sind keine kleine Bank, wir sind auch keine gro\u00dfe Bank. Wir sind eine mittelgro\u00dfe Regionalbank im Herzen Mitteleuropas \u2013 und das alles zusammen ist ein Teil unserer Unternehmensphilosophie.<\/p>\n<p><em>Was sind Ihre st\u00e4rksten Wachstumstreiber?<\/em><\/p>\n<p>Der st\u00e4rkste Wachstumstreiber ist im Kommerzkunden\u00adgesch\u00e4ft die Finanzierung, insbesondere die Finanzierung kleiner und mittelst\u00e4ndischer Unternehmen. Dieses Jahr haben wir ein besonders starkes Kreditwachstum, allein im ersten Halbjahr waren es rund 5,4\u2009Prozent Zuwachs. 50\u2009Prozent der Kredite belaufen sich auf eine Gr\u00f6\u00dfenordnung zwischen einer und drei Millionen Euro. Wir haben ein sehr breit gestreutes Kreditportfolio. Auch im Privatkundengesch\u00e4ft, bei der Wohnbaufinanzierung, sind wir gut aufgestellt. Hier wachsen wir insgesamt doppelt so stark wie der Markt und haben Zuw\u00e4chse von rund acht Prozent. Dabei hilft uns unser gutes Preis-Leistungs-Verh\u00e4ltnis. Sowohl im Firmenkunden- als auch im Privatkundengesch\u00e4ft werden wir laut unabh\u00e4ngigen Umfragen am h\u00e4ufigsten von Kunden weiterempfohlen. Unsere Hauptwachstumstreiber sind das Kreditgesch\u00e4fte im Firmen- und im Privatkundengesch\u00e4ft, aber auch das Private Banking. Das Private Banking beziehungsweise die gehobene Verm\u00f6gensveranlagung ist unser zweiter ganz gro\u00dfer Wachstumstreiber. Neben dem Kreditgesch\u00e4ft m\u00f6chte ich noch das Dienstleistungsgesch\u00e4ft erw\u00e4hnen. Bei uns spielen die risiko\u00adfreien Ertr\u00e4ge im Zahlungsverkehr, im Private Banking und im Auslandsgesch\u00e4ft eine gro\u00dfe Rolle. Das ist ein sehr starkes zweites Standbein und bedeutet, dass wir nicht nur vom Zinsgesch\u00e4ft abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n<p><em>Sie erh\u00f6hen Ihr Kapital ja regelm\u00e4\u00dfig, zum Beispiel 2015 um 165 Millionen Euro. Warum macht man so etwas?<\/em><\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr die Kapitalerh\u00f6hung liegt prim\u00e4r darin, dass wir unsere Expansions- und Wachstumsstrategie weiter fortsetzen m\u00f6chten. Ich m\u00f6chte einem Kunden nie erkl\u00e4ren, das wir aus Liquidit\u00e4tsgr\u00fcnden seinem Kreditwunsch nicht nachkommen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich m\u00f6chten wir auch die regulatorischen Erfordernisse erf\u00fcllen, und wir m\u00f6chten am Ende des Tages eine Kernkapitalquote um die 15,5\u2009Prozent oder vielleicht sogar ein bisschen mehr erreichen. Und damit z\u00e4hlen wir nicht nur in \u00d6sterreich, sondern auch europaweit zu den kapitalst\u00e4rksten Banken. Wir notieren seit 30 Jahren an der Wiener B\u00f6rse und feiern dieses Jahr ein kleines Jubil\u00e4um. In diesem Zeitraum haben wir unsere Aktion\u00e4re noch nie entt\u00e4uscht und immer eine Dividende bezahlt. Ich bin daher sehr optimistisch, dass auch die jetzige Kapitalerh\u00f6hung wieder eine gelungene werden wird.<\/p>\n<p><em>Sehen Sie denn eine Gefahr f\u00fcr eine Deflation in n\u00e4chster Zukunft?<\/em><\/p>\n<p>Nein. Eine Gefahr f\u00fcr eine Deflation sehe ich im Moment nicht, weil ich glaube, dass durch die Geldmengenpolitik einerseits und durch die steigenden Rohstoffpreise andererseits die Gesamtinflation, aber auch die Kerninflation doch deutlich steigen werden. Ich sehe keine deflation\u00e4ren Tendenzen. Das Wirtschaftswachstum in der EU mit 1,5 Prozent ist zwar nicht sehr hoch, aber es ist relativ stabil, und man kann sch\u00f6ne Wachstumsraten im n\u00e4chsten Jahr erwarten. Wir befinden uns auf einem besseren Niveau, als man vielleicht rundherum kolportiert. Das Wachstum der Weltwirtschaft wird sich um drei Prozent erh\u00f6hen, das in Europa um 1,5 Prozent. Man muss sich an diese neue Situation erst gew\u00f6hnen, es ist so etwas wie eine neue Normalit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>Sie haben mal die Politik der Europ\u00e4ischen Zentralbank kritisiert. Was machen diese Ihrer Meinung nach falsch?<\/em><\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Zentralbank hat zu Beginn vieles richtig gemacht. Sie hat 2012\/2013 die Kapitalm\u00e4rkte stabilisiert, sie hat auch daf\u00fcr gesorgt, dass sich der Euro sehr, sehr schwach verh\u00e4lt. Davon profitiert die europ\u00e4ische Wirtschaft, vor allem die exportorientierte Wirtschaft. Au\u00dferdem ist die EZB die einzige Institution, die wirklich agiert und das Heft des Handelns in der Hand h\u00e4lt \u2013 das muss man ihr einfach konzedieren. Die Minusliste ist dennoch sehr lang. Man hat weder eine h\u00f6here Inflation noch mehr Kreditwachstum noch ein Wirtschaftswachstum erreicht. Die Politik, dass Sparen nicht attraktiv ist, ist meiner Meinung nach auch ein gesellschaftspolitisches Problem: Wie soll sich denn der kleine Sparer nun ein Verm\u00f6gen aufbauen? Es werden die gesunden Gesch\u00e4ftsmodelle der Banken, der Pensionskassen, aber auch der Versicherungen in Bedr\u00e4ngnis gebracht. Man r\u00e4t den Banken, sie sollen ihre Abh\u00e4ngigkeit vom Zinsgesch\u00e4ft reduzieren und Geb\u00fchren erh\u00f6hen. Wozu diese Bankomat-Geb\u00fchrenerh\u00f6hungs-Diskussion gef\u00fchrt hat, hat man in \u00d6sterreich gesehen. Diesbez\u00fcglich sind die Menschen sehr sensibel, und die EZB hat jetzt ein Verhaltensmuster, aus dem sie nur schwer wieder herauskommt. Die \u201eMedizin\u201c, die sie uns verabreicht, wird nicht hinterfragt, sondern man erh\u00f6ht nur permanent die Dosis, und das f\u00fchrt auch zu Fehlallokationen des Kapitals insbesondere im Immobilienbereich. Gerade in Deutschland sieht man sehr deutlich, dass man die Sorge hat, dass es zur Blasenbildung kommt. Es gibt also eine Menge von sehr negativen Nebenwirkungen.<\/p>\n<p><em>Gibt es denn in Zukunft noch die klassische Filiale?<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube schon, dass eine Filiale den Umst\u00e4nden und den Entwicklungen des Marktes angepasst auch in Zukunft eine enorme Existenzberechtigung haben wird. Denn bei aller Wichtigkeit und Bedeutung der Digitalisierung \u2013 wir brauchen beides. Die Hauptvertriebsschiene f\u00fcr die Banken oder f\u00fcr eine Beraterbank, wie es die Oberbank ist, wird nat\u00fcrlich das qualifizierte Personal in der Filiale sein. Nat\u00fcrlich ist unser Kundenportal, das Online-Banking, eine zweite, wichtige, erg\u00e4nzende Vertriebsschiene, aber sie wird nie die Filiale zur G\u00e4nze ersetzen k\u00f6nnen. Als Oberbank f\u00fcrchten wir uns daher nicht vor der Zukunft. Wer kann denn gleichzeitig das pers\u00f6nliche Gespr\u00e4ch in der Filiale und gleichzeitig komfortable Onlinel\u00f6sungen anbieten? Da sind wir als Banken doch in einer starken Position. Nur sollten wir uns das auch immer wieder bewusst machen.<\/p>\n<p><em>Warum soll ich bei Ihnen einen Kredit aufnehmen und nicht bei der Sparkasse?<\/em><\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt damit zusammen, dass wir aufgrund unserer Kostenstruktur sehr konkurrenzf\u00e4hig sind. Zu Beginn wird der Kunde sicherlich einen Preisvergleich machen. Aber noch wichtiger ist, dass die Oberbank mit einer Bilanz von 19 Milliarden Euro eine Gr\u00f6\u00dfenordnung hat, die andere kleinere Banken nicht haben. Dazu kommen unsere Entscheidungsschnelligkeit und Flexibilit\u00e4t. Wir \u00fcberzeugen durch eine entsprechende Kompetenz in der Beratung, im Auslandsgesch\u00e4ft, im Bereich der Investitionsfinanzierung oder auch im Veranlagungsgesch\u00e4ft. Wir versuchen, im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch entsprechende Alleinstellungsmerkmale herauszuarbeiten.<\/p>\n<p><em>Es sieht ja nicht so aus, als ob die Zinsen demn\u00e4chst \u00adsteigen w\u00fcrden. Was raten Sie denn Ihren Anlegern, wo sollen die Kunden investieren? In Gold, in Aktien?<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube, dass \u2013 selbst wenn die Zinsen auf null sinken \u2013 trotzdem das Sparkonto oder der Sparbrief in Zukunft eine enorme Bedeutung haben werden. Und es ist in der Bev\u00f6lkerung \u2013 trotz dieser sehr d\u00fcrftigen Zinslandschaft, dieser Zinsw\u00fcste, wie wir es nennen \u2013 nach wie vor eine enorme Motivation zum Sparen da, das sieht man auch bei der Pensionsvorsorge. Aber nat\u00fcrlich wird es dem Sparer nicht immer leicht gemacht. Vom Sparbuch oder vom Festgeld direkt zu Aktien zu wechseln, ist nicht immer zu empfehlen, aber Anleihen sind als Anlageform weitestgehend ausgefallen. Mischfonds mit einer Aktienbeimischung, die auch eine hohe Dividendenrendite haben und eher defensiv aufgestellt sind, sind weiter sehr attraktiv und als Erg\u00e4nzung zu \u00fcberlegen. Bei Gold habe ich immer eine etwas zur\u00fcckhaltende Meinung. Aber wer sich mit Gold wohlf\u00fchlt, der soll ruhig investieren. Grunds\u00e4tzlich sollte man sich f\u00fcr eine Anlageform entscheiden, die zu einem passt und die mit dem Risikobewusstsein \u00fcbereinstimmt. Auch dividendenstarke Aktien sollte man als Depotbeimischung in Betracht ziehen.<\/p>\n<p>Die Fragen stellte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Interview mit Flughafen-Chef Kerkloh &#8211; Wir werden klimaneutral fliegen!<\/h1>\n<p>Als erster Flughafen in Deutschland soll der Flughafen M\u00fcnchen vom Jahr 2030 an klimaneutral betrieben werden. In dem von uns beeinflussbaren Bereich werden wir den CO2-Aussto\u00df um 60 Prozent reduzieren, die verbleibenden Emissionen sollen durch m\u00f6glichst regionale Kompensationsprojekte ausgeglichen werden.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.photocase.com\">spacejunkie \/ photocase.de<\/a><\/p>\n<p><em>Herr Dr. Kerkloh, wie steht es um die dritte Start- und Landebahn? Ein neuerlicher Streit um einen B\u00fcrgerentscheid steht gerade im Raum \u2013 wann kommt die Landebahn?<\/em><\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/teads.tv\/inread-outstream\/\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst muss die Politik \u00fcber das weitere Prozedere entscheiden. Ich bin mir sicher, dass es auch f\u00fcr die Politik viele \u00fcberzeugende Argumente gibt, dieses Generationenprojekt m\u00f6glichst schnell zu realisieren. Denn es wird f\u00fcr sehr lange Zeit die letzte Startbahn sein, die Deutschland bekommt. Und wenn man wei\u00df, wie dynamisch sich der Luftverkehr entwickelt, wird deutlich dass wir die steigendende Nachfrage mit den bestehenden Kapazit\u00e4ten schon in wenigen Jahren nicht mehr bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Das Bundesveraltungsgericht in Wien hatte im Februar entschieden, dass eine dritte Start- und Landebahnbahn in Wien aus Umweltperspektive nicht gebaut werden soll. Ist das ein schlechtes Zeichen f\u00fcr M\u00fcnchen?<\/em><\/p>\n<p>Nein \u00fcberhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass in Wien das letzte Wort gesprochen ist. F\u00fcr unsere Planungen hat die Wiener Entscheidung keine Relevanz, weil unser Ausbauvorhaben in den hier durchgef\u00fchrten, \u00e4u\u00dferst komplexen Genehmigungs- und Gerichtsverfahren intensiv \u00fcberpr\u00fcft und abschlie\u00dfend f\u00fcr gut befunden wurde. Die Richter in Wien haben im \u00dcbrigen angemerkt, dass der Flughafen M\u00fcnchen beispielhaft viel f\u00fcr den Klimaschutz tut. Wir sehen uns als \u201eF\u00fcnf-Sterne-Airport und bester Flughafen in Europa \u2013 auch was das Thema der Nachhaltigkeit betrifft \u2013 in einer besonderen Verantwortung. Deshalb haben wir uns hier schon fr\u00fchzeitig engagiert und unsere Ziele auf diesem Feld k\u00fcrzlich noch sehr viel weiter gesteckt. Als erster Flughafen in Deutschland soll der Flughafen M\u00fcnchen vom Jahr 2030 an klimaneutral betrieben werden. In dem von uns beeinflussbaren Bereich werden wir den CO2-Aussto\u00df um 60 Prozent reduzieren, die verbleibenden Emissionen sollen durch m\u00f6glichst regionale Kompensationsprojekte ausgeglichen werden. F\u00fcr dieses ehrgeizige Programm haben unsere Aufsichtsgremien Investitionen in H\u00f6he von 150 Millionen Euro bewilligt.<\/p>\n<p><em>Wie argumentieren Sie gegen die Gegner einer Startbahn?<\/em><\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten 15 Jahren werden es 50 Prozent mehr Flugg\u00e4ste in Deutschland sein. Dazu dazu bedarf es effizienter Infrastrukturen, und ein bedarfsgerechtes Startbahnsystem ist eine super effiziente Infrastruktur, die zudem dem Klimaschutz zugutekommt, weil sie Staus am Boden und in der Luft verhindert.<\/p>\n<p><em>Sprechen wir \u00fcber Fakten: Wie hoch ist das j\u00e4hrliche Flughafenaufkommen? Wie viele Mitarbeiter arbeiten f\u00fcr oder rund um den Flughafen?<\/em><\/p>\n<p>Rund 35.000 Menschen sind hier besch\u00e4ftigt. Wir schaffen pro 1 Million Passagiere zwischen 700 und 1.000 Arbeitspl\u00e4tze am Standort und noch einmal genau so viele au\u00dferhalb des Airports. Wir sind also eine echte Besch\u00e4ftigungslokomotive. Und das tolle ist, wir haben Besch\u00e4ftigung f\u00fcr alle. Wir sind nicht nur eine Marketingorganisation oder ein Startup, wo neue Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr Hochqualifizierte entstehen, sondern bei uns k\u00f6nnen auch Leute mit wenig oder \u00fcberhaupt keiner beruflichen Vorbildung einen Arbeitsplatz finden. Hinzu kommt: Wer hier einen Job findet, hat diesen Arbeitsplatz dauerhaft.<\/p>\n<p>Dieses Jahr rechnen wir mit 410.000 Fl\u00fcgen. Alle 45 Sekunden findet in M\u00fcnchen ein Start oder eine Landung statt. Das ist auch der Grund, weshalb wir die Startbahn bauen wollen, weil unsere Kapazit\u00e4ten wirklich ersch\u00f6pft sind. Finanziell geht es dem Unternehmen nat\u00fcrlich auch sehr gut. Wir k\u00f6nnen diese ganzen Infrastrukturausbauma\u00dfnahmen inklusive der dritten Bahn aus eigener Kraft bezahlen. Das kann nicht jeder.<\/p>\n<p><em>M\u00fcnchen ist ja nicht nur Flughafen, es ist eine Erlebniswelt, sogar mit Weihnachtsmarkt. Was ist Ihre Philosophie f\u00fcr Ihre Kunden?<\/em><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen als Flughafen auch f\u00fcr die Region stark und attraktiv sein. Und als bayerischer Flughafen wollen wir unsere Heimat repr\u00e4sentieren: Wir haben einen eigenen Biergarten, einen Maibaum, eine riesengro\u00dfe Surfwelle. Es gibt viele gro\u00dfe Automobilkonzerne, die uns als B\u00fchne benutzen. Der Flughafen hat das alles im Brennglas. Wir suchen Regionales und \u00dcberregionales miteinander zu verbinden. Jeder, so unser Traum, soll den Flughafen mit einem Gl\u00fccksgef\u00fchl verlassen. Dar\u00fcber hinaus agieren wir in mehreren Gesch\u00e4ftsfeldern, weil die Ertragsm\u00f6glichkeiten im Luftverkehr durch den scharfen Wettbewerb der Airlines sehr begrenzt sind. Deshalb setzen wir zunehmend auf das sogenannte Non-Aviation-Gesch\u00e4ft, also jene Ertragsfelder, die nicht direkt mit der Luftfahrt zu tun haben. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel der Einzelhandel und die Gastronomie. Wir sind aber auch ein gro\u00dfer Immobilienentwickler. Man muss es immer wieder betonten: der Freistaat zahlt keinen einzigen Cent zur Flughafenentwicklung: alles was hier gebaut, entwickelt wird, geht sozusagen durch die Flughafenb\u00fccher.<\/p>\n<p><em>Wie sind Sie mit dem neuen Satelliten zufrieden?<\/em><\/p>\n<p>Wir sind sehr damit zufrieden, denn er hat ein gr\u00f6\u00dferes Defizit, die sehr vielen Vorfeldabfertigungen, bei denen man mit dem Bus viel fahren musste, gel\u00f6st. Unsere Passagiere k\u00f6nnen jetzt ihre Flugzeuge in einem viel gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfe \u00fcber Flugsteige betreten. Dazu kommt nat\u00fcrlich eine ganz neue Einzelhandels- und Gastronomiewelt. Dabei setzen wir konsequent auf unsere M\u00fcnchner Identit\u00e4t: Wir wollen nicht austauschbar sein, sondern der Reisende soll erkennen, dass er Gast in M\u00fcnchen, in Bayern ist.<\/p>\n<p><em>Sie haben die Auszeichnung Nationaler Arbeitgeber 2017 erhalten. Was zeichnet Sie aus. Was machen Sie besser als andere?<\/em><\/p>\n<p>Wir sind ein F\u00fcnf \u2013Sterne-Flughafen und spielen in der Champions Leaque. Dazu geh\u00f6rt, dass wir nicht nur ein vorbildlicher Arbeitgeber sein wollen, sondern dass wir unsere Mitarbeiter auch attraktiv entlohnen. Wir versuchen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gew\u00e4hrleisten. Das f\u00e4ngt beim Home Office an und geht \u00fcber flexible Arbeitszeitmodelle bis hin zu unserem Kindergarten, der von sieben bis 21 Uhr sechs Tage die Woche ge\u00f6ffnet hat. Wir wollen, dass es Paaren leicht gemacht wird, Kinder zu bekommen. Wer gute Arbeitsbedingungen vorfindet, so unsere Devise, dem macht seine Arbeit auch mehr Spa\u00df. Um attraktiv zu sein, steigen wir jetzt auch in den Wohnungsbau ein, um unseren Mitarbeitern gute und kosteng\u00fcnstigere Wohnr\u00e4ume im Ballungsraum zu verschaffen.<\/p>\n<p><em>Sie haben in diesem Jahr Jubil\u00e4um. Was d\u00fcrfen Reisende und was darf die Region erwarten?<\/em><\/p>\n<p>Wir werden dieses Jubil\u00e4um feiern, weil sich der 17. Mai in Bayern als ein festes Datum eingebrannt hat. Die allermeisten k\u00f6nnen sagen, was sie am 17. Mai 1992 gemacht haben. Viele haben den Umzug damals am Stra\u00dfenrand oder von einer Br\u00fccke aus beobachtet, andere haben die Live-Bilder im Fernsehen gesehen. Es ist eben etwas Besonderes, wenn so ein Flughafen umzieht. Das ist einfach eine Datumsikone! Jetzt, wo wir als Airport aus dem Teenageralter raus sind und richtig erwachsen werden, feiern wir viele Partys: wir planen ein Fest f\u00fcr Luftverkehrfans \u2013 einen Tag mit Oldtimern und seltenen Flugzeugen. Aber es wird auch einen Familientag, eine Campus-Partie, einen Airportlauf und ein gro\u00dfes Rockfestival geben.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Ich scheue keine Podiumsdiskussion mit der AfD<\/h1>\n<p>Am 26. M\u00e4rz ist Landtagswahl im Saarland. Was wird aus der Gro\u00dfen Koalition? Und wie l\u00e4sst sich die Bundestagswahl 2017 gewinnen? Ein Gespr\u00e4ch mit Ministerpr\u00e4sidentin Annegret Kramp-Karrenbauer.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/annegret-kramp-karrenbauer\/11958-interview-mit-annegret-kramp-karrenbauer\">Quelle: Bundesrat<\/a><\/p>\n<p><strong>Am 26. M\u00e4rz 2017 ist Landtagswahl im Saarland, Sie liegen gut im Rennen. Bleibt die gro\u00dfe Koalition?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es nach mir geht, bleibt sie. Wir haben 2012 ein Projekt begonnen, um die Zukunft unseres Landes sicher zu machen. Der erste Schritt ist mit der Einigung bei den Bund-L\u00e4nder-Finanzen gemacht. Aber dieses Projekt ist noch nicht beendet. Wir sind jetzt in der Halbzeit. In der zweiten Halbzeit m\u00fcssen wir zusehen, dass wir unsere Chance auf eine eigenst\u00e4ndige Zukunft nutzen. Und dazu sollte die gro\u00dfe Koalition auch weiter arbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wie weiter beim Umgang mit der AfD ? Herr H\u00f6cke polarisiert immer wieder. Sie haben zu mehr Gelassenheit geraten.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe nicht in dem Sinne zu Gelassenheit geraten, dass wir die AfD tun und machen lassen sollten, was sie will. Sondern dass wir uns offensiv mit ihr auseinandersetzen. Und das ist beim Wahlkampf nicht anders. Ich scheue keine Podiumsdiskussion mit der AfD. Ich sehe es als Aufgabe der demokratischen Parteien an, die AFD zu entlarven. Und H\u00f6ckes Gedankengut ist beileibe keine Einzelmeinung. Wir m\u00fcssen den Menschen klar machen, was hinter den Forderungen der AfD steckt.<\/p>\n<p><strong>Wie l\u00e4sst sich die Bundestagswahl 2017 gewinnen, was sollte das Hauptthema sein?<\/strong><\/p>\n<p>Das Hauptthema wird nat\u00fcrlich die Gestaltung der Zukunft sein. Dazu geh\u00f6rt die Frage der Sicherheit und die Frage, wie wir mit humanit\u00e4rer Zuwanderung umgehen. Wir werden uns auch damit auseinandersetzen m\u00fcssen, wie die Digitalisierung gelingt. Denn wir leben schon mitten in einer digitalen Welt. Nur m\u00fcssen wir lernen, mit ihr umzugehen. Dazu brauchen wir Mut und Entschlossenheit. Die kann ich nur bei der Union erkennen.<\/p>\n<p><strong>Sie pl\u00e4dieren f\u00fcr Dreier-Koalition im Bund und haben so ein B\u00fcndnis nicht ausgeschlossen. Wer w\u00e4re da der dritte Partner?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe selbst auch eine Dreier-Konstellation geleitet. Das ist eine Herausforderung. Sie setzt voraus, dass es drei wirklich in sich stabile Partner sind. Und es setzt voraus, dass man auch eine breite Basis an gemeinsamer Politik hat. Diese Basis scheint zumindest in Hessen und Baden-W\u00fcrttemberg zwischen Schwarz und Gr\u00fcn gegeben. Dort ist die Zusammenarbeit fast schon Normalit\u00e4t. Und in Sachsen-Anhalt funktioniert das in einem Dreier-B\u00fcndnis mit der SPD.<\/p>\n<p><strong>Das Thema Maut ist ein leidiges. Ist die Maut bald vom Tisch?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr uns im Saarland ist zweierlei wichtig: Die Maut darf nur f\u00fcr Autobahnen gelten und nicht f\u00fcr andere Stra\u00dfen. Und wir brauchen Ausnahmen f\u00fcr die Grenzregionen. Aus der EU-Kommission ist zu h\u00f6ren, dass es daf\u00fcr Spielraum gibt. Ich erwarte, dass die Bundesregierung diesen Spielraum f\u00fcr Ausnahmen nutzt. Wir im Saarland haben immer deutlich gemacht, dass die Einf\u00fchrung der Maut in einer Grenzregion schwierig ist. Wenn die EU-Kommission nun tats\u00e4chlich Spielraum f\u00fcr die Umsetzung der Maut in den Grenzregionen sieht und dadurch die Mautgeb\u00fchren f\u00fcr Grenzregionen teilweise entfallen k\u00f6nnten, erwartet das Saarland, dass die Bundesregierung diesen Spielraum nutzt.<\/p>\n<p><strong>Im negativen Fall wird dann gegen Bayern wieder zur\u00fcckgebr\u00fcllt?<\/strong><\/p>\n<p>Das hat nichts mit Bayern zu tun, sondern damit, dass ich in einem Amtseid geschworen habe, die Interessen des Landes voran zu bringen. Und die Maut ist ein sehr spezifisches Interesse des Saarlandes. Deshalb werde ich alles dran setzen, dass diesen W\u00fcnschen und diesen Interessen auch Rechnung getragen werden kann.<\/p>\n<p><strong>Was sch\u00e4tzen Sie an der katholischen Kirche und wo gibt es noch Nachholbedarf?<\/strong><\/p>\n<p>Die katholische Kirche ist f\u00fcr mich ein St\u00fcck weit ein Zuhause, eine Familie, die viele liebenswerte Z\u00fcge hat. Allerdings auch einige, die nicht so liebenswert sind \u2013 wie in einer Familie halt. Dort \u00e4rgert man sich auch, aber man tritt nicht aus ihr aus. Was mich am meisten an der katholischen Kirche fasziniert, ist ihre Internationalit\u00e4t: egal in welchem Land, immer wieder findet man Mit-Christen. Es gibt etwas, was uns alle universell verbindet. Dies ist ein gutes Gef\u00fchl in einer Welt, die so globalisiert ist wie die von heute.<\/p>\n<p><strong>Sie wurden im vergangen Jahr f\u00fcr die n\u00e4chsten \u00c4mter in der Bundesrepublik gehandelt. F\u00fcr welches Amt in Berlin stehen Sie denn m\u00f6glicherweise zu Verf\u00fcgung?<\/strong><\/p>\n<p>Einzig und allein als Ministerpr\u00e4sidentin des Saarlandes.<\/p>\n<p>Fragen Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Was ist eigentlich \u201eNeuer Realismus\u201c?<\/h1>\n<p>Er ist der neue Star der deutschen Philosophen-Szene. Der Begr\u00fcnder des \u201eNeuen Realismus\u201c, Professor Markus Gabriel spricht mit Stefan Gro\u00df \u00fcber die aktuellen Trends der Gesellschaft und ihrer Wahrheitssuche.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/markus-gabriel\/11902-interview-mit-markus-gabriel\">Universit\u00e4t Bonn<\/a><\/p>\n<p><strong>Fichte sagte einmal: \u201eWas f\u00fcr eine Philosophie man w\u00e4hle h\u00e4ngt davon ab\u201c, so ungef\u00e4hr, \u201ewas f\u00fcr ein Mensch man ist.\u201c Was ist Markus Gabriel f\u00fcr ein Mensch?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine schwierige Frage \u2013 in gewisser Weise gebe ich Fichte recht mit seinem ber\u00fchmten Satz. Allerdings erw\u00e4gt Fichte bekanntlich an der Stelle auch nur zwei Optionen. Die eine Option ist der Idealist. Also Jemand, der Fichte folgt. Das ist der gute Mensch. Und der b\u00f6se Mensch, das ist das, was wir heute den Naturalisten nennen w\u00fcrden. Der b\u00f6se Mensch ist jemand, der nicht f\u00e4hig ist, so Fichte, seine eigene Freiheit als Wesen, das au\u00dferhalb der Natur existiert, zu verstehen. Und der Idealist ist jemand der sehr wohl der Meinung ist, dass er ein freies Wesen ist. Wenn ich dazwischen zu w\u00e4hlen h\u00e4tte, w\u00e4re ich jedenfalls auf der Freiheitsseite.<\/p>\n<p><strong>Akademisch kommen Sie aus der Tradition des Deutschen Idealismus und der Antike, also von Schelling und der antiken Skepsis. In wie weit pr\u00e4gen Sie beide Denkrichtungen heute noch? Sind Sie ein Skeptiker?<\/strong><\/p>\n<p>Man hat \u00f6fter gesagt, so zumindest die Kritiker, dass in der Tat eine Spannung zwischen dem Skeptizismus und dem Idealismus in meiner Arbeit steckt. Ich glaube aber, dass die beiden zu vereinen sind. Ich w\u00fcrde die kritischen Energien des Skeptizismus f\u00fcr eine positive Theoriekonstruktion einsetzen. Insofern bin ich kein Skeptiker. Dennoch glaube ich, dass der Skeptizismus eine geeignete Waffe gegen alle falschen Philosophien ist. Das hei\u00dft, diejenigen Philosophien, die scheitern, scheitern immer daran, dass sie letztlich unter der Hand vom Skeptiker ausgehebelt werden. Die Aufgabe jeder gelungenen philosophischen Theorienkonstruktion ist, dem Skeptiker auf Augenh\u00f6he zu begegnen, und ihn dann aus dem Raum zu schicken.<\/p>\n<p><strong>Vor welcher Herausforderung steht die Philosophie im 21. Jahrhundert? Ihre Leitfunktion, wie in Zeiten der Aufkl\u00e4rung, hat sie ja verloren, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Das glaube ich nicht. Wer der Meinung ist, dass die Leitfunktion der Philosophie verloren gegangen ist, w\u00fcnscht, dass sie keine Leitfunktion mehr hat. Ob die Philosophie ihre Leitfunktion hat oder nicht, liegt daran, ob sie sie aus\u00fcbt. In der Sache hat sie sie. Warum? Weil eine entscheidende Frage f\u00fcr das 21. Jahrhundert die ist, wie wir uns eigentlich den Zusammenhang des menschlichen Geistes mit der nicht geistfreundlichen Umgebung vorstellen. Wir wissen alle: das Universum ist \u00fcberwiegend, au\u00dferhalb des Planeten Erde, nicht besonders geistfreundlich. Und dies hei\u00dft wiederum: Geist unserer Art jedenfalls existiert nirgendwo in unserer kosmischen Nachbarschaft. Es sieht so aus, als w\u00e4ren wir ein Fremdling in der Natur. Eine gro\u00dfe Frage des 21. Jahrhunderts ist, auf welche Weise stellen wir uns das Verh\u00e4ltnis des menschlichen Geistes zur nicht geistigen Umgebung vor, zu dem, was wir die Natur nennen. Das ist jetzt nicht die beste Art und Weise das Problem zu formulieren, aber ich glaube, das ist das Problem. Deswegen wird es immer die einen geben die sagen, dass es Gott geben muss, das G\u00f6ttliche, die Wiederkehr der Religion, und die anderen, die einen groben Atheismus predigen. Das Richtige liegt in der Mitte. Deswegen ist auch der deutsche Idealismus so aktuell. Weil die Systeme des deutschen Idealismus genau versucht haben, einen Weg zwischen einem stumpfen Atheismus und einer abergl\u00e4ubischen Religion zu finden. Das ist in der Tat eines der Hauptprobleme unserer Zeit. Und das kann ausschlie\u00dflich die Philosophie angemessen behandeln.<\/p>\n<p><strong>Sie sind ein Vertreter und Mitbegr\u00fcnder des Neuen Realismus. Was ist darunter konkret zu verstehen? Blo\u00df eine Alternative zum Konstruktivismus, der die Welt bewusstseinstheoretisch vermittelnd interpretiert?<\/strong><\/p>\n<p>Der neue Realismus vereint zwei Thesen: Erstens verneint der neue Realismus, dass es eine allumfassende Wirklichkeit, die Welt im Singular gibt. Zweitens bestreitet er aber \u00fcberhaupt nicht, dass wir das Wirkliche in seinen vielf\u00e4ltigen Ausgestaltungen genauso erkennen k\u00f6nnen wie es ist. Einerseits bin ich der Meinung, dass wir die Dinge an sich, also so wie sie auch unabh\u00e4ngig von uns w\u00e4ren, erkennen k\u00f6nnen. Wenn ich zum Beispiel herausfinde, dass es mehr als eine Milliarde Galaxien gibt, finde ich heraus, wie die Dinge auch gewesen w\u00e4ren, selbst wenn ich es nicht herausgefunden h\u00e4tte. Und zwar ganz unproblematisch. In dem Fall durch die Methoden der Wissenschaft kombiniert mit vern\u00fcnftigem Nachdenken usw. Das k\u00f6nnen wir. Menschen sind Wesen, die Wissen erlangt haben und ihr Leben an dieser Tatsache ausrichten. Wir wissen nicht nur, sondern wir wissen sogar, dass wir wissen. Andererseits folgt daraus nicht, dass es nun genau eine Wirklichkeit gibt, zu der alle Ph\u00e4nomene oder alles was existiert geh\u00f6ren. Das Neue am neuen Realismus ist, dass er eben nicht annehmen muss Realismus bedeutet, dass wir die Welt erkennen. Und deswegen kommen wir aus der Alternative raus zwischen Konstruktivismus, der glaubt, in der Philosophie stellen wir eine Welt her, und einem naiven oder alten Realismus der glaubt, in der Philosophie bilden wir die Welt ab.<\/p>\n<p><strong>Was unterscheidet den neuen Realismus vom alten \u2013 von der klassischen Metaphysik und Ontologie: Menschen brauchen Ideale, seien diese auch religi\u00f6ser Natur oder hypothetischer Natur wie bei Kant. Ein neuer Realismus will ohne Weltbilder auskommen, wie soll das lebenspraktisch funktionieren?<\/strong><\/p>\n<p>Lebenspraktisch funktioniert das so, dass das, was die Weltbilder traditionell wollten, eine Rechtfertigung unserer Lebensform ist. Weltbilder traditionell sagen ja, die Welt insgesamt ist ungef\u00e4hr so oder genau so oder so. Das Weltbild erz\u00e4hlt also die Story, wie die Welt ist. Ob das der Urknall, die Evolution, intelligent gewordene Affen oder eine andere Story ist, in der Gott der Materie Leben einhaucht, spielt letztlich keine Rolle. Es sind beides Weltbilder. Diese Weltbilder rechtfertigen gegenw\u00e4rtige Handlungsoptionen. Wenn ich den Urknall n\u00f6tig habe, um zu rechtfertigen, was ich heute tue \u2013 Vegetarier sein oder nach M\u00fcnchen ziehen \u2013 dann ist etwas schief gelaufen. Die Rechtfertigung meiner Handlungen braucht eben keinen Umweg \u00fcber Weltbilder. Alles was wir brauchen, zum Bespiel f\u00fcr die Ethik oder f\u00fcr die Politik ist eine universale Menschenvernunft. Die ist aber nicht schwer zu kriegen, weil wir die schon haben. Die Frage lautet nur, warum heute viele Menschen es lieber h\u00e4tten, keine universale Vernunft zu haben. Das kann nur eine pathologische Angst vor der Wahrheit sein, wie Hegel das schon genannt hat.<\/p>\n<p><strong>Ihre beiden popul\u00e4rwissenschaftlicheren B\u00fccher sorgten f\u00fcr Furore, \u201eWarum es die Welt nicht gibt\u201c und \u201eIch ist nicht Gehirn\u201c. Warum gibt es die Welt nicht und was ist damit gewonnen, wenn wir den Begriff der Totalit\u00e4t der Welt eliminieren?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist es so, dass viele Pathologien unseres Zeitalters, wissenschaftliche Pathologien, also Grenzfragen der Wissenschaft sind, wo es einfach keine passenden Antworten gibt. Wie passt das Bewusstsein in die Natur und gibt es Gott eigentlich? Viele dieser Grenzfragen entstehen dadurch, dass man eine Totalit\u00e4t an der falschen Stelle annimmt. Dagegen k\u00f6nnen wir die Wissenschaft radikal reformulieren, wenn wir die Annahme, dass es genau eine Welt gibt, die die Wissenschaft untersucht, einfach raus streichen. Die Totalit\u00e4tsannahme ist auch deswegen sch\u00e4dlich, weil sie in der Regel nur dazu dient, uns selber zu eliminieren, uns aus der Welt zu streichen. Das hei\u00dft, wenn ich annehme, es gibt eine Totalit\u00e4t, wird dabei in der Regel unterstellt, dass man selber irgendwie nicht wirklich zu dieser Totalit\u00e4t geh\u00f6rt. Die Annahme der Totalit\u00e4t ist tendenziell auch die Annahme eines erdr\u00fcckenden Ganzen, in dem man sich nicht wirklich zurecht findet. Und mit der These, dass es die Welt nicht gibt und den dazu geh\u00f6renden Argumenten, wird die Totalit\u00e4t aus dem Weg ger\u00e4umt.<\/p>\n<p><strong>Mit Ihrem Buch \u201eIch ist nicht Gehirn\u201c kritisieren Sie den Neurozentrismus, die Naturwissenschaft als das Erkl\u00e4rungsmodell der Welt. Was unterscheidet ihren Ansatz von der Naturwissenschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Der entscheidende Unterschied ist, dass ich in dem Sinne Metaphysiker bin, dass ich davon ausgehe, dass es vieles gibt, was nicht physikalisch untersuchbar ist. Die Metaphysik ist ja unter anderem die Annahme, dass es vieles gibt, was nicht physikalisch zug\u00e4nglich ist. Und der Standpunkt, meine Ontologie, ist eben eine, die uns erlaubt, mit sehr vielen Entit\u00e4ten zu rechnen, die \u00fcberhaupt nicht physikalisch sind, und die auch insgesamt nicht durch irgendeine Naturwissenschaft untersuchbar sind. Nehmen wir Beispiele: Zahlen, moralische Werte oder Landtagswahlen. Also welche naturwissenschaftliche Untersuchung w\u00fcrde denn eine legitime Wahlanalyse liefern? Wie w\u00fcrde man Wahlen naturwissenschaftlich untersuchen? Das ist v\u00f6lliger Unsinn. Dies kann man allein mit den Methoden der Soziologie, mit den Methoden der politischen Wissenschaft, des allgemeinen Menschenverstandes oder der \u00f6ffentlichen Meinung usw. Wir haben sehr viele Zugangsweisen zum Ph\u00e4nomen einer Landtagswahl, aber keine von diesen ist naturwissenschaftlich. Und es ist \u00fcberhaupt gar nicht abzusehen, wie eine naturwissenschaftliche Untersuchung einer Landtagswahl aussehen sollte.<\/p>\n<p><strong>Was verstehen Sie unter dem Begriff ontologischer Pluralismus? Und was unterscheidet diesen eigentlich vom Pluralismus der Postmoderne?<\/strong><\/p>\n<p>Unter einem ontologischen Pluralismus verstehe ich die These, dass dasjenige, was existiert, also das, was es wirklich gibt, zu verschiedenen Bereichen geh\u00f6rt. Das hei\u00dft, es gibt wirklich Zahlen, es gibt wirklich derzeit genau eine Bundeskanzlerin, es gibt wirklich den Freistaat Bayern und wirklich die Vergangenheit. Diese Gegenst\u00e4nde, die es wirklich gibt, geh\u00f6ren aber verschiedenen Bereichen an, die sich nur teilweise \u00fcberlappen. Das ist die Annahme des ontologischen Pluralismus. Dieser unterscheidet sich dann vom Pluralismus der Postmoderne dadurch, dass die Pluralit\u00e4t nicht dadurch in die Wirklichkeit kommt, dass wir sie machen oder uns einbilden. Die Wirklichkeit wird nicht zum Plural durch menschliche Aktivit\u00e4ten irgendeiner Art, durch Sprachspiele, Denkformen, Zeichenketten, Symbolwelten oder was auch immer. Das hei\u00dft: Der gemeinsame Nenner von ontologischem Pluralismus und Postmoderne ist, dass wir dasselbe Ph\u00e4nomen erkl\u00e4ren wollen, nur macht das die Postmoderne schlecht, indem sie das Ph\u00e4nomen \u00fcber menschliche Aktivit\u00e4ten erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen auch in Ihrem neuen Buch von Existenz und Sinn: Ist damit eine Philosophie der Existenz angedacht, eine Lebensphilosophie gemeint?<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich nicht. Ich glaube die richtige Lebensphilosophie, also die Verankerung der Frage nach dem Sinn des Lebens in einem philosophischen Denken, wird immer eine theoretische sein. Das hei\u00dft, die richtige Annahme dar\u00fcber, wie wir uns das Wirkliche in seinen verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen verst\u00e4ndlich machen, ist zugleich auch schon die Annahme dar\u00fcber, wie ein Leben sinnvoll sein kann. Das hei\u00dft, der Sinn unseres Lebens, also das, was die Existenzphilosophie als Frage formuliert (man denke hier an Camus\u2019 Grundfrage: sollen wir leben oder uns umbringen), ergibt sich daraus, dass die Dinge so liegen, wie sie ein gesundes Leben darstellt. Irgendwann liegen sie vielleicht nicht mehr so, dann werde ich mich entweder umbringen, hoffentlich komme ich nie dahin, oder ich werde irgendwie sterben. Das hei\u00dft, wir m\u00fcssen keine Energie aufwenden, um dem Leben einen Sinn zu stiften. Das Leben hat schon seinen Sinn, es fehlt ihm nichts. Der Nihilismus unterstellt ja, dass die Dinge irgendwie sinnlos sind. Das ist schon genau die Vorstellung einer Totalit\u00e4t, die von sich her keinen Sinn hat. Und wir m\u00fcssen dann Sinn \u00fcber die nackten Tatsachen legen. Das ist alles verworren und falsch. Und genau dagegen biete ich diese neue Ontologie auf.<\/p>\n<p><strong>Die Erkenntnistheorie ist eine Teildisziplin der Philosophie. Ethik, Politik, Recht, andere. Inwiefern ist der neue Realismus eine praktische Philosophie?<\/strong><\/p>\n<p>Insofern als die theoretischen Annahmen, die ich begr\u00fcnden m\u00f6chte, eine weitere Annahme st\u00fctzen, die mir extrem wichtig ist, und die im Hintergrund wirksam ist. N\u00e4mlich die Annahme eines moralischen Realismus. Moralischer Realismus ist die Annahme, dass unsere am besten begr\u00fcndeten moralischen Urteile, die Dinge so erfassen wie sie sind. Wenn ich zum Beispiel verstehe, dass eine freiheitlich demokratische Grundordnung besser ist als die derzeitige nordkoreanische Staatsverfassung, dann begreife ich, wie die Dinge sind. Ich muss mich nicht f\u00fcr die freiheitlich demokratische Grundordnung entscheiden, sondern in diesem Fall nur einsehen, dass und warum sie besser ist. Es ist nicht so, als ob ich jetzt eine Wahl h\u00e4tte, soll ich jetzt die nordkoreanische Staatsverfassung gut finden oder lieber doch die freiheitlich demokratische Grundordnung. Was spricht denn f\u00fcr das eine was spricht f\u00fcr das andere? Was f\u00fcr die freiheitlich demokratische Grundordnung spricht, ist die freiheitlich demokratische Grundordnung. Da brauche ich nicht weitere Gr\u00fcnde. Das ist der moralische Realismus. Das hei\u00dft dasjenige, was das Richtige ist, ist von sich her das Richtige und nicht erst dadurch, dass wir es f\u00fcr das Richtige halten. Es gibt moralische und politische Tatsachen. Tatsachen sind das, woran sich unsere Meinungen zu orientieren haben. Und das gilt meines Erachtens auch im moralischen und politischen Bereich. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde man jetzt einwenden, ja aber wir diskutieren doch, haben wir nicht eine Debattenkultur? Klar! Aber was ist das Ziel unserer Debatten? Meines Erachtens ist das Ziel unserer Debatten herauszufinden, was zu tun ist, und nicht, immer nur irgendeine Entscheidung zu finden, die eine Kompromissbildung ist zweier gegeneinander k\u00e4mpfender Parteien. Demokratie ist eben durchaus kompatibel mit Wahrheitsfindung und bedeutet nicht, dass man sich mit Worten die K\u00f6pfe einschl\u00e4gt, wie dies drastisch Donald Trump vorf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Steht Europa vor dem Aus?<\/h1>\n<p>Nach einem jahrelangen Einheitskurs wird in Br\u00fcssel nun \u00fcber ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten nachgedacht. Die Idee Europas br\u00f6ckelt, das hat nun auch Jean-Claude Juncker eingesehen und pl\u00e4diert f\u00fcr ein Europa der \u201ekonzentrischen Kreise\u201c. Doch an der europ\u00e4ischen Spaltung ist Br\u00fcssel letztendlich nicht ganz unschuldig. Ein neues \u201eWei\u00dfbuch\u201c hat verschiedene Szenarien im Blick.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11889-jean-claude-juncker-und-die-geschwindigkeit\">JOHN THYS\/AFP\/Getty Images<\/a><\/p>\n<p>Ob Karl der Gro\u00dfe, Nikolaus von Kues oder Erasmus von Rotterdam \u2013 die gro\u00dfen Denker des Abendlandes hatten eine Vision: ein gro\u00dfes und friedliches Europa, doch ohne dabei der heutigen Illusion und Vision zu erliegen, das nationale Interesse zugunsten eines absoluten Hegemon aufzugeben. Vieles von dem, was wir als Errungenschaften der Moderne und der Aufkl\u00e4rung als den Geist Europas heute feiern, z\u00e4hlte bereits zum Gedankengut eines Erasmus von Rotterdam. Der gelehrte Theologe war ein Vorzeigeeurop\u00e4er und dar\u00fcber hinaus ein Repr\u00e4sentant eines europ\u00e4ischen Humanismus. Er warb nicht nur f\u00fcr die heute viel beschworene Religionsfreiheit, sondern gab auch moralische Anweisungen in Form eines \u201eF\u00fcrstenspiegels\u201c. Mit seiner \u201eDie Klage des Friedens\u201c schrieb er eine der pazifistischsten Hauptschriften des Abendlandes. Das heutige Europa war und ist ohne den Geist der Humanisten undenkbar. Doch die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert!<\/p>\n<h6>\u00dcber die EU muss selbst Putin lachen<\/h6>\n<p>Kommen jetzt Europa-D\u00e4mmerung und der ber\u00fchmte \u201eAbschied vom Prinzipiellen\u201c? Ideologien allesamt, dies hatte bereits der Philosoph Odo Marquard postuliert, sind in der Moderne obsolet geworden. Sie verm\u00f6gen keinen Allgemeinheits-, Universal \u2013 und absoluten Wahrheitsanspruch mehr zu erheben. An die Stelle universaler Geltungsanspr\u00fcche ist die Skepsis und die Philosophie des \u201eStattdessen\u201c getreten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Blick \u00fcber den Himmel Europas zeigt; die jugendliche Morgenr\u00f6te ist der D\u00e4mmerung gewichen. Dunkle Wolken haben sich zusammengebraut. Von der einstigen Aufbruchsstimmung eines Helmut Kohl und Francois Mitterand ist wenig geblieben. Der Brexit war nur die blasse Vorahnung dessen, was Europaskeptiker und Euro-Kritiker immer schon voraussagten. Schon fr\u00fch warnten \u00d6konomen vor einem Tsunami, der auf die Festungen in Br\u00fcssel und Strassburg ungebrochen zurast \u2013 doch die Stimmen der ewigen N\u00f6rgler verblassten im Herrschaftsschein der sich szenisch inszenierenden europ\u00e4ischen Politelite, die kritikresistent blieb.<\/p>\n<p>Ob die mahnenden Stimmen von Hans Olaf Henkel oder Hans-Werner Sinn, sie wurden in die Skepsis-Ecke gestellt oder als purer Populismus gebrandmarkt. Schon vor Jahren kritisierte Henkel die europ\u00e4ische Realit\u00e4tsverweigerung, die dogmatischen Herrschaftsstrukturen, entlarvte den Schein vom dogmatischen Gemeinschaftsinteresse als Selbstzweck, der darin kulminiere, dass sich die EU nur noch durch blo\u00dfe \u201eAbsichtserkl\u00e4rungen legitimieren\u201c kann. Henkel sprach von einer \u201eselbst erschaffenen Ideologie\u201c und monierte den absurden \u201eZehnjahresplan zur Zentralisierung der Fiskalpolitik\u201c. \u201eDie EU sei&#8220;, so Henkel, \u201enur noch da, um sich selbst zu retten.\u201c Zuerst sich, dann die Kommissare, dann die \u00fcber 700 Abgeordneten und zuletzt die 60.000 Mitarbeiter.<br \/>\nDas Euro-Projekt deklassifizierte Henkel somit als \u201eabgehobenes Elitenprojekt\u201c und erkl\u00e4rte es f\u00fcr gescheitert. Selbst der russische Oligarch Putin \u201ekann \u00fcber die Armee einer handlungsunf\u00e4higen und krisengeplagten EU doch nur lachen.\u201c<\/p>\n<p>Auch der \u00d6konom Hans Werner Sinn warnte j\u00fcngst in dieser Zeitung, dass der \u201eeingeschlagene Weg\u201c durchaus \u201enicht alternativlos\u201c sei. Der derzeitige Kurs allerdings \u201ef\u00fchrt nicht nach Europa, sondern zu einer Schuldenunion, von der man bef\u00fcrchten muss, dass sie viel Streit und Hass zwischen den V\u00f6lkern Europas erzeugen wird.\u201c Die Prophezeiungen beider Denker geh\u00f6ren mittlerweile zur traurigen und bitteren Realit\u00e4t eines zerrissenen Kontinents, der einer Illusion nachjagt, deren Realisierung aber, um mit Heidegger zu sprechen, nicht mehr vertraut und \u201ezuhanden\u201c, sondern lediglich \u201evorhanden\u201c \u2013 abstrakt ist.<\/p>\n<h6>Die europ\u00e4ische Planwirtschaft funktioniert nicht<\/h6>\n<p>Der Traum von den Vereinigten Staaten Europa hat in den letzten Monaten einen D\u00e4mpfer nach dem anderen erhalten. Die Idee von Europa als geeinter Lokomotive, die alle L\u00e4nder wie einen gem\u00fctlichen Speisewagen hinter sich herzieht und f\u00fcr die Bewirtung aller sorgt, beginnt immer schneller zu br\u00f6ckeln. Ob bei der Asylpolitik oder bei der Arbeitslosigkeit in den S\u00fcdl\u00e4ndern, der Griechenlandfinanzierung und dem finanziell maroden Italien \u2013 Europa als Hegemon, der von Br\u00fcssel aus zentral und monadologisch die Geschicke der L\u00e4nder lenkt, muss sich nun zumindest eingestehen, dass eine europ\u00e4ische Planwirtschaft auf Dauer nicht funktioniert. Ob Brexit, ein m\u00f6glicher Nexit, das Erstarken der Rechtspopulisten und Eurokritiker \u2013 bislang hatte man den Willen der B\u00fcrger Europas geflissentlich ignoriert. Nun bezahlt man die Zeche f\u00fcr die Politik der verschlossenen Augen. Wie ein schnurrender Parteiapparat aus l\u00e4ngst vergessenen Tagen des Kommunismus agierte das politische Br\u00fcssel. Und das Erstarken von nationalen Interessen sowie die Konjunktur eines heraufziehenden Rechtspopulismus \u00e0 la Bj\u00f6rn H\u00f6cke, Geert Wilders und Marine Le Pen resultieren letztendlich aus dem Versagen der EU-Institutionen und ihrer Realit\u00e4tsferne, die jede Kritik als ein vor\u00fcbergehendes und belangloses Ph\u00e4nomen einstufte. Und mit der Fl\u00fcchtlingskrise im Jahr 2015 ist die EU nur noch zum schlichtenden Schiedsrichter auf einem Spielfeld geworden, wo die Akteure in alle Richtungen spielen, nur eben nicht mehr in das gleiche Tor.<\/p>\n<h6>Ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten<\/h6>\n<p>\u201eAuf jede Krise kennt die EU nur eine Antwort: mehr Europa\u201c hatte Hans-Olaf Henkel einst im \u201eFocus\u201c geschrieben. Doch das Goldene Zeitalter von mehr Europa ist jetzt Geschichte. Nachdem bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel f\u00fcr ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten geworben hatte, pl\u00e4diert nun auch EU-Kommissionspr\u00e4sident Jean-Claude Juncker daf\u00fcr. \u201eWir k\u00f6nnen viel gemeinsam tun, aber es ist nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df anzunehmen, dass wir alle zusammen dasselbe machen k\u00f6nnten\u201c, so Juncker. Im belgischen Louvain-la-Neuve sagte er: \u201eWollen wir als 28 voranschreiten \u2013 wir haben den 28. schon verloren \u2013 oder muss es nicht so sein, dass die, die schneller voranschreiten wollen, dies tun k\u00f6nnen, ohne die anderen zu st\u00f6ren, und dabei ein strukturierteres Gebilde schaffen, das f\u00fcr alle offen ist?\u201c<\/p>\n<h6>Das neue \u201cWei\u00dfbuch\u201d f\u00fcr die Zukunft Europas<\/h6>\n<p>Auch im neuen \u201eWei\u00dfbuch\u201c \u00fcber die Zukunft Europas, das am 1. M\u00e4rz 2017 vorgestellt wurde, ist das Modell der \u201ekonzentrischen Kreise\u201c, in dem nicht alle Staaten gleich eng zusammenarbeiten, ein m\u00f6gliches Szenario. Demnach hat das k\u00fcnftige \u201eGebilde\u201c Europa einen Kern und verschiedene Kreise. Im Mittelpunkt stehe die \u201eKoalition der Willigen\u201c, die \u201eVorhut\u201c und die Vordenker Europas, im \u201eOrbit\u201c kreisen dann all jene, die den Ehrgeiz der Integration nicht teilen \u2013 die T\u00fcrkei inklusive.<\/p>\n<p>Neben dem Szenario der verschiedenen Geschwindigkeiten spielt Juncker vier weitere durch, ohne sich allerdings auf eines festzulegen.<\/p>\n<ol>\n<li>es bleibt alles so wie es ist<\/li>\n<li>die Fokussierung auf den Binnenmarkt und Entscheidungsfreiheit bei Fragen der Migration, Sicherheit oder Verteidigung<\/li>\n<li>die EU konzentriert sich auf ihre begrenzten Ressourcen, arbeitet so effizienter und greift in regionale Entwicklungen nicht mehr ein<\/li>\n<li>die Utopie von der ganz gro\u00dfen Zusammenarbeit \u2013 oder anders gesagt: noch mehr Europa!<\/li>\n<\/ol>\n<p>F\u00fcr die Bef\u00fcrworter Europas jedenfalls w\u00e4re dies (4.) das w\u00fcnschenswerteste Szenario, f\u00fcr die Kritiker allerdings eine Horrorvision, weil alle Macht dann letztendlich von Br\u00fcssel ausginge und die Nationalstaaten das Nachsehen h\u00e4tten und mit ihren Entscheidungen restlos abgeh\u00e4ngt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>F\u00fcr welches Szenario Br\u00fcssel sich dann endg\u00fcltig entscheidet, bleibt abzuwarten. Wichtiger jedenfalls ist, dass man sich in der EU \u00fcberhaupt einmal realit\u00e4tsn\u00e4here Gedanken \u00fcber die Zukunft macht. Vielleicht kann man die grandiose europ\u00e4ische Idee dann doch noch retten. Zu w\u00fcnschen w\u00e4re es.<\/p>\n<h1>Die Fl\u00fcchtlingspolitik war nicht gut f\u00fcr Deutschland<\/h1>\n<p>Wenn Hans-Werner Sinn vor die Mikrophone tritt, h\u00f6ren die Entscheider der Finanzm\u00e4rkte genau hin. Im Exklusivinterview mit The European kritisiert Sinn die Fl\u00fcchtlingspolitik, warnt vor dem Neo-Protektionismus der USA und r\u00e4t Europa, die Forderungen Gro\u00dfbritanniens ernst zu nehmen. Er erz\u00e4hlt, was ihn als Student antrieb und verr\u00e4t eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Anlagestrategie f\u00fcr unsichere Zeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kippt der sch\u00f6ne Frieden der Kanzlerin, wenn Erdogan die Grenzen \u00f6ffnet?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht. Ich glaube aber nicht, dass dann nochmals so viele kommen werden wie im Herbst 2015. Denn wenn man Frontex glauben darf, gingen die Seepassagen vor allem wegen des Zaunes in Mazedonien zur\u00fcck. Sobald die Arbeiten am Zaun begannen, sprach sich das herum, und die Auswanderungswilligen bezahlten die Schlepper nicht mehr. Man wollte das Geld investieren, um nach Deutschland zu kommen, nicht um in den schrecklichen griechischen Camps zu enden.<\/p>\n<p><strong>Vertragen wir eine zweite Fl\u00fcchtlingswelle?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, die vertragen wir nicht. Wir vertragen auch die erste nicht gut. Man kann die Aktion der Kanzlerin aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden vertreten, doch stellte sie eine eklatante Verletzung des deutschen Asylrechtes dar, die den Fl\u00fcchtlingen das Recht verwehrt, \u00fcber sichere Drittl\u00e4nder nach Deutschland zu kommen, um hier Asyl zu beantragen. Fl\u00fcchtlinge, die in Grenzn\u00e4he aufgegriffen werden, sind zur\u00fcckzuweisen, hei\u00dft es unmissverst\u00e4ndlich im Gesetz. Die Kanzlerin h\u00e4tte den Bundestag bitten m\u00fcssen, das Asylgesetz und das Grundgesetz zu \u00e4ndern, doch das tat sie nicht. Auf jeden Fall kosten die Migranten den deutschen Staat sehr viel Geld, pro Jahr vorl\u00e4ufig weit mehr als 20 Milliarden Euro, und langfristig etwa vierhundert Milliarden, wie von Professor Bernd Raffelh\u00fcschen gesch\u00e4tzt wurde.<\/p>\n<p><strong>Ist die Migration nicht eine Chance f\u00fcr unseren Rentenmarkt?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es eine Migration von klug ausgew\u00e4hlten, \u00fcberdurchschnittlich gut qualifizierten Menschen ist, dann ja. Eine Immigration von gering Qualifizierten brauchen wir deswegen nicht, weil wir ohnehin davon schon zu viel haben und die weitere Automatisierung der Produktion und der Dienstleistungen Stellen dieser Art ersetzt.<\/p>\n<p><strong>Die EU steht vor einer Zerrei\u00dfprobe, brauchen wir Europa eigentlich?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ohne Europa gibt es keinen Frieden. Es gibt auch keine Alternative zu Europa \u2013 um Angela Merkels Worte einmal zu gebrauchen. Das Problem liegt nur im Weg. Es gibt viele Wege, und der eingeschlagene Weg ist durchaus nicht alternativlos. Er f\u00fchrt nicht nach Europa, sondern zu einer Schuldenunion, von der man bef\u00fcrchten muss, dass sie viel Streit und Hass zwischen den V\u00f6lkern Europas erzeugen wird.<\/p>\n<p><strong>Was passiert, wenn die AfD und andere Populisten in Europa zunehmend an Einfluss gewinnen?<\/strong><\/p>\n<p>Dann wird sich die Politik in Deutschland auch wieder nach rechts bewegen, denn die CDU hat sich in Richtung Gr\u00fcne und Linke bewegt, in der Hoffnung, dort Stimmen zu gewinnen, ohne am rechten Rand welche verlieren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Welches Erbe teilen Sie mit Ludwig Erhard und Walter Eucken. Was macht den Ordoliberalismus heute aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ordo- und Neoliberalismus \u2013 die in vielerlei Hinsicht Synonyme sind \u2013 unterscheiden sich vom klassischen Liberalismus, dadurch, dass man nicht glaubt, dass spontane Ordnungen ohne Kontrollen und Ma\u00dfregeln des Staates zustande kommen. Der starke Staat ist als Schiedsrichter und Ordnungsmacht erforderlich, um die Marktkr\u00e4fte zur Entfaltung zu bringen. Sas ist heute noch genauso richtig wie zu der Zeit von Alexander R\u00fcstow 1932, als er den Neoliberalismus begr\u00fcndete, aus dem sp\u00e4ter der Ordoliberalismus hervorging.<\/p>\n<p><strong>Sollten Politiker mehr auf die Stimme der Wirtschaft h\u00f6ren?<\/strong><\/p>\n<p>Sie sollten mehr auf die Stimme der Volkswirte h\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Die Zeit hat Sie als \u201e\u00f6konomischen Seismograph der Republik\u201c bezeichnet. Gibt es so etwas wie einen wirtschaftlichen Instinkt, ein Gen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, aber es gibt da nat\u00fcrlich Erfahrungen. Ich besch\u00e4ftige mich jetzt mit wirtschaftlichen Themen mehr als ein halbes Jahrhundert, und vieles von dem, was derzeit so abl\u00e4uft, hat man fr\u00fcher schon einmal in \u00e4hnlicher Form gehabt. Ich habe schon viele Ideologien an der Wirklichkeit zerschellen sehen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben ja eben gesagt, dass die Politik mehr auf die Stimme der Volkswirte h\u00f6ren sollte. Haben Sie pers\u00f6nlich einmal in Erw\u00e4gung gezogen, selbst in die Politik zu gehen und von dieser Seite aus Einfluss zu nehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Bevor ich Volkswirtschaftslehre studiert hatte, ja. Das ist aber lange her.<\/p>\n<p><strong>Hatten Sie also \u00fcberlegt Politik zu studieren?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, das nicht. Ich habe mein Studium in der Zeit der 68er-Revolution begonnen, und da wollten die Studenten die Welt ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Im Moment sind wir ja \u00e4hnlich wie zu 68er-Zeiten auch in einer sehr politisierten Zeit. Dazu kam in Europa die Nullzinspolitik, ein \u00d6lpreiscrash und die aktuelle Schw\u00e4che des Euros. Dies hat die Konjunktur befl\u00fcgelt, man k\u00f6nnte auch sagen: k\u00fcnstlich befl\u00fcgelt. Wie stark ist die deutsche Wirtschaft wirklich?<\/strong><\/p>\n<p>Sehr stark. Die deutsche Wirtschaft hat sich nach ihrer Krise vor eineinhalb Jahrzehnten ganz ordentlich berappelt und braucht das Stimulanz der niedrigen Zinsen nicht. Sie braucht auch nicht den niedrigen Wechselkurs des Euro. Das alles f\u00fchrt zu k\u00fcnstlichen Wettbewerbsvorteilen, die auch zu einer gewissen Selbstsicherheit und Vernachl\u00e4ssigung weiterer Innovationen f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Worin bestehen \u2013 neben den von ihnen angesprochenen niedrigen Zinsen \u2013 die gr\u00f6\u00dften Risiken f\u00fcr die deutsche Volkswirtschaft der n\u00e4chsten Jahre?<\/strong><\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Risiken k\u00f6nnten in der R\u00fcckkehr zu mehr Protektionismus liegen. Sie kommen einerseits aus den USA, wo der amerikanische Pr\u00e4sident schon erkl\u00e4rt hat, dass ihm eben die deutschen Export\u00fcbersch\u00fcsse ein Dorn im Auge sind. Sie gehen aber auch von der EU aus, die jetzt gegen\u00fcber Gro\u00dfbritannien ein protektionistisches Regime aufbauen m\u00f6chte. Unter dem Motto \u00bbRosinenpicken d\u00fcrfte nicht erlaubt werden\u00ab. geht im Hinblick auf den Freihandel von der EU eine \u00e4hnliche Gefahr aus wie von Trump. Unser wichtigster Exportmarkt ist wegen Trump in Gefahr, und unser drittwichtigster wegen der angedrohten EU-Reaktion auf den Brexit.<\/p>\n<p><strong>Erstaunlicherweise wirken die Finanzm\u00e4rkte nicht etwa geschockt von der Trump-Wahl wie anfangs vermutet. Im Gegenteil, sie zeigten sich zun\u00e4chst befl\u00fcgelt.<\/strong><strong><br \/>\nIst Pr\u00e4sident Trump langfristig eher ein Segen oder Fluch f\u00fcr die Weltwirtschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Die Abkehr vom Freihandel ist sehr nachteilig f\u00fcr die Weltwirtschaft. Sie k\u00f6nnte nat\u00fcrlich der Klientel, die ihn gew\u00e4hlt hat, Vorteile verschaffen. Denn das ist das Wesen des Freihandels: Es entsteht ein Vorteil f\u00fcr die beteiligten L\u00e4nder insgesamt, aber es gibt immer starke Verlierergruppen, die, wenn man sie nicht durch einen Sozialstaat entsch\u00e4digt, dazu neigen, das Ganze zu blockieren. Das sehen wir jetzt in der Wahl von Trump.<\/p>\n<p><strong>In ihrem Buch \u00bbDer schwarze Juni\u00ab schreiben Sie, dass der Brexit und andere geopolitische Entwicklungen zu einer Art Neo-Nationalismus und Neo-Protektionismus f\u00fchren. Woher kommt der neue Isolationismus der <\/strong><strong>USA<\/strong><strong> und anderer L\u00e4nder?<\/strong><\/p>\n<p>Die Globalisierung hat sich immer in Wellen abgespielt. Wir hatten auch schon einmal viel Globalisierung im 19. Jahrhundert, dann kamen die Kriege und alles wurde wieder zur\u00fcckgedreht. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es eine zweite Welle, die vor allem nach dem Fall des Eisernen Vorhangs an Kraft gewann.<\/p>\n<p>Eine Globalisierung kann schlie\u00dflich nicht immer weitergehen, sie ist ein Prozess zu einem Gleichgewicht. Und wenn dieses Gleichgewicht erreicht ist, wenn also die Weltm\u00e4rkte globalisiert sind, ist sp\u00e4testens Schluss mit der Globalisierung. Momentan scheint sich die Entwicklung freilich zur\u00fcckzudrehen \u2013 und das ist sehr bedauerlich.<\/p>\n<p><strong>Ein anderes Thema, das mittelbar auch mit Protektionismus zu tun hat, ist der VW-Skandal. Inwieweit sehen Sie in dieser Causa industriepolitische Machenschaften?<\/strong><\/p>\n<p>Die sehe ich deutlich \u2013 das war damals schon bei Siemens so, als die Dinge von den Amerikanern grenzenlos aufgebauscht wurden, um der eigenen Industrie, die nicht anders unterwegs war, Vorteile zu verschaffen. Mit ihrer Umweltgesetzgebung betreiben die Amerikaner Handelsprotektionismus. Bei den Standards f\u00fcr die Stickoxide ging es um den Versuch, die angeschlagene amerikanische Automobilindustrie gegen den Import kleiner, schnelllaufender Dieselmotoren zu sch\u00fctzen, die sehr energieeffizient sind und nur einen geringen CO2-Aussto\u00df haben. Die Komplexit\u00e4t dieser Motoren beherrschen die US-Hersteller bis heute nicht. Es ist doch bemerkenswert, dass die Amerikaner ihre neuen Standards f\u00fcr Stickoxide im Jahr 2007 gesetzt haben, als die europ\u00e4ische Dieseloffensive in den USA begann. Die neuen US-Standards gingen weit \u00fcber die damals g\u00fcltigen europ\u00e4ischen Standards hinaus, und waren strikter als selbst die heutigen Euro-6 Standards. Interessanterweise versch\u00e4rfte man die Standards aber nur f\u00fcr die kleinen Motoren mit geringem Verbrauch und geringem Schadstoffaussto\u00df. F\u00fcr die gro\u00dfvolumigen Dieselmotoren der amerikanischen Trucks, die man auch in den USA baut, gelten viel laxere Standards. Dass VW dabei geschummelt hat, um die Motoren trotzdem verkaufen zu k\u00f6nnen, will ich damit nicht entschuldigen. Aber man sollte schon das ganze Bild sehen.<\/p>\n<p><strong>Deutschland w\u00e4hlt 2017. Was w\u00e4ren aus Ihrer Sicht die wichtigsten \u00f6konomischen Aufgaben einer Merkel IV-Regierung oder welcher Regierung auch immer daraus hervorgeht?<\/strong><\/p>\n<p>Die EU neu aufzustellen. Mit dem Austritt Gro\u00dfbritanniens ist das System der EU ins Wanken geraten. Die Briten haben berechtigte Vorhalte gemacht und haben gezeigt, was alles falsch l\u00e4uft in Europa. Wir sollten auf die Briten inhaltlich eingehen. Denn Gro\u00dfbritannien ist so gro\u00df, dass sein Austritt wirtschaftlich dem Austritt von 20 der kleinsten EU-L\u00e4nder gleichkommt \u2013 20 von 28, die wir insgesamt haben. Schon das bedeutet, dass hier kein Stein auf dem anderen bleiben kann und dass wir die EU-Vertr\u00e4ge neu verhandeln m\u00fcssen, um ein besseres, funktionsf\u00e4higeres EU-System zu schaffen.<\/p>\n<p>Besonders schlimm finde ich es, dass die freihandelsorientierten L\u00e4nder nun ihre Sperrminorit\u00e4t im Ministerrat verlieren, w\u00e4hrend die eher protektionistisch orientierten L\u00e4nder des Mittelmeerraums nun an Gewicht gewinnen. Insbesondere beim Thema der Immigration muss neu angesetzt werden, denn die bisherige Vorstellung, dass man Freiz\u00fcgigkeit mit einer vollen Inklusion in die Sozialstaaten und Fortexistenz der Sozialstaaten haben k\u00f6nne, ist abwegig. Da man den Briten bei EU-Immigranten die Beschr\u00e4nkung der Inklusion in den Sozialstaat nicht zugestand, beschr\u00e4nken sie nun die Freiz\u00fcgigkeit. Das ist der falsche Weg, aber er wurde von der EU provoziert. Wenn die EU ihre Politik nicht \u00e4ndert, werden wom\u00f6glich noch mehr L\u00e4nder austreten.<\/p>\n<p>Wir sollten nach meiner Meinung strikt trennen zwischen zwei Typen von Sozialleistungen: Erarbeitete und ererbte Sozialleistungen. Erabeitete Sozialleistungen sollten vom Gastland gew\u00e4hrt werden, in dem man gearbeitet und seine Beitr\u00e4ge gezahlt hat. Ererbte Leistungen sollten nach dem Heimatlandprinzip dauerhaft von jenem EU-Land gew\u00e4hrt werden, dessen Staatsb\u00fcrgerschaft man hat. Beide Anspr\u00fcche sollten transportierbar sein, sodass man sie in jedem andern EU-Land seiner Wahl konsumieren kann. Nur so lassen sich die Sozialstaaten und die Freiz\u00fcgigkeit in der EU erhalten.<\/p>\n<p><strong>Vor all diesen Vorzeichen: Was w\u00fcrden Sie langfristig orientierten Kapitalanlegern jetzt empfehlen? Immobilien, Aktien oder vielleicht traditionelle Werte wie Gold oder andere Rohstoffe?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist ja leider alles ausgereizt, denn ein Gro\u00dfteil des neuen Geldes, das die EZB im Zuge ihrer QE-Politik in Umlauf bringt, sammelt sich in Deutschland und sorgt hier f\u00fcr \u00fcberh\u00f6hte Immobilien- und Aktienpreise. Auch die der Goldpreis ist hoch. H\u00e4lt man das Geld im Ausland, muss man bei einem Eurocrash mit Abwertungsverlusten rechnen. H\u00e4lt man es in Deutschland, muss man wissen, dass die Forderungen gegen die deutsche Bundesbank, die sie bedeuten, zu drei Viertel nur noch durch blo\u00dfe-Target-Ausgleichsforderungen gegen andere Notenbanken des Eurosystems gedeckt sind. Zerbricht der Euro, entf\u00e4llt diese Deckung vermutlich. Was dann passiert, ist unklar. Theoretisch kann es einen W\u00e4hrungsschnitt geben, es kann Inflation geben, es kann dazu kommen, dass die Bundesbank den Geldhaltern eigene Anleihen anbietet, um das \u00fcbersch\u00fcssige Geld wieder einzusammeln. Letzteres hie\u00dfe aber nur, dass sie ihnen Forderungen gegen sich selbst gibt, denn in ihrer Funktion als Steuerzahler m\u00fcssen sie dauerhaft f\u00fcr die Zinsen auf diese Papiere aufkommen. Es ist also eine ganz schwierige Situation entstanden. Je l\u00e4nger wir die EZB die Flutung der M\u00e4rkte mit ihren unermesslichen Geldstr\u00f6men weiter erlauben, desto gr\u00f6\u00dfer wird das Risiko, und desto schwerer wird es Deutschland, sich den W\u00fcnschen der S\u00fcdl\u00e4nder nach Einrichtung einer Fiskalunion mit festen Nord-S\u00fcdtransfers zu widersetzen. Die EZB pr\u00e4judiziert mit ihrer Politik die Entscheidungen der Parlamente und beraut Deutschland seiner Handlungsoptionen.<\/p>\n<p><strong>Sie sprachen von \u00bbBlasen\u00ab. Glauben Sie an eine \u00bbInternetblase\u00ab, also die \u00dcberbewertung von Unternehmen wie Google oder Amazon? Und gibt es eine Blase von der Sie sagen, dass diese am ehesten zu platzen droht?<\/strong><\/p>\n<p>Ob etwas eine Blase ist, sieht man immer erst im Nachhinein. Die Kurse der Internetfirmen sind zwar astronomisch, doch ist das Internet eine Innovation von epochaler Bedeutung. Es erlaubt Gesch\u00e4fte mit der gesamten Menschheit. Ich bin mir nicht sicher, ob man das als Blase bezeichnen sollte. Nat\u00fcrlich kann es immer Konkurrenz geben und dann brechen ganze Gesch\u00e4ftsmodelle wieder auseinander. Aber das ist, so glaube ich, noch etwas anderes als eine Blase.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrten Stefan Gro\u00df und Wolf-Christian Weimer<\/p>\n<h1>Die Gewalt in Europa steigt dramatisch<\/h1>\n<p>No-Go-Areas geh\u00f6ren zum traurigen Alltag in Europa. Immer mehr St\u00e4dte sind von einer steigenden Kriminalit\u00e4tsrate bedroht und haben sich in No-Go-Areas verwandelt. Eine App in Schweden soll jetzt Abhilfe schaffen und die User vor den gef\u00e4hrlichsten Gegenden warnen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.photocase.com\">stille wasser \/ photocase.com <\/a><\/p>\n<p>Im Norden Europas tobt die Gewalt. Die Polizei von Malm\u00f6 hat die Kontrolle verloren. Schweden wird immer mehr mit einem massiven Anstieg der Kriminalit\u00e4t durch Einwanderer konfrontiert. Im Land gibt es mittlerweile 55 \u201eNo-Go-Zonen\u201c. Um den Schweden wieder ein wenig mehr Sicherheit zu geben, soll jetzt die erste \u201eNo-Go-Area\u201c-App auf den Markt kommen. Diese App soll dem Nutzer zeigen, welche Gegenden er lieber meiden sollte.<\/p>\n<p>Die App wertet 170.000 Polizeimeldungen sowie Presseaussendungen aus. Die Orte, wo verst\u00e4rkt Verbrechen stattgefunden haben, werden auf einer Karte visualisiert. Ist die Kriminalit\u00e4tsrate besonders hoch, werden die Gebiete als \u201eNo-Go-Area\u201c markiert. F\u00fcr D\u00e4nemark und Norwegen ist eine \u00e4hnliche App geplant. Auch in Deutschland sind viele Stadtteile nicht mehr sicher, die Polizei vermeidet es dort, Pr\u00e4senz zu zeigen. In der Bundesrepublik, aber auch in \u00d6sterreich werden bereits verschiedene Projekte erprobt, die Kriminalit\u00e4tsf\u00e4lle zu dokumentieren und diese auf einer Karte darzustellen.<\/p>\n<h1>Kommt jetzt das orwellsche Zeitalter?<\/h1>\n<p>S\u00e4belrasseln im Wei\u00dfen Haus. Nach zwei Wochen im Amt schockiert amerikas Number One die Welt\u00f6ffentlichkeit. P\u00fcnktlich zum Fr\u00fchst\u00fcck serviert US-Pr\u00e4sident Trump jeden Tag einen Cocktail, der einem noch zum Mittag schwer im Magen liegt. Manche sehen mit ihm gar ein neues \u201e1984\u201c heranbrechen. Kommt jetzt ein neues orwellsches Zeitalter?<\/p>\n<p>\u00a9<\/p>\n<p>F\u00fcr die einen ist Trump so eine Art Super-Gau, dessen blo\u00dfe Namensnennung f\u00fcr Gef\u00fchlstsunamis und seismografische Turbulenzen sorgt, man spricht von Trump-Massakern und \u201ekriegerischem Nationalismus\u201c. Trump ist das Monster, das die Welt in Atem h\u00e4lt. F\u00fcr die anderen ist der Milliard\u00e4r eine Art Messias, ein Heilsbringer, der Amerika vom verhassten Establishment befreit.<\/p>\n<p>Er verspricht nicht nur Mauer, Einreisverbot und ein rasantes Wirtschaftswachstum, sondern unterschreibt im Turbomodus ein Dekret nach dem anderen. Er arbeitet so schnell wie einst die Concorde einst flog. 17 Dekrete in 10 Tagen, Obama kam seinerzeit auf 277 insgesamt.<\/p>\n<h6>Orwellscher Neusprech regiert<\/h6>\n<p>Doch kaum ein Politiker polarisiert mehr. Es ist die Art, wie er Entscheidungen f\u00e4llt, die verunsichert. Zwei Wochen im Amt zerst\u00f6rt er das Tafelsilber. Mit seinen Gegnern spielt er Russisch Roulette, kritische Journalisten bek\u00e4mpft er wie ein wildes Raubtier. Wer nicht seiner Meinung ist, fliegt raus. Orwellscher Neusprech regiert auf allen Etagen. Das Zeitalter Trumps ist bereits jetzt das der \u201ealternativen Fakten\u201c und ein Wahrheitsanspruch regiert, der selbst die christliche Offenbarung wie ein Sekund\u00e4rereignis erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Seine Politik gleicht einem Pokerspiel in seinem riesigen Casino. Trump poltert und fordert die Wiedereinf\u00fchrung von Waterboarding \u2013 doch er ist sprunghaft wie ein Tiger auf der Hetzjagd. Heute dies \u2013 morgen das. Chaos scheint das politische Programm zu sein, das die gro\u00dfe Rhetorik-Maschine Trump fast existentiell befl\u00fcgelt. Die meisten seiner Entscheidungen f\u00e4llt er spontan aus dem Bauch heraus, um sie am n\u00e4chsten Tag wieder in den Orkus der Geschichte zu sp\u00fclen. Der Polit-Amateur ist in den ersten Wochen eins \u2013 ein \u201eDoppeldenk\u201c und ein politischer \u00dcberlebensk\u00fcnstler.<\/p>\n<h6>Machtpolitiker mit Allmacht-Phantasien<\/h6>\n<p>Trump ist kein Gr\u00fc\u00dfaugust. Vielmehr geriert er sich als Machtpolitiker mit Allmacht-Phantasien. Als omnipotenter Monarch von Gottesgnaden pflegt er einen fast diktatorischen Autokratenstil und erkl\u00e4rt die Welt \u2013 samt ihrer Pluralit\u00e4t \u2013 in einem Handstrich zum Hofstaat. Kritik mag er nicht, wenngleich er betont, dass er sich Herausforderern gern zum Duell stelle. US-Justizministerin Sally Yates zumindest war zum Duell ausgeladen oder eben nicht auf Augenh\u00f6he. Ob Trump tats\u00e4chlich ein Diskursplayer ist, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p>Bislang, so scheint es wenigstens, ist Trump zumindest eins, der K\u00f6nig der Diskursverweigerung. Kritiker bef\u00fcrchten einen nationalen, fl\u00e4chendeckenden \u00dcberwachungsstaat, andere sehen sich schon in einem Unterdr\u00fcckungssystem angekommen, dass in seiner Radikalit\u00e4t noch Kim Jon-un, Josef Stalin, Adolf Hitler und den tr\u00fcbsinnigen Stasi-Mielke \u00fcberbietet. Immer wenn Diktatoren, Allmachtphantasien und totalit\u00e4re Apparate sich janusk\u00f6pfig aus dem schlammigen Erdboden erheben, kommt George Orwells d\u00fcsteres \u201e1984\u201c in Spiel. In Amerika ist das Buch bereits jetzt ausverkauft.<\/p>\n<h6>\u201e1984\u201c \u2013 \u201eBig Brother is watching you\u201c<\/h6>\n<p>In seinem Bestseller-Roman \u201e1984\u201c, 1948 geschrieben, entwarf Orwell eine Dystopie. Es ist einer der radikalsten, d\u00fcsteren Gegenentw\u00fcrfe zu Platons \u201eStaat, Thomas Morus\u2019 \u201eUtopia\u201c oder Ernst Blochs \u201ePrinzip Hoffnung\u201c. Orwell entwickelt als Programm der Moderne einen totalit\u00e4ren \u00dcberwachungsstaat, der jede Individualit\u00e4t am Boden vernichtet, der die Privatsph\u00e4re in Bann wirft und die Gedanken in Fu\u00dffesseln zementiert. Gedankenfreiheit ist bereits ein Verbrechen und wird mit rigider Gehirnw\u00e4sche betraft. Der gro\u00dfe Bruder (\u201eBig Brother is watching you\u201c), die Parteielite, regiert mit strikter Hand, mediale Eindimensionalit\u00e4t ist Programm. Die Willensmanipulation als perfideste Zensur regiert und sch\u00e4dliche Begriffe wie Freiheit werden durch eine neue Sprache ersetzt.<\/p>\n<p>\u201eNeusprech&#8220; und \u201eDoppeldenk\u201c regieren, und wer sich ihnen widersetzt, endet in den Folterkammern des Staates, wird mental manipuliert und wieder auf Parteikurs gebracht. Die heute vielzitierte postfaktische \u201eGeschichtsklitterung\u201c ist systemisch im \u00dcberwachungsstatt verankert und die eigentliche Freiheit zeigt sich im Bekenntnis zum totalit\u00e4ren Staat, in der Selbstaufl\u00f6sung und in der Akzeptanz des Gro\u00dfen Bruders als dem alleinseligmachenden Prinzip der Wahrheit.<\/p>\n<h6>Orwells Narrativ zeitgem\u00e4\u00dfer denn je?<\/h6>\n<p>Wenn man Kundenrezensionen bei Amazon zu \u201e1984\u201c liest, ist Orwells Narrativ am Puls der Zeit. \u201eSehr relevant f\u00fcr die Zeit, in der Wissenschaftler zum Schweigen gebracht und Einwanderer attackiert werden, und in der sich die Vereinigten Staaten in eine Welt alternativer Fakten bewegen.\u201c und \u201eOrwell dachte an die Trump-Regierung, als er den Klassiker geschrieben hat, \u201c hei\u00dft es dort.<\/p>\n<p>Doch bei aller berechtigten Angst: \u201eWo aber Gefahr ist, w\u00e4chst das Rettende auch, schrieb einst H\u00f6lderlin in seinem Gedicht \u201ePatmos\u201c. Und Trump ist, wie einst Ronald Reagan bei seinem Amtsantritt, m\u00f6glicherweise ein riesiges Trumpeltier, das unfl\u00e4tig den Zeitgeist beunruhigt und zerm\u00fcrbt \u2013 aber vielleicht lernt der neue US-Pr\u00e4sident doch noch seinen Verstand zu gebrauchen, getreu der Maxime Kants und seine Feinde zu ehren, wie Konfuzius es weise forderte. In seiner Rede auf dem \u201eNational Prayer Breakfast\u201c am 2. Februar betonte er immerhin: \u201eAmerika muss eine tolerante Gesellschaft bleiben.\u201c Das klingt zumindest nicht nach \u201e1984\u201c.<\/p>\n<h6>Mehr Gelassenheit gegen\u00fcber Trump<\/h6>\n<p>Altbundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der jedenfalls fordert mehr Gelassenheit im Umgang mit Trump. Und das ist vielleicht ganz gut so. Wir haben noch ganz andere Probleme, die der kollektive, fast ebenso eindimensionale Zeitgeist im kritischen Trump-Fieber derzeit v\u00f6llig ausklammert: Hungersn\u00f6te, Kriege und eine globale Umweltzerst\u00f6rung. In der medialen Trump-Hetze r\u00fcckt dies alles in den Hintergrund. Schade!<\/p>\n<h1>Psychologie der Superreichen<\/h1>\n<p>Auf Anhieb gro\u00dfe Beachtung in den Medien findet Rainer Zitelmanns neues Buch \u201ePsychologie der Superreichen\u201c. EUROPEAN sprach mit dem Autor.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/rainer-zitelmann\/11835-interview-mit-rainer-zitelmann\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p><strong>Sie haben die erste sozialwissenschaftliche Studie zur Psychologie von Superreichen verfasst. Warum hat sich die Forschung bisher so wenig damit besch\u00e4ftigt?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es gibt eine unendliche F\u00fclle an Literatur \u00fcber Armutsforschung, aber nur wenige wissenschaftliche Arbeiten \u00fcber Reiche. Es herrscht eine Sprachlosigkeit zwischen der akademischen Elite und der Verm\u00f6genselite, die wenig voneinander wissen, aber wechselseitig umso mehr Vorurteile pflegen. Zudem ist es schwer ist, an die wirklich Reichen heranzukommen und sie zum sprechen zu bringen.<\/p>\n<p><strong>Man wirft den Superreichen vor, dass sie sich verstecken, abkapseln von der Gesellschaft.<\/strong><\/p>\n<p>Das hat Gr\u00fcnde. Auch ich musste meine Interviews anonym machen. Die meisten Superreichen sind froh, wenn sie nicht in einschl\u00e4gigen Listen wie etwa im Manager Magazin auftauchen. Nicht nur, weil sie vielleicht Erpressungen oder Ent-f\u00fchrungen f\u00fcrchten, sondern auch den allt\u00e4glichen Neid, der Menschen entgegenschl\u00e4gt, die hohe Verm\u00f6gen besitzen.<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie dennoch an Ihre Interviewpartner gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Erstens kenne ich viele, insbesondere aus der Immobilienbranche, in der ich selbst seit fast zwei Jahrzehnten aktiv bin. Da haben die Menschen Vertrauen zu einem, empfehlen einen auch weiter. Zweitens war es f\u00fcr mich einfacher, weil ich als \u00fcberzeugter Marktwirtschaftler nicht in dem Verdacht stehe, unter dem Vorwand der Wissenschaft Vorurteile und Sozialneid zu pflegen.<\/p>\n<p><strong>Und was hat Sie angetrieben?<\/strong><\/p>\n<p>Das, was jeden Wissenschaftler antreibt. Neugier, mehr \u00fcber etwas zu erfahren, \u00fcber das man noch zu wenig wei\u00df. Mich interessierte vor allem die Pers\u00f6nlichkeitsstruktur von Menschen, die es aus eigener Kraft geschafft haben, ein mindestens zwei- oder dreistelliges Millionenverm\u00f6gen aufzubauen.<\/p>\n<p><strong>Sind die Personen, die Sie interviewt haben, nicht sehr unterschiedlich?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind sie unterschiedlich. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten und es gibt Denk- und Verhaltensmuster, die diese Menschen von vielen anderen unterscheiden. Eigentlich ist das logisch. W\u00fcrden sie genauso denken und damit genau so handeln wie die meisten Menschen, h\u00e4tten sie es kaum geschafft, solche Verm\u00f6gen anzuh\u00e4ufen.<\/p>\n<p><strong>Spielt nicht auch Gl\u00fcck eine Rolle?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe noch keinen kennengelernt, der sein ganzes Leben lang stets ungeheures Gl\u00fcck hatte. Diejenigen, die durch reines Gl\u00fcck reich werden, zum Beispiel Lottospieler oder Erben, verlieren es nicht selten wieder. Umgekehrt gilt: Wer wei\u00df, wie man verm\u00f6gend wird und \u00fcber die richtigen mentalen Voraussetzungen verf\u00fcgt, kann es auch wieder erlangen, wenn er es verloren hat. Das kann ein Lottospieler nicht. \u00dcbrigens ist das sehr interessant, warum so oft auf \u201eGl\u00fcck\u201c hingewiesen wird \u2013 auch von den erfolgreichen Menschen selbst. Ich habe dem Thema ein ganzes Kapitel gewidmet.<\/p>\n<p><strong>Sie kritisieren die traditionelle Eliteforschung \u2013 warum?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn sich die Eliteforschung mit der Wirtschaftselite befasst hat, dann hat sie viel zu einseitig nur angestellte Manager von Gro\u00dfkonzernen in den Blick genommen. Die Gruppe, mit der ich mich befasse und die ich \u201eVerm\u00f6genselite\u201c nenne, wurde dagegen weitgehend ignoriert. Ich meine damit selbstst\u00e4ndige Unternehmer und Investoren. Ich denke, die Chancen, dass jemand aus einfachen Mittelschichts-Familien in diese Verm\u00f6genselite aufsteigt, sind viel gr\u00f6\u00dfer als die Wahrscheinlichkeit, dass er DAX-Vorstand wird. Formale Bildungsvoraussetzungen beispielsweise spielen eine ganz untergeordnete Rolle. Einige der reichsten Interviewpartner mit denen ich sprach, hatten nur einen Haupt- oder Realschulabschluss, einer war Legastheniker und kann bis heute nur eingeschr\u00e4nkt lesen und schreiben. Der w\u00e4re bestimmt nie DAX-Vorstand geworden. Ich finde, das ist auch eine motivierende Botschaft und sie relativiert ein wenig die Klage \u00fcber fehlende Aufstiegsm\u00f6glichkeiten in unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie mit dem gro\u00dfen Interesse an dem Thema gerechnet?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe es gehofft, aber ich war schon positiv \u00fcberrascht, dass der Verlag mir am ersten Erscheinungstag eine Mail schickte, dass das Buch nachgedruckt werden muss, weil man sonst in einigen Tagen nicht mehr werde liefern k\u00f6nnen.<\/p>\n<h1>Ist Trump eine Marionette Russlands?<\/h1>\n<p>Ist der neue US-Pr\u00e4sident durch den Kreml erpressbar? US-Geheimdiensten liegt brisantes Material \u00fcber Trumps Sexleben vor. Der Verfasser des Sex-Dossiers ist verschwunden, sein Kontaktmann wurde jetzt in Moskau tot aufgefunden.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11776-sex-geruechte-ueber-trump\">RAYMOND ROIG\/AFP\/Getty Images<\/a><\/p>\n<p>Eine Aff\u00e4re \u00fcber einen Sexskandal des amerikanischen Pr\u00e4sidenten Donald Trump wird zum hochbrisanten Spionage-Thriller. Das Geheimdienst-Dossier mit 35 Seiten (siehe Link unten) \u00fcber den US-Pr\u00e4sidenten wurde von dem ehemaligen britischen MI6-Agenten Christopher Steele verfasst. Von ihm fehlt derzeit jede Spur. Nun r\u00fcckt Oleg Erovinkin in den Mittelpunkt der Aff\u00e4re, der in Moskau tot aufgefunden wurde.<\/p>\n<p>Erovinkin war ehemaliger KBG-General und arbeitete f\u00fcr den Geheimdienst FSB. Er soll Steele geholfen haben, das brisante und Trump stark belastende Material zusammengetragen zu haben. Wie der \u201eTelegraph\u201c mutma\u00dft, wurde der Mann im Auftrag des Kremls jetzt ermordet.<\/p>\n<p>Der russische Pr\u00e4sident Putin benannte die Verbreiter des Sex-Dossiers gegen Trump\u201eschlimmer als Prostituierte\u201c.<\/p>\n<p>Elf Tage vor der Amtseinf\u00fchrung von Trump ver\u00f6ffentliche das Online-Portal \u201eBuzzfeed\u201c das Dossier. Darin wird dem amerikanischen Pr\u00e4sidenten vorgeworfen, Sex-Spielchen mit russischen Prostituierten in der Pr\u00e4sidentensuite des Ritz Carlton 2013 gehabt zu haben. Mehre Prostituierte lie\u00df Trump auf das Bett urinieren, in dem zuvor US-Pr\u00e4sident Barack Obama und seine Frau Michelle geschlafen hatten. Das Hotelzimmer soll vom Geheimdienst FSB mit Kameras und Mikrophonen \u00fcberwacht worden sein.<\/p>\n<h6>Ist Trump durch den Kreml erpressbar?<\/h6>\n<p>Durch Steeles Dossier ist der amerikanische Pr\u00e4sident durch Putin erpressbar. Trump bezeichnete die Vorw\u00fcrfe als \u201efake news\u201c und \u201etotale politische Hexenjagd\u201c, die russische Regierung sprach von einer \u201eL\u00fcgengeschichte\u201c.<\/p>\n<h1>Wir d\u00fcrfen den Mittelstand nicht weiter belasten<\/h1>\n<p>Neben einer leistungsgerechten Steuerreform m\u00fcssen wir vor allem darauf achten, unseren Mittelstand nicht weiter zu belasten. Alles, was Arbeit teurer macht, vernichtet Arbeitspl\u00e4tze und gef\u00e4hrdet unsere internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit. \u201cThe European\u201d sprach mit der Bayerischen Wirtschaftsministerin auf dem diesj\u00e4hrigen \u201cLudwig-Erhard-Gipfel\u201d.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/ilse-aigner\/11736-ilse-aigner-im-interview\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p><strong>Viele Mittelst\u00e4ndler in Deutschland w\u00fcnschen sich eine marktwirtschaftsfreundliche Politik in der Tradition Ludwig Erhards. K\u00f6nnen Sie das verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Viele Mittelst\u00e4ndler beklagen, dass in der gro\u00dfen Koalition auf Bundesebene falsche Schwerpunkte gesetzt wurden \u2013 und das nicht ganz zu Unrecht. Die politischen Debatten wurden stark durch Projekte wie den Mindestlohn oder das Entgeltgleichheitsgesetz bestimmt. Deshalb fordere ich bereits l\u00e4nger, dass wieder st\u00e4rker wirtschaftspolitische Impulse gesetzt werden.<\/p>\n<p>Wir brauchen eine erfolgreiche Wirtschaft in Deutschland und Bayern, damit Arbeitspl\u00e4tze, Wohlstand und Wachstum erhalten bleiben.<\/p>\n<p>Die steuerliche F\u00f6rderung von Forschungs- und Entwicklungsaufgaben oder der energetischen Geb\u00e4udesanierung m\u00fcssten l\u00e4ngst umgesetzt sein, h\u00e4ngen aber im Bundesrat fest. In Bayern, wo die CSU allein regiert, tun wir uns mit einer mittelstandsfreundlichen Politik im Sinne Ludwig Erhards leichter. Aber viele Rahmenbedingungen werden im Bund gesetzt. Wichtig ist mir, deutlich zu machen, dass Wirtschaftswachstum kein Selbstzweck ist, sondern der Gesellschaft insgesamt zu gutekommt. Das ist ganz im Sinne Ludwig Erhards.<\/p>\n<p><strong>Was muss in Deutschland ordnungspolitisch in der n\u00e4chsten Legislatur passieren? Wof\u00fcr k\u00e4mpft die <\/strong><strong>CSU<\/strong><strong> mit Blick auf die Wirtschaft und den Mittelstand?<\/strong><\/p>\n<p>Neben einer leistungsgerechten Steuerreform m\u00fcssen wir vor allem darauf achten, unseren Mittelstand nicht weiter zu belasten. Alles, was Arbeit teurer macht, vernichtet Arbeitspl\u00e4tze und gef\u00e4hrdet unsere internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Insbesondere die Lohnst\u00fcckkosten d\u00fcrfen nicht aus dem Ruder laufen. Deswegen wollen wir die Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge dauerhaft auf einem Niveau unterhalb von 40 Prozent der Bruttol\u00f6hne einfrieren. Jeder Prozentpunkt mehr bedeutet 12 Milliarden Euro zus\u00e4tzlich Belastung. Und wir m\u00fcssen uns endlich wirksam f\u00fcr B\u00fcrokratieabbau einsetzen \u2013 da war zum Beispiel der Mindestlohn eher kontraproduktiv. Bei den Arbeitszeiten brauchen wir mehr Flexibilit\u00e4t. Das w\u00fcrde die gerade im Zeitalter der Digitalisierung notwendigen Freir\u00e4ume er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p><strong>Braucht Deutschland eine Reform des Steuersystems? Eine Senkung der Steuern? Eine Vereinfachung nach dem einstigen Bierdeckel-Vorschlag von Friedrich Merz?<\/strong><\/p>\n<p>Das mit dem Bierdeckel war auch von Friedrich Merz wohl eher symbolisch gemeint. Klar ist aber, dass unser Steuersystem inzwischen so intransparent und kompliziert ist, dass es keiner mehr nachvollziehen kann. Insofern st\u00fcnde dringend eine Vereinfachung an.<\/p>\n<p>Wichtig ist mir aber vor allem, dass es zu einer wirksamen Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen, auch des Mittelstands kommt. Der Spielraum f\u00fcr Steuersenkungen ist ja da. Die CSU hat daf\u00fcr bereits einen Fahrplan und konkrete Vorschl\u00e4ge vorgelegt. So wollen wir die kalte Progression eind\u00e4mmen, den Soli schrittweise abschaffen und ein Baukindergeld einf\u00fchren. Insgesamt kommen wir so auf eine Entlastung von 15 Milliarden Euro. Das ist die gr\u00f6\u00dfte Steuerreform in der Geschichte unseres Landes.<\/p>\n<p><strong>Ist Ludwig Erhard f\u00fcr Sie ein Vorbild? Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p>Ludwig Erhard ist f\u00fcr mich vor allem deshalb ein Vorbild, weil er den vermeintlichen Gegensatz von Wirtschaft und einfachen Leuten \u00fcberwunden hat. Wirtschaftspolitik dient auch einem Mehr an sozialer Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>\u00d6konomische Sicherheit ist die Voraussetzung f\u00fcr Wohlstand, f\u00fcr den sozialen und gesellschaftlichen Frieden, f\u00fcr Zukunftsinvestitionen, aber auch f\u00fcr die Handlungsf\u00e4higkeit des Staates, eine gut ausgestattete Polizei und eine funktionsf\u00e4hige Verwaltung.<\/p>\n<p><strong>Was plant Ilse Aigner im Jahr 2017 politisch?<\/strong><\/p>\n<p>Glauben Sie mir, als bayerische Wirtschaftsministerin wird einem nie langweilig. Bayern ist Wachstumsspitzenreiter und auch in vielen anderen Bereichen bestens aufgestellt. Ich sehe meine Aufgabe darin, daf\u00fcr zu sorgen, dass das auch in Zukunft so bleibt. Ein gro\u00dfes Thema sind dabei staatliche und private Investitionen. Wir brauchen beispielsweise steuerliche Anreize, etwa f\u00fcr die energetische Geb\u00e4udesanierung, Wagniskapital oder f\u00fcr Forschung und Entwicklung. Bayern ist ein Exportland, deswegen setze ich mich f\u00fcr faire Spielregeln auf den Weltm\u00e4rkten ein, auch gegen\u00fcber China und den USA. Ebenso bleiben die Bereiche innovative Gr\u00fcndungen und Digitalisierung Schwerpunkte meiner Arbeit. Ein Aspekt ist dabei der Aufbau von bayernweit 12 digitalen Gr\u00fcnderzentren an insgesamt 19 Standorten. Der Digitalbonus f\u00fcr kleine und mittlere Betriebe ist vor kurzem erfolgreich angelaufen \u2013 uns liegen schon jetzt etwa 500 Antr\u00e4ge vor. Ebenso werden wir uns verst\u00e4rkt mit vernetzter Mobilit\u00e4t, k\u00fcnstlicher Intelligenz oder digitaler Gesundheit auseinandersetzen. Ich m\u00f6chte, dass die bayerische Wirtschaft hier die Nase vorn hat. Das gelingt aber nur, wenn die Politik einen Rahmen setzt, der Innovation und Wettbewerb erm\u00f6glicht.<\/p>\n<h1>AKK &#8211; die CDU-Geheimwaffe aus dem Saarland<\/h1>\n<p>Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich partei-\u00fcbergreifenden Respekt einer popul\u00e4ren Ministerpr\u00e4sidentin erarbeitet. Nun er\u00f6ffnet sie das Superwahljahr 2017 \u2013 als bescheidene Macherin, Anti-Lafontaine und engagierte Katholikin. Auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel h\u00e4lt sie die Laudatio auf Reinhard Kardinal Marx.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11719-ludwig-erhard-gipfel-2017--2\">CDU<\/a><\/p>\n<p>Es gibt in Deutschland Politiker, die machen ihre Aufgaben statt gro\u00dfen L\u00e4rm. Sie sind die leisen Regenten, die Probleme nicht bloss bereden, sondern eben l\u00f6sen. Zu dieser Gattung Mensch z\u00e4hlt die saarl\u00e4ndische Ministerpr\u00e4sidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Der Name ist ein wenig sperrig, doch die Person, die dahintersteht, geht derzeit geradlinig und geschmeidig ihren Weg nach ganz oben. In der CDU f\u00e4llt ihr Name immer h\u00e4ufiger, wenn es um die Frage geht, wer nach Angela Merkel eigentlich die Union der Zukunft verk\u00f6rpert. Der stete Aufstieg von \u201eAKK\u201c, wie sie unter Unionisten gerne genannt wird, ist bemerkenswert, gerade weil er sich so leise vollzieht. W\u00e4hrend viele Politiker fast sklavisch nach medialer Aufmerksamkeit gieren und sich geschickt in jeder Medienwelle inszenieren, pflegt AKK im Saarland demonstrative Bescheidenheit. Die Zeiten, in denen der rote Oskar Lafontaine das Land pomp\u00f6s und in absolutistischer Manier regierte, sind pass\u00e9. Ja AKK ist \u2013 genau besehen \u2013 ein Anti-Lafontaine, politisch wie pers\u00f6nlich.<\/p>\n<h6>Die weise Regentin<\/h6>\n<p>Vom Populismus eines Lafontaine ist die derzeitige amtierende Ministerpr\u00e4sidentin des zweitkleinsten Bundeslandes, Kramp-Karrenbauer, denkbar weit entfernt. W\u00e4hrend Lafontaine in der Opposition weiter Politik mit Hammer und Sichel betreibt und poltert, regiert die studierte Rechts- und Politikwissenschaftlerin ihr Land diskret und sachlich, mit weiblicher Vorausschau und weiser Hand, ja mit viel Geschick und dem n\u00f6tigen Gesp\u00fcr f\u00fcr Bodenhaftung. Kramp-Karrenbauer ist eine Politikerin vom ur-alten Schlag, die ihre Hausaufgaben macht, die bei sachpolitischen Themen sattelfest ist und dem gesunden Menschenverstand folgt. Derzeit hat sie ihrem Land eine rigide Sparpolitik verordnet. Kramp-Karrenbauer ist uneitel und pragmatisch und steht dabei noch immer mit voller Nummer im Telefonbuch. Im Saarland ist sie \u201eeine von uns\u201c, Ber\u00fchrungs\u00e4ngste gibt es nicht, wer mit ihr unterwegs ist, stellt verbl\u00fcfft eine ungeheure B\u00fcrgern\u00e4he fest.Von L\u00e4rm, Selbstinszenierungswahn und einem damit verbundenen Herrschaftskult wie in Bayern h\u00e4lt sie wenig. Manche sagen, sie sei eine junge Angela Merkel \u2013 nur eben westdeutsch sozialisiert und dar\u00fcber hinaus einem konservativ-katholischen Milieu entstammend.<\/p>\n<h6>\u201eWahlkampf bei allen Windverh\u00e4ltnissen\u201c<\/h6>\n<p>Lange Zeit war die Ministerpr\u00e4sidentin aus dem beschaulichen V\u00f6lklingen eine Art Nebendarstellerin am Rande der Republik. Ihr fehlte die Stahlkraft einer Julia Kl\u00f6ckner oder Ursula von der Leyen. Die Medien hatten sie kaum auf dem Schirm, f\u00fcr die h\u00f6heren Weihen war sie zu weit weg im Westen. Doch inzwischen hat sie in der innerparteilichen Akzeptanz die beiden anderen eingeholt. Kramp-Karrenbauer ist der Typ von Frau, der immer untersch\u00e4tzt wird, hier Merkel nicht un\u00e4hnlich. Doch Kramp-Karrenbauer kann auch anders \u2013 auch gegen Merkel, sie ist mutiger als die Kanzlerin, hat mehr Chupze. Sp\u00e4testens 2012 war ihre Stunde gekommen und ihr Name in aller Munde. Gegen Merkels Rat hatte sie die Jamaika-Koalition an der Saar mit einem Federstrich aufgel\u00f6st und durch eine Gro\u00dfe Koalition ersetzt. Und die Nachfolgerin von Peter M\u00fcller ist seitdem aus der CDU nicht mehr wegzudenken. Kramp-Karrenbauer macht \u201eWahlkampf bei allen Windverh\u00e4ltnissen\u201c.<\/p>\n<h6>Die Netzwerkerin<\/h6>\n<p>2016 wurde sie als Merkel-Nachfolgerin und als neue Bundespr\u00e4sidentin gehandelt. In ihrer Partei gilt sie als einflussreich und als gute Netzwerkerin. Sie genie\u00dft das h\u00f6chste Vertrauen der Kanzlerin, die ihre politischen Tugenden sch\u00e4tzt, ihre Zielstrebigkeit und Gelassenheit. Kramp-Karrenbauer z\u00e4hlt zum liberalen Kreis ihrer Partei und kann sich auf den Arbeitnehmerfl\u00fcgel verlassen. Das macht sie auch f\u00fcr SPD und Gr\u00fcne w\u00e4hlbar. Dar\u00fcberhinaus hat sie eine hohe Reputation in der Frauen-Union und unter den deutschen Katholiken. Seit Jahren ist sie Mitglied des Zentralkomitees und setzt sich dort verst\u00e4rkt f\u00fcr eine Lockerung des Z\u00f6libates, f\u00fcr die Weihung weiblicher Diakone und f\u00fcr die Verteidigung der klassischen Ehe ein. Daf\u00fcr musste sie sich den Vorwurf von SPD und Gr\u00fcnen gefallen lassen, dass sie Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie vergleiche. Doch Kramp-Karrenbauer ist weder homophob oder gar reaktion\u00e4r. Eine Ehe f\u00fcr alle geht ihr aber deutlich zu weit. Wenn auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel am 20. Januar am Tegernsee der Freiheitspreis der Medien an Kardinal Marx verliehen wird, h\u00e4lt sie die Laudatio auf den Erzbischof.<\/p>\n<p>Die Vita von AKK liest sich wie eine zielstrebige Karriereplanung: mit 19 Jahren CDU-Mitglied, sp\u00e4ter Stadtr\u00e4tin, mit 36 Jahren Bundestagsabgeordnete, dann Landtagsmitglied und Ministerin. Dabei hatte sie ihre Karriere keineswegs geplant. Hebamme oder Lehrerin waren erstmal ihre Ziele. Doch nach dem Marsch durch die politischen Institutionen, von der Lokal- in die Landespolitik, blickt das politische Talent auf eine traumhafte Karriere zur\u00fcck, gekr\u00f6nt mit dem Amt der Ministerpr\u00e4sidentin 2011.<\/p>\n<h6>Die Getreue der Kanzlerin<\/h6>\n<p>Beim Poker um das m\u00f6gliche Kanzleramt ist Kramp-Karrenbauer eine weitere Prinzessin im Karussell, mit der zu rechnen ist. Das mussten auch Kronprinzessinnen wie Ursula von der Leyen oder Julia Kl\u00f6ckner mittlerweile anerkennen. Und das wei\u00df auch die Kanzlerin, die sich der Loyalit\u00e4t Kramp-Karrenbauers sicher ist. Die Saarl\u00e4nderin hielt Merkel in der Fl\u00fcchtlingskrise unverbr\u00fcchlich die Treue, bezeichnete Sigmar Gabriels Kritik an Merkels Fl\u00fcchtlingspolitik als perfide und attackierte den bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten und dessen notorische Verbalattacken gegen Berlin. Statt destruktivem Dissens klagt Kramp-Karrenbauer mehr Harmonie von der Schwester ein, die \u201eCSU ist eine Partei, die gerne mal lautere T\u00f6ne anschl\u00e4gt\u201c, bemerkt sie lakonisch.<\/p>\n<h6>Fair-Play als Kerntugend<\/h6>\n<p>Kramp-Karrenbauer ist eine Fair-Play-Spielerin, sie schaut auf das Ganze, auf die Geschlossenheit der Gro\u00dfen Koalition. Was 2017 auf dem Spiel steht, ist ihr bewusst, denn es geht um nichts anderes als um die Zukunft ihrer Union, um das Erbe der Adenauer-Partei. Eine Niederlage w\u00fcrde die \u201eerhebliche Schw\u00e4chung sowohl der CDU als auch der CSU\u201c nach sich ziehen.<\/p>\n<p>Deshalb gibt sich Kramp-Karrenbauer mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 und die schon vorher anstehende Landtagswahl am 26. M\u00e4rz im Saarland besonders k\u00e4mpferisch. Ihr Credo glasklar: eine rot-rot-gr\u00fcne Bundesregierung muss mit allen Mitteln verhindert werden. \u201eWir m\u00fcssen als CDU\/CSU darum k\u00e4mpfen, so stark zu werden, dass Rot-Rot-Gr\u00fcn keine Option ist.\u201c \u201eBei der Bundestagswahl geht es um eine Richtungsentscheidung. Die Alternative lautet Rot-Rot-Gr\u00fcn \u2013 mit erheblichen Folgen nicht nur f\u00fcr die Sicherheits-, sondern auch f\u00fcr die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.\u201c Und: \u201eZum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gibt es ernsthafte Bem\u00fchungen, eine rot-rot-gr\u00fcne Bundesregierung zu bilden. Dies m\u00fcssen wir verhindern, sonst werden CDU und CSU ihrer historischen Verantwortung nicht gerecht.\u201c<\/p>\n<h6>Rot-Rot-Gr\u00fcn und AfD sind keine Alternativen<\/h6>\n<p>Weder Rot-Rot-Gr\u00fcn noch der AfD traut die Saarl\u00e4nderin zu, konstruktive und tragf\u00e4hige Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die Zukunft Deutschlands zu machen. Doch im Kampf gegen eine nach oben aufstrebende AfD r\u00e4t die Ministerpr\u00e4sidentin zu mehr Gelassenheit. In einem Interview mit der \u201eWAZ\u201c betont sie: \u201eIch rate dazu, mit der AfD umzugehen wie mit jeder anderen Partei auch. Sie ist in ihren Forderungen populistisch, aber das ist nichts Neues. Bei uns im Saarland gibt es die Linkspartei mit Oskar Lafontaine an der Spitze, da kennt man sich mit Populismus aus. Manche Forderungen von AfD und Linkspartei sind sich auch verbl\u00fcffend \u00e4hnlich.\u201c Den populistischen Drive der Petry-Partei gelte es nicht zu imitieren, sondern als populistisches Gedankengut zu entlarven, so Kramp-Karrenbauer.<\/p>\n<h6>Schicksalsjahr 2017<\/h6>\n<p>Dieses Jahr geht es politisch um das Ganze. Nicht nur die Wahl des Bundespr\u00e4sidenten und die Bundestagswahl steht vor der T\u00fcr \u2013 auch in drei Landtagen wird gew\u00e4hlt. Die Chefin der saarl\u00e4ndischen CDU regiert derzeit in einer stabilen Gro\u00dfen Koalition und will diese auch in die n\u00e4chste Legislaturperiode retten. Zwar sei diese \u201ekein Allheilmittel\u201c, aber sie bedeutet auch nicht \u201eden Untergang der Demokratie.\u201c Kramp-Karrenbauer sieht das denn auch ganz pragmatisch, denn \u201eB\u00fcndnisse zwischen Union und SPD machen Sinn, wenn es gelingt, sich auf gro\u00dfe Projekte zu verst\u00e4ndigen.\u201c<\/p>\n<p>Laut Umfragen liegt die CDU im Saarland derzeit bei 35 Prozent, die SPD bei 24, die LINKE kommt auf 16, die Gr\u00fcnen auf 6 Prozent. Dank einer starken AfD (10 Prozent) und einer FDP bei 5 Prozent, ist unter diesen Umst\u00e4nden gegen die CDU Kramp-Karrenbauers keine Regierung zu bilden. Allerdings bleibt eine rot-rot-gr\u00fcne Koalition in Reichweite. Oskar Lafontaine, der als Spitzenkandidat wieder in die Schlacht zieht und derzeit auf Kuschelkurs mit der SPD und Sigmar Gabriel ist, wird alles daf\u00fcr tun, um ein Linksb\u00fcndnis durchzupeitschen.<\/p>\n<p>Kramp-Karrenbauer, die in der Fl\u00fcchtlingspolitik hinter der Bundeskanzlerin steht, setzt im Wahlkampf nicht auf Hysterie, Angst sei ein schlechter Stimmungsmacher. Aber das Thema Sicherheit steht an der Saar mit an erster Stelle. Kramp-Karrenbauer geht es um die \u201eZukunftsf\u00e4higkeit\u201c des Landes, um ein stabiles Wirtschaftswachstum, um eine solide Finanzierung des Hochschuletats, um eine Entspannung am Arbeitsmarkt sowie um die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit in Digitalisierung und Elektromobilit\u00e4t. \u201eDeutschland muss an der Spitze des Wandels stehen,\u201c so ihre Maxime.<\/p>\n<p>Bei der Maut wird sie der CSU keine Zugest\u00e4ndnisse machen. Hier fordert sie Sonderregelungen und Ausnahmen. Davon wird es \u201eabh\u00e4ngen, ob das Saarland die Pkw-Maut unterst\u00fctzt.\u201c Es w\u00e4re nicht das erste Mal, dass sie kritisch mit der Seehofer-Partei ins Gericht geht. Bei der Maut wie bei der Fl\u00fcchtlingsfrage gilt: \u201eErst aufkl\u00e4ren, dann sachlich diskutieren und erst am Ende, falls erforderlich, Gesetze \u00e4ndern.\u201c<br \/>\nDie Wahl im Saarland wird das erste Stimmungsbarometer f\u00fcr die Merkel-CDU im Superwahljahr. Gewinnt Kramp-Karrenbauer wird sie weiter als Angela Merkels Nachfolgerin gehandelt. Verliert sie, wird die CDU einen weiteren Ministerpr\u00e4sident verlieren. Dann h\u00e4tte die Partei nur noch drei (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen) von 16 Ministerpr\u00e4sidenten, eine Schw\u00e4chung, die die Kanzlerinnenpartei wom\u00f6glich nicht verwinden w\u00fcrde.<\/p>\n<h1>Kardinal Marx folgt auf Gorbatschow<\/h1>\n<p>Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz erh\u00e4lt den Freiheitspreis der Medien 2017. Ein Portr\u00e4t eines kraftvollen Kirchenf\u00fchrers, barocken Mannes und Freidenker im Glauben.<\/p>\n<p>Er ist einer der rangh\u00f6chsten W\u00fcrdentr\u00e4ger der katholischen Kirche Deutschlands, war der j\u00fcngste Kardinal der Welt, ist Bestsellerautor und K\u00e4mpfer f\u00fcr soziale Gerechtigkeit. Der M\u00fcnchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx mischt sich immer wieder in die Politik ein, sei es bei den Missbrauchsf\u00e4llen oder in der Fl\u00fcchtlingskrise. Marx geht es dabei um die Freiheit des Einzelnen und um die Nachhaltigkeit der Verantwortung in Zeiten der Globalisierung. Jetzt bekommt er den \u201eFreiheitspreis der Medien 2017\u201c auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel.<\/p>\n<p>Reinhard Kardinal Marx ist alles in Personalunion: frommer Christ, Hirte des Freisinger Bistums, Chef aller deutschen Katholiken und einer der einflussreichsten Kardin\u00e4le weltweit. Unter den deutschen Bisch\u00f6fen ist er mittlerweile zur Zentralfigur und Ikone aufgestiegen, verleiht der Katholischen Kirche hierzulande ihr Gesicht. Ob Weltkirche in Rom oder europ\u00e4ische Wertegemeinschaft in Br\u00fcssel \u2013 Marx spielt auf allen Klaviaturen, ist gefragter Redner und gern gesehener Gast auf vielen B\u00fchnen. Er ist zudem ein enger Vertrauter von Papst Franziskus geworden. Manche in der katholischen Kirche halten ihn gar f\u00fcr einen denkbaren Nachfolgekandidat in Rom.<\/p>\n<h6>Der Missbrauchs-Krisenmanager<\/h6>\n<p>Der M\u00fcnchner Kirchenf\u00fcrst ist wortgewaltig, redegewandt, politisch versiert und l\u00e4sst sich vom Zeitgeist nicht ersch\u00fcttern oder einsch\u00fcchtern. Seine Pers\u00f6nlichkeit hat etwas Barockes, obwohl er aus dem bodenst\u00e4ndigen Westfalen kommt. Das Selbstbewusstsein gepaart mit Intelligenz, Wortgewalt und Humor verleiht ihm gro\u00dfe Pr\u00e4senz und Autorit\u00e4t. Das eigentliche Faszinosum aber ist sein Vertrauen auf das freie Denken und Reden. Es ist im besten Sinne Kantianer, der Mut hat sich seines Verstandes zu bedienen. Marx versteckt sich nicht hinter Dogmen oder einem S\u00e4ulenwald aus Ritualen \u2013 er fordert den Glauben als unmittelbaren Akt der eigenen Pers\u00f6nlichkeit. Ihm ist Gott ein Du, das ein freies Ich braucht. Es ist diese Souver\u00e4nit\u00e4t der Freiheit, die seine Wirkung als Prediger entfalten l\u00e4\u00dft. Er spricht nicht gestelzt und in Phrasen, er spricht wie er denkt und f\u00fchlt und glaubt.<\/p>\n<p>Auch wenn er leidet, tut er das. Beim Missbrauchsskandal zum Beispiel, der Deutschland im Jahr 2010 ersch\u00fctterte und zu einer schweren Krise und Bew\u00e4hrungsprobe der katholischen Weltkirche wurde, hatte der M\u00fcnchner Erzbischof klare Worte gefunden, konsequent aufgekl\u00e4rt, durchgegriffen und drastische Sanktionen gegen die p\u00e4dophilen T\u00e4ter verh\u00e4ngt. Er war einer der wenigen, der sich mit seiner akribischen Sichtung der Akten sich einen \u00dcberblick \u00fcber das sexuelle Fehlverhalten der Geistlichen und anderer kirchlicher Mitarbeiter gegen\u00fcber Minderj\u00e4hrigen und Schutzbefohlenen verschaffte. Reinhard Kardinal Marx hat in diesen d\u00fcsteren Zeiten wieder ein wenig Licht in die verdunkelten Kirchenmauern gebracht, sei es im Kloster Ettal oder in Berlin. Dass sich Marx auch unangenehmen Entschl\u00fcssen stellt, wenn es um pers\u00f6nliches Fehlverhalten geht, zeigte sich in der Causa Mixa und Causa Tebartz \u2013 erzwungener Amtsverzicht war die Konsequenz. Zugleich gibt er einer verunsicherten Kirche aber auch die Sprache und das Selbstbewusstsein zur\u00fcck. Heute kann man sagen, dass er die katholische Kirche souver\u00e4n aus dieser Krise herausgef\u00fchrt hat.<\/p>\n<h6>Fl\u00fcchtlingskrise und AfD<\/h6>\n<p>Aber auch im krisengesch\u00fcttelten Deutschland der Fl\u00fcchtlingskrise rief der M\u00fcnchner Erzbischof zu Besonnenheit auf, zu christlicher Hilfe und Solidarit\u00e4t mit den Ankommenden. Dass er dabei \u2013 insbesondere vom rechten Rand der Gesellschaft \u2013 immer wieder kritisiert wurde, hat ihn wenig beeindruckt, noch sein Insistieren auf das Gebot der Stunde, die Not zu lindern, geschw\u00e4cht. Wie Angela Merkel sieht Marx das Gebot der Hilfe und der Solidarit\u00e4t als kategorischen Imperativ der N\u00e4chstenliebe, der Christlichen Soziallehre. Gegen\u00fcber der AfD und politischen Angstkampagnen ist der M\u00fcnchner reserviert, mahnt vor dem Rede- und Diskussionstil von \u201eScharfmachern und Fundamentalisten\u201c.<\/p>\n<h6>Papst Franziskus und Reinhard Marx<\/h6>\n<p>Immer wieder sucht der Papst der Armen und Entrechteten, Papst Franziskus, die N\u00e4he zum M\u00fcnchner Erzbischof. Die Liste der Verantwortlichkeiten, die Marx in der Kurie und in den verschiedensten p\u00e4pstlichen Institutionen \u00fcbernommen hat, liest sich wie das Who\u2019s who eines, der in der Karriereleiter ganz weit oben steht. Neben der Barmherzigkeit, einem Begriff der zum Leitmotiv des r\u00f6mischen Pontifex geworden ist, ist es der Reformwille des argentinischen Papstes, seine angestrebte Kurienreform, f\u00fcr deren Umsetzung er den Politikstrategen Marx braucht. Marx ist ein Macher \u2013 dies goutiert auch das nunmehr etwas liberalere Rom.<\/p>\n<h6>Kritik am Raubtierkapitalismus<\/h6>\n<p>Wie Papst Franziskus geht es dem M\u00fcnchner Kardinal, dem ehemaligem Bischof von Trier und Professor f\u00fcr Christliche Soziallehre, um den Gedanken der Nachhaltigkeit, gerade mit Blick auf die globale Wirtschaft. Marx Berufung in den Wirtschaftsrat des Vatikans ist ein Zeichen wie sehr ihm der Papst auch als Wirtschaftsfachmann vertraut. \u201eDiese Wirtschaft t\u00f6tet\u201c hatte Franziskus vor einigen Jahren geschrieben. Was der oberste Kirchenhirte kritisiert, ist ein Kapitalismus, der sich entgrenzt, der sich ins Ma\u00dflose entfremdet und den Menschen \u00fcbersteigt, ihn \u2013 gut kantisch gesprochen, nur zum Mittel und nicht zum Zweck seiner selbst macht.<\/p>\n<p>Genau vor dieser ausufernden Wirtschaft warnte auch der M\u00fcnchner Kardinal: \u201eWirtschaft und Gesellschaft sollen nicht nur effizient, sie sollen auch gerecht sein.\u201d Das Prinzip einer Sozialen Marktwirtschaft wie es Marx vor Augen hat und wie er sie in seinem renommierten Buch \u201eDas Kapital\u201c entfaltet, basiert dabei auf den Prinzipien der Solidarit\u00e4t, Personalit\u00e4t und Subsidiarit\u00e4t, der Gemeinwohlorientierung und dem Prinzip der Nachhaltigkeit \u2013 letztendlich einer wirtschaftlich fundierten Ethik, die ihr Fundamente in der Christlichen Soziallehre hat und f\u00fcr die Namen wie Wilhelm Emmanuel von Ketteler, Adolph Kolping und Oswald von Nell-Breuning stehen.<\/p>\n<p>Aber Marx bringt auch immer wieder den Ordoliberalismus als ein Ordnungsgef\u00fcge ins Gespr\u00e4ch, das dem Menschen den Spielraum der Freiheit bel\u00e4sst und ihn in einen Staat einbindet, der die Rahmenbedingen f\u00fcr seine Freiheit schafft. F\u00fcr den M\u00fcnchner Kardinal bleibt Freiheit immer das gro\u00dfe Wort der Stunde, die gesch\u00f6pfliche Freiheit einerseits und die Verantwortung zur Freiheit andererseits. Seine Theologie ist eine der Freiheit, wenn man so will eine Freiheits-, aber nicht Befreiungstheologie, denn von Leonardo Boff und der Theologie der Befreiung unterscheidet er sich dennoch gravierend.<\/p>\n<h6>Freiheit ist das A und O<\/h6>\n<p>Im Jahr 2011 hat der renommierte Verfassungsrichter Paul Kirchhof in seiner Laudatio auf Kardinal Marx, der den \u201ePreis Soziale Marktwirtschaft\u201c von der Konrad-Adenauer-Stiftung erhielt, dessen Freiheitsbegriff als \u201eFreiheit der aufgekl\u00e4rten Freiheit\u201c bezeichnet. Marx\u2019 Credo: Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit\u201c, sein Bischofsmotto (Ubi spiritus domini, ibi libertas), spiegelt sich nicht nur im Risiko der Freiheit, in der Verantwortung der Freiheit, in der Demut und Bescheidenheit der Freiheit, in ihrer Endlichkeit, sondern auch in der wirtschaftlichen Dimension dessen, was Marx unter Freiheit versteht. Theologisch ist Freiheit die Freiheit vor Gott, wirtschaftlich verstanden ist die Freiheit des Marktes, aber, gut hegelanisch, eine Freiheit in der Notwendigkeit. Zuwider ist dem Kardinal, der sich f\u00fcr die Armen und f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge als Globalisierungsverlierer engagiert, ein unbez\u00e4hmbarer Raubtierkapitalismus. Vielmehr pl\u00e4diert er im Umkehrschluss f\u00fcr eine Synthese zwischen Sozialer Marktwirtschaft und einem eingehegten Kapitalismus, der auch Verantwortung gegen\u00fcber den Marktteilnehmern \u00fcbernimmt, gerade in Zeiten, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander zu driften droht. Marx ist daher ganz nah bei Konrad Adenauer, der bereits 1946 schrieb: \u201eDie Wirtschaft soll dem Menschen dienen, nicht der Mensch der Wirtschaft.\u201d<\/p>\n<p>Aber auch Walter Eucken, Wilhelm R\u00f6pke, Alfred M\u00fcller-Armack und Ludwig Erhard sind f\u00fcr Marx Kronzeugen. Und mit dem Begr\u00fcnder des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, geht Marx konform. Der ehemaliger Wirtschaftsminister schrieb einst: \u201eDie Wirtschaft ist vielleicht das Primitivste, aber sie ist auch das Unentbehrlichste; erst auf dem Boden einer gesunden Wirtschaft kann die Gesellschaft ihre eigentlichen und letzten Ziele erf\u00fcllen.\u201d Je st\u00e4rker sich eine Wirtschaftsordnung, so der M\u00fcnchner Kardinal, an den zeitlosen Prinzipien der Personalit\u00e4t, der Subsidiarit\u00e4t, der Solidarit\u00e4t, der Gemeinwohlorientierung und Nachhaltigkeit orientiert, umso mehr entspricht sie einer Ordo Socialis \u2013 einer vern\u00fcnftigen Ordnung des menschlichen Zusammenlebens.<\/p>\n<h6>Freiheitspreis der Medien 2017<\/h6>\n<p>Begr\u00fcndung der Jury<\/p>\n<p>Reinhard Kardinal Marx hat die katholische Kirche in Deutschland nach Zeiten der Unruhe wieder zur Einheit gef\u00fchrt und ihr ein sympathisches und kraftvolles Gesicht gegeben.<\/p>\n<p>Seine Theologie atmet den Geist der freiheitlichen Aufkl\u00e4rung und ist zugleich der Idee der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet.<\/p>\n<p>Marx war und ist Br\u00fcckenbauer sowohl beim \u00f6kumenischen Dialog als auch beim Zusammenwachsen der Weltkirche.<\/p>\n<p>In der gegenw\u00e4rtigen europ\u00e4ischen Krisensituation fordert er einen mutigen Blick nach vorn f\u00fcr ein geeintes, friedliches, demokratisches Europa. Europa braucht, so der Kardinal, eine neue Synthese von Vernunft, Glaube und Gef\u00fchl, eine neue Seele, die die christliche Freiheit in den Mittelpunkt stellt.<\/p>\n<p>Schon als Bischof w\u00e4hlte er sich den Wahlspruch \u201eUbi spiritus domini ibi libertas\u201d (\u201eWo der Geist des Herrn wirkt, dort ist Freiheit\u201c).<\/p>\n<p>Freiheit bleibt f\u00fcr Marx das gro\u00dfe Thema in der modernen Welt \u2013 die \u201eVoraussetzung f\u00fcr Verantwortung und Liebe\u201c. Dieses Leitbild stellt er nicht nur dem christlichen Glauben voran, sondern es bildet f\u00fcr ihn auch den wirtschaftlich ordnungspolitischen Rahmen in einer global vernetzten Welt, wo die Ethik der Solidarit\u00e4t best\u00e4ndig neu gegen Egoismus und blindes Gewinnstreben gelebt sein sollte.<br \/>\nDer Dialog der Kulturen, der Wirtschaft und der Medien bedarf dabei klarer Spielregeln, einer Ordo-Politik, die Freiheit und Verantwortung in eine sichere Balance bringt. Er hat mit dem \u201eKapital\u201c einen Bestseller geschrieben, der die Soziale Marktwirtschaft im Gef\u00fcge des 21. Jahrhundert neu denkt.<\/p>\n<h1>Die Entsolidarisierung schadet uns allen<\/h1>\n<p>Der Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Parlamentes, der SPD-Politiker Martin Schulz, wird Br\u00fcssel verlassen und nach Berlin gehen. Schulz gilt als m\u00f6glicher Kanzlerkandidat der SPD und wird bis dahin als Au\u00dfenminister und Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier gehandelt. Stefan Gro\u00df traf ihn zum Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/martin-schulz\/11537-interview-martin-schulz-wir-brauchen-mehr-europa\">Getty Images<\/a><\/p>\n<p><strong>Herr Pr\u00e4sident, Sie sind ein B\u00fccherwurm und waren Buchh\u00e4ndler. Was bedeutet Freiheit im 21. Jahrhundert? Ist Freiheit, wie es Hegel formulierte, Einsicht in die Notwendigkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist es sicher auch! Aber Freiheit im 21. Jahrhundert hei\u00dft insbesondere im digitalen Zeitalter, indem wir uns befinden, die W\u00fcrde des Menschen zu achten, und das Freiheitsrecht, das Selbstbestimmungsrecht, das Recht auf Schutz vor Verletzung der W\u00fcrde des einzelnen Menschen zu sichern.<\/p>\n<p><strong>Stefan Zweig sprach in seiner Autobiographie \u201eDie Welt von Gestern\u201c, von einem Europa, das es nur noch in der Vergangenheit gibt, weil epochale Kriege diese Idee destabilisiert haben. Ist dieses Szenario von vor 100 Jahren heute wieder Realit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe dieses Buch mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit gelesen. Viele Passagen dieses Buches k\u00f6nnen wir durchaus auf die heutige Zeit anwenden. Dieser Umbruch, den gerade auch die Menschen der Donaumonarchie um den Jahrhundertwechsel vom 19. ins 20. Jahrhundert erlebt haben, diese untergehende Welt, dieses Gef\u00fchl des Zerbr\u00f6selns der ewigen Ordnungen, die f\u00fcr unverr\u00fcckbar galten, hatte aber einen entscheidenden Unterschied zu unserer Zeit. Die Ordnung, die beim Wechsel vom 19. ins 20. Jahrhundert zu Ende ging war eine, die \u00fcber Jahrhunderte hinweg bestanden hat. Schon am Wechsel vom 20. ins 21. Jahrhundert zeigt sich aber eine extreme Beschleunigung. Deshalb kann man das nicht unmittelbar vergleichen. Wir leben in einer Phase, wo dieses Europa, das sich langsam entwickelt hat, jetzt einem radikalen Beschleunigungsprozess unterworfen wird. Vielleicht m\u00fcssten wir mehr Mut zur Entschleunigung aufbringen. Vielleicht m\u00fcssten Politikerinnen und Politiker auch den Mut haben zu sagen, ich habe nicht auf jedes auftretende Problem sofort eine Antwort.<\/p>\n<p><strong>Michel Houellebecq hat in seinem Roman \u201eDie Unterwerfung\u201c das Ende des laizistischen Europas vorgezeichnet und spricht von einer Islamisierung der franz\u00f6sischen Nation. Handelt es sich Ihrer Meinung nach um eine realistische oder unrealistische Fiktion?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe selten erlebt, dass ein Romanwerk wie das von Houellebecq, das ein Untergangszenario par excellence entwirft, so erfolgreich und gleichzeitig so unrealistisch war. Warum das so ist, kann man so erkl\u00e4ren: Was er beschreibt, wird so nie Wirklichkeit werden. Aber er greift eine tiefe Angst und Verunsicherung auf, ohne dem eine positive Botschaft entgegen zu setzen. Die Reaktion auf sein Buch und die Angstbesetztheit, die in seinem Roman auch zum Ausdruck kommt, muss man ernst nehmen.<\/p>\n<p><strong>Der verstorbene Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte mehrfach die bundesdeutsche Asylpolitik kritisiert und einen radikalen Kurswechsel bei der Ausl\u00e4nderpolitik gefordert. Wie aktuell ist Schmidt?<\/strong><\/p>\n<p>Wir brauchen nicht eine bundesdeutsche Ver\u00e4nderung, wir brauchen eine europ\u00e4ische Ver\u00e4nderung! Was wir brauchen ist ein europ\u00e4isches Einwanderungs- und Asylrecht. Die Fl\u00fcchtlingskrise zeigt uns doch ganz deutlich, dass wir auf ein globales Ph\u00e4nomen wie die Fl\u00fcchtlingsbewegungen keine nationalen Antworten geben k\u00f6nnen. Das geht nur im europ\u00e4ischen Verbund. Und doch erleben wir, wie in vielen L\u00e4ndern der Vorrang des Nationalen und des nationalen Alleingangs vor der gemeinschaftlichen L\u00f6sung obsiegt. Diese Entsolidarisierung schadet uns allen, gerade aber auch den Menschen, die bei uns Schutz suchen.<\/p>\n<p><strong>26 Jahre Deutsche Einheit. Auch nach dieser langen Zeit gibt es immer noch Differenzen zwischen Ost und West. Wie soll ein Europa der verschiedenen Kulturen und Religionen zusammenwachsen, wenn dies schon bei den Deutschen so schwierig war?<\/strong><\/p>\n<p>Die Wiederherstellung der Deutschen Einheit und die Wiederherstellung der europ\u00e4ischen Einheit sind epochale Schritte. Die Welt ist heute in einer tiefen Ver\u00e4nderung. Sie ist nicht mehr eurozentristisch. Europa ist ein Teil, nicht der Teil dieser Welt. Und deshalb werden wir uns sowohl als Europ\u00e4ische Union im Verh\u00e4ltnis zu anderen Regionen, aber auch nach Innen einem permanenten Ver\u00e4nderungsprozess unterwerfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Von Palmer k\u00f6nnen die Gr\u00fcnen was lernen!<\/h1>\n<p>Boris Palmer bleibt das Enfant terrible seiner Partei \u2013 und er ist stolz darauf. Der Mathematiker versteht sich als Rebell und seine ganze Politik atmet den Geist des Protestes. Anders als gr\u00fcne Sch\u00f6nredner ist Palmer der Robin Hood der Armen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11531-boris-palmer-warum-er-alles-richtig-macht\">Rechte: www.borispalmer.de<\/a><\/p>\n<p>G\u00e4be es Boris Palmer nicht, m\u00fcssten ihn die Gr\u00fcnen erfinden. Anstatt diesen permanent zu verunglimpfen und an den medialen Pranger zu stellen, sollte man in Berlin froh sein, das hier einer nicht mit univoker Stimme spricht, sondern f\u00fcr Polyphonie sorgt. Palmer ist bekennender Rebell, ein gr\u00fcner mit besten Eigenschaften.<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inread-experience.teads.tv\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<p>Und Palmer ist einer, der sich nicht die Stimme verbieten l\u00e4sst \u2013 und schon gar nicht von seiner eigenen Partei samt ihren etablierten Politikern und lang eingesessenen Kadern, die ihn regelm\u00e4\u00dfig wie ein kleines Kind zur R\u00e4son rufen, w\u00e4hrend sie selbst im politischen Mainstream angekommen und diesen verk\u00f6rpernd ihre liebgewonnene Macht wie einen edlen Wein genie\u00dfen. Die Gr\u00fcnen waren mal revolution\u00e4r, jetzt sind sie es nicht mehr. Palmer aber ist anders, kantiger, klarer, provokativer \u2013 so wie die Gr\u00fcnen der ersten Generation.<\/p>\n<p>Der s\u00fcddeutsche OB bringt das gr\u00fcne Berlin regelm\u00e4\u00dfig an den Rand eines kollektiven Nervenzusammenbruchs. F\u00fcr Berlin ist er eine Bombe, die jederzeit zu platzen droht. T\u00fcbingen bleibt ein rotes Tuch f\u00fcr die Berliner Parteizentrale und die Linksfraktion der Gr\u00fcnen.<\/p>\n<h6>Am liebsten h\u00e4tte man Palmer auf dem Mond<\/h6>\n<p>Die protestantische Intellektuellenmetropole T\u00fcbingen, die einst mit Hegel, Schelling und H\u00f6lderlin Weltruf erlangte und dann im 20. Jahrhundert ihren zweiten Ruhm durch Walter Jens, Ernst Bloch und Hans K\u00fcng in einer zweiten Renaissance feierte, war immer, insbesondere in den 68er-Jahren, ein Hort des linken Protestes. Feinere Geister wie Joseph Ratzinger wurden damals durch die p\u00f6belnden Studenten gar aus der Stadt getrieben.<\/p>\n<p>Was fr\u00fcher die 68er waren, ist nun Palmer, aber eben als Realo wie sein Landeschef Kretschmann. Nicht nur, dass er \u2013 wie sein Landesvater \u2013 permanent f\u00fcr Herzrasen, Angstschwei\u00df und Bluthochdruck in der Berliner \u00d6ko-Republik sorgt, am liebsten m\u00f6chte man Palmer ganz abschieben \u2013 am besten gleich ans Ende der Welt. Wer nicht ins Bild des gr\u00fcnen Einerlei, die Musli- und bunt gestrickte Pulloverwelt passt, dem droht Ungemach. Ob Claudia Roth, Britta Ha\u00dfelmann, Simone Peter, Quasselstrippe Renate K\u00fcnast, Anton Hofreiter oder Volker Beck \u2013 f\u00fcr sie alle ist Palmer die Inkarnation es B\u00f6sen, eine Art \u201eDonald Trump\u201c, der den gr\u00fcnen Geist verr\u00e4t.<\/p>\n<h6>Das Enfant terrible und der Robin Hood seiner Partei<\/h6>\n<p>Palmer bleibt das Enfant terrible seiner Partei \u2013 und er ist stolz darauf. Der Mathematiker versteht sich als Rebell und seine ganze Politik atmet den Geist des Protests. Anders als gr\u00fcne Sch\u00f6nredner ist Palmer der Robin Hood der Armen. Er macht Politik an der Basis und kennt den Alltag \u2013 samt seinen H\u00fcrden. Er spielt die Klaviatur wie ein versierter Pianist, manchmal greift er in die schwarzen Tasten und kommt der AfD gef\u00e4hrlich nahe, zumeist aber erzeugt er Dissonanzen im gr\u00fcnen Umfeld, wenn er die Abschiebung von straff\u00e4lligen Syrern fordert oder sich einfach f\u00fcr das traditionelle Modell der Ehe ausspricht.<\/p>\n<h6>Gegen den Genderwahn und den linken Mainstream<\/h6>\n<p>Im homophilen und genderisierten Gr\u00fcnen-Lager, wo der Heterosexuelle mittlerweile wie die Benzin- und Dieselmodelle zum klassischen Auslaufmodell geh\u00f6rt, will Palmer einfach nicht mitspielen. F\u00fcr den T\u00fcbinger bleibt die klassische Ehe wie f\u00fcr Kretschmann die bevorzugte Lebensform: \u201eWenn jemand es gut findet, dass in seinem Viertel die Mehrheit homosexuell ist, dann ist das f\u00fcr mich ok. Umgekehrt will ich nicht als homophob bezeichnet werden, wenn ich es ganz gut finde, dass die Mehrheit nicht homosexuell ist.\u201c<\/p>\n<p>Gegen den gr\u00fcnen Mainstream und die wuchernden Gender-Ideologien h\u00e4lt er dann auch fest, dass eine Minderheit nicht erwarten kann, \u201edass die Mehrheit sich selbst w\u00fcnscht zur Minderheit zu werden.\u201c Klar haben Minderheiten Anspruch auf ihre sozialen Rechte und Freiheiten, doch wenn diese \u201edaraus den Anspruch ableiten, dass die Mehrheiten nicht mehr sagen d\u00fcrfen, dass bestimmte Verh\u00e4ltnisse gut sind\u201c, dann interveniert Palmer heftig. Es kann doch nicht sein, so seine Maxime, dass man die Mehrheit ihre Meinung nicht mehr \u00e4u\u00dfern kann \u2013 dieser Maulkorb der \u201eMinderheiten\u201c tr\u00e4gt im Tornister \u201eIntoleranz und Jakobinismus\u201c.<\/p>\n<h6>Die universale Spannbreite gr\u00fcner Politik<\/h6>\n<p>Der T\u00fcbinger B\u00fcrgermeister Boris Palmer hat einen nicht ungewichtigen Marktwert weit \u00fcber die Grenzen der Gr\u00fcnen hinweg. Die Verteilung ist fast perfekt. W\u00e4hrend Kretschmann abtr\u00fcnnige Unionsw\u00e4hler um sich wie ein guter Hirte versammelt, schw\u00f6rt \u00d6zdemir die Deutsch-T\u00fcrken auf sich ein und Boris Palmer kann m\u00f6gliche AfD-W\u00e4hler f\u00fcr ein gr\u00fcnes Programm zur\u00fcckgewinnen. Mit Kretschmann, \u00d6zdemir und Palmer haben die Gr\u00fcnen ein gewaltiges Potential, wenn es um die Macht in Berlin im Jahr 2017 geht \u2013 eine derartige Spannbreite ist ein Novum innerhalb des gr\u00fcnen Diskurses. Dieses weit ausgreifende Spektrum kann der Partei nur von Nutzen sein, wenn die neue Kanzlerkandidatin Angela Merkel ihre Union auf Schwarz-Gr\u00fcn einschw\u00f6ren sollte.<br \/>\nMehr Mitte kann den Gr\u00fcnen nicht schaden, damit werden sie bei Weitem keine \u201eCDU light mit Insektenschutz\u201c, wie Jakob Augstein prophezeite und den Untergang gr\u00fcner Kultur in Deutschland zu erkennen vermeinte.<\/p>\n<h1>Gr\u00fcne Flankendeckung f\u00fcr Angela Merkel<\/h1>\n<p>Winfried Kretschmann ist das gr\u00fcne Gewissen der Union. W\u00e4hrend es in der Partei m\u00e4chtig brodelt, unterst\u00fctzt der Ministerpr\u00e4sident Baden-W\u00fcrttembergs Kanzlerin Angela Merkel im Wahlkampf und will sie als Bundeskanzlerin 2017. Von Rot-Rot-Gr\u00fcnen Alternativen h\u00e4lt er nichts.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11470-winfried-kretschmann\">Thomas Niedermueller\/Getty Images<\/a><\/p>\n<h6>Das Bekenntnis zu Angela Merkel<\/h6>\n<p>Nicht alle Gr\u00fcnen sind so wie Winfried Kretschmann. Das gem\u00fctliche Wohlf\u00fchlurgestein meint es gut mit Deutschland, aber noch lieber ist ihm die Kanzlerin. Geht es ihr gut, ist der konservative Dinosaurier zufrieden. Und wenn es Gott nicht g\u00e4be, w\u00fcrde er die ostdeutsche Pfarrerstochter direkt anbeten. Doch Gott existiert und stellt die m\u00e4chtigste Frau der Welt immer wieder, wie einst Hiob, auf die Probe. Das wei\u00df auch Kretschmann \u2013 und da hilft nur Gottvertrauen und Gebet \u2013 selbst konfessions\u00fcbergreifend, denn der bislang einzige gr\u00fcne Landesf\u00fcrst ist bekennender Katholik und Kretschmann wird auch nicht m\u00fcde, Merkel zu verteidigen und als Kanzlerkandidatin 2017 auszurufen. Rot-Rote-B\u00fcndnisse hingegen, so bekennt er offen, bleiben ihm fremd.<\/p>\n<h6>Der gr\u00fcne Monarch kann auch Protest<\/h6>\n<p>Aber der Katholik und gr\u00fcne Monarch Kretschmann kann auch Protest. So kritisiert er mit aller Vehemenz die \u201ekulturelle Hegemonie\u201c seiner Partei. Von den Gr\u00fcnen als \u201eVorschrifts- und Verbotspartei\u201c hat der Schwabe schon lange genug und geh\u00f6rig die Nase voll: \u201eAnstatt Vorgaben f\u00fcr das gute Leben und die individuelle Lebensgestaltung zu machen, sollten wir uns auf den Kampf f\u00fcr eine gute Ordnung der Dinge konzentrieren\u201c, so Kretschmann in der \u201eDie Zeit\u201c. Auch die \u201egesellschaftliche Modernisierung\u201c seiner Partei geht ihm deutlich zu weit. Alternative Familienmodelle und eine durchgenderisierte Gesellschaft bleiben ihm ein Greuel. Dass er sich f\u00fcr die Ehe als traditioneller Familienform verteidigen muss, passt einfach nicht in den Konservatismus des gr\u00fcnen Landesf\u00fcrsten.<\/p>\n<h6>Meister der Anpassung<\/h6>\n<p>Kretschmann ist aber auch ein Meister der Anpassung, nur eben nicht an seine Partei. Mehr CDU war nie bei den Gr\u00fcnen, und die Taktik der Imitation ging auf, diese perfide wie perfekte Adaptionspolitik funktionierte, selbst wenn diese der Mehrheit der eigenen Parteigenossen richtig gegen den Strich lief.<\/p>\n<p>Das Lieb\u00e4ugeln mit Gr\u00fcn-Schwarz im Bund ver\u00e4rgert die Gr\u00fcne-Politikspitze \u2013 die sich f\u00fcr 2017 auch andere Optionen wie Rot-Rot-Gr\u00fcn vorstellen k\u00f6nnte. Doch mit Kretschmann ist das nicht zu machen. So durchkreuzt der Provinzpolitiker im St\u00f6rfeuer permanent Berliner Ambitionen. Was in Berlin st\u00f6rt ist, dass man am Schwaben derzeit einfach nicht vorbeikommt. Kretschmann ist immer einen Schritt voraus und die Gr\u00fcne-Parteispitze immer einen zur\u00fcck. Kretschmann ist einfach zu popul\u00e4r, so wie einst Joschka Fischer in seinen besten Zeiten.<\/p>\n<h6>Bundespr\u00e4sident 2017?<\/h6>\n<p>Der Erfolg im L\u00e4ndle gibt Kretschmann Recht. Und dass der Schwabe in Berlin an die Schaltstellen der Macht kommt, ist 2017 zumindest nicht unwahrscheinlich. Vorstellbar w\u00e4re, dass er mit seiner soliden, erdverbundenen, beflissentlichen Art des Taktierens die wogende und tobende See der politischen Diskurse als Bundespr\u00e4sident majest\u00e4tisch beruhigen k\u00f6nnte. Fraglich bleibt allerdings, ob das Urgestein \u00fcberhaupt in das Berliner Haifischbecken eintauchen will. Aber eine Doppelspitze mit dem Gr\u00fcnen w\u00e4re ganz im Interesse der Kanzlerin.<\/p>\n<h1>Das postfaktische Zeitalter ist bereits jetzt Geschichte<\/h1>\n<p>Ein neues Gefl\u00fcgeltes Wort macht die Runde. Die Republik raunt vom postfaktischen Zeitalter. Von Helgoland bis Mittenwald, von Usedom bis in den tiefsten Schwarzwald hinein \u2013 soll es nunmehr regieren, das neue Zeitalter.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11389-schon-die-romantiker-waren-postfaktiker\">&#8222;Uhrzeit&#8220; von &#8222;hellobo&#8220; lizensiert unter &#8222;CC-BY-ND&#8220;<\/a><\/p>\n<p>Nach der Metaphysik, der Posthistoire, der Postmoderne und der Post-Post-Moderne hat sich, so begr\u00fcndet es die Kanzlerin, unser Zeitalter vom Faktum verabschiedet und feiert das Gef\u00fchl als das neue politische Wohlf\u00fchlklima. \u201eDas soll wohl hei\u00dfen, die Menschen interessieren sich nicht mehr f\u00fcr Fakten, sie folgen allein den Gef\u00fchlen,\u201c so Angela Merkel.<\/p>\n<h6>Der erste Postfaktiker war Diogenes von Sinope<\/h6>\n<p>Doch das Postfaktische ist keineswegs neu. Schon Diogenes in der Tonne lebte bar der Rationalit\u00e4t und der moralischen Konvention, ignorierte das Politische, wenn dies nun mal ein Faktum sei, und setzte auf das dionysische Element, dass sich bekanntlich kontr\u00e4r entgegengesetzt zum Apollinischen oder Vern\u00fcnftigen positioniert. Bekannt ist seither die Anektode mit Alexander dem Gro\u00dfen. Als der Feldherr in die Stadt einzog, wo ihm die Menschenmasse huldigte, verweigerte sich der Philosoph und Kyniker den Unterwerfungs- und Huldigungsbezeugungen, worauf ihn der junge Weltenherrscher besuchte und einen Wunsch freistellte. Legend\u00e4r wurde der Satz von Diogenes: \u201eGeh mir ein wenig aus der Sonne.\u201c Alexander antwortete seinerseits: \u201eW\u00e4re ich nicht Alexander, wollte ich Diogenes sein.\u201c Friedrich Nietzsche erkl\u00e4rte dann das Dionysische zum Prinzip allen Lebens, zum eigentlichen Quell \u2013 nicht nur der k\u00fcnstlerischen Kreativit\u00e4t. Das Nicht-Faktische feierte seinen Siegeszug fortan in der Geschichte.<\/p>\n<p>Doch bereits im Zeitalter der Logofizierung in der Fr\u00fchen Neuzeit, wo die Ratio und Claritas eines Descartes uneingeschr\u00e4nkt regierten und das mechanistische Zeitalter der Physik auf seinem Zenit stand, warb Blaise Pascal f\u00fcr das, was den Verstand \u00fcbersteigt und schlug sich auf die Seite der Liebe des Herzens. \u201eEin Tropfen Liebe ist mehr, als ein Ozean an Wille und Verstand.\u201c<\/p>\n<h6>Schon die Romantiker waren Postfaktiker<\/h6>\n<p>Auch die deutschen Romantiker setzen nach Kants Pflichtenmoral und apodiktischem Verstandesgebrauch auf das Gef\u00fchl und die Mystik, auf den Traum und das Unerkl\u00e4rbare, das als Prinzip allen Seins zugrunde lag. Sigmund Freud hat darauf seine Psychoanalyse, eine ganze Wissenschaft, begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Vom Faktum waren Novalis, Tieck und H\u00f6lderlin so weit entfernt wie die Universalpoesie der Gebr\u00fcder Schlegel vom Neoliberalismus. Und Friedrich Schiller, er setzte ganz und gar auf das \u201eSpiel, auf den Spieltrieb, als die Synthese und als das anzustrebende Ideal zwischen Faktum und Nichtfaktischem. Seine Antipode Goethe hatte bekanntlich nichts f\u00fcr die Romantiker und ihre Gef\u00fchlsduselei \u00fcbrig, er war als Wissenschaftler ein Faktenmensch, ein Empirist, der sogar nach dem Faktischen \u00fcber allen Fakten, den Urbegriff, suchte, doch als junger Dichter feierte der Goethe des \u201eWerther\u201c und des \u201eG\u00f6tz\u201c frenetisch das Gef\u00fchl. Und in der Gestalt des \u00d6konomen Adam M\u00fcller von Nitterdorf, der dem Kreis der Wiener Romantiker angeh\u00f6rte, wurde gar die Politik und mit ihr die Wirtschaft romantisch. In seiner Schrift \u201eElemente der Staatskunst\u201c pl\u00e4dierte er f\u00fcr das Ideal von einer gerechten Weltordnung, die vom \u00f6konomischen Standpunkt gesehen, postfaktisch war.<\/p>\n<h6>Das eigentliche postfaktische Zeitalter bleibt die Postmoderne<\/h6>\n<p>Die Kunst des 20. Und 21. Jahrhunderts mit ihren Ikonen, mit Baselitz, L\u00fcpertz, Richter, mit Koons, Warhol und Rauschenberg \u2013 sie alle zusammen waren Vertreter des Postfaktischen. Der franz\u00f6sische Philosoph Jaques Derrida entwarf in seiner \u201eDifferance\u201c-Schrift ein ganzes Programm gegen den Logozenrismus. Er begriff die Vernunft als Spur, als etwas, das sich permanent ver\u00e4ndert und beliebig interpretierbar ist. Und Gilles Deleuze sah gar in der Vernunft, im Faktischen, ein Gespenst, das er auf den Ozean der Beliebigkeit hinaustrieb und nur noch von Rhizomen, von Verwurzelungen sprach, die durch eine einheitliche Struktur weder zu verfassen noch zu deuten seien, sondern im permanenten Spiel der zeitlichen und r\u00e4umlichen Verschiebungen allein in ihrer Vorl\u00e4ufigkeit Sinn stiften k\u00f6nnten. Die Postmoderne gab dem Metaphysischen den Rest. Das eigentliche postfaktische Zeitalter ist die Postmoderne, denn es gibt weder in der Kunst noch in der Alltagswelt die Interpretation schlechthin, sondern nur Interpretationen, die zudem auch nicht den Anspruch auf eine Wahrheit an sich auf sich vereinen k\u00f6nnen. Die Stimme der Vernunft als das allein seligmachende Heilmittel hat sich an das Gef\u00fchl verabschiedet und bildet mit ihm ein Konglomerat und erschafft damit die Wirklichkeit neu. Dies aber nicht im Sinne der vern\u00fcnftigen Einheitsstiftung, sondern als Differenz, die erst Einheit erschafft. Die Differenz liegt der Einheit somit immer schon uneinholbar voraus, das Faktum ist nicht die Ursache, sondern das Produkt.<\/p>\n<p>Wer heute \u00fcber das postfaktische Zeitalter spricht, als sei dieses ein neues Evangelium, hat zumindest eines nicht verstanden \u2013 die Geschichte, die ihrerseits bereits immer schon postfaktisch war.<\/p>\n<h1>Warum TTIP uns Angst macht<\/h1>\n<p>Mit \u201eGeraubte Wahrheit\u201c hat Gabriela Sperl einen brisanten ARD-Degeto-Thriller mit Starbesetzung produziert. Im Mittelpunkt standen die geheimen TTIP-Verhandlungen. Der Film unter der Regie von Sherry Hormann ist am 5. November in der ARD zu sehen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/gabriela-sperl\/11463-interview-mit-gabriela-sperl\">ARD &#8211; Degeto<\/a><\/p>\n<p><strong>Frau Sperl, Sie sind Grimme-Preistr\u00e4gerin, Drehbuchautorin, Produzentin und Professorin an der <\/strong><strong>HFF<\/strong><strong> in M\u00fcnchen. Dar\u00fcber hinaus wurden sie mehrfach ausgezeichnet, so 2015 mit dem Bayerischen Fernsehpreis. Bei Filmen wie \u201eStauffenberg\u201c, \u201eDie Flucht\u201c, \u201eMogadischu\u201c, die Trilologie \u201eMitten in Deutschland\u201c, \u201eOperation Zucker\u201c, \u201e Jagdgesellschaft\u201c, \u201eTannbach \u2013 Schicksal eines Dorfes\u201c, \u201eDie Spiegel Aff\u00e4re\u201c und viele andere haben Sie mit verschiedenen Partnern produziert. Was macht einen guten Film aus? Was motiviert Sie f\u00fcr politische Themen, die bei Ihnen immer wieder eine gro\u00dfe Rolle spielen? Das Deutsche Fernsehen ist ja f\u00fcr seine Seichtigkeit auch bekannt.<\/strong><\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inread-experience.teads.tv\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<p>Unsere Welt hat sich in den letzten Jahren sehr ver\u00e4ndert. Vor 15 Jahren ging es mir mit historischen Stoffen darum, dass bestimmte Themen weder vergessen noch l\u00e4nger tabuisiert werden. Heute ver\u00e4ndert sich die politische Landschaft laufend, wird an den Grunds\u00e4tzen unserer Demokratie ger\u00fcttelt, entstehen Schieflagen: Deshalb sind Gegenwartsstoffe so wichtig. Auch ein Film \u00fcber TTIP, der zugleich eine Geschichte \u00fcber Macht und Ohnmacht der M\u00e4chtigen erz\u00e4hlt. Mit der Globalisierung des Handels, der Geldstr\u00f6me, die sowohl positive als auch negative Folgen hat, sind wir auf sehr vielen Gebieten an einem Punkt, an dem wichtige Weichen f\u00fcr die Zukunft gestellt werden. Das ist spannend und aufregend, bietet Stoff f\u00fcr kontroverse Unterhaltung.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus bin ich davon \u00fcberzeugt: ein guter Film kann in den K\u00f6pfen der Menschen etwas ver\u00e4ndern, ein Ansto\u00df sein, Dinge anders zu betrachten. Das sind die Chancen, die wir mit fiktionalen Filmen haben, wenn wir die Menschen nicht mit Fakten \u00fcberh\u00e4ufen, sondern sie eher provozieren, sie aufr\u00fctteln, sie dazu bringen, nachzulesen, zu recherchieren und ihre eigene Meinung zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p><strong>Mit \u201eT\u00f6dliche Geheimnisse\u201c haben Sie nun einen weiteren brisanten <\/strong><strong>ARD<\/strong><strong>-Degeto-Thriller f\u00fcr das Fernsehen produziert, mit Starbesetzung und unter der Regie von Sherry Hormann. Auf der Webseite stand zum Film: \u201eWas ist eigentlich mit unseren Demokratien los, wenn Politik nur noch hinter verschlossenen T\u00fcren unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit stattfindet?\u201c Was ist eigentlich mit unserer Demokratie los?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr mich der Grund gewesen, warum ich, warum wir alle, Florian \u00d6ller, Sherry Hormann, unsere wunderbaren Darstellerinnen Katja Riemann, Nina Kunzendort, Anke Engelke, Oliver Massucci, Paula Beer und viele andere diesen Film \u00fcber TTIP unbedingt machen wollten: ein brisanter heutiger Stoff, bei dem wir erz\u00e4hlen, wie sich bei diesem Freihandelsabkommen gegen die Freiheit der Menschen rein wirtschaftliche Interessen durchsetzen: es geht um die Macht der Konzerne.<\/p>\n<p>Globaler Handel und offene Grenzen sind wichtig, aber warum gibt es Schiedsgerichte, die Konzernen erlauben, gegen Staaten zu klagen, wenn diese ihre Waren nicht wollen? Wie kann es sein, dass bei diesem Handelsabkommen die Drohung im Raum steht, dass Europa den Anschlu\u00df verliert, aber die \u00d6ffentlichkeit von den Inhalten ferngehalten wird? Viel mehr: die Inhalte des Abkommens nur einem engen Kreis von Verhandlern zug\u00e4nglich sind. Wieso keine Transparenz, sondern Stillschweigen oder Drohgeb\u00e4rden und Angstmache: Wenn ihr dagegen seid, setzt ihr zehntausende Jobs und die Zukunft Europa aufs Spiel?<\/p>\n<p>Zu einer Demokratie geh\u00f6rt f\u00fcr mich das offene Gespr\u00e4ch, auch der streitbare Diskurs. Wenn dieser nicht stattfindet, dann muss man dagegen aufbegehren, auch um den Menschen den Mut zu machen, dass sie bei diesen komplexen Entscheidungen nicht ohnm\u00e4chtig zuschauen m\u00fcssen, dass sie ein Mitspracherecht haben.<\/p>\n<p>Mir geht es um ein Mehr an Transparenz. Warum eigentlich sch\u00fctzt man die Staaten nicht vor den Konzernen? Warum? Weil die drohen ihre Milliarden umzulenken? Dorthin, wo sie noch mehr Profit machen? Das Kleinreden all dieser Faktoren ist f\u00fcr mich eine Gefahr f\u00fcr den freiheitlichen Diskurs, der unsere Gesellschaft auszeichnet. Und wenn Menschen, viele ganz normale Menschen auf die Stra\u00dfe gehen, dann nimmt man das nicht ernst? Schimpft sie Angsthasen? Weil sie vom Turbokapitalismus die Nase voll haben? Im Falle von TTIP w\u00e4re es sehr viel kl\u00fcger gewesen, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen. So hat die Geheimnistuerei die Neugier erst entfacht, sich mit diesem Thema intensiver zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><strong>Ihr Film richtet sich auch gegen die Korruption. Glauben Sie eigentlich, dass <\/strong><strong>TTIP<\/strong><strong> noch zu stoppen ist?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal: Sehr viele Menschen in sehr vielen L\u00e4ndern in Europa haben ihre Kritik an TTIP bekundet. Ihr Unbehagen. Wenn TTIP und sein T\u00fcr\u00f6ffner CETA dennoch, wie diese Woche geschehen, jetzt von allen EU Staaten unterzeichnet wurde, dann hoffen wir, dass jedes einzelne Land die Inhalte noch einmal auf den Pr\u00fcfstand stellt.<\/p>\n<p>Wir hoffen, dass dieses Vorgehen ohne Schaden bleibt f\u00fcr die Demokratie. Dass die weitreichende Politikverdrossenheit, die in ihrer perfidesten Form im radikalen Wutb\u00fcrger kulminiert, dadurch nicht weiter befl\u00fcgelt wird und der Vertrauensverlust gegen\u00fcber dem Staat nicht weiter w\u00e4chst.<\/p>\n<p><strong>Ihr Film spielt im Herzen der Europ\u00e4ischen Union, in Br\u00fcssel. Und die Negativprotagonisten sind Lobbyisten. Wie stark ist der Lobbyismus bei diesem Thema wirklich? Die detailgenauen Recherchen von Drehbuchautor Florian \u00d6hler haben sehr aufgew\u00fchlt \u2013 also wie ist das hier mit Fiktion und Realit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube der Unmut \u00fcber Br\u00fcssel entsteht, weil viele das Gef\u00fchl haben, dass dort reguliert wird, und keiner es \u00fcberhaupt mitbekommt. Der Lobbyismus ist stark. Und er wird immer st\u00e4rker. Es gibt Themen, da hat das besonders starke Konsequenzen. Nehmen Sie beispielsweise Glyphosat. Forscher, die nachgewiesen haben, dass Glyphosat gef\u00e4hrlich ist, verlieren ihre Lehrst\u00fchle, werden gemobbt, werden denunziert. Es gibt Dokumentationen dar\u00fcber, es gibt zig Beispiele. Im Zweifel f\u00fcr die Gesundheit der Menschen, oder? Aber dann kommt immer das Totschlagargument: Wir m\u00fcssen doch bald 10 Mrd Menschen ern\u00e4hren, wie soll das gehen? Zugleich wissen wir, dass wir Menschen die Erde verpesten. Im Angesicht solcher Prozesse geht es doch wieder nur darum, dem gesunden Menschenverstand und der anderen Seite, den Zweiflern, zumindest mal zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Auch der Verstrickung von Lobbyismus und den Medien, den gekauften Medien, r\u00e4umen Sie in Ihrem Film einen breiten Raum ein. Sind die Medien oder angeschlagenen Medien korrumpierbar, gekauft? Hat die AfD dann eigentlich doch Recht, wenn sie von der L\u00fcgenpresse spricht, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind gewisse \u00dcberspitzungen im Film der Dramatisierung einer solchen Geschichte geschuldet. Ich sehe das insgesamt sehr viel differenzierter. Aber dass Verlage unter Druck stehen, weil die Kassen immer leerer werden, weil Anzeigen ausbleiben, Mitarbeiter und das Niveau der Recherchen durch die Einsparungen leiden, das sind Fakten. Und diese f\u00fchren dazu, dass der investigative Journalismus, der teuer ist, darunter leidet. Daf\u00fcr muss Geld da sein. Die Presse ist die Vierte Macht im Staat. Wenn sie einbricht, haben wir alle ein Riesenproblem.<\/p>\n<p><strong>In Ihren Filmen spielen Ethik und Moral immer eine gro\u00dfe Rolle. Und es ist ja nicht so, dass Sie das mit der Besserwisser- oder der moralischen Keule-Mentalit\u00e4t dem Publikum vermitteln. Mit dem Fingerzeig quasi. Welchen Stellenwert haben Ethik und Moral?<\/strong><\/p>\n<p>Mir geht es immer um Wahrhaftigkeit, wenigstens um den Versuch, sich dieser zu n\u00e4hern. Wenn die Moral untergraben wird, liegt es am Einzelnen, sich dagegen aufzulehnen. Das Unmoralische in der Gesellschaft, in der Politik, kann nur durch eine Gegenbewegung gestoppt werden, wenn sich der Einzelne entscheidet, als ethisches Wesen entscheidet, da nicht l\u00e4nger mitzumachen. Oft sind die Situationen aber eben sehr komplex und ambivalent. Im Film beispielsweise vernichtet die Chefredakteurin das Material, das die Agrarfirma belastet, um die Arbeitspl\u00e4tze ihrer Redaktion zu sichern. Sie nimmt damit in Kauf, die Wahrheit zu vertuschen, aber sie sichert, so meint sie, damit den Job ihrer Mitarbeiter. Sie entscheidet gegen die Wahrheit, f\u00fcr Existenzsicherung \u2013 und verliert beides. Denn der Verlag wird von einem Konzern gekauft und sie fliegt ohnehin. Es sind diese Ambivalenzen, mit denen wir immer wieder konfrontiert werden. Lavieren wir uns durch, ducken wir uns weg oder nehmen wir Stellung. Das sind die eigentlichen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Und diese Ambivalenzen dem Publikum darzulegen, darin sehe ich eine wichtige Aufgabe als Filmemacherin. Komplexe, br\u00fcchige Figuren spiegeln oft unsere eigenen Unsicherheiten, wir zeigen aber eben auch, dass Filmfiguren \u201erole model\u201c sein k\u00f6nnen, wenn sie sich gegen Widerst\u00e4nde zu einer klaren unkorrumpierbaren moralischen Haltung durchringen: Das sind dann die Filmhelden, die St\u00e4rke und Hoffnung geben. Weil sie sich gegen das B\u00f6se durchsetzen. Und diese Klarheit der Haltung wird immer wichtiger.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong> \u201ePolitik des Weiterwinkens ist immer noch nicht beendet\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der \u201eWelt am Sonntag\u201c hat \u00d6sterreichs Au\u00dfenminister Sebastian Kurz den Kurs der Bundesregierung bei der Fl\u00fcchtlingskrise erneut scharf kritisiert. Die Verteilung illegaler Migranten aus dem S\u00fcden Europas wird die Probleme nicht l\u00f6sen, sondern verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11355-kurz-fluechtlingspolitik-muss-sich-radikal-aendern\">Republik \u00d6sterreich, parlament<\/a><\/p>\n<p>Der junge dynamische Au\u00dfenminister ist daf\u00fcr bekannt, Problemen nicht aus dem Weg zu gehen. Mit seinen 30 Jahren ist er nicht nur der j\u00fcngste Au\u00dfenminister der Welt und bereits eine feste Gr\u00f6\u00dfe in der EU-Au\u00dfenpolitik, sondern der Ingenieurssohn aus dem Wiener Arbeitermilieu wei\u00df auch genau, was sein Volk will und reagiert blitzschnell. Kurz war nie ein Bef\u00fcrworter von Merkels \u201ePolitik der offenen Grenzen\u201c. Er war ma\u00dfgebend an der Schlie\u00dfung der Balkan-Route beteiligt und sieht in Sachen Fl\u00fcchtlingspolitik derzeit keinen \u201eStrategiewechsel\u201c in Berlin.<\/p>\n<p>In einem Interview hat er nun die Ank\u00fcndigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Fl\u00fcchtlingsgipfel in Wien, in Zukunft mehrere hundert Fl\u00fcchtlinge im Monat aus Griechenland und Italien aufnehmen als falsch bezeichnet. Eine solche Politik (\u2026) wird leider das Gegenteil erreichen: Es werden dadurch vermutlich noch mehr Fl\u00fcchtlinge nach Griechenland und Italien kommen und diese L\u00e4nder werden noch st\u00e4rker belastet werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht<\/strong><\/p>\n<p>Wenngleich die Politik Made in Germany gut gemeint sei, so der \u00d6VP-Politiker, impliziere sie doch \u201enegative Auswirkungen\u201c, denn das Kausalit\u00e4tsprinzip wird gekippt. Statt die Ursachen zu bek\u00e4mpfen, wird den Migranten das Gef\u00fchl gegeben, dass es sich wieder lohnt, nach Deutschland oder in die EU-L\u00e4nder zu fliehen. Mit dem neuerlichen Verteilungsdenken der Kanzlerin ist aber die \u201ePolitik des Weiterwinkens immer noch nicht beendet\u201c, sondern werde nur in anderer Form weitergef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Neue Fl\u00fcchtlingswelle wird geradezu beschworen<\/strong><\/p>\n<p>Merkels Gesinnungsethik ist zwar moralisch wertvoll, so sie mit ihrem Vorschlag die S\u00fcdachse der Migrationsbewegung, Italien und Griechenland, entlasten will, f\u00fchrt aber zwei gr\u00f6\u00dfere Probleme mit im Schlepptau, die keineswegs ignoriert werden d\u00fcrften. Zum einen wird das Schleppergesch\u00e4ft neue Konjunktur erfahren, zum anderen eine neue Fl\u00fcchtlingswelle m\u00f6glicherweise ausgel\u00f6st. Anstelle gesinnungsethischer Motive m\u00fcssten die Folgen der Handlung mehr bedacht werden, was nur durch eine Verantwortungsethik zu realisieren sei, die einerseits auf die Interessen des Volkes achtet, andererseits f\u00fcr eine gelingende Integration sorgen muss. Wenn dies nicht ber\u00fccksichtigt wird, sind die Verlierer wieder klar benannt: die B\u00fcrger Europas.<\/p>\n<p><strong>Die gro\u00dfe \u00dcberheblichkeit bei der Gewissensfrage<\/strong><\/p>\n<p>Und direkt nach Berlin gesendet, moniert Kurz, dass es gef\u00e4hrlich sei, wenn sich Staaten in Mitteleuropa als moralisches Gewissen aufspielten und damit den Eindruck der moralischen \u00dcberlegenheit erwecken. Ein Europa der vielbeschworenen Vielfalt, so der fromme Wunsch aus Berlin, ist nur m\u00f6glich, wenn unterschiedliche Meinungen respektiert und unterschiedliche Ans\u00e4tze toleriert werden. G\u00e4be es aber diesen \u201eGrundrespekt\u201c w\u00e4re Europa in der Fl\u00fcchtlingskrise nicht in seiner derzeitig por\u00f6sen Situation angelangt. Die Visegrad-Staaten, so Kurz, hatten \u201edie Einladungspolitik von Beginn an nie unterst\u00fctzt.\u201c Und wenn von den etablierten Parteien, auch hier schenkt Kurz der deutschen Bundesregierung reinen Wein ein, Probleme nur sch\u00f6ngeredet werden, ohne Alternativen anzubieten, dann m\u00fcssen sich die \u201ekonservativen\u201c Parteien nicht wundern, wenn \u201erechtspopulistische Kr\u00e4fte auf dem Vormarsch sind\u201c. Grunds\u00e4tzlich hilfreicher aber sei, wenn man die Denkschablonen von links und rechts prinzipiell aus dem Diskurs entferne, Polarisierungen am linken und rechten Rand helfen endlich auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte werfen, wo sie in der Tat hingeh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Eine Umverteilung in der EU bleibt eine Illusion<\/strong><\/p>\n<p>Eine Verteilung nach Quoten bleibt f\u00fcr Kurz eine Illusion, und die Umverteilung der Fl\u00fcchtlinge auf die Mitgliedstaaten v\u00f6llig unrealistisch. Viele L\u00e4nder sind nicht bereit, die hohe Zahl von Fl\u00fcchtlingen aufzunehmen, viele Fl\u00fcchtlinge ihrerseits weigern sich, in bestimmte L\u00e4nder wie Rum\u00e4nien beispielsweise freiwillig zu gehen. \u201eDie Ma\u00dfnahme, 160.000 Fl\u00fcchtlinge innerhalb von zwei Jahren nach Quote auf die EU-L\u00e4nder zu verteilen, halte ich f\u00fcr falsch. Die Europ\u00e4ische Union sollte trotz eines Beschlusses nicht l\u00e4nger krampfhaft daran fest halten, sondern sich jetzt davon verabschieden,\u201c so Kurz gegen\u00fcber der \u201eWelt am Sonntag\u201c und sp\u00e4ter am Sonntagabend in der Sendung \u201eAnne Will\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201eGef\u00e4hrlicher Spaltpilz\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Sollte die EU weiterhin an ihrer Verteilungsstrategie festhalten, so ist dies f\u00fcr den \u00f6sterreichischen Politiker ein \u201egef\u00e4hrlicher Spaltpilz\u201c, der nicht nur die gesamte europ\u00e4ische Union gef\u00e4hrdet, sondern zu noch mehr Missverst\u00e4ndnissen, Unruhen, Anfeindungen f\u00fchrt. Stattdessen m\u00fcssen die europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen besser gesch\u00fctzt werden oder, so der Gegenvorschlag von Kurz, im Rahmen von so genannten Resettlement-Programmen die Fl\u00fcchtlinge direkt aus Lagern wie in Syrien geholt werden. Dar\u00fcber hinaus muss die Auslandskatastrophenhilfe und die Entwicklungszusammenarbeit optimiert werden. \u201eKurz\u201cum: \u201eDie EU-Fl\u00fcchtlingspolitik muss sich radikal \u00e4ndern. Wir brauchen ein neues europ\u00e4isches Asylsystem, die illegale Migration und Massenzustrom von Fl\u00fcchtlingen nicht wie bisher f\u00f6rdert, sondern verhindert.\u201c Sonst, und davon ist Kurz bei \u201eAnne Will\u201c \u00fcberzeugt, wird Europa scheitern. Der moralische Zeigefinger aus Deutschland bleibt wenig hilfreich! Menschlicher und damit moralischer ist f\u00fcr Kurz die legale und keineswegs die illegale Migration, die aber von Berlin und Br\u00fcssel nach wie vor auf der Agenda steht, so zumindest der \u00d6VP-Politiker bei \u201eAnne Will\u201c.<\/p>\n<h1>Brauchen wir eigentlich noch ARD und ZDF?<\/h1>\n<p>Die Diskussion \u00fcber das \u00f6ffentlich-rechtliche-Fernsehen ist neu entbrannt. Z\u00fcndstoff in die tickende Bombe gab j\u00fcngst der Bayerische Ministerpr\u00e4sident Horst Seehofer, der mit seinem Vorschlag, ARD und ZDF zusammenzulegen, eine Diskussion befeuert hat, mit der schon die AfD in die Offensive ging. Doch ein Zusammenlegen bringt wenig, wenn sich nicht sp\u00fcrbar die Qualit\u00e4t \u00e4ndert.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11342-ohne-das-zweite-sieht-man-besser\">Nationaal Archief<\/a><\/p>\n<h6>Neusprech und Auf-Kurs-Halten<\/h6>\n<p>Ein Blick in die \u201eProgrammvielfalt\u201c der beiden Sender belegt klar, Programmvielfalt war gestern. Eine differenzierte Sicht auf die Welt findet sich kaum. Orwellscher Neusprech und ein politisches Auf-Kurs-Halten und Auf-Kurs-Bringen zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm. Einseitige Berichterstattung wechselt mit den seichtesten Inhalten, die es an Qualit\u00e4t ermangeln lassen. Andersdenkende werden aus dem Diskurs ausgeblendet, der sich zunehmend als harmonies\u00fcchtig, selbstgef\u00e4llig und eben wenig als offen diskursbezogen offenbart. Dass man mit derart einseitiger Reflexion ein Otterngez\u00fccht wie die AfD gro\u00df gemacht hatte, in dem man sie aus dem demokratischen Diskurs heraushielt und blinde Meinungshetze betrieb, hat sich als Schlag nach hinten erwiesen. Totgesagte leben eben l\u00e4nger. Eine Erfahrung, die auch die Zentralisten des DDR-Fernsehens 1989 bitter zur Kenntnis nehmen mussten.<\/p>\n<p>\u201eGrundversorgung\u201c ben\u00f6tig einen politischen Diskurs, diesen aus taktischem und politischem Kalk\u00fcl auszublenden, steht f\u00fcr eine gewisse Bevormundung, Arroganz und Besserwisserei. Dies kann aber nicht im Sinne der staatstragenden Sender und deren Chefetagen sein, wenn man moralisierend Teile des Volkes stigmatisiert und durch unlauteres Totschweigen abstraft, unter das Kuratel stellt und sich damit zufrieden gibt, dass die Wahrheit immer nur die halbe sei. Wir brauchen keine \u201eAktuelle Kamera\u201c als Hofberichterstattung, die aus dem versunkenen Reich der DDR wieder auftaucht und im \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen ihre Renaissance feiert. Was wir brauchen sind Medien, die die \u00f6dipale Nation aus ihrer Nachtversunkenheit und Schlaftrunkenheit in die politische Realit\u00e4t zur\u00fcckholen.<\/p>\n<h6>Di Lorenzo und das Ende der Faktenresistenz<\/h6>\n<p>Die Zeit der Faktenresistenz ist vorbei. Dies hat nun auch, zwar nicht bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern, der Chefredakteur der \u201eDie Zeit\u201c, Di Lorenzo, eingesehen, wenn er gegen\u00fcber dem \u201eCicero\u201c betont: \u201eUnd ohne Not haben wir uns wieder dem Verdacht ausgesetzt, wir w\u00fcrden mit den M\u00e4chtigen unter einer Decke stecken, wir w\u00fcrden so uniform berichten, als seien wir gesteuert; wir w\u00fcrden die Sorgen und \u00c4ngste der Menschen ignorieren, die nicht selbst zur Fl\u00fcchtlingshilfe oder zur politischen Klasse geh\u00f6ren. Das \u00e4rgert mich, weil ich der Meinung bin, dass unsere Medien zu den besten und freiesten auf der Welt geh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<h6>Statt Klasse Masse<\/h6>\n<p>Acht Milliarden Euro werden jedes Jahr in die Kassen der \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien gespielt \u2013 Geld genug, um das Programm intellektuell aufzumischen und nicht als Leisetreter der unertr\u00e4glichen Seichtigkeit des Seins, als Seichtigkeitsspirale, in Szene zu setzen. Geld genug, um sich \u00fcber den Mainstream des Anspruchslosen hinwegzusetzen und um tats\u00e4chlich einen gesellschaftlichen Auftrag zu erf\u00fcllen, der nicht nur in Sport, Unterhaltungsserien oder langweiligen Klischeekrimis besteht, die nur noch ein betagtes Publikum befrieden. Erziehung zur Staatsb\u00fcrgerlichkeit besteht darin \u2013 gerade mit Blick auf die fernsehvergessene neue Generation \u2013, einen Cocktail zu servieren, der aus dem Fernsehen eine Kunstform macht, die es einmal war \u2013 samt hochklassigen Bildungsangeboten, die nicht nur zu mittern\u00e4chtlicher Stunde flimmern. Acht Milliarden Euro sind genug, um sich nicht von der Quote regieren zu lassen und diese als seligmachenden Gradmesser des guten Geschmacks zu stilisieren. Und acht Milliarden sind genug, um sich in Geschmacksfragen autonom aufzustellen und anstelle von Gefallsucht das Prinzip der moralischen Verantwortung zu stellen. \u201eDie \u00f6ffentliche Meinung ist eine Ansicht, der es an Einsicht mangelt\u201c, hatte schon Arthur Schopenhauer geschrieben.<\/p>\n<h6>Kant und das Prinzip der Aufkl\u00e4rung<\/h6>\n<p>Was wir daher brauchen ist eine medial aufgekl\u00e4rte Gesellschaft, den Kant\u2019schen Mut zum Sapere aude! Den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. \u201e Aufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit. Unm\u00fcndigkeit ist das Unverm\u00f6gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen\u201c, schrieb der gro\u00dfe gelehrte Deutsche in seinem Essay \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung\u201c bereits 1784 in der \u201eBerlinischen Monatsschrift\u201c. \u201eSelbstverschuldet ist diese Unm\u00fcndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie\u00dfung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.\u201c<\/p>\n<p>Das \u00d6ffentliche-Rechtliche muss ganz im Sinne Kants neuen Treibstoff f\u00fcr den liberal-demokratischen Geist liefern, Debatten entz\u00fcnden, die das Urteilsverm\u00f6gen kritisch sch\u00e4rfen, den B\u00fcrger aus der Lethargie und der \u201eFaulheit und Feigheit\u201c herausheben und ihn damit aus seiner Unm\u00fcndigkeit befreien. Die Medialit\u00e4t kann dazu nur Ansto\u00df sein, die Befreiung aus der Unm\u00fcndigkeit allein bleibt ein Akt der individuellen Freiheit, ein \u201everdrie\u00dfliches Gesch\u00e4ft\u201c, wie Kant meinte, aber ein notwendiges, das Autonomie und nicht Heteronomie zum Prinzip erkl\u00e4rt. Sonst wird es f\u00fcr andere zu leicht, wie Kant meinte, sich zu den \u201eVorm\u00fcndern\u201c aufzuschwingen, die dann daf\u00fcr sorgten, dass die \u201eunm\u00fcndigen\u201c Menschen \u201eden Schritt zu M\u00fcndigkeit\u201c nicht nur f\u00fcr beschwerlich, sondern auch noch f\u00fcr gef\u00e4hrlich hielten. Friedrich Nietzsche hatte es sch\u00e4rfer formuliert, als er von Sklavenmoral und Herdenmoral sprach.<\/p>\n<p>Was wir brauchen, ist mehr Mitspracherecht, Transparenz und keine Verbl\u00f6dungskultur, denn verbl\u00f6den tun wir, wie Arnulf Baring meinte, bereits schon immer mehr. Mediale Volksverdummung, Kants ber\u00fchmter G\u00e4ngelwagen, wo der unm\u00fcndige B\u00fcrger wie \u201eHausvieh\u201c eingesperrt ist, hilft nichts, wenn es um die Freiheit der Meinung geht. Diese Freiheit ist \u2013 unter Umst\u00e4nden \u2013 unbequem, wie die Wahrheit im Allgemeinen auch. Der aufgekl\u00e4rte Imperativ kann demnach nur lauten: Mehr Qualit\u00e4t, weniger Banalit\u00e4tenzirkus und kein frommes Regierungsfernsehen, das den Diskurs entpolitisiert. Auch darum sollte das \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehen aus Steuermitteln finanziert werden. Zwangsgeb\u00fchren stehen letztendlich f\u00fcr ein obsoletes System der Unm\u00fcndigkeit, denn wer zahlt, bestimmt; der Mainstream aber will \u00d6dnis, und das ist der Untergang der medialen Kultur, wie einst G\u00fcnter Anders schon bemerkte. Wir brauchen ARD und ZDF \u2013 nur eben anders! Eben eine Reformation an \u201eHaupt und Gliedern\u201c, wie der ber\u00fchmte Theologe Martin Luther einst schrieb. Denn nur so kommt die Vierte Gewalt im Staat auch wieder zu mehr Ansehen. Ob das junge Angebot \u201cfunk\u201d von ARD und ZDF, am 29. September 2016 aus der Wiege gehoben, und f\u00fcr die Zielgruppe der 14-29-J\u00e4hrigen bestimmt, der Weg in eine neue Zukunft ist, wird sich erst zeigen.<\/p>\n<h1>Die neue Unfehlbarkeit von Angela Merkel &#8211; Die Kanzlerin muss das Dienen wieder lernen<\/h1>\n<p>Nach Mecklenburg-Vorpommern ist vor der Bundestagswahl. Wenn Merkel so weitermacht, droht ihr ein Desaster. Schwerin gleicht einem Waterloo, und wer die Meinung des Volkes missachtet, verliert seinen politischen Auftrag. Die Kanzlerin muss das Dienen und die Demut vor ihrem Volk wieder erlernen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11267-ausgemerkelt-abgekanzlert\">Alexander Hassenstein\/Getty Images<\/a><\/p>\n<p>\u201eWenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre sp\u00e4ter\u201c, soll Bismarck einst gesagt haben. Sp\u00e4testens nach der Landtagswahl in Schwerin ist Bismarcks Aussage, wenn sie denn von ihm stammt, Geschichte. Mecklenburg hat einen neuen Trend gesetzt, und der hei\u00dft zumindest nicht, oder noch weniger CDU. Merkel ist nun im eigenen Kernland heimatlos geworden, entkernt, so wie sie ihre Partei entkernt hat. Die herben Nordlichter haben ihr ebenso herbes M\u00e4dchen f\u00fcr ihre offene Fl\u00fcchtlingspolitik mit einer Roten Karte abgestraft. Und wie sehr w\u00fcnscht sich die Kanzlerin nun, dass Bismarck doch Recht h\u00e4tte.<\/p>\n<h6>Schwerin gleicht Waterloo<\/h6>\n<p>F\u00fcr Merkel, die beim Wahlabend im Land der aufgehenden Sonne, beim G 20-Gipfel in China weilte und Weltpolitik machte, ist mal wieder eine Welt untergegangen. Ihr Reich, die \u201eWelt von Gestern\u201c, gibt es so nicht mehr, und die CDU steht vor einem noch gr\u00f6\u00dferen Tr\u00fcmmerhaufen. Schwerin gleicht Waterloo, das f\u00fcr den erfolgsverw\u00f6hnten Napoleon seinerseits die letzte Schlacht war, bevor der absolutistische Monarch, der einst als Demokrat angetreten war, die politische B\u00fchne endg\u00fcltig verlassen hat. Zeichen f\u00fcr die Abendr\u00f6te am Himmel der Kanzlerin gibt es viele, Mecklenburg hat den Horizont weiter verfinstert.<\/p>\n<h6>Gesunder Menschenverstand im hohen Norden<\/h6>\n<p>Was die politische Denke in Deutschland betrifft, das \u00fcberregionale Stimmungsbarometer, scheinen auch die herben Nord-Ost-Deutschen, die au\u00dfer Ostsee, Servicew\u00fcste und \u00fcberteuerten Preisen nur ihre n\u00fcchterne Abgekl\u00e4rtheit haben, einem Gesunden Menschenverstand zu folgen, der Parteien dann abstraft, wenn sie das Gemeinwohl aus den Augen verloren haben und in absolutistischer Manier das Land gegen des Volkes Stimme regieren. Die Stimmung \u2013 nicht nur in Mecklenburg \u2013 ist vorrevolution\u00e4r.<\/p>\n<p>Vorm\u00e4rz schwingt mit, aber auch der Sommer 1989, wo man kurz darauf ein ganzes System zum Einbrechen gebracht hat, ein Regime, das die Interessen des Volkes missachtete und sich in Beton eingemauert hatte. Statt betonierter Eindimensionalit\u00e4t \u2013 samt Realit\u00e4tsverlust \u2013 dann doch lieber eine Alternative, selbst wenn diese AfD hei\u00dft. Auch zerlegt ist der Mythos von den neurechten und ewig r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten linken Ostdeutschen, der N\u00f6rgler- und Verdrossenengesellschaft. Sie haben sowohl die NPD abgestraft als auch die LINKE, die ostdeutsche Alternative der vergangenen Jahre, auf die hinteren Pl\u00e4tze verwiesen. Der Osten protestiert, aber nicht mehr im Gefolge der Nach-Honecker-\u00c4ra.<\/p>\n<h6>Merkels abstrakter und apodiktischer F\u00fchrungsstil<\/h6>\n<p>Was man links und rechts der Elbe nicht mag, ist Arroganz, die sich mit g\u00f6ttlicher Vorausschau paart und sich in Personalunion als das universale Weltgewissen aufspielt, das bemutternd jeden Diskurs erstickt. Merkels CDU ist ja nichts anderes als Merkel \u2013 die Alternativen, den Adenpakt beispielsweise, hat die Kanzlerin \u2013 wie alle kritischen Stimmen \u2013 eliminiert. Sie herrscht in Berlin wie seinerzeit Ludwig XIV. in Versailles, gekr\u00f6nt und umflankt von von Ja-Sagern, die einer Herdenmoral frohlocken, die schon Friedrich Nietzsche als desastr\u00f6s stigmatisierte.<\/p>\n<h6>Die neue Unfehlbarkeit<\/h6>\n<p>\u201eEx cathedra\u201c verk\u00fcndete Merkel vor einem Jahr ihr \u201eWir schaffen das\u201c und sie klebt an diesem Satz wie an einer geoffenbarten Wahrheit samt Unfehlbarkeitsanspruch. Doch unfehlbar ist, so die Lehre des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870, nur der Papst. Und mit Ausnahme von Pius XII. hat keiner der katholischen W\u00fcrdentr\u00e4ger davon je Gebrauch gemacht. Zuweilen geht es recht liberal im Vatikan zu, selbst unter Ratzinger und unter Papst Franziskus zumal.<\/p>\n<h6>Merkel will nicht gegen Merkel \u2013 Was beschlossen ist, wird sein<\/h6>\n<p>Doch Merkel kann nicht hinter ihr selbst aufgestelltes Dogma zur\u00fcck, es w\u00fcrde ihr Selbstverst\u00e4ndnis von Wahrheit destruieren und zugleich an ihrer Unfehlbarkeit \u2013 samt inkludiertem Machtanspruch \u2013 zweifeln lassen. Merkel ist wie Helmut Kohl in seinen letzten Jahren der Kanzlerschaft zu lange im Amt, um ein kritisches Urteil \u00fcber sich selbst zu f\u00e4llen. Sie hat ihren Horizont \u00fcberschritten. Auch die einstigen SED-Parteigenossen waren sich ihrer Urteilsf\u00e4higkeit zu sicher \u2013 mit der Konsequenz, dass sie die Geschichte zuerst eingeholt und dann \u00fcberholt hat. Und was derzeit in China noch funktioniert, klappt Gott sei Dank nicht in Europa. Die Direktive, dass die Partei \u201eimmer recht\u201c hat, geh\u00f6rt im Zeitalter der Postmoderne in den Orkus.<\/p>\n<h6>Wer auf des Volkes Stimme nicht h\u00f6rt, dem droht Ungemach<\/h6>\n<p>Dabei k\u00f6nnte Merkel mit einem Rollback ihrer Willkommenskultur nicht nur die miserable Stimmung im Land befrieden, an die Erfolge der ersten Jahre ihrer Kanzlerschaft ankn\u00fcpfen und die AfD wieder in der politischen Versenkung verschwinden lassen. Aber so, wie es derzeit aussieht, unternimmt Merkel alles f\u00fcr ihre Entmachtung durch Volkes Gnaden \u2013 nur um nicht ihr Mantra zu revidieren. Hybris sagt der Grieche dazu, Superbia der Lateiner. Und Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Was Merkel br\u00e4uchte, w\u00e4re mehr Polyphonie \u2013 denn ihr Volk spricht viele Sprachen.<\/p>\n<p>Wer aber die Stimme des Volkes nicht achtet, die Vox populi vox Dei, die \u00f6ffentliche Meinung \u2013 dies wusste schon Hesiod in der \u201eOdyssee\u201c als er schrieb: \u201eSag, ob [\u2026] das Volk dich etwa hasst in dem Lande, befolgend die Stimme Gottes\u201c, der ist zum Untergang geweiht.<\/p>\n<p>Des Volkes Stimme ist Gottes Stimme und Seneca der \u00c4ltere formulierte passend: \u201ecrede mihi, sacra populi lingua est, \u201eglaube mir, die Sprache es Volkes ist heilig\u201c. Wird diese ignoriert, droht Wagners G\u00f6tterd\u00e4mmerung. Aber nicht auf Seiten des Volkes, sondern auf Seiten der Kanzlerin. Sie muss sich entscheiden: Ist sie wie Friedrich II. einmal formulierte erste Diener(in) ihres Staates \u2013 oder der Staat als Bevormundungsrepublik selbst? Dann aber sind die freiheitlich-liberalen Fundamente entwurzelt und der R\u00fccktritt die logische Konsequenz. Die Bundesrepublik mit ihrer demokratischen Verfassung ist dem Prinzip der Meinungspluralit\u00e4t verpflichtet. Die Zeiten der Blockw\u00e4rtermentalit\u00e4t und Bevormundung sind vorbei.<\/p>\n<p>Botho Strauss schrieb 1993 im \u201eSpiegel\u201c seinen \u201eAnschwellenden Bocksgesang\u201c. Im letzten Satz \u2013 des viel kritisierten Textes \u2013 lie\u00df er verlauten: \u201eHeute ist das Gutgemeinte gemeiner als der offene Bl\u00f6dsinn.\u201c<\/p>\n<h1>Grenzen aufrei\u00dfen ist humanit\u00e4rer Narzissmus<\/h1>\n<p>Mit dem Vorsitzenden der FDP sprach Stefan Gro\u00df \u00fcber die aktuelle Fl\u00fcchtlingskrise, \u00fcber die Politik der Kanzlerin und \u00fcber den rasanten Aufstieg der AfD. Bei der Bundestagswahl 2017 k\u00f6nnte sich Lindner auch vorstellen, aus der Opposition heraus politisch zu agieren. \u201cWir m\u00fcssen eine Politik machen, die ein Update f\u00fcr unser Land ist, anstatt den Status quo zu verwalten\u201d, so Lindner.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/christian-lindner\/11274-interview-mit-fdp-chef-christian-lindner\">Christian Lindner<\/a><\/p>\n<p><strong>Sie haben gesagt, \u201edie Erwartungen an Merkel waren hoch und wurden entt\u00e4uscht\u201c. Was macht Merkel falsch, ist sie derzeit die falsche Bundeskanzlerin? Die Mehrheit der Deutschen ist mit dem Kurs aus Berlin nicht mehr zufrieden \u2013 \u201eSchaffen wir das\u201c trotzdem?<\/strong><\/p>\n<p>Die Bundeskanzlerin selbst hat ja in den vergangenen Monaten ihre Position ver\u00e4ndern m\u00fcssen. Sie sagt zwar noch: Wir schaffen das. Aber sie hat gemerkt, dass wir das so nicht schaffen. Ihr Handeln ist zum Gl\u00fcck schon weiter als ihre Rhetorik. Erstens ist es jetzt n\u00f6tig, dass Europa einen eigenen Grenzschutz bekommt. Die Agentur Frontex sollte zu einer Beh\u00f6rde mit hoheitlichen Befugnissen und hinreichend Personal aufgewertet werden. Zweitens ist die Gro\u00dfe Koalition nicht in der Lage, ein vern\u00fcnftiges Einwanderungsgesetz vorzulegen. Das ist \u00fcberf\u00e4llig! Es muss unterscheiden zwischen Fl\u00fcchtlingen, mit denen wir solidarisch sind, solange sie in ihrer Heimat bedroht sind. Aber danach muss die Ausreise die Regel sein. Die andere Gruppe sind Migranten, die ihr Gl\u00fcck bei uns suchen wollen. Hier m\u00fcssen wir genau ausw\u00e4hlen, wen wir in unseren Arbeitsmarkt einladen und bei wem wir das nicht tun k\u00f6nnen. Drittens erwarte ich, dass die Regierungen in Bund und L\u00e4ndern keine sinnlosen Symboldebatten f\u00fchren, sondern dar\u00fcber diskutieren, wie die bestehenden Gesetze durchgesetzt werden k\u00f6nnen. Die Sicherheitslage hat sich ge\u00e4ndert. Aber wir brauchen nicht neue Gesetze oder Befugnisse, sondern Polizeibeh\u00f6rden, die modernisiert und besser ausgestattet werden.<\/p>\n<p><strong>Was h\u00e4tten die <\/strong><strong>FDP<\/strong><strong> und Christian Lindner bei der Fl\u00fcchtlingskrise anders gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Ein entscheidender Fehler war, dass der Eindruck erweckt wurde, es gebe keinerlei Regeln f\u00fcr Zuwanderung nach Deutschland und das Asylrecht sei eine Art allgemeiner Einwanderungsparagraf. Deutschland h\u00e4tte sich fr\u00fchzeitig auf europ\u00e4ischer Ebene daf\u00fcr einsetzen m\u00fcssen, dass man das Modell des humanit\u00e4ren Schutzes anwendet. Dar\u00fcber h\u00e4tten wir sehr schnell und unb\u00fcrokratisch Fl\u00fcchtlingen Schutz gew\u00e4hren k\u00f6nnen, aber eben nur f\u00fcr die Zeit, solange die Fluchtursache anh\u00e4lt. Das h\u00e4tte die \u00dcberlastung des Bundesamts f\u00fcr Migration verhindert, da kein individueller Antrag mehr n\u00f6tig gewesen w\u00e4re und man klare Regeln gehabt h\u00e4tte. Diesen Fehler laste ich der Regierung an. \u00dcbrigens: Der Umgang mit einem Fl\u00fcchtlingsstrom ist Deutschland in den 1990er-Jahren bei den Fl\u00fcchtlingen aus dem Kosovo besser gelungen. Allerdings hat auch damals ein Einwanderungsgesetz gefehlt, das denjenigen, die sich gut integriert hatten, eine Bleibeperspektive er\u00f6ffnet h\u00e4tte. Die mussten alle ausreisen, obwohl wir viele davon gebraucht h\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong>Immer noch sind Millionen Menschen auf der Flucht, gesch\u00e4tzte 65 Millionen sind heimatlos. Der Run auf Europa ist derzeit gebremst, doch was ist, wenn die T\u00fcrkei aus dem br\u00fcchigen B\u00fcndnis f\u00e4llt? Welche Alternative hat die <\/strong><strong>FDP<\/strong><strong>?<\/strong><\/p>\n<p>Es muss deutlich werden, dass nicht jeder, der sein Gl\u00fcck sucht, es bei uns finden kann. Auch wenn wir die individuellen Gr\u00fcnde verstehen. Aber dazu reichen unsere M\u00f6glichkeiten nicht. Offene Grenzen sind kein Ausweis f\u00fcr Liberalit\u00e4t, sondern von Anarchie. Deshalb geh\u00f6rt zu einem Rechtsstaat, dass er seine Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber seine Grenzen und dar\u00fcber, wer sich innerhalb dieser aufh\u00e4lt, beh\u00e4lt. Auf Europa \u00fcbertragen bedeutet das den Schutz der Au\u00dfengrenzen als Voraussetzung daf\u00fcr, dass Europa im Inneren auf Grenzen verzichten kann. Der Schutz der Au\u00dfengrenzen ist f\u00fcr einen Rechtsstaat unersetzlich. Ich halte es f\u00fcr eine Kapitulation, wenn zeitweise gesagt wurde, dass es im Zeitalter der Globalisierung eine Illusion sei, Grenzen sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Der Schutz ist eine Notwendigkeit in unserem wohlverstandenen Eigeninteresse. Alles andere ist ein humanit\u00e4rer Narzissmus, eine Gesinnungsethik, die blind gegen\u00fcber den konkreten Folgen des politischen Handelns geworden ist. Was wir dagegen brauchen ist eine Verantwortungsethik, die humanit\u00e4re Verantwortung wahrnimmt, aber auch die Folgen auf unsere europ\u00e4ische Gesellschaft achtet.<\/p>\n<p><strong>War Merkels Erdogan-Deal falsch? Wieso verhandeln aufgekl\u00e4rte Europ\u00e4er \u00fcberhaupt mit islamischen Despoten? Geh\u00f6rt die T\u00fcrkei in die EU?<\/strong><\/p>\n<p>Es war falsch, sich einseitig bei der Bew\u00e4ltigung der Fl\u00fcchtlingskrise ausgerechnet auf Herrn Erdogan zu verlassen. Das hat Deutschland vom Goodwill eines t\u00fcrkischen Autokraten abh\u00e4ngig gemacht. Und das sp\u00fcren wir jetzt. Die innere Entwicklung der T\u00fcrkei hat uns seit vielen Jahren besorgt. Die FDP hatte schon vor den aktuellen Ereignissen daf\u00fcr pl\u00e4diert, die Beitrittsgespr\u00e4che zu beenden. Und diese haben mittlerweile einen Zombiecharakter angenommen. In Europa kann kein Land aufgenommen werden, das zentrale europ\u00e4ische Werte nicht achtet \u2013 und das nicht erst seit der Debatte \u00fcber die Einf\u00fchrung der Todesstrafe. Man kann mit der T\u00fcrkei irgendwann einmal wieder \u00fcber die Liberalisierung des Handels sprechen. Gegenw\u00e4rtig sehe ich daf\u00fcr keine Voraussetzung. Europa darf nicht wieder das Schema der vergangenen Jahre wiederholen, dass unsere Werte immer wieder relativiert und verw\u00e4ssert werden. Genau das g\u00e4be den Gegnern der europ\u00e4ischen Idee immer neue Argumente an die Hand, wie sie das Fundament des gro\u00dfartigen Projekts untersp\u00fclen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>Die Angst vor dem Terror geht um \u2013 wahrscheinlich ist das erst der Anfang einer Kette von Gewalt, die in den n\u00e4chsten Jahren weiter an Explosionskraft gewinnen wird. Die <\/strong><strong>USA<\/strong><strong> warnen bereits vor Reisen in die Bundesrepublik. Wie werden wir dieser neuen Un\u00fcbersichtlichkeit wieder Herr?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt keine Patentrezepte oder einfachen L\u00f6sungen. Sie haben selbst das Wort Un\u00fcbersichtlichkeit gebraucht. Umso wichtiger ist es, dass wir jetzt die Nerven behalten. Wir haben die Bedrohung durch die RAF im deutschen Herbst \u00fcberstanden, ohne dass Deutschland seinen liberalen Charakter verloren hat. Es waren damals liberale Innenminister, die das Bundeskriminalamt zur modernsten Beh\u00f6rde der Welt gemacht haben. Ein solchen Kraftakt brauchen wir jetzt wieder. Eine St\u00e4rkung unserer Sicherheitsbeh\u00f6rden, um die Wehrhaftigkeit des liberalen Rechtsstaates zu gew\u00e4hrleisten. Wenn wir unsere Liberalit\u00e4t aufgeben, wenn wir uns geradezu selbst radikalisieren, dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht. Die wollen, dass wir unsere Werte infrage stellen und \u00fcber den Haufen werfen. Genau das d\u00fcrfen wir nicht tun. Aber im Konkreten m\u00fcssen wir richtig handeln, also etwa das Vorfeld des islamistischen Terrors bek\u00e4mpfen. Wenn Salafisten in Deutschland bei gro\u00dfen Festen ihren Nachwuchs rekrutieren oder wenn R\u00fcckkehrer aus Syrien wieder nach Deutschland kommen, kann der Rechtsstaat nicht tatenlos bleiben.<\/p>\n<p><strong>Wie beurteilen Sie die rot-gr\u00fcnen Forderungen, den Islam mehr in Deutschland zu integrieren?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind ein Land der Freiheit, auch der Religionsfreiheit. Um es mit den Worten Friedrichs des Gro\u00dfen zu sagen: Jeder soll hier nach seiner Fasson selig werden. Aber wenn wir die private Religionsaus\u00fcbung sch\u00fctzen, so m\u00fcssen sich Religionen dennoch Fragen stellen lassen. So wie sich die katholische Kirche von ihrer Geschichte bis zur Gegenwart kritische Fragen zu ihren Glaubensinhalten gefallen lassen musste, so ist das beim Islam gleichfalls notwendig. Die Aufgabe der Muslime ist es, f\u00fcr eine religi\u00f6se Praxis zu sorgen, die zum 21. Jahrhundert passt. Dazu geh\u00f6ren kritische Fragen wie zur Mission, zur Rolle der Frau in der Gesellschaft, zur Akzeptanz anderer Glaubens\u00fcberzeugungen und unseren b\u00fcrgerlichen Normen. Die Rede, dass der Islam einfach da sei und schon deshalb zu uns geh\u00f6rt, passt nicht zur Tradition unserer liberalen B\u00fcrgergesellschaft. Denn deren Werte, Spielregeln zu akzeptieren, ist auch die Anforderung an die Religionen. Integration ist zuerst eine Leistung, die wir erwarten. Wenn rot-gr\u00fcne Politiker daher betonen, wir sollen den Islam integrieren, dann w\u00fcrde ich umgekehrt sagen: Der Islam soll sich in unsere westlich gepr\u00e4gte, aufgekl\u00e4rte Gegenwart integrieren \u2013 und daf\u00fcr wird er sich teilweise ver\u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Deutschland polarisiert sich immer mehr, sowohl nach links- als auch nach rechtsau\u00dfen. Berlin f\u00e4hrt nach wie vor eine Politik auf Sicht. Politik- und Politikerverdrossenheit sind die Folge. Haben wir nur noch Politiker, die das Eigeninteresse h\u00f6her als das gesellschaftliche Gemeinwohl und Interesse stellen?<\/strong><\/p>\n<p>Das w\u00fcrde ich so nicht sagen. Wenn es Parteien gibt, die das Eigeninteresse voranstellen, dann sind das Gruppierungen wie die AfD, die in den Parlamenten keine Konzepte oder L\u00f6sungen einbringen wollen, sondern sich nur mit sich selbst besch\u00e4ftigen oder \u00c4ngste sch\u00fcren. Das grundlegende Problem sehe ich an einer anderen Stelle: N\u00e4mlich dass der Deutsche Bundestag gegenw\u00e4rtig nur eine Versammlung der verschiedenfarbigen Sozialdemokratie ist. Der Bundestag repr\u00e4sentiert das deutsche Volk links von seiner Mehrheit. Und wir werden auch links regiert. Wenn Wolfgang Sch\u00e4uble jetzt daf\u00fcr sorgt, dass die Defizits\u00fcnder Spanien und Portugal keine Sanktionen mehr zu f\u00fcrchten haben und damit der Stabilit\u00e4tsgedanke get\u00f6tet wird, dann m\u00fcsste es einen Aufschrei der Opposition im Deutschen Bundestag und des sogenannten Wirtschaftsfl\u00fcgels der CDU geben \u2013 aber sie bleiben aus. Und das spiegelt das gegenw\u00e4rtige Problem wider, dass die Vielfalt der Meinungen der Gesellschaft, auch des b\u00fcrgerlich seri\u00f6sen Spektrums, nicht mehr gew\u00e4hrleistet ist. Hier muss sich etwas ver\u00e4ndern, und das ist die starke Motivation bei der Erneuerung der FDP.<\/p>\n<p><strong>Sie haben gegen\u00fcber dem \u201eHandelsblatt\u201c von einer Konzeptlosigkeit der AfD gesprochen. Dennoch befindet sich die AfD im Aufwind und ver\u00e4ndert das politische Klima.Also hat sie doch Potential?<\/strong><\/p>\n<p>Ich nehme die W\u00e4hler der AfD ernst und schreibe ihnen auch ihre politischen Positionen zu: NATO aufl\u00f6sen, Europa zerst\u00f6ren sowie ihre v\u00f6lkischen und rassistischen \u00c4u\u00dferungen \u00fcber Minderheiten. Das alles sind Inhalte, die nicht den Geist des Grundgesetzes repr\u00e4sentieren, sondern Deutschland schwach machen. Ich glaube auch nicht, dass sich unter den W\u00e4hlern der AfD noch viele b\u00fcrgerliche Menschen befinden, sondern dass aus ihr eine radikale Partei geworden ist, wie wir sie leider in vielen L\u00e4ndern Europas finden.<\/p>\n<p><strong>Arm und Reich driften auseinander, der Mittelstand verschwindet \u2013 auch in Deutschland. Was l\u00e4uft falsch in der deutschen und europ\u00e4ischen Wirtschaftspolitik? Die <\/strong><strong>FDP<\/strong><strong> ist die Partei des wirtschaftlichen Liberalismus, hat sie mit diesem Konzept \u00fcberhaupt noch eine Chance?<\/strong><\/p>\n<p>Aufgabe der Politik w\u00e4re es, dem Einzelnen die Chance zu geben, gro\u00df zu werden. Wir erleben aber das Gegenteil. Eine Politik, in der der Einzelne kleingemacht wird: b\u00fcrokratisiert, bevormundet und abkassiert. Den Menschen aus der Mittelschicht unserer Gesellschaft wird es immer schwerer gemacht, sich etwas aufzubauen. Eine Steuerreform, die diesen Namen wert w\u00e4re, ist \u00fcberf\u00e4llig. Die kalte Progression ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Und beim Soli steht die gesamte Politik im Wort, dass er mit dem Ende des Solidarpakts auch wieder abgeschafft wird. Die FDP hatte in ihrer Zeit bis 2013 ihre Ziele in diesen Bereichen nicht erreicht. Aber das hei\u00dft nicht, dass sie dadurch falsch geworden sind \u2013 im Gegenteil: Sie sind noch dringender geworden. Wir brauchen weniger B\u00fcrokratismus, weniger Umverteilung zwischen privat und Staat aus den privaten Kassen in die \u00f6ffentlichen. Sondern mehr finanziellen Spielraum bei den Menschen, insbesondere bei denen, die jetzt schon sehr stark von sozialen Abgaben und Steuern in Anspruch genommen sind.<\/p>\n<p><strong>Mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 \u2013 was steht auf der Agenda und mit welcher Partei k\u00f6nnen Sie sich eine Koalition vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir gehen eigenst\u00e4ndig in die Wahl, mit klaren Projekten. Dazu geh\u00f6rt auch eine Entlastung der Mitte und eine Vereinfachung des Steuerrechts. Deutschland braucht einen Modernisierungsschub: Mehr Investitionen in Bildung und Forschung, den Ausbau digitaler Netze und unserer Infrastruktur, ein Einwanderungsgesetz mit klaren Regeln \u2013 das ist eine gestalterische Aufgabe. Wir m\u00fcssen eine Politik machen, die ein Update f\u00fcr unser Land ist, anstatt den Status quo zu verwalten und sich in ihn zu verlieben. 2017 werden wir sehen, welche N\u00e4hen und Distanzen es zu unseren gesch\u00e4tzten Wettbewerbern gibt. Wir m\u00fcssen nicht um jeden Preis regieren. Auch Opposition ist eine wichtige und ernsthafte Aufgabe, wenn es keine M\u00f6glichkeiten gibt, die eigenen Projekte in die Regierungsverantwortung zu bringen.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Das Bildungssystem darf nicht die letzte reale Planwirtschaft sein<\/h1>\n<p>Mit dem Schulleiter von Salem, Bernd Westermeyer, sprach Stefan Gro\u00df \u00fcber die Generation Y, wie man Elite macht und ob die Schulnoten eigentlich noch Sinn machen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/bernd-westermeyer\/11275-interview-mit-bernd-westermeyer\">Getty Images \/ FREDERICK FLORIN <\/a><\/p>\n<p><strong>Arnulf Baring hat einmal betont, dass wir von Generation zu Generation verbl\u00f6den. Sehen Sie einen Trend zum Nichtwissen? Tritt das Allgemeinwissen in den Hintergrund?<\/strong><\/p>\n<p>Man kann auf der einen Seite feststellen, dass das Wissen explodiert und auf der anderen Seite die sogenannte Allgemeinbildung zur\u00fcckgeht. Das liegt aber nicht am mangelnden intellektuellen Potenzial der neuen Generationen, sondern daran, dass wir ihnen als Gesellschaft einen Rahmen bieten, der nicht mehr dazu motiviert, sich mit Anstrengungsbereitschaft mit bestimmten Problemen auseinanderzusetzen und auch die Herausforderung zu suchen. Wir leben in einem Wohlf\u00fchlsystem, in dem man sich bem\u00fcht, es den Kindern und Jugendlichen so bequem und sch\u00f6n wie m\u00f6glich zu machen. Damit nimmt man ihnen aber die Motivation, sich auch mit schwierigen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Sie bemerken nicht, dass sie zur L\u00f6sung bestimmter Fragen tats\u00e4chlich Wissen ben\u00f6tigen und sich dieses aneignen m\u00fcssen. Nat\u00fcrlich tragen wir als Gesellschaft ein hohes Ma\u00df an Verantwortung. Es kann aber nicht sein, dass man Kinder vor das Tablet setzt und ihnen eine Welt organisiert, die sie weder physisch noch intellektuell herausfordert.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnte Bildung 4.0 f\u00fcr die junge Generation von Sch\u00fclern bedeuten?<\/strong><\/p>\n<p>Wichtig ist, dass wir unsere Sch\u00fcler und kommenden Studenten dahingehend unterrichten, dass sie durch die virtuelle Welt nicht zu internets\u00fcchtigen Spielern werden. Wir m\u00fcssen sie vielmehr zu einem realen Leben und Erleben ermutigen. Denn nur so erhalten sie ein Selbstwertgef\u00fchl, das sie gegen\u00fcber den Verf\u00fchrungen und M\u00f6glichkeiten des Internets und der digitalen Welt immunisiert. Dies hei\u00dft aber nicht, sich den digitalen Entwicklungen feindlich entgegenzustellen. F\u00fcr uns in Salem ist es wichtig, dass der junge Mensch Herr des Geschehens bleibt und nicht am Ende eines Algorithmus zappelt, der seine Individualit\u00e4t fernsteuert. Dass diese Gefahr allerdings besteht, dies sehe ich deutlich.<\/p>\n<p><strong>Was zeichnet Ihrer Meinung nach die Generation Y aus? F\u00fcr manche ist diese spie\u00dfig und konservativ, f\u00fcr andere interesselos, apolitisch und lediglich durchtechnifiziert.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein Fluch unserer Zeit, Menschen schematisch mit Etiketten zu versehen und in Generationen einzuteilen. Wenn man genau hinschaut, sieht man alle Couleurs, Politikverdrossene und politikinteressierte Optimisten. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Generation Y wirklich unsere Gegenwart pr\u00e4gt. Sie lebt in dieser und nutzt die M\u00f6glichkeiten, die ihr ganz andere Generationen zur Verf\u00fcgung gestellt haben. Ob sie in der Lage sein wird, Probleme nicht nur zu thematisieren, sondern die Dinge auch tats\u00e4chlich anzupacken, das wird sich zeigen. Die Mehrheit der Jugendlichen ist nicht politikverdrossen, sondern politikerverdrossen. Und dies hat damit zu tun, dass uns Politiker fehlen, die eine klare Position beziehen, die bereit sind, ihren Beruf f\u00fcr eine Zeit zur\u00fcckzustellen, um ihre Kenntnisse und F\u00e4higkeiten dem Gemeinwohl zur Verf\u00fcgung zu stellen. Derzeit ist es so, dass \u00fcber die Jugendorganisationen der Parteien Studierende in den Beruf des Politikers hineinwachsen. Das \u00fcberzeugt nicht und entspricht auch nicht dem Bild der Generation, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut und gef\u00fchrt hat. Das waren zum Gro\u00dfteil Menschen, die in unterschiedlichsten Funktionen auch schon anderswo Verantwortung getragen haben.<\/p>\n<p><strong>Ob Friedrich Schiller oder andere Gelehrte des 18. bis 20. Jahrhunderts. Immer ging es in den verschiedenen Erziehungskonzepten um Elite. Wie macht man Elite?<\/strong><\/p>\n<p>Eliten sind f\u00fcr Gesellschaften sehr wichtig. Aber Elite hat immer etwas mit Auswahl zu tun und einer gewissen Besonderheit. Mir ist der hanseatische Ansatz sehr sympathisch, dass man durchaus einer Elite angeh\u00f6ren kann, aber eben selbst nicht dar\u00fcber spricht. Man wird von den anderen als Vorbild wahrgenommen, als jemand, der in einer bestimmten Position mehr leistet und mehr einbringt, als er m\u00fcsste, und das ohne einen pers\u00f6nlichen Vorteil daraus zu generieren. Das w\u00e4re f\u00fcr mich ein Ideal einer Verantwortungselite. Und dieses Ideal verfolgen wir in Salem. Ich habe schulintern j\u00fcngst darauf hingewiesen, dass Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die Salem besuchen, mit dem Besuch dieser Schule keinesfalls automatisch irgendeiner Elite angeh\u00f6ren. Sie haben in Salem die M\u00f6glichkeit, ihre Talente umfassend zu entfalten, und die M\u00f6glichkeit, einen guten Start in ein Studium zu finden. Aber weiter w\u00fcrde ich es nicht spannen. Sehr wohl w\u00fcrde ich aber davon sprechen, dass viele unserer P\u00e4dagoginnen und P\u00e4dagogen einer Elite angeh\u00f6ren, die nicht so wie andere sogenannte Eliten schillert. Lehrer sind tats\u00e4chlich eine Art Elite, weil sie unserer Gesellschaft an einer entscheidenden Stelle Zukunft erm\u00f6glichen. Und das ist das Gegenteil von dem, was Gerhard Schr\u00f6der (SPD) seinerzeit mit dem Statement, Lehrer seien \u201efaule S\u00e4cke\u201c, genau in die andere Richtung formulierte. Es gibt diese Eliten jenseits der Reichen, Prominenten und Erfolgreichen. Das kann eine Schwester im Krankenhaus sein, das kann ein Sozialarbeiter sein. Diese Menschen sind unendlich wertvoll f\u00fcr unsere Gesellschaft. Sie sollten am Ende ihres Lebens unbedingt das Bundesverdienstkreuz bekommen \u2013 weniger die schillernden Stars und Sternchen, die man in den Medien findet.<\/p>\n<p><strong>Die Schulnotenvergabe ist ein Dauerthema im politischen Diskurs. Manche Bundesl\u00e4nder wollten diese gar abschaffen. Wie wichtig ist das Leistungsprinzip, die Notengebung?<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist es so, dass Kinder gerne wissen, wo sie stehen. Wichtig ist, dass sie die Note nicht mit ihrem eigenen \u201eWert\u201c verwechseln. Ein Kind also, das eine 5 nach Hause bringt, sollte sich nicht als ein mangelhafter Mensch sehen, aber es sollte verstehen, dass die Note wie ein Blick in den Spiegel ist, der irgendeinen Leistungsstand spiegelt. Also grunds\u00e4tzlich: R\u00fcckmeldungen zum Leistungsverm\u00f6gen sind wichtig. Insgesamt ist es aber so, dass das Notengebungssystem in Deutschland heute einem W\u00fcrfelspiel \u00e4hnelt. Das ist eine sehr gewagte These. Aber die Noten, die man f\u00fcr eine bestimme Leistung bekommt, d\u00fcrften innerhalb Deutschlands tats\u00e4chlich gewaltig variieren. Wenn man also anonymisiert eine bestimmte Leistung unterschiedlichen Lehrern in unterschiedlichen Schulen vorlegte, g\u00e4be es ganz unterschiedliche Ergebnisse. Das liegt nat\u00fcrlich in der Subjektivit\u00e4t der Beurteilung des einzelnen Lehrers begr\u00fcndet, das liegt aber auch am System. Und die Bundesl\u00e4nder treiben einen Bildungsf\u00f6deralismus auf die Spitze, der wirklich abstrus an das 19. Jahrhundert und die Kleinstaaterei erinnert. Wenn bestimmte Abschlussquoten und Leistungsbilder nicht erreicht werden, beginnt man im System die Statistik zu frisieren. Dann werden Bemessungsgrundlagen f\u00fcr bestimmte Notenentscheidungen ver\u00e4ndert und das erinnert an die DDR, wo man die Statistik, je nachdem wie sie ausfiel, frisiert oder sch\u00f6ninterpretiert hat. Das ist t\u00f6dlich. Das Bildungssystem darf in Deutschland nicht die letzte real existierende Planwirtschaft sein. Und in manchen Bereichen hat man eben den Eindruck, dass dem so sei. Dies mag darin begr\u00fcndet liegen, dass Bildung im Grunde der letzte Bereich ist, in dem die Bundesl\u00e4nder noch eine Hoheit haben und auch der Bund oder Europa nicht reinreden k\u00f6nnen. Aber gesamtsystemisch gesehen ist es eine Katastrophe. Frau Schmoll von der \u201eFAZ\u201c hat den Finger in die Wunde gelegt und gezeigt, wie unterschiedlich die Ergebnisse am Ende ausfallen, je nachdem in welchem System man zu Hause ist. Dass es keinen gesamtgesellschaftlichen Aufstand bei der Notenvergabe gibt, liegt wohl darin begr\u00fcndet, dass immer nur eine relativ kleine Gruppe von Eltern konfrontiert ist. Aber wir als bundesdeutsche Gesellschaft k\u00f6nnen es uns eigentlich nicht leisten, ein so fragmentiertes Schulsystem zu haben, gerade in einer Welt, in der sich Strukturen vereinheitlichen und man in Konkurrenz mit sehr leistungsstarken Bildungsnationen steht. Jede Leistung ist also relativ, je nachdem wie das Schulsystem ausschaut. Es ist \u00fcberhaupt die Frage, ob man die Qualit\u00e4t einer Schule am Durchschnitt des Schnitts aller Absolventen bemessen kann, ob es nicht wichtiger w\u00e4re, wenn jedes Kind individuell m\u00f6glichst gefordert w\u00fcrde \u2013 und die Qualit\u00e4t an der individuellen Lernbiografie festgemacht w\u00fcrde. Das g\u00e4be ein viel realistischeres Bild. Wenn man in die Viten vieler unserer sehr erfolgreichen Eltern schaut oder unserer Alumni, die beruflich sehr erfolgreich sind, so waren die wenigsten Einser-Kandidaten. Sie alle aber hatten bestimmte Felder, in denen sie wahnsinnig stark und ambitioniert waren, und diese Bereiche haben sie sich zum Beruf gemacht. Die Noten darf man keineswegs verabsolutieren, aber unsere Gesellschaft ist leider extrem darauf fixiert. Schlimm ist, dass es immer noch einen Numerus clausus gibt, der das noch befeuert und so tut, als g\u00e4be es diese Objektivit\u00e4t, die tats\u00e4chlich aber nicht existiert.<\/p>\n<p><strong>Universit\u00e4ten setzen seit einigen Jahren verst\u00e4rkt auf Exzellenzcluster. Hier flie\u00dft viel Geld. Fehlt dieses den Schulen, sind diese unterfinanziert?<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt gibt es eine Unterfinanzierung im Bildungsbereich. Es ist eine Floskel, die schon niemand mehr h\u00f6ren kann, dass Bildung unser wichtigster Rohstoff sei. Aber dem wird nicht Rechnung getragen, gemessen an dem, was wir als Staat anderswo ausgeben. Der Bildungsbereich m\u00fcsste wesentlich st\u00e4rker finanziert werden \u2013 dies gilt auch f\u00fcr die fr\u00fchkindliche Bildung. Denn bereits hier werden die entscheidenden Weichenstellungen vorgenommen. Mehr Geld also f\u00fcr Kinderg\u00e4rten und Grundschulen. 10 Prozent der Leitungspositionen in Grundschulen sind derzeit nicht oder kommissarisch besetzt. Das ist ein Desaster. Wir sparen uns im w\u00f6rtlichen Sinne kaputt. Dies kann man sp\u00e4ter mit Exzellenz nicht mehr kompensieren. Dar\u00fcber hinaus brauchen wir, schon demografisch bedingt, sehr viele Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, m\u00f6glichst Qualifizierte, die sich auf unser Bildungssystem einlassen. Wir m\u00fcssen uns in dem Bereich also als ganze Gesellschaft viel mehr engagieren, denn unsere Rolle in der Welt als Exportweltmeister ist kein Selbstl\u00e4ufer. Die Machtgewichte verschieben sich l\u00e4ngst in Richtung Asien. In Indien und China werden die klugen jungen Leute ganz anders gef\u00f6rdert. Dort wachsen Millionen Menschen auf, die gut ausgebildet, hungrig nach Bildung und Leistungsbereit sind. Wir m\u00fcssen unsere Kinder und Jugendlichen in die Lage versetzen, hier mitzuspielen. Doch das nehmen wir im Augenblick noch nicht ernst genug.<\/p>\n<p><strong>Wir leben in bewegten Zeiten. Eine Krise jagt die n\u00e4chste. Brexit, Eurokrise, Fl\u00fcchtlingskrise. Wie erleben die Sch\u00fcler und Studenten diese Umbr\u00fcche? Wie stehen sie zur Fl\u00fcchtlingskrise? Die \u00e4ltere Generation ist vielfach mit diesen Themen \u00fcberfordert und driftet auch in Europa nach rechts ab.<\/strong><\/p>\n<p>Salem ist multinational und die Vielfalt unser Schatz. Die eigene Nationalit\u00e4t, Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung etc. spielt mit Blick auf den eigenen Status keine Rolle. Ich w\u00fcrde daher auch nicht davon sprechen, dass sich neue Sch\u00fcler integrieren m\u00fcssen. Der gute Gedanke der Inklusion ist vielmehr der, dass man sich so, wie man ist, respektiert, dass man nebeneinander lebt, ohne in die Sph\u00e4re des anderen einzugreifen. Auf unsere Gesellschaft projiziert w\u00fcrde das hei\u00dfen, dass jeder, der nach Deutschland kommt, unsere Verfassung anzuerkennen und sich an ihr zu orientieren hat. Dar\u00fcber hinaus kann er sein privates Leben frei gestalten. Was wir daher brauchen, ist eine inklusive Gesellschaft.<\/p>\n<p>Einen gesamtgesellschaftlichen Trend gegen Fl\u00fcchtlinge sehe ich nicht. Vielmehr glaube ich daran, dass es ein ganz starkes Fundament gibt, das ein offenes Deutschland tr\u00e4gt. Unsere Gesellschaft ist stark und diese Demokraten gibt es auch unter unseren Sch\u00fclern. Sie nehmen sehr bewusst wahr, welche Freiheiten und M\u00f6glichkeiten sie haben, und dass man diese gegen Menschen, die schwarz-wei\u00dfe Weltbilder zeichnen und in Schubladen denken, verteidigen muss. Die gelebte Vielfalt in Salem ist die beste Immunisierung gegen die Rattenf\u00e4nger von links wie von rechts. Was ich allerdings sehe, ist eine Politik, die nur als Krisenmanagement \u201efunktioniert\u201c. Es gibt kaum proaktive Politik, die ein Ziel formuliert, und nicht nur auf Sicht f\u00e4hrt. Unsere Jugendlichen sollen ihre Tr\u00e4ume und Ziele haben, aber so k\u00f6nnen sie diese nicht verwirklichen.<\/p>\n<p><strong>Wer kann sich Salem leisten, nur die Reichen? Und ist das dann die Elite?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, Salem hat ein sehr gut ausgebautes Stipendienwesen. Im Augenblick sind etwa 23 bis 24 Prozent der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler Stipendiatinnen und Stipendiaten, nicht alles Vollstipendiaten, aber so, dass sie, orientiert an den Einkommens- und Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnissen der Eltern, gef\u00f6rdert werden, weil sie sich sonst die Schule nicht leisten k\u00f6nnten. Eine Hauptaufgabe dieser Schule ist es, dies hat schon der Gr\u00fcnder formuliert, die Kinder der M\u00e4chtigen und sehr Wohlhabenden von der bedr\u00fcckenden Last ihrer Privilegiertheit zu befreien. Es ist im Interesse unserer Gesellschaft, dass Kinder nicht im goldenen K\u00e4fig aufwachsen, sondern mit einer gewissen Erdung in einer fordernden Umgebung. Es ist f\u00fcr das Kind eines Million\u00e4rs unglaublich heilsam und gut, mit einem Kind zusammen zu sein, das den Euro umdrehen und sich \u00fcberlegen muss, ob es sich die Kugel Eis leisten kann. So wird er mit einer anderen Lebensrealit\u00e4t konfrontiert. Vieles ist dann nicht mehr so selbstverst\u00e4ndlich. Luxus gibt es im Internat nicht. Jeder, der herkommt, l\u00e4sst viel von dem zur\u00fcck, was er zu Hause an Komfort hatte, das Einzelzimmer, oft das eigene Bad. Unsere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verzichten auf sehr viel, aber sie haben daf\u00fcr eine sch\u00f6ne Gemeinschaft, die ein Leben lang h\u00e4lt und tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df.<\/p>\n<h1>T\u00fcrkei erlaubt Sex mit Minderj\u00e4hrigen<\/h1>\n<p>Kaum zu glauben, aber wahr! Bislang war in der T\u00fcrkei Geschlechtsverkehr mit Kindern unter 15 Jahren gesetzlich verboten. Doch nun hat das Verfassungsgericht diese Bestimmung gekippt. Doppelt fatal: Sex-Verbrechen werden nicht mehr speziell geahndet.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.photocase.com\">chillicheese \/ photocase.com<\/a><\/p>\n<p>Seit 2010 ist das Thema Sexueller Missbrauch auch in der Bundesrepublik nicht mehr aus dem Diskurs auszublenden. Betroffen waren nicht nur Institutionen wie die Katholische Kirche, staatliche und private Eliteschulen sowie Erziehungsanstalten in der ehemaligen DDR, wo Kinder sexuell missbraucht und misshandelt wurden. Trotz intensiver Aufkl\u00e4rung der letzten Jahre d\u00fcrfte die Anzahl derer, die missbraucht wurden, weit \u00fcber den aktuellen Zahlen liegen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Deutschland der sexuelle Missbrauch gesetzlich geahndet wird, selbst wenn viele T\u00e4ter nach wie vor nicht bestraft wurden, wurde in der T\u00fcrkei ein Gesetz beschlossen, das klammheimlich w\u00e4hrend des Erdogan-Putsches in Kraft getreten ist.<\/p>\n<h6>Der Kinderschutz f\u00e4llt weg<\/h6>\n<p>Ab 2017 tritt die neue Regelung in Kraft, der Kinderschutz f\u00e4llt weg. Das bedeutet, dass Sex-Verbrechen nicht mehr speziell, sondern wie bei Erwachsenen geahndet werden \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dass Kinder zwischen 12 und 15 Jahren sehr wohl \u00fcber die Bedeutung eines sexuellen Aktes reflektieren k\u00f6nnen. Nunmehr k\u00f6nnen T\u00e4ter behaupten, dass ein Kind freiwillig zum Sex einwilligte. Die Frage, die sich stellt ist: Wem wird das Gericht letztendlich glauben, dem Missbrauchten oder dem Missbraucher.<\/p>\n<h6>Kinderschutzorganisationen sind best\u00fcrzt<\/h6>\n<p>Schon jetzt ist die Emp\u00f6rungswelle hoch. T\u00fcrkische Kinderschutz-Organisationen und Frauenvereine sind emp\u00f6rt und wehren sich. So spricht die Koordinatorin der Istanbuler Frauenvereine, Nazan Moroglu, davon, dass das neue Gesetz \u201eKinder gegen sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung wehrloser machen\u201c werde. \u201eEs wird noch mehr M\u00e4dchen geben, die ohne Ausbildung jung verheiratet werden.\u201c Moroglu bef\u00fcrchtet, dass die Zahl der Kinderbr\u00e4ute dadurch weiter ansteigen wird. Bereits heute gibt es von diesen Ehen rund 3,5 Milliionen.<\/p>\n<p>Auch die Leiterin des Verbands der t\u00fcrkischen Frauenvereinigungen, Canan G\u00fcll\u00fc, ist entsetzt und warnt davor, dass die Entscheidung des Verfassungsgerichtes zu noch mehr \u201eZwangsehen f\u00fchren\u201c wird. \u201eLeute werden in der Lage sein, Kinder zu entf\u00fchren, zu vergewaltigen und jung zu heiraten.\u201c Nach dem Urteil wollen die Organisationen versuchen, das Urteil r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen \u2013 auch vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte.<\/p>\n<p>Wer Sex mit Kindern erlaubt, geh\u00f6rt nicht nach Europa, sondern in die W\u00fcste. Oder noch besser gleich auf den Mond geschossen.<\/p>\n<h1>Was Altmaier falsch, Lindner und Kurz aber richtig machen<\/h1>\n<p>W\u00e4hrend der deutsche Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) keinen Anlass daf\u00fcr sieht, \u00fcber den T\u00fcrkei-Deal kritisch zu reflektieren, sind \u00d6sterreichs Au\u00dfenminister Sebastian Kurz und der FDP-Chef Christian Lindner ganz anderer Meinung.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11207-die-renaissance-der-liberalen-aufsteiger\">Getty Images<\/a><\/p>\n<p>Ob Putschversuch, Menschenrechtsverletzungen, Einschr\u00e4nkungen der Pressefreiheit, Folter und die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe \u2013 Sultan Erdogan waltet nach der ihm eigenen autorit\u00e4ren Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit. Gegen\u00fcber Kritik ist er so unaufgeschlossen wie ein Dackel beim Versuch, diesem Kommandos zu erteilen. Erdogan ist kritikresistent \u2013 und er kann es sich erlauben, Berlin st\u00fctzt ihn auf breiter Front.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Erdogan t\u00e4glich die Welt in Aufsehen versetzt und unliebsame Personen wie einst Stalin von der politischen B\u00fchne verschwinden l\u00e4sst, die europ\u00e4ischen Medien wie ein beleidigter Schuljunge bei Ungehorsam ma\u00dfregelt und seine Politaufseher nach Stasimanier in Europa infiltriert, sieht man in Berlin keinen Grund zur Aufregung.<\/p>\n<p>In einem Interview mit der \u201eBerliner Zeitung\u201c bleibt Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) ganz auf t\u00fcrkischem Kurs und findet erst recht keinen Grund, vom viel kritisierten Fl\u00fcchtlingsabkommen zwischen der EU und der T\u00fcrkei abzur\u00fccken. Erst vor wenigen Tagen hatte die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, B\u00e4rbel Kofler (SPD), in Sachen T\u00fcrkei-Abkommen ihr Veto eingelegt und betont, dieses zu \u00fcberpr\u00fcfen, da in der T\u00fcrkei rechtsstaatliche Prinzipien nicht mehr eingehalten w\u00fcrden.<\/p>\n<h6>Das Mantra des Herrn Altmaier<\/h6>\n<p>Ganz anders der Kanzleramtschef: Das Abkommen, so Altmaier, werde von den Nachwirkungen des gescheiterten Milit\u00e4rputsches nicht tangiert. Dieses sieht vor, dass insbesondere syrische Fl\u00fcchtlinge an ihrer Weiterreise in die Europ\u00e4ische Union gehindert werden. Und Altmaier weiter: \u201eWir haben keinen Anhaltspunkt, dass die Menschen, die von der T\u00fcrkei aufgenommen worden sind oder dorthin zur\u00fcckgeschickt werden, schlecht behandelt werden.\u201c \u201eDerzeit vollzieht sich alles so, wie es nach dem Abkommen sein soll.\u201c<\/p>\n<h6>\u201eEs gibt keinen Grund f\u00fcr einen Plan B\u201c<\/h6>\n<p>\u201eEs gibt keinen Grund f\u00fcr einen Plan B.\u201c Einen Plan B \u2013 im Falle eines Scheiterns \u2013 hat der gewichtige Minister genauso wenig wie die deutsche Bundeskanzlerin, die hartn\u00e4ckig an ihrem Kurs festh\u00e4lt \u2013 gleichwohl der Terror Deutschlands Alltag peu \u00e0 peu ver\u00e4ndert. Auch den Streit \u00fcber das Ende der Visumpflicht f\u00fcr t\u00fcrkische Staatsb\u00fcrger scheint Altmaier geflissentlich zu ignorieren, auch dass sich Ankara resolut gegen die von Br\u00fcssel geforderte Reform seiner Anti-Terror-Gesetzgebung wehrt. Die Drohgeb\u00e4rde des t\u00fcrkischen Au\u00dfenministers Mevl\u00fct Cavusoglu, der angek\u00fcndigt hatte, den Fl\u00fcchtlingsdeal platzen zu lassen, wenn die T\u00fcrken bis sp\u00e4testens Oktober ohne Visum nicht in die EU-Staaten einreisen d\u00fcrfen, kommentiert Altmaier so: F\u00fcr die Visa-Freiheit m\u00fcsste die T\u00fcrkei klar festgelegte Voraussetzungen erf\u00fcllen, so beispielsweise bei den Anti-Terror-Gesetzen, aber das \u201ewei\u00df die t\u00fcrkische Regierung.\u201c<\/p>\n<p>Sicherlich wei\u00df das die t\u00fcrkische Regierung, nur sie wird dem nicht entsprechen. Warum soll man den EU-Kurs goutieren, wenn man mit Russlands Putin, ebenfalls eine Insignie der Macht und Selbstdarstellung, der nur seinen eigenen Regeln folgt, einen erfolgreichen Anti-EU-Kurs verfolgen kann. Sollen doch die Fl\u00fcchtlinge kommen. Beiden Ost-Politikern ist wenig an einem starken Europa gelegen. Und mit noch mehr Fl\u00fcchtlingen kann dieses dann auch gleich seinen Konkurs anmelden. Dies wei\u00df man in Moskau und Ankara sehr gut \u2013 und spielt diese \u00dcberlegenheit mit Trumpfkarte aus.<\/p>\n<h6>\u201eKartenhaus der falschen Fl\u00fcchtlingspolitik wird zusammenbrechen\u201c<\/h6>\n<p>Weitsichtiger blickt da schon der dynamische \u00f6sterreichische Au\u00dfenminister Sebastian Kurz, auch gern als Erodgan-Schreck bezeichnet. Kurz, unter 30 Jahre, der in Edmund Stoiber seinen gr\u00f6\u00dften Fan gefunden hat, erkl\u00e4rt die Beitrittsverhandlungen mit der T\u00fcrkei bereits f\u00fcr gescheitert und droht, wenn der Fall B eintreten werde, alle Fl\u00fcchtlinge nach Deutschland abzuschieben. \u201eDas Kartenhaus der falschen Fl\u00fcchtlingspolitik wird zusammenbrechen\u201c, betonte er im ORF-Fernsehen und unterstrich, dass die EU ihre Hausaufgaben beim Schutz der Au\u00dfengrenzen selber machen m\u00fcsse, um sich nicht erpressen zu lassen. Die Aussage seines t\u00fcrkischen Amtskollegen Mevl\u00fct Cavusoglu, der Wien als \u201eHauptstadt des radikalen Rassismus\u201c bezeichnete und damit die \u00c4u\u00dferungen des \u00f6sterreichischen Bundeskanzlers Christian Kern kritisierte, dass die EU-Beitrittsgespr\u00e4che mit der T\u00fcrkei \u201enur noch diplomatische Fiktion\u201c seien, wies Kurz zur\u00fcck und forderte im Umkehrschluss: \u201eWenn wir noch zu unseren Grundwerten stehen, k\u00f6nnen wir nur eine klare Meinung haben.\u201c \u201eDie T\u00fcrkei hat sich in den letzten Jahren immer weiter weg entwickelt von der Europ\u00e4ischen Union. All das kann die Europ\u00e4ische Union nicht einfach achselzuckend zur Kenntnis nehmen.\u201c<\/p>\n<h6>Christian Lindner: Erdogan kann kein Partner f\u00fcr Europa sein<\/h6>\n<p>Flankendeckung bekommt Kurz aus Deutschland. Die FDP, die mit einem neuen Programm, Update, wie es ihr Vorsitzender Christian Lindner nennt, offensiv in den Wahlkampf 2017 steigt, macht ebenfalls gegen Altmaier und Merkel mobil und r\u00fcstet verbal auf. Gegen\u00fcber der \u201eBILD\u201c erkl\u00e4rte Lindner: \u201eMerkel lullt ein, Sch\u00e4uble mogelt und Gabriel muss weg.\u201c Windelweich ist f\u00fcr den FDPler die Haltung der deutschen Bundesregierung gegen\u00fcber Erdogan.<\/p>\n<h6>Merkel steht f\u00fcr ein \u201ekritikloses Nebeneinander\u201c<\/h6>\n<p>\u201eWir erleben einen Staatsputsch von oben wie 1933 nach dem Reichstagsbrand: Er baut ein autorit\u00e4res Regime auf, zugeschnitten allein auf seine Person. Weil Recht und Freiheit des Einzelnen keine Rolle mehr spielen, kann er kein Partner f\u00fcr Europa sein. Es emp\u00f6rt mich, dass die EU-Beitrittsgespr\u00e4che nicht l\u00e4ngst beendet sind. Aber Frau Merkel mahnt nur ganz vorsichtig \u201aVerh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit\u2019 an, so Linder gegen\u00fcber \u201eBILD\u201c. Der FDP-Chef, der 2017 gegebenenfalls aus der Opposition heraus agieren will, will sich mit der Pauschalisierung, dass der Islam zu Deutschland geh\u00f6rt, einfach nicht anfreunden. \u201eIch f\u00fchle mich hier Cem \u00d6zdemir von den Gr\u00fcnen mit seiner kritischen Haltung zum Islam und zur T\u00fcrkei n\u00e4her als der Bundeskanzlerin, die f\u00fcr ein kritikloses Nebeneinander steht.\u201c<\/p>\n<h6>Merkels Siechtum-Kabinett<\/h6>\n<p>Auch Merkels Kabinett liest Lindner die Leviten. Sigmar Gabriel, der wie die gesamte SPD, im Siechtum vereilt und dringender denn je eine Frischzellenkur oder k\u00fcnstliche Beatmung ben\u00f6tigt, schw\u00e4cht f\u00fcr Linder die Marktwirtschaft. Ein Minister, der nicht einmal die Energiewende hinbekommt, \u201ehat jede Glaubw\u00fcrdigkeit verspielt. Gabriel sollte auf sein Amt verzichten.\u201c Und Bundesfinanzminister \u201eSch\u00e4uble gibt das Geld schneller aus, als es die Leute erwirtschaften k\u00f6nnen. Das muss sich wieder \u00e4ndern.\u201c<\/p>\n<h6>Wir brauchen mehr Kurz und Lindner<\/h6>\n<p>Das man in Regierungsverantwortung auch Verantwortung f\u00fcr sein Land und f\u00fcr Europa \u00fcbernehmen kann \u2013 dies scheint sich zumindest in \u00d6sterreich zu bewahrheiten, und die deutsche FDP-Opposition spricht vielen Menschen aus dem Munde. Wir brauchen mehr Kurz und mehr Lindner! Treten Sie zur\u00fcck \u2013 Herr Altmaier!<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1>Bei Unzucht Todesstrafe \u2013 Mittelalter pur<\/h1>\n<p>\u201eDie Angst vor Allah\u201c, so proklamiert ein d\u00e4nischer Imam, sei gut f\u00fcr Kinder. Gewalt als Erziehungsmittel legitim und diene der religi\u00f6sen L\u00e4uterung. Unterf\u00fcttert werden diese satanischen Verse durch eine Praxis des Grauens.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11191-ein-eldorado-fuer-fundamentalisten\">Deutsche Islam-Konferenz<\/a><\/p>\n<p>Ihre Weltoffeneit ist ihr Credo, die Toleranz ihr Markenzeichen, ihr Liberalismus gelebte Realit\u00e4t. Das Kulturvolk der D\u00e4nen hat sie verwirklicht, die Ideale der Aufkl\u00e4rung. Politisch taktierten sie in der Vergangenheit oft geschickt; versuchten bei den gro\u00dfen Kriegen ihre Neutralit\u00e4t zu wahren, retteten d\u00e4nische Juden vor dem \u201eHolocaust\u201c und votierten schon 1989 f\u00fcr die Einf\u00fchrung von homosexuellen Partnerschaften. Die Zeiten, in denen die D\u00e4nen als Wikinger Kriege f\u00fchrten und ferne L\u00e4nder eroberten, sind lange vorbei.<\/p>\n<h6>Eine Kultur des Unbehagens<\/h6>\n<p>80 Prozent der Bev\u00f6lkerung sind evangelisch und geh\u00f6ren der D\u00e4nischen Landeskirche an, die K\u00f6nigin Margarethe II. mit weiser Hand dirigiert. Aber 2005 wurde das flache Land, in dem die parlamentarische Monarchie herrscht und das zu 90 Prozent aus einer homogenen Bev\u00f6lkerung besteht, aus seinem Dornr\u00f6schenschlaf geweckt. Die Mohammed-Karikaturen der Zeitung Jyllands Posten sorgten f\u00fcr politische Irritationen in globalem Ausma\u00df. Seitdem steht auch D\u00e4nemark auf der Schwarzen Liste des fundamentalistischen Islams. Eine Kultur des Unbehagens hat an den K\u00fcsten im Norden Einzug gehalten.<\/p>\n<h6>Die Angst vor dem radikalen Islam w\u00e4chst<\/h6>\n<p>Ganz so weltoffen und liberal ist man nicht mehr. Denn auch im Land von deutscher Ferienspie\u00dferidylle samt Bungalow und Sauna geht die Angst vor dem radikalen Islam um. Peu \u00e0 peu verschiebt sich das politische Klima nach rechts. So konnte sich bei den letzten EU-Wahlen die islamfeindliche D\u00e4nische Volkspartei durchsetzen und st\u00e4rkste politische Kraft werden. \u00dcber 50 Prozent des Nord- und Ostseevolkes sind gegen Migration und muslimische Einwanderer und sehen in der Fl\u00fcchtlingsbewegung eher eine Bedrohung.<\/p>\n<p>Dazu gibt es auch gute Gr\u00fcnde. Laut einer Studie von 2016 sind viele junge muslimische Frauen und M\u00e4nner im Land tiefreligi\u00f6ser verwurzelt als noch in den 80ziger Jahren, Tendenz steigend, erh\u00f6hte Gewaltbereitschaft inklusive. Das politische Klima pendelt zwischen Liberalit\u00e4t einerseits und neuer religi\u00f6s-fundamentalistischer Radikalit\u00e4t in den Banlieures andererseits. Auch die Zahl der Imame, die ihre skandall\u00f6sen Gewaltbotschaften verbreiten w\u00e4chst kontinuierlich.<\/p>\n<h6>Neue Rhetorik der Gewalt<\/h6>\n<p>Seit Monaten elektrisiert und schockiert eine vierteilige Dokumentation des Fernsehsenders TV2 die D\u00e4nen. Sie Dokuserie \u201eMoscheen hinter dem Schleier\u201c sorgt f\u00fcr skandaltr\u00e4chtige Aufregung \u2013 quer durch die politischen Lager hinweg. Schauplatz der Erregung ist die Grimh\u00f8j Moschee in Aarhus, gedreht wurde mit versteckter Kamera. Was sich im Geheimen im Gotteshaus abspielt, offenbart mit erschreckender Dramatik eine Rhetorik der Gewalt. Imam Abu Bilal Ismail radikalisiert im neutralen D\u00e4nemark mit satanischen Anweisungen. Auch in Deutschland ist er kein Unbekannter. Vor Jahren betete Abu Bilal Ismail in einer Berliner Moschee f\u00fcr die Vernichtung aller Juden. Seine Sympathie f\u00fcr die Kampfverb\u00e4nde des Islamischen Staates (IS) ist nach wie vor ungebrochen und das Gotteshaus in Aarhus eine Art Aufzuchtbecken f\u00fcr islamische Fundamentalisten.<\/p>\n<h6>Bei Unzucht Todesstrafe \u2013 Mittelalter pur<\/h6>\n<p>Der geistige F\u00fchrer Abu Bilal Ismail ruft zur offenen Gewalt gegen Kinder und Frauen auf, r\u00e4t Vergewaltigungsopfern, die Straftaten zu verheimlichen und die Polizei nicht zu informieren; pl\u00e4diert wie im Europa der Inquisition f\u00fcr die Todesstrafe bei Unzucht, fordert die sofortige Steinigung oder Auspeitschung bei Untreue und legitimiert diese Sanktionen im Sinne des Wahrhaftigkeitsanspruchs seiner Religion.<\/p>\n<p>\u201eDie Angst vor Allah\u201c, so proklamiert er, sei gut f\u00fcr Kinder. Gewalt als Erziehungsmittel legitim und diene der religi\u00f6sen L\u00e4uterung. Unterf\u00fcttert werden diese satanischen Verse durch eine Praxis des Grauens. Abu Bilal Ismails perfide prop\u00e4deutische Ratschl\u00e4ge kulminieren als schw\u00e4rzeste P\u00e4dagogik in der Forderung, 10-j\u00e4hrige Kinder zu schlagen, sollten sie nicht beten. Sie an die \u201eWand zu schmei\u00dfen\u201c oder \u201emit einem Messer zu schneiden\u201c sei zwar nicht erlaubt, schadet aber auch nicht. Kinderpsychologen im Land sind alarmiert. Aufkl\u00e4rung in den Schulen einerseits, ein Rollback der Aufkl\u00e4rung in die finsteren Zeiten des Mittelalters andererseits \u2013 insbesondere f\u00fcr Kinder ist diese erzieherische Ambivalenz schwer ertr\u00e4glich, verst\u00f6rend und tr\u00e4gt nicht zur Identit\u00e4tsbildung bei.<\/p>\n<p>Die Scharia, das religi\u00f6se Gesetz des Islams, geriert in der Grimh\u00f8j Moschee zur Fratze blindw\u00fctiger Hasstiraden gegen Andersgl\u00e4ubige und Konvertiten. Das alte Prinzip der Vergeltung, das biblische \u201eAug um Auge, Zahn um Zahn\u201c, erf\u00e4hrt eine neue Renaissance. \u201eIch habe die gr\u00f6\u00dfte Lust, die Grimh\u00f8j-Moschee dem Erdboden gleichzumachen\u201c, betonte die b\u00fcrgerliche Integrationsministerin Inger St\u00f8jberg.<\/p>\n<h6>Einreiseverbot f\u00fcr Hassprediger<\/h6>\n<p>Die Doku-Serie hatte die Doppelmoral der Imame offengelegt. Einerseits verstehen sich diese als \u201eBr\u00fcckenbauer\u201c, werben nach au\u00dfen f\u00fcr eine Kultur der Toleranz und Integration von Muslimen, andererseits polemisieren sie im inneren Zirkel gegen die freiheitlichen Menschenrechte und stellen diese unter das Kuratel ihrer fundamentalen Ideologeme. Gegen diese heimliche Islamisierung, so ist man sich in D\u00e4nemark einig und gibt zugleich eine leuchtende Botschaft an das Rest-Europa, muss man ebenso radikal vorgehen. Hassprediger sollen k\u00fcnftig Einreiseverbot bekommen und auf eine Beobachtungsliste gestellt werden. Nicht nur in D\u00e4nemark wei\u00df man mittlerweile, dass nicht nur die Grimh\u00f8j Moschee ein Ort des demokratischen Antiliberalismus ist, auch in anderen L\u00e4ndern und St\u00e4dten dieser Welt ist der Ungeist von Aarhus gelebter Alltag. Dies kann daher nur eines implizieren. Die aufgekl\u00e4rte Gesellschaft muss auf die Saat des Terrors in den Moscheen reagieren und intervenieren.<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1><\/h1>\n<h1>Horst Seehofer distanziert sich scharf von Merkels &#8222;Wir schaffen das&#8220;<\/h1>\n<p>Ein \u201eWir schaffen das\u201c kann sich Seehofer \u201ebeim besten Willen nicht zu eigen machen.\u201c<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11176-csu-chef-verlaesst-kuschelkurs\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Es ist nicht das erste Mal, dass der bayerische Ministerpr\u00e4sident Horst Seehofer den Fl\u00fcchtlingskurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert. Nach Monaten der Distanzierung hatte man sich in den letzten Wochen zun\u00e4chst wieder offiziell auf Kuschelkurs mit Berlin begeben. Doch die Stimmung in Bayern ist nach wie vor nicht Kanzlerinnenfreundlich. Nach ihrer Sommerpressekonferenz hatte Merkel ihren Kurs gerechtfertigt und nicht nur von den Oppositionsparteien eine Klatsche erhalten. Seehofer seinerseits hat nun endg\u00fcltig vom \u201eWir schaffen das\u201c die Nase voll.<\/p>\n<h6>Ein \u201eWir schaffen das\u201c kann sich Seehofer \u201ebeim besten Willen nicht zu eigen machen.\u201c<\/h6>\n<p>Auf der Kabinettsklausur am Tegernsee distanzierte sich der CSU-Parteichef sehr deutlich von der Haltung Merkels bei der Bew\u00e4ltigung der Fl\u00fcchtlingskrise. Der ehemalige Bundesminister k\u00f6nnte sich Merkels Satz \u201eWir schaffen das\u201c \u201ebeim besten Willen nicht zu eigen machen.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Attentat in M\u00fcnchen, dem Terror und den vielen Bluttaten in Deutschland, will Seehofer au\u00dferdem den Fl\u00fcchtlingszuzug beschr\u00e4nken. \u201eDie Begrenzung der Zuwanderung ist eine Voraussetzung f\u00fcr die Sicherheit im Lande\u201c. Diese Begrenzung sei dringend notwendig, damit die, die bereits nach Deutschland im vergangenen Jahr gekommen sind besser integriert werden k\u00f6nnen. Gleichwohl die Fl\u00fcchtlingszahlen seit der Schlie\u00dfung der Balkanroute drastisch nach unten gingen, sind doch immer noch Millionen von Menschen auf der Flucht \u2013 Ziel die Bundesrepublik.<\/p>\n<h6>Mehr Sicherheitskr\u00e4fte f\u00fcr den Freistaat<\/h6>\n<p>Das auf der Klausur beschlossene Sicherheitskonzept f\u00fcr den Freistaat, das eine Aufstockung der bayerischen Polizei um 2000 Kr\u00e4fte von 2017 bis 2020 \u2013 samt modernster Ausr\u00fcstung \u2013 vorsieht, nannte Seehofer dabei als das \u201eumfassendste und tiefste\u201c, das bislang in der Bundesrepublik vorgelegt wurde. Und mit Blick auf das deutsche Kanzleramt will der bayerische Ministerpr\u00e4sident \u201esehr genau darauf achten\u201c, dass auch in der Bundeshauptstadt und im EU-Br\u00fcssel die Sicherheitspolitik weiter vorangetrieben wird. Wie Seehofer hinzuf\u00fcgte, wurden die Terroranschl\u00e4ge der vergangenen Wochen und Monate von der Europ\u00e4ischen Union \u201ebemerkenswert leise\u201c dokumentiert und begleitet.<\/p>\n<h1>\u201eWer glaubt, wir schie\u00dfen dem das Beil aus der Hand, ist ahnungslos\u201c<\/h1>\n<p>Nach der Axt-Attacke in einem Zug bei W\u00fcrzburg hat ein Tweet der Gr\u00fcnen-Politikerin Renate K\u00fcnast eine heftige Debatte ausgel\u00f6st. Die Gewerkschaft der Polizei ist w\u00fctend.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11150-renate-kuenast-und-ihr-tweet\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Manchmal ist es besser zu schweigen, als zu twittern. Doch Renate K\u00fcnast, Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag, hat davon leider keinen Gebrauch gemacht und sich mit einem Twitter-Eintrag viel \u00c4rger eingehandelt. Nach der Axt- und Messerattacke in W\u00fcrzburg, zu der sich mittlerweile die Terrorgruppe des Islamischen Staates bekannte, hatte K\u00fcnast geschrieben: \u201eTragisch und wir hoffen f\u00fcr die Verletzten. Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunf\u00e4hig geschossen werden???? Fragen!\u201c<\/p>\n<p>Die bayerische Polizei, die den 17-j\u00e4hrigen Afghanen kurz nach dem Attentat erschossen hatte, hatte sofort auf den Tweet der Politikerin reagiert und diesen scharf kritisiert. Am Dienstagmorgen antwortete die Polizei Oberbayern S\u00fcd: \u201eein Tweet mit \u201e????\u201c ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht gerecht.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6>Polizeigewerkschaft kritisiert K\u00fcnast<\/h6>\n<p>Mittlerweile hat der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft den Einsatz gerechtfertigt und K\u00fcnast \u201eKlugschei\u00dferei\u201c vorgeworfen. Rainer Wendt sagte gegen\u00fcber der \u201eSaarbr\u00fccker Zeitung\u201c: \u201eWenn Polizisten in der Form angegriffen werden, werden sie sich nicht auf Kung Fu einlassen. Das endet dann bedauerlicherweise manchmal mit dem Tod des T\u00e4ters, ist aber nicht zu \u00e4ndern.\u201c Der Polizeieinsatz wird nun von der Staatsanwaltschaft untersucht, und erst dann wird ein Urteil zu f\u00e4llen sein. Doch bis dahin brauchen wir \u201eparlamentarische Klugschei\u00dfer \u00fcberhaupt nicht\u201c. Wendt ist w\u00fctend: \u201eDie Frau K\u00fcnast soll nicht so viele schlechte Kinofilme gucken. Wer glaubt, wenn einer mit Axt und Messer auf die Polizei losgeht, dann fangen wir an, dem das Beil aus der Hand zu schie\u00dfen \u2013 das ist wirklich ahnungslos und dumm.\u201c<\/p>\n<h6>Kritik aus den eigenen Reihen<\/h6>\n<p>Der Tweet der Politikerin hat auch innerhalb der Twitter-Gemeinde eine heftige Debatte ausgel\u00f6st. Mehrere User hatten unmittelbar auf K\u00fcnasts Posting reagiert und die Politikerin mit einem Shitstorm \u00fcberzogen. Aber auch aus den eigenen Reihen kam Kritik \u201eIn so einer Situation k\u00f6nnen nur die Polizisten entscheiden und beurteilen, wie sie denn damit umzugehen haben\u201c, so der au\u00dfenpolitische Sprecher der Gr\u00fcnen, Omid Nouripour, dem Nachrichtensender N24. Wie Nouripour erg\u00e4nzte, sei der Tweet der Politikerin in der \u201eHitze des Gefechtes entstanden\u201c und \u201enicht besonders geschickt gewesen. Wir \u201em\u00fcssen Grundvertrauen haben, dass sie im Zweifelsfalle auch das Richtige tun. Das kann man von weitem nicht beurteilen.\u201c<\/p>\n<h1>Wieso traut sich Deutschland keine Gro\u00dfbauten mehr?<\/h1>\n<p>Ich kann mir vorstellen, dass wir in 50 Jahren einen gro\u00dfen Teil des Flugverkehrs mit nachwachsenden Rohstoffen betreiben. Der Passagierverkehr k\u00f6nnte dann mit gro\u00dfen Flugzeugen im Senkrechtstart als Spaceport betrieben werden. Dar\u00fcber hinaus wird alles durchdigitalisiert sein.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.photocase.com\">AndreasF. \/ photocase.com<\/a><\/p>\n<p><strong>Wir hatten mit Stuttgart 21 und mit Startbahn West schon verschiedene Initiativen gehabt, wo sich die B\u00fcrger gegen moderne Innovationen stellen. Woran liegt das?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist einfach erst mal menschlich, dass man einen erreichten Wohlf\u00fchlzustand konservieren m\u00f6chte. Die meisten Menschen m\u00f6gen keine Instabilit\u00e4t. Nun ist es aber so, dass das heutige Niveau durch fr\u00fchere, fundamentale Weichenstellungen herbeigef\u00fchrt wurde, mit denen gezielt Ver\u00e4nderungen erreicht werden sollten. Nur so konnten Wohlstand und Wachstum gesichert werden. Heute sind wir in einer ganz \u00e4hnlichen Situation. Deshalb m\u00fcssen wir einen Weg finden, Menschen zu erkl\u00e4ren, dass der Zustand, den wir jetzt haben, nur dann so bleiben kann, wenn man etwas \u00e4ndert. Es ist sehr schwierig, dies emotional nachzuvollziehen, aber im Grunde ist es im pers\u00f6nlichen Umfeld genauso. Wenn ich mich nicht weiterbilde, bleibe ich auf einem Stand, der f\u00fcr die Zukunft nicht mehr taugt. Darum versucht jeder Einzelne, sich im Leben weiterzuentwickeln. Und dies gilt f\u00fcr die gesamte Gesellschaft. Hinzu kommt, dass es schwierig ist, generations\u00fcbergreifend zu denken. Das gilt nat\u00fcrlich insbesondere f\u00fcr junge Leute. Sie m\u00fcssen lernen, Entscheidungen zu akzeptieren, die von \u00c4lteren getroffen werden. Und man sollte den Eliten des Landes zutrauen, dass sie nicht nur rein pers\u00f6nliche Ziele verfolgen, sondern eine \u00fcbergeordnete Agenda haben. Es geht darum, Zukunftsthemen des Landes in die richtige Richtung zu lenken und dazu beizutragen, dass das Land in 30 Jahren auf einem qualitativ h\u00f6heren oder zumindest gleichwertigen Niveau ist. Aber es gibt nat\u00fcrlich auf der anderen Seite die Skepsis, ob diese Eliten \u00fcberhaupt noch die Kompetenz dazu haben. Es f\u00e4llt mir zunehmend auf, dass Experten nichts mehr gelten, dass man alles anzweifelt, was Fachleute zu einem Thema sagen. Aber es ist nun einmal Fakt, dass wir in einer h\u00f6chst komplexen Welt leben, in der es keine einfachen L\u00f6sungen gibt. Wir m\u00fcssen deshalb Wege finden, die komplexe Welt einfacher verstehbar zu machen. Das ist die gro\u00dfe Kunst: hochkomplexe Sachverhalte auf ein allgemein verst\u00e4ndliches Level zu bringen. Diese \u00dcbersetzungsleistung ist auch deshalb so wichtig, weil in unserer Partizipationsdemokratie jeder eingeladen ist mitzureden. Manchmal geschieht dies allerdings auf einem Niveau, das einen erschreckt.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberall ist von Digitalisierung die Rede. Glauben Sie, dass die digitale Vernetzung letztendlich das Fliegen \u00fcberfl\u00fcssig macht, weil man durch das Netz global kommunizieren kann?<\/strong><\/p>\n<p>Da glaube ich \u00fcberhaupt nicht dran. Es geht immer darum, welchen Lebensentwurf man hat. Ich kenne keinen Menschen, der sagt: Je \u00e4lter ich werde, desto weniger mobil m\u00f6chte ich sein. Gl\u00fcck ist in jedem Alter immer auch mit Mobilit\u00e4t verbunden. Aber es muss nicht immer die Luftverkehrsmobilit\u00e4t sein. Im Moment erleben wir die Dominanz des Digitalen. Es werden alle digitalen Infrastrukturen ausgebaut und ein gro\u00dfer Fokus wird auf digitale Fragestellungen gelegt; jede digitale Entwicklung aber korrespondiert mit einer analogen. Wir brauchen auch weiterhin eine konventionelle Infrastruktur, denn jeder muss von A nach B kommen, ob mit dem Flugzeug, ob mit dem Auto oder mit dem E-Bike. Daran \u00e4ndert der Siegeszug des Internets nichts, im Gegenteil: Die Erh\u00f6hung der Netzaktivit\u00e4ten des einzelnen Menschen wird am Ende dazu f\u00fchren, dass auch die Mobilit\u00e4tsneigung zunimmt. Beispiel Videokonferenz: Da hat man vorhergesagt, dass diese ein Substitut f\u00fcrs Reisen wird. Man kann bequem vor dem Bildschirm sitzen und muss sich nicht mehr irgendwo miteinander treffen. Durch die Videokonferenzen aber hat die Mobilit\u00e4tsnachfrage nicht nachgelassen, weil das analoge Erlebnis \u2013 sich tats\u00e4chlich gegen\u00fcberzusitzen \u2013 ein anderes ist und bleibt. Ich bin ganz fest davon \u00fcberzeugt, dass das Digitale das Analoge nicht ersetzen kann. Leider ist dies aber aus dem Bewusstsein verschwunden. Die Menschen glauben nicht mehr, dass man in die analoge Infrastruktur investieren muss. Das halte ich f\u00fcr grob fahrl\u00e4ssig.<\/p>\n<p><strong>In China und in den Golfstaaten wachsen neue Drehkreuze wie Pilze aus dem Boden. 3,3 Milliarden Passagiere haben Luftfahrtgesellschaften im Jahr 2015 transportiert. Bis 2030 ist damit zu rechnen, dass sich diese Zahlen verdoppeln. Wie ist M\u00fcnchen daf\u00fcr ger\u00fcstet?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist ja unser Wettbewerbsszenario. Unsere Wettbewerber sind keine nationalen, sondern internationale Wettbewerber. Die arabischen Staaten wie auch die T\u00fcrkei haben die Bedeutung der gro\u00dfen Drehkreuze erkannt. Sie wissen, dass diese f\u00fcr interkontinentale Anbindungen in alle L\u00e4nder und in alle Regionen stehen und eine prosperierende Entwicklung im eigenen Land bef\u00f6rdern k\u00f6nnen. Deshalb ist Flughafenpolitik in der T\u00fcrkei oder in den Emiraten eben nationale Wirtschaftspolitik. An Dubai beispielsweise kommt man heute nicht mehr vorbei. Dabei hatte dies als Luftverkehrsstandort vor 30 Jahren noch gar keine Rolle gespielt. Daran erkennt man innerhalb einer \u201eGeneration\u201c die ganze Dynamik. F\u00fcr uns in M\u00fcnchen ist es Ehrenpflicht, bei der mobilen Zukunft in der Champions League zu spielen. Wenn wir hier nicht investieren, beispielsweise in eine dritte Start- und Landebahn, verlieren wir dauerhaft an Qualit\u00e4t. Bayern verliert sein Aush\u00e4ngeschild und wir unseren Modernit\u00e4tsappeal. Der Flughafen ist ein Schaufenster f\u00fcr Gastfreundschaft und technologische F\u00fchrerschaft. Und deswegen m\u00fcssen wir investieren. Dies ist unsere Herausforderung im globalen Wettbewerb mit den Golfstaaten, der T\u00fcrkei und anderen aufstrebenden Standorten. Wir m\u00fcssen diese Konkurrenz sehr ernst nehmen, weil die uns unsere Position sstreitig machen wollen. Das aber lassen wir nicht ohne Weiteres zu.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht der Flughafen der Zukunft aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann mir vorstellen, dass wir in 50 Jahren einen gro\u00dfen Teil des Flugverkehrs mit nachwachsenden Rohstoffen betreiben. Der Passagierverkehr k\u00f6nnte dann mit gro\u00dfen Flugzeugen im Senkrechtstart als Spaceport betrieben werden. Dar\u00fcber hinaus wird alles durchdigitalisiert sein. Gro\u00dfdrohnen werden zum Verkehrssegment geh\u00f6ren und Flugzeuge ohne Piloten fliegen. So stelle ich mir die Zukunft vor; denn warum soll im Luftverkehr nicht das m\u00f6glich sein, was in der N\u00fcrnberger U-Bahn funktioniert. Am Ende ist eine Drohne nichts anders als ein f\u00fchrerloses Flugzeug, das man sich auch in einer anderen Gr\u00f6\u00dfenordnung vorstellen kann.<\/p>\n<p><strong>Thema Fl\u00fcchtlinge? Wie stehen die Chancen f\u00fcr die Integration in die Arbeitswelt des M\u00fcnchner Flughafens?<\/strong><\/p>\n<p>Der Flughafen k\u00f6nnte ein wunderbarer Arbeitsplatz f\u00fcr die Menschen sein, die zu uns kommen. Eben weil wir eine Besch\u00e4ftigungsstruktur haben, die es in Bayern nicht mehr so h\u00e4ufig gibt. Es gibt nicht mehr so viele Unternehmen, die sinnvoll, nachhaltig und langfristig auch Menschen mit niedrigeren Bildungsniveaus besch\u00e4ftigen k\u00f6nnen. Heute arbeiten \u00fcber 50 Nationalit\u00e4ten in unserer Company. Und wir haben nie ein Integrationsproblem gehabt. Die Voraussetzungen, die wir in unserem Unternehmen haben, Fl\u00fcchtlinge im gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfe zu integrieren, sind also gar nicht so schlecht.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><em>Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespr\u00e4ch mit Katja Mast: <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/katja-mast\/10310-die-spd-der-mindestlohn-und-der-wandel-der-arbeit\">\u201eWir sind nicht das Kaninchen vor der Schlange\u201c<\/a> <\/em><\/p>\n<p>Gespr\u00e4ch von <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\">Stefan Gro\u00df<\/a> mit <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/michael-kerkloh\">Michael Kerkloh<\/a> 14.06.2016<\/p>\n<h1>\u201eMerkel h\u00e4tte nie allein mit Erdogan verhandeln d\u00fcrfen&#8220;<\/h1>\n<p>Der franz\u00f6sische Ex-Pr\u00e4sident Nicolas Sarkozy fordert ein Umdenken in der Fl\u00fcchtlingspolitik und ein h\u00e4rteres Vorgehen gegen Terroristen und islamistische Gewaltt\u00e4ter.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11059-wir-befinden-uns-im-ausnahmezustand\">&#8222;Nicolas Sarkozy addresses the E-G8 Forum in Paris in 2011&#8220; von &#8222;Michel Mikiane L\u00e9vy-Provencal, www.flickr.com&#8220; lizensiert unter &#8222;CC-BY&#8220;<\/a><\/p>\n<p>Nicolas Sarkozy hat eine Vision, er will nochmals f\u00fcr das Amt des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten kandidieren. Seine ganze Kritik an Europa, den Terroranschl\u00e4gen und der der mi\u00dfgl\u00fcckten Fl\u00fcchtlingspolitik b\u00fcndelt er in einem Interview mit der \u201cDie Welt\u201d. Dort betont der Politiker, dass sich Europa derzeit in einer schlechten Verfassung befindet \u201eWir befinden uns im Ausnahmezustand und haben Demonstrationen, die immer gewaltt\u00e4tiger und explosiver werden.\u201c<\/p>\n<h6>Die Quotenl\u00f6sung ist zum Heulen<\/h6>\n<p>Scharfe Kritik richtet Sarkozy auch in Richtung europ\u00e4ischer Politik. \u201eDas Problem Europas und das Problem der Welt ist das komplette Fehlen von F\u00fchrung. In Syrien, in der Ukraine, w\u00e4hrend der Finanzkrise, wer hat da nach L\u00f6sungen gesucht? Schengen liegt seit zwei Jahren am Boden, und es gibt keinen ernst zu nehmenden Vorschlag.\u201c Die derzeitige Quotenl\u00f6sung findet er zum \u201eHeulen\u201c Das Problem von 1,3 Milliarden Afrikanern und Millionen von Syrern l\u00e4sst sich nicht mit Quoten l\u00f6sen. Ein neuer europ\u00e4ischer Vertrag und ein Umdenken in der Fl\u00fcchtlingspolitik sind dringender denn je. Der deutschen Bundeskanzlerin Merkel wirft er vor, dass sie allein mit dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdogan verhandelt hat. \u201eNiemals h\u00e4tte ich akzeptiert, dass Angela Merkel allein mit Recep Tayyip Erdogan verhandelt. Das war ein schreckliches Symbol f\u00fcr Europa.\u201c<\/p>\n<h6>\u201eWir k\u00f6nnen nicht akzeptieren, wie der radikale Islam die Frauen behandelt\u201c<\/h6>\n<p>Auch im Hinblick auf den Terrorismus und die zunehmende Gewalt in Europa fordert Sarkozy h\u00e4rtere Gesetze, um gezielter gegen die Islamisten vorzugehen. \u201eWir k\u00f6nnen nicht akzeptieren, wie der radikale Islam die Frauen behandelt, wie er Homosexuelle verfolgt.\u201c Der Feind Nummer eins bleibt f\u00fcr den Franzosen der Dschihadismus und der radikale Islam.<\/p>\n<h6>Syrien ist der Grand Slam<\/h6>\n<p>\u201eMit dem IS, al-Qaida, Baschar al-Assad an der Macht und einer geschw\u00e4chten Opposition ist uns in Syrien der Grand Slam gelungen!\u201c Sarkozy lehnt in diesem Zusammenhang aber ab, in Syrien zu intervenieren und forderte den Einsatz von Bodentruppen, die jedoch, wie der Franzose betont, in keinem Fall europ\u00e4ische Truppen sein k\u00f6nnen. \u201eWir d\u00fcrfen nicht eine Wiederauflage eines Kriegs von Orient gegen Okzident riskieren. Es braucht arabische Bodentruppen, aber vor allem und zuallererst politische Initiativen.\u201c<\/p>\n<h6>Hotspots mussen an den S\u00fcdk\u00fcsten des Mittelmeeres sein<\/h6>\n<p>\u201eWas die Einwanderungspolitik betrifft, m\u00fcssen wir vor allem eine Sache regeln: Die Hotspots m\u00fcssen an den S\u00fcdk\u00fcsten des Mittelmeers aufgebaut werden, damit die Asylantr\u00e4ge bearbeitet werden k\u00f6nnen, bevor die Menschen das Mittelmeer \u00fcberqueren.\u201c Diese Hotspots sollten von Europa finanziert, aber in jenen L\u00e4ndern eingerichtet werden, wo der Druck der Einwanderung am h\u00f6chsten ist und die L\u00e4nder diesen abfangen m\u00fcssen. Sarkozy nennt Libyen, Tunesien, Marokko und in der T\u00fcrkei.\u201c<\/p>\n<h1>Binnenmigration innerhalb der EU ist Grund f\u00fcr Brexit<\/h1>\n<p>\u201eMigranten werden sehr rasch in den Sozialstaat des Ziellandes integriert. Hier muss gegengesteuert werden.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/11104-keine-europaeische-haftungsunion\">&#8222;Hans Werner Sinn&#8220; von &#8222;Jan Roeder&#8220; lizensiert unter &#8222;CC-BY-SA&#8220;<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die einen Gro\u00dfbritanniens Austritt aus der EU verteufeln, Boris Johnson und Nikel Farage, Vorsitzender der UK Independence Party, am liebsten an den Pranger oder auf den Scheiterhaufen stellen w\u00fcrden, den Rauswurf der englischen EM-Elf geradezu frenetisch feierten, warnt der ehemalige und langj\u00e4hrige Pr\u00e4sident des Ifo-Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, davor, die Briten f\u00fcr den Brexit abzustrafen.<\/p>\n<h6>Eine europ\u00e4ische \u201eHaftungsunion\u201c darf es nicht geben<\/h6>\n<p>Angesichts der bald beginnenden Verhandlungen \u00fcber den EU-Austritt ist ein harter Kurs aus Br\u00fcssel gegen\u00fcber London nicht ratsam. Eine europ\u00e4ische \u201eHaftungsunion\u201c darf es nicht geben. Wie der \u00d6konom in einem Interview mit der \u201ePassauer Neuen Presse\u201c hervorhebt, muss Gro\u00dfbritannien nach dem Austritt weiter an die Europ\u00e4ische Union gebunden bleiben. Als klare Kritik an Br\u00fcssel und Berlin gesendet, betonte Sinn:<\/p>\n<p>\u201eDiejenigen, die den Briten die kalte Schulter zeigen und weitermachen wollen wie bisher, sind schlechte Politiker.\u201c<\/p>\n<p>Sinn erachtet es daher als sinnvoll, Gro\u00dfbritannien k\u00fcnftig wie Norwegen an die EU eng anzubinden und kritisiert jene Politiker, die nach dem Brexit einen schnellen Austritt fordern und damit Europa im Eiltempo zielsicher in \u201edie falsche Richtung\u201c dr\u00e4ngen, \u201en\u00e4mlich zu einer Haftungsunion im Inneren und einer Festung nach au\u00dfen, die sich gegen\u00fcber der Welt abschottet.\u201c Das k\u00e4me auch den Deutschen \u201eteuer zu stehen\u201c.<\/p>\n<h6>Binnenmigration innerhalb der EU ist Grund f\u00fcr Brexit<\/h6>\n<p>Die Armutsmigration sei, so Sinn, bei der Entscheidung der Briten der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die anti-europ\u00e4ische Stimmung gewesen. Doch dies wurde seitens der Politiker \u201eweitgehend totgeschwiegen\u201c, obwohl den Politakteuren bewusst gewesen sein muss, dass \u201edas europ\u00e4ische System der Freiz\u00fcgigkeit und die Integration in die Sozialsysteme anderer EU-L\u00e4nder (\u2026) wie Magneten auf Armutsmigranten\u201c wirken. F\u00fcr Sinn ist Europa bereits seit l\u00e4ngerer Zeit eine Sozialunion. Denn: \u201eMigranten werden sehr rasch in den Sozialstaat des Ziellandes integriert. Hier muss gegengesteuert werden.\u201c<\/p>\n<h1>Kinderehe nach Islam-Recht in Deutschland erlaubt<\/h1>\n<p>Das Oberlandesgericht der Stadt Bamberg erkl\u00e4rte eine Ehe zwischen einem erwachsenen Mann und einem 14-j\u00e4hrigen M\u00e4dchen f\u00fcr rechtsg\u00fcltig. Damit ist das islamische Recht auch in Deutschland angekommen.<\/p>\n<p>Im Juni hat das Oberlandesgericht der Stadt Bamberg eine Ehe zwischen einem erwachsenen Mann und einem 14-j\u00e4hrigen M\u00e4dchen f\u00fcr rechtsg\u00fcltig erkl\u00e4rt. Der in Syrien geschlossene Ehevertrag wurde von den Richtern anerkennt, nachdem diese syrische Eherecht ausgiebig studiert hatten. Nun will das Bamberger Jugendamt dieses Urteil anfechten. Auch der Bayerische Justizminister Winfried Bausback ist emp\u00f6rt. Gegen\u00fcber infranken.de erkl\u00e4re er: \u201eF\u00fcr die Beurteilung der Ehem\u00fcndigkeit einer Person \u2013 also der Frage, ab welchem Alter die Ehe geschlossen werden kann \u2013 soll k\u00fcnftig stets deutsches Recht gelten.\u201c<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inread-experience.teads.tv\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inread-experience.teads.tv\">inRead invented by Teads<\/a><\/p>\n<h6>Unter den minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtlingen sind viele Verheiratete<\/h6>\n<p>Unter den vielen Fl\u00fcchtlingen, die in den letzten Monaten in die Bundesrepublik kamen, befinden sich viele Minderj\u00e4hrige, die bereits in ihren Heimatl\u00e4ndern mit Erwachsenen verheiratet wurden. Bei den Kinderehen stellt sich das juristische Problem, wie man mit den Kindern umgehen soll, die bereits verheiratet sind?<\/p>\n<p>Bereits Ende April 2016 hatten bayerische Beh\u00f6rden 161 F\u00e4lle von verheirateten Asylbewerbern unter 16 Jahren und 550 F\u00e4lle von Verheirateten unter 18 Jahren im Freistaat registriert. In Baden-W\u00fcrttemberg und in Nordrhein-Westphalen sehen die Zahlen nicht anders aus. Dort wurden jeweils 117 und 188 F\u00e4lle von verheirateten minderj\u00e4hrigen M\u00e4dchen gez\u00e4hlt.<\/p>\n<h6>Wie umgehen mit den Kinderehen?<\/h6>\n<p>Derzeit pr\u00fcft die Justizministerkonferenz von Bund und L\u00e4ndern einen Antrag von NRW-Ressortchef Thomas Kutschaty, der f\u00fcr eine generelle Anhebung der Ehem\u00fcndigkeit in Deutschland auf 18 Jahre pl\u00e4diert. Dar\u00fcber hinaus gilt es zu kl\u00e4ren, ob eine nach ausl\u00e4ndischem Recht geschlossene Ehe in der Bundesrepublik anerkannt werden darf, selbst wenn eine Ehem\u00fcndigkeit nach bundesdeutschem<br \/>\nRecht nicht besteht.<\/p>\n<p>Wie im Fall des Familiensenates des OLG Bambergs deutlich geworden ist, wird die verheiratete 14-j\u00e4hrige Syrerin, die mit ihrem 20 Jahre alten Ehemann 2015 nach Deutschland kam, dann nicht mehr als Minderj\u00e4hrige behandelt. Im Unterschied zu anderen minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtlingen steht sie somit nicht unter der Aufsicht des Jugendamts und kann \u2013 auf Grundlage des B\u00fcrgerlichen Gesetzbuchs \u2013 selbst entscheiden, wo sie sich aufhalten beziehungsweise mit welchen Personen sie Umgang pflegen kann. F\u00fcr die Jugendliche wurde in Franken ein Vormund bestellt, um f\u00fcr sie das Sorgerecht zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Richter in Bamberg ist dies \u2013 anhand der Zahlen \u2013 kein Sonderfall. Aufgrund der grunds\u00e4tzlichen Bedeutung wurde deshalb eine Rechtsbeschwerde zum Bundesgerichtshof zugelassen. Wie die Bundesrichter entscheiden ist abzuwarten. Wahrscheinlich jedoch ist, dass eine Eheschlie\u00dfung im Ausland, die das in der Bundesrepublik geltende Ehem\u00fcndigkeitsalter von mindestens 16 Jahren eines Partners \u00fcberschreitet, eine Annullierung der Ehre zur Folge haben wird.<\/p>\n<h6>Das Bamberger Urteil:<\/h6>\n<p>Leits\u00e4tze:<\/p>\n<p>Dem einem minderj\u00e4hrigen Verheirateten bestellten Vormund kommt wegen \u00a7\u00a7 1800, 1633 BGB keine Entscheidungsbefugnis f\u00fcr den Aufenthalt des M\u00fcndels zu. Dies gilt auch hinsichtlich wirksam verheirateter minderj\u00e4hriger Fl\u00fcchtlinge, wenn nach dem Recht des Herkunftsstaates insoweit ebenfalls keine elterliche Sorge besteht (Art. 15, 16, 20 KS\u00dc). (amtlicher Leitsatz)<\/p>\n<p>Eine in Syrien nach syrischem Eheschlie\u00dfungsrecht wirksam geschlossene Ehe einer zum Eheschlie\u00dfungszeitpunkt 14-J\u00e4hrigen mit einem Vollj\u00e4hrigen ist als wirksam anzuerkennen, wenn die Ehegatten der sunnitischen Glaubensrichtung angeh\u00f6ren und die Ehe bereits vollzogen ist. (amtlicher Leitsatz)<\/p>\n<p>Die Unterschreitung des Ehem\u00fcndigkeitsalters des \u00a7 1303 BGB bei einer Eheschlie\u00dfung im Ausland f\u00fchrt selbst bei Unterstellung eines Versto\u00dfes gegen den ordre public (Art. 6 EGBGB) nicht zur Nichtigkeit der Ehe, wenn nach dem f\u00fcr die Eheschlie\u00dfung gem. Art. 11, 13 EGBGB anzuwendenden ausl\u00e4ndischen Recht die Ehe bei Unterschreitung des dort geregelten Ehem\u00fcndigkeitsalters nicht unwirksam, sondern nur anfechtbar oder aufhebbar w\u00e4re. (amtlicher Leitsatz)<\/p>\n<p>Den gesamten Text finden Sie <a href=\"http:\/\/www.gesetze-bayern.de\/Content\/Document\/Y-300-Z-BECKRS-B-2016-N-09621?hl=true&amp;AspxAutoDetectCookieSupport=1\">hier<\/a><\/p>\n<h1>Wie Alexander Gauland seine Partei abschafft<\/h1>\n<p>Deutschland ist gespaltner denn je. W\u00e4hrend die Volksparteien auf W\u00e4hlerdi\u00e4t gehen, gewinnt die AfD an politischer Geltungskraft. Doch dank Alexander Gauland muss das nicht so bleiben. Das beste Mittel gegen das Erstarken der AfD ist der Vize der Partei selbst. Gauland ist der personalisierte Selbstmord der AfD!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der AfD tobt ein Grabenkampf zwischen Frauke Petry und Alexander Gauland. W\u00e4hrend Petry die Partei aus der rechten Schmuddelecke herausf\u00fchren will, versetzt Alexander Gauland seiner eigenen Partei einen Dolchsto\u00df nach dem anderen. Petry kann sich nur noch um Schadenbegrenzung k\u00fcmmern. Doch Gauland ist ihr beim In-Fettn\u00e4ppchen-Treten derzeit immer einen Schritt voraus. Immer wieder polarisiert das ehemalige CDU-Mitglied mit Parolen, die selbst AfD-Anh\u00e4nger und Sympathisanten nicht goutieren k\u00f6nnen. Sp\u00e4testens dann, wenn Gauland gegen die Deutsche Fu\u00dfballmannschaft wetterte und diese als undeutsch kategorisierte und von einer Elf aus dem Jahr 1954 tr\u00e4umte, verprellte er nicht nur kurz vor der Fu\u00dfball-EM die W\u00e4hlerschaft. Auch mit seiner fremdenfeindlichen \u00c4u\u00dferung in der \u201eFrankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung\u201c (FAS) hatte er sich noch weniger Freunde gemacht. Seine verbale Entgleisung zeigte Wirkung und lie\u00df die AfD \u2013 sonst auf Erfolgskurs \u2013 in der W\u00e4hlergunst sinken. Seitdem w\u00fcnscht sich ganz Deutschland Fu\u00dfballstar J\u00e9r\u00f4me Boateng zum Nachbarn, w\u00e4hrend mit dem AfD-Vize nicht einmal mehr Nachbars senile Katze spielen will.<\/p>\n<h6>Gauland ist der Meister der Inszenierung<\/h6>\n<p>Gauland ist die neue B\u00f6hmermann-Aff\u00e4re, nur schlimmer. Schlaglichtartig hatte er mit seiner \u00c4u\u00dferung gegen Boateng f\u00fcr Aufsehen gesorgt: \u201eDie Leute finden ihn als Fu\u00dfballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.\u201c Selten hatte ein einzelner Satz in den letzten Wochen eine derartige Dramaturgie und schuf sich seine eigene Regie. Aber mit Fu\u00dfballeridolen scherzt man nicht und macht sie auch nicht zur Zielscheibe rassistischer Polemik. Was man \u00fcber Politiker hierzulande kritisch \u2013 wie \u201eKanzlerin-Diktatorin\u201c beispielsweise \u2013 \u00e4u\u00dfern kann, gilt f\u00fcr Fu\u00dfballstars eben nicht, hier sind die Deutschen sensibler. Kritik am Fu\u00dfball bleibt die Achillesferse, selbst wenn Hooligans au\u00dferhalb des Stadions mit blinder Hetze Jagd auf Ausl\u00e4nder machen, auf dem Spielfeld zumindest sind diese heilig.<\/p>\n<p>Um diese Speziallogik der eingeschworenen Fu\u00dfballnation h\u00e4tte selbst Alexander Gauland, Deutschlands konservativer Unruhe-Geist im englischen Tweet und graue Eminenz der AfD, wissen m\u00fcssen. Nach seiner ersten verbalen Entgleisung scheint Gauland aber erst richtig in Fahrt gekommen zu sein. Eine skandaltr\u00e4chtige Aussage folgte auf die andere. Ob er den Rechtpopulisten Bj\u00f6rn H\u00f6cke oder NDP-Parolen zitierte, ob er den Parteien im Bundestag vorwarf, dass diese \u201eeine Politik der menschlichen \u00dcberflutung\u201c vertreten, ob es sich um seine Aussage handelte, das \u201edeutsche Volk allm\u00e4hlich [\u2026] durch eine aus allen Teilen dieser Erde herbeikommende Bev\u00f6lkerung\u201c zu ersetzen. Gauland ist jedes Mittel medialer Inszenierung recht. Doch je mehr er verbal aufr\u00fcstet, je mehr er mit der rechten Keule Propaganda macht, desto unsympathischer wird und wirkt er. Der Intellektuelle, so scheint es, ist auf Schn\u00e4ppchenjagd was Tonfall und Aussagen betrifft. Doch so billig kaufen die Deutschen dann nicht ein, selbst wenn viele Bundesb\u00fcrger, gerade aus dem b\u00fcrgerlichen Lager oder bei den gr\u00fcnen Gutmenschen, sich insgeheim dagegen wehren, ihre Kinder in Schulen zu schicken, wo die Migrationsdichte besonders gro\u00df ist und wo man nach wie vor in Gegenden zieht, wo die Klingelschilder goldgl\u00e4nzend einheimische Nachnamen tragen. Dennoch sind blanker Rassismus und billiger Populismus \u00e0 la H\u00f6cke und Gauland im Deutschland des Jahres 2016 eben nicht hoff\u00e4hig. M\u00f6ge es so bleiben. Und Alexander Gauland tut sein Bestes daf\u00fcr. Die beste Waffe gegen die AfD ist derzeit der Partei-Vize selbst.<\/p>\n<h6>Mit Worten l\u00e4sst sich trefflich streiten<\/h6>\n<p>Dass sich mit Sprache wunderbar Politik machen l\u00e4\u00dft, ist nicht neu. 2005 hatte der damalige SPD-Vorsitzende Franz M\u00fcntefering Finanzinvestoren in einem Interview mit \u201eHeuschrecken\u201c verglichen, und der 2016 verstorbene Guido Westerwelle entz\u00fcndete als Au\u00dfenminister eine Debatte \u00fcber Hartz-IV-Empf\u00e4nger. Legend\u00e4r dabei der Satz: \u201eWer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, l\u00e4dt zu sp\u00e4tr\u00f6mischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern.\u201c<\/p>\n<p>Wie man mit geschickter Inszenierung und knackigen Parolen in der W\u00e4hlergunst rechts und links der Mitte auf W\u00e4hlerfang gehen kann, dies hat mittlerweile auch die AfD erkannt und l\u00e4sst keine Provokation aus, um Schlagzeilen zu generieren. Eine wohlf\u00e4llige Presse, die den medialen Hype zum Qualit\u00e4tsmerkmal wie die \u201eFAS\u201c erhebt, stimmt in den Chor mit ein und so entsteht ein verschwommenes Bild dar\u00fcber, was Gauland nun gesagt oder auch nicht gesagt hat. Diese Unbestimmtheit wiegt wesentlich nachhaltiger als eine bestimmte Aussage des AfDlers, denn das Ungesagte h\u00e4lt den Diskurs im Schwange, verbreitet sich wie ein Krebsgeschw\u00fcr \u00fcber alle Nachrichtenticker, macht die Blase noch gr\u00f6\u00dfer als sie ist, st\u00fclpt sie aus und schafft \u2013 was noch schlimmer ist \u2013 neue Asymmetrien in der Berichterstattung. Die Causa Gauland bestimmt den medialen Diskurs, wird geradezu auf ihn zugeschnitten, ertrunkene Kinder, Krieg und Terror dagegen, so wird es zumindest telegen suggeriert und inszeniert, sind unwichtiger als der Herr, der immer wieder die Worte \u201eraum- und kulturfremd\u201c wie einen Bauchladen vor sich hertr\u00e4gt und diese wie ein Mantra wiederholt.<\/p>\n<h6>Die rituelle AfD-Rhetorik<\/h6>\n<p>Fast schon rituell ist das Prozedere der AfD-Rhetorik. Die Dialektik, die dahintersteht, folgt der Dynamik von Eskalation, \u00f6ffentlicher Emp\u00f6rung und Deeskalation, einem klassischen Dreischritt von Tabubruch oder Provokation, dem medialen Wirkenlassen und dem anschlie\u00dfendem Dementi. Rechtsextremismusforscher nennen dies bereits eine \u201eparasit\u00e4re Art der Kommunikation\u201c, der es immer wieder gelingt, an der \u201erechtspopulistischen Eskalationsschraube\u201c zu drehen und damit einen Diskurs zu entz\u00fcnden, um dann doch wieder zu bekunden, dass alles Gesagte nicht so gemeint oder eben falsch verstanden wurde. Damit bleibt die AfD im medialen Spiel, kann sich immer wieder als Angreifer und zugleich als Opfer stilisieren. Besser kann, dies m\u00fcssen auch ihre Kritiker mittlerweile einr\u00e4umen, eine mediale Strategie nicht funktionieren. Die AfD bleibt Meister bei der Provokation. Ihr geht es nicht um ernstzunehmende politische Ziele, um ein sachliches Problem-L\u00f6sen, sondern um gezielte Stimmungsmache, die in Zeiten der Fl\u00fcchtlingskrise mit populistischem Drive versehen, die Stimmung im Land negativ anheizt. Es ist ein bisschen wie bei Donald Trump: Nicht die Wahrheit steht im Vordergrund, sondern das Palaver. Statt Wahrheit eine wohltemperierte Mixtur von Wohlanst\u00e4ndigkeit einerseits und Hetze andererseits. Doch hinter allem offenbart sich die Fratze des Rassismus als b\u00f6sartiger Kern der Rechtspopulisten, die alles, was nicht zur deutschen Kultur geh\u00f6rt zum unerw\u00fcnschten Fremdling des biodeutschen Volksk\u00f6rpers erkl\u00e4ren.<\/p>\n<h6>Von Gaulands Mantras profitiert die Bundeskanzlerin<\/h6>\n<p>Sah es in den letzten Wochen danach aus, dass Gauland von seinem Mantras profitierte, hat sich das politische Klima zu seinen Ungunsten verschoben. Bundeskanzlerin Angela Merkel kann sich insgeheim nur freuen, denn Gauland \u00fcbernimmt die Aufgabe des politischen Selbstmords jener Partei, die sich nicht nur f\u00fcr die internen Grabenk\u00e4mpfe zwischen der CSU und der CDU verantwortlich zeigt, zwischen Bayern und Berlin, sondern durch deren Reingr\u00e4tschen es auch immer schwieriger wird, sich im eingespielten politischen Fu\u00dfballteam der etablierten Parteien sch\u00f6n und bequem einzurichten.<\/p>\n<p>Angela Merkel hat schon viel Schlimmeres als Gauland \u00fcberlebt. Und die erneute Forbes-Nominierung als \u201em\u00e4chtigste Frau der Welt\u201c im sechsten Jahr in Folge scheint auch \u2013 allen Kritikern zum Trotz \u2013 dem F\u00fchrungsstil der Kanzlerin Recht zu geben. Zur Begr\u00fcndung hei\u00dft es dort, dass Merkel f\u00fcr ihren Mut, ihre mutige Fl\u00fcchtlingspolitik und f\u00fcr ihren Einsatz f\u00fcr die EU gelobt wird. Welchen Mut k\u00f6nnte man fragen? Da ist Gauland wohl mutiger, wenn er zumindest ein Unbehagen vieler Deutscher an der derzeitigen Politik ausspricht und damit kollektiv verhauen und zur persona non grata erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Es bleibt eben alles eine Frage der jeweiligen Auslegung. Schon Johann Wolfgang Goethe wusste im ersten Teil des \u201eFaust\u201c zu sagen: \u201eDenn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein, Mit Worten l\u00e4sst sich trefflich streiten, Mit Worten ein System bereiten, An Worte l\u00e4sst sich trefflich glauben. Von einem Wort l\u00e4sst sich kein Iota rauben. [\u2026] Doch ein Begriff muss bei dem Worte sein.\u201c<\/p>\n<h1>Die Mobilit\u00e4t der Zukunft wird vernetzt<\/h1>\n<p>Vernetzung wird die Fuhrparkbranche immer st\u00e4rker treiben. Kunden m\u00f6chten flexible und effiziente Services, die rund um die Uhr verf\u00fcgbar sind. Der klassische Gesch\u00e4ftswagen wird nicht out sein, ist aber nur eine Option unter vielen. Firmen ben\u00f6tigen deshalb individuell auf ihre Bed\u00fcrfnisse zugeschnittene L\u00f6sungen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/ursula-wingfield\/10935-interview-mit-ursula-wingfield-von-alphabet\">&#8222;Freies Parken f\u00fcr ladende Elektrofahrzeuge&#8220; von &#8222;Chrischerf &#8220; lizensiert unter &#8222;CC-BY-SA&#8220;<\/a><\/p>\n<p><strong>Frau Wingfield, Ihr Unternehmen bietet Dienstleistungen rund um den Firmenfuhrpark an. Dies schlie\u00dft sowohl Pkw- und Transporter-Leasing als auch Full-Service-Angebote ein. Was macht eigentlich ein Fuhrparkdienstleister?<\/strong><\/p>\n<p>Kurz gesagt: Wir entlasten unsere Kunden in ihrem Fuhrparkmanagement. Unsere Produkte und Services schneiden wir individuell auf ihre W\u00fcnsche \u2013 vom Mittelst\u00e4ndler bis zum internationalen Gro\u00dfkonzern \u2013 zu. Dazu z\u00e4hlt nicht nur das reine Finanzleasing von Flottenfahrzeugen. Wir beraten unsere Kunden umfassend und bieten ihnen eine Vielzahl von Dienstleistungen an: vom Werkstatt- und Reifenservice \u00fcber Treibstoffmanagement und Eco-Fahrertrainings bis hin zum Schadenmanagement. Bei uns bekommt der Kunde Services aus einer Hand. Dar\u00fcber hinaus bieten wir innovative Mobilit\u00e4tsl\u00f6sungen wie etwa Corporate Carsharing oder Elektromobilit\u00e4t. Alphabet ist zwar ein Tochterunternehmen des BMW-Konzerns, aber wir haben alle Marken und Modelle sowie Transporter im Angebot. Diese Kombination hebt uns klar in der deutschen Fuhrparkbranche hervor.<\/p>\n<p><strong>Was sind im Zeitalter der Digitalit\u00e4t die Herausforderungen f\u00fcr einen Fuhrparkdienstleister wie Alphabet?<\/strong><\/p>\n<p>Fahrer m\u00f6chten jederzeit Zugriff auf wichtige Informationen rund um ihre Mobilit\u00e4t haben. Mit unserer App AlphaGuide stellen wir ihnen eine Art digitalen Mobilit\u00e4tsberater zur Seite. Er zeigt ihnen Tankstellen und Servicepartner im Umkreis. Au\u00dferdem k\u00f6nnen Nutzer den AlphaGuide mit ihrem Kalender verkn\u00fcpfen. Er erinnert sie an wichtige Termine und den rechtzeitigen Aufbruch und informiert \u00fcber m\u00f6gliche Verkehrsverz\u00f6gerungen \u2013 \u00fcbrigens auch per Smart Watch. Im Schadenfall unterst\u00fctzt die App durch ein unkompliziertes Unfallreporting. Fahrer k\u00f6nnen die Unfallsch\u00e4den hochladen, diese werden direkt an unser Schadenmanagement-Team weitergeleitet und bearbeitet. F\u00fcr unsere Kunden bedeutet dies einen Service, der \u00fcber den Leasingvertrag hinausgeht.<\/p>\n<p><strong>CO2-Emissionen belasten Mensch und Umwelt. Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit, wo setzen Sie hier Schwerpunkte?<\/strong><\/p>\n<p>Energieeffizienz und ein nachhaltiger Fuhrpark stehen bei vielen unserer Kunden im Fokus und sind h\u00e4ufig auch in der jeweiligen Car Policy festgelegt. In ausf\u00fchrlichen Beratungsgespr\u00e4chen schauen wir gemeinsam, wie sich ihre Flotte umweltfreundlicher gestalten l\u00e4sst. Gefragt ist neben Eco-Fahrertrainings auch ein nachhaltiger Antriebsmix. Die meisten Dienstfahrzeuge legen nicht mehr als 150 Kilometer pro Tag zur\u00fcck, daher sind Hybride und Elektroautos eine sehr gute Alternative zu konventionellen Flottenfahrzeugen. Wir beraten unsere Kunden hier umfassend, was das f\u00fcr sie am besten geeignete Fahrzeugmodell ist, welche Ladem\u00f6glichkeiten infrage kommen oder ob zus\u00e4tzliche Services Sinn machen.<\/p>\n<p><strong>Ist Carsharing eine Alternative? Wie sieht es beim Thema Elektromobilit\u00e4t aus? Davon wird viel gesprochen, aber wenig realisiert. Warum investiert man nicht mehr in die Zukunft der Elektromobilit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>Carsharing ist auf jeden Fall eine Alternative. Nicht nur, dass wir in einer \u201eSharing Economy\u201c leben, in der das Teilen von Fahrzeugen l\u00e4ngst nicht mehr au\u00dfergew\u00f6hnlich ist. F\u00fcr Fuhrparks rechnet sich Carsharing: Die Auslastung eines Flottenfahrzeugs liegt normalerweise bei 4 bis 5 Prozent. Unsere AlphaCity-Fahrzeuge \u2013 AlphaCity ist unser Corporate Carsharing \u2013 haben eine Auslastung von rund 80 Prozent. Sie haben nicht so lange Standzeiten, da mehr Mitarbeiter sie nutzen. Zudem k\u00f6nnen sie die Fahrzeuge gegen eine Geb\u00fchr auch f\u00fcr den privaten Gebrauch buchen. Fuhrparkmanager k\u00f6nnen ihre Gesamtbetriebskosten damit deutlich reduzieren.<\/p>\n<p>Viele unserer Kunden interessieren sich auch f\u00fcr Elektromobilit\u00e4t. In unseren Beratungsgespr\u00e4chen merken wir, dass sich etwaige Bedenken meist um die Themen: zu geringe Reichweite, keine passende Ladeinfrastruktur oder zu hohe Kosten drehen. Wir unterst\u00fctzen deshalb drei vom Bundesumweltministerium gef\u00f6rderte Forschungsprojekte zur E Mobility \u2013 und das sehr erfolgreich: Deutschlandweit sowie mit regionalen Projekten in Berlin und Hamburg haben wir 2015 im Rahmen der F\u00f6rderprojekte bereits mehr als 1.000 E Fahrzeuge auf die Stra\u00dfe gebracht \u2013 besonders gefragt war dabei der BMW i3. Erst letztes Jahr haben wir beispielsweise im Rahmen des bundesweiten F\u00f6rderprojekts PREMIUM 50 BMW i3 an die Stadt Leipzig \u00fcbergeben. Diese F\u00f6rderprojekte unterst\u00fctzen uns dabei, die Vorurteile gegen\u00fcber E Mobilit\u00e4t weiter abzubauen.<\/p>\n<p><strong>Was tun Sie f\u00fcr die Mitarbeitermobilit\u00e4t der Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p>Home Office, Mobilarbeit, unterschiedliche Firmenstandorte \u2013 unsere Arbeit wird immer flexibler. Wir m\u00fcssen deshalb verschiedene Mobilit\u00e4tsoptionen im Blick haben. In K\u00fcrze werden wir unsere App AlphaGuide erweitern: Nutzer bekommen dann nicht nur Informationen \u00fcber die Wegstrecke per Fahrzeug, sondern k\u00f6nnen auch sehen, ob sie auf \u00f6ffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad umsteigen oder einen Teil der Strecke vielleicht zu Fu\u00df bew\u00e4ltigen k\u00f6nnten. Wenn ich zu unseren Alphabet-Kollegen in den Niederlanden blicke, sehe ich eine weitere interessante Entwicklung: Hier steht Kunden eine Art Mobilit\u00e4tsbudget zur Verf\u00fcgung. \u00dcber diesen Weg bekommt der Mitarbeiter monatlich einen Betrag, den er f\u00fcr Mobilit\u00e4tszwecke nutzen kann \u2013 egal ob per Fahrrad, Carsharing, Zug oder Flugzeug. An dieser Idee sieht man, in welche Richtung sich die Branche entwickeln kann.<\/p>\n<p><strong>Frau Wingfield, warum ist es Ihnen als Vorsitzende der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung von Alphabet Deutschland wichtig, mehr Frauen in F\u00fchrungspositionen einzubinden?<\/strong><\/p>\n<p>Bei Alphabet sind wir fest davon \u00fcberzeugt, dass der Erfolg eines Unternehmens im Wesentlichen von den Mitarbeitern abh\u00e4ngt. Wir wollen die Besten gewinnen \u2013 und dazu geh\u00f6ren nat\u00fcrlich auch Frauen. Die BMW Group ist sehr engagiert in der Frauenf\u00f6rderung. Die L\u00f6sung f\u00fcr den Erfolg sind aus meiner Erfahrung heraus gut gemischte Teams. Es geht um die richtige Mischung, um Diversity. Frauen denken h\u00e4ufig anders als M\u00e4nner \u2013 diese unterschiedlichen Herangehensweisen f\u00fchren zu innovativen und kreativen Ideen.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht in den n\u00e4chsten Jahren das Gesch\u00e4ft mit der Flottenmobilit\u00e4t aus? Wird die Konkurrenz f\u00fcr das Fahrzeug immer gr\u00f6\u00dfer?<\/strong><\/p>\n<p>Vernetzung wird die Fuhrparkbranche immer st\u00e4rker treiben. Kunden m\u00f6chten flexible und effiziente Services, die rund um die Uhr verf\u00fcgbar sind. Der klassische Gesch\u00e4ftswagen wird nicht out sein, ist aber nur eine Option unter vielen. Firmen ben\u00f6tigen deshalb individuell auf ihre Bed\u00fcrfnisse zugeschnittene L\u00f6sungen. Auch hier macht es die Mischung.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>\u00dcber Alphabet:<br \/>\nAlphabet z\u00e4hlt zu den gr\u00f6\u00dften Anbietern von Leasing- und Fuhrparkmanagement-Services und betreut mehr als 600.000 Flottenfahrzeuge weltweit. Das Tochterunternehmen der BMW AG ist in 18 L\u00e4ndern t\u00e4tig.<\/p>\n<h1>&#8222;F\u00fcr mich ist es schockierend, welche Faszination der IS aus\u00fcbt.&#8220;<\/h1>\n<p>Eineinhalb Jahre nach seiner Wahl zum Ministerpr\u00e4sidenten des Freistaates Th\u00fcringen zieht Bodo Ramelow Bilanz.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/bodo-ramelow\/10937-interview-mit-ministerpraesident-bodo-ramelow\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p><strong>Herr Ministerpr\u00e4sident Ramelow, seit Dezember 2014 regieren Sie als erster Ministerpr\u00e4sident der Linkspartei. Kritiker haben bef\u00fcrchtet, dass Rot-Rot-Gr\u00fcn schnell scheitern w\u00fcrde. Das ist nicht geschehen. Ist es ein pers\u00f6nlicher Erfolg f\u00fcr Sie? Wie f\u00e4llt Ihre Bilanz aus?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben im ersten Jahr sehr solide, ruhig und unaufgeregt die Aufgaben erledigt, die eine Landesregierung erf\u00fcllen muss. Manch einer wundert sich jetzt dar\u00fcber, dass wir das, was wir angek\u00fcndigt haben, auch tats\u00e4chlich umsetzen. So ist die Entt\u00e4uschung bei jenen gro\u00df, die dachten oder hofften, wir w\u00fcrden nach 100 Tagen scheitern. Nur mal f\u00fcrs Protokoll die Fakten 2015: In S\u00fcdth\u00fcringen haben wir Arbeitslosenzahlen, die unter 4 Prozent liegen. Derzeit stehen wir auf Platz sieben in Deutschland mit der Arbeitslosenrate. Wir haben mehr Einpendler als Auspendler. Wir haben eine signifikant angestiegene sozialpflichtige T\u00e4tigkeit und allein im verarbeitenden Gewerbe ein Lohnplus von 6,2 Prozent. Das ist nicht allein unser Verdienst. Andererseits, so ganz gef\u00e4hrlich kann Rot-Rot-Gr\u00fcn nicht gewesen sein.<br \/>\nAktuell stehen Kommunal-, Gebiets- und Verwaltungsreform ganz oben auf der Agenda. Aber auch die Zuwanderung ist ein gro\u00dfes Thema, gerade in einem Bundesland, das so viele Einwohner verloren hat. Es geht mir um die Zukunftsfestigkeit dieses Landes. Wir haben gute Voraussetzungen. Aber wir haben noch viel Arbeit vor uns.<\/p>\n<p><strong>Th\u00fcringen legt gro\u00dfen Wert auf die Finanzen, auf einen geregelten Haushalt. Trotz Fl\u00fcchtlingskrise wollen Sie keine neuen Schulden machen. Wie soll das gelingen?<\/strong><\/p>\n<p>Indem wir zun\u00e4chst einmal transparent alle Kosten aufschl\u00fcsseln, die wirklich gelingende Integration braucht. In unserem Haushalt f\u00fcr 2016 sind 478 Millionen Euro f\u00fcr Integrations-, Betreuungs-, und Unterbringungskosten eingeplant. Damit gehen wir stark an unsere Reserven. Gleichzeitig k\u00e4mpfe ich gegen\u00fcber der Bundesregierung f\u00fcr eine bessere Refinanzierung. Die Frage ist nicht \u201ewas kostet das\u201c, sondern \u201ewas w\u00fcrde es kosten, wenn wir das Geld nicht ausgeben\u201c. Die langfristigen Negativkosten sind viel bedrohlicher. Richtig ist aber auch, dass die Bundesregierung den Satz von Frau Merkel \u201eWir schaffen das\u201c mit zus\u00e4tzlichen Finanzmitteln von Herrn Sch\u00e4uble untersetzen muss, damit wir es auch schaffen k\u00f6nnen. Von jeden f\u00fcnf Euro, die wir f\u00fcr Integration einsetzen, bekommen wir vom Bund derzeit nur einen Euro zur\u00fcck. Das geht so nicht. Wir ben\u00f6tigen die Erstattung von wenigstens der H\u00e4lfte der Kosten f\u00fcr einen halbwegs fairen Interessenausgleich.<\/p>\n<p><strong>Taugt das Th\u00fcringer Modell f\u00fcr den Bund?<\/strong><\/p>\n<p>Das Th\u00fcringer Modell von drei Parteien, die auf gleicher Augenh\u00f6he die Regierungspolitik gestalten, basiert darauf, dass alle sich bewegt haben, dass alle miteinander reden und alle gemeinsam bereit sind, sich in ihrer Vielfalt auszuhalten. Was wir im Moment dazu beitragen k\u00f6nnen, ist zu zeigen, dass es geht. Bislang galt dies immer als undenkbar. Ohne Bewegung aller kann es nicht funktionieren, und gegenseitige Schuldzuweisungen sind ein denkbar schlechtes Modell. Dagegen erscheint es erfolgversprechender, und darin sehe ich die Kunst des Regierens, das Machbare auch m\u00f6glich zu machen und konsequent bei einer Linie zu bleiben. Dies nimmt die Bev\u00f6lkerung sehr wohl wahr. Und nach den letzten Landtagswahlen scheint unser Modell Serienreife erlangt zu haben.<\/p>\n<p><strong>Wo sehen Sie die Ursachen, dass die <\/strong><strong>AFD<\/strong><strong> so sprunghaft in den Zahlen steigt?<\/strong><\/p>\n<p>Die AfD ist als eurokritische Partei gegr\u00fcndet worden. Zugute kommt ihr ein gewisses Frustpotenzial in der Gesellschaft, von all denen, die sich nicht mehr politisch eingebunden f\u00fchlen. Gef\u00e4hrlicher noch sind die Reichsb\u00fcrger, weil darin auch Gewaltt\u00e4ter sich ein politisches Recht anma\u00dfen und den Staat nicht akzeptieren. Die Mischung aus Reichsb\u00fcrgern und Hardcore-Nazis f\u00fchrt zu einem unappetitlichen Cocktail, der unter Herrn Bachmann in Dresden als Pegida begonnen und nun als AfD unter Herrn H\u00f6cke hier in Th\u00fcringen eine Folie des Nachahmens gefunden hat.<br \/>\nIch habe Herrn H\u00f6cke vor der Staatskanzlei als extreme Stimme dieser Bewegung hautnah erlebt mit S\u00e4tzen wie: \u201eWollt ihr den totalen \u2026?\u201c<br \/>\n26 Jahre nach dem Fall der Mauer reden Vertreter der AfD \u00fcber einen aktiven Schie\u00dfbefehl auf Menschen und verharmlosen dies als einen Ausdruck der Notwehr, weil die etablierten \u201eAltparteien\u201c unsere Grenzen nicht mehr sichern k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Grenzsicherung kann man nicht betreiben, indem man Menschen erschie\u00dft. Das w\u00e4re staatlich angeordneter Mord. Vor 26 Jahren, als die Ungarn den Zaun zerschnitten hatten, war man froh dar\u00fcber, dass der Kalte Krieg und die Demarkationslinie in Europa verschwunden waren. Derzeit kann man sich gar nicht genug darin \u00fcberbieten, wieder Z\u00e4une und Mauern in K\u00f6pfen und an Grenzen zu bauen. Offenkundig haben manche die Mauern in ihren Herzen \u00fcberhaupt nicht mehr im Blick.<br \/>\nIch war vor kurzem zu einer Papst-Audienz in Rom. Franziskus w\u00fcnschte sich in dem Gespr\u00e4ch mehr \u201eBr\u00fccken- als Mauerbauer\u201c.<\/p>\n<p><strong>Bei der Fl\u00fcchtlingspolitik betonten Sie, dass die T\u00fcren offen gehalten werden sollen. Aber wie kann man diese Schere \u2013 Politik der offenen T\u00fcr auf der einen Seite und das Misstrauen der Bev\u00f6lkerung auf der anderen Seite \u2013 schlie\u00dfen? Wie kriegt man diesen Spagat hin?<\/strong><\/p>\n<p>Denken Sie an die leidige Diskussion, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Ein Einwanderungsland muss man sein wollen: Amerika, Australien und Neuseeland sind Einwanderungsl\u00e4nder und definieren sich auch so. Wir haben faktische Einwanderung. Aber geistig-kulturell befinden wir uns immer noch in einer dumpfen v\u00f6lkischen Abstammungstheorie. Wir brauchen eine Modernisierung unseres Staatsb\u00fcrgerrechts. Wer hier geboren ist, muss auch das Recht haben, hier Staatsb\u00fcrger werden zu k\u00f6nnen \u2013 und das nicht erst nach einem ewig dauernden aufenthaltsrechtlichen Prozess. Ein Mensch, der aus einer t\u00fcrkischen Familie kommt, sich aber als Deutscher empfindet, muss auch Deutscher sein k\u00f6nnen. Das w\u00fcrde im \u00dcbrigen sogar helfen, unser Verh\u00e4ltnis zur T\u00fcrkei zu entspannen. Neben dem Zuwanderungsrecht und dem modernisierten Staatsb\u00fcrgerrecht ist ein neues Asylrecht wichtig, wobei die Unterscheidung zwischen tats\u00e4chlichem Asyl und Arbeitsmigration klar definiert sein muss. Der Weg der Arbeitsmigration \u00fcber Asylantr\u00e4ge ist einfach der falsche Weg. Arbeitsmigration m\u00fcssen wir einfach und schlicht organisieren. F\u00fcr den \u00dcbergang m\u00fcssten wir das Asylverfahren noch um eine Altfallregelung erg\u00e4nzen. Alle, selbst wenn sie falsche Antr\u00e4ge gestellt haben und l\u00e4nger als zwei Jahre hier und integriert sind, und dies auch nachweisen k\u00f6nnen, sollten ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht erhalten, wenn sie Integration nachweisen k\u00f6nnen \u2013 und die hier in den Schulen gut integrierten Kinder sollten z\u00fcgig deutsche Staatsb\u00fcrger werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Auch hier in Deutschland geborene Fl\u00fcchtlingskinder?<\/strong><\/p>\n<p>Wir schieben Kinder ab, die das Land, in das sie abgeschoben werden, noch nie gesehen haben und dessen Sprache sie wahrscheinlich nicht beherrschen. Das ist kulturell widersinnig. Hier hilft nur Klarheit bei Staatsb\u00fcrger-, Zuwanderung- und Asylrecht. Aber das Asylverfahren muss beschleunigt werden, sodass nach wenigen Tagen klar ist, ob ein Asylgrund ansatzweise vorliegt oder nicht. Wenn er nicht vorliegt, sollten wir dies den Menschen auch ehrlich sagen. Aber wer zur Arbeitsmigration kommen will, der sollte entsprechende Zuwanderungsschritte gehen und nicht den Asylverfahrensweg belasten.<\/p>\n<p>Wir haben im Moment Verfahren, die bis zu sechs Jahre dauern. Ich finde das unertr\u00e4glich. Wir m\u00fcssen das Ganze entkrampfen, weil wir Zuwanderung brauchen. Wenn die demografische Entwicklung unseres Landes so weitergeht, werden wir 2035 in Th\u00fcringen nur noch 1,9 Millionen Einwohner haben, davon lediglich noch 900.000 erwerbsf\u00e4hige Personen. Wir k\u00f6nnen den Wohlstand von heute nicht halten. Erste Betriebe machen ihre Investitionsentscheidungen davon abh\u00e4ngig, ob sie Arbeitskr\u00e4fte rekrutieren k\u00f6nnen oder nicht. Wir sind im Interesse unseres Landes verpflichtet, hier gegenzusteuern und Zuwanderung zu organisieren.<\/p>\n<p><strong>Europa droht sich in der Fl\u00fcchtlingskrise immer mehr zu spalten. Wie gro\u00df ist die Gefahr, dass Europa in der Krise zerbricht?<\/strong><\/p>\n<p>Nach vielen Gespr\u00e4chen in Mittel- und Osteuropa ist mir klar geworden, warum Europa seinen Glanz verliert. Wenn in diesen L\u00e4ndern das Gef\u00fchl um sich greift, dass Europa keinen Mehrwert mehr f\u00fcr die B\u00fcrger hat, sondern nur b\u00fcrokratischer, schwieriger und bevormundender wird, dann darf man sich \u00fcber die Erfolge von Orb\u00e1n, Kaczy\u0144ski und anderen nicht wundern. Es w\u00e4re gut, wenn Deutschland zwischen der Ukraine und Russland, aber auch in dem komplizierten Verh\u00e4ltnis der mittel- und osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder und Kerneuropa wieder eher eine vermittelnde Rolle einnimmt. Dabei k\u00f6nnten die neuen L\u00e4nder wie Th\u00fcringen mit ihren historisch gewachsenen Beziehungen und der Transformationserfahrung eine wichtige Funktion \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><strong>Der Bundeswehreinsatz in Kriegsgebieten soll die Situation dort stabilisieren und die Region dort befrieden. Im Hintergrund steht das Argument, dass dann auch der Fl\u00fcchtlingsstrom nach Europa nachl\u00e4sst, weil die L\u00e4nder frei vom Islamischen Staat sind. Ist Krieg der richtige Weg? Ihre Partei hat sich immer wieder gegen diese Option ausgesprochen. Sie betonten mal in einem Interview: Einfach immer nur auf die Kriegslogik zu setzen, ist genau das, was der IS gerade will.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist so und dabei bleibe ich auch. Man kann auf eine Milit\u00e4rlogik, eine asymmetrische Bedrohung, nicht mit einer symmetrischen Kriegslogik antworten. Milit\u00e4r kann, wenn \u00fcberhaupt, mit brutaler Gewalt immer nur eine Stabilit\u00e4t f\u00fcr eine kurze Zeit bringen. Wirkliche Stabilit\u00e4t kann nur \u00fcber ver\u00e4nderte gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse wachsen. Die Zeiten der milit\u00e4rischen Drohkulissen sind vorbei und f\u00fchren nicht zu mehr Frieden.<\/p>\n<p>Der Islamische Staat gewinnt gerade auf Youtube und nicht auf dem Schlachtfeld. Wir sind mit dem Problem konfrontiert, dass IS-K\u00e4mpfer in der Bundesrepublik und in Europa angeworben werden. Vom Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz werden f\u00fcr Deutschland 1000 K\u00e4mpfer angegeben, aus Th\u00fcringen sind es konkret zwei.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es schockierend, welche Faszination der IS aus\u00fcbt. Hier m\u00fcssen wir gegensteuern und Aufkl\u00e4rung betreiben. Nicht der Islam, nicht der Moslem ist der Feind, sondern der Fundamentalismus. F\u00fcr mich gibt es eine Formel: Wenn wir den Ultraorthodoxen, den Fundamentalisten, den Boden entziehen wollen, dann m\u00fcssen wir \u00fcber kulturelle Vielfalt reden und nicht \u00fcber Einheitskultur. Dies kann nur geschehen, wenn wir die kulturellen Eigenheiten der religi\u00f6sen Gruppen kennen, achten und einen gemeinsamen Gespr\u00e4chsfaden hinbekommen. Wer stattdessen von antiislamischer Rettung des christlichen Abendlands \u2013 wie Pegida und die AfD \u2013 spricht, spielt damit dem IS offen in die H\u00e4nde.<\/p>\n<p><strong>Sie sind Christ, was ist Ihr christliches Credo?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Glaube ist meine private Angelegenheit. Ich bin christlich erzogen, ich komme aus einer uralten protestantischen Familie. Goethe ist von meinem Ur-Ur-Ur-Gro\u00dfvater getauft worden, von Johann Fresenius aus Frankfurt am Main, der dort Stadtpfarrer war. Alle seine Kinder, Enkel und Nachfahren sind in der Kirche, in der ich konfirmiert wurde, Pastoren gewesen. Als ich an der Reihe war, gab es zwei M\u00f6glichkeiten: B\u00e4cker oder Pfarrer. Da ich durch Legasthenie gehandicapt war, wurde es mit dem Studium nichts. Deshalb sollte ich den Familienbetrieb, die B\u00e4ckerei \u00fcbernehmen. Aber leider hat mir der liebe Herrgott auch noch eine Mehlstauballergie geschickt. Und so bin ich letztlich Ministerpr\u00e4sident geworden (Ramelow lacht).<\/p>\n<p>Fragen Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>\u00d6sterreichs Bundeskanzler Werner Faymann tritt zur\u00fcck<\/h1>\n<p>\u00d6sterreichs Bundeskanzler Werner Faymann tritt von allen \u00c4mtern zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10942-kein-rueckhalt-in-der-eigenen-partei\">Flickr<\/a><\/p>\n<p>Am 9. Mai 2016 ist der \u00f6sterreichische Bundeskanzler Werner Faymann von allen seinen \u00c4mtern zur\u00fcckgetreten.<\/p>\n<h6>Keinen R\u00fcckhalt in der eigenen Partei<\/h6>\n<p>Der R\u00fcckenhalt innerhalb seiner Partei sei verloren gegangen, so der Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei SP\u00d6 am Montag im Bundeskanzleramt in Wien, zur Begr\u00fcndung dieses Schrittes.<\/p>\n<p>\u201cDieses Land braucht einen Kanzler, wo die Partei voll hinter ihm steht. Die Regierung braucht einen Neustart mit Kraft. Wer diesen R\u00fcckhalt nicht hat, kann dieses Aufgabe nicht leisten\u201d, betonte der 56-J\u00e4hrige. Ich lege meine Funktionen als Bundeskanzler und SP\u00d6-Chef zur\u00fcck.&#8220;<\/p>\n<p>Faymann wurde nach der Niederlage seiner Partei in der ersten Runde der Bundespr\u00e4sidentenwahl am 24. April immer wieder mit R\u00fccktrittsaufforderungen konfrontiert. Seit Anfang Dezember 2008 war er Bundeskanzler von \u00d6sterreich.<\/p>\n<h1>\u201eGriechenland braucht Neustart ohne Euro\u201c<\/h1>\n<p>Die Schuldenkrise in Griechenland l\u00e4sst sich f\u00fcr Christian Lindner nur durch den Austritt des Landes aus der Eurozone l\u00f6sen. Mit dieser radikalen Forderung geht die FDP auf Distanz zu Merkels Rettungspolitik.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10940-fdp-chef-fordert-den-euroaustritt-griechenlands\">Getty Images<\/a><\/p>\n<p>FDP-Chef Christian Lindner hat vor dem Treffen der Eurogruppe am Montag sich eindeutig f\u00fcr einen Euro-Austritt der Griechen und f\u00fcr einen Schuldenschnitt ausgesprochen. Seine Partei glaubt nicht daran, dass Griechenland durch radikale Sparma\u00dfnahmen aus der Krise kommen werde.<\/p>\n<p>Wie Lindner gegen\u00fcber der \u201eBILD\u201c-Zeitung erkl\u00e4rte, braucht Griechenland \u201eeinen finanzpolitischen Neustart ohne Euro. Dann aber mit einen Schuldenschnitt und mit zweckgebundenen EU-Hilfen.\u201c<\/p>\n<p>Die \u201eneuerliche H\u00e4ngepartie\u201c macht deutlich, \u201edass die Warnungen des Internationalen W\u00e4hrungsfons endlich ernst genommen werden m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Einerseits hat die deutsche Bundesregierung alle Mahnungen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds in den Wind geschlagen, auf der anderen Seite aber seine Beteiligung an einem dritten Kreditpaket zur Bedingung gemacht. Dabei war \u201ebereits vor einem Jahr [\u2026]. absehbar, dass die Krisenstrategie in Griechenland nicht greifen wird.\u201c<\/p>\n<h1>Ist \u00d6sterreich die Blaupause f\u00fcr Deutschland?<\/h1>\n<p>Der \u00f6sterreichische Bundeskanzler Faymann ist zur\u00fcckgetreten. Damit hat die SP\u00d6 eine weitere Schlappe einkassiert. W\u00e4hrend die gro\u00dfen Volksparteien zerrieben sind, profitiert die FP\u00d6. K\u00f6nnte Merkel \u00e4hnliches passieren?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10944-faymann-ruecktritt-irritiert-berlin\">Wikimedia Commons, Thoodor talk<\/a><\/p>\n<p>Der \u00f6sterreichische Bundeskanzler Werner Faymann wirft hin. Damit zieht er die Konsequenzen aus der verlorenen Bundespr\u00e4sidentschaftswahl Ende April und dem Sieg des Kandidaten der Freiheitlichen Partei \u00d6sterreichs (FP\u00d6) Norbert Hofer, der auf Anhieb 36 Prozent der Stimmen bekam. Das Land, so der scheidende Vorsitzende der SP\u00d6 Faymann, braucht einen Kanzler, der auch aus der eigenen Partei R\u00fcckendeckung erh\u00e4lt. Das sei bei ihm nicht mehr der Fall.<\/p>\n<p>Ganz unschuldig ist Faymann an dem ganzen Dilemma nicht. Zu sehr changierte er im vergangenen Jahr bei der Fl\u00fcchtlingskrise und setzte sich zwischen alle St\u00fchle. Zuerst votierte er pro Fl\u00fcchtlinge und verlor damit die ehemals rote W\u00e4hlerschaft, die latent ausl\u00e4nderfeindlich ist. Sp\u00e4ter vollzog er auf Dr\u00e4ngen des Koalitionspartners \u00d6VP einen radikalen Kurswechsel, schlo\u00df die Grenzen und stoppte so indirekt die Fl\u00fcchtlingswanderung auf dem europ\u00e4ischen Kontinent. Doch seine Law-and-Order-Politik kostete ihm die Stimmen des linken Wahlvolkes, das die aggressive Rhetorik aus Wien emp\u00f6rte und der Regierung den Vorwurf einbrachte, populistischen Parolen hinterherzulaufen. Die bittere Quittung aus dem politischen Hin- und Her musste Faymann nun mit seinem R\u00fccktritt bezahlen. Vize Reinhold Mitterlehner vom kleineren Koalitionspartner \u00d6VP ist neuer Interims-Kanzler.<\/p>\n<h6>Die alte Ordnung ger\u00e4t aus dem Lot<\/h6>\n<p>Politisch angeschlagen war Faymann nach der Wahl des neuen Bundespr\u00e4sidenten. Und FP\u00d6-Politiker Norbert Hofer hat am 22. Mai die besten Chancen die lange \u00c4ra von Sozialisten und B\u00fcrgerlichen zu durchbrechen. Der neunte Bundespr\u00e4sident der Zweiten Republik k\u00e4me damit nicht mehr aus den Reihen der gro\u00dfen Volksparteien, sondern w\u00e4re ein Populist aus dem rechten Lager. \u00dcber die H\u00e4lfte der \u00d6sterreicher glaubt derzeit, dass die Politik in die falsche Richtung laufe. Hofer, der mit seinem Slogan \u201e\u00d6sterreich braucht Dich jetzt\u201c die gesamte Alpenrepublik plakativ \u00fcbermalt, kommt da zur richtigen Zeit. Schon seit Monaten driftet die politische Stimmung im Land \u2013 wie im \u00fcbrigen Europa auch \u2013 nach rechts. Gewinner im Kampf um die Macht ist \u2013 wie in Deutschland die AfD \u2013 die FP\u00d6. Wie hierzulande dominieren populistische Kr\u00e4fte das Land mit scheinbar einfachen Antworten auf komplizierte L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Abgestraft im Poker um die Macht sind nicht nur in \u00d6sterreich, sondern auch in der Bundesrepublik die beiden gro\u00dfen Volksparteien (SP\u00d6 und \u00d6VP und CDU und SPD). Wie dort haben sie sich auch hier in der Fl\u00fcchtlingspolitik aufgerieben und verschlie\u00dfen. In beiden L\u00e4ndern d\u00fcmpeln die Sozialisten um die 20-Prozent-H\u00fcrde, Tendenz fallend. Die bundesrepublikanischen Ordnungen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Koordinatensystem und den politischen Kurs bestimmen, sind aus dem Lot. Die Maschinerie, die seit \u00fcber f\u00fcnfzig Jahren gut ge\u00f6lt wie am Schn\u00fcrchen lief, f\u00e4ngt pl\u00f6tzlich zu quietschen an und kommt sukzessive zum Stillstand. Norbert Hofer und Frau Petry sind die Profiteure. Sie schicken sich gerade an, die Macht zu erobern und die politische Klasse vom Hof zu jagen, die resigniert ihre Wunden pflegen und auf die Au\u00dfenseiter verbal draufdreschen. Ein Patenrezept, wie man in \u00d6sterreich die FP\u00d6 und in Deutschland die AfD stoppen kann, gibt es nicht. Es scheint fast so, dass man sich resignierend mit den hoffnungslosen wie trostlosen Alternativen abgefunden hat.<\/p>\n<h6>Warnsignal auch f\u00fcr Deutschland?<\/h6>\n<p>Was in \u00d6sterreich geschieht, versetzt das politische Berlin selten in eine Ausnahmesituation: ausgenommen Faymanns damalige Entscheidung der Grenzschlie\u00dfung. Aber auch sein R\u00fccktritt, eigentlich sein Sturz, aus heiterem Himmel wurde in Berlin wie ein ungez\u00e4hmtes Naturereignis wahrgenommen. Seit dem wird im Regierungsviertel viel reflektiert, unruhestiftende Fragen verfinstern den abendlichen Himmel um das Kanzleramt. \u201eFocus\u201c-Herausgeber Helmut Markwort spekulierte schon \u00fcber den R\u00fccktritt des SPD-Parteigranden Sigmar Gabriel und bezog sich auf interne Quellen.<\/p>\n<p>Gabriel seinerseits suchte den offenen Diskurs mit der Putzfrau Susanne Neumann, die ihm sowohl bei der SPD-Krise als auch seiner eigenen nicht zu helfen vermochte. Aber \u201eSusi\u201c, die sich mit ihrer klaren und unverbl\u00fcmten Sprache die Herzen der Zuschauer im Flug eroberte, sprach einfach aus, was sich viele denken: \u201eWarum soll ich eine Partei w\u00e4hlen, die mir das alles eingebrockt hat? Die Putzfrau \u201cSusi\u201d ist bei weitem kein Einzelbeispiel, sie repr\u00e4sentiert die Stimme vieler im Volk, was sich deutlich an den Umfragewerten von SPD und CDU spiegelt, die sich im permanenten Sinkflug befinden. Wenn am n\u00e4chsten Sonntag Bundestagswahl w\u00e4re, k\u00e4men CDU und CSU nur noch auf 30,5 Prozent, die SPD auf 19,5 und die AfD auf 1,5 Prozent. Und die tot geglaubte FDP w\u00e4re mit 8 Prozent wieder im Bundestag vertreten.<\/p>\n<p>Auch der CDU-Au\u00dfenpolitiker Ruprecht Polenz hat den R\u00fccktritt Faymanns als Warnsignal bewertet. Gro\u00dfe Koalitionen sind auf l\u00e4ngere Sicht sch\u00e4dlich, so Polenz gegen\u00fcber der \u201eFrankfurter Rundschau\u201c. Doch ein Trend nach Rechts, wie er derzeit gerade von der CSU anvisiert wird, diese Kursverschiebung lehnt er ab. \u201eDann w\u00fcrde die CDU mit Sicherheit in der Mitte verlieren, was sie vielleicht auf der Rechten gew\u00f6nne.\u201c Deutschland d\u00fcrfe diesen Fehler nicht begehen.<\/p>\n<p>Wie schnell in der Fl\u00fcchtlingskrise K\u00f6pfe rollen, kann auch die Kanzlerin nicht \u00fcbersehen. So ist sich der Passauer Politikforscher Heinrich Oberreuter sicher, dass der \u201eR\u00fccktritt [\u2026] durchaus Folgen f\u00fcr die deutsche Politik haben\u201c wird. Auch die deutsche \u201eParteienlandschaft befindet sich [\u2026] in einer sp\u00fcrbaren Krise\u201c und Merkel hat dadurch Schaden genommen. Ihre innenpolitische Position, so Oberreuter, wird aber durch \u201eFaymanns R\u00fccktritt nicht weiter geschw\u00e4cht\u201c. Doch ganz so einfach wird Angela Merkel nicht zum politischen Tagesgesch\u00e4ft \u00fcbergehen. Faymanns R\u00fccktritt bleibt selbst f\u00fcr sie ein Stachel im eigenen Fleisch. Immerhin wollen Zwei-Drittel der Deutschen Merkel nicht mehr als Kanzlerin, und die Union ist schon weit davon entfernt, ein Kanzlerinnenverein zu sein.<\/p>\n<h1>Warum uns soziale Netzwerke ungl\u00fccklich machen<\/h1>\n<p>Was ist ein gutes Leben, was Gl\u00fcck? Von der Tugendethik bis hin zum Pragmatismus und Utilitarismus reichen die Antworten. Was f\u00fcr ein Mensch man sei, entscheide dar\u00fcber, welche Philosophie man w\u00e4hle, hat der deutsche Idealist Johann Gottlieb Fichte einst betont. Dies gilt um so mehr f\u00fcr das Gl\u00fcck. Doch im Zeitalter sozialer Netzwerke wird die Gl\u00fcckssuche nicht einfacher, sondern schwieriger.<\/p>\n<p>Das Gl\u00fcck bleibt individuell, vielleicht das Individuellste, \u00fcber das wir selbst entscheiden. Ob Augenblicksgl\u00fcck, die stoische Seelenruhe, ob Kants Pflichtenethik, Schopenhauers Nihilismus oder Levinas\u2019 Philosophie des Anderen bis hin zur modernen empirischen Gl\u00fccksforschung \u2013 ihnen allen gemein ist, dass sich das Gl\u00fcck nicht auf einen blo\u00dfen Materialismus reduzieren l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<h6>Vil\u00e9m Flusser und die Vision der telematischen Gesellschaft<\/h6>\n<p>Der Philosoph und Kommunikationsprofessor Vil\u00e9m Flusser, einst Wegweiser der Kommunikationstheorie und von Facebook-Chef Mark Zuckerberg wie eine Ikone erehrt, hatte Anfang der 90er Jahre die positive Utopie einer k\u00fcnftigen telematischen Gesellschaft, die nicht nur einen Gegenentwurf zu den pessimistischen Medientheorien der damaligen Zeit darstellte, sondern die Vision in sich barg, Dialoge hervorzubringen, die Informationen und dadurch Diskurse erzeugen, durch die wiederum Informationen weitergegeben werden. Im Fokus der Kritik stand f\u00fcr Flusser die \u201eautorit\u00e4re Gesellschaft\u201c, in der nicht der Dialog, sondern der Diskurs regiere, der zumindest eins nicht war: herrschaftsfrei:<\/p>\n<h6>Flussers Vision der \u201erevolution\u00e4ren Gesellschaft\u201c<\/h6>\n<p>Flussers Vision der \u201erevolution\u00e4ren Gesellschaft\u201c hingegen sei der Hort der Dialoge. In der telematischen Gesellschaft gibt es keine Autorit\u00e4ten mehr, lediglich vernetzte Strukturen, die v\u00f6llig undurchsichtig agieren, ein kybernetisches System, das als \u201ekosmisches Hirn\u201c funktioniere. F\u00fcr Flusser ist Kommunikation Nomadologie jenseits von Heimat und Gebundenheit, Interaktivit\u00e4t per excellence. Und so verhei\u00dfen die sozialen Netzwerke die eigentliche Freiheit, er\u00f6ffnen sie doch einer einsamen und sinnlosen menschlichen Existenz den Freiraum der Eigentlichkeit, die dem Menschen seine Bedeutungslosigkeit und sein zum Tode verurteiltes Leben vergessen machen. Als zoon politikon, wie Aristoteles einst schrieb, wird dem modernen Menschen dabei die Kommunikation zu einem intentionalen, dialogischen und intersubjektivistischen Akt, ja, durch sie ereignet sich geistige N\u00e4he in Sekundenschnelle. Die telematische Revolution erzeugt nicht Distanz, vielmehr Unmittelbarkeit, darauf zumindest spekulierte Flusser.<\/p>\n<h6>Selfie-Wahnsinn bei Jung und Alt<\/h6>\n<p>Seit zehn Jahren rast Facebook auf der \u00dcberholspur. Tendenz steigend! Der Gigant hat andere Netzwerke weit ins Abseits gedr\u00e4ngt. Ob A B C, Z-Promis oder Teenager, der Selfie-Wahnsinn regiert die Welt. Und die meisten User wollen lediglich performieren, unterhalten. Statt Selbsterkenntnis Selbstreferenz satt. Mediale Pr\u00e4senz wird so zur universalen Heilsbotschaft, meist mit bescheidenem Inhalt. Es regiert nicht der Inhalt als vielmehr und manchmal ausschlie\u00dflich die Form.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Vielzahl der User von Unsterblichkeit, von einer steilen Karriere und von medialer Ber\u00fchmtheit tr\u00e4umen, ihr \u201ezweites Ich\u201c, ihr Profil, wie eine gro\u00dfe Liebe pflegen, liebkosen, st\u00e4ndig aktualisieren und wie ein Baby umhegen, verk\u00fcmmert dabei zunehmend das reale Ich und wird durch das virtuelle aufgehoben. Der Schritt in die Tristesse des virtuellen Alltags ist dann nicht mehr weit \u2013 Einsamkeit inkludiert.<\/p>\n<p>Flusser zum Trotz, bleiben Facebook und die anderen Netzwerke in Sachen Gl\u00fcckssuche auf der Strecke. Wahre Freundschaft verm\u00f6gen sie nicht zu stiften; sie dienen eher der Kompensation von Identit\u00e4tsverlusten, sind Surrogate von subjektiver und egoistischer Selbststilisierung.<\/p>\n<h6>Nie waren wir g\u00f6ttlicher<\/h6>\n<p>Ob Facebook, Instagram, Tumblr oder Twitter \u2013 die Selbstinszenierung kennt keine Grenzen. Gab es fr\u00fcher einen Gott, wimmelt es in der virtuellen Welt heute von G\u00f6ttinnen und G\u00f6ttern, alle mit Allseligkeits- und Allmachtsanspruch, deren Markenzeichen eine gl\u00e4serne Selbsttransparenz ist, inszeniert mit den schn\u00f6den Insignien subjektiver Selbstgef\u00e4lligkeiten und gek\u00fcrt mit dem Hauch des Banalen. Das Internet hat einen neuen G\u00f6tterhimmel geschaffen, sei es Dagi Bee, Chiara Ferragni oder andere, die dank sozialer Netzwerke tats\u00e4chlich zu Ruhm und vor allem zu viel Geld gekommen sind. Doch das Gros der User k\u00e4mpft verzweifelt, wie einst Sisyphos den verzweifelten Kampf um Sinn und Anerkennung; postet und postet, doch das Netz geriert nicht Anerkennung, sondern Ablehnung \u2013 und schlimmer noch mit gar keiner Reaktion, Ha\u00df, Neid und Mi\u00dfgunst. Facebook und Co haben eben auch eine Realit\u00e4t, und die kann bitter sein.<\/p>\n<h6>\u201eWir steuern auf einen kollektiven Burn-out zu&#8220;<\/h6>\n<p>Nach Ansicht des Jenaer Entschleunigungspapstes und Soziologieprofessors Hartmut Rosa steuert die moderne Gesellschaft mit ihrem Inszenierungswahn sukzessive auf ein kollektives Burn-out zu. Die Welt verk\u00fcmmert und wird nur noch via Bildschirm auf dem Computer oder dem Smartphone wahrgenommen. Auch f\u00fcr Rosa gaukeln soziale Netzwerke N\u00e4he lediglich vor, was bei vielen Netzenthusiasten leider das dumpfe Gef\u00fchl ausl\u00f6st, \u201eeiner stummen, gleichg\u00fcltigen Welt\u201c gegen\u00fcber zu stehen.<\/p>\n<p>Schon Emmanuel Levinas und Victor Frankl wu\u00dften, dass zu einem gelungenen Gl\u00fcck mehr als blanke Materie, Ressourcen, geh\u00f6rt, beide sahen sie im Anderen, im anderen Menschen, denn der Mensch als soziales Wesen ben\u00f6tigt eine lebendige Verbindung zu seiner Umwelt. Wer diese Beziehungen jedoch \u00fcber sein Handy zu konsumieren, sein In-der-Welt-Sein zu best\u00e4tigen sucht, muss sich stets und st\u00e4ndig davon \u00fcberzeugen und vergewissern, dass die Welt ihn nicht vergessen hat. \u201eWenn ich auf ein Posting oder einen Tweet mehr Likes bekomme als das Mal zuvor, deute ich das als st\u00e4rkere Resonanz. Wenn ich dagegen weniger R\u00fcckmeldungen erhalte, habe ich die Sorge, von der Welt \u201avergessen\u2019 zu werden. Wer seine Resonanzvergewisserung \u00fcber die sozialen Medien sucht, muss sich deshalb alle paar Stunden oder gar Minuten von Neuem seiner Verbundenheit mit der Welt versichern. Das kann leicht zu einem suchtf\u00f6rmigen Verhaltensmuster f\u00fchren\u201c, so Hartmut Rosa.<\/p>\n<h6>Wir brauchen eine \u201elibidin\u00f6se Weltbeziehung\u201c<\/h6>\n<p>Ein gl\u00fcckliches Leben kann f\u00fcr Rosa aber nur dann gelingen, wenn wir eine \u201elibidin\u00f6se Weltbeziehung\u201c herstellen. Statt Ressourcenverwaltung tritt Resonanz, statt dem Selbstverlust durch Tastaturen oder Daumendruck entgegenzusteuern, brauchen wir \u201enicht einzelne resonante Oasen, sondern einen resonanten Alltag.\u201c Bildschirme sind und bleiben f\u00fcr den Soziologen \u201eResonanzkiller, wenngleich er die Digitalisierung an sich nicht verteufelt. Was er kritisiert, ist die Verk\u00fcmmerung der \u201eleiblichen Dimension\u201c, weil \u201ewir immer mehr medial und digital auf die Welt bezogen sind.\u201c Was den sozialen Netzen dar\u00fcber hinaus fehlt, ist die \u201eVerfl\u00fcssigung des Weltverh\u00e4ltnisses\u201c, eine Art Abwehrmechanismus des virtuellen Ich, dass sich dem Fremdem, Unbekannten, nicht mehr \u00f6ffnet und damit eine echte Selbstverwandlung nicht mehr erlaubt. Gesucht wird nur eine Art \u201eBest\u00e4tigung f\u00fcr das, was wir schon sind. Wir lassen uns kaum ber\u00fchren von dem, was uns erreicht, und wir erreichen und bewegen auch auf der anderen Seite kaum etwas.\u201c<\/p>\n<p>Aber virtuelle Distanz als Form von Weltverweigerung bleibt f\u00fcr Rosa nur die eine Facette, eine andere ist eine ungestillte Sehnsucht nach interessanteren Optionen. Die ewige Suche, die Welt auf die maximalen Optionen zu scannen, hatte bereits S\u00f6ren Kierkegaard als \u201eVerzweifelt nicht man selbst sein wollen\u201c charakterisiert. Hinter diesem Nicht-Selbst-Sein-Wollen steckt dann auch die Angst, etwas irgendwo zu verpassen. Diese st\u00e4ndige Sehnsucht und Unerf\u00fclltheit vernichtet nicht nur die Resonanzstiftung, die voraussetzt, \u201edass man Aufmerksamkeit fokussiert und alles andere losl\u00e4\u00dft\u201c, sondern verstellt einem den Augenblick und damit den Genu\u00df des \u201eVerweile doch, Du bist so sch\u00f6n\u201c, wie Goethe im Faust einst dichtete.<\/p>\n<h1>Kerstin Lamparter zieht die Rei\u00dfleine<\/h1>\n<p>F\u00fcr \u00dcberraschung sorgte am Donnerstag, den 29. April 2016, ein Post der gr\u00fcnen Landtagskandidatin Kerstin Lamparter. Auf Facebook teilte die 26-J\u00e4hrige mit, dass sie von all ihren politischen \u00c4mtern zur\u00fccktrete. Grund: eine Aff\u00e4re mit dem baden-w\u00fcrttembergischen Minister Alexander Bonde. Er hat mittlerweile die Konsequenzen gezogen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10901-liebesaffaere-bei-den-gruenen\">K. Lamparter<\/a><\/p>\n<p>Kerstin Lamparter hat nach der Ver\u00f6ffentlichung ihrer Aff\u00e4re in der \u201eBunten\u201c die Rei\u00dfleine gezogen und sich von allen politischen \u00c4mtern verabschiedet. Auf Facebook meldete sie sich am Donnerstag mit den Worten: \u201eLiebe Freundinnen und Freunde, meine Partei steht f\u00fcr Transparenz, Ehrlichkeit und Verl\u00e4sslichkeit. Deshalb ein paar ehrliche Worte\u201c. Dabei hatte sie gute Aussichten, selbst politisch nach der Macht zu greifen. Erst bei der Landtagswahl am 13. M\u00e4rz verpa\u00dfte sie nur knapp den Sprung ins Parlament. Unter den jungen Gr\u00fcnen gilt sie als Star. Zuletzt sah man sie auf einem Werbevideo mit dem Chef der Gr\u00fcnen, Cem \u00d6zdemir, der sich gerade erst als Merkel-Herausforderer und Kanzlerkandidat 2017 gek\u00fcrt hatte.<\/p>\n<h6>Das M\u00e4dchen vom Land<\/h6>\n<p>Lamparter gibt sich volksnah, demonstriert ihre Verbundenheit zur heimischen Scholle, lie\u00df sich bei Imagefilmen f\u00fcr die Landtagswahl in Baden-W\u00fcrttemberg gern im Stall bei der F\u00fctterung von K\u00e4lbern und Schafen medial in Szene setzen. Eine Liebesaff\u00e4re h\u00e4tte man ihr nicht zugetraut und schon keine mit einem verheirateten Mann, der auch noch Minister ist. Spekulationen \u00fcber eine Liebesbeziehung zwischen Alexander Bonde, derzeit Minister f\u00fcr L\u00e4ndlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-W\u00fcrttemberg, und Lamparter gab es bereits damals schon.<\/p>\n<h6>Minister stehen nicht unter Artenschutz<\/h6>\n<p>Lange Zeit verschwieg die charmante und \u00e4u\u00dfert attraktive Politikerin der \u00d6ffentlichkeit ihr pikantes Geheimnis. Fast drei Jahre hatte sie eine Liebesbeziehung mit Bonde. Wie sie mitteilt, war sie dem Druck nicht mehr gewachsen. Und ihrer Meinung nach gibt es kein Gesetz, das verbietet, nicht die Wahrheit zu sagen. Minister stehen nicht unter \u201eArtenschutz\u201c. \u201eDer Druck auf meine Person mit Ger\u00fcchten und Anfragen der Presse um eine Liebesbeziehung zu Bonde wurde immer gr\u00f6\u00dfer und zuletzt f\u00fcr mich jetzt nicht mehr aushaltbar.\u201c \u201eDeshalb habe ich mein Amt im Kreisvorstand, als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Landwirtschaft und als Sprecherin im Ortsverband schweren Herzens niedergelegt, um Abstand von der schwierigen Situation zu gewinnen.\u201c Bonde will sie erst einmal nicht mehr sehen.<\/p>\n<h6>Minister Bonde steht unter Druck<\/h6>\n<p>Das Pikante an der Aff\u00e4re ist, dass Lamparter genau zu einem Zeitpunkt ihr intimes Geheimnis l\u00fcftet, wo Ministerpr\u00e4sident Winfried Kretschmann auf seinen Minister Bonde setzt. Bonde, der mit der fr\u00fcheren CDU-Bundestagsabgeordneten Conny Mayer-Bonde verheiratet ist, verwies der Presse gegen\u00fcber auf den Schutz der Privatsph\u00e4re. Ein Skandal von derartiger Tragweite pa\u00dft ihm derzeit \u00fcberhaupt nicht in den Kram. Denn f\u00fcr Bonde steht viel auf dem Spiel. Nach dem Sieg von Kretschmann k\u00f6nnte ein gro\u00dfer Karrieresprung auf ihn warten. Derzeit befindet er sich als einer der gr\u00fcnen Verhandlungsf\u00fchrer inmitten der Koalitionsgespr\u00e4che mit der CDU. Und wenn schwarz-gr\u00fcn tats\u00e4chlich die Regierung stellt, dann nicht ohne ihn. Minister Bonde hat seinerseits auf die Aff\u00e4reger\u00fcchte reagiert und ein \u200bBild mit seiner Frau beim Wandern gepostet. F\u00fcr den Minister wahrscheinlich eine Art von Wiedergutmachung, allein der Versuch erscheint zu plakativ und d\u00fcrfte auch die schlechte Stimmung im Hause des Ministers nicht gl\u00e4tten.<\/p>\n<h6>Frauen sind kein Spielzeug<\/h6>\n<p>Entt\u00e4uschte Lieben gibt es viele, Lamparter ist da keine Ausnahme. Doch das Fa\u00df zum \u00dcberlaufen brachte f\u00fcr sie Bondes politisch-sexuelle Aktivit\u00e4t. Der Jungstar der Gr\u00fcnen war nicht die einzige, der der 41-j\u00e4hrige Politiker Avancen machte. W\u00e4hrend Lamparter eine ernsthafte Liebesbeziehung mit Vertrauen, Respekt und R\u00fccksicht vor Augen hatte,war der Politiker nicht einmal zu einem fairen Trennungsgespr\u00e4ch bereit. Diese respektlose Nicht-Reaktion hat Lamparter schlie\u00dflich dazu veranla\u00dft, Bonde nicht mehr zu sch\u00fctzen. Neben der entt\u00e4uschten Liebe mischt sich Wut, der sich bei Facebook in einem Appell an alle Frauen kanalisiert hatte. Von M\u00e4nnern und Politikern hat Lamparter jetzt die Nase voll. Und den Frauen ruft sie zu: \u201eKeine von euch hat es n\u00f6tig auf einen Mann zu warten, der nur Versprechungen macht, und wenn ihr ihn noch so sehr liebt. Frauen sind kein Spielzeug, das man beliebig benutzt.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr einen neutralen Beobachter stellt sich im Fall Lamparter und Bonde nat\u00fcrlich die Frage nach der ethischen Relevanz. Aff\u00e4ren mit Politikern gab es viele und wird es weiterhin viele geben. F\u00fcr die Presse waren derartige Liebesbeziehungen von Bundestagsabgeordneten lange ein Tabu, es herrschte ein striktes Stillschweigen. Man wu\u00dfte davon, aber ein Gentlemen\u2019s Agreement mit Spitzenpolitikern h\u00fctete deren Liebesaff\u00e4ren wie ein Staatsgeheimnis.<\/p>\n<p>Gut so, dass Frau Lamparter die \u00d6ffentlichkeit gesucht hat, gut so, dass sie ausdr\u00fccklich betont, dass Frauen kein Spielzeug sind \u2013 gerade auch mit Blick auf die derzeit vom Bundestag diskutierte und von Heiko Mass ins Rollen gebrachte Diskussion zur Reformierung des Sexualstrafrechts. Minister, die f\u00fcr ein Bundesland oder gar f\u00fcr die Republik Verantwortung tragen, sollten gef\u00e4lligst \u00fcber ihre Moralprinzipien nachdenken. Entweder sollten sie sich f\u00fcr ihre sexuellen Vorlieben entscheiden und ihr Amt und Beruf tauschen. Oder: Die bessere und einzige einzige Alternative ist: die Einheit von politischer Rede, privater Aufrichtigkeit und gelebten Ethos. Dubiose Moralprediger brauchen wir keine! Denn sonst w\u00e4ren wir wieder bei Heinrich Heine und seinem\u201eDeutschland, Ein Winterm\u00e4rchen\u201c: \u201e Ich kenn auch die Herren Verfasser; Ich wei\u00df, sie tranken heimlich Wein und predigten \u00f6ffentlich Wasser.\u201c<\/p>\n<h1>\u201eMerkel hat mich filetiert\u201c<\/h1>\n<p>\u201eDie Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht.\u201c Doch, so B\u00f6hmermann, \u201estattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Wei Wei aus mir gemacht.\u201c Jan B\u00f6hmermann<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross-und-sebastian-sigler\/10919-boehmermann-contra-bundeskanzlerin\">Youtube<\/a><\/p>\n<p>In einem Interview mit der \u201eDie Zeit\u201c hat Jan B\u00f6hmermann (35) Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sehr scharf f\u00fcr ihre Reaktion auf die Ver\u00f6ffentlichung seines Schm\u00e4hgedichts gegen den T\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdogan kritisiert. Der Satiriker betonte gegen\u00fcber der Wochenzeitung: \u201eDie Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht.\u201c Doch, so B\u00f6hmermann, \u201estattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Wei Wei aus mir gemacht.\u201c Es war das erste gro\u00dfe Interview, das der ZDF-Moderator und Grimme-Preistr\u00e4ger nach seinem Gedicht der \u00d6ffentlichkeit gab.<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz hatte B\u00f6hmermann in seiner satirischen TV-Show \u201eNeo Magazin Royale\u201c (ZDFneo) ein Gedicht \u00fcber den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdogan vorgelesen, dem er ausdr\u00fccklich die Bemerkung voranstellte, dies sei etwas, das nicht erlaubt sei. Eine bewusste Grenz\u00fcberschreitung im Kontext der Satire \u2013 ist das erlaubt? Eine riesige Debatte um die Pressefreiheit in Deutschland wurde durch diesen Drei-Minuten-Auftritt ausgel\u00f6st \u2013 und mehr als das. Der sich jungt\u00fcrkisch geb\u00e4rdende Sultan aus Ankara war derart \u00fcber die von ihm so empfundene Majest\u00e4tsbeleidigung erbost, dass er einen Strafantrag wegen Beleidigung stellte.<\/p>\n<h6>Ein Paragraph aus Kaisers Zeiten<\/h6>\n<p>Die t\u00fcrkische Regierung hatte sich mit dem ausdr\u00fccklichen und f\u00f6rmlichen Wunsch nach Strafverfolgung auf Grundlage des Paragraph 103 im Strafgesetzbuch an die Regierung der Bundesrepublik gewandt und die konsequente Anwendung dieser Regelung, die die Beleidigung von Organen und Vertretern ausl\u00e4ndischer Staaten unter Strafe stellt, gefordert. Schlie\u00dflich stammt dieser Paragraph noch aus der Zeit der Monarchie; Staatsoberh\u00e4upter, die sich auf das Gottesgnadentum beriefen, durften nicht wie gew\u00f6hnliche Sterbliche angegriffen werden. Zwar sind diese Zeiten \u2013 zumindest in Deutschland \u2013 vorbei, doch die Bundesregierung muss nach wie vor f\u00fcr die Strafverfolgung nach Paragraph 103 eine Erm\u00e4chtigung erteilen. Was sie mittlerweile getan hat.<\/p>\n<p>Kurz nach der Ver\u00f6ffentlichung von B\u00f6hmermanns Gedicht, hatte dies Bundeskanzlerin Merkel (CDU) als \u201ebewusst verletzend\u201c kritisiert. Sp\u00e4ter musste Merkel dann einr\u00e4umen: \u201eDas war im R\u00fcckblick betrachtet ein Fehler.\u201c Ein Eingest\u00e4ndnis, dass die Bundeskanzlerin bisher selten machen musste.<\/p>\n<h1>Der Landesvater als Provokateur<\/h1>\n<p>Der th\u00fcringische Ministerpr\u00e4sident hat linke Demonstranten angriffen und attackiert. \u201eEs kotzt mich an, wie arrogant ihr seid\u201c sagte Bodo Ramelow in Halle. Seitdem polarisieren seine verbalen Entgleisungen das Netz. Shitstorm einerseits, anderseits breite Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Linken, der sich im Ton als Regierungschef vergriffen hat. Einzig Th\u00fcringens AfD-Chef Bj\u00f6rn H\u00f6cke kann davon profitieren.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10900-bodo-ramelow-attackiert-die-antifa\">S.Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Anfang Dezember 2014 ging ein Gespenst durch Th\u00fcringen. Nach der langen Regentschaft von Bernhard Vogel, Dieter Althaus und Christine Lieberknecht in der Erfurter Staatskanzlei, alle CDU, sa\u00df an prominenter Stelle ein Linker, der erste Ministerpr\u00e4sident der LINKEN, \u00fcberhaupt. Die Angst war gro\u00df und der wirtschaftliche Abstieg quasi vorprogrammiert. Doch dann kam alles anders.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Winfried Kretschmann, dem weisen Landesvater aus Baden-W\u00fcrttemberg, der mittlerweile Deutschlands Lieblingspolitiker ist und f\u00fcr die Kanzlerin betet, die mit ihm m\u00f6glicherweise 2017 Gro\u00dfes vorhat, geht es mittlerweile Bodo Ramelow. Viele Th\u00fcringer lieben ihn, die Kanzlerin sicher nicht. W\u00e4hrend Kretschmann bei Merkel fast alles darf, nur Kanzler darf er nicht, gewinnt ein Linker in Th\u00fcringen an Popularit\u00e4t.<\/p>\n<h6>Bodo Ramelow ist der Winfried Kretschmann der LINKEN<\/h6>\n<p>Was Winfried Kretschmann f\u00fcr die Gr\u00fcnen ist, ist Bodo Ramelow f\u00fcr DIE LINKE. Ramelow gibt sich bescheiden, ist aff\u00e4refrei und ein \u00fcberzeugter Kapitalismusgegner, was im Osten zumindest eine gute Tradition hat. Seit Ende 2014 regiert der B\u00e4ckersohn, der wegen Legasthenie (Lese- und Rechtschreibschw\u00e4che) sein Abitur sp\u00e4ter nachholen musste und auch um dieses fr\u00fchere Handicap keinen Hehl macht, den Freistaat Th\u00fcringen wie ein weiser Landesvater. Selbst Kritiker und eingefleischte CDU-Anh\u00e4nger unter den damaligen ostdeutschen Protestw\u00e4hlern, die in erster Linie Frau Christine Lieberknecht, ihres Zeichen protestantische Pfarrerin, abstrafen wollten, sind von Ramelow angetan. Von Pastoren hatte man im Osten schon unmittelbar nach der Wende genug. Ihr Seligkeitsanspruch und der beschwichtigende Tonfall war \u2013 nach dem Zeitalter der Betonk\u00f6pfe \u2013 selbst den Ossis unertr\u00e4glich, zumal sie Religion ohnehin nicht auf der Agenda hatten und die Sprache derselben schon gar nicht.<\/p>\n<h6>Der Protestant aus dem Westen<\/h6>\n<p>Auch Ramelow wollte eigentlich Pfarrer werden. Er stammt aus einem uralten Protestantengeschlecht. Einer seiner Urahnen taufte einst den Dichter der Deutschen \u2013 Johann Wolfgang Goethe und nun regiert der Protestant im Kernland von Aufkl\u00e4rung und Reformation und goetheanischer Weitsichtigkeit \u2013 der Import aus Westdeutschland, der urspr\u00fcnglich aus Osterholz-Scharmbeck in Niedersachsen stammt. Das Protestantische liegt Ramelow im Blut, es ist ihm in die Wiege gelegt. Gelegentlich tauscht er den politischen Tonfall gegen einen religi\u00f6sen. Er ist bekennender Christ, besucht die Armen und Entrechteten, die Hartz-IVler, von denen es, trotz Ramelow, in Th\u00fcringen immer noch viele gibt \u2013 auch in Erfurt tr\u00e4umt man von bayerischen Zust\u00e4nden und einer minimalen Arbeitslosenrate.<\/p>\n<p>Viele Kritiker des ersten linken Ministerpr\u00e4sidenten h\u00e4tten es lieber gesehen, wenn er Pfarrer geworden w\u00e4re. Als Pfarrer, was sie dann nat\u00fcrlich nicht wollen, k\u00f6nnte er sogar f\u00fcr das Amt des Bundespr\u00e4sidenten kandidieren oder darauf spekulieren und m\u00fc\u00dfte nicht im provinziellen Th\u00fcringen die Prinzenrolle aus\u00fcben. Durch seine Vergangenheit h\u00e4tte er auch gute Chancen, die Regierungschefin zu beerben. Doch die setzt partout nicht auf Links, sondern auf Gr\u00fcn. Und so wird Ramelow zumindest in naher Zukunft nicht Kronprinz, Vizekanzler oder Au\u00dfenminister.<\/p>\n<h6>Ramelow hat eine Affinit\u00e4t zur katholischen Kirche<\/h6>\n<p>Ramelow, f\u00fcr den sein Christsein eine ganz pers\u00f6nliche Angelegenheit bleiben soll, ist offen f\u00fcr den intra-religi\u00f6sen Diskurs und scheut sich auch nicht davor, zum 90. Geburtstag des Papa Emeritus, Papst Benedikt XVI., eine Festveranstaltung in der Th\u00fcringer Staatskanzlei zu organisieren. Ein Bild \u2013 gemeinsam \u2013 mit dem Papst aus Bayern, den er pers\u00f6nlich besuchte und davon schw\u00e4rmt, steht unweit des Schreibtisches des Regierungschefs im Arbeitszimmer an prominenter Stelle. Aber mehr als mit dem Theologieprofessor verbindet ihn mit Franziskus; die gemeinsame \u00dcberzeugung f\u00fcr den Kampf gegen die Armut, die Kapitalismuskritik des argentinischen Kirchenf\u00fcrsten, seine Mi\u00dfachtung des weltlichen Ruhmes und Tands, seine Bescheidenheit und Weltoffenheit. Franziskus, so scheint es, wenigstens ist f\u00fcr Ramelow, der diesen im Februar 2016 in Rom besuchte, ein Bruder im Herzen, zumal der jetzt in seinem neuen Schreiben zu Ehe und Familie, \u201eAmoris Laetitia\u201c, eine Fu\u00dfnote verpackt hat, die wiederverheirateten Geschiedenen Hoffnung macht, am Sakrament des Abendmahles teilzunehmen. Eine Geste, die in der katholischen Kirche lange als Tabu gehandelt wurde. Wenn auch nicht direkt davon betroffen, freut dieses Zeichen Ramelow, der immerhin schon in dritter Ehe verheiratet ist.<\/p>\n<h6>Th\u00fcringen ist auf Erfolgskurs, doch die Willkommenskultur sorgt f\u00fcr Unmut<\/h6>\n<p>Das kleine Land inmitten Deutschlands ist, wider Erwarten und prognostiziert, weder von den LINKEN ruiniert worden noch auf die schiefe Ebene gekommen. Unter Ramelow, was die Opposition t\u00e4glich emp\u00f6rt, bl\u00fcht das Land. Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosenzahl ist r\u00fcckl\u00e4ufig. Ramelow ist um einen soliden Haushalt bem\u00fcht und will Neuschulden vermeiden. F\u00fcr Unmut sorgt der Landeschef allerdings mit seiner offenen Fl\u00fcchtlingspolitik. Das l\u00f6st Mi\u00dfbehagen aus. Aber auch hier ist er ganz auf Kurs der Kanzlerin. Er \u00fcbernimmt, wenn der SPD B\u00fcrgermeister in Jena keine Zeit hat, auch mal eine Taufpatenschaft f\u00fcr Vierlinge und setzt sich gegen eine Abschiebung der Familie ein.<\/p>\n<p>Eigentlich k\u00f6nnte Ramelow auch in der CDU sein. Wie auf dem Berliner Parkett changiert er wie ein galanter Kellner zwischen den politischen Milieus, balanciert die Teller aus und f\u00fcllt das Tablett mit aller Geschicklichkeit. Er greift in die Mitte und nach Gr\u00fcn und Gelb, garniert den Teller mit ausgewogener Kost. Er scheut sich nicht, potentielle CDU-W\u00e4hler zu umgarnen, um sie f\u00fcr sein politisches Men\u00fc zu gewinnen. Nur Rechts will er nicht. Und Bj\u00f6rn H\u00f6cke ist der Teufel in Person, der Erzfeind schlechthin. Wenn es um die AfD und ihrem Aufstieg geht, versteht Ramelow keinen Spa\u00df. Der ansonsten um Ausgleich Bem\u00fchte verwandelt sich in ein Raubtier.<\/p>\n<h6>Doch Ramelow kann auch anders \u2013 Der Landesvater als Provokateur<\/h6>\n<p>Von einem Extremismus von Links h\u00e4lt Ramelow nichts. Gar nicht staatsm\u00e4nnisch hatte er Aktivisten der Linken in Halle zugerufen \u201eEs kotzt mich an, wie arrogant ihr seid.\u201c Damit kritisierte er eine von linken Gruppierungen am Himmelsfahrtstag geplante Aktion gegen den Chef der rechtspopulistischen AfD in Th\u00fcringen, Bj\u00f6rn H\u00f6cke. Diese wollen vor dem Privathaus des AfDlers in Bornhagen demonstrieren. Ramelow verglich derartige Aktionen mit \u201eNazi-Methoden\u201c und stellte sich hinter das Grundrecht, dass selbst im Fall H\u00f6ckes, die Privatsph\u00e4re zu sch\u00fctzen sei. \u201eVor Privath\u00e4usern haben Demonstranten nichts zu suchen.\u201c \u201eWer sich links nennt und solche Methoden anwendet, ist nicht links,\u201c so Ramelow. Derartige Aktionen machen den Landesvater, der gern mal provoziert, sei es gegen Berlusconi, gegen Wagenknecht und Lafontaine, in den eigenen Reihen nicht gerade popul\u00e4r. F\u00fcr viele Linksau\u00dfen ist Ramelow ein rotes Tuch, der so der Vorwurf, zu sehr auf Kuschelkurs mit den etablierten Parteien gehe. Ramelow seinerseits \u00fcbt sich im Spagat zwischen sozialdemokratischen Pragmatikern und Linkssektierern. Und der lachende Dritte derzeit ist H\u00f6cke, der derart unter linken Schutz genommen, seinen politischen Widersacher in den h\u00f6chsten T\u00f6nen lobt.<\/p>\n<h1>Neuer Streit in der SED-Nachfolgepartei<\/h1>\n<p>Nicht nur in der Union geht es rund, streitet doch Horst Seehofer best\u00e4ndig gegen das Kanzleramt. DIE LINKE steht dem in nichts nach. Ein neuer Grabenkampf ist entbrannt. Protagonisten dabei sind der Th\u00fcringer Regierungschef Ramelow und die Fraktionschefin Wagenknecht. Intern l\u00e4uft es zunehmend holpriger.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10865-die-linken-sind-gespalten\">Flickr<\/a><\/p>\n<p>Antipoden gibt es viele. Der Agon regiert das polische Gesch\u00e4ft und emotional ist das Regieren in Zeiten von Fl\u00fcchtlingskrise und dem Hervorbrechen der AfD, sehr emotional. Selbst unter Schwesterparteien geh\u00f6rt die Fehde zum Alltag. Horst Seehofer und Angela Merkel schenken sich beide nichts, nur im Duell der beiden Alphatiere gewinnt letztendlich stets die Kanzlerin. Auf dem Berliner Spielfeld trumpft Merkel auf und verweist den br\u00fcllenden Bayern immer wieder des Platzes. Gegen die Richtungskompetenz der CDU-Chefin kann auch ein St\u00fcrmer wie Seehofer nichts ausrichten. Kurz vorm Tor wird er zur\u00fcckgepfiffen.<\/p>\n<p>Doch nicht nur bei den alten Schwestern rumort es kr\u00e4ftig, auch die DIE LINKE geht intern geh\u00f6rig auf Konfrontation. Kipping, Wagenknecht und Ramelow \u2013 Liebe ist was anderes.<\/p>\n<h6>Wie steht es um die LINKEN? Um Kipping, Wagenknecht und Lafontaine?<\/h6>\n<p>Auch die Linkspartei kennt keine Gnade gegen\u00fcber Abweichlern und Andersdenkenden. Katja Kipping, das \u201eerfrischende\u201c Gesicht der Partei, die ob ihrer Jugend altbacken, burschikos, gereizt und irgendwie permanent \u00fcberfordert wirkt und aggressiv \u00fcber die Bildschirme flattert und dar\u00fcber hinaus zuweilen wie ein Betonkopf mit einem fast unintellektuellen Starsinn gebetsm\u00fchlenhaft ihre antiquierten Thesen formuliert, gilt als das emotionale Gewissen ihrer Partei. Herrschs\u00fcchtig, ignorant und arrogant kommt die geb\u00fcrtige Dresdnerin daher. Sie hat am nachhaltigsten den Tonfall des Ostens kultiviert, und g\u00e4be es die DDR noch, dann h\u00e4tte sie gute Aussichten auf eine grandiose politische Karriere. Sie ist die intonierte DDR und verl\u00e4ngert diese als Sprachrohr in den Westen. Das Sch\u00f6ne am Schlechten: Im Osten ist man an Befehlst\u00f6ne gew\u00f6hnt, im Westen verursachen diese Unbehagen.<\/p>\n<p>Katja Kipping ist die Schiedsrichterin, die \u00fcber den Tonfall, die politische Korrektheit und letztendlich, was viel wichtiger ist, \u00fcber die Wahrheit entscheidet, dies kann sie gut, fast klerikal. Im Kleinen ist sie fast wie Merkel, nur dieser um Lichtjahre, was Kompetenz, F\u00fchrungsf\u00e4higkeit, politisches Kalk\u00fcl und Ausstrahlungskraft betrifft, unterlegen.<\/p>\n<p>Gern im Visier von Kipping sind linke Exoten und Populisten wie Sahra Wagenknecht und das ehemalige Ur-SPD-Gestein aus dem Saarland, Oskar Lafontaine. Beide scherten in Sachen Willkommenskultur aus dem einm\u00fcndigen Chor immer wieder aus, \u00e4u\u00dferten Kritik und inszenierten ihre Polemik geschickt. Mediale Aufmerksamkeit, nach der beide fast egomanisch gieren, war ihnen gewi\u00df. Lafontaine war schon in den 90er Jahren gegen zu viele Fl\u00fcchtlinge, selbst die aus dem Osten mochte er nicht integrieren. Und seine Ehefrau Wagenknecht, welch Ironie der Geschichte, geboren und sozialisiert im ostdeutschen Jena und Berlin, zeigte sich auch nicht gerade als die galanteste F\u00fcrsprecherin in Sachen Offene-Tor-Politik, sprach vom Gastrecht, das man verwirken kann.<\/p>\n<h6>Auf Konfrontation mit Sahra Wagenknecht<\/h6>\n<p>Die Linke ist unter Druck und die rechtspopulistische AfD im Aufwind. Laut ZDF-Politbarometer hat sie in Ostdeutschland mit 19 Prozent die LINKEN \u00fcberholt, die nur auf 17 Prozent kommt. Bei der Bundestagswahl w\u00fcrde die LINKE derzeit nur noch 7 Prozent erreichen, die AfD hingegen 12 Prozent. Dass in der \u201eAlternative\u201c Potential steckt, dass auch die LINKEN immer deutlicher zu sp\u00fcren bekommen, wenn der W\u00e4hler bei ihnen kein Kreuz setzt, hat Ramelow zu einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Abrechung mit der eigenen Partei gen\u00f6tigt. Selten und so scharf im Ton hat ein Spitzenpolitiker mit den Parteifreunden abgerechnet. Den LINKEN wirft der Th\u00fcringer vor, das Profil der Partei verw\u00e4ssert zu haben und beim Umgang mir der AfD Fehler gemacht, diese gar gest\u00e4rkt zu haben. W\u00e4hrend man vor 10 Jahren noch wu\u00dfte, f\u00fcr was die LINKEN stehen, f\u00fcr die \u201eHoffnung, dass es auch anders\u201c geht, habe sich die Partei nun zu sehr dem politischen Establishment angeglichen, sei Teil desselben geworden. Das Profil der Partei sei kaum mehr zu erkennen. Ramelow selbst sieht nur noch \u201eviele Konzepte\u201c. Die LINKE leidet an einer Profilneurose. Sie sollte sich satt dessen inhaltlich klarer positionieren, was sie derzeit nicht ausreichend macht, so die Kritik. \u201eSich nur als Opposition gegen alle anderen zu definieren,\u201c reicht eben nicht, denn dies macht die AfD derzeit erfolgreicher.<\/p>\n<p>Ramelows Attacke richtete sich insbesondere gegen die Fraktionschefin Wagenknecht, der er vorwirft, \u00fcbrigens ganz wie Kipping, \u201edie Tonlage der AfD zu imitieren\u201c. Die Bundestagsfraktionsvorsitzende hatte f\u00fcr Irritationen in ihrer Partei gesorgt und einen Eklat ausgel\u00f6st, als die erkl\u00e4rte, dass sich die Linke bei ihrem Fl\u00fcchtlingskurs von Kanzlerin Merkel hat \u201emitverhaften lassen\u201c. Vor den Landtagswahlen hatte Wagenknecht von \u201eKapazit\u00e4tsgrenzen und Grenzen der Aufnahmebereitschaft der Bev\u00f6lkerung\u201c gesprochen und wurde daraufhin f\u00fcr Stimmverluste sowohl von ihrem Vorg\u00e4nger Gregor Gysi als auch Bundesparteichefin Kipping mitverantwortlich gemacht.<\/p>\n<p>Wenn es um Macht geht, dann wird auch aus einem sonst diskutierfreudigen und dialogoffenen Menschen wie dem Th\u00fcringer Regierungschef ein rei\u00dfender Wolf, der f\u00fcr den Machterhalt streitet \u2013 wenn n\u00f6tig dann auch gegen die eigene Partei. Mehr Agon war nie, und schon recht nicht unter den Linken, die sich nun gegenseitig die Schuld am Verlust der W\u00e4hlerstimmen zuweisen und sich in einen Schaukampf, in eine Schlammschlacht ohnegleichen begeben. Die Waffen sind geschmiedet und von der sozialistischen Idee wahrer Menschlichkeit ist man weit entfernt und Ramelow dann doch nicht so weit weg von Kipping. Die AfD wird die Selbstzerfleischung und den Grabenkrieg der LINKEN genie\u00dfen. Und Frau Merkel und ihr K\u00f6niginanbeter Kretschmann k\u00f6nnten sich nichts Besseres w\u00fcnschen. Bl\u00f6d ist nur, dass die AfD derzeit jegliches Zweierb\u00fcndnis auf Landesebene und m\u00f6glicherweise im Bund verhagelt. Aber vielleicht schaffen sich ja die LINKEN selbst ab \u2013 sie sind zumindest auf dem besten Weg.<\/p>\n<h1>Freiheit f\u00fcr Jan B\u00f6hmermann!<\/h1>\n<p>Im Fall B\u00f6hmermann ger\u00e4t auch die Kanzlerin zunehmend unter Druck \u2013 man spricht schon von einer Staatsaff\u00e4re. Merkel steht vor dem Dilemma: Gibt sie den t\u00fcrkischen Forderungen nach und leitet ein Strafverfahren gegen Jan B\u00f6hmermann ein oder nicht? Ihre einzige Chance die Pressefreiheit zu retten, ist der \u00f6ffentliche Schulterschluss mit dem ZDF-Moderator aus Deutschland.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10864-auch-dieter-hallervorden-greift-erdogan-an\">Youtube<\/a><\/p>\n<p>Der Fall B\u00f6hmermann polarisiert Deutschland. Nein, Deutschland eigentlich nicht, denn dieses steht weitgehend hinter B\u00f6hmermann, nur die Kanzlerin ist erregt, au\u00dfer sich und will die Meinungsfreiheit beh\u00fcten. Merkel bef\u00fcrchtet Konflikte mit der T\u00fcrkei, deren Unterst\u00fctzung sie aber derzeit notwendiger denn je f\u00fcr ihre Fl\u00fcchtlings- und Europapolitik ben\u00f6tigt. Der T\u00fcrkische Pr\u00e4sident Erdogan ist vom Satiriker B\u00f6hmermann so angefressen, dass er diesem seinen Gedicht-Spa\u00df nicht verzeihen will und die Bundesrepublik zwingt, strafrechtliche Konsequenzen gegen B\u00f6hmermann einzuleiten.<\/p>\n<h6>Das Ganze ist absurd, wenn da nicht die Bedrohung der Pressefreiheit w\u00e4re<\/h6>\n<p>Das Ganze erscheint so absurd, dass das Spektakel mittlerweile selbst eine Satire ist. Eine Kanzlerin in der Zwickm\u00fchle zwischen Pressefreiheit und Zensur und ein in seiner Selbstherrlichkeit und Eitelkeit verletzter Pr\u00e4sident, der bei allen politischen Miseren dieser Welt nur noch eins will, Rache an B\u00f6hmermann. Schlimm w\u00e4re nur, wenn sich Merkel tats\u00e4chlich dem Druck aus Ankara beugt und ein Exempel statuiert. Das w\u00e4re ein schwerer Schlag gegen die Pressefreiheit in einer Demokratie und mit nichts zu rechtfertigen, selbst wenn man vom Niveau B\u00f6hmermannscher Satire \u00fcberzeugt sei oder dies eben nicht goutiert. Das ZDF jedenfalls ist in Sachen Qualit\u00e4t auch nicht immer der Gradmesser guten Geschmacks, man hat schon weitaus Schlechteres gesehen.<\/p>\n<p>Ob bei Anne Will oder in einer anderen Talkshows \u2013 die Bundesdeutschen sind sich einig: Spa\u00df muss sein, auch wenn er auf Kosten des Staatspr\u00e4sidenten geht. Die Nachrichtenticker kennen nur noch B\u00f6hmermann, der nun eines geschafft hat, sich einen Platz in der Geschichte zu sichern. Aus Spa\u00df aber wurde Ernst \u2013 todernst. Selbst die deutschen Leitmedien gieren geradezu nach dem Comedian und das NDR-Fernsehmagazin \u201eextra 3\u201c schiebt eine Satire nach der anderen nach. Selbst die Fl\u00fcchtling-, die Finanz- und die Griechenlandkrise scheinen im Angesicht des B\u00f6hmermanns-Fall wie Sekund\u00e4rereignisse der Weltgeschichte. Nur Panama bleibt im aktuellen Diskurs.<\/p>\n<h6>B\u00f6hmermann ist irritiert und geht in Deckung<\/h6>\n<p>B\u00f6hmermann hat f\u00fcr seine Satire \u00fcber den \u201eZiegenficker\u201c Erdo\u011fan nun sogar eine Anzeige am Hals, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn, was wahrlich keine Kleinlichkeit ist. Der Komiker ist unterdessen in Deckung gegangen, hat den Grimme-Preis nicht \u00f6ffentlich angenommen und entzieht sich auch sonst \u00f6ffentlicher Auftritte. Eine Einladung zu Anne Will hat er abgelehnt. Es ist derzeit bemerkenswert ruhig um ihn. Dabei m\u00fcsste er doch gerade jetzt aus der Deckung kommen. Der ganze Rummel um sein Gedicht, dem er sogar in einer Voranmerkung vorausgeschickt hatte, das man eine derartige Satire nicht machen sollte, hat ihn selbst irritiert. Verzweifelte Versuche der Ann\u00e4herung an das Kanzleramt sind kl\u00e4glich gescheitert, der Chef des Kanzleramtes, Peter Altmaier, hatte nicht reagiert. B\u00f6hmernann wird derzeit von der Berliner Politik auf Abstand gehalten, man h\u00e4lt es f\u00fcr geschickter, ihm gegen\u00fcber auf Distanz zu gehen. Der Schulterschluss jedenfalls wird ihm verweigert, daf\u00fcr die N\u00e4he zum dem Neo-Sultan umso frenetischer gesucht. Da fragt sich schon mancher Bundesb\u00fcrger v\u00f6llig zu recht. Wessen Interessen vertritt eigentlich die Bundesregierung?<\/p>\n<h6>Dieter Hallervorden stellt sich an die Seite B\u00f6hmermanns und attackiert Erdogan<\/h6>\n<p>Auch Alt-Barde Dieter Hallervorden, mittlerweile achtzig Jahre, hat am Sonntag auf seiner Facebook-Seite Erdo\u011fan eine Kampfansage erteilt. In der Debatte um die Satirefreiheit greift nun auch das Urgestein deutscher Comedy ein, Vorbild f\u00fcr eine ganze Generation, die derzeit, meist unter Niveau Hallervordens, die Bildschirme fluten. In \u201eErdo\u011fan, zeig mich an\u201c \u00e4u\u00dfert Hallervorden nicht nur seinen Unmut dar\u00fcber wie Erdo\u011fan versucht gegen deutsche Satirebeitr\u00e4ge vorzugehen, sondern er f\u00fchlt seine k\u00fcnstlerische Freiheit, die eben auch Meinungsfreiheit mit einschlie\u00dft, bedroht. Erdo\u011fan hat ja mit seiner kleinlichen Kritik erst den Resonanzboden geschaffen und die satirischen Beitr\u00e4ge, die sonst im Orkus der Geschichte verschwunden w\u00e4ren, so popul\u00e4r gemacht. Noch weniger geistreich als B\u00f6hmermann hei\u00dft es dort: \u201eIch sing\u2019 einfach, was du bist, Ein Terrorist, der auf freien Geist schei\u00dft\u201cUnd: \u201eErdo\u011fan,Erdo\u011fan,Erdo\u011fan, mach\u2019 auch meinen Song bekannt, Erdo\u011fan, Erdo\u011fan, sei nur einfach wutentbrannt.\u201c<\/p>\n<h6>Merkel kommt zunehmend in die Zwickm\u00fchle<\/h6>\n<p>F\u00fcr die Bundeskanzlerin wird es ernst, die Lappalie des Moderators kostet sie enorme Energie und setzt sie weiter unter Zugzwang. Eigentlich war die Sache nach einem Gespr\u00e4ch von Merkel mit dem t\u00fcrkischen Premierminister Ahmet Davutoglu schon vom Tisch. Der Beitrag wurde aus dem Netz genommen, das Statement lautete eindeutig: \u201ebewusst verletzend\u201c. Damit war es f\u00fcr Berlin, so glaubte man, vorerst getan. Doch nun hat Ankara auch formal eine Strafverfolgung des Satirikers verlangt, eine entsprechende Verbalnote an das Ausw\u00e4rtige Amt wurde vom t\u00fcrkischen Botschafter \u00fcbermittelt. Das hei\u00dft im Klartext: Die T\u00fcrkei fordert offiziell, dass die Bundesregierung das Ermittlungsverfahren wegen der Beleidigung eines ausl\u00e4ndischen Staatschefs genehmigt. \u201eLaut Strafgesetzbuch muss die Bundesregierung im aktuellen Fall entscheiden, ob sie weiteren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen einer m\u00f6glichen Beleidigung eines ausl\u00e4ndischen Staatschefs zustimmt\u201c, schreibt DER SPIEGEL. Nun wird ein Grundsatzurteil aus dem Kanzleramt erwartet.<\/p>\n<p>Es ist nur zu hoffen, dass sich Merkel auf die Grundwerte der Demokratie und der Verfassung beruft und sich nicht von der T\u00fcrkei erpressen l\u00e4sst. Denn sonst lie\u00dfe sich die berechtigte Frage stellen: Was ist aus der einst so souver\u00e4nen Kanzlerin geworden, f\u00fcr die es \u2013 vor nicht so langer Zeit \u2013 \u00fcberhaupt nicht auf der Agenda stand, sich mit der T\u00fcrkei zu verbr\u00fcdern? Merkel muss sich f\u00fcr die Pressefreiheit und gegen Erdo\u011fan entscheiden. Denn auch so bleibt uns manch schlechtes Gedicht, und sei es auch von Dieter Hallervorden, in Zukunft dann hoffentlich erspart. Allein: Wenn sich schon die Politiker mit den Komikern nicht verbr\u00fcdern, dann ist es doch ein gutes Zeichen, dass diese selbst untereinander den Schulterschluss suchen. Nur hoffentlich sind die K\u00fcnstler nicht die letzten freien Demokraten dieser Republik.<\/p>\n<h1>Vom Spagat der Politik \u2013 wann sollen Rauschmittel legalisiert werden?<\/h1>\n<p>In Deutschland k\u00e4mpft Rot-Gr\u00fcn f\u00fcr eine Legalisierung der Droge Cannabis, die Union ist da anderer Meinung. Bei Schwerkranken soll es eine Ausnahme geben, da scheint ein Konsens in Sicht. Die gro\u00dfe Streitfrage aber bleibt: Ist Cannabis der Einstieg zu h\u00e4rteren Stoffen wie zum Beispiel das Crystal Meth, das j\u00fcngst bei diversen Vertretern der Cannabis-Legalisierung gefunden wurde?<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10859-gibt-es-ein-recht-auf-drogen\">Fotolia \/ Kaesler Media<\/a><\/p>\n<p>Seit uralten Zeiten befl\u00fcgelt der Rausch jenseits von Rationalit\u00e4t und Gesundheits\u00f6konomie den Menschen. Ob Drogenkonsum, Sexualit\u00e4t oder Alkohol \u2013 er zeigt sich als elementarer Trieb, der st\u00e4rker als der Logos ist und jenseits irgendeiner Zweck-Mittel-Kalk\u00fcl regiert; er entzieht sich jeder Pragmatik, ihm eignet pure Unmittelbarkeit und er ist der Freiheitsakt an sich, weil er Dispens von den Notwendigkeiten des Lebens verschafft und Dimensionen er\u00f6ffnet, in denen das Ich aus sich heraustritt, sich transzendiert und sich dem Kollektiv oder Gott \u00fcberantwortet.<\/p>\n<p>Bereits Friedrich Nietzsche hatte zwischen zwei Prinzipien unterschieden, die die Welt regieren. Das Apollinische und das Dionysische. Wobei er dem Gott Apollon den klaren Verstand, das staatliche Ordnungsdenken, das Streben nach Begrenzung, Ma\u00df und Gestalt zuordnete. Unter das Dionysische subsumierte er das Rauschhafte und Ausufernde, das Grenzenlose und Formaufhebende, das das Gestalthafte in den Wesensgrund, den Weltgrund zur\u00fcckwirft. Nietzsche machte keinen Hehl daraus, dem Dionysischen ergeben zu sein. Die hier entfesselte Freiheit, die das Gehirn bewu\u00dft umgeht, dieses suspendiert, kulminiert in berauschenden Festen, in der Ekstase \u2013 Orgien, Sex und Drogen inklusive. Das Dionysische bleibt die Kraft, die im wechselseitigen Kampf mit dem Apollinischen aber zu wahrhaft kulturellen Gestalten heranw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Auch im Jahr 2016 k\u00e4mpft das Apollinische gegen das Dionysische. Laut neuesten Studien hat der Konsum von Drogen Hochkonjunktur. J\u00e4hrlich geben Europ\u00e4er 24 Milliarden Euro f\u00fcr den illegalen Drogenkonsum aus, allein 22 Millionen Erwachsene konsumierten 2015 Cannabis. Ecstasy, Kokain, neue psychoaktive Substanzen, LSD, Schn\u00fcffelstoffe, Crystal Meth, Heroin und Methamphetamine wie Crystal Meth sind beliebter denn je, getreu dem Motto, was verboten ist, reizt um so mehr. Die illegalen Drogen haben die legalen l\u00e4ngst auf die hinteren Pl\u00e4tze verwiesen. Beim Cannabisverbrauch hat sich die Zahl in Deutschland in den letzten vier Jahren fast verdoppelt. 4,8 Prozent der M\u00e4nner und 2,7 Prozent der Frauen unter 26 Jahren \u201egenie\u00dfen\u201c die Droge regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<h6>Alkohohl und Zigaretten sind out, Opioide dagegen in<\/h6>\n<p>Immer uncooler bei Jugendlichen hingegen sind Alkoholexzesse und exzessiver Zigarettenkonsum. Nie wurde weniger gesoffen und geraucht als 2015 \u2013 ausgeschlossen dabei das Komasaufen, das sich nach wie vor gro\u00dfer Beliebtheit erfreut. Demgegen\u00fcber wollen \u00e4ltere Bev\u00f6lkerungsgruppen nicht auf den regelm\u00e4\u00dfigen Konsum von Alkohol und auf das Zigarettenrauchen verzichten. Doch immer mehr Jugendliche, so der Drogenbericht von 2015, greifen zu psychoaktiven Substanzen. Der derzeitige Hype auf dem US-Markt ist die \u201eSuperdroge\u201c Fentanyl, laut New York Times, \u201eHeroins t\u00f6dlicherer Cousin\u201c. Fentanyl wirkt 50 mal so stark wie Heroin. In den USA hat das \u00e4u\u00dfert gef\u00e4hrliche Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide, das \u00fcberdosiert zu akutem Atemstillstand f\u00fchrt, 2014 bereits zu 5500 Todesf\u00e4llen gef\u00fchrt und damit das Heroin vom Spitzenplatz verdr\u00e4ngt. Fentanyl ist mittlerweile auch in Deutschland angekommen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Drogenpolitik in Deutschland restriktiv ist, ist man in den Niederlanden liberaler, ein Gang in den Coffeeshop gen\u00fcgt und die Seligkeit naht. In den USA bl\u00fcht geradezu eine Cannabis-Industrie. So darf in 23 Bundesstaaten Marihuana zu medizinischen Zwecken verkauft werden. Auch Kanada hat den Cannabiskonsum seit Anfang 2016 erlaubt. Dort erfreut sich \u201eChrontella\u201c, eine Art Nutella mit Cannabis h\u00f6chster Beliebtheit \u2013 300 Milligramm vom Superstoff f\u00fcr 20 Euro.<\/p>\n<h6>Rot-Gr\u00fcn gegen Schwarz. Die Legalisierung ist ein Politikum<\/h6>\n<p>In Deutschland ist derzeit ein Kampf um die Legalisierung von weichen Drogen, insbesondere um Cannabis, entbrannt. Viele St\u00e4dte, darunter, D\u00fcsseldorf, Berlin, K\u00f6ln oder Duisburg werben daf\u00fcr, das Rauschmittel in Ma\u00dfen zu legalisieren und nicht mehr unter Strafe zu stellen. Rot-Gr\u00fcn in Bremen will gar das neue Flagschiff f\u00fcr eine neue Drogenpolitik werden und wirbt f\u00fcr eine Legalisierung der illegalen Droge. Nach dem Crystal Meth Skandal des Gr\u00fcnen-Bundestagsabgeordneten Volker Beck hatte sich auch die gr\u00fcne Jugend Baden W\u00fcrttembergs hinter den Politiker gestellt und die Prohibition der Drogenpolitik f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt. Im L\u00e4ndle, das vom schwarzen Gr\u00fcnen Kretschmann regiert wird, will man sich auf Landesebene daf\u00fcr einsetzen, dass die straffreie Menge von Cannabis auf 10 Gramm angehoben wird. Durch eine Legalisierung lie\u00dfe sich der illegale Konsum beschr\u00e4nken, so das Argument.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend links-gr\u00fcn sich im Dionysischen wiegen, streiten CDU und CSU fast apollinisch gegen diese Offensive. So f\u00fchrt Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung (CSU) ihren harten Kurs gegen\u00fcber den weichen Drogen weiter fort und betont: \u201eWer in dieser Situation die vollumf\u00e4ngliche Legalisierung von Cannabis fordert, der sorgt daf\u00fcr, dass noch mehr Jugendliche zum Joint greifen\u201c<\/p>\n<h6>Cannabis als Medikament: neue Sonderregelung f\u00fcr Schwerkranke<\/h6>\n<p>F\u00fcr viele Mediziner hingegen ist Cannabis mehr als ein Rauschmittel, es ist ein Medikament. Hier setzt man auf seine therapeutische, heilende Wirkung. Hanf lindert Schmerzen, wirkt entz\u00fcndungshemmend und hat weniger gef\u00e4hrliche Nebenwirkungen als Morphine oder etwa Opiate. Ob multiple Sklerose, die Augenkrankheit Gr\u00fcner Star oder das Tourette-Syndrom \u2013 \u00fcberall lassen sich Heilerfolge belegen. Selbst die \u201eApotheken Umschau\u201c sieht in Cannabis einen \u201eStoff f\u00fcr Herz und Hirn\u201c.<\/p>\n<p>Nach einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig d\u00fcrfen seit April 2016 chronisch Kranke unter bestimmten Voraussetzungen Cannabis zu Hause anbauen \u2013 unter der Voraussetzung, dass das Bet\u00e4ubungsmittel f\u00fcr die medizinische Therapie notwendig ist und das die Krankenkassen die Kosten f\u00fcr Cannabis-Produkte aus der Apotheke nicht \u00fcbernehmen. Damit wurde eine Klage eines schwerkranken Mannes mit multipler Sklerose, der den privaten Hanfanbau legalisieren wollte, in dritter Instanz entsprochen.<\/p>\n<p>Nach der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes steht es jetzt kranken Menschen frei, einen Antrag beim Bundesinstitut f\u00fcr Arzneimittel und Medizinprodukte zu stellen, um Hanf in der Wohnung, im Bad oder auf dem Balkon anzubauen. Was vor Jahren undenkbar war, ist jetzt zumindest in Ausnahmef\u00e4llen erlaubt. Um derartige Sonderregelungen in Zukunft aber zu umgehen, hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gr\u00f6he (CDU) Anfang 2016 einen Gesetzentwurf vorgestellt. Danach sollen die Krankenkassen f\u00fcr Tropfen und Kapseln mit THC sowie f\u00fcr Cannabisbl\u00fcten die Kosten \u00fcbernehmen. Der Notwendigkeit des Eigenanbaus w\u00e4re dann ein Riegel vorgeschoben. Bis zur endg\u00fcltigen Entscheidung im Bundestag ist der Anbau von Hanf f\u00fcr therapeutische Zwecke, wenn es keine Therapiealternative gibt, zumindest vorerst m\u00f6glich. Droht uns aber jetzt, wie in Israel ein Run auf Hanfprodukte? Dort haben bereits mehr als 20.000 Patienten eine Lizenz zum Kauf der Medizin.<\/p>\n<h6>\u00dcberlassen wir die Drogen den Kranken!<\/h6>\n<p>Was den illegalen Konsum von harten Drogen betrifft \u2013 von Fentantyl, Heroin und all den anderen gef\u00e4hrlichen Substanzen, auch der von Rot-Gr\u00fcn geforderte legale Gebrauch von Cannabis f\u00fcr alle \u2013, so sollte weiterhin das Apollinische regieren, der Staat ein striktes Nein \u00fcber den Gebrauch stellen und restriktiv agieren. Das Dionysische, der Rausch um des Rausches Willen, erweist sich als potentiell gef\u00e4hrlich. Die Folgen, die dieser mit sich bringt, sind eben nicht kreativ, sondern im Gep\u00e4ck tr\u00e4gt er Tod, Krankheit und Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Drogen bleiben Killer der Selbstbehauptung und M\u00fcndigkeit, so sehr sie auch eine andere Form der Freiheit er\u00f6ffnen. Sie sind Zeichen von Willensschw\u00e4che, von Entmutigung oder depressiver Verstimmung und sie finden dort eine Heimat, wo das menschliche Ich in Ausnahmesituationen sich selbst bewu\u00dft \u2013 sei es Vergn\u00fcgen, sei es Gruppenzwang \u2013 gef\u00e4hrden will und die Droge als letzten Ausweg begreift, um die Absurdit\u00e4ten des Lebens, die M\u00fchen der Ebene, die Seinsverlassenheit, die Einsamkeit und Arbeitslosigkeit zu kompensieren. Eine Kompensation, die aber zu kurzfristig greift und die Alltagsrealit\u00e4t sp\u00e4ter um so absurder erscheinen l\u00e4\u00dft. Die ewige Wiederkehr als Flucht vor Problemen der Realit\u00e4t ist dann vorprogrammiert. Der circulus vitiosus, der Teufelskreis, bleibt eine Abw\u00e4rtsspirale.<\/p>\n<p>Bei der Legalisierung zur Therapiezwecken f\u00fcr chronisch Schwerkranke hingegen erweist sich Cannabis zum Beispiel als probates Heilmittel, das den Betroffenen die M\u00f6glichkeit gibt, teilweise schmerzfrei zu agieren. Nur hier geht das Apollinische und das Dionysische eine Synthese ein. Und in der Palliativmedizin sind Opiate schon seit Jahren Gegenstand der Behandlung \u2013 und das ist auch gut so.<\/p>\n<h1>Der Europa-Terrorismus \u2013 Islamismus wird zum m\u00f6rderischen Kumpan<\/h1>\n<p>Der Terror kommt nicht nur zur\u00fcck, er kommt st\u00e4rker nach Europa und die T\u00fcrkei. Der neue Schauplatz ist das freiheitliche Europa und seine Verb\u00fcndeten. Der asymmetrische Krieg wird k\u00fcnftig in die westlichen Gro\u00dfst\u00e4dte verlegt. Grund daf\u00fcr ist ein \u201eIslamischer Staat\u201c, der in Syrien und im Irak an Einflu\u00df verliert.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10826-kein-terror-in-deutschland-dank-merkel--2\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>Der Terror zentriert sich, wird zum einen eurozentrischer, zum anderen konzentriert er sich auf die T\u00fcrkei, die mit ihrer neuen Fl\u00fcchtlingspolitik ins Fadenkreuz des \u201eIslamischen Staates\u201c r\u00fcckt, weil die T\u00fcrken den \u201eungl\u00e4ubigen\u201c Europ\u00e4ern bei der Eind\u00e4mmung der unkontrollierten Migration helfen. Damit befindet sich die T\u00fcrkei mittlerweile selbst in einer prek\u00e4ren Zwickm\u00fchle. Denn einerseits finanziert sie den \u201eIS\u201c, andererseits st\u00e4rkt sie die eigentlichen Feinde desselben, die aufgekl\u00e4rte europ\u00e4ische Welt, mit nicht so ganz moralischen Mitteln und Methoden bei der Fl\u00fcchtlingsr\u00fcckf\u00fchrung.<\/p>\n<h6>Erdo\u011fans Spagat<\/h6>\n<p>Das Engagement der T\u00fcrkei f\u00fcr den Westen wird den T\u00fcrken also auch in Zukunft immer mehr Terror ins Land bringen, das Land zum Schauplatz blutiger Anschl\u00e4ge machen und so die Stabilit\u00e4t des Staates untergraben. Durch die damit verbundene innere Instabilit\u00e4t k\u00f6nnte Erdo\u011fan vielleicht seine Europa-Politik doch wieder \u00e4ndern, einen Kurswechsel einl\u00e4uten, der darauf hinausl\u00e4uft, das Abkommen mit der EU, den im M\u00e4rz 2016 eingef\u00e4delten Deal, wieder zu kippen. Merkels Plan, einer Befriedung und Begrenzung der Fl\u00fcchtlinge mit Hilfe der T\u00fcrkei w\u00fcrde sp\u00e4testens dann wieder scheitern und die derzeitige Ruhe in einen erneuten tosenden Fl\u00fcchtlingssturm verwandeln.<\/p>\n<p>Erdo\u011fan derzeitiger Kurs der \u201eMitte\u201c, des wohlfeilen Vermittlers, gleicht einem Spagat, den er sich hart erkauft: Visafreiheit und materielle Verwestlichung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung einerseits. Dem gegen\u00fcber steht andererseits seine Vision vom radikal religi\u00f6s durchgestrickten repressiven Glaubensstaat \u2013 samt einem fundamentalistischen religi\u00f6sen islamisch-konservativen Grundbau: Radikalisierung, Patriarchat und Meinungsdiktatur inbegriffen. Erdo\u011fan schwankt zwischen Konformismus und Opportunismus und seinen moralisch nicht ganz integeren Allmachtsphantasien einem Neosultanat beziehungsweise t\u00fcrkischen Gro\u00dfreich.<\/p>\n<h6>Kompensationskrieg eines schw\u00e4cher werdenden \u201eIslamischen Staates\u201c<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend Erdo\u011fan \u2013 zumindest bei der deutschen Kanzlerin \u2013 in Kurs und Wert steigt und auf dem politischen Parkett dadurch zunehmend geadelt wird, selbst wenn die Mehrzahl der Deutschen (nur 21 Prozent sind f\u00fcr eine finanzielle Unterst\u00fctzung des Landes und nur vier Prozent pl\u00e4dieren f\u00fcr einen Beitritt in die EU) und der Europ\u00e4er mit der T\u00fcrkeipolitik der Kanzlerin nicht \u00fcbereinstimmen, die CSU gar ganz auf Konfrontation geht, verliert der \u201eIslamische Staat\u201c zunehmend an Boden, seine milit\u00e4rische Pr\u00e4sens schwindet. Die Bombardierungen und milit\u00e4rischen Luftschl\u00e4ge des amerikanischen Milit\u00e4rs haben die Terrorgruppe zunehmend in der Defensive gedr\u00fcckt. Die Geh\u00e4lter der Terrormilizen wurden drastisch reduziert und fast um die H\u00e4lfte gek\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Auch die Waffenruhe in Syrien schw\u00e4cht den \u201eIS\u201c, beziehungsweise ist dessen Gewalt- und Geltungspolitik nicht dienlich. Der \u201eIslamische Staat\u201c ist finanziell am Ausbluten. Seine Gebietsverluste sind enorm, die Hochburgen Mossul und Al-Rakka isoliert. Viele Gefolgsleute desertieren. Allein im Irak haben die Dschihadisten 40 Prozent des zwischenzeitlich eroberten Territoriums verloren, ihr Herrschaftsgebiet schrumpfte um 14 Prozent. 10.000 IS-K\u00e4mpfer, darunter wichtige Anf\u00fchrer und viele der erfahrensten K\u00e4mpfer der ersten Generation, wurden get\u00f6tet. Der Traum, bis Ende 2016 ein Kalifat im Nahen Osten auszurufen, l\u00e4\u00dft sich damit nicht mehr verwirklichen. Und auch die \u201eIS\u201c-Strategie, Selbstmordattent\u00e4ter in westliche Gesellschaften einzuschleusen, hat einen erheblichen D\u00e4mpfer dadurch erlitten, dass den Sicherheitsbeh\u00f6rden geheime Personalb\u00f6gen der IS-K\u00e4mpfer zugespielt wurden.<\/p>\n<p>Der Verlust an erobertem Boden zwingt den \u201eIS\u201c zu einer Umstrukturierung seiner geopolitischen Taktik in Richtung Europa. Die Anschl\u00e4ge von Br\u00fcssel sind damit nur zum Teil als Vergeltungsakte f\u00fcr die Gefangennahme des Pariser Attent\u00e4ters Salah Abdeslam zu begreifen. Je mehr der syrische Diktator Assad die vom \u201eIS\u201c besetzten Gebiete zur\u00fcckerobert, desto mehr fordert er die Krieger heraus. Getroffene Hunde bellen, hei\u00dft es bekanntlich. Der Terror in Europa so ist die Logik einer Kompensation f\u00fcr die vielen Niederlagen der Heiligen K\u00e4mpfer in Syrien und im Irak. Auf Machtverlust antwortet der \u201eIS\u201c mit einem gesteigerten Willen zur Macht und damit mit noch mehr Anschl\u00e4gen und mehr Gewalt. W\u00e4hrend der \u201eIS\u201c auf dem Schlachtfeld zusehends das Nachsehen hat, ist er mit seinem Terror in Europa kaum wirkungsvoll zu bek\u00e4mpfen. Damit ist es nur logisch, wenn er die Front seiner asymmetrischen Kriegsf\u00fchrung in westliche Gro\u00dfst\u00e4dte verlegt.<\/p>\n<h6>Deutschland hatte bislang Gl\u00fcck \u2013 dank Merkel<\/h6>\n<p>Deutschland wurde bislang verschont, warum? Das sicherste Friedensschild f\u00fcr Deutschland hei\u00dft derzeit noch Angela Merkel. Die Kanzlerin der freien Welt, die Friedenskanzlerin, hat nicht f\u00fcr die Schlie\u00dfung der Grenzen pl\u00e4diert. Sie hat weder die Balkanroute geschlossen noch ist sie von ihrer Fl\u00fcchtlings- und Willkommensromantik deutlich abger\u00fcckt. Sie gilt in den Krisengebieten als die Retterin. Ihr Konterfei ziert Plakate und Schriftz\u00fcge im griechischen Fl\u00fcchtlingsauffanglager Idomeni. Man setzt nach wie vor auf Merkel, sie ist das personalisierte Prinzip Hoffnung. W\u00e4hrend viele Europa-Politiker mit ihrer Kritik an Merkel auch den Fl\u00fcchtlingen wie h\u00e4\u00dfliche Fratzen vorkommen, die sich dem Prinzip der Menschenliebe verweigern und nur ihre egoistischen Interessen von der Trutzburg und Festung Europa verteidigen, ist Merkel die warme Machtpolitikerin geblieben, die man zu einem Kurswechsel gen\u00f6tigt hat, die aber im Herzen davon nicht \u00fcberzeugt ist. Die Kanzlerin, die das Wort Deutschland nicht so gern mehr in den Mund nimmt, spricht lieber davon, dass wir uns \u201ein einer alles andere als einfachen Zeit\u201c befinden, in der sich die Welt in gro\u00dfer Unordnung zeigt.<\/p>\n<p>Merkel hat sich nach wie vor die Vision einer universalen Heilsgeschichte auf die Agenda geschrieben. Das \u201eSeid umschlungen Millionen\u201c wie es in Friedrich Schillers Gedicht \u201eAn die Freude\u201c hei\u00dft, bleibt ihr Credo. Und sie selbst begreift sich als die Tochter aus Elysium: In Schillers \u201eFreude\u201c steht: \u201eFreude, sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken, Tochter aus Elisium, Wir betreten feuertrunken \u2028Himmlische, dein Heiligthum. Deine Zauber binden wieder, was der Mode Schwerd getheilt; \u2028Bettler werden F\u00fcrstenbr\u00fcder, wo dein sanfter Fl\u00fcgel weilt.\u201c Angela Merkel sieht sich zumindest als diese Himmelsboten, als \u201eHimmlische\u201c. Sie selbst hat damit die Politik zugunsten des Glaubens getauscht und beschw\u00f6rt wie eine hohe Priesterin die Weltgemeinschaft f\u00fcr ihre universale Religion \u2013 grenzenlosen Frieden inklusive.<\/p>\n<p>Doch wenn Europa ernst macht und zur Festung wird, wird die Romantik und Rhetorik der Kanzlerin dem \u201eIslamischen Staat\u201c ziemlich egal sein. Bis dahin aber bleibt ihr grenzenloser Idealismus und Optimismus, trotz Realit\u00e4tsverweigerung, das Geheimnis des Friedens in Deutschland.<\/p>\n<h1>Muslimische Sch\u00fcler d\u00fcrfen Lehrerin den Handschlag verweigern<\/h1>\n<p>F\u00fcr Aufsehen und Diskussion sorgt in der Schweiz die Entscheidung der Schulleitung in der Sekundarschule Therwil. Zwei muslimische Sch\u00fcler verweigern ihrer Lehrerin den Handschlag. Die Schule hat die Sonderregelung erlaubt, die Lehrerin f\u00fchlt sich diskriminiert.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10855-der-neo-islamismus-polarisiert-die-schweiz\">ramzi hachicho \/ fotolia<\/a><\/p>\n<p>Nonverbale Begr\u00fc\u00dfungsrituale wie der Handschlag geh\u00f6ren in Europa zum Kanon gegenseitiger Wertsch\u00e4tzung und Anerkennung. Bereits Paulus hatte im Neuen Testament im Brief an die Galater bei seinem Abschied aus Jerusalem die \u201erechte Hand der Freundschaft\u201c gereicht. Von r\u00f6mischen M\u00fcnzen bis hin zum Freiherr von Knigge galt und gilt der Handschlag als Symbol der Eintracht. Ihn zu verweigern, hatte Knigge als einen r\u00fccksichtslosen Affront bezeichnet, der mit \u00dcberlegenheit nicht zu tun hat.<\/p>\n<h6>Der Islam tickt anders.<\/h6>\n<p>Was in Europa einer Kultur gegenseitiger Respektbekundung gleichkommt, wird in islamischen Gesellschaften v\u00f6llig anders interpretiert. Dort wird das H\u00e4ndesch\u00fctteln zwischen M\u00e4nnern und Frauen oft abgelehnt und ist, wie der saudische Gro\u00dfmufti \u02bfAbd al-\u02bfAz\u012bz ib B\u0101z in einem Fatwa und der schiitische Geistliche Muhammad Hussein Fadlallah erkl\u00e4ren, schlichtweg verboten. Grund f\u00fcr die strikte Negation ist ein Hadith des Propheten Mohammed, worin sich dieser ausdr\u00fccklich dazu ge\u00e4u\u00dfert hat, Frauen nicht die Hand zu geben. Dahinter steckt der Gedanke, dass der Akt perverse Gel\u00fcste wecke. Der in Katar lebende Gelehrte Y\u016bsuf al-Qarad\u0101w\u012b \u2013 und andere Muslime \u2013 lassen aber eine Ausnahme gelten, wenn \u201esexuelle Begierden\u201c dabei keine Rolle spielen.<\/p>\n<h6>Die Verweigerung des Handschlags<\/h6>\n<p>F\u00fcr gro\u00dfes Aufsehen und Emp\u00f6rung sorgt ein Fall von muslimischen Sch\u00fclern derzeit in der Schweiz. Ausgel\u00f6st hat das Politikum die Pressesprecherin des Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS), Janina Rashidi, die fremden M\u00e4nnern den Handschlag verweigert und dies mit ihrer pers\u00f6nlichen Vorstellung von Respekt begr\u00fcndet. Doch die Schweiz ist Europa und das Handsch\u00fctteln damit fester Bestandteil der eidgen\u00f6ssischen Kultur. Das Ritual des H\u00e4ndesch\u00fcttelns ist ein gelebtes Alltagsgut. Nun hat ausgerechnet der Schweizer Rektor J\u00fcrg Lauener aus dem kleinen \u00d6rtchen Therwil bei Basel zwei jungen Muslimen, die sich aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden weigern, ihre Lehrerin per Handschlag zu begr\u00fc\u00dfen, diese Verweigerung erlaubt. Dass er mit seiner Sonderregelung der Handschlagverweigerung eine landesweite Debatte lostreten w\u00fcrde, war ihm sicherlich nicht bewu\u00dft.<\/p>\n<p>Seitdem tobt in der Schweiz ein Kampf bis in die h\u00f6chsten Instanzen. Doch die Sache ist nicht neu. Sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden haben solche F\u00e4lle bereits f\u00fcr Aufsehen gesorgt. CDU-Vize Julia Kl\u00f6ckner wei\u00df ein Lied davon zu singen, als ein Imam ihr den Handschlag verweigerte. Kl\u00f6ckner zog nach und forderte eine Integrationspflicht f\u00fcr Muslime. Auch der muslimische Fu\u00dfballprofi Nacer Barazite, der seit Sommer 2014 beim FC Utrecht unter Vertrag steht, zog es vor, der Reporterin nach einem Spiel die Hand nicht zu geben.<\/p>\n<h6>Ein Politikum in der Schweiz<\/h6>\n<p>Die schweizerische Justizministerin Simonetta Sommaruga ist \u00fcber den Sonderweg aus Therwil emp\u00f6rt und kommentiert den Vorfall damit, dass es undenkbar sei, dass \u201eein Kind der Lehrperson die Hand nicht gibt\u201c. So funktioniere gelingende Integration nicht und auch unter \u201edem Titel Religionsfreiheit kann man das nicht akzeptieren.\u201c Beat Zemp, Pr\u00e4sident des Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverbandes schl\u00e4gt ins gleiche Horn und fordert, dass es keine Ausnahme von der Regel geben kann, denn es w\u00e4re ein \u201eNovum, wenn es Sch\u00fclern erlaubt sei, dem Lehrpersonal den Handschlag zu verweigern. Nicht nur er spricht von keiner guten L\u00f6sung, sondern bekommt auch R\u00fcckendeckung von der Pr\u00e4sidentin des Forums f\u00fcr die Integration der Migrantinnen und Migranten, Emine Sariaslan.<\/p>\n<p>Kritik kommt aber auch aus den Reihen der Muslime selbst. Montassar Benmrad, Pr\u00e4sident der F\u00f6deration islamischer Dachorganisationen in der Schweiz sowie Sa\u00efda Keller-Messahli, die Pr\u00e4sidentin des Forums f\u00fcr einen Fortschrittlichen Islam, empfinden die Entscheidung der Schulleitung als v\u00f6llig unangebracht. F\u00fcr Benmard ist es unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig, dass \u201ees wegen einzelner Sch\u00fcler wirklich eine offizielle Rechtsmeinung und eine Anpassung des Schulreglements braucht\u201c. Die Verweigerung wird als \u201eRespektlosigkeit, Unh\u00f6flichkeit oder sogar als Aggression empfunden.\u201c Und f\u00fcr Sa\u00efda Keller-Messahli ist die Forderung, den beiden Sch\u00fclern nachzugeben, gleichbedeutend damit, \u201edem politischen Islam T\u00fcr und Tor zu \u00f6ffnen. Das d\u00fcrfen wir nicht zulassen. Wir leben hier nicht in Saudi-Arabien!\u201c Das Verbot des H\u00e4ndedrucks sei \u201eneo-islamistisch\u201c.<\/p>\n<h6>Das A und O bleibt die Integration<\/h6>\n<p>Bereits im Jahr 1991 hatte Bassam Tibi den Begriff des Euro-Islam in die wissenschaftliche Diskussion eingef\u00fchrt. Tibi versteht darunter eine s\u00e4kularisierte Form des Islams, der die Bedingung der M\u00f6glichkeit sei, dass die in Europa lebenden Muslime ihren Pflichten- und Wertekanon auf den der modernen europ\u00e4ischen Kultur abstimmen. Der Euro-Islam zielt letztendlich auf eine europ\u00e4isch-islamische Synthese im Rahmen der Europ\u00e4isierung des Islam. Tibis Euro-Islam lehnt nicht nur Scharia und Dschihad ab, die ma\u00dfgeblich die Integration von Muslimen in Europa behindern, sondern fordert von dem im europ\u00e4ischen Raum lebenden Muslimen, dass diese die Trennung von Religion und Staat akzeptieren. Entweder, so Tibi, gelingende Integration oder es kommt zu einem Konfliktszenario samt Ghettoisierung der Muslime. Der Euro-Islam bleibt f\u00fcr ihn in einer globalen Migrationskrise damit die einzige eine Alternative zum Ghetto-Islam, \u201eder von seiner Enklave aus langfristig auf eine Islamisierung Europas abzielt.\u201c<\/p>\n<p>Den Erfolg der Integration bestimmt dabei ma\u00dfgebend die europ\u00e4ische Politik, die klare Leitlinien f\u00fcr den Integrationsprozess formulieren muss, damit sich reform- und integrationsfeindliche Kr\u00e4fte nicht durchsetzen. Und dazu geh\u00f6rt eben auch der Handschlag dazu. Wer das anders sieht, sollte seine religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen pr\u00fcfen oder erw\u00e4gen, in seine Herkunftsl\u00e4nder wieder zur\u00fcckzukehren. Wir sollten uns jedenfalls nicht durch neo-islamistische Vorstellungen unsere Begr\u00fc\u00dfungs- und Verabschiedungsrituale \u2013 verbunden mit der dahinterliegenden Wertsch\u00e4tzung \u2013 in Frage stellen lassen. Hier gibt es keinen weiteren Diskussionsbedarf. Wer die Rechte der Frauen nicht achtet, geh\u00f6rt nicht nach Europa. Wer sie akzeptiert, ist herzlich willkommen.<\/p>\n<h1>Die neue Basta-Republik \u2013 Der unm\u00fcndige B\u00fcrger<\/h1>\n<p>Ob der Maulkorb f\u00fcr Jan B\u00f6hmermanns Satire an Erdo\u011fan oder die ewigen Fingerzeige auf politische Gegner. Mit den Ma\u00dfregelungen der Politik an ihren B\u00fcrgern treiben wir sicher in einen Bevormundungsstaat. Der B\u00fcrger wird zum Untertan und reglementiert.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10848-der-fall-jan-boehmermann\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>Inmitten der Fl\u00fcchtlingskrise samt dem schwindelerregenden Aufstieg der AfD feiert ein neuer Kommando- und Befehlston bei den etablierten Regierungsparteien Konjunktur. Der pluralistische Diskurs verkommt zur Meinungsdiktatur, die all jene abkanzelt, die eigenst\u00e4ndig denken und all jene entm\u00fcndigt, die nicht dem politischen Diktat folgen. Mag man \u00fcber die AfD denken, was man will, mir ist sie sogar h\u00f6chst unsympathisch, aber die ewigen Fingerzeige der politischen Klasse sch\u00fcren ein Ressentiment, das ihnen selbst wie ein kalter Wind wieder ins Gesicht zur\u00fcckbl\u00e4st.<\/p>\n<h6>Die neue Basta-Politik<\/h6>\n<p>Die Zeiten des Gerhard Schr\u00f6ders sind vorbei. Seine Basta-Politik ist geblieben und pr\u00e4gt den Bevormundungsstaat. Dabei spielen alle politischen Couleurs die gleiche Karte, egal ob Politiker der Union, der SPD, der Gr\u00fcnen, der DIE LINKEN oder neuerdings der AfD.<br \/>\nDie Basta-Politik von Angela Merkel kommt metaphysisch aufgeladen daher, ignoriert die Stimme des Volkes, dessen Meinung nicht mehr willkommen ist, die es zumindest zu reglementieren gilt \u2013 ganz getreu dem Motto \u201ewas [\u2026] nicht sein kann, was nicht sein darf\u201c, wie Christian Morgenstern in seinem Gedicht \u201eDie unm\u00f6gliche Tatsache\u201c schrieb. Was nicht ins Bild der politischen Agenda passt, wird schlichtweg f\u00fcr falsch erkl\u00e4rt. Aus dem Pluralismus der Meinungen, von der eine Demokratie lebt, wird so eine Gehorsamsdiktatur, die zur Entpolitisierung oder Radikalisierung f\u00fchrt.<\/p>\n<h6>Gew\u00fcnscht ist der Untertan<\/h6>\n<p>Gew\u00fcnscht ist nicht der kritische Zeitgeist, der freie aufgekl\u00e4rte B\u00fcrger, sondern der Untertan. Heinrich Mann hatte bekanntlich 1914 sein Buch \u201eDer Untertan\u201c geschrieben und die Romanfigur Diederich He\u00dfling als Beispiel eines konformen Menschen charakterisiert, der obrigkeitsh\u00f6rig ist, feige und ohne Zivilcourage, der konformistische und loyalste Mitl\u00e4ufer im deutschen Kaiserreich. He\u00dfling war f\u00fcr Mann der Prototyp des aufkommenden Faschismus, jener anpassungsf\u00e4hige und adaptionsfreudige Mensch, der blindlings folgt, ein Mensch also, den man nicht haben mag. Doch die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Heute w\u00fcnscht man sich die Adaptionsfreudigen, die im blinden Trott den Imperativen der Macht Gehorsam leisten. Vergessen die Rede von Transparenz, Partizipation am Politischen und dialogischem Prinzip. Statt Dissens \u2013 Konsens, statt Polyphonie \u2013 Univozit\u00e4t.<\/p>\n<h6>Deutschland ist kein Mitmachland mehr<\/h6>\n<p>Deutschland ist kein Mitmachland mehr. Die Politik, die einst die Kunst des Machbaren war, ist zur Autokratie verkommen, die sich im Apodiktischen ersch\u00f6pft: Die Direktive kommen von oben. Es muss nichts erkl\u00e4rt oder kommuniziert werden \u2013 der Befehl allein gen\u00fcgt. Wer gegen die Fl\u00fcchtlingspolitik ist, l\u00e4uft gegen den Mainstream, gegen die politische Korrektheit. Wer den EU-Beitritt der T\u00fcrkei kritisiert, weil dort ein Autokrat regiert, der die Menschenrechte mi\u00dfachtet, ist ebenfalls blamiert, weil er nicht versteht, dass die Mi\u00dfachtung regionaler Menschenrechte m\u00f6glicherweise die Voraussetzung f\u00fcr universales Menschenrecht sein soll, an das sich dann auch die T\u00fcrkei anschlie\u00dft. Vorerst ist die Kritik an der T\u00fcrkei unerw\u00fcnscht und wer Widerspruch einlegt erweist sich als St\u00f6renfried \u201ewohlbedachter Au\u00dfenpolitik\u201c. In Sachen Menschenrechtsverletzung herrscht Friede, Freude, Merkelharmonie.<\/p>\n<h6>Der ewige Ja-Sager<\/h6>\n<p>Man will ein Volk von Ja-Sagern, das in den politischen Diskurs einstimmt. Doch schon Friedrich Nietzsche hat in seinem \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c diesen Typus als den schiersten Ausdruck der \u201eHerdenmoral\u201c des schwachen Ich blamiert. F\u00fcr den Philosophen stand bekanntlich der Letzte Mensch f\u00fcr jenen Typus des \u201echristlich-demokratisch-sozialistischen\u201c Menschen und damit f\u00fcr das schw\u00e4chliche Bestreben nach Angleichung der Menschen untereinander, f\u00fcr die uniforme Gesinnungsherde. Menschen also, die sich m\u00f6glichst risikolos, einem langen und \u201egl\u00fccklichen\u201c Leben ohne H\u00e4rten und Konflikten \u00fcberlassen, die aber auch \u201ekeinen Stern mehr geb\u00e4ren\u201c k\u00f6nnen und damit die F\u00e4higkeit verlieren, kreativ zu sein und zu denken.<\/p>\n<h6>Der neue Paternalismus<\/h6>\n<p>Man will nur das Beste f\u00fcr das Volk, so lautet das Argument der politischen F\u00fchrungselite. Doch die Technik der Macht, die dahintersteht, ist ein neuer Paternalismus, der davon ausgeht, dass sich das demokratische Dogma l\u00e4ngst \u00fcberlebt hat und politische Entscheidungen letztendlich nur von Experten getroffen werden k\u00f6nnen. Sie allein, die neuen Bevormunder, sind in der Lage den Menschen, die nicht wissen was gut f\u00fcr sie ist, zu regieren. Angela Merkel hat dies verinnerlicht, sie ordnet die sinnliche durch ihre \u00fcberkomplexe Welt. Ein Verhaltenskanon, ein Netz von Vorschriften und Geboten, wie man sich verhalten soll, regelt die Existenz jedes Einzelnen und bestimmt den Staat als einen, der sich in alles einmischt, der die pers\u00f6nliche Freiheit bevormundet, um die B\u00fcrger einerseits zu besseren Menschen zu erziehen und andererseits die Aufgabe \u00fcbernimmt, diesen willensschwachen Geist vor sich selbst zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<h6>Mehr DDR war nie<\/h6>\n<p>Mehr DDR war nie. Auch in de heutigen Bundesrepublik existiert eine Art von Sozial- und Betreuungstechnik mit einer dahinterliegenden subtilen Anleitung, wie das Leben besser zu gestalten sei. Dies funktioniert aber nur, wenn man die B\u00fcrger, so wie in der ehemaligen DDR, ihrer b\u00fcrgerlichen Freiheiten entkleidet, sie entwilligt, weil man ganz verst\u00e4ndlich davon ausgeht, dass ihnen ihre individuelle Freiheit unertr\u00e4glich und unzutr\u00e4glich ist und man diese durch eine beschr\u00e4nkte Wahlfreiheit ersetzen m\u00fcsse. Inkompetenzverwaltung oder Vormundschaft f\u00fcr die Unm\u00fcndigen. Wohlmeinende Politiker mit Richtungskompetenz entscheiden, was gut f\u00fcr uns ist. Die Politik wird so zum Gl\u00fcckanleitungsangebot, degeneriert zu einem demokratischen Despotismus, zu einer als Wohltat getarnten m\u00f6glichen Tyrannei. Das System Merkel hat die von der SED 1954 formulierten Maximen zur moralischen St\u00e4rkung der mittlerweile im Geschichtsm\u00fcll versunkenen DDR reaktiviert. Dort hie\u00df es: \u201eDie St\u00e4rke der Massen liegt in ihrem Zusammenschluss mit der Partei\u201c und \u201eDie St\u00e4rke der Partei liegt in ihrer unl\u00f6sbaren Verbundenheit mit den Massen\u201c. Anders gesagt: Nur wer sich der Partei, also Angela Merkel in Personalunion unterwirft, denn sie ist die Partei, dem ist das lebensweltliche Heil sicher.<\/p>\n<h6>Der Fall B\u00f6hmermann<\/h6>\n<p>Schlechte Karten hat allerdings der, der sich der politischen Korrektheit entzieht und selbstbewu\u00dft den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdo\u011fan \u2013 wie im Fall des Satirikers Jan B\u00f6hmermann \u2013 mit einem im ZDF ausgestrahlten und dann wieder gestrichenen Schm\u00e4hgedicht \u00fcberzieht. In so einem Fall schl\u00e4gt die Stunde der Agitatorin, der Bevormundungsstaat reagiert unmittelbar und stigmatisiert solches Benehmen als \u201ebewusst verletzend.\u201c Telefonisch wird der Schulterschlu\u00df mit dem neuen Verb\u00fcndeten initiiert, der t\u00fcrkische Ministerpr\u00e4sident Ahmet Davutoglu um Verzeihung gebeten und darauf verwiesen, dass auch die Bundesregierung, die gro\u00dfen Wert auf die Presse- und Meinungsfreiheit legt, mitteilt, dass der Kritik Grenzen gesetzt sind. B\u00f6hmermann hat mit seinem Gedicht den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten pers\u00f6nlich verletzt, der darauf hin moralische Unterst\u00fctzung von der Kanzlerin einklagte. Merkel hat reagiert, doch nicht f\u00fcr die Pressefreiheit, sondern zugunsten des h\u00f6chst umstrittenen Despoten aus Ankara. Die Zensur ist wieder einmal nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt \u2013 und dies im Namen der Freiheit.<\/p>\n<h1>Das Prinzip Horst Seehofer<\/h1>\n<p>Nach den Landtagswahlen und der herben Niederlage f\u00fcr die CDU geht der bayerische Ministerpr\u00e4sident Horst Seehofer auf erneuten Konfrontationskurs zum Kurs der Kanzlerin und spricht von einer \u201etektonischen Verschiebung der politischen Landschaft in Deutschland\u201c.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10804-seehofer-contra-merkel\">Egon Lippert <\/a><\/p>\n<p>Im Zirkus der Politakteure ist er der L\u00f6we, mal zahm, mal aufbrausend, mal harscher Kritiker, mal sanfter Landesf\u00fcrst. Der bayerische Ministerpr\u00e4sident Horst Seehofer kann beides, beides liegt ihm: extrem wie gem\u00e4\u00dfigt, nur geduldig kann er nicht. Er ist Mitte und Rand. Und er versteht sich wie ein Ch\u00e4melon, das die Farbe wechselt, auf das \u201eThemen-Abr\u00e4umen\u201c. Dabei folgt der Machtmensch nur seiner eigenen Stimme, seinem Instinkt. Das System Seehofer ist Seehofer selbst. Wer den geb\u00fcrtigen Ingolst\u00e4dter herausfordert, das wissen viele CSU-Granden nur allzu gut, der braucht viel stoische Gelassenheit. Der L\u00f6we ist immer im Auge zu behalten. Und bei gemeinsamen \u00f6ffentlichen Auftritten zentrieren sich die Blicke der \u201eMannschaft\u201c immer wieder auf ihn, um die Stimmungslage zu pr\u00fcfen, um abzuw\u00e4gen, ob diese steigt oder f\u00e4llt, ob man sich ihm n\u00e4hern oder doch auf Distanz bleiben soll. Seehofer ist der L\u00f6we, der ganz nach individuellem Gusto entscheidet, wessen Hofart er beg\u00fcnstigt und wem er sie verweigert.<\/p>\n<h6>Die politische Landschaft hat sich verschoben<\/h6>\n<p>Der starke Mann aus Bayern hat die Kanzlerin einst bewundert, einst in Berlin; doch vom Kuschelkurs ist wenig geblieben, eigentlich fast gar nichts. Dem Patriarchen der CSU, der von seiner Partei wie eine Ikone verehrt wird, der Kultstatus genie\u00dft und auch ein wenig royalen Esprit verstr\u00f6mt, und der sich ganz klar in der K\u00f6nigs- und Strau\u00dfnachfolge sieht, ist nach den Landtagswahlen geh\u00f6rig das Lachen vergangen. Mit beredeter Beharrlichkeit hatte er seit Monaten in der Fl\u00fcchtlingsfrage gegen den Kurs der Berliner Republik gewettert, die eigene Union vor eine interne Belastungsprobe gestellt und den bayerischen Sonderweg wie einen alternativlosen Sonnenaufgang gepriesen. Fl\u00fcchtlingsbegrenzung, Obergrenze, eine gema\u00dfregelte Kanzlerin auf dem CSU-Parteitag \u2013 Seehofer blieb auf Kurs und war entweder einem Platz- oder gar Dauerregen von Kritik ausgesetzt. Das politische Desaster der Landtagswahlen Mitte M\u00e4rz 2016 hatte er \u2013 fast seherisch \u2013 prognostiziert.<\/p>\n<p>Nach den schweren Niederlagen der CDU in Baden-W\u00fcrttemberg und Rheinland-Pfalz sieht Seehofer die Union nun vor ihrer gewaltigsten \u201eBelastungsprobe und Herausforderung\u201c und spricht von einer \u201etektonischen Verschiebung der politischen Landschaft in Deutschland\u201c. Die Protest-light-Politik ist nicht nur gescheitert, sie hat zu einer Renaissance der FDP und f\u00fcr die AfD zu einem zweistelligen Wahlergebnis gef\u00fchrt, so der CSU-Vorsitzende. Mit einer AfD will aber auch er nichts zu tun haben, zumal deren Erstarken in Bayern die absolute Mehrheit der CSU gef\u00e4hrdet und damit m\u00f6glicherweise auch die Union auf lange Sicht instabil macht. Und diese Union steht vor der Zerrei\u00dfprobe.<\/p>\n<h6>Der unionsinterne Grabenkampf geht in die n\u00e4chste Runde<\/h6>\n<p>Der unionsinterne Grabenkampf zwischen Berlin und M\u00fcnchen geht damit in eine weitere Runde und hat eine neue Dimension erlangt. Offener Dissens regiert den Augenblick und Seehofers Kritik muss den Berlinern wie eine Operation am offenen Herzen vorkommen. In M\u00fcnchen spricht man von W\u00e4hler-Klatsche, von einem m\u00f6glichen Bruch der Partner und der GroKo und kritisiert das \u201eSch\u00f6nreden\u201c der Wahlergebnisse, die \u2013 f\u00fcr Seehofer \u2013 allein auf das Konto Merkels und ihrer Fl\u00fcchtlingspolitik zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. In Berlin dagegen setzt man auf Zeit, auf die europ\u00e4ische Karte bei der L\u00f6sung der Fl\u00fcchtlingskrise, spricht von einem Problem, das sich nur auf lange Sicht l\u00f6sen lassen werde. Seehofers Antipode Merkel sieht im Aufstieg der AfD kein \u201eexistentielles Problem der CDU\u201c und CDU-Wahlverliererin Julia Kl\u00f6ckner verk\u00fcndet im unvermeidlichen Abstiegskampf, dass ihr \u201eklarer Kurs\u201c dazu gef\u00fchrt hat, \u201edass die AfD nicht st\u00e4rker geworden ist\u201c. Auch der designierte Abschiedskandidat vom Amt des SPD-Vorsitzenden, Sigmar Gabriel, befindet es f\u00fcr gut, \u201edass die SPD in der Fl\u00fcchtlingskrise Kurs gehalten hat.\u201c W\u00e4hrend also die einen in Berlin ihre Niederlage als Sieg feiern, die Verluste der Wahl in leeren Worth\u00fclsen herunterspielen und die Niederlage auf das W\u00e4hlervolk abschieben, das nichts von gro\u00dfer Politik versteht und dessen Entscheidungsfreiheit unter das Kuratel des Staates als wohlmeinendem Erzieher zu stellen sei, also einen modernen staatlichen Paternalismus einklagen, betont Seehofer, dass der Erfolg der AfD nat\u00fcrlich \u201ean die Existenz der Union\u201c geht und Rechtspopulisten in die Landtage sp\u00fclt, wozu es einem \u201ejahrelangen Kampfes\u201c bedarf, um diese wieder zu verdr\u00e4ngen. Und er legt nach: \u201eAus einem Sinkflug kann ein Sturzflug werden, kann auch ein Absturz werden,\u201c der sich auch auf die Bundestagswahl 2017 niederschlagen wird.<\/p>\n<p>Seehofers sieht seine Stunde gekommen, und wie ernst er es meint, zeigt sich in der Frage seiner Nachfolgerschaft. In der CSU gleichen die Dauerspekulationen \u00fcber sein politisches Erbe einer ewigen Wiederkehr. Sie erfreuen sich steter Hochkonjunktur und erhitzen die Gem\u00fcter der getreuen oder nicht so getreuen potentiellen Thronfolger. Doch Seehofer hat \u2013 in Anbetracht des Wahlausganges \u2013 die Nachfolger und s\u00e4mtliche Spekulationen vorerst auf die Wartebank geschickt, \u201eaufs Eis\u201c gelegt. Vorerst bleibt er Trainer, Schiedsrichter und Torj\u00e4ger zugleich.<\/p>\n<h6>Kurskorrektur bei der Fl\u00fcchtlingsfrage<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend Berlin sich an Mysterien abarbeitet, spricht der Bayer Klartext. \u201eMit einer falschen Wahlanalyse beginnt die n\u00e4chste Wahlniederlage.\u201c Fast machiavellistisch kreist er um die Frage, wie man in einer feindlichen politischen Umwelt erfolgreich sein und die Macht erhalten kann. Ein politisches Spektrum, das sich fast in Regenbogenfarben ergl\u00fcht, ein Sechs-Partein-System, ist ihm dabei ein Dorn im Auge. Ebenso die Zerrissenheit des Landes und die Uneinigkeit der EU. Nach den Landtagswahlen ist f\u00fcr Seehofer vor der Bundestagswahl 2017. Und eine Kurskorrektur bei der Fl\u00fcchtlingsfrage das Gebot der Stunde. Seehofer wei\u00df auf die Stimme des Volkes zu h\u00f6ren, anders als in Berlin. Er ist Realist, Pragmatiker und auch Kommunalpolitiker; er hat ein Ohr f\u00fcr die \u00c4ngste und Sorgen der B\u00fcrger. Satt wie in Berlin auf ein alles-geht-weiter-so zu spekulieren, r\u00e4umt er einen Kurswechsel ein, begreift diesen gar als pure Notwendigkeit, die er dem W\u00e4hlervolk schuldig sei, das in den Landtagswahlen in aller Deutlichkeit seinen Unmut am Berliner Regierungsstil bekundet hat. Anstatt sich im politischen Wohlf\u00fchlpaket zu suhlen, muss endlich und konsequent der Wunsch des Volkes respektiert werden, nur so k\u00f6nne auch eine AfD \u00fcberfl\u00fcssig gemacht werden.<\/p>\n<p>Die Landtagswahlen sind f\u00fcr Seehofer keine Marginalie, kein singul\u00e4res Ergebnis. Sie gleichem einem politischen Erdbeben. Es gibt bei der L\u00f6sung dieses Problems nur ein radikales Entweder-Oder. Entweder muss man die W\u00e4hler \u00fcberzeugen oder seine Politik \u00e4ndern. F\u00fcr den CSU-Politiker gibt es nur eine Alternative: Die Politik zu \u00e4ndern, und wie er derzeit aus Bayern t\u00f6nt, auch ohne die CDU.<\/p>\n<h1>Der Terror erobert Europa \u2013 Wir sind die neue Zielscheibe des \u201eIS\u201c<\/h1>\n<p>Eine kleine Analyse des Terrors zeigt: er verortet sich jenseits der Vernunft, ist universal und folgt keiner Logik. Das traditionelle Freund-Feind-Schema ist obsolet und entpersonalisiert die Opfer.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10823-phaenomenologie-des-terrors\">Guillaume Briquet\/AFP\/Getty Images<\/a><\/p>\n<h6>Der Terror ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln<\/h6>\n<p>Ein gefl\u00fcgeltes Wort des Milit\u00e4rstrategen Carl von Clausewitz hei\u00dft bekanntlich: \u201eDer Krieg ist eine blo\u00dfe Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.\u201c Im Zeichen des Terrors m\u00fc\u00dfte man erg\u00e4nzen: Der Terror ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Terrorakte sind nicht neu, in modifizierter Form gab es sie bereits im Alten Rom durch \u00dcbergriffe der Germanen auf die Legionen C\u00e4sars genauso wie in den Partisanenk\u00e4mpfen im Dritten Reich. Allenthalben eignet dem Terror die Psychologie des Schreckens, des Unerwartbaren, das im Augenblick zuschl\u00e4gt und aus dem Hinterhalt agiert.<\/p>\n<h6>Terrorakt an sich ist die Botschaft<\/h6>\n<p>Der Terror hat seine eigenen Gesetze, die dem des freiheitlichen Rechtsstaates diametral entgegenstehen und diesen in seiner Existenz gef\u00e4hrden, beziehungsweise in seiner Souver\u00e4nit\u00e4t und Autonomie zeitweise au\u00dfer Kraft setzen, die befriedete Ordnung in ein wohlorganisiertes Chaos lenken und ihn dort treffen, wo seine Achillesferse ist, in den Kommunikationszentren, in den Zentren der Macht und Kultur, in den architektonischen Denkm\u00e4lern des liberalen Staates und seiner Freien Marktwirtschaft oder in den Symbolen des religi\u00f6sen Glaubens. Dabei spielt es nur graduell eine Rolle oder macht einen Unterschied aus, ob es sich um einen politischen Terror wie bei der RAF oder um einen religi\u00f6sen Terror wie beim \u201eIslamischen Staat\u201c handelt, der seinerseits von einer rein-islamischen Religion wie einem neuen politischen Kalifat tr\u00e4umt, einem politisch-fundamentalistisch eingef\u00e4rbten Staatsislam also.<\/p>\n<p>Generell ist beim Terrorakt das Medium die Botschaft, wie Herbert Marshall McLuhan sagen w\u00fcrde. Wichtiger als die Toten ist die Inszenierung, die gezielte Provokation und Zerst\u00f6rung der Insignien der (westlichen) Macht, mit denen der Terror bricht, die er herausfordert und die er zerst\u00f6rt, deren G\u00fcltigkeit und Anspruch er in Frage stellt und dabei die Fragilit\u00e4t, die Gebrechlichkeit des scheinbar perfekten Systems zum Ausdruck bringt. Der Terror ist der metaphysische Rest, der Horror jeden Staates \u2013 das Unverf\u00fcgbare und D\u00e4monische. Damit ist und bleibt er ein anti-systemischer Akt. Dies gilt sowohl f\u00fcr die Anschl\u00e4ge in New York, Madrid, Paris oder \u2013 wie am 22. M\u00e4rz 2016 \u2013 in Br\u00fcssel. Gezielt wird in das Herz, in die Operativeder Macht. Mit Br\u00fcssel wurde aber nicht nur das Herz Europas verletzt, der Schlag richtete sich insbesondere gegen die Europ\u00e4ischen Union. Gegen ihre Verweigerung der unbegrenzten Migration und der unfreiwilligen Infiltrierung von nichtregistrierten Einwanderern, die im Gep\u00e4ck nicht nur Frieden und Wohltat haben.<br \/>\nMit der Schlie\u00dfung der Balkonroute und dem Ende der Willkommensromanik wurde dem \u201eIS\u201c vorerst die Illusion und das Kalk\u00fcl genommen, seine K\u00e4mpfer unfiltriert und willk\u00fcrlich nach Europa einzuschleusen, wenngleich die Zahl derer, die bereits da sind, nach wie vor offen ist \u2013 die Dunkelziffer ist hoch. Doch der Traum der Dschihadisten, Europa von Innen zu unterwandern, aus dem Mark oder Kern heraus zu destabilisieren, geht damit nur noch begrenzt auf. Dennoch warten 400 bis 600 speziell ausgebildete K\u00e4mpfer darauf, Europa immer wieder und immer \u00f6fter ins Visier zu nehmen. Europa ist die alte und neue Zielscheibe des Terrors.<\/p>\n<h6>Die mediale Welt ist das perfekte Transportnetz<\/h6>\n<p>Dank der modernen Kommunikationsmedien r\u00fcckt der Terror von den entlegensten Gegenden der Welt in den Raum der \u00d6ffentlichkeit, wird gleichsam omnipr\u00e4sent \u2013 dies ist ein Novum. In einer global vernetzen Welt zeigt er sich nicht nur als ultima ratio von Menschen, die keine andere Wahlm\u00f6glichkeit sehen, um ihr perfides Denken, ihre D\u00e4monie oder pers\u00f6nliche Kr\u00e4nkungen, ihren Narzi\u00dfmus, mit Gewalt und Macht zu bekunden. Sondern die mediale Welt ist das perfekte Transportnetz, das dem Terror seine Transparenz verleiht und ihn universal zu einem perfiden Schauspiel werden l\u00e4\u00dft, das auf allen Tickern der Nachrichtensender, im Fernsehen oder im Internet die Spur des Grauens in Echtzeit \u00fcberliefert. Ein besseres Medium kann sich der Terrorist nicht w\u00fcnschen. Die Aufmerksamkeit ist ihm gewi\u00df und macht gerade den \u201eCharme\u201c seiner Botschaft aus; je radikaler diese ausgef\u00fchrt wird, je mehr Blut und Absurdit\u00e4t sie ausstrahlt, desto intensiver wird diese konsumiert. Das Ma\u00df des Erschreckens wird dabei zum Ma\u00df des Konsums einerseits und l\u00f6st andererseits beim T\u00e4ter niedere Befriedigungsgel\u00fcste aus. Diese Befriedung der niederen Triebkr\u00e4fte korrespondiert mit dem dahinterstehenden Drang zur Unterwerfung, wie er sich exemplarisch bei den fast rituellen Vergewaltigungsorgien des \u201eIS\u201c zeigt.<\/p>\n<h6>Das Freund-Feind-Schema ist obsolet<\/h6>\n<p>Den Terroristen geht es nicht um einen Kampf auf Augenh\u00f6he, nicht um das ber\u00fchmte Freund-Feind-Schema Carl Schmitts, das sie bewu\u00dft au\u00dfer Kraft setzen. F\u00fcr sie ist der Feind nicht der griechische Echthros, der pers\u00f6nliche Gegner, den man ha\u00dft, sondern ihnen geht es gezielt um Dem\u00fctigung. Und qualitativ zur Dem\u00fctigung w\u00e4chst der Triumph der T\u00e4ter, ihre Selbsterm\u00e4chtigung, Gott und Richter zugleich zu spielen, \u00fcber Tod und Leben zu entscheiden \u2013 das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.<\/p>\n<h6>Der Terror ist wohl die unpers\u00f6nlichste Form von Gewalt<\/h6>\n<p>Der Terror ist wohl die unpers\u00f6nlichste Form von Gewalt. Er w\u00e4hlt seine Opfer wahllos aus, er ist asymmetrisch, folgt keiner Logik und entsubjektiviert die Opfer. Er hebt die souver\u00e4ne Existenz des Einzelnen, seine Individualit\u00e4t, Identit\u00e4t und Autonomie auf und bricht seine K\u00f6rperlichkeit mit martialischer Gewalt. Wie in einem perversen Spiel geht es darum, das Ma\u00df des Schreckens, die Dimension der Gewalt, immer wieder negativ qualitativ zu steigern. Beim Terror, im Akt des T\u00f6tens, wird der Einzelne zum \u201eMan\u201c Heideggers, zu einer unbestimmten Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<h6>Terror ist kontingent<\/h6>\n<p>Terror ist Kontingenz in seiner absoluten Gewaltaus\u00fcbung, eine Kontingenz, die sich \u00fcberall und immer, jederzeit und an jedem Ort ereignet. Er ist das Ereignis, das teilweise vereitelt werden kann, das sich aber durch seine Beliebigkeit weder voraussagen noch berechnen l\u00e4\u00dft. Es ist das Damoklesschwert, das dem Staat permanent seine Endlichkeit, seine Unf\u00e4higkeit aufzeigt, souver\u00e4n Schutz zu gebieten. In seiner Kontingenz ist der Terror eine Konstante, die konstant in ihrer Kontingenz ist. Die Konstante des Terrors ist seine Unvorsehbarkeit.<br \/>\nAuch f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen der Opfer ist das Abschiednehmen und Verzeihen schwierig, weil sich der T\u00f6tungsakt \u2013 anders als bei Exekutionen \u2013 nicht an einer ausgew\u00e4hlten Person, sondern am entpersonalisierten \u201eMan\u201c abarbeitet. Der Zufall des T\u00f6tens macht es komplizierter, m\u00f6glicherweise zu verzeihen. Trauer braucht Bestimmtheit, braucht Gr\u00fcnde, eine Logik des Verzeihens und nicht Wahllosigkeit und Willk\u00fcr, denn die Angeh\u00f6rigen wollen die Tat verstehen, um diese zu verarbeiten. Wo blinder Zufall waltet, bleiben immer nur Fragen, die den Proze\u00df des Trauerns \u2013 samt seiner Irrationalit\u00e4t \u2013 nicht zu erkl\u00e4ren verm\u00f6gen. Was bleibt sind Wunden, die nie heilen. Wir werden uns daran wohl gew\u00f6hnen m\u00fcssen.<\/p>\n<h1>Warum Erdo\u011fan \u00fcber Francis Fukuyama siegt<\/h1>\n<p>Der Philosoph des Deutschen Idealismus, Friedrich Hegel, schrieb: \u201eAus der Geschichte der V\u00f6lker k\u00f6nnen wir lernen, dass die V\u00f6lker aus der Geschichte nichts gelernt haben.\u201c Ein Blick auf die Weltkugel zeigt, dass auch Hegels Geschichtsphilosophie eine Illusion geblieben ist. Neuere Paradigmen, zum Beispiel die von Francis Fukuyama, werden aber umso schneller von der Geschichte \u00fcberholt.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10778-vom-ende-der-geschichte-das-doch-nicht-kommt\">Wikimedia\/gemeinfrei<\/a><\/p>\n<h6>Fukuyama und das Ende der Geschichte<\/h6>\n<p>1992 hatte ein Politikwissenschaftler mit seinem Artikel \u201eDas Ende der Geschichte\u201c weltweit f\u00fcr Aufsehen gesorgt. Der Text stammte nicht aus der Feder der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Philosophen Hegel oder Marx, sondern vom Amerikaner Francis Fukuyama. Simpel wie einfach verk\u00fcndete der Politologe damals, dass der wirtschaftliche und politische Liberalismus gewonnen und die totalit\u00e4ren<br \/>\nund autorit\u00e4ren Systeme ad acta gelegt seien \u2013 Ideologeme und Ideologien mit eingeschlossen. Endlich, so die These, sei das Ende der Geschichte gekommen.<\/p>\n<p>Artikel und Buch wurden zur Bibel f\u00fcr all jene, die Alexandre Koj\u00e8ves Hegeldeutung darin folgten, dass die Geschichtsphilosophie des deutschen Idealisten zu einer letzten Synthese f\u00fchrt, wenn es auf der B\u00fchne der Weltpolitik keine weltpolitischen Widerspr\u00fcche mehr gibt, wenn sich also der Kampf der Antagonismen quasi von selbst und mit ihm die geschichtliche Dialektik aufhebt.<br \/>\nF\u00fcr die anderen wurde Fukuyamas Ende der Geschichte zum programmatischen Befund einer neuen Geschichtlichkeit, die nach dem Zusammenbruch der totalit\u00e4ren Systeme im Ostblock und der UdSSR die Phase von Liberalismus, Demokratie und Marktwirtschaft einl\u00e4utete. Statt Kaltem Krieg, Aggression und sinnlosen Wettr\u00fcsten sollte die Demokratie ihren Siegeszug nun einl\u00e4uten und sich als Ordnungsmodell entfalten. Zum liberalen Gesellschaftsmodell des Westens, so Fukuyama, gibt es keine ordnungspolitische Alternative, da sowohl Faschismus, Kommunismus als auch real-existierender Sozialismus ihre \u00dcberzeugungskraft verloren haben.<\/p>\n<h6>Statt Ende der Geschichte integrative Assimilation<\/h6>\n<p>Anstelle des Kampfes tritt, wie Fukuyama sp\u00e4ter hinzuf\u00fcgen wird, das Ende der Geschichte nunmehr in Gestalt einer integrativen Assimilation von nicht-westlichen Kulturen in die westliche Kultur auf, was seiner Meinung bedeutet, dass sich die nicht-westlichen Kulturen von ihren nichtdemokratischen Prinzipien verabschieden und ihrerseits einen Demokratisierungsproze\u00df einl\u00e4uten. Das euphorisch verk\u00fcndete Credo dabei: Die Demokratie w\u00fcrde ihren Siegeszug dann antreten, wenn immer mehr Gesellschaften den zivilisierten, liberal-marktwirtschaftlichen und westlichen Lebensstand des Westens aufgreifen und die Menschenrechte und die Demokratie installieren bzw. durchsetzen.<\/p>\n<p>Ein aktueller Blick aus dem Jahr 2016 liefert einen anderen Befund. Vom Triumph des Westens keine Spur, vom Ende der Ideologien schon gar nicht. Das Ende der Geschichte ist weder gekommen noch scheint sich dieses auch nur ansatzweise anzudeuten. Hegel, der glaubte, dass die Geschichte als \u201eKampf der Ideen\u201c zu Ende geht, wenn Napoleon oder der preu\u00dfische Staat regiere, erwies ist als eben so fatal wie Fukuyamas These vom Ende der Geschichte. Ideologien haften etwas an, was sie nahezu unzerst\u00f6rbar werden l\u00e4st: sie sind anthropologische Konstanten, die immer dann Hochkonjunktur feiern, wenn es darum geht, Macht zu rechtfertigen, oder Macht auf andere auszu\u00fcben. Sie sind Herrschaftsmuster oder -strukturen, denen sich der Mensch als Mensch eben gerade nicht entledigen kann, die, wenngleich negativ, zu seinem Wesen geh\u00f6ren.<\/p>\n<h6>Die neuen Ismen bl\u00fchen<\/h6>\n<p>Ob Russland, China oder Arabien, die neuen Ismen bl\u00fchen: Putins Neo-Zarismus, der russische Nationalismus, der chinesische Turbo- oder Neokapitalismus als getarnter Staatskapitalismus sind und bleiben Ideologien des 21. Jahrhunderts, die leider nicht faul, parasit\u00e4r und sterbend sind, wie einst der real-existierende Sozialismus.<\/p>\n<p>Auch die islamische Theokratie steht gerade erst in den Anf\u00e4ngen. Von der Demokratie sind die Imane soweit weg wie die Erde von der Sonne. Und damit kann man getrost gegen Fukuyamas Vision einer integrativen Assimilation oder Transformation westlicher in nicht-westliche Kultur entgegenhalten: der Demokratisierungsproze\u00df ist nicht nur beim Arabischen Fr\u00fchling gescheitert, sondern in vielen Teilen der arabischen Welt hat man einfach Angst vor einer offenen Gesellschaft, die traditionelle Werte und Kulturen im S\u00e4kularisierungsschub wie alte Bl\u00e4tter von den B\u00e4umen wirft.<\/p>\n<h6>Arabien denkt anders<\/h6>\n<p>Gerade dort steht das demokratisch-liberale Modell eben nicht f\u00fcr eine neue \u201eGeschichte\u201c, oder f\u00fcr das Ende derselben, sondern f\u00fcr das Gegenteil, f\u00fcr einen neuen por\u00f6sen Anfang, f\u00fcr die Aufl\u00f6sung der etablierten Ordnung und des tradierten Wertekanons. Nicht der Wahrheitsbegriff der Postmoderne regiert hier, sondern die religi\u00f6se Wahrheit zeigt sich darin, dass sie die Demokratie entm\u00fcndigt. Der Kampf der Radikalen, sowohl der politischen als auch der religi\u00f6sen, richtet sich gegen die offene Gesellschaft, die auf globaler Linie durch Terrorakte und gezielte Einwanderung attackiert wird. Dass hierbei Ideen \u2013 durchaus im Sinne Hegels \u2013, nur eben religi\u00f6se, eine dominierende Rolle spielen, ist nicht zu \u00fcbersehen. Es zeigt sich aber auch, dass sich weder die Stimme der Vernunft noch ein liberales Denken hier Geh\u00f6r verschaffen; und auch nicht, dass sich gem\u00e4\u00df der Hegelschen Dialektik die Religion in die Vernunft aufhebt. Das Gegenteil ist der Fall: die Vernunft beugt sich dem Joch des religi\u00f6sen Fundamentalismus und sekundiert ein Geschichts- und Antimodernisierungsdenken, das sich dar\u00fcber hinaus noch in abstrakte H\u00f6hen versteigt.<\/p>\n<h6>Erdo\u011fan und sein Anfang der Geschichte<\/h6>\n<p>Der neue Star der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, ihre sehr fragw\u00fcrdige Trumpfkarte bei der L\u00f6sung der Fl\u00fcchtlingskrise, ist der T\u00fcrkische Staatschef Recep Tayyip Erdo\u011fan. Er soll Europa \u2013 mit seinen Demokratien und der liberalen Werteordnungen \u2013 retten. Doch Erdo\u011fan ist weder ein ad\u00e4quater Gespr\u00e4chspartner westlicher Demokraten noch atmet er ihren Geist. Er d\u00e4monisiert vielmehr die liberale Welt und tr\u00e4umt seinerseits von einem Gro\u00dfreich, von einer neuen, \u201ereligi\u00f6sen Generation\u201c, die nicht f\u00fcr postmoderne Diskurse bereit ist, sondern die offen mit islamistischen Bewegungen im Nahen Osten kokettiert. F\u00fcr ihn beginnt die Geschichte gerade jetzt erst, und sie wird nicht enden, ehe er seine Vision einer radikalen Geschichtskorrektur, eine Renaissance der islamischen Orthodoxie, frenetisch in die Realit\u00e4t umsetzt hat. Erdo\u011fan hat den totalit\u00e4ren Systemgedanken in sich aufgesogen und l\u00e4\u00dft seinen Gro\u00dfmachtvisionen freies Spiel \u2013 verbunden mit seinem religi\u00f6sen Auftrag. Dabei wird alles unterworfen, was nicht in den Plan von seiner Vision einer \u201egro\u00dfen Nation\u201c pa\u00dft. Er erstickt alle freiheitlichen Entw\u00fcrfe und jeden Widerstand im Keim. Und all dies getreu seines Geltungsanspruchs, dass die Welt als Ganze dahin zur\u00fcckkehren muss, \u201ewas die Osmanen fr\u00fcher waren.\u201c<\/p>\n<p>Dabei treibt Erdo\u011fan die osmanische \u00dcberzeugung, dass die T\u00fcrkei das auserw\u00e4hlte Volk sei, den islamischen Gottesbegriff in die Welt zu tragen. Und dies untermauert er, ganz gegen Fukuymanas Voraussage vom Ende der Geschichte, mit seiner Superideologie vom T\u00fcrkischen Gro\u00dfreich samt Allmachtsphantasien. Er will \u2013 anders als Osama bin Laden \u2013 der F\u00fchrer der islamischen Welt werden, will diese auf seine Person hin zentrieren. Er fordert unbedingten Gehorsam von seinen Untertanen und realisiert gigantische Bauprojekte, um demonstrativ seine Herrschaftsanspr\u00fcche zu legitimieren. Wie die Mausoleum in Moskau und der Invalidendom in Paris soll Erdo\u011fans Riesenmoschee in Istanbul sp\u00e4ter sein Grabmal enthalten und zur Pilgerst\u00e4tte aller Rechtgl\u00e4ubigen werden.<\/p>\n<h6>Statt Ende der Geschichte \u2013 Ironie der Geschichte<\/h6>\n<p>Im Augenblick, so scheint es jedenfalls, ist Fukuyamas Ende der Geschichte \u2013 eines zumindest nicht \u2013 an ihrem Ende. Vielmehr zeigt sich mit Blick auf Fukuyamas integrative Assimilation die Ironie der Geschichte. Es sind gerade nicht die nicht-westlichen Kulturen, die sich an den westlichen orientieren, sondern umgekehrt bekommt der Antidemokratisierungsproze\u00df Erdo\u011fans R\u00fcckendeckung von den liberalen Demokratien. Anders gesagt: Derzeit n\u00e4hert sich die westliche Welt samt ihren Werten an das Sultanat an und verkauft damit \u2013 zu bestimmen Teilen \u2013 den Wertekanon an die Orthodoxie. Selbst wenn Fukuyama bei einer Diskussion im Hause des ultraliberalen Cato-Instituts im Jahr 2014 hervorhob, dass der \u201epolitische Islam\u201c keine wirklich gro\u00dfe Idee, sondern lediglich ein Schlagwort sei, das es \u201epolitischen Unternehmern\u201c erlaubt, Gefolgschaften hinter sich versammeln, so verharmlost der Begriff des \u201epolitischen Islam\u201c dessen Geltungsmacht und Gestaltungskraft, geht letztendlich damit an der Realit\u00e4t vorbei. Der \u201epolitische Islam\u201c ist mehr: Er ist das Ende der Geschichte und der Demokratie, oder l\u00e4utet diese leise ein, ganz gegen Fukuyamas These vom Sieg der Liberalit\u00e4t \u00fcber die Ideologie. Wenn Erdo\u011fan siegt, dann sind Liberalismus und Freiheit tats\u00e4chlich am Ende. Und das Ende der Geschichte kommt anders als gedacht.<\/p>\n<h1>4 Dinge, die wir von Friedrich Schiller lernen k\u00f6nnen<\/h1>\n<p>Friedrich Schiller ist keineswegs nur Deutschlands ber\u00fchmtester Dramatiker, dem wir die besten St\u00fccke der Weltgeschichte verdanken. Schiller ist mehr, er ist auch ein politischer Geist. Er wollte eine erneuerte Gesellschaft mittels seiner \u00e4sthetischen Revolution.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10739-schiller-war-sehr-politisch\">Wikipedia\/gemeinfrei<\/a><\/p>\n<p>Dabei begriff Schiller diese keineswegs \u00e0 la Bloch als blo\u00dfe Utopie. Ihm ging es ganz konkret darum, wie sich dieses gesellschaftliche Ideal harmonischer Gemeinschaftlichkeit, das sittliche Gemeinwohl,verwirklichen l\u00e4sst. Dabei war er zugleich Vision\u00e4r und Realist. Vision\u00e4r und Idealist, weil er eine Reformierung der Gesellschaft f\u00fcr notwendig erachtete, Realist, weil sich diese nur durch eine aufgekl\u00e4rte Menschheit durchsetzten lie\u00dfe<\/p>\n<h6>1. Der Weltb\u00fcrger ist weder rechts noch links<\/h6>\n<p>Im Jahr 2016 w\u00e4re Friedrich Schiller ein grenzenloser Verfechter der europ\u00e4ischen Idee. Schiller will den \u201eWeltb\u00fcrger\u201c, jenen freien Geist, der sich seiner politischen Verantwortung bewusst ist, der als gem\u00e4\u00dfigter Denker jedem politischen Radikalismus und jedem religi\u00f6sen Fundamentalismus abschw\u00f6rt. Sein Weltb\u00fcrger ist den Idealen von Freiheit, B\u00fcrgerlichkeit und Br\u00fcderlichkeit verpflichtet. Mit einer AfD k\u00f6nnte Schiller genauso wenig anfangen wie mit linkem Terror, jeglicher Extremismus ist ihm ein Greuel. Seine \u00e4sthetischen Briefe lesen sich, als w\u00e4ren sie gestern geschrieben. Weil Schiller, und das macht ihn so modern, den Menschen weder auf Rationalit\u00e4t noch auf Sinnlichkeit reduzieren will, lehnt er alles ab, was seinen Ursprung entweder in einer reinen Verkopftheit oder in einer blinden Raserei hat. Er wei\u00df, dass ein reiner Idealismus \u00e0 la Robespierre zur Diktatur f\u00fchrt, ein reiner Materialismus hingegen zu einem oberfl\u00e4chlichen Leben, das es sich bequem macht, wo Lust und Neigung regieren. Nur, wo sich Rationalit\u00e4t und Sinnlichkeit, Pflicht (Formtrieb) und Neigung (Stofftrieb) aus Freiheit verbinden, findet Vers\u00f6hnung statt, kommt der Mensch zu seiner Bestimmung, zu seinem Wesen. Dort, wo er spielt, wird er Mensch, ist er gem\u00e4\u00dfigt.<\/p>\n<h6>2. Kritik am oberfl\u00e4chlichen Zeitgeist<\/h6>\n<p>Der Marburger Schiller ist ein gnadenloser Chronist. Wie sp\u00e4ter Engels und Brecht analysiert der \u00c4sthetiker die Unarten der Zeit, die Verflachung der Mode und den geistigen Verfall auf breiter Front. Die kritische Analyse dessen, was den sogenannten Zeitgeist ausmacht, liest sich wie eine genuine Beschreibung der Kulturverflachung des, 21. Jahrhunderts. Der Weimarer \u00c4sthetiker spricht von Erschlaffung, von einem erm\u00fcdeten Zeitgeist, der die Gefahr in sich birgt, a-politisch zu werden. Erschlaffung ist das Fehlen der Vernunft und des Verstandes als Triebfedern. Dieser Flachheit im kulturell und politischem Betrieb sich entgegenzustellen, begreift Schiller nicht nur als Herausforderung der Stunde, als das, was geboten ist, sondern als die Pflicht eines jeden B\u00fcrgers, der als Weltb\u00fcrger nicht gesinnungsethisch, sondern verantwortungsethische handelt. Schiller bek\u00e4mpft den Spie\u00dfb\u00fcrger, den selbstgef\u00e4lligen Unpolitischen, der zur Gesellschaft auf Distanz geht, dem das Politische egal und gleichg\u00fcltig ist. Er kritisiert den angepa\u00dften B\u00fcrger, den heutigen Nichtw\u00e4hler, und fordert demgegen\u00fcber das politische Interesse im Sinne der aufgekl\u00e4rten Vernunft, den B\u00fcrger also, der f\u00fcr das Gemeinwohl k\u00e4mpft. Kritisch w\u00fcrde sein Urteil heute gegen\u00fcber denjenigen ausfallen, deren Handlungspr\u00e4missen von Gier, Luxus, Neid, Mi\u00dfgunst und Eitelkeit bestimmt sind.<\/p>\n<h6>3. Wider den Egoismus \u2013 f\u00fcr einen humanen Stillt<\/h6>\n<p>Schon vor \u00fcber 200 Jahren kritisierte Schiller die \u201eSchlaffheit\u201c des Geistes, jenes Spiel mit den Formen. Darin sah er einen Zweck ohne Zweck, eine gleichg\u00fcltige Verschiebung von Verantwortung, ein regelloses Spiel mit leeren H\u00fclsen und Floskeln. Den postmodernen Realismus, der sich dieses Formvokabular zu eigen gemacht hat und den Siegeszug durch die Instanzen angetreten ist, w\u00fcrde er als h\u00f6chst unproduktiv entlarven, die ganze Postmoderne als etwas charakterisieren, was auf ein entleertes Ich hinausl\u00e4uft, das nur sich selbst kennt und wahrnimmt. Dieses sich selbst deutende, bedeutende Ich f\u00fchrt geradezu in einen Nihilismus, der in seiner radikalsten Form einen Egoismus zur Folge hat. Dieser wird zum Brandzeichen einer Gesellschaft, die sich zerst\u00fcckelt, die sich be- und entfremdet und das soziale Miteinander zerst\u00f6rt. Statt das Gemeinwohl zu bef\u00f6rdern, steigert der Einzelne nur sein Individualwohl. Was dar\u00fcber zerbricht, ist das Humanun. Diesen Egoismus zu zertr\u00fcmmern, darin sieht Schiller eine der Aufgaben seiner \u00e4sthetischen Erziehung. Dabei ist sich Schiller bewu\u00dft: Zuerst muss sich der Mensch zu seinem sittlich-moralischem Wesen erziehen und dann den gesellschaftlichen Transformationsprozess einl\u00e4uten. Menschsein bedeutet Sein im Anderen und im Anderen-Sein. Oder anders gesagt: Gl\u00fcck findet der Mensch erst als B\u00fcrger, wenn er sich moralisch verh\u00e4lt und den Staat zu einem Raum der Freiheit f\u00fcr alle werden l\u00e4\u00dft, zum humanen Staat, eben zum \u00e4sthetischen Staat.<br \/>\nHeute w\u00fcrde Schiller, der Autor der \u201eR\u00e4uber\u201c, einerseits f\u00fcr eine Verteilungsgerechtigkeit pl\u00e4dieren, andererseits f\u00fcr eine humanit\u00e4re L\u00f6sung in der Fl\u00fcchtlingsfrage, wobei nicht die Integration f\u00fcr ihn die ma\u00dfgebende Rolle spielen w\u00fcrde, sondern die moralische Selbsterziehung jedes einzelnen, der sich an den universalen Werten von Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit orientiert und durch das ma\u00dfvolle Spiel zwischen Vernunft und Neigung zum B\u00fcrger wird. Vom B\u00fcrger f\u00fchrt dann der Weg zum Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<h6>4. \u201eSchaub\u00fchne\u201c und Neue Medien<\/h6>\n<p>Nun ist Schiller aber auch Realist und wei\u00df, dass der Mensch endlich und fehleranf\u00e4llig ist. Dieser Schwachheit des Geistes, des Gem\u00fctes und des Leibes gilt es entgegenzusteuern. Dabei im Blick hat Schiller die Kunst, genauer das Theater, die \u201eSchaub\u00fchne als moralische Anstalt\u201c. Sie gilt ihm als Medium, das zu politischer Bildung erzieht. Das Theater vermag sowohl den Vernunft- als auch den Triebmenschen ansprechen, es kommt damit sowohl dem \u201eunteren\u201c oder niederen Beweggr\u00fcnden als auch der moralischen Natur des Menschen entgegen. Weil es \u201eeinem mittleren Zustand, der beide widersprechende Enden vereinigt\u201c, herstellt, dient es zur Verwirklichung der Gl\u00fcckseligkeit als h\u00f6chstem Ziel, bef\u00f6rdert die Bildung des Herzens und des Verstandes. Damit kommt dem Theater oder der Kunst eine Schl\u00fcsselrolle bei der \u00e4sthetischen Erziehung zu, denn im Unterschied zum Staat (und seinen Rechtsvorschriften) mit seinen \u201everneinenden Pflichten\u201c und der Religionen (samt ihren Offenbarungen) unterst\u00fctzt, bzw. \u00fcberformt die Kunst alle beide. Versagt der Staat als gesetzgebende Instanz, so Schiller, dann obliegt es der Kunst hier deutend einzugreifen, Irrt\u00fcmer einer fehlbildenden Geschichts- und Realit\u00e4tssicht zu korrigieren. Nur ihr ist es m\u00f6glich, \u201e[\u2026] die ungl\u00fccklichen Schlachtopfer vernachl\u00e4ssigter Erziehung in r\u00fchrenden, ersch\u00fctternden Gem\u00e4lden\u201c an ihrem Schicksal vorbeizuf\u00fchren.<br \/>\nWar es f\u00fcr Schiller noch die Schaub\u00fchne sind es heute das Fernsehen, das Kino, die Sozialen Netzwerke, die Medien insgesamt, denen Schiller die verantwortungsvolle Aufgabe einer \u00e4sthetischen Erziehung \u00fcbergegeben w\u00fcrde, von denen er erwartete, gegen den Zeitgeist zu streiten, die Moralit\u00e4t statt den Stumpfsinn zu bef\u00f6rdern, politisch zu erziehen als zu verharmlosen. Wo die Medien ihren Bildungsauftrag nicht erf\u00fcllen, wo die \u00c4ngste des gemeinen Mannes \u2013 wie derzeit in der Fl\u00fcchtlingskrise \u2013 nicht mehr vom politischen Klasse wahrgenommen werden, wo die Politik sich in Herzergie\u00dfungen zerrei\u00dft und sich selbst inszeniert, wo die \u00d6ffentlich-rechtlichen Medien eindimensional berichten, da d\u00fcrfte, so w\u00fcrde Schiller schlie\u00dfen, es auch nicht verwundern, wenn das Volk verroht, wenn es sich jenseits von Kultur, Kunst und Politik selbst erzieht \u2013 nur dann leider nicht zum Weltb\u00fcrger, sondern eben zum Spie\u00df- oder Wutb\u00fcrger samt radikalen Tendenzen inklusive. Noch schlimmer w\u00e4re es, wenn die Salafisten als die \u201ebesseren Sozialarbeiter\u201c die Erziehung hierzulande \u00fcbernehmen.<\/p>\n<h1>Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen<\/h1>\n<p>Im Interview mit einem der bekanntesten deutschen Philosophen, Robert Spaeman, sprach Stefan Gro\u00df nat\u00fcrlich \u00fcber Philosophie, \u00fcber den Gottesbegriff und \u00fcber die Person, aber auch dar\u00fcber, warum der Glaube in der postmodernen Gesellschaft immer noch eine tragende Rolle spielt.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/robert-spaemann\/10724-glaube-auch-in-der-moderne-wichtig\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p><strong>Spielt die Philosophie der Antike, insbesondere der Neuplatonismus, f\u00fcr Ihr christliches Denken eine Rolle? Kann man mit diesem Denken heutzutage noch philosophieren?<\/strong><br \/>\nDa stecken schon in der Frage ein paar Dinge, denen ich nicht so zustimmen w\u00fcrde. Zun\u00e4chst was ist mein christliches Denken? Ich habe das nie auseinander dividiert. Ich w\u00fcrde sagen \u2013mein Denken, denn ob ich die neuplatonische Philosophie einleuchtend finde oder nicht, ist f\u00fcr mein Christentum nicht entscheidend und umgekehrt auch. Das sind zwei verschiedene Dinge. Aber lassen wir das Christliche einmal weg und fragen: Inwieweit spielt die neuplatonische Philosophie f\u00fcr mein Denken eine pr\u00e4gende Rolle? Kann man mit diesem Denken noch philosophieren? Ja, man kann mit jedem Denken philosophieren, das einem einleuchtet. Die neuplatonische Einteilung der Wirklichkeit in drei Stufen, n\u00e4mlich: Sein als blosses Vorhandensein, Sein als Leben und Sein als Bewusstsein, das scheint mir au\u00dferordentlich einleuchtend zu sein. Und meiner Ansicht nach ist es auch ein Fehler im neuzeitlichen Denken gewesen, ein Fehler bei Descartes zum Beispiel, dass der Wille des Lebens keine Rolle mehr spielt, und dass die Wirklichkeit in eine materielle Welt zerf\u00e4llt, die durch Ausdehnung und durch ein reines Denken definiert ist, also durch ein Subjekt und ein Objekt. Aber Leben, Lebendiges, k\u00f6nnen wir in dieser Zweiteilung nicht unterbringen. Das Leben ist weder blo\u00dfes Vorhandensein \u2013 auch ein Leichnam ist vorhanden \u2013 noch ist es unbedingt Bewusstsein. Es sind tats\u00e4chlich drei Stufen der Wirklichkeit. Und wenn Sie fragen ob man heute noch so denken kann; ich denke ja schon so. Damit haben wir schon ein Beispiel daf\u00fcr, dass man das kann.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr welchen Gottesbegriff sehen Sie perspektivisch die gr\u00f6\u00dfere Chance \u2013 f\u00fcr den \u201eGott der Philosophen\u201c oder f\u00fcr den \u201eGott des Glaubens\u201c?<\/strong><br \/>\nDa hat der gro\u00dfe Pascal meiner Ansicht nach ein Ungl\u00fcck angerichtet, als er nicht der Gott der Philosophen, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs schrieb. Aber die klassischen christlichen Denker waren immer der \u00dcberzeugung, dass dies nicht zwei verschiedene G\u00f6tter waren. Wenn Karl Jaspers zum Beispiel von Gott spricht, von dem philosophischen Glauben, dann bekennt er sich damit nicht als Christ, aber das, was er denkt, wenn er Gott sagt, ist ungef\u00e4hr das, was die Christen auch denken. Es sind zwei verschiedene Zug\u00e4nge! Ich gebe folgendes Beispiel: Ich habe eine Brieftr\u00e4gerin, die kenne ich nur als Brieftr\u00e4gerin. Ich wei\u00df von ihr fast gar nichts, dann erfahre ich aber durch eines meiner Kinder, das sich in der Schule mit einem Jungen, dem Sohn der Brieftr\u00e4gerin, angefreundet hat, viel mehr von ihr. Denn dieser Junge wei\u00df nat\u00fcrlich eine Menge \u00fcber seine Mutter, die ich nicht wei\u00df, weil ich sie nur als diese Brieftr\u00e4gerin kenne. So scheint es mir auch mit dem Gottesbegriff zu sein. Ein Gl\u00e4ubiger hat einen lebendigen Zugang zu Gott, er spricht mit Gott, er partizipiert an einer gro\u00dfen Gotteserfahrung, die durch Namen wie Abraham, Isaak und Jakob gepr\u00e4gt ist, aber das hei\u00dft nicht, dass dies ein anderer Gott ist. Wenn Kant von Gott oder wenn Jaspers von Gott sprechen, meinen sie nicht etwas anderes als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Wir haben auch denselben Gott wie die Moslems, wir die Christen, obgleich wir \u00fcber Gott sehr anders denken. Aber wir betrachten ihn auch, also wir Christen, als Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde und als endg\u00fcltigen Richter \u00fcber Gut und B\u00f6se. In diesem Punkt stimmt der Gott der Philosophen mit dem Gott des Glaubens \u00fcberein.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Ihre wissenschaftliche Arbeit war immer die Unterscheidung zwischen Person und Individuum zentral. Warum?<\/strong><br \/>\nJa, der Begriff des Individuums reicht nicht aus. L\u00f6wen und Ameisen sind auch Individuen. Aber der Mensch \u00fcbersteigt sein Individuum-Sein, das hei\u00dft: er kann sich \u00fcber sein individuelles Interesse erheben und kann den Gedanken eines anderen Wesens denken. Dies kann er ber\u00fccksichtigen \u2013 unter Vernachl\u00e4ssigung vielleicht sogar seines Interesses als Individuum \u2013 und darin erweist er sich als Person. Mir f\u00e4llt gerade die Geschichte vom Krieg zwischen Preu\u00dfen und Sachsen ein. Da befahl der preu\u00dfische K\u00f6nig einem General, das Schloss in Dresden zu pl\u00fcndern und zu zerst\u00f6ren. Der Offizier weigerte sich, und der K\u00f6nig sagte: \u201eDas ist Gehorsamsverweigerung\u201c. Daf\u00fcr kann ich sie erschie\u00dfen lassen. Und der General antwortete: \u201eDem K\u00f6nig geh\u00f6rt mein Leben, aber nicht meine Ehre.\u201c Das ist der Unterschied. Er hat als Individuum nat\u00fcrlich das Interesse zu \u00fcberleben, aber als Person \u2013 er spricht von Ehre \u2013, als Person, weigert er sich das zu tun und nimmt den gro\u00dfen Nachteil f\u00fcr sich als Individuum in Kauf, um sein Person-Sein zu retten.<\/p>\n<p><strong>Was d\u00fcrfen wir hoffen? Welche Perspektiven sehen Sie f\u00fcr den Glauben in der postmodernen Gesellschaft?<\/strong><br \/>\nDas ist schwer zu beantworten, was ist denn eigentlich eine postmoderne Gesellschaft? Wenn wir Moderne \u2013 mit Hilfe des Vernunftbegriffs \u2013 als Aufkl\u00e4rung definieren, dann w\u00fcrde ich sagen, ist die postmoderne Gesellschaft, in der alles geht, in der man experimentell alles machen kann, keine gro\u00dfe Perspektive f\u00fcr den Glauben. Der Glaube wird sich in Widerspruch zu einer Herrschaft der Beliebigkeit setzen. Andererseits: Wenn man aber Postmoderne als ein Brechen mit einem verengten, auf die blo\u00dfe Naturwissenschaft verengten Vernunftbegriff versteht, wenn man also die Vernunft als die F\u00e4higkeit begreift, auch das Andere ihrer selbst zu denken, also das Nichtrationale selbst noch einmal vern\u00fcnftig zu denken, dann ist die postmoderne Gesellschaft eine Chance f\u00fcr den Glauben. Aber unter dem Begriff der Postmoderne verbirgt sich so vieles, dass die Frage nicht gut eindeutig beantwortet werden kann.<\/p>\n<p><strong>Oft wird \u00fcber einen zunehmenden Werterelativismus geklagt. Brauchen wir neue moralische Ma\u00dfst\u00e4be, eine \u00dcberordnung der Ethik \u00fcber die Politik?<\/strong><br \/>\nProf. Dr. mult. Robert Spaemann: Nun ja, den zunehmenden Wertrelativismus stoppen, stoppen sie einmal irgendeine Art von Denken, wie macht man das? Nur so, dass man selbst anders denkt. Wenn man einmal eingesehen hat, dass der Wertrelativismus etwas ist, was wir letztendlich alle nicht w\u00fcnschen k\u00f6nnen, dann werden wir eben anders denken. Wenn die Leute sagen, die Nationalsozialisten hatten eben andere Werte als wir, als sie Auschwitz zulie\u00dfen, na gut, das ist gegen unsere Werte, aber das waren damals die Werte und das eine ist so gut wie das andere, dann emp\u00f6rt sich aber doch etwas in uns dagegen. Den konsequenten Wertrelativismus denken nur wenige Menschen. Es geht nicht um eine \u00dcber- und Unterordnung. Das Ethische existiert \u00fcberhaupt nicht mehr, wenn man es nicht als den letzten g\u00fcltigen Ma\u00dfstab betrachtet. Wenn man also sagt, na ja, das ist zwar ganz schlecht und eine Gemeinheit und eine Verr\u00e4terei, aber politisch gesehen, ist das richtig, m\u00fcssen wir das jetzt machen? Dann w\u00fcrde ich sagen, nein, das kann nur zu einer katastrophalen Politik f\u00fchren, wenn die Politik nicht immanente Grenzen hat. Der Offizier, der nicht pl\u00fcndern wollte, ist ein Beispiel daf\u00fcr. Es sind nicht die Moralisten, die den Politikern sagen, was sie tun sollen. Vielmehr m\u00fcssen die Politiker selbst ihre moralischen Ma\u00dfst\u00e4be mit ihrer Politik verbinden; und was hei\u00dft ihre moralischen Ma\u00dfst\u00e4be, das hei\u00dft: die moralischen Ma\u00dfst\u00e4be, denn es gibt nicht beliebige verschiedene Moralen, oder wenn es sie gibt, dann sind sie nicht gleichwertig. Eine Ethik, die darauf verzichtet, der letzte Ma\u00dfstab zu sein, an dem alles gemessen werden muss, die hat ganz abgedankt. Eine Ethik, die diesen Anspruch nicht erhebt, existiert als Ethik \u00fcberhaupt nicht mehr.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie nochmals den Begriff vom Futurum exactum erkl\u00e4ren, der eine zentrale Rolle bei Ihrem \u201eletzten Gottesbeweis\u201c spielt?<\/strong><br \/>\nWas ich dort ausf\u00fchrlicher behandelt habe, kann ich nicht in wenigen Worten wiederholen, aber ist versuche es. Mein Gedankengang ist einfach der: die Tatsache, dass wir beide jetzt, heute am Montagmorgen, ein Gespr\u00e4ch \u00fcber solche Fragen f\u00fchren, dies ist eine Tatsache, die ewig ist, das hei\u00dft: wir werden immer dieses Gespr\u00e4ch gef\u00fchrt haben. Es wird nicht irgendwann einmal der Zeitpunkt eintreten, wo die Welt untergegangen, dem W\u00e4rmetot zum Opfer gefallen ist, wo man dann sagt, ja, dann ist es auch nicht mehr wahr, dass wir heute hier gesprochen haben. Das ist Unsinn. Den Gedanken k\u00f6nnten wir gar nicht denken. Das etwas, was jetzt wirklich ist, irgendwann einmal \u2013, ja wir k\u00f6nnen denken, dass es irgendwann einmal vergessen ist, nat\u00fcrlich, dass seine Spuren getilgt sind \u2013, dass, das was irgendwann einmal nicht mehr gewesen ist, das k\u00f6nnen wir nicht denken. Wir m\u00fcssen also zum Pr\u00e4sens immer das Futurum exactum dazu denken, es ist und es wird gewesen sein. Und nun stelle ich die Frage, welchen ontologischen Status hat dieses Gewesen-Sein und meine Antwort ist: es hat keinen, wenn es nicht ein absolutes Bewusstsein gibt, in dem alles, was geschieht aufgehoben ist. Wenn es das nicht gibt, also wenn es Gott nicht gibt, dann m\u00fcssen wir diesen unsinnigen Gedanken denken, dass das, was da ist, irgendwann einmal nicht mehr gewesen sein wird. Wie gesagt, das ist die Abdankung der Vernunft, und Nietzsche hat ganz richtig gesehen, dass die Abschaffung der Gottesidee gleichbedeutend ist mit der Abschaffung des Wahrheitsanspruchs der Vernunft, also mit der Abdankung der Vernunft.<\/p>\n<p><strong>Hat der \u201eLetzte Mensch\u201c, von dem Nietzsche im \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c spricht, noch eine Chance? Was k\u00f6nnen Sie jungen Menschen in einer Welt des anything goes raten?<\/strong><br \/>\nDer letzte Mensch von dem Nietzsche spricht, ist in seinen Augen etwas ganz Negatives. Der letzte Mensch ist der Mensch, der wie der Erdfloh am l\u00e4ngsten lebt. Dies ist der Mensch, der ein wenig arbeiten, sich ein bi\u00dfchen am\u00fcsieren will, ein wenig Drogen konsumieren m\u00f6chte, aber nicht so viel, damit dies der Gesundheit nicht schadet. Nietzsche gibt also ein Bild vom letzten Menschen, f\u00fcr den es nichts mehr gibt, was einen unbedingten Wert hat. Die letzten Menschen sagen \u201eWas ist Liebe\u201c, Was ist Stern\u201c, aber diese Begriffe sind f\u00fcr sie nur Worte hinter denen gar nichts steht. Man muss sich am\u00fcsieren \u2013 das ist alles. Und auf die Frage: Hat der \u201eLetzte Mensch [\u2026] noch eine Chance\u201c, so muss man sagen, dass er eine sehr gro\u00dfe Chance hat. Dies ist bereits bei Nietzsche so. Zarathustra schildert der Menge diesen letzten Menschen und er will ihnen ein abschreckendes Bild geben. Doch die Menge schreit: Zarathustra \u2013 gib uns diesen letzten Menschen, wir schenken dir den \u00dcbermenschen. Die Mehrzahl der Menschen will ja gar nichts anderes als diesen letzten Menschen. Und insofern hat er gro\u00dfe Chancen. Und auf die Frage \u201eWas k\u00f6nnen Sie jungen Menschen in einer Welt des anything goes raten?\u201c Ich w\u00fcrde sagen, ich kann ihnen nur raten: h\u00f6rt zuerst auf eure eigene innere Stimme, wenn ihr einmal eine wirkliche Liebe erlebt, denn k\u00f6nnt ihr gar nicht so denken, denn diese hat ihre strenge Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit und sie ist etwas Unbedingtes. Und lasst euch von diesem prim\u00e4ren Impuls, dieser prim\u00e4ren Einsicht, leiten, vertraut auf euch selbst, lasst euch nicht alles einreden. Heute hat der Mensch, die Menschlichkeit des Menschen, nur noch eine Chance, wenn Menschen bereit sind, selbst zu denken. Aber selbst denken hei\u00dft wirklich selbst denken und nicht das glauben, was uns unter dem Wort Selbstdenken verkauft wird. Denn dies ist ja ein gro\u00dfer Betrug, dass man den Menschen einredet, ihr m\u00fc\u00dft selbst denken, ihr m\u00fc\u00dft die und die Autorit\u00e4ten st\u00fcrzen. Denn es k\u00f6nnte ja auch sein, dass das Selbst-denken dazu f\u00fchrt, dass man bestimmte Dinge nicht st\u00fcrzt.<\/p>\n<p><strong>Worin sehen Sie die Wurzeln einer Gesellschaft, die immer nach dem Machbaren strebt?<\/strong><br \/>\nIm Wesen des Menschen. Der Mensch ist eigentlich durch zwei Grundimpulse bestimmt. Das eine ist der Impuls, die Natur zu beherrschen, das Machbare zu machen, um sich auf diese Weise in der Welt selbst zu behaupten. Denn der Mensch ist ein M\u00e4ngelwesen, der sehen muss, wie er \u00fcberlebt. Und dieser Wunsch zu \u00dcberleben f\u00fchrt zum Streben nach dem Machbaren. Es gibt aber noch einen anderen Impuls, parallel zu diesem, und das ist der Impuls, sich in der Welt beheimatet zu wissen, die Welt nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Objektes unserer Herrschaft zu sehen, sondern unter dem Gesichtspunkt, dass andere Wesen auf irgendeine Weise uns \u00e4hnlich sind. Auch ein Tier hat Schmerzen, wenn auch die Cartesianer dies nicht wahrhaben wollen, weil das nicht in ihr Schema Subjekt\/Objekt passte. Hierf\u00fcr muss man n\u00e4mlich einen Begriff des Lebens haben. Beide Impulse geh\u00f6ren zum Menschen; aber wir erleben heute eine Hypertrophie des Strebens nach dem Machbaren. Alles wird zum Objekt und damit wird der Mensch sich selbst auch zum Objekt. Und er wird schlie\u00dflich, wenn er sich den Anthropomorphismus in der Betrachtung der Natur verbietet, selber zum Anthropomorphismus, weil er selbst auch zur Natur geh\u00f6rt. Also diese Wurzeln dieses Strebens nach dem Machbaren liegen sehr tief im Wesen des Menschen verankert. Aber man muss sehen, dass dieser Trieb, wenn er sich einfach emanzipiert von dem anderen, dass er dann zu einer unmenschlichen Welt f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnte aus Ihrer Sicht Jonas` Gottesbegriff nach Auschwitz entgegengestellt werden?<\/strong><br \/>\nJa, warum muss man dem etwas entgegenstellen? Was w\u00fcrden Sie denn als den entscheidenden Punkt von Jonas\u2019 Gottesbegriff ansehen?<\/p>\n<p>Ich denke an einen deistischen Gottesbegriff, der letztendlich, nach Auschwitz, in einer negativen Theologie kulminiert. Nach Auschwitz m\u00fcsse man Gott, so Jonas, seine Attribute absprechen, er hat sich in die Verborgenheit zur\u00fcckgezogen, statt Gottesn\u00e4he nunmehr Gottesferne.<\/p>\n<p>Ich denke nach Auschwitz gibt es keinen anderen Gottesbegriff als vor Auschwitz. Auschwitz ist nur die gigantische Vergr\u00f6\u00dferung eines Problems, das man schon hat, wenn ein Kind von einem B\u00f6sewicht zu Tode gequ\u00e4lt wird. Da haben sie dasselbe Problem wie Auschwitz, wo das millionenfach geschehen ist. Aber wenn es einmal geschieht, ist das Problem genau das gleiche. Und insofern erlaubt uns Auschwitz die Frage noch klarer zu stellen, noch dringlicher zu stellen, aber etwas Neues ist es nat\u00fcrlich nicht gegen\u00fcber dem, was ich eben nannte. Die Frage, die dann in Bezug auf Gott auftaucht, die endet so wie das \u201eBuch Hiob\u201c. Die Frage an Gott bleibt zun\u00e4chst einmal unbeantwortet. Die Gl\u00e4ubigen haben immer gesagt, die Wege Gottes sind uns verborgen. Es gibt Gr\u00fcnde am Gedanken Gottes festzuhalten. Der christliche Glaube sagt, dass alle Tr\u00e4nen getr\u00f6stet werden. Am Ende Sorge machen muss man sich um die Seele der T\u00e4ter, wenn die nicht eine radikale Wende machen, dann sind wir verloren. Die Opfer von Auschwitz sind nicht endg\u00fcltig verloren. Aber das ist es, was der Glaube sagt; und nur er sagt es vor Auschwitz und er sagt es nach Auschwitz. Mich hat es tief bewegt, als der Papst in Auschwitz war und dann ganz spontan ein Gebet sprach. Ich wei\u00df, dass er es spontan sprach und nicht vorher fixiert hat und da einfach die gro\u00dfe Warum-Frage an Gott richtete, ohne eine Antwort zu geben. F\u00fcr den Gl\u00e4ubigen, auch f\u00fcr den gl\u00e4ubigen Juden, ist es letztendlich keine Ersch\u00fctterung seines Gottesbegriffs. Es gibt einen Fund einer Aufzeichnung von einem Juden, der auch sp\u00e4ter umgebracht wurde, der dort zu Gott sagt: Gott, du kannst machen was du willst, du wirst es nicht schaffen, dass wir aufh\u00f6ren an dich zu glauben und dich zu lieben.<\/p>\n<h1>Die Abschaffung von Bargeld ist verfassungswidrig<\/h1>\n<p>Erneut hat sich der fr\u00fchere Pr\u00e4sident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-J\u00fcrgen Papier, zu Wort gemeldet. Diesmal nicht zum Thema Obergrenze, sondern zum Thema Bargeldzahlungen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10714-obergrenze-beim-bargeld\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>Mitte Januar hatte er wie sein Kollege Di Fabio die Bundesrepublik mit ihrer Politik der offenen T\u00fcren kritisiert und betont, dass die unbegrenzte Einreise ein Fehler gewesen sei.<\/p>\n<p>F\u00fcr Hans-J\u00fcrgen Papier ist klar, dass die derzeit verhandelten Beschr\u00e4nkungen von Bargeldzahlungen verfassungswidrig sind. Derzeit erw\u00e4gt die Bundesregierung und andere europ\u00e4ische L\u00e4nder eine Obergrenze f\u00fcr Zahlungen mit Bargeld einzuf\u00fchren. Dabei ist die Rede von einem Limit, das bei 5.000 Euro liegt. Mit der Regulierung erhoffen sich die Bef\u00fcrworter, dass durch die Einf\u00fchrung die Geldw\u00e4sche, Schwarzarbeit und Terrorfinanzierung deutlich reduziert werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der FAZ betonte Papier, dass es sich hierbei um \u201enicht gerechtfertigte Eingriffe\u201c in Freiheitsrechte handelt, wozu auch die Vertragsfreiheit und die Privatautonomie geh\u00f6ren. Das Verfassungsgericht hat, so der ehemalige Verfassungsrichter, immer wieder hervorgehoben, dass man die \u201eFreiheitswahrnehmung der B\u00fcrger nicht total erfassen und registrieren darf. In einer Bargeldobergrenze, die mit dem Zwang verbunden ist, auf elektronische Zahlungsmittel zur\u00fcckzugreifen, implizieren, so Papier, einen kr\u00e4ftigen Schritt hin zur weiteren Reglementierung, Erfassung und verdachtslosen Registrierung\u201c. Auch wird von Papier bezweifelt, ob die Beschr\u00e4nkung einer Bargeldobergrenze tats\u00e4chlich zum Schutz des Gemeinwohls tauglich sei, stellt er dabei deutlich in Frage.<\/p>\n<h1>\u201eWir d\u00fcrfen die Generationenaufgabe der Integration nicht dem Zufall \u00fcberlassen\u201c<\/h1>\n<p>Mit der CDU-Vize-Chefin und Spitzenkandidatin von Rheinland-Pfalz, Julia Kl\u00f6ckner, sprach Stefan Gro\u00df vor dem EU-Gipfel in Br\u00fcssel \u00fcber das Thema der Stunde, die Fl\u00fcchtlingskrise, \u00fcber die erstarkte AfD, \u00fcber Religion und Heimat.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/julia-kloeckner\/10744-julia-kloeckner-im-interview\">J.Kl\u00f6ckner<\/a><\/p>\n<p><strong>Frau Kl\u00f6ckner Sie fordern eine h\u00e4rtere Integration und betonen: \u201eDeutschland ist kein Selbstbedienungsladen\u201c. Wie geht es weiter mit der Fl\u00fcchtlingspolitik? Sehen sie eine baldige L\u00f6sung?<\/strong><br \/>\nDie Fl\u00fcchtlingskrise wird nicht mit einem Schalter zu beenden sein. Wir haben langfristige und kurzfristige Perspektiven zur Reduzierung. Deshalb m\u00fcssen wir als Land zweigleisig fahren. Denn wir k\u00f6nnen nicht nur warten, bis die EU einstimmig entscheidet. Sicherlich wird der Gipfel in Br\u00fcssel am 18. und 19. Februar eine Z\u00e4sur sein.<br \/>\nWir brauchen schnell wirksame Ma\u00dfnahmen. Gleichzeitig d\u00fcrfen wir nicht nachlassen, f\u00fcr die Reduzierung der eigentlichen Fluchtursachen einzutreten. Das wird aber l\u00e4nger dauern. Deshalb habe ich meinen A2 Plan vorgeschlagen, weil es jetzt um eine Atempause f\u00fcr die Kommunen geht. Sie tragen die Hauptlast, auch f\u00fcr Integration. Die kann nicht gelingen, wenn eine \u00dcberforderung eintritt. Deshalb m\u00fcssen wir Tageskontingente einf\u00fchren, die Aufnahmerichtungen an die Grenze verlegen, Menschen konsequent zur\u00fcckschicken, die hier nicht bleiben d\u00fcrfen und ein Integrationspflichtgesetz einf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Hat sich unser Land ver\u00e4ndert? Befindet sich die Bundesrepublik in einer schweren Krise? Brauchen wir eine neue Leitkultur?<\/strong><br \/>\nUnser Land, unsere Gesellschaft hat sich schon immer ver\u00e4ndert und das ist auch gut so, ja sogar notwendig. Sonst w\u00e4ren Frauen, zum Beispiel, weit davon entfernt, Landesvorsitzende oder Kanzlerin zu sein. Ver\u00e4nderung ist also per se nichts Schlechtes, allerdings ist die Frage, wohin sich etwas ver\u00e4ndert. Es gibt Grundwerte, die wir nicht \u00e4ndern wollen und die m\u00fcssen wir kennen und deutlich machen \u2013 uns selbst und den Menschen gegen\u00fcber, die jetzt zu uns kommen. Das ist auch eine Chance der Selbstvergewisserung, also in was hinein wollen wir die Menschen denn integrieren? Wir m\u00fcssen uns klar werden, was uns wichtig ist.<\/p>\n<p>Wir haben lange f\u00fcr die Gleichberechtigung von Mann und Frau gek\u00e4mpft. Darauf kann es jetzt keinen kulturellen oder religi\u00f6sen Rabatt geben. Bei uns stehen Familienehre und die Scharia nicht \u00fcber dem Grundgesetz, aus dem sich Rechte ergeben, aber eben auch Pflichten.<br \/>\nNat\u00fcrlich ver\u00e4ndert die Fl\u00fcchtlingskrise unser Land, auch ins Positive. Wir sehen es bei den Ehrenamtlichen, die an ihren Aufgaben wachsen, mir ihrer Leistungsbereitschaft ein freundliches Gesicht Deutschlands zeigen. Die Situation ist aber auch ein Stresstest f\u00fcr unsere Institutionen, f\u00fcr Verfahren und Gesetze, die jetzt auf dem Pr\u00fcfstand stehen. Vieles wird so pragmatischer gestaltet.<\/p>\n<p>Ob wir uns in einer Krise befinden? Ich w\u00fcrde sagen, dass wir ein Rendezvous mit der Globalisierung haben, so wie es auch Wolfgang Sch\u00e4uble ausdr\u00fcckt. Wir, auch die EU, haben das Fl\u00fcchtlingsproblem zu lange ignoriert. Bei den Schengen Au\u00dfengrenzen haben wir gesagt: Die andern regeln das schon. Aber das geht jetzt so nicht mehr.<\/p>\n<p>Eine neue Leitkultur brauchen wir nach meiner Meinung nicht. Wir haben eine Kultur, gepr\u00e4gt durch unsere aufgekl\u00e4rte, freiheitlich, demokratische Werteordnung. Die gilt es jetzt auch zu artikulieren, auch einzufordern und mit Nachdruck zu vermitteln. Das ist mir wichtig. Kein Nebeneinander von wertneutralem multi-kulti, nicht einfach nur die Addition von Vielfalt. Wir d\u00fcrfen die Generationenaufgabe der Integration nicht dem Zufall \u00fcberlassen.<\/p>\n<p><strong>Die Parteienlandschaft im Land verschiebt sich, sie wird radikaler. Die <\/strong><strong>AFD<\/strong><strong> erstarkt. Was l\u00e4uft falsch im Land?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde nicht von radikaler sprechen, ich nehme eher eine Polarisierung in der Gesellschaft wahr. Erstmal denke ich, wir m\u00fcssen damit aufh\u00f6ren, dass sich die Skeptiker und die Euphoriker gegenseitig mit Polemik \u00fcberziehen. Menschen wollen Antworten, weil sie \u00c4ngste und auch Sorgen haben. Das ist auch nichts Ungew\u00f6hnliches angesichts dieser beispiellosen Herausforderung. Falsch finde ich, wenn Menschen pauschal diffamiert oder in die rechte Ecke gestellt werden durch rot-gr\u00fcne Moralkeulen. Wir wissen aus Weimar, dass Demokraten in der Mitte zusammen stehen m\u00fcssen und sich nicht taktisch auseinander dividieren oder gar spalten lassen sollten. Und wir d\u00fcrfen Populisten nicht ausweichen, sondern wir m\u00fcssen sie argumentativ entwaffnen. Deshalb ist es ein Fehler, dass die Ministerpr\u00e4sidentin von Rheinland-Pfalz bei der so genannten Elefantenrunde abtaucht und sogar einen \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender unter Druck setzen wollte, die AFD auszuladen. Die bekam so einen M\u00e4rtyrer Status. Das halte ich f\u00fcr fatal.<\/p>\n<p><strong>Sie sind quasi die politische Enkelin von Helmut Kohl und bezeichnen ihn als Weltb\u00fcrger und Mann der Weltgeschichte. Helmut Kohl nannte sie einen Gl\u00fccksfall f\u00fcr die Partei. Was haben sie was andere nicht haben? Was zeichnet sie aus? Helmut Kohl ist ja nicht daf\u00fcr bekannt, Komplimente in den eigenen Reihen zu verteilen.<\/strong><br \/>\nWas vielleicht die wenigsten wissen, oder sich daran erinnern k\u00f6nnen ist, dass Helmut Kohl ein junger Wilder, ein Reformer in Rheinland-Pfalz war. Er hat unsere Partei modernisiert, hatte das meistbeachtete Kabinett in Deutschland. Unter ihm galt unser Land als Talent- und Ideenschmiede der Republik. Daran wollen wir ankn\u00fcpfen mit einem frischen Team, das ich aufgestellt habe.<br \/>\nIch glaube, es geht darum, eine Partei zusammen zu halten und dann programmatisch aufzustellen. Dass wir heute eine moderne Programmpartei sind, mit dem Erfahrungsschatz vieler, das ist die Tradition von Helmut Kohl.<\/p>\n<p><strong>Ihre politische Karriere weist ja indirekt nach Berlin ins Kanzleramt.<\/strong><br \/>\nDem widerspreche ich. Meine politische Karriere weist, sofern die W\u00e4hler wollen, in die Mainzer Staatskanzlei. Das ist mein Ziel. Ich war neun Jahre lang als Abgeordnete und Staatssekret\u00e4rin in Berlin. Ich habe mich bewusst f\u00fcr Rheinland-Pfalz entschieden und deshalb weist mein Weg in meine Heimat Rheinland Pfalz.<\/p>\n<p><strong>Was macht die F\u00fchrungsst\u00e4rke von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus? Wo liegt das Geheimnis Ihres Erfolges gerade in Zeiten, wo eine Krise die andere jagt.<\/strong><br \/>\nAngela Merkel zeigt Standhaftigkeit und R\u00fcckgrat, und das ist in schwierigen Zeiten besonders wichtig. Sie denkt vom Ende her und ist niemand, der reflexhaft reagiert und ihre Meinung st\u00e4ndig \u00e4ndert, so wie Herr Gabriel.<br \/>\nNat\u00fcrlich sp\u00fcrt Angela Merkel Dringlichkeit der Krise und die Sorgen vieler Menschen, die damit verbunden sind. Sie arbeitet bis an die Leistungsgrenzen und dar\u00fcber hinaus daran, Europa zusammen zu halten, die Zahlen der Fl\u00fcchtlinge zu reduzieren und die Fluchtursachen zu beseitigen. Sie ist eine sehr souver\u00e4ne und in sich ruhende F\u00fchrungsperson. Ich w\u00fcsste nicht, wen ich an ihrer Stelle jetzt eher in der Position sehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt der katholische Glaube. \u00dcberhaupt das Religi\u00f6se in Ihrem Leben?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde es gar nicht in katholisch oder evangelisch sortieren. Der Glaube gibt mir Halt. So wei\u00df ich auf der einen Seite, dass man seine Talente nutzen soll und sagen: \u201emach das, was du kannst\u201c. Auf der anderen Seite kann man sich aber irgendwann auch aufgehoben f\u00fchlen und loslassen. Das gibt schon ein St\u00fcck Gelassenheit. Und bei schwierigen Entscheidungen orientiere ich mich erst recht am christlichen Menschenbild, Stichwort Subsidiarit\u00e4t. Die christliche Soziallehre besagt, auf Freiheit zu setzen, auf die Pers\u00f6nlichkeit des Einzelnen. Das hei\u00dft, dass der Mensch frei sein muss, um sich entsprechend des Potentials zu entwickeln, das in ihm steckt. Das hei\u00dft aber auch Eigenverantwortung, eben das Subsidiarit\u00e4tsprinzip, also nicht alles auf die n\u00e4chsth\u00f6here Ebene abzuschieben. Und es hei\u00dft Solidarit\u00e4t, konkret Hilfe zur Selbsthilfe. Insofern leite ich daraus auch viel f\u00fcr die Bildungspolitik ab. Keine Einheitsschulen beispielsweise, jedem seine Bildung und nicht eine Bildung. Aber ich leite damit auch den Schutz des Lebens ab. Jeder Mensch ist gleich viel Wert. Aus diesem Grund bin ich auch gegen aktive Sterbehilfe.<\/p>\n<p><strong>Sie sind ein Mensch, der tief in seiner Heimat Rheinland-Pfalz verankert ist. Was bedeutet Heimat eigentlich f\u00fcr sie?<\/strong><br \/>\nDer Begriff Heimat hat verschiedene Bedeutungen und Ebenen. Ich versteht erst einmal etwas Lokales darunter, einen Ort. Ich bin gro\u00df geworden in Guldental, das elterliche Weingut steht da, die feste Scholle. Heimat sind f\u00fcr mich Ger\u00fcche, wie Heu oder die Hefe, die im Herbst \u00fcber dem Dorf liegt, wenn die Weinlese eingefahren wird und wenn der Most anf\u00e4ngt, zu g\u00e4ren.<br \/>\nHeimat sind nat\u00fcrlich Menschen, ist Familie, sind die Liebsten, die man hat. Und wenn ich mit Fl\u00fcchtlingen rede, dann sagen sie, dass sie die Heimat in sich tragen, als Erinnerung an ihre tats\u00e4chliche, zerbombte Heimat, wo sie nicht mehr leben k\u00f6nnen. Heimat ist also auch ein Grundgef\u00fchl, wo man sich aufgehoben f\u00fchlt.<\/p>\n<p><strong>Sie waren Chefredakteurin des Sommeliermagazins. Was verbindet Politik mit einem guten Wein? Jesus von Nazareth erz\u00e4hlt das Geheimnis vom neuen Wein in alten Schl\u00e4uchen, wie interpretieren Sie das?<\/strong><br \/>\nIch spreche lieber von neuem Wein in neuen Schl\u00e4uchen: Denn gibt man den neuen Wein in alte Schl\u00e4uche, zerrei\u00dfen sie. Eine neue Botschaft braucht auch neue Mittler. Bei Jesus war es so, dass er das Vierfachgebot der Liebe gepredigt hat, also auch die Feindesliebe. Und er hat gesagt, dass der Mensch nicht f\u00fcr die Gesetze da sein muss, sondern die Gesetze f\u00fcr den Menschen. Und die alten Schl\u00e4uche, die alte Gesetzgebung, die alte Mannschaft, die wollte und konnte die neue Botschaft von Jesu nicht weitertragen.<br \/>\nDeswegen hat er von diesem neuen Wein f\u00fcr neue Schl\u00e4uche gesprochen. Und das hei\u00dft politisch f\u00fcr Rheinland-Pfalz auch: Wir brauchen den Wechsel, damit Neues m\u00f6glich wird. Und das geht nicht durch einen neuen Anstrich, sondern durch eine neue Mannschaft und andere Inhalte. Wein und Politik haben gemeinsam, das es ab zu und mal brodeln muss, so wie die G\u00e4rung beim Wein. Und nat\u00fcrlich kommt es auf die Zutaten an und die Menschen dahinter.<\/p>\n<p><strong>Am Deutschen Stammzellgesetz von 2001 w\u00fcrden Sie aber nicht r\u00fctteln, oder?<\/strong><br \/>\nEs zeigt sich ja inzwischen, dass wir Recht behalten haben. Bei der embryonalen Stammzellforschung ist man nicht vorangekommen, aber bei der adulten, die ethisch unbedenklich ist, schon. Und die Schiebung des Stichtages f\u00fchrte nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer Doppelmoral. Denn wenn wir in Deutschland keine Stammzellen gewinnen k\u00f6nnen und die in anderen L\u00e4ndern gewonnenen Stammzellen nutzen m\u00fcssen, dann ist das ethisch nicht korrekt. Deshalb sollten wir mehr in die adulte Stammzellforschung investieren.<\/p>\n<p>Fragen: Dr. Dr. Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1>Wie rechts sind wir wirklich?<\/h1>\n<p>Nach neuesten Umfragen hat die \u201eAlternative f\u00fcr Deutschland\u201c die 13 Prozent-H\u00fcrde erreicht. Die AfD erstarkt! Ein gef\u00e4hrlicher Trend zeichnet sich ab, der von deutschen Politikern indirekt mit gef\u00f6rdert und nun energisch zu bek\u00e4mpfen ist.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10694-afd-im-aufwind-ende-der-demokratie\">Wikipedia\/gemeinfre<\/a><\/p>\n<p>Wir haben mittlerweile ein rechtes Problem in Deutschland. Wer dachte, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust der Nationalsozialismus oder nationalsozialistisches Denken per se, durch die aufgekl\u00e4rte Vernunft, verbietet, sieht sich arg get\u00e4uscht. Im Angesicht der Fl\u00fcchtlingskrise f\u00e4hrt nur noch eine Partei in Deutschland auf \u201eErfolgskurs\u201c, die AfD, und dies nicht nur im Osten der Republik. Auch im b\u00fcrgerlichen Milieu der bundesdeutschen W\u00e4hlerschaft gibt es einen gro\u00dfen Zuspruch f\u00fcr die neuen Rechtskonservativen. Warnte Franz-Josef Strau\u00df noch davor, dass es rechts der CSU keine Partei mehr geben darf, hat sich das politische Spektrum in Deutschland in diese Richtung, also deutlich nach rechts verschoben. Die eurokritische und europakritische AfD \u2013 die insbesondere durch die Ha\u00dftiraden eines Bj\u00f6rn H\u00f6cke \u2013 einen uns\u00e4glichen Populismus und Hetze betreibt, fasziniert dabei ausschlie\u00dflich ein m\u00e4nnliches Publikum, wie eine Umfrage von \u201eEmnid\u201c ergab. Nach dem Ausstieg Bernd Lucke aus der Partei hatte sich die AfD radikalisiert und im Poker um die Macht Luckes und Hans-Olaf Henkels \u201eAllianz f\u00fcr Fortschritt und Aufbruch\u201c (Alfa) aus dem Rennen und aus der politischen Wahrnehmung gedr\u00e4ngt. Von Alfa ist kaum etwas zu h\u00f6ren, um so mehr von der AfD. Jeder achte bis zehnte Deutsche kann sich vorstellen, diese zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<h6>Drittst\u00e4rkste politische Kraft in Deutschland<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend die etablierten Parteien st\u00e4ndig in der W\u00e4hlergunst verlieren, das Vertrauen in die Gro\u00dfe Koalition schmilzt, w\u00e4chst am rechten Rand eine neue Gefahr mit einer dramatischen Vorschubbewegung. Die Alternative f\u00fcr Deutschland von Frauke Petry und Alexander Gauland steht \u2013 laut aktuellen Umfragen \u2013 mittlerweile als drittst\u00e4rkste politische Kraft hinter der CDU und der SPD. Selbst die Gr\u00fcnen wurden \u00fcberholt. 13 Prozent \u2013 Tendenz steigend \u2013 der Bundesdeutschen kokettieren mit der Partei, die 2013 als Reaktion auf die Euro-Rettungspolitik in Berlin gegr\u00fcndet wurde, und die bei der Europawahl 2014 erstmals \u00fcberregionale Mandate gewann und 2014 in die Landesparlamente von Sachsen, Brandenburg und Th\u00fcringen sowie 2015 in die von Hamburg und Bremen einzog.<\/p>\n<h6>Die AfD wurde zu lange ignoriert<\/h6>\n<p>Viele Politiker in Deutschland haben den Rechtskonservativen lange Zeit keine Bedeutung oder gar politische Gestaltungskraft einger\u00e4umt, von einem \u00dcbergangsph\u00e4nomen war die Rede, von \u201eAbschaum\u201c, \u201eDumpfbacken\u201c, \u201ePack\u201c, \u201eArschl\u00f6chern\u201c und verwirrten Geistern, denen es an kritischer Urteilskraft mangelt, und die schon wieder auf Spur kommen werden. Leider hat sich diese Verdr\u00e4ngungsstrategie, das Wegschweigen, als ein Fehler erwiesen. Viele kritische Journalisten waren bereits 2015 weitsichtiger und sagten einen Rechtsruck in der Bundesrepublik voraus, die sich proportional zum hadernden Abw\u00e4gen bei der Fl\u00fcchtlingskrise, der Entscheidungslosigkeit der Bundesregierung, beschleunigt. Alexander Gauland gar hatte die Fl\u00fcchtlingskrise als \u201eGeschenk\u201c f\u00fcr seine Partei bezeichnet. Ohne Asylanten und Fl\u00fcchtlinge, ohne Syrer, Iraker, Algerier und Afghanen k\u00f6nnte die AfD in der Tat einpacken.<\/p>\n<h6>Der Populismus der gro\u00dfen Parteien<\/h6>\n<p>Dennoch: Derzeit stehen die Chancen f\u00fcr die AfD bei den anstehenden Landtagswahlen in die Parlamente zu kommen, gut, sehr gut. Mittlerweile hat die AfD im Kampf um die Macht alle \u00fcbrigen Parteien auf ihr semantisches Spielfeld gezwungen, die ihrerseits auf die von der Partei parolenhaft ausgegebenen Schablonen mit gleichfalls schablonenhaften Platit\u00fcden reagieren. Einer wieder \u2013 wie ein Ph\u00f6nix \u2013 aus der Asche tretenden AfD gie\u00dft nicht nur die CSU mit einem geplanten Brandbrief an die Kanzlerin \u00d6l aufs Feuer, sondern auch die Linke um Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine schenken sich nichts, wenn es darum geht, die Populisten am rechten Rand der Gesellschaft stark zu machen. Wenn der bayerische Finanzminister Markus S\u00f6der poltert, dass sich \u201edeutsche Frauen wieder sicher\u201c f\u00fchlen m\u00fcssen, regt das nicht einmal mehr Linke-Politikerin Katja Kipping auf. Die Strategie, die potentiellen AfD-W\u00e4hler durch populistische \u00c4u\u00dferungen zur\u00fcckzuholen, wie es CSU-Chef Horst Seehofer gerade praktiziert, hat schon in Frankreich nicht funktioniert. Nicolas Sarkozy hatte dort versucht, den Immigrationskurs zu versch\u00e4rfen, was dabei herauskam, war eine St\u00e4rkung des Front National.<\/p>\n<h6>Mehrheit der Deutschen lehnt AfD-Ausschluss bei Fernsehduellen ab<\/h6>\n<p>Der Tonfall in Deutschland versch\u00e4rft sich, der Drift nach rechts ist nicht nur bei Union, SPD und Gr\u00fcnen zu verzeichnen, sie alle machen mit ihren \u00c4u\u00dferungen einen Rechtspopulismus hoff\u00e4hig und st\u00e4rken damit das Original. Umgekehrt ist das Totschweigen der AfD, ihr Verdr\u00e4ngen aus dem politischen Diskurs, auch nicht die L\u00f6sung des Problems. Laut \u201eSonntagstrend\u201c findet es die Mehrheit der Deutschen falsch, die AfD bei den Fernsehduellen nicht zuzulassen. 53 Prozent der Befragten sind daf\u00fcr, 34 Prozent dagegen. Die Mainzer Ministerpr\u00e4sidentin Malu Dreyer (SPD) und der Landeschef von Baden-W\u00fcrttemberg Winfried Kretschmann (Gr\u00fcne) hatten erkl\u00e4rt, sich nicht mit der AfD an einem Tisch zu setzen. Der Ausschluss der AfD bei TV-Duellen vor den Landtagswahlen am 13. M\u00e4rz in Baden-W\u00fcrttemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt hat so letztendlich der AfD indirekt Auftrieb gegeben. Sie kann sich nun als \u201eOpfer einer ganz gro\u00dfen Koalition von Altparteien und Medien\u201c, positionieren und pr\u00e4sentieren, wie der Mainzer Politologe Kai Arzheimer unterstreicht. \u201eDamit erreicht die AfD vermutlich mehr und positivere Aufmerksamkeit, als sie durch die Teilnahme an der Elefantenrunde erreicht h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<h6>Wie gef\u00e4hrlich ist die AfD?<\/h6>\n<p>Das Gef\u00e4hrliche an der AfD ist, dass die im Moment gute Bedingungen f\u00fcr die Verbreitung ihrer Botschaften findet. Bereits in ihrem \u201eThesenpapier Asyl\u201c 2015 formulierte und forderte sie vieles von dem, was derzeit Gestaltungsgegenstand der etablierten Parteien bei der Bew\u00e4ltigung der Fl\u00fcchtlingskrise ist: Grenzschlie\u00dfung, Beschleunigung von Verfahren, t\u00e4gliche Ausweisungen, Residenzpflicht, Begrenzung des Nachzuges von Familienangeh\u00f6rigen, Einschr\u00e4nkung von Geldleistungen.<br \/>\nNach Au\u00dfen, so scheint es, ist die AfD eine Alternative, der es ganz geschickt gelingt, die These zu verbreiten, dass sich die gro\u00dfen Parteien hierzulande mehr um Fl\u00fcchtlinge und Migranten k\u00fcmmern als um die eigene Bev\u00f6lkerung, um die einfachen Menschen, die sich von der gro\u00dfen Politik entt\u00e4uscht f\u00fchlen. Das Perfide an dieser Taktung ist nicht neu. So mobilisierte schon Adolf Hitler Millionen von Menschen, die sich nach der Deutschen Wirtschaftskrise in Not, pers\u00f6nlichem Elend, mit Ressentiments aufgeladen, fanden, um diese in sein uniformes Weltbild einzukleiden. Sie von dort abzuholen, war ein Leichtes gewesen. Diese \u00c4ngste und Ressentiments sch\u00fcrte auch die Stellvertretende Bundessprecherin der AfD, Beatrix von Storch, bei \u201eAnne Will\u201c, wenn sie Deutschland als \u201eBananenrepublik\u201c bezeichnete, dass Ger\u00fccht streute, dass Deutschland bald f\u00fchrerlos sei, weil die Kanzlerin nach Chile oder S\u00fcdamerika gehe. Geschickt inszeniert auch Storchs neue Panikmache, dass noch acht bis zehn Millionen Syrer auf der Flucht seien.<\/p>\n<h6>Die Politik ist mehr denn je gefordert<\/h6>\n<p>Gefordert ist nun die Gro\u00dfe Koalition, die Politiker aller Parteien, die ihre Denk- und Argumentationsmuster im Sinne der Demokratie verst\u00e4rkt in den Mittelpunkt r\u00fccken sollten und nicht populistisch und brachial zur\u00fcckr\u00fclpsen. Es ist dringender denn je geboten, nicht nur endlich au\u00dfenpolitisch zu agieren, sondern innenpolitisch \u2013 ganz scharf im Blick dabei die AfD. Dies um so mehr vor dem Hintergrund der Gefahr eines Rechtsrucks in der Bundesrepublik, denn dieser k\u00f6nnte \u2013 wie in vielen L\u00e4ndern der EU \u2013 das Land von innen wie ein Schwamm aufsaugen. Gefordert ist ein starker Rechtsstaat, der gegen alle Delikte scharf vorgeht, der sich aber noch deutlicher gegen demokratiefeindliche Aktionen positionieren muss. Es gilt sich, der AfD argumentativ zu stellen und die v\u00f6lkische Sprache als demokratiezersetzende Propaganda zu entlarven. Dies bedeutet aber auch, jenseits von Ideologie und Opportunit\u00e4t, die derzeitigen Probleme moralisch integer und sachorientiert zu l\u00f6sen. Um die von Krisen profitierende AfD zu schw\u00e4chen, erwiese es sich als beste M\u00f6glichkeit, die Krisen zu bew\u00e4ltigen. Der Politikwissenschaftler Richard St\u00f6ss hat den Erfolg rechtspopulistischer Parteien darauf zur\u00fcckgef\u00fchrt, dass ihre Popularit\u00e4t darin besteht, \u201eeine gesellschaftlich relevante Konfliktposition\u201c zu vertreten, durch die sie sich von den etablierten Parteien unterscheidet. Diese \u201erelevante Konfliktposition\u201c gilt es der AfD aus der Hand zu nehmen.<\/p>\n<h1>\u201eMerkel hat die Renationalisierung in Europa entscheidend verst\u00e4rkt\u201c<\/h1>\n<p>Mit Interview mit Prof. Dr. Dr. Gesine Schwan sprach Stefan Gro\u00df \u00fcber die Europa- und Fl\u00fcchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel, \u00fcber das Erstarken der AfD und \u00fcber die politische Entwicklung in Osteuropa.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/gesine-schwan\/10688-regierungsprobleme-in-der-fluechtlingskrise\">Flickr<\/a><\/p>\n<p><strong>The European: Wie steht es Ihrer Meinung nach um Deutschland und Europa. Viele kritisieren die Kanzlerin f\u00fcr ihre Fl\u00fcchtlingspolitik. EU-Ratspr\u00e4sident Tusk warnt vor dem Scheitern von Schengen und betont: Der \u201eEU bleiben in der Fl\u00fcchtlingskrise weniger als zwei Monate.\u201c M\u00fcssen wir Angst vor der Zukunft haben?<\/strong><br \/>\nWir m\u00fcssen schon sehen, dass es sehr kritisch steht. F\u00fcr mich ist Angst keine sinnvolle Kategorie oder Haltung in der Politik, weil sie meistens nicht ins Konstruktive f\u00fchrt. Wir haben \u00fcber lange Zeit, und das ging grade von der deutschen Bundesregierung und auch von der Kanzlerin aus, eine Europapolitik in kurzsichtigem nationalem Interesse Deutschlands praktiziert. Sie hat die Renationalisierung in Europa entscheidend verst\u00e4rkt. Das ist der Grund der heutigen Situation, in der man den Mangel an Solidarit\u00e4t beklagt. Wir waren jahrelang \u2013 von Seiten der deutschen Bundesregierung \u2013 kein benevolenter Hegemon, obwohl es l\u00e4ngst klar war, welch gro\u00dfe Macht wir in Europa gewonnen hatten. Deswegen ist es jetzt auch so schwer, in der vielleicht ersten Situation, in der die Bundesrepublik Deutschland selbst Hilfe braucht, die Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t der anderen EU-Partner zu erhalten. Dies gilt nicht so sehr, weil wir schwach ist, sondern weil wir so attraktiv f\u00fcr viele Fl\u00fcchtlinge sind. In Europa fehlt eine moralisch-politische Autorit\u00e4t. Deswegen befinden wir uns in dieser sehr schwierigen Krise. Ich m\u00f6chte damit auch nicht besch\u00f6nigen, dass die Motive in Polen und Ungarn sehr skeptisch gegen\u00fcber Europa sind.<\/p>\n<p><strong>The European: Also Angst m\u00fcssen wir nicht haben, oder?<\/strong><br \/>\nEs kann schon gef\u00e4hrlich werden, blo\u00df Angst ist etwas Diffuses. Mir kommt es darauf an, die derzeit gef\u00e4hrliche Situation so pr\u00e4zise zu sehen, um dann pr\u00e4zise darauf zu antworten. Und es um vorweg zu sagen: Ich glaube, dass die Schlie\u00dfung der Grenzen, wenn sie von Deutschland ausginge, die Europ\u00e4ische Union zerst\u00f6ren w\u00fcrde. Daher halte ich das f\u00fcr eine v\u00f6llig falsche Antwort, eigentlich auch f\u00fcr eine, die man nicht realisieren kann, denn es w\u00fcrde zu chaotischen Stauzust\u00e4nden in S\u00fcdosteuropa kommen. Meiner Meinung kann nur eine solidarische Aktion helfen, beispielsweise einen Hilfsfonds f\u00fcr die L\u00e4nder aufzulegen, die in Europa Fl\u00fcchtlinge aufnehmen. Und diesen Fonds in Europa gemeinsam zu verb\u00fcrgen, ist jetzt notwendig, damit wir wirklich gemeinsam vorankommen.<\/p>\n<p><strong>The European: Hat die <\/strong><strong>SPD<\/strong><strong> mit der Kanzlerin Merkel derzeit Gl\u00fcck?<\/strong><br \/>\nDas k\u00f6nnte eine ganz kurzsichtige parteipolitische Idee sein, wenn man denkt, dass die SPD Gl\u00fcck mit einer Kanzlerin hat, die in Bedr\u00e4ngnis ist. Sie hat auch nicht Gl\u00fcck in dem Sinne, dass die Kanzlerin wirklich eine praktikable Strategie h\u00e4tte. Denn die vier Schritte, die sie immer wieder propagiert, so u. a. die Ursachenbek\u00e4mpfung, gehen nicht von heute auf morgen. Die Fl\u00fcchtlingslager besser stabilisieren ist immerhin ein Weg. Die Grenzen von au\u00dfen zu sichern etwas sehr Schwieriges. Ich sehe nicht, wie das gelingen soll, und wie wir vermeiden wollen, wieder ganz katastrophale Bilder von sinkenden Schiffen zu haben. Diesmal nicht vor Lampedusa, sondern an den sehr komplizierten Au\u00dfengrenzen der griechischen Inseln, die ja noch schwerer zu sch\u00fctzen sind.<br \/>\nEine Verteilung der Fl\u00fcchtlinge in Europa ist ohne eine gemeinsame solidarische Politik unm\u00f6glich. Was wir zugleich ben\u00f6tigen, ist mehr Wirtschaftswachstum, ist ein Paradigmenwechsel, damit wir insgesamt aus dieser Depression herauskommen. Aber die solidarischen Elemente sind in Merkels Strategie nicht enthalten.<\/p>\n<p><strong>The European: Kritik kommt auch von der <\/strong><strong>SPD<\/strong><strong>, von Sigmar Gabriel und Gerhard Schr\u00f6der. Sie haben die Fl\u00fcchtlingspolitik als Fehler bezeichnet. Von keinem Plan war die Rede. Sehen Sie das genauso?<\/strong><br \/>\nIch glaube, dass die damalige Entscheidung von Frau Merkel eine schlimme aktuell chaotische Situation in S\u00fcdosteuropa zu vermeiden und schlimme Bilder durch die Welt gehen zu lassen, sie dazu bewogen hat, die \u00d6ffnung der Grenzen f\u00fcr syrische Fl\u00fcchtlinge in Deutschland zu bef\u00fcrworten. Ich glaube aber, da hatte sie keine klare Strategie. Sie hat sich wahrscheinlich auch nicht ganz klar gemacht, dass man eine solche Entscheidung sehr schwer zur\u00fcckrufen kann. Die Antwort von Gerhard Schr\u00f6der, sie h\u00e4tte es im Vorhinein auf Zeit tun sollen, \u00fcberzeugt mich nicht. Denn so etwas kann man zeitlich nicht beschr\u00e4nken, wenn man Zeitgrenzen festlegt. Das Dilemma ist ja nach wie vor aktuell. Was bei den Bef\u00fcrwortern der Grenzschlie\u00dfung \u00fcbersehen wird, ist der damit verbundene auch ganz handfeste wirtschaftliche Schaden f\u00fcr die EU und die zerst\u00f6rerische Wucht, die das h\u00e4tte. Das Dilemma aber bleibt, selbst bei Grenzschlie\u00dfungen. Die Fl\u00fcchtlinge kommen auch, wenn die Grenzen dicht sind. Es hat lange gedauert, wir haben das Problem lange vor uns hergeschoben, aber nun hat uns die Realit\u00e4t eingeholt, d.h. die vielen Miseren in Afghanistan und Afrika usw. Jetzt m\u00fcssen wir wirklich in einer Z\u00e4sur einen neuen Solidarit\u00e4tsanlauf nehmen und vor allem auch schnell handeln.<\/p>\n<p><strong>The European: Wie beurteilt man Fl\u00fcchtlingspolitik der Bundesregierung in Osteuropa, in Polen beispielsweise, wie wird Deutschland wahrgenommen?<\/strong><br \/>\nWas von der jetzigen polnischen Regierung an Kritik an Deutschland ge\u00e4u\u00dfert wird, wenn man beklagt, dass die Bundesregierung zu wenig R\u00fccksicht mit ihren Entscheidungen bez\u00fcglich ihrer Nachbarn nimmt, hat ein Korn Wahrheit. Die polnische Regierung unter Jaros\u0142aw Kaczy\u0144ski hat aber unabh\u00e4ngig davon das Ziel gehabt, die Demokratie in eine autorit\u00e4re Staatsform zu verwandeln. Dies hat nichts mit der Fl\u00fcchtlingsfrage zu tun. Ich bin der Meinung, dass die Gesellschaft in Polen eine ganz andere ist als die ungarische. Auch in Ungarn gibt es mehr Opposition gegen\u00fcber Viktor Orb\u00e1n als man oft h\u00f6rt. Die polnische Gesellschaft jedoch hat sehr viel mehr Erfahrung mit zivilgesellschaftlicher Opposition, \u00fcberhaupt mit Opposition. Solidarno\u015b\u0107 mit Lech Wa\u0142\u0119sa war ja eine gro\u00dfe Oppositionsbewegung. Jaros\u0142aw Kaczy\u0144ski zielt auf etwas \u00c4hnliches wie es der autorit\u00e4re Kommunismus war, nur eben ohne Kommunismus und daf\u00fcr mit einer sehr klerikal-konservativen Note und mit einer sehr r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten katholischen Idee.<br \/>\nDie Polen werden wiederum ihre Oppositions- und Widerstandsinstinkte ganz schnell wieder mobilisieren, was sie auch schon tun. \u00dcberall schie\u00dfen Komitees zur Rettung der Demokratie aus dem Boden.<\/p>\n<p><strong>The European: Der Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Parlaments, Martin Schulz (<\/strong><strong>SPD<\/strong><strong>) hat Polen vorgeworfen, eine Demokratie im Stile Putins zu praktizieren. Wie rechts ist denn Polen Ihrer Meinung nach wirklich, wie antieurop\u00e4isch wird dort Ihrer Meinung nach regiert?<\/strong><br \/>\nPolen ist gar nicht antieurop\u00e4isch. Im Gegenteil die polnische Gesellschaft war die pro-europ\u00e4ischste von allen, die in der EU sind. Es bringt keinen Erkenntniswert, das gegenw\u00e4rtige Polen mit dem Russland Putins gleichzusetzen.<br \/>\nIch glaube, dass deutsche Politiker und Politikerinnen eher zur\u00fcckhaltend mit ihren \u00c4u\u00dferungen sein sollten, weil sie sehr schnell instrumentalisiert werden k\u00f6nnen. Als Mitglied der Zivilgesellschaft kann ich mir diese Kritik erlauben.<br \/>\nIm Wesentlichen muss die \u00dcberwindung dieser autorit\u00e4ren Wendung, die die gegenw\u00e4rtige Regierung in die Wege geleitet hat und bestrebt ist fortzusetzen, von innen her, von den Polen, selbst kommen. Und ich bin mir sicher, dass dieser Prozess auch erfolgreich sein wird.<\/p>\n<p><strong>The European: Wie geht es weiter mit Griechenland? Schuldenkrise, zunehmende Armut und Rentenk\u00fcrzungen geh\u00f6ren dort zum bitteren Alltag. Sind damit soziale Unruhen vorprogrammiert?<\/strong><br \/>\nWenn man, wie in der gegenw\u00e4rtigen Politik des Landes, auch auf Initiative Deutschlands, die 12. Rentenk\u00fcrzung durchsetzen will, was ein Fehler der unsolidarischen deutschen Politik ist, kann man mit sozialen Unruhen und einer noch gr\u00f6\u00dferen Depression im Land rechnen.<br \/>\nDer gr\u00fcne EU-Abgeordnete Sven Giegold hat zu Recht von der Bundesregierung gefordert, und ich schlie\u00dfe mich dem an, dass diese Rentenk\u00fcrzung jetzt nicht auch noch vollzogen werden darf. Denn wie soll ein Land, das im Moment die Hauptlast der Einreise aller Fl\u00fcchtlinge nach Europa tr\u00e4gt, \u00fcberhaupt noch agieren k\u00f6nnen, wenn der soziale Zusammenhalt von au\u00dfen \u2013 nicht von innen \u2013 immer mehr zerst\u00f6rt wird. Die Solidarit\u00e4t unter den Griechen ist gro\u00df, aber sie ist nicht unbegrenzt.<\/p>\n<p><strong>The European: Nach der Silvesternacht in K\u00f6ln formieren sich in Deutschland B\u00fcrgerwehren, die AfD erstarkt und bedr\u00e4ngt die <\/strong><strong>SPD<\/strong><strong>.<\/strong><br \/>\nIn Deutschland sehe ich keine B\u00fcrgerwehren, sondern eine Partei, die versucht alle Ressentiments, die es gibt, zu wecken, um an die Macht zu kommen. Die AfD ist auch keine pro-europ\u00e4ische Partei. Was das Erstarken der Partei um Frauke Petry betrifft, da kann man nur hoffen, dass es viele zivilgesellschaftliche Initiativen gibt, die sich dagegen stellen und eine demokratische Kultur, die stark genug ist, damit sich extremistische Gedanken nicht weiter ausbreiten. Dazu aber brauchen wir eine Fl\u00fcchtlingspolitik der ruhigen Hand. Und hier zeigt sich wieder das Dilemma: Die Kanzlerin verfolgt eine Politik, die von Anfang nicht durchdacht war und von ihrer Union nicht getragen wird. Die SPD kann schwer die Politik Merkels, die strategisch sehr unzureichend ist, gegen ihre Partei unterst\u00fctzen.<br \/>\nNat\u00fcrlich hat auch die SPD mit Widerst\u00e4nden zu k\u00e4mpfen, die sich aus meiner Sicht daraus ergeben, dass der politische Kurs der Regierung unklar ist, weil sich nicht erschlie\u00dfen l\u00e4\u00dft, was die Regierung eigentlich will. Das Dilemma liegt darin, dass die Union letztlich mehrheitlich Fl\u00fcchtlinge raushalten will, aber die Kanzlerin eine Aufnahme der Fl\u00fcchtlinge fordert, wie eben auch die SPD, die sich auf die Integration konzentrieren will. Man kann nicht zu einer guten und fruchtbaren Integration kommen, sowohl f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge als auch f\u00fcr uns, wenn man zugleich die Fl\u00fcchtlinge im Grunde unter der Hand attackiert und raushaben will. Man muss sich entscheiden. Und diese Entscheidung ist eine schwere Last. Diese muss die SPD ihrerseits selbst treffen. Die Union ist dazu aus meiner Sicht nicht in der Lage.<\/p>\n<p><strong>The European: Sie beklagen, dass es keine koh\u00e4rente europ\u00e4ische Fl\u00fcchtlingspolitik gibt, weil die Bundesrepublik nur eine nationale, aber keine Europapolitik gemacht hat. Wie ist das Problem nun aus Ihrer Sicht zu l\u00f6sen?<\/strong><br \/>\nIch habe es schon am Anfang gesagt. Es hat an Weitsicht der Kanzlerin und an ihrer fehlenden Solidarit\u00e4t f\u00fcr andere EU-L\u00e4nder gelegen. Dieses Versagen in Sachen europ\u00e4ischer Solidarit\u00e4t ist der deutschen Bundesregierung unter Angela Merkel anzulasten. Eine Krise nach der anderen, auch die Finanz- und Wirtschaftskrise, wurde immer nur verschoben, nie gel\u00f6st. Die Schuldenkrise in Griechenland k\u00f6nnte l\u00e4ngst Geschichte sein, wenn es im Jahr 2009 eine vern\u00fcnftige L\u00f6sung gegeben h\u00e4tte und nicht soziale K\u00fcrzungen und unertr\u00e4gliche Zinsen auferlegt worden w\u00e4ren , eine L\u00f6sung, wo die Wirtschaft nicht kollabiert w\u00e4re. Jetzt haben wir f\u00fcnf Krisen auf einmal. Und die Situation wird noch schwieriger, wenn Gro\u00dfbritannien aus der EU aussteigt, wenn ein \u201eBrexit\u201c kommen sollte. Wir k\u00f6nnen Europa nur retten, wenn wir dieses Europa sowohl wirtschaftlich als auch solidarisch auf einen wirtschaftlichen und sozial-erfolgreichen Weg bringen, wenn wir z.B. gemeinsam das Problem der Arbeitslosigkeit l\u00f6sen. Und f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingsthematik bedeutet das: Wir brauchen eine solidarische Finanzierung f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge. Es braucht einen neuen Aufschwung f\u00fcr Europa. Ich f\u00fcrchte, dass die Kanzlerin, die einfach in ihrer t\u00e4glichen Arbeit immer mehr zerrieben wird und von einer Reise nach der anderen sich nicht mal erholen kann, dies allein nicht schaffen wird, weil sie auch nicht den Grundimpetus zur Solidarit\u00e4t hat. Die SPD muss, wenn sie wirklich historische Gr\u00f6\u00dfe erreichen will, das jetzt schaffen.<\/p>\n<p><strong>The European: Sie unterstreichen, dass wir ein Einwanderungsland sind und die T\u00fcren offen halten sollten. Aber wie kann man diese Politik der offenen T\u00fcren der kritischen Bev\u00f6lkerung Deutschlands vermitteln?<\/strong><br \/>\nEs ist ein scheinbarer Widerspruch, wenn man betont, dass zu viele Fl\u00fcchtlinge hier sind und zugleich hervorhebt, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind. Ein gro\u00dfes Problem bei der Integration der Fl\u00fcchtlinge ist, dass viele mit einem Ticket zu uns kommen wollen, das nicht f\u00fcr sie gilt. Wenn wir von vornherein klare und unterschiedliche Kontingente festlegen, also differenzieren w\u00fcrden, w\u00e4re das Problem einfacher. Wir m\u00fcssten also unterscheiden zwischen denen, die hier eine bessere Zukunft suchen und die wir auch f\u00fcr unsere Wirtschaft verwenden k\u00f6nnen und einem kleineren Teil von Asylsuchenden, die das Recht haben, dass wir sie aufnehmen. Dann k\u00f6nnen wir das ganz anders ordnen. Es geht nicht um die reine Zahl. Es geht darum, wie wir den Zugang der Menschen nach Deutschland und Europa ordnen. Eine Million auf 80 Million 2015, in einem Jahr, ist noch nicht die Welt. Wir haben in den 50er Jahren 50 Millionen Deutsche in Westdeutschland gehabt und 8 Millionen Vertriebene. Auch diese wurden nicht als wunderbare Deutsche in Empfang genommen, sondern als Fremdlinge angesehen. Und damals waren die Bedingungen noch viel armseliger. Es kommt darauf an, eine klare Kontingentierungsstrategie zu formulieren.<br \/>\nWenn man jetzt dar\u00fcber nachdenkt, dass man ein Einwanderungsgesetz erst 2017 auf den Weg bringen will, dann ist dies viel zu sp\u00e4t. Bereits 2002\/2003 haben Rita S\u00fcssmuth und Jochen Vogel Vorschl\u00e4ge dazu unterbreitet, die man l\u00e4ngst h\u00e4tte aufnehmen k\u00f6nnen. Damals hat Angela Merkel Rita S\u00fc\u00dfmuth noch als parteisch\u00e4digend kritisiert, weil sie sich \u00fcberparteilich in dieser Angelegenheit engagiert hat.<\/p>\n<p>Fragen Dr. Dr. Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Verr\u00e4t Kl\u00f6ckner die Kanzlerin?<\/h1>\n<p>Die Spitzenkandidatin der CDU in Rheinland-Pfalz hat einen Plan. Plan A 2. Dabei handelt es sich um eine Art Fl\u00fcchtlingsbew\u00e4ltigungsplan, der, wie schon vor Monaten bei der Diskussion um die Kontingente gefordert wurde, darauf hinausl\u00e4uft, die Fl\u00fcchtlinge bereits verst\u00e4rkt an den Grenzen abzuweisen und den Zuzug in die Bundesrepublik durch t\u00e4glich flexibel festgesetzte H\u00f6chstwerte zu beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10689-kampf-um-die-obergrenze-julia-kloeckners-neue-idee\">Handelsblatt<\/a><\/p>\n<p>Was den unionsintern umstrittenen Begriff der Obergrenze betrifft, agiert auch Kl\u00f6ckner sensibel und umschifft diesen gro\u00dfz\u00fcgig. Nur bei genauerer Betrachtung ihres Planes ist doch nicht zu \u00fcbersehen, dass ihr Vorschlag ebenfalls auf einen Grenzwert hinausl\u00e4uft. Die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen, so die Politikerin, die unter der Hand als m\u00f6gliche Kanzlerkandidatin und Kronprinzessin der CDU gehandelt wird, und die derzeit im Wahlkampf steht, soll sich nicht mehr nach dem Andrang an den Grenz\u00fcberg\u00e4ngen orientieren, sondern ausschlie\u00dflich \u201enach den vorhandenen Kapazit\u00e4ten der L\u00e4nder und Kommunen\u201c. Noch strikter will sie bei der Bleibeberechtigung verfahren, die direkt an den Grenzen und nicht mehr im Land \u2013 bei Bund oder Kommunen \u2013 geleistet werden soll, sondern direkt vor Ort. Damit w\u00fcrden zum einen die schwierigen R\u00fcckf\u00fchrungen umgangen, die meist durch eine Vielzahl von b\u00fcrokratischen H\u00fcrden viel Zeit und Geld kosten, und die dar\u00fcber hinaus sowohl eine physische als auch psychische Belastung f\u00fcr die abzuschiebenden Fl\u00fcchtlinge bedeuten. Wenn kein Asylantrag m\u00f6glich ist, soll nach Plan A 2 eine schnelle R\u00fcckf\u00fchrung erfolgen.<\/p>\n<h6>Konfrontation mit der Kanzlerin?<\/h6>\n<p>Die CDU-Vize-Chefin sieht ihren Plan nicht als Kritik am Kurs der Kanzlerin oder als Alternative zur bislang strikten Ablehnung einer Obergrenze, sondern als Erg\u00e4nzung. Gegen\u00fcber der \u201ePassauer Neuen Presse betonte Kl\u00f6ckner: \u201eBis europ\u00e4ische Pl\u00e4ne beschlossen sind und wirken, dauert es mir zu lange. Deshalb m\u00fcssen wir jetzt handeln, statt uns von den Entscheidungen anderer treiben oder blockieren zu lassen.\u201c W\u00e4hrend Merkel au\u00dfenpolitisch den Druck verst\u00e4rkt \u2013 auch und insbesondere mit der T\u00fcrkei \u2013 spielt Kl\u00f6ckner die innenpolitische Karte und geht indirekt auf die harte Linie der CSU ein, die f\u00fcr einen Kurswechsel in den n\u00e4chsten Wochen pl\u00e4diert \u2013 inklusive einer von dieser geforderten Obergrenze. Dem entsprechend wird ihr A2 von der CSU goutiert, w\u00e4hrend andere in Plan A2 einen direkten Angriff auf den Kurs der Kanzlerin vermuten.<\/p>\n<h6>Kritik kommt aus den Reihen der SPD und von den Gr\u00fcnen<\/h6>\n<p>Kritik an A2 kam mittlerweile aus den Kreisen der SPD. So hat der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner Kl\u00f6ckners \u201eErg\u00e4nzung\u201c scharf kritisiert und diesen als \u201eAnti-Merkel-Plan\u201c stigmatisiert. \u201eWenn Kl\u00f6ckner den Kurs der Kanzlerin f\u00fcr falsch halte, \u201edann soll sie auch den Mut haben, das offen zu sagen, statt feige den offenen Bruch mit Sprachregelungen zu bem\u00e4nteln\u201c, Wie Stegner betonte, n\u00fctzen solche Vorschl\u00e4ge nichts, solange \u201edie Hausaufgaben\u201c im Land nicht erledigt werden.<\/p>\n<p>Auch die Gr\u00fcnen-Chefin, Simone Peter, bezeichnete A2 gegen\u00fcber \u201entv\u201c als \u201epopulistischen Aktionismus. \u201eDas ist kein neuer Plan, sondern \u00e4hnelt sehr dem Transitzonenvorschlag, den wir vor ein paar Wochen diskutiert haben\u201c. \u201eWenn wir sagen, dass das Grundrecht auf Asyl gilt f\u00fcr die Menschen, die zu uns kommen, dann m\u00fcssen die Menschen registriert und gepr\u00fcft werden.\u201c Das darf jedoch nicht \u201ean solchen Grenzzentren irgendwo im Niemandsland passieren, sondern das muss bei uns in ordentlichen Verfahren erfolgen\u201c. Peter fordert ihrerseits, dass der Bund und die L\u00e4nder mehr Personal zur Verf\u00fcgung stellen, um die Asylverfahren weiter zu beschleunigen.<\/p>\n<h6>Kl\u00f6ckner steht unter Druck \u2013 Am 13. M\u00e4rz sind Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz<\/h6>\n<p>Julia Kl\u00f6ckner ist mit ihrer Absage, Gespr\u00e4che mit der AfD zu f\u00fchren, in die Kritik geraten, hat sich aber umgekehrt eine mediale Aufmerksamkeit gesichert, die sie auch unbedingt ben\u00f6tigt, da ihre Umfragewerte in Rheinland-Pfalz derzeit wie die bunten Bl\u00e4tter im Herbst fallen.<br \/>\nMit Kl\u00f6ckners Plan A2 geht der CDU-interne Streit in die n\u00e4chste Runde. Obgleich die charismatische Politikern, die f\u00fcr das Burka-Verbot pl\u00e4diert, sich dar\u00fcber echauffiert, dass ihr Fl\u00fcchtlinge nicht die Hand reichen, ihre Erg\u00e4nzung eindeutig und ausdr\u00fccklich als Unterst\u00fctzung des politischen Kurses der Kanzlerin versteht, sieht das Merkel ganz anders und bezeichnet Plan A2 als eine \u201eeigenst\u00e4ndige Initiative\u201c.<\/p>\n<p>Ob der eigenm\u00e4chtige Vorsto\u00df Julia Kl\u00f6ckners parteipolitische Karriere f\u00f6rdert, oder dieser eher hinderlich ist, bleibt abzuwarten. Wahlk\u00e4mpfe, so scheint es wenigstens, haben ihre eigene oder gar keine Logik, zumindest folgen sie einer dramatischen Inszenierung, die zur Erlangung der Macht auch mal gegen den eigenen parteiinternen Kurs steuert.<\/p>\n<p><em>Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Stefan Gro\u00df: <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10685-streit-der-richter-andreas-vosskuhle\">Obergrenze ist verfassungswidrig<\/a> <\/em><\/p>\n<h1>Aufschrei der Richter<\/h1>\n<p>Die politische Lage in Deutschland ist gekippt, \u201erechtsfreie R\u00e4ume\u201c werden immer gr\u00f6\u00dfer, Gewalt und Gegengewalt bestimmen den traurigen Alltag der Bundesrepublik. Das Land radikalisiert und spaltet sich immer mehr in rechts und links. Schuld an diesem Dilemma ist der Rechtsbruch der Kanzlerin, die mit ihrer Politik der offenen T\u00fcren ein \u201eeklatantes Rechtsversagen\u201c initiiert hat.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10658-merkels-rechtsbruch\">Bundesregierung<\/a><\/p>\n<p>Es g\u00e4be \u201ekeinerlei rechtliche Verpflichtung Deutschlands\u201c, \u201eden Schutz aller Menschen weltweit durch faktische oder rechtliche Einreiserlaubnis\u201c zu garantieren. \u201eEine solche unbegrenzte Rechtspflicht besteht auch weder europarechtlich noch v\u00f6lkerrechtlich\u201c, so konstatierte Verfassungsrechtler Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio in einem Gutachten, das der Bundesregierung den Bruch des Verfassungsrechtes vorwirft. Di Fabio hatte in diesem von der CSU beauftragten Gutachten nachgewiesen, dass der Bund aus verfassungsrechtlichen Gr\u00fcnden dazu verpflichtet ist, die Landesgrenzen der Bundesrepublik Deutschland zu sichern, dies insbesondere dann, \u201ewenn das europ\u00e4ische Grenzsicherungs- und Einwanderungssystem vor\u00fcbergehend oder dauerhaft gest\u00f6rt ist\u201c. F\u00fcr Bayerns Ministerpr\u00e4sident Horst Seehofer kommt das Gutachten zur rechten Zeit, best\u00e4tigt es ihm doch, dass die angedrohte Verfassungsklage des Freistaats gegen die Fl\u00fcchtlingspolitik der Bundesregierung juristisch berechtigt w\u00e4re.<\/p>\n<h6>Niemals war die Kluft zwischen Recht und Wirklichkeit gr\u00f6\u00dfer<\/h6>\n<p>Auch der ehemalige Verfassungsrichter Hans-J\u00fcrgen Papier hat nun zur Fl\u00fcchtlingskrise Stellung bezogen und vor einer Bedrohung der staatlichen Integrit\u00e4t gewarnt. Gegen\u00fcber dem \u201eHandelsblatt\u201c erkl\u00e4rte der 72-J\u00e4hrige, dass in der rechtsstaatlichen Ordnung der Bundesrepublik die Kluft zwischen Recht und Wirklichkeit niemals so gro\u00df und tief gewesen sei, wie zum derzeitigen Augenblick. \u201eDie engen Leitplanken des deutschen und europ\u00e4ischen Asylrechts sind gesprengt worden. Bestehende Regelungen wurden an die Wand gefahren. Die Asyl- und Fl\u00fcchtlingspolitik krankt seit Langem daran, dass man es vers\u00e4umt hat, zwischen dem individuellen Schutz vor Verfolgung einerseits und der gesteuerten Migrationspolitik f\u00fcr Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge andererseits zu unterscheiden. Letzteres erfolge nicht aufgrund rechtlicher Verpflichtungen, sondern aufgrund politischer Ermessensentscheidungen, die aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden oder einer vorsorgenden Zuwanderungspolitik getroffen werden k\u00f6nnten.\u201c<\/p>\n<p>Wie Di Fabio macht auch Papier die Bundesrepublik samt ihrer Politik der offenen T\u00fcren f\u00fcr die Misere des Rechtsstaates mitverantwortlich und kommentiert, dass die unbegrenzte Einreise ein Fehler gewesen sei und die Bundesregierung damit sowohl ihre Grenzen als auch Kompetenzen deutlich \u00fcberschritten habe. Der Fehler der unbegrenzten Einreise beruhe nicht auf einem umzusetzenden Recht; er ist in voller Tragweite einer politischen Entscheidung zu \u00fcberantworten, die die Kanzlerin h\u00f6chst selbst getroffen habe. Damit wird auch von Seiten Papiers der von Di Fabio bescheinigte Rechtsbruch der Kanzlerin aus juristischer Sicht unterf\u00fcttert.<\/p>\n<h6>Das \u201eeklatante Politikversagen\u201c der Bundesregierung<\/h6>\n<p>Und damit nicht genug: Papier wirft der Bundesregierung um Angela Merkel nicht nur ein \u201eeklatantes Politikversagen\u201c vor, sondern sieht in den vielen gutgemeinten Appellen aus dem Bundeskanzleramt der letzten Monate eine reine Zeitverschwendung am Werk, die zu einem Politikversagen auf breiter Front gef\u00fchrt hat. Die Bundesregierung hat zu lange bei ihrer Fl\u00fcchtlingspolitik gez\u00f6gert, die Hinhaltetaktik ist nun in die falsche Richtung gelaufen, bzw. in einer Orientierungslosigkeit eingem\u00fcndet, die nur noch hilflos agieren kann, statt \u2013 wie politisch sinnvoll \u2013 vorausschauend verantwortungsvoll und damit verantwortungsethisch zu agieren. Rechtfreie R\u00e4ume sowie die sexuellen Bel\u00e4stigungen in der Silvesternacht sind das traurige Ergebnis einer Politik, die nur auf Sicht f\u00e4hrt. Diese Geschehnisse \u201emanifestierten ein partielles Versagen des Staates als Garant von Freiheit und Sicherheit gegen\u00fcber seinen B\u00fcrgern\u201c.<\/p>\n<p>Merkel Auf-Sicht-Politik ging lange gut. Damit steuerte sie sowohl durch die Banken- und Finanzkrise als auch durch die Griechenlandrettung. Aber nun r\u00e4cht sich diese kurzsichtige Politik nicht nur bei der nicht vorhandenen Absicherung der europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen, sondern insbesondere an den deutschen Innengrenzen, wo, trotz Winter, der Fl\u00fcchtlingsstrom mit mehren Tausenden t\u00e4glich nicht abrei\u00dft.<\/p>\n<h6>Ein Wechsel in der Fl\u00fcchtlingskrise ist dringend geboten<\/h6>\n<p>Ein Paradigmawechsel innerhalb der Asylpolitik bleibt f\u00fcr Papier die dringende Aufgabe, die die Kanzlerin jetzt leisten muss. Es ist das Gebot der Stunde, das auch \u00fcber die Zukunft der Kanzlerin selbst entscheidet. Zu den dringlichsten Aufgaben z\u00e4hlt er die radikale Trennung zwischen Kriegsfl\u00fcchtlingen und Wirtschaftsfl\u00fcchtlingen, die Sicherung der deutschen Grenzen, die vor\u00fcbergehende Aussetzung der Schengen-Regeln und die Unterbindung von illegalen Einreisen, denn es \u201egibt kein voraussetzungsloses Recht auf Einreise f\u00fcr Nicht-EU-Ausl\u00e4nder\u201c. Laute Kritik \u00fcber Merkels \u201eF\u00fchrung\u201c bei der Fl\u00fcchtlingspolitik und den Sex-\u00dcbergriffen kam zuletzt aus den USA, wo Autoren unterschiedlicher Couleur \u2013 nicht nur wie in der \u201eNew York Times\u201c \u2013 sogar den R\u00fccktritt der Kanzlerin forderten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den ehemaligen Verfassungsrichter und Staatsrechtswissenschaftler Papier, der bis 2010 Pr\u00e4sident des Bundesverfassungsgerichts war, und der schon nach der Bundestagswahl von 2005 die Politiker dazu ermahnt hatte, das Vertrauen der B\u00fcrger nicht aufs Spiel zu setzen, der \u201eeine verantwortliche politische F\u00fchrung des Landes\u201c und \u201ekeine Vorf\u00fchrung taktischer Scharm\u00fctzel\u201c oder \u201esmarte Spr\u00fcche aus der Werbeabteilung der Politikberatung\u201c forderte, bleibt die Tatsache, dass Deutschland von anderen EU-Staaten die Grenzsicherung verlangt, diese aber selbst nicht leisten kann, eine Ungeheuerlichkeit. Mit den geplanten sch\u00e4rferen Einreisegesetzen und schnelleren Abschiebungen von abgelehnten oder kriminell-gewordenen Ausl\u00e4ndern, sei der richtige Weg beschritten.<\/p>\n<p>Jedoch k\u00f6nnen diese relativ wenig bewirken, wenn sich der politische Kurs der Bundesregierung in Sachen Fl\u00fcchtlingskrise nicht radikal \u00e4ndert.<br \/>\nHans-J\u00fcrgen Papier kann sich allerdings nur schwer vorstellen, \u201edass das Bundesverfassungsgericht dem Bund eine bestimmte Asyl- und Migrationspolitik vorschreiben wird\u201c. Hier unterscheiden sich Papier und sein Kollege Di Fabio deutlich voneinander, denn es gibt, so Papier, keine Grundlage daf\u00fcr, dass ein Eingreifen Merkels beim Schutz der Grenzen eingeklagt werden k\u00f6nne. Den politischen Gestaltungsauftrag muss die Bundesregierung selbst in die Hand nehmen, anstatt den untauglichen Versuch unternehmen zu wollen, diesen an das Bundesverfassungsgericht zu delegieren.<\/p>\n<p><em>Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gro\u00df: <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10670-ende-des-merkelanische-zeitalter-nein-aber\">Muss Merkel gehen?<\/a> <\/em><\/p>\n<h1>Wir haben eine Staatskrise<\/h1>\n<p>Im Interview spricht der stellvertretende Vorsitzende der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, Dr. Hans-Peter Friedrich, mit Stefan Gro\u00df \u00fcber die aktuelle Fl\u00fcchtlingspolitik, die Meinungs- und Informationsfreiheit und die Rolle der Bundespolizei.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/hans-peter-friedrich\/10672-rot-gruen-laesst-dieses-land-verlottern\">H-P Friedrich<\/a><\/p>\n<p><strong>Wie hart muss der Staat im R\u00fcckblick auf die \u00dcbergriffe in K\u00f6ln durchgreifen?<\/strong><br \/>\nDie Vorg\u00e4nge von K\u00f6ln werfen ein trauriges Licht auf die Sicherheitslage in Nordrhein-Westfalen. Rot-Gr\u00fcn l\u00e4sst dieses Land verlottern. Es wird Zeit, dass dort alle M\u00f6glichkeiten ausgesch\u00f6pft werden, die Sicherheit zu gew\u00e4hrleisten \u2013 \u00fcbrigens auch von der Justiz.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen immer wieder von Staatskrise, warum?<\/strong><br \/>\nDauerhafter Rechtsbruch durch den Staat ist eine Staatskrise. Genau das erleben wir gerade: nationales und europ\u00e4isches Asylrecht wird seit Monaten nicht durchgesetzt. Die Bundesregierung hat die Grenzen ge\u00f6ffnet, ohne dass die Volksvertreter vorher Gelegenheit hatten, sich damit zu befassen. Unser Staat scheint den Anspruch aufzugeben, seine Grenzen zu sichern und seine B\u00fcrger zu sch\u00fctzen. Das ist ein fatales Signal nach innen und nach au\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen die \u00d6ffentlich-rechtlichen Medien derzeit in der Fl\u00fcchtlingspolitik? Sie sprechen von einem \u201eSchweigekartell\u201c?<\/strong><br \/>\nWenn den B\u00fcrgern durch Beh\u00f6rden und Medien die Wahrheit vorenthalten wird, weil man glaubt, den B\u00fcrgern diese Wahrheit nicht zumuten zu k\u00f6nnen, r\u00fcckt das die Meinungs- und Informationsfreiheit in unserem Land in ein schlechtes Licht. Der m\u00fcndige B\u00fcrger kann selbst entscheiden, wie Fakten zu bewerten sind.<\/p>\n<p><strong>Peter Gauweiler hat vor wenigen Tagen den Austritt der <\/strong><strong>CSU<\/strong><strong> aus der Gro\u00dfen Koalition gefordert! Ist das der richtige Weg?<\/strong><br \/>\nNein. Jede Partei muss das Ziel haben, zu regieren und mitzugestalten. Selbst in einer Koalitionsregierung gibt es dazu gr\u00f6\u00dfere M\u00f6glichkeiten als in der Opposition. Die CDU bleibt die Stimme der Vernunft in der gro\u00dfen Koalition.<\/p>\n<p><strong>Als Bundesminister waren Sie auch f\u00fcr die Bundespolizei verantwortlich. Wir haben ein schwaches Heer, aber haben wir auch eine schwache Polizei. Wo sehen Sie Nachbesserungsbedarf?<\/strong><br \/>\nDas Thema \u201eInnere Sicherheit\u201c stand \u00fcber viele Jahre weder auf der Priorit\u00e4tenliste der Bev\u00f6lkerung noch der Politik und schon gar nicht auf der von Finanzministern und Haushaltspolitikern. Dies ist jetzt anders. Als Bundesinnenminister habe ich immer versucht, das Thema \u201eInnere Sicherheit\u201c voranzutreiben, angefangen von mehr Video\u00fcberwachung bis hin zu strengeren Asylrechtsvorschriften und einer besseren Zusammenarbeit der Beh\u00f6rden von Bund und L\u00e4ndern. Schade, dass scheinbar immer erst etwas passieren muss, bis sich das Notwendige vollst\u00e4ndig umsetzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Bayern will bei der Grenz\u00fcberwachung eigene Wege gehen und die Bayerische Polizei f\u00fcr die Grenzkontrollen einsetzen. Werden da Befugnisse gegen\u00fcber dem Bund \u00fcbertreten?<\/strong><br \/>\nNein, im Gegenteil: Der Bund hat die Pflicht zur Grenzsicherung. Dieser Pflicht kommt er im Moment nicht nach. Das Gutachten des ehemaligen Verfassungsrichters di Fabio bescheinigt dem Bund eine Verletzung seiner Verpflichtungen innerhalb der bundesstaatlichen Ordnung. Das muss sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Deutsche Sicherheitsexperten sind \u00fcber die deutsche Fl\u00fcchtlingspolitik entsetzt, insbesondere beim Verfassungsschutz, im <\/strong><strong>BKA<\/strong><strong>, beim <\/strong><strong>BND<\/strong><strong>. \u201eWir werden eine Abkehr vieler Menschen vom Verfassungsschutz erleben\u201c, so die Warnung. Ex-Innen-Staatssekret\u00e4r August Hanning hat einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, wie die Fl\u00fcchtlingskrise zu l\u00f6sen sei. Hanning fordert die \u201estrikte Anwendung des nationalen und supranationalen Rechts\u201c. Warum verf\u00e4hrt die Bundesregierung hier so z\u00f6gerlich? Warum muss man extra betonen, dass auch Fl\u00fcchtlinge bei Straftaten mit der vollen Kraft des Gesetzes bestraft werden m\u00fcssen?<\/strong><br \/>\nIch kann hier nur f\u00fcr die CDU\/CSU-Fraktion sprechen. Wir als Parlamentarier sind derselben Meinung: Wir brauchen die strikte Anwendung nationalen und supranationalen Rechts.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Muss Merkel gehen?<\/h1>\n<p>Bundeskanzlerin Angela Merkel leidet unter Starrsinn und Realit\u00e4tsverlust. Sie muss jetzt auf die Stimme ihres Volkes h\u00f6ren. Die Bundesb\u00fcrger haben sich nun ihrerseits eine Willkommenskultur von Seiten der Kanzlerin redlich verdient.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10670-ende-des-merkelanische-zeitalter-nein-aber\">Glyn Love Photoworks\/flickr<\/a><\/p>\n<p>Noch 2015 war sie die K\u00f6nigin der Herzen, unangefochten regierte Angela Merkel das Land. Man hatte sich weitgehend mit ihr arrangiert, denn sie steuerte Deutschland aus einer Krise nach der anderen. Verziehen war ihr, dass sie peu \u00e0 peu die CDU sozialdemokratisiert hatte, das C weitgehend aus der Partei tilgte und als vollkommene Ich-AG wie ein Ozeandampfer still und majest\u00e4tisch die st\u00fcrmischen Wogen auf der B\u00fchne Europas und der Weltpolitik gl\u00e4ttete.<\/p>\n<p>Ihre Partei hatte sie sorgsam aus der b\u00fcrgerlichen Mitte heraus an den linken Rand getragen. Aber auch dies wurde ihr verziehen. Merkels CDU wurde in den zehn Jahren ihrer Kanzlerschaft ein Sammelsurium fast aller politischen Meinungen, die einst diametral einander gegen\u00fcberstanden. Sie hat in den letzten Jahren damit den Parteien aller Couleur den Wind aus den Segeln genommen und das Projekt der Adaption unterschiedlicher Programme perfektioniert. Mit Merkel wurde die CDU zu einem rundum Wohlf\u00fchlpaket, dass auch Kritiker bes\u00e4nftigte bzw. neutralisierte. Merkel hatte es geschafft, die Bundesrepublik zu entpolitisieren und letztendlich zu einer spie\u00dfb\u00fcrgerlichen Gartenidylle gemacht, in der es sich gut leben lie\u00df.<\/p>\n<p>Das angelanische Zeitalter verstr\u00f6mte Behaglichkeit und in Merkelland, Merkelhand, konnte man durchaus sein lebensweltliches Gl\u00fcck finden. Wellness f\u00fcrs Gem\u00fct war die ausgegebene und gelebte Parole. Tugenden wie Ataraxie, Unersch\u00fctterlichkeit des Gem\u00fctes, stoische Apathie, Freiheit von Affekten wie Lust, Unmut oder Neid, Autarkie, Selbstgen\u00fcgsamkeit, z\u00e4hlten zu den ethischen St\u00e4rken der weisen und abgekl\u00e4rten Staatslenkerin, die nicht wie Gerhard Schr\u00f6der brachial und wortstark die Insignien der Macht wie einen Bauchladen vor sich hertrug, sich der politischen Macht mit Machogesten versicherte. Merkel agierte fast ger\u00e4uschlos. Sie blieb bescheiden wie einst das junge M\u00e4dchen von Helmut Kohl, wenngleich sich hinter der bescheiden wirkenden Fassade das Kalk\u00fcl der machtpolitischen Regentin peu \u00e0 peu verfestigte. 2016 strahlt Angela Merkel nun noch wenig davon aus, sie ist gealtert, wirkt aggressiv. In der Fl\u00fcchtlingsfrage regiert sie mit apodiktischem Starsinn, der mit Realit\u00e4tsverlust Hand in Hand geht. Derartiges kannte man bislang von den alten Granden aus dem Kreml und aus der DDR mit dem greisen Erich Honecker und dem noch greiseren Erich Mielke \u2013 bei einer frei gew\u00e4hlten Kanzlerin in einer Demokratie ist dieses Ph\u00e4nomen neu.<\/p>\n<h6>Mitleid kann keine Triebfeder des politischen Handelns sein<\/h6>\n<p>Der dritte September 2015, ein kleiner toter Junge am Strand, mittlerweile das Symbol f\u00fcr das Fl\u00fcchtlingsdrama, hat die Bundeskanzlerin und mit ihr eine ganze Nation ersch\u00fcttert. Die Logikerin und Physikerin war gefordert, nicht wie bislang, mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen zu entscheiden. Und ihre Entscheidung der Hilfe war richtig und ethisch im h\u00f6chsten Grade legitim. Aber Mitleid allein kann nicht zum Bestimmungsgrund oder zur Triebfeder politischer Entscheidungen werden, es ist hinreichend, aber nicht notwendig. W\u00e4hrend Schopenhauer eine ganze Philosophie des Mitleids entworfen hatte, um dem lebensweltlichen Pessimismus und das Leid zu \u00fcberwinden, war der Staatstheoretiker, Politiker Seneca da weitaus kritischer: \u201eMitleid ist ein seelisches Leiden wegen des Anblicks fremden Elends oder Trauer auf Grund fremden Ungl\u00fccks. [\u2026] Seelenleid aber bef\u00e4llt einen weisen Mann nicht.\u201c<\/p>\n<h6>In Deutschland rumort es kr\u00e4ftig<\/h6>\n<p>Es ist etwas faul in der Bundesrepublik, so t\u00f6nt es mittlerweile selbst durch die staatsnahen Medien, die bisher auf Kanzlerkurs fuhren. Nach dem Terrorakt in Istanbul sind erste Karnevalsveranstaltungen abgesagt. Gutlaunige Karnevalisten wollen die F\u00fcnfte Jahreszeit nunmehr in der Burka feiern, um vor \u00dcbergriffen sicher zu sein. Aber auch die radikale und gef\u00e4hrliche Pegida und Legida schrecken zusehends nicht mehr vor Gewaltexzessen zur\u00fcck. Ein irrer Bj\u00f6rn H\u00f6cke radikalisiert das Land mit einer immer mehr nach rechts abdriftenden AfD, die die Kanzlerin in der \u201eZwangsjacke\u201c abf\u00fchren will. Selbsternannte Retter, sogenannte B\u00fcrgerwehren, Sittenw\u00e4chter mit fahlen ethischen Maximen, die das kodifizierte Recht im Sinne der Selbstgesetzgebung und individuellen Selbsterm\u00e4chtigung interpretieren, laufen Amok.<br \/>\nAber auch die Linken profilieren sich mit fatalen Bekenntnissen. So schrieb Jakob Augstein zu den Ereignissen in K\u00f6ln auf seiner Facebookseite: \u201eEin paar grapschende Ausl\u00e4nder und schon rei\u00dft bei uns der Firnis der Zivilisation. \u201c Auch der Frontmann der Leipziger Kultband \u201eDie Prinzen\u201c, immer schon ganz links au\u00dfen, formulierte zum Silvesterabend: \u201eSie sollen es nicht so aufbauschen, dass so etwas passiert ist v\u00f6llig normal wenn soviel M\u00e4nner zusammen kommen und etwas trinken.\u201c Dabei hatte der Barde, den des S\u00e4ngers H\u00f6flichkeit oder Intelligenz verlassen zu haben scheint, auch die allt\u00e4glich staatfindenden sexuellen \u00dcbergriffe, die t\u00e4glich in der gesamten Bundesrepublik auf der Tagesordnung stehen im Blick. Dar\u00fcber hinaus muten auch die \u00c4u\u00dferungen von Deutschlands Justizminister Heiko Maas (SPD) etwas pauschal an, immerhin best dressed man, wenn er T\u00e4ter zu Opfern und Opfer zu T\u00e4tern werden l\u00e4\u00dft, und wenn er Fl\u00fcchtlinge per se in der Opferrolle zu verortet.<\/p>\n<h6>Kritik kommt auch aus den Reihen der SPD<\/h6>\n<p>Das Volk schreit auf, bek\u00e4mpft sich an Biertischen und verbal in den Sozialen Netzwerken, wie es dies in den letzten Jahren der Bundesrepublik in Gesten und Tonf\u00e4llen nicht mehr gab. Die Stimmung im Land gleicht einem Pulverfa\u00df, das jederzeit in die Luft zu gehen droht. Doch die Kanzlerin h\u00e4lt beharrlich an ihrem Kurs fest und l\u00e4\u00dft durch ihren Bundesminister f\u00fcr besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes, Peter Altmaier, bei \u201eAnne Will\u201c verk\u00fcnden, sie habe alles im Griff, stehe fest auf der Basis des Grundrechts und diene nach wie vor und uneingeschr\u00e4nkt dem Wohl des Staates. Von einer Kurskorrektur, wie sie der Ehrenvorsitzende der CSU, Edmund Stoiber, forderte und Merkel gar ein Ultimatum bis M\u00e4rz setzte, davon keine Rede. Nicht nur die CSU, sondern auch der Chef der Liberalen, Christian Lindner (FDP), hat Merkel den Kampf angesagt und will sich politisch zwischen Merkel und Seehofer positionieren. Und auch aus den Reihen der SPD, von Sigmar Gabriel und Altkanzler Gerhard Schr\u00f6der, ist der Unmut an Merkels F\u00fchrungsrolle nicht mehr zu \u00fcberh\u00f6ren und \u00e4u\u00dfert sich, wie j\u00fcngst in Nauen, zunehmend lautstark. Die SPD ist im Bundeswahlkampf angekommen. Altkanzler Schr\u00f6der betonte gar gegen\u00fcber dem \u201eHandelsblatt\u201c: \u201eDie Kapazit\u00e4ten bei der Aufnahme, Versorgung und Integration von Fl\u00fcchtlingen in Deutschland sind begrenzt. Alles andere ist eine Illusion\u201c und den unbegrenzten Zuzug von Fl\u00fcchtlingen nach Deutschland bezeichnete er als Fehler. \u201eMan muss den Eindruck gewinnen, als h\u00e4tten nationale Grenzen keine Bedeutung mehr. Das ist gef\u00e4hrlich und das ist auch nicht richtig.\u201c Mehr noch: Merkel hatte \u201eviel Herz\u201c, aber jetzt hat sie \u201ekeinen Plan\u201c. Es sei, so Schr\u00f6der weiter, ein zentrales Vers\u00e4umnis der CDU, dass sie ein Einwanderungsgesetz stets abgelehnt hatte und erst in der n\u00e4chsten Legislaturperiode \u00fcber ein Einwanderungsgesetz verhandeln will.<\/p>\n<h6>Frau Merkel, das paternalistische Matriarchat und Flankenschutz von Julia Kl\u00f6ckner<\/h6>\n<p>Ob Verfassungsrichter kritisch den Rechtsbruch anklagen, ob die Mehrheit des Wahl- oder Nichtw\u00e4hlervolkes nicht mehr auf Spur ist, interessiert in Berlin h\u00f6chstens den Sicherheitsdienst, wenn ein Landrat aus Landshut einen Bus mit Fl\u00fcchtlingen vor das Kanzleramt schickt, um so, ob sinnvoll oder nicht, seinen Protest zu \u00e4u\u00dfern. Die Kanzlerin f\u00e4hrt politisch-planwirtschaftlich einen f\u00fcnf oder zehn Jahre Fl\u00fcchtlingsplan. Und wenn sie so weiterregiert, gibt es in f\u00fcnfzig Jahren gar keine Fl\u00fcchtlinge mehr, weil alle Fl\u00fcchtlingsl\u00e4nder leer gesiedelt sind. Sie f\u00fchrt das Land, fast m\u00f6chte man sagen, als paternalistisches Matriarchat, mit der M\u00fctterlichkeit und der \u201eweisen\u201c Voraussicht bei allen sozialen und rechtlichen Entscheidungen und bei einer gleichzeitigen Entm\u00fcndigung der B\u00fcrger, die eh bevormundet werden m\u00fcssen, weil dies zu einem starken Staat wie die Luft zum Atmen geh\u00f6rt. Die sich gerade im Wahlkampf befindende Spitzenkandidatin der CDU in Rheinland-Pfalz, Julia Kl\u00f6ckner, hat Merkels Politik flankiert und zur Staatsr\u00e4son aufgerufen. Den Kritikern empfahl sie \u201eEinfach mal die Klappe\u201c zu halten.<\/p>\n<p>Die Gefahr, trotz Flankenschutz von Frau Kl\u00f6ckner, ist nur, dass Merkel \u00fcber kurz oder lang von ihrem Volk entm\u00fcndigt wird, das m\u00fcrrisch die Irrungen und Wirrungen im Kanzleramt kommentiert und analysiert, aber in seiner Politikverdrossenheit und Selbstgef\u00e4lligkeit noch nicht den Aufstand probt.<\/p>\n<h6>Kritiker aus dem USA fordern Merkels R\u00fccktritt<\/h6>\n<p>Derzeit gibt es, ganz wie in der Monarchie, nur eine Wahrheit, und die hei\u00dft Merkel. Auch wenn diese Wahrheit nicht die des Volkes ist, ist man \u00fcber so viel Absolutismus und Realit\u00e4tsblindheit \u00fcberrascht. Fatal, wie man an seinem Volk so vorbeireden oder es in seinem Mehrheitswillen ignorieren kann!<\/p>\n<p>Bei einer Rede zum 125. Geburtstag von Walter Eucken am 13. Januar 2016 hatte Merkel ihren Kurs weiter bekr\u00e4ftigt und erkl\u00e4rt, es sei \u201erelativ naiv zu glauben, wir k\u00f6nnten einfach wieder zum alten Grenzkontrollregime zur\u00fcckkehren\u201c. USA-Experten hingegen werfen Merkel umgekehrt Naivit\u00e4t vor. Der amerikanische Geopolitik-Experte George Friedmann beklagt in der \u201eHuffington Post\u201c die bundesdeutschen Alleing\u00e4nge und prognostiziert den Untergang Deutschlands aus drei Gr\u00fcnden: 1. die Verunsicherung im Land w\u00e4chst, 2. die Integration der Fl\u00fcchtlinge ist extrem schwierig und 3. verl\u00e4\u00dft sich Deutschland zu sehr auf seine Exportgesch\u00e4fte. Anfang Januar 2016 hatte Ross Douthats in der \u201eNew York Times\u201c ebenfalls kritische T\u00f6ne angeschlagen und geschrieben: Wer glaubt, \u201edass eine alternde, s\u00e4kularisierte, bislang weitgehend homogene Gesellschaft die Zuwanderung in einer solchen Gr\u00f6\u00dfe und bei derartigen kulturellen Unterschieden mutma\u00dflich friedlich absorbieren wird, hat eine leuchtende Zukunft als Pressesprecher f\u00fcr die aktuelle deutsche Regierung. Aber er ist auch ein Narr. Derartige Transformationen lassen eine zunehmende Polarisierung zwischen Alteingesessenen und Neuank\u00f6mmlingen erwarten.\u201c Die Schlu\u00dffolgerung, die er zog, war der R\u00fccktritt Merkels, \u201edamit ihr Land und der Kontinent, der es tr\u00e4gt, vermeiden kann, einen zu hohen Preis zu zahlen f\u00fcr ihre wohlmeinende Torheit.\u201c<\/p>\n<p>Aber vielleicht m\u00fc\u00dfte Merkel gar nicht gehen, sondern nur die W\u00fcnsche und \u00c4ngste ihres Wahlvolkes und der europ\u00e4ischen Staatenlenker, die immer kritischer auf Distanz zu ihr gehen, wahrnehmen und respektieren. Wir br\u00e4uchten neben Lichterketten f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge auch Lichterketten f\u00fcr die Bundeskanzlerin, damit ihr ein Licht aufgeht, damit der Logos, die Vernunft, wieder den Rechtsstaat regiert. Nicht nur die Ausl\u00e4nder, Fl\u00fcchtlinge und Migranten sollen sich in Deutschland wohl f\u00fchlen, auch wir Bundesb\u00fcrger haben ein Recht darauf. Was wir br\u00e4uchten w\u00e4re eine Willkommenskultur f\u00fcr uns Bundesdeutschen. Sonst wird aus dem einstigen Wellnesspaket eine Schlammschlacht mit ungewissem Ausgang.<\/p>\n<p><em>Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Stefan Gro\u00df: <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10658-merkels-rechtsbruch\">Aufschrei der Richter<\/a> <\/em><\/p>\n<h1>\u201eWer zu uns kommt, muss unsere Werte respektieren\u201c<\/h1>\n<p>Die CSU-Vizechefin und Vorsitzende der CSU-Europagruppe, Dr. Angelika Niebler, fordert im Gespr\u00e4ch mit Stefan Gro\u00df Respekt vor unserer Wertekultur und ein h\u00e4rteres Durchgreifen bei Straftaten. Sie lehnt es ab, dass Frauen ihr Verhalten nach den \u00dcbergriffen in mehreren St\u00e4dten \u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/angelika-niebler\/10660-fluechtlinge-muessen-sich-anpassen\">A. Niebler<\/a><\/p>\n<p><strong>\u201eOhne Dirndl und Mini-Rock ist das nicht mein Land&#8220;, so haben Sie betont. Was hat sich mit den Angriffen auf Frauen in beim Thema Willkommenskultur ge\u00e4ndert.<\/strong><br \/>\nWer zu uns kommt, muss unsere Werte respektieren. Dazu geh\u00f6rt auch die Stellung der Frauen in unserer Gesellschaft. Frauen sind kein Freiwild, nur weil sie einen kurzen Rock tragen oder Dekollet\u00e9 zeigen. Es kann auch nicht sein, dass wir Frauen nun unser Verhalten anpassen m\u00fcssen, um nicht Gefahr zu laufen, sexuell bel\u00e4stigt zu werden. Oder dass sich Fl\u00fcchtlinge weigern, von Polizistinnen kontrolliert, von Sozialarbeiterinnen betreut, von Lehrerinnen unterrichtet zu werden. Gegen derartige Denkweisen m\u00fcssen wir uns massiv zur Wehr setzen.<\/p>\n<p>Das abwertende Verhalten gegen\u00fcber Frauen trifft nicht nur Einzelpersonen \u2013 was schlimm genug ist \u2013, es ist auch ein Angriff auf das Wertesystem unserer Gesellschaft. Wenn Frauen sich aufgrund von sexuellen \u00dcbergriffen nicht mehr ungehindert im \u00f6ffentlichen Raum bewegen k\u00f6nnen, dann ist das nicht mehr unser Land. Wenn sie nicht als gleichberechtigt anerkannt werden, ist das ein R\u00fcckschritt f\u00fcr unseren freiheitlich demokratischen Staat, den wir nicht akzeptieren k\u00f6nnen und wollen. Die Frauen sind sehr besorgt, das bekomme ich aus vielen Nachrichten an mich mit.<\/p>\n<p><strong>Die <\/strong><strong>CSU<\/strong><strong> pl\u00e4diert f\u00fcr eine Obergrenze. Nun hat der Verfassungsrichter Udo Di Fabio ein Gutachten erstellt, das der Bundesregierung vorwirft, Verfassungsrecht zu brechen. Diese Gutachten best\u00e4rkt Horst Seehofer, der bereits vor einem wachsenden Vertrauensverlust in die Staatsr\u00e4son gewarnt hat. Wie steht Europa zur Obergrenze?<\/strong><br \/>\nEs geht ja nicht nur um eine kurzfristige Notaufnahme von Fl\u00fcchtlingen, sondern um eine Zuwanderung mit allen Folgen wie Wohnen, Arbeit, Bildung und Ausbildung. Viele Staaten machen sich hier gro\u00dfe Sorgen, weil sie da bereits gro\u00dfe Probleme haben.<br \/>\nDie Quotendebatte l\u00e4uft jetzt seit Mai 2015. Da hat die Kommission Vorschl\u00e4ge gemacht und das Parlament diese auch z\u00fcgig beschlossen. Allerdings ziehen einige Mitgliedsstaaten nicht entsprechend mit und handeln teils verantwortungslos gegen diese Beschl\u00fcsse. Aber in Europa brauchen Entwicklungen oft auch Zeit, w\u00e4hrenddessen m\u00fcssen dann nationale Ma\u00dfnahmen in Erw\u00e4gung gezogen werden.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen wir die Frauen vor \u00dcbergriffen besser sch\u00fctzen?<\/strong><br \/>\nZum einen m\u00fcssen wir aufkl\u00e4ren. \u00dcber unsere Werte, Regeln und Gesetze, \u00fcber unsere Lebensart. Unser Wertekanon ist vorbehaltlos zu respektieren, dass muss auch Migranten aus m\u00e4nnlich-autorit\u00e4ren Kulturen verst\u00e4ndlich gemacht werden. Wir m\u00fcssen den Fl\u00fcchtlingen die Chance geben, das zu lernen. Wenn wir Kriminalit\u00e4t verhindern wollen, ist Integration der beste Schutz.<br \/>\nAuf der anderen Seite muss der Rechtsstaat mit allen Mitteln durchgreifen und deutlich zeigen, dass Gewalt gegen Frauen verfolgt und bestraft wird. V\u00f6llig unabh\u00e4ngig vom ethnischen und kulturellen Hintergrund der T\u00e4ter, da gibt es weder Bonus noch Malus. Nur klare Regeln.<br \/>\nLetztendlich geht es auch ums Vertrauen in unseren Staatsapparat, an Polizei und Justiz. Es muss der Glaube erhalten bleiben, dass man im Notfall nicht allein gelassen wird. Sonst trauen sich die Frauen am Ende vielleicht nicht mehr auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>Brauchen wir andere Abschieberegeln?<\/strong><br \/>\nDar\u00fcber muss man reden. Wer Straftaten begeht und sich nicht an unsere Rechtsordnung halten will, hat sein Recht verwirkt, aufgenommen zu werden und muss mit Konsequenzen rechnen. Die derzeit g\u00fcltige Regelung ist zu lax. Es erscheint mir sinnvoll, Abschiebung bereits bei einem statt bei drei Jahren Strafverurteilung anzuordnen. Dies muss auch wirken, bevor ein Asylverfahren zu Ende gef\u00fchrt ist.<\/p>\n<p><strong>Wie wird Merkels Willkommenskultur in Br\u00fcssel bewertet. Hat man f\u00fcr diesen deutschen Sonderweg noch Verst\u00e4ndnis?<\/strong><br \/>\nBei uns im Europ\u00e4ischen Parlament gibt es eine breite Mehrheit daf\u00fcr, dass wir den Fl\u00fcchtlingsstrom begrenzen m\u00fcssen. Zahlreiche L\u00e4nder haben bereits nationale Initiativen ergriffen, weil man sich in Europa bislang nicht auf eine Linie verst\u00e4ndigen konnte, wie zuletzt Schweden und D\u00e4nemark, die wieder verst\u00e4rkt Grenzkontrollen eingef\u00fchrt haben. Von kritischen Nachfragen \u00fcber die deutsche Position zur Fl\u00fcchtlingspolitik bis zu v\u00f6lligem Unverst\u00e4ndnis reicht das Spektrum der Meinungen im Parlament und durch die Vorf\u00e4lle in K\u00f6ln hat sich Debatte noch versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Die Selbstunterwerfung K\u00f6lns<\/h1>\n<p>In der Silvesternacht werden in K\u00f6ln Frauen sexuell bel\u00e4stigt und ausgeraubt. Eine Welle der Best\u00fcrzung \u00fcberrollt Deutschland.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10647-frauenfeindlichkeit-und-fluechtlinge\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>Ob Terrorwarnungen oder sexuelle \u00dcbergriffe auf Frauen \u2013 alle diese Ph\u00e4nomene haben so wenig mit der Fl\u00fcchtlingsbewegung zu tun wie Feuer und Wasser, so der gemeinsame Tenor aus Politik und Medien. F\u00fcr die \u00d6ffentlich-rechtlichen Fernsehsender waren die sexuellen \u00dcbergriffe von K\u00f6ln, wo dutzende von Frauen in der Silvesternacht von M\u00e4nnern aus dem nordafrikanischen oder arabischen Raum eingekesselt, beraubt und bel\u00e4stigt wurden, erst Tage sp\u00e4ter eine Meldung wert. Begr\u00fcndung: Man sei besorgt, dass durch die Berichterstattung Migranten pauschal in die Kritik geraten k\u00f6nnten, da die meisten von ihnen ja nicht dabei gewesen seien. Und Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e9re hat sogar davor gewarnt, dass die \u00dcbergriffe von Migranten \u201enicht dazu f\u00fchren, dass nun Fl\u00fcchtlinge gleich welcher Herkunft, die bei uns Schutz vor Verfolgung suchen, unter einen Generalverdacht gestellt werden\u201c d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat sich das ZDF f\u00fcr diese zur\u00fcckhaltende Berichterstattung entschuldigt, der Minister bei der Vorstellung des Migrationsberichts in Berlin jedoch nicht; er schiebt die Schuld der regionalen Polizei zu. Auch K\u00f6lns frisch gew\u00e4hlte B\u00fcrgermeisterin Henriette Reker sieht bei den Attacken \u201ekeinen Hinweis, dass es sich hier um Menschen handelt, die in K\u00f6ln Unterkunft als Fl\u00fcchtlinge bezogen haben.\u201c Einzig der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erhob schwere Vorw\u00fcrfe, sprach vom Skandal und \u00e4u\u00dferte den \u201eVerdacht, dass die geb\u00fchrenfinanzierten \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien ihrem Informationsauftrag nur noch unzureichend nachkommen.\u201c Sie gleichen einem \u201eSchweigekartell\u201c, in dem es offenbar \u201eNachrichtensperren\u201c gebe, wenn es in den Berichterstattungen um Vorw\u00fcrfe gegen Ausl\u00e4nder handle.<\/p>\n<h6>Terror und Frauenfeindlichkeit als neue Realit\u00e4t<\/h6>\n<p>Deutschland befindet sich in einer neuen Realit\u00e4t. Traurigerweise hat man sich hierzulande mittlerweile an Terrorwarnungen wie an das warme Fr\u00fchst\u00fccksei am morgen gew\u00f6hnt. Sie scheinen ein Teil unserer neuen Alltagskultur zu sein oder peu \u00e1 peu zu werden. W\u00e4hrend die Politiker aller Couleur die massiven sexuellen Angriffe von K\u00f6ln kritisieren, sie als \u201eabscheulich und nicht hinnehmbar\u201c (Thomas de Maizi\u00e8re), als \u201ewiderw\u00e4rtig\u201c (Angela Merkel) bezeichnen, fehlt doch bei allen diesen emphatischen Platit\u00fcden der dezente selbstkritische Hinweis, ob man mit der staatlich organisierten unrechtm\u00e4\u00dfigen Immigration von mehr als einer Million (meist m\u00e4nnlicher) muslimischer M\u00e4nner nicht doch einen Fehler gemacht h\u00e4tte. Eine Kausalit\u00e4t zwischen Masseneinwanderung und Frauenfeindlichkeit will man nicht sehen. Ursache und Wirkung bleiben \u2013 aus politischer Sicht \u2013 zwei unterschiedliche Felder. Und f\u00fcr die Gr\u00fcnen-Politikern Claudia Roth ist es doch nicht so, \u201edass wir jetzt sagen k\u00f6nnen, das ist typisch Nordafrika, das ist typisch Fl\u00fcchtling. Hier geht es um M\u00e4nnergewalt und hier geht es um den Versuch, eine Situation Silvesternacht auszunutzen, als w\u00e4re das ein rechtsfreier Raum.\u201c<\/p>\n<h6>Statt Frauenemanzipation ein neuer \u201eVerhaltenskanon\u201c<\/h6>\n<p>Seit der Silvesternacht ist ein neues Ph\u00e4nomen in die Alltags-Willkommenskultur hinzugetreten. Die Schuldigen der sexuellen \u00dcbergriffe von K\u00f6ln, Hamburg und Stuttgart sind nicht mehr die Angreifer, sondern die Opfer, konkret die Frauen. K\u00f6lns Oberb\u00fcrgermeisterin Reker hat auch schon die ultimative L\u00f6sung derartiger Konfliktsituationen vor Augen \u2013 Verhaltensregeln f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen. Ein neuer Verhaltenskodex ist n\u00f6tig, damit Frauen und jungen M\u00e4dchen derartige Unannehmlichkeiten k\u00fcnftig erspart bleiben. Reker pl\u00e4diert daf\u00fcr, quasi als ultima ratio, \u201eeine Arml\u00e4nge\u201c Abstand vor jedem Fremden zu halten. Und sie will neue \u201eSittenregeln\u201c erstellen und diese auf dem Onlineportal der Stadt K\u00f6ln ver\u00f6ffentlichen. Wer sich dann nicht an diese Regeln halte, nun kommt doch die Kausalit\u00e4t ins Spiel, ist daf\u00fcr selbst verantwortlich. Anders gesagt: Wer provoziert, ist selbst dran schuld. Beim neuen Regelkanon aus K\u00f6ln fehlt nur noch der Hinweis, dass es besser sei, dass auch deutsche Frauen eine Burka tragen sollten, damit sie nicht die empfindsamen Seelen muslimischer M\u00e4nner samt ihrer paternalistisch gepr\u00e4gten Erziehung provozieren.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig und bedenklich ist, dass Henriette Reker mit ihren Empfehlungen die gesamte Geschichte der Frauenemanzipation kippt, dazu die Gleichberechtigung, die im Grundrechtskatalog verankert ist. In einer Demokratie brauchen Frauen keine Verhaltensempfehlungen, sondern vielmehr die staatlich-rechtliche Sicherheit im \u00f6ffentlichen Raum genau so zu agieren wie die M\u00e4nner.<\/p>\n<h6>Rekers neuer \u201eSittenkanon\u201c und Houellebecqs \u201eUnterwerfung\u201c<\/h6>\n<p>Rekers neuer \u201eSittenkanon\u201c f\u00fcr ihr eigenen Landsleute kommt nicht nur einer Umkehrung der europ\u00e4ischen Werte und Freiheiten gleich, sondern auch einer Unterwerfung ganz im Sinne des von Michel Houellebecqs gezeichneten d\u00fcsteren Zukunftsbildes von einem Frankreich im Jahr 2022. In seinem Roman \u201eUnterwerfung\u201c regiert ein muslimischer Staatspr\u00e4sident, der die laizistische Verfassung \u00e4ndert, die Theokratie, die Scharia, das Patriarchat und die Polygamie wieder einf\u00fchrt. Auch in \u201eUnterwerfung\u201c kritisiert Houellebecq das Schweigen der Medien, beklagt Nachrichtensperren \u00fcber Themen, die nicht ins politische Bild passen, registriert die zunehmende Islamisierung seines Landes, das der Welt die Aufkl\u00e4rung samt Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit gebracht hat. Auch sind im Frankreich des Jahres 2022 die Frauen konservativer gekleidet und weitgehend aus ihren Berufen gedr\u00e4ngt wurden, was die Arbeitslosenzahl dramatisch reduziert hat.<\/p>\n<p>Das Buch Houellebecqs endet mit den Visionen des Protagonisten, der dar\u00fcber reflektiert, wie er von der Islamisierung Frankreichs profitieren w\u00fcrde: mehr Geld, eine neue Unterw\u00fcrfigkeit seiner minderj\u00e4hrigen Gespielinnen, Frauen, die ihre Wohnung gar nicht oder nur verh\u00fcllt verlassen d\u00fcrfen und Polygamie allenthalben. Houellebecq, der hierzulande viel gescholtene Autor, dem die \u201etaz\u201c Islamophobie vorwarf, hat, so wie es derzeit aussieht, keine Utopie gezeichnet, sondern ein Szenario, das man nur verhindern kann, wenn man sowohl kritisch auf Distanz zu den Neuen Rechten geht als auch kritisch eine m\u00f6gliche Islamisierung Europas im Blick beh\u00e4lt.<\/p>\n<h6>Praktiziert Reker eine Unterwerfung?<\/h6>\n<p>Wenn K\u00f6lns Oberb\u00fcrgermeisterin Reker mit ihrem Verhaltenskanon die westeurop\u00e4ische Kultur an die von Migranten, Fl\u00fcchtlingen und Einwanderern aus anders gepr\u00e4gten Ethnien anpassen will, und indirekt dazu auffordert, dass sich die Bundesb\u00fcrger aus Respekt diesen unterwerfen bzw. den islamischen religi\u00f6sen Sitten und Gebr\u00e4uchen unterordnen, dann sind wir mit dieser neuen Unterwerfungskultur auf dem besten Weg, dass wir in Deutschland nicht nur unsere Werte abschaffen, wie einst Thilo Sarrazin mit seinem Bestseller \u201eDeutschland schafft sich selbst ab\u201c noch unkte, sondern durch allzu gro\u00dfe Toleranz gegen\u00fcber anderen Wert- und Kulturvorstellungen rechtfreie R\u00e4ume, No-Go-Areas, in Deutschland installieren, deren Existenz der FDP-Vorsitzende Christian Lindner auf dem Dreik\u00f6nigstreffen der Liberalen in Stuttgart kritisierte. In diesen R\u00e4umen spricht kein deutscher Richter mehr Recht, weil er Angst hat, selbst Repressalien seitens der Angeklagten zu unterliegen. Mit der illegalen Einwanderung nach Europa wurde Recht gebrochen, nun muss uns daran gelegen sein, dass das Unrecht nicht unseren Alltag regiert \u2013 noch haben wir die M\u00f6glichkeit!<\/p>\n<p>Der Philosoph Robert Spaemann hatte in einem Interview in der \u201eFrankfurter Rundschau\u201c zum Fl\u00fcchtlingsthema bemerkt: \u201eUneingeschr\u00e4nkt kann die Hilfsbereitschaft sein, aber nicht die tats\u00e4chliche Hilfe.\u201c Und er empfiehlt mit Augustinus eine ordo amoris, eine Rangordnung der Liebe. \u201eWo unserer Hilfe Grenzen gesetzt sind, da ist es auch gerechtfertigt auszuw\u00e4hlen, also zum Beispiel Landsleute, Freunde oder auch Glaubensgenossen zu bevorzugen. [\u2026] Kultureller Pluralismus kann eine historisch begr\u00fcndete Gegebenheit sein, aber wir sollten ihn nicht zu einem Ziel hochjubeln. Er vergr\u00f6\u00dfert das Konfliktpotential.\u201c Der Fehler, so Spaemann sei, dass bei der ungesteuerten Immigration zu viele muslimische Gl\u00e4ubige in das s\u00e4kularisierte Europa eingewandert seien, man w\u00e4re besser gefahren, mehr Glaubensgenossen zu integrieren. In K\u00f6ln ist das Konfliktpotential nun zur Realit\u00e4t geworden.<\/p>\n<p><em>Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gro\u00df: <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10670-ende-des-merkelanische-zeitalter-nein-aber\">Muss Merkel gehen?<\/a> <\/em><\/p>\n<h1>F\u00fcnf Gr\u00fcnde warum Ost und West zusammen geh\u00f6ren<\/h1>\n<p>Einspruch: F\u00fcnf Thesen, warum Jan Fleischhauer mit seinem Vorschlag, dass die Wiedervereinigung ein \u201eRiesenfehler\u201c war, falsch liegt.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10624-trotzdem-tickt-der-osten-anders\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die einen die grenzenlose Welt verk\u00fcnden, Grenzen als \u00dcberbleibsel nationalistischen Denkens brandmarken und im Zeitgeist die Globalisierung frenetisch feiern, sind andere wieder f\u00fcr neue Grenzziehungen, ja gar f\u00fcr die Wiedereinf\u00fchrung der innerdeutschen Grenze.<\/p>\n<p>Wer glaubte, 25 Jahre nach der Deutschen Einheit sind Ost- und Westdeutschland enger zusammengewachsen, sieht sich get\u00e4uscht. Ein d\u00fcsteres Bild vom anderen Teil Deutschlands hat j\u00fcngst Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer in den medialen Diskurs einflie\u00dfen lassen: \u201eJenseits der Elbe [\u2026] votiert jeder Dritte f\u00fcr Parteien, die ein Problem mit Andersartigkeit haben\u201c, so der Befund. Noch steiler die These, dass die Wiedervereinigung ein \u201eRiesenfehler\u201c war. \u201eWir haben, so Fleischhauer, keinen neuen Rechtspopulismus in Deutschland \u2013 wir haben einen spezifischen Rechtspopulismus in Ostdeutschland.\u201c Vera Lengsfeld hat auf der \u201eAchse des Guten\u201c schon heftig gegen diese Form der Geschichtszeichnung polemisiert und fragt zu Recht\u201c \u201eWas wollen Sie eigentlich mit der tiefen Spaltung der Gesellschaft erreichen?\u201c<\/p>\n<h6>Die Frage, ob die Wiedervereinigung ein Fehler war, ist unproduktiv<\/h6>\n<ol>\n<li>Die Polemik gegen die Ostdeutschen \u00e0 la Fleischhauer sch\u00fcrt alte Grabenk\u00e4mpfe. Nach 25 Jahren w\u00e4re es sinnvoller \u2013 gerade auch vor der gesamtdeutschen Herausforderung, die die Fl\u00fcchtlingskrise an uns stellt \u2013 an die Einheit der Bundesb\u00fcrger zu appellieren und nicht die \u201eAndersartigkeit\u201c erneut zu postulieren, die in dieser \u00dcberzeichnung eine reine Provokation ist. Nat\u00fcrlich gibt es nach wie vor kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West, die auch noch auf Jahre so bleiben werden. Aber davon, dass sich jenseits der Elbe die politische Mitte radikalisiere, wie Fleischhauer meint, kann keine Rede sein. Der Grund liegt einfach darin, weil nach 40 Jahren SED-Diktatur diese b\u00fcrgerliche Mitte im Osten ohnehin minimiert wurde. Der SED war ja im h\u00f6chsten Grad daran gelegen, die b\u00fcrgerliche Gesellschaft aus den Angeln zu heben, sie quasi ins Nirwana zu schicken, schlechterdings aufzuheben, um sie durch die Klassengesellschaft zu ersetzen. Diese Entkernung ist nach 40 Jahren auch gelungen. Es fehlt im Osten eine breite Mittelschicht, ein fl\u00e4chendeckendes B\u00fcrgertum samt Kreativit\u00e4t, Verantwortungsgef\u00fchl, Risikobereitschaft und selbstsichere Unternehmungsfreude. Lothar Sp\u00e4th hatte das fr\u00fchzeitig gesehen und gefordert, dass die Milliarden f\u00fcr Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen besser in die K\u00f6pfe der Kinder investiert werden sollten. Auch gel\u00e4nge ein Aufschwung nur durch eine massive Zuwanderung mittelst\u00e4ndischer Familien aus dem Westen. Leider bleibt diese \u201efriedliche Ostkolonisation\u201c, wie es Arnulf Baring nannte, \u201eangesichts unserer demographischen Situation, der \u00dcberalterung, der geringen Geburtenrate\u201c, aus.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aber das sich die b\u00fcrgerliche Mitte im Osten im Jahr 2015 nach rechts bewegt, davon kann keine Rede sein. Ostdeutschlands intellektuelle Elite ist zeitkritisch und h\u00f6chst reflexiv, um sich gewissen Zeitstr\u00f6mungen anzupassen oder gar zu unterwerfen. An den \u201eR\u00e4ndern\u201c der Gesellschaft sieht es leider anders aus. Wenn diese nicht von der politischen Kultur hierzulande unterst\u00fctzt oder in ihrem Unmut, Neid, samt dem seelischen Gift, das in ihnen und damit in ihren Ressentiments schlummert, abgeholt werden, wird diese Front noch gef\u00e4hrlicher ausgreifen. Das DDR Regime hat viele von ihnen auf Jahre hin verunsichert, ver\u00e4ngstigt, entwurzelt, atomisiert. Sie suchen jetzt in der \u201eOffenen Gesellschaft\u201c nach Orientierung. Der polnische Philosoph Jaroslaw Makowski hat die Stimmung treffend beschrieben: \u201eDas Problem steckt jedoch in dem, was hinter diesem \u00e4u\u00dferen Vorhang geschieht. Dort tobt, wie in der Mitte eines Sees, ein wahrer Sturm. Von Zeit zu Zeit steckt jemand ganz allein, manchmal eine Gruppe, den Kopf aus dem Wasser, schreit Fragen hinaus, schwimmt weiter oder verschwindet ganz einfach in der Tiefe. Die Menschen schreien nicht so sehr aufgrund dessen, was sie sehen, sondern eher auf Grund dessen, was sie nicht sehen, in dem sie aber weiterhin tief versunken sind.\u201c<\/p>\n<h6>Die \u201eandersartigen\u201c Ostdeutschen wollen keine \u201eHomogenisierung\u201c<\/h6>\n<ol start=\"2\">\n<li>Wenn Jan Fleischhauer betont, dass die gr\u00f6\u00dfte Errungenschaft \u201edes Westens das \u201aangstfreie Andersseind\u00fcrfen f\u00fcr alle\u2019 ist, und dabei den Philosophen Odo Marquard zitiert und attestiert, dass der \u201eOsten auch 26 Jahre nach dem Mauerfall nicht wirklich aufgeschlossen\u201c hat, so darf man diesem Zitat Marquards Skeptizismus selbst entgegenhalten. Eine Maxime des leidenschaftlichen Skeptikers war, dass die Wahrheit immer nur die halbe sei \u2013 dies trifft auch auf die Aussage Fleischhauers wie f\u00fcr sein Res\u00fcmee zu: \u201eWer f\u00fcr das Recht auf Individualismus und gegen die Kuhstallw\u00e4rme der Volksgemeinschaft eintritt, hat dort bis heute einen schweren Stand.\u201c Auch hier belehrt ein Blick in die Realit\u00e4t eines anderen. Die Mauer ist nicht gefallen, weil die Ostdeutschen f\u00fcr die \u201eKuhstallw\u00e4rme der Volksgemeinschaft\u201c votierten, sondern skeptisch sich von einem System abwandten, das ihre Individualit\u00e4t bedrohte, das sie ihrer individuellen Freiheits- und Lebensrechte beraubte, das sie zu eindimensionalen Akteuren werden lie\u00df, die sich eben gegen die \u201eHomogenisierung\u201c und damit Endindividualisierung mit ihren legend\u00e4ren Montagsm\u00e4rschen und Friedensgebeten zu Wehr setzten. Der Osten ist das Kernland des Protestantismus, und zum Wesen des Protestantismus geh\u00f6rt der Protest. Und so protestiert der Osten erneut, wie schon vor 25 Jahren, am 17. Juni 1957 oder auch jetzt.<br \/>\nWenn, wie Jan Fleischhauer meint, der Wunsch nach \u201eHomogenisierung\u201c, nach sozialer Homogenit\u00e4t, im Osten das Ph\u00e4nomen der Stunde ist und dabei zugleich mit impliziert, dass die Ostdeutschen politisch die Partei \u201eDie Linke\u201c oder die AfD flankieren, zeugt das mindest davon, das Fleischhauer die Mentalit\u00e4t des Ostens nicht verstanden hat. Der Osten ist auch im wiedervereinigten Deutschland eine disparate Gesellschaft, die sich nach dem Ende des real existierenden Sozialismus eben in weiten Teilen nicht mehr an den politischen Mainstream anpassen und zufriedengeben will. Stromlinienf\u00f6rmige Angepa\u00dftheit und Lippenbekenntnisse, wie sie hierzulande politische Parteitage aller Couleur pr\u00e4gen, dies war im Osten lange Realit\u00e4t, die man nun eher verwundert zur Kenntnis nimmt. Und selbst wenn sich die Ostdeutschen mit der Demokratie anfangs schwertaten, dies haben sie zumindest gelernt \u2013 die Freiheit besteht im Unterschied. Freiheit, so schwer sie auch ist, bleibt das A und O. Und diese Freiheit gilt es zu verteidigen, auch gegen die derzeitige Vereinnahmung der Presse seitens der etablierten Politik. Gleichgeschaltete Medien \u2013 diese Erfahrung hatte man im Osten lange Zeit gemacht und hat davon endg\u00fcltig genug. Wie sehr man sich im Privaten von der medialen Staatsr\u00e4son distanzierte, war allenthalben im Land latent sp\u00fcrbar. Die Mehrheit der Ostler war ihrem Staat schon vor 30 Jahren Lichtjahre weit entfernt. Im Osten gab es sie \u2013 die Protestkultur, wenngleich man diese nur Gleichgesinnten offenbaren durfte.<\/li>\n<\/ol>\n<h6>Vor 25 Jahren wollten wenige im Westen die Einheit<\/h6>\n<ol start=\"3\">\n<li>Wenn die Deutsche Einheit, wie Fleischhauer betont, ohne Helmut Kohl undenkbar w\u00e4re, muss man zumindest Gorbatschow, Bush Senior, Johannes Paul II. und Franz-Josef Strau\u00df als Initiatoren hinzuf\u00fcgen, samt dem Fakt, dass die Widervereinigung von der Mehrheit der Deutschen vor 25 Jahren \u00fcberhaupt nicht gew\u00fcnscht war. Sozialdemokraten wie Gerhard Schr\u00f6der bezeichneten sie damals als \u201ereaktion\u00e4r\u201c und gef\u00e4hrlich. F\u00fcr Oskar Lafontaine kam sie einem \u201ehistorischen Schwachsinn\u201c gleich und Hans-Jochen Vogel sprach von Illusion. Selbst der Ostexperte Egon Bahr war nicht f\u00fcr die Wiedervereinigung, sondern f\u00fcr zwei deutsche Staaten. Kurzum: Die Mehrheit der Bundesdeutschen hat, wie Helmut Kohl sagte, \u201edie Einheit verraten\u201c.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Kohls \u201ebl\u00fchende Landschaften\u201c sind gekommen, zumindest in einigen Regionen des Ostens, andere sind entv\u00f6lkert, \u00fcberaltert und durch die hohe Arbeitslosenquote deprimiert. In weiten Teilen Ostdeutschlands gibt es sie, wie sie Arnulf Baring genannt hatte, die \u201edemoralisierte Gesellschaft\u201c. 20 Prozent Arbeitslosigkeit an vielen Orten sind die bittere Realit\u00e4t. Und trotz Milliardenhilfen aus dem Westen, aus den Solidarpaketen I. und II., ist Ostdeutschland eine weitgehend industriefreie Region. Klaus von Dohnanyi hatte bereits 1990 in seinem Buch \u201eDas deutsche Wagnis\u201c fr\u00fch erkannt, wie schwierig es sein w\u00fcrde, im Osten moderne und dienstleistungsf\u00e4hige Industrien auszubauen \u2013 er sprach schon damals von der \u201egr\u00f6\u00dften \u00f6konomischen Kraftanstrengung\u201c, die noch vor uns liegt. Und heute bleiben Porsche und BMW in Leipzig immer noch eine Ausnahme.<\/p>\n<p>Es herrscht eine gewisse Entt\u00e4uschung nach der Wende im Osten \u2013 doch den Ostdeutschen jetzt vorzuwerfen, dass sie sich f\u00fcr \u201eDie Linke\u201c entscheiden, oder sich auf der Suche nach einer politischen Alternative von der Demokratie abwenden, f\u00e4llt schon schwer ins Kraut, selbst wenn man den Links- oder Rechtsruck nicht verstehen noch gar goutieren kann. Hieraus aber gar eine \u201eStimmungslage\u201c abzuleiten, die Widervereinigung r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen und zu unterstellen, dass die Ostdeutschen nicht \u201egegen die Fl\u00fcchtlingspolitik\u201c, sondern gegen Fl\u00fcchtlinge generell sind, ist ein Pauschalvorwurf.<\/p>\n<p>Geradezu euphorisch hat der th\u00fcringische Ministerpr\u00e4sident Ramelow f\u00fcr die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen geworben. 2016 sind im Haushalt des Freisaates Th\u00fcringen 468,8 Millionen Euro f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge vorgesehen, 4,83 Prozent des Landeshaushaltes. Auch Antje Tillmann, finanzpolitische Sprecherin der Unionsfraktion bezeichnet die \u201eHilfsbereitschaft der Th\u00fcringer als riesengro\u00df\u201c. Die berechtigte Frage, die aber bleibt und gewisse \u00c4ngste sch\u00fcrt, ist die derzeitige massenhafte Invasion ungesteuerter Einreise, die die ohnehin strukturell schwachen Regionen des Ostens \u00fcberfordert, und die, \u00fcbrigens im Westen wie im Osten, von der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung kritisiert wird. Dass trotz Mehrheitsentscheidung im Land die Bundesregierung ihren Kurs der offenen Tore weiter ungebremst f\u00e4hrt, darf man doch, lieber Herr Fleischhauer auch als \u201eAndersartiger\u201c, andersartiger Ossi, kritisieren, oder? Und das damit das Vertrauen in die Demokratie sp\u00fcrbare Risse bekommt \u2013 auch, oder? Wenn man das umgekehrt nicht mehr darf, dann ist man fast wieder in der Meinungsdiktatur des SED-Regimes angekommen und die letzten 25 Jahre bleiben eine Irritation. Und was noch wichtiger ist: Wer in zwei Gesellschaftssystemen lebt, oder gelebt hat, ist vielleicht mehr sensibilisiert, was eine Regierung proklamiert und was sie pragmatisch tats\u00e4chlich leistet. Von der Demokratie von oben, wie sie derzeit hierzulande verordnet und insbesondere warmherzig von linken Medien verbreitet wird, und einer Medienberichterstattung, die mittlerweile zur Hofberichterstattung aus dem CDU-Kanzleramt degeneriert, f\u00fchlt sich mancher bei der Unisonit\u00e4t des \u00d6ffentlich-rechtlichen Fernsehens an die \u201eAktuelle Kamera\u201c oder an den legend\u00e4ren \u201eKarl Eduard von Schnitzler samt seinem \u201eDer schwarze Kanal\u201c erinnert.<\/p>\n<h6>Die S\u00e4kularisierung im Osten kam schon vor der DDR<\/h6>\n<ol start=\"4\">\n<li>Dass insbesondere der Osten f\u00fcr Radikalisierung anf\u00e4llig sei, f\u00fchrt Fleischhauer eher marginal auf die sozialistische Diktatur zur\u00fcck, sondern will dies durch die \u201eAbwesenheit jedes christlichen Bewusstseins au\u00dferhalb des Kirchenmilieus\u201c begr\u00fcnden. \u201eMan kann nicht einmal von Heidentum reden, die Heiden hatten ihre eigenen G\u00f6tter. In weiten Teilen Ostdeutschlands hingegen ist sogar die Erinnerung erloschen, was mit dem Glauben verloren gegangen ist.\u201c Richtig an dieser Behauptung ist, dass vierzig Jahre Totalitarismus, vierzig Jahre Zwangsideologie in Sachen S\u00e4kularisierung gewirkt haben. Aber die Religionsferne im Osten hat dar\u00fcber hinaus eine andere Wurzel, sie ist schon lange vor dem Sozialismus zu verorten, wenngleich dieser mit Sicherheit dem Rest-Christlichen im Osten noch einen gewaltigen Dolchsto\u00df verpa\u00dfte. Der deutsche Osten war lutherisch, von der Aufkl\u00e4rung mit ihren Zentren in Berlin und Halle und vom religionskritischen Deutschen Idealismus gepr\u00e4gt. Auch die Weimarer Klassik war nicht dem Ideal des Glaubens, sondern einer strengen Geschichts- und Naturwissenschaft verpflichtet. Goethe und Schiller haben wesentliche Teile der christlich-protestantischen Botschaft in einen, wenn nicht glaubenslosen, so doch glaubens-indifferenten, allgemein \u201emodern-humanistischen\u201c Geisteskanon \u00fcberf\u00fchrt. In den Bildungszirkeln der Sozialdemokratie waltete eine entschieden atheistische, \u201estreng wissenschaftliche\u201c Weltanschauungslehre, wie sie der in Jena lehrende einflu\u00dfreiche Darwinist und \u201eMonist\u201c Ernst Haeckel vertrat. Die Aussichten f\u00fcr traditionell christlich orientiertes Denken und Alltagsleben standen schlecht, und der Kampf Bismarcks nach der Reichsgr\u00fcndung 1871 gegen den katholischen \u201eUltra\u00admontanismus\u201c als St\u00f6rfaktor f\u00fcr die in Berlin praktizierte nationale Politik tat ein \u00dcbriges. Man kann die Feststellung wagen: Seit etwa 1880 war der weitaus gr\u00f6\u00dfte Teil der Bev\u00f6lkerung auf dem Gebiet der sp\u00e4teren DDR, also die (im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern) gut gebildeten Arbeiter- und Kleinunternehmermassen in Berlin, Leipzig, Halle, Magdeburg, Merseburg, Bitterfeld, im Erzgebirge und im Th\u00fcringer Wald, bereits weitgehend ent\u00adchristlicht. Das religi\u00f6se Gef\u00fcge wurde immer wieder gesprengt, das Licht der Aufkl\u00e4rung \u00fcberwucherte den Glauben. Im Grunde bedurfte es gar nicht der Dazwischenkunft diktatorischer, streng atheistisch ausgerichteter Regimes wie Nationalsozialismus und Kommunismus, um die Menschen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gr\u00fcndlich von der christlichen Kirche und ihrer Botschaft wegzur\u00fccken.<br \/>\nAber nicht nur die Religion war ortlos, auch die sozialistische Propaganda ging an vielen Ostdeutschen ger\u00e4uschlos vorbei. Was es im Gegensatz dazu gab, war eine Gesellschaft, die emphatisch war, die sich half, die christliche Werte in einen transparenten Humanismus verwandelt hatte, in gelebte Menschlichkeit, der nach der Wende leider radikal zusammenbrach. Utopien getreu dem Motto \u201eWir schaffen das\u201c gleichen Heilsversprechen, die eher Befremden ausl\u00f6sen, wenn man lange in der, oder von der Utopie gelebt hat.<\/li>\n<\/ol>\n<h6>Wie haben neben einer multikulturellen Parallelgesellschaft auch eine innerdeutsche<\/h6>\n<ol start=\"5\">\n<li>In eine \u00e4hnliche Richtung wie Jan Fleischhauer zielt auch ein Text von Stefan Wolle in der \u201eDie Zeit\u201c mit dem Titel \u201eGeschlossene Gesellschaft\u201c. Auch hier wird vor dem Hintergrund des totalit\u00e4ren DDR-Staates heraus die These formuliert: \u201eIn der geschlossenen Gesellschaft gedieh der Hass gegen alles Fremde wie der Schimmelpilz in einem feuchtwarmen Keller.\u201c Aber auch hier wird der Schwarze Peter in Sachen Fremdenha\u00df oder -freundlichkeit wieder ganz dem Osten zugeschoben. Vergessen wird dabei, dass weder bei der Aufnahme von den drei bis vier Millionen \u00dcbersiedlern, die nach 1945 und vor 1989, das Gebiet der Sowjetzone, der sp\u00e4teren DDR, verlassen haben noch bei den vielen Migranten aus der T\u00fcrkei und anderen s\u00fcdlichen, osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern und den Russlanddeutschen die Bundesb\u00fcrger in Jubelschreie ausgebrochen sind. Unter den nach der Wende abgewanderten zwei Millionen Ostdeutschen f\u00fchlen sich viele auch heute noch wie Personen zweiter Klasse. Viele von ihnen arbeiten im Niedriglohnsektor und f\u00fchlen sich schlecht integriert. Neben multikulturellen Parallelgesellschaften hierzulande gibt es eben auch eine innerdeutsche Parallelgesellschaft, oft verbunden mit Desinteresse an den neuen L\u00e4ndern, deren St\u00e4dte und Landschaften man oft geographisch nicht zuzuordnen wei\u00df. Allein Dresden und Pegida bilden eine Ausnahme. Doch vor Weihnachten zeigte sich die Stadt mit der Frauenkirche im Gewand der christlichen Vers\u00f6hnung und N\u00e4chstenliebe, jenseits von antiliberalen und rassistischen Andersartigen. Diesen Geist der Vers\u00f6hnung sollten wir gerade zu Weihnachten zur neuen Transparenz verhelfen und das Land nicht weiter spalten.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gro\u00df: <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/10670-ende-des-merkelanische-zeitalter-nein-aber\">Muss Merkel gehen?<\/a> <\/em><\/p>\n<h1>Greenpeace versteht den Wald nicht<\/h1>\n<p>Der Pr\u00e4sident der deutschen Waldbesitzer wehrt sich gegen politische Forderungen auf Nutzungsverzicht. Wem Umweltschutz wirklich am Herzen liege, der m\u00fcsse die Waldwirtschaft st\u00e4rken.<br \/>\nInterview mit Philipp Freiherr von und zu Guttenberg<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/philipp-von-und-zu-guttenberg\/10603-die-zukunft-des-waldes\">Guttenberg<\/a><\/p>\n<p><strong>The European: Nachhaltigkeit ist das Schlagwort des Jahrzehnts! Sie unterscheiden zwischen falscher Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeit, k\u00f6nnen Sie dies erkl\u00e4ren?<\/strong><br \/>\nDieser viel zitierte Ansatz der Nachhaltigkeit ist nicht neu: Hans Carl von Carlowitz verwendete in einer Publikation aus dem Jahre 1713 den Begriff der \u201enachhaltigen Nutzung\u201c der W\u00e4lder nachweislich zum ersten Mal. Das bedeutet aus der Natur zu lernen und verantwortungsvoll mit dem Blick auf k\u00fcnftige Generationen zu wirtschaften. Nachhaltigkeit entstand und gilt bis heute als individuelles \u00f6konomisches Modell im l\u00e4ndlichen Raum zur langfristigen Sicherung der Lebens- und Produktionsgrundlagen.<\/p>\n<p>Wenn dieses Prinzip der Nachhaltigkeit, eingebettet in ein gesundes, nicht auf die schnelle Gewinnmitnahme ausgerichtetes Wertesystem, durch die Generationen weitergegeben wird in stetiger Obsorge f\u00fcr unsere Natur \u2013 auch als Produktions- und Lebensgrundlage \u2013, dann profitieren einerseits die nachhaltig Wirtschaftenden stetig von der Vorsorge ihrer Vorv\u00e4ter. Andererseits stehen sie selbst ihren Kindern und Kindeskindern gegen\u00fcber in der Pflicht. Das Fundament f\u00fcr dieses Handeln ist das Eigentum, die Eigenverantwortlichkeit und ein freiheitlicher Handlungsrahmen, der die Obsorge f\u00fcr die n\u00e4chste Generation erm\u00f6glicht. Alles, was diesen zwingenden Prinzipien widerspricht, ist meist nicht nachhaltig, sondern bedient sich dieses Etiketts. Das verstehe ich unter falscher Nachhaltigkeit.<\/p>\n<h6>Wald wird von Politik missbraucht<\/h6>\n<p><strong>The European: Sie sprechen immer vom \u201eWald als Waffe\u201c, was haben wir darunter zu verstehen?<\/strong><br \/>\nViele Akteure versuchen, die Bedeutungshoheit \u00fcber den Wald und seine Nutzung zu erhalten. Oft stehen dahinter keine Sachinteressen, sondern ideologische Denkmuster, die den \u201eWald\u201c zu einem Schlachtfeld f\u00fcr politische Zwecke missbrauchen. Im Kampf um mediale Aufmerksamkeit sind Alarmismus und Polemik an der Tagesordnung. Der \u201eWald\u201c dient hier meist nur als Mittel zum Zweck. Das merkt man vor allem daran, wenn die Bereitschaft fehlt, sich mit den eigentlich Betroffenen \u2013 also den Waldbesitzern und F\u00f6rstern \u2013 an einen Tisch zu setzen und einen Konsens zu finden, der f\u00fcr alle tragbar ist.<br \/>\n\u201eWald als Waffe\u201c hat jedoch auch noch eine andere \u2013 positive \u2013 Bedeutung. Denn gerade in Zeiten der Energiewende ist Wald eine echte Allzweckwaffe. Nachhaltig erwirtschaftetes Holz ist eine der intelligentesten Ressourcen, die wir haben.<\/p>\n<p><strong>The European: Die Ressource \u00d6l wird bald verbraucht sein. Welche Rolle k\u00f6nnte der Wald in der Zukunft bei der Ressourcenverteilung spielen?<\/strong><br \/>\nIn Deutschland entfallen derzeit rund 60 Prozent der Holzverwendung auf die stoffliche und rund 40 Prozent auf die energetische Nutzung. Damit ist Holz als Roh- und Werkstoff zwar unterrepr\u00e4sentiert, spielt aber bereits jetzt eine gro\u00dfe \u2013 in Zukunft noch gr\u00f6\u00dfere \u2013 Rolle. Gerade bei der Substitution anderer Wertstoffe kommt Holz inzwischen eine wachsende Bedeutung zu. Die Anwendungspalette von Holz ist gigantisch und die zuk\u00fcnftigen Einsatzbereiche des Rohstoffes werden die heutigen in ihrer \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Wirkung noch um ein Vielfaches \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Angefangen bei der stofflichen und thermischen Verwertung, aber auch in der Chemieindustrie und im Pharmabereich ist Holz als \u00d6lsubstitut zunehmend gefragt. F\u00fcr den Energiemix ist Holz insbesondere wegen seiner Grundlasttauglichkeit relevant. Es hat hervorragende Eigenschaften bei der stofflichen Verwertung. Auch in Erwartung weiter steigender Preise f\u00fcr fossile Energien (Heiz\u00f6l, Erdgas) verzeichnet Holz einen sp\u00fcrbaren Verbrauchszuwachs. Mit \u00fcber 60 Prozent leistet Biomasse den gr\u00f6\u00dften Beitrag zur Endenergie aus regenerativen Quellen. Gerade zum Heizen wird sie genutzt \u2013 rund 87 Prozent der regenerativen W\u00e4rme kommt von der Biomasse, vor allem vom Holz. Dazu ist Holz ein nat\u00fcrlicher Werkstoff, Kohlenstoffspeicher und Co2-neutraler sowie nachwachsender Energietr\u00e4ger.<\/p>\n<h6>Holz spielt wichtige Rolle in der \u201eGreen Economy\u201c<\/h6>\n<p><strong>The European: Warum ist Holz die effizienteste L\u00f6sung f\u00fcr das Klimaproblem?<\/strong><br \/>\nIm Rahmen der Energiewende gewinnt der heimische Rohstoff Holz eine immer wichtigere Rolle als Teil der \u201eGreen Economy\u201c. Holz bietet im Vergleich zu seinen Mitbewerbern Vorteile und ein Potenzial, welches tats\u00e4chlich zur Effizienzsteigerung, zum Rohstoffwandel und zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung beitragen kann! Es gibt keine Technologie und keinen Rohstoff, der die Bereiche Co2-Senke, -Speicher und -Substitution in dieser einzigartigen Weise verbinden kann. Und das vor unserer Haust\u00fcr: Der Wald in Deutschland entlastet die Atmosph\u00e4re j\u00e4hrlich um rund 52 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Diese Leistungsbilanz ist nicht zu \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p><strong>The European: Weshalb wird bei der Rede von Erneuerbaren Energien immer nur von Wasser, Wind und Sonne gesprochen und das Thema Holz eher beil\u00e4ufig behandelt?<\/strong><br \/>\nBei den erneuerbaren Energien redet ganz Deutschland von Wind, Wasser und Sonne. Der gro\u00dfe Teil der erneuerbaren Energien stammt jedoch aus Biomasse. Warum diese Tatsache von der Politik beflissentlich \u00fcbersehen wird, l\u00e4sst Ursachen nur erahnen. Unser Problem ist wahrscheinlich, dass wir im Lobbychor der stimmgewaltigen vier gro\u00dfen Stromproduzenten nicht geh\u00f6rt werden. Das muss und wird sich aber \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>The European: Was haben wir unter Bio\u00f6konomie zu verstehen?<\/strong><br \/>\nDie \u00f6konomische Produktion und das Denken auf Basis der Nachhaltigkeit unter Heranziehung nachwachsender Ressourcen. Da unsere Ressourcen auf der ganzen Welt bei einer stetig wachsenden Weltbev\u00f6lkerung immer knapper werden, ist diese Art des nachhaltigen Wirtschaftens unerl\u00e4sslich \u2013 und zwar weltweit.<\/p>\n<h6>Die Stilllegung unserer W\u00e4lder h\u00e4tte fatale Folgen<\/h6>\n<p><strong>The European: Warum sind Nutzungsverzichte zugunsten der Biodiversit\u00e4t unmoralisch, Greenpeace argumentiert anders?<\/strong><br \/>\nIch gebe Ihnen ein Beispiel: Die Stilllegung von 5 Prozent unserer W\u00e4lder \u2013 eine Forderung aus der Biodiversit\u00e4tsstrategie der Bundesregierung \u2013 bedeutet einen Verzicht von drei bis sieben Millionen Festmetern j\u00e4hrlich. Au\u00dferdem bedeutet der Verzicht auf 5 Prozent: Wir schicken 45.000 Besch\u00e4ftigte auf die Stra\u00dfe. Vonseiten des Naturschutzes wird das Leitbild und gesellschaftspolitische Ziel der multifunktionalen, nachhaltigen Forstwirtschaft immer st\u00e4rker angezweifelt und zunehmend eine Trennung der Waldfunktionen gefordert.<br \/>\nEine Abkehr von der Multifunktionalit\u00e4t, von der auf drei S\u00e4ulen ruhenden Nachhaltigkeit, h\u00e4tte Folgen, die wir benennen m\u00fcssen. Denn hier geht es nicht nur um blinden Aktionismus zur Spendenakquise sogenannter Umweltverb\u00e4nde. Das ist gesch\u00e4ftst\u00fcchtig und legitim. Hier wird ein gesellschaftspolitisches Prinzip infrage gestellt, das \u2013 aus der Forstwirtschaft kommend \u2013 ein m\u00f6glicher Pfad in eine ertr\u00e4gliche Zukunft w\u00e4re. Wir m\u00fcssen all jene, die diese absurden Forderungen stellen, darauf hinweisen, dass es unverantwortlich ist, durch Nutzungsverzichte hier in Europa die Holzproduktion in andere Gebiete unserer Erde zu verlagern, die nachweisbar nicht nachhaltig bewirtschaftet werden. Mit jedem Festmeter, auf den wir hier verzichten, w\u00e4chst der Druck auf die Vernichtung der Prim\u00e4rw\u00e4lder. Wenn wir heute in Deutschland auf f\u00fcnf Millionen Festmeter aus einer luxusbegr\u00fcndeten Ideologie heraus verzichten wollen, dann kommt das Holz morgen aus Togo, Indonesien oder Brasilien. So erschreckend einfach ist das.<\/p>\n<p><strong>The European: Was k\u00f6nnen die deutschen Waldbesitzer (zwei Millionen an der Zahl, eine Lobby von mehr als vier Millionen Bundesb\u00fcrgern) gegen den Klimawandel tun?<\/strong><br \/>\nDer Wald ist beim Klimawandel Opfer und Retter zugleich. Keine Ressource, keine Technologie, kein Rohstoff birgt so viel Potenzial und ist gleichzeitig so betroffen.<br \/>\nDie nachhaltige Bewirtschaftung unserer W\u00e4lder und die Bereitstellung des Klimajokers Holz ist bereits der beste Beitrag, den wir als Waldbesitzer gegen den Klimawandel leisten k\u00f6nnen. Doch gleichzeitig bekommen wir die Auswirkungen des Klimawandels zu sp\u00fcren, unsere Forstwirtschaft wird risikoreicher. Daher ben\u00f6tigen wir vitale Mischw\u00e4lder mit standortangepassten, marktorientierten Baumarten. Es geht hier um gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Flexibilit\u00e4t in der Bewirtschaftung und Risikostreuung. Die \u00f6kologische Verantwortung und das \u00f6konomische Risiko liegen nach wie vor beim Eigent\u00fcmer.<\/p>\n<p><strong>The European: Warum ist Eigentum ein Fundamt f\u00fcr die Nachhaltigkeit?<\/strong><br \/>\nDas ist wohl der wichtigste Aspekt. Nachhaltiges Wirtschaften, das Denken in Generationen in einer freien und demokratischen Gesellschaft braucht das Eigentum und die Freiheit als Fundament. Eigentum ist weit mehr als Besitz, mehr als nur ein Recht. Eigentum ist die \u00f6konomische Grundlage individueller Freiheit, die sich in unserer Gesellschaft auch dadurch rechtfertigt, dass aus der Leistung des Eigentums Gemeinwohlleistungen erwachsen. Das darf man nie vergessen.<\/p>\n<p>Ich darf an dieser Stelle aber auch darauf hinweisen, dass viele Menschen das l\u00e4ngst verdr\u00e4ngt haben. Die Diskussionen um Erbschaftsteuer, Verm\u00f6gensteuer, und so weiter zeugen t\u00e4glich davon. Merkw\u00fcrdigerweise vergisst man dabei, dass Freiheit individuelle Selbstverantwortung erm\u00f6glicht und diese M\u00fcndigkeit einen kategorischen Imperativ fordert, dessen Ma\u00dfst\u00e4be sich verallgemeinern lassen und die unsere Gesellschaft st\u00fctzen.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Die Freiheit, Eigentum zu erwerben, zu halten und vor allem frei zu vererben, motiviert uns Waldbesitzer, Leistung, Engagement und einen nachhaltigen Lebensstil an unsere Gesellschaft zur\u00fcckzugeben.<br \/>\nNachhaltigkeit zwingt uns aber auch zum t\u00e4glichen Verzicht, zu einer gesellschafts- und sch\u00f6pfungsbejahenden Lebens- und Betrachtungsweise.<br \/>\nDie Wende zur Nachhaltigkeit ist eine R\u00fcckbesinnung auf Werte, die in der momentanen Entwicklung leicht zu einer gesellschaftlichen Grundsatzdebatte f\u00fchren k\u00f6nnte und m\u00fcsste. Nachhaltigkeit wird sich nicht in der Anonymit\u00e4t der Digital Natives umsetzen lassen. Die kollektive Flucht aus der Verantwortung und hinein in den Lebensraum freibeuterischer digitaler Lebensr\u00e4ume ist in meinen Augen eine Sackgasse. Nachhaltiger Waldnutzen ist gelebter Generationenvertrag.<br \/>\nUnserem Wald kommen dabei mehr Aufgaben zu, als blo\u00dfer Rekonvaleszenzraum einer fehlgeleiteten urbanen Schutztruppe zu sein.<br \/>\nDas haben er und unsere Gesellschaft nicht verdient!<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>Diesen Text finden Sie in der aktuellen Printausgabe<\/p>\n<h1>Zerbricht Europa?<\/h1>\n<p>Mit dem Ehrenpr\u00e4sidenten des Europ\u00e4ischen Parlamentes, Ingo Friedrich, sprach Stefan Gro\u00df \u00fcber den islamischen Terror in Paris, die Konsequenzen und \u00fcber die Herausforderungen Europas in den n\u00e4chsten Jahren.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/ingo-friedrich\/10600-brexit-waere-schlimmer-als-grexit--2\">Fotolia<\/a><\/p>\n<p><strong>The European: Erneut hat der islamische Terror in Paris zugeschlagen. Welche Bedeutung hat dies f\u00fcr Europa?<\/strong><br \/>\nDer Anschlag hat Europa ins Herz getroffen. Er wird nat\u00fcrlich den Graben zwischen Islam und Europa vergr\u00f6\u00dfern. Umso wichtiger ist, dass alle Islamvertreter in Europa unmissverst\u00e4ndlich jeglicher Gewalt mit islamistischer Begr\u00fcndung entgegentreten. Auch Imame mit nicht akzeptablen \u00c4u\u00dferungen m\u00fcssen sofort gestoppt werden, um weitere Missleitungen von Jugendlichen zu verhindern.<\/p>\n<p><strong>The European: Wie kann sich Europa gegen\u00fcber diesen perfiden M\u00f6rdern sch\u00fctzen, was unternimmt Europa gegen die Terrorbek\u00e4mpfung?<\/strong><br \/>\nDie Au\u00dfengrenzen der EU m\u00fcssen strikt kontrolliert werden. Jeder Einreisende muss sich ausweisen, muss registriert werden, muss sich korrekt verhalten. Wer sich unkorrekt verh\u00e4lt, muss sofort ausgewiesen werden. Ansonsten m\u00fcssen alle Sicherheitsorgane gest\u00e4rkt werden, um ihre Aufgabe in der bedrohten neuen Situation wahrzunehmen.<\/p>\n<h6>\u201eEuropa wird daran nicht zerbrechen, aber es gibt Risse, es gibt Fl\u00fcgelbildungen&#8220;<\/h6>\n<p><strong>The European: Wie steht es gerade um Europa?<\/strong><br \/>\nNicht so gut. Bei der Fl\u00fcchtlingskrise sagen viele Beobachter, dass Europa bei der Verteilung von Fl\u00fcchtlingen versagt hat. In Wirklichkeit ist es aber so, dass Europa dazu noch gar keine Kompetenzen hat. Die Nationalstaaten lehnen es bisher ab, die Kontingente aufzunehmen. Andererseits steht Europa in der Verantwortung, die Au\u00dfengrenzen anders zu sichern als bisher. Ich glaube, es f\u00fchrt kein Weg daran vorbei, dass wir die Au\u00dfengrenzen der Europ\u00e4ischen Union, sei es in Griechenland, sei es in Italien, sichern m\u00fcssen, so wie es Spanien bereits macht.<\/p>\n<p><strong>The European: Haben Sie Angst, dass Europa vor dieser Herausforderung zerbricht?<\/strong><br \/>\nEuropa wird daran nicht zerbrechen, aber es gibt Risse, es gibt Fl\u00fcgelbildungen. Eine sch\u00f6ne Entwicklung ist es sicher nicht. Die Herausforderung durch die Fl\u00fcchtlinge ist offenbar so gigantisch, dass die europ\u00e4ischen Organe bisher nicht so antworten k\u00f6nnen, wie wir uns das erwarten. Die Zusammenarbeit aller nationalen Sicherheits- und Polizeiorgane muss intensiviert werden.<\/p>\n<p><strong>The European: Wie wird die Rolle der Bundeskanzlerin in Br\u00fcssel wahrgenommen?<\/strong><br \/>\nDer Bundeskanzlerin macht man den Vorwurf, dass sie durch ihre \u00c4u\u00dferung, die Grenzen ein paar Tage aufzumachen, gewisse Erwartungen geweckt hat. Damit bietet sie nat\u00fcrlich eine Angriffsfl\u00e4che. Und alle k\u00f6nnen jetzt darauf hinweisen, es sei die Bundeskanzlerin gewesen, die diesen Fl\u00fcchtlingsstrom in Richtung Deutschland ausgel\u00f6st hat. Der w\u00e4re aber meiner Meinung nach genauso gelaufen auch ohne diese \u00c4u\u00dferung. Durch eine konkrete Politik muss nun eine Reduzierung der Zuwanderung erreicht werden.<\/p>\n<p><strong>The European: Die Schweiz w\u00e4hlte konservativ, Polen und Ungarn sowieso. Haben Sie Angst vor einem Rechtsruck?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde es weniger als Rechtsruck, eher als Signal eines nationalen Egoismus betrachten. Da gibt es eine historische Parallele: Im Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation war es n\u00e4mlich \u00e4hnlich. Eine schwache Zentralgewalt, damals der Kaiser, stand den harten und nachhaltig k\u00e4mpfenden Kurf\u00fcrsten gegen\u00fcber. Hier sehe ich eine gewisse Parallele zwischen dem Europa von 800 nach Christus bis 1806 und dem heutigen Europa \u2013 dies alles geht aber zulasten eines gemeinsamen europ\u00e4ischen Agierens auf globaler Ebene.<\/p>\n<p><strong>The European: Wird derzeit \u00fcber eine L\u00f6sung bei der Fl\u00fcchtlingsfrage diskutiert, die von allen EU-Mitgliedern akzeptiert werden kann?<\/strong><br \/>\nDas ist sehr schwer, denn Staaten wie zum Beispiel Polen sind bisher \u00fcberhaupt nicht daran gew\u00f6hnt, islamische B\u00fcrger aufzunehmen. Sie werden sich deshalb leider weigern, diese Aufnahme zu akzeptieren. Andererseits werden auch diese L\u00e4nder auf Dauer nicht darum herumkommen, einem europ\u00e4ischen Gesamtkonzept zustimmen zu m\u00fcssen. Denn die Polen oder andere osteurop\u00e4ische Staaten, auch D\u00e4nemark, brauchen ihrerseits die europ\u00e4ische Solidarit\u00e4t, sodass sie auf Dauer einen gewissen Solidarit\u00e4tsbeitrag \u2013 auch bez\u00fcglich der Fl\u00fcchtlinge \u2013 leisten werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>The European: Sie sprechen oft vom \u201eeurop\u00e4ischen\u201c Menschen, was haben wir denn darunter zu verstehen?<\/strong><br \/>\nDer europ\u00e4ische Mensch ist nat\u00fcrlich nicht gescheiter als andere Menschen, aber ich will damit zum Ausdruck bringen, dass wir, wenn das Projekt Europa erfolgreich bleiben soll, dieses Europa auch vom Herzen her anders beurteilen m\u00fcssen. Dazu w\u00fcrde geh\u00f6ren, dass neben der regionalen und der nationalen Identit\u00e4t ein europ\u00e4isches Empfinden, eine europ\u00e4ische Identit\u00e4t dazukommt. Und diese additive europ\u00e4ische Identit\u00e4t habe ich mit dem \u201eeurop\u00e4ischen Menschen\u201c versucht zu beschreiben.<\/p>\n<p><strong>The European: Nun isoliert sich Deutschland vom Kurs anderer EU-Staaten mit seiner Politik der Willkommenskultur. Wie wird sich die Position der Bundesrepublik innerhalb der EU vom jetzigen Standpunkt aus entwickeln?<\/strong><br \/>\nDeutschland hat als wirtschaftlich erfolgreiches (von der Bev\u00f6lkerungszahl und von der Wirtschaftskraft her gr\u00f6\u00dftes europ\u00e4isches) Land immer eine besondere Rolle gespielt, die bisher auch gut angenommen worden ist. In der jetzigen Phase ist es sehr schwer, eine Br\u00fccke zwischen der notwendigen und erw\u00fcnschten F\u00fchrungsrolle Deutschlands und gleichzeitig der Akzeptanz der Sensibilit\u00e4ten und unterschiedlichen Erfahrungshorizonte der anderen Nationalstaaten zu bauen. Diese Br\u00fccke zu schlagen, ist kompliziert. Ich bin mir aber sicher, wenn sich Frankreich, Italien und Deutschland auf eine gemeinsame Agenda verst\u00e4ndigen, hat dies eine zentrale Bedeutung f\u00fcr die weitere Entwicklung Europas.<\/p>\n<p><strong>The European: Nun gibt es in Bayern einen Sonderweg von Herrn Horst Seehofer! Wie wird denn dieses Eigeninteresse beziehungsweise Partikularinteresse innerhalb der Bundesrepublik in Europa wahrgenommen?<\/strong><br \/>\nDie europ\u00e4ischen Partner machen keinen so gro\u00dfen Unterschied zwischen Deutschland und Bayern. Nat\u00fcrlich wei\u00df man in Br\u00fcssel und Stra\u00dfburg, dass die meisten Fl\u00fcchtlinge an der bayerischen Grenze ankommen, Bayern besonders betroffen ist und deswegen besonders berechtigt ist, eine L\u00f6sung einzufordern. Es herrscht Konsens dar\u00fcber, dass Lager an der bayerisch-\u00f6sterreichischen Grenze nicht sehr sinnvoll erscheinen. Aber wenn die Europ\u00e4ische Union es nicht schafft, an den Au\u00dfengrenzen solche Transitzonen zu installieren, dann werden die Nationalstaaten handeln m\u00fcssen. Wir kennen gigantische Fl\u00fcchtlingseinrichtungen aus Pal\u00e4stina, Zeltst\u00e4dte mit \u00fcber 100.000 Menschen, die \u00fcber Jahre mehr oder weniger schlecht oder recht funktionieren. Solche Aktivit\u00e4ten an den Au\u00dfengrenzen der Europ\u00e4ische Union sind wahrscheinlich unvermeidbar.<\/p>\n<h6>\u201eEurop\u00e4er denken und erwarten, dass Merkel Kanzlerin bleibt\u201c<\/h6>\n<p><strong>The European: Es wird derzeit \u00fcber Merkels Nachfolge spekuliert. Ist es auch ein Thema in der Europ\u00e4ischen Union? Also Sch\u00e4uble als m\u00f6glicher Kandidat?<\/strong><br \/>\nNein, die Europ\u00e4er denken und erwarten, dass Frau Merkel, trotz dieser zeitweiligen Schwierigkeiten und zeitweiligen Unstimmigkeiten, Kanzlerin bleibt.<\/p>\n<p><strong>The European: Wo sehen Sie die gro\u00dfen Herausforderungen auf finanzieller, politischer und gesellschaftlicher Ebene f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union?<\/strong><br \/>\nIch glaube, die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen sind im Bereich der mentalen und der Informationsebene bei den B\u00fcrgern zu sehen. Die Ver\u00e4nderungen, denen wir gegen\u00fcberstehen, sind so dramatisch \u00fcbergreifend, dass die Erwartungen, die wir an die B\u00fcrger hinsichtlich der Akzeptanz und des Erlernens dieser neuen Komplexit\u00e4ten stellen, sehr anspruchsvoll sind. Ich sehe die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen beim Informieren der B\u00fcrger: Was bedeutet heute Digitalisierung, was bedeutet heute Globalisierung mit offenen Grenzen, was bedeutet es, dass unkalkulierbare Bewegungen in Afghanistan unmittelbare Auswirkungen auf Deutschland haben? Dies alles zu verstehen und in einen Gesamtkontext einzuordnen, ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung.<br \/>\nFinanziell und wirtschaftlich sehe ich die Herausforderung derzeit als bew\u00e4ltigbar an. Was dar\u00fcber hinaus eine gro\u00dfe Problematik sein wird, ist der kulturelle Aspekt. Hier d\u00fcrfen wir nicht von den m\u00fchsam gelernten Grundwerten Europas abweichen: der Trennung von Staat und Kirche, der Religionsfreiheit, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Hinzukommt: F\u00fcr nicht grundlegende Religionsregeln gilt der Grundsatz: Landesrecht bricht Religionsrecht. Diese vier zentralen Grunds\u00e4tze d\u00fcrfen an keiner Stelle tangiert, geschweige denn abgeschw\u00e4cht werden. Dies durchzusetzen, wird die zweite ganz gro\u00dfe Herausforderung sein.<\/p>\n<p><strong>The European: Europa ist als Werte- und Wirtschaftsgemeinschaft autonom. Aber inwieweit sind wir dann doch abh\u00e4ngig von Amerikanern und Russen?<\/strong><br \/>\nDas globale Spiel wird sehr eng, weil die Welt kleiner geworden ist. Es gab einmal ein Bild, dass die drei, USA, Russland und Europa, wie ein Schmetterling sein w\u00fcrden. Europa, der K\u00f6rper des Schmetterlings, in der Mitte, Amerika der Fl\u00fcgel links, und Russland der Fl\u00fcgel rechts. Es gibt heute die Notwendigkeit eines Zusammenspiels, einer Zusammenarbeit. Wir sehen das in allen Teilen der Welt, sei es in Syrien, sei es in der Ukraine. So schwer es uns f\u00e4llt, wir m\u00fcssen mit diesen beiden anderen Giganten zusammenarbeiten. Was wahrscheinlich aber das Wichtigste ist: dass wir als Europ\u00e4er \u2013 in entsprechender Zusammenarbeit der 28 Staaten \u2013 es lernen m\u00fcssen, in einer \u00e4hnlichen Liga spielen zu k\u00f6nnen wie die anderen beiden. Nur so k\u00f6nnen wir als werdende Supermacht wahrgenommen werden und in dieser Rolle auch unsere Meinungen f\u00fcr die globale Stabilisierung \u2013 neben den Amerikanern und Russen \u2013 einbringen.<\/p>\n<p><strong>The European: Nationales und europ\u00e4isches Denken stehen sich oft isoliert gegen\u00fcber. Wird es nicht f\u00fcr die europ\u00e4ische Idee immer schwieriger, wenn immer weniger Leute Interesse f\u00fcr dieses Europa bekunden und sich mehr auf ihr nationalstaatliches Denken fokussieren?<\/strong><br \/>\nEs ist eine sehr schwierige Sache, dass die B\u00fcrger durch zu wenig Information, aber auch durch mangelnde personelle europ\u00e4ische Identifizierungsm\u00f6glichkeiten, zu wenig wissen, welche unsch\u00e4tzbaren Vorteile die Zusammenarbeit der europ\u00e4ischen Staaten mit sich bringt. Vielleicht haben wir Europ\u00e4er auch \u201eeinen gewissen Fehler\u201c begangen. Wir haben vor lauter Sorge, das \u201eKind Europa\u201c k\u00f6nnte Schaden erleiden, immer nur die Vorteile betont. Wir h\u00e4tten vielleicht glaubw\u00fcrdiger auftreten k\u00f6nnen, wenn wir auch gesagt h\u00e4tten, dass jede Zusammenarbeit auch Nachteile hat, so wie jedes Medikament auch ungewollte Nebenwirkungen hat, ja sogar wie jede Ehe auch Nachteile mit sich bringt. So ist es unvermeidbar, dass die europ\u00e4ische Zusammenarbeit auch Probleme mit sich bringt. Die Realit\u00e4t Europas bedeutet: Ja, es gibt auch Nachteile, aber die Vorteile der Zusammenarbeit \u00fcberwiegen deutlich.<\/p>\n<p><strong>The European: Derzeit werden die Fl\u00fcchtlingszahlen permanent nach oben korrigiert. Eine Aufnahmekapazit\u00e4tsgrenze, eine konkrete Zahl, wird dabei nicht genannt. Wo w\u00fcrde diese Ihrer Meinung nach liegen? Wie viele Fl\u00fcchtlinge vertr\u00e4gt Europa?<\/strong><br \/>\nDas ist die Frage aller Fragen. Diese kann aber im Augenblick noch nicht wirklich definiert werden. Definieren l\u00e4sst sich aber, von welchen Kautelen die Obergrenze abh\u00e4ngt! Es h\u00e4ngt davon ab, welche Aufnahmekapazit\u00e4t die Nationalstaaten neben Deutschland zur Verf\u00fcgung stellen. Was sind diese bereit aufzunehmen? Das ist eine sehr zentrale Aufgabe. Zweitens, welche Aufnahmekapazit\u00e4ten gibt es in den L\u00e4ndern, die zwischen Deutschland und der Au\u00dfengrenze liegen, welche sind dort realistisch? Und der dritte Aspekt ist, dass die Dimensionen der heutigen Fl\u00fcchtlingszahlen in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung auf Dauer nicht bew\u00e4ltigbar sind. Es muss alles gemacht werden, dass die Zahl der 2016 zu erwartenden Fl\u00fcchtlinge deutlich unter der von 2015 liegt. Wenn wir aktuell von einer Million reden, dann sehe ich im n\u00e4chsten Jahr h\u00f6chstens eine Aufnahmekapazit\u00e4t in halbierter Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>The European: Kann in Europa das bisher fast immer praktizierte Einstimmigkeitserfordernis bei strittigen Entscheidungen beibehalten werden?<\/strong><br \/>\nEinmal ist ja das Einstimmigkeitserfordernis bei der Durchsetzung der kleineren Anzahl von 120.000 Fl\u00fcchtlingen durchbrochen worden. Da ist mit Mehrheiten entschieden worden. Ein funktionsf\u00e4higes, staats\u00e4hnliches Gebilde kann auf Dauer nicht mit Einstimmigkeit optimal funktionieren. Denn damit w\u00fcrden wir immer gegen\u00fcber den anderen Giganten \u2013 China, Russland und Amerika \u2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die jungen Gr\u00fcnen verweisen die AfD auf die Pl\u00e4tze Die Gr\u00fcnen sind mit ihrer Klimapolitik derzeit auf dem Vormarsch. Dagegen hat die AfD ihren Zenit wohl \u00fcberschritten. Statt Optimismus und Hoffnung verbreiten Gauland und Co nur Pessimismus. Damit ist die Zukunft aber nicht zu gestalten. Die Gr\u00fcnen haben Konjunktur. 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