{"id":56,"date":"2019-08-01T11:49:52","date_gmt":"2019-08-01T09:49:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-stefan-gross.de\/cms\/?page_id=56"},"modified":"2021-10-04T18:54:21","modified_gmt":"2021-10-04T16:54:21","slug":"neuere-texte","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.dr-stefan-gross.de\/cms\/neuere-texte\/","title":{"rendered":"Neuere Texte"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Bei der Doktorarbeit von Giffey und zu Guttenberg misst die SPD mit verschiedenem Ma\u00df \u2013 Willkommen im Zeitalter der Doppelmoral &#8211; <\/strong><strong>Plagiatsvorwurf: Frau Giffey treten Sie zur\u00fcck<\/strong><\/h1>\n<p><em>SPD-Bundesfamilienministern Franziska Giffey hat ihren Doktortitel zur\u00fcckgegeben. Doch das ist kein Einzelfall. Vor neun Jahren stolperte der Bundesverteidigungsminister in der Plagiatsaff\u00e4re. Karl Theodor zu Guttenberg musste auf seinen Doktortitel und seine Karriere verzichten. Damals wetterte die SPD gegen den CSU-Politiker und forderte ihn zum R\u00fccktritt auf. Im Fall von Giffey denken die Parteigenossen jetzt ganz anders und wollen sie im Amt halten. Es geht um die Zukunft der SPD und da spielt ein Plagiat pl\u00f6tzlich nur noch eine untergeordnete oder gar keine Rolle.<\/em><\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">14.11.2020<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/p>\n<p>Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Buhl-Freiherr von und zu war so etwas wie der Showstar in der sonst eher bescheiden-auftretenden Polit-Elite der Berliner Republik. Mit dem 1971 in M\u00fcnchen geborenen Juristen wehte ein Hauch Windsor, oder zumindest der Glanz einer alten deutschen Adelsdynastie durch die Hallen des Deutschen Bundestages. Karl-Theodor und seine sch\u00f6ne Frau Stephanie waren das, was die Yellow-Presse sehen wollte. Gediegenes Auftreten, trotzdem modern, weltgewandt, ja, Stilikonen, wo sonst Stickpullis und graue Anz\u00fcge die gravit\u00e4tische Ruhe der besonnenen Politprofis ausstrahlen.<\/p>\n<p>Guttenberg hat mittlerweile wieder einen Doktortitel. Neun Jahre nach der Plagiatsaff\u00e4re und seinem R\u00fccktritt als Minister hat Karl-Theodor zu Guttenberg eine neue Dissertation vorgelegt \u2013 an einer britischen Uni. Die erste hatte er 1999 begonnen und 2007 verteidigt. Die Dissertation trug den Titel \u201eVerfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU<em>\u201c. <\/em>Auf Antrag durfte er ab 7. Mai 2007 den Grad eines Doktors der Rechte vorl\u00e4ufig und 2009 endg\u00fcltig f\u00fchren. 2011 hat er auf seinen Doktortitel verzichtet. Doch Guttenberg war keineswegs der einzige prominente Fall, der \u00fcber seine Promotion stolperte. FDP-Politker Jorgo Chatzimarkakis und Kollegin Silvana Koch-Mehrin folgten noch im selben Jahr. Und ausgerechnet die CDU-Bundesbildungsministerin Annette Schavan nahm 2013 den akademischen Hut. Erst 2019 war dann Frank Steffel, Fraktionsvorsitzender der CDU im Abgeordnetenhaus von Berlin, des Plagiats angeklagt, sein Titel von der FU-Berlin einkassiert. Auch Guttenbergs Parteikollege Andreas Scheuer hatte auf seinen Doktorhut verzichten m\u00fcssen. \u201eWom\u00f6glich h\u00e4tte die Uni Prag auch eine Autobiografie Scheuers als Dissertationsprojekt akzeptiert, schrieb die \u201eWelt\u201c damals \u201eAndreas Scheuer ist ein Doktor D\u00fcnnbrettbohrer.\u201c Doch Scheuer macht fr\u00f6hlich weiter \u2013 trotz Mautdesaster und Anh\u00f6rung vor dem Untersuchungsausschuss.<\/p>\n<p><strong>Die Opposstion er\u00f6ffnete das Feuer auf zu Guttenberg<\/strong><\/p>\n<p>Als Guttenberg im Jahr 2011 auf seinen Titel verzichtete, geisselte ihn die damalige Gr\u00fcnen-Chefin Claudia Roth. Die Stellungnahme Guttenbergs ist nicht nur ein \u201edreister Auftritt mit populistischen Mitteln\u201c, sondern \u201ev\u00f6llig inakzeptabel\u201c. Nachdem Guttenberg nach massiven Plagiatsvorw\u00fcrfen seinen dauerhaften Verzicht auf seinen akademischen Grad erkl\u00e4rte und damit einem Urteil der Universit\u00e4t Bayreuth \u00fcber seine Dissertation zuvorgekommen war, sah Roth in seiner Erkl\u00e4rung nur den \u201eVersuch, mit Demutsgefasel\u201c seine Fehler \u201eals Kavaliersdelikt darzustellen.\u201c Aber nicht nur Roth wetterte und sprach von \u201eWerteverlust\u201c, wenn Guttenberg damit durchkomme, auch der ehemalige Gr\u00fcnen-Fraktionschef J\u00fcrgen Trittin schlug kr\u00e4ftig auf den Bundesverteidigungsminister ein. \u201ePlagiieren als Methode.\u201c \u201eWenn auf drei Vierteln aller Seiten Plagiate zu sein scheinen, dann kann man sich nicht auf Fl\u00fcchtigkeit oder Schusseligkeit berufen, oder darauf, dass man den \u00dcberblick \u00fcber seine Quellen verloren hat\u201c, so Trittin, der immer schon durch seine Scharfz\u00fcngigkeit und Bissigkeit bekannt war. Kritik kam auch aus den Reihen der SPD. Dort hielt man den Minister f\u00fcr \u201eirreparabel besch\u00e4digt\u201c. Der damalige SPD-Fraktionschef und heutige Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier erhob den Zeigefinger, sprach von arglistiger T\u00e4uschung, Dreistigkeit und dass das Plagiat \u201ekeine Kleinigkeit\u201c sei. Die einzige Konsequenz f\u00fcr den SPD-Politiker w\u00e4re der sofortige R\u00fccktritt des Franken. Keiner h\u00e4tte, so der Vorwurf, so oft von Ehre und Anstand gesprochen, nun sei der Punkt, auch anst\u00e4ndig abzutreten. \u201eHerr zu Guttenberg wird nicht zu halten sein, und am Ende wird ihn die Bundeskanzlerin nicht halten.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die gr\u00fcn-linke Fraktion vor Schadenfreude tobte, dass Merkels Kronprinz endlich in die Plagiatsaff\u00e4re verwickelt und damit an Glaubw\u00fcrdigkeit verspielt hatte, hielt einzig Kanzlerin Merkel noch an ihm fest. Sie habe Guttenberg nicht als wissenschaftlichen Assistenten oder Doktoranden ins Kabinett geholt. \u201eMir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erf\u00fcllt er hervorragend, und das ist das, was f\u00fcr mich z\u00e4hlt\u201c, so. Dies sahen auch der damalige CSU-Generalsekret\u00e4r Alexander Dobrindt und der ehemalige Ministerpr\u00e4sident Seehofer so. \u201eDie Menschen in Deutschland haben zu Recht kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, wenn sich die Politik wochenlang mit nichts anderem besch\u00e4ftigen w\u00fcrde, als mit Fu\u00dfnoten und Anf\u00fchrungszeichen\u201c, so Dobrindt und f\u00fcgte hinzu: \u201eAlles was SPD und Gr\u00fcne jetzt noch herumkritteln, ist Besch\u00e4ftigungstherapie einer unterbesch\u00e4ftigten und uninspirierten\u00a0Opposition.\u201c Und Seehofer bekr\u00e4ftigte seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr den angeschlagenen Verteidigungsminister: \u201eWenn ich ausspreche, dass ich zu jemandem stehe, dann gilt das auf Dauer &#8211; in welche Widrigkeiten auch jemand ger\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Letztendlich rettete es Guttenberg nicht. Denn auch aus den Reihen der CDU hagelte es Kritik. Bundestagspr\u00e4sident Norbert Lammert (CDU) \u00e4u\u00dferte damals \u00fcber die Plagiatsaff\u00e4re. \u201eDie Presseerkl\u00e4rung, die Karl-Theodor zu Guttenberg am vergangenen Freitag gegeben hat, war jedenfalls kein \u00fcberzeugender Beitrag zur Problembew\u00e4ltigung.\u201c Und f\u00fcgte hinzu: \u201eIch kann mir seinen Auftritt (&#8230;) nur so erkl\u00e4ren, dass ihm zum damaligen Zeitpunkt das Ausma\u00df der Schlampigkeit nicht klar war, mit der die Arbeit verfasst und eingereicht worden ist.\u201c Anders als Lammert, setzte der ehemalige baden-w\u00fcrttembergische Ministerpr\u00e4sident Stefan Mappus noch auf den Superminister, wollte im Landtagswahlkampf gleich \u201eeine Reihe von Auftritten\u201c mit Guttenberg absolvieren. 2Ich finde, dass Karl-Theodor zu Guttenberg die Sache in geeigneter Weise gel\u00f6st hat\u201c, so Mappus, der jedoch das Jahr 2011 im Amt auch nicht \u00fcberleben sollte.<\/p>\n<p>Die Bundesdeutschen waren in der Plagiatsaff\u00e4re von Guttenberg damals nachsichtiger als die Opposition. Nach einer Umfrage des Meinungsinstituts Infratest Dimap waren 73 Prozent der 500 Befragten zufrieden mit der Arbeit des Bundesministers. Plagiatsverdacht hin oder her.<\/p>\n<p><strong>2020 wiederholt sich dasselbe Spiel wie 2011 gegen Guttenberg nur eben anders<\/strong><\/p>\n<p>2020 wiederholt sich dasselbe Spiel wie 2011. Nur ist es diesmal nicht ein Politiker der CSU, sondern eine SPD-Ministerin. Franziska Giffey hat die Entscheidung der FU pers\u00f6nlich genommen: \u201eWer ich bin und was ich kann, ist nicht abh\u00e4ngig von diesem Titel. Was mich als Mensch ausmacht, liegt nicht in diesem akademischen Grad begr\u00fcndet.\u201c Wie einst Guttenberg in der Plagiatsaff\u00e4re hat die SPD-Politikerin auf das F\u00fchren ihres Doktortitels verzichtet. Doch die verkorkste Doktorarbeit wird ihr zunehmend zum Problem. Giffey hat gro\u00dfe politische Ambitionen \u2013 m\u00f6glicherweise als k\u00fcnftige Berliner SPD-Chefin oder als m\u00f6gliche Regierende B\u00fcrgermeisterin. Die Sache mit der Promotion kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt in ihre Karriereplanung. Doch anders als damals bei Guttenberg ist die tobende SPD diesmal friedlicher, es herrscht der Ton verzeihender Vergebung. \u201eGro\u00dfer Respekt vor deiner Entscheidung, liebe Franziska #Giffey. Wir stehen solidarisch an deiner Seite!\u201c, schreibt der Berliner Landesverband an die Bundesministerin, die Berliner B\u00fcrgermeisterin werden m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Guttenberg bezeichneten Giffeys Parteigenossen damals als \u201eDieb\u201c und forderten seine Entlassung. Die Genossen, die so viel von Solidarit\u00e4t und Menschlichkeit reden, hauten damals verbal so feste drauf wie nur m\u00f6glich. Doch die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Bj\u00f6rn B\u00f6hning beispielsweise, Staatssekret\u00e4r im Bundesministerium f\u00fcr Arbeit, schrieb damals gegen den Bundesverteidigungsminister: \u201eGuttenberg will auf Doktortitel verzichten. Aber den akademischen Grad kann man gar nicht zur\u00fcckgeben. Betrug oder kein Betrug ist die frage [sic]\u201c,. Heute argumentiert er vers\u00f6hnlicher: \u201eRespektable Entscheidung von Franziska Giffey!\u201c Und B\u00f6hning ist nur einer von vielen Sozialdemokraten, die sich in diesem Tagen zu Giffey bekennen und sich rein gar nicht \u00fcber diese Doppelmoral sch\u00e4men, mit der sie einst Guttenberg zu Fall brachten. In der SPD interessiert nicht so sehr die Promotion, sondern die prek\u00e4re Lage, in die die Partei damit selbst schlittert. An Giffey haben sie gro\u00dfe Erwartungen. Es geht um mehr, es geht um die Zukunft der SPD. Denn die 42-j\u00e4hrige Giffey, geb\u00fcrtig aus Frankfurt an der Oder, will sich zur Landesvorsitzenden w\u00e4hlen lassen und im Herbst 2021 Regierende B\u00fcrgermeisterin werden. Gelingt ihr das, kann sie ihren F\u00fchrungsanspruch unter den verbliebenen SPD-Ministerpr\u00e4sidenten ausbauen. Sie w\u00e4re die Nummer eins mit allen bundespolitischen Folgen. Doch diese Ambitionen kann trotz kr\u00e4ftiger R\u00fcckendeckung aus der eigenen Partei letztendlich nur das Wahlvolk entscheiden.<\/p>\n<p><strong>Frau Giffey treten Sie zur\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p>Doch konsequenter ist es, wenn Giffey von ihrem Amt zur\u00fccktritt. Sie hat zwar ihre politische Arbeit nicht besch\u00e4digt, sondern ihre Integrit\u00e4t. Wer es bei einem der wohl physischen wie psychischen Unterfangen wie einer Doktorarbeit nicht genau nimmt und willf\u00e4hrig klaut und Zitationen nicht kennzeichnet, hat ein Glaubw\u00fcrdigkeitsverlust und besch\u00e4digt zugleich den Ruf der Wissenschaft. Hier geht es um Wahrheit und nicht blo\u00df um Titelhascherei. Die Lebenszeit, die eine Promotion kostet, m\u00f6gen nur die erfahren haben, die sich ihrer wissenschaftlichen T\u00e4tigkeit dem\u00fctig widmeten, ihnen sei dann auch Titel und Erfolg geg\u00f6nnt. Wer sich aber nicht an dieses Ethos h\u00e4lt, verdient den Titel nicht zu tragen und sollte auch kein politisches Amt aus\u00fcben. Taschentricksereien geh\u00f6ren nicht in die Politik und schon gar nicht in eine Partei, die auf Wert, Solidarit\u00e4t und Anstand setzt. Frau Giffey \u2013 treten Sie zur\u00fcck. Es w\u00e4re auch mit Hinblick auf den Fall Guttenberg die einzig ehrliche Konsequenz.<\/p>\n<p>Der Unmut in der Bev\u00f6lkerung \u00fcber ein derart unethisches Gebaren w\u00e4chst. Der Bundesb\u00fcrger schaut entsetzt zu wie getrickst, gedreht und betrogen wird. Und der nimmt entr\u00fcstet zur Kenntnis, dass nun bei Frau Giffey andere Regeln gelten sollen als bei Guttenberg. 2019 hatte die Familienministerin ihren R\u00fccktritt angek\u00fcndigt, wenn die freie Universit\u00e4t Berlin ihr den Titel entzieht. Damit sollte sie jetzt ernst machen.<\/p>\n<h1>Helsinkis stiller Sieg gegen die Pandemie<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz10.11.2020Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend Schweden weder den Lockdown anvisierte noch das \u00f6ffentliche Leben katapultartig in den Keller schoss, kann auch Finnland beim Kampf gegen das Coronavirus Erfolge verbuchen. Helsinki hat \u2013 ganz unbemerkt vom medialen Get\u00f6se \u2013 das Virus in den Griff bekommen, mehr noch: Mittlerweile verzeichnet das Land die niedrigste Infektionsrate innerhalb der EU. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/strong><\/p>\n<p>Der schwedische Sonderweg<\/p>\n<p>Alle reden \u00fcber Schweden und den Sonderweg, den das Land w\u00e4hrend der Pandemie eingeschlagen hat. Anders Tegnell versprach mit einem pr\u00e4ferenzutilitaristischen Ansatz den gr\u00f6\u00dften Nutzen f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Zahl von Corona-Patienten. Im Klartext bedeutete das: Man nimmt eine h\u00f6here Sterblichkeit in Kauf, immunisiert aber die Skandinavier durch, so dass diese letztendlich eine Herdenimmunit\u00e4t erlangen. Damit war Schweden bisher einsam in Europa. Nur der englische Premier Boris Johnson favorisierte zu Beginn der Pandemie Anfang M\u00e4rz 2020 eine vergleichbare Immunisierungsstrategie, die er dann aber ad acta legte, weil Johnson, wie viele andere Spitzenpolitiker weltweit, selbst mit COVID-19 infiziert wurde.<\/p>\n<p>Das schwedische Modell gilt mittlerweile \u2013 trotz langer und heftiger Kritik aus den Reihen der EU \u2013 als ein Modell zur Krisenbew\u00e4ltigung. Die Zahl der Neuinfektionen ist nicht gestiegen, die der Sterblichkeit sogar unterdurchschnittlich gegen\u00fcber den vergangenen zehn Jahren.<\/p>\n<h4><strong>Finnland hat die niedrigste Infektionsrate der EU <\/strong><\/h4>\n<p>W\u00e4hrend Schweden weder den Lockdown anvisierte noch das \u00f6ffentliche Leben katapultartig in den Keller schoss, kann auch Finnland beim Kampf gegen das Coronavirus Erfolge verbuchen. Helsinki hat \u2013 ganz unbemerkt vom medialen Get\u00f6se \u2013 das Virus in den Griff bekommen. Mehr noch: Mittlerweile verzeichnet das Land die niedrigste Infektionsrate innerhalb der EU.<\/p>\n<p>Corona umgreift Europa immer noch wie ein uns\u00e4glicher Krake, der sich aus der Tiefe immer wieder in die H\u00f6he schraubt und weitere Opfer mit sich\u00a0 rei\u00dft. Doch inmitten der Ostsee sinkt die Zahl der Neuinfektionen in Finnland. So lag die Infektionsrate in den letzten zwei Wochen im Schnitt bei 45,7 F\u00e4llen je 100.000 Einwohner. Und wie in Schweden, so sind auch die durch die Pandemie verursachen wirtschaftlichen Folgen der Seuche in Finnland milder als bei den europ\u00e4ischen Nachbarn.<\/p>\n<h4>Finnen vertrauen auf die Beh\u00f6rden und den Staat<\/h4>\n<p>Es sind gleich mehrere Faktoren, die den Finnen beg\u00fcnstigend in die H\u00e4nde spielen. \u00c4hnlich wie in der Bundesrepublik verh\u00e4ngte die Regierung in Helsinki unter der sozialdemokratischen, dynamisch-agierenden 34-j\u00e4hrigen Ministerpr\u00e4sidentin Sanna Marin und dem seit 2018 umsichtig agierenden Regierungschef Sauli Niinist\u00f6 von der konservativen Nationalen Sammlungspartei, fr\u00fchzeitig im M\u00e4rz einen zweimonatigen Lockdown. Reisen in und aus der Hauptstadt Helsinki waren verboten. Danach kehrte das Land weitgehend zur Normalit\u00e4t zur\u00fcck. Die Finnen setzten fr\u00fch auf ein effektives System von Tests, reagierten blitzschnell und professionell bei der Nachverfolgung von Ansteckungsketten mit dem Fazit, dass die Infektionen gering gehalten werden konnten. Beg\u00fcnstigend war, anders als im Corona-kritischen Deutschland, wo Verschw\u00f6rungstheorien zum Alltag geh\u00f6ren und Gro\u00dfaufm\u00e4rsche gegen die Covid-19-Politik der Bundesregierung regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Z\u00fcndstoff sorgen und damit die Strategie aus Berlin aus den Angeln heben, die Nutzung der App \u201eCorona Flash\u201c, die 2,5 Millionen der 5,5 Millionen Finnen auf ihr Smartphone geladen haben.<\/p>\n<h4>Der Lockdown hat das Leben sogar verbessert<\/h4>\n<p>Geh\u00f6rt es zur Wesensnatur der Deutschen eher kritisch, m\u00fcrrisch und ein wenig misstrauisch zu sein, sind die Finnen etwas staatstreuer. Das Vertrauen in die Beh\u00f6rden ist im Norden weitaus ausgepr\u00e4gter als hierzulande. Zudem ist man nicht so gesellig und liebt an langen Winterabenden die Einsamkeit. Und anders als in Leipzig, Berlin und Stuttgart gibt es kaum Widerstand gegen die Corona-Regeln der Regierung. Mehr noch: Die Skandinavier sehen in den staatlichen Ma\u00dfnahebeschr\u00e4nkungen gerade keine Beschr\u00e4nkung ihrer individuellen Freiheitsrechte, sondern setzten auf die Instanzen des Rechtsstaates. Bei einer Umfrage im Auftrag des EU-Parlaments gaben 23 Prozent der befragten Finnen an, dass der Lockdown ihr Leben sogar verbessert habe.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend vielerorts in Italien und Spanien Ausgangssperren herrschen, die Stra\u00dfen wie leergefegt anmuten und die St\u00e4dte geisterhaft erscheinen, sind in den Gesch\u00e4ftsstra\u00dfen von Helsinki kaum weniger Menschen unterwegs als vor der Pandemie. Wenige tragen eine Maske, obwohl die Beh\u00f6rden diese mittlerweile empfehlen. Die staatstreuen Finnen st\u00f6rt es nicht, wenn in den Restaurants nur noch halb so viele G\u00e4ste sitzen und die \u00d6ffnungszeiten verk\u00fcrzt wurden. Auch in der Gastronomie gibt man sich inmitten der Krise zuversichtlich und will neue Wege suchen. Glash\u00e4user im Au\u00dfenbereich sind dabei eine Alternative und der eh gem\u00fctliche Finne hat diese unterdessen sogar inst\u00e4ndig angenommen. Die Skandinavier ertragen die Pandemie einfach gelassener als der brodelnde S\u00fcden mit seinen Ausgehvierteln und Flaniermeilen.<\/p>\n<p>Gleichwohl auch die Wirtschaft im zweiten Quartal um 6,4 Prozent schrumpfte, lag der R\u00fcckgang damit deutlich unter dem Minus von 14 Prozent im EU-Durchschnitt. So sehr das Modell der Finnen sich vom schwedischen Weg unterscheidet, beide gelten als erfolgreiche Rezepte, die Corona-Pandemie halbwegs in den Griff zu bekommen. So unterschiedlich die Anti-Corona-Strategien also auch sein m\u00f6gen, von den Skandinaviern kann manch geschundenes EU-Land einiges lernen.<\/p>\n<h1>Covid-19 Neuinfektionen sind auf Vorwochenniveau +++ Lockdown zeigt Wirkung +++ R-Wert unter 1 +++<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz10.11.2020Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Licht am Horizont. Ein neuer Impfstoff der Firma Biontech macht Hoffnung. Auch die Infektionszahlen steigen nicht mehr so dramatisch. Zwar h\u00e4lt die Bundesregierung nach wie vor an harten Ma\u00dfnahmen fest. Doch wie es aussieht, entfaltet der zweite Lockdown, der Lockdwon light, Wirkung. Eigentlich m\u00fcsste Deutschland bald wieder zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehren d\u00fcrfen. Der entscheidende R-Wert liegt aktuell bei 0,98 und ist damit so niedrig wie seit dem 1. September nicht mehr.<\/p>\n<p>Nach einer Woche Lockdown scheint sich die Lage in Deutschland positiv zu entwickeln. Die Zahlen sprechen f\u00fcr sich \u2013 weniger Corona-Neuinfizierte. Waren am Samstag noch 23.000 Neuinfektionen zu beklagen, entspannte sich die Lage am Dienstag. Wie das f\u00fcr den Infektionsschutz in Deutschland federf\u00fchrende Robert-Koch-Institut mitteilte, wurden am Montag nur noch 13.000 Neuinfektionen mit dem hochansteckenden Covid-19-Virus registriert.<\/p>\n<p>Die Zahl der seit dem Beginn der Pandemie Infizierten liegt insgesamt bei 687.200 Personen. Nach wie vor sind es \u00e4ltere Menschen, die unter dem Virus leiden. Die Krankheitsverl\u00e4ufe sind hier schwerwiegender. Die Zahl der Todesf\u00e4lle stieg auf 11.506. Entgegen der ersten Corona-Welle zeichnet sich hier bereits ein Gegentrend ab. Starben im Fr\u00fchjahr mehr als 300 Personen t\u00e4glich, ist die Zahl der mit oder an Corona Verstorbenen Angang November um die H\u00e4lfte gefallen. Die Zahl der Genesenen bel\u00e4uft sich laut dem RKI hingegen auf etwa 441.200. Und auch beim Sieben-Tage-R-Wert zeichnet sich eine Tendenz ins Positive ab. Laut seinem aktuellen Lagebericht des RKI sinkt der R-Wert weiter. Dieser bezieht sich auf einen l\u00e4ngeren Zeitraum und unterliegt daher weniger tagesaktuellen Schwankungen. Nach RKI-Sch\u00e4tzungen lag dieser Wert innerhalb der letzten Tage bei 1,09 und bildete das Infektionsgeschehen von vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab. Aktuell liegt der Wert derzeit bei 0,98. Er ist damit so niedrig, wie seit dem 1. September nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Zahlen steigen also nicht mehr ganz so stark wie in den beiden Vorwochen und der Anstieg der bei den Neuinfektionen schw\u00e4cht sich ab. Im Vergleich zum Dienstag vergangener Woche ist der Wert nahezu identisch. Liegt er R-Wert unter der magischen Marke von 1 stecken rein rechnerisch 100 Infizierte etwa 98 weitere an.<\/p>\n<h4>Der Impfstoff ist da<\/h4>\n<p>Seit Monaten wartet die Welt auf einen neuen Corona-Impfstoff. Am Montag hatte als erstes westliches Unternehmen der deutsche Hersteller\u00a0Biontech\u00a0Zwischenergebnisse vorgelegt. Ab der kommenden Woche will das Mainzer Pharmaunternehmen die Zulassung eines Corona-Impfstoffs beantragen. Dieser soll mehr als 90-prozentigen Schutz bieten \u2013 auch schwere Nebenwirkungen wurden bislang nicht registriert, so das Unternehmen. Bis Sonntag wurden in der Studie insgesamt 94 F\u00e4lle der Krankheit best\u00e4tigt. Dennoch wird, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betonte, ein Impfstoff erst im ersten Quartal 2021 zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>L\u00e4nder wie Russland, China und Bahrain impfen bereits. Doch die Bundesregierung will hier sicher gehen. Erst, so der Gesundheitsminister Spahn, wenn alle Nebenwirkungen bekannt sind, ist mit einer Zulassung zu rechnen. Wegen der besonderen Dringlichkeit gilt f\u00fcr den Corona-Impfstoff ein beschleunigter Zulassungsprozess. So k\u00f6nnen Arzneimittelhersteller schon vor dem kompletten Zulassungsantrag bei der europ\u00e4ischen Arzneimittelbeh\u00f6rde einzelne Teile zu Qualit\u00e4t, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit eines Pr\u00e4parats einreichen.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung h\u00e4lt aber derzeit noch an ihrem h\u00e4rteren Kurs in der Corona-Krise fest. Aber wie aus Berlin deutlich wurde, zeichnet sich am Horizont ein Hoffnungsschimmer ab. Der Impfstoff kommt, selbst wenn dieser erst in den n\u00e4chsten Monaten breitenwirksam verteilt werden kann. Aber zeigt sich aber auch, dass einerseits die Ma\u00dfnahmen im zweiten Lockdown positive Wirkungen zeigen, zum anderen, dass durch den neuen Impfstoff nach fast einem Jahr der Corona-Krise ein langsamer R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t wieder m\u00f6glich ist. Im Unterschied zu Schweden hatte man in Deutschland nicht auf Herdenimmunit\u00e4t gesetzt, sondern auf gezielte Ma\u00dfnahmen wie die AHA-Regeln. Im zweiten Lockdown scheint sich dieses Herangehen jetzt positiv zu best\u00e4tigen.<\/p>\n<h1>Kein Lockdown und dennoch weniger Corona-Infizierte: Die Schweden machen alles richtig &#8211; Dank Lockdown-Verzicht: Schweden erreicht Herdenimmunit\u00e4t<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz5.11.2020Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><em>Dank Lockdown-Verzicht bew\u00e4ltigt Schweden die Coronakrise besser als andere europ\u00e4ische Staaten. Bereits in der ersten Phase der Pandemie hatten die Skandinavier nicht auf einen Lockdown, sondern auch eine Herdenimmunit\u00e4t gesetzt. Im November zeigt sich: Sie lagen damit nicht falsch. Eine Glosse von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<p>In Deutschland hat die Zahl der Corona-Neuinfektionen am Donnerstag fast die 20.000-Marke geknackt. Trotz zweiten Lockdown steigen die Covid-Infektionen. Ein ganz anderes Bild zeichnet sich derzeit in Schweden ab. Das Land ging seit dem Beginn der Coronakrise einen anderen Weg als Resteuropa. Verantwortlich f\u00fcr die dortige Anti-Corona-Strategie war <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/corona-zahlen-in-schweden-sind-im-sinkflug-schweden-ein-vorbild-fur-deutschland\/\">Staatsepidemiologe<\/a> Anders Tegnell. W\u00e4hrend Deutschland in der ersten Phase der Corona-Pandemie Wirtschaft, Schulen und Kitas schloss, Restaurants und das \u00f6ffentliche Leben fast auf Null herunterfuhr, hatte sich Schweden daf\u00fcr entschieden, keinen <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/coronavirus-schweden-widersetzt-sich-dem-pandemie-trend\/\">Lockdown<\/a> zu fahren. Mit dieser Strategie kamen die Nordlichter bislang gut durch die Corona-Krise, gleichwohl man auch dort in Kauf genommen hatte, dass insbesondere h\u00f6here Semester und Risikogruppen am Coronavirus sterben. Eine h\u00f6here Mortalit\u00e4t geh\u00f6rte quasi zur Immunisierungsstrategie dazu. Dabei setzte man auf einen Utilitarismus, der ethisch sicherlich kritisch zu hinterfragen ist, doch nach Abw\u00e4gung der Zweck-Relation f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Zahl und des allgemeinen Gl\u00fccks damals ausschlaggebend war und moralisch sich rechtfertigen lie\u00df.<\/p>\n<p><strong>Ohne Lockdown wurde Herdenimmunit\u00e4t erreicht<\/strong><\/p>\n<p>Anfang November best\u00e4tigt sich Schwedens Sonderweg. In Skandinavien wird jetzt mehr getestet, die Zahl der PCR-Testungen erweitert. Dennoch liegt in Schweden die Zahl der Neuinfektionen aktuell unterhalb der Werte aus dem Fr\u00fchjahr. Wie Wissenschaftler, Virologen und insbesondere <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/corona-zahlen-in-schweden-sind-im-sinkflug-schweden-ein-vorbild-fur-deutschland\/\">Epidemiologen<\/a> betonten, k\u00f6nnte der ausgebliebene Lockdown und der damit verbundene Kontakt der Menschen zum SARS-CoV-2 Erreger dazu gef\u00fchrt haben, dass sich T-Zellen jetzt an das Virus \u201eerinnern\u201c. Damit w\u00e4re die \u00fcber T-Zellen generierte Herdenimmunit\u00e4t erreicht. In einem bericht von \u201eTelepolis\u201c hei\u00dft es dazu: \u201eZwar ist ein saisonbedingter Anstieg zu konstatieren, allerdings liegen die Oktoberzahlen (noch) unter dem Durchschnitt der Monate April bis Juni, und dies bei einer starken Zunahme der PCR-Tests. Obwohl die schwedische Bev\u00f6lkerung zahlenm\u00e4ssig in etwa jener Belgiens und Tschechiens entspricht, betragen die t\u00e4glichen Neuinfektionen weniger als ein Zehntel.\u201c<\/p>\n<p><strong>Zahlen geben den Schweden recht<\/strong><\/p>\n<p>Der Weg, den Anders Tegnell im Fr\u00fchjahr eingeschlagen ist, scheint daher der richtige zu sein. Davon ist zumindest der schwedische Arzt Sebastian Rushworth \u00fcberzeugt, dass \u201emittels der T-Zellen die angestrebte Herdenimmunit\u00e4t zu erreichen\u201c, erfolgreich umgesetzt wurde. Anders als in Italien, Spanien, Belgien, \u00d6sterreich, der Schweiz und Deutschland sprechen die moderaten Infektionszahlen im skandinavischen Land daf\u00fcr, dass man das Coronavirus auch in den Griff bekomme, wenn man auf die Selbstverantwortlichkeit der B\u00fcrger, auf Abstandsregeln und den Mundschutz setzt, dennoch auf \u201eweitere Restriktionen\u201c verzichtet. Das Schweden in der Coronakrise mit seinem Sonderweg auf dem richtigen Kurs segelt, zeigt auch ein Blick auf die Sterbef\u00e4lle. Diese entsprechen im Land dem langj\u00e4hrigen Durchschnitt. W\u00e4hrend der ersten 35 Wochen dieses Jahres gab es insgesamt 620 Tote auf 100.000 Einwohner. Nur im Jahr 2012 lag die Zahl der Toten mit 650 h\u00f6her. Bezogen auf die Gesamtbev\u00f6lkerung sind das rund 3.000 Todesf\u00e4lle mehr als im Jahr 2020 gewesen.<\/p>\n<h1>Die Chinesen werden nie den Westen \u00fcberholen \u2013 Ihr System gr\u00fcndet auf Unfreiheit &#8211; Wird Europas Kultur asiatisch oder gar chinesisch? Wird Europas Kultur asiatisch oder gar chinesisch?<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz7.11.2020Europa, Medien<\/p>\n<p><em>Chinas Einfluss auf die Welt w\u00e4chst. Aus dem einstigen Kaiserreich, das Qin Shihuangdi 200 Jahre vor Christius gr\u00fcndete, ist sp\u00e4testens unter Xi Jinping wieder eine Weltmacht geworden. Anstelle den chinesischen Mauer und der ehrw\u00fcrdigen Dynastien sind jetzt die kapitalistischen Turbokommunisten getreten. Doch Chinas Kunst war nie so weit weg von Europa wie ein Blick in die europ\u00e4ische Geschichte zeigt. Aber hat das Imperium aus Fernost auch die Macht, Europa kulturell zu ver\u00e4ndern? Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<h4>Das 21. Jahrhundert wird pazifisch sein<\/h4>\n<p>Ausgerechnet zwei Amerikaner und ein Deutscher warnten bereits vor 30 Jahren vor einer geopolitischen Verschiebung der Machtverh\u00e4ltnisse von Europa und Amerika hin zu Asien. Galt das 20. Jahrhundert noch als atlantisch, sollte, so die Prophezeiung von damals, das 21. Jahrhundert pazifisch sein. Mit ihrer Analyse eilten Samuel Huntington, Francis Fukuyama und Henry Kissinger ihrer Zeit voraus. Was sie in den 1990er Jahren mit Alarmismus und kassandrahaft verst\u00f6rend postulierten, ist zur neu gewonnenen Realit\u00e4t geworden<em>. <\/em>Doch China war nie so weit weg von Europa, wie ein Blick in die europ\u00e4ische Geschichte zeigt<\/p>\n<h4>Chinaeuphorie im 18. Jahrhundert<\/h4>\n<p>Die Chinaeuphorie auf dem europ\u00e4ischen Kontinent ist keineswegs neu. Der europ\u00e4ische Kontinent war einst geradezu von Fernost gefangen. Von 1650 bis1820 bl\u00fchte die Chinoiserie in allen Varianten. Ob Porzellan, Fayancen, Lackm\u00f6bel<em>, <\/em>chinesische G\u00e4rten und Architekturen \u2013 \u00fcberall, wie im Schlosspark Nymphenburg, im Englischen Garten in M\u00fcnchen, im chinesischen Garten von Oranienbaum bei Dessau, die von Jean-Baptiste Pillement und William Chambers ausgel\u00f6ste China-Euphorie entfaltete sich buchst\u00e4blich in die europ\u00e4ische Kultur hinein. Selbst der gro\u00dfe preu\u00dfische Aufkl\u00e4rer und K\u00f6nig, der Philosoph auf dem Thron der Macht, Friedrich der Gro\u00dfe, hatte sein Schloss in Sanssouci fantasievoll im Chinoiseriedekor ausgestattet. Und \u00fcberall in Europa wuchsen Pagoden und Pavillons zum Himmel. Sie allesamt waren Symbole f\u00fcr die Sehnsucht der Europ\u00e4er nach den fragil- hochverfeinerten Luxusgegenst\u00e4nden aus einem unbekannten, m\u00e4rchenhaft-exotischem Reich. Der Mythos von China, dem Idealreich in Fernost, das einst Marco Polo bereist und von Zauberhand f\u00fcr die Europ\u00e4er vermittelte, war en vogue. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts vermittelten jesuitische Missionare ein Bild von Asien, welches die fern\u00f6stliche Welt in einer Idealform darstellte, als hochkultiviert und zuh\u00f6chst zivilisiert. Selbst f\u00fcr den Philosophen und letzten Universalgelehrten Leibniz wird China ein Reich, \u201edas gleichsam wie ein Europa des Ostens das entgegengesetzte Ende der Erde ziert\u201c (\u201eNovissima Sinica\u201c). Doch dieser Chinaenthusiasmus blieb Jahrhunderte hinweg exklusiv, fokussierte sich auf die oberen Zehntausend samt gediegenem und kostspieligem Kunstenthusiasmus. F\u00fcr das Volk blieb Chinas Kunst unerreichbar. Erst als umsichtige Monarchen in den 1900er Jahren die barocken und sp\u00e4teren englischen Landschaftsg\u00e4rten f\u00fcr die breite \u00d6ffentlichkeit, f\u00fcr das Volk, die sogenannten \u201eVolksg\u00e4rten\u201c \u00f6ffneten, stand der Blick nach Asien durch den Fokus der Kunst allen offen.<\/p>\n<h4>Das 20. Jahrhundert war amerikanisch<\/h4>\n<p>Das 20. Jahrhundert ver\u00e4nderte alles. Eine geradezu beispielslose Adaption, ein Amerika-Hype mit Breitenwirkung durch alle Schichten der Gesellschaft hinweg, griff tief in die Kultur und Wirtschaft nach 1945 ein. Der \u201eAmerican Way of Life\u201c hatte die Deutschen nach dem Krieg als Kulturnation ver\u00e4ndert. Die USA wurde kulturstiftend und -gebend. Alles, was \u00fcber den gro\u00dfen Ozean schwappte, wurde adaptiert. Breitenwirksam griff Amerika in das Rad der Geschichte und pr\u00e4gte \u00fcber ganze Generationen und Bev\u00f6lkerungsschichten hinweg den deutschen Zeitgeist, ob in der Wirtschaft oder in der Alltagskultur. Deutschland war der Schwamm und Amerika das Gl\u00fcck spendende Wasser, das buchst\u00e4blich aufgesogen wurde. Elvis Presley, Marilyn Monroe, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Bill Haley, Lady Gaga, Kim Kardashian, Blue Jeans, Tupperware-Partys, Coca-Cola, Hot Dog, Hollywood-Schaukel, Stra\u00dfenkreuzer und Einbauk\u00fcche \u2013 Europa wurde zum Spiegel der amerikanischen Erfolgsgeschichte. Der Jazz, die \u201eklassische Musik Amerikas\u201c, floh aus den Kellern von New Orleans und Louisiana mit Louis Amstrong, Billy Taylor und Wynton Marsalis buchst\u00e4blich \u00fcber den Atlantik, rockte die Welt mit purer Lebensfreude, brachte die Clubs von Westberlin bis hin nach Westdeutschland buchst\u00e4blich zum bersten. Sinatra und Hollywood, Walt Disney und Micki Maus, Walt Whitmann, Mark Twain, Ernest Hemingway oder Susan Sonntag, so unterschiedlich sie alle waren, verdr\u00e4ngten die deutschen Klassiker, alles war hipper, flippiger als die Spie\u00dfb\u00fcrgeridylle einer Kulturnation, die nach den Repressalien des Zweiten Weltkrieges den Taumel des Lebendigen feierte, die ungezwungene Vitalit\u00e4t des amerikanischen Traumes einatmen wollte. Mit der Erfindung des iPhones kam dann endg\u00fcltig eine Technik nach Europa, die kultisch verehrt, fast zum Religionsersatz wurde. Mehr Amerika ging nicht. Doch in den letzten 30 Jahren ist die Stimmung gekippt \u2013 nicht erst seit Donald Trump durch die Welt poltert, Rassenunruhen die USA entflammen, Amerika zum Kriegstreiber im\u00a0 Zweiten Golfkrieg und im sp\u00e4teren Irakkrieg wurde und den Fl\u00e4chenbrand im Nahen Osten ausgel\u00f6st hat: Massenmigration, Armut und Tod im Gep\u00e4ck. Amerika war out, Asien wieder in.<\/p>\n<h4>Nach 200 Jahren kommt China in die europ\u00e4ische Kultur zur\u00fcck<\/h4>\n<p>Die chinesische Kunst bl\u00fcht \u2013 inmitten von Berlin. Die Spreemetropole wird zum Anziehungspunkt junger Asiaten, die die Szene immer mehr pr\u00e4gen und bev\u00f6lkern. Nach dem b\u00fcrgerlichen Biedermeier und der Ikea-Schrankwand erobern exotische St\u00fccke aus Fernost die Wohnzimmer. Auf den europ\u00e4ischen Auktionsm\u00e4rkten haben die Preise f\u00fcr M\u00f6bel aus Fernost deutlich angezogen. Der Trend gen China setzt sich innerhalb der deutschen Hochschullandschaft fort. Immer mehr Universit\u00e4ten verbuchen einen Boom bei Einschreibungen in F\u00e4chern wie Sinologie. Die Religionen des Ostens, ob Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus dr\u00e4ngen immer mehr Menschen aus der Amtskirche, untermauern sie doch den Wunsch nach pers\u00f6nlicher Religiosit\u00e4t, jenseits von protestantischer Strickpulli-Mentalit\u00e4t und Folklore-Gottesdiensten. Ein neues religi\u00f6ses Gef\u00fchl erwacht, das immer weniger mit dem Papst in Rom, der Diktatur der alten wei\u00dfen M\u00e4nner im Vatikan, dem Poker um die Macht und den \u201eMissbrauch\u201c des Religi\u00f6sen anzufangen wei\u00df. Jenseits vom Synodalen Weg erw\u00e4chst inmitten der S\u00e4kularisierung ein Gegentrend. Die aus asiatischen Lehren und Religionen selbst zusammengezimmerte neue Religion erwacht im Stil einer emanzipierten Lebens- und Sinnsuche, die sich Religion nunmehr selbst nach dem LEGO-Baukasten schmiedet.<\/p>\n<p>Die Tattoo-Kultur der Asiaten feiert eine Renaissance, wird geradezu zum neuen K\u00f6perkult. Wer was auf sich h\u00e4lt, veredelt seinen K\u00f6rper schon lange nicht mehr mit einem Seemanns-Tattoo, sondern mit Drachen und Manga-Motiven aus Japan. Chinesische K\u00fcnstler wie Ai Weiwei genie\u00dfen Kultstatus und die Asiaten bringen der Kunst den Akademismus zur\u00fcck. Statt postmodernem Allerlei und dem wilden Happening der 70er Jahre ist es eine neue Generation von K\u00fcnstlern, die dem alten Europa die akademische Kunst, den akademischen Realismus oder Akademismus ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckruft. Die Asiaten sind es, die dem Wildwuchs in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst das Regulativ des K\u00f6nnens und die Maxime der Kunstwahrheit \u2013 samt strenger Einhaltung der formalen technischen und \u00e4sthetischen Regeln \u2013 entgegenstellen.<\/p>\n<h4>Was den Chinesen fehlt, ist die Freiheit<\/h4>\n<p>Aber bei allem, was aus Asien und China gerade nach Europa schwappt oder in den letzten Jahrhunderten rezipiert wurde, ist dennoch nicht zu bef\u00fcrchten, dass das chinesische Reich in naher Zukunft die Kultur Europas ver\u00e4ndern oder gar bedrohen wird. Zu sehr ist das Land um Machthaber Xi Jinping darauf bedacht, seinen poltisch-milit\u00e4rischen und wirtschaftlichen Einfluss zu festigen. Die globale Infiltration durch Kunst hat das China derzeit daher noch nicht auf der Agenda, gleichwohl wirtschaftliche und politische Einfl\u00fcsse die Gesellschaft global auch kulturell pr\u00e4gen und ver\u00e4ndern. Und so sehr es umgekehrt eine gewisse Renaissance des Asiatischen und Chinesischen in Europa geben mag, die freiheitliche Ordnung, die Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung, der friedliche Sturz des Sozialismus und das Zusammenfallen des kommunistischen Ostblocks im Jahr 1989 wird bei den Europ\u00e4ern das Bewusstsein wach halten, dass ein Leben nur durch und in Freiheit wahrhaft vern\u00fcnftig und wirklich sein kann. Diese Freiheit der Entscheidung werden sich die Europ\u00e4er nach zwei vernichtenden Diktaturen nicht wieder nehmen lassen. Und ein System wie das chinesische, welches wie George Orwells \u201e1984\u201c oder Aldous Huxleys dystopischer Roman \u201eBrave New World\u201c als \u00dcberwachungsstaat daherkommt und die Freiheitsrechte beschneidet, bleibt kontraproduktiv zu einer Kultur von freien B\u00fcrgern, die sich ihre Kreativit\u00e4t nicht von einem repressiven System vorschreiben werden, sondern es ganz mit dem deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel halten werden: \u201eDie Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit\u201c. Und dieses garantiert nicht der chinesische Turbokapitalismus samt pseudo-religi\u00f6sen Allmachtsphantasien, sondern der Rechtsstaat und die freiheitliche Demokratie. Bei aller Euphorie im pazifischen Zeitalter \u2013 die Freiheit muss den Sieg davontragen.<\/p>\n<h1>Corona-Fallzahlen steigen, Fallsterblichkeit unter einem Prozent<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz29.10.2020Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><em>Die Corona-Fallzahlen steigen. W\u00e4hrend bei der ersten Corona-Welle im M\u00e4rz die Zahl der Toten explosionsartig nach oben katapultierte, zeigt sich Ende Oktober ein anderes Bild. Selbst wenn die kritische Marke bei 16.000 neuen Covid-19-Infektionen t\u00e4glich sehr hoch ist, liegt der Anteil der an einer best\u00e4tigten Corona-Infektion verstorbenen Personen niedriger als im Fr\u00fchjahr. Auch die sogenannte Infektionssterblichkeit d\u00fcrfte noch wesentlich geringer ausfallen.<\/em><\/p>\n<p>Aus einem aktuellen Lagebericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) geht Ende Oktober hervor, dass der Anteil Verstorbener an allen laborbest\u00e4tigten Sars-CoV-2-Infektionen seit der Kalenderwoche 34 (17.8. bis 23.8.) bei deutlich unter einem Prozent liegt. Im Klartext bedeutet das: Weniger als jeder Hundertste der gemeldeten mit Corona infizierten Personen ist an oder mit Beteiligung der Infektion in der Bundesrepublik gestorben. 85 Prozent der \u00fcber 10.056 Corona-Toten (Stand 26. Oktober 2020)\u00a0 war 70 Jahre oder \u00e4lter.<\/p>\n<p>Hatte die Zahl der Todesf\u00e4lle Anfang April 2020 mit 1600 ihren H\u00f6chststand erreicht, ist seitdem die Zahl der Todesf\u00e4lle stetig gesunken. Anfang September und im Oktober stieg sie wieder leicht an und lag zuletzt bei etwa 200 F\u00e4llen binnen sieben Tagen.<\/p>\n<h4>Fallsterblichkeit und Infektionssterblichkeit darf man nicht miteinander verwechseln<\/h4>\n<p>In der ersten Welle war die Fallsterblichkeit deutlich h\u00f6her. Damals hatten sich vermehrt \u00e4ltere Menschen angesteckt. Heute hingegen infizieren sich eher J\u00fcngere. Mit Blick auf den Gesamtverlauf der Pandemie in Deutschland gab das RKI die Fallsterblichkeit am 20. Oktober 2020 mit 2,6 Prozent an. Dass diese Zahl nun wesentlich h\u00f6her ist als die Sterblichkeit in den vergangenen Wochen, liegt daran, dass im Fr\u00fchjahr mehr Menschen an Covid-19 verstorben sind.<\/p>\n<p>Doch wie berechnet sich die Sterblichkeit? In seinem Berichten gibt das RKI immer die Fallsterblichkeit an, die nicht mit der Infektionssterblichkeit verwechselt werden darf. Die Fallsterblichkeit gibt Auskunft \u00fcber den Anteil der Verstorbenen an nachgewiesenen Corona-F\u00e4llen. Da es trotz der inzwischen vielen Tests eine wom\u00f6glich hohe Dunkelziffer bei Neuinfektionen gibt, d\u00fcrfte der Anteil der Toten an allen Infizierten noch niedriger sein. Diesen Wert bezeichnet die Infektionssterblichkeit.<\/p>\n<h4>Wert der Infektionssterblichkeit d\u00fcrfte deutlich niedriger liegen<\/h4>\n<p>Eine Studie zur Infektionssterblichkeit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte in der vergangenen Woche (The European berichtete) f\u00fcr Aufsehen gesorgt. Laut dieser, die federf\u00fchrend von Professor John Ioannidis von der kalifornischen Stanford University durchgef\u00fchrt wurde, werden in den meisten Weltregionen vermutlich weniger als 0,2 Prozent aller Corona-Infizierten sterben. Diese Sterblichkeit variiere, so der Wissenschaftler, stark von verschiedenen Faktoren ab: von der Altersstruktur der Gesellschaft zum einen und zum anderen davon, wie sehr es gelingt, Risikogruppen zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Seit dem Ausbruch des Coronavirus wird immer wieder dar\u00fcber diskutiert, welche Ma\u00dfnahmen zur Bek\u00e4mpfung des Virus \u00fcberhaupt sinnvoll sind: In den vergangenen Tagen hatten Experten vorgeschlagen, dass bei der Abw\u00e4gung \u00fcber neue Corona-Einschr\u00e4nkungen auch andere Parameter als nur die Fallzahlen herangezogen werden sollten \u2013 so etwa auch die Sterblichkeit und die Hospitalisierungen, also die Zahl der behandelten Patienten in Kliniken.<\/p>\n<h4>Bundesregierung verh\u00e4ngt \u201eLockdown light\u201c<\/h4>\n<p>Am 28. Oktober 2020 hatte die Bundesregierung erneut einen Lockdown verh\u00e4ngt. Nach dem ersten im Fr\u00fchjahr soll der zweite eine Art \u201eLockdown light\u201c sein. Doch so \u201elight\u201c ist er nicht. Wie im Fr\u00fchjahr werden durch diese leicht modifizierte Version viele Grundrechte der Bundesb\u00fcrger eingeschr\u00e4nkt. Das rigide Vorgehen von Bund und L\u00e4ndern hatte als Reaktion eine ganze Reihe von Kritikern auf den Plan gerufen. Kritik an den Beschl\u00fcssen kommt nicht nur von Gastronomen und aus der Eventbranche. Auch Politiker haben sich unterdessen kritisch gegen die gemeinsame Entscheidung von Bund und L\u00e4ndern ausgesprochen. Als erster wollte Th\u00fcringens Ministerpr\u00e4sident Bodo Ramelow (Die LINKE) eine Zustimmung seiner Regierung zu einem derartigen Beschluss nicht geben.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu einer Vielzahl von Politikern aus der Union, die einen erneuten Lockdown legitimierten und f\u00fcr bundeseinheitliche Regeln pl\u00e4dierten, sieht das FDP-Fraktionsvize Christian D\u00fcrr anders. Er hat bei erneuten Schlie\u00dfungen von Betrieben in der Coronakrise vor massiven Folgen f\u00fcr die Wirtschaft gewarnt. \u201eEin neuer Lockdown wird vielen Betrieben den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegziehen.\u201c \u201eBund und L\u00e4nder hatten monatelang Zeit, sich auf die zweite Welle vorzubereiten. Statt die Gastronomie und andere Branchen stillzulegen, h\u00e4tte ich erwartet, dass die Kanzlerin einen Akut-Plan f\u00fcr mehr Personal in den Gesundheits\u00e4mtern und Konzepte f\u00fcr eine digitale Kontaktnachverfolgung vorlegt.\u201c<\/p>\n<p>Auch Bundestagsvizepr\u00e4sident Wolfgang Kubicki h\u00e4lt die aktuellen Einschr\u00e4nkungen des zweiten Lockdowns f\u00fcr rechtswidrig und hat Betroffene aufgerufen, rechtliche Mittel gegen stark einschneidende Corona-Ma\u00dfnahmen einzulegen. \u201eIch halte die aktuellen Beschl\u00fcsse in Teilen f\u00fcr rechtswidrig. Wenn die Runde der Regierungschefs Ma\u00dfnahmen verabredet, die bereits mehrfach von Gerichten aufgehoben wurden, wie das Beherbergungsverbot, dann ignorieren die Beteiligten bewusst die Gewaltenteilung. Ich rufe alle Betroffenen auf, rechtliche Mittel gegen diese Ma\u00dfnahmen einzulegen\u201d, sagte der FDP-Politiker der \u201eRheinischen Post\u201d.<\/p>\n<h4>Hintergrund<\/h4>\n<p>Die Zahl der Corona-Infizierten ist in den letzten wieder Wochen st\u00e4ndig gestiegen. Am Donnerstag, den 29. Oktober, \u00fcberschritten sie die 16.000er-Marke. Immer mehr Menschen in der Bundesrepublik infizieren sich mit dem Coronavirus, dennoch ist die Sterblichkeit im Gegensatz zum Fr\u00fchjahr weiterhin kontinuierlich niedrig. Kritiker von Lockdown und strengen Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen hatten schon zu Sommer-Ende eine zweite, aber harmlosere Corona-Welle vorhergesagt, mit weit weniger Toten. Trotz vieler Experten hat die Bundesregierung mit ihrem soften Lockdown alle Gesch\u00fctze wieder vollgeladen. Es bleibt zu hoffen, dass sie damit nicht auf Spatzen schie\u00dft.<\/p>\n<h1><strong>Warum Hegel nichts von Corona-Partys h\u00e4lt<\/strong><\/h1>\n<p><em>28.10.2020<\/em><\/p>\n<p><em>Der Philosoph Hegel gilt als Meisterdenker. Doch mit Corona-Partys h\u00e4tte er gro\u00dfe Schwierigkeiten. Einen Hauptgrund sieht er darin, dass die Protestler nicht zwischen Freiheit und Willk\u00fcr unterscheiden k\u00f6nnten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der\u00a0Philosophie von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) ist zu seinem 250. Geburtstag in aller Munde, war er doch neben den deutschen Idealisten Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joeseph Schelling der prominenteste Denker des Deutschen Idealismus. Auch er war Sch\u00fcler des K\u00f6nigsberger Meisterdenkers Immanuel Kant und ging doch eigenst\u00e4ndige Wege. Mit H\u00f6lderlin und Schelling teilte er sich im T\u00fcbinger Stift, der damaligen Intellektuellenschmiede, ein Zimmer. Vielleicht vergleichbar, wenn die Superhirne Bill Gates, Steve Jobs und Elon Musk in einer WG ihre Visionen von morgen geschmiedet h\u00e4tten. Idealist war Hegel, weil er ein Prinzip suchte, das \u00fcber der sinnlichen Welt als allgemeing\u00fcltiges Prinzip regiert. Idee, absoluter Geist wird er dazu sagen, aber es wird immer die Freiheit sein, die er in sein gro\u00df angelegtes System einzubetten sucht.<\/p>\n<p>Hegel wurde am 27. August 1770 in Stuttgart geboren. Er stammte aus einem typischen Beamtenhaushalt, in dem \u2013 ganz wie in der damaligen Zeit \u00fcblich \u2013 der Pietismus regierte. Strenge Gl\u00e4ubigkeit war jedoch Hegels Sache nicht und so wurde er nicht Pfarrer, sondern Philosoph. Als dieser hat er Weltgeschichte geschrieben, denn seine Dialektik hatte sp\u00e4ter Karl Marx ma\u00dfgeblich beeinflusst und mit ihm die kommenden Generation, die in die Fu\u00dfstapfen des Dialektischen Materialismus treten sollten. B\u00f6se Zungen behaupten gar, ohne Hegel h\u00e4tte es Faschismus und Kommunismus gar nicht gegeben, ohne ihn, wenngleich falsch interpretiert, w\u00e4re das gesamte 20. Jahrhundert nicht zum Millionengrab geworden. Doch all diese Interpreten haben den Stuttgarter letztendlich falsch verstanden. Hegel ging es um die Freiheit. Er kritisierte die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, die sich immer weiter in arm und reich spaltete. Er hielt wenig vom Neoliberalismus und sah in ihm die eigentliche Gefahr seiner Zeit. Und dieser Hegel war es, der noch vor Marx den Begriff der Arbeit mit der Anerkennung in Zusammenhang brachte.<\/p>\n<p>Insbesondere der Philosoph Reimund Popper hatte Hegel als preu\u00dfischen Staatsphilosophen verunglimpft, begriff ihn als Denker des Totalitarismus. Bei ihm sei der einzelne Mensch letztendlich nichts und der Staat alles, so ein Vorwurf, der dem Stiftler immer wieder gemacht wurde. Doch Hegel war von fr\u00fch an liberal gestimmt. Er galt als einer der frenetischsten Verehrer der Franz\u00f6sischen Revolution und ihrer Ideale von Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit. Diese Ideen sollten ihn sein Leben lang begleiten und jedes Jahr wird er am Nationalfeiertag, den 14. Juli, ein Glas Champagner auf die Revolution erheben. Und so wird er nicht m\u00fcde, Preu\u00dfens Restaurationsbem\u00fchungen nach den Karlsbader Beschl\u00fcssen zu kritisieren.<\/p>\n<p>Doch so sehr Hegel sich die Freiheit auf die Fahnen schreibt, gibt es Zeiten, wo der Philosoph vor allzu viel Freiheit warnen w\u00fcrde. Dies w\u00e4re der Fall in Zeiten von Pandemien. Hegel hatte sie selbst erlebt und ist 1832 an der Cholera gestorben. So verwundert es kaum, dass er heute gegen Corona-Partys w\u00e4re, sich f\u00fcr ein Verbot derselben aussprechen w\u00fcrde. Wenn sich in der Berlin vor dem Reichstag oder bundesweit Menschenansammlungen finden, die ihre Proteste gegen die von der Bundesregierung erlassenen Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie als Freiheitskampf verstehen, w\u00fcrde Hegel dem entgegensetzen: Hier handelt es sich nicht um Freiheit, sondern um Willk\u00fcr. Gegen die w\u00fctenden B\u00fcrger, die ihre Freiheitsrechte unter Corona in Frage gestellt glauben, keine Masken tragen und keinen Abstand halten, w\u00fcrde Hegel entgegenschleudern: Eine Freiheit, die sich nur als Verantwortungslosigkeit zeigt, ist das Ende der Freiheit. Sein Veto gegen die Protestler findet sich in seiner Unterscheidung von Freiheit und Willk\u00fcr. Was in Berlin passiert sei pure Willk\u00fcr und hat letztendlich nichts mit Freiheit oder h\u00f6chstens mit einer falsch verstandenen zu tun. Grund daf\u00fcr ist Hegels Begriff vom Staat, den er ausf\u00fchrlich in seinen \u201eGrundlinien einer Philosophie des Rechts\u201c entwickelt. Der Staat repr\u00e4sentiert f\u00fcr Hegel die h\u00f6chste Freiheit, ja, er ist die Sittlichkeit selbst. Und dieser hegelsche Staat muss die Freiheit aller seiner B\u00fcrger garantieren. Daher auch die Willk\u00fcr begrenzen. Und f\u00fcr diese Willk\u00fcr st\u00fcnden heutzutage Reichsb\u00fcrger,\u00a0\u201eCovidioten\u201c und alle Kritiker, die gegen den Staat in der Coronakrise protestieren. Hegel versteht unter Freiheit eben nicht die M\u00f6glichkeit zu tun, was man will. Genau in diesem Ausw\u00e4hlen zwischen verschiedenen M\u00f6glichkeiten sieht er nur die Willk\u00fcr am Werk. Von Freiheit kann man erst dann sprechen, wenn die Vernunft den Willen bestimmt, denn \u201edie Freiheit ist das Denken selbst.\u201c Und \u201ewer das Denken verwirft und von Freiheit spricht, wei\u00df nicht, was er redet.\u201c \u201eDer Wille ist nur als denkender frei.\u201c<\/p>\n<p><strong>Nur der Ausnahmezustand rechtfertigt die Einschr\u00e4nkung bestimmter Rechte<\/strong><\/p>\n<p>Wer also glaubt, den Reichstag zu st\u00fcrmen, wilde Corona-Partys zu feiern oder Kontaktsperren zu umgehen, ist auf dem Holzweg, wenn er sich als Teil des Staates als Gemeinwesen begreift und diesem zu dienen, so die Auffassung Hegels, verpflichtet ist. Die vom Staat erlassenen Beschr\u00e4nkungen, dies klingt f\u00fcr moderne Ohren sehr gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, heben nur die Willk\u00fcrfreiheit, nicht die Vernunftfreiheit auf. Wenn der Staat also in die Bewegungsfreiheit eingreift, Quarant\u00e4nen und Ausgangssperren verh\u00e4ngt, um die B\u00fcrger vor Covid-19 zu sch\u00fctzen, dienen diese Ma\u00dfnahmen einzig und allein dem Zweck der Sicherung und der Garantie des Rechts auf Leben und der Gesundheit aller. Dieses h\u00f6here Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit versteht er als etwas weitaus fundamentaleres. Aber weitreichende Eingriffe in die Natur des Rechts, wie derzeit in der Corona-Pandemie, w\u00fcrde auch der deutsche Idealist nur in gewissen Ausnahme- oder Notsituationen tolerieren. Nur im Fall von Naturkatastrophen, Kriegen oder eben Epidemien darf der Staat den Not- oder Ausnahmezustand verh\u00e4ngen \u2013 doch dieser Eingriff ist zeitlich zu legitimieren.<\/p>\n<p>Eine Pandemie wie Corona w\u00e4re auch f\u00fcr Hegel genau jene Ausnahmesituation mit allen ihren verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Folgen. Doch mit dem Ende der Pandemie muss auch der Staat zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehren. Sollte er dennoch die Rechte der Einzelnen \u00fcber die Ausnahmesituation hinaus weiter einschr\u00e4nken, hat der einzelne B\u00fcrger ein unbedingtes Recht auf Widerstand \u2013 ein ebenso g\u00fcltiges und grundlegendes Freiheitsrecht. Sollte der Staat dennoch seine unbeschr\u00e4nkte Macht und die Einschr\u00e4nkung gewisser Grundrechte weiterhin ungerechtfertigt aufrechterhalten, in Notstandsgesetzen oder gar sich peu \u00e0 peu in eine Diktatur verwandeln, darf der B\u00fcrger tats\u00e4chlich gegen den Staat aufstehen. Und erst dann geh\u00f6rt es zu seinen staatsb\u00fcrgerlichen Pflichten, gegen den Leviathan auf die Stra\u00dfe zu gehen, gegen staatliche Willk\u00fcr zu protestieren. Wenn der Staat ohne Legitimation in einer Notsituation sein Vetorecht missbraucht, h\u00e4tte auch Hegel nichts gegen Demonstrationen und wom\u00f6glich auch nichts gegen die Besetzung des Reichstages. Doch bis dahin bleibt Hegel zu Haus, allein ist er dabei nicht. F\u00fcr viele bleibt Corona ein t\u00f6dliches Virus \u2013 und die staatlichen Eingriffe seitens der Bundesregierung in die Bewegungsfreiheit nachvollziehbar, sinnvoll und legitim.<\/p>\n<h1>Setzt Angela Merkel auf Armin Laschet und l\u00e4sst Merz fallen?<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz27.10.2020Medien, Politik<\/p>\n<p>In London, Manchester, Cardiff oder Edinburgh geht seit Tagen die Diskussion in Richtung befristeter Lockdown. Auch Deutschland scheint nun von dieser Taktik \u00fcberzeugt. Nachdem bereits SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und Virologe Christian Drosten diese Form des Shutdowns begr\u00fc\u00dfen, ziehen nun die Bundeskanzlerin und mit ihr einm\u00fctig NRW-Ministerpr\u00e4sident Armin Laschet nach. Das scheint ein neues Strategiespiel zu sein, um Laschet mehr f\u00fcr Berlin zu profilieren. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Die Corona-Zahlen steigen weiter dramatisch. Doch keiner der f\u00fchrenden Politiker will einen Lockdown wie im Fr\u00fchjahr. Anstatt \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg, das \u00f6ffentliche, gesellschaftliche und politische Leben auf Eis zu legen, ist das Zauberwort der Stunde ein kurzer und zeitlicher befristeter Lockdown. Eine britische Studie, die dieses Vorgehen nahelegt, r\u00fcckt nun in den Fokus der Aufmerksamkeit des politischen Berlins und der L\u00e4nder.<\/p>\n<h4>Die Lauterbach-Strategie<\/h4>\n<p>Auf einer drastischen Reduzierung von Kontakten setzt Karl Lauterbach seit Wochen immer wieder. Ein Lockdown sei nur abwendbar, so der Gesundheitsexperte, der nach wie vor an die M\u00f6glichkeit eines zweiten Shutdowns glaubt, wenn sie die Bev\u00f6lkerung an die sogenannten AHA-Regeln h\u00e4lt. \u201eEs wird darauf ankommen, wie sich die Bev\u00f6lkerung verh\u00e4lt. Das ist wichtiger als einzelne Ma\u00dfnahmen\u201c, sagte der SPD-Gesundheitsexperte den Funke-Zeitungen. Die Frage sei, ob es gelinge, einen ausreichend gro\u00dfen Teil der Bundesb\u00fcrger davon zu \u00fcberzeugen, ihre Kontakte einzuschr\u00e4nken. Ansonsten w\u00fcrden Kliniken und Gesundheits\u00e4mter \u00fcberlaufen werden, sagte Lauterbach. Die Folge seien \u201elokale Shutdowns\u201c.<\/p>\n<h4>Lauterbach und Drosten f\u00fcr englische \u201eLockdown Light\u201c-Strategie<\/h4>\n<p>Schon am Montag hatte Lauterbach auf die britische Studie verwiesen, die interessant sei, weil \u201emit systematischen Kurz-Shutdowns die Unterbrechung eines exponentiellen Wachstums gelingen k\u00f6nnte, bei gleichzeitiger Minimierung der \u00f6konomischen und schulischen Kosten. Auch w\u00e4ren Unterbrechungen planbar, was Akzeptanz erh\u00f6hen w\u00fcrde.\u201c Deutschlands Chefvirologe Christian hatte ebenfalls den Blick auf das alte Empire gerichtet und getwittert: \u201eEngland diskutiert \u00fcber einen vorsorglichen, zeitlich befristeten Lockdown (#circuitbreaker\/\u201d\u00dcberlastschalter\u201d), um die Zunahme von Neuinfektionen zu verz\u00f6gern. Option w\u00e4re Herbst- und\/oder Weihnachtsferien, um wirtschaftliche Auswirkungen zu begrenzen.\u201c<\/p>\n<p>Sowohl Drosten als auch Lauterbach, eher die Mahner in der Krise, haben damit gr\u00fcnes Licht f\u00fcr einen sogenannten \u201eLockdown Light\u201c gegeben. Mittlerweile f\u00e4hrt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel im Fahrwasser der beiden Corona-Experten. Anstatt eines absoluten Stillstands sollen nun \u2013 im Unterschied zum Fr\u00fchjahr \u2013Schulen und Kitas weiter ge\u00f6ffnet bleiben. Ausgenommen bleiben Regionen mit katastrophal hohen Infektionszahlen.<\/p>\n<p>Merkels neuer \u201eLockdown Light\u201c-Strategie hatte sich jetzt auch Nordrhein-Westfalen unter CDU-Ministerpr\u00e4sident Armin Laschet angeschlossen. Das Bundesland, neben Bayern und Baden-W\u00fcrttemberg derzeit mit den h\u00f6chsten Corona-F\u00e4llen, will bei der Bund-L\u00e4nder-Runde am Mittwoch mehrere Kontaktbeschr\u00e4nkungen vorschlagen. Aber auch hier sollen Schulen, Kitas und Betriebe von der Radikal-Beschr\u00e4nkung ausgespart bleiben, wie es in einem Thesenpapier aus dem nordrhein-westf\u00e4lischen Gesundheitsministerium hei\u00dft. Konkret sieht dieses vor, das THE EUROPEAN vorliegt, dass es einen vollst\u00e4ndigen Lockdown aus Sicht der nordrhein-westf\u00e4lischen Landesregierung nicht geben soll. Stattdessen setzt man weiter darauf private Kontakte zu reduzieren.<\/p>\n<h4>\u201eLockdown Light\u201c-Strategie der Kanzlerin spielt Armin Laschet in die H\u00e4nde<\/h4>\n<p>Wurde Armin Laschet im Fr\u00fchjahr noch wegen seines eigenst\u00e4ndigen Vorgehens bei der Bek\u00e4mpfung der Pandemie von der Bundeskanzlerin kritisiert, so scheinen Merkel und der Bewerber um das Amt des CDU-Parteivorsitzes jetzt die gleiche \u201eLockdown Light\u201c-Strategie\u00a0 zu verfolgen. Von der einstigen Kritik Merkels an Laschet, den diese f\u00fcr seine \u00d6ffnungs-Orgien w\u00e4hrend der ersten Corona-Welle kritisierte, ist nicht viel geblieben. Dieser neue Strukturwechsel hin zu Laschets moderater Anti-Lockdown-Politik mag den Verdacht best\u00e4tigen, dass die Bundeskanzlerin nun am Kurs von Laschet festh\u00e4lt und diesen gern als CDU-Vorsitzenden kr\u00f6nen will. F\u00fcr Merkel ist Laschet einer ihrer treuesten Gefolgsleute der vergangenen Jahre. Er stand in der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 wie ein w\u00e4rmendes Schild an ihrer Seite und hat die Politik der offenen Tore gemeinsam mit ihr getragen.<\/p>\n<p>Wie sehr sich Merkel einen Lascht als CDU-Chef w\u00fcnscht, zeigte sich am Montag eklatant mit der Absage des f\u00fcr den 4. Dezember geplanten Parteitages, wo aber nicht Laschet als siereicher Kandidat h\u00e4tte die Lorbeeren ernten k\u00f6nnen, sondern Merkels Intimus Friedrich Merz. Denn aussichtsreicher Kandidat f\u00fcr die Nachfolge der Noch-CDU-Vorsitzenden Annegret Kamp-Karrenbauer war und ist <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/wolfram-weimer\/grotesker-machtkampf-in-der-union\/?fbclid=IwAR11Sffo-aPeA6_GF3zr9iJ1UmRtK3XQmVosE3MEm8IqkYdGPfV4j4NDxc0\">Friedrich Merz<\/a>, der nicht nur in den Umfragen weit vor <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/cdu-parteitag-wird-verschoben-schadet-das-friedrich-merz-und-nuetzt-das-armin-laschet\/\">Laschet und Norbert R\u00f6ttgen<\/a> liegt, sondern auch von den Parteimitgliedern der Basis sowie von der f\u00fcr die CDU hochbedeutsamen Mittelstandsvereinigung und von den Wertkonservativen in der Union starke R\u00fcckendeckung hat. Mit der Verschiebung des Parteitages und der neuen \u201eLockdown-Light\u201c-Strategie k\u00f6nnte der linke Fl\u00fcgel der CDU nun doch gezielt Merz ausspielen, der die Verschiebung der Parteiversammlung als entschiedenen Angriff des Establishments auf seine Person deutete und dessen M\u00f6glichkeit, Kramp-Karrenbauer im Amt zu beerben durch die neue Koalition der Kanzlerin mit Laschet nun doch m\u00f6glicherweise geringer wird. Anders als Merz kann sich Laschet aufgrund seines Amtes besser in der Corona-Krise profilieren, Merz hingegen kann immer nur zeitversetzt reagieren.<\/p>\n<p>Die ganze Strategie, die die CDU gerade gegen Merz f\u00e4hrt, gleicht einer unheiligen Allianz. Dass sich etwas gegen den ehemaligen Vorsitzenden der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion zusammenbraut, liegt offenkundig auf der Hand. Und selbst die Noch-CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer r\u00fcckt selber in kein gutes Licht, wenn sie Merz oberlehrerhaft ma\u00dfregelt und ihm vorwirft, dass er im Unrecht liege, wenn er verk\u00fcndet, dass das Partei-Establishment ihn verhindern will. \u201eEs ist jetzt nicht die Stunde des Taktierens oder f\u00fcr Spekulationen, was angeblich pers\u00f6nlich wem n\u00fctzt. Corona ist eine Zumutung f\u00fcr uns alle. Es geht hier allein um die Frage, was n\u00fctzt unserem Land und was n\u00fctzt der CDU,\u201c so die ehemalige Minister\u00fcr\u00e4sidentin des Saarlandes und Verteidigungsministerin.<\/p>\n<p>Dem <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/ansgar-graw\/offener-streit-zwischen-merz-und-laschet-nach-absage-des-cdu-parteitags\/\">politischen Diskurs<\/a> und der CDU ist sicherlich mit solchen Statements wenig geholfen \u2013 und Corona nur der Vorwand, um den linken CDU-Kurs in der CDU weiter zu zementieren.<\/p>\n<h1>Friedrich Merz holt zum Angriff auf Parteif\u00fchrung aus<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz26.10.2020Medien, Politik<\/p>\n<p>Lange wurde dar\u00fcber diskutiert. Doch jetzt wird der Parteitag der CDU verschoben. Grund sind die steigenden Infektionszahlen innerhalb der zweiten Corona-Welle. Friedrich Merz, der in den Umfragen vor seinen Herausforderern Armin Lascht und Norbert R\u00f6ttgen liegt, sieht in der Absage ein Komplott seiner eigenen Partei gegen seine Person. \u201eIch merke das seit einigen Wochen, es gibt Teile des Partei-Establishments, (\u2026) beachtliche Teile, die verhindern wollen, dass ich Parteivorsitzender werde.\u201c so Merz. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Anfang Dezember sollte er sein, der gro\u00dfe Parteitag der CDU. Und er w\u00e4re einer der wichtigsten gewesen \u2013 gerade auch mit Blick auf die kommende Bundestagswahl im n\u00e4chsten Jahr. Ein neuer Parteivorsitzender sollte gew\u00e4hlt und damit auch die Nachfolge von\u00a0 Bundeskanzlerin Angela Merkel, die f\u00fcr eine erneute Kanzlerschaft nicht mehr zur Verf\u00fcgung steht, geregelt werden. Richtungsweisend sollte er sein, der Parteitag am 4. Dezember und zugleich f\u00fcr ein neues Profil der Partei stehen. So hatten sich die Kontrahenten, der Ministerpr\u00e4sident der CDU von Nordrhein-Westfalen, Friedrich Merz und Ex-Bundesumweltminister Norbert R\u00f6ttgen schon f\u00fcr das Finale warmgelaufen. Einer von ihnen sollte die derzeit noch amtierende Verteidigungsministerin Annegret-Kramp-Karrenbauer beerben.<\/p>\n<p>Am Montagmorgen hatte Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer im CDU-Pr\u00e4sidium breite Zustimmung f\u00fcr ihren Vorschlag bekommen, den f\u00fcr den 4. Dezember in Stuttgart geplanten Parteitag abzusagen. Alternativ dazu soll nun Mitte Januar bei einer CDU-Bundesvorstandsklausur erneut dar\u00fcber beraten werden, ob und wann ein CDU-Parteitag \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Das Pr\u00e4sidium bevorzugt einen Pr\u00e4senzparteitag. Ist dies aber aufgrund der aktuellen Corona-Situation auf absehbare Zeit nicht m\u00f6glich, so\u00a0 soll \u00fcber Alternativen wie etwa eine Briefwahl entschieden werden.<\/p>\n<p>CDU-Vize Armin Laschet hatte am Montag bei einem f\u00fcnfst\u00fcndigen Krisengespr\u00e4ch der CDU-Spitze auf eine Verschiebung des Parteitages gedr\u00e4ngt. Auch Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus sowie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und CDU-Pr\u00e4sidiumsmitglied Mike Mohring von der Th\u00fcringer CDU sprachen sich f\u00fcr eine Verschiebung des Kongresses aus.<\/p>\n<h4>Merz ist f\u00fcr Parteitag im Dezember \u2013 Laschet dagegen: Merz schie\u00dft gegen eigene Partei: \u201eGibt beachtliche Teile, die mich verhindern wollen\u201d<\/h4>\n<p>Anders als seine Kontrahenten Laschet und R\u00f6ttgen hatte der \u2013 in Umfragen derzeit aussichtsreichste Kandidat \u2013 Friedrich Merz derzeit keine Dringlichkeit f\u00fcr eine Verschiebung gesehen. Merz wollte in den kommenden Wochen endlich die F\u00fchrungsfrage kl\u00e4ren, notfalls in einem digitalen Format oder per Briefwahl. Sollte ein digitaler Parteitag am 4. Dezember nicht m\u00f6glich sein, \u201edann l\u00e4sst sich das mit Corona nicht mehr begr\u00fcnden. Dann gibt es offensichtlich Gr\u00fcnde, die mit Corona wenig oder gar nichts zu tun haben\u201c, sagte Merz im <em>ARD-Morgenmagazin<\/em>. Wie der liberale Wirtschaftspolitiker Merz betonte, bemerke er seit einigen Wochen einen unguten Geist seiner Person gegen\u00fcber. Gleichwohl Merz gerade der Lieblingskandidat der Wirtschaftsliberalen in der Partei sei, wird gegen ihn jetzt Stimmung gemacht: Es \u201egibt Teile des Partei-Establishments, es sind Teile, es sind nicht alle, aber beachtliche Teile, die verhindern wollen, dass ich Parteivorsitzender werde\u201d, so Merz. Und er hinzu: \u201eIch bin der festen \u00dcberzeugung, dass wir einen Parteitag machen k\u00f6nnen.(\u2026) Wenn ein Pr\u00e4senz-Parteitag nicht m\u00f6glich ist, dann m\u00fcssen wir einen digitaler Parteitag und wenn wir das jetzt auch nicht machen\u201d ist das unbegr\u00fcndbar.<\/p>\n<p>F\u00fcr Armin Laschet, der mit einer Hin- und Her-Coronapolitik bisher in der W\u00e4hlergunst nicht punkten konnte und in den Umfragen deutlich hinter Friedrich Merz liegt, k\u00f6nnte die Verschiebung des Parteitages eine neue Chance sein, in der zweiten Coronawelle doch noch zu punkten und Merz vielleicht zu \u00fcberholen. Laschet hatte sich erneut f\u00fcr die Verschiebung der CDU-Versammlung in der gestrigen Sendung bei \u201eAnne Will\u201c stark gemacht. Begr\u00fcndet hatte er seine Entscheidug damit, dass die Bundeskanzlerin in einem Podcast am Samstag die Bundesb\u00fcrger dazu aufrief, alle Kontakte in den n\u00e4chsten Monaten radikal zu beschr\u00e4nken, um einen zweiten Lockdown zu vermeiden und die Zahl der Infizierten nicht weiter in die H\u00f6he zu katapultieren. Es sei, so die Argumentation von Laschet, ein widerspr\u00fcchliches Zeichen, wenn man K\u00fcnstlern Auftritte verbietet, das \u00f6ffentliche Leben radikal herunterf\u00e4hrt und dann dennoch eine Veranstaltung mit \u00fcber 1000 Personen zul\u00e4sst. Das lasse sich nicht losch mit den derzeitigen Anti-Corona-Strategien vereinbaren und werfe zugleich ein schlechtes Licht auf das Corona-Management der Bundesregierung, das dann noch uneinheitlicher erscheine.<\/p>\n<p>Auch die WerteUnion hatte sich gegen eine Verschiebung ausgesprochen. \u201eDie unselige Diskussion um den Parteitag schadet der CDU bereits jetzt. Es g\u00e4be n\u00e4mlich trotz Corona ausreichende M\u00f6glichkeiten zur Durchf\u00fchrung der turnusm\u00e4\u00dfigen Vorstandswahlen, beispielsweise im Rahmen einer Online-Veranstaltung oder auch einer Briefwahl. Die Zeit dr\u00e4ngt, denn der Nachfolger Annegret Kramp-Karrenbauers h\u00e4tte bereits vor Monaten bestimmt werden sollen. Gerade im Hinblick auf die Vorbereitung der n\u00e4chsten Bundestagswahl ist ein weiterer Aufschub inakzeptabel,\u201c so der Chef der Konservativen, Alexander Mitsch.<\/p>\n<h4>Hintergrund<\/h4>\n<p>Bundesverteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte im Februar ihren R\u00fcckzug vom CDU-Vorsitz angek\u00fcndigt. Die Wahl ihres Nachfolgers war eigentlich f\u00fcr April geplant; wegen der Corona-Pandemie wurde der Termin auf den 4. Dezember verschoben. 1001 Delegierte sollen sich dann nach den bisherigen Planungen unter strengen Hygienevorschriften in der Landeshauptstadt von Baden-W\u00fcrttemberg, in Stuttgart versammeln. Erst vergangene Woche hatte die Junge Union ein Casting mit Friedrich Merz, Armin Lascht und Norbert R\u00f6ttgen veranstaltet, um die Positionen der einzelnen Bewerber f\u00fcr den CDU-Vorsitz deutlicher zu akzentuieren. In einem Pitch suchte die junge Union den Superstar.<\/p>\n<h1><strong>Covid-19 weniger t\u00f6dlich als vermutet &#8211; Infektionssterblichkeit liegt bei 0,23 Prozent<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz23.10.2020Wissenschaft<\/p>\n<p>Die WHO hat eine Metastudie publiziert, die weltweite Antik\u00f6rper-Studien ausgewertet hat. Der Grund: es geht darum, die Infektionssterblichkeit von Covid-19 zu bestimmen. Das Ergebnis ist erstaunlich: M\u00f6glicherweise ist das neuartige Coronavirus deutlich weniger t\u00f6dlich, als bisher vermutet wurde.<\/p>\n<p>Die Infektionszahlen steigen rasant an. Europa ist inmitten der zweiten Corona-Welle vor der Wissenschaftler gewarnt haben. Wahrend Deutschlands-Chefvirologe Christian Drosten auf Alarmstufe Rot schaltet und f\u00fcr den Ausnahmezustand pl\u00e4diert, weil er mit weitaus mehr Corona-Toten rechnet, f\u00e4hrt sein rheinl\u00e4ndischer Kollege Hendrik Streeck eine v\u00f6llig andere Strategie. Er geht anders als Drosten von einer geringen Sterblichkeit aus und pl\u00e4diert in der Notsituation f\u00fcr keinen zweiten Lockdown. Gleichwohl auch Streeck die Gefahr, die vom Virus aus Wuhan ausging, nicht herunterspielt, sieht der doch in den Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung und im Alarmismus des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach eine dramatische \u00dcberzeichnung der Gef\u00e4hrlichkeit von Covid-19.<\/p>\n<p>Die Frage bleibt: Wie t\u00f6dlich ist Covid-19 wirklich? Ein Streit unter Experten verunsichert derzeit alle Bev\u00f6lkerungsgruppen. Handelt es sich bei der Krankheit nicht mehr um eine saisonale Grippe, die nur qualitativ und quantitativ dramatischer als Corona ist? Einigkeit hingegen herrscht dar\u00fcber, dass an Corona mehr Menschen gestorben sind als an einem gew\u00f6hnlichen Influenza-Virus, der allj\u00e4hrlich f\u00fcr eine hohe Mortalit\u00e4t \u2013 insbesondere unter \u00e4lteren Risikopatienten sorgt. Immer wieder wird auf die hohe Sterblichkeit der Influenza in den Jahren 2018\/2019 angespielt \u2013 und die jetzt beschlossen drakonischen Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen dagegen ausgespielt. Damals, so die Kritiker, hatte man weder die Alten gesch\u00fctzt noch \u00fcber so etwas wie einen Lockdown \u00fcberhaupt nicht nachgedacht. Doch welch t\u00f6dliche Kraft das Virus entfalten kann, zeigte sich exponentiell in der ersten Welle ab M\u00e4rz.<\/p>\n<p>Ende Oktober hatte das <a href=\"https:\/\/www.who.int\/bulletin\/online_first\/BLT.20.265892.pdf\">Bulletin der WHO<\/a> eine Metastudie der Stanford-Universit\u00e4t ver\u00f6ffentlicht, die zu einem anderen Befund kommt. In dieser wurde die sogenannte Infektionssterblichkeit anhand von weltweiten Antik\u00f6rper-Studien ermittelt. Dabei kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass Covid-19 zwar t\u00f6dlicher als die Grippe sei, aber weitaus nicht so gef\u00e4hrlich wie bisher angenommen wurde.<\/p>\n<p><strong>Renommierter Wissenschaftler ver\u00f6ffentlicht Studie, die die Sterblichkeit durch Covid-19 deutlich nach unten korrigiert<\/strong><\/p>\n<p>Federf\u00fchrend bei der neuen Studie war John P. A., Professor f\u00fcr Medizin und Epidemiologie an der Stanford-Universit\u00e4t. Er gilt, so die Berliner Einstein-Stiftung, als einer der derzeit einflussreichsten und meistzitieren Wissenschaftlern der Welt. Wenn es um die Einordnung der Gef\u00e4hrlichkeit des Virus geht, steht Ioannidis als Mister 10 auf der Top-Liste der Experten \u2013 zudem wurde seine Studie bereits gepr\u00fcft und editiert.<\/p>\n<p>Insgesamt hat der Epidemiologe 61 Studien ausgewertet. Im Fokus stand dabei, wie viele Personen eines Landes oder einer bestimmten Bev\u00f6lkerungsgruppe Antik\u00f6rper gegen Sars-CoV-2 im Blut haben. Diese Untersuchung ist wichtig, weil sich daraus ermitteln l\u00e4sst, wie hoch in dieser Gruppe die tats\u00e4chliche Infektionsrate ist, wie viele davon sich tats\u00e4chlich infiziert haben.<\/p>\n<p>Zwar handelt es sich bei den sogenannten Seropr\u00e4valenzen nur um ungef\u00e4hre Werte, weil insbesondere fr\u00fch Antik\u00f6rpertests als relativ unzuverl\u00e4ssig gelten, dennoch k\u00f6nnte die Studie recht zuverl\u00e4ssig sein. Ioannidis bezog sich dabei auch auf die Gangelt-Studie von Hendrik Streeck.<\/p>\n<p>Der Epidemiologe hatte immer wieder einger\u00e4umt, dass Antik\u00f6rper-Studien nicht perfekt sind. Letztendlich wei\u00df man nie genau, ob sie tats\u00e4chlich ein repr\u00e4sentatives Bild einer bestimmten Bev\u00f6lkerungsgruppe zeichnen und ob man die regionalen Ergebnisse schlie\u00dflich auf die Situation in einem ganzen Land \u00fcbertragen kann. Dennoch kommt er zu dem Schluss, dass in den meisten Gebieten eine Infektionssterblichkeit unter 0,20 Prozent existiere.<\/p>\n<p><strong>Durchschnittliche Infektionssterblichkeit liegt nur bei 0,23 Prozent<\/strong><\/p>\n<p>Ioannidis hatte in seiner Metastudie eine durchschnittliche Infektionssterblichkeit \u00fcber 51 Standorte hinweg von 0,27 Prozent errechnet. Korrigierte sie sp\u00e4ter auf 0,23 Prozent. Zu einem noch \u00fcberraschenderen Ergebnis kam er dort, wo weniger als 118 Todesf\u00e4llen pro eine Million Menschen verzeichnet wurden. Dort betrug die Rate lediglich 0,09 Prozent. Wo 118 bis 500 Covid-19-Tote pro eine Million Einwohner gez\u00e4hlt wurden, betrug sie 0,20 Prozent. Und an Orten, die am schlimmsten von der Covid-Pandemie betroffen wurden errechnete er eine Infektionssterblichkeit von 0,57 Prozent. Auch mit Blick auf Bev\u00f6lkerungsgruppen, die unter 70 Jahre alt sind, kam er zu einem anderen Befund als Christian Drosten. W\u00e4hrend Deutschlands Corona-Virologe von einer Sterblichkeit in der Bundesrepublik von rund einem Prozent ausgeht, ist sich Ioannidis sicher, dass die durchschnittliche Rate sogar nur 0,05 Prozent betrage.<\/p>\n<h1><strong>Urlaub &#8211; Aber bitte nur mit dem Coronavirus<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz22.10.2020Medien, Politik<\/p>\n<p>Haben Sie dieses Jahr schon Ihren Urlaub geplant und hatten Sie Corona? Dann d\u00fcrfen sie zumindest auf die brasilianische Atlantikinsel Fernando de Noronha. Es ist grotesk, aber w\u00e4hrend auf der ganzen Welt die Zahl der Coronazahlen dramatisch steigt, verfolgt ein Inselparadies im Atlantik ein v\u00f6llig anderes Programm. Corona ist erlaubt, ja Pflicht bei der Einreise.<\/p>\n<p>Verschwindend klein liegen die idyllischen Inseln vor der K\u00fcste Brasiliens, inmitten das Urlaubsparadies Fernando de Noronha. Die Idylle, 1503 von Amerigo Vespucci erstmals erw\u00e4hnt, ein Pflanzen-, Tier- und Tauchparadies mit weltweitem Ruf, liegt nur 350 km vom Festland entfernt. Von paradiesischen Zust\u00e4nden kann man dort nur tr\u00e4umen, sei es in S\u00e3o Paulo, Brasilia, Rio de Janeiro oder Salvador. Das Coronavirus fr\u00e4st sich seit Monaten hinweg wie eine gefr\u00e4\u00dfige Raupe durch die Bev\u00f6lkerung \u00a0und l\u00e4sst die Todeszahlen rasant wie dramatisch nach oben klettern. In Brasilien, wo Rechtsau\u00dfen Jair Messia Bolsonaro mit harter Hand regiert und wie sein amerikanisches Vorbild Donald Trump die Gefahr es Coronavirus herunterspielt, wurden bis Mitte Oktober 5.251.127 Personen mit dem Coronavirus infiziert; 154.226 sind mittlerweile gestorben. Von Bolsonaro, selbst mehrfach an Corona erkrankt, hat man auf Fernando de Noronha die Nase gestrichen voll. Es ist bekannt, dass Bolsonaro die Umwelt egal und er nichts von Corona, trotz Mehrfach-Corona-Infektionen, und nichts von Maskenpflicht, Abstandsregeln und Kontaktsperren h\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Nach Monaten der Isolation l\u00e4sst die Insel wieder Touristen rein<\/strong><\/p>\n<p>Corona hatte die Atlantik-Inseln mit dem Inseln sch\u00fcnen Archipel Fernando de Noronha in den letzten f\u00fcnf Monaten fest in Schach gehalten. Ende M\u00e4rz zogen die Verantwortlichen dann die Konsequenzen und sperrten das Eiland sowohl f\u00fcr nationale wie internationale Touristen. Das ganze Areal, das zum Weltnaturgut der UNESCO z\u00e4hlt, wurde verbarrikadiert und erkl\u00e4rte Tabuzone. Unter den 3000 Einwohnern, die seit rund vierhundert Jahren die Inseln besiedeln, gab es 93 best\u00e4tigte F\u00e4lle. 17 Menschen wurden positiv auf das Virus getestet.<\/p>\n<p><strong>Das neue Gesundheitskonzept: Bitte nur mit Corona<\/strong><\/p>\n<p>Die Bewohner der kleinen Insel im Atlantik hatten daraufhin ein alternatives Konzept zur Bek\u00e4mpfung einer der weltweit schwersten Pandemien entwickelt. Auf die Insel d\u00fcrfen nur noch Urlauber, die schon Corona hatten. Seit September m\u00fcssen diese ein positives Testergebnis nachweisen. Erlaubt ist ein positiver PCR-Test, der mehrere Tage vor dem Anreisetag durchgef\u00fchrt werden muss. Schnelltests werden nicht akzeptiert.<\/p>\n<p>Wer keinen Laborbericht vorlegen und damit nachweisen kann, dass er bereits an Covid-19 erkrankt war, dem versagt das Paradies die Einreise. Sp\u00e4testens am Flughafen Recife in Nordbrasilien ist dann Schluss. \u201eWir k\u00f6nnen keine Ausnahme machen\u201c, erkl\u00e4rt der Mann am Schalter. Dennoch: Die Flugzeuge sind gut gef\u00fcllt. Mitte Oktober startete der Flieger Richtung Fernando de Noronha \u2013 vollbesetzt mit 80 Touristen an Bord mit Corona-Antik\u00f6rpern im Blut.<\/p>\n<p>Insel-Chef Guilherme Rocha will nach den harten Coronazeiten, wo einzig und allein die gute Nachbarschaftshilfe die Insulaner vor dem v\u00f6lligen finanziellen Ruin rettete, um jeden Preis verhindern, dass das Coronavirus seine Insel durch die Touristen nachtr\u00e4glich doch noch einmal erreicht. \u201eWir haben rigorose Ma\u00dfnahmen ergriffen, um Corona von uns fern zu halten.\u201c Das fl\u00e4chenmaschige \u00dcberwachungsnetz wird von den Gesundheitsbeh\u00f6rden der Insel stichprobenartig \u00fcberpr\u00fcft, eine fast l\u00fcckenlose \u00dcberwachung. Und man ist sich bei so viel gebotener Vorsicht sicher: \u201eWir werden mit zunehmendem Tourismusansturm keinen Ausbruch erleben\u201c, so Leticia Maria vom Gesundheitsamt.<\/p>\n<p><strong>Das Paradies Fernando de Noronha war schon immer exklusiv<\/strong><\/p>\n<p>Schon vor der weltweiten Pandemie galt ein Besuch auf Fernando de Noronha als etwas Besonders. F\u00fcr die Zahl der Touristen gab es eine Obergrenze, eine Naturtaxe wurde f\u00e4llig und der Naturschutz stand an erster Stelle. Einer der exklusivsten Reiseziele in Brasilien hatte sich immer wieder vor dem Massenansturm samt Kreuzfahrtschiffen gewehrt. Die Bewohner waren stolz auf ihre Heimat, wo sich eine Vielzahl endemischer Pflanzenarten erhalten konnte und eine Tierpopulation der Superlative. Das wollen sie sich weder vom Virus noch vom inkarnierten Corona-Populisten Bolsonaro zerst\u00f6ren lassen, der den Regenwald gewissenlos abrodet und vom dem bekannt ist, dass er ein Gegner strenger Umweltauflagen ist. Bitte ohne Bolsonaro, aber bitte mit Corona \u2013 so lautet die Maxime der Insulaner, die mit ihrer Anti-Corona-Strategie sicherlich ein sehr ungew\u00f6hnliches Projekt verfolgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Interview mit Norbert Bolz &#8211; Die gr\u00fcne Apokalypse ist die einzige gesellschaftspolitische Botschaft <\/strong><\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz19.10.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p>Im Grunde gibt es nur noch eine gesellschaftspolitische Botschaft \u2013 und das ist die gr\u00fcne Apokalypse. Alle anderen Parteien, sei es die CDU oder die SPD, passen sich da an. Egal, wer eine Regierung bildet, es wird eine Regierung aus diesem Geist sein, meint Norbert Bolz im Gespr\u00e4ch mit The European.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Herr Professor Bolz: Wie w\u00fcrden Sie die gesellschaftliche Rahmenlage der Bundesrepublik derzeit beurteilen? Ist die Demokratie auf dem R\u00fcckzug?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Demokratie ist tats\u00e4chlich auf dem R\u00fcckzug. Rein formal juristisch, verfassungsrechtlich betrachtet, ist ja alles in Ordnung. Aber zur Demokratie geh\u00f6ren auch die B\u00fcrger, die die formalen Rahmenbedingungen des demokratischen Zusammenhalts ausf\u00fcllen und sie tun das in der \u00d6ffentlichkeit mit ihren freien Meinungs\u00e4u\u00dferungen. Hier sehen wir tats\u00e4chlich einen sehr deutlichen R\u00fcckzug der Demokratie. Es fehlt immer mehr am B\u00fcrgermut, in der \u00d6ffentlichkeit die eigene Meinung zu artikulieren. Hierbei spielen Angst vor Mobbing, Shitstorm, aber auch vor einem m\u00f6glichen Jobverlust und der Repression eine gro\u00dfe Rolle. Es scheint sich derzeit, wie schon vor Jahrzehnten Elisabeth Noelle-Neumann warnte, eine Art Schweigespirale aufzurichten. Das aber ist f\u00fcr eine funktionierende und lebendige Demokratie t\u00f6dlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Derzeit sprechen alle \u00fcber Cancel Culture als dem neuen Maulkorb. Was darf man eigentlich noch sagen und warum lassen sich das die Leute gefallen?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cancel Culture ist ja nicht nur deutschlandspezifisch, sondern auch im England als dem Mutterland der Demokratie stark ausgepr\u00e4gt. Ein Grund daf\u00fcr, warum sich das die Leute gefallen lassen, ist, dass eine gut artikulierte intelligente Minderheit sehr rasch den Eindruck erwecken kann, die Mehrheitsmeinung zu pr\u00e4sentieren. Und alle diejenigen, die de facto sogar in der \u00fcberwiegenden Mehrheit sind, normale B\u00fcrger mit gesundem Menschenverstand also, gewinnen dann den Eindruck, sie seien in der Minderheit und w\u00fcrden so von einem Grundkonsens der Gesellschaft abweichen. Und weil die Cancel Culture es nicht bei Propaganda bel\u00e4sst, sondern im Grund alle abweichenden Meinungen auch mit Karriereverlust, Isolation, sozialem Boykott bedroht, sind die meisten Menschen wohl \u00e4ngstlich geworden. Da sie aber gleichzeitig immer noch im Wohlstand leben, denken sie dass das Risiko, den pers\u00f6nlichen Wohlstand aufs Spiel zu setzen, nur um sich der Meinungsfreiheit anzudienen, zu gro\u00df ist. Es ist bei den meisten Menschen eine G\u00fcterabw\u00e4gung, und sie sagen sich: Ich halte einfach meinen Mund. Es ist zwar alles Wahnsinn was da geschieht, aber solange ich und meine Familie ein gutes Auskommen haben, will ich das nicht gef\u00e4hrden. In dieser Art w\u00fcrde ich mir die Duldung des Wahnsinns erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Es ist wie in der DDR?<\/strong><\/p>\n<p>Richtig<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Virologen sind in der Coronakrise die neuen Orakel. Geraten wir wieder in eine mythische Welt? Oder: Verfallen wir derzeit in eine neue Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit und damit eigentlich in eine neue Metaphysik?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist leider Gottes wahr. Das ist aber nicht urspr\u00fcnglich eine Schuld der Wissenschaft selbst. Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit ist ja eigentlich ein Begriff, der sich selbst widerspricht. Der Wissenschaft soll man ja gerade nicht glauben, sondern sich an ihren Hypothesen orientieren, um dann selber zu einem vern\u00fcnftigen Urteil zu gelangen. Gerade der ber\u00fchmte Slogan: \u201eFolge der Wissenschaft\u201c ist so unwissenschaftlich wie nur m\u00f6glich. Jeder moderne Wissenschaftler wei\u00df, dass er nur Hypothesen entwickelt, von denen er nur hoffen kann, dass diese besser geeignet sind als m\u00f6gliche konkurrierende. Aber kein Wissenschaftler kann als Wissenschaftler Wahrheitsanspr\u00fcche vertreten. Niemand, der sich als Wissenschaftler versteht, w\u00fcrde sich als F\u00fchrer einer Gesellschaft betrachten.\u00a0 Zu einer Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit kommt es, wenn zwei Dinge mit ins Spiel kommen: Zum einen, weil sich die Politiker gern hinter den sogenannten wissenschaftlichen Experten verstecken, also die Last der politischen Entscheidungsverantwortung nicht tragen wollen, sondern diese auf die wissenschaftlichen Berater abschieben. Ein anderer Grund ist, dass in Zeiten hoher existentieller Verunsicherung die Menschen gern glauben, dass es einen wahren und richtigen Weg, dass es eine Wahrheit gibt. Das ist verst\u00e4ndlich, aber es widerspricht vollkommen dem Geist der Wissenschaft. Und wenn es einige Wissenschaftler gibt, die zu Medienstars avancieren, dann ist das diesen Wissenschaftlern, so meine ich, selbst peinlich. Jeder Mensch ist schwach genug, da nehme ich mich nicht aus, um noch schw\u00e4cher zu werden, wenn er in die Massenmedien kommt, ein Star wird. Der Wissenschaftler als Wissenschaftler wei\u00df aber, dass dies seinem Berufsethos widerspricht. Auch die Virologen als die neuen Medienstars praktizieren ihre Starrolle, so glaube ich, nur mit schlechtem Gewissen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie waren immer ein kritischer Zeitgeist, sind dies immer noch und wurden darob auch immer angefeindet. Sie haben wieder ein neues Buch geschrieben. Diesmal mit dem Titel \u201eAvantgarde der Angst\u201c. Der Titel erinnert ein wenig an S\u00f6ren Kierkegaard. Warum gerade das Thema Angst und warum gerade 2020?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kierkegaard und Heidegger sind philosophische Bezugspunkte, die man nicht ignorieren darf, wenn man \u00fcber so ein Thema schreibt. Der Anlass, dieses Buch zu schreiben, war allerdings ein anderer, ein pragmatischer. Ich hatte das Buch bereits vor Corona geschrieben. Bei vielen gro\u00dfen politischen Themen ist mir deutlich geworden, dass sich die Menschen gar nicht von konkreten Bef\u00fcrchtungen, Dinge die ihren also Alltag pr\u00e4gen, irritieren lassen, sondern dass sie sich von Apokalypsen und Visionen mehr oder minder fangen und in die Unm\u00fcndigkeit treiben lassen \u2013 also von den apokalyptischen Visionen vom Untergang der Welt. Da existiert eine gro\u00dfe Kontinuit\u00e4t zu den gro\u00dfen Themen wie Eiszeit, Waldsterben, CO2 bis hin zur Klimakatastrophe. Es gibt eine F\u00fclle von imagin\u00e4ren Angstszenarien, die die Menschen schon seit langer Zeit in Atem halten. Und ich habe mich gefragt, was das bedeuten k\u00f6nnte. Und die Antwort, die ich gegeben habe, ist, dass es sich hierbei um eine Art Ersatzreligion handelt. Fr\u00fcher war man auf das Heil ausgerichtet, solange man religi\u00f6s war. Heute ist man an seinem Gegenpol angekommen. Man erwartet das Unheil und richtet sein Leben an diesem imagin\u00e4ren Unheil aus. Das funktioniert aber genauso wie die religi\u00f6se Heilserwartung. Das Ganze wird aber noch durch die Verhei\u00dfung gesteigert, dass man glaubt, dieses drohende Unheil noch im letzten Augenblick mit Mitteln der Vernunft retten zu k\u00f6nnen, die jedem einzelnen B\u00fcrger zur Verf\u00fcgung stehen. Also ganz pragmatisch: im Hotel \u2013 die Handt\u00fccher mehrfach benutzen; die Aufforderung, den M\u00fcll zu trennen; kein Fleisch zu \u00a0essen. Alle diese Verbote haben den gemeinsamen Nenner, der darauf hinausl\u00e4uft: Du selbst kannst heute im Konkreten etwas dazu beitragen, dass das Unheil, das die Welt bedroht, im letzten Moment noch abgewendet werden kann. Und dies ist nat\u00fcrlich ein fantastisches Angebot, eine Ersatzreligion, die ein Unheil, eine Apokalypse heraufbeschw\u00f6rt und zugleich das Angebot f\u00fcr jeden Einzelnen macht: er kann seine Seele und die Welt mit ganz konkreten Handlungen des Alltags retten. Das fasziniert unendlich viele Menschen gerade in der westlichen Wohlstandwelt. Dieses Gesch\u00e4ft mit der Angst, oder diese Angstindustrie, die sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat, ist eine der dominierenden Wirklichkeiten der modernen Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie haben jahrelang die Medienlandschaft mitgepr\u00e4gt. Wie sieht diese heute aus, gerade auch im Hinblick auf den Journalismus? Was hat sich mit Blick auf die letzten drei\u00dfig Jahren ver\u00e4ndert? <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was sich ge\u00e4ndert hat, kann man deutlich sagen. Auf der einen Seite die technologische Ver\u00e4nderung. Es gibt die Konkurrenz zu den klassischen Massenmedien durch die Sozialen Medien, die Internetmedien, die so eine Art Autorit\u00e4tsverlust der klassischen Medien gebracht haben. Das geht bis hin zur Vorstellung des B\u00fcrgerreporters, der glaubt seine Meinung journalistisch zu erbringen. Dem entspricht auf der anderen Seite ein vollkommener Strukturwandel der klassischen Medien. Da beobachtet man das Ende der Objektivit\u00e4t, wie man dies auch nennen k\u00f6nnte. Was wir jetzt haben, ist ein Haltungsjournalismus oder werteorientierter Journalismus. Und das hei\u00dft: Der Journalist versteht sich als Oberlehrer der Nation. Er will nicht berichten, sondern belehren. Daf\u00fcr gibt es eine wunderbare Anekdote. Anja Reschke hatte im vergangenen Jahr den Hanns-Joachim Friedrichs-Preis bekommen. Bei der Preisverleihung wurde das ber\u00fchmteste Zitat von Hajo Friedrich eingeblendet. \u201eEin Journalist soll sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.\u201c Als die Preistr\u00e4gerin ihre Dankesrede hielt, sagte sie: Hajo Friedrich hat genau das Gegenteil gemeint. Wir sollen Haltung zeigen und Partei ergreifen. Man scheut heute also auch in den Reihen der Journalisten selbst nicht mehr davor zur\u00fcck, S\u00e4tze buchst\u00e4blich auf den Kopf zu stellen, den entgegengesetzten Sinn zu unterstellen. Dies l\u00e4uft letztendlich auf einen Verzicht des Journalismus hinaus. Man will eher als Missionar und als Aktivist auftreten, wenn man heute Journalist ist \u2013 und mal will gar keine journalistischen Leistungen mehr bringen. Der \u201eStern\u201c hat mit seiner Aktion, \u201eFridays for Future\u201c macht den neuen Stern und die Aktivisten sind die Autoren f\u00fcr die neue Nummer, das wunderbar auf den Begriff gebracht: Man verzichtet auf Journalismus zugunsten von Haltung, Propaganda, Engagement und Aktivismus. Damit einher geht die sogenannte Cancel Culture, das zum-Schweigen-Bringen. Man entzieht allen abweichenden Meinungen und Plattformen die Existenz. Aber nicht nur in der politischen, sondern auch in der in der Welt der Unterhaltung wird seit Jahren radikal politisiert. Jan B\u00f6hmermann ist nur ein Beispiel f\u00fcr Entertainer, die sich als politische Aktivisten verstehen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie hatten \u201eFridays for Future\u201c schon genannt. Unl\u00e4ngst sagten Sie: \u201eIn der Welt der Mahner und Warner wird die Apokalypse zur Ware\u201c. Das wirft man beispielsweise Greta Thunberg und den Vermarktern der Klima-Ikone vor. Gibt es noch weitere Beispiele, die Sie hier im Blick haben?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Apokalypse als Ware ist das Betriebsgeheimnis der Gr\u00fcnen. Alle Gr\u00fcnen, bis auf die Realos in Baden-W\u00fcrttemberg, folgen dieser Spur. Die Gr\u00fcnen von heute, ob Robert Habeck, Annalena Baerbock oder Luisa Neubauer als Marketing-Chefin von \u201eFridays of Future\u201c \u2013 sie sind Apokalyptiker. Im Grunde steht die ganze Umweltbewegung daf\u00fcr, die sich bis in die 60er Jahre zur\u00fcckverfolgen l\u00e4sst. Paul Erlich hat mit seinem Buch \u201eDie Bev\u00f6lkerungsbombe\u201c geradezu die Apokalypse an die Wand gemalt. Dort hie\u00df es schon: Die Welt geht unter, die Ressourcen werden knapp, es gibt kein Erd\u00f6l und keine Bodensch\u00e4tze mehr usw. Diese apokalyptischen Szenarien sind eine gro\u00dfe ersatzreligi\u00f6se, fast gnostische Bewegung, die sich seit Jahrzehnten \u2013 mit immer wechselnden Schwerpunkten, aber der immer gleichen Botschaft \u2013 in der westlichen Wohlstandswelt entwickelt hat. Die Botschaft bleibt immer dieselbe \u2013 es ist f\u00fcnf vor Zw\u00f6lf. Auch die ber\u00fchmte Weltuntergangsuhr passt in dieses Bild. Diese wurde auf 100 Sekunden vor Weltuntergang von Wissenschaftlern selbst gestellt. Also als Intellektueller sch\u00e4mt man sich in Grund und Boden, wenn man derartigen Unfug h\u00f6rt. Aber es l\u00e4uft und funktioniert. Die Aktivisten der Umweltbewegung haben mit den Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wunderbare Organisationsplattformen gefunden. Und sie erhalten mittlerweile gr\u00f6\u00dfte Unterst\u00fctzung aus der Politik und der Wirtschaft, die seit Jahrzehnten ein gro\u00df angelegtes Greenwashing betreibt. Das greift alles in einen perfekten Mechanismus ineinander. Es werden immer mehr Parteien, die sich daf\u00fcr zu Plattformen machen, sei es aber auch die gr\u00fcne oder die blaue Industrie. Sie alle machen ein Gesch\u00e4ftsmodell aus dem Protest und der Apokalypse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Spiegelt sich dieses Denken auch in der Wahl der Gr\u00fcnen, in ihrem derzeitigen Hype wider? Gr\u00fcne und die Union stehen derzeit wieder ganz vorn in der W\u00e4hlergunst.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Absolut. Ich sehe da auch gar keine Hoffnung, dass sich etwas \u00e4ndern k\u00f6nnte. Sowohl bei rot-rot-gr\u00fcn als auch bei schwarz-gr\u00fcn dominiert gr\u00fcn, egal wie letztendlich die Prozentzahlen sein werden. Es ist der einige gemeinsame Nenner, weil es die ersatzreligi\u00f6se Faszinationskraft ist, die die Menschen derzeit anzieht. Die anderen Parteien haben gar kein Programm mehr. Sie sind allesamt konturlos. Im Grunde gibt es nur noch eine gesellschaftspolitische Botschaft \u2013 und das ist die gr\u00fcne Apokalypse. Alle anderen Parteien, sei es die CDU oder die SPD, passen sich da an. Egal, wer eine Regierung bildet, es wird eine Regierung aus diesem Geist sein.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Immanuel Kant stellt f\u00fcr seine Philosophie die gro\u00dfen vier Fragen auf: \u201eWas soll ich tun?\u201c \u201eWas darf ich hoffen?\u201c \u201eWas ist der Mensch?\u201c \u201eWann kann ich wissen?\u201c Sie haben das \u201eWas soll ich hoffen?\u201c in ein \u201eWas muss ich f\u00fcrchten?\u201c umgewandelt. Ist das die gro\u00dfe Frage, die die Zukunft bestimmen wird?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich denke schon. Daf\u00fcr spricht vieles auch au\u00dferhalb meines engeren Themas Umweltapokalypse. Wenn man an den wachsenden Sicherheitsbedarf denkt, an das Bed\u00fcrfnis wachsender Sicherheit, sieht man, dass der Staat als solcher immer problematischer wird. Das h\u00e4ngt vor allem damit zusammen, dass das Urversprechen, welches Thomas Hobbes formuliert hat, dass der Staat Schutz bietet und im Gegenzug daf\u00fcr Gehorsam verlangt, dass dieses Urversprechen beziehungsweise dieser Urvertrag immer br\u00fcchiger wird. Derzeit gibt es neue Motive f\u00fcr Verunsicherung und Ver\u00e4ngstigung der B\u00fcrger. So die permanente Bedrohung durch Terrorismus, durch Massenmigration und durch multikulturelle Zumutungen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr Verunsicherungen, Angst und Furcht wachsen. Sie sind fast koextensiv mit der modernen Gesellschaft und deshalb w\u00e4chst auch das Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit \u2013 und das ist mit Sicherheit eine der gro\u00dfen Industrien. Die Angstindustrie produziert das Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit und schafft so einen wachsenden Bedarf f\u00fcr die Sicherungsindustrie. In vielen Bereichen sind die Ausgaben, die man f\u00fcr Sicherheit ausgibt, viel h\u00f6her als die Ausgaben f\u00fcr die Funktionsf\u00e4higkeit der jeweiligen Techniken. Beispiel: Ein Computernetzwerk zu sichern ist kostspieliger als der Computer selbst. Die Hoffnung reduziert sich fast darauf, dass es dieser Gesellschaft doch noch gelingt, gen\u00fcgend Sicherheitsma\u00dfnahmen zu treffen, um die Bedrohungen einigerma\u00dfen in Schach zu halten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn wir in einem Zeitalter der Angst leben, kann dieses ja vielleicht nicht das letzte Wort sein, oder? H\u00f6lderlin sagte bekanntlich einmal: \u201eWo aber Gefahr ist, w\u00e4chst das Rettende auch\u201c. Haben wir in der Welt, die sich zeichnen, noch so etwas wie Hoffnung?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich muss Ihnen ehrlich sagen, da muss ich passen. Mir f\u00e4llt es schwer, eine utopische Wende in die ganze Sache zu bringen. Das liegt daran, weil zu viele Faktoren dabei eine Rolle spielen, auf die man \u00fcberhaupt keinen Einfluss haben kann. Dazu geh\u00f6rt beispielsweise die weltweite V\u00f6lkerwanderung, deren Ende \u00fcberhaupt nicht abzusehen, sondern gerade erst begonnen hat. Auch die Besitzergreifung hochmoderner Technologien durch bisher noch unterentwickelte L\u00e4nder geh\u00f6rt ebenso dazu wie die Undurchschaubarkeit der globalen Weltwirtschaft und der Finanzstr\u00f6me. Kein Mensch kann diese Dynamiken durchschauen. Wenn man bescheidener bei der Frage nach dem Rettenden ist, dann ist es f\u00fcr mich nur die Hoffnung, dass demn\u00e4chst eine junge Generation heranreift, die sich nicht alles bieten l\u00e4sst. Die eben \u201eNein\u201c dazu sagt, dass wir im Land der unbegrenzten Zumutungen und Zumutbarkeiten leben und das nicht l\u00e4nger ertragen will. Ich hoffe auf eine junge Generation, f\u00fcr die Freiheit wieder der oberste Wert wird. Dann k\u00f6nnte sich vielleicht etwas \u00e4ndern. Und das k\u00f6nnte auch die Atmosph\u00e4re, in der wir leben, reinigen und das w\u00fcrde den sozial-psychologischen Druck von uns allen nehmen, der in dieser Cancel Culture Welt auf uns allen lastet. Auf das Genie der Jugend, der irgendwann aufflammen muss, setze ich meine Hoffnung, auf einen Mentalit\u00e4tswechsel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was sagt der Medienwissenschaftler und Professor zum Ph\u00e4nomen Donald Trump? Die n\u00e4chste Pr\u00e4sidentschaftswahl steht an!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist eigentlich ganz einfach zu erkl\u00e4ren. Und diese Erkl\u00e4rung wurde auch vielfach gegeben. Die Leute haben Donald Trump gew\u00e4hlt, weil sie die Nase vom Washingtoner Establishment und den geradezu h\u00fcndisch nachfolgenden Medien, die eine schwarz-wei\u00df-Zeichnung zwischen guten und b\u00f6sen Menschen gemacht haben, voll haben. Das Washingtoner Establishment, wie das unsrige in Deutschland auch, war gekennzeichnet durch ma\u00dflose Heuchelei und durch ein elit\u00e4res Bewusstsein der Intellektuellen, die die Ideologie dieses Establishment entwickelten und das gemeine Volk zu Idioten degradierten, die man belehren und an die Hand nehmen muss. Das war vielen Menschen in Amerika einfach zu viel. Deswegen haben sie lieber einen groben Typen als Alternative gew\u00e4hlt, der bei aller Brutalit\u00e4t wenigstens ehrlich war. Bei der Neuwahl, die jetzt ansteht, ist das genau die Frage. Gibt es wieder einen R\u00fcckschlag und vers\u00f6hnen sich die Amerikaner erneut mit dem alten Washingtoner Establishment, das mit Joe Biden ein Musterbeispiel in den Wahlkampf geschickt hat? Bislang bleibt alles offen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Brutaler Terror in Paris: Wer es wagt, Mohammed zu kritisieren, stirbt<\/strong><\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz19.10.2020Europa, Medien<\/p>\n<p>Wer es wagt, Mohammed zu kritisieren, stirbt. Kritische Stimmen, die den fundamentalen Islam hinterfragen, sind weiterhin unerw\u00fcnscht. Wer Mohammeds Lehren hinterfragt, wird enthauptet. F\u00fcnf Jahre nach dem Terroranschlag auf die Satirezeitung \u201eCharlie Hebdo\u201c hat ein Fl\u00fcchtling tschetschenischer Herkunft einen Lehrer in Paris enthauptet, weil dieser im Schulunterricht die Mohammed-Karikaturen zeigte.<\/p>\n<p>Eine Bluttat ersch\u00fcttert Frankreich. Der Attent\u00e4ter ein 2002 geborener Mann russischer und tschetschenischer Herkunft. Der Fl\u00fcchtling, der seit diesem Fr\u00fchjahr mit einer Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich lebt, hatte in einen Pariser Vorort einen Lehrer enthauptet, der im Unterricht Karikaturen des Propheten Mohammed zeigte. Nach der Ermordung des Lehrers hatte der Angreifer noch ein Foto des Opfers im Netz ver\u00f6ffentlicht und richtete eine Nachricht an Frankreichs Pr\u00e4sident Emmanuel Macron, den er als \u201eAnf\u00fchrer der Ungl\u00e4ubigen\u201c bezeichnete. \u201eIch habe einen Ihrer H\u00f6llenhunde hingerichtet, der es wagte, Mohammed herabzusetzen.\u201c<\/p>\n<p>Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hatte die Tat als Angriff auf die Trennung zwischen Religion und Kirche bezeichnet. \u201eEs gibt eindeutig Feinde der Republik, sie sind gegen die Republik und damit gegen die Schule, denn die Schule ist das R\u00fcckgrat der Republik\u201c. Die Franzosen haben eine lange laizistische Tradition. Im Land, wo einst die Aufkl\u00e4rung mit der Franz\u00f6sischen Revolution ihren Ausgang nahm, sind Kirche und Staat sind seit mehr als 100 Jahren getrennt. In der Verfassung f\u00fcr die f\u00fcnfte Republik von 1958 ist die Religionsfreiheit festgeschrieben.<\/p>\n<p><strong>Frankreich k\u00e4mpft seit Jahren vergeblich gegen den Terror islamischer Fundamentalisten<\/strong><\/p>\n<p>Seit Jahren k\u00e4mpft das Land immer wieder mit islamistischen Anschl\u00e4gen. Allein in vergangenen Jahren starben 250 Menschen durch Terror. Erst vor\u00a0 einigen Wochen gab es vor dem ehemaligen Redaktionsgeb\u00e4ude von \u201eCharlie Hebdo\u201c in Paris eine Messerattacke. Zwei Menschen wurden verletzt. Tatmotiv war auch hier \u2013 wie bei der Enthauptung des Geschichtslehrers am vergangenen Freitag \u2013\u00a0 die Mohammed-Karikaturen. Damit setzt sich die Reihe von Terroranschl\u00e4gen weiter fort. Vor f\u00fcnf Jahren hatte es einen verheerenden Mordanschlag auf die Satirezeitung gegeben, bei dem die wichtigsten Zeichner des Blattes get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<p>Auch die Enthauptung des Lehrers im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine passt ins Bild eines immer wieder aufflackernden Islamismus. Wer gegen Mohammed ist, verdient den Tod, so die \u00fcberzeugten Dschihadisten. Der 18-j\u00e4hrige Angreifer t\u00f6tete den 47 Jahre alten Lehrer und hatte diesen anschlie\u00dfend enthauptet. Am Tatort fanden die Ermittler auch ein rund 30 Zentimeter langes blutverschmiertes Messer. Der T\u00e4ter selbst wurde bei seiner Festnahme von der franz\u00f6sischen Polizei erschossen und starb an den Folgen seiner Verletzung.<\/p>\n<p>Die Republik sei vom islamistischen Terrorismus in ihrem Herzen getroffen worden, erkl\u00e4rte Premierminister Jean Castex und der Frankreichs Pr\u00e4sident Emmanuel Macron sprach kurze Zeit nach der Tat bereits von einen islamistischen Terrorakt. Es sei kein Zufall, dass ein Terrorist ausgerechnet einen Lehrer ermordet habe, weil er das Land in seinen Werten habe angreifen wollen, so der sichtlich getroffene Staatschef in der N\u00e4he des Tatorts.<\/p>\n<p>Seit Jahren setzt die franz\u00f6sische Regierung im Kampf gegen den radikalen Islamismus auf Bildung \u201eDie Schule bildet den freien Geist, aufgekl\u00e4rte B\u00fcrger \u2013 und genau das ist es, was die Islamisten, die von Dummheit, Unwissenheit, Indoktrination und Hass leben, nicht tolerieren k\u00f6nnen\u201c, so die Beigeordnete Ministerin im Innenministerium, Marl\u00e8ne Schiappa dem Sender Franceinfo.<\/p>\n<p>Dem Angriff auf den Geschichtslehrer waren seit Anfang Oktober Drohungen vorausgegangen. Der Lehrer hatte Anfang Oktober im Rahmen des Unterrichts das Thema Meinungsfreiheit aufgegriffen. Anlass war die erneute Ver\u00f6ffentlichung von Mohammed-Karikaturen seitens des Satiremagazins \u201cCharlie Hebdo\u201d. Der Lehrer zeigte im Unterricht entsprechende Karikaturen.<\/p>\n<p>Ein Vater hatte daraufhin Posts in den Sozialen Netzwerken ver\u00f6ffentlicht und sich bei der Schulleitung beschwert sowie gegen den Lehrer mobil gemacht. Wie inzwischen klar wurde, wurde er von einem bekannten Islamisten in die Schule begleitet. Auch er sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft.<\/p>\n<p>Politiker aus dem internationalen Ausland haben unterdessen ihre Anteilnahme gegen den brutalen Angriff zum Ausdruck gebracht. \u201eVon Terror, Extremismus und Gewalt d\u00fcrfen wir uns nie einsch\u00fcchtern lassen\u201c, schrieb der deutsche Au\u00dfenminister Heiko Maas auf Twitter. \u201eMeine Gedanken sind auch bei den Lehrern, in Frankreich und in ganz Europa. Ohne sie gibt es keine B\u00fcrger. Ohne sie gibt es keine Demokratie\u201c, schrieb EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen.<\/p>\n<p><strong>Hintergrund<\/strong><\/p>\n<p>Seit Jahren ist die Terrorgefahr fast st\u00e4ndig im Bewusstsein der Menschen. Frankreichs Regierung machte den Kampf gegen den Terror zur Priorit\u00e4t und hatte stets davor gewarnt, dass die Gefahr von Terrorangriffen sehr hoch sei.<\/p>\n<h1>Beim Beherbergungsverbot ist Deutschland gespaltener denn je<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz16.10.2020Medien, Politik<\/p>\n<p>Viele Bundesb\u00fcrger sind aufgrund der lokal verh\u00e4ngten Corona-Bestimmungen verunsichert. Das Vertrauen, dass Berlin die Probleme l\u00f6st, scheint in den Reihen der Bev\u00f6lkerung zu schwinden. Beim Beherbergungsverbot zeigt sich der ganze Flickenteppich von Ma\u00dfnahmen, die zunehmend Ver\u00e4rgerung hervorrufen.<\/p>\n<p>Viele Bundesb\u00fcrger k\u00f6nnen die lokalen Ma\u00dfnahmen zur Pandemie nicht nachvollziehen und f\u00fchlen sich anhand der vielen Regeln und Verbote \u00fcberfordert und von der Regierung im Stich gelassen. Zwei Drittel (68 Prozent) sind, wie aus dem am Donnerstag ver\u00f6ffentlichten ARD-\u201c<a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/themen\/deutschlandtrend\">Deutschlandtrend<\/a>\u201d hervorgeht, eher f\u00fcr einheitliche Regelungen f\u00fcr Deutschland. Nur 30 favorisieren dabei unterschiedliche regionale L\u00f6sungen. Laut Umfrage sind es auch nur 37 Prozent der Wahlberechtigten, die vor Corona Angst haben; 62 Prozent hingegen machen sich keine Sorgen, mit dem Virus infiziert zu werden.<\/p>\n<h4>Berlin agiert beim Kampf gegen Corona uneinheitlich<\/h4>\n<p>Bei einem Treffen der Ministerpr\u00e4sidenten mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich am Mittwoch in Berlin die Runde der Regierungschefs zu keinen einheitlichen Kurs beim Beherbergungsverbot einigen k\u00f6nnen. Wo Einigkeit zwischen Bund und L\u00e4ndern bestand, war allerdings bei der Begrenzung der G\u00e4stezahl bei Privatfeiern, einer Ausweitung der Maskenpflicht, bei Kontaktbeschr\u00e4nkungen im \u00f6ffentlichen Raum und eine Sperrstunde f\u00fcr die Gastronomie.<\/p>\n<p>Die neue Un\u00fcbersichtlichkeit zeigte sich zuletzt im Streit um das Beherbergungsverbot. Wie unterschiedlich in dieser Sache die einzelnen L\u00e4nder verfahren, zeigt das Beispiel Nordrhein-Westfalen. Das Land unter Ministerpr\u00e4sident Armin Laschet (CDU) hatte diese Vorschrift nie angewendet. Am Donnerstag hatten Gerichte in Baden-W\u00fcrttemberg und in Niedersachsen bereits das Beherbergungsverbot gekippt. Sp\u00e4ter auch der Freisstaat Sachsen. Der s\u00e4chsische Ministerpr\u00e4sident Michael Kretschmer (CDU) betonte: \u201eHier werden Menschen getroffen, die mit dieser Krankheit nichts zu tun haben\u201c. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sich am Freitag zum umstrittenen Beherbergungsverbot ge\u00e4u\u00dfert: \u201eIch habe den Eindruck, wir kommen zu einer Einheitlichkeit, die bedeutet, so gut wie kein Beherbergungsverbot mehr in Deutschland.\u201c<\/p>\n<h4><strong>In Bayern gibt es ab Samstag kein Beherbergungsverbot mehr<\/strong><\/h4>\n<p>Nun zog auch der Freistaat nach. Das umstrittene Verbot f\u00fcr Reisende aus Corona-Hotspots l\u00e4uft in Bayern an diesem Freitag aus. Der Chef der bayerischen Staatskanzlei, Florian Herrmann (CSU), hatte zu Wochenende gegen\u00fcber der dpa betont, dass das Land vorerst auf eine Verl\u00e4ngerung verzichtet. \u201eWir lassen es dabei.\u201c Angesichts der steigenden Corona-Zahlen in Deutschland will Bayern das Beherbergungsverbot aber weiter im \u201eInstrumentenkasten\u201c f\u00fcr den Notfall behalten. Sollte es notwendig werden, k\u00f6nne es somit wieder angewendet werden. Dies sei derzeit aber auch weniger relevant, weil die Ferien in vielen besonders von der Pandemie betroffenen Regionen bereits wieder vorbei seien. Erst am gestrigen Donnerstag hatte das bayerische Kabinett beschlossen, das Verbot vorerst in Kraft zu lassen. Allerdings k\u00fcndigte Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der (CSU) sp\u00e4ter am Abed an, die Ma\u00dfnahme werde \u201eSt\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck\u201c auslaufen.<\/p>\n<h4>Der Norden h\u00e4lt am <strong>Beherbergungsverbot <\/strong>fest<\/h4>\n<p>Mecklenburg-Vorpommern hingegen macht die Einreise aus Corona-Hotspots mit hohen Neuinfektionszahlen von einem negativen Corona-Test abh\u00e4ngig, sonst m\u00fcssten sich die Reisenden in Quarant\u00e4ne begeben. Ebenso verf\u00e4hrt auch Schleswig-Holstein. Im n\u00f6rdlichsten Bundesland bleibt die Regel erhalten. Zuvor hatte eine Familie aus dem nordrhein-westf\u00e4lischen Kreis Recklinghausen, die auf Sylt Urlaub machen wollte, den Antrag gestellt, der aber vom Oberverwaltungsgericht abgelehnt wurde. Das Gesamtwohl der Bev\u00f6lkerung, so die Argumentation der urteilenden Richter, sei h\u00f6her als das Interesse einer einzelnen Familie gerade in Krisenzeiten Urlaub zu machen.<\/p>\n<p>Deutschland bleibt in Corona gespaltener denn je. Ein besseres Krisenmanagement ist daher das Gebot der Stunde. Der Bundesregierung muss es wieder gelingen, hier Einheitlichkeit \u2013 auch mit den L\u00e4ndern \u2013 herzustellen, sonst wird die Politik vielleicht nach dem Ende der Pandemie durch die B\u00fcrger abgestraft \u2013 sp\u00e4testens bei der n\u00e4chsten Bundestagswahl 2021.<\/p>\n<h1>Interview mit EVP-Chef Manfred Weber &#8211; Wir m\u00fcssen unsere Naivit\u00e4t gegen\u00fcber China ablegen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz18.10.2020Europa, Medien<\/p>\n<p>Der EVP-Vorsitzende im EU-Parlament, Manfred Weber, betont im Interview: Europa wird bald keine Rolle mehr spielen, wenn wir nicht eigene funktionierende Milit\u00e4rkapazit\u00e4ten haben.<\/p>\n<p><strong>Herr Weber: Nach 2015 ist das Thema Fl\u00fcchtlingspolitik wieder in aller Munde. Warum tut sich die EU mit der Verteilung so schwer?<\/strong><\/p>\n<p>Die Migrationspolitik ist aus vielerlei Gr\u00fcnden sicher ein sehr emotionales Thema. Seit Jahren diskutieren wir in der EU \u00fcber einen gemeinsamen Weg. Dass es so schwer ist, liegt an unterschiedlichen Erfahrungen beim Umgang mit Migranten, etwa in den westlichen und \u00f6stlichen EU-Staaten, unterschiedlichen Betroffenheiten, etwa in den s\u00fcdlichen und n\u00f6rdlichen Staaten, und unterschiedlichen Ans\u00e4tzen. Zudem hat die Fl\u00fcchtlingskrise 2015 einen tiefen Riss in der EU erzeugt, da in relativ kurzer Zeit weitreichende Entscheidungen getroffen werden mussten. Das steckt uns heute noch in den Knochen. Es braucht aber eine L\u00f6sung, weil die EU auch an der Migrationspolitik scheitern k\u00f6nnte, Stichwort Schengen. F\u00fcr mich ist klar: Voraussetzung ist eine funktionierende Sicherung der EU-Au\u00dfengrenze und eine effektive Kontrolle der Migration. Das erwarten auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger von uns. Wenn vor Ort \u00fcber einen Asylantrag oder Schutzstatus entschieden wird und die R\u00fcckf\u00fchrung funktioniert, wenn die Hilfe in Drittstaaten und die Zusammenarbeit mit ihnen gut organisiert ist, dann kann man \u00fcber die Solidarit\u00e4t zwischen den EU-Staaten bei der Aufnahme reden.<\/p>\n<p><strong>EU hat die Versch\u00e4rfung der Klimaziele gefordert. Wird es hier perspektivisch eine europ\u00e4ische L\u00f6sung geben?<\/strong><\/p>\n<p>Der Klimaschutz ist die gro\u00dfe politische Aufgabe der Gegenwart. Die vorgeschlagenen Ziele sind extrem ambitioniert. Wir wollen bis 2030 den Verbrauch von Kohle um 70 Prozent senken, den von Gas um 25 Prozent. Das sind gewaltigste Ver\u00e4nderungen in einer Dekade. Aber ich finde das richtig und werde es unterst\u00fctzen. Wer, wenn nicht Europa, soll hier vorangehen? Wenn uns das gelingt, werden wir die Produkte f\u00fcr die M\u00e4rkte von morgen entwickeln. Aber wir m\u00fcssen jetzt rauskommen aus der theoretischen Debatte und das praktisch umsetzen. Die Diskussion ist manchmal zu ideologisch. Es geht nur darum: Wer fordert mehr? Jetzt m\u00fcssen wir der Wasserstofftechnologie zum Durchbruch verhelfen, wir brauchen den kerosinfreien europ\u00e4ischen Airbus, wir brauchen eine Welle der Geb\u00e4udesanierung in Europa.<\/p>\n<p><strong>Sie werben immer wieder f\u00fcr eine europ\u00e4ische Armee. Warum ist dieses viel diskutierte Thema immer noch auf dem Tisch?<\/strong><\/p>\n<p>Eine gemeinsame europ\u00e4ische Armee war nach dem Zweiten Weltkrieg mit die Ursprungsidee f\u00fcr die europ\u00e4ische Integration. Nach dem Scheitern damals ist es bisher nicht gelungen, substanziell voranzukommen. Derweil ist klar: Angesichts zahlreicher Bedrohungen in unserer Nachbarschaft, der zunehmenden Orientierung der USA Richtung Pazifik, der schnell wachsenden Milit\u00e4rm\u00e4chte in Asien und der Krisen in Afrika muss Europa in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen und auch bei Missionen au\u00dferhalb Europas geschlossen aufzutreten. Das ist heute nur ansatzweise der Fall. Meine These ist, dass die Europ\u00e4er schon sehr bald keine milit\u00e4rische und au\u00dfen- und sicherheitspolitische Rolle mehr spielen werden, wenn wir nicht eigene funktionierende Milit\u00e4rkapazit\u00e4ten haben. Deshalb liegt nahe, viel enger zu kooperieren und auch gemeinsame Verb\u00e4nde zu organisieren, die zudem deutlich billiger w\u00e4ren als wenn jedes Land all seine milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten selbst unterh\u00e4lt, denken Sie vor allem an kleinere Staaten. Das bedeutet keine Vollintegration aller Streitkr\u00e4fte, aber ein Kern gemeinsamer Verb\u00e4nde in den wichtigsten Bereichen.<\/p>\n<p><strong>\u201eDas Geld der europ\u00e4ischen Steuerzahler sollte weder direkt noch indirekt chinesischen staatlichen Unternehmen, Projekten oder Technologien zugutekommen\u201c, haben Sie gesagt. Aber bleibt China denn nicht unser guter Wirtschaftspartner?<\/strong><\/p>\n<p>China ist ein wichtiger Partner, keine Frage. Wir m\u00fcssen aber die Naivit\u00e4t ablegen, dass China immer unser faires Gegen\u00fcber ist, wenn wir nur gute wirtschaftliche Gesch\u00e4fte mit ihnen machen. Die Probleme beim Thema Menschenrechte, das massive Aufr\u00fcsten und Ausspielen ihrer Macht sowie eine aggressive Haltung in au\u00dfen- und wirtschaftspolitischen Fragen sind ja offenkundig. Man kann vern\u00fcnftig in vielen Punkten zusammenarbeiten, ohne dass die EU vor klaren Ansagen zur\u00fcckschreckt. Und der Umgang mit den Corona-Geldern ist f\u00fcr mich ein wichtiger Pr\u00fcfstein. Wir haben zuletzt zu oft erlebt, dass sich chinesische Firmen mit staatlichen Geldern in Europa eingekauft, die europ\u00e4ischen Firmen ausgebeutet, Know-How abgezogen und die Firmen dann ruiniert abgesto\u00dfen hab<\/p>\n<p><strong>Amerika w\u00e4hlt. Donald Trump k\u00f6nnte wieder US-Pr\u00e4sident werden. Welche Auswirkungen h\u00e4tte das auf die EU?<\/strong><\/p>\n<p>Um die Beziehungen zwischen den Europ\u00e4ern und der US-Administration steht es nicht zum Besten, bei manchen Themen ist schwerer Schaden entstanden. Dennoch bleiben die USA der wichtigste politische, wirtschaftliche und milit\u00e4rische Partner der EU. Ich werbe daf\u00fcr, immer wieder aufeinander zuzugehen, die Hand zur Zusammenarbeit auszustrecken und gemeinsame Interessen zu definieren. Die USA sind aber nicht nur der aktuelle Pr\u00e4sident. Auf vielen Ebenen wird zusammengearbeitet. Bei den US-Wahlen m\u00fcssen letztlich die Amerikaner entscheiden, auf welche Art der Zusammenarbeit sie setzen wollen.<\/p>\n<p><strong>Das transatlantische B\u00fcndnis liegt fast in Tr\u00fcmmern. Amerika first. Was kann die EU diesem Amerika entgegensetzen. M\u00fcssten nicht bald die Vereinigten Staaten von Europa kommen?<\/strong><\/p>\n<p>Mir ist diese Diskussion zu theoretisch, auch weil die EU ein ganz eigenes politisches Gebilde ist. Auch wenn die Vereinigten Staaten von Europa von manchen als das eigentliche Ziel der europ\u00e4ischen Integration gesehen werden, setze ich mehr auf das de facto Notwendige und t\u00e4glich Machbare. Wenn Sie sich die EU ansehen, dann w\u00e4re vieles der heutigen Zusammenarbeit vor 20 Jahren nicht denkbar gewesen. Aber richtig ist: Es muss in manchen Bereichen schneller zu Ergebnissen kommen, sonst werden wir in der globalen Konkurrenz in Zukunft keine Chance haben. Das hei\u00dft etwa, dass wir wegkommen m\u00fcssen von der Einstimmigkeit bei der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik.<\/p>\n<p><strong>Der Herbst 2020 entscheidet \u00fcber die Zukunft Europas, sagten sie In einem Interview. Was ist damit gemeint?<\/strong><\/p>\n<p>Die Corona-Krise wird f\u00fcr Europa in praktisch allen Bereichen des Lebens eine Z\u00e4sur sein, wie wir sie heute noch gar nicht absch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind so immens, wie kaum ein Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg. Nun, im Herbst 2020 wird sich zeigen, ob die EU in der Lage ist, auf diese Ver\u00e4nderungen mit klugen Weichenstellungen zu reagieren, zukunftsorientiert, in der Art der Europ\u00e4er. Noch dazu hat Deutschland die Ratspr\u00e4sidentschaft, was diesmal eine gro\u00dfe Chance ist. Wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, kann dies \u00fcber Jahrzehnte hinweg positiv wirken. Deshalb muss jetzt genau hingesehen und sehr klug und weitsichtig entschieden werden, etwa beim Wiederaufbaufonds, beim Haushalt, der Migration oder der Klimapolitik.<\/p>\n<p><strong>Was erwarten Sie von der Bundestagswahl 2021?<\/strong><\/p>\n<p>CDU und CSU haben gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel Deutschland in schwierigen Zeiten stabilisiert und auf Kurs gehalten. Dass unser Land in Europa und der Welt so gut dasteht, liegt auch an der Politik der Union. Im kommenden Jahr werden wir unsere Zukunftspl\u00e4ne f\u00fcr Deutschland erarbeiten und den W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern vorlegen. Ich bin zuversichtlich, dass wir erneut das Vertrauen bekommen, die Bundesregierung zu f\u00fchren und den Kanzler zu stellen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben einmal betont, dass Europa derzeit Probleme nur verwaltet, die aktuelle Krise nur managt, anstatt diese zu l\u00f6sen. Was ist ihre Vision von Europa? Quo Vadis Europa?<\/strong><\/p>\n<p>Die Europ\u00e4er m\u00fcssen verstehen: Entweder wir packen die Herausforderungen gemeinsam an oder keiner wird sie gut meistern, auch nicht das vergleichsweise starke Deutschland. Die vergangenen Jahre waren und die Gegenwart ist vom Krisenmanagement gepr\u00e4gt. Das ist zwar wichtig, weil die europ\u00e4ischen Staaten so die Krisen besser meistern k\u00f6nnen, aber auf Dauer werden wir die Menschen so nicht f\u00fcr das Projekt Europa begeistern k\u00f6nnen. Dazu braucht es Ideen. Zum Beispiel: gemeinsam den Krebs besiegen oder Technologief\u00fchrerschaft in bestimmten Bereichen, um nicht von au\u00dfen digital dominiert zu werden, oder Kinderarbeit in der Dritten Welt bannen. Das sind Aufgaben, die wir nur gemeinsam schaffen. Aus meiner Sicht wird Europa in 10, 20 Jahren viel st\u00e4rker sein und viel enger zusammenarbeiten. In einigen Bereichen wird die EU mehr Kompetenzen haben, zum Beispiel in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik, in anderen wird sie sich mehr zur\u00fccknehmen. Die EU ist ein sich stetig wandelndes Gebilde. Das birgt enorme Chancen, die wir nutzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Bis Weihnachten Millionen Impfungen m\u00f6glich: Forscher erkl\u00e4rt &#8211; Wir haben einen wirksamen Impfstoff<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz8.10.2020Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Durchbruch bei der Impfforschung \u2013 Noch vor Weihnachten k\u00f6nnten Millionen geimpft werden \u2013 Mainzer Mediziner und BioNTech-Gr\u00fcnder erkl\u00e4rt: Wir haben einen wirksamen Impfstoff<\/p>\n<p>Die Coronazahlen steigen seit Wochen wieder stark an. Allein Deutschland meldet 4.000 Neuinfektionen. Viele EU-L\u00e4nder haben im Kampf gegen Covid-19 erneut die Notbremse gezogen. Lokale Lockdowns bestimmen vieler Orten den Alltag. Aber immer wieder steht die Frage nach einem Impfstoff gegen das hochinfekti\u00f6se Coronavirus im Raum.<\/p>\n<p>Jetzt gibt es Hoffnung am Ende des Tunnels. Das Mainzer Unternehmen BioNTech vom Paul-Ehrlich-Institut hatte Anfang April \u201egr\u00fcnes Licht\u201c f\u00fcr die ersten klinischen Tests an einem Covid-19-Impfstoff erhalten. Derzeit wird der Impfstoff bereits in einer klinischen Studie der Phase II\/III gepr\u00fcft. In dieser Phase wird die Wirksamkeit weiter gepr\u00fcft und die passende Dosierung ermittelt. Bis Anfang Oktober wurden 37 000 Teilnehmer in die Studie eingeschlossen, 28 000 h\u00e4tten bereits die zweite Impfstoff-Dosis erhalten. Wie der CEO, Gr\u00fcnder und Arzt U\u011fur \u015eahin betont, gehen wir \u201clangsam auf die Zielgerade zu\u201c, hei\u00dft es vielversprechend in einem Interview in der \u201cFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u201d. Das nur nach einem Jahr seit dem ersten Auftreten und der massiven weltweiten Verbreitung des Coronavirus ein Impfstoff zur Verf\u00fcgung steht, ist keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Die Zulassungen dauern oft bis zu 15 Jahren.<\/p>\n<h4>U\u011fur \u015eahin \u2013 Vision\u00e4r, Immuntherapeut und Immuningenieur<\/h4>\n<p>U\u011fur \u015eahin, selbst Immuntherapeut, der sich als Immuningenieur versteht, ging es immer wieder darum, wie sich antivirale Mechanismen des K\u00f6rpers nutzen lassen, um beispielsweise Krebs zu behandeln, wenn die Abwehrkr\u00e4fte sonst nicht dagegen vorgehen. \u015eahin, der seit 2006 Professor f\u00fcr experimentelle Onkologie an der III. Medizinischen Klinik der Universit\u00e4t Mainz ist, sieht seine Vision darin, das Immunsystem dazu anleiten, \u201euns vor bestimmten Krankheiten zu sch\u00fctzen oder sie zu lindern\u201c. Seit Jahren arbeitet \u015eahin, der 18 Prozent des Aktienanteils von BioNTech h\u00e4lt und damit seit 2020 dreifacher Milliard\u00e4r ist, an der\u00a0 Identifizierung und Charakterisierung neuer Zielmolek\u00fcle (Antigene) f\u00fcr die Immuntherapie bei Krebstumoren. Ziel des ambitionierten Forschers und Professors ist die Entwicklung eines Krebs-Impfstoffes auf der Basis von Ribonukleins\u00e4ure (RNA), einem Botenstoff mit genetischen Informationen, der eine entsprechende Reaktion des Immunsystems ausl\u00f6sen und so zur Hemmung und R\u00fcckbildung von Tumoren im Idealfall f\u00fchren soll. Die RNA-Impfstoffe bewirken aber keine dauerhafte genetische Ver\u00e4nderung im Erbgut der Zellen, sondern werden nach \u201eEinmalgebrauch\u201c zur Bildung von Eiwei\u00df wieder aufgel\u00f6st.\u00a0 Was f\u00fcr die Krebsforschung gilt, soll auch bei der Corona-Pandemie nicht au\u00dfer Acht gelassen werden: \u201eAuf die Medizin kommen insgesamt gro\u00dfe Aufgaben zu [\u2026]. Es wurde zu lange ignoriert, aber wir brauchen mehr innovative, biopharmazeutische Forschung.\u201c<\/p>\n<h4>Wir brauchen mehr innovative, biopharmazeutische Forschung<\/h4>\n<p>Wie \u015eahin betont, war es das Hauptproblem, das man so wenig dar\u00fcber wusste, wie das Coronavirus funktioniert und \u201ewie man es am besten inaktivieren kann. Deshalb haben wir verschiedene Bestandteile des Virus f\u00fcr die unterschiedlichen Impfstoffkandidaten genutzt und in einer Vielzahl von Tests miteinander verglichen.\u201c<\/p>\n<p>Die Tests am neuen Impfstoff laufen schon seit Juli. Mehr als 30.000 Probanden haben mittlerweile Injektionen erhalten. \u201eWobei eine H\u00e4lfte der Impfgruppe angeh\u00f6rt, die andere erh\u00e4lt Placebo-Injektionen zur Kontrolle: Es ist eine Doppelblindstudie und eine der gr\u00f6\u00dften zu Covid-19\u201c, erkl\u00e4rt der Mediziner \u015eahin. Bis Mitte Oktober will BioNTech 44000 Probanden in die Studie einschlie\u00dfen, und sehr viele haben schon ihre zweite Dosis erhalten. Der CEO und Gr\u00fcnder ist sich sicher: \u201eBis Ende Oktober, Anfang November sollten wir genug Daten haben, um deklarieren zu k\u00f6nnen: Wir haben einen wirksamen Impfstoff.\u201c<\/p>\n<p>Der 55-j\u00e4hige Wissenschaftler und renommierte Krebsforscher \u015eahin ist \u00fcberzeugt. \u201cDer Impfstoff besitze ein exzellentes Profil, und er gehe davon aus, dass \u201ewir ein sicheres Produkt haben und in der Lage sind, die Effektivit\u00e4t zu demonstrieren\u201c. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: \u201eDie erste Generation an Impfstoffen k\u00f6nnte noch 2020 kommen, dazu geh\u00f6ren mRNA-Ans\u00e4tze wie unsere, die traditionelleren Konzepte sind auch schon recht weit.\u201c<\/p>\n<h4>Wer bringt den ersten Impfstoff gegen Corona?<\/h4>\n<p>Weltweit arbeiten Wissenschaftler an der Impfstoffforschung, investieren Regierungen Millionen in die Entwicklung. In Deutschland lieferten sich das T\u00fcbinger Unternehmen Curevac und \u015eahin BioNTech ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Bei dem Impfstoffkandidaten des Mainzer Biotechnologieunternehmens BioNTech handelt es sich um einen sogenannten RNA-Impfstoff, der die genetische Information f\u00fcr den Bau des sogenannten Spikeproteins des CoV-2 oder Teilen davon in Form der Ribonukleins\u00e4ure (RNA) enth\u00e4lt. Daraus wird im K\u00f6rper ein Eiwei\u00df des Virus hergestellt, das Oberfl\u00e4chenprotein, mit dessen Hilfe das Virus in Zellen eindringt. Ziel der Impfung ist es, den K\u00f6rper zur Bildung von Antik\u00f6rpern gegen dieses Protein anzuregen. Sind dann Antik\u00f6rper erst einmal vorhanden, fangen diese die Viren ab, bevor diese in die Zellen eindringen und sich vermehren. Dar\u00fcber hinaus soll der Wirkstoff andere Abwehrwaffen des Immunsystems aktivieren.<\/p>\n<p>Der Impfstoff, an dem Curevac forscht, basiert auf der sogenannten mRNA, oft auch als Boten-RNA bezeichnet. Dieser Botenstoff bringt K\u00f6rperzellen dazu, spezielle Proteine zu produzieren, die der Oberfl\u00e4che des Coronavirus \u00e4hnlich sind. In der Folge erkennt und markiert der menschliche K\u00f6rper die Proteine als \u201eEindringlinge\u201c, so dass im Optimalfall auch eine Immunantwort gegen das echte Virus erfolgt.<\/p>\n<p>Lange war bei der neuen Covid-19 Infektion unklar, ob Menschen \u00fcberhaupt eine Immunit\u00e4t gegen diesen Erreger aufbauen und ob ein Impfstoff \u00fcberhaupt sinnvoll sei, wenn das Virus immer wieder mutiert. Doch \u015eahin geht davon aus, dass auch \u201edieses Virus eine Immunit\u00e4t bei Erkrankten induziert. Die ist nun nicht besonders stark, die Antik\u00f6rper-Titer sind vergleichsweise gering, aber genesene Personen sind vermutlich mindestens sechs, acht Monate gegen eine schwere Neuinfektion gesch\u00fctzt.\u201d<\/p>\n<h4>Ein Impfstoff kann funktionieren<\/h4>\n<p>Wie lange allerdings die Immunit\u00e4t letztendlich anh\u00e4lt, kann auch der t\u00fcrkische Wissenschaftler \u015eahin nicht vorhersagen. Doch er betont: Das &#8222;Vorhandensein einer Immunit\u00e4t sagt uns, dass prinzipiell auch ein Impfstoff funktionieren kann. Wir wissen au\u00dferdem, dass das erw\u00e4hnte Spike-Protein als Angriffsziel nicht nur geeignet ist, sondern wahrscheinlich das einzige ist, dass eine virusinaktivierende Immunantwort ausl\u00f6sen kann. Zahlreiche unabh\u00e4ngige Evidenzen zeigen, dass eine Spike-Immunantwort vor Infektion sch\u00fctzt, und es gibt bisher keinerlei Anhaltspunkt, dass ein effektiver Impfschutz die Krankheit verst\u00e4rkt.\u201d<\/p>\n<h4><strong>F\u00fcr 2020 haben wir bis zu 100 Millionen Dosen geplant<\/strong><\/h4>\n<p>Wenn die Beh\u00f6rden mitspielen, davon ist der Gr\u00fcnder von BioNTech \u00fcberzeugt, k\u00f6nnte bereits Ende des Jahres ein Impfstoff zur Verf\u00fcgung stehen. Das \u201eh\u00e4ngt von den Beh\u00f6rden ab, welche Daten sie sehen wollen und welche Anspr\u00fcche sie haben.\u201c \u201eWir werden jedenfalls unsere Datens\u00e4tze entsprechend vorlegen \u2013 und transparent Wirkung sowie Nebenwirkungen darstellen. Auch werden Impfstoffdosen auf Lager sein, wir produzieren bereits. F\u00fcr 2020 haben wir bis zu 100 Millionen Dosen geplant.\u201d<\/p>\n<h4>Wie l\u00e4uft eine Impfung ganz konkret ab?<\/h4>\n<p>Rein pragmatisch, so der Chef von BioNTech, wird eine erste Impfung in den Muskel im Arm gegeben. Auf die erste Injektion folgt eine zweite, die n\u00f6tig sei, um eine \u201eausreichende Immunantwort zu stimulieren. Das Virus bindet \u00fcber seine Spike-Proteine stark an die Zell-Rezeptoren; da es mit sehr vielen dieser Spikes besetzt ist, m\u00fcssen wir m\u00f6glichst alle ausschalten, und daf\u00fcr wird ein hoher Antik\u00f6rper-Titer gebraucht. F\u00fcr andere Viren konnten wir zeigen, dass eine Injektion gen\u00fcgt, im Fall von Sars-CoV-2 ist das schwieriger.\u201d<\/p>\n<h4>Zulassungsprozess f\u00fcr Impfstoff von BioNTech startet<\/h4>\n<p>Am 6. Oktober 2020 meldete BioNTech, dass der vom Mainzer Unternehmen entwickelte Corona-Impfstoffkandidat in den Zulassungsprozess geht. Nun muss die europ\u00e4ische Arzneimittelbeh\u00f6rde EMA den Wirkstoff BNT162b2 in einem sogenannten Rolling-Review-Verfahren pr\u00fcfen, so BioNTech und das Pharma-Unternehmen Pfizer in einer Pressemitteilung. Dort versicherten sie auch, dass der Impfstoff-Kandidat den strengen Qualit\u00e4ts-, Sicherheits- und Wirksamkeitsstandards der EMA unterliegen werde: \u201eW\u00e4hrend wir daran arbeiten, einen potenziellen Impfstoff in einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit zu entwickeln, um dieser Pandemie ein Ende zu bereiten, ist es unsere Pflicht, sicherzustellen, dass wir dies mit den h\u00f6chsten ethischen Standards sowie unter Einhaltung fundierter wissenschaftlicher Prinzipien tun\u201c, so BioNTech-Chef und Mitgr\u00fcnder Ugur \u015eahin.<\/p>\n<p>Der \u201erollierende Einreichungsprozess\u201c soll die Zulassung eines Impfstoffes beschleunigen. Sind gen\u00fcgend Daten eingereicht und vom zust\u00e4ndigen EMA-Ausschuss bewertet, kann ein Antrag auf Marktzulassung gestellt werden. Die Genehmigung daf\u00fcr wird von der EU-Kommission in Br\u00fcssel erteilt.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn der neue Impfstoff auf dem Markt zugelassen ist, bedeutet das nicht, dass BioNTech mit seinen Untersuchungen aufh\u00f6rt. Das betont auch Sahin: \u201cEs ist nicht damit getan, die Wirksamkeit nachzuweisen. Wir werden unsere Probanden noch \u00fcber zwei Jahre nachverfolgen. Zwar wird die Kontrollgruppe auch irgendwann geimpft, da es unethisch w\u00e4re, der Placebo-Gruppe einen wirksamen Impfstoff vorzuenthalten, trotzdem werden wir aufschlussreiche epidemiologische Daten erhalten.\u201d<\/p>\n<h4>Selbst nach der Zulassung des Impfstoffs bleiben Fragen<\/h4>\n<p>Sollte es noch in diesem Jahr oder erst \u2013 wie\u00a0 Bundesforschungsministerin Anja Karliczek erwartet \u2013 in der Mitte des kommenden Jahres einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben, bleiben noch Fragen. Wer soll die Vakzine erhalten und wie werden diese gelagert oder transportiert? Auf einer Pressekonferenz zur Impfstoffentwicklung am 8. Oktober ging Karliczek davon aus, dass dann \u201ebreite Teile der Bev\u00f6lkerung geimpft werden k\u00f6nnen\u201c. U\u011fur \u015eahin erkl\u00e4rt zuvor: Die Verteilung \u201eist Aufgabe der Gesundheitsminister und der zust\u00e4ndigen Impfkommissionen, die sich damit befassen und jetzt ihre Empfehlungen ausarbeiten f\u00fcr die Versorgung in der Pandemie. [\u2026] Auch hoffe ich, dass wir Risikogruppen wie unsere Krebspatienten, die sich teilweise gar nicht mehr auf die Stra\u00dfe trauen, wieder Kontakt zu Mitmenschen erm\u00f6glichen.\u201c<\/p>\n<p>Selbst wenn das Unternehmen von U\u011fur \u015eahin derzeit auf der \u00dcberholspur f\u00e4hrt und f\u00fcr 2021 1,3 Milliarden Impfdosen in einer Partnerschaft mit Pfizer produzieren will, er wei\u00df: \u201eHinter den gro\u00dfen Zahlen, stehen einzelne Individuen, die davon profitieren k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<h1>Norbert Bolz: Die Apokalypse als Ware ist das Betriebsgeheimnis der Gr\u00fcnen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz7.10.2020Europa, Gesellschaft &amp; Kultur<\/p>\n<p><em>Die Cancel Culture regiert. Auch in Deutschland fallen immer mehr Meinungen unter das Diktat. Freie Meinungs\u00e4u\u00dferung ist schwieriger denn je. Wir sprachen mit dem Medienprofessor Norbert Bolz \u00fcber die neue Unkultur, den Journalismus, der immer mehr Haltungsjournalismus wird und \u00fcber die Gr\u00fcnen, die mit ihren Apokalypsen zu Marktschreiern werden.<\/em><\/p>\n<p><strong>Sie haben jahrelang die Medienlandschaft mitgepr\u00e4gt. Wie sieht diese heute aus, gerade auch im Hinblick auf den Journalismus? Was hat sich mit Blick auf die letzten drei\u00dfig Jahren ver\u00e4ndert? <\/strong><\/p>\n<p>Was sich ge\u00e4ndert hat, kann man deutlich sagen. Auf der einen Seite die technologische Ver\u00e4nderung. Es gibt die Konkurrenz zu den klassischen Massenmedien durch die Sozialen Medien, die Internetmedien, die so eine Art Autorit\u00e4tsverlust der klassischen Medien gebracht haben. Das geht bis hin zur Vorstellung des B\u00fcrgerreporters, der glaubt seine Meinung journalistisch zu erbringen. Dem entspricht auf der anderen Seite ein vollkommener Strukturwandel der klassischen Medien. Da beobachtet man das Ende der Objektivit\u00e4t, wie man dies auch nennen k\u00f6nnte. Was wir jetzt haben, ist ein Haltungsjournalismus oder werteorientierter Journalismus. Und das hei\u00dft: Der Journalist versteht sich als Oberlehrer der Nation. Er will nicht berichten, sondern belehren. Daf\u00fcr gibt es eine wunderbare Anekdote. Anja Reschke hatte im vergangenen Jahr den Hanns-Joachim Friedrichs-Preis bekommen. Bei der Preisverleihung wurde das ber\u00fchmteste Zitat von Hajo Friedrich eingeblendet. \u201eEin Journalist soll sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.\u201c Als die Preistr\u00e4gerin ihre Dankesrede hielt, sagte sie: Hajo Friedrich hat genau das Gegenteil gemeint. Wir sollen Haltung zeigen und Partei ergreifen. Man scheut heute also auch in den Reihen der Journalisten selbst nicht mehr davor zur\u00fcck, S\u00e4tze buchst\u00e4blich auf den Kopf zu stellen, den entgegengesetzten Sinn zu unterstellen. Dies l\u00e4uft letztendlich auf einen Verzicht des Journalismus hinaus. Man will eher als Missionar und als Aktivist auftreten, wenn man heute Journalist ist \u2013 und mal will gar keine journalistischen Leistungen mehr bringen. Der \u201eStern\u201c hat mit seiner Aktion, \u201eFridays for Future\u201c macht den neuen Stern und die Aktivisten sind die Autoren f\u00fcr die neue Nummer, das wunderbar auf den Begriff gebracht: Man verzichtet auf Journalismus zugunsten von Haltung, Propaganda, Engagement und Aktivismus. Damit einher geht die sogenannte Cancel Culture, das zum-Schweigen-Bringen. Man entzieht allen abweichenden Meinungen und Plattformen die Existenz. Aber nicht nur in der politischen, sondern auch in der in der Welt der Unterhaltung wird seit Jahren radikal politisiert. Jan B\u00f6hmermann ist nur ein Beispiel f\u00fcr Entertainer, die sich als politische Aktivisten verstehen.<\/p>\n<p><strong>Sie hatten \u201eFridays for Future\u201c schon genannt. Unl\u00e4ngst sagten Sie: \u201eIn der Welt der Mahner und Warner wird die Apokalypse zur Ware\u201c. Das wirft man beispielsweise Greta Thunberg und den Vermarktern der Klima-Ikone vor. Gibt es noch weitere Beispiele, die Sie hier im Blick haben?<\/strong><\/p>\n<p>Die Apokalypse als Ware ist das Betriebsgeheimnis der Gr\u00fcnen. Alle Gr\u00fcnen, bis auf die Realos in Baden-W\u00fcrttemberg, folgen dieser Spur. Die Gr\u00fcnen von heute, ob Robert Habeck, Annalena Baerbock oder Luisa Neubauer als Marketing-Chefin von \u201eFridays of Future\u201c \u2013 sie sind Apokalyptiker. Im Grunde steht die ganze Umweltbewegung daf\u00fcr, die sich bis in die 60er Jahre zur\u00fcckverfolgen l\u00e4sst. Paul Erlich hat mit seinem Buch \u201eDie Bev\u00f6lkerungsbombe\u201c geradezu die Apokalypse an die Wand gemalt. Dort hie\u00df es schon: Die Welt geht unter, die Ressourcen werden knapp, es gibt kein Erd\u00f6l und keine Bodensch\u00e4tze mehr usw. Diese apokalyptischen Szenarien sind eine gro\u00dfe ersatzreligi\u00f6se, fast gnostische Bewegung, die sich seit Jahrzehnten \u2013 mit immer wechselnden Schwerpunkten, aber der immer gleichen Botschaft \u2013 in der westlichen Wohlstandswelt entwickelt hat. Die Botschaft bleibt immer dieselbe \u2013 es ist f\u00fcnf vor Zw\u00f6lf. Auch die ber\u00fchmte Weltuntergangsuhr passt in dieses Bild. Diese wurde auf 100 Sekunden vor Weltuntergang von Wissenschaftlern selbst gestellt. Also als Intellektueller sch\u00e4mt man sich in Grund und Boden, wenn man derartigen Unfug h\u00f6rt. Aber es l\u00e4uft und funktioniert. Die Aktivisten der Umweltbewegung haben mit den Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wunderbare Organisationsplattformen gefunden. Und sie erhalten mittlerweile gr\u00f6\u00dfte Unterst\u00fctzung aus der Politik und der Wirtschaft, die seit Jahrzehnten ein gro\u00df angelegtes Greenwashing betreibt. Das greift alles in einen perfekten Mechanismus ineinander. Es werden immer mehr Parteien, die sich daf\u00fcr zu Plattformen machen, sei es aber auch die gr\u00fcne oder die blaue Industrie. Sie alle machen ein Gesch\u00e4ftsmodell aus dem Protest und der Apokalypse.<\/p>\n<p><strong>Spiegelt sich dieses Denken auch in der Wahl der Gr\u00fcnen, in ihrem derzeitigen Hype wider? Gr\u00fcne und die Union stehen derzeit wieder ganz vorn in der W\u00e4hlergunst.<\/strong><\/p>\n<p>Absolut. Ich sehe da auch gar keine Hoffnung, dass sich etwas \u00e4ndern k\u00f6nnte. Sowohl bei rot-rot-gr\u00fcn als auch bei schwarz-gr\u00fcn dominiert gr\u00fcn, egal wie letztendlich die Prozentzahlen sein werden. Es ist der einige gemeinsame Nenner, weil es die ersatzreligi\u00f6se Faszinationskraft ist, die die Menschen derzeit anzieht. Die anderen Parteien haben gar kein Programm mehr. Sie sind allesamt konturlos. Im Grunde gibt es nur noch eine gesellschaftspolitische Botschaft \u2013 und das ist die gr\u00fcne Apokalypse. Alle anderen Parteien, sei es die CDU oder die SPD, passen sich da an. Egal, wer eine Regierung bildet, es wird eine Regierung aus diesem Geist sein.<\/p>\n<p><strong>Was sagt der Medienwissenschaftler und Professor zum Ph\u00e4nomen Donald Trump? Die n\u00e4chste Pr\u00e4sidentschaftswahl steht an!<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eigentlich ganz einfach zu erkl\u00e4ren. Und diese Erkl\u00e4rung wurde auch vielfach gegeben. Die Leute haben Donald Trump gew\u00e4hlt, weil sie die Nase vom Washingtoner Establishment und den geradezu h\u00fcndisch nachfolgenden Medien, die eine schwarz-wei\u00df-Zeichnung zwischen guten und b\u00f6sen Menschen gemacht haben, voll haben. Das Washingtoner Establishment, wie das unsrige in Deutschland auch, war gekennzeichnet durch ma\u00dflose Heuchelei und durch ein elit\u00e4res Bewusstsein der Intellektuellen, die die Ideologie dieses Establishment entwickelten und das gemeine Volk zu Idioten degradierten, die man belehren und an die Hand nehmen muss. Das war vielen Menschen in Amerika einfach zu viel. Deswegen haben sie lieber einen groben Typen als Alternative gew\u00e4hlt, der bei aller Brutalit\u00e4t wenigstens ehrlich war. Bei der Neuwahl, die jetzt ansteht, ist das genau die Frage. Gibt es wieder einen R\u00fcckschlag und vers\u00f6hnen sich die Amerikaner erneut mit dem alten Washingtoner Establishment, das mit Joe Biden ein Musterbeispiel in den Wahlkampf geschickt hat? Bislang bleibt alles offen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Fundst\u00fcck: Lothar de Maizi\u00e8re: Ich bin die DDR nicht ganz losgeworden<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.10.2020Gesellschaft &amp; Kultur<\/p>\n<p><strong>Am 3. Oktober 2020 wird der 30. Jahrestag der Deutschen Einheit gefeiert. Wir haben in unserem Archiv gebl\u00e4ttert und ein Interview mit dem ersten und letzten Ministerpr\u00e4sidenten der DDR Lothar de Maizi\u00e8re gefunden. De Maizi\u00e8re wirkte vom Herbst 1989 bis zum Sp\u00e4tsommer 1991 als deutscher Politiker und wurde besonders durch seinen Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung bekannt. In einem zur\u00fcckliegenden Gespr\u00e4ch zieht er Bilanz.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ist die heutige Bundesrepublik, das Land von dem Sie als DDR-B\u00fcrger tr\u00e4umten?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe als DDR-B\u00fcrger nicht von einem anderen Land getr\u00e4umt, sondern ich wollte, dass mein Land, Brandenburg-Berlin, die ostdeutschen L\u00e4nder, in Demokratie und Freiheit leben k\u00f6nnen \u2013 das hat sich erf\u00fcllt.<\/p>\n<p><strong>Was h\u00e4tten Sie sich gew\u00fcnscht, was ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mir gew\u00fcnscht, dass wir die Situation mental erlebbarer gemacht h\u00e4tten, und dass wir auch in symbolischen Handlungen deutlich gemacht h\u00e4tten, dass eine neue Zeit beginnt. Ich habe damals vorgeschlagen, dass wir nicht den 12. Deutschen Bundestag w\u00e4hlen, sondern den ersten gesamtdeutschen Bundestag, dies w\u00e4re ein Signal f\u00fcr die Menschen gewesen. Da herrschte zun\u00e4chst im Westen die Meinung, wir w\u00e4ren nur eine vergr\u00f6\u00dferte Bundesrepublik und machen so weiter wie bisher. Dass die Vereinigung das Leben aller Deutschen ver\u00e4ndert, ist bei den Westdeutschen erst sehr viel sp\u00e4ter angekommen.<\/p>\n<p><strong>25 Jahre sind nach dem Fall der innerdeutschen Grenze vergangen. Wo stehen wir heute, wo steht die CDU?<\/strong><br \/>\nWir stehen als Deutschland in Europa, auch in internationaler Verantwortung. Deutschland ist erwachsen geworden, au\u00dfenpolitisch souver\u00e4n, es hat eine wichtige Rolle bei der Ost-Erweiterung der europ\u00e4ischen Union gespielt, da waren die anderen westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder anfangs gar nicht davon begeistert. Die CDU hat sich aus einem rheinisch-katholischen Wahlverein zu einer Partei der Mitte entwickelt; sie ist die einzige Partei, die im echten Sinne heute Volkspartei ist. Ich bedaure, dass die Personaldecke der CDU so d\u00fcnn ist, so dass man M\u00fche hat, mitunter Posten verantwortlich zu besetzen. Das ist aber eine Frage, die mit der Gesamtfrage von Glaubw\u00fcrdigkeit und Politik \u2013 und wie Politik sich darstellt \u2013 zusammenh\u00e4ngt. Dies ist damit nicht unbedingt ein CDU-spezifisches Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p><strong>Gibt es heute noch einen Unterschied zwischen der Ost- und der West \u2013 CDU, von der Sie auch in Ihrem Buch sprechen?<\/strong><\/p>\n<p>Nach vielen Jahren sind auch die handelnden Personen andere geworden, und ich glaube, dass die jetzt politisch Handelnden gesamtdeutsch sozialisiert sind. Die anderen waren westdeutsch, die anderen ostdeutsch sozialisiert; ich gestehe, dass ich die DDR nicht ganz losgeworden bin, will ich auch nicht, weil es ein wichtiger Teil meines Lebens gewesen ist, aber die Politiker, die jetzt handeln, wie Angela Merkel, sind in der Wendezeit politisch sozialisiert worden und sind gesamtdeutsche Politiker, empfinden auch eine gesamtdeutsche Verantwortung. Ich bin mir aber sicher, dass die Arbeitslosen in Sachsen Angela Merkel genauso anerkennen wie die in Gelsenkirchen.<\/p>\n<p><strong>In Ihrem biografischen Erinnerungen reflektierten Sie \u00fcber das Thema L\u00fcge, warum nimmt diese Thematik so einen gro\u00dfen Stellenwert ein?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe in DDR-Zeiten erlebt, dass mich meine Kinder immer wieder fragten, ob sie das, was wir zuhause politisch ge\u00e4u\u00dfert haben auch in der Schule sagen k\u00f6nnten. Oder, dass sie mich fragten, ob es zwei Wahrheiten gebe, eine private und eine f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmte. Dieses Gef\u00fchl, seine eigenen Kinder von vornherein zur Janusk\u00f6pfigkeit zu erziehen, und zu sagen, aus taktischen Gr\u00fcnden w\u00fcrde ich die Frage in der Schule anderes beantworten als zuhause, dies hat mich so umgetrieben, und das war eigentlich der Hauptgrund, eigentlich die Hoffnung, diese Missst\u00e4nde zu \u00e4ndern, das ich damals in die Politik gegangen bin. Das war f\u00fcr mich der ausschlaggebende Punkt, \u00fcberhaupt Politik zu machen.<\/p>\n<p><strong>Was verbinden Sie mit Michael Gorbatschow?<\/strong><br \/>\nEs ist komisch. Er ist einer der gro\u00dfen Weltver\u00e4nderer und trotzdem ist er fast eine tragische Figur. Er ist angetreten, einen neuen Sozialismus, eine reformierte UdSSR, zu schaffen. Er hat den Zerfall der Sowjetunion mitbewirkt, aber den Sozialismus eben nicht dahin f\u00fchren k\u00f6nnen, wohin er wollte. Er ist mit Sicherheit einer der gro\u00dfen Weltbeweger der zweiten H\u00e4lfte 20. Jahrhunderts. Ich bin mit ihm sehr eng befreundet und wir hatten gemeinsam den \u201ePetersburger Dialog\u201c geleitet. Er ist eine historische Pers\u00f6nlichkeit, denn kaum einer wie er hat die Welt im 20. Jahrhundert so dramatisch ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Wie beurteilen Sie die soziale Lage in Ostdeutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Besser, als die \u00f6ffentliche Darstellung, aber schwierig genug noch immer.<\/p>\n<p><strong>Bev\u00f6lkerungsabwanderung, demographischer Wandel, welche Zukunft hat der Osten Deutschlands?<\/strong><\/p>\n<p>Wir werden noch einige gro\u00dfe Umbr\u00fcche erleben. Wir haben nach der Wiedervereinigung festgestellt, dass die Landbev\u00f6lkerung nicht in die Selbst\u00e4ndigkeit gehen wollte, sondern die Gro\u00dfbetriebe behalten hat, die LPGs, die sich jetzt zwar anders nennen, haben keine Erben, die Kinder sind nicht mehr in der Landwirtschaft geblieben. Wir werden also eine wirkliche Umkrempelung auf dem Land erleben und damit auch der Landeskultur. Der Landwirt ist nicht nur Bauer, sondern betreibt die Landeskultur, ist der \u00d6kologe. Dies wird schwierig werden. Zudem haben wir eine starke \u00dcberalterung im Osten, die fast dramatisch ist. Vor allem in Leipzig, G\u00f6rlitz, in all diesen St\u00e4dten, die sch\u00f6n hergerichtet sind, aber wo die Stadtabwanderung stattgefunden hat. Diese St\u00e4dte locken jetzt westdeutsche Bundesb\u00fcrger an, damit diese dort billige Wohnungen beziehen. Wir werden in zehn Jahren Pflegeheime brauchen. Ich glaube dennoch an eine Durchmischung mit den anderen Osteurop\u00e4ern. Wir erleben zunehmend, dass auch an den Randgebieten Polen in Deutschland arbeiten und umgekehrt. Ich hoffe doch, dass er mit der zunehmenden Industrialisierung zu einer gewissen R\u00fcckwanderung kommt. Wir werden uns aber darauf einstellen m\u00fcssen, dass die Bev\u00f6lkerung in Deutschland schwindet. Desto wichtiger ist gerade die Frage der Integration von Ausl\u00e4ndern bei uns, und dass wir dort vern\u00fcnftige Wege gehen.<\/p>\n<p>Fragen Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Interview mit Wolfgang A. Herrmann: Wir m\u00fcssen mehr in die Zukunft der Bildung investieren &#8211; Ein Gespr\u00e4ch mit Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz18.09.2020Europa, Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p>The European sprach mit dem am l\u00e4ngsten amtierenden Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten in Europa, Professor Wolfgang A. Herrmann. F\u00fcr den Wissenschaftler bleibt der unternehmerische Aspekt wichtig. Unter seiner \u00c4gide wurde die TU M\u00fcnchen drei Mal Exzellenzuniversit\u00e4t. Wie der Naturwissenschaftler betont, ist die Kombination von Ausbildung, Forschung und Unternehmertum, das \u201eeurop\u00e4ische Wissensdreieck\u201c, was die Zukunft am besten beschreibt.<\/p>\n<p>Portr\u00e4t Pr\u00e4sident Emeritus Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Herrmann 2017, Foto: Kay Herschelmann<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Herr Professor Herrmann. Sie haben 24 Jahre die TU M\u00fcnchen als Pr\u00e4sident geleitet und diese Universit\u00e4t zu Weltruhm gef\u00fchrt. Sie sind der am l\u00e4ngsten amtierende Pr\u00e4sident einer europ\u00e4ischen Universit\u00e4t. Was ist das Erfolgsrezept?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt kein Patentrezept. Das wichtigste ist, dass man die Leute mag, dass man Entt\u00e4uschungen wegsteckt und sich gemeinsam mit dem am Projekt Beteiligten \u00fcber den Erfolg freut. Dass man sich in die Menschen hineinh\u00f6rt. Man muss einfach gern mit Menschen arbeiten, was nat\u00fcrlich f\u00fcr alle F\u00fchrungspersonen das Erfolgsrezept ist.<\/p>\n<p><strong>Corona hat nach wie vor die Welt und Deutschland fest im Griff \u2013 sehen Sie Auswirkungen auf den Universit\u00e4tsalltag von morgen. Wird es die Pr\u00e4senzvorlesungen vielleicht gar nicht mehr geben? <\/strong><\/p>\n<p>Die Auswirkungen werden gewaltig sein. Teilweise waren sie schon vorher \u00fcberf\u00e4llig. In der Coronakrise haben wir gelernt, wie wichtig das Thema Blended\/Distance-Learning ist. Der Frontalunterricht spielt nicht mehr die entscheidende Rolle, sondern vielmehr das begabungsad\u00e4quate Lernen in unterschiedlichen Formaten. Die Wissensvermittlung kommt heute stark aus den Internetmedien und aus Datenbanken. Die akademischen Lehrer m\u00fcssen diese Heterogenit\u00e4t strukturieren.<\/p>\n<p><strong>Die Wirtschaft schw\u00e4chelt coronabedingt. Hat das Auswirkungen auf die Universit\u00e4t und in welcher Form? Gerade die TU M\u00fcnchen ist eine Intellektuellenschmiede \u2013 auch f\u00fcr den Automobilbau!<\/strong><\/p>\n<p>Die Automobilindustrie ist eine sehr starke S\u00e4ule der deutschen Volkswirtschaft. Diese Automobilindustrie wird zu neuen Ufern aufbrechen m\u00fcssen. Die Autofirma von morgen sieht ganz anders aus als die von heute. Es werden immer mehr alternative Antriebssysteme eine Rolle spielen. Elektromobilit\u00e4t, Wasserstoffantrieb und Brennstoffzellen werden stark vorankommen. Das Auto wird immer mehr \u2013 zus\u00e4tzlich \u2013 ein Informationssystem sein, man denke an das autonome Fahren.<\/p>\n<p><strong>China greift nach der Macht \u2013 nicht nur wirtschaftlich, sondern auch immer mehr im Bereich der Bildung. M\u00fcssen wir jetzt Angst vor den Chinesen auch im Wissenschaftssektor, an den Universit\u00e4ten haben?<\/strong><\/p>\n<p>Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Wir haben im internationalen Vergleich ein sehr qualifiziertes Bildungssystem, das st\u00e4rker auch als in Amerika auf die einzelnen Begabungen R\u00fccksicht nimmt, denken Sie an unsere Handwerkerschaft! Wir haben exzellent ausgebildete Lehrkr\u00e4fte, ein differenziertes Hochschulsystem mit Universit\u00e4ten und Fachhochschulen. Und wir haben \u2013 aus unserer Geistesgeschichte kommend \u2013 einen Sinn f\u00fcr das Sch\u00f6ngeistige, f\u00fcr die Musik und die Literatur, und wir besinnen uns auf unsere Geschichte. Der Bildungshorizont in unserem Land ist doch viel gr\u00f6\u00dfer als in den sogenannten Aufbruchsregionen. Amerika und China sind da anders. Da gibt es, was ein ausgewogenes Bildungssystem betrifft, erheblichen Nachholbedarf. Wir Deutschen haben doch immer wieder die Benchmarks in Naturwissenschaft, Technik und der kulturellen Welt gesetzt. Insofern habe ich keine Angst, wenn wir uns weiter so anstrengen wie in der Vergangenheit.<\/p>\n<p><strong>Deutschland hat die Digitalisierung verschlafen, wie k\u00f6nnen wir das aufholen?<\/strong><\/p>\n<p>Verschlafen ist sicherlich zu hart formuliert. Freilich m\u00fcssen wir uns jeden Tag aufs neue anspornen lassen. Wir m\u00fcssen die technische Struktur noch verst\u00e4rken. Die deutsche Befindlichkeit \u2013 durchaus wohlstandsbedingt \u2013 spielt hier sicherlich eine Rolle. So m\u00f6chte jeder beispielsweise gern telefonieren aber keinen Funkmast in der N\u00e4he haben. Aus der Corona-Erfahrung m\u00fcssen wir lernen, dass wir im technologischen Bereich massiv durchstarten sollten. Die Lebenswelt von morgen wird eine andere sein, sehr gepr\u00e4gt von gro\u00dfen Datenmengen. Das hat aber auch den Vorteil, dass Menschen in jedem Alter sich am Wertsch\u00f6pfungs- und Produktionsprozess beteiligen k\u00f6nnen. Es gibt also auch gro\u00dfe Vorteile. Aber ich denke, die Vorurteile gegen die technische Entwicklung sind durch Corona sehr stark zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden. Man ist dadurch wieder auf den Boden der Tatsachen zur\u00fcckgekommen.<\/p>\n<p><strong>Sie betonen, dass gute Lehrer die eigentlichen Helden der Gesellschaft sind. Doch insbesondere an den Schulen zeigt sich, dass der Lehrerberuf nicht attraktiv ist, die Geh\u00e4lter oft zu klein, die Anforderungen und die sozialen Umw\u00e4lzungen in der Gesellschaft zu hoch. \u00dcberforderung allenthalben. Was muss man \u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das ist leider so. Die Lehrerbildung m\u00fcsste in den Mittelpunkt unserer Bildungsanstrengungen gestellt werden. Die Lehrer sind es ja, die unsere jungen Menschen f\u00fcr die Zukunft konditionieren, die eigentlich lebendiges Vorbild f\u00fcr den technischen und Wissenschaftsfortschritt sein sollten. Sie sind es auch, die den technischen Fortschritt im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung vermitteln sollen. Das ist ganz zentral. Der Lehrer hat den schwersten Beruf von allen, schwerer als ein Physikprofessor. Sie sind jeden Tag der Jugend \u201eausgesetzt\u201c. Und das m\u00fcssen sie sehr differenziert und sehr individualisiert angehen, um die Motivation der jungen Menschen zu entfachen und wach zu halten. Ich habe allerh\u00f6chsten Respekt vor unseren Lehrkr\u00e4ften. Man kann immer wieder dar\u00fcber klagen, dass sie nicht genug f\u00fcr die Moderne ausgebildet sind, aber Zauberer sind Lehrer eben auch nicht.<\/p>\n<p><strong>Ein Zauberwort Ihrer Karriere war immer die Exzellenzuniversit\u00e4t. Was hat man darunter zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Akademische Exzellenz hei\u00dft in einer gro\u00dfen Zahl von Wissenschaftsgebieten international an der Spitze zu stehen oder sogar die Standards zu definieren. Anders gesagt: Exzellenz bedeutet, sich st\u00e4ndig neu an den international Besten zu messen, um selbst der Beste zu werden.<\/p>\n<p><strong>Sie fordern als Naturwissenschaftler mehr soziale Ausbildung f\u00fcr die Wissenschaftlerzunft.<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Studierenden sollen an das ankn\u00fcpfen, was sie an der Schule als breiten Bildungshorizont bekommen haben. So sollte der Techniker st\u00e4ndig den R\u00fcckbezug zur gesellschaftlichen Entwicklung suchen. Dazu ist es notwendig, dass erhebliche Lehranteile der technischen und naturwissenschaftlichen F\u00e4cher aus den Geistes- und Sozialwissenschaften kommen. Dar war meine letzte durchg\u00e4ngige Initiative an der TU M\u00fcnchen, 2012 mit der Exzellenzinitiative begonnen und 2018\/19 zum Hauptthema gemacht. Ich hoffe sehr, dass die Geistes- und die Sozialwissenschaften ihre eigene Wertigkeit prominent gewinnen, allerdings in der unmittelbaren Wechselwirkung mit der Technik. Nicht untergeordnet, sondern als Begleiter und Wegweiser. Das ist eine gro\u00dfe Herausforderung. Ja, mehr noch: Das w\u00e4re ein wirkliches Novum in der Hochschullandschaft, wenn Deutschland diese schwierige Aufgabe meistert.<\/p>\n<p><strong>Sie sind ein Professor im \u201eUnruhezustand\u201c. In der drittgr\u00f6\u00dften Stadt Georgiens, in <\/strong><em><strong>Kutaisi, <\/strong><\/em><strong>er\u00f6ffnet eine neue Universit\u00e4t. Sie waren dabei federf\u00fchrend. Was versprechen Sie sich davon?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst soll man sich \u00fcber jede vergleichbare Aktivit\u00e4t dieses Kalibers freuen. Es sind \u00fcber eine Milliarde Euro aus einer Stiftung f\u00fcr den Aufbau dieser Universit\u00e4t disponiert. Gerade in diesen Regionen ist die Internationalit\u00e4t des Bildungsanspruchs und der Wirtschaft noch nicht zu Hause. Wir haben vor 150 Jahren erlebt, welchen Impetus die damalige Polytechnische Schule M\u00fcnchen, die heutige TUM, der Wirtschaft gegeben hat. Da gab es als einen der ersten Professoren Carl Linde, der den K\u00fchlschrank und die Luftverfl\u00fcssigung erfunden hat und auch Rudolf Diesel hervorbrachte. Das ist ein prominentes Beispiel daf\u00fcr, was Investition in freie Forschung leisten kann. Der Erfinderingenieur und Unternehmer Linde war dieser Freigeist. Er hatte die wilde Idee, k\u00fcnstliche K\u00e4lte zu machen. Wenn das Umfeld gegeben ist, ein fruchtbares und intellektuelles eben, kann auch der Fortschritt kommen. Da sehe ich auch eine Chance f\u00fcr Georgien und die Region Kaukasien.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man in Georgien die Wissenschaftsfreiheit garantieren?<\/strong><\/p>\n<p>Indem man auf die Standards der Berufungen und des Personals achtet. Da bin ich beteiligt, als Antreiber internationaler Berufungen. Das gilt zugleich f\u00fcr die Studierenden. Die Universit\u00e4t wird in ihrem ersten Lauf mit 250 Studierenden beginnen, die aus 1200 ausgew\u00e4hlt wurden. Das ist der richtige Weg. Und wenn die Universit\u00e4t dann von politischen Einfl\u00fcssen frei ist, wonach es derzeit aussieht, kann sich Qualit\u00e4t entwickeln und es kann Reputation aufgebaut werden. Aber das wird nicht von heute auf morgen gehen. Sicherlich wird es auch nicht so funktionieren wie damals bei der Gr\u00fcndung der Stanford University. Damals fragte Leland Stanford, der Eisenbahnpionier, den sp\u00e4teren Pr\u00e4sidenten: \u201eWas braucht man f\u00fcr eine erfolgreiche Universit\u00e4t?\u201c Die Antwort: \u201eMan braucht hundert Jahre und einen Haufen Geld.\u201c Da ist wohl ein Kern Wahrheit dran. Hoffen wir, dass es keine hundert Jahre braucht.<\/p>\n<p><strong>Wenn Sie einen Wunsch frei h\u00e4tten, was w\u00fcnschten Sie sich f\u00fcr die deutsche Hochschule?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir mehr unternehmerischen Geist. Die Agenda selbst in die Hand zu nehmen. Ich w\u00fcrde mir keine uniformen, sondern auf das jeweilige Hochschulprofil zugeschnittene Verfassungen w\u00fcnschen. Auch sollten diese weniger vom Staat beeinflusst werden, sondern unternehmerisch agieren, wettbewerblich ticken, sich international orientieren, interdisziplin\u00e4r arbeiten. Dazu geh\u00f6rt der Mut, riskante, neue Forschungsthemen aufzugreifen und in die Lehre umzusetzen. Man sollte dabei nicht bei der Erfindung stehenbleiben, sondern auch den Innovationsweg gehen. Es ist wichtig, wie wir das bei der TU M\u00fcnchen mit gutem Erfolg machen, die jungen Firmengr\u00fcndungen zu unterst\u00fctzen. Das Beispiel zeigt, dass man eine Gr\u00fcnderszene tats\u00e4chlich generieren kann, wenn man Geduld und Ausdauer hat, und wenn man die jungen Menschen auf dem Weg in die unternehmerische Selbst\u00e4ndigkeit unterst\u00fctzt.<\/p>\n<h1><strong>250. Geburtstag des Philosophen und Deutschen Idealisten Georg Wilhelm Friedrich Hegel &#8211; W\u00fcrde der Philosoph Hegel Corona-Partys erlauben?<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz, 16.September 2020<\/p>\n<p><em>Karl Marx hatte Georg Wilhelm Friedrich Hegel einst einen toten Hund gescholten. Doch so tot ist Hegel in Zeiten von Corona nicht. Vor 250 Jahren geboren, ist der Ausnahmeathlet des Deutschen Idealismus aktueller denn je. Anti-Corona-Proteste w\u00fcrde er ablehnen.<\/em><\/p>\n<p>\u201eDie Freiheit f\u00fchrt das Volk\u201c ist eines der bekanntesten Gem\u00e4lde der Weltgeschichte. Das franz\u00f6sische Malergenie Eug\u00e8ne Delacroix (Siehe Bild) hatte ihr 1830, einundvierzig Jahre nach dem Sturm auf die Bastille und ein Jahr vor Hegels Tod in Berlin, ein Gesicht gegeben. Die Freiheitsm\u00fctze der Jakobiner auf dem Kopf und die von den Bourbonen verbotene Tricolore in der Hand, st\u00fcrmt in Zeiten jenseits der Emanzipation gerade eine Frau, die Nationalfigur der Franz\u00f6sischen Republik, barbusig und barfu\u00df die Barrikaden. Marianne wirkt fast irreal, doch Delacroix verwandelt sie in eine moderne r\u00f6mische G\u00f6ttin, die in persona die Libertas symbolisiert. Sie selbst ist es, die das Zeitenfeuer entfacht, die der geknechteten Freiheit zum Siegeszug verhilft. Enthusiastisch, leidenschaftlich aufmunternd ihr auffordernder Blick zur\u00fcck, mitrei\u00dfend der Schritt nach vorn in das Wagnis der Freiheit hinein. Und das war sie die Freiheit \u2013 eine Zumutung, die die feudale Welt samt r\u00fchriger Besinnungslosigkeit in die Weltgeschichte als \u201eWeltgericht\u201c aufl\u00f6ste, sie zum Moment der sich entfaltenden Vernunft machte.<\/p>\n<h4>Alles Konkrete ist im Werden<\/h4>\n<p>Wie die Gesetze in der Natur universal gelten, sind dies f\u00fcr Hegel die Begriffe der Vernunft und der Freiheit. Sie werden zu Motoren, setzen die Welt best\u00e4ndig in Bewegung, lassen Zeitalter zu Stufen des Weltgeistes werden, sich setzend, sich aufhebend \u2013 thetisch, antithetisch, synthetisch. Alles Konkrete ist im Werden. Kein Statisches bleibt, sondern alles ist auf dem Weg, auf das Ziel hin, absolutes Wissen zu werden. Den Triumph des Weltgeistes als dieses Wissen will der Schwabe als \u201eFortschritt im Bewusstsein der Freiheit\u201c denken. Aber dies eben nicht zu realer Freiheit hin, \u201esondern dass es im Laufe der Geschichte fortschreitend zum Bewusstsein komme, dass alles Recht aus der Freiheit hervorgeht\u201c. Und Hegel wird nicht m\u00fcde, die Kerzen der Freiheit und Vernunft anzuz\u00fcnden, gegen die Romantik, gegen die Pressezensur im preu\u00dfischen Staat, gegen die Karlsbader Beschl\u00fcsse, gegen das System Metternich und die Restauration, die die Ideale der Franz\u00f6sischen Revolution in einem \u00dcberwachungsstaat wieder aufl\u00f6sen werden und die Freiheit in die Tyrannei f\u00fchren.<\/p>\n<p>Es war ein bewegtes Jahrhundert, in das Hegel hineingeboren wurde. Gotthold Ephraim Lessing warb f\u00fcr Religionsfreiheit, Immanuel Kant stellte die Freiheit \u00fcber alles. Der St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger Friedrich Schiller z\u00fcndelte mit seinen \u201eDie R\u00e4uber\u201c gegen die St\u00e4ndegesellschaft und forderte eine Umverteilung der G\u00fcter im Sinne einer neuen Gerechtigkeit. Sp\u00e4ter forderte er gar eine Ethik unterf\u00fcttert durch die \u00c4sthetik, eine \u00e4sthetische Erziehung zur freiheitlichen B\u00fcrgerlichkeit. Die amerikanische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von 1776, die Verfassung der Vereinigten Staaten von 1787 und die Franz\u00f6sische Revolution 1889 waren das bacchantische Feuer, an dem sich Hegel erw\u00e4rmte. Er feierte die Revolution als \u201eherrlichen Sonnenaufgang\u201c der modernen Welt, als \u201eMorgenr\u00f6te\u201c schlechtin. Jedes Jahr wird er auf den Sieg der Freiheit \u00fcber die Tyrannei mit einem Glas Champagner ansto\u00dfen.<\/p>\n<h4>Die dialektische Methode<\/h4>\n<p>Der 1770 in Stuttgart geborene Beamtensohn \u2013 ein Sp\u00e4tz\u00fcnder in Vielem, von Jugend an schwerg\u00e4ngig. Hegel war kein begnadeter Rhetoriker, der seine tiefsch\u00fcrfende Dialektik wortgewaltig verk\u00fcndete, eher ein ungelenker Akteur, dem das Reden in der \u00d6ffentlichkeit schwerfiel, zudem mit Mundart ohnehin schwer verst\u00e4ndlich. Als alter Mann wurde er von seinen damaligen Kommilitonen geh\u00e4nselt \u2013 er, der immer \u00fcberzeugter Patriot mit nationaler Gesinnung war. Seiner Zeit damit weit voraus. Der sp\u00e4tere Hauslehrer, Journalist, Gymnasiallehrer, Heidelberger und Berliner Professor wollte die Welt nicht aus einer Perspektive allein betrachten, nicht in ein Schema brechen, sondern Gesamtschau war das magische Wort. Eine Ph\u00e4nomenologie des Geistes, des erscheinenden Bewusstseins, hatte er meisterhaft ausgearbeitet, alles hart am Begriff und der Logik.<\/p>\n<p>Zusammen mit Friedrich H\u00f6lderlin und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, dem intellektuellen Dreigestirn der damaligen Zeit, wirbt Hegel f\u00fcr die unsichtbare Kirche der Freiheit. Die intellektuellen Superstars wollten vor allem eines: eine ideale Kirche jenseits von Pietismus und Fr\u00f6mmelei, jenseits von Amt und Dogmatik. Und Hegel wird selbst den Begriff Gottes ver\u00e4ndern. Dieser bleibt ihm nicht das statisch Unbegreifliche, sondern entwickelt und vollendet sich in der christlichen Trinit\u00e4tslehre als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er setzt sich aus Freiheit in die Welt, wird in Christus Fleisch und kommt als Heiliger Geist wieder zu seinem Ursprung zur\u00fcck. Gottes Sein ist im Werden. Dieser Gott Hegels treibt vielmehr die Welt buchst\u00e4blich vor sich her und aus sich regelrecht heraus. Erst durch seine Manifestation in der Endlichkeit vermag er sich selbst als Ganzer zu erkennen. Dieser Gott des Werdens wird eine Provokation bleiben, nicht nur Hegels pietistischer Heimat. Wie Gott \u00fcber allem, der Sohn f\u00fcr die Natur steht und der Heilige Geist den Kreis der Offenbarung beschlie\u00dft und zu seinem Ursprung zur\u00fcckgeht, ist die ganze Welt zuerst Idee, dann Natur und letztendlich absoluter Geist. Diese Dynamik war es, die Hegel auch seiner Geschichtsphilosophie zugrunde legte. Bewegen und Aufheben sind es, die seine Welt umstellen. Eine \u201efl\u00fcssige\u201c Natur attestiert er allen Dingen, eine Trias, die vom Subjektiven hin zum Objektiven und schlie\u00dflich zum Absoluten f\u00fchrt. In allen Stadien der dialektisch voranschreitenden Bewegung wird alles aufbewahrt, in seiner Besonderheit und Einmaligkeit gesetzt und dient so zugleich einem h\u00f6heren Ganzen. These und Antithese, Idee und Welt, sollen sich nicht unvermittelt gegen\u00fcberstehen, sondern sich in einer qualitativ h\u00f6herwertigen Einheit wieder finden. Synthese wird es bei Hegel hei\u00dfen. Doch auch diese bringt er wieder auf den Weg. Die Synthese wird der Anfang weiterer Synthesen bleiben \u2013 und so fort. Bereits in seiner<em> \u201e<\/em>Ph\u00e4nomenologie des Geistes\u201c von 1807 entwickelte er sein \u201efl\u00fcssiges\u201c Prinzip; die Wissenschaft von den Erscheinungsweisen des Geistes und das Emporsteigen desselben. Er ruft das Unfassbare aus! \u201eDas Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat, dass es erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur, Wirkliches, Subjekt oder Sichselbstwerden zu sein.\u201c<\/p>\n<h4>Hegels Staat<\/h4>\n<p>Wie bei Delacroix\u2019 Marianne ist es bei Hegel der unverstellte Drang nach vorn. Die Bewegung wird zum Uhrwerk aller Unruhe. Sie gleicht einem Federmechanismus, der durch den Geist immer wieder aufgezogen wird. Sie \u00e4hnelt einer Aktivit\u00e4t, die nie zur Ruhe kommt. F\u00fcr den Stuttgarter Freiheitsenthusiasten wird es keinen Nullpunkt geben, wo der Geist ruht und wo er stille steht. Geist, Vernunft und Freiheit halten Hegels Universum im Innersten zusammen und \u00fcberbieten sich doch st\u00e4ndig. Dieser stete Drang zur Ver\u00e4nderung aus Freiheit ist das ungeschriebene Gesetz. Es ist die List der Vernunft, die das Gegebene, das Faktische in ihren Widerspr\u00fcchen denkt und ununterbrochen dagegen rebelliert. Das Denken treibt immer wieder \u00fcber sich hinaus, dann auf den Mitmenschen, dann auf die Gesellschaft und schlie\u00dflich in den Staat als \u201eHieroglyphe der Vernunft\u201c hinein.<\/p>\n<p>Den Staat als die Vereinigung von Familie und b\u00fcrgerlicher Gesellschaft wird Hegel zum vern\u00fcnftigen Subjekt erkl\u00e4ren, den er \u201eals die Verwirklichung der sittlichen Idee\u201c begreift. Erst im Staat erlangen Freiheit und Sittlichkeit ihre vollendete Gestalt. Und diesen Staat will er nicht als etwas Beliebiges begreifen, sondern ihm zu dienen, schenkt letztendlich wahre Freiheit. Ja, mehr noch: Des Menschen h\u00f6chste Pflicht, sein staatstheoretischer Imperativ, ist es, \u201eMitglied des Staates zu sein\u201c. Als ein an und sich vern\u00fcnftiger wird der Staat Hegels subjektive und objektive Freiheit miteinander verbinden. Sein Endzweck wird die Synthese von subjektiver und objektiver Freiheit, freiheitliche Selbstvollendung bleiben. Nur der Staat allein vermag letztendlich die Freiheit aller seiner B\u00fcrger zu garantieren. Und genau daher muss er aus Gr\u00fcnden der Vernunft auch die Willk\u00fcr der einzelnen B\u00fcrger begrenzen.<\/p>\n<p>Dieser starke Hegelsche Staat war Sprengstoff pur. Auslegbar in alle Richtungen. Und ausgelegt wurde sein Denken des Kreises, seine Dialektik und seine Staatsphilosophie so unterschiedlich wie nur denkbar. Hegel wird Linkshegelianer und Rechtshegelianer auf den Plan heben. Die einen werden ihn kurzerhand \u2013 wie der Trierer Karl Marx \u2013 auf den Kopf stellen. Statt Freiheit und Vernunft wird nunmehr der Sieg des Materialismus \u00fcber den Idealismus seine Triumphe feiern. Der \u201eumgekehrte\u201c Hegel, der in Marx die politische B\u00fchne betritt, verwandelt die Hegelsche Freiheitsphilosophie in ihr pures Gegenteil. Im Gewand des dialektischen Materialismus und letztendlich im sozialistischen Systemgedanken wird die Freiheit auf dem Schafott gerichtet und der Wille des einzelnen Menschen geopfert. Marx ist der Totengr\u00e4ber Hegels. Wo einst Freiheit war, wird die Tyrannei aufgerichtet. Individuelle Freiheit wird nichts und der Staat alles. Die materialistische Weltgeschichte erweist sich damit zugleich als Weltgericht und fordert ihre Bauernopfer. Und dieses sozialistische Weltgericht f\u00e4llt bekanntlich verheerend aus. Es endete auf den Folterb\u00e4nken der Gulags, in den Zuchth\u00e4usern und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Extreme eines Nationalsozialismus in Personalunion, eines allgewaltigen F\u00fchrers einerseits und eines dialektischen Materialismus \u2013 von Marx \u00fcber Lenin zu Stalin hin \u2013 andererseits, w\u00e4ren f\u00fcr Hegel unvereinbar mit seinem Menschenbild, das er wie folgt umschrieb: \u201eEs gilt der Mensch, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener usf. ist\u201c.<\/p>\n<p>Aber auch die sich auf Hegels Staatsphilosophie berufende Schule des Rechtshegelianismus geht fehl, wenn sie ihn radikal vereinnahmt und als preu\u00dfischen Staatsphilosophen per se interpretiert und damit einseitig auslegen wird. Hegel war zu sehr Enthusiast, als dass er sich durch den konservativ restaurativen Geist anbiedern, geschweige denn diesen legitimieren w\u00fcrde. Hegel, der sich seit seiner T\u00fcbinger Zeit den Ideen von Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit leidenschaftlich verschrieben hatte, wird trotz seiner Lehre vom starken Staat in Preu\u00dfen kritisch be\u00e4ugt. Immer wieder begleitet ihn die Geheimpolizei wie ein dunkler Schatten. Seine liberal-republikanische Gesinnung steht im Visier der preu\u00dfischen Zensur. Und dennoch \u00e4u\u00dfert er immer wieder eine bei\u00dfende Kritik an den herrschenden und unvern\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnissen seiner Zeit. Dies alles macht der gelernte Journalist sehr intelligent, kleidet es in Formulierungen, die auf den ersten Blick konformistisch aussehen, es tats\u00e4chlich aber nicht sind. Was er um keinen Preis will, ist ein Zur\u00fcck hinter die Freiheitsideale der Franz\u00f6sischen Revolution, genauso wenig die Marianna, die Barrikadenst\u00fcrmerin. Zensur und die Beschneidung der Meinungsfreiheit, wie sie das System Metternich aufrichtete, bleiben ihm ein Gr\u00e4uel. F\u00fcr den Philosophen ist eben doch nicht alles \u201ewirklich\u201c, was existiert. Nur das Vern\u00fcnftige wird zur wahren Wirklichkeit, die die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt. Oder anders formuliert: \u201eWas vern\u00fcnftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vern\u00fcnftig.\u201c<\/p>\n<h4>Warum Hegel nicht zu Corona-Demos gehen w\u00fcrde<\/h4>\n<p>Als vern\u00fcnftig w\u00fcrden sich auch die Anti-Corona-Protestler begreifen, die in der Bundesrepublik allenthalten die Stra\u00dfen f\u00fcllen, und die im Staat einzig den unliebsamen und gewaltt\u00e4tigen Leviathan sehen, der ihre Freiheitsrechte permanent beschr\u00e4nkt. Diese \u201eAlu-Hut-Tr\u00e4ger\u201c, Corona-Ver\u00e4chter, die Covid-19 einer banalen Grippe gleichsetzen und die an Verschw\u00f6rungen Glaubenden sind, wie Hegel monieren w\u00fcrde, so unbelehrbar, dass sie die weitere Verbreitung der Corona-Pest unbedingt riskieren wollen \u2013 und dies ausgerechnet unter dem Deckmantel des Eintretens f\u00fcr Grundrechte und als wahre Verfechter der liberal freiheitlichen Rechtsordnung.<\/p>\n<p>Gleichwohl Freiheit des Philosophen letztes Wort bleibt, gibt es Situationen, in denen die Entscheidungen des Staates zu respektieren sind. Und Anti-Corona-Partys w\u00fcrde Hegel kategorisch mit folgendem Argument ablehnen: Hier handelt es sich nicht um Freiheit, sondern um Willk\u00fcr. Und den w\u00fctenden B\u00fcrgern, die ihre Freiheitsrechte unter Corona in Frage gestellt glauben, keine Masken tragen und keinen Abstand halten, h\u00e4tte er entgegengeschleudert: Eine Freiheit, die sich nur als Verantwortungslosigkeit zeigt, ist das Ende der Freiheit.<\/p>\n<p>Hegel, der ab 1829 Rektor der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin und der 1831 mit 61 Jahren selbst Opfer der Choleraepidemie wurde, begreift die Hauptaufgabe des Staates darin, die Freiheit aller zu garantieren. Daher muss dieser aus Vernunft die Willk\u00fcr einzelner B\u00fcrger begrenzen. Das Freiheitsverst\u00e4ndnis, von dem Hegel dabei ausgeht, ist v\u00f6llig anders als das von Reichsb\u00fcrgern oder \u201eCovidioten\u201c. Versteht der Autor der \u201eGrundlinien der Philosophie des Rechts\u201c die Wahl zwischen verschiedenen M\u00f6glichkeiten nur als Willk\u00fcr, kann man von Freiheit erst dort sprechen, wo die Vernunft den Willen bestimmt. \u201eDie Freiheit ist das Denken selbst.\u201c Und \u201ewer das Denken verwirft und von Freiheit spricht, wei\u00df nicht, was er redet.\u201c \u201eDer Wille ist nur als denkender frei.\u201c<\/p>\n<p>Wer also glaubt, den Reichstag zu st\u00fcrmen, wilde Corona-Partys zu feiern oder Kontaktsperren zu umgehen, widerspricht dem Staat als vern\u00fcnftigen und demokratischen Gemeinwesen. Eingriffe des Staates \u2013 wie Kontaktsperren oder die Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit \u2013 dienen nach Hegel einzig und allein dem Zweck der Sicherung und der Garantie des Rechts auf Leben und der Gesundheit aller. Dieses h\u00f6here Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit versteht er als etwas weitaus fundamentaleres. Aber Eingriffe in die Natur des Rechts, der Beschr\u00e4nkung desselben, wie derzeit in der Corona-Pandemie, w\u00fcrde auch der deutsche Idealist nur in gewissen Ausnahme- oder Notsituationen tolerieren. Nur dann, im Fall von Naturkatastrophen, Kriegen oder eben Epidemien, darf der Staat den Not- oder Ausnahmezustand verh\u00e4ngen \u2013 doch dieser Eingriff sei auch nur zeitlich zu legitimieren.<\/p>\n<p>Eine Pandemie wie Corona w\u00e4re jedoch f\u00fcr Hegel genau jene Ausnahmesituation, durch die sich eine zeitweilige und verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Ausweitung der Quarant\u00e4nevorschriften rechtfertigen l\u00e4sst. Doch die Freiheitsbeschr\u00e4nkung verliert ihre G\u00fcltigkeit mit dem Ende der Pandemie. Sollte der Staat dennoch die Rechte der Einzelnen \u00fcber die Ausnahmesituation hinaus weiter einschr\u00e4nken, hat der einzelne B\u00fcrger ein unbedingtes Recht auf Widerstand \u2013 ein grundlegendes Freiheitsrecht. Oder anders formuliert: Ist die Notlage nach einer Pandemie nicht mehr gegeben oder aus Gr\u00fcnden der Vernunft nicht mehr rechtfertigbar, muss das Recht in vollem Umfang wieder G\u00fcltigkeit erlangen. Sollte der Staat dennoch seine unbeschr\u00e4nkte Macht und die Einschr\u00e4nkung gewisser Grundrechte weiterhin ungerechtfertigt aufrechterhalten, darf der B\u00fcrger tats\u00e4chlich gegen den Staat aufstehen. Und erst dann geh\u00f6rt es zu seinen staatsb\u00fcrgerlichen Pflichten, gegen den Leviathan auf die Stra\u00dfe zu gehen, gegen staatliche Willk\u00fcr zu protestieren. Wenn der Staat ohne Legitimation sein Vetorecht gebraucht, h\u00e4tte auch Hegel nichts gegen Demonstrationen und wom\u00f6glich auch nichts gegen die Besetzung des Reichstages. Doch bis dahin bleibt Hegel zu Haus, allein ist er dabei nicht. F\u00fcr viele bleibt Corona ein t\u00f6dliches Virus \u2013 und die staatlichen Eingriffe seitens der Bundesregierung in die Bewegungsfreiheit nachvollziehbar, sind sinnvoll und legitim.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Philosoph Hegel: Nicht nur \u201eCovidioten\u201c und Reichsb\u00fcrger m\u00fcssten zu Hause bleiben<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz9.09.2020Wissenschaft<\/p>\n<p>Der deutsche Philosoph Hegel feierte am 27. August seinen 250. Geburtstag. Karl Marx nannte ihn einen toten Hund. Doch der Philosoph des Weltgeistes ist gerade aktueller denn je. Aber auf Anti-Corona-Partys w\u00fcrde man ihn nicht finden.<\/p>\n<p>Die \u00a0Philosophie von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) war Sprengstoff pur. Sowohl rechte wie auch linke Politiker, Ideologen und Diktatoren haben sich immer auf den Idealisten berufen, der mit seiner Philosophie vom Weltgeist, vom Weltgericht und der Vernunft ganze Epochen pr\u00e4gte. Mancher geht soweit, zu behaupten, dass ohne Hegel der Sozialismus und Kommunismus gar nicht stattgefunden h\u00e4tten. Was sich Hegel einst am Rei\u00dfbrett als idealen Staat erdachte, hatten die Marxisten dann in die Tat umgesetzt. Allerdings war es nicht mehr die Vernunft, die bei allem federf\u00fchrend sein sollte, sondern die Materie, die Arbeit, die Produktivkr\u00e4fte und die Arbeiterschaft selbst als oberste Klasse.\u00a0 Marx stellte Hegel buchst\u00e4blich auf den Kopf \u2013 und Lenin, Stalin und Co begruben die Geistesfreiheit in ihren Diktaturen. Millionen von Menschen wurden f\u00fcr das System geopfert, das den Totalitarismus \u00fcber die individuellen Freiheitsrechte stellte.<\/p>\n<p>In Zeiten von Corona erlebt der Stuttgarter Denker eine Renaissance. Einst hatte er mit Schelling und H\u00f6lderlin die ber\u00fchmteste intellektuelle Kommune im T\u00fcbinger Stift gegr\u00fcndet. Die gro\u00dfen Genies waren hier versammelt, vergleichbar vielleicht heutzutage, wenn sich Bill Gates, Steve Jobs und Elon Musk ein Zimmer geteilt h\u00e4tten. Freiheit war das L\u00f6sungswort der jungen Studenten. Sie alle sind begeistert von der amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung und der Franz\u00f6sischen Revolution von 1789 gewesen und hatten Freiheit auf ihre Fahnen geschrieben.<\/p>\n<h4>Denker der Freiheit \u2013 Und der Unterschied zwischen Freiheit und Willk\u00fcr<\/h4>\n<p>Hegel, der zumeist als biederer Verfechter des preu\u00dfischen Staates interpretiert wurde, dem \u00fcber Jahrhunderte hinweg vorgeworfen wurde, dass der Einzelne nichts, der Staat hingegen alles sei und der so Preu\u00dfens Restaurationsbem\u00fchungen nach den Karlsbader Beschl\u00fcssen goutierte, war aber in Wirklichkeit der Philosoph der Freiheit. Diese wurde ihm zum A und O seines Denkens. Doch in gewissen Situationen, wie in einer Pandemie, sind die vern\u00fcnftigen Entscheidungen des Staates zu respektieren.<\/p>\n<p>Gleichwohl Freiheit Hegels letztes Wort bleibt, w\u00fcrde er sich dennoch nicht an sogenannten Anti-Corona-Partys beteiligen, sondern eine Teilnahme an diesen im h\u00f6chsten Grade kritisieren. Wenn sich in der Berlin vor dem Reichstag oder bundesweit Menschenansammlungen finden, die ihre Proteste gegen die von der Bundesregierung erlassenen Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie als Freiheitskampf verstehen, w\u00fcrde Hegel dem entgegensetzen: Hier handelt es sich nicht um Freiheit, sondern um Willk\u00fcr. Gegen die w\u00fctenden B\u00fcrger, die ihre Freiheitsrechte unter Corona in Frage gestellt glauben, keine Masken tragen und keinen Abstand halten, w\u00fcrde Hegel entgegenschleudern: Eine Freiheit, die sich nur als Verantwortungslosigkeit zeigt, ist das Ende der Freiheit. Der Philosoph begr\u00fcndet das einmal mit seiner Idee vom Staat, andererseits mit der Unterscheidung von Freiheit und Willk\u00fcr. F\u00fcr Hegel gr\u00fcndet der Staat im Prinzip der selbstbewussten und individuellen Freiheit. Den h\u00f6chsten Zweck des Staates sieht Hegel, sp\u00e4ter Rektor der Humboldt-Universit\u00e4t in Berlin und selbst Opfer einer Epidemie, der Cholera, darin, dass dieser die Freiheit aller seiner B\u00fcrger zu garantieren habe. Und daher\u00a0 muss er aus Vernunft, als vern\u00fcnftiger, die Willk\u00fcr begrenzen. Zum anderen versteht Hegel unter Freiheit etwas anderes als Reichsb\u00fcrger oder\u00a0 \u201eCovidioten\u201c darunter subsumieren. Freiheit bedeutet nicht tun zu k\u00f6nnen, was man will. Das Ausw\u00e4hlen zwischen verschiedenen M\u00f6glichkeiten ist eben nur Willk\u00fcr. Von Freiheit kann man erst dann sprechen, wenn die Vernunft den Willen bestimmt, denn \u201edie Freiheit ist das Denken selbst.\u201c Und \u201ewer das Denken verwirft und von Freiheit spricht, wei\u00df nicht, was er redet.\u201c \u201eDer Wille ist nur als denkender frei.\u201c<\/p>\n<h4>Nur der Ausnahmezustand rechtfertigt die Einschr\u00e4nkung bestimmter Rechte<\/h4>\n<p>Wer also glaubt, den Reichstag zu st\u00fcrmen oder wilde Corona-Partys zu feiern oder Kontaktsperren zu umgehen, widerspricht den Ma\u00dfnahmen gegen die Pandemie, die der Staat als vern\u00fcnftiges demokratisches Gemeinwesen gesetzt hat und handelt blo\u00df willk\u00fcrlich, ja mehr noch, verst\u00f6\u00dft fundamental gegen die Freiheit und die Rechte der Menschen im staatlichen Gemeinwesen. Die vom Staat erlassenen Beschr\u00e4nkungen heben nur die Willk\u00fcrfreiheit auf. Der Eingriff des Staates, so Hegel, bei Kontaktsperren oder bei der Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit, ist keine blo\u00dfe Beschr\u00e4nkung der Freiheit, sondern geschieht vielmehr zu dem Zweck der Sicherung und der Garantie des Rechts auf Leben und Gesundheit, das nach Hegel ein fundamentaleres Freiheitsrecht aller B\u00fcrger ist und damit \u00fcber dem individuellen Willk\u00fcrrecht steht. Diese Begrenzung freiheitlicher Rechte darf der Staat aber nur in gewissen Ausnahme- oder Notsituationen, also im Fall von Naturkatastrophen, Kriegen oder eben Epidemien verh\u00e4ngen. Der Notzustand oder Ausnahmezustand bleibt auch bei Hegel begrenzt, seine G\u00fcltigkeit auf einen bestimmten zeitlichen Rahmen beschr\u00e4nkt. Und eine Pandemie ist f\u00fcr den Begr\u00fcnder des absoluten Idealismus ebenfalls eine Ausnahmesituation, durch die sich eine zeitweilige und verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Ausweitung der Quarant\u00e4nevorschriften rechtfertigen l\u00e4sst. \u00dcberstrapazieren darf der Staat die Ausnahmesituation nicht, denn dann muss das unbedingte Recht auf Widerstand greifen, das f\u00fcr Hegel ein grundlegendes Freiheitsrecht in einer Not- oder Ausnahmesituation ist, wie der Jenaer Hegel-Forscher Klaus Vieweg betont. Oder anders formuliert: Sollte die Pandemie vorbei sein, dann muss das Recht in vollem Umfang wieder gelten, sollte es nicht so sein, dann ist es eine vern\u00fcnftige Pflicht des Staatsb\u00fcrgers auf die Stra\u00dfen zu gehen und wom\u00f6glich auch den Reichstag zu besetzen. Aber soweit wird es in der Demokratie nicht kommen.<\/p>\n<h1>Schweden: Masken sind nicht wirksam genug, um einen Masseneinsatz zu rechtfertigen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.09.2020Europa<\/p>\n<p>Schweden widersetzt sich auch Anfang September dem europ\u00e4ischen Pandemie-Trend und weigert sich weiterhin, Gesichtsmasken zu empfehlen. Masken seien nicht wirksam genug, um einen Masseneinsatz zu rechtfertigen, so die Gesundheitsbeh\u00f6rde des Landes. Liegen die Schweden richtig?<\/p>\n<p>Schweden geht seit dem Ausbruch des Coronavirus einen Sonderweg. Das skandinavische Land hatte nie einen Lockdown zu verantworten, reduzierte selbst in der Hochphase der Corona-Pandemie nie das \u00f6ffentliche Leben \u2013 Schulen, Gesch\u00e4fte und Bars blieben offen. Daf\u00fcr wurden und werden die Schweden immer wieder kritisiert. Was man praktiziere, sei \u201everantwortungslos\u201c und \u201ehartn\u00e4ckig\u201c, ein Kurswechsel unbedingt geboten, so die Vorw\u00fcrfe am schwedischen Sonderweg Anfang September. Ein Kurswechsel sei unbedingt geboten.<\/p>\n<h4>Schweden bleiben Maskenmuffel<\/h4>\n<p>Doch die Schweden bleiben in Sachen Maske resistent \u2013 Maskenmuffel nicht wider den Zeitgeist, sondern aus wissenschaftlicher \u00dcberzeugung heraus. W\u00e4hrend in der Bundesrepublik aus Angst vor einer zweiten Welle, die Maskenpflicht wieder anzieht, der Berliner Senat nach den Ausschreitungen auf der Anti-Corona-Party vor dem Berliner Reichstag sogar gesetzlich verf\u00fcgt und die Maskenpflicht gar auf den privaten Raum und die Feierkultur der Bundesb\u00fcrger ausweitet und mit drakonischen Geldstrafen flankiert, machen die Schweden das, was sie in Coronazeiten man besten k\u00f6nnen. Sie leben maskenlos. Sei es in der U-Bahn oder im Bus, sei es beim Einkaufen oder in der Schule. Masken haben sich, so Beamte des \u00f6ffentlichen Gesundheitswesens, nicht als ausreichend wirksam erwiesen, um die Ausbreitung des Virus zu begrenzen, d.h. einen Masseneinsatz zu rechtfertigen. Stattdessen setzt man in dem Land, das 1995 der Europ\u00e4ischen Union beigetreten ist, auf soziale Distanzierung und pers\u00f6nliche Hygienema\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Das mit 10 Millionen Einwohnern verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleine Land, das seit 2014 von Ministerpr\u00e4sident Stefan L\u00f6fven regiert wird, hat zwar mit 575 Todesopfern pro Million Einwohner die siebth\u00f6chste Todesrate der Welt, was jedoch haupts\u00e4chlich darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sei, dass es in der Fr\u00fchphase der Pandemie vers\u00e4umt hatte, \u00e4ltere Menschen in Pflegeheimen zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<h4>Fallende Zahlen und Reproduktionswert unter 1<\/h4>\n<p>Im Gegensatz zu vielen L\u00e4ndern in Europa, wo ein Neuanstieg der Coronafallzahlen zu registrieren ist, ob in Frankreich, der Niederlande, Deutschland, Belgien, Spanien und Italien, gehen die Coronazahlen seit Juli permanent nach unten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Zahl der t\u00e4glichen Todesf\u00e4lle im April ihren H\u00f6hepunkt erreichte, ist der sogenannte Reproduktionswert seit \u00fcber zwei Monaten unter 1 geblieben. Die niedrigen Zahlen, so die schwedische Gesundheitsbeh\u00f6rden um <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/corona-zahlen-in-schweden-sind-im-sinkflug-schweden-ein-vorbild-fur-deutschland\/\">Chef-Epidemiologe Anders Tegnell<\/a>, geben auch im Herbst keinen Anlass, die bisherige Strategie zu ver\u00e4ndern. Schwedens Wissenschaftler berufen sich dabei auf wissenschaftliche Studien, die nicht bewiesen haben, dass Masken die Ausbreitung des Virus wirksam eind\u00e4mmen. Vielmehr argumentieren sie: Bei schlampiger Anwendung w\u00fcrden diese mehr Schaden als Nutzen anrichten.<\/p>\n<h4>Masken helfen auch nichts<\/h4>\n<p>Wie Tegnell betont, sind die Coronazahlen r\u00fcckl\u00e4ufig, seitdem man Risikogruppen, insbesondere in den Alten- und Pflegeheimen besser sch\u00fctze. Ein weiterer Grud f\u00fcr die niedrigen Infektionsraten sieht er darin, dass die Schweden im Krankheitsfall zu\u00a0 Hause bleiben, Home-Office machen und soziale Abstandsregeln respektieren. \u201eDer Versuch, diese Ma\u00dfnahmen durch Gesichtsmasken zu ersetzen, wird nicht funktionieren\u201c, betont Tegnell und f\u00fcgte am 14. August hinzu: \u201eIn mehreren L\u00e4ndern, die Masken eingef\u00fchrt haben, sind jetzt gro\u00dfe Wiederauferstehungen zu verzeichnen.\u201c<\/p>\n<p>Es bleibt abzuwarten, ob die Covid-19-\u00dcbertragung in Schweden weiter abnehmen wird. Die schwedische Bev\u00f6lkerung zumindest ist so liberal, dass sie dann Masken tragen w\u00fcrde, wenn der Staat es zur Pflicht machen w\u00fcrde. So lange es ohne diese geht, vertraut man Anders Tegnell.<\/p>\n<h1>Der Weimarer Olympier Goethe mochte keine Englischen G\u00e4rten<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz28.08.2020Wissenschaft<\/p>\n<p>Johann Wolfgang von Goethe \u2013 das Genie aus Frankfurt, der im th\u00fcringischen Weimar Karriere machte, war Dichter, Maler und vor allem auch Kunstkritiker. Nicht nur in seinen vielen Schriften zur Kunst machte er sich Gedanken, welche Kunstgattung denn nun im Kanon der K\u00fcnste den obersten Platz einnehme. Mit Friedrich Schiller, dem innigsten Freund der mittlerern Schaffensperiode, war er sich einig: Die Englische Gartenkunst ist eher Spielerei denn wahrhaft gro\u00dfe Kunst. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Es war Karl Jaspers, der den Begriff \u201eAchsenzeit\u201c pr\u00e4gte und darunter eine Zeit von kulturellen Hochbl\u00fcten verstand. Weimar, die Weimarer Klassik, war so ein sp\u00e4tes Juwel im jasperschen Sinne, eine Zeit der Genies und Allrounder.<\/p>\n<p>Goethe und Schiller sind beides gewesen, aber in erster Linie Menschen mit einem Gesp\u00fcr f\u00fcr ihre Zeit und einem unendlichen Drang, das Wissen zu kategorisieren und diesem in der lebendigen Gestalt der Kunst zu neuer Bl\u00fcte zu verhelfen. Sie waren Genies von Weltrang, insbesondere aber f\u00fcr die europ\u00e4ische Kunst- und Kulturgeschichte. Und dennoch waren sie zwei Denker, die unterschiedlicher nicht sein konnten, die aber ihre Verschiedenheit im Freundschaftsbund besiegelten und das Gegen\u00fcber in seiner Selbst\u00e4ndigkeit akzeptierten, tolerierten und ein Gespr\u00e4ch auf Augenh\u00f6he suchten und fanden. Dass sie von verschiedenen Standpunkten aus reflektierten, war der eigentliche Reiz, der den alten Goethe stets am j\u00fcngeren Schiller faszinierte. Beide liebten die Natur, sangen Lobeshymnen auf diese, beide waren Landschaftspoeten und Gartenliebhaber. F\u00fcr beide geh\u00f6rten G\u00e4rten, Parks sowie die unbez\u00e4hmbare Natur zum literarischen Repertoire. Und bei der Frage, welchen Rang die Gartenkunst im Rahmen der Hierarchie der K\u00fcnste einnimmt, waren sie sich \u2013 trotz unterschiedlicher Denkans\u00e4tze \u2013 einig.<\/p>\n<h4><strong>Goethe, der Geist der Aufkl\u00e4rung und die Verirrungen der englischen Gartenkunst<\/strong><\/h4>\n<p>Die englische Gartenkunst war zu Goethes und Schillers Zeiten en vogue. Im Unterschied zu den barocken Gartenanlagen atmeten die Landschaftsparks den Geist der Freiheit, der aufgekl\u00e4rten Freiheit, in ihrem ganzen Facettenreichtum. Goethe, der geniale Dichter und jugendliche Freigeist war vom englischen Garten, von der gespielten Formlosigkeit desselben fasziniert, war dieser doch Ausdruck seines eigenen Gestaltungswillen und der unb\u00e4ndigen Kraft des Willens zur Sch\u00f6pfung. Um so mehr verwundert es, dass er schon fr\u00fch, im Jahr 1777, im <em>Triumph der Empfindsamkeit<\/em> Abstand von den Gartenspielereien nach englischen Vorbild nimmt. Goethe ist nicht mehr der St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger, er ist zum Klassiker geworden und hat damit auch seine Formsprache ver\u00e4ndert. Nun kritisiert er diese Gattung, ihre gek\u00fcnstelten Affekte und \u201eSpielereien\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Autorit\u00e4ten wie Christian Cay Lorenz Hirschfeld, Gottlob Heinrich von Rapp, Johann Christian August Grohmann und Wilhelm Gottlieb Becker den Versuch unternahmen, der Gartenkunst ein festes wissenschaftliches Fundament zu geben, um sie im Gattungsdiskurs zu nobilitieren, versagt Goethe dieser Kunst einen h\u00f6heren Geltungsanspruch f\u00fcr die \u201eBildende Kunst\u201c. Damit ist der Weimarer Klassiker in Deutschland der erste, der \u00f6ffentlich gegen die englisch-sentimentale Gartenkunst rebelliert. So sehr er sich in seiner Jugend als auch sp\u00e4ter f\u00fcr den englischen Garten begeisterte, nie war ihm diese Kunst es wert, diese theoretisch zu legitimieren, nie verfasste er, im Unterschied zur Malerei, Bildhauerkunst und Architektur, eine Schrift, wo er nach Regularien sucht, diese \u00e4sthetisch-wissenschaftlich aufzuwerten.<\/p>\n<p>Goethe bleibt als Dichter ein leidenschaftlicher Naturverehrer, als Wissenschaftler und Theoretiker, dem es immer wieder und in erster Linie um allgemeine Prinzipien der Kunst geht, bleibt die Gartenkunst f\u00fcr ihn ein randst\u00e4ndiges Terrain, dem er insonderheit nach seinem Italienaufenthalt keine schw\u00e4rmerische Verkl\u00e4rung wie noch 1776 zukommen l\u00e4sst. Was Goethe nunmehr interessiert, ist eine Gehalts\u00e4sthetik die klare Prinzipien formuliert und Regularien aufstellt, die f\u00fcr jede objektive Kunst und damit f\u00fcr die Kunstmaximen das theoretische Fundament liefern. Sie wird bis zu Goethes Tod sein Kunstverst\u00e4ndnis bestimmen und pr\u00e4gen. Und so verwundert es kaum, dass er die englische Gartenkunst immer wieder als schlechte Nachahmung kritisiert und damit diskreditiert, da diese die Natur nur kopiert, anstatt dieselbe zu einer zweiten Kunst, zu einer zweiten Natur, zu erh\u00f6hen. Im <em>R\u00fcckblick<\/em> auf die <em>Kunstausstellung von 1803<\/em> r\u00fcckt er dann den allgemeinen Hang zum \u201eSentimental = Unbedeutenden und zum Platt = Nat\u00fcrlichen\u201c noch eindringlicher in den Fokus. Immer deutlicher akzentuiert sich dabei: Der englischen Gartenkunst ermangelt es an \u201eKunstwahrheit\u201c. \u201eEchte Kunst\u201c hat einen \u201eidealen Ursprung und eine ideale Richtung\u201c; sie hat ein reales Fundament, ist aber nicht realistisch. Wo die Idee fehlt, wie in der Gartenkunst und in der \u201eneu = deutsche(n)\u201c und \u201ereligi\u00f6s = patriotische(n)\u201c Kunst, da ist es auch mit der Kunst nicht weit her. Eine Kunst, die sich auf Neigung, Sentimentalit\u00e4t und blinde Religiosit\u00e4t reduziert, f\u00fchrt zwar zu religi\u00f6ser Begeisterung, nicht aber zu den Gesetzen der Kunst.<\/p>\n<h4><strong>Die synthetische Aufgabe wahrer Kunst<\/strong><\/h4>\n<p>Die Aufgabe aller wahrhaften Kunst beschreibt Goethe als ein Vorgehen vom \u201eFormlosen zur Gestalt \u00fcberzugehen\u201c. Und das Ziel jeder Kunst sei es nun, von der sinnlich fassbaren Natur ausgehend, ein Werk hervorzubringen, \u201edas, indem es das sinnliche Anschauen befriedigt, den Geist in seine h\u00f6chsten Regionen erhebt\u201c, denn wer nicht rein zu den \u201eSinnen\u201c spricht, der spricht auch nicht rein zum Gem\u00fct. Diejenige Kunst, der es gelingt, diese Maxime zu verwirklichen, der kommt innerhalb der Gattungshierarchie dann ein h\u00f6herer Rang zu. F\u00fcr Goethe ist es die Landschaftsmalerei, die er \u00fcber der Gartenkunst und Architektur verortet, aber der Plastik oder Bildhauerei unterordnet. Damit ist ein Kunstkanon oder eine Nomenklatur bereits erkennbar. Die Gartenkunst ist lediglich \u201eNaturwirklichkeit\u201c, die Malerei wahrhafte Kunst, weil sie nach Grunds\u00e4tzen \u2013 statt nach dem Prinzip regelloser Willk\u00fcr \u2013 arbeitet. Was der Gartenkunst englischer Pr\u00e4gung fehlt, ist die Kategorie der \u201eErfindung\u201c.<\/p>\n<h4><strong>Die Baukunst<\/strong><\/h4>\n<p>Seine Kritik an der Regellosigkeit des Dilettantismus und damit an der Gartenkunst wiederholt er in seinem Werk <em>\u00dcber strenge Urtheile<\/em> und straft die Gattung samt ihrer \u201eFormensprache \u201e als \u201eNullit\u00e4t\u201c ab. Die englische Gartenkunst bleibt, anders als die barocke und der Nutzgarten, f\u00fcr die Goethe hier mehr Sympathien entwickelt, eine, die auf halben Weg siedelt. Damit hat er die einst frenetisch gefeierte und als B\u00fchne vieler seiner Inszenierungen gepriesene englische Gartenkunst aus dem Olymp in die niederen Ebenen der Kunst verwiesen. Aber welche Kunst ordnet er \u00fcber diese? Diesen Versuche unternimmt der Weimarer Dichterf\u00fcrst in seiner zweiten Schrift zur Architektur, der <em>Baukunst<\/em> von 1795. Im Unterschied zur Gartenkunst versteht er die Architektur eben nicht als blo\u00df imitierende und mimetische Kunst, sondern als eine die nach einem h\u00f6chsten Zweck der Darstellung arbeitet, als eine sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit also. Fehlt der Kunst die Regel, so der reife Goethe in seinem Aufsatz <em>Von deutscher Baukunst<\/em> von 1823, siedelt sie qualitativ auf einer niederen Stufe.<\/p>\n<p><strong>Die Landschaftsmalerei als Landschaftsdichtung<\/strong><\/p>\n<p>Im Spiel der Hierarchie der K\u00fcnste ist es die Landschaftsmalerei ruysdaelscher Pr\u00e4gung, die Goethe fasziniert und die er im strengen Sinn als Landschaftsdichtung auszeichnet, so zumindest in seinem Aufsatz, <em>Ruysdael als Dichter<\/em>. In und durch diese gemalte Dichtung, und dies versteht Goethe als Qualit\u00e4tsmerkmal hoher Kunst, kommt das Objektive der Kunst zur Geltung, spricht sich gleichsam ihr Begriff aus, offenbart sich die Synthese von Natur- und Kunstsch\u00f6nheit, die f\u00fcr die Vereinigung von objektiver Darstellung und subjektivem Erleben steht. Was an Ruysdael fasziniert, ist, dass dieser eine \u201evollkommene Symbolik\u201c erreicht, die die Gesundheit des \u00e4u\u00dferen und inneren Sinnes befriedigt.<\/p>\n<h4><strong>Vollendete Form \u2013 die Plastik <\/strong><\/h4>\n<p>Zum Ma\u00dfstab aller \u201eBildenden Kunst\u201c wird f\u00fcr Goethe die Plastik oder Bildhauerei. Sie f\u00fchrt den Gattungsreigen an und steht damit an h\u00f6chster Stelle innerhalb der Gattungshierarchie. Das Wahrhafte dieser Kunst symbolisiert sich f\u00fcr den Olympier in der Laokoon-Gruppe, die Goethe zum Ideal der plastischen Kunst erkl\u00e4rt. Im Laokoon verbinden sich das Anmutige und das Sch\u00f6ne, das Sinnliche und das Geistige zu einer h\u00f6heren Einheit, zu einer zweiten Natur, die weder des Allegorischen bedarf, sondern jenseits des Geschichtlichen die ewige Idee der genialischen Kunst versinnbildlicht. Mehr als die Darstellung der vollendet \u201etragischen Idylle\u201c kann die \u201eBildende Kunst\u201c nicht erreichen, wobei die \u00e4sthetischen Parameter des \u201eN\u00e4chsten\u201c, \u201eWahren\u201c und \u201eWirklichen\u201c in vollendeter Form angewendet werden.<\/p>\n<h4><strong>Friedrich Schillerkritische Sicht auf die Gartenkunst und die Nobilitierung der Schaub\u00fchne<\/strong><\/h4>\n<p>Friedrich Schiller war mehr als Goethe Idealist, tiefer in die Philosophie der Zeit verwoben und hatte mit seinem Werk \u201eDie \u00e4sthetische Erziehung des Menschen\u201c selbst Geschichte geschrieben. Er hatte dem Begriff des \u201eSpiels\u201c zur Eigenst\u00e4ndigkeit verholfen und eine Synthese von Sinnlichkeit und Vern\u00fcnftigkeit als Erziehungsideal gefordert.<\/p>\n<p>Als Professor in Jena war Schiller selbst Gartenbesitzer, hier entstanden Teile des \u201eWallensteins\u201c, der \u201eMaria Stuart\u201c und die ber\u00fchmten Balladen f\u00fcr den Musenalmanach. Das Gartenhaus war ein geistiges Universum der kleinen Universit\u00e4tsstadt, hier versammelten sich die Intellektuellen der Zeit. Goethe war ein regelm\u00e4\u00dfiger Gast, aber auch Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Ludwig Tieck, Sophie Mereau, Susette Gontard und Caroline von Humboldt.<\/p>\n<p><strong>Auch Schiller greift in den Gattungsdiskurs ein<\/strong><\/p>\n<p>Schillers Auseinandersetzung mit der Gartenkunst f\u00e4llt in die Zeit, als die englische Gartenkunst bereits ihren Zenit \u00fcberschritten hatte \u2013 sicherlich auch durch Goethes Veto. Dennoch greift der Dichterphilosoph nochmals in den Gattungsdiskurs ein. Auch Schiller hat in der mit Goethe und Meyer herausgegebenen Schrift <em>\u00dcber den Dilettantismus <\/em>zur neuen Mode Stellung bezogen. Das Res\u00fcmee des Marbacher Mediziners f\u00e4llt ganz in die Richtung Goethes, wenn er Kunst daran bemisst, ob sich der K\u00fcnstler selbst Gesetze auferlegt oder lediglich der Mode der Zeit folge. F\u00fcr eine reine Empfindsamkeit kann sich Schiller ebenso wie Goethe nicht erw\u00e4rmen, da es auch ihm wie dem Frankfurter Juristen und Minister letztendlich um Objektivit\u00e4t in der Kunst geht, um allgemeing\u00fcltige Prinzipien, um eine Architektonik im h\u00f6chsten Sinne.<\/p>\n<h4><strong>Schillers Kritik am barocken und englischen Garten<\/strong><\/h4>\n<p>Schiller nimmt in einer Rezension im Journal <em>\u00dcber den Gartenkalender auf das Jahr 1795<\/em> zumindest einmal theoretisch Bezug zur Gartenkunst. Im Mittelpunkt steht dabei seine kritische Distanz zur barocken Gartenkunst, die unter das \u201esteife Joch mathematischer Formen\u201c gepresst wird. Die barocke Gartenkunst versteht er als eine, die die Natur ihrer Freiheit beraubt. Aber auch die englische Gartenkunst, der es an Notwendigkeit und Regelprinzipien ermangelt, kann nicht den Anspruch f\u00fcr sich erheben, die Gattungshierarchie anzuf\u00fchren. Eine Gartenkunst, die die Natur determiniert und eine Kunst, die keine Regeln hat, vermag Schiller nichts abzugewinnen, woraus er schlussfolgert, sowohl dem barocken als auch dem englischen Gartenideal, was ihren k\u00fcnstlerischen Wert betrifft, eine Absage zu erteilen. Beide Gartentypen korrespondieren nicht mit Schillers Freiheits- und Harmonieverst\u00e4ndnis. Und mit Goethe res\u00fcmiert auch er: wo nicht Verstand und Gef\u00fchl zusammenspielen, kann das Kunstprodukt schlie\u00dflich nur die unteren Erkenntnisverm\u00f6gen befl\u00fcgeln und taugt nicht f\u00fcr gro\u00dfe Kunst.<\/p>\n<h4><strong>Gro\u00dfe Kunst ist mehr als Nachahmung <\/strong><\/h4>\n<p>Damit verortet auch Schiller die Gartenkunst nach englischem Vorbild in der Hierarchie der Kunst am unteren Ende. Das Kriterium wahrhafter Kunst, und dies gilt bei Schiller auch f\u00fcr die Architektur, muss Sinnlichkeit und Sittlichkeit miteinander vereinen. Eine sensualistische Wirkungs\u00e4sthetik sowie eine rein vern\u00fcnftige Begr\u00fcndung des Sch\u00f6nen wie sie Christian Wolff, Alexander Gottlieb Baumgarten und Johann Georg Sulzer vor Augen haben, lehnt Schiller daher ab, weil das Wesen der Kunst auf ein synthetisches Ereignis zur\u00fcckgeht, das den Dualismus von Sinnlichkeit und Sittlichkeit zwar voraussetzt, diesen aber zu \u00fcberwinden sucht. Kunst l\u00e4sst sich nicht auf Nachahmung reduzieren. Und die Aufgabe der Kunst sei es letztendlich, \u00fcber \u201edie formale \u00c4hnlichkeit des Materialverschiedenen\u201c hinauszugehen, da im blo\u00df \u201eNachgeahmten\u201c der Stoff den Inhalt verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<h4><strong>Nicht zur\u00fcck nach Arkadien, sondern hin zum Elysium<\/strong><\/h4>\n<p>Der moderne Mensch, den Schiller im Blick hat, vermag es nicht, wie der naive Gartenk\u00fcnstler noch vermeinte, von einer synthetischen Einheit zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit ausgehen zu k\u00f6nnen, sondern er muss zuerst versuchen, diese Synthese allererst zu stiften. Die Realisierung dieser Aufgabe schreibt der Dramatiker aber nicht mehr der Gartenkunst zu, sondern der idyllischen Dichtkunst, der es allein gelingt, die Entfremdung des Menschen von sich und von der Natur aufzuheben, indem sie die \u201eHirtenunschuld auch in den Subjekten der Kultur\u201c darstellt und so nicht zur\u00fcck nach Arkadien, sondern nach Elysium f\u00fchrt. F\u00fcr Schiller verbietet sich damit der R\u00fcckzug in die geschichtlich-arkadische Welt der Antike, weil man diese Idylle (naive Kunst) \u00fcberhaupt nicht mehr nachvollziehen kann.<br \/>\nEbenso kritisch bleibt Schillers Blick auf die Landschaftsmalerei. Zwar verortet er sie \u2013 wie bereits Goethe \u2013 \u00fcber der Gartenkunst, aber beide K\u00fcnste zielen auch f\u00fcr ihn nicht auf die Vernunft, sondern lediglich nur auf das Gem\u00fct. Was beiden somit fehle, ist der prop\u00e4deutische Effekt im Sinne einer Erziehung durch die Kunst. Wahrhafte Kunst hat den \u00e4sthetischen Staat als h\u00f6chsten Zweck, in dem der \u201esch\u00f6ne Umgang\u201c und der \u201esch\u00f6ne Ton\u201c als kommunikative Voraussetzung gelebt leben. Aus Sicht des Gehalts\u00e4sthetikers Schiller kann damit die Landschaftsmalerei vor dem Richterstuhl der \u00e4sthetischen Vernunft und des regulierenden Verstandes auch nicht bestehen. So verwundert es nicht, dass er innerhalb der Gattungshierarchie nicht der \u201eBildenden Kunst\u201c die Kronjuwelen aufsetzt, sondern der darstellenden Kunst \u2013 der \u201eSchaub\u00fchne\u201c.<\/p>\n<h4><strong>Die Schaub\u00fchne bleibt das A und O aller Kunst<\/strong><\/h4>\n<p>Allein die Schaub\u00fchne als moralische Anstalt vermag f\u00fcr Schiller, Sinnlichkeit und produktive Einbildungskraft zu verbinden und zur praktischen Vernunft anleiten. Sie bleibt das Allheilmittel zur \u00e4sthetischen Erziehung als Endzweck einer Gesellschaft freier B\u00fcrger, die von der Sch\u00f6nheit und dem Herzen befl\u00fcgelt in ihrer sittlichen W\u00fcrde angesprochen, das Moment der Gl\u00fcckseligkeit beim Zuschauer hervorrufen. Zu dieser Gl\u00fcckseligkeit beizutragen, darin sieht Schiller den h\u00f6chsten Zweck aller Kunst. Gl\u00fcckseligkeit und Gl\u00fccksw\u00fcrdigkeit \u2013 sie in eine, ja auf die kantische Einheit hinzuf\u00fchren, bleibt die einzigartige Aufgabe der Schaub\u00fchne, sofern es ihr gelingt, die beiden Herzen in des Menschen Brust in einen \u201emittleren Zustand\u201c zu vereinigen. Die Schaub\u00fchne steht damit als \u201eSchule der praktischen Weisheit\u201c \u2013 neben Dichtung und Lyrik \u2013 \u00fcber allen Gattungen der \u201eBildenden Kunst\u201c.<\/p>\n<h1>Wenn es wahr ist, ruiniert es den Journalismus<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz24.08.2020Europa, Medien<\/p>\n<p>Vor einem Jahr hatte die Ibiza-Aff\u00e4re eine heftige Regierungskrise in \u00d6sterreich ausgel\u00f6st. Straches Alkohol-Abend sorgte f\u00fcr geh\u00f6rigen politischen Sprengstoff. Das B\u00fcndnis aus \u00d6VP und FP\u00d6 trat ab. Das damals geleakte Ibiza-Video ist nun auf 31 Seiten in Schriftform erschienen und bringt neues Licht in einen der medial gehyptesten Skandale der letzten Jahre. Ein Kommentar von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er galt als Medienskandal der Superlative. Ein Video zwang eine ganze Regierung zum Abgang, \u00d6sterreich war bis ins Mark hinein ersch\u00fcttert. Die Regierung des damaligen Bundeskanzlers Sebastian Kurz, im Krisenmodus und blo\u00dfgestellt. Doch Geschichte wiederholt sich, und dies nicht zugunsten der damaligen Berichterstattung von \u201eS\u00fcddeutscher Zeitung\u201c und \u201eDer Spiegel\u201c. Selbst die \u201eFAZ\u201c und \u201eDie Welt\u201c berichten \u00fcber die unerwartete Wendung in der Aff\u00e4re um das geleakte Ibiza-Video.<\/p>\n<h4>Was ist passiert? \u2013 Die Fakten<\/h4>\n<p>Ein Video ist ein Video und die \u00dcberzeugungskraft, dass es sich dabei um reine Tatsachenwahrheit handelt, scheinbar evident. Das so genannte Ibiza-Video, das den ehemaligen FP\u00d6-Politiker Strache und Vizekanzler zu Fall brachte, wurde im Sommer 2017 heimlich in einer Finca auf Ibiza aufgenommen. Mit versteckter Kamera wurden die FP\u00d6- Politiker Strache und Johann Gudenus (damals noch FP\u00d6) dabei gefilmt, wie sie einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte Angebote unterbreiteten, die den Eindruck erweckten, dass Strache korrupt und k\u00e4uflich sei, gegen Spenden der Nichte sogar rechtswidrige Handlungen einr\u00e4umte.<\/p>\n<p>Die \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c und der \u201eSpiegel\u201c ver\u00f6ffentlichten im Mai 2019 Sequenzen der Aufnahmen. Sowohl Strache als auch Gudenus zogen die Konsequenzen. Strache trat als Parteichef der FP\u00d6 und Vizekanzler zur\u00fcck, Gudenus beendete seine Karriere in der FP\u00d6. Die rechtskonservative Regierung zerbrach. Kanzler Sebastian Kurz (\u00d6VP) rief Neuwahlen aus.<\/p>\n<p>Schon damals sprachen Kritiker von Fake News, einem manipulierten Video, einer Diffamierungskampagne deutscher Medien gegen die hierzulande umstrittene \u00f6sterreichische schwarz-blaue Koalition, die sowohl in der Europapolitik als auch bei der Migrationspolitik einen v\u00f6llig anderen Kurs als die deutsche Bundeskanzlerin gefahren hat. Der Rechtsruck in \u00d6sterreich mit der guten, alten \u00d6VP war in Deutschland kein Kavaliersdelikt, zumal man innenpolitisch mit einer stark aufstrebenden AfD zu k\u00e4mpfen hatte. Der damals ausgreifende Rechtsruck ist Deutschland und Europa bislang erspart geblieben, aber ein sehr schaler Nachgeschmack bleibt.<\/p>\n<h4><strong>Unerwartete Wendung in der Aff\u00e4re um das geleakte Ibiza-Video<\/strong><\/h4>\n<p>Nun sind Textpassagen von weiteren f\u00fcnf Minuten des geleakten Videos aufgetaucht. Diese sollen aus den Akten der ermittelnden Staatsanwaltschaft in Wien stammen, die gegen die Urheber der \u201eIbiza-Falle\u201c ermittelt. Das nun erstmals zug\u00e4ngliche Transkript legt nahe, dass Ex-Vizekanzler Strache unlautere Angebote damals offenbar ablehnte. Schon nach der Ver\u00f6ffentlichung des Videos betonte der FP\u00d6-Politiker seine Unschuld zu den gegen ihn erhobenen Vorw\u00fcrfen, er habe \u201enie etwas Unredliches machen\u201c wollen, \u201eIllegales\u201c sei ihm fremd.<\/p>\n<h4>\u201eBewusst nachteilige Auswahl der Video-Stellen\u201c<\/h4>\n<p>In dem von der Zeitung \u201e\u00d6sterreich\u201c ver\u00f6ffentlichten Transkription ist von 270 Millionen Euro die Rede, die Aljona Makarova, die vermeintliche russische Oligarchinnichte, die derzeit noch polizeilich gesucht wird, angeblich investieren will. Der Privatdetektiv, der Strache und Gudenus filmte, wollte von SP\u00d6-Mann Strache einen klaren Satz h\u00f6ren: \u201eSchau, sie will h\u00f6ren: Ich bring 270 Millionen, innerhalb von so und so viel Zeitraum bekomme ich das zur\u00fcck, und ihr bekommt\u2019s das.\u201c Laut Transkription antwortet Strache: \u201eJa, aber das spielt\u2019s nicht.\u201c An einer anderen Stelle sagt er: \u201eNo way, mach ich nicht. Und bei mir nur gerade Geschichten, ganz gerade Geschichten\u201c. Und: \u201eIch hab es daher nicht notwendig, bei mir gibt\u2019s nichts Angreifbares, die k\u00f6nnen mich durchleuchten was sie wollen, sie finden nichts, weil ich mir nichts zuschulden kommen lasse, was es da gibt. Der gr\u00f6\u00dfte Fehler w\u00e4re, einmal anders zu handeln. So, die anderen machen\u2019s, die anderen machen\u2019s, sollen sie machen.\u201c In einer weiteren Passage, wo von osteurop\u00e4ischen Korruptionspraktiken die Rede ist, hei\u00dft es: \u201eNein, nein. Aber jetzt sind wir ehrlich. Mit jedem anderen Schei\u00df machst du dich angreifbar, und ich will nicht angreifbar sein. Ich will ruhig schlafen. Ich will in der Fr\u00fch aufstehen und sagen: Ich bin sauber.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Ganz so moralisch bleibt Strache aber nicht \u2013 Das neue Textdokument entlastet nicht Gesagtes<\/strong><\/h4>\n<p>Strache bleibt zwielichtig, er ist auch nach der Enth\u00fcllung, die er mittlerweile als Pyrrhussieg feiert, kein westenreiner Saubermann, selbst wenn er sich durch die neuen Textpassagen entlastet w\u00e4hnt. \u201eEs zeigt sehr gut, wie manipulativ bei der Videover\u00f6ffentlichung im Mai des Vorjahres vorgegangen worden ist. Die neuen f\u00fcnf Minuten werden so wie der Rest des Videos belegen, dass ich immer wieder betont habe, nichts Illegales machen zu wollen.\u201c<\/p>\n<p>Die damals ver\u00f6ffentlichen Gespr\u00e4chspassagen, die als Donnergroll \u00fcber Strache hineinbrachen, bleiben. So m\u00f6gliche Investitionen von Seiten der FP\u00d6 und m\u00f6gliche Gegengesch\u00e4fte, die die Partei von der Russin erwarte. Auch dass die vermeintliche Investorin Makarova die Mehrheit an der \u201eKronen-Zeitung\u201c \u00fcbernehmen und dort f\u00fcr eine FP\u00d6-freundliche Berichterstattung sorgen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wenn es wahr ist, was die Tageszeitung \u201c\u00d6stereich\u201c schreibt, ist es ein Riesenskandal, der das Vertrauen in die Medien nicht nur unmoralisch ber\u00fchrt, sondern gleichsam ruiniert. Man mag kein Freund des \u00f6sterreichischen Rechtsau\u00dfen-Politikers Hans-Christian Strache sein, doch wenn der Journalismus nicht nur den Ruf einer Person, sondern dessen gesellschaftliche Existenz vernichtet, erinnert dieser Akt nicht an eine reflektierte Auseinandersetzung mit einem \u2013 zugegebenerma\u00dfen streitbaren \u2013 Gegner, sondern an Methoden, die aus den Zeiten des finstersten Stalinismus und den repressiv-vernichtenden Methoden der DDR-Staatssicherheit erinnern. Denn wer dort nicht ins System passte, der wurde totgeschwiegen, aufs B\u00f6swilligste gemobbt, verbrachte die d\u00fcstersten Jahre seine Lebens in Waldheim und Torgau oder verlor auf omin\u00f6se Weise sogar das Leben, sa\u00df in russischen Gulags oder in Hohensch\u00f6nhausen, dem \u201eZentrales Untersuchungsgef\u00e4ngnis der Staatssicherheit\u201c.<\/p>\n<h4>Wenn man als Journalist nur die halbe Wahrheit sagt, l\u00fcgt man schon?<\/h4>\n<p>Immanuel Kant hatte im Jahr 1797, sieben Jahre vor seinem Tod, einen kurzen Aufsatz mit dem Titel \u201e\u00dcber ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu l\u00fcgen\u201c geschrieben. Kant, der Begr\u00fcnder des kategorischen Imperativs als objektiver Sollensform und der deontologischen Pflichtethik, vertrat darin die Auffassung, dass es selbst bei Gefahr f\u00fcr Leib und Leben kein Recht auf eine L\u00fcge (\u201eNotl\u00fcge\u201c) gibt. \u201eWeil Wahrhaftigkeit eine Pflicht ist, die als die Basis aller auf Vertrag zu gr\u00fcndenden Pflichten angesehn werden mu\u00df, deren Gesetz, wenn man ihr auch nur die geringste Ausnahme einr\u00e4umt, schwankend und unn\u00fctz gemacht wird\u201c, kam Kant zu dem Schluss: \u201eEs ist also ein heiliges, unbedingt gebietendes, durch keine Konvenienzen einzuschr\u00e4nkendes Vernunftgebot; in allen Erkl\u00e4rungen wahrhaft (ehrlich) zu sein.\u201c Damit wandte sich Kant gegen ethische Auffassungen, die die Zweckrationalit\u00e4t eines am Nutzen orientierten Utilitarismus als vorrangiges Prinzip verfolgen (Konsequentialismus). Die Pflicht zur Wahrhaftigkeit, so der K\u00f6nigsberger Philosoph und Aufkl\u00e4rer, ist hingegen eine unbedingte Pflicht, da das Vertrauen auf Versprechen einer der Grunds\u00e4tze ist, die die menschliche Gesellschaft zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<h4><strong>F\u00fcr die vierte Gewalt gilt es, bei der Wahrheit zu bleiben<\/strong><\/h4>\n<p>Die Wahrheit ist immer nur die halbe, hatte der Giessener Philosoph Odo Marquard, mit Bezug auf seine Transzendenzkritik gesagt. Wer aber bewusst nur die halbe Wahrheit sagt und diese als das Ganze darstellt, der l\u00fcgt wissentlich und geh\u00f6rt nicht in den medialen Diskurs. Die verantwortlichen Redakteure von \u201eS\u00fcddeutscher Zeitung\u201c und \u201eDer Spiegel\u201c haben also vors\u00e4tzlich gelogen und daf\u00fcr geb\u00fchrt ihnen nicht nur Verachtung, sondern auch eine Strafe. Sie haben gegen ihre publizistische Sorgfaltspflicht und damit gegen einen allgemeinen medienrechtlichen Grundsatz versto\u00dfen. Auch f\u00fcr die vierte Gewalt gilt es, bei der Wahrheit zu bleiben. Denn: Die \u201ePresse hat nicht nur Rechte, sie hat auch Pflichten. Die Journalistinnen und Journalisten sind verpflichtet, nichts Falsches zu ver\u00f6ffentlichen und genau zu pr\u00fcfen, ob alles, was sie berichten, seine Richtigkeit hat. Verst\u00f6\u00dfe gegen das Presserecht k\u00f6nnen bestraft werden\u201c, hei\u00dft es auf der Webseite der \u201eBundeszentrale f\u00fcr politische Bildung\u201c.<\/p>\n<h1>86 Prozent sterben wegen, nicht mit Corona<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz21.08.2020Europa, Medien<\/p>\n<p>Deutschlands Pathologen haben in einer neuen Studie nun Coronaleugnern widersprochen. Aus dieser geht hervor, dass Covid-19 die entscheidende Todesursache ist. Damit wird die Frage: Stirbt man nun \u201ewegen\u201c oder \u201emit\u201c Corona? zugunsten des \u201ewegen\u201c beantwortet. Coronakritiker betonten immer wieder, dass es vor allem Vorerkrankungen seien, die letztendlich zum Tod f\u00fchren, Corona selbst also nicht die Ursache ist. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Die Zahl der mit dem Coronavirus-Infizierten w\u00e4chst weltweit wieder stark an. Die sogenannte bef\u00fcrchtete zweite Welle ist da und mit ihr die Angst vor einem zweiten Lockdown. \u00c4ngste vor einer weiteren Isolation und emotionaler Vereinsamung, gepaart mit h\u00e4uslischer Gewalt, nehmen st\u00e4ndig zu. Eine verunsicherte Gesellschaft ist das Ergebnis. Doch Unbelehrbare gibt es genug \u2013 und die Zahl ihrer Anh\u00e4nger steigt. Sie streiten gegen Maskenpflicht, die Einschr\u00e4nkung ihrer Grundrechte, gegen eine m\u00f6gliche Zwangsimpfung und f\u00fcr Neuwahlen. Inmitten der rigiden Ma\u00dfnahmen zum Schutz der Bev\u00f6lkerung feiern sie frenetische Feste ohne Abstandsregeln und Masken.<\/p>\n<h4>Was ist los in unserem Land?<\/h4>\n<p>Was die Fl\u00fcchtlingskrise 2015 nicht vermochte, scheint Covid-19 zu schaffen. Nie war Deutschland so polarisiert wie im Augenblick. Was einst mitte-links war, bef\u00fcrwortet die rigiden Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung zur Bek\u00e4mpfung des Virus, nimmt Einschr\u00e4nkungen der Grundrechte in Kauf und vertraut dem paternalistischen Staat. Was einst rechts oder konservativ war, wird nicht m\u00fcde, gegen die Bevormundungspolitik der Berliner Republik zu rebellieren und gegen jedwede amtliche Anweisung anzustreiten: die Maskenmuffel und Coronaleugner.<\/p>\n<h4>Der Kampf um die Deutungshoheit bedroht die Demokratie von zwei Seiten<\/h4>\n<p>Der derzeitige Coronadiskurs kommt einer neuen Angriffswelle auf die Demokratie gleich \u2013 und das von zwei Seiten. Falschmeldungen, Selbstinszenierer, Anti-Corona-Partys bestimmen den Alltag. Die Sozialen Netzwerke quellen \u00fcber vor Ressintiments, stellen das politische Establishment, die Politische Korrektheit und die Mainstreammedien in Frage. Die Demokratie steht derzeit in der Defensive \u2013 und kann sich mittlerweile vor dem oft irrationalen Diskurs der Coronagegner nur dadurch retten, dass sie zu Zensur und Rotstift greift, also zu undemokratischen Methoden. Die Corona-Querdenker hingegen feiern sich gerade als die wahren Demokraten, weil sie f\u00fcr die vom Staat verb\u00fcrgten Grundrechte auf die Stra\u00dfe gehen und sich als die letzten Verfechter der Freiheit begreifen. Dass sie dabei aber die Gefahr der t\u00f6dlichen Lungenkrankheit herunterspielen und letztendlich zu einer sehr fragw\u00fcrdigen Freiheit aufrufen, sehen sie nicht. Ihren Gegnern werfen sie vor, quasi einer staatsgl\u00e4ubigen, unkritischen, von Friedrich Nietzsche immer wieder ger\u00fcgten, \u201eHerdenmentalit\u00e4t\u201c zu verfallen und gleichzeitig die Freiheit Andersdenkender zu beschneiden, also faschistoid zu sein.<\/p>\n<p>Doch so einfach wie der Diskurs zwischen beiden Lagern gef\u00fchrt wird, ist er nicht. W\u00e4hrend Coronakritiker von ihren Anh\u00e4ngern als neue Messiasse gehandelt und ihnen eine quasi religi\u00f6se Verehrung zuteil wird, zeigt eine neue Studie, dass sie mit ihren provokanten Thesen falsch liegen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die \u201eGretchenfrage\u201c, die in Zeiten der neuen Corona-Un\u00fcbersichtlichkeit dabei immer im Raum steht, lautet: \u201eStirbt man nun wegen oder mit Corona\u201c? Eine Studie Deutscher Pathologenverb\u00e4nde hat jetzt Licht in die dunkle Diskussion gebracht.<\/p>\n<h4>Covid-19 ist zu 86 Prozent alleinige Todesursache<\/h4>\n<p>Im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Pathologen, der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Pathologie und der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Neuropathologie und Neuroanatomie wurden insgesamt 68 Institute beauftragt, Obduktionen an Covid-19-Patienten vorzunehmen. Anhand von 154 Eingriffen in Corona-Leichen konnte die von Coronagegnern immer wieder vorgebrachte These, dass Menschen, die Virus erkranken an Vorerkrankungen wie Herzkreislaufschw\u00e4che, Lungensch\u00e4digungen oder an den Folgen ihrer Zuckererkrankung sterben. W\u00e4hrend, so die Studie, 14 Prozent durch Vorerkrankungen tats\u00e4chlich \u201emit\u201c Corona sterben, ist Covid-19 bei 86 Prozent die alleinige Todesursache. Bei der gro\u00dfen Mehrheit der F\u00e4lle der durch das Coronavirus ausgel\u00f6sten Krankheit ist das Virus damit auch die finale Todesursache, die sterben \u201ewegen\u201c Covid-19.<\/p>\n<h4><strong>Hintergrund:<\/strong><\/h4>\n<p>In der Bundesrepublik sind mehr als 9200 Menschen mittlerweile an den Folgen des Coronavirus gestorben, 800.000 waren es weltweit. 23 Millionen Menschen hatten sich im vergangenen halben Jahr nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. F\u00fcr Coronakritiker waren diese Fallzahlen bisher nicht ausreichend, um Einschr\u00e4nkungen in die Freiheitsrechte durch den Staat zu legitimieren. Eine Argumentation war immer, dass die Zahl der Grippe-Toten j\u00e4hrlich weitaus h\u00f6her l\u00e4ge \u2013 und, so der Vorwurf, die normale Sterblichkeitszahl nun mit Coronatoten k\u00fcnstlich nach oben getrieben wird. Als Argument wird vielfach die au\u00dfergew\u00f6hnlich starke Grippewelle von 2017\/18 zur Begr\u00fcndung herangezogen, die nach Sch\u00e4tzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben gekostet hatte.<\/p>\n<p><strong>Wieso ist Hegel wieder so popul\u00e4r? <\/strong><\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz20.08.2020Wissenschaft<\/p>\n<p>Am 27. August feiert der ber\u00fchmte deutsche Philosoph Hegel seinen 250. Geburtstag. Wir haben mit dem internationalen Hegel-Experte Klaus Vieweg \u00fcber den gro\u00dfen Idealisten gesprochen. Vieweg hatte im vergangenen Jahr eine der besten Hegel-Biografien vorgelegt, die nicht nur in Deutschland viel beachtet wird. Warum der deutsche Idealist Hegel der Denker der Freiheit ist, fragen wir den Bestsellerautor.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Wie aktuell ist der Philosoph Georg Wilhelm Hegel im 21. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Die \u201eNew York Times\u201c publizierte eine Kolumne des Philosophen Jay M. Bernstein mit dem Titel: \u201eHegel on Wall Street\u201c, in welcher der Autor dringend die Nutzung der Ressourcen von \u00ad<a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/die-franzoesische-revolution-war-ein-goettergeschenk\/\">Hegels<\/a> praktischer Philosophie empfiehlt, als einer bis heute aktuellen Theorie von Freiheit und Modernit\u00e4t. Heute spricht man zu Recht von einer Hegel-Renaissance, von einem Come back seines Denkens, man k\u00f6nnte es als eine Wiederbelebung des wasserklaren Gedankens beschreiben, als Denken der Freiheit. Was zeichnet die Aktualit\u00e4t von Hegels Denken aus? Im Zentrum steht ein innovatives Verst\u00e4ndnis des Zusammenhangs von Vernunft und Freiheit. Hegel ist der Begr\u00fcnder einer modernen Logik als neuer Metaphysik. Er liefert ma\u00dfgebliche Bausteine f\u00fcr eine philosophische Theorie des Zeichens und der Sprache. Ernst Gombrich zufolge gilt er als Vater der Disziplin Kunstgeschichte, Hegels \u00c4sthetik wird hoch gesch\u00e4tzt. Er entwirft Grundlinien f\u00fcr eine neue Gesellschafts- und Staatstheorie, mit der epochemachenden Unterscheidung von b\u00fcrgerlicher Gesellschaft und Staat revolutioniert er das philosophische Denken des Politischen und wird zu einem der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Soziologie. Hegel konzipiert die erste und bis heute gehaltvollste philosophische Theorie eines auf der Marktordnung fu\u00dfenden sozialen Staates, neben der innovativen philosophischen Logik sein bedeutendster Beitrag. Nach der Corona-Krise w\u00fcrde Hegel vielleicht einen Aufsatz unter dem Titel \u201eDas Ende des Kapitalismus und seine Zukunft\u201c publizieren und ein neues, gegen den Marktfundamentalismus gerichtetes Konzept empfehlen, das naturale und soziale Nachhaltigkeit verkn\u00fcpfen kann. Auch ist Hegel ein scharfer Kritiker von allen Formen des Nationalismus und \u00adAntisemitismus. Einer seiner Berliner H\u00f6rer brachte Hegels Verdienst auf den Punkt: \u201eEs ist unm\u00f6glich, den Geist, den eigentlichen Lebensnerv der Modernen zu erfassen \u2013 ohne Hegel.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sie haben eine viel beachtete Biografie zu Hegel geschrieben und damit 175 Jahre nach Karl Rosenkranz einen gro\u00dfen systematischen Einblick in Leben und Denken gegeben. \u00adHegel schreibt hoch verdichtet, seine Philosophie wird immer als fast unverstehbar kritisiert. Was ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung im Denken des Stuttgarters?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Die gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr Hegel war die Fortf\u00fchrung der Revolution im Ideen\u00adsystem, die von Kant eingeleitet und von Fichte und Schelling weitergetrieben wurde, die Herausbildung eines neuen Grundmusters des Philosophierens, dem denkenden Selbstverh\u00e4ltnis mit dem Fundament des Denkens des Denkens: Das begreifende Denken gilt als das, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt. Dieser monistische Idealismus muss nicht vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt werden, Hegels Philosophie steht auf den festen F\u00fc\u00dfen des begrifflichen Denkens. Dies verlangte die Beantwortung der Frage nach dem Anfang der Philosophie, mit welchem man Aristoteles zufolge die H\u00e4lfte der Philosophie habe. Diesem Problem widmete sich \u00adHegels \u201ePh\u00e4nomenologie des Geistes\u201c. Entscheidend ist ebenfalls die Kl\u00e4rung des Zusammenhangs von Vernunft und Freiheit, ausgehend von Hegels Hauptwerk, der \u201eWissenschaft der Logik\u201c als einer Theorie der Selbstbestimmung \u2013 der Begriff ist das Freie. Das v\u00f6llig neue Freiheitsverst\u00e4ndnis hat Hegel in die schwierige Formel vom im Anderen seiner selbst bei sich selbst sein zu k\u00f6nnen gekleidet. Als ein vereinfachtes Beispiel k\u00f6nnte der Sachverhalt der Freundschaft stehen, ganz im Sinne Schillers: Gew\u00e4hrt mir die Bitte, ich sei in eurem Bund der dritte.<\/p>\n<p><strong>Selbst Hegels ber\u00fcchtigten Satz \u201eWas vern\u00fcnftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vern\u00fcnftig\u201c aus den \u201eGrundlinien der Philosophie des Rechts\u201c stelle Vieweg in ein neues Licht, hei\u00dft es in einer Rezensionsnotiz. Was ist neu?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Schon Hegel hatte unmissverst\u00e4ndlich erkl\u00e4rt, dass in seiner Terminologie \u201ewirklich\u201c nicht das gerade Bestehende, Gegebene, sondern nur das ist, was vern\u00fcnftig gestaltet ist. Sein scharfsinniger Sch\u00fcler Heinrich Heine verlangte in diesem Sinne, das Bestehende vern\u00fcnftig und somit wirklich zu machen. In der neuen Hegel-Biografie ging es darum zu zeigen, dass Hegel der Philosoph der Franz\u00f6sischen Revolution und eben nicht der \u00adPhilosoph der Restauration war. Die sollte auch an seinem durchg\u00e4ngigen politischen Engagement belegt werden: Hegel soll jedes Jahr am 14. Juli, dem Tag des Beginns der Franz\u00f6sischen Revolution, ein Glas Champagner genossen haben. Diese Revolution war das pr\u00e4gende weltgeschichtliche Ereignis f\u00fcr sein Leben und Denken. Er trat stets als vehementer Verteidiger der Grundgedanken der Franz\u00f6sischen Revolution auf \u2013 Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit. Er feierte die Revolution als herrlichen Sonnenaufgang der modernen Welt, als Morgenr\u00f6te freier Existenz. Als T\u00fcbinger Student war er einer der Wortf\u00fchrer des revolution\u00e4r-republikanischen Studentenkreises, in Bern konspirierte er mit aus Paris gesendeten Revolution\u00e4ren. In Frankfurt steht er in enger Verbindung mit f\u00fchrenden K\u00f6pfen der Mainzer Republik und vermittelt einen Brief an den ber\u00fchmten Revolution\u00e4r Abbe Sieyes nach Paris, was den Tatbestand des Hochverrats erf\u00fcllte. In Jena erarbeitete er ein Konzept f\u00fcr eine f\u00f6derative, moderne Verfassung f\u00fcr Deutschland. In \u00adBerlin wurde Hegel von der reaktion\u00e4ren Hof-Partei des Republikanismus verd\u00e4chtigt, wegen der Attacken auf die Hauptideologen der Restauration Karl \u00adLudwig von Haller und Savigny. Hegel wirkt engagiert als F\u00fcrsprecher seiner nach den Karlsbader Beschl\u00fcssen eingekerkerten Sch\u00fcler. F\u00fcr den Jenaer Gustav Asverus, dem E.T.A. Hoffmann mit seinem \u201eMeister Floh\u201c ein Denkmal setzt, b\u00fcrgt der Berliner Professor, stellt Kaution und erreicht die Freilassung. Wie schon in Bern und Frankfurt hat die geheime Polizei alles dokumentiert, der Philosoph lebt gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p><strong>Hegel hat nie eine Ethik geschrieben, sondern Gedanken dazu in seine Rechtsphilosophie gekleidet. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Hegel hat zwar kein spezielles Buch zur Ethik geschrieben, aber der Abschnitt \u201eDie Moralit\u00e4t\u201c in seinen \u201eGrundlinien der Philosophie des Rechts\u201c behandelt Grundfragen der Moralphilosophie als einer Theorie des moralischen Handelns, etwa die Fragen der Zurechenbarkeit von \u00adHandlungen, des Guten und des Gewissens.<\/p>\n<p>Besondere Aktualit\u00e4t besitzt Hegels Kritik an heute dominanten Ethik-Konzeptionen: Der Grundsatz: bei den Handlungen die Konsequenzen verachten, und der andere: die Handlungen aus den Folgen beurteilen, und sie zum Ma\u00dfstabe dessen, was Recht und Gut sei, zu machen \u2013 ist beides einseitig. Handlungen sind nur dann zureichend zu bewerten, wenn die Absicht, die Resultate und der Kontext des Handelns zusammengedacht werden. Diesen Kontext beschreibt Hegel mit dem neuen Begriff \u201eSittlichkeit\u201c (Familie, b\u00fcrgerliche Gesellschaft und Staat) \u2013 eine wichtige Innovation f\u00fcr eine Philosophie des Praktischen insgesamt.<\/p>\n<p><strong>Dem Denker des absoluten Idealismus wird immer wieder vorgeworfen, Notwendigkeit statt Freiheit zu setzen, das Individuum in der Gattung aufgehen zu lassen und damit ein \u00adProtagonist des preu\u00dfischen Staates zu sein? Sie haben das entkr\u00e4ftet, aber wie?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Die Rede vom preu\u00dfischen Staats- und Restaurationsphilosophen z\u00e4hlt zu den langlebigsten L\u00fcgenm\u00e4rchen \u00fcber Hegel. Im Anschluss daran wird Hegel von Karl \u00adPopper und anderen als Vordenker des Totalitarismus verschrien \u2013 der Staat sei alles, das Individuum nichts, also Terror des Allgemeinen. Die seri\u00f6se Hegel-\u00adForschung hat diese Legende l\u00e4ngst hinter sich gelassen. Hier w\u00e4re in aller gebotenen K\u00fcrze auf Hegels Grundverst\u00e4ndnis eines modernen Staates hinzuweisen, das auf der logischen Einheit von Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen ruht. Der moderne Staat als das Allgemeine muss die Freiheit aller besonderen Einzelnen repr\u00e4sentieren und gew\u00e4hrleisten. Der Staat bei Hegel, dies bleibt entscheidend, ist der jeder B\u00fcrger selbst, und zwar in seinem Status als B\u00fcrger, in zweiter Hinsicht ist der Staat eine Institution, die aber dazu dienen muss, die Freiheit und das Recht aller Einzelnen zu garantieren. Dies erfordert nat\u00fcrlich eine tiefsch\u00fcrfende Interpretation von Hegels Staatsbegriff, ausgehend von der Hegelschen Logik.<\/p>\n<p><strong>Philosophen wird gemeinhin vorgeworfen, im Elfenbeinturm zu leben. Nun haben Sie einen anderen Hegel gezeichnet. Wie war denn Hegel, wenn er nicht gerade philosophierte?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Das lebenslange politische Engagement wurde schon angedeutet. Hegels Zeitgenossen beschreiben den Philosophen als kommunikativen, geselligen und humorvollen Menschen, der sich in vielf\u00e4ltigen Kreisen bewegte. Eine unb\u00e4ndige Lachlust habe ihn gepr\u00e4gt, er selbst empfahl die Kom\u00f6dien des Aristophanes, so k\u00f6nne man wissen, wie es einem \u201esauwohl\u201c sein kann. In Jena und Weimar pflegte er das gute Gespr\u00e4ch mit Schiller und Goethe, mit Schelling plante er eine italienische Reise. Als Rektor der Berliner Universit\u00e4t unterhielt er sich mit Marianne von Preu\u00dfen \u00fcber den alten Freund H\u00f6lderlin. Er war ein enthusiastischer Theater- und Opernbesucher, charmanter Verehrer von Schauspielerinnen und Operns\u00e4ngerinnen, liebte die Musik von Rossini und Mozart. Felix Mendelssohn-Bartholdy erwischte den Professor, als dieser seine Vorlesung zu fr\u00fch beendete und in die Oper eilte. Mit Frau und den S\u00f6hnen unternahm er Ausfl\u00fcge und besuchte Ausstellungen. Die Schwiegermutter schickt aus N\u00fcrnberg die k\u00f6stlichen Lebkuchen. Hegel war ein begeisterter Kartenspieler, zu seinem Berliner Freundeskreis z\u00e4hlten Heinrich Heine und Zelter, der Leiter der Singakademie. Er kannte prominente Zeitgenossen wie die beiden Humboldts, die Br\u00fcder Schlegel, Jean Paul und E.T.A. Hoffmann. Als Morgenandacht empfahl er das Studium der Zeitungen. Hegel war beeindruckt von der Weltmetropole Paris. Er ben\u00f6tigte einen ganz besonderen Lebenssaft, den durchsichtigen, goldnen, feurigen Wein, um Denken und die Welt durchsichtig machen zu k\u00f6nnen. Diese Geister aus der Flasche waren seine treuesten Weggef\u00e4hrten: Die Sorten reichten vom Riesling und Gew\u00fcrztraminer vom Deidesheimer Weingut Jordan \u00fcber \u00adBordeaux und \u00adW\u00fcrzburger Stein bis zu den Tr\u00e4nen Christi vom Vesuv.<\/p>\n<p><strong>Bei Hegel ist immer die Rede vom Absoluten. Vielen ist unklar, ist dieses \u00adAbsolute nun der Gott des Christentums oder der \u00adatheistische Weltgeist, der sich in seiner Dialektik in die Welt hinein entfaltet?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Weder das eine noch das andere. Das Absolute ist f\u00fcr Hegel, sehr verknappt gesagt, das begreifende Denken, das Immunit\u00e4t gegen relativistische Einw\u00e4nde gewinnen muss, ein Denken mit dem Anspruch auf philosophische Wahrheit. Das Unw\u00fcrdigste f\u00fcr die Philosophie sei Hegel zufolge das Verzichten auf die Wahrheit, dies habe sich breit gemacht und f\u00fchre das gro\u00dfe Wort. Was gelten soll, muss sich, so Hegel im Anschluss an Kant, vor dem Denken rechtfertigen. Ein Prinzip muss bewiesen werden, es gen\u00fcgt nicht, dass es aus Anschauung, unmittelbarer Gewissheit, gesundem Menschenverstand, blo\u00dfer Meinung oder \u00dcberzeugung kommt, kurz: blo\u00df auf Treu und Glauben angenommen werde. Aber die strikte Forderung des Beweisens ist, so Hegel, f\u00fcr die so vielen und zugleich so einfarbigen so genannten Philosophien der Zeit, f\u00fcr die Modephilosophien, etwas Obsoletes geworden.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/p>\n<p><strong>Ob Karl Lagerfeld oder Kim Kardashian &#8211; Selbstvermarktung ist alles<\/strong><\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz18.08.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien<\/p>\n<p>The European traf den Autor Rainer Zitelmann zum Gespr\u00e4ch. Welche Rolle spielt die Selbstvermarktung als eine Kunst, ber\u00fchmt zu werden. Ob Greta Thunbgerg, Karl Lagerfeld, Kim Kardashian, Andy Warhol, Donald Trump oder Oprah Winfrey \u2013 sie sind alle durch Inszenierung zu weltweiten Marken geworden. Doch The European bleibt kritisch und fordert Zitelmann heraus. Ein interessantes Gespr\u00e4ch zwischen zwei unterschiedlichen Denkern ist dabei herausgekommen.<\/p>\n<p><strong>Lieber Herr Zitelmann, Sie haben ein neues Buch geschrieben, wieder eins muss man wohl sagen: <a href=\"https:\/\/die-kunst-beruehmt-zu-werden.de\/\">\u201eDie Kunst ber\u00fchmt zu werden\u201c<\/a>.\u00a0 Darin haben sie viele K\u00fcnstler, Politiker Personen des \u00f6ffentlichen Lebens genial \u00a0portr\u00e4tiert. Nun leben wir in einer etwas eiligen Gesellschaft, die immer weniger B\u00fccher konsumiert. Wie w\u00fcrden Sie ihr Buch in einer zunehmend oberfl\u00e4chlichen Welt selbst vermarkten?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich habe das Buch ganz gut vermarktet: Zwei Tage vor Erscheinen brachte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung eine ganze Seite \u00fcber das Buch, und ich wurde dazu in SAT1 und von mehreren Rundfunksendern interviewt. Mit diesem Buch habe ich jenseits der Medien, in denen ich sonst schreibe bzw. die \u00fcber mich schreiben, auch Interviews mit Medien gef\u00fchrt, mit denen man als Intellektueller sonst nicht in Ber\u00fchrung kommt: Die Bunte hat gleich drei Interviews dazu ver\u00f6ffentlicht, und es gibt kaum eine Frauenzeitschrift, die nicht berichtet hat \u2013 von Grazia bis F\u00fcr Sie und OK! Magazin. Manche r\u00fcmpfen dar\u00fcber die Nase. Ich bin stolz, dass ich im gleichen Monat einen wissenschaftlichen Fachaufsatz in einer der f\u00fchrenden \u00d6konomie-Zeitschriften Europas ver\u00f6ffentlicht und der Bunten Interviews gegeben habe. Und jetzt f\u00fchre ich dieses Interview mit Ihnen.<\/p>\n<p><strong>Der Untertitel Ihres Buches hei\u00dft \u201eGenies der Selbstvermarktung von Albert Einstein bis Kim Kardashian. Was bei letzterer auff\u00e4llt, dass sie diese wie Arnold Schwarzenegger, Madonna, Muhammad Ali, Prinzessin Diana in die Genius-Ebene verschieben. Haben wir beide einen unterschiedlichen Begriff von Genie? Oder setzten die Selbstvermarkung mit Genius gleich? Damit torpedieren sie\u00a0 den klassischen Begriff und degradieren diesen zu einer Eitelkeit des Marktes!<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Nun, alle diese Personen waren genial in der Kunst der Selbstvermarktung. Ich finde es falsch, nur Intellektuelle oder Erfinder als genial zu bezeichnen. Man kann auf verschiedenen Gebieten genial sein \u2013 und auch PR ist eine Kunst. Nehmen Sie einen der Portr\u00e4tierten in meinem Buch, Stephen Hawking. Hawking war ein gro\u00dfer Wissenschaftler, aber er bekannte selbst: \u201eF\u00fcr meine Kollegen bin ich nur ein Physiker unter vielen anderen, doch f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit wurde ich wom\u00f6glich zum bekanntesten Wissenschaftler der Welt.\u201c Und was Hawking sagte, ist richtig: F\u00fcr seine Fachkollegen war er keineswegs der Ausnahme-Wissenschaftler, als den ihn die \u00d6ffentlichkeit wahrnahm. In einer Umfrage des Magazins \u201ePhysics World\u201c um die Jahrtausendwende waren sie weit davon entfernt, ihn den zehn wichtigsten lebenden Physikern zuzurechnen. Die \u00d6ffentlichkeit \u2013 und vermutlich auch er selbst \u2013 sah Hawking wohl eher so wie in einer Folge der Serie \u201eRaumschiff Enterprise\u201c, wo er als Gaststar an einer virtuellen Pokerrunde mit Isaac Newton und Albert Einstein teilnahm. Ich zeige in meinem Buch, dass Hawking nicht durch seine wissenschaftlichen Erkenntnisse ber\u00fchmt wurde, sondern dadurch, dass er viel Zeit, Energie und Ideen in seine Selbstvermarktung und PR f\u00fcr seine Bestseller investierte.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Bei Albert Einstein, den ich als Genie verorten w\u00fcrde, argumentieren Sie genau in die andere Richtung. Nicht die Relativit\u00e4tstheorie habe den Ausnahmeathleten der Wissenschaft zum Erfolg verholfen, sondern seine gezielte Selbstvermarkung, offenes Haar inklusive? Nun mag er eine geniale Frisur gehabt haben, aber hinter der Frisur war der Geist, der sich eben nicht, zumindest bei Einstein oder auch Steven Hawkings, die Behinderung nicht frisieren l\u00e4sst? <\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Einstein ist ein wunderbares Beispiel. In einem Interview mit der \u201eNew York Times\u201c stellte Einstein sich selbst die Frage: \u201eWoher kommt es, dass mich niemand versteht und jeder mag?\u201c In einem Gespr\u00e4ch mit einem anderen Journalisten gab er die Antwort: \u201eOb es einen l\u00e4cherlichen Eindruck auf mich macht, die Aufgeregtheit der Menge f\u00fcr meine Lehre und meine Theorie, von der sie doch nichts versteht, zu beobachten? Ich finde es komisch und zugleich interessant, dieses Spiel zu beobachten. Ich glaube bestimmt, dass es das Geheimnisvolle des Nichtbegriffenen ist, das sie bezaubert.\u201c 99,99% der Menschen, einschlie\u00dflich Ihnen und mir, k\u00f6nnen doch die Relativit\u00e4tstheorie und deren Bedeutung f\u00fcr die Physik gar nicht verstehen. Schon gar nicht die Menschenmassen, die Einstein in den USA zujubelten oder die Reporter von Boulevardmedien, denen er gerne Interviews gab. Daher k\u00f6nnen seine wissenschaftlichen Erkenntnisse allein auch nicht der Grund daf\u00fcr sein, dass er so popul\u00e4r wurde, wie kein Wissenschaftler vor ihm. Einstein, das zeige ich, verwandte einen gro\u00dfen Teil seiner Zeit darauf, aus sich selbst eine Marke zu machen. Er hielt mehr Vortr\u00e4ge vor einem Massenpublikum als vor Fachkollegen. Und er inszenierte sich so sehr selbst, dass er in Amerika deshalb sogar \u00c4rger mit der Princeton-Universit\u00e4t bekam, die ihn zu Forschungszwecken eingeladen hatte und sich bei ihm \u00fcber die exzessive Selbstvermarktung beschwerte.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Behinderung wird gemein als Manko verstanden und nicht so sehr als Ausweis von Genialit\u00e4t. Behinderte sind schlecht oder wenig integriert, eben am Rande der Gesellschaft verortet. Inklusion ist in weiten Kreisen verfemt. Wie kann ein gew\u00f6hnlicher Rollstuhlfahrer oder ein Mensch mit Down-Syndrom Weltber\u00fchmtheit erlangen, doch wohl nur, um es mal polemisch zu formulieren, wenn er sich vom One World Trade Center in die Tiefe st\u00fcrzt. Dann wird das medial getickert, bleibt aber f\u00fcr die Selbstvermarktung letztendlich irrelevant, denn der schnelle Tod ist die beste Kultur des Vergessens, nat\u00fcrlich gibt es hier auch Gegenbeispiele wie Marylin Monroe oder Gracia Patricia. <\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Sorry, da haben Sie aber ein sehr einseitiges Bild von Behinderten. Von einem Behinderten habe ich gerade gesprochen und in dem Buch geschrieben: Stephen Hawking. Ich lese gerade die Autobiografie von Ray Charles, dem \u201eHohepriester des Soul\u201c, dessen Einfluss stilpr\u00e4gend f\u00fcr die Entwicklung von Rhythm and Blues, Blues, Country und Soul war. Das Magazin \u201eRolling Stone\u201c w\u00e4hlte ihn nach Aretha Franklin und vor Elvis Presley auf Platz 2 der 100 besten S\u00e4nger aller Zeiten.\u00a0Ray Charles wurde mit sieben Jahren blind, dies hinderte ihn nicht, ein gro\u00dfartiges Leben zu f\u00fchren: Er wurde ber\u00fchmt, reich und hatte mehr Frauen als wohl 99% der M\u00e4nner in ihrem Leben haben. Auf Postern wurde er als der blinde S\u00e4nger beworben, die Sonnebrille war sein Markenzeichen. Auch Beethoven war, wenn Sie so wollen, ein Behinderter. Schon mit 28 Jahren zeigten sich erste ernste Symptome der H\u00f6rbehinderung, sp\u00e4ter war er fast taub. Und wenn Sie von Rollstuhlfahrern reden, da fallen mir die gro\u00dfartige Unternehmerin Margarete Steif ein, die schon mit zwei Jahren an Kinderl\u00e4hmung erkrankte oder aber Franklin D. Roosevelt, \u00a0der ebenfalls an Kinderl\u00e4hmung erkrankte und fortan von der H\u00fcfte ab weitgehend gel\u00e4hmt war, was ihn nicht hinderte 32. Pr\u00e4sident der USA zu werden.\u00a0Mir fallen viele andere gro\u00dfartige Behinderte ein, zum Beispiel die K\u00fcnstlerin Frida Kahlo oder Helen Keller. Keine dieser Personen musste sich vom World Trade Center in die Tiefe st\u00fcrzen, um ber\u00fchmt zu werden.<\/p>\n<p><strong>Sie sagen, Selbstvermarktung wird immer wichtiger. Ja, da mag etwas dran sein, aber macht das auch gl\u00fccklicher, wenn man Gl\u00fcck als eine Parameter versteht, was dem Leben Sinn und Struktur gibt, wenn man in einer Zeit lebt, wo es nur um \u00dcberbietungsanspr\u00fcche geht, die selbst die Selbstvermarkter immer wieder in die Depression, in Alkohol, Sex-Exzesse und den Drogenkonsum wirft. Die Vielzahl der Selbstvermarkter sind mit diesem individuellen Schicksal keineswegs gl\u00fcckliche Menschen geworden. Und das hat meiner Meinung nach den Grund, weil sie sich nicht auf sich selbst fokussieren, sondern immer \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4ngen nachjagen, die letztendlich oft ihre eigene Pers\u00f6nlichkeitsstruktur ruinieren. Es gibt n\u00e4mlich auch die Gegenthese zur Selbstvermarkung \u2013 und das ist der pers\u00f6nliche Ruin, der Absturz aus allen\u00a0gesellschaftlichen Halteseilen, der im h\u00f6chsten Grade unproduktiv und geradezu selbstzerst\u00f6rerisch ist.<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Okay, Sie sprechen hier von Depressionen, Alkohol-, Sex- und Drogenexzessen. Wenn ich jetzt mal die zw\u00f6lf Personen in meinem Buch durchgehe, da f\u00e4llt mir au\u00dfer Lady Diana niemand ein, die depressiv war. Mir f\u00e4llt auch keiner ein, der Alkoholprobleme hatte (viele tranken gar keinen Alkohol). Und au\u00dfer Oprah Winfrey und Steve Jobs w\u00fcrde mir auch niemand einfallen, der Drogen nahm, und auch bei diesen beiden war es nur eine Episode, die ihnen nicht geschadet hat. Lagerfeld und Trump leb(t) geradezu asketisch, tranken keinen bzw. fast keinen Alkohol, kein Nikotin, keine Drogen. Sex-Exzesse, okay, da w\u00fcrde mir vielleicht Andy Warhol einfallen, aber was ist gegen Sex-Exzesse einzuwenden? Ich vermute, sie haben ihm Spa\u00df gemacht. Und wenn Sie sagen, dass solche Selbstvermarkter \u201eihre eigene Pers\u00f6nlichkeitsstruktur ruinieren\u201c dann entgegne ich: Das Gegenteil ist richtig. Leute wie Schwarzenegger, Muhammad Ali lebten ein sehr freies Leben. Sie waren sicher authentischer als die meisten Menschen es sein k\u00f6nnen \u2013 wie \u00fcberhaupt Authentizit\u00e4t ein Schl\u00fcssel in der Selbstvermarktung ist. Sie behaupten, diese Menschen seien ungl\u00fccklich. Aber woher wissen Sie das? Man kann nicht in Menschen hineinschauen. Aber ja, ich denke, Diana war \u00fcberwiegend ungl\u00fccklich. Aber Stephen Hawking, Albert Einstein, Arnold Schwarzenegger, Steve Jobs oder Madonna f\u00fchr(t) ein sehr interessantes und wohl auch gl\u00fcckliches Leben.<\/p>\n<p><strong>Gegenbeispiele zur Selbstvermarktung scheint es mehr zu geben. Die Geschichte ist hier beispielgebend. Friedrich Nietzsche und Friedrich Schiller, Klopstock, Novalis etc. \u00a0haben sich nicht selbstvermarktet \u2013 sind aber dennoch Paradebeispiele von grenzenloser Ber\u00fchmtheit: Sicherlich k\u00f6nnten Sie mit Karl Marx, Arthur Schopenhauer, Peter Sloterdijk oder Selbstinszenieren wie Richard David Precht und Adolf Hitler kontern. Was sagen Sie zu diesem Einwand?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich wei\u00df nicht, ob Precht viel au\u00dfer Selbstvermarktung zu bieten hat, das kann ich nicht beurteilen. Ja, es gibt gro\u00dfe Pers\u00f6nlichkeiten, die sich nicht selbst vermarktet haben. Viele von denen sind erst nach ihrem Tod ber\u00fchmt geworden. Nehmen Sie Vincent van Gogh. Also, mir w\u00fcrde es nicht gefallen, wenn ich erst nach dem Tod Anerkennung f\u00fcr meine Arbeit bekomme. Das hoffe ich zwar auch, weil ich vermute bin, dass mindestens drei meiner wissenschaftlichen B\u00fccher auch noch viele Jahrzehnte nach meinem Tod gro\u00dfe Beachtung finden. Aber ich ziehe es \u2013 ebenso wie die in meinem Buch portr\u00e4tierten Personen \u2013 vor, auch schon zu Lebzeiten Anerkennung zu finden und nicht erst, wenn ich in meinem Sarg schon verwest bin.<\/p>\n<p><strong>Ist Selbstvermarkung tats\u00e4chlich der Weisheit letzter Schluss und \u00fcberdauert sie die Zeit der je aktuellen Inszenierung. Was wird in dreihundert Jahren von Karl Lagerfeld, Kim Kardashian, Andy Warhol, Donald Trump oder Oprah Winfrey bleiben? Geschichte ist rasend schnell und vergisst nur allzu oft ihre Protagonisten \u2013 und vor allen solche, die an der Oberfl\u00e4che der Selbstvermarktung spielten und ihre Einmaligkeit und Unvergesslichkeit nicht aus der Essenz ihres Lebens spiegelten? <\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Das ist schwer zu prognostizieren. Wird man in 100 Jahren noch \u00fcber Stephen Hawking, Andy Warhol oder Karl Lagerfeld sprechen? Vielleicht nicht. Ich glaube auch nicht, dass das deren Lebensziel war. Als Lagerfeld gefragt wurde, ob er daran denke, vielleicht eine Stiftung zu gr\u00fcnden, antwortete er, davon habe er ja nichts, denn: \u201cAlles, was ich bin, beginnt und endet mit mir.\u201d Muhammad Ali, einer der in meinem Buch portr\u00e4tierten, wird auch in 300 Jahren in der Sport- und Kulturgeschichte der USA erw\u00e4hnt werden. \u00dcber Trump wird in 300 Jahren in Geschichtsb\u00fcchern geschrieben werden, weil er der 45. Pr\u00e4sident der USA war. Aber es kann gut sein, dass niemand mehr von Kim Kardashian sprechen wird. Ob sie das heute traurig macht? Oder ob sie den Ruhm und das Geld zu Lebzeiten dem Ruhm der Nachwelt vorzieht?<\/p>\n<p><strong>Ihr Buch ist gelungen, ich kann es nur empfehlen, weil es ein St\u00fcck weit den Zeitgeist spiegelt, aber wird dieser Zeitgeist nicht auch wieder in die Tiefen des Vergessens abtauchen und damit nur eine Momentaufnahme bleiben, die sp\u00e4testens dann an Aktualit\u00e4t verliert, wenn eine neue Generation auf andere Werte setzt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Zitelmann: Selbstvermarktung war schon immer wichtig, auch wenn ich die Beispiele nur aus den letzten 100 Jahren genommen habe. Ich sehe nicht, dass die Reiz\u00fcberflutung und das mediale Angebot geringer werden, daher wird die Bedeutung der Selbstvermarktung zunehmen. In seiner Autobiografie erkl\u00e4rt Schwarzenegger: \u201eWenn ich einen Film abgedreht hatte, war f\u00fcr mich die Arbeit erst zur H\u00e4lfte erledigt\u2026 Man kann den besten Film der Welt machen, aber wenn er nicht den Weg in die Kinos findet und wenn die Leute nichts davon erfahren, dann n\u00fctzt das alles nichts. Dasselbe gilt f\u00fcr Literatur, Malerei, oder auch Erfindungen.\u201c Sehen Sie, Herr Gro\u00df, Sie sind ein intelligenter Mensch, haben zudem zwei Doktortitel, k\u00f6nnen toll schreiben. Das haben wir beide gemeinsam. Und warum kennen mich trotzdem sehr viel mehr Menschen in Deutschland, der Schweiz, Gro\u00dfbritannien, Frankreich, Italien, China, Korea oder den USA als Sie? Ich glaube, das liegt vor allem daran, weil ich mich selbst besser selbst vermarkte. \u00dcberlegen Sie mal einen Moment, was Sie noch alles erreichen k\u00f6nnen, wenn Sie ein wenig von den in meinem Buch portr\u00e4tierten Menschen lernen. Ich glaube, viele Intellektuelle haben negative Glaubenss\u00e4tze zum Thema \u201eSelbstvermarktung\u201c verinnerlicht, die ihnen in ihrem Leben schaden, ohne dass sie sich dessen bewusst sind.<\/p>\n<p>Die Fragen stellte Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/p>\n<h1>Wir leben in keiner aggressiven Diskussionskultur<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz14.08.2020Medien<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcr ein Skandal! Der Protestmob auf der Stra\u00dfe entscheidet also dar\u00fcber, wer hier bei uns seine Kunst aus\u00fcben darf\u201c, schrieb Kabarettist Dieter Nuhr, in dessen Sendung Lisa Eckhart regelm\u00e4\u00dfig auftritt, bei Facebook. Was darf Satire eigentlich noch? Und was der Fall von Lisa Eckhart \u00fcber unsere Gesellschaft sagt, dar\u00fcber hat Stefan Gro\u00df-Lobkowicz nachgedacht. Wir leben in keiner aggressiven Diskussionskultur \u2013 soviel zumindest ist sicher.<\/p>\n<p>Humor ist, wenn man trotzdem lacht, sagte einmal der deutsche Lyriker und Romanautor Otto Julius Bierbaum. Und Kurt Tucholsky beantwortete im Jahre 1919 die Frage \u201eWas darf die Satire?\u201c noch mit \u201eAlles\u201c<em>.<\/em> Doch mit dem Humor ist es so eine Sache, wo sind seine Grenzen, wo \u00fcberschreitet er das Sagbare, wo ber\u00fchrt er den schlechten Geschmack und wo ist er gar verletzend? Man muss kein Freund von Lisa Eckhart, der \u00f6sterreichischen Kabarettistin sein, zu deren Wesen die Provokation geh\u00f6rt. Dennoch muss man ihr attestieren, dass die streitbare Lady und Kunstfigur mutig daherkommt, vielleicht oft zu mutig, ein Gran zu viel \u2013 wie einst bei Klaus Kinski. Jetzt wurde sie von der linken Kulturszene gemobbt und vom Hamburger Harbour Front Literaturfestival zuerst ausgeladen und dann wieder eingeladen. Der \u00d6sterreicherin, die bissig, oft frivol, immer aber kampfeslustig auf Krawall f\u00e4hrt, wird vorgeworfen, rassistische und antisemitische Klischees zu bedienen.<\/p>\n<h4>Eckhart ist eben anders<\/h4>\n<p>Lisa Eckhart vergreift sich oft im Ton. Sie ist r\u00fcder, m\u00e4nnlicher, aggressiver \u2013 und ihre Komik weitaus giftiger als die manch anderer weichgesp\u00fclter deutscher Comedy-Helden. Als vor zwanzig Jahren die Comedy in Deutschland ihre Renaissance feierte, explodierte die telegene Welt buchst\u00e4blich. Satiriker bestimmten den Zeitgeist, sei es Helge Schneider, R\u00fcdiger Hoffmann, Atze Schr\u00f6der, Tom Gerhardt oder Johann K\u00f6nig, die depressive Stimmungskanone aus K\u00f6ln. Nach dem Hype sind nur wenige geblieben: Monika Gruber, Sebastian Pufpaff, Kaya Yanar, Ingo Appelt, Olaf Schubert, Michael Mittermeier, Dieter Nuhr und der intelligenteste vielleicht \u2013 Mathias Richling. Bis auf Richling hat sich das Kabarett politisch verflacht, z\u00fcndelt nur an den Oberfl\u00e4chen und stellt den Zeitgeist an sich nie blo\u00df. Den Rest erledigen Carolin Kebekus und Mario Barth.<\/p>\n<h4>Dieter Nuhr \u2013 Der moderne Dieter Hildebrandt<\/h4>\n<p>Mit dem Tod von Dieter Hildebrandt endete ein St\u00fcck weit das traditionelle politische Kabarett der Nachkriegs\u00e4ra in Deutschland. Er selbst war brillant, scharfz\u00fcngig und von sensibler Brillanz, weil es einer Generation entsprang, die noch elektrisiert von Holocaust, Judenhass und einer humorbefreiten Nazi-Gemeinschaft war. Hildebrandts Generation reflektierte tiefer in die Gesellschaft hinein, deckte Unstetes gnadenlos auf und r\u00fcttelte an den Festen einer Kultur, die in Windeseile ihre T\u00e4ter- und Mitgliedschaft w\u00e4hrend der NS-Zeit verga\u00df. Und Hildebrandt gelang es feinsinnig und dennoch satirisch-provokant den Status Quo, die Spie\u00dfb\u00fcrgeridylle der Deutschen, ihren tiefsitzenden Nationalismus und Fanatismus zu entlarven.<\/p>\n<p>Der Niederschlesier Hildebrandt teilte aus, ein Leben lang, verschonte keinen. Doch nie war er tiefgehend verletzend. Was blieb, war eine spaltende Vers\u00f6hnung gewisserma\u00dfen. Und dieser Geist eignet auch Dieter Nuhr, selbst wenn sich der Kabarettist f\u00fcr seine Kritik am Zeitgeist, am Gendermainstreaming, an der Klima-Ikone Greta Thunberg wohlwollend negativ abarbeitet. Nuhr, intelligenter als das Gros seiner Kollegen, tappt dennoch in jede Falle der politischen Korrektheit. Oder besser umgekehrt: Das politische Korrektiv zwingt Nuhr st\u00e4ndig zu Deeskalation, zur Selbstverteidigung, zum Schuldeingest\u00e4ndnis, dass aber umgekehrt wieder so klug formuliert ist, dass es den Mainstream vorerst befriedet, aber eigentlich die n\u00e4chste Provokation sendet.<\/p>\n<h4>Nuhr ist vermittelnder als Eckhart<\/h4>\n<p>Nuhr ist vermittelnder als Eckhart. Aber auch er l\u00e4sst sich nicht die kritische Stimme verbieten, vielmehr atmet er den Geist der Satire, hat diesen quasi verinnerlicht. Und er macht genau das, was Satire soll; die gezielte Provokation, er bleibt ein Grenzg\u00e4nger, der intellektuell seine eigenen Pointen in Frage stellt, so gleichsam das Nicht-Sagbare wieder in ein freies Spiel kleidet, wie es Friedrich Schiller schon f\u00fcr die Schaub\u00fchne forderte, gleichwohl dies alles in der Tradition des Hofnarren der letzten Jahrhunderte. Nuhr ist der spiegelnde Spiegel der Gesellschaft, der aber die kleinen Attit\u00fcden kennt, die ihn letztendlich nicht ganz auf dem Schafott enden lassen.<\/p>\n<p>Der Ton macht bekanntlich die Musik. Doch genau der hat sich ver\u00e4ndert. Die Zeiten von Dieter Hildebrandt sind vorbei. Dort war alles ein wenig vers\u00f6hnender, dort gab es noch den Geist der Verzeihung, der nach einem satirischen Schlagabtausch die Gem\u00fcter befriedete. In unserer heutigen, aufgeheizten Debattenkultur ist das anders. Die kleinste Kritik, selbst in der stilistischen Form der Komik oder Satire, in der eigentlich alles gesagt werden darf, wo die H\u00fcllen fallen und die existentielle Nacktheit des Individuums in seiner Zerbrechlichkeit zu Tage kommt, wird schon als Gro\u00dfangriff auf das politische System betrachtet. Ja, der Zeitgeist hat sich gewandelt und die Verbotskultur der aufrichtigen Gutmenschen die Grenzen des Sagbaren definiert. Heute darf Satire eben auch nicht mehr alles, weil sie durchfunktionalisiert, weil sie selbst zum Politikum geworden ist und sich damit ihrer eigentlichen Form und Bestimmtheit entkleidet hat. Statt Spa\u00dfkultur regiert die Gesinnung. Und wer sich ihr entgegenstellt, geht in die lutherische Acht, wird verbannt oder gemobbt. Anstelle einer wohlmeinenden Reflexionskultur regiert ein R\u00fcpelton samt Verbotskultur.<\/p>\n<h4>Wer ist eigentlich Lisa Eckhart?<\/h4>\n<p>Bei Lisa Eckhart ist das alles eben ein wenig anders. Die 1992 in der \u00f6sterreichischen Kleinstadt Leoben geborene Lisa Lasselsberger ist eigentlich Poetry-Slammerin und sie bekennt zur ihrer Kindheit: \u201eDamals habe ich gelernt, dass Lieben die unanstrengendste Form der Liebe ist, geliebt zu werden, das ist das Unangenehme.\u201c Stilistisch verortet sie sich selbst in eine Tradition, die beim Weimarer Dichterf\u00fcrsten Johann Wolfgang von Goethe beginnt und beim extravaganten \u00f6sterreichischen Popstar Falco, der provokanten Schriftstellerin Elfriede Jelinek und dem cholerischen Schauspielgenie Klaus Kinski endet. \u201eDer war die perfekte Inkarnation von Kunst. Da wei\u00df man, es gab keinen Moment, in dem er nicht Klaus Kinski war\u201d, sagte Eckhart. \u201eDer kam nicht heim, setzte sich aufs Sofa und war auf einmal g\u2019miatlich. Der konnte nicht raus aus sich,\u201c bekennt die Stil-Ikone.<\/p>\n<p>Ihre Meriten verdiente sich die vielsprachige K\u00fcnstlerin, die in Paris Germanistik und Slawistik studierte, sp\u00e4ter in Wien, London, Berlin und Leipzig lebte, beim Poetry Slam. Das extravagante Auftreten in Pelz oder durchsichtigem Kleid, was Eckhart zur Kunstfigur und sie dar\u00fcber eigentlich schon karikiert und zur Persiflage macht, ist rein optisch schon provokativ genug. Aber diese bissige Art, die zu diesem \u00f6sterreichischen Humor eigenwillig dazu geh\u00f6rt und dessen kleinb\u00fcrgerlichen Horizont verk\u00f6rpert, spiegelt das \u00d6sterreich der 90er Jahre, samt perfiden Judenhass und sentimentaler Adolf-Hitler-Verehrung wider. (Ich selbst war erstaunt, als ich Anfang der 90er Jahre im Urlaub in Pensionen kam, wo ein Adolf Hitler Bild das Wohnzimmer der vermietenden Pension\u00e4rin zierte.)<\/p>\n<p>Eckharts Provokation kippt daher auch in aller Regelm\u00e4\u00dfigkeit immer wieder aus den Stiefeln und l\u00e4sst einen fr\u00f6steln. Der Tabubruch ist kalkuliert. 2018 erntete sie einen medialen Shitstorm als die den Sex-Skandal um Harvey Weinstein wie folgt kommentierte: \u201eJuden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt pl\u00f6tzlich kommt raus, denen geht\u2019s wirklich nicht ums Geld, denen geht\u2019s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.\u201c Und nat\u00fcrlich bleibt vieles, was aus ihrem Mund kommt, schneidend, fast bizarr, wie: \u201eIch bin gegen Abschiebungen per Flugzeug. Das bedeutet eine Tonne CO<sub>2<\/sub>-Aussto\u00df pro Person. Und da kommt bei mir Umweltschutz vor Fremdenhass. Lasst sie lieber zu Fu\u00df und ohne Proviant nach Hause gehen, sonst finden sie anhand des M\u00fclls wie H\u00e4nsel und Gretel wom\u00f6glich wieder den Weg nach Europa zur\u00fcck\u201c. Lisa Eckhart lotet die Grenzen des Sagbaren konsequent aus, reitet auf einer Welle, die sie kurzweilig nach oben sp\u00fclt, sie immer aber wieder in die Niederungen des blo\u00df Plakativen treibt. Was gesagt werden kann und gesagt werden darf, wo k\u00fcnstlerische Freiheit und Meinungsfreiheit ihre Grenzen haben, vereint sich in ihrer Person derzeit unisono.<\/p>\n<h4>Mit der Meinungsfreiheit ist es so eine Sache<\/h4>\n<p>Mit der Meinungsfreiheit ist es so eine Sache. Adam Smith war einst ihr Vorreiter und verteidigte sie als Non plus Ultra gegen jedweden staatlichen Paternalismus. Liberal sollte es bei den Individuen zugehen, auch gegen Platons Diktum, dass die Kunst unter das Kuratel des Staates geh\u00f6re, er in diese regulativ eingreifen und gar verbieten k\u00f6nne, sobald sie dem Diktat der Vernunft diametral entgegenl\u00e4uft. Dagegen hie\u00df es bei Smith: \u201eDas Genie kann nur frei atmen in einer Atmosph\u00e4re der Freiheit\u201c.<\/p>\n<p>Seit es Kunst gibt, befindet sich diese immer wieder in einem Spannungsverh\u00e4ltnis zur Gesellschaft. Das musste auch der Weimarer Olympier Johann Wolfgang Goethe erfahren. Als er seinen \u201eTorquato Tasso\u201c, ein Aufkl\u00e4rungsst\u00fcck aus der Sturm und Drang-Phase des Dichters, 1790 schrieb, war Gothe noch der reifende Genius. Mit dem fr\u00fchen Pathos der unbegrenzten Freiheit, der jugendlichen Ungest\u00fcmheit, wie eben auch Friedrich Schiller in seinen \u201eDie R\u00e4ubern\u201c, sah er den Anspruch des K\u00fcnstlers darin: \u201eErlaubt ist, was gef\u00e4llt\u201c. Als Goethe, ein intellektuelles Vorbild f\u00fcr Lisa Eckhart, dann Staatsminister wurde, auf gleichsam doppelte Weise in die Gesellschaft involviert war, als Dichter und Politiker, wurde Goethe vorsichtiger, erkannte die Ambivalenz des Sagbaren, was der Autor und die Kunst eben darf und was nicht. Dem \u201eErlaubt ist, was gef\u00e4llt\u201c wird er als Regulativ ein \u201eErlaubt ist, was sich ziemt\u201c hinzuf\u00fcgen. In einem Gespr\u00e4ch \u00fcber \u201eTasso\u201c (6. Mai 1827) \u00e4u\u00dferte er: \u201eDie Deutschen sind \u00fcbrigens wunderliche Leute! Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie \u00fcberall hineinlegen, das Leben schwerer als billig. Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindr\u00fccken hinzugeben, euch erg\u00f6tzen zu lassen, ja euch belehren und zu etwas Gro\u00dfem entflammen und ermutigen zu lassen; aber denkt nur nicht immer, es w\u00e4re alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<h4>Statt Cancel Culture mehr Gelassenheit bitte<\/h4>\n<p>Den Deutschen und ihrer neuen Cancel Culture kann man nur zu mehr Gelassenheit raten. Und man k\u00f6nnte Heraklit anmerken: Das Urprinzip, der \u201eVater aller Dinge\u201c ist der Streit (polemos). Die sich st\u00e4ndig wandelnde Welt bleibt bestimmt durch einen Kampf der widerstreitenden, einander entgegengesetzten Gegens\u00e4tze. So kann es ohne den Gegensatz tiefer und hoher T\u00f6ne keine Musik geben und ohne das m\u00e4nnliche und weibliche Prinzip kein Leben. Dadurch entsteht eine Harmonie im Kosmos. Das stete Wechselspiel zwischen gegens\u00e4tzlichen Kr\u00e4ften schafft so die Vielfalt der Ph\u00e4nomene, letztendlich auch der Meinungen.<\/p>\n<h1>Das \u00e4ndert sich im neuen Duden: Der platzt nun vor Anglizismen und Gendersternchen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz13.08.2020Wissenschaft<\/p>\n<p>Es ist das Nachschlagewerk schlechthin. Konrad Alexander Friedrich Duden hatte ihm 1880 seinen Nachnamen gegeben. 2020 ist nun der dickste und umfangreichste Duden erschienen. Und wie sich die Welt \u00e4ndert, so \u00e4ndert sich auch die Sprache. Viele Begriffe, die mittelweile im Alltag \u201eoldschool\u201c sind hat das Standardwerks zur deutschen Rechtschreibung getilgt. Von Stefan-Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er gilt als das wichtigste Nachschlagewerk \u2013 auch in Zeiten der Digitalisierung ist das analoge Mammutwerk der deutschen Sprache nach wie vor ein Bestseller. Doch Corona-bedingt wird der Duden dicker. Der gute alte Duden, wenngleich das Vintage-M\u00f6bel des deutschen Bildungsb\u00fcrgerhaushalts, der Brockhaus und Co. \u00fcberlebt hat, z\u00e4hlt immer noch zum Inventar der Bundesb\u00fcrger. Telefonbuch, Duden, Branchenbuch, wenn man nicht viel auf B\u00fccher h\u00e4lt, der Duden jedenfalls geh\u00f6rt dazu. Dass er mittlerweile 140 Jahre auf dem Buckel hat und einer Zeit entstammt, wo Pferdekutschen, die Stra\u00dfen s\u00e4umten, die \u201eKabelnachricht\u201c der letzte Schrei war, das Telefon \u2013 von Johann Philipp Reis, dem Telefonerfinder aus Gelnhausen \u2013 gerade mal \u00fcber 20 Jahre die Welt begl\u00fcckte, man \u201eTressenr\u00f6cke\u201c und H\u00fcte trug und auf Reisen noch einen \u201eZehrpfennig\u201c mit sich f\u00fchrte.<\/p>\n<h4>Das Wort Telefon ist geblieben<\/h4>\n<p>Das Telefon ist im Zeitalter von i-Phone geblieben, den irgendwie ist ein Smartphone auch ein Sprachempf\u00e4nger, wenngleich es f\u00fcr die Jugend eigentlich nur einen Daumenverst\u00e4rker ist, mit dem sie eine Vielzahl von Plattit\u00fcden, Banalit\u00e4ten und Nichtigkeiten in die Welt senden. Reden will ja kaum einer mehr \u2013 und zuh\u00f6ren erst recht nicht: Besser Whats-App oder Instagram mit Cocktail im Sonnenuntergang oder das vielzitierte gepostete Fr\u00fcckst\u00fccksbr\u00f6tchen, das Oliver Pocher mehr Likes verschafft, als ein \u201csinnvoller\u201d Satz aus seinem Munde. Der \u201eTressenrock\u201c, der \u201eZehrpfennig\u201c und die \u201eKabelnachricht\u201c wurden hingegen gestrichen. So alt ist der Duden nun auch wieder nicht. Was bis 2017 noch ein Begriff oder Wort war, das die deutsche Sprache zierte, ist nun, nach drei Jahren, nicht mehr lernbarer Buchstabenstoff. Auch der \u201eSchlafg\u00e4nger\u201c, den es zwar immer noch gibt, findet im Duden keine Erw\u00e4hnung mehr. Und auch die \u201eKammerjungfer\u201c, die manch einer gern noch h\u00e4tte, sofern man eine Jungfer noch findet, ist genauso obsolet wie im Zeitalter der Emanzipation und des Gender-Mainstreams das Wort \u201ebeweiben\u201c.<\/p>\n<p>Stattdessen war das Nachschlagewerk nie aktueller als gerade in Corona-Zeiten. Wortpr\u00e4gungen, die die wohl schwerste Pandemie aller Zeiten im Gep\u00e4ck hat, z\u00e4hlen nun erstmals zum deutschen Sprachgut und sind damit f\u00fcr Legastheniker, worunter sich auch der th\u00fcringische Ministerpr\u00e4sident Bodo Ramelow z\u00e4hlte, in das Standardwerk geflossen: Reproduktionszahl, Herdenimmunit\u00e4t, Ansteckungskette, Infektionskette, Covid-19, Reproduktionszahl und Lockdown sind W\u00f6rter, die der neuen Realit\u00e4t entstammen. Man h\u00e4tte auch gern auf sie verzichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Der Duden wimmelt nur so vor Anglizismen<\/h4>\n<p>Aber nicht nur Corona hat Spuren hinterlassen. Der Duden wimmelt nur so vor Anglizismen. \u201eHome-Office\u201c ist eins \u2013 und auch dies verdankt sich letztendlich der Coronakrise. W\u00e4hrend die amerikanischen Soldaten, die einst Deutschland befreiten, auswandern weil der amerikanische Pr\u00e4sident Donald Trump die Bundesb\u00fcrger bestrafen will weil sie zu wenig Geld f\u00fcr die Nato ausgeben, wandern umgekehrt, W\u00f6rter aus dem angloamerikanischen Sprachraum massenweise ein: \u201eInfluencer\u201c, \u201eHatespeech\u201c, \u201eTiny House\u201c, \u201eBrexiteer\u201c, \u201eCraftbeer\u201c, \u201eLifehack\u201c oder der \u201ePowerbank\u201c oder \u201eFridays for future\u201c. Was der Deutsche nicht mehr in die eigene Sprache zu transformieren vermag, wird einfach adaptiert \u2013 und der Duden bringt es unter ein Dach. Das gilt auch f\u00fcr Verben, die sich in der Alltagssprache immer st\u00e4rker verbreiten: Wer spricht schon von gefallen, wenn er \u201eliken\u201c sagen kann. Auch \u201edoodeln\u201c oder \u201eleaken\u201d sind Sprachrenner, oder eben auch Deutsch-Vernichter. Aber der Duden ist neben Vintage eben auch ein Newcomer, wenn es um den Zeitgeist geht.<\/p>\n<h4>Das Adjektiv \u201egenderfluid\u201c ist ein bemerkenswerter Neuzugang<\/h4>\n<p>Die Zeiten, das hat auch der Duden gemerkt, sind nicht mehr Schwarz oder Wei\u00df, es gibt nicht mehr nur Frauen oder M\u00e4nner, es gibt beides, es gibt das biologische und das gesellschaftliche Geschlecht, Toiletten gar f\u00fcr das dritte Geschlecht. Manche sind M\u00e4nner, f\u00fchlen sich aber als Frauen. Das gleiche gilt umgekehrt. Der Duden, vor 140 Jahren undenkbar, ist Geschlechtersensibel geworden. So findet sich unter den bemerkenswerten Neuzug\u00e4ngen das Adjektiv \u201egenderfluid\u201c (\u201eeine sich zwischen den Geschlechtern bewegende Geschlechtsidentit\u00e4t bezeichnend\u201c). Auch spart der neue Duden diesmal nicht mit Hinweisen zum gendergerechten Sprachgebrauch.<\/p>\n<h4>Sogar das Zwinkersmiley hat er brav aufgenommen<\/h4>\n<p>Der Duden ist aktueller denn je, sogar das Zwinkersmiley hat er brav aufgenommen. Das freut den Satiriker und Abgeordneten des Europ\u00e4ischen Parlaments, Martin Sonnenborn von der \u201eDie Partei\u201c sicherlich sehr, wenn auch Europa ohne ihn und das Smiley ganz gut zurechtk\u00e4me. Er hatte diesem Wort auf seinem Twitter-Account eine ungeheure Prominenz beschert.<\/p>\n<p>Insgesamt begl\u00fccken den neuen Duden 148.000 Stichw\u00f6rter, 3000 neue, 300 altmodische, die nun wirklich nicht mehr in unsere Zeit passen, wurden gestrichen. Wer will schon \u201eFernsprechanschluss\u201c, wenn doch das i-Phone vor einem liegt. Bei so viel Streichlust verwundert es einen dann doch, dass die alte \u201eW\u00e4hlscheibe\u201c \u00fcberlebt hat. Hier ist wahrscheinlich der Duden nun doch seiner Zeit voraus als einem Huawei-Strategen lieb sein kann. Denn wenn 5G wirklich so gef\u00e4hrlich ist und die Strahlungen die Gesundheit sch\u00e4digen, wird manch einer wieder auf ein analoges Telefon umsteigen und damit auf die W\u00e4hlscheibe, wenn er es ganz konventionell will und sogar noch AfD-W\u00e4hler, der an den guten, alten Werten festhalten will, weil er sonst keine Werte hat. F\u00fcr weniger alte Werte stehen das \u201eGeisterspiel\u201c, das \u201eKatzenvideo\u201c und f\u00fcr die Hipsterfraktion das \u201eBart\u00f6l\u201c und der \u201eM\u00e4nnerdutt\u201c. Das eine wird Komiker Helge Schneider erfreuen, denn Katzenklo und Katzenvideo lassen sich bei Instagram gut posten, virale Aufmerksamkeit garantiert.<\/p>\n<h4>Mehr deutsche W\u00f6rter w\u00e4ren auch wieder sch\u00f6n<\/h4>\n<p>Der Duden hat sich voll ins Zeug gelegt \u2013 und die Redaktionsleiterin Kathrin Kunkel-Razum darf gespannt auf die Reaktionen sein. \u201eWir legen Wert darauf zu sagen, dass das keine Regel ist, die wir verordnen\u201c, betonte sie gegen\u00fcber der dpa. Der wohlmeinende Dudenleser w\u00fcnscht ihr viel Gl\u00fcck. Das Machtwerk der deutschen Sprache ist einfach zu alt, als dass man nur n\u00f6rgeln wollte. Nur ob der Zeitgeist immer der beste Ratgeber ist, bleibt anzuzweifeln. Vielleicht sollten die Sprachforscher mal die deutsche Sprache wieder veredeln lernen, als sich von Anglizismen ein\u201egooglen\u201c zu lassen. Zu w\u00fcnschen w\u00e4re es.<\/p>\n<h1>In Coronazeiten m\u00fcssen wir mehr Europa wagen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz8.08.2020Europa, Gesellschaft &amp; Kultur, Medien<\/p>\n<p>\u201cThe European\u201d traf den Vorstandsvorsitzenden der Versicherungskammer Bayern, Frank Walthes zum Interview. Der Versicherungsexperte, selbst ein \u00fcberzeugter Europ\u00e4er erkl\u00e4rte: Europa funktioniert nur, wenn wir mehr Koh\u00e4sion wagen. Nur durch die F\u00f6rderung des sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhalts kann der Kontinent zusammenwachsen. Dies gilt in Zeiten von Corona umso mehr.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Die Coronakrise ist eine Herausforderung f\u00fcr die Gesellschaft. Was hat die Versicherungskammer f\u00fcr ihre Kunden getan?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Pandemie wird auch an der Versicherungskammer nicht spurlos vor\u00fcbergehen. Denn wir geh\u00f6ren zu den Top 10 der deutschen Versicherungswirtschaft und sind als Regionalversicherer aufgrund unserer Kundenn\u00e4he auch immer Teil der Gesellschaft. Dank unserer systematischen Investitionen in den vergangenen Jahren, insbesondere in die Digitalisierung und Automatisation, haben wir uns in dieser herausfordernden Zeit einen Vorsprung erarbeitet, den sowohl unsere Kunden als auch Vertriebspartner positiv goutieren. Trotz des tempor\u00e4ren Wegfalls pers\u00f6nlicher Beratungsgespr\u00e4che in den Sparkassen- und Bankfilialen sowie den Agenturen und Gesch\u00e4ftsstellen w\u00e4hrend des \u201eshut downs\u201c, hatten und haben unsere Kunden immer die M\u00f6glichkeit, ihre Vertriebspartner \u00fcber virtuelle Kan\u00e4le jederzeit zu erreichen. Neben der Beratung via Telefon oder Videokonferenzsystemen k\u00f6nnen sie ihren Vertrag mittels digitaler Unterschrift sogar direkt abschlie\u00dfen. Unsere Erreichbarkeit und unsere Produktivit\u00e4t sind auch bei einer Homeoffice-Quote von 80 \u2013 90 Prozent auf einem unver\u00e4ndert hohen Niveau. Besonders in der Krise manifestieren sich Vertrauen und Leistungskraft. Auch dort, wo es um den individuellen Versicherungsvertrag jedes einzelnen geht, kommen wir Kunden und Vertriebspartnern in dieser Ausnahmesituation in vielf\u00e4ltiger Weise und \u00fcber nahezu alle Versicherungssparten entgegen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>In Ihrem Portfolio findet sich eine Betriebsschlie\u00dfungsversicherung, insbesondere f\u00fcr den Hotel- und Gastst\u00e4ttenbereich. Wie ist Ihr Unternehmen f\u00fcr bzw. gegen eine m\u00f6gliche zweite Welle ger\u00fcstet?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir haben im Konzern die erste Welle der Pandemie, gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden und Vertriebspartnern, organisatorisch und gesundheitlich gut gemeistert. Ich bin somit zuversichtlich, dass wir auch auf eine m\u00f6gliche zweite Welle, die hoffentlich nicht so kommt, wie im Extrem-Szenario bef\u00fcrchtet, ebenso gut oder noch besser vorbereitet sind und sie bew\u00e4ltigen werden. Dennoch, die Welt dreht sich weiter und so m\u00fcssen wir auch unsere Ma\u00dfnahmen entsprechend m\u00f6glicher neuer Einflussfaktoren anpassen.<\/p>\n<p>Wenn Sie danach fragen, wie wir unsere Leistungspflicht gegen\u00fcber unseren Kunden aus dem Hotel- und Gastst\u00e4ttenbereich bei einer weiteren, durch den Staat veranlassten Gesamtschlie\u00dfung einer Branche sehen, kann ich Ihnen nur sagen, dass sich am Bedingungswerk nichts ge\u00e4ndert hat. Eine beh\u00f6rdlich angeordnete Branchenschlie\u00dfung stellt kein versicherbares Ereignis unter den heutigen Gegebenheiten dar. Doch auch bei der teils sehr emotionalen Diskussion in den vergangenen Wochen kann ich f\u00fcr unser Haus betonen, dass wir von Beginn an im Rahmen einer gemeinsamen Initiative nach einer tragf\u00e4higen L\u00f6sung gesucht und diese mit dem Bayerischen Wirtschaftsministerium, Dehoga und wesentlichen Teilen der bayerischen Versicherungswirtschaft auch gefunden haben.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Unsere Welt vernetzt sich immer weiter. Welche Rolle spielt das Thema Digitalisierung bei den gro\u00dfen Versicherern?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>F\u00fcr die Versicherungskammer spielt die Digitalisierung schon seit geraumer Zeit eine strategisch bedeutende Rolle. Sie hilft uns enorm, Prozesse im Sinne und zum Nutzen unserer Kunden zu vereinfachen und dabei wertvolle Zeit f\u00fcr andere Kundenanliegen entlang unserer \u201eKundenreise\u201c zu gewinnen. Die aktuelle Situation zeigt nicht nur f\u00fcr Versicherer wie wichtig das Thema Digitalisierung und damit verbunden die Herausforderungen an die Transformation in der gesamten Gesellschaft sind. Denken Sie beispielsweise nur an die Schulen mit deren aktuellem virtuellen Unterrichtsformat. Und damit meine ich nicht nur den notwendigen Netzausbau in l\u00e4ndlichen Regionen oder die notwendige Hardware; wir m\u00fcssen gleicherma\u00dfen in das Know-how und das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den richtigen Umgang und Einsatz der vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten investieren. Wir brauchen insgesamt eine transformative Innovations- und Investitionsagenda, um die technologische Modernisierung in Wirtschaft und Gesellschaft voran zu treiben und damit die Wachstumsgrundlagen f\u00fcr die Zukunft zu schaffen. Das muss unser aller gemeinsames Ziel sein.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Wissensmanagement und neue Lernformen sind ein zentrales Zukunftsthema der Digitalisierung. Sie unterst\u00fctzen Projekte zur Erweiterung der digitalen Medienkompetenzen in berufsbegleitender Qualifizierung. Warum stehen solche Projekte auf Ihrer Agenda? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Neue, oft agile Formen der Zusammenarbeit und stetig hinzu kommende digitale L\u00f6sungen verlangen eine Ver\u00e4nderung langj\u00e4hrig erlernter und gelebter Verhaltensmuster. Besch\u00e4ftigte sollen mitgestalten, neue L\u00f6sungsans\u00e4tze definieren und digitale Kompetenzen zeigen. Deshalb haben wir uns als Unternehmenspartner dem Projekt MEDEA angeschlossen. MEDEA steht f\u00fcr \u201eErfahrungsgeleiteter arbeitsintegrierter Erwerb von digitalen Medienkompetenzen in der berufsbegleitenden Qualifizierung\u201c und ist ein F\u00f6rderprojekt des Programms \u201eDigitale Medien in der beruflichen Bildung\u201c des Bundesministeriums f\u00fcr Bildung und Forschung und dem Europ\u00e4ischen Sozialfonds. Die Beteiligten bestimmen selbst, welche Lernfelder sie zum Ausbau digitaler Kompetenzen priorisieren und umsetzen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Das Home-Office hat sich in der Coronakrise als eine Alternative zum B\u00fcro entwickelt, ist das auch eine Perspektive f\u00fcr die Versicherungskammer? Bundesminister Heil plant ein Recht auf Home-Office. Geht das \u00fcberhaupt, z\u00e4hlt nicht die N\u00e4he zum Klienten?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wenn auch nicht gesetzlich verankert, die M\u00f6glichkeit auf Home-Office hatten unsere Mitarbeitenden immer dort, wo es m\u00f6glich war, schon vor Corona. Wenn es aber um Vertrauensbildung und Bindung oder um Erfahrungs- und Meinungsaustausch geht, ist der pers\u00f6nliche Kontakt auch k\u00fcnftig nicht allein durch digitale Kommunikationsmedien zu ersetzen. Das gilt f\u00fcr den Kundenkontakt ebenso wie f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von F\u00fchrungskr\u00e4ften zu ihren Mitarbeitenden. Dennoch, wir werden im Konzern Versicherungskammer kaum mehr zu alten Zeiten zur\u00fcckkehren. Zum einen sehen wir, dass die Arbeit in gro\u00dfen Teilen aus dem Home-Office mit ebenso hoher Qualit\u00e4t erledigt wird und die Mitarbeiterzufriedenheit einen deutlichen Anstieg verzeichnet; zum anderen ist es f\u00fcr viele Mitarbeitende auch eine Erleichterung, wenn sie nicht mehr so h\u00e4ufig teils lange Arbeitswege auf sich nehmen m\u00fcssen. Ich denke, wir werden in Zukunft mindestens ein Hybridmodell etablieren, bei dem die Interessen des Unternehmens ebenso wie die der Mitarbeitenden ber\u00fccksichtigt werden k\u00f6nnen. Wir werden zunehmend ein noch kundenzentrierteres, effizienteres und effektiveres Unternehmen sein. Die aktuelle Situation hilft uns, die strategische und digitale Transformation unseres Hauses z\u00fcgiger voran zu bringen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Wie sieht die Versicherungsbranche der Zukunft aus?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir sehen, dass die Pandemie die Entwicklung vom reinen Offline-Kunden zum hybriden Kunden weiter beschleunigt. Wir agieren auch in Zukunft mehrh\u00e4ndig und setzen nicht nur auf digitale Kan\u00e4le, sondern st\u00e4rken auch unseren personell-digitalen Vertrieb. Wir gehen aber noch einen Schritt weiter, indem wir den Ausbau von \u00d6kosystemen beschleunigen, da unsere Kunden verst\u00e4rkt ganzheitliche L\u00f6sungen im Kontext ihrer Lebenssituation nachfragen. Der Konzern Versicherungskammer ist hier bereits auf einem guten Weg. Mit \u201eUptodate\u201c, unserem eigenen Start-Up, bieten wir heute schon eine Vielzahl von Angeboten rund um das Leben in Haus und Wohnen, zwischenzeitlich mit besonderem Fokus auf die Gesundheit, an. HomeCare und HealthCare sind hier die Stichworte.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Lassen Sie uns anl\u00e4sslich der aktuellen Situation auch noch kurz \u00fcber die Versicherungsbranche hinaus blicken, denn die Gesellschaft lebt ja immer vom Miteinander. Wie l\u00e4sst sich ihrer Meinung nach, diese unter dem Begriff der Koh\u00e4sion gedacht, in der Realit\u00e4t umsetzen; wie m\u00fcssen wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhalt gedacht werden?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Sp\u00e4testens seit den Vertr\u00e4gen von Maastricht dominiert das Postulat des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts alle gemeinschaftlichen Politikbereiche der Europ\u00e4ischen Union. Das Ziel ist die konsequente Schlie\u00dfung wirtschaftlicher, sozialer und technologischer L\u00fccken zwischen den EU-Staaten.<\/p>\n<p>Die kritischen Erfolgsfaktoren dazu lauten heute: demografische Entwicklung, Wertewandel, sinkende Erwerbst\u00e4tigenzahlen, ein deutlich wachsender Anteil erwerbst\u00e4tiger Frauen und mehr Menschen mit Migrationshintergrund. Der erfolgreiche Umgang mit diesen Faktoren f\u00fcr Unternehmen innerhalb Europas h\u00e4ngt auch weiterhin davon ab, wie sie sich in ver\u00e4ndernden, globalen Wirtschaftsstr\u00f6men und im Wettbewerb um qualifiziertes Personal dauerhaft behaupten k\u00f6nnen. Gerade angesichts der aktuell herrschenden Unsicherheit sind offenes Denken und gegenseitiger Respekt f\u00fcr eine gemeinschaftliche Grundhaltung wichtiger denn je. Diversity Management ist eine M\u00f6glichkeit und hilft, auf diese Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft zu reagieren und l\u00e4sst sich, gut durchdacht, als Erfolgsfaktor in einer Unternehmenskultur abbilden. Ein respektvolles Miteinander tr\u00e4gt zu einem besseren Kundenverst\u00e4ndnis bei, f\u00f6rdert den Zusammenhalt im Unternehmen und in der Gesellschaft und ist somit unabdingbar.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Europa ist nach der Coronakrise noch weiter auseinandergedriftet. Statt europ\u00e4ischer Einheit hat der Nationalstaat wieder die F\u00fchrung bei der Bek\u00e4mpfung der Pandemie \u00fcbernommen. Taugt Europa zu Konfliktl\u00f6sungen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Corona-Krise ist eine globale Herausforderung. Sie kann durch eine enge europ\u00e4ische und internationale Zusammenarbeit besser und effektiver bew\u00e4ltigt werden als durch nationale Alleing\u00e4nge oder durch aufkeimenden Protektionismus. Der wirtschaftliche und soziale Zusammenhalt Europas nutzt allen. Das betrifft eine Vielzahl von Herausforderungen, nicht nur den \u00a0Umgang mit dem Coronavirus. Ich denke dabei an die St\u00e4rkung der digitalen Kompetenzen, den Klimawandel, den Gesundheitssektor und nicht zu vergessen die Sicherheitsarchitektur von EU und NATO, in der Europa seine Zusammenarbeit vertiefen muss. Noch haben wir in Pandemiefragen keinen europ\u00e4ischen Bundesstaat mit klaren zentralen Zust\u00e4ndigkeiten. Vielmehr sehen wir hier ein f\u00f6derales, subsidi\u00e4res Labor eines althergebrachten Europas der Vaterl\u00e4nder. In der Tat, wir m\u00fcssen noch viel f\u00fcr die politische Union Europas tun!<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Ihre Vision ist die eines geeinten Europas. Doch nicht erst nach Corona wachsen die Schulden vieler Mitgliedsstaaten ins Unermessliche. Eurobonds sollen hier helfen? Ist das der richtige Weg?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir m\u00fcssen einen Weg finden, Europa durch Solidarit\u00e4t zusammen zu halten, indem die EU direkte Hilfen leistet. Die j\u00fcngsten Vorschl\u00e4ge von Macron und Merkel zur wirtschaftlichen Erholung Europas durch einen Wiederaufbaufonds sowie die Initiativen der Kommissionspr\u00e4sidentin von der Leyen sind hier wegweisend.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Die Koh\u00e4sions- und Strukturpolitik ist eine der zentralen Politikbereiche der Europ\u00e4ischen Union. Koh\u00e4sion steht in der Politik f\u00fcr den Zusammenhalt zwischen einzelnen Staaten und Regionen. Wie k\u00f6nnte diese Ihrer Meinung nach verbessert werden?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Mit der F\u00f6rderung des sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhalts sollen sukzessive die bestehenden Disparit\u00e4ten zwischen den L\u00e4ndern der EU vermieden werden. Entstandene Ungleichgewichte im Zuge der Integrationsschritte vom Binnenmarkt \u00fcber die EU-Erweiterung bis hin zur Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion gilt es zu beseitigen. Die europ\u00e4ische Koh\u00e4sionspolitik verf\u00fcgt \u00fcber eine Reihe von strukturpolitischen Ma\u00dfnahmen, die dem Grunde nach alle als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht sind und gerade keine Transfer-Union begr\u00fcnden. Aktuell schaue ich mit Besorgnis auf diese Europ\u00e4ische Wertegemeinschaft. Ich sehe drei zentrale Bereiche, deren Stabilit\u00e4t h\u00f6chste Aufmerksamkeit erfordern: Innere Sicherheit, Soziales und Finanzen. Es muss uns in der Einheit dieser drei europ\u00e4ischen Themen gelingen, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen und den R\u00fcckstand der am st\u00e4rksten benachteiligten Gebiete zu verringern und dabei auf eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung der einzelnen Teile und des Ganzen zu achten. Der Abstand zwischen strukturschwachen und st\u00e4rkeren L\u00e4ndern und Regionen darf sich nicht weiter vergr\u00f6\u00dfern, sonst manifestiert sich ein weiteres Mal ein Europa verschiedener Geschwindigkeiten.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Die Anti-Lockdown-Strategie von Anders Tegnell hat sich bew\u00e4hrt<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.08.2020Europa, Gesellschaft &amp; Kultur, Medien<\/p>\n<p>Viel gescholten wurde Schweden und sein Staatsepidemiologe Anders Tegnell, weil das n\u00f6rdliche EU-Land innerhalb der Hochphase der Corona-Epidemie einen anderen Weg als der Rest Europas ging. Doch inmitten einer zweiten Welle, wie sie vom Marburger Bund f\u00fcr Deutschland vorausgesagt ist, haben die Schweden die Krise besser gemeistert und stehen im Augenblick zumindest als die eigentlichen Gewinner dar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Die Welt ist in der zweiten Coronawelle gefangen<\/h4>\n<p>Die USA sind im Corona-Ausnahmezustand. Die Zahlen steigen und setzen Donald Trump massiv unter Druck. Australien hat den zweiten Lockdown ausgerufen und Brasilien bleibt in den todbringenden F\u00e4ngen des Virus. Die Weltwirtschaft liegt nach Covid-19 in Tr\u00fcmmern und bricht dramatisch um zehn Prozent ein \u2013 das schwerste konjunkturelle Desaster seit der Finanzkrise 2009 und der Nachkriegszeit. Viele Str\u00e4nde in Europa sind wie leergefegt. Venedig, das Symbol des Overtourism, wirkt pl\u00f6tzlich wie ausgestorben. Die Jugend ist ihrer Abend- und Freizeitkultur beraubt, Festivals und Festspiele abgesagt. Fu\u00dfballfans sind nur noch Geisterseher.<\/p>\n<p>Deutschland konnte \u2013 samt seinen Ausgangsperren, Kontaktbeschr\u00e4nkungen, Masken- und Abstandsregeln, mit seinen Coronastrategen Markus S\u00f6der, Armin Laschet, Jens Spahn und Helge Braun \u2013 trotz rigider Ausnahmepolitik und staatlicher Eingriffe in die Freiheitsrechte die zweite Welle nicht verhindern. Die Fallzahlen steigen und damit auch die Todesf\u00e4lle.<\/p>\n<h4>Anders Tegnells Strategie hat sich bew\u00e4hrt<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend die Bundesrepublik mit einer zweiten Coronawelle k\u00e4mpft, die das Land wie einst die Fl\u00fcchtlingskrise 2015 immer weiter spaltet, scheint die Strategie des schwedischen Staatsepidemiologen Anders Tegnell aufzugehen. Der 64-j\u00e4hrige Tegnell ist das nordische Gesicht an der Coronafront, aber eben nicht im Stil des smarten deutschen Virologen Christian Drosten, sondern eher wie ein r\u00f6mischer Gladiator, der seinem t\u00f6dlichen Gegen\u00fcber nicht ausweicht, sich nicht versteckt, sondern ihm kampfesmutig die Stirn bietet, klar und kantig argumentierend. F\u00fcr diese Taktik wurde Schwedens Staatsepidemiologe lange Zeit wie ein Auss\u00e4tziger behandelt, f\u00fcr den ethische Aspekte keine Rolle im Kampf gegen das Coronavirus spielten. Er habe fahrl\u00e4ssig agiert, Menschenleben aufs Spiel gesetzt, eine Art Poker um die besonders vom Coronavirus betroffenen Altersgruppen gespielt, so die Vorw\u00fcrfe. Sicherlich, Tegnell ist mehr Friedrich Nietzsche als Arthur Schopenhauer, ein Utilitarist, der abw\u00e4gt, dem Triage nicht unbedingt einem ethischen Manko gleichkommt. Er ist einer, der auf Selbstverantwortung statt auf Bevormundung setzt, einer, der auf den gesunden Menschenverstand vertraut, anstatt wie in Deutschland auf eine Straf- und Verbotskultur. Von staatlichen Einschr\u00e4nkungen der Privatsph\u00e4re h\u00e4lt er wenig, auch von der\u00a0 Maskenpflicht, die es in Schweden nach wie vor nicht gibt, w\u00e4hrend sich Deutschland wieder vermummt und L\u00e4nder wie Nordrhein-Westfahen Masken-Muffeln in den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln mit 150 Euro Strafe bei Missachtung den Kampf ansagen, ist der studierte Arzt nicht \u00fcberzeugt.<\/p>\n<h4>Schweden setzte von Anfang an auf Eigenverantwortlichkeit und Herdenimmunit\u00e4t<\/h4>\n<p>In der Fr\u00fchphase des Coronaausbruchs setzte der schwedische Wissenschaftler, wie der britische Premier Boris Johnson, auf Herdenimmunit\u00e4t. Das Virus sei nicht aufzuhalten, es gelte aber die Kurve flach zu halten, um Krankenh\u00e4user nicht zu \u00fcberlasten, lautete die Maxime damals aus Schweden. Aber auch die sozialen Folgen hatte Tegnell stets im Blick: Die Einschr\u00e4nkungen sollten nicht zu streng sein, damit die Menschen auch bereit sind, diese \u00fcber Monate hin zu akzeptieren. Und w\u00e4hrend Deutschland im M\u00e4rz und April auf drakonische Ma\u00dfnahmen pochte, pl\u00e4dierte Tegnell auf die je eigene Verantwortlichkeit des m\u00fcndigen B\u00fcrgers, auf seine Einsicht zum Selbstschutz. \u201eDas Wichtigste, was wir jetzt machen k\u00f6nnen, ist zuhause zu bleiben, wenn wir uns krank f\u00fchlen. Das sagen wir jeden Tag und werden das weiter tun, solange die Epidemie anh\u00e4lt, denn das ist die Grundlage f\u00fcr alles, was wir tun.\u201c<\/p>\n<h4>Niedrige Fallzahlen, kaum Sterblichkeit<\/h4>\n<p>Die Schweden hatten auf dem H\u00f6hepunkt der Corona-Epidemie das \u00f6ffentliche Leben nicht heruntergefahren, Schulen, Kindertagesst\u00e4tten und Restaurants blieben ge\u00f6ffnet. Der Preis daf\u00fcr war bitter. Das Land mit 10 Millionen Einwohnern hat fast 82.000 Corona-Infektionen und mehr als 5.700 Todesf\u00e4lle zu beklagen. Ende Juni erreichte die Zahl der Neuinfektionen mit \u00fcber 1800 einen H\u00f6chststand. Doch seit dem 9. Juli ist die Anzahl der mit dem Coronavirus-Infizierten nicht mehr \u00fcber 500 gestiegen. Derzeit liegt die t\u00e4gliche Zunahme der Corona-F\u00e4lle bei rund 300. Tendenz sinkend. Auch die Zahl der Corona-Todesf\u00e4lle sank pro Tag bereits seit Mitte April kontinuierlich. Die Intensivpatienten in den Spit\u00e4lern werden immer weniger. All dies geschieht in Schweden zu einer Zeit, in der die ganze Welt vor einer zweiten Welle zittert.<\/p>\n<h4>Schweden kommt besser durch die Coronakrise als andere L\u00e4nder mit Lockdown<\/h4>\n<p>Wie es derzeit aussieht, kommt Schweden besser aus der Coronafalle als andere L\u00e4nder, die einen strengen Lockdown verordneten. Und das ist auch der liberalen Strategie des krisenerprobten Spezialisten f\u00fcr Infektionskrankheiten zu verdanken, der sich seine Meriten an den Infektionsherden dieser Welt buchst\u00e4blich im Schwei\u00dfe seines Angesichts verdiente. \u201eMr. Corona\u201c, wie Tegnell in seiner Heimat auch genannt wird, wird derzeit wie ein Volksheld gefeiert. Der Mann, der hemds\u00e4rmlig im T-Shirt und verstrubbelt und unpr\u00e4tenti\u00f6s daherkommt, ist kein Pharis\u00e4er mit Elitebewusstsein, der am unbedingten Buchstaben festklebt, kein Apokalyptiker mit Weltuntergangsstimmung, sondern ein handfester Pragmatiker, der auch den Mut hat, Fehler einzugestehen. Noch Anfang Juni hatte Schwedens Chef-Epidemiologe Verbesserungspotenzial\u00a0 beim vergleichsweise lockeren Corona-Kurs der Regierung einger\u00e4umt. Und selbst Mitte Juni bereute er in einem Interview einen Teil seiner Strategie im Umgang mit dem Coronavirus. Der Schutz vor einer Ansteckung der \u00c4lteren in schwedischen Senioreneinrichtungen sei gescheitert und die Todesrate \u201eschrecklich\u201c. \u201eWir dachten vermutlich, dass unsere alters-segregierte Gesellschaft uns erlauben w\u00fcrde, eine Situation zu vermeiden wie in Italien, wo verschiedene Generationen h\u00e4ufiger zusammenleben. Das erwies sich aber als falsch.\u201c<\/p>\n<h4>\u201eWir haben nicht so viel falsch gemacht\u201c<\/h4>\n<p>Im August sind Zweifel und die berechtigte Selbstkritik verblasst. Tegnells Strategie ist aufgegangen und vielleicht wegweisend f\u00fcr andere L\u00e4nder in der Coronakrise. Die Isolation alter und kranker Menschen, den Risikogruppen, war eines seiner Prim\u00e4rziele, sonst sollte Normalit\u00e4t den Alltag bestimmen. Distanz zu wahren und auf die Hygienema\u00dfnahmen zu achten, waren Tegnells Credos von Beginn der Pandemie an, eine gezielte passive Immunisierung das Ziel. So ist er Anfang August, und die Zahlen geben ihm derzeit recht, \u00fcberzeugt, dass Schweden nicht viel falsch gemacht hat. \u201eIch denke, es war ein gro\u00dfer Erfolg\u201c, sagt Tegnell in einem Interview des Portals \u201eunherd.com\u201c \u00fcber seine Strategie. \u201eWir sehen jetzt schnell sinkende F\u00e4lle, wir hatten kontinuierlich funktionierende Gesundheitsversorgung, es gab zu jeder Zeit freie Betten, nie Gedr\u00e4nge in den Krankenh\u00e4usern, wir konnten Schulen offen halten, was wir f\u00fcr \u00e4u\u00dferst wichtig halten.\u201c<\/p>\n<h4>Der Lockdown ist nicht die Patentl\u00f6sung<\/h4>\n<p>Besorgt hingegen ist Tegnell derzeit \u00fcber den weltweiten Infektionsanstieg. Doch den kritischen Stimmen zu seiner eigenen Coronastrategie hat er vorerst den Wind aus den Segeln genommen. W\u00e4hrend in den Lockdown-Staaten gro\u00dfe Nervosit\u00e4t im Angesicht der weiten Welle ausbricht, sind die Schweden weitgehend durchimmunisiert. Setzte man in Europa auf massenhafte Kontaktsperren zeigt der Fall von Schweden, dass es auch anders geht. Und w\u00e4hrend der Lockdown in Deutschland die Wirtschaft in den Keller schickte, die h\u00e4usliche Gewalt proportional zur Quarant\u00e4ne anstieg, die verordnete Einsamkeit buchst\u00e4blich die Seelen zerfra\u00df, kam es in Schweden nicht zur dramatischen Eskalation von psychischem Leid. Selbst die schwedische Wirtschaft hatte mit dem Verzicht auf einen Total-Lockdown nur eine kleine Delle abbekommen. Das Land muss nur mit einem R\u00fcckgang der Wirtschaftsleistung um nur 1,5 Prozent rechnen. Deutschlands Wirtschaft hingegen brach um \u00fcber 10 Prozent ein. Es ist ein eiskalter Konjunktureinbruch und zugleich die schwerste Krise der Nachkriegszeit.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass so mancher Schwede stolz auf seinen Staatsepidemiologen Anders Tegnell ist und sich das Konterfei des Coronak\u00e4mpfers gern auf den Arm t\u00e4towieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>So will Christian Drosten die zweite Welle verhindern<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.08.2020Europa, Gesellschaft &amp; Kultur, Medien<\/p>\n<p>Der Virologe Drosten hat angeregt, die Corona-Schutzkonzepte zu \u00fcberarbeiten. Wie er betonte, m\u00fcsse sich Deutschland auf eine zweite Welle vorbereiten. Das Coronavirus k\u00f6nnte sich dieses Mal \u201eaus der Bev\u00f6lkerung heraus\u201c verbreiten und nicht wie beim ersten Mal von au\u00dferhalb eingeschleppt werden. Da eine Einzelfall-Nachverfolgung f\u00fcr die Gesundheits\u00e4mter dann nicht mehr m\u00f6glich ist, sei es sinnvoller, den Fokus auf Cluster \u2013 also Mehrfach\u00fcbertragungen \u2013 zu legen. Was diese Cluster sind, erkl\u00e4ren wir Ihnen hier.<\/p>\n<p>Der Chef-Virologe Christian Drosten von der Berliner Charite hatte in einem Gastbeitrag der Wochenzeitung \u201eDie Zeit\u201c vor einer zweiten Welle gewarnt. Diesmal, so seine Bef\u00fcrchtung, k\u00f6nnte das Coronavirus nicht von au\u00dferhalb eingeschleppt werden, sondern sich \u201eaus der Bev\u00f6lkerung heraus\u201c verbreiten. Sollten die Fallzahlen dann steigen, so warnt er, seien die Gesundheits\u00e4mter \u00fcberlastet, sie k\u00f6nnen die Einzelfall-Nachverfolgung nicht leisten. Daher, so Drosten, sei es sinnvoller, nunmehr den Fokus auf Cluster \u2013 also Mehrfach\u00fcbertragungen \u2013 zu legen. Um die Kontakthistorie eines Corona-Falls nachvollziehbar zu machen, schl\u00e4gt der Virologe vor, dass jeder Bundesb\u00fcrger in diesem Winter ein Kontakt-Tagebuch f\u00fchrt. Im Falle einer Kontaktaufnahme mit einem Infizierten in einer m\u00f6glichen Clustersituation wie etwa bei Familienfeiern oder bei Schulklassen, sollten dann sofort f\u00fcnf Tage Quarant\u00e4ne folgen und dann einen Corona-Test gemacht werden. So k\u00f6nne man l\u00e4ngere Quarant\u00e4nen oder Lockdowns vermeiden.<\/p>\n<p>Drosten folgt damit \u00a0Japans Chef-Virologen Hitoshi Oshitani, der im Juli eine Studie zu Superspreadern und Clusterbildung vorgelegt hatte. Der japanische Wissenschaftler h\u00e4lt nicht viel von Corona-Tests. Worum es ihm geht, sind die Zielgruppen herauszufinden, die tats\u00e4chlich f\u00fcr die Verbreitung des Virus verantwortlich sind. Sie zu isolieren, darin sieht er die L\u00f6sung des Problems, um weitere Corona-Infektionen zu vermeiden.<\/p>\n<p>Die neue Studie aus Japan, die nicht testet oder auf Tests setzt, sondern Cluster verwendet, st\u00f6\u00dft mittlerweile auch bei deutschen Wissenschaftlern auf Anerkennung. So hat sich Deutschlands Chef-Virologe Christian Drosten positiv f\u00fcr die japanische Strategie ohne Tests ausgesprochen. Drosten, das Gesicht der Corona-Krise, bewundert und kritisiert, sieht im japanischen Modell zumindest einen gangbaren Weg, der auch in Deutschland zielf\u00fchrend sein k\u00f6nnte, wenn die zweite bef\u00fcrchtete Welle im Herbst ausbrechen sollte. \u201eMutig, aber richtig\u201c nannte der die auch zuerst in Japan umstrittene Cluster-Strategie.<\/p>\n<h4>Wo sind die Superspreader?<\/h4>\n<p>Damit erh\u00e4lt Hitoshi Oshitani, der mit seiner Studie versuchte Superspreader und Superspreading-Events empirisch nachzuweisen, R\u00fcckendeckung aus Deutschland. Oshitani hatte sich auf die Suche nach gemacht, wie Infektionsschwerpunkte entstehen und wo das Risiko besonders hoch ist. Von Januar bis Anfang Mai untersuchte das Team Orte, wo die Gefahr besonders hoch ist, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Laut der Forschergruppe handelt es sich dann um ein Cluster, wenn f\u00fcnf Infektionen an einem Ort zur gleichen Zeit entstanden. Ansteckungen innerhalb eines Haushalts wurden nicht ber\u00fccksichtigt. Der Fokus der Studie lag dabei auf Altenheimen, Fitnessstudios Restaurants, Konzerthallen oder Karaoke-Bars. 61 solche Cluster mit \u00fcber 3000 Infizierten geh\u00f6rten dabei zu den Corona-Hotspots. Die Studie erschien als Vorabver\u00f6ffentlichung auf den Seiten des Fachmagazins \u201eEmerging Infectious Diseases\u201c der amerikanischen Centers for Disease Control (CDC).<\/p>\n<h4>Die Superspreader-Events sind f\u00fcr einen explosionsartigen Anstieg von Corona verantwortlich<\/h4>\n<p>Hitoshi Oshitanis Cluster-Studie wird unterdessen von immer mehr internationalen Wissenschaftsexperte geteilt. Die meisten Infizierten stecken kaum weitere Menschen an, w\u00e4hrend die sogenannten Superspreader geradezu den Virus exponentiell verbreiten. Auch die Superspreader-Events sind letztendlich f\u00fcr einen explosionsartigen Anstieg von Corona verantwortlich, l\u00f6sen geradezu wellenartige Infektionsketten aus. \u201eVermutlich bewirken zehn Prozent der F\u00e4lle 80 Prozent der Ausbreitung. W\u00fcssten die Experten, wo solche Ereignisse zu erwarten sind, k\u00f6nnten sie versuchen, die Ausbr\u00fcche zu verhindern statt gro\u00dfe Bereiche der Gesellschaft lahmzulegen\u201c, sagte etwa der Epidemiologe Adam Kucharski von der London School of Hygiene and Tropical Medicine.<\/p>\n<p>Die Zahl der Corona-Neuinfektionen stieg Mitte Juli im Osten Europas an. Aber auch Spanien ist wieder in der Coronakrise angekommen. \u00d6sterreich, das glaubte, sich gut durch die Corona-Krise zu man\u00f6vrieren, die Masken \u00fcber Bord warf, wurde wieder von der Corona-Realit\u00e4t eingeholt. Wilde Partys, Clubbesuche und eine die Gefahr ignorierende Jugend, die frenetisch in die zweite Welle tanzt, setzt sich in einer geradezu infantilen Hybris \u00fcber alle staatlichen Anweisungen rebellisch hinweg. Gerade auf dem Balkan, wo an den Str\u00e4nden Partys ohne Sicherheitsabstand und ohne Maskenplicht gefeiert werden, ist die Zahl der neuen Coronaf\u00e4lle alarmierend. Auch in Japan kam es zu einem Neuanstieg. Die Betroffenen waren zu 70 Prozent zwischen 20 und 30 Jahren alt. Den Ursprung hatten die aktuellen Neuinfektionen in den Ausgehvierteln der Stadt.<\/p>\n<h4>Enger Kontakt in geschlossenen R\u00e4umen mit schlechter Luftzirkulation sei die Hauptquelle f\u00fcr Corona<\/h4>\n<p>Dies best\u00e4tigt ist These von Hitoshi Oshitani, dass es vor allem junge Leute sind, die selbst kaum Symptome haben, aber den Virus weiter verbreiten. Selbst wenn ein Superspreader nicht immer zu identifizieren ist, der letztendlich einen Cluster-Ausbruch ausl\u00f6ste, der Nachweis gelang nur in 22 F\u00e4llen, sind es Frauen unter 30, die keine Symptome zeigen, die aber f\u00fcr die Verbreitung der hochinfekti\u00f6sen Viren sorgen. In der Studie blieb offen, warm es gerade Frauen in dieser Altersgruppe sind, was das Team um Oshitani aber herausfand, ist, dass die Superspreader zwischen 20 und 39 Jahre alt sind. Enger Kontakt in geschlossenen R\u00e4umen mit schlechter Luftzirkulation sei die Hauptquelle. Aber auch Fitnessstudios, Konzerte, Clubs, Barbesuche und Kneipen, wo sich \u00fcberwiegend j\u00fcngere Menschen treffen, lie\u00dfen sich als Kristallisationspunkte der Infektionen nachweisen. Dagegen konnten die Wissenschaftler ein Infektionsrisiko in den U-Bahnen ausschlie\u00dfen, die zumindest in Tokio sorgf\u00e4ltig desinfiziert wurden und wo die Menschen ohnehin routinem\u00e4\u00dfig einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Dass die U-Bahnen relativ sicher sind, liegt, wie Hitoshi Oshitani betont, daran, dass dort nicht so oft telefoniert wird und die Menschen meistens schweigen.<\/p>\n<h4>Statt Lockdown und Massentests \u2013 Clusterfahndung<\/h4>\n<p>In Deutschland wird nach G\u00fctersloh und dem j\u00fcngsten Corona-Ausbruchs in Niedersachsen, wo 66 Mitarbeiter eines Wiesenhof-Schlachthofs positiv auf das Coronavirus getestet worden, immer wieder \u00fcber lokale Lockdowns nachgedacht, um keinen zweiten Supershutdown wie im M\u00e4rz auszurufen, der das Alltagsleben und die Wirtschaft f\u00fcr Monate lahmlegt. Genau in diese Richtung gehen auch die Untersuchungen von Hitoshi Oshitani, der zum Krisenteam der japanischen Regierung geh\u00f6rt, und dessen Corona-Strategie darauf hinausl\u00e4uft, keinen landesweiten Lockdown herbeizuf\u00fchren. Im Unterschied zu\u00a0 Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien hatten die Japaner zwar keine so harten Ausgangsbeschr\u00e4nkungen zur Hauptkrisenzeit, sie empfahlen aber das Homeoffice. Trotz dieser gewissen Lockerungen kam das, \u00e4hnlich wie Deutschland dicht besiedelte Japan, das auf eine ebenso hohe Zahl von \u00fcberalterten Bev\u00f6lkerungsgruppen verweisen kann, besser als viele europ\u00e4ische L\u00e4nder durch die Covid-19 Krise. Von den fast 130 Millionen Einwohnern, fast 50 Millionen mehr als in der Bundesrepublik, kam es nur zu 24.000 nachgewiesenen Infektionen und knapp 1000 Todesf\u00e4llen.<\/p>\n<p>Anders als in Deutschland, wo auf Corona-Tests als probates Kampfmittel gegen die Verbreitung des Virus gesetzt wird, praktiziert Japan eine Cluster-\u00dcberwachung ohne Tests. Wenn eine Infektion auftritt, werden die Kontakte des Betroffenen verfolgt und das Umfeld prophylaktisch in Quarant\u00e4ne geschickt \u2013 ohne auf Testergebnisse zu warten. Die Cluster-\u00dcberwachung sei damit, so Oshitani, effektiver als viele Corona-Tests. Zu dieser Erkenntnis sei man bereits bei der Sars-Epidemie gekommen. \u201eWir hatten schon bei der Sars-Epidemie entdeckt, dass nicht jeder Infizierte jemanden ansteckte, sondern einige wenige sehr viele andere. Durch solche Superspreader entstehen Cluster. Das hatten wir auch beim neuen Coronavirus vermutet.\u201c In Japan bleibt die Verfolgung von Superspreadern und deren Clustern damit die wichtigste Ma\u00dfnahme bei der Bek\u00e4mpfung von Covid-19.\u201d<\/p>\n<p>Beim Kampf gegen das Coronavirus wurden innerhalb der letzten Monate verschiedene Studien vorgelegt. Eine der spektakul\u00e4rsten, war die Untersuchung von <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/wirtschafts-kurier\/risiko-corona-patienten-haben-blutgruppe-a\/\">Blutgruppen<\/a> und welche Rolle diese bei der Ansteckung haben. Aber auch Studien zur <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/coronavirus-gibt-es-einen-zusammenhang-von-luftverschmutzung-und-corona-infizierten-und-coronatoten\/\">Luftverschmutzung<\/a>, die das Coronavirus unterst\u00fctze, der <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/the-european-redaktion\/coronavirus-studie-die-immuntyp-entscheidet-uber-leben-oder-tod\/\">Immunstatus<\/a> sowie der Einfluss von <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/the-european-redaktion\/neue-studie-aus-den-usa-helfen-roentgenstrahlen-gegen-covid-19\/\">R\u00f6ntgenstrahle<\/a><a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/the-european-redaktion\/neue-studie-aus-den-usa-helfen-roentgenstrahlen-gegen-covid-19\/\">n<\/a> waren das Ziel von Forschergruppen. Von der japanischen Studie kann man lernen: Wenn Risikofaktoren f\u00fcr Infektions-Cluster bekannt sind, k\u00f6nnen Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen viel gezielter durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<h1>Forscher finden Superspreader bei T\u00f6nnies<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz24.07.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Ein Mitarbeiter in der Rinderzerlegung hat bei T\u00f6nnies in Rheda-Wiedenbr\u00fcck im Mai 2020 laut einer neuen Studie das Coronavirus fl\u00e4chendeckend verteilt. Dabei wurde das Virus, so das Forschungsergebnis von Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums f\u00fcr Infektionsforschung (HZI), der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und des Leibniz-Instituts f\u00fcr Experimentelle Virologie (HPI), auf mehrere Personen im Umkreis von mehr als acht Metern \u00fcbertragen. F\u00fcr die Studie wurden die Arbeitsbedingungen, die Standorte der Arbeiter und die Infektionsketten anhand von Virussequenzen analysiert.<\/p>\n<p><em>Ob bei T\u00f6nnies oder Wiesenhof, die Kette der Neuinfektionen mit dem Coronavirus rei\u00dft in Deutschland nicht an. Auch in Spanien und \u00d6sterreich steigen die Fallzahlen wieder deutlich an \u2013 von Braslien, den USA, Indien und Israel ganz zu schweigen. Nun hat der Bayerische CSU-Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der \u2013 auch aus einer wohlbeg\u00fcndeten Furcht vor einer zweiten Coronawelle \u2013 f\u00fcr Deutschland Massentests gefordert und will verbindliche Pflichttests bei der Einreise auf Flugh\u00e4fen einf\u00fchren. W\u00e4hrend die Bundesrepublik auf Tests setzt, m\u00f6glicherweise mit Zwang, geht man in Japan einen v\u00f6llig anderen Weg. Statt Testung gilt es die Superspreader zu identifizieren, um diese dann gezielt zu isolieren. Aber wer sind eigentlich die Super-\u00dcbertr\u00e4ger und warum ist diese Methode erfolgreicher als Coronatests?<\/em><\/p>\n<p>Wer sind eigentlich die Superspreader? Japans Chef-Virologe Hitoshi Oshitani hat dazu nun eine Studie vorgelegt. Der Wissenschaftler h\u00e4lt nicht viel von Corona-Tests. Worum es ihm geht, sind die Zielgruppen herauszufinden, die tats\u00e4chlich f\u00fcr die Verbreitung des Virus verantwortlich sind. Sie zu isolieren, darin sieht er die L\u00f6sung des Problems, um weitere Corona-Infektionen zu vermeiden.<\/p>\n<p>Die neue Studie aus Japan, die nicht testet oder auf Tests setzt, sondern Cluster verwendet, st\u00f6\u00dft mittlerweile auch bei deutschen Wissenschaftlern auf Anerkennung. So hat sich Deutschlands Chef-Virologe Christian Drosten positiv f\u00fcr die japanische Strategie ohne Tests ausgesprochen. Drosten, das Gesicht der Corona-Krise, bewundert und kritisiert, sieht im japanischen Modell zumindest einen gangbaren Weg, der auch in Deutschland zielf\u00fchrend sein k\u00f6nnte, wenn die zweite bef\u00fcrchtete Welle im Herbst ausbrechen sollte. \u201eMutig, aber richtig\u201c nannte der die auch zuerst in Japan umstrittene Cluster-Strategie.<\/p>\n<h4>Wo sind die Superspreader?<\/h4>\n<p>Damit erh\u00e4lt Hitoshi Oshitani, der mit seiner Studie versuchte Superspreader und Superspreading-Events empirisch nachzuweisen, R\u00fcckendeckung aus Deutschland. Oshitani hatte sich auf die Suche nach gemacht, wie Infektionsschwerpunkte entstehen und wo das Risiko besonders hoch ist. Von Januar bis Anfang Mai untersuchte das Team Orte, wo die Gefahr besonders hoch ist, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Laut der Forschergruppe handelt es sich dann um ein Cluster, wenn f\u00fcnf Infektionen an einem Ort zur gleichen Zeit entstanden. Ansteckungen innerhalb eines Haushalts wurden nicht ber\u00fccksichtigt. Der Fokus der Studie lag dabei auf Altenheimen, Fitnessstudios Restaurants, Konzerthallen oder Karaoke-Bars. 61 solche Cluster mit \u00fcber 3000 Infizierten geh\u00f6rten dabei zu den Corona-Hotspots. Die Studie erschien als Vorabver\u00f6ffentlichung auf den Seiten des Fachmagazins \u201eEmerging Infectious Diseases\u201c der amerikanischen Centers for Disease Control (CDC).<\/p>\n<p>Hitoshi Oshitanis Cluster-Studie wird unterdessen von immer mehr internationalen Wissenschaftsexperte geteilt. Die meisten Infizierten stecken kaum weitere Menschen an, w\u00e4hrend die sogenannten Superspreader geradezu den Virus exponentiell verbreiten. Auch die Superspreader-Events sind letztendlich f\u00fcr einen explosionsartigen Anstieg von Corona verantwortlich, l\u00f6sen geradezu wellenartige Infektionsketten aus. \u201eVermutlich bewirken zehn Prozent der F\u00e4lle 80 Prozent der Ausbreitung. W\u00fcssten die Experten, wo solche Ereignisse zu erwarten sind, k\u00f6nnten sie versuchen, die Ausbr\u00fcche zu verhindern statt gro\u00dfe Bereiche der Gesellschaft lahmzulegen\u201c, sagte etwa der Epidemiologe Adam Kucharski von der London School of Hygiene and Tropical Medicine.<\/p>\n<p>Die Zahl der Corona-Neuinfektionen stieg Mitte Juli im Osten Europas an. Aber auch Spanien ist wieder in der Coronakrise angekommen. \u00d6sterreich, das glaubte, sich gut durch die Corona-Krise zu man\u00f6vrieren, die Masken \u00fcber Bord warf, wurde wieder von der Corona-Realit\u00e4t eingeholt. Wilde Partys, Clubbesuche und eine die Gefahr ignorierende Jugend, die frenetisch in die zweite Welle tanzt, setzt sich in einer geradezu infantilen Hybris \u00fcber alle staatlichen Anweisungen rebellisch hinweg. Gerade auf dem Balkan, wo an den Str\u00e4nden Partys ohne Sicherheitsabstand und ohne Maskenplicht gefeiert werden, ist die Zahl der neuen Coronaf\u00e4lle alarmierend. Auch in Japan kam es zu einem Neuanstieg. Die Betroffenen waren zu 70 Prozent zwischen 20 und 30 Jahren alt. Den Ursprung hatten die aktuellen Neuinfektionen in den Ausgehvierteln der Stadt.<\/p>\n<h4>Frauen unter 30 verbreiten das Coronavirus<\/h4>\n<p>Dies best\u00e4tigt ist These von Hitoshi Oshitani, dass es vor allem junge Leute sind, die selbst kaum Symptome haben, aber den Virus weiter verbreiten. Selbst wenn ein Superspreader nicht immer zu identifizieren ist, der letztendlich einen Cluster-Ausbruch ausl\u00f6ste, der Nachweis gelang nur in 22 F\u00e4llen, sind es Frauen unter 30, die keine Symptome zeigen, die aber f\u00fcr die Verbreitung der hochinfekti\u00f6sen Viren sorgen. In der Studie blieb offen, warm es gerade Frauen in dieser Altersgruppe sind, was das Team um Oshitani aber herausfand, ist, dass die Superspreader zwischen 20 und 39 Jahre alt sind. Enger Kontakt in geschlossenen R\u00e4umen mit schlechter Luftzirkulation sei die Hauptquelle. Aber auch Fitnessstudios, Konzerte, Clubs, Barbesuche und Kneipen, wo sich \u00fcberwiegend j\u00fcngere Menschen treffen, lie\u00dfen sich als Kristallisationspunkte der Infektionen nachweisen. Dagegen konnten die Wissenschaftler ein Infektionsrisiko in den U-Bahnen ausschlie\u00dfen, die zumindest in Tokio sorgf\u00e4ltig desinfiziert wurden und wo die Menschen ohnehin routinem\u00e4\u00dfig einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Dass die U-Bahnen relativ sicher sind, liegt, wie Hitoshi Oshitani betont, daran, dass dort nicht so oft telefoniert wird und die Menschen meistens schweigen.<\/p>\n<h4>Statt Lockdown und Massentests \u2013 Clusterfahndung<\/h4>\n<p>In Deutschland wird nach G\u00fctersloh und dem j\u00fcngsten Corona-Ausbruchs in Niedersachsen, wo 66 Mitarbeiter eines Wiesenhof-Schlachthofs positiv auf das Coronavirus getestet worden, immer wieder \u00fcber lokale Lockdowns nachgedacht, um keinen zweiten Supershutdown wie im M\u00e4rz auszurufen, der das Alltagsleben und die Wirtschaft f\u00fcr Monate lahmlegt. Genau in diese Richtung gehen auch die Untersuchungen von Hitoshi Oshitani, der zum Krisenteam der japanischen Regierung geh\u00f6rt, und dessen Corona-Strategie darauf hinausl\u00e4uft, keinen landesweiten Lockdown herbeizuf\u00fchren. Im Unterschied zu\u00a0 Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien hatten die Japaner zwar keine so harten Ausgangsbeschr\u00e4nkungen zur Hauptkrisenzeit, sie empfahlen aber das Homeoffice. Trotz dieser gewissen Lockerungen kam das, \u00e4hnlich wie Deutschland dicht besiedelte Japan, das auf eine ebenso hohe Zahl von \u00fcberalterten Bev\u00f6lkerungsgruppen verweisen kann, besser als viele europ\u00e4ische L\u00e4nder durch die Covid-19 Krise. Von den fast 130 Millionen Einwohnern, fast 50 Millionen mehr als in der Bundesrepublik, kam es nur zu 24.000 nachgewiesenen Infektionen und knapp 1000 Todesf\u00e4llen.<\/p>\n<p>Anders als in Deutschland, wo auf Corona-Tests als probates Kampfmittel gegen die Verbreitung des Virus gesetzt wird, praktiziert Japan eine Cluster-\u00dcberwachung ohne Tests. Wenn eine Infektion auftritt, werden die Kontakte des Betroffenen verfolgt und das Umfeld prophylaktisch in Quarant\u00e4ne geschickt \u2013 ohne auf Testergebnisse zu warten. Die Cluster-\u00dcberwachung sei damit, so Oshitani, effektiver als viele Corona-Tests. Zu dieser Erkenntnis sei man bereits bei der Sars-Epidemie gekommen. \u201eWir hatten schon bei der Sars-Epidemie entdeckt, dass nicht jeder Infizierte jemanden ansteckte, sondern einige wenige sehr viele andere. Durch solche Superspreader entstehen Cluster. Das hatten wir auch beim neuen Coronavirus vermutet.\u201c In Japan bleibt die Verfolgung von Superspreadern und deren Clustern damit die wichtigste Ma\u00dfnahme bei der Bek\u00e4mpfung von Covid-19.\u201d<\/p>\n<p>Beim Kampf gegen das Coronavirus wurden innerhalb der letzten Monate verschiedene Studien vorgelegt. Eine der spektakul\u00e4rsten, war die Untersuchung von <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/wirtschafts-kurier\/risiko-corona-patienten-haben-blutgruppe-a\/\">Blutgruppen<\/a> und welche Rolle diese bei der Ansteckung haben. Aber auch Studien zur <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/coronavirus-gibt-es-einen-zusammenhang-von-luftverschmutzung-und-corona-infizierten-und-coronatoten\/\">Luftverschmutzung<\/a>, die das Coronavirus unterst\u00fctze, der <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/the-european-redaktion\/coronavirus-studie-die-immuntyp-entscheidet-uber-leben-oder-tod\/\">Immunstatus<\/a> sowie der Einfluss von <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/the-european-redaktion\/neue-studie-aus-den-usa-helfen-roentgenstrahlen-gegen-covid-19\/\">R\u00f6ntgenstrahle<\/a><a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/the-european-redaktion\/neue-studie-aus-den-usa-helfen-roentgenstrahlen-gegen-covid-19\/\">n<\/a> waren das Ziel von Forschergruppen. Von der japanischen Studie kann man lernen: Wenn Risikofaktoren f\u00fcr Infektions-Cluster bekannt sind, k\u00f6nnen Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen viel gezielter durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<h1><strong>Interview mit Prof. Dr. Klaus Vieweg &#8211; Wieso ist Hegel wieder so popul\u00e4r? <\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz2.08.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Der internationale Hegel-Experte Klaus Vieweg hat den Philosophen neu gelesen. Warum der deutsche Idealist Hegel nun der Denker der Freiheit ist, fragen wir den Bestsellerautor.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Wie aktuell ist der Philosoph Georg Wilhelm Hegel im 21. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Die \u201eNew York Times\u201c publizierte eine Kolumne des Philosophen Jay M. Bernstein mit dem Titel: \u201eHegel on Wall Street\u201c, in welcher der Autor dringend die Nutzung der Ressourcen von \u00adHegels praktischer Philosophie empfiehlt, als einer bis heute aktuellen Theorie von Freiheit und Modernit\u00e4t. Heute spricht man zu Recht von einer Hegel-Renaissance, von einem Come back seines Denkens, man k\u00f6nnte es als eine Wiederbelebung des wasserklaren Gedankens beschreiben, als Denken der Freiheit. Was zeichnet die Aktualit\u00e4t von Hegels Denken aus? Im Zentrum steht ein innovatives Verst\u00e4ndnis des Zusammenhangs von Vernunft und Freiheit. Hegel ist der Begr\u00fcnder einer modernen Logik als neuer Metaphysik. Er liefert ma\u00dfgebliche Bausteine f\u00fcr eine philosophische Theorie des Zeichens und der Sprache. Ernst Gombrich zufolge gilt er als Vater der Disziplin Kunstgeschichte, Hegels \u00c4sthetik wird hoch gesch\u00e4tzt. Er entwirft Grundlinien f\u00fcr eine neue Gesellschafts- und Staatstheorie, mit der epochemachenden Unterscheidung von b\u00fcrgerlicher Gesellschaft und Staat revolutioniert er das philosophische Denken des Politischen und wird zu einem der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Soziologie. Hegel konzipiert die erste und bis heute gehaltvollste philosophische Theorie eines auf der Marktordnung fu\u00dfenden sozialen Staates, neben der innovativen philosophischen Logik sein bedeutendster Beitrag. Nach der Corona-Krise w\u00fcrde Hegel vielleicht einen Aufsatz unter dem Titel \u201eDas Ende des Kapitalismus und seine Zukunft\u201c publizieren und ein neues, gegen den Marktfundamentalismus gerichtetes Konzept empfehlen, das naturale und soziale Nachhaltigkeit verkn\u00fcpfen kann. Auch ist Hegel ein scharfer Kritiker von allen Formen des Nationalismus und \u00adAntisemitismus. Einer seiner Berliner H\u00f6rer brachte Hegels Verdienst auf den Punkt: \u201eEs ist unm\u00f6glich, den Geist, den eigentlichen Lebensnerv der Modernen zu erfassen \u2013 ohne Hegel.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sie haben eine viel beachtete Biografie zu Hegel geschrieben und damit 175 Jahre nach Karl Rosenkranz einen gro\u00dfen systematischen Einblick in Leben und Denken gegeben. \u00adHegel schreibt hoch verdichtet, seine Philosophie wird immer als fast unverstehbar kritisiert. Was ist die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung im Denken des Stuttgarters?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Die gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr Hegel war die Fortf\u00fchrung der Revolution im Ideen\u00adsystem, die von Kant eingeleitet und von Fichte und Schelling weitergetrieben wurde, die Herausbildung eines neuen Grundmusters des Philosophierens, dem denkenden Selbstverh\u00e4ltnis mit dem Fundament des Denkens des Denkens: Das begreifende Denken gilt als das, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt. Dieser monistische Idealismus muss nicht vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt werden, Hegels Philosophie steht auf den festen F\u00fc\u00dfen des begrifflichen Denkens. Dies verlangte die Beantwortung der Frage nach dem Anfang der Philosophie, mit welchem man Aristoteles zufolge die H\u00e4lfte der Philosophie habe. Diesem Problem widmete sich \u00adHegels \u201ePh\u00e4nomenologie des Geistes\u201c. Entscheidend ist ebenfalls die Kl\u00e4rung des Zusammenhangs von Vernunft und Freiheit, ausgehend von Hegels Hauptwerk, der \u201eWissenschaft der Logik\u201c als einer Theorie der Selbstbestimmung \u2013 der Begriff ist das Freie. Das v\u00f6llig neue Freiheitsverst\u00e4ndnis hat Hegel in die schwierige Formel vom im Anderen seiner selbst bei sich selbst sein zu k\u00f6nnen gekleidet. Als ein vereinfachtes Beispiel k\u00f6nnte der Sachverhalt der Freundschaft stehen, ganz im Sinne Schillers: Gew\u00e4hrt mir die Bitte, ich sei in eurem Bund der dritte.<\/p>\n<p><strong>Selbst Hegels ber\u00fcchtigten Satz \u201eWas vern\u00fcnftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vern\u00fcnftig\u201c aus den \u201eGrundlinien der Philosophie des Rechts\u201c stelle Vieweg in ein neues Licht, hei\u00dft es in einer Rezensionsnotiz. Was ist neu?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Schon Hegel hatte unmissverst\u00e4ndlich erkl\u00e4rt, dass in seiner Terminologie \u201ewirklich\u201c nicht das gerade Bestehende, Gegebene, sondern nur das ist, was vern\u00fcnftig gestaltet ist. Sein scharfsinniger Sch\u00fcler Heinrich Heine verlangte in diesem Sinne, das Bestehende vern\u00fcnftig und somit wirklich zu machen. In der neuen Hegel-Biografie ging es darum zu zeigen, dass Hegel der Philosoph der Franz\u00f6sischen Revolution und eben nicht der \u00adPhilosoph der Restauration war. Die sollte auch an seinem durchg\u00e4ngigen politischen Engagement belegt werden: Hegel soll jedes Jahr am 14. Juli, dem Tag des Beginns der Franz\u00f6sischen Revolution, ein Glas Champagner genossen haben. Diese Revolution war das pr\u00e4gende weltgeschichtliche Ereignis f\u00fcr sein Leben und Denken. Er trat stets als vehementer Verteidiger der Grundgedanken der Franz\u00f6sischen Revolution auf \u2013 Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit. Er feierte die Revolution als herrlichen Sonnenaufgang der modernen Welt, als Morgenr\u00f6te freier Existenz. Als T\u00fcbinger Student war er einer der Wortf\u00fchrer des revolution\u00e4r-republikanischen Studentenkreises, in Bern konspirierte er mit aus Paris gesendeten Revolution\u00e4ren. In Frankfurt steht er in enger Verbindung mit f\u00fchrenden K\u00f6pfen der Mainzer Republik und vermittelt einen Brief an den ber\u00fchmten Revolution\u00e4r Abbe Sieyes nach Paris, was den Tatbestand des Hochverrats erf\u00fcllte. In Jena erarbeitete er ein Konzept f\u00fcr eine f\u00f6derative, moderne Verfassung f\u00fcr Deutschland. In \u00adBerlin wurde Hegel von der reaktion\u00e4ren Hof-Partei des Republikanismus verd\u00e4chtigt, wegen der Attacken auf die Hauptideologen der Restauration Karl \u00adLudwig von Haller und Savigny. Hegel wirkt engagiert als F\u00fcrsprecher seiner nach den Karlsbader Beschl\u00fcssen eingekerkerten Sch\u00fcler. F\u00fcr den Jenaer Gustav Asverus, dem E.T.A. Hoffmann mit seinem \u201eMeister Floh\u201c ein Denkmal setzt, b\u00fcrgt der Berliner Professor, stellt Kaution und erreicht die Freilassung. Wie schon in Bern und Frankfurt hat die geheime Polizei alles dokumentiert, der Philosoph lebt gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p><strong>Hegel hat nie eine Ethik geschrieben, sondern Gedanken dazu in seine Rechtsphilosophie gekleidet. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Hegel hat zwar kein spezielles Buch zur Ethik geschrieben, aber der Abschnitt \u201eDie Moralit\u00e4t\u201c in seinen \u201eGrundlinien der Philosophie des Rechts\u201c behandelt Grundfragen der Moralphilosophie als einer Theorie des moralischen Handelns, etwa die Fragen der Zurechenbarkeit von \u00adHandlungen, des Guten und des Gewissens.<\/p>\n<p>Besondere Aktualit\u00e4t besitzt Hegels Kritik an heute dominanten Ethik-Konzeptionen: Der Grundsatz: bei den Handlungen die Konsequenzen verachten, und der andere: die Handlungen aus den Folgen beurteilen, und sie zum Ma\u00dfstabe dessen, was Recht und Gut sei, zu machen \u2013 ist beides einseitig. Handlungen sind nur dann zureichend zu bewerten, wenn die Absicht, die Resultate und der Kontext des Handelns zusammengedacht werden. Diesen Kontext beschreibt Hegel mit dem neuen Begriff \u201eSittlichkeit\u201c (Familie, b\u00fcrgerliche Gesellschaft und Staat) \u2013 eine wichtige Innovation f\u00fcr eine Philosophie des Praktischen insgesamt.<\/p>\n<p><strong>Dem Denker des absoluten Idealismus wird immer wieder vorgeworfen, Notwendigkeit statt Freiheit zu setzen, das Individuum in der Gattung aufgehen zu lassen und damit ein \u00adProtagonist des preu\u00dfischen Staates zu sein? Sie haben das entkr\u00e4ftet, aber wie?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Die Rede vom preu\u00dfischen Staats- und Restaurationsphilosophen z\u00e4hlt zu den langlebigsten L\u00fcgenm\u00e4rchen \u00fcber Hegel. Im Anschluss daran wird Hegel von Karl \u00adPopper und anderen als Vordenker des Totalitarismus verschrien \u2013 der Staat sei alles, das Individuum nichts, also Terror des Allgemeinen. Die seri\u00f6se Hegel-\u00adForschung hat diese Legende l\u00e4ngst hinter sich gelassen. Hier w\u00e4re in aller gebotenen K\u00fcrze auf Hegels Grundverst\u00e4ndnis eines modernen Staates hinzuweisen, das auf der logischen Einheit von Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen ruht. Der moderne Staat als das Allgemeine muss die Freiheit aller besonderen Einzelnen repr\u00e4sentieren und gew\u00e4hrleisten. Der Staat bei Hegel, dies bleibt entscheidend, ist der jeder B\u00fcrger selbst, und zwar in seinem Status als B\u00fcrger, in zweiter Hinsicht ist der Staat eine Institution, die aber dazu dienen muss, die Freiheit und das Recht aller Einzelnen zu garantieren. Dies erfordert nat\u00fcrlich eine tiefsch\u00fcrfende Interpretation von Hegels Staatsbegriff, ausgehend von der Hegelschen Logik.<\/p>\n<p><strong>Philosophen wird gemeinhin vorgeworfen, im Elfenbeinturm zu leben. Nun haben Sie einen anderen Hegel gezeichnet. Wie war denn Hegel, wenn er nicht gerade philosophierte?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Das lebenslange politische Engagement wurde schon angedeutet. Hegels Zeitgenossen beschreiben den Philosophen als kommunikativen, geselligen und humorvollen Menschen, der sich in vielf\u00e4ltigen Kreisen bewegte. Eine unb\u00e4ndige Lachlust habe ihn gepr\u00e4gt, er selbst empfahl die Kom\u00f6dien des Aristophanes, so k\u00f6nne man wissen, wie es einem \u201esauwohl\u201c sein kann. In Jena und Weimar pflegte er das gute Gespr\u00e4ch mit Schiller und Goethe, mit Schelling plante er eine italienische Reise. Als Rektor der Berliner Universit\u00e4t unterhielt er sich mit Marianne von Preu\u00dfen \u00fcber den alten Freund H\u00f6lderlin. Er war ein enthusiastischer Theater- und Opernbesucher, charmanter Verehrer von Schauspielerinnen und Operns\u00e4ngerinnen, liebte die Musik von Rossini und Mozart. Felix Mendelssohn-Bartholdy erwischte den Professor, als dieser seine Vorlesung zu fr\u00fch beendete und in die Oper eilte. Mit Frau und den S\u00f6hnen unternahm er Ausfl\u00fcge und besuchte Ausstellungen. Die Schwiegermutter schickt aus N\u00fcrnberg die k\u00f6stlichen Lebkuchen. Hegel war ein begeisterter Kartenspieler, zu seinem Berliner Freundeskreis z\u00e4hlten Heinrich Heine und Zelter, der Leiter der Singakademie. Er kannte prominente Zeitgenossen wie die beiden Humboldts, die Br\u00fcder Schlegel, Jean Paul und E.T.A. Hoffmann. Als Morgenandacht empfahl er das Studium der Zeitungen. Hegel war beeindruckt von der Weltmetropole Paris. Er ben\u00f6tigte einen ganz besonderen Lebenssaft, den durchsichtigen, goldnen, feurigen Wein, um Denken und die Welt durchsichtig machen zu k\u00f6nnen. Diese Geister aus der Flasche waren seine treuesten Weggef\u00e4hrten: Die Sorten reichten vom Riesling und Gew\u00fcrztraminer vom Deidesheimer Weingut Jordan \u00fcber \u00adBordeaux und \u00adW\u00fcrzburger Stein bis zu den Tr\u00e4nen Christi vom Vesuv.<\/p>\n<p><strong>Bei Hegel ist immer die Rede vom Absoluten. Vielen ist unklar, ist dieses \u00adAbsolute nun der Gott des Christentums oder der \u00adatheistische Weltgeist, der sich in seiner Dialektik in die Welt hinein entfaltet?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus Vieweg: Weder das eine noch das andere. Das Absolute ist f\u00fcr Hegel, sehr verknappt gesagt, das begreifende Denken, das Immunit\u00e4t gegen relativistische Einw\u00e4nde gewinnen muss, ein Denken mit dem Anspruch auf philosophische Wahrheit. Das Unw\u00fcrdigste f\u00fcr die Philosophie sei Hegel zufolge das Verzichten auf die Wahrheit, dies habe sich breit gemacht und f\u00fchre das gro\u00dfe Wort. Was gelten soll, muss sich, so Hegel im Anschluss an Kant, vor dem Denken rechtfertigen. Ein Prinzip muss bewiesen werden, es gen\u00fcgt nicht, dass es aus Anschauung, unmittelbarer Gewissheit, gesundem Menschenverstand, blo\u00dfer Meinung oder \u00dcberzeugung kommt, kurz: blo\u00df auf Treu und Glauben angenommen werde. Aber die strikte Forderung des Beweisens ist, so Hegel, f\u00fcr die so vielen und zugleich so einfarbigen so genannten Philosophien der Zeit, f\u00fcr die Modephilosophien, etwas Obsoletes geworden.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>Interview mit Prof. Dr. Nida-R\u00fcmelin &#8211; Schon vor Corona gab es Krisen in der Demokratie<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz2.08.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Er belegt im Ranking der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands seit Jahren Top-Pl\u00e4tze, der Philosophieprofessor Julian Nida-R\u00fcmelin. The European traf Minister Philosophie zum Gespr\u00e4ch und fragte: Ist die Demokratie in Gefahr und welche Rolle spielt die Philosophie im 21. Jahrhundert noch?<\/p>\n<p><strong>Inwieweit ist der \u00adb\u00fcrgerliche Rechtsstaat in der Corona-Krise gut aufgestellt? Wie wird er sich k\u00fcnftig weiterentwickeln?<\/strong><\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der europ\u00e4ischen Demokratien haben ziemlich klaglos die Einschr\u00e4nkung ihrer Grundrechte, die Einschr\u00e4nkung der Berufsfreiheit, Demonstrationsfreiheit und Ausgangsbeschr\u00e4nkungen hingenommen. Das alles sind Rechte, die massiv \u2013 bis hin zu Kontaktsperren \u2013 eingeschr\u00e4nkt wurden. Man konnte sich schon fast Sorgen machen, dass die Bev\u00f6lkerung das toleriert, denn die Essenz der Demokratie wurde dabei infrage gestellt. Demokratie besteht ja nicht darin, dass die Mehrheit entscheidet, sondern darin, dass individuelle Rechte unabh\u00e4ngig davon, welchen Status die Person hat, ber\u00fccksichtigt werden. Gleiche, individuelle Rechte und Freiheiten sind das normative Fundament der Demokratie.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Zukunft gesehen, h\u00e4ngt viel davon ab, wie die weitere Krisenbew\u00e4ltigung abl\u00e4uft. Jetzt haben wir eine deutliche Liberalisierung, die \u00adDynamik ist bemerkenswert und geht weit \u00fcber die politischen Erwartungen hinaus. Sollten neue Wellen zu gew\u00e4rtigen sein, muss alles getan werden, damit wir in Europa nicht mit denselben allgemeinen Ma\u00dfnahmen der Kontakt- und Ausgangsbeschr\u00e4nkungen reagieren m\u00fcssen, dieser gesamtgesellschaftliche Stresstest darf sich nicht in kurzen Abst\u00e4nden wiederholen, dies w\u00fcrde das demokratische Gemeinwesen schwer besch\u00e4digen. Deswegen pl\u00e4diere ich daf\u00fcr, dass wir spezifischer die Gruppen sch\u00fctzen, die gef\u00e4hrdet sind. Das tun wir derzeit nicht, weil gerade alte und kranke Menschen dem Infektionsrisiko in Alten- und Pflegeheimen, sogar in Kliniken besonders stark ausgesetzt waren, mit der Folge einer Verzehnfachung der Letalit\u00e4t von Covid-19 innerhalb weniger Wochen.<\/p>\n<p><strong>Ihr j\u00fcngstes Buch hei\u00dft \u201eDie gef\u00e4hrdete Rationalit\u00e4t der Demokratie\u201c. \u00adWarum ist die Ratio in Gefahr?<\/strong><\/p>\n<p>Mir geht es nicht um eine neue Krisendiagnose. Ich beklage nicht Fehlentwicklungen, sondern richte meine Forschung darauf, was Demokratie eigentlich ist. Und da begegnet man immer wieder einem Missverst\u00e4ndnis. Schon vor Corona gab es Krisen in der Demokratie. Sei es der Populismus von links oder rechts, sei es die Diffamierung Andersmeinender. In Italien wurden die demokratischen Institutionen durch eine populistische Regierung bis zum Sommer des vergangenen Jahres in gro\u00dfer Gefahr ausgeh\u00f6hlt und es drohte die Macht\u00fcbernahme einer Partei am \u00e4u\u00dferen rechten Rand. Dies gilt aber auch f\u00fcr die USA, Gro\u00dfbritannien, Polen und Ungarn. Eine Krisenursache ist ein falsches Verst\u00e4ndnis dessen, was Demokratie eigentlich ist. Also dieses Verst\u00e4ndnis, die besondere Rationalit\u00e4t der Demokratie zu verstehen, darum geht es mir. Viele denken, dass Demokratie sei, wenn die Mehrheit entscheidet. Das ist sie aber nicht. Auch nicht, wenn 60 Prozent eine Partei w\u00e4hlen, dann kann das zu einer Mehrheitsdiktatur von 60 \u00fcber 40 Prozent f\u00fchren. Die Demokratie ist eine Staatsform, die f\u00fcr alle akzeptabel ist. Akzeptabel ist sie, wenn alle wissen, dass auch die Mehrheit ihre individuellen Rechte nicht verletzen kann und sich alle im demokratischen Prozess wiederfinden. Ich spreche da von einem Konsens h\u00f6herer Ordnung. Demokratie ist eine Form der Kooperation. Sie beruht darauf, dass wir solidarisch miteinander so weit sind, dass wir anderen \u2013 wie in der Corona-Krise \u2013 helfen.\u00a0 Ohne Sozialstaatlichkeit gibt es keine Demokratie. Individuelle Rechte und Freiheiten, gleicher Respekt und Anerkennung einerseits und Demokratie als Kooperation andererseits sind die S\u00e4ulen. In diesem Gef\u00fcge spielt die Mehrheitsentscheidung eine Rolle, aber nur sofern sie diese normative Ordnung nicht sprengt.<\/p>\n<p><strong>Sie sind ein Bef\u00fcrworter der Globalisierung, aber wo sehen Sie auch die Kehrseite?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt unterschiedliche Formen der Globalisierung. Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg. Was beispielsweise den Au\u00dfenhandel angeht, bewegen wir uns heute in denselben Dimensionen. Das wurde sp\u00e4ter nach der Weltwirtschaftskrise 1929 ff korrigiert.\u00a0 Was man damals hatte, war eine ungesteuerte Globalisierung, die die einzelnen Nationalstaaten in eine Abh\u00e4ngigkeit von chaotischen Prozessen brachte.\u00a0 Dies stoppte man sp\u00e4ter durch feste Wechselkurse und durch eine stabilit\u00e4tsorientierte Konjunkturpolitik. Jetzt haben wir den historischen Fehler nach dem Ende des Ost-West-Konflikts nochmals gemacht.\u00a0 Wir haben eine weit ungesteuerte, rein marktorientierte Globalisierung, insbesondere innerhalb der Finanzwirtschaft wieder zugelassen. Was wir aber vers\u00e4umt haben, ist die institutionelle Rahmung zu gestalten. Das f\u00e4llt uns jetzt auch in der Corona-Krise auf die F\u00fc\u00dfe, weil keine Masken vorhanden waren, weil die Lieferketten abgerissen sind, weil es keine globalen institu\u00adtionellen Steuerungs\u00adinstrumente gab. 2009 hatten wir ein \u00e4hnliches Desaster schon in der Finanzkrise erlebt. Dort war es ein kleiner Sektor der globalen Wirtschaft, die Immobilienhypotheken in den USA, insbesondere in Kalifornien, die\u00a0 zum Ausl\u00f6ser wurden, der die Weltgesellschaft ersch\u00fctterte. Letztendlich sind es wiederum die Nationalstaaten, die die Probleme l\u00f6sen m\u00fcssen. Denn es kommt Hilfe weder von der Weltgesundheitsorganisation noch von der Europ\u00e4ischen Union. Man sieht erneut eine massive Dysfunktionalit\u00e4t. Wir haben eben keinen Rahmen, der im Notfall bei globalen Katastrophen rationale Entscheidungen erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p><strong>Jede Zeit hat ihre eigene Ethik. Derzeit leben wir im Zeitalter der Digitalisierung. Sie haben ein Buch zum Thema geschrieben: \u201eDigitaler Humanismus\u201c. Was unterscheidet diesen vom Renaissancehumanismus?<\/strong><\/p>\n<p>Die menschliche Person ist Autorin ihres Lebens, das ist die Quintessenz. Der Humanismus reicht weit in die Antike und in viele Religionen hinein. Der Mensch braucht, um Autor seines Lebens zu sein, gewisse Bedingungen wie Bildung, \u00f6konomische Selbst\u00e4ndigkeit, rechtliche Freiheit, politisch, kulturell und sozial abgesichert, damit er Autor seines Lebens sein kann. Es handelt sich um ein Denken, das dem Menschen etwas zutraut. In der NS-Zeit gab es eine massive Propaganda gegen jede Form von Humanismus.\u00a0 Und das gilt bis heute, in immer neuen, manchmal bedrohlichen, manchmal eher albernen Formen: humanistisches Denken und humanistische Praxis sind immer bedroht.<\/p>\n<p>Erst nach dem Krieg r\u00fcckten die humanistischen Grundlagen, zusammengefasst in \u00adArtikel 1, Absatz 1, \u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar\u201c, wieder in den Fokus. Auch die Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Bundesrepublik wollten zur\u00fcck zu den humanistischen Grundlagen unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p>Wir haben in Wellen immer wieder eine neue Gef\u00e4hrdung. Die digitale Transformation beinhaltet sowohl kulturell als auch ganz konkret gesellschaftlich-sozial eine Gefahr f\u00fcr das humanistische Fundament, weil die Autorschaft des Menschen bezweifelt wird und die Autorschaft von Softwaresystemen ins Spiel kommt, d. h., die verkehrte Vorstellung, dass diese einen Autorenstatus haben, also selbst Akteure sind, die am Ende auch zur Verantwortung gezogen werden k\u00f6nnen. So aber wird die menschliche Autorschaft abgewertet und neue Autorschaften kommen ins Spiel, die es gar nicht gibt. Und das ist der Kern des digitalen Humanismus. Er wendet sich nicht gegen die digitalen Transformationen, im Gegenteil: Wenn man Softwaresystemen einen Personenstatus zuschreibt, ist das sehr rasch das Ende des digitalen Fortschritts, weil diese Instrumente dann nicht f\u00fcr menschliche Zwecke eingesetzt werden k\u00f6nnen. Denn wer einen Personenstatus bekommt, kann auch Rechte einfordern. Und die Frage geht dann dahin, ob die Tierschutzgesetze auch f\u00fcr Softwaresysteme gelten. Wir kommen da auf eine schiefe Ebene und der digitale Humanismus wendet sich gegen diese \u00f6konomische und kulturell gef\u00e4hrliche Dynamik.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen einen europ\u00e4ischen Weg zwischen Silicon Valley gehen, einer rein kommerziellen Instrumentalisierung mit Transhumanismus einerseits und einer staatskontrollierten Form der digitalen Transformation wie es in China und Singapur andererseits geschieht. Wir m\u00fcssen in Europa einen Weg beschreiten, der mit Menschenrechten, also mit den zentralen Werten des Humanismus vertr\u00e4glich ist \u2013 und das ist das Programm des digitalen Humanismus<\/p>\n<p><strong>Welche Bedeutung hat denn die Philosophie im 21. Jahrhundert noch?<\/strong><\/p>\n<p>Sicherlich hat die Philosophie im 21. Jahrhundert nicht mehr die Bedeutung, die sie in der Zeit in der Antike, Humanismus und Aufkl\u00e4rung hatte.\u00a0 In der Antike war sie Lebenskunst und Allgemeinwissen. Das hat sich ver\u00e4ndert, weil sich das Spektrum der Wissenschaften ver\u00e4ndert hat. Aber es gab in den letzten Dekaden eine praktische Wendung der Philosophie, die ihr neue Relevanz und Aufmerksamkeit verschafft hat. Seit den 70er Jahren ist sie in Form von politischer und Sozialphilosophie, aber auch in den Bereichsethiken: Medizinethik, \u00d6kologischer Ethik, Wirtschaftsethik, Genderethik oder Ethik internationaler Beziehungen sehr pr\u00e4sent und dadurch f\u00fcr Wirtschafft, Politik und Gesellschaft interessant<\/p>\n<p><strong>Sie arbeiten immer wieder mit dem Begriff Risikoethik. Was haben wir darunter zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Risikoethik ist die Ethik im Umgang mit Risiken. Nach einer weit verbreiteten Vorstellung ben\u00f6tigt man ein Ausma\u00df, das man monet\u00e4r bewerten kann. So agieren die gro\u00dfen Versicherungen mit ihren Abteilungen. Man wei\u00df, wo Erdbeben auftreten \u2013 und man hat so eine Risikosch\u00e4tzung und kann Strategien entwickeln, um das Schadensma\u00df zu begrenzen. Wir k\u00f6nnen viele Gefahren durch menschliches Handeln beeinflussen und die Wahrscheinlichkeit der Risiken verringern. Ethische Aspekte braucht man demnach eigentlich nicht, wir optimieren dann dieses Risikoma\u00df. So denken die Versicherer. Aber so verst\u00e4ndlich diese Sichtweise in der \u00f6konomischen Praxis ist, sie erlaubt noch keine Antwort darauf, was ethisch geboten ist. Wir d\u00fcrfen nicht einigen Menschen gr\u00f6\u00dfere Risiken auferlegen, um anderen, vielleicht der Mehrheit Risiken zu ersparen. Dies w\u00e4re ungerecht und verletzt unter Umst\u00e4nden das individuelle Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit. Eine ad\u00e4quate Risikoethik muss daher mit deontologischen Einschr\u00e4nkungen operieren, um Kriterien der Gerechtigkeit und der individuellen Rechte zu enstprechen. Wir d\u00fcrfen Menschen nicht instrumentalisieren.<\/p>\n<p>Streng genommen d\u00fcrfen wir anderen Menschen gar keine Risiken gegen ihren Willen auflegen. Im Prinzip hat jede Person ein Vetorecht. Das aber f\u00fchrt in eine Aporie, denn in der modernen, technologisch verfassten, komplexen Gesellschaft sind die Risiken miteinander verbunden und r\u00e4umlich und zeitlich nicht zu isolieren. Und hier setzt das Konzept meiner deontologischen Risikoethik ein. Die Risiken, die wir wechselseitig einander auferlegen, m\u00fcssen aus der Perspektive jedes Einzelnen akzeptierbar sein, akzeptabel hei\u00dft Gleichbehandlung, gleicher Respekt, gleiche Rechte. Die Risikopraxis beruht im Kern auf einer hypothetischen Zustimmung, wie sie bei Thomas Hobbes schon das staatliche Gewaltmonopol gerechtfertigt hat: Jede einzelne Person hat ein Interesse daran, dass wir uns nicht gegenseitig die K\u00f6pfe einschlagen. Wir haben also alle ein Interesse, ein Gewaltenmonopol zu installieren und stimmen dem hypothetisch zu \u2013 und wenn wir halbwegs vern\u00fcnftig sind \u00ad\u2013 auch real. Das ist die Idee. In der Demokratie gibt es unterschiedliche Auffassungen und \u00adkulturelle Praxen und daher brauchen wir einen \u00f6ffentlichen Diskurs \u00fcber diese Risikopraxis, gewisserma\u00dfen einen zweiten Gesellschaftsvertrag. Damit kommen wir im Idealfalle zu einer gemeinsamen Akzeptanz. Ich wei\u00df, dass es schwierig ist, manche Leute sind nicht bereit, sich darauf einzulassen, aber anders geht es nicht.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Wir sind derzeit im Krisenmodus. In Corona-Zeiten wurde in Italien \u201eDie Pest\u201c von Albert Camus gelesen. Haben Sie einen Tipp f\u00fcr eine Philosophie in Zeiten von Krisen? Vielleicht die Stoa?<\/strong><\/p>\n<p>Die Stoa ist in einer analogen Situation entstanden, die \u00e4hnlich un\u00fcbersichtlich war. Darauf gab es zwei typische Reak\u00adtionen: Aus der einen Seite war es der R\u00fcckzug in den Garten. Denke an dich, k\u00fcmmere dich um dich selbst. Die Sorge um sich selbst war die epikureische Reaktion. Auf der anderen Seite gab es die stoische. Sie besagt; du bist nach wie vor in der Verantwortung f\u00fcr das Ganze, auch wenn du es nicht mehr beeinflussen kannst. Trage deinen Teil dazu bei, denn die Welt ist vern\u00fcnftig geordnet und du bist ein Teil derselben. Dabei unterscheidet die Stoa zwischen den Dingen, die man beeinflussen kann und denen gegen\u00ad\u00fcber man indifferent sein sollte, den \u00adadiaphora und den Dingen, die ich unter Kontrolle habe und daf\u00fcr Verantwortung \u00fcbernehme, den ta eph hemin. Meine Verantwortung ist dann nicht isoliert von der der anderen Menschen, sondern eingebettet. Dies scheint mir in der aktuellen, neuen Phase der Un\u00fcbersichtlichkeit, Hellenismus als erste Form der Globalisierung, ein Ethos zu sein, das auch f\u00fcr heute ganz passend ist.\u00a0 Epiktet, ein freigelassener Sklave und Marc Aurel, der Kaiser, beide sind Vorbilder der Gelassenheit und der Selbstkontrolle im Umgang mit Konflikten und Krisen bis in den Alltag hinein.<\/p>\n<p><strong>Sie sind von Bundestagspr\u00e4sident Wolfgang Sch\u00e4uble k\u00fcrzlich zum Mitglied des Deutschen Ethikrats ernannt worden. Was sollte ihrer Meinung auf der Agenda stehen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Politik wendet sich in heiklen Situationen an den deutschen Ethikrat. So hat Jens Spahn darum gebeten, die Frage eines eventuellen Immunit\u00e4tsausweises ethisch zu evaluieren. Das ist eine gute Geste. Die Politik ist manchmal ratlos und bedarf einer ethischen Idee zur Probleml\u00f6sung.\u00a0 Es ist gut, wenn sie sich das auch einmal eingesteht. Als Ethiker m\u00fcssen wir generell zu den gro\u00dfen Fragen der Menschheit in kritischen Situationen Stellung nehmen.\u00a0 Speziell geht es zum Beispiel um die Herausforderung der Digitalisierung und den damit verbundenen rechtsethischen Fragen. Aber andere Themen wie der Klimawandel und die Nachhaltigkeit sind auch in Corona-Zeiten nicht vom Tisch. Sie werden st\u00e4rker als je zuvor zur\u00fcckkommen, weil man jetzt sieht, was m\u00f6glich ist, was man ver\u00e4ndern und wie ein Neustart in der \u00d6konomie nachhaltiger sich gestalten l\u00e4sst. Das sind gro\u00dfe Themen, denen ich mich gern stelle.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>Interview mit Prof. Dr. mult. Hans-J\u00fcrgen Papier &#8211; Erodiert unser Rechtsstaat in der Pandemie?<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz30.07.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p>Der Staat kann in Ausnahmesituationen wie der Corona-Pandemie zeitliche Grundrechtsbeschr\u00e4nkungen erlassen. Aber eine Notstandsordnung ist rechtfertigungsbed\u00fcrftig. der Shutdown oder die Lockerungen sollten k\u00fcnftig vom Bundesparlament beschlossen werden.<\/p>\n<p><strong>War der Rechtsstaat w\u00e4hrend der Corona-Krise in Gefahr, oder l\u00e4sst sich der Ausnahmezustand juristisch rechtfertigen?<\/strong><\/p>\n<p>Der Staat ist aufgrund des Grundrechts auf Leben und Gesundheit verpflichtet, Leben und Gesundheit der Menschen zu achten und zu sch\u00fctzen. Dieses Grundrecht ist in erster Linie zwar ein Abwehrrecht gegen staatliche Eingriffe, aus ihm folgt aber auch eine staatliche Schutzpflicht, sich bei Gesundheits- oder Lebensbedrohungen durch Dritte oder durch Ereignisse wie Epidemien, schweren Unf\u00e4llen oder Naturkatastrophen sch\u00fctzend vor die bedrohten Personen und ihre Rechtsg\u00fcter zu stellen. Allerdings rechtfertigen auch die Schutzpflichten keine Eingriffe in die Freiheitsrechte anderer, die unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sind und im \u00dcberma\u00df erfolgen. Die massiven Ma\u00dfnahmen von Mitte M\u00e4rz dieses Jahres k\u00f6nnen zum damaligen Zeitpunkt, nachdem man m\u00f6glicherweise zu lange geeignete Reaktionen auf die epidemische Entwicklung unterlassen hatte, als grunds\u00e4tzlich erforderlich und angemessen angesehen werden. Es bestand die Gefahr, dass unser Gesundheitssystem, beziehungsweise die station\u00e4re Krankenversorgung, kollabieren k\u00f6nnte und eine nicht \u00fcberschaubare Vielzahl von Menschen lebensbedrohlich erkranken und an dieser Krankheit versterben k\u00f6nnten. Dies muss allerdings nicht f\u00fcr jede einzelne Ma\u00dfnahme gelten. Partiell wird die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeitspr\u00fcfung auch negativ ausfallen k\u00f6nnen, was schon mehrere Gerichtsentscheidungen belegen. Die Entwicklung ist im \u00dcbrigen sehr dynamisch. Neue Entwicklungen und Erkenntnisse zwingen die Verantwortlichen dazu, die jeweiligen Grundrechtsbeschr\u00e4nkungen stets daraufhin zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob sie noch erforderlich und angemessen sind. Nicht die Lockerungen, sondern die Aufrechterhaltung von Grundrechtsbeschr\u00e4nkungen sind unter verfassungsrechtlichen Aspekten rechtfertigungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p><strong>Nun ist eine m\u00f6gliche zweite Coronawelle nicht auszuschlie\u00dfen. Die Bundesregierung hat bereits angedeutet, erneut Sicherheitsma\u00dfnahmen einzul\u00e4uten, kann sie das erneut?<\/strong><\/p>\n<p>Ein sogenannter Shutdown nationalen Ausma\u00dfes ist im Infektionsschutzgesetz als Rechtsgrundlage f\u00fcr die einschneidenden Grundrechtseingriffe durch Regierungen und Beh\u00f6rden nicht angesprochen und auch nicht in grunds\u00e4tzlicher Hinsicht geregelt. Es ist meines Erachtens Aufgabe des Gesetzgebers, in diesem Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit die angemessenen Entscheidungen zu treffen, er darf dies nicht allein den Regierungen und ihren nachgeordneten Beh\u00f6rden \u00fcberlassen. Der Gesetzgeber wird dabei zu beachten haben, dass es im Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit kein \u201eSuper-Grundrecht\u201c auf Sicherheit gibt und auch im speziellen Fall kein Super-Grundrecht auf staatlichen Gesundheitsschutz, das per se jedwede Freiheitsbeschr\u00e4nkung jedweden Ausma\u00dfes und jedweder Schwere von vornherein rechtfertigt.<\/p>\n<p><strong>\u00a0\u201eSelbst in Kriegszeiten werden die Grundrechte nicht angetastet\u201c, ist \u00adCorona mit einer neuen Form von Krieg vergleichbar?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den Verteidigungsfall, also wenn das Bundesgebiet mit Waffengewalt angegriffen wird oder ein solcher Angriff unmittelbar droht, ist vor Jahrzehnten durch Etablierung einer sogenannten \u201eNotstandsverfassung\u201c in rechtlicher Hinsicht Vorsorge getroffen worden. F\u00fcr den epidemischen Notstand von nationaler Tragweite fehlt indes nach wie vor eine rechtlich hinreichende Vorsorge. Das bisherige Instrumentarium des Infektionsschutzgesetzes musste angesichts der akuten Gef\u00e4hrdungslage genutzt werden, weil es keine besseren rechtlichen Instrumentarien gab. Aber der Gesetzgeber sollte daraus lernen und Rechtsstaatlichkeit und Demokratie auch in dieser Hinsicht krisenfester absichern.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen immer wieder von der \u201eErosion des Rechtsstaates\u201c, wo erodiert er Ihrer Meinung nach besonders stark?<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland ist eine Notstandsordnung geschaffen worden, und zwar \u2013 gerade dies ist f\u00fcr eine rechtsstaatliche Demokratie besonders rechtsfertigungsbed\u00fcrftig \u2013 im Wesentlichen allein aufgrund von Verordnungen und Verwaltungsakten der Landesregierungen und ihrer nachgeordneten Beh\u00f6rden. Einer rechtsstaatlichen Demokratie entspricht es aber, dass alle wesentlichen Entscheidungen, etwa zur Aus\u00fcbung der Grundrechte, von den gew\u00e4hlten Parlamenten getroffen werden. Ein bundesweiter Shutdown, seine Lockerungen, seine partielle oder vollst\u00e4ndige Aufhebung sollten k\u00fcnftig im Grundsatz vom Bundesparlament beschlossen werden, das w\u00fcrde nicht nur der demokratischen Legitimation solcher existenziellen Einschnitte in unser Leben und einer Einheitlichkeit im Bundesgebiet, sondern auch der Transparenz von Begr\u00fcndungen und Rechtfertigungen und damit der Akzeptanz in der B\u00fcrgerschaft dienen.<\/p>\n<p><strong>Utilitarismus und Triage sind Szenarien, um in Krisenf\u00e4llen Menschenleben abzuw\u00e4gen, ethisch ist das h\u00f6chst umstritten und juristisch?<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Grundgesetz gilt, dass menschliches Leben und menschliche W\u00fcrde gleichen verfassungsrechtlichen Schutz genie\u00dfen ohne R\u00fccksicht auf die Dauer der physischen Existenz des einzelnen Menschen, wie das Bundesverfassungsgericht schon in seiner Entscheidung zum Luftsicherheitsgesetz ausgef\u00fchrt hat. Bei nicht ausreichenden intensivmedizinischen Ressourcen ist zun\u00e4chst entscheidend, ob bei den jeweiligen Patienten eine realistische klinische Erfolgsaussicht einer Intensivtherapie zum aktuellen Zeitpunkt besteht. Bei gleicher Erfolgsaussicht kann meines Erachtens dann aber nicht danach differenziert werden, ob etwa aufgrund schwerer Komorbidit\u00e4t oder Multimorbidit\u00e4t eine deutliche Einschr\u00e4nkung der Langzeitprognose besteht. Die Chancengleichheit der Patienten mit gleicher Erfolgsaussicht ist nur gewahrt, wenn letztlich nach den Prinzipien der Priorit\u00e4t und Dringlichkeit verfahren wird.<\/p>\n<p><strong>Ihr neuestes Buch tr\u00e4gt den Titel: \u201eDie Warnung: Wie der Rechtsstaat ausgeh\u00f6hlt wird\u201c. Darin stellen Sie die gro\u00dfen Fragen zu Freiheit, Digitalisierung und Sozialstaat. Wo wird der Rechtsstaat in diesen Feldern ausgeh\u00f6hlt?<\/strong><\/p>\n<p>Katastrophen wie die jetzige d\u00fcrfen nicht zur\u00fcckf\u00fchren zu einem \u00fcberwundenen Staatsverst\u00e4ndnis, das die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger als verantwortungsscheue Untertanen betrachtet, die ihre Verantwortung von sich weg auf den F\u00fcrsorge- und Wohlfahrtsstaat schieben. Eine Erosion der Rechtsstaatlichkeit kann nicht nur dadurch drohen, dass dauerhaft in staatliche Freiheitsrechte im \u00dcberma\u00df eingegriffen wird, sondern auch dadurch, dass die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger die Werte der Freiheit nicht mehr hinreichend sch\u00e4tzen und bereit sind, Freiheit und Selbstverantwortung einem Sicherheitsanspruch gegen\u00fcber dem Staat zu opfern. Ohne den Willen und die Kraft zur Freiheit wird es aber f\u00fcr den liberalen, demokratischen Rechtsstaat dauerhaft keine Zukunft geben. Mein Buch ist noch vor der Corona-Krise erschienen. Schon vor dieser Krise gab es Anlass zur Warnung vor Erosionen der Rechtsstaatlichkeit, als ein Beispiel ist in dem Buch unter anderem die Asyl- und Migrationspolitik genannt. Die im Buch erhobene Forderung lautet: Die herausragenden Wertentscheidungen unserer Verfassung im Hinblick auf Rechtsstaatlichkeit, wozu auch die uneingeschr\u00e4nkte Herrschaft und Durchsetzung von Recht und Gesetz geh\u00f6ren, m\u00fcssen einerseits in der operativen Politik und von ihr wieder st\u00e4rker beachtet und effizienter umgesetzt werden, andererseits sind auch die Menschen in diesem Lande wieder f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Wertsch\u00e4tzung dieser Fundamente unseres Staats- und Gemeinschaftslebens zu gewinnen. Letzteres wird aber ohne Ersteres niemals gelingen.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-J\u00fcrgen Papier ist einer der renommiertesten Staatsrechtswissenschaftler Deutschlands. Von April 2002 bis zu seinem Ausscheiden am 16. M\u00e4rz 2010 war er Pr\u00e4sident des Bundesverfassungsgerichts. <\/em><\/p>\n<h1>Dieser innovative Hund rettet den Ruf Amerikas als Innovationsschmiede<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz13.07.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p>Rassenunruhen in Amerika, Donald Trump ist angeschlagener denn je, das Coronavirus w\u00fctet und infiziert t\u00e4glich mehr als 60.000 Menschen. Das gute alte Amerika hatte bessere Tage erlebt. Doch eine Innovation, der neue Roboterhund Spot, k\u00f6nnte das angeschlagene Image des Landes zumindest bei den Jugendlichen weltweit aufbessern.<\/p>\n<p><em>Amerika kommt nicht zur Ruhe. Die Zahl der mit dem t\u00f6dlichen Coronavirus-Infizierten w\u00e4chst, die Zahl der Toten steigt exponentiell an. Der amerikanische Pr\u00e4sident Donald Trump verliert die W\u00e4hler scharenweise an den demokratischen Herausforderer Joe Biden. Angeschlagener denn je geht der schlechte Corona-Krisenmanager in den Wahlkampf und muss politisch gar eine Niederlage f\u00fcrchten. Seit den Rassenunruhen und der \u201eBlack Lives Matter\u201c-Bewegung ist die USA im Dauerstressmodus. Gewalt, Rassismus, Mord pr\u00e4gen den Alltag und ein neuer Kulturkampf samt Bilderst\u00fcrmerei ist entbrannt. Gibt es denn gar nichts Gutes mehr von der Supermacht zu berichten? Doch! Spot, der Robo-Hund aus dem Haus Boston Dynamics ist der neue Superstar der Robotik. Er verk\u00f6rpert wieder das alte Amerika, das Land der Innovationen, Superlative und unbegrenzten M\u00f6glichkeiten.<\/em><\/p>\n<h4>Der Robo-Hund von Bosten Dynamics rockt Amerika an die Spitze<\/h4>\n<p>F\u00fcr die einen ist er grusilig-bizarr, f\u00fcr die anderen verk\u00f6rpert er die Zukunft schlechthin. Schon vor einigen Jahren hatte Boston Dynamics seinen Roboterhund \u201eSpot\u201c vorgestellt. Damals stand der elektronische Vierf\u00fc\u00dfler noch buchst\u00e4blich tapsend in den Kinderschuhen. Doch Spot ist erwachsen geworden und nun sogar k\u00e4uflich erwerbbar.<\/p>\n<p>Mit Spot ist der Firma Boston Dynamics ein Clou gelungen, das Unternehmen kann sich vor globaler Ber\u00fchmtheit kam retten. Was vor 20 Jahren noch wie eine wilde Tr\u00e4umerei aus Hollywood anmutete, ist Realit\u00e4t geworden. Der vierbeinige Lastentr\u00e4ger, der gel\u00e4ndeg\u00e4ngige Robo-Hund ist so etwas wie der Arnold Schwarzenegger der Technik. Nichts scheint Spot unm\u00f6glich. Hindernisse werden sportlich und agil \u00fcberwunden, strahlender Sieger dabei der Hund ohne Fell \u2013 und das mit Power ohne Ende.<\/p>\n<h4>Sony Aibo ist ein technologischer Einzeller<\/h4>\n<p>Mit Spot tritt Boston Dynamics in die Fu\u00dfspuren von Sony \u2013 doch auf qualitativ h\u00f6herem Niveau. Hatte der japanische Elektronik-Konzern 1999 mit der ersten Aibo-Serie einen Unterhaltungsroboter, der immerhin 150,000 Mal verkauft wurde, als Spielzeug entwickelt und damit Pionierarbeit bei der Einf\u00fchrung von Robotern in Haushalten geleistet, kann Spot deutlich mehr. Selbst Sonys Nachfolgemodell\u00a0 Qrio, ein 58 Zentimeter gro\u00dfer und sieben Kilogramm schwerer, humanoider Roboter, wirkt gegen\u00fcber Spot wie ein technologischer Einzeller.<\/p>\n<p>Die Ambitionen im Unternehmen um Gr\u00fcnder Marc Raibert sind hoch. Die Firma, einst eine Ausgr\u00fcndung aus dem legend\u00e4ren Massachusetts Institute of Technology (MIT), geh\u00f6rt heute zum japanischen Softwarekonzern \u201eSoftbank\u201c und will tausende Spots in den n\u00e4chsten Jahren international auf den Markt bringen. Der Hund der Zukunft kommt damit nicht mehr vom Z\u00fcchter, sondern vom Flie\u00dfband.<\/p>\n<h4>Die Karriere des Superhundes<\/h4>\n<p>Begonnen hatte alles 2015 mit dem \u201eSpotMini\u201c. Mit einem Gewicht von 73 Kilogramm und einer K\u00f6rperh\u00f6he von 84 cm konnte der Robohund immerhin eine Geschwindigkeit von 5,8 km\/h erreichen. Doch f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter ist aus \u201eSpotMini\u201c einfach Spot geworden. Der neue mit Lithium-Ionen-Akku angetriebene hunde\u00e4hnliche Laufroboter gilt schon heute als Meilenstein der Robotik. Und Spot ist quasi ein Allesk\u00f6nner: er kann Treppensteigen, hat eine 360-Grad Kamera, einen Greifarm, leise Motoren und Sensoren, eine garantierte Akkulaufzeit von 90 Minuten und eine Zuladekapazit\u00e4t von 14 Kilogramm Ausr\u00fcstung. All das sind \u00fcberzeugende Argumente f\u00fcr einen Elektrohund, der seit Jahren weltweit immer mehr Fans begeistert. Seine viralen Auftritte im Internet haben mittlerweile Kultstatus und ein Millionenpublikum. Die Klicks steigen, je mehr Boston Dynamics den Vierbeiner elektronisch aufr\u00fcstet.<\/p>\n<p>Spot wird per Fernsteuerung gesteuert \u2013 und der Hund ohne Kopf kann noch mehr. Dank eines Moduls f\u00fcr eine 3D-Kamera vermag er selbst\u00e4ndig 3D-Karten erstellen und robbt sich so unaufhaltbar durch unwegsames Gel\u00e4nde und auf glatten Oberfl\u00e4chen unentwegt, fast ger\u00e4uschlos, vorw\u00e4rts. Agilit\u00e4t und Stabilit\u00e4t zeichnen die Maschine, die auch als Zughund Verwendung findet, aus. Spot scheint wie sein tierischer Kollege gerade seine Freude darin zu finden, wenn er auf unebenem Terrain agiert, seinen Tritt eigenst\u00e4ndig balanciert und sich selbst wieder aufstellt.<\/p>\n<h4>Praxistests erfolgreich bestanden<\/h4>\n<p>Der gelb lackierte Vierbeiner, der auf d\u00fcnnen Metallbeinen stakst, ist 1,10 Meter lang und damit ziemlich kompakt. Und seine ersten Praxistests hat Spot mittlerweile bestanden. Wie einst die legend\u00e4re reale H\u00fcndin \u201eLassie\u201c treuer Begleiterin des Menschen war, h\u00fctet der Vierf\u00fc\u00dfler eigenst\u00e4ndig Schafherden in Neuseeland, warnt in Zeiten der Coronakrise Passanten in Singapur den Sicherheitsabstand einzuhalten. In einem Video, das von Channel News Asia auf YouTube gepostet wurde, appelliert Spot sogar per Lautsprecher an die Parkbesucher: \u201eLasst uns Singapur gesund erhalten. Bitte stellen Sie sich zu Ihrer eigenen Sicherheit und der Ihrer Mitmenschen mindestens einen Meter voneinander entfernt auf. Danke.\u201c Im Bostoner Krankenhaus Brigham and Women\u2019s kam \u201eSpot\u201c bei Corona-Behandlung zum Einsatz. Ein Sechstel des Personals war am Virus erkrankt. Und ausgerechnet in der Ausnahmesituation, inmitten von Kontaktverbot und Abstandswahrung, schlug die Stunde f\u00fcr Spot. Mit einem Tablet ausgestattet, patrouillierte er in abgesperrten Umgebungen und Diagnosezelten zwischen den \u00c4rzten und den Corona-Infizierten. Fiebermessen und Patientenbetreuung \u2013 f\u00fcr den Roboterhund alles nur eine Frage der Zeit.<\/p>\n<h4>Retter in Notsituationen<\/h4>\n<p>Auf Baustellen ist Spot mittlerweile ein gern gesehener Gast. Er organisiert die Logistik beim Warentransport und dient der Bau\u00fcberwachung. Der Polizei \u00f6ffnet er mit seinem optionalen R\u00fcckenarm T\u00fcren und die Staatspolizei von Massachusetts setzte ihn als Teil des Bombenkommandos ein. Gerade in eingeschr\u00e4nkten Umgebungen, wo selbst Drohnen nicht mehr interagieren k\u00f6nnen, kommt Spot zum Einsatz. Kein Wunder, dass sich nicht nur das Milit\u00e4r f\u00fcr den Robohund interessiert, k\u00f6nnte er doch bei gef\u00e4hrlichen Situationen wie Nuklearkatastrophen den Menschen ersetzen und Leben retten. Die Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa), die Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums, die bislang einer der wichtigsten Kunden von Boston Dynamics war, setzte den Humanoiden beim Roboter-Wettbewerb Darpa Robotics Challenge ein.<\/p>\n<h4>Der Allesk\u00f6nner kostet fast 100.000 Dollar<\/h4>\n<p>Spot, so hei\u00dft es in einer Pressemitteilung des Unternehmens, \u201eist darauf ausgelegt, dorthin zu gehen, wohin andere Roboter nicht gehen k\u00f6nnen\u201c. Doch der Allesk\u00f6nner hat einen stolzen Preis. 74,500 Dollar soll der Superhund kosten. Hinzu kommt reichhaltig Zubeh\u00f6r, von der Extrabatterie bis zum Radar oder einer Aufkl\u00e4rungseinheit samt Spezialkamera mit Zoom-Funktion f\u00fcr 29.750 Dollar. Weit \u00fcber 100.000 Dollar m\u00fcssen die K\u00e4ufer auf den Tisch legen, um sicherlich einen der innovativsten Techno-Hunde zu besitzen.<\/p>\n<p>Damit ist der Robohund einer der teuersten und quasi der Rolls Royce der Robotik. Nur die Tibet-Dogge, eine der \u00e4ltesten Hunderassen der Welt, kostet mehr. F\u00fcr den \u201eGro\u00dfen L\u00f6wenk\u00f6nig\u201c hatte der Besitzer erst 1,5 Millionen Euro hingebl\u00e4ttert.<\/p>\n<p>F\u00fcr klassische Hundebesitzer, die sich k\u00fcnftig das Gassigehen und teure Tierarztbesuche ersparen wollen, w\u00e4re Spot sicherlich eine denkbare Alternative, selbst wenn Boston Dynamics vorerst nicht an den kommerziellen Verkauf an Privatpersonen denkt. Wem die Wartezeit dennoch zu lang ist, kann sich inzwischen einen Pudel kaufen, von dessen Treue, Klugheit und Empathie schon der Philosoph Arthur Schopenhauer sich tief beeindruckt zeigte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Merkels geheimer Au\u00dfenminister hei\u00dft nicht Heiko Maas<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz9.07.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p>Am 1. Juli 2020 hat Deutschland die EU-Ratspr\u00e4sidentschaft \u00fcbernommen. Immer wenn Europa in Gefahr steht, r\u00fcckt die deutsche Kanzlerin in den Mittelpunkt und mit ihr ein Mann, den nur wenige kennen. Aber wer ist Angela Merkels \u201eMister No\u201c?<\/p>\n<p>Dieser Mann ist Merkels Geheimwaffe. Nein, es handelt sich nicht um 007 aus den legend\u00e4ren James Bond-Filmen. Gesch\u00fcttelt oder ger\u00fchrt, f\u00fcr Uwe Corsepius z\u00e4hlen nur Fakten, Verschwendung und Gro\u00dfmannssucht liegen dem Ideengeber nicht. Merkels \u201eMister No\u201c, den Insider seit langem f\u00fcr den insgeheimen deutschen Au\u00dfenminister halten, ist eher der Mann der leisen T\u00f6ne.<\/p>\n<h4>Der Netzwerker Europas<\/h4>\n<p>Der geb\u00fcrtige Berliner Corsepius ist der wichtigste Netzwerker Europas, er spinnt seine F\u00e4den in die entlegensten Winkel des Kontinents und gilt in Insiderkreisen als einflussreicher in europ\u00e4ischen Angelegenheiten als der deutsche Au\u00dfenminister Heiko Maas. Maas ist das Gesicht Deutschlands, Corsepius, der im Unterschied zum smarten Au\u00dfenminister sowohl Presse als auch \u00d6ffentlichkeit meidet, der eigentliche Macher. Corsepius, der hagere, schlanke Mann, der mit seinen 59 Jahren immer noch jugendlich wirkt, verordnet sich in die zweite Reihe, begreift sich selbst nicht so sehr als Vision\u00e4r, sondern eben als Stratege, der im Hintergrund die ber\u00fchmten F\u00e4den der Macht bed\u00e4chtig-feinsinnig mit preu\u00dfischer Disziplin und Akkuratesse zusammenf\u00fcgt. Der Mann, dem Merkel vertraut und der seine Karriere schon unter der \u00c4gide von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und sp\u00e4ter unter SPD-Generalissimus Gerhard Schr\u00f6der in seiner Funktion als EU-Berater im Bundeskanzleramt aus\u00fcbte, ist so etwas wie das analytische Gehirn. Als tiefgreifender Analyst hatte er schon Schr\u00f6der begeistert, er brillierte einst mit einer scharfen EU-Analyse zum Finanzhaushalt.<\/p>\n<h4>Merkels Vertrauter<\/h4>\n<p>Corsepius gilt als sparsamer Fuchs, als Fels in der Brandung europ\u00e4ischer Sparpolitik. Seit 2005 und verst\u00e4rkt seit 2009 hat er die Kanzlerin samt ihrer Europapolitik als Sherpa immer wieder ins friedvolle Tal gef\u00fchrt, nachdem die CDU-Politikerin mit Hilfe des fast 60-J\u00e4hrigen die Gipfelst\u00fcrme der europ\u00e4ischen Gebirgsh\u00f6hen von den Pyren\u00e4en bis in die Karpaten, von den deutschen Alpen bis \u00fcber die Abruzzen in die Apenninen hinein glorreich ausgefochten hat. Doch in der Stunde, wo die Kanzlerin ihre zweite Ratspr\u00e4sidentschaft in ihrer langen Amtszeit, sowohl als Friedensf\u00fcrstin Europas, als Vermittlerin, aber auch als ehemals sparsame Regentin, antritt, sind die F\u00e4higkeiten von Corsepius mehr denn je gefragt. F\u00fcr die ehemalige CDU-Chefin, selbst eine ausgebildete Wissenschaftlerin, die analytische F\u00e4higkeiten in ihrem Team sch\u00e4tzt, ist der n\u00fcchtern-analysierende \u00d6konom die ideale Erg\u00e4nzung. \u201eEr hat Merkels volles Vertrauen und Zuversicht.\u201c<\/p>\n<h4>\u00a0Europas Insider kennen ihn<\/h4>\n<p>In Europa ist Merkels Superwaffe und Mister Undercover kein unbeschriebenes Blatt. Corsepius ist gef\u00fcrchtet wie beliebt zugleich. Selbst wenn er in den Maschinenr\u00e4umen der Macht, die politischen Deals auch mal \u00fcber den einstigen EU-Ratspr\u00e4sidenten Herman Van Rompuy einf\u00e4delte, ma\u00dfgeblich den Lissabon Vertrag federf\u00fchrend entwarf und begleitete und f\u00fcr die Berliner Erkl\u00e4rung der Bundeskanzlerin sich verantwortlich zeigte, in Sachen Europa ist er ein Allrounder, der tiefgreifende Allianzen \u00fcber die gekr\u00f6nten politischen H\u00e4upter hinwegschmieden kann.<\/p>\n<h4>Kritik aus Br\u00fcssel kann er ab<\/h4>\n<p>Corsepius ist gel\u00e4ndeg\u00e4ngig. Das wissen auch die Eurokraten in den schillernden Hallen von Br\u00fcssel. Und in den Machtzentralen der Hauptst\u00e4dte des europ\u00e4ischen Kontinents erweckt die blo\u00dfe Nennung seines Namens eine Kombination aus Angst, Wut und Bewunderung. Corsepius hat sich seinen Namen verdient, so liebensw\u00fcrdig er einerseits erscheint, so vermittelnd, geht er doch andererseits knallhart auf Konfrontation. Seine Arbeit als Generalsekret\u00e4r des Rates der Europ\u00e4ischen Union, ein Amt, das er ab 2009 bekleidete und damit zugleich die Nachfolge des Franzosen Pierre de Boissieu antrat, brachte ihm zumindest in den deutschen Leitmedien den Ruf ein, schroff zu agieren. \u201eDer Spiegel\u201c schrieb damals: er werde in Br\u00fcssel kritisch gesehen, da er \u201ewenig Gesp\u00fcr f\u00fcr die Interessen und Bed\u00fcrfnisse der anderen\u201c habe.\u00a0 Pures Misstrauen schlug ihm entgegen, weil er rein biographisch nicht nach Europa passe, kommen doch die meisten deutschen Europaspezialisten aus dem Au\u00dfenministerium. \u201eEr ist kein eingef\u00e4rbter Europ\u00e4er\u201c, so ein langj\u00e4hriger deutscher EU-Beamter.<\/p>\n<p>Gegen Anfeindungen im Getriebe der Macht ist der am Kieler Institut f\u00fcr Weltwirtschaft promovierte Betriebswirtschaftler, sp\u00e4tere Mitarbeiter beim Internationalen W\u00e4hrungsfonds in Washington und Leiter der Europaabteilung im Bundeskanzleramt immun. Europas m\u00e4chtigster B\u00fcrokrat, der in seiner Br\u00fcsseler Zeit einen Stab von 3000 Beamten h\u00fctete und dort leise als Sherpa den internen europ\u00e4ischen Betrieb organisierte, arbeitet heute von einem sp\u00e4rlich m\u00f6blierten mittelgro\u00dfen B\u00fcro im zweiten Stock eines Geb\u00e4udes mit Blick auf einen Berliner Bahnhof aus.<\/p>\n<h4>Was machte Corsepius zu \u201eMister No\u201c?<\/h4>\n<p>Schulden mag er nicht, dass mussten die Griechen in der Anfangsphase der Schuldenkrise der Eurozone bitterlich erfahren. Athens Versuche, Berlin davon zu \u00fcberzeugen, mehr von der Last der Rettung der in der Krise gefangenen L\u00e4nder zu tragen, stie\u00df auf ein erbittertes \u201eNo\u201c. Auch den ambitionierten, f\u00f6deralistischen Phantasien, die der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron in seiner ber\u00fchmten \u201eSorbonne-Rede\u201c im Jahr 2017 vortrug, fanden im bescheidenen B\u00fcro des Betriebswirtes keinen Widerhall. Dr. \u201eNo\u201c ist kein Europ\u00e4er mit rosaroter Brille, der alles goutiert, was in der Schaltzentrale der Macht in Br\u00fcssel beschlossen wird.<\/p>\n<p>Das ist ein Grund, warum Corsepius oft den Zorn der Kollegen in Belgien und den nationalen Hauptst\u00e4dten auf sich zieht. F\u00fcr sie ist der starke Deutsche ein Bollwerk, der ihre Bl\u00fctentr\u00e4ume einer allesfinanzierenden EU immer wieder bitterlich entt\u00e4uscht. Ganz gleich, ob es um die Einzelheiten des EU-Haushalts oder die Erweiterung der EU geht, Corsepius hat den Ruf, kaltes Wasser auf die oft sch\u00e4umende Tagesordnung Br\u00fcssels zu gie\u00dfen. Und was Dr. No auszeichnet, ist eine tief verwurzelte Skepsis gegen\u00fcber der Kommission und den Versuchen der dortigen Beamten, die Macht der Exekutive zu st\u00e4rken. Selbst gegen die rechte Hand des ehemaligen Kommissionspr\u00e4sidenten Jean-Claude Juncker, Martin Selmayr, konnte Merkels Wunderwaffe sein Gesicht wahren. Ihm geht es um Deutschland, betont er immer wieder. Daraus einen Nationalismus abzuleiten, wie ihm manche EU-Minister unterstellen, geht fehl. Corsepius Vision von Europa geht nur mit einem starken Deutschland \u2013 dieses Diktum h\u00e4lt er aufrecht. Geht es Deutschland gut, so profitiert Europa.<\/p>\n<h4>\u201eMister No\u201c und seine schwere Aufgabe w\u00e4hrend der zweiten Ratspr\u00e4sidentschaft<\/h4>\n<p>Der Ministerialdirektor und enge Merkel-Vertraute, bekommt mit dem Beginn der EU-Ratspr\u00e4sidentschaft die h\u00f6chst schwere Aufgabe, oder im Bond-Jargon, den h\u00e4rtesten Auftrag seiner Amtszeit: Nicht weniger kommt auf den versierten Strategen und Chief Europe-Berater zu, als die EU dazu zu bewegen, \u201eJa\u201c zu den gemeinsamen Schulden zu sagen. In j\u00fcngster Zeit stand er an der Spitze von Deutschlands Vorsto\u00df, zusammen mit Frankreich einen schuldenfinanzierten R\u00fcckzahlungsfonds in H\u00f6he von 500 Milliarden Euro einzurichten, um L\u00e4ndern zu helfen, die mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der deutschen Ratspr\u00e4sidentschaft wird es daher zu einem gro\u00dfen Teil an Corsepius fallen, einen Kompromiss mit den Skeptikern dieses Plans, den so genannten Sparsamen Vier, auszuhandeln. Die Niederlande, D\u00e4nemark, \u00d6sterreich und Schweden lehnen es ab, die Hilfe als Zusch\u00fcsse zu strukturieren, die nicht zur\u00fcckgezahlt werden m\u00fcssen und stattdessen Kredite zu forcieren. Eine weitere Aufgabe f\u00fcr \u201eMister No\u201c wird es sein, die Voraussetzungen f\u00fcr eine Einigung \u00fcber den Siebenjahreshaushalt der EU zu schaffen. Aber auch China muss wiedergewonnen, der Brexit reguliert, der Klimawandel und die digitale Technologie weiter vorangetrieben werden. Kurzum: Corsepius f\u00e4llt es zu, Europa vor dem Zerfall zu bewahren \u2013 und die Kanzlerin kann sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, den n\u00fcchternen Berliner an ihrer Seite zu wissen. Merkel selbst hatte die rotierende Ratspr\u00e4sidentschaft als die \u201egr\u00f6\u00dfte Herausforderung\u201c in der Geschichte des EU bezeichnet. Der Mann, den manche Merkels Euro-Fighter nennen und der in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Tennisspieler war, muss das Match jetzt siegreich beenden. Das geht aber nur mit Sportsgeist \u2013 und m\u00f6glicherweise nur \u00fcber ein schwer erk\u00e4mpften 5-Satz-Sieg.<\/p>\n<p>Und selbst wenn die einst sparsame Kanzlerin in Coronazeiten die Finanzspritze wie eine Superfeuerwehr \u00f6ffnet, Corsepius wird wissen, wo er noch einsparen kann. Dass dies schwieriger denn je ist, macht die Aufgabe von \u201eMister No\u201c nicht einfacher \u2013 gerade in Zeiten, wo Europa wieder einmal mehr zu zerbr\u00f6ckeln beginnt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>H\u00f6lderlin, Hegel und Beethoven \u2013 Die Popstars der Freiheit feiern 250. Geburtstag<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.07.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>2020 ist das Jahr der gro\u00dfen Deutschen. Die Genies H\u00f6lderlin, Hegel und Beethoven feiern 250. Geburtstag. Der Geist der Freiheit wehte durch ihre Dichtungen, Philosophien und wurde Musik. Die Freiheit floss buchst\u00e4blich durch die Adern aller drei und in der Franz\u00f6sischen Revolution sahen sie einen Aufbruch in eine neue Welt, ein G\u00f6ttergeschenk.<\/p>\n<p>Das Jahr 2020 ist so etwas wie der Rock\u2019n\u2019 Roll der Geistesgeschichte \u2013 der deutschen insbesondere. Denn, wenn es so etwas wie eine intellektuelle Achsenzeit gab, von der Karl Jaspers einst mit Blick auf die Entstehung der gro\u00dfen Denkgeb\u00e4ude in der Zeitspanne von 800 bis 200 vor Christus sprach, dann war das Jahr 1770 eine Renaissance einer geistigen Grundlegung der gegenw\u00e4rtigen Menschheit aus dem Geist der Aufkl\u00e4rung heraus. Immanuel Kant und Friedrich Schiller hatten sie entz\u00fcndet, Ludwig van Beethoven, Friedrich H\u00f6lderlin und Georg Friedrich Wilhelm Hegel zu je eigenst\u00e4ndiger Wirkungsh\u00f6he entfaltet. Ob sich in der Musik Beethovens die befruchtenden Ideen der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung in das musikalische Freiheitsideal transformierten, ob der moderne Grieche Friedrich H\u00f6lderlin die Welt mit seinen Hymnen wach gek\u00fcsst hatte oder Georg Friedrich Wilhelm Hegel den absoluten Weltgeist in die Endlichkeit entlie\u00df, alle drei haben Geistesgeschichte geschrieben, die Welt ver\u00e4ndert. Sie waren die Matadore ihrer Zeit und ihr geistiges Erbe ein Schatz, der in den folgenden Jahrhunderten immer wieder neu gedeutet wurde, aber nie an Glanz verloren hat. Vollendungsgestalten der Freiheit waren alle drei. Die Rebellion gegen die Tyrannei, die Unterdr\u00fcckung und die Versklavung der Seele durch das Reich der Despotie ausdr\u00fccklich erkl\u00e4rte Kampfzone. Die Franz\u00f6sische Revolution verkl\u00e4rten sie zur Geburtsstunde eines neu erwachten Selbstbewusstseins, die nicht nur die absolute Monarchie auf den Scheiterhaufen warf und die Freiheit in die Galeeren verbannte, sondern das revolution\u00e4re Frankreich wurde als Altar einer neuen Freiheit gefeiert, das nun den neuen Gott \u2013 samt seinen Idealen der Br\u00fcderlichkeit und Gleichheit \u2013 an die Stelle der alten Metaphysik treten lie\u00df.<\/p>\n<h4><strong>Friedrich H\u00f6lderlin<\/strong><\/h4>\n<p>Friedrich H\u00f6lderlin erblickte vor 250 Jahren am 20. M\u00e4rz in Lauffen am Neckar das Licht der Welt. Von Selbsterm\u00e4chtigung einerseits, von tiefen Selbstzweifeln andererseits angetrieben, war H\u00f6lderlin ein Temperament, das zwischen Euphorie und tiefer Leidseligkeit nebst Weltanklage litt und schwankte. Eine fast typische romantische Existenz k\u00f6nnte man meinen, wenn er im Augenblick Gl\u00fcckseligkeit atmete und auch dann, wenn er in den Wirren der inneren Existenz zum Philosophieren neigte. Doch Romantiker war H\u00f6lderlin nie, Kunst f\u00fcr ihn nie blo\u00dfes \u201eEreignis\u201c, Happening oder \u201eUniversalpoesie\u201c.<\/p>\n<p>Es war ein gro\u00dfartiges Jahrhundert, in das die drei Denker, Dichter und Musiker hineingeboren wurden\u2013 durchaus ebenb\u00fcrtig der Antike, der Renaissance und dem Mittelalter. Lessing hatte f\u00fcr mehr Toleranz unter den Religionen geworben, Immanuel Kant die Fackel der Aufkl\u00e4rung von David Hume und John Locke endg\u00fcltig entz\u00fcndet und Johann Gottlieb Fichte das absolute Ich zum Ausgangspunkt aller Philosophie gemacht. Der K\u00f6nigsberger Kant war Markstein, Quelle und \u00dcberbietungsanspruch zugleich, denn mit seinem wohlbekannten \u201eDing an sich\u201c, der immanenten Unerkennbarkeit der Welt oder Gottes wollte man sich nicht zufrieden geben. Kant und Fichte galt es gleicherma\u00dfen zu \u00fcberbieten \u2013 und dazu hatten sich die T\u00fcbinger Jugendfreunde H\u00f6lderlin, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Hegel eingeschworen. Ihre gemeinsame Schrift war Programmansage. \u201eDas \u00e4lteste Systemprogramm des deutschen Idealismus\u201c ist nichts anderes als der Entwurf kantischer \u00dcberbietung. Eine \u201eunsichtbare Kirche\u201c wollten sie gr\u00fcnden, eine Kirche der Liebe gegen die kategorische Macht des Imperativs der Pflicht stellen. Und \u00fcber allem sollte die Fahne der Freiheit wehen. Eine Revolution der Denkungsart sollte es sein \u2013 und H\u00f6lderlin schickte sich an, dieses Projekt eigenst\u00e4ndig zu verwirklichen.<\/p>\n<h5><em>Die Idee der Humanit\u00e4t<\/em><\/h5>\n<p>H\u00f6lderlin, der Dichter der Schwaben, der wie Friedrich Nietzsche erst posthum Weltruf genie\u00dfen sollte, hatte es nicht leicht mit sich und der Welt, an der er litt, weil sie eben nicht so vollkommen wie die gelobte Antike war, weil sie so sehr im Gew\u00f6hnlichen und Unmenschlichen, in Knechtesgeist und Unfreiheit siedelte und so voller Ungerechtigkeiten und fern der unendlichen Idee des Humanums war. Nie sollte er gl\u00fccklich sein durch Liebe in dieser Welt der \u201eG\u00f6tterferne\u201c. Der Dualismus der Welt machte ihn krank, trieb ihn zu Spinozas Pantheismus und Friedrich Schillers gro\u00dfartiger sittlicher \u00c4sthetik. Der revolution\u00e4re Denker des Sturm und Dranges, der feinsinnige Marbacher Dichter, Geschichtsphilosoph und der Verfasser der Erziehungsbriefe, dem \u00c4sthetik zur B\u00fcrgerpflicht und eine \u00c4sthetisierung der Gesellschaft als Ideal vorschwebte, ihm war H\u00f6lderlin innig verbunden.<\/p>\n<p>Schiller, der H\u00f6lderlin oft \u201edas ist mein liebster Schwabe\u201c nannte, galt als Idol der Freiheit im pietistischen Schwaben und stellte zugleich den Gegenentwurf zum absoluten Monarchismus des w\u00fcrttembergischen Regenten dar. H\u00f6lderlin wird ihm hier folgen. Freiheit als spontaner Akt des Sch\u00f6pferischen wird f\u00fcr den Dichter aber eben nicht philosophisch erdacht, sondern poetisch vollzogen, denn es bleibt die Poesie, die die Wirklichkeit stiftet. Poesie, und so will sie H\u00f6lderlin dichten, ist nicht Welt abbildend, sondern Welt erschaffend. Und was der Philosophie scheinbar nicht gelingt, vermag wie im \u201eHyperion\u201c die Poesie, denn sie allein kann die Trennung des Daseins \u00fcberwinden und die Seynsverbundenheit erreichen. Oder anders formuliert: Das Seyn, das H\u00f6lderlin meint, ist das Reich der Sch\u00f6nheit und im k\u00fcnstlerischen Schaffen vereinigt sich Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft. Durch dieses freie Spiel der Kr\u00e4fte im Menschen er\u00f6ffnet sich die M\u00f6glichkeit der Sch\u00f6nheit und der K\u00fcnstler \u00fcberwindet die Kluft zwischen \u201eUrtheil\u201c und \u201eSeyn\u201c. Nun erst erf\u00e4hrt er sich in inniger Seinsverbundenheit als Akteur, der die Wirklichkeit gestaltet, der \u201et\u00e4tig\u201c die Welt aus Freiheit ver\u00e4ndert, wie es schon in Goethes \u201eFaust\u201c hie\u00df.<\/p>\n<h5><em>Liberaler Weltentwurf<\/em><\/h5>\n<p>H\u00f6lderlins Vision bleibt eine freie Menschheit, wo Individuum und Gesellschaft, wie einst bei Schiller, ineinander spielen, wo Kunst als Imperativ der Freiheit den neuen Menschen hervorbringt, der den Idealen der Franz\u00f6sischen Revolution und des liberalen Weltentwurfs zugeneigt ist. H\u00f6lderlin w\u00e4re sicherlich heutzutage ein Verfechter des Grundgesetzes und der \u201eCharta der Vereinten Nationen\u201c. Ein Mensch, der auf freier Erde steht und die Sch\u00f6pfung zu bewahren sucht. Er w\u00e4re ein Naturfreund, ein \u00f6kologischer Denker, der die Natur nicht auf ihre blo\u00dfe Materialit\u00e4t verk\u00fcrzt, sondern diese als eine unendliche Kraft verstehen w\u00fcrde, die nicht vernutzt und ausgebeutet werden darf, sondern die liebevoll zu umhegen und zu pflegen sei.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re H\u00f6lderlin heute einerseits ein \u201eGr\u00fcner\u201c, aber andererseits auch ein Konservativer. Er will bewahren, ohne dogmatisch zu sein. Er sucht aus der Geschichte heraus in die Zukunft zu greifen, ohne die Menschheit besserwisserisch zu belehren und zu bevormunden. Er will den Menschen vielmehr dazu anstiften, das Bessere zu tun und moralisch-praktisch t\u00e4tig zu werden.<\/p>\n<h4><strong>Ludwig von Beethoven<\/strong><\/h4>\n<p>Vor 250 Jahren, am 17. Dezember 1770, wurde er in Bonn geboren, das Genie Ludwig van Beethoven. Und er war der Revolution\u00e4r in Geist und Musik, Sprengstoff pur, emotional wie ein Vulkan, ein \u00dcbermensch, der f\u00fcr eine neue Epoche der Musik steht und Mozarts fulminanter Klassik seine Symphoniekantate entgegensetzen wird. Bekannte sich der Salzburger Wunderknabe Mozart bereits in, \u201eLe nozze di Figaro\u201c, im \u201eDon Giovanni\u201c und in der \u201eDer Zauberfl\u00f6te\u201c zu den freiheitlich-b\u00fcrgerlichen und antimonarchischen Idealen der Freimaurer, folgt ihm Beethoven dann, wenn er sich selbst als gl\u00fchender Verfechter der franz\u00f6sischen Revolutionsideen versteht, die er sp\u00e4ter in seiner 9. Sinfonie als sein h\u00f6chstpers\u00f6nliches Glaubensbekenntnis heroisch manifestiert.<\/p>\n<h5><em>Der Ruf nach Freiheit war explosiv<\/em><\/h5>\n<p>Was 1789 als Franz\u00f6sische Revolution begann, hatte die Weltgeschichte gr\u00fcndlich ver\u00e4ndert und die Fundamente der Moderne gezimmert. Es war der Sieg der Aufkl\u00e4rung \u00fcber den Absolutismus. Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit pfiff es durch die Gassen und z\u00fcndete dann in den K\u00f6pfen jene Feuer, die seither f\u00fcr die Freiheit brennen. Den deutschen Idealisten und Romantikern wurde Freiheit zum Losungswort von Dichtung und Kultur. F\u00fcr den Bonner Ludwig von Beethoven aber wurde sie zur Passion. Schillers Ode \u201eAn die Freude\u201c ist es, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, die er aber erst 1824, drei Jahre vor seinem Tod, grandios und gigantisch in Musik vollenden kann.<\/p>\n<p>Schillers Ode, das, \u201eumschlungen Millionen\u201c im vierten Satz von Beethovens Neunter, war f\u00fcr den Bonner das Menschheitsideal. Und wie sich einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel in den 90ziger Jahren des 18. Jahrhunderts \u00fcber den \u201ePoliceystaat\u201c beklagt, so litt auch Beethoven an der Bespitzelung, an der Restaurationsbem\u00fchungen hinter die Ideale der Franz\u00f6sischen Revolution zur\u00fcckzufallen und einem aufstrebenden Adel unter Metternich nach dem Wiener Kongress 1814\/15. \u201eSprecht leise! Haltet euch zur\u00fcck! Wir sind belauscht mit Ohr und Blick\u201c, hei\u00dft es bekanntlich im Freiheitschor der einzigen Oper, dem \u201eFidelio\u201c. Der Ruf nach Freiheit drohte in Deutschland zumindest wieder zu ersticken. Und wie einst Jean-Jacques Rousseau ein \u201eZur\u00fcck zur Natur\u201c einklagen wird, so ist Beethovens Neunte ein Aufruf an das entm\u00fcndigte B\u00fcrgertum, liberal, grenzenlos, f\u00fcr die Ewigkeit der Menschheit gedacht. Ein globaler Freiheitsruf par excellence, der mit Schiller an das Frankreich im Jahr 1789 erinnert und die Bande neu kn\u00fcpfen will.<\/p>\n<p>Beethoven war ein gl\u00fchender Verfechter der franz\u00f6sischen Ideen und Schiller lieferte den Stoff dazu. 1885 hatte der Dichter in Leipzig-Gohlis f\u00fcr seinen Freund K\u00f6rner, wie Mozart ebenfalls Freimaurer und Aufkl\u00e4rer, die Strophen geschrieben, die Weltgeschichte machen sollten. Der Verve der Ode war geballte Kraft eines Genius, der sich die Freiheit geradezu aus der Seele schreibt. Dieser Wille zur Unb\u00e4ndigkeit, die bestehende Ordnung kritisch zu hinterfragen, diese Lebendigkeit und dieser Pathos der Freiheitsbeschw\u00f6rung haben Beethoven, der seit 1802 zunehmend an Schwerh\u00f6rigkeit litt und dies im ber\u00fchmten \u201eHeiligenst\u00e4dter Testament\u201c verewigte, befl\u00fcgelt, gegen das R\u00e4derwerk des Absolutismus zu opponieren. Diese Energie hat dem Krankheitsgeplagten immer wieder das Blut in den Adern auflodern lassen.<\/p>\n<h4><strong>Georg Friedrich Wilhelm Hegel<\/strong><\/h4>\n<p>Georg Friedrich Wilhelm Hegel, am 27. August 1770 in Stuttgart geboren, ist das, was man heute einen geistigen Allrounder nennen w\u00fcrde. Der ehemalige Hauslehrer in Bern und Frankfurt, der sp\u00e4tere Professor in der Intellektuellenschmiede Jena, dem geistigen Athen der damaligen Zeit, der Chefredakteur der Bamberger Zeitung, sp\u00e4terer Rektor des Egidiusgymnasiums in N\u00fcrnberg und\u00a0 Rektor der Berliner Universit\u00e4t, bleibt eine Enzyklop\u00e4die des Wissens. Er agiert interdisziplin\u00e4r, weil es ihm doch um nichts Geringeres als um die Erkl\u00e4rung der Welt im Ganzen geht. Nicht unbescheiden ist er dabei. Hegel will nichts anderes als die Welt in ihrer Totalit\u00e4t, in ihrer Erscheinung, in ihrem Werden und Vergehen und letztendlich damit als einen dialektischen Prozess verstehen, an dessen Ende die Philosophie des Geistes als die vollendete Freiheit steht. Objektivit\u00e4t des Wissens hei\u00dft das bei ihm. Aber diese ist nicht blo\u00df gesetzt, sie k\u00e4mpft sich vielmehr durch die Geschichte hindurch. Sie ist nicht Produkt, sondern Resultat eines Denkprozesses, der immer im Werden ist, stets auf der Spur, sich weiter zu entfalten. Das bedeutet, Bestehendes in Frage zu stellen und stetig einen Neuanfang des Wissens zu wagen. Nichts anderes als eine Genese des Wissens schwebt ihm vor, ein best\u00e4ndiges Fortschreiten des Geistes in all seinen Erscheinungen, sei es in der Natur, Gesellschaft, Sittlichkeit, Recht und Staat. Inmitten dieses Prozesses steht die freiheitliche Selbstentfaltung des Geistes. Ihr obliegt es, sich aus Freiheit auch an das Notwendige und an die reale Welt zu binden, um zu noch gr\u00f6\u00dferer Freiheit zu gelangen. Diese Genese des Geistes, seine Dialektik, zeichnet er in seinen gro\u00dfen Werken, in der \u201ePh\u00e4nomenologie des Geistes\u201c, in der \u201eLogik\u201c und in seiner \u201eRechtsphilosophie\u201c nach.<\/p>\n<h5>Hegel war der wohl revolution\u00e4rste Geist im Stift<\/h5>\n<p>Wie sein Stubenkollege im T\u00fcbinger Stift, wie H\u00f6lderlin, war Hegel ein begeisterter Anh\u00e4nger der Ereignisse des Jahres 1789. Mehr noch als H\u00f6lderlin wird Hegel die Ideale der Revolution buchst\u00e4blich in seine Philosophie einschreiben. Im T\u00fcbinger Stift wurde der gesellige, weniger sprachbegabte Denker und Prediger, aber umso mehr trinkfester Philosoph sogar als Konterrevolution\u00e4r gef\u00fchrt. Einen f\u00fcr die T\u00fcbinger Eliteuniversit\u00e4t liberalen Club hatte dieser junge Hegel federf\u00fchrend mit initiiert. Der pietistischen Obrigkeit war das alles ein Dorn im Auge. Hegel war der wohl revolution\u00e4rste Geist im Stift \u2013 und sein Kampf galt Despotismus, Pietismus und der Monarchie gleicherma\u00dfen. Ein Alleszertr\u00fcmmer wollte er sein und doch wandte er sich sp\u00e4testens 1794 vom Terror der Jakobiner ab und wird ein gem\u00e4\u00dfigter Giondist. \u201eDie Antwort, die Robespierre auf Alles gab [\u2026] war: la mort ! Ihre Einf\u00f6rmigkeit ist h\u00f6chst langweilig, aber sie pa\u00dft auf Alles.\u201c Den Jahrestag der Erst\u00fcrmung der Bastille am 14. Juli 1789 hatte der Philosoph zeitlebens \u2013 gern in aller \u00d6ffentlichkeit \u2013 gefeiert. Was er an diesem Tag jedes Jahr schwungvoll begoss war der Umstand, dass sich \u201eder Mensch\u201c, wie es in seinen <em>\u201eVorlesungen \u00fcber die Philosophie der Geschichte\u201c<\/em> hei\u00dft, in der Revolution erstmals \u201eauf den Kopf, d.\u00a0i. auf den Gedanken [ge]stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut\u201c habe.<\/p>\n<h5>Neues Hegelbild<\/h5>\n<p>Man muss es eigentlich als Widerspruch verzeichnen, dass Hegel in der Rezeptionsgeschichte lange als der konservative Staatsphilosoph galt, der sogar den absolutistischen preu\u00dfischen Staat legitimierte. Karl Popper hatte ihm als Vordenker des Totalitarismus im 20. Jahrhundert gegei\u00dfelt und ihm vorgeworfen, dass der Staat alles, das Individuum aber nichts sei. Dank der neuesten Hegelforschung, die sich ma\u00dfgeblich einer gro\u00dfen Biographie des Jenaer Forschers Klaus Vieweg verdankt, ist das reaktion\u00e4re Hegelbild obsolet geworden. Hegels Staatsverst\u00e4ndnis ist sogar insofern modern, weil Allgemeines und Besonders, Idee und Faktum sich in einer Einheit b\u00fcndeln, wo der Staat die Freiheit des Einzelnen sch\u00fctzt. Der Staat als das Allgemeine muss die Freiheit aller besonderen Einzelnen repr\u00e4sentieren und gew\u00e4hrleisten. \u201eDer Staat bei Hegel, dies bleibt entscheidend, ist jeder B\u00fcrger selbst und zwar<em> in seinem Status als B\u00fcrger<\/em>, in zweiter Hinsicht ist der Staat eine Institution, die aber dazu dienen muss, die <em>Freiheit und das Recht aller Einzelnen zu<\/em> garantieren\u201c, so der Jenaer Hegelexperte.<\/p>\n<h1>Es droht eine neue Pandemie namens \u201eG4\u2033<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.07.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/neue-schweinegrippe-g4-hat-potential-zur-pandemie-supergau-neben-corona\/\"><em>W\u00e4hrend Covid-19 die Welt in Atem h\u00e4lt, kommen schlechte Nachrichten aus China. Chinesische Wissenschaftler haben eine neue Art von Schweinegrippe entdeckt, die das Potential hat, auch Menschen zu infizieren.<\/em><\/a><\/p>\n<p>Grippeforscher schlagen Alarm. Ein neuer Influenza-Stamm mit Pandemie-Potential k\u00f6nnte in Coronazeiten f\u00fcr eine neue flobale Virusinfektion sorgen, die ihren Ursprung wiederum bei Tieren, diesmal bei Schweinen in Mastanlagen hat. Inmitten des Skandals um die Arbeitsbedingungen im Schlachtbetrieb des T\u00f6nnies-Unternehmens, des Lockdowns in G\u00fctersloh und der Angst vor einer zweiten Coronawelle, ist es wieder ein zoonotischer Krankheitserreger, der vom Tier auf den Menschen springen kann. Diskutiert die Welt derzeit angespannt \u00fcber die Infektionsquelle des Coronavirus, besteht nun eine weitere Gefahr, dass die Schweinegrippe von Mensch-zu-Mensch \u00fcbertragen wird. Das Heikle daran ist, dass sich auch dieses Virus wieder an den Menschen anpasst und damit die Zahl der Infektionen schnell in die H\u00f6he katapultieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>Neue Studie aus China<\/h4>\n<p>In einem am Montag ver\u00f6ffentlichten Artikel in der US-Fachzeitschrift PNAS haben Wissenschaftler mehrerer Universit\u00e4ten in China ein neues Virus mit dem Namen G4 identifiziert. \u201eDer G4-Genotyp der Schweinegrippe-Reassortanten besitzt inzwischen alle entscheidenden Merkmale, das es zu einem Kandidaten f\u00fcr eine Influenza-Pandemie macht\u201c, schreibt eine Gruppe chinesischer Influenza-Forscher in den<a href=\"https:\/\/www.pnas.org\/cgi\/doi\/10.1073\/pnas.1921186117\"> \u201ePNAS\u201c,<\/a> einem der wichtigsten Wissenschaftsmagazine der Welt.<\/p>\n<h4>Das Schweinegrippevirus kommt wieder<\/h4>\n<p>Bei G4 handele es sich um eine Modifikation des H1N1-Virus, das im Jahr 2009 eine weltweite Pandemie ausl\u00f6ste. Die Forscher hatten f\u00fcr ihre Studie sieben Jahre lang, von 2011 bis 2018, 30.000 Nasenabstriche von Schweinen in Schlachth\u00f6fen in zehn chinesischen Provinzen abgenommen. Dabei gelang es ihnen 179 verschiedene Schweinegrippe-Viren zu isolieren, wobei es sich bei den meisten um eine neue Art handelt, die seit vier Jahren vermehrt bei Schweinen auftritt. Die Studie sei \u201eeine Erinnerung daran, dass wir st\u00e4ndig dem Risiko des erneuten Auftretens zoonotischer Krankheitserreger ausgesetzt sind und dass Nutztiere, mit denen der Mensch mehr Kontakt hat als mit Wildtieren, als Quelle f\u00fcr wichtige Pandemieviren dienen k\u00f6nnen\u201c, sagte James Wood, Leiter der Abteilung f\u00fcr Veterin\u00e4rmedizin an der Universit\u00e4t Cambridge in Gro\u00dfbritannien. Und die Tests zeigen, dass selbst eine Immunit\u00e4t \u2013 bedingt durch eine saisonale Grippe \u2013 keinen Schutz vor dem neuen G4-Virus bietet. Laut Studie hatte sich mittlerweile ein Zehntel der Schweinehalter infiziert. Auch 4,4 Prozent der Bev\u00f6lkerung seien dem Virus ausgesetzt gewesen. G4 gilt bereits jetzt als hochinfekti\u00f6s wie die Forscher anhand von Experimenten mit Frettchen herausgefunden haben. Die neue Schweinegrippe verursacht sogar schwerwiegendere Symptome als andere Viren. Der Virustyp ist infekti\u00f6ser. Und das Ansteckungspotential f\u00fcr den\u00a0 Menschen ist gr\u00f6\u00dfer. Bei Tierversuchen mit Frettchen wurde deutlich, dass sich G4 durch den direkten menschlichen Kontakt und durch Tr\u00f6pfcheninfektion schneller als jede Virusvariante verbreitet. Und gerade in den Laboruntersuchungen zeigte sich, dass die G4-Variante unter den infizierten Tieren deutlich st\u00e4rkere Grippesymptome hervorgerufen hatte. Der Grund hierf\u00fcr, so die Studie, sei, dass eine der entscheidenden Bindungsstellen auf dem Virusoberfl\u00e4chenmolek\u00fcl H\u00e4magglutinin besser an die entsprechende Andockstelle auf Zellen des Menschen als an Schweine- oder Vogel-Rezeptoren angepasst ist. Und die schlechte Nachricht dabei f\u00fcr den Menschen war, dass sich bei den Zellkulturexperimenten in menschlichen Organismen die Lungenepithelzellen besonders gut vermehrten.<\/p>\n<p>Gleichwohl es sich bislang nur um eine Handvoll Infizierter mit neuen, auff\u00e4lligen Schweinegrippevarianten in China handelt, sehen die chinesischen Forscher bereits hier den Keim f\u00fcr eine gef\u00e4hrliche Epidemie, die \u00e4hnlich wie Sars-CoV-2 pandemische Ausma\u00dfe erlangen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>Der G4-Influenza-Genotyp ist hochinfekti\u00f6s<\/h4>\n<p>Der G4-Influenza-Genotyp gilt deshalb so hochinfekti\u00f6s und ist schnell \u00fcbertragbar, weil er eine genetische Neukombination ist, die aus dem H1N1-Influenzavirus hervorgegangen ist. Seit 2009 hatten sich H1N1-Virenvarianten sowohl in dernmenschlichen Populationen als auch in den riesigen Schweinepopulationen in der Volksrepublik ausgebreitet. 2020 hatte sich bei der Analyse von Schweinemastbetrieben in zehn chinesischen Provinzen und den anschlie\u00dfenden Laborexperimenten gezeigt, der G4-Genotyp ver\u00e4nderte bisherige Virustypen in den Mastschweinen relativ schnell. Alte Virustypen wurden innerhalb kurzer Zeit zugunsten von G4, das bereits im Jahr 2013 zum ersten Mal verifiziert wurde, praktisch v\u00f6llig zur\u00fcck gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<h4>Genetische Mutationen machen die Grippe so gef\u00e4hrlich<\/h4>\n<p>Das neue\u00a0 H1N1-Viruserbgut vom Genotyp G4 ist mit seinen acht Genen zudem durch weitere, fremde RNA-Sequenzen aus Vogel- und Menschenviren angereichert. Bei G4 handelt es sich damit um so genannte Reassortante, also neue Virenmischungen \u2013 und die Schweine sind der ideale Mischungsbeh\u00e4lter. Seit Jahren gilt das Schwein als notorischer Krankheits\u00fcbertr\u00e4ger f\u00fcr Influenzaviren. Schlechte hygienische Bedingungen und die zunehmend expandierende Massentierhaltung beschleunigen die Ausbreitung des Virus nicht nur auf die Schweinepopulation, sondern auch auf den Menschen, V\u00f6gel und andere Nutztiere.<\/p>\n<p>Immer wieder sind es die genetischen Mutationen, also die kleinen genetischen Spr\u00fcnge, die die Viren so gef\u00e4hrlich machen. Derartige Mutationen geh\u00f6ren quasi zu jeder Virusvermehrung und l\u00f6sen einen Drift der Virusmerkmale aus. Genau diese Driftwirkung ver\u00e4ndert die genetische Struktur, dass auch Impfstoffe nicht mehr wirken. Bei der neuen Schweinegrippe, so die Studie, ist die Ver\u00e4nderung der Genfragmente besonders stark, die genetischen Spr\u00fcnge besonders ausgepr\u00e4gt und die Gefahr, dass in relativ kurzer Zeit neue Virenvarianten entstehen, die sowohl Genschnipsel von \u00a0Menschen, Schweinen und V\u00f6geln in sich enthalten, besonders gro\u00df. Dieser Mix erh\u00f6ht dann dramatisch die Gefahr f\u00fcr den Menschen. Der Grund daf\u00fcr liegt darin, weil die je besonderen Eigenschaften unterschiedlicher Influenzaviren im schlimmsten Fall zusammengew\u00fcrfelt werden. Damit kommt es dann \u2013 auch aktuell bef\u00fcrchteten \u2013 zur Verwandlung der Virusmerkmale. Der \u201eAntigen-Shift\u201c wird beschleunigt und das Virus so genetisch-molekular ver\u00e4ndert, dass die menschlichen Immunzellen und Anti-Grippe-Antik\u00f6rper es nicht mehr neutralisieren k\u00f6nnen. \u00c4hnliche Ver\u00e4nderungen des Virus brachte die Spanische Grippe 1918, die Asiengrippe 1957 und in den achtziger Jahren die Hongkong-Grippe auf den Plan, die f\u00fcr den Tod von Millionen von Menschen verantwortlich waren. Reassortanten mit Gen-Elementen der H1N1-Schweingerippe, Vogelgrippe und dem in menschlichen Populationen kursierenden \u201eTriple\u201c-Stamm hatten d\u00e4nische Wissenschaftler bereits im Jahr 2017 in europ\u00e4ischen Schweinemastbetrieben gefunden.<\/p>\n<h4>Coronavirus mutiert nicht so schnell wie G4<\/h4>\n<p>Auch das Coronavirus ver\u00e4ndert seine genetische Struktur, was die Suche nach einem geeigneten Impfstoff so schwierig macht. Variationen von Covid-19, die aus Europa importiert, derzeit wieder in China und in anderen asiatischen L\u00e4ndern f\u00fcr neue exponentielle Zahlen verantwortlich gemacht werden, werden von Wissenschaftern genau als solche Reassortanten identifiziert. Doch das Coronavirus scheint derzeit seine genetische Struktur nicht so drastisch zu ver\u00e4ndern wie die neue Schweinegrippe G4. Genau diese Mutationsgeschwindigkeit und Infektionen in der menschlichen Population sind es aber, die das chinesische Forscherteam als Worst Case ausmachen.<\/p>\n<h4>M\u00f6glichkeit einer neuen Pandemie denkbar<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend Covid-19 insbesondere \u00e4ltere Menschen betrifft und die Todeszahlen in die H\u00f6he treibt, stellt G4 eine Bedrohung f\u00fcr j\u00fcngere Menschen dar. Pr\u00e4zedenzfall ist die Altersgruppe der 18- bis 35-j\u00e4hrigen, die einem h\u00f6heren Infektionsrisiko ausgesetzt sind. So alarmierend der Befund derzeit ist, die derzeit im Labor ermittelte h\u00f6here Pathogenit\u00e4t und Virulenz durch den Genotyp G4 best\u00e4tigen sich bislang nicht landesweit. Die Sterbedaten und Krankheitsverl\u00e4ufe, die direkt mit der neuen Schweinegrippe in Verbindung gebracht werden, sind derzeit noch \u00fcberschaubar. Dennoch sehen die chinesischen Wissenschaftler in dem PNAS-Papier keinen Grund daf\u00fcr, die Gefahr zu verharmlosen und bleiben dabei: Die M\u00f6glichkeit einer\u00a0 neuen Pandemie sei aktuell gegeben. Diese Warnung geschieht sicherlich auch vor dem Hintergrund schwerer Vorw\u00fcrfe seitens Europa und der Trump-Administration, die im Falle der Coronapandemie Peking immer wieder den Vorwurf gemacht hatte, \u00fcber Covid-19 nicht eingehend informiert zu haben, Infektionsdaten nicht rechtzeitig \u00fcbermittelt und schon gar nicht transparent gemacht zu haben.<\/p>\n<p>Was G4 besonders gef\u00e4hrlich macht, ist seine Anpassungsf\u00e4higkeit an den Menschen. Die neue F\u00e4higkeit zu schnellen Modifikationen unterscheidet die neue Schweinegrippe deutlich von \u00e4lteren St\u00e4mmen. Bisher ungekl\u00e4rt ist nach wie vor, ob es auch eine Immunit\u00e4t gegen\u00fcber G 4 gibt, derart, dass der Mensch innerhalb der letzten Jahre eine Art Kreuzimmunit\u00e4t aus fr\u00fcheren Virenst\u00e4mmen entwickelt hat, die ihn immun gegen die unterschiedlichen Reassortanten gemacht haben. Dass es solche Formen der Immunisierung gibt, davon ist das Wissenschaftlerteam \u00fcberzeugt, dennoch sei dies im Fall von G4 relativ unwahrscheinlich. W\u00e4hrend Jugendliche, die gegen die g\u00e4ngigen Virentypen geimpft wurden und die nicht auf die H1N1-Viren vom G4-Typ anschlugen, sind es wie bei Corona wiederum \u00e4ltere und vorerkrankte Menschen, die den neuen Schweinegrippevirus f\u00fcrchten m\u00fcssen. Grippeimpfungen, die einen saisonalen Schutz gew\u00e4hren, auch davon sind die Chinesen \u00fcberzeugt, bieten keinen Schutz. Lediglich Personen, die in ihrer Kindheit 2009 Kontakt mit dem alten H1N1-Grippevirus hatten, seien besser gesch\u00fctzt.<\/p>\n<h4>Nicht nur Schweinez\u00fcchter sind betroffen<\/h4>\n<p>Was als eigentliche Gefahr gedeutet wird, ist der Umstand, dass bei empirischen Studien nicht nur die direkt betroffenen Schweinez\u00fcchter mit G4 durch einen direkten Kontakt mit den Nutz- und Fleischproduzenten infiziert sind, sondern Bev\u00f6lkerungsgruppen, die keinen direkten Kontakt hatten und bereits im Blut den IgG-Antik\u00f6rper tragen. Dies sei das eigentliche Problem.<\/p>\n<h4>Covid-19, saisonale Grippe und G4-Schweinevirus w\u00e4re ein Gau f\u00fcr die Welt<\/h4>\n<p>Sollten sich die Bef\u00fcrchtungen der chinesischen Wissenschaftler best\u00e4tigen, w\u00e4ren das ein neues Horrorszenario. Denn wenn im Herbst, saisonbedingt, die n\u00e4chste Grippewelle auf die globale Welt zurollt und die bef\u00fcrchtete zweite Coronawelle hinzukommt und wieder an Aggressivit\u00e4t gewinnt, die Zahl der Infizierten und Toten steigt, k\u00f6nnte die neue Schweinegrippe die Infektionszahlen global drastisch nach oben katapultieren. Es w\u00e4re der \u201eperfekte Sturm\u201c, den Seuchenexperten zumindest als realistisch-m\u00f6gliches Szenario f\u00fcr den kommenden Herbst und Winter zeichnen. Saisonale Grippe, Corona und G4 k\u00e4me einem krankheitsbedingten Supergau gleich. Die ohnehin schon von der Coronaepidemie \u00fcberlasteten Krankenh\u00e4user weltweit, insbesondere in Italien, Frankreich, Brasilien und den USA, w\u00e4ren am Ende ihrer Kapazit\u00e4ten. Schon in der akuten Phase der Coronapandemie fehlte es in S\u00fcddeutschland an Intensivbetten, Beatmungsger\u00e4ten und vor allen an klinischem Personal, das sich selbst hundertfach mit dem Coronavirus angesteckt hatte.<\/p>\n<h4>China will nicht den gleichen Fehler wie bei Corona begehen<\/h4>\n<p>Bis wann ein verl\u00e4sslicher und medizinisch sicherer Impfstoff gegen Corona auf dem Markt ist, der auch tats\u00e4chlich alle klinischen Tests zweifelsfrei bestanden hat, steht derzeit noch in den Sternen. Mit ihrer neuen Studie zu einer m\u00f6glichen, durch G4 ausgel\u00f6sten, Pandemie gehen die chinesischen Virologen um Honglei Sun, die von Veterin\u00e4rmedizinern aus Peking und dem Fr\u00fchwarnzentrum der chinesischen Wissenschaftsakademie vorgenommen wurde, zumindest in eine Informationsoffensive. Sollten die Fallzahlen derzeit auch noch gering ausfallen, so ist es doch besser, im Unterschied zu den Desinformationen beim Coronaausbruch, dass die Forscher zumindest vor der Gefahr warnen. Keiner sollte sp\u00e4ter sagen, er h\u00e4tte es nicht gewusst. So wollen die Wissenschaftler letztendlich ihre Studie interpretiert wissen, denn eins steht au\u00dfer Frage: Seit 2013 hat sich G4 als neuer, f\u00fcr Mensch und Tier infekti\u00f6ser Influenzavirus-A-Typ etabliert: G4 sollte man in einer vom Coronavirus sensibilisierten und st\u00f6ranf\u00e4lligen Welt im Auge behalten.<\/p>\n<h1>Eric Schmidt: Den Chinesen kann man nicht trauen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz26.06.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/ex-google-chef-eric-schmidt-kritisiert-huawei-scharf\/\"><em>Schon lange warnen Experten vor dem chinesischen Telekommunikationsausr\u00fcster Huawei. Immer wieder wird dem Unternehmen, das ma\u00dfgeblich am neuen 5G-Ausbau weltweit seine Finger mit im Spiel hat, die Gef\u00e4hrdung der nationalen Sicherheit unterstellt. Ob MI6 oder amerikanische Geheimdienste, alle sind sich einig: Wir d\u00fcrfen den Chinesen eine derart informelle Macht nicht \u00fcberlassen. Nun hat auch der ehemalige Chef von Google und Ex-Verwaltungsratschef von \u201eAlphabet\u201c, Eric Schmidt, Bedenken ge\u00e4u\u00dfert.<\/em><\/a><\/p>\n<p>Huawei ist Chinas Aush\u00e4ngeschild, wenn es um globale Kommunikation und die Sammelwut von Informationen von Milliarden Nutzern geht. Dass die Chinesen hier mittlerweile selbst in der Champions League spielen, beweisen die Unternehmenszahlen. So konnte der Megakonzern 2019 mit einem gigantischen Jahresumsatz von 109 Milliarden Euro aufwarten und \u00fcbertraf mit einem reinen Nettogewinn von fast acht Milliarden Euro alle Analystentr\u00e4ume. Der im Jahr 1987 von Ren Zhengfei gegr\u00fcndete Telekommunikationsausr\u00fcster mit Sitz in Shenzhen hat mit 240 Millionen verkauften Smartphones 2019 Apple weit hinter sich gelassen und liegt im Rennen um die Absatzm\u00e4rkte nunmehr nur noch hinter Samsung auf Platz 2.<\/p>\n<p>China r\u00fcstet auf \u2013 nicht nur bei den Handys, sondern auch beim Ausbau der Mobilfunknetze. Doch Huawei steht immer wieder in der Kritik der Intransparenz. Vorw\u00fcrfe, China will damit seine globale Macht auf dem Kommunikationssektor ausweiten, letztendlich die westliche Demokratie gleich mit ins Nirwana bef\u00f6rdern und die Big Data f\u00fcr politische Zwecke instrumentalisieren, sind keineswegs neu.<\/p>\n<p>Genau diese Sicherheitsbedenken hat Ex-Google-Chef Eric nun untermauert. Huawei spielt mit inakzeptablen Praktiken \u2013 und das k\u00f6nnte f\u00fcr jedes Land der Welt gef\u00e4hrlich werden. Schmidt, von April 2011 bis zum 10. August 2015 Executive Chairman von Google und selbst Informatiker, ist mittlerweile Vorsitzender des Defence Innovation Board des Pentagon und arbeitet damit f\u00fcr die US-Regierung. Gegr\u00fcndet wurde die Beratungsschmiede 2016 mit dem Ziel, dem Milit\u00e4r die Denke von Silicon Valley n\u00e4her zu bringen. Schmidt w\u00fcnscht sich eine noch modernere, technologisch-innovativere Einsatztruppe. Amerika kann seine strategisch-milit\u00e4rische F\u00fchrungsrolle nur so behalten, ohne den Status der Supermacht zu verlieren und diese den Chinesen zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<h4>Huawei \u2013 Die Sammelkrake des Kommunismus<\/h4>\n<p>In seiner neuen Funktion als innovativer Sicherheitschef warnt Schmidt, selbst ein guter Chinakenner, nunmehr vor der drohenden Gefahr, die von Huawei auch f\u00fcr die westlichen Demokratien ausgehen k\u00f6nnte. Das chinesische Unternehmen kann \u00fcberhaupt nicht, so der Vorwurf, autonom agieren. Alle Informationen, die Huawei als Datensammelkrake wie ein gro\u00dfer Schwamm aufsaugt, landen letztendlich auf dem Tisch der chinesischen Sicherheitsbeh\u00f6rden. \u201eEs steht au\u00dfer Frage, dass Informationen von Huawei-Routern letztendlich in H\u00e4nde gelangt sind, die dem Staat zu geh\u00f6ren scheinen\u201c.<\/p>\n<p>Damit k\u00e4me Peking eine Macht zu, die nicht nur gigantisch w\u00e4re, sondern vor der alle L\u00e4nder dieser Welt berechtigte Angst haben m\u00fcssten. Das China die K\u00fcnstliche Intelligenz gerade f\u00fcr Spionagezwecke instrumentalisiert, ist genauso plausibel wie das kleine Einmaleins. \u201eDie Chinesen sind in Schl\u00fcsselbereichen der Forschung und Innovation genauso gut und vielleicht sogar besser als der Westen\u201c. Sie gelten als die besten Ideenverwerter und Kopierweltmeister, wenn es um den Raub geistigen Eigentums im gigantischen Ausma\u00df geht. Und diese Entwicklung wird sich dramatisch dynamisieren, so der Ex-Google-Chef, der die Innovationsf\u00e4higkeit der Asiaten lange untersch\u00e4tzt hat. Mittlerweile ist er davon \u00fcberzeugt, dass die Volksrepublik sp\u00e4testens in f\u00fcnf Jahren den Anschluss zu den Hightechindustrien endg\u00fcltig vollzogen hat. Peking verf\u00fcgt \u00fcber Know-how, viel Geld und vor allem \u00fcber ein gigantisches Meer an Arbeitskr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Kaum einer wei\u00df es besser als Schmidt, dass die Zukunft der Wirtschaft an den digitalen Plattformen h\u00e4ngt. Hier wird mehr Geld als bei ehemals linearen Gesch\u00e4ftsmodellen verdient und die Plattform\u00f6konomie krempelt schon heute die globale Wirtschaft um. E-Commerce-Giganten wie Amazon oder Alibaba, die zu den gr\u00f6\u00dften Entwicklern und Nutznie\u00dfern der Plattform\u00f6konomie z\u00e4hlen, sind die Gewinner.<\/p>\n<h4>Es steht nichts weniger als die westliche Demokratie auf dem Spiel<\/h4>\n<p>Beim gigantischen Aufstieg von Huawei schaut der Westen derzeit resigniert zu. Wenn die westliche Wertewelt aber Innovationstreiber sowohl bei der K\u00fcnstlichen Intelligenz als auch auf dem Gebiet des Quantencomputings bleiben will, muss diese endlich aus ihrem Dornr\u00f6schenschlaf aufwachen und Huawei Paroli bieten, so der Informatiker und Manager und US-Sicherheitsberater. Sie darf sich vom chinesischen Telekommunikationsanbieter keineswegs blindlings in die Ecke spielen lassen. \u201eEs liegt im Interesse des Westens, dass jede Technologieplattform westliche Werte in sich tr\u00e4gt.\u201c Das ist nicht nur im Interesse der freiheitlichen Werte westlicher Zivilisationen, sondern davon h\u00e4ngt letztendlich das \u00dcberleben der liberal-\u00f6konomischen Werteordnung ab. \u201eWir m\u00fcssen unsere Kr\u00e4fte b\u00fcndeln, um im Wettbewerb bestehen zu k\u00f6nnen\u201c. Gelingt China letztendlich der Durchmarsch, k\u00e4me es genau zu dem Gau, den der Sicherheitsexperte als schlimmstes Szenario eines neuen digitalen Krieges und damit als gr\u00f6\u00dfte Gefahr sieht, die den Westen herausfordert. Das Horrorszenario w\u00e4re die Entkoppelung der Technologiesektoren von China und den USA. \u201eWenn man diese globalen Plattformen einmal voneinander trennt, bekommt man sie nicht mehr zur\u00fcck.\u201c Und die gro\u00dfe Frage bleibt: \u201eOperieren sie auf globalen Plattformen oder operieren sie auf ihren eigenen Plattformen? Je st\u00e4rker die Plattformen voneinander getrennt sind, desto gef\u00e4hrlicher ist es.\u201c Wenn China den globalen Wettlauf gewinnt, wird es die Welt dominieren. Der Traum von dieser Weltherrschaft ist dann keine Zukunftsspekulation und Fiktion mehr, sondern dunkle Realit\u00e4t. Dann entscheidet China, \u201eob wir uns nun koppeln oder abkoppeln. Sie haben die Ressourcen, sie haben das Geld, sie haben die Technologie.\u201c Das schlimmste w\u00e4re, wenn sich das Internet in zwei Teile aufspalten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Und das China im Kampf um die globale Weltherrschaft jedes Mittel einsetzen wird, davon ist Schmidt \u00fcberzeugt. Die Chinesen benutzen Huawei schon jetzt als Spionageinstrument, denn alle seine Operationen seien eine Form der \u201eSignalaufkl\u00e4rung\u201c, vergleichbar mit den Aktivit\u00e4ten des britischen Government Communications Headquarters und der amerikanischen NSA.<\/p>\n<h4>China aber weist alle Schuld zur\u00fcck<\/h4>\n<p>Huawei hat wiederholt die Anschuldigungen der US-Regierung unterdessen zur\u00fcckgewiesen. \u201eDie Behauptungen von Eric Schmidt, seien einfach nicht wahr und werden, wie bei \u00e4hnlichen Behauptungen in der Vergangenheit, nicht durch Beweise untermauert\u201c, so Victor Zhang, Huawei\u2019s britischer Chef, gegen\u00fcber der BBC. Aber auch die D\u00fcsseldorfer Europazentrale des Konzerns kann die \u00c4ngste von Sicherheitsbedenken nicht ausr\u00e4umen, weil das Procedere aus China immer dem gleichen Strickmuster folgt. Sobald Peking in die Defensive ger\u00e4t, schl\u00e4gt es mit Donnerkanonen zur\u00fcck. Immer sind es die Chinesen, die sich unbegr\u00fcndet angegriffen f\u00fchlen, immer folgt ein Offensivschlag. Die Unschuldserkl\u00e4rungen von Seiten Huaweis, kein verl\u00e4ngerter Arm des chinesischen Staates zu sein und keine sensibeln Kundendaten an die Beh\u00f6rden weiterzugeben, bleiben Stereotype.<\/p>\n<h4>Huawei ist genauso intransparent wie das Wuhan-Labor<\/h4>\n<p>Auch bei der vieldiskutierten Frage, woher das Coronavirus stamme, ob aus dem Labor oder vom Wildtiermarkt in Wuhan, beteuert China immer, dass sich das Virus nat\u00fcrlich verbreitet habe. Vorw\u00fcrfe, die sich unterdessen immer weiter verh\u00e4rten, widersprechen zunehmend der Pekinger Unschuldstrategie und legen den Verdacht nahe, dass es sich tats\u00e4chlich um einen Unfall im Labor mit einer k\u00fcnstlich erzeugten Sars-Biowaffe handle. Wie bei den Spionaget\u00e4tigkeiten durch Huawei also auch beim Coronavirus \u2013 China w\u00e4scht seine H\u00e4nde buchst\u00e4blich in Unschuld. Vertrauen aufzubauen ist, hier schwer. Kontrolle, wie sie Schmidt fordert, ist auf alle F\u00e4lle notwendig und geboten.<\/p>\n<h4>Der digitale Kampf hat begonnen<\/h4>\n<p>Samuel P. Huntington sorgte mit seinem 1996 erschienenen Buch \u201eThe Clash of Civilizations\u201c (Kampf der Kulturen) weltweit f\u00fcr Schlagzeilen. Der amerikanische Politikwissenschaftler, der am John M. Olin Institute for Strategic Studies der Harvard-Universit\u00e4t in Cambridge lehrte, prognostizierte f\u00fcr das 21. Jahrhundert einen Kulturkampf zwischen dem Westen, China und dem Islam. Dieser Kulturkampf ist mittlerweile zu einem digitalen geworden, zum Kampf der Plattformbetreiber, zum Kampf um nationale Sicherheitsinteressen und Spionagehoheit, zum Kampf um gigantische Datenmengen, die letztendlich dem Macht und Einfluss verschaffen sollen, der sie besitzt. Damit hat Huntington Francis Fukuyamas und dessen prognostiziertes Ende der Geschichte, wie er es 1992 in \u201eThe End of History and the Last Man\u201c publizierte, wissenschaftlich widerlegt.<\/p>\n<p>Glaubte Huntington im Anschluss an Georg Wilhelm Friedrich Hegel mit seiner Geschichtsphilosophie daran, dass das Ende der Geschichte dazu f\u00fchrt, dass alle systemisch-weltpolitischen Widerspr\u00fcche in einer letzten Synthese \u201eaufgehoben\u201c werden und die Dialektik damit an ihr Ende gekommen sei, weil sich die liberale Demokratie gegen alle Staats- und Wirtschaftssysteme durchgesetzt habe, so hat ihn die Geschichte das Gegenteil bewiesen.<\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch der UdSSR und des sozialistischen Ostblocks haben sich zwar innerhalb Europas die Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft durchgesetzt, aber eben nicht in China, das den Sieg des Kommunismus gerade in der \u00dcberwindung des liberalen Kapitalismus und seiner freiheitlichen Rechtsordnung sieht. Doch den Hauptkampf um das \u201ebessere\u201c System f\u00fchrt Peking unterdessen mit den Waffen der K\u00fcnstlichen Intelligenz, auf dem Feld der Plattform\u00f6konomie und als die immer noch am schnellsten wachsende Weltwirtschaft.<\/p>\n<p>Das Ende des klassischen Kalten Krieges hat einen neuen, den digitalen hervorgebracht, der nunmehr in altbew\u00e4hrter Dialektik um die Weltherrschaft k\u00e4mpft. Will der Westen im Systemwettlauf nicht verlieren, muss er sich gewaltig anstrengen. So ist auch Eric Schmidts Kampfansage an Huwawei letztendlich zu verstehen.<\/p>\n<ol>\n<li>Im \u00dcbrigen: Schmidts Vorw\u00fcrfe gegen China k\u00f6nnten im Umkehrschluss auch von den Chinesen gegen Amerika ggenauso gef\u00fchrt werden. Und ein f\u00fchrender chinesischer Diplomat oder Sicherheitsexperte w\u00e4re vielleicht gar nicht so im Unrecht, wenn er die USA beschuldigt, Spionage auf h\u00f6chstem Niveau zu betreiben, um die Weltherrschaft mit allen Mitteln zu verteidigen. Der die b\u00f6sen Buben w\u00e4ren dann Amerika und Eric Schmidt selbst, die mit ihren schweren Vorw\u00fcrfen eine Propagandamaschinerie ins Rollen bringen, die die Chinesen entr\u00fcsten.<\/li>\n<\/ol>\n<h1>Deutschland unter Schock: Hunderte randalieren in Stuttgart<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz21.06.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p><em>Hunderte von Partybesuchern randalierten in Stuttgart. Sie griffen die Polizei an und pl\u00fcnderten Gesch\u00e4fte. Es war der erste Amoklauf diesen Ausma\u00dfes in der Geschichte der Bundesrepublik, b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Szenen ersch\u00fctterten die Landeshauptstadt.<\/em><\/p>\n<p>Am Sonntag morgen stand die Bundesrepublik buchst\u00e4blich unter Schock. Eine Gewaltnacht \u201ebeispiellosen Ausma\u00dfes\u201c hatte die Landeshauptstadt Stuttgart gerade hinter sich. Szenen von bisher ungekannter Agressivit\u00e4t hielten die Industrie-Metropole, den Schmelztiegel der deutschen Autoindustie, in Atem. Hunderte Partybesucher randalierten in der Nacht und griffen die Polizei vor Ort an. Schaufenster und Gesch\u00e4fte wurden gepl\u00fcndert, die Innenstadt, die Innenstadt mit ihren noblen Gesch\u00e4ften und Boutiquen, sonst Magnet der Sch\u00f6nen und Reichen, glich einem Tr\u00fcmmerfeld. Stuttgarts b\u00fcrgerliches Ambiente hat einen schweren Kratzer davon getragen, die schw\u00e4bische Gem\u00fctlichkeit zum Opfer rasender Gewalt.<\/p>\n<p>Bei den Randalen, die man sonst nur von der Springerzentrale bei den ber\u00fcchtigen Auseinandersetzungen der 68er Jahre kannte, wurden 24 Personen in polizeilichen Gewahrsam genommen. Die H\u00e4lfte von ihnen mit deutscher Staatsb\u00fcrgerschaft, das andere Duzent mit Migrationshintergrund. Ob Kroaten oder Somalier \u2013 Stuttgart war Gewalthappening pur \u2013 medial auch noch in Szene gesetzt vom tobenden Mob, der die Ausschreitungen begleitend in den Sozialen Medien glorifizierend inszenierte. Grausame Bilanz des randalierenden Mobs: 19 Polizisten wurden verletzt.<\/p>\n<p>Wie der Stuttgarter Polizeichef Frank Lutz in einem Interview am Sonntag betonte, habe ihn die Welle der Gewalt sprachlos gemacht. \u201eEs waren unglaubliche Szenen. Das habe ich in meinen 46 Jahren Polizeidienst noch nie erlebt\u201c.<\/p>\n<p>Die Eskalationen begannen, nachdem die Polizei einen 17-j\u00e4hrigen Deutschen auf Drogen untersuchte. Kurz darauf schleuderte eine gro\u00dfe Menge Steine und Flaschen auf die Beamten, die Scheiben der Einsatzwagen wurden eingeschlagen. Mindestens 400 bis 500 Menschen beteiligten sich am Kampf gegen Polizisten und Rettungskr\u00e4fte. Vom Stuttgarter Schlossplatz zog der p\u00f6belnde und aufheheitze Meute dann durch die Innenstadt pl\u00fcnderte zigfach Gesch\u00e4fte in der K\u00f6nigstra\u00dfe, der ber\u00fchmten Einkaufsmeile Stadt. Ein Juweliergesch\u00e4ft wurde vollst\u00e4ndig ausgeraubt, ein Handyladen fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt wie auf Twitter ver\u00f6ffentliche Videos zeigen. Insgesamt fielen bei den Randalen neun Gesch\u00e4fte den Pl\u00fcnderungen zum Opfer, bei weiteren 14 wurden die Scheiben zerschlagen.<\/p>\n<p>Bereits in der vergangenen Woche kam es in der Landeshauptstadt immer wieder zu Gewaltakten und \u00dcbergriffen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Die Polizei war gewarnt, Einsatzkr\u00e4fte bereits angefordert. So waren in der Gewaltnacht bereits \u00fcber 100 Einsatzkr\u00e4fte in Alarmbereitschaft. Doch das Ausma\u00df der Gewalt \u00fcberw\u00e4ltigte die Beamten, Verst\u00e4rkung aus anderen Teilen der Stadt und des Landkreises zwingend geboten.<\/p>\n<p><strong>Wie konnte es dazu kommen?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Lockdowns waren in Stuttgart wie in vielen anderen Orten der Bundesrepublik Diskotheken und Clubs geschlossen. Die seit Monaten von staatlicher Seite verordneten Kontaktbeschr\u00e4nkungen und Ausgehverbote sind sicherlich Grund daf\u00fcr, dass die Lage unter j\u00fcngeren Menschen aufgeladen sei, so ein Polizist, der \u00fcber das Ausma\u00df der Gewalt erschreckt war. Alkoholisierte M\u00e4nner seien von \u201eder Sucht getrieben worden, einen kleinen Film auf soziale Medien zu stellen, so ein anderer Kommentator.<\/p>\n<p>Von b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Szenen sprach der SPD-Politiker Sascha Binder und Gr\u00fcnen-Ministerpr\u00e4sident Winfried Kretschmann kommentierte: \u201eIch verurteile diesen brutalen Gewaltausbruch auf das Sch\u00e4rfste, diese Taten gegen Menschen und Dinge sind kriminelle Handlungen, die mit Nachdruck verfolgt und verurteilt werden m\u00fcssen.\u201c Und CDU-Innenminister Thomas Strobl bezeichnete die Ausschreitungen als \u201ebeispiellos\u201c. Er will nun \u201ealle verf\u00fcgbaren rechtsstaatlichen Mittel\u201d nutzen, um gegen die Randalierer vorzugehen.<\/p>\n<p>Eine Gewaltnacht in dieser Form hatte es in den letzten Jahren der Bundesrepublik nicht gegeben, weder in der aggressiven Bereitschaft, die Sicherheitskr\u00e4fte zu attackieren noch in der Form wie fremdes Eigentum besch\u00e4digt wurde.<\/p>\n<p>Unterdessen hat die Polizei ein politisches Motiv ausgeschlossen, die Randalierer kommen aus der \u201ePartei- oder Veranstaltungsszene\u201c.<\/p>\n<h1>Das Coronavirus ist von Menschen gemacht \u2013 Schwere Vorw\u00fcrfe gegen Peking<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz18.06.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p><em>Es ist das wohl derzeit am besten geh\u00fctete Staatsgeheimnis Chinas. \u00dcber die Virenschmiede, dem Wuhan-Labor, verliert die Volksrepublik kein Sterbenswort \u2013 zumindest wenn der Vorwurf im Raum steht, dass das Coronavirus aus dem Labor entstammt, dort m\u00f6glicherweise gez\u00fcchtet und durch einen Unfall frei gekommen sei. Diesen schweren Vorwurf erhebt nun der ehemalige Chef des MI6, Sir Richard Dearlove.<\/em><\/p>\n<p>Wenn es um Vorw\u00fcrfe geht, dass das Coronavirus, das f\u00fcr die globale Pandemie verantwortlich ist, sein Ursprung im Labor hat, reagiert China besonders aggressiv. Peking hat eine rigide Informationssperre verh\u00e4ngt und selbst gegen eine kritische Berichterstattung aus Europa interveniert. Wer nur ann\u00e4hernd Corona mit dem Labor in Verbindung bringt, wird entweder mundtot gemacht oder verschwindet auf mysteri\u00f6se Weise. Keiner im Land wagt gegen den kommunistischen Staat und seine Propaganda zu rebellieren.<\/p>\n<p>Innerhalb der letzten Monate wurde immer wieder dar\u00fcber spekuliert, woher das t\u00f6dliche Virus stammt, das Abermillionen Menschen weltweit infiziert und Hunderttausenden den Tod brachte. Der \u201eWildtiermarkt kann es ja wohl nicht sein\u201c, titelte j\u00fcngst der Publizist und Verleger Wolfram Weimer auf \u201en-tv\u201c.<\/p>\n<p>Und das irgendetwas mit dem mittlerweile sagenumwobenen Labor nicht stimmt, l\u00e4sst sich nicht mehr verleugnen. Der Verdacht, dass China etwas verheimlicht, w\u00e4chst t\u00e4glich \u2013 und je mehr die Chinesen unter Druck geraten, w\u00e4chst umgekehrt das Schweigen aus der Volksrepublik. Doch bei der Jahrhundertpandemie geht es letztendlich auch um die Suche nach den Verantwortlichen, die die Welt global in eine bislang ungekannte Krise hineingest\u00fcrzt haben. Auf diese Spurensuche begaben sich in den letzten Wochen englische Medien, die den ehemaligen Au\u00dfenminister und derzeitigen EU-Brexit-Unterh\u00e4ndler Michel Barnier beschuldigten, das Wuhan-Labor mit Finanzspritzen bezuschusst und so indirekt beim Aufbau eines der gef\u00e4hrlichsten Biowaffenlabore geholfen zu haben.<\/p>\n<h4>Wer ist Sir Richard Dearlove?<\/h4>\n<p>Neue Vorw\u00fcrfe kommen jetzt wiederum aus England. Doch es ist nicht die Tagespresse, die gegen das immer mehr unter Druck geratende China schie\u00dft. Diesmal ist es der langj\u00e4hrige Topagent der britischen Krone Sir Richard Dearlove. Dearlove ist in Sachen Sicherheit kein unbeschriebenes Blatt, er ist der wahrhafte Mister Bond und \u201e007\u201c eine triste Schattenexistenz gegen Mister \u201eC\u201c. Dearlove, von 1999 bis 2004 Chef des britischen Geheimdienstes MI6 und nationaler Sicherheitsberater des Premierministers, begann seine Karriere mit 21 Jahren. Und seit dieser Zeit ist der Vorsitzende des Kuratoriums der \u201eUniversity of London\u201c so etwas wie das lebende konservative Ged\u00e4chtnis der gro\u00dfen Krisen unserer Zeit.<\/p>\n<p>\u201eGesch\u00fcttelt, nicht ger\u00fchrt\u201c, so l\u00e4sst sich die bewegte Lebensgeschichte Dearloves zusammenfassen. Der englische Patriot ist unverbiegbar, ein alter Krieger, der das Gesp\u00fcr f\u00fcr das hat, was der Fall ist. Der Geheimdienstchef war in alles eingeweiht, was dem guten alten Empire so gef\u00e4hrlich werden konnte: der Tod von Prinzessin Diana und die damit verbundenen Verschw\u00f6rungstheorien, der Anschlag mit einer Panzergranate russischen Typs auf das Hauptquartier des MI6 in Vauxhall Cross, das Erstarken der Terrorbrigade Al-Qaida, die Anschl\u00e4ge vom 11. September in den USA und der darauf folgende Zweite Golfkrieg. Dearlove stand an den jeweiligen Fronten als kampferprobter Routinier in der ersten Reihe.<\/p>\n<h4>Der unbeirrbare Dearlove<\/h4>\n<p>Dearlove lies und l\u00e4sst sich den Mund nicht verbieten. Immer wieder ging er in den letzten Jahren in die Offensive \u2013 und seine Adressaten waren allesamt \u00fcberaus prominent, sei es Premierministerin Theresa May, der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Emmanuel Macron, Ex-Labour-Chef Jeremy Corbyn oder das politische Berlin unter Kanzlerin Angela Merkel \u2013 samt seiner Willkommenskultur 2015. Schon 2016 warnte Dearlove vor einer geopolitischen Verschiebung, die die Massenmigration mit sich bringe und prophezeite den Aufstieg der Rechtspopulisten, wenn der ungebremste Fl\u00fcchtlingsstrom weiter \u00fcber Europa hereinbreche. Die schl\u00fcssigste Antwort Englands auf Br\u00fcssels Migrationspolitik sei letztendlich der Brexit gewesen, quasi die Notbremse gegen die geopolitische Ver\u00e4nderung europ\u00e4ischen Festlandes.<\/p>\n<p>England first, dazu hat sich der Verteidiger des K\u00f6nigreiches und Geheimdienstchef immer bekannt. Und so konterkarierte er Theresa Mays Brexit-Deal und kritisierte diesen als Bedrohung der nationalen Sicherheit. Das Abkommen w\u00fcrde \u201edie Kontrolle \u00fcber Aspekte unserer nationalen Sicherheit in ausl\u00e4ndische H\u00e4nde legen\u201c, so Dearloves Veto gegen die am Brexit scheiternde Regierungschefin. Sch\u00e4rfer noch attackierte er den ehemaligen Labour-Chef Jeremy Corbyn. Diesen sah er gar als personelle Verk\u00f6rperung eines bevorstehenden Superkommunismus, der Krone und Freiheit gleichsam bedrohe. Mehr noch: Corbyn sei, wie es in einem spektakul\u00e4ren Artikel \u201e<a href=\"https:\/\/briefingsforbritain.co.uk\/jeremy-corbyn-and-national-security\/\">Jeremy Corbyn and national security<\/a>\u201c hie\u00df, letztendlich ein Politiker, der das politische und wirtschaftliche Regierungsmodell der DDR bevorzugte. W\u00e4re der Labour-Politiker an die Macht gekommen, h\u00e4tten \u201elebenswichtige nationale Sicherheitsinteressen auf dem Spiel\u201c gestanden. Und so zeige Corbyns \u201eradikale Vergangenheit\u201c die Wahrheit dar\u00fcber, was f\u00fcr ein Politiker er war \u2013 \u201eein politischer Verwandter der Bande kommunistischer Schergen, die Ostdeutschland schufen\u201c.<\/p>\n<h4>Einer der letzten K\u00e4mpfer des Kalten Krieges<\/h4>\n<p>Dearlove, der von 2004 bis 2015 Master of Pembroke College an der Universit\u00e4t Cambridge, also Kanzler einer der Eliteuniversit\u00e4ten des Empire war, ist eines geblieben, ein unbeirrbarer K\u00e4mpfer gegen den sowjetischen Kommunismus, ein Antikommunist par excellence. Der Kalte Krieg war sein Kampfplatz und die Diktaturen des Ostblocks ein Gr\u00e4uel. Systematische Massenverletzung der Menschenrechte hatte er der DDR immer wieder vorgeworfen und daf\u00fcr pl\u00e4diert, dass \u201ediejenigen von uns, die alt genug sind, den Kalten Krieg aus erster Hand erlebt zu haben\u201c, die Pflicht h\u00e4tten, die j\u00fcngere Generation vor den Gefahren des Kommunismus zu warnen.<\/p>\n<h4>Downing Street Memo\u201c belastete George W. Bush<\/h4>\n<p>Der britische Geheimdienstdinosaurier, der den Kampfgeist seines Vaters in sich tr\u00e4gt, der 1948 Vizeolympiasieger im Rudern wurde, sorgte 2002 f\u00fcr Schlagzeilen. Das unter dem Namen \u201eDowning Street Memo\u201c brisante Papier belastete den damaligen US-Pr\u00e4sidenten George W. Bush schwer. Bush hatte, so der Vorwurf des MI6-Chefs, Geheimdienstmaterial \u201efrisiert\u201c, um seinen Einmarsch im Irak zu rechtfertigen. Schon fr\u00fchzeitig warnte so Mister \u201eC\u201c vor einer Eskalation im Nahen Osten. Beim Feldzug gegen die \u201eAchse des B\u00f6sen\u201c handele es sich um Bushs pers\u00f6nlichen Vergeltungskrieg gegen Saddam, den der \u201emit Gewalt st\u00fcrzen und dies durch die Verbindung von Terrorismus und ABC-Waffen rechtfertigen\u201c wollte. Dass der Irak keine ABC-Waffen hatte, wurde sp\u00e4ter durch US-Truppen im Land best\u00e4tigt. Dennoch rechtfertige Bush seine Intervention und schob die Verantwortung sp\u00e4ter auf Falschinformationen aus CIA-Kreisen ab.<\/p>\n<h4>Europa ja, Europ\u00e4ische Union nein<\/h4>\n<p>Selbst Europas starkem Mann, Emmanuel Macron, bietet Dearlove die Stirn und weist dessen Allmachtsfantasien einer starken EU in die Schranken. Europa sei in einer handfesten Krise und vor allem Mister \u201eC\u201c sieht nicht nur den Einfluss der Nato gef\u00e4hrdet, sondern glaubt auch nicht, dass sich dieses Europa im Ernstfall selbst verteidigen kann. In seinem <a href=\"https:\/\/briefingsforbritain.co.uk\/an-open-letter-to-emmanuel-macron\/\">An Open Letter to Emmanuel Macron <\/a>beschw\u00f6rte er die \u201eEntente Cordial\u201c von 1904 und betonte, dass Frankreich und England in den<em> \u201e<\/em>dunkelsten Stunden des letzten Jahrhunderts\u201c die Werte der europ\u00e4ischen Zivilisation sch\u00fctzten. Doch einem gemeinsamen Europa erteilt er eine Absage. England ist zwar europ\u00e4isch, aber unabh\u00e4ngig von Br\u00fcssel. Der kranke Mann Europas sei eben Br\u00fcssel selbst und die EU in einer handfesten Krise, in der die Briten, die weder der Eurozone noch dem Schengen-Abkommen beigetreten sind, kein Interesse daran h\u00e4tten, zum Spielball der deutsch-franz\u00f6sischen Hegemonie zu werden.<\/p>\n<p>Autonomie und Nationsstaatlichkeit \u2013 daf\u00fcr steht letztendlich auch Dearlove: \u201eDie Geschichte des Vereinigten K\u00f6nigreichs ist anders, und diese Geschichte hat es uns nie erlaubt, die Konsequenzen einer EU-Mitgliedschaft voll und ganz zu akzeptieren.\u00a0 Um ehrlich zu sein, ist unsere Mitgliedschaft nie sehr tief gegangen: Unsere Herzen waren nicht dabei.\u201c<\/p>\n<h4>Warnung vor Huawei<\/h4>\n<p>Das sich Dearlove nicht einsch\u00fcchtern l\u00e4sst, weder von Institutionen noch von allgewaltigen Staatschefs oder Unternehmen, verdeutlichte er in einer Kampfansage an Huawei\u2019s Rolle im britischen 5G-Netz. F\u00fcr den bekennenden Antikommunisten bleibt China nicht nur ein System, das die Menschenrechte mit F\u00fc\u00dfen tritt, sondern ein zuh\u00f6chst gef\u00e4hrlicher Player, den man auf Abstand halten muss. Huawei stellt \u201eein unn\u00f6tiges Risiko\u201c und eine Sicherheitsbedrohung dar. Kurzum: Huawei ist nichts anderes als der verl\u00e4ngerte Spionagearm aus Peking.<\/p>\n<h4>Das Coronavirus ist von Menschen gemacht \u2013 Schwere Vorw\u00fcrfe gegen die Volksrepublik<\/h4>\n<p>Die Skepsis gegen den Kommunismus sitzt tief und China bleibt f\u00fcr Dearlove in der Kartographie des B\u00f6sen derzeit Nummer eins. China traut er nicht nur zu, die informal-globale \u00dcberwachung steuern zu wollen, sondern eben auch Biowaffen gezielt einzusetzen. Der gut unterrichtete ehemalige Geheimdienstchef hatte zuletzt China stark belastet. Wie Dearlove in einem Interview mit dem britischen <a href=\"https:\/\/www.telegraph.co.uk\/news\/2020\/06\/03\/exclusive-coronavirus-began-accident-disease-escaped-chinese\/\">\u201eThe Telegraph\u201c<\/a> betonte, hat die Verbreitung des Coronavirus \u201eals Unfall\u201c entweder im Labor des Wuhan Institute of Virology oder im Wuhan Centre for Disease Control begonnen, von wo das Virus entwichen sei. Damit widerlegt er die von China offiziell kommunizierte \u201eVertuschungsstrategie\u201c, dass das Virus vom Wildtiermarkt in Wuhan stamme und unterstreicht dessen nicht nat\u00fcrliche Existenz. Unter Berufung auf eine wissenschaftliche \u00a0Arbeit eines norwegisch-britischen Forschungsteams, ist sich Dearlove sicher, dass Schl\u00fcsselelemente in der genetischen Sequenz von Covid-19 \u201eeingef\u00fcgt\u201c wurden und das Virus demnach von Menschen gemacht sei. In einem Papier, f\u00fcr das sich die Forscher Angus Dalgleish vom St. George\u2019s Hospital der Universit\u00e4t London und der norwegischen Virologe Birger Sorensen verantwortlich zeigen \u2013 und das derzeit in den Medien kritisiert wird \u2013 behaupten die Wissenschaftler, \u201eeingef\u00fcgte Abschnitte auf der Oberfl\u00e4che der SARS-CoV-2-Zacken\u201c identifiziert zu haben, die erkl\u00e4ren, wie das Virus sich an menschliche Zellen bindet. Wenn man diese einzigartigen \u201eFingerabdr\u00fccke\u201c, die sich nicht nat\u00fcrlich entwickelt haben und vielmehr \u201eauf eine gezielte Manipulation hindeuten\u201c nicht beachtet, so Dalgleish, wird die Suche nach einem Impfstoff aussichtslos bleiben. Und auch Dearlove, der in seiner Karriere oft den richtigen Riecher hatte und ein sensibles Gesp\u00fcr f\u00fcr die Machenschaften des Politischen entwickelte, bleibt dabei: \u201ezweifelsfrei\u201c konstruiert. Sollte der Ex-MI6-Chef Recht haben, w\u00e4re das f\u00fcr Peking die schlimmste Informationspleite und k\u00e4me einem gigantischen Megaerdbeben gleich. China m\u00fcsste sich f\u00fcr den Massenmord und die Verschuldungen ganzer Kontinente im Zuge der Pandemie verantworten und das k\u00f6nnte das Land letztendlich in das Steinzeitalter zur\u00fcckbomben; ein Gedanke, dem der Kalte Krieger Dearlove einiges \u201ePositives\u201c abgewinnen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h1>F\u00fcnf Mal weniger AIDS-Kranke sterben an Covid-19<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz14.06.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>Nach einer aktuellen Studie sterben Patienten, die mit dem HIV-Virus infiziert sind, nicht so oft an Corona. Forscher aus China und Italien untersuchen im Kampf gegen Covid-19 AIDS-Medikamente.<\/strong><\/p>\n<p>Woher das AIDS-Virus stammt, das sich seit den 80er Jahren als neue Zivilisationskrankheit mit pandemischen Ausma\u00dfen verbreitet, ist bislang nicht eindeutig belegt. Die These, dass Affen die Krankheit \u00fcbertragen, h\u00e4lt sich bis heute, aber auch Verschw\u00f6rungstheorien, die das Virus Geheimdiensten und Laboren, die Biowaffen erproben, zuschreiben, wie derzeit auch bei Corona, grassieren weiter durch die K\u00f6pfe. Wie bei Covid-19 sind es Tiere, die f\u00fcr eine der t\u00f6dlichsten Pandemien mit verantwortlich sind. Anders aber als bei Covid-19, dass insbesondere \u00e4ltere Menschen mit Vorerkrankungen zur Gefahrengruppe mit hoher Sterblichkeit macht, traf die Infektionskrankheit AIDS zuerst Homosexuelle, dann aber auch immer mehr Heterosexuelle \u2013 insbesondere weiterhin in Afrika. Sch\u00e4digt Covid-19 Lungen und Nieren, aber auch das Herz und andere Organe, zerst\u00f6rt AIDS sukzessive das Immunsystem. Bei den Erkrankten kommt es zu lebensbedrohlichen opportunistischen Infektionen und Tumoren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die ersten Corona-F\u00e4lle im Dezember 2019 bekannt wurden, ist die erste AIDS-Infektion bereits beim Patienten Null im Jahr 1959 nachweisbar gewesen. Das US-amerikanische Centers for Disease Control and Prevention (CDC) stufte 1981 HIV dann als eigenst\u00e4ndige Krankheit ein.<\/p>\n<p>Sind bis Mitte Juni 2020 7,5 Millionen Menschen weltweit an Corona gestorben, so seit dem Ausbruch des AIDS-Virus mehr als 35 Millionen. 40 Millionen Menschen sind derzeit HIV-positiv. Wie bei Corona steigt auch bei AIDS die Zahl der Neuinfektionen. Der Anteil der HIV-Infizierten liegt im weltweiten Durchschnitt bei etwa 0,8 % der 15- bis 49-J\u00e4hrigen und erreicht in einzelnen afrikanischen Staaten Werte um 25 %. In Deutschland z\u00e4hlt AIDS im Vergleich zu anderen Todesursachen mit etwa 460 Toten pro Jahr zu den eher unbedeutenden Todesursachen. Doch einen ausreichend effektiven HIV-Impfstoff gibt es bis heute nicht und die Suche geht weiter. Allein mit einem Cocktail aus unterschiedlichen Wirkstoffen kann die HIV-Infektion \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum erfolgreich kontrolliert werden. W\u00e4hrend in den 80er und fr\u00fchen 90er Jahren die Diagnose AIDS einen Todesurteil glich, gelang 1996 mit Einf\u00fchrung der hoch aktiven antiretroviralen Therapie (HAART) der gro\u00dfe Durchbruch: Mediziner gingen dazu \u00fcber, die antiretrovirale Therapie (ART) auf mehrere Medikamente zu verteilen. HIV wurde damit zwar nicht heilbar \u2013 aber doch gut behandelbar: Dank dieser Medikamentierung wurde aus einer potenziell t\u00f6dlich verlaufenden Krankheit eine chronische. Und durch die Kombinationstherapien ist die Lebenserwartung HIV-Infizierter in Europa und Nordamerika inzwischen um rund zehn Jahre gestiegen. In Afrika \u2013 s\u00fcdlich der Sahara \u2013 leben heute sch\u00e4tzungsweise knapp 26 Millionen Menschen mit HIV. 16,4 Millionen von ihnen erhalten laut WHO eine antivirale Therapie, die sie vor dem Ausbruch der Krankheit sch\u00fctzen soll. Doch in Zeiten von Corona und Malaria rechnet die UN bereits mit 500.000 zus\u00e4tzliche Aids-Toten in Afrika bis 2021.<\/p>\n<p>Die jahrelange Erforschung und Weiterentwicklung pr\u00e4ventiver AIDS-Medikamente k\u00f6nnte nun bei der Suche nach einem Impfstoff zur Bek\u00e4mpfung des Coronavirus weiterhelfen.<\/p>\n<h4>\u00c4hnlichkeiten zwischen AIDS und Covid-19<\/h4>\n<p>Ein Team der Sun-Yat-sen-Universit\u00e4t in Guangzhou, S\u00fcdchina konnte schon vor einigen Monaten nachweisen, dass das Coronavirus, das durch die Zelloberfl\u00e4chen eintritt, einige auff\u00e4llige \u00c4hnlichkeiten mit dem HIV aufweist. Professor Gu Chaojiang, ein Biowissenschaftler, der sich an der Wuhan University of Science and Technology mit HIV und Sars-CoV-2 befasst, betont zwar die Unterschiede zwischen beiden Viren, findet aber auch eine Gemeinsamkeit, da beide eine sehr \u00e4hnliche Struktur in dem stacheligen Protein h\u00e4tten, das das Virus an eine Wirtszelle bindet. \u201eEs besteht die begr\u00fcndete Hoffnung, eine Heilung f\u00fcr Covid-19 durch Anti-HIV-Medikamente, so der Wissenschaftler. Die \u00c4hnlichkeit zwischen den beiden Viren erh\u00f6he auch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei Covid-19 um eine persistente Infektion wie Aids handele, gleichwohl das Coronavirus nicht so schnell mutiere wie HIV.<\/p>\n<p>Chinesische Forscher in Wuhan, dem ersten Epizentrum des Coronavirus-Ausbruchs, fanden keine F\u00e4lle von Covid-19 bei fast 200 HIV-Patienten, die Lopinavir und Ritonavir einnahmen. Bei beiden handelt es sich um Medikamente, die seit dem Jahr 2000 in einem den Ausbruch des AIDS-Virus verhindernden Cocktail verabreicht werden. Auch Wang Guangfa, ein Experte f\u00fcr Atemwegserkrankungen, der sich als einer der ersten in Wuhan infizierte, best\u00e4tigte, dass Lopinavir eine gro\u00dfe Hilfe f\u00fcr ihn gewesen sei.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigt die Vermutung der chinesischen Wissenschaftler, dass die niedrigen Sterblichkeitsraten von Covid-19-Patienten mit HIV mit den antiviralen Therapien in Verbindung gebracht werden k\u00f6nnten. Dar\u00fcber hinaus waren diese auch nicht so anf\u00e4llig f\u00fcr eine \u00fcberreagierende Immunreaktion.<\/p>\n<h4>Neue spanische Studie \u2013 Menschen mit HIV haben eine f\u00fcnf Mal niedrigere Sterberate<\/h4>\n<p>Laut einer neuen Studie, die ein Forscherteam aus Madrid Anfang Juni 2020 vorgestellt hat sind Menschen, die den HIV-Virus in sich tragen zwar besonders geschw\u00e4cht und k\u00f6nnen viel \u00f6fter an einer Grippe sterben, weil ihr Immunsystem angegriffen ist, doch bei Patienten, die mit dem Coronavirus infiziert waren, lag die Sterblichkeit f\u00fcnf Mal niedriger als bei Menschen, die kein HIV, aber das Coronavirus in\u00a0 sich trugen. Damit haben die Spanier die fr\u00fcheren klinischen Beobachtungen aus China best\u00e4tigt: Wo Patienten Medikamente gegen AIDS einnehmen, ist eine Infektion mit Covid-19 nicht so gro\u00df. Nun keimt in Spanien, neben Italien, den USA und Brasilien, das Land mit den meisten Corona-Infektionen und -toten, die Hoffnung, dass sich durch die Erforschung von AIDS-Medikamenten neue Erkenntnis bez\u00fcglich der Struktur des Coronavirus ergeben und sich wirksame Mittel im Kampf gegen die neue Pandemie finden lassen.<\/p>\n<p>Federf\u00fchrend bei der neuen Madrider Studie war Dr. Pilar Vizcarra vom Hospital Universitario Ramon y Cajal. Sie untersuchte die Krankenakten von fast 3.000 HIV-Infizierten und identifizierte 51 Covid-19-F\u00e4lle. Das entsprach einer Infektionsrate von 1,7 Prozent. Verglichen mit den 4 Prozent-Marke der Gesamtbev\u00f6lkerung von Madrid war diese Rate damit bedeutend geringer. \u201eUnseres Wissens ist dies die erste Studie, die die Infektionsrate von Covid-19 bei HIV-Infizierten im Vergleich zur Gesamtbev\u00f6lkerung in derselben Region umfassend beschreibt\u201c, so Vizcarra. Dennoch, so f\u00fcgt die Wissenschaftlerin hinzu, besagt die Studie nicht, dass das Coronavirus keine Gefahr f\u00fcr Menschen mit HIV sei. \u201eTrotz der niedrigen Sterblichkeitsrate wiesen 25 Prozent der HIV-infizierten Personen mit Covid-19 eine schwere Erkrankung auf, und 12 Prozent wurden auf eine [Intensivstation] eingewiesen, was eine h\u00f6here Rate als bei der Allgemeinbev\u00f6lkerung ist\u201c, doch im Verh\u00e4ltnis zu der besonders hohen Rate insbesondere in der Metropolregion Madrid war die Zahl eben lokal niedriger. Und das Forscherteam um Pilar Vizcarra kam zu der Erkenntnis, das Tenofovir, ein weiteres antivirales Medikament, das zur Behandlung von HIV verabreicht wird, zu einer deutlichen Verbesserung des Krankheitsverlaufes beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Dennoch: Bislang gibt es noch keine soliden wissenschaftlichen Beweise aus gro\u00df angelegten Studien, die belegen k\u00f6nnten, dass Anti-HIV-Medikamente gegen Covid-19 wirksam sind. Aber mit ihren Studien zu HIV und Corona k\u00f6nnte den Forschern aus China und Spanien vielleicht der Durchbruch gelingen, bereits bestehende AIDS-Medikamente weiterzuentwickeln, um letztendlich Corona zu besiegen.<\/p>\n<h1>Der Mann, der Superlative liebt<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz5.06.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p><strong>Er ist der Mann der Superlative. Teuer, noch exklusiver und am besten nur das Gr\u00f6\u00dfte, das ist die Maxime des russisch-israelischen Milliard\u00e4rs Roman Abramowitsch. Nun hat er die teuerste Villa in Zentralisrael f\u00fcr fast 65 Millionen Dollar gekauft.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geld spielt bei Roman Arkadjewitsch Abramowitsch, dem kamerascheuen und nicht gerade \u00f6ffentlichkeitsaffinen \u201cPlayboy der Nation\u201d, wie macherorts genannt wird, eigentlich keine Rolle, nur wie er es investiert, zeigt sein H\u00e4ndchen f\u00fcr das Au\u00dfergew\u00f6hnliche. Der Oligarch, der gern in die sch\u00f6nen Dinge des Lebens investiert, war einst politisch engagiert und schon als Gouverneur der russischen Region Tschukotka erfolgreich. Doch den reichsten Israeli und laut Forbes-Liste auch einem der weltweit reichsten M\u00e4nner interessiert Luxus pur. Und wer kann es sich au\u00dfer Abromowitsch leisten, eine ganz Fu\u00dfballmannschaft zu kaufen? Einfach mal so investierte er 2003 210 Millionen Euro in den englischen Fu\u00dfballclub FC Chelsea und ist nun das, wovon Millionen Deutsche tr\u00e4umen \u2013 sein eigener Fu\u00dfballchef.<\/p>\n<p>Seitdem fasziniert ihn das Spiel mit dem Geld. Und wie Putin oder saudische \u00d6lscheichs liebt er prunkvolle Yachten der Superlative, Kreuzfahrschiffe f\u00fcr den Privatgebrauch. Aber auch hier spielt er in der Champions League. Vier Yachten nennt Abramowitsch sein Eigentum \u2013 und das Geld, das er daf\u00fcr ausgibt, Schwindel erregend. Allein seine Megayacht \u201cPelorus\u201d kostete 254 Millionen Euro. Aber auch mit den Flagschiffen \u201eL\u2019Ecstasea\u201d, \u201cEclipse\u201d und \u201cSussurro\u201d, die mit U-Booten flankiert ist, zeigen, der geb\u00fcrtige Russe will nicht Kleckern, sondern Klotzen. Schl\u00f6sser in Garmisch-Partenkirchen, das \u201eCh\u00e2teau de la Cro\u00eb\u201c an der C\u00f4te d\u2019Azur geh\u00f6ren ebenso ins Portfolio des Milliard\u00e4r wie die teuersten Gem\u00e4lde der Welt. F\u00fcr einen Francis Bacon gibt er schon mal 57,2 Millionen Euro aus.<\/p>\n<p>Der luxusverliebte Milliad\u00e4r<\/p>\n<p>Doch wer glaubte, der 54-J\u00e4hrige hat genug Luxus angeh\u00e4uft, sieht sich entt\u00e4uscht. Erst im Januar 2020 hat er sich ein Superanwesen in Israel gekauft. Abramowitchs neues Imageprojekt, die Villa Herzliya Pituah, G\u00e4stehaus, Tennisplatz, Swimmingpool und ein 2,35 Morgen gro\u00dfes Grundst\u00fcck inklusive, kostete ihn 64,5 Millionen Dollar. So etwas bezahlt der Mann mit der israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft, die ihn zugleich zur reichsten Person des Landes machte, aus der Portokasse.<\/p>\n<p>Laut \u201eForbes\u201c hat er 12 Milliarden Dollar Nettoverm\u00f6gen<\/p>\n<p>Auch in Israel ist der Yachtensammler und Fu\u00dfball-Enthusiast schon seit Jahren ein Topinvestor. Ein f\u00fcnfst\u00f6ckiges B\u00fcrogeb\u00e4ude in Tel Aviv an der Strandpromenade und ein Boutique-Hotel in Tel Aviv nennt er sein eigen. Und leisten kann er sich dies alles, liegt doch sein Nettoverm\u00f6gen derzeit, laut Forbes, bei 12,2 Milliarden Dollar. Der Mann, der die teuren und au\u00dfergew\u00f6hnlichen Dinge liebt, wird uns auch in Zukunft mit exklusiven K\u00e4ufen \u00fcberraschen \u2013 getreu einem Credo: nur das Feinste und Teuerste. Abramowitsch kann man zumindest nicht vorwerfen, das Leben\u00a0 nicht auszukosten \u2013 und die Superlative sind f\u00fcr ihn eben die W\u00fcrze des Alltags.<\/p>\n<h1>Infektionskrankheiten: Ohne Resistenzen sterben wir nach der Operation<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz4.06.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die gro\u00dfen Herausforderungen sprach The European mit Dr. Wolfgang Mutter von HYpharm GmbH. Der Kampf gegen die Infektionskrankheiten wird nicht nur in Zeiten von Corona immer wichtiger. Dieser m\u00fcssen wir uns stellen, so der Wissenschaftler. Wenn wir keine Resistenzen entwicken, haben wir keine Option, eine Operation zu \u00fcberleben.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr Mutter, worin liegen die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen der Biotechnologie? <\/strong><\/p>\n<p>In den Infektionskrankheiten. Dass die Menschen heute l\u00e4nger leben, liegt vor allem daran, dass wir diese durch wirksame Antibiotika in den Griff bekommen haben. Sie stellten kaum noch ein Problem dar. Jetzt aber erleben wir eine Wiederkehr dieser Krankheiten, da die Resistenzen gegen Antibiotika zunehmen. Da kommt etwas auf uns zu, das wesentlich schlimmer sein wird, als die derzeitige Corona-Pandemie. In Zukunft werden Infektionskrankheiten aus den Entwicklungsl\u00e4ndern wieder zu uns zur\u00fcckkommen. Davon bin ich zu einhundert Prozent \u00fcberzeugt. In Indien ist schon jetzt praktisch ein jeder resistent. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung ist es also zuallererst vern\u00fcnftig mit der Verschreibung und Einnahme von Antibiotika umzugehen. Dazu gilt es eine vern\u00fcnftige Diagnostik zu machen. Hei\u00dft: Ob jemand eine virale oder bakterielle Infektion hat, muss eindeutig und schnell identifiziert werden.<\/p>\n<p><strong>Welche Krankheiten bek\u00e4mpfen Sie denn eigentlich Sie bei Hypharm? <\/strong><\/p>\n<p>Wir entwicklen Molek\u00fcle die ihren Ursprung in Phagen haben, d.h. in Viren, die nur Bakterien infizieren. mit diesen Molek\u00fclen k\u00f6nnen wir sehr spezifisch pathogene Bakterien abt\u00f6ten. Infektionen mit Propionibacterium acnes und Clostridium difficile sind neben MRSA unsere Hauptziele.<\/p>\n<p><strong>Werden Biotechnologieunternehmen in Deutschland zu viele Steine in den Weg gelegt? <\/strong><\/p>\n<p>Die Biotechnologie wird vor allem von Gro\u00dfkonzernen betrieben, weniger von kleinen Firmen. Das ist eindeutig. In Penzberg befindet sich der gr\u00f6\u00dfte Biotech-Standort Europas. Er geh\u00f6rt zum Roche-Konzern. Von mehr als 6000 Mitarbeitern werden dort \u00a0Antik\u00f6rper und Hormone unter anderem f\u00fcr Krebstherapien produziert. . Man kann also nicht sagen, dass die Biotechnologe in Deutschland nicht stattfindet. Wesentliche Entwicklungen werden aber \u00a0schlicht woanders gemacht, sprich die Wertsch\u00f6pfung findet woanders statt. Dadurch, dass wir nicht in der Lage sind, eine \u00e4hnliche Biotech-Industrie aufzubauen, wie dies in den USA oder sogar inzwischen in S\u00fcdkorea der Fall ist, verlieren wir an Wertsch\u00f6pfung. Und \u00a0erfolgreichen \u00a0deutschen Start-up Firmen, wie beispielsweise Biontech, gehen in den USA an die B\u00f6rse. Es ist schon ein Problem, dass wir in den modernen Bereichen, ob nun IT oder Biotech, international hinterherlaufen.<\/p>\n<p><strong>Kann man sagen, dass Deutschland immer erst anf\u00e4ngt aufzuwachen, wenn die Sache schon am Laufen ist? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ja, sogar eher, wenn sie beinahe schon wieder vorbei ist. Trotzdem gibt es erfolgreiche Ereignisse; einer der ersten Tests f\u00fcr das Coronavirus wurde \u00a0in Penzberg entwickelt. Und das innerhalb weniger \u00a0Wochen.<\/p>\n<p><strong>Wie lange hat es gedauert diesen in die Praxis umzusetzen? <\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nicht lange, die haben das sofort auf ihre Ger\u00e4te gebracht. Auch die b\u00fcrokratischen H\u00fcrden f\u00fcr die Zulassung waren aufgrund der \u00a0aktuellen Lage schnell \u00fcberwunden. Die Tests laufen auf dem bestehenden Maschinenpark. Heutzutage ist das wirklich nicht mehr schwierig.<\/p>\n<p><strong>Warum sollte die Pharmaindustrie eigentlich noch in die Entwicklung neuer Medikamente investieren, wenn Forschung und Markteinf\u00fchrung so aufwendig und teuer sind, wie derzeit?Investitionen in Antibiotika hat die Branche ja weitestgehend schon eingestellt. <\/strong><\/p>\n<p>Antibiotika zu entwickeln rechnet sich einfach nicht. Um Kosten einzusparen sind wesentliche Elemente der Produktionskette nach Fernost verlagert worden. \u00a0Zus\u00e4tzlich sind einige Klinikapotheken in die Produktion von Antibiotike eingestiegen. Ganz einfach, um Geld zu sparen. Die Folge der von den Krankenkassen durchgesetzten Rabattvertr\u00e4gen ist, dass pharmazeutische Unternehmen sich aus gewissen Marktsegmenten verabschieden.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Aber es muss doch einen ethischen Aspekt geben? Braucht es nicht irgendein neuartiges Mittel das gegen die von Ihnen angemahnten Resistenzen gefeit ist? Etwas \u00fcberspitzt formuliert, w\u00fcrden wir sonst ja faktisch das \u00dcberleben der Menschheit aufs Spiel setzen.\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ja, in den n\u00e4chsten zehn bis zwanzig Jahren werden wir die Resistenzen nicht im Griff haben. Deshalb sollte man sich ein Krankenhaus heutzutage nicht nach der Kunst der Operateurs heraussuchen, sondern nach den hygienischen Gesamtbedingungen. Das ist das Wichtigste, um \u2013 ganz brutal gesagt \u2013 eine Operation zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p><strong>Im Zuge des Coronavirus ist eine Debatte \u00fcber Lieferketten und Lieferengp\u00e4sse bei Medikamenten entstanden. Wie stehen Sie zu diesem Thema? <\/strong><\/p>\n<p>Die Rohstoffe werden haupts\u00e4chlich in China und in Indien produziert. Mehr oder weniger unter katastrophalen Produktionsbedingungen. Antibiotika landen dort tonnenweise einfach in der Umwelt, wenn in der Produktion etwas daneben geht. Unter diesen Bedingungenwerden dort systematisch \u00a0Resistenzen gegen verschiedenste Keime produziert. Umwelttechnisch ist das eine gro\u00dfe Schweinerei; und irgendwann werden diese Keime, die dort generiert werden, wieder bei uns landen. Wir sind inzwischen von dieser Art der Produktion abh\u00e4ngig geworden und oftmals nicht mehr in der Lage diese Stoffe bei uns herzustellen. Das alles ist bekannt; wahrscheinlich Bedarf es einer gr\u00f6\u00dferen \u201eVorfalls\u201c um eine \u00c4nderung herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Themawechsel: Gibt es eigentlich gen\u00fcgend qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte in der Biotechnologie? <\/strong><\/p>\n<p>Ja, gibt es. Aber der springende Punkt ist: Es gibt diplomierte, promovierte Biologen wie Sand am Meer, Fachkr\u00e4fte aber, sprich technische Assistenzen, biotechnische Assistenten, pharmazeutisch-technische Assistenten, Chemikanten, gibt es viel zu wenig. Fakt ist, dass \u00a0sich vermehrt promovierte Biologen auf Technikerposten bewerben, nur um eine erste Stelle zu erhalten. Wir haben also viele gut ausgebildete Arbeitskr\u00e4fte, die aber schlicht keine guten Jobaussichten haben.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrden Sie sich denn von Jens Spahn, dem deutschen Gesundheitsminister, w\u00fcnschen? <\/strong><\/p>\n<p>Dass er sich mal mit den Krankenkassen zusammen Gedanken \u00fcber das Verg\u00fctungssystem macht. Sinnvolle \u00e4rztliche Leistungen oder auch Arzneimittel werden teilweise miserabel verg\u00fctet. Besonders gravierend ist dies bei akuten Erkrankungen, bei denen ein sofortiger therapeutischer Ansatz zwingend erforderlich ist. In solchen F\u00e4llen ist es notwendig, dass die Diagnostik direkt beim Arzt stattfindet und nicht nach Tagen der Befund eines Labors eintrifft. Wir haben eine eindeutige Fehlallokation der vielen vielen Milliarden, die wir in unser Gesundheitssystem hineinstecken.<\/p>\n<p><em>Die Fragen stellte Stefan Gro\u00df<\/em><\/p>\n<h1>Interview mit Michael Triegel &#8211; \u00c4sthetisch liebe ich die Wiedergeburtsidee der Renaissance<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.06.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><strong>Er ist einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart, ein Genie. The European traf Michael Triegel zum Interview und sprach mit ihm nat\u00fcrlich \u00fcber Kunst, aber auch \u00fcber den Kunstmarkt und die gigantischen Summen, die dort geboten werden. Triegel sieht diesen Hype kritisch, warum, erkl\u00e4rt er exklusive f\u00fcr uns.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie haben mit Arno Rink und Werner T\u00fcbke geniale Lehrmeister gehabt. DDR-Realismus oder doch mehr?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Nun, T\u00fcbke war ja, als ich 1990 mit meinem Studium an der Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst in Leipzig begann, l\u00e4ngst emeritiert. Ich bin also nicht sein Sch\u00fcler. Er war mir aber seinerzeit stets eine wichtige Bezugsgr\u00f6\u00dfe, quasi ein Autorit\u00e4tsbeweis, dass es m\u00f6glich ist, durch Auseinandersetzung mit den alten Meistern und Geschichte, etwas \u00fcber die Gegenwart zu sagen. Auch war es eine Art Ritterschlag, als er 2003 den Auftrag f\u00fcr die Predella zu einem sp\u00e4tgotischen Altar an mich weitergab. Der Begriff des Sozialistischen Realismus wird leider immer noch sehr pauschal f\u00fcr Kunst aus der DDR verwendet. Die H\u00f6llenst\u00fcrze und manieristischen \u00dcberspanntheiten eines T\u00fcbke, die mythologischen Parabeln eines Mattheuer, der stets die bestehenden Verh\u00e4ltnisse in seiner Kunst kritisierte oder die Erotomanie und Selbstbeobachtung eines Rink haben ja nichts mit dem Klischee der siegreichen Arbeiterklasse zu tun. Ich hatte das Gl\u00fcck, in einer Zeit zu studieren, in der ich alle bildk\u00fcnstlerischen Techniken von der Pike auf lernen konnte. Gleichzeitig konnte ich die Meisterwerke, die mich interessierten, \u00fcberall auf der Welt im Original studieren. Das Studium begann nicht mit theoretischen Diskursdebatten, sondern mit dem Erlernen eines Handwerks \u2013 Maltechnik, Perspektive, Anatomie, die grafischen Techniken. Da ging es nicht zuerst um Kunst, sondern um die Voraussetzung, diese zu schaffen. Bis heute ist das Handwerk f\u00fcr mich kein einengendes Korsett. Seine sichere Beherrschung gibt mir im Gegenteil die Freiheit, mich vor dem Bild ganz um den Inhalt zu k\u00fcmmern. Wir bekamen ein reiches Reservoir an Fertigkeiten vermittelt, das man, wenn es f\u00fcr das Bild notwendig war, jederzeit in einer bewussten Entscheidung reduzieren konnte \u2013 aber eben nicht aus Unverm\u00f6gen oder Faulheit. Arno Rink hatte auch die Gabe des guten Lehrers, nicht in seinen Sch\u00fclern lauter kleine Rinks zu klonen. Er versuchte jeden zu dessen eigener Sprache zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Kunst kommt von K\u00f6nnen, Goethe hatte noch die Erfindung und den Genius hinzugegeben, erfand mit dem Rubriken-Meyer Regularien. Warum ist zeitgen\u00f6ssische Kunst oft banale Aktionskunst und Happening und auch noch handwerklich schlecht? Haben wir den guten Geschmack verloren?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Goethe, der mir sehr wichtig ist, hat ja auch wunderbar \u00fcber bildende Kunst geschrieben, sehr tiefsichtig \u00fcber Raffaels Transfiguration. Bei zeitgen\u00f6ssischer Kunst schien er weniger verst\u00e4ndnisvoll, wenn sie an seine Ansichten zu Caspar David Friedrich denken. Da griffen seine Kriterien wohl nicht. Welche Kriterien haben wir nun heute? Provokation, Innovation, politische Haltung, Erfolg auf dem Markt \u2013 reicht das aus? F\u00fcr mich ist es wieder an der Zeit, \u00fcber \u00c4sthetik und auch \u00fcber die Hergestelltheit von Kunst nachzudenken, Handwerk und Inhalt als Einheit. Wie Hofmannsthal formuliert: \u201eForm ist vom Inhalt der Sinn, Inhalt das Wesen der Form.\u201c In der Salonmalerei des 19. Jahrhunderts war ein g\u00fcltiger Kanon hohl geworden. Ein Maler wie Cabanel malte eine Geburt der Venus, bei der es nicht wie bei Botticelli ums G\u00f6ttliche eines ewig Weiblichen ging, sondern der Voyeurismus des zahlenden Gro\u00dfb\u00fcrgertums bedient wurde. Dem hat Manet mit seiner Olympia grandios widersprochen, indem er in Form einer Venus von Tizian eine Prostituierte darstellte. Auch die Expressionisten haben mit der Zertr\u00fcmmerung s\u00e4mtlicher Konventionen notwendigerweise auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs reagiert, das Bauhaus danach einen inhaltlich und formalen Neuanfang ausgerufen. Aber sind nicht ein permanenter Innovationszwang und sich \u00fcberbietende Tabubr\u00fcche inzwischen auch schon wieder zur Konvention geworden? Gebe ich nicht einen Gro\u00dfteil an Freiheit auf, wenn ich Geschichte, auch Kunstgeschichte als Reflexionsmedien nicht nutze, weil ich es nach neuem Kanon vermeintlich nicht darf, weil ich Gefahr laufe, die Tods\u00fcnde der Moderne zu begehen, unmodern zu erscheinen. Da gibt es f\u00fcr mich die Chance eines neuen Tabubruchs.<\/p>\n<p><strong>Warum haben Sie gerade die Renaissance-Malerei f\u00fcr sich entdeckt, warum nicht Romantik oder Moderne?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Auch die Renaissance hat einen neuen Aufbruch gewagt, indem sie sich mit Altem auseinandersetzte. Etwas Vergessenes muss nicht tot sein. Es kann, gerade weil es unbekannt geworden ist, als neu und jugendfrisch wahrgenommen werden. In der Enge und Tristesse der sp\u00e4ten DDR meiner Kindheit erlebte ich die Kunst der Renaissance und auch die Literatur von Ovid \u00fcber Dante, Goethe, Hofmannsthal oder George als eine Gegenwelt des Geistes, wohl auch der Sch\u00f6nheit. Da gl\u00fchten die Farben und die archetypischen Themen von Liebe, Leben, Tod und Erl\u00f6sung sprachen ganz direkt zu mir. Die Fragen des Sokrates und Platon waren mir dr\u00e4ngender als die Floskeln im sozialistischen Philosophieunterricht. Ein Kunstwerk, wenn es den Namen verdient, geht f\u00fcr mich immer \u00fcber die Zeit seiner Entstehung hinaus, wird im unmittelbaren Gespr\u00e4ch mit dem Betrachter, Leser oder H\u00f6rer Gegenwart. Die Kunst der Renaissance zeigt ja nicht eine alte Zeit, in der alles gut war. Sie reflektiert durchaus Probleme und \u00c4ngste, zeigt aber auch Hoffnungen, Sehns\u00fcchte, Utopien. Dostojewski liebte die Sixtinische Madonna so sehr, weil er meinte durch dieses Bild nicht an der Menschheit verzweifeln zu m\u00fcssen. Der Mythos in seiner \u00dcberzeitlichkeit wie auch der Bezug auf Historisches schaffen mir auch eine Distanz, die m\u00f6glicherweise einen gr\u00f6\u00dferen \u00dcberblick erm\u00f6glicht. Besonders reizvoll scheint mir dabei, das Ferne durch das Studium der Natur und ihrer Erscheinungen als ein M\u00f6gliches, sich gegenw\u00e4rtig Vollziehendes zu beglaubigen, was Raffael oder D\u00fcrer mir so vorbildhaft geschafft haben. Auch deshalb sind mir Stillleben oder Portr\u00e4ts immer wichtig. Apropos: die Maler der Renaissance setzten sich ganz intensiv mit dem einzelnen unverwechselbaren Menschen auseinander. Eine gro\u00dfe Tat zu Beginn der Neuzeit, doch auch eine Kinderkrankheit, die im Individualismus unserer Tage problematisch wird, wenn der Einzelne Schwierigkeiten damit hat, eine h\u00f6here Instanz als das Ego \u00fcber sich oder den anderen Menschen neben sich zu sehen.<\/p>\n<p><strong>Ihre Wahlverwandtschaften sind Raffael, Giovanni Bellini, Leonardo, Pontormo, Bronzino \u2013 was reizt Sie daran? Sie transportieren christologisch-heilsgeschichtlich und antik-mythologische Themen in die Moderne. Man kann Ihnen also nicht den Vorwurf des Historisierens machen?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Historie, Geschichte also und Geschichten sind immer Spiegel einer Gegenwart \u2013 der Gegenwart ihrer Entstehung, gleichzeitig aber auch derjenigen, in der sie erz\u00e4hlt, neu gelesen, ver\u00e4ndert oder auch anders verstanden und ausgelegt werden. Gerade dieser Transformationsprozess interessiert mich. Nehmen Sie den Mythos der Medea, der, wie ich finde, heute wieder sehr aktuell ist. An der Fremden, der Ausl\u00e4nderin, die aus Rache an Iason die eigenen Kinder t\u00f6tet, sah der Grieche die Unzivilisiertheit der Barbaren und konnte so die Erz\u00e4hlung politisch instrumentalisieren. Der kleinasiatische Ursprungsmythos erz\u00e4hlt etwas anderes: Hera als Schutzg\u00f6ttin der ehelichen Treue bietet Medea an, um den Ehebruch Iasons zu s\u00fchnen, die gemeinsamen S\u00f6hne zu t\u00f6ten und damit die Erbfolge der Herrschaft zu kappen (auch das ein Politikum) und diesen dann Unsterblichkeit zu verleihen. Eine Mutter soll zur M\u00f6rderin werden f\u00fcr das ewige Leben ihrer Kinder. Das ist weniger ausl\u00e4nderfeindlich und menschlich viel tragischer. Oder schauen wir auf den Ariadnemythos. Die von Theseus verlassene Ariadne tr\u00e4umt sich in die tote Vergangenheit ihrer gro\u00dfen Liebe, erhofft sich die Auferstehung der guten alten Zeit, nimmt durch den dauernden Schlaf aber ihren Tod vorweg, hofft, dass der ihr erscheinende Gott der Psychopompos Hermes sein m\u00f6ge. Sie projiziert ihre Hoffnungen auf Erl\u00f6sung auf den ihr Unbekannten. Und siehe, er ist das Gegenteil ihrer Erwartung \u2013 Dionysos \u2013 der Rausch, die Jugend, der Neubeginn, das Leben. Und doch bleiben die Narben der Vergangenheit, was den Gott menschlich f\u00fchlen lehrt. Aber nat\u00fcrlich begeistert mich an den Bildern von Bellini, Raffael oder Bronzino auch, wie sie gemalt sind. Da geht es nicht um \u201ebad painting\u201c, da ist nicht jeder im Sinne von Beuys ein K\u00fcnstler, da bekommt der Beruf des K\u00fcnstlers, nicht zuletzt durchs geistige und manuelle Handwerk, eine Einzigartigkeit, Ernsthaftigkeit aber auch Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die ich ebenso beim B\u00e4cker oder Arzt erwarte und sch\u00e4tze.<\/p>\n<p><strong>Ist Gott aus der Moderne getreten, zumindest in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst findet man ihn kaum? Markus L\u00fcpertz sagte in einem \u00adInterview, die K\u00fcnstler seien jetzt die neuen G\u00f6tter. Hat er Recht?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Gut, schon Michelangelo oder Raffael wurden zu ihrer Zeit als \u201edivino\u201c, g\u00f6ttlich bezeichnet. D\u00fcrer malt sich im Selbstportr\u00e4t in Christuspose. Seit der Renaissance wird der K\u00fcnstler als zweiter Deus creator verstanden. Michelangelo, den ich grenzenlos bewundere, signiert die Piet\u00e0 im Petersdom auf einem Band \u00fcber der Brust der Madonna (\u201eMichelangelo Buonarroti aus Florenz hat dies gemacht\u201c). Das ist mehr als selbstbewusst. Markus L\u00fcpertz, wenn Sie ihn schon ansprechen, scheint mir eher die Rolle des Malerf\u00fcrsten des 19. Jahrhunderts zu spielen, eines Markart oder Lehnbach. Wobei sich so die Frage stellt, ob wir wieder eine neue Salonkunst vor uns haben, in deren Mittelpunkt die Person des K\u00fcnstlers, des \u201eMalerstars\u201c steht. Ich w\u00fcnschte mir, dass das Ego des K\u00fcnstlers hinter dem Werk verschwindet, im Werk aufgeht. Nat\u00fcrlich ist Kunst immer auch hochgradig subjektiv und biografisch, doch sollte nicht der Produzent angebetet werden, der sich sonst zwischen das Kunstwerk und den Rezipienten dr\u00e4ngt. K\u00f6nnten uns sonst die Sch\u00f6pfungen vieler anonymer Meister so ber\u00fchren? Marcel Proust beschreibt als sein Ideal eine Heiligenfigur der Kathedrale zu Amiens, die in zwanzig Metern H\u00f6he hinter einem Pfeiler aufgestellt wurde, deren Bildhauer unbekannt ist, die nur w\u00e4hrend einer Restaurierung von Nahem betrachtet werden konnte, die aber genauso vollendet gearbeitet ist wie die Madonna am Portal. Der mittelalterliche K\u00fcnstler wusste, zu wessen Ehre er sie schuf. Es war nicht zuerst die seinige.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie in ihrem Papstbild auch die Kirche portr\u00e4tiert, herrisch und zweifelnd? Papa Emeritus begr\u00fc\u00dfte Sie ja einmal mit den Worten \u201eSie sind also mein Raffael\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Es gibt eine sch\u00f6ne Aussage Goethes \u00fcber den Portr\u00e4tmaler: \u201eMan ist niemals mit einem Portr\u00e4t zufrieden von Personen, die man kennt. Deswegen habe ich die Portr\u00e4tmaler immer bedauert. Man verlangt so selten von Leuten das Unm\u00f6gliche und gerade von diesen fordert man es. Sie sollen einem jeden sein Verh\u00e4ltnis zu den Personen, seine Neigung und Abneigung mit in ihr Bild aufnehmen, sie sollen nicht blo\u00df darstellen, wie sie einen Menschen fassen, sondern wie ihn jeder fassen w\u00fcrde.\u201c Das konnte ich beim Portr\u00e4t Papst Benedikts XVI. erleben. Manche bewunderten es, nur weil der Papst dargestellt war, manche fanden es deshalb furchtbar. Einige meinten gemalte Kritik zu erkennen, andere sahen mich als Hofk\u00fcnstler. Der eine sah eine herrische und zweifelnde Kirche portr\u00e4tiert, der andere vermeinte zu wenig jugendliche Frische wahrzunehmen. Ich habe seinerzeit die Audienz sehr ambivalent erlebt. Die Menschen jubelten wie auf einem Popkonzert, nur wenige schienen die ber\u00fchrenden Worte des Papstes \u00fcber Bonaventura auch nur zu h\u00f6ren, geschweige denn zu verstehen. Mich \u00fcberkam ein Gef\u00fchl der Einsamkeit \u2013 mich selbst betreffend, aber auch in Bezug auf diesen gro\u00dfen Intellektuellen, der seine B\u00fccher schreiben, der gelesen und mit seiner Botschaft geh\u00f6rt werden wollte und sich nun in einem solchen Zirkus wiederfand. Irgendwie fand ich durch den R\u00fccktritt Seiner Heiligkeit sp\u00e4ter mein Portr\u00e4t beglaubigt. Doch bei jedem Portr\u00e4t, ob vom Papst oder einem r\u00f6mischen Bettler, versuche ich zuerst das zu malen, was ich unmittelbar sehe, darauf vertrauend, dass sich in der einzigartigen Physiognomie, im Blick, den Falten, der Haltung, den H\u00e4nden eine Pers\u00f6nlichkeit, ein Leben spiegelt, nicht in den Titeln oder gesellschaftlichen Rollen.<\/p>\n<p><strong>Der Kunstmarkt ist zu einer festen Gr\u00f6\u00dfe, zum Investment, geworden, Tendenz steigend. Doch eine neue Rezession naht. Werden sich die Preise eher erh\u00f6hen oder fallen?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Ich bin weder Prophet noch \u00d6konom und interessiere mich herzlich wenig f\u00fcr den Kunstmarkt. Wichtiger ist doch, wie Kunst auf Krisen reagiert, welche Fragen sie stellt und wie sich das Publikum mit diesen Fragen auseinandersetzt. Vielleicht k\u00f6nnen wir ja wieder lernen, dass es nicht der Preis ist, der \u00fcber den Wert eines Kunstwerks entscheidet. Sch\u00f6n w\u00e4re es freilich, wenn mancher erkennen m\u00f6ge, dass Kunst, auch ihr Erwerb, als Lebensmittel notwendiger ist als der neuste SUV.<\/p>\n<p><strong>Jeff Koons ist nach seinem Auktionsrekord in New York wieder der teuerste lebende K\u00fcnstler. Sein \u201eRabbit\u201c 91,1 Millionen Dollar wert. David Hockney kommt mit seinem \u201ePortrait Of An Artist (Pool With Two Figures)\u201c auf 90,3 Millionen \u00adDollar. Sind das nicht absurde Preise, was steckt dahinter, \u00c4sthetik kann es ja wohl nicht sein?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Auch 400 Millionen Dollar f\u00fcr das Bild eines Salvator mundi sind nicht gerechtfertigt, selbst wenn es von Leonardo w\u00e4re. Vielleicht ist ja Jeff Koons der K\u00fcnstler der Stunde. Seine Kunst der Oberfl\u00e4che, der Oberfl\u00e4chlichkeit wird zuweilen als Kapitalismuskritik interpretiert. Interessanterweise wird sie mit ihrem Bling Bling und Glamour besonders von den Oligarchen und Global Playern der Wirtschaft gekauft, die sich durch sie wohl kaum in Frage stellen. Wenn Kultur aus dem Kultus erw\u00e4chst \u2013 denken Sie ans Theater und den Dionysoskult, G\u00f6tterbilder, Alt\u00e4re, Herrscherportr\u00e4ts \u2013 dann entspricht die Kunst eines Jeff Koons, deren erstgenanntes Merkmal zumeist ihr Preis ist, dem Kult unserer Zeit ums Geld \u2013 ein Zynismus, der mich anekelt.<\/p>\n<p><strong>Ein Interpret hat einmal \u00fcber Ihre Kunst geschrieben: \u201eDas G\u00f6ttliche wird vermenschlicht, statt entr\u00fcckter Distanz erlebt der Betrachter private N\u00e4he\u201c. L\u00e4sst sich so in Zeiten der Gottesferne, Gott in die Gegenwart zur\u00fcckholen und Malerei als Repr\u00e4sentation des G\u00f6ttlichen, als Imago Dei, neu definieren?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Das k\u00f6nnte durchaus sein. Ich hatte bereits angedeutet, dass ich mir nicht am Schreibtisch \u00fcberlege, welches relevante Problem ich thematisiere, vieles geschieht unbewusst. Ich stelle ganz pers\u00f6nliche Fragen, die, da ich nicht in einem Kloster in der Toskana lebe, auch Fragen meiner Zeitgenossen sein k\u00f6nnen. Ich male meine \u00c4ngste, Sehns\u00fcchte und Zweifel und hoffe, durch die Anschauung der mich umgebenden Welt vielleicht, mit Paulus gesprochen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren zu gelangen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle hat das G\u00f6ttliche in ihrem Werk, sie verbinden ja Transzendentes und Sinnliches miteinander. Oder anders gefragt: Gibt es noch einen Gott in der Moderne? Ein Rezensent hat mal \u00fcber Sie geschrieben: \u201eTriegels k\u00fcnstlerisches Prinzip ist das der Metamorphose. Wie ein irdischer Demiurg transformiert er den G\u00f6tterhimmel in ein Reich der Gegenwart\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Da kommen wir doch noch zum Einfluss der Romantik. Als nach der notwendigen Aufkl\u00e4rung der Himmel leergefegt war, erkannten zuerst die K\u00fcnstler das problematische Vakuum einer Fehlstelle. Novalis suchte die Blaue Blume, eine Wiederverzauberung, Romantisierung der Welt: \u201eIndem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gew\u00f6hnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die W\u00fcrde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Sinn gebe, romantisiere ich es.\u201c Nietzsche, der gro\u00dfe Kritiker des \u00dcberkommenen aber auch seiner Gegenwart, postulierte den Tod Gottes. \u00c4sthetisch liebe ich die Wiedergeburtsidee der Renaissance und ich glaube an Auferstehung. Die Frage nach Gott oder seiner Abwesenheit stellt sich f\u00fcr mich auch und gerade in der Moderne.<\/p>\n<p><strong>Sie sagen, Ihre Bilder seien Ausdruck des Wunderbaren und betonen zugleich, dass man die Welt nicht mehr mit Rationalit\u00e4t begreifen darf. Kommt dann das Zeitalter einen neuen Sinnlichkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Ich kann da nur von mir sprechen. Sinnliches Erleben ist Quelle meines Tuns. Ich habe Probleme mit einer Kunst, die sich zuerst eine theoretische Vorgabe setzt, die sie dann bebildert. Nat\u00fcrlich setzt sich zeitgen\u00f6ssische Kunst mit gro\u00dfen und wichtigen Themen auseinander. Aber auch wenn es um Fl\u00fcchtlingselend, um Identit\u00e4ts- oder Genderfragen geht, d\u00fcrfen wir nicht abstrakt bleiben. Ich finde es schwierig, wenn bei Ai Weiwei lediglich eine Rettungsweste f\u00fcr ein Menschenleben steht oder er sich als ber\u00fchmter K\u00fcnstler gar selbst in der Pose des vor Lesbos ertrunkenen Jungen Aylan Kurdi fotografieren l\u00e4sst und sich somit ein Schicksal anma\u00dft, das nicht sein eigenes ist \u2013 bei aller guten Absicht. Die alten Meister haben bei existenziellen, auch bei theologischen Fragen nach der Menschennatur Christi, nach Schmerz und Leid, aber auch nach Sch\u00f6nheit und Freude zuerst unsere Sinne angesprochen. Das versuche ich auch. Der Blick in die verzweifelten Augen eines leidenden Kindes oder in das g\u00fctige Gesicht eines \u00fcbersehenen Bettlers ber\u00fchren mich oft tiefer als das Rollenspiel eines K\u00fcnstlers oder die zuerst als Kunst wahrnehmbare Installation auf einer Biennale.<\/p>\n<p><strong>Sie haben einmal betont, dass Protestanten Musiker und Katholiken Maler hervorbringen, warum?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Ach, das war ungerecht. Freilich, wer kommt gegen Bach an? Aber die Katholiken Mozart, Beethoven oder Bruckner waren ja auch nicht schlecht. Und neben Rubens gab es auch Rembrandt. Vielleicht hat die dem Wort dienende Musik im Protestantismus einen ganz eigenen Stellenwert und im Katholizismus die Anschauung, das sich im Sinnlichen der Erscheinung Offenbarende.<\/p>\n<p><strong>Sie haben sich vor einigen Jahren taufen lassen und sind Katholik geworden! Ungew\u00f6hnlich in Zeiten zunehmender S\u00e4kularisierung? Was macht f\u00fcr Sie das Katholische aus?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Scherzhaft k\u00f6nnte ich sagen, da geht der K\u00fcnstler in provokativen Widerspruch zum Zeitgeist. B\u00f6se Zungen k\u00f6nnten meinen, da sucht der in der DDR Sozialisierte wieder eine Autorit\u00e4t. Dass die Suche nach Orientierung, die Sehnsucht nach einem g\u00fctigen Vater, dessen Autorit\u00e4t nicht nur Behauptung ist, der Wunsch nach einer letzten Instanz im Glauben Erf\u00fcllung fanden, darf ich wohl als Gnade bezeichnen. Zweifel freilich bleiben weiterhin, sie werden zuweilen durch diese Lebensentscheidung zur Taufe noch zwingender. Das Katholische bedeutet f\u00fcr mich durchaus im Wortsinn das Allumfassende. Von der bisweilen fast heidnisch gepr\u00e4gten Volksfr\u00f6mmigkeit Neapels bis zur Befreiungstheologie, vom Prunk des Petersdoms zu Franz von Assisi, mystischer Spiritualit\u00e4t, Rationalit\u00e4t oder einem philosophischen Ansatz bei \u00adIgnatius, Pascal oder Joseph Ratzinger. Da gibt es viele Formen der N\u00e4herung an ein Geheimnis, das nie aufh\u00f6rt, Geheimnis zu bleiben.<\/p>\n<p><strong>Italien ist ihr Sehnsuchtsort \u2013 Inspirationsquelle. Das Zeitalter der Renaissance ist vorbei, das von Corona eingel\u00e4utet! Gottes Strafe? Hat Gott uns jetzt vergessen oder gem\u00e4\u00df der Theodizeefrage: Wie kann er das zulassen?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Als Maler k\u00f6nnte ich den Versuch wagen, dass nur durch das Grauenhafte als Referenzgr\u00f6\u00dfe das Sch\u00f6ne wahrzunehmen ist. Das w\u00e4re aber eher eine Versuchung und zynisch, w\u00fcrde es doch das Gute und B\u00f6se zu \u00e4sthetischen Kategorien machen. Wie ein guter Gott das Schreckliche zulassen kann, das hat ja Theologen und Philosophen seit je umgetrieben. Das Mittelalter h\u00e4tte wohl einen strafenden Gott gesehen, der uns heute fremd ist. Das Erdbeben von Lissabon 1755 lie\u00df Voltaire in seinem \u201eCandide\u201c dem Satz von Leibniz, wir lebten in der besten aller Welten, widersprechen und heizte Religionskritik und Aufkl\u00e4rung an. F\u00fcr mich als unbedarften Laien g\u00e4be es nur den Erkl\u00e4rungsversuch, dass Naturgesetze wie das geologisch-physikalische eines Erdbebens oder das biologische der Mutation von Viren der Sch\u00f6pfung immanent sind. Letztlich ist f\u00fcr mich die Theodizeefrage nicht zu beantworten, da sie darauf zielt, dass das Gesch\u00f6pf ein Urteil \u00fcber den Sch\u00f6pfer trifft, wissend, was der Plan sei. Trostreich bleibt der Gedanke des Karfreitags, dass Gott mit den Menschen leidet und ihnen hilfreich zur Seite steht als Christus Medicus. Um noch einmal Raffael und Goethe zu bem\u00fchen \u2013 Raffaels letztes Gem\u00e4lde stellt die Transfiguration Christi dar, gekoppelt mit der durch die J\u00fcnger vergeblich versuchten Heilung des falls\u00fcchtigen Knaben. Die untere Zone der J\u00fcnger, der Krankheit, des Irdischen ist dunkel, fast chaotisch im Kontrast zur hellen Klarheit der oben dargestellten Verkl\u00e4rung gemalt. Goethe gibt eine wunderbare, kurze Interpretation: \u201e\u2026 beides ist eins. Unten das Leidende, Bed\u00fcrftige, oben das Wirksame, H\u00fclfreiche, beides sich aufeinander beziehend, ineinander einwirkend.\u201c<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet die Coronakrise f\u00fcr die Kunst und den Kunstmarkt?<\/strong><\/p>\n<p>Michael Triegel: Was sie f\u00fcr den Kunstmarkt bedeutet, kann ich nicht beantworten. Viel wichtiger ist es, was sie f\u00fcr die Kunst, noch mehr, was sie f\u00fcr die Gesellschaft bedeutet. Wir k\u00f6nnten lernen, worauf wir alles verzichten k\u00f6nnen, auch welche Arbeit wichtig ist und wie sie bezahlt wird. Nach Diskussionen \u00fcber Rechtschreibreform oder Gendersternchen, durchaus wichtig, treten wieder ganz existenzielle Fragen in den Mittelpunkt, Fragen nach Leben und Tod. Unsere Omnipotenz wird in Frage gestellt und wir werden gezwungen, uns mit unserer Verletzlichkeit und Sterblichkeit auseinanderzusetzen, wieder eine Ars Moriendi zu lernen und dadurch die Sch\u00f6nheit des Lebens und des Augenblicks neu zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Frankreich soll das Wuhan-Labor finanziert haben<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz29.05.2020Europa, Gesellschaft &amp; Kultur, Medien<\/p>\n<p><strong>Brisante Nachrichten kommen derzeit aus englischen Medien. Dort wir unter Bezug auf Insiderquellen der EU-Brexit-Unterh\u00e4ndler Michel Barnier verantwortlich f\u00fcr den Aufbau des Wuhan-Virus-Labor gemacht. Ma\u00dfgebend unter dem Franzosen wurde der Ausbau des ber\u00fcchtigten Labors, aus dem m\u00f6glicherweise der Coronavirus stammt, angeschoben.<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem Coronaausbruch wird heftig dar\u00fcber diskutiert, woher das Virus stammt: vom Wildtiermarkt in Wuhan oder aus dem dortigen Labor? Seit es pandemische Ausma\u00dfe angenommen hat, entzweit die Suche nach den Urspr\u00fcngen des Virus die Trump-Administration und die chinesische Regierung. Gegenseitige Schuldvorw\u00fcrfe stehen auf der Tagesordnung. \u00a0Unterdessen spekulieren englische Medien dar\u00fcber, welche Rolle Frankreich und Brexit-Unterh\u00e4ndler Michel Barnier beim Aufbau des Wuhan-Labor gespielt haben.<\/p>\n<p>Michel Barnier, der EU-Chefunterh\u00e4ndler koordiniert in Br\u00fcssel gerade den geordneten Brexit. Selbst wenn Barnier ein Mann der Mitte ist, bleibt ein weicher Brexit derzeit wohl eher eine Illusion. Die Fronten zwischen Frankreich und der Downing Street sind mehr denn je verh\u00e4rtet. Boris Johnsons unverantwortliches Vorgehen bei der Bew\u00e4ltigung des Coronavirus haben die Gr\u00e4ben zwischen den beiden L\u00e4ndern am \u00c4rmelkanal noch vertieft. Johnson setzte zuerst auf Herdenimmunit\u00e4t und spielte die Gefahr des Virus herab. Ganz anders agierten die Franzosen, die fr\u00fchzeitig Sicherheitsma\u00dfnahmen im Kampf gegen die Pandemie errichteten und f\u00fcr einen strengen Lockdown pl\u00e4dierten. Nur zwei Parallelen gibt es derzeit noch zwischen Johnson\u2019s England und Barniers Frankreich. Beide Politiker waren die ersten Opfer des Coronavirus und in beiden L\u00e4ndern w\u00fctet das Virus mit einer \u00fcberproportionalen Sterberate.<\/p>\n<p>Nun holt Barnier das Thema Corona wieder ein. Wie mehrere englische Zeitungen, darunter der \u201eThe Telegraph\u201c, \u201eDaily Mail\u201c und \u201eExpress\u201c mit Berufung auf Insider des franz\u00f6sischen Au\u00dfenministeriums berichten, hatte Barnier den Bau des Wuhan-Virus-Labors als damaliger franz\u00f6sischer Au\u00dfenminister im Jahr 2004 abgezeichnet, bzw. den Kooperationsvertrag mit den Chinesen unterzeichnet. Das Wuhan-Labor w\u00e4re damit ohne die finanzielle Unterst\u00fctzung der franz\u00f6sischen Regierung samt Spitzentechnologie unm\u00f6glich gewesen. Dies ist umso brisanter, da das chinesische Labor immer wieder beschuldigt wird, das Coronavirus bewusst entwickelt und dadurch eine globale Pandemie ausgel\u00f6st zu haben. Fast beschw\u00f6rend demgegen\u00fcber versichert Wang Yanyi, Direktor des Wuhan-Instituts f\u00fcr Virologie, dass die Wissenschaftler an keinem der St\u00e4mme geforscht h\u00e4tten, die f\u00fcr die Corona-Pandemie verantwortlich gewesen seien. Auch Vorw\u00fcrfe des US-Pr\u00e4sidenten, dass das Virus aus dem Labor entwichen sei, werden aus Wuhan strikt dementiert. Doch eine dunkle Wolke h\u00e4ngt \u00fcber dem Wuhan-Labor und der chinesischen Regierung, die sich nach wie vor weigern, ausl\u00e4ndischen Wissenschaftlern den Zugang zu gew\u00e4hren. Aber auch die Franzosen, die derzeit von den Briten hart attackiert werden und mit ihren Medien eine aggressive Stimmungsmache gegen Emmanuel Macron fahren, r\u00fccken so in den Fokus, China unn\u00f6tige Unterst\u00fctzung bei der Entwicklung m\u00f6glicher Biowaffen geleistet zu haben.<\/p>\n<h4>Urspr\u00fcnglich war das Labor zur Bek\u00e4mpfung des SARS-Virus gedacht<\/h4>\n<p>Michel Barnier, der nach einer Kabinettsumbildung Jean-Pierre Raffarins Nachfolger von Dominique de Villepin 2004 Au\u00dfenminister wurde und in dieser Funktion nur ein Jahr im Amt war, ist mit der finanziellen Mitf\u00f6rderung des Wuhan-Laborprojektes in die Fu\u00dfstapfen des ehemaligen franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Jacques Chirac getreten. Der sp\u00e4ter wegen illegaler Parteifinanzierung angeklagte Gr\u00fcnder der Partei \u201eRassemblement pour la R\u00e9publique\u201c, Chirac, dr\u00e4ngte nach dem SARS-Ausbruch im Jahr 2003 zur Gr\u00fcndung eines Instituts im Kampf gegen Pandemien. So\u00a0 etwas wie SARS, das sich schon damals \u00fcber 26 L\u00e4nder ausbreitete und f\u00fcr fast 800 Tote verantwortlich war, sollte sich nicht mehr wiederholen.<\/p>\n<p>Doch anstatt mit europ\u00e4ischen Forschungseinrichtung im Kampf gegen Pandemien verst\u00e4rkt zu kooperieren, hatten die Franzosen damals ausgerechnet den politisch-riskanten, h\u00f6chst unzuverl\u00e4sslichen und aggressiv-wirtschaftlich agierenden Rivalen China, die fast letzte gro\u00dfe Bastion des Kommunismus, ins Boot geholt.<\/p>\n<h4>Jean-Pierre Raffarins chinafreundliche Politik<\/h4>\n<p>Eine nicht unerhebliche Rolle bei den Verhandlungen spielte der damalige franz\u00f6sische Premier Raffarin. Er galt und gilt als \u00fcberaus chinafreundlich, ist \u201eSonderbotschafter\u201c f\u00fcr China und wird gern von den chinesischen Staatsmedien zitiert. Gerade seine Offenheit China gegen\u00fcber, dem er beim Aufbau von Transeurasien eine Schl\u00fcsselstellung zuschreibt, ist ein gefundenes Vorzeigeschild f\u00fcr die kommunistische Nachrichtenagentur \u201eXinhua\u201c.\u00a0 Raffarins Chinaliebe ging so weit, dass er die \u201eglobale Rolle Chinas\u201c im Kampf \u201egegen die Umweltverschmutzung\u201c lobte, \u201eweil es sich dem Pariser \u00dcbereinkommen \u00fcber den Klimawandel verpflichtet f\u00fchlt\u201d. Dar\u00fcber hinaus forderte Raffarin, dass wir \u201ein dieser Welt der Interdependenz\u201c unser \u201eDenken \u00fcber alle Formen des Nationalismus hinaus erweitern\u201c m\u00fcssen, \u201eum unser gemeinsames Schicksal anzunehmen. F\u00fcr all dies wird China der Welt n\u00fctzlich bleiben, so Raffarin auf \u201eXinhua\u201c weiter. So etwas ist \u00d6l auf die Maschinen chinesischer Propaganda. Wie eng der Draht Raffarins zu China nach wie vor ist, dokumentierte auch ein Besuch des Politikers im Stab des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron. Beide besuchten die Volkrepublik 2018, genau in dem Jahr, wo das Wuhan-Institut seine Arbeit aufgenommen hatte.<\/p>\n<p>Es ist diese unheilige Allianz zwischen Frankreich und China, wie sie englische Medien jetzt gern aufziehen und gegen Paris schleudern. Aber eine grundlegende Frage bleibt im Raum: Warum ausgerechnet die auf dem Gebiet der Virologie f\u00fchrenden Franzosen diese Handlungsbeziehungen nun unbedingt auf einem so heiklen Gebiet wie auf dem Sektor der Biowaffen geschmiedet haben, ist im Anbetracht des globalen F\u00fchrungsanspruch Chinas und der damals schon sich abzeichnenden Machtverschiebung nach Asien erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, zumindest aus europ\u00e4ischer Sicht nicht nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Dass China in Sachen Biowaffen nicht der verl\u00e4sslichste Partner der Franzosen sein w\u00fcrde, davor warnten schon vor sechzehn Jahren der franz\u00f6sische Geheimdienst und die Generaldirektion f\u00fcr \u00e4u\u00dfere Sicherheit. In geheimen Dossiers riet man Anfang der 2000er Jahre vor einer derartigen Kooperation ab. Die Angst, dass Chinas schlechter Ruf in Sachen Biosicherheit zu einem katastrophalen Leck f\u00fchren k\u00f6nnte und das kommunistische System die Technologie f\u00fcr die Herstellung von Biokriegswaffen nutzen k\u00f6nne, stand schon damals auf der Agenda der Geheimdienstexperten. Sie waren sich schon fr\u00fch einig, dass sich die Chinesen nicht an das Abkommen halten w\u00fcrden und Paris die Kontrolle \u00fcber ein derartig brisantes Unternehmen verlieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>Barnier schlug Warnungen von Sicherheitsbeh\u00f6rden in den Wind<\/h4>\n<p>Dennoch, so der mediale Angriff aus England, soll Michel Barnier den Bau des P4-Labors unterzeichnet haben, wohl wissend, dass eine derartige Forschungseinrichtung nichts anderes als eine nukleare Wiederaufbereitungsanlage, eine bakteriologische Atombombe ist. Die Viren, die in einem P4-Labor getestet werden, sind extrem gef\u00e4hrlich. Daher gelten dort extreme Sicherheitsstufen, Taucheranz\u00fcge und Dekontaminationsschleusen inklusive. Diese Tatsache, das es sich hier m\u00f6glicherweise um einen Teufelspakt mit unbekannten Ausgang handeln k\u00f6nnte, h\u00e4tten dem sonst so umsichtigen wie aktenkundigen Ex-EU-Kommissar Barnier zumindest Anlass zu mehr Vorsicht geben k\u00f6nnen. Barnier ist politisch kein Schnellschie\u00dfer, sondern ein kluger Taktierer, ein versierter Verhandler und bed\u00e4chtiger Abw\u00e4ger, der bei Krisen eher auf Vermittlung denn auf Aggression setzt \u2013 diesbez\u00fcglich der deutschen Kanzlerin wesensverwandt.<\/p>\n<h4>Auch sp\u00e4ter gab es kritische Stimmen \u2013 2015 hatte der Milliard\u00e4r Alain Merieux hingeworfen<\/h4>\n<p>Bereits 2015 hatte sich ein weiterer prominenter Unterst\u00fctzer des Wuhan-Projektes, Alain Merieux, vom China-Viren-Projekt zur\u00fcckgezogen. Der Milliard\u00e4r, der mit seinem Lyoner Institut mit am Aufbau des Labors in Wuhan beteiligt war, schmiss mit der Begr\u00fcndung hin: \u201eIch gebe den Ko-Vorsitz von dem P4-Labor, einem chinesischen Werkzeug, auf. Es geh\u00f6rt ihnen, auch wenn es mit technischer Unterst\u00fctzung aus Frankreich entwickelt wurde.\u201c<\/p>\n<p>Auch Insider aus dem diplomatischen Dienst warnten \u00fcber Jahre hinweg vor der Unzuverl\u00e4ssigkeit der Chinesen. Wie \u201eLe Figaro\u201c berichtet, waren die mit dem China-Deal verbundenen Risiken zu gro\u00df: \u201eWir kannten die damit verbundenen Risiken und dachten, dass die Chinesen alles kontrollieren und uns schnell aus dem Projekt werfen w\u00fcrden. Wir glaubten, dass die Lieferung dieser Spitzentechnologie an ein Land mit einer endlosen Machtagenda das Risiko mit sich br\u00e4chte, Frankreich im Gegenzug blo\u00dfzustellen.\u201c<\/p>\n<p>Die Bef\u00fcrchtungen der Kritiker wurden noch dadurch befeuert als die chinesisch-kommunistische Volksrepublik mit ihrer neuen Politik der \u201eDual-Use\u201c-Technologie im Jahr 2015 ihren Streitkr\u00e4ften erlaubte, jede zivile Technologie f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke zu nutzen. Damit war der Dammbruch in Sachen Biowaffen nur noch eine Sache der Zeit und die Schleusentore m\u00f6glichen Missbrauchs weiter ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Selbst wenn nach sechs Monaten nicht gekl\u00e4rt ist, woher der Corona-Infektionsherd tats\u00e4chlich stammt, ob aus dem franz\u00f6sisch mitfinanzierten Labor oder doch vom Wildtiermarkt, die Kooperation der Franzosen, die so sehr auf ein vereinigtes Europa setzen und f\u00fcr den europ\u00e4ischen Binnenmarkt pl\u00e4dieren, mit den Chinesen wirft kein gutes Bild auf Frankreich als europ\u00e4isch sich inszenierende Vorzeigenation. Derartige Deals, dies h\u00e4tte auch der schon damals hoch erfahrene Politprofi Barnier wissen m\u00fcssen, schlie\u00dft man nicht mit den gr\u00f6\u00dften Konkurrenten Europas ab.<\/p>\n<h1><strong>Mit Samuel Beckett durch die Coronakrise<\/strong><\/h1>\n<p><strong>F\u00fcr viele ist Corona eine Zeit, die sie f\u00fcr neue Ver\u00e4nderungen ihres Alltags stellt. Viele verzweifeln, doch Rettung ist auch in Sicht. Was k\u00f6nnen wir eigentlich in dieser Zeit der Stagnation von Samuel Beckett lernen?<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich ist es Fr\u00fchling, doch es herbstet in Deutschland. Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen waren bis vor kurzem wie leergefegt. Die neuen Kathedralen sind Superm\u00e4rkte und Tankstellen, die Tempel der \u00c4u\u00dferlichkeit. Die Innerlichkeit hingegen musste sich die Dom\u00e4ne der auferlegten Ruhe erst erobern. Der neue Alltag nach Corona immer noch in seinen Anf\u00e4ngen. Das Gewohnte ist zur\u00fcckgetreten und hatte einer fast mystischen Stille Raum gegeben. Eine bislang unbekannte Grabesstille hatte Deutschland umflankt und der Ritt durch die Zeit sowie die Vermessung der Erde waren in den Wartemodus getreten.<\/p>\n<p>Die Menschheit, die zu neuen Himmeln st\u00fcrmte, selbst die Ideologen des Transhumanismus k\u00e4mpften mit dem blo\u00dfen Menschsein ums nackte \u00dcberleben. Was hilft Robotik und maschinelle Verbesserung der Neuen Menschen als Techno-Bio-Hybrid-System, wenn ein Virus in ungekannter Schnelle, f\u00fcr das Auge nicht sichtbar, sich wie ein G\u00fcrtel um die Erde spannt und die Lungen einsch\u00fcrt und zum Aufl\u00f6sen bringt? Der neue Mensch, Nietzsches \u00dcbermensch, musste warten, es gilt den alten zu retten, vielleicht den letzten Menschen.<\/p>\n<p>Das Gute in am Schlechten in Zeiten der Krise: die Menschen r\u00fcckten emotional zusammen \u2013 statt Raubierkapitalismus und Egomanie Solidarit\u00e4t und Humanit\u00e4t auf Abstand. Die Alpham\u00e4nnchen dieser Welt, Donald Trump, Wladimir Putin, \u00a0Recep Tayyip Erdo\u011fan und Jair Messias Bolsonaro haben als Krisenmanager versagt, ihre Drohgeb\u00e4rden sind eine erb\u00e4rmliche Kulisse in Coronazeiten. Allesamt waren sie schlechte Baumeister, Statisten der Krise. Die B\u00fchne haben l\u00e4ngst die Polizisten, Verk\u00e4ufer und \u00c4rzte und Krankenpfleger \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Die stillen Helfer waren es, denen Albert Camus in seinem Roman \u201eDie Pest\u201c ein Zeichen gegen das Vergessen setzte. Sie sind es auch heute, die Trost sprechen, die der Verzweiflung vieler im Angesicht der Pandemie ein St\u00fcck Menschlichkeit zur\u00fcckgeben. Im Angesicht des Todes spenden Krankenschwestern, \u00c4rzte und Pflegekr\u00e4fte Zuversicht und Hoffnung, selbst in den aussichtslosesten Situationen. Sie sind die eigentlichen Heiligen in einer Zeit des Ausnahmezustandes.<\/p>\n<p>Nicht umsonst steht Camus\u2019 Roman derzeit auf den Bestsellerlisten der von der Schreckensherrschaft des Coronavirus Heimgesuchten. Liefert doch die Literatur hier das, wonach die Seele des Menschen d\u00fcrstet. Sie verk\u00fcndet die Botschaft, dass Liebe, Solidarit\u00e4t und Humanismus, eine Ethik der Verantwortlichkeit und der Pflicht ist. Die Pragmatik des Helfens scheint scheinbar siegreicher zu sein als der Tod. Camus\u2019 Pest ist eine Trostschrift, eine die den Tod im Gep\u00e4ck hat und unmittelbar angeht. Und mit ihr wird die Literatur zu einem St\u00fcck weit Bew\u00e4ltigung des Lebens.<\/p>\n<p>Absurd erscheint die Zeit in Coronatagen. Und f\u00fcr viele stellt sich die Frage nach dem Sinn in einer Zeit, die bar aller Sinnhaftigkeit ist. Die Leere erf\u00fcllt den Raum, die Gefahr der Erschlaffung, der geistigen Reglosigkeit und Langeweile droht und h\u00e4ngt sich wie eine dunkle Wolke \u00fcber all jene, denen der Alltag abhanden, die in die Arbeitslosigkeit gesp\u00fclt und die der Welt von Gestern verlustig gegangen sind. Paradoxerweise k\u00f6nnte hier ein Autor Trost spenden, von dem man es gar nicht erwartet \u2013 der Ire Samuel Beckett und sein \u201eWarten auf Godot\u201c<\/p>\n<h4>Samuel Becketts \u201eWarten auf Godot\u201c<\/h4>\n<p>Beckett gilt als der Vater des absurden Theaters. Die Interpretationen eines der einflussreichsten Werke der Literatur des 21. Jahrhunderts variieren in der breitesten nur denkbaren Schere wie einst die Romane Franz Kafkas. Beckett hatte sich einer Interpretation immer enthoben. Die Commedia dell\u2019Arte oder die Slapsticks des Stummfilms waren gel\u00e4ufige Interpretationen. Religi\u00f6se Deutungen, die Yin-Yang-These von der Gegenpoligkeit von K\u00f6rper und Geist waren im Spiel. Den sozialistischen Kampf gegen die Ausbeutung ebenso wie Hegels Dialektik von Herr und Knecht g\u00e4ngige Interpretationen. Kritische Thesen \u00fcber die Verselbst\u00e4ndigung der Sprache folgten ebenso wie die existentiell-nihilistische These vom Leben als Wartezustand.<\/p>\n<p>Die beiden Vagabunden Wladimir und Estragon treffen sich auf einer einsamen Landstra\u00dfe. Sie warten auf Godot, der jedoch nie kommt. Ort und Zeit sind unbestimmt. Au\u00dfer einem Baum ist weit und breit nichts zu sehen. Beide verk\u00f6rpern so di<em>e<\/em> existentielle Unbehaustheit des Menschen. Sie stehen f\u00fcr Existenzen an der Grenze von Leben und Tod, verk\u00f6rpern die ewig entt\u00e4uschte Illusion des Wartens und beharren in tragikomischer Hilflosigkeit, die Gewissheit ihres Verfalles \u00fcberspielend.<\/p>\n<p>In \u201eWarten auf Godot\u201c ereignet sich buchst\u00e4blich wenig, die Zeit steht still. Eine Monotonie regiert, die auf keinen transzendenten Ideenhimmel vertrauen kann, aus dem sie Hoffnung zu speisen vermag, sondern deren einziger Trost darin besteht, im Ungewussten zu verharren. Keine Erl\u00f6sung winkt, nur blanke Existenz. Das Unver\u00e4nderliche bleibt so die einzige Konstante in einer ewig sich wiederholenden Welt. Doch bei aller Wiederkehr des Gleichen wird in Becketts St\u00fccken \u2013 \u00fcber die Erfahrung der Negativit\u00e4t hinaus \u2013 f\u00fcr eine Transformation ins Positive geworben. Wie bei Camus Sisyphos sein Schicksal annimmt und dieses als sein lebensweltliches Gl\u00fcck versteht, begreifen die Protagonisten Becketts ihren sinnlos verstellten Alltag als ein Hoffen auf Godot, m\u00f6glicherweise auf Gott, der angek\u00fcndigt wird, sich der Ankunft aber verweigert oder entzieht. Bei aller Erfahrung von Absurdit\u00e4t spricht Beckett eben auch von \u201egl\u00fccklichen Tagen\u201c.<\/p>\n<p>Wie aktuell Beckett in der Zeiten der Coronakrise ist, liegt buchst\u00e4blich auf der Hand. Das Absurde kommt im Gewand der Pandemie und stellt die Existenz, sowohl den inneren wie den \u00e4u\u00dferen Sinn, die Seele und den physischen Menschen, auf das Neue die Probe des Belastbaren. Die M\u00fchen der Ebene scheinen endlos und auch bislang ist kein Ende in Sicht. Denn Corona wird vorerst die Welt beherrschen und wir uns damit arrangieren.<\/p>\n<p>Was bleibt, und dies scheint auch \u201eWarten auf Godot\u201c zu verk\u00f6rpern, \u00a0ist eine Hoffnung, die nicht geschenkt, die immer \u00fcber einen Verlust erkauft werden muss. F\u00fcr Beckett entzieht sich zwar das gro\u00dfe Geb\u00e4ude metaphysischer Spekulationen, doch ein Blick in die heutige Lebenswelt zeigt auch ein dem Schein des allt\u00e4glichen Hinvegetierens Entgegengesetztes. Im Umfeld des Sinnlosen w\u00e4chst der Glaube an das Sinnhafte, an die Stelle von Nihilismus und Verzweiflung gilt es, das Leben in seiner scheinbar beweglosen Schleife zu akzeptieren. Die Gesundheit zu preisen und die kleinen Dinge zu w\u00fcrdigen, die wir sonst als belanglosen Tand verachteten, sollte zur Feier des Tages werden.<\/p>\n<p>Vielleicht f\u00fchrt uns das Ganze aber auch zu einer neuen Religiosit\u00e4t oder zu einem Geist des Umdenkens, durch den wir die Natur wieder entdecken, anstatt diese zu verzwecken und ausbeuten. Hoffnung bleibt das letzte Wort, sie zu verlieren, endete auch f\u00fcr Beckett in der absoluten Katastrophe. Man muss nur lernen, mit dem Absurden zu leben, es ertragen \u2013 eine zweifellos schwierige Last und Herausforderung.<\/p>\n<h1>Die Pest ist nie verschwunden<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz15.05.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p><strong>Seit fast viertausend Jahren w\u00fctet der Pestbazillus Yersinia pestis. Grausam griff er in die Geschichte ein, flankierte seinen Aufstieg mit Millionen Menschenleben. Die Pest war nie wirklich besiegt und das neuartige Coronavirus wird auch so schnell nicht von den Oberfl\u00e4chen dieser Welt verschwinden. Die Zeit der Seuchen ist auch die Stunde der Verschw\u00f6rungstheoretiker. Dies gilt f\u00fcr die Zeit der Pest ebenso wie f\u00fcr das Coronavirus. <\/strong><\/p>\n<p>Nachgewiesen hatte man die Pest erst im 21. Jahrhundert bei Untersuchungen eines 3.800 Jahre alten Grabes im russischen Samara. Pasteurella pestis oder Yersinia pestis, von Rattenfl\u00f6hen \u00fcbertragen, ist die Geisel der Menschheitsgesichte. Lange bevor der \u201eSchwarze Tod\u201c in Hochmittelalter und Renaissance und als \u201eGro\u00dfe Pest von London\u201c die britische Insel von 1665-1666 heimsuchte und innerhalb eines Jahres hunderttausende Opfer forderte, grassierte zwischen 514-770 nach Christi die \u201eJustinianische Pest\u201c in Europa und Asien. Die Totenberge stiegen damals ins Unermessliche und wuchsen buchst\u00e4blich in den scheinbar g\u00f6tterlosen Himmel.<\/p>\n<p>Nach dem ostr\u00f6mischen Kaiser Justinian (527-565) genannt, w\u00fctete diese zyklisch im Abstand von f\u00fcnfzehn bis f\u00fcnfundzwanzig Jahren. Allein mit bis zu 17 t\u00f6dlichen pandemischen Wellen erlangte sie apokalyptische Ausma\u00dfe. Zuerst zerm\u00fcrbte das Bakterium \u00a0\u00c4gypten, bevor es sich gespenstisch \u00fcber den westlichen Mittelmeerraum und das rheinische Germanien verbreitete. Auch in Gallien und Hispanien, in Kleinasien, Syrien, Mesopotamien und Persien grassierte der Tod. Die damalige Hochkultur, der sp\u00e4tantike Mittelmeerraum, war wie heute die zivilisierte und globalisierte Welt Spielball eines pandemischen Ungeheuers. Schon damals hatte sie Massenverelendung, Armut, Hunger und existentielle N\u00f6te im Gep\u00e4ck. Und nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass sie politisch die R\u00fcckeroberung Westroms durch Kaiser Justinian I. zum Teil mit vereitelt und die antike Welt damit gleich mitbegraben hat. Wie sie damals aus dem Nichts heraustrat, verschwand sie 770 wieder \u2013 vorerst.<\/p>\n<h4><strong>Geschichte wiederholt sich<\/strong><\/h4>\n<p>Doch Geschichte wiederholt sich. Grausamer wird sie zuschlagen und am grausamsten regierte der \u201eSchwarze Tod\u201c in den Jahren von 1347 bis 1351 in Europa, das \u2013 wie heute Covid-19 \u2013 einer Kartografie der Infektionsherde glich und die Spur des Todes nach sich zog.<\/p>\n<p>Beg\u00fcnstigten im Mittelalter Armut, nichthygienische Verh\u00e4ltnisse, das Fehlen ad\u00e4quater medizinischer Methoden und Impfstoffe den Aufstieg der Seuche regiert das Coronavirus heute selbst in hochzivilisierten und medizinisch top-ausgestatteten Industrienationen. Wie die Pest damals fokussiert sich auch Corona heute auf die Gro\u00dfst\u00e4dte. Wo der Handel bl\u00fchte, war man am unsichersten, an den Transportwegen und in den Ballungszentren. Innerhalb von f\u00fcnf Jahren raffte die Pest 30 Millionen Menschen hinweg, knapp ein Drittel der Bev\u00f6lkerung Europas. Das probateste Mittel, ihr zu entgehen, war die Flucht auf das Land. Meisterlich beschrieben in Giovanni Boccaccios \u201eDecamerone\u201c.<\/p>\n<p>Die Pest scheint unausrottbar. Im 19. Jahrhundert kann sie ihre Schreckensherrschaft 1890 in Indochina und 1897 in Indien erneut errichten. In den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weit \u00fcber tausend Pest-Todesf\u00e4lle \u00fcber den ganzen Erdball verteilt. Zu einer der gr\u00f6\u00dften Pestepidemien kam es im indischen Surat 1994 und 2003 folgte Algerien. Genau 56 Jahre sp\u00e4ter als der franz\u00f6sische Literaturnobelpreistr\u00e4ger Albert Camus 1947 in seinem Roman \u201eDie Pest\u201c die Chronologie des Todes zeichnete. 2005 breitete sich mit hunderten von Toten die Lungenpest in Bas-Uele im Norden der Demokratischen Republik Kongo aus. 2008 w\u00fctete sie in Uganda, Madagaskar und 2009 in der tibetisch gepr\u00e4gten Provinz Qinghai im Nordwesten Chinas. In den Jahren zwischen 2010 bis 2015 wurden \u00fcber dreitausend Pestf\u00e4lle und fast sechshundert Pest-Todesf\u00e4lle registriert \u2013 und immer wieder waren China und der s\u00fcdliche Westen der USA Krisenherde, ob 2014 in Idaho, im chinesischen Yumen oder 2019 in der Mongolei \u2013 die Pest feiert ihre t\u00f6dliche Renaissance.<\/p>\n<h4><strong>Der Pest kein Ende<\/strong><\/h4>\n<p>Der Pest kein Ende. Zu dieser Einsicht kam bereits der Protagonist, der Arzt Dr. Bernard Rieux, in Camus\u2019 Roman \u201eDie Pest\u201c. Wir spielen immer nur auf Zeit \u2013 und der Bazillus wird wiederkommen. Und selbst wenn Camus in seiner Welt des Absurden gegen das Schicksal anstreitet, gegen die Menschheitsseuche rebelliert und den couragierten Kampf gegen die Pest antritt, t\u00f6dliche Heimsuchungen bleiben ohne Logik und sinnlos. \u201eHeimsuchungen gehen tats\u00e4chlich alle Menschen an, aber es ist schwer, an sie zu glauben, wenn sie \u00fcber einen hereinbrechen.\u00a0 [\u2026] Weil die Plage das Ma\u00df des M\u00f6glichen \u00fcbersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein b\u00f6ser Traum, der vergehen werde. Aber er vergeht nicht immer, und von b\u00f6sem Traum zu b\u00f6sem Traum vergehen die Menschen [\u2026],\u201c schreibt Camus.<\/p>\n<p>Doch inmitten des Absurden kommt Trost, aus dem Sinnlosen erw\u00e4chst neuer Sinn, ein sinnerf\u00fclltes Leben, das sich in Mut, Verstand und Solidarit\u00e4t manifestiert. Camus schlie\u00dft seinen Roman mit zwei Botschaften: Die Pest wird zur\u00fcckkehren, aber was man aus den \u201eHeimsuchungen lernen kann, ist \u201eden Menschen mehr zu bewundern als zu verachten\u201c. Diese Conclusio gilt auch heute in Coronazeiten.<\/p>\n<h4><strong>Hartn\u00e4ckig wie die Pest halten sich auch in Coronazeiten die Verschw\u00f6rungstheorien<\/strong><\/h4>\n<p>Doch Camus\u2019 Diktum, \u201eden Menschen\u00a0 mehr zu bewundern als zu beachten\u201c, mag dann in Schieflage kommen, wo der Mensch die Seuchen instrumentalisiert und missbraucht. Die Stunde der Gefahr ist immer die Stunde der Verschw\u00f6rung \u2013 und je unbekannter die Seuche ist, desto mehr Bl\u00fcten der Intrige, Desinformation und L\u00fcge werden \u00fcber ihren Ursprung hervorgetrieben. Fake News sind ja keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, wenngleich sie heute durch die Digitalisierung popul\u00e4rer und umso gef\u00e4hrlicher sind, weil sie millionenfach transportiert und geteilt werden.<\/p>\n<p>Bereits seit einem halben Jahrtausend, mit dem Pestausbruch im 14. Jahrhundert, h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig die Verschw\u00f6rungsthese, dass die Juden f\u00fcr die Seuche verantwortlich seien. Faktisch wurden das Volk Jahwes durch die katholische Kirche zu den Brunnenvergiftern erkl\u00e4rt, die als T\u00e4ter die Ausl\u00f6schung der Christenheit auf ihrem teuflischen Plan von der Weltherrschaft auf dem Plan h\u00e4tten. Die Pest als Instrument der Vernichtung. Pogrome und Vertreibung folgten, der Judenhass explodierte und endete zeitversetzt als radikales B\u00f6ses in den Vernichtungslagern der Nazis.<\/p>\n<p>Dass sich Geschichte wiederholt belegt j\u00fcngst ein Schreiben zu den Coronama\u00dfnahmen von hohen Geistlichen und W\u00fcrdentr\u00e4gern der katholischen Kirche. In den Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung des Coronavirus, dem Lockdown, wird der Ruf nach einer Weltverschw\u00f6rung laut, die nicht nur die pers\u00f6nlichen Freiheitsrechte der Einzelnen dauerhaft einzuschr\u00e4nken sucht, so der Vorwurf, sondern nichts anders anvisiert, als einen \u201eAuftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht\u201c. Weiter hei\u00dft es: \u201eEs sind Tatsachen, dass unter dem Vorwand der Covid-19-Epidemie in vielen F\u00e4llen unver\u00e4u\u00dferliche Rechte der B\u00fcrger verletzt und ihre Grundfreiheiten unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig und ungerechtfertigt eingeschr\u00e4nkt wurden, einschlie\u00dflich des Rechts auf Religionsfreiheit, freie Meinungs\u00e4u\u00dferung und Freiz\u00fcgigkeit.\u201c Zu den Unterzeichnern des dreiseitigen Dokumentes z\u00e4hlen der fr\u00fchere P\u00e4pstliche Botschafter in den USA, Erzbischof Carlo Maria Vigano, der ehemalige Regensburger Bischof, Kardinal Gerhard Ludwig M\u00fcller und Kardinal Joseph Zen Ze-kiun aus Hongkong.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Verschw\u00f6rungstheorien gegen Bill Gates Konjunktur feiern und gleichwohl solche, die den 5 G-Ausbau in Wuhan f\u00fcr die Pandemie verantwortlich machen, ist der Tenor aus den H\u00e4nden der Kirchenvertreter ein anderer und l\u00e4uft diametral zur Coronastrategie des r\u00f6mischen Pontifex \u2013 Papst Franziskus. Nicht nur, dass M\u00fcller und Co von Panik sprechen, Hysterie s\u00e4en, die Bev\u00f6lkerung gegen Staat und Lockdown aufhetzen und gar an der Ansteckungsgefahr des Virus zweifeln, sie benutzen die Pandemie als bewusste Stimmungsmache gegen ihren Erzfeind, den reformfreudigen Bischof von Rom. Dessen Offenheit gegen\u00fcber dem Synodalen Weg, seine Task Force im Kampf gegen den Kindermissbrauch und gewisse Zugest\u00e4ndnisse bei Freiheiten jeweiliger Ortskirchen ohne \u201elehramtliches Eingreifen\u201c, sind den Ultrakonservativen ein Dorn im Auge. Die neue Offenheit aus dem Vatikan r\u00fcttelt zu sehr an den Grundfesten einer der \u00e4ltesten Institutionen. Aber im Kampf gegen Franziskus sind den Kritikern eben alle Mittel recht \u2013 und sei es selbst das Coronavirus. Doch mit ihrem Schreiben, das von der Deutsche Bischofskonferenz unterdessen heftig kritisiert wurde, bef\u00f6rdern sie nicht den Geist christlicher Solidarit\u00e4t f\u00fcr die Papst Franziskus steht. Es ist und bleibt ein Dokument der Selbstinszenierung eitler Bisch\u00f6fe auf dem Abschiebegleis.<\/p>\n<p>Der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, hatte auf Facebook den Unterzeichnern eine Selbstentbl\u00f6\u00dfung vorgeworfen. Er sei fassungslos, \u201ewas da im Namen von Kirche und Christentum verbreitet wird: krude Verschw\u00f6rungstheorien ohne Fakten und Belege, verbunden mit einer rechtspopulistischen Kampfrhetorik, die be\u00e4ngstigend klingt.\u201c [\u2026] Mit Jesus Christus haben derartig wirre Thesen, die \u00c4ngste sch\u00fcren, Schwarz-Wei\u00df-Denken verfolgen, \u00fcble Feindbilder zeichnen und das Miteinander in unseren Gesellschaften vergiften, nicht zu tun.\u201c<\/p>\n<p>Der traurige Befund: Die Verschw\u00f6rungen bleiben und sie gewinnen dort an Macht, wo das Wissen fehlt oder der pure Wille zur Macht regiert.<\/p>\n<h1>\u201ePauschal und willk\u00fcrlich Geb\u00fchren erh\u00f6hen, ist keine L\u00f6sung\u201c<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz14.05.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p><strong>Matthias Hach, Marketing- und Vertriebsvorstand der comdirect bank AG, \u00fcber digitale Herausforderungen und warum sowohl FinTechs als auch die gro\u00dfen Internetkonzerne nicht als Konkurrenten gesehen werden sollten. <\/strong><\/p>\n<p><strong>The European:<\/strong> Herr Hach, das Umfeld f\u00fcr Banken ist herausfordernd, wie noch nie. Wir haben anhaltend geringes Zinsniveau. Der Wettbewerb, auch durch branchenfremde Akteure, wie FinTechs und GAFAs, nimmt zu. Wird es zu einer Konsolidierung der Banken-landschaft Deutschlands kommen?<\/p>\n<p><strong>Matthias Hach:<\/strong> Ja, tats\u00e4chlich ist es so, dass die Bankenlandschaft, nat\u00fcrlich verbunden mit den Niedrigzinsen und steigender Regulatorik, die auch Kosten nach sich zieht, f\u00fcr alle sehr herausfordernd ist. F\u00fcr viele Institute kommen nun noch Kreditausfallrisiken durch die Coronakrise hinzu. Jede Bank muss f\u00fcr sich einen Weg finden, damit umzugehen. Ich glaube, alleine Kosten sparen oder Geb\u00fchren erheben reicht nicht. Banken m\u00fcssen sich Gedanken machen, wie sie in dem neuen Umfeld mit den genannten Wettbewerbern umgehen und wie sie es schaffen, ertragssteigernde Ma\u00dfnahmen f\u00fcr sich abzubilden.<\/p>\n<p><strong>The European: K\u00f6nnen Geb\u00fchren die L\u00f6sung sein?<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich nein. Geb\u00fchren k\u00f6nnen sicher kurzfristig eine L\u00f6sung sein. Sie k\u00f6nnen auch dabei helfen, spezielle Angebote oder Dienstleistungen zu bepreisen. Bei einer Direktbank wie comdirect k\u00f6nnen das beispielsweise Services sein, die der Kunde selbstst\u00e4ndig auf der Website durchf\u00fchren k\u00f6nnte, daf\u00fcr aber unseren Kundenservice in Anspruch nimmt. Pauschal und willk\u00fcrlich Geb\u00fchren zu erh\u00f6hen, st\u00f6\u00dft auf wenig Verst\u00e4ndnis beim Kunden. Man sollte viel mehr dar\u00fcber nachdenken, Dienstleistungen zu kreieren, die der Kunde auch bezahlen m\u00f6chte, weil sie f\u00fcr ihn praktisch sind und einen Mehrwert bringen.<\/p>\n<h4>The European: Mit was k\u00f6nnten Banken punkten?<\/h4>\n<p>Auf jeden Fall mit Digitalisierung. Wir sehen das bei comdirect an der Entwicklung in den letzten vier, f\u00fcnf Jahren. Wir haben die comdirect App lanciert, mit Sprach- und Chat\u00fcberweisung. Heute erfolgt jede vierte Transaktion unserer Kunden mobil. Wir waren beim Deutschlandstart von Apple Pay und Google Pay dabei. Kunden wollen verst\u00e4rkt mobil bezahlen, die Coronakrise hat das noch einmal befl\u00fcgelt. Wir haben Voice Banking \u00fcber Sprachassistenten und k\u00fcrzlich den digitalen Versicherungsmanager in den Markt gebracht. Dienstleistungen und Services, die vielleicht nicht ganz banknah sind, aber wo wir als smarter Finanzbegleiter unserer Kunden agieren und nat\u00fcrlich auch zus\u00e4tzliche Ertr\u00e4ge generieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>The European: Wie generieren Sie bei der Comdirect Innovation?<\/h4>\n<p>An ganz vielen Stellen. Nat\u00fcrlich intern. Wir haben eigene Innovationslabs sowie Innovations- und Bootcamps, die wir intern veranstalten.\u00a0 \u00dcber die comdirect Start-up Garage kooperieren wir mit Externen. Und auch \u00fcber unsere Collabothons, das sind branchen\u00fcbergreifende Hackathons, und unsere Finanzbarcamps bekommen wir frische Impulse von au\u00dfen. Ideen kommen bei uns von \u00fcberall her, sei es\u00a0 von Mitarbeitern, Kunden oder Start-ups.<\/p>\n<h4>The European: Haben Sie keine Angst davor Kunden zu verlieren, wenn Sie mit GAFAs\u00a0 arbeiten?<\/h4>\n<p>Nein, tats\u00e4chlich nicht. Diese Frage wurde uns schon h\u00e4ufiger gestellt, weil wir einer der ersten sind und waren, die mit GAFAs zusammenarbeiteten. Wir sind jetzt seit drei Jahren mit GAFAs, im Speziellen mit Amazon, Google und Apple, unterwegs und unter dem Strich kann man sagen, dass die Produkte von den Kunden angenommen werden, sei es Voice Banking oder Mobiles Bezahlen. Kunden kommen zu uns, weil wir diese Produkte und Services anbieten. Das sorgt tats\u00e4chlich auch f\u00fcr Neukundenzuwachs.<\/p>\n<h4>The European: Wird 2020 ein schwieriges Jahr f\u00fcr die Bankenbranche?<\/h4>\n<p>Nicht schwieriger als 2018 oder 2019. Ich glaube aber genauso herausfordernd, weil wir alle das Tempo der Digitalisierung sp\u00fcren, nicht zuletzt auch durch die Coronakrise, die das Kundenbed\u00fcrfnis nochmal ver\u00e4ndert hat. Auch Kunden, die vorher eher analog Bankgesch\u00e4fte erledigt haben, erwarten nun digitale Services. Hier m\u00fcssen viele Institute nachbessern, insbesondere, wenn diese Services intuitiv bedienbar sein sollen, wie es Kunden aus anderen Bereichen gewohnt sind. Wir Banken m\u00fcssen uns anders aufstellen, um dem Wettbewerb mit FinTechs, GAFAs und Vergleichs-Portalen gerecht zu werden.<\/p>\n<p><em>Die Fragen stellte: Stefan Gro\u00df<\/em><\/p>\n<h1>Christian Lindner kritisiert Thomas Kemmerich<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz11.05.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>Die Virologen haben vor einer weiteren Verbreitung des Coronavirus gewarnt. Auch die Kanzlerin warb am Montag f\u00fcr ein erneutes Vertrauen in die Ma\u00dfnahmen des Staates nach dem Lockdown. Doch was sich bei den Corona-Demos abspielt, widerspricht dem Gesunden Menschenverstand. <\/strong><\/p>\n<h4>Corona \u2013 Die neue Metaphysik<\/h4>\n<p>Selten hatten Wissenschaftler so eine Deutungshoheit wie in Zeiten der Coronakrise. Aber wenn die Stunde schl\u00e4gt, werden selbst scheue Virologen zu Erkl\u00e4rern der Wirklichkeit \u2013Wahrheitsanspruch inklusive. Doch genau besehen sind die Deuter selbst in permanenter Selbstkorrektur. Die Deutung der Virologen gleicht einem Eiertanz um die Wahrheit. Auch ihnen ist das Coronavirus eine Art metaphysischer Rest, das sich permanent dem klaren Verstand entzieht. Wie die albanische Weissagerin durch die gl\u00e4serne Kugel geben sie okkulte Ratschl\u00e4ge zur Bek\u00e4mpfung und predigen eine Heuristik der Furcht, die einen das Gruseln in einer anderen Dimension neu erlernen l\u00e4sst. Denn im Angesicht des Virus zeichnen sich alle M\u00fchen der Wissenschaftler durch eine bemerkenswerte Hilf- und Ratlosigkeit aus. Corona erscheint als neuer Gott und die Wissenschaft dar\u00fcber wie eine neue Metaphysik, die sich aber wie die alte nur deutend an Inhalt, Form und Erscheinung des Absoluten oder Verborgenen anzun\u00e4hern vermag. Das hat sich nach zwei Monaten Viruskrise bis heute nicht ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die Zeiten der Aufkl\u00e4rung scheinen im 21. Jahrhundert vorbei. Nie gab es weniger Wissen \u00fcber das Nichtwissen hatte J\u00fcrgen Habermas erst j\u00fcngst kritisiert und nie eine gr\u00f6\u00dfere Vielstimmigkeit der Meinungen zu einem ganz konkreten Sachverhalt. Und in der Tat, diese neue Un\u00fcbersichtlichkeit pr\u00e4gt gravit\u00e4tisch unseren Alltag.<\/p>\n<h4>Der Tanz der Virologen und Wissenschaftler<\/h4>\n<p>Auf der einen Seite pl\u00e4dierten Christian Drosten und Co mit aller Nachhaltigkeit auf Entschleunigung, Kontaktsperren und favorisierten den Shutdown als Pr\u00e4ventiv samt kategorischen Abstands-Imperativ. Dagegen hielt die \u00e4lteste und wohl seri\u00f6seste Wissenschaftsakademie der Welt, die \u201eLeopoldina\u201c, ein Ende des Lockdowns f\u00fcr das Gebot der Stunde und gab ein interdisziplin\u00e4res Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen geordneten R\u00fcckzug in den Alltag. Im bunten Allerlei verwirrte auch eine Aussage von Welt\u00e4rztepr\u00e4sident Frank Ulrich Montgomery, der gerade als sich alle sechzehn Bundesl\u00e4nder auf das Tragen von Atemmasken geeinigt hatten, dem Tragen des Mundschutz zur Coronaeind\u00e4mmung eine radikale Absage erteilte, ja, die gesetzliche Maskenpflicht f\u00fcr grundfalsch erkl\u00e4rte. Zuvor haderte auch das Robert Koch Institut \u00fcber die Schutzfunktion von Masken, bevor es diese zumindest zum Selbstschutz empfahl.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Verbraucher derartig breitgef\u00e4cherter und sich einander ausschlie\u00dfender \u00a0Interpretationen gebiert dies aber nur noch Un\u00fcbersichtlichkeit, die die fehlenden Informationen w\u00e4hrend der Fl\u00fcchtlingskrise gar noch zu \u00fcberbieten drohen. War Deutschland schon 2015 in Migrationbef\u00fcrworter und -kritiker gespalten, so in Coronazeiten umso mehr. Der harte Kampf zwischen den Lockdown-Bef\u00fcrwortern und -gegnern ist entbrannt. Der Kampf um Verbote und \u00d6ffnungen hat sich vom Kanzleramt in den Stra\u00dfenkampf verlegt und feiert dort das Fest der reinen Unbek\u00fcmmertheit. Angela Merkels Kassandrarufe sind mit den bundesweiten Lockerungen im gleichen Umfang verflogen wie die sechzehn Landesf\u00fcrsten in f\u00f6deraler Vielstimmigkeit nun geradezu \u00d6ffnungsorgien feiern. Wie schon vor Jahrhunderten ist Deutschland wieder in seine kleinen F\u00fcrstent\u00fcmer aufgespalten, die den herrschaftsfreien Diskurs als neue Souver\u00e4nit\u00e4t gegen den Souver\u00e4n feiern. Aber wenn es schief geht, k\u00f6nnen sie es dieses Mal nicht der Kanzlerin anlasten, die den Selbsterm\u00e4chtigungsorgien eine radikale Absage erteilte und sich letztendlich \u2013 im Falle des Scheiterns und einer zweiten Welle \u2013 zumindest unbeschadet als moralische Instanz hinausretten kann.<\/p>\n<h4>Corona-Demos besch\u00e4digen den Staat<\/h4>\n<p>Was sich aber jetzt auf den Stra\u00dfen mit den neuen Corona-Demos als Foren unter dem Deckmantel des \u201eliberal-freiheitlichen\u201d Protestes gegen den Shutdown abspielt, gleicht einer Farce. Die Lockdown-Gegner schlagen \u00fcber die Strenge und \u00fcberschreiten das Ma\u00df des Gesunden Menschenverstandes. Die Revolte wird zum Happening, freiwillige Coronainfektion eingeschlossen oder gar bewusst gewollt. Wer bei derartig leichtsinnigen Darbietungen die Wahrung der B\u00fcrgerrechte vertreten wissen will, geht fehl. Sie sind nichts anderes als egoistische Manifestationen von irrlichtartig dahinschwirrenden Selbstinszenierern, die bewusst auf Konfrontation mit dem Staat gehen, weil sie weder Abstand halten noch Mund\/Nasenschutz\/Bedeckung tragen. Wenn sich Politiker wie der Eintags-Ministerpr\u00e4sident von Th\u00fcringen, Thomas Kemmerich, zu derartigen okkulten M\u00e4rschen missbrauchen lassen, dann haben Christian Lindner (FDP) und Ministerpr\u00e4sident Bodo Ramelow (DIE LINKE) mit ihrer Kritik an einem derartig verantwortungslosen Umgang in der Coronakrise Recht. Lindner kritisierte die Aktion des Th\u00fcringer Landesvorsitzenden dann auch scharf: \u201eDie Aktion von Thomas Kemmerich schw\u00e4cht unsere Argumente. Ich habe daf\u00fcr kein Verst\u00e4ndnis\u201c und Ramelow twitterte \u201eVorbildfunktion? \u2013 Fehlanzeige!\u201c Zwar hatte sich Kemmerich sp\u00e4ter f\u00fcr seine Teilnahme entschuldigt, doch f\u00fcr den nach der Ministerpr\u00e4sidentenwahl im AfD-Stimmen ohnehin angeschlagenen FDPler bleibt es kein Ausweis f\u00fcr sein politisches Gesp\u00fcr.<\/p>\n<p>Wer das \u201eLebe gef\u00e4hrlich\u201c Nietzsches pr\u00e4destiniert, geht wie in Berlin, M\u00fcnchen und Gera maskenlos auf die Stra\u00dfe, provoziert den Staat und treibt die Schere zu den Lockdown-Gegnern weiter auseinander. Das Ergebnis wird eine weitere Polarisierung der Gesellschaft sein, die dann gar keines Populismus, sei er von rechts oder links ausgreifend kommend, bedarf, um weiter auseinander zu driften.<\/p>\n<h4>Noch mehr Transparenz von der Politik<\/h4>\n<p>Wenn es zum Wesen der Wissenschaft geh\u00f6rt \u2013 wie schon Georg Friedrich Wilhelm Hegel betonte \u2013 sich in Widerspr\u00fcche zu verstricken, um aus Fehlern zu lernen, muss die Politik jedoch wieder umso transparenter werden und vor allem f\u00fcr die B\u00fcrger verst\u00e4ndlicher ihre Ma\u00dfnahmen und Verbote kommunizieren. Sonst droht sie nicht nur missverstanden, sondern zu einem unbekannten Akteur mit metaphysischen Qualit\u00e4ten zu werden, den niemand versteht. Derartige Transparenz hatte die Bundesregierung aber schon im Fl\u00fcchtlingsjahr vermissen lassen und die AfD auf den Plan gehoben. Verf\u00e4ngt sie sich in derselben Intransparenz wie 2015 k\u00f6nnte mit der ausufernden Zahl von Corona-Demos eine zweite Pandemiewelle auf uns zurollen, die mit Sicherheit verheerender wird.<\/p>\n<h1>Merkels f\u00fcnfte Amtszeit?<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.05.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>Ob Finanzkrise, Fl\u00fcchtlingskrise oder Corona \u2013 wenn es um die pure Existenz ihrer Landeskinder geht, meldet sich die Kanzlerin zur\u00fcck. Daf\u00fcr wird sie in den Medien mittlerweile als weitblickende, warmherzig-menschliche und rechtstreue Heilige verehrt. Selbst ein alter Rivale bescheinigt Merkel jetzt F\u00fchrungsqualit\u00e4t. Horst Seehofer (CSU) attestiert ihr Tugenden, die die CDU-Politikerin f\u00fcr eine f\u00fcnfte Amtszeit qualifizieren. <\/strong><\/p>\n<p>In Ausnahmesituationen scheint Merkel immer wieder Kraft zu tanken, ja, die Ausnahme ist die Stunde der CDU-Politikerin. W\u00e4hrend in Deutschland ein f\u00f6derales Chaos bei der Bew\u00e4ltigung der Coronakrise herrscht, der Lockdown entweder kritisch in Frage gestellt oder als absolutes Heil verk\u00fcndet wird, Angela Merkel hat ihren Kreuzfahrtluxusliner im Hafen vor Anker fest vert\u00e4ut. Nur keiner wei\u00df: Ist es die \u201eTitanic\u201c oder die \u201eArche Noah\u201c?<\/p>\n<h4>Blo\u00df nicht \u201ezu forsch\u201c<\/h4>\n<p>Blo\u00df nicht \u201ezu forsch\u201c bleibt das Credo der Kanzlerin der Mitte, die auch in der Coronakrise das Steuerruder auf Standby setzt und die Schiffsrotoren zur Langsamkeit n\u00f6tigt. Als Kapit\u00e4n_in zu Land meidet die Bundeskanzlerin derzeit die hohe See mit ihren Abenteuern, Un\u00fcbersichtlichkeiten und Gefahren. Die durch Finanz- und Fl\u00fcchtlingskrise erprobte Steuerfrau hat die Lichter an Bord ged\u00e4mpft. Statt Unrast, Hektik und willf\u00e4hriger Entscheidungen regiert Entschleunigung. Und wie Rettungsboote sekundieren sich die Gr\u00fcnen und die LINKE um das gro\u00dfe Merkelschiff, schmiegen sich um die sonst Unliebsame, flankieren die br\u00fcchigen Steuerbord- und Backbordfl\u00e4chen des Kreuzers und sch\u00fctzen die Kanzlerin auf ihrem Flug durch die Zeit. Nur Christian Lindner (FDP) und die AfD um Alexander Gauland haben Merkels \u201eArche Noah\u201c oder \u201eTitanic\u201c, die Kommandobr\u00fccke mit ihren besonderen Ma\u00dfnahmen der eingeschr\u00e4nkten Grund- und Menschenrechten, verlassen. Sie sind in die Schnellboote gestiegen und in die offene See gestartet \u2013 Ausgang ungewiss. Einzig Armin Laschet (CDU), Ministerpr\u00e4sident von Nordrhein-Westfalen und Markus S\u00f6der, der bayerische Ministerpr\u00e4sident und CSU-Chef, sind derzeit noch auf der Br\u00fccke. W\u00e4hrend S\u00f6der schmiegsam den Kurs h\u00e4lt, bringt Laschet Unruhe in Merkels ungetriebene, gef\u00fchlte Ewigkeit. Der Fraktionsvorsitzende der LINKEN, Dietmar Bartsch brachte es auf den Punkt \u201eEs ist problematisch, wenn Coronakrise und K\u00fcr des Union-Kanzlerkandidaten zusammenfallen. Da sind Herr S\u00f6der und Herr Laschet ein St\u00fcck weit verhaltensauff\u00e4llig. Frau Bundeskanzlerin, es geht um das Leben und die Existenz von Menschen, nicht um die Karrieren in der Union.\u201c<\/p>\n<h4>Schneller, H\u00f6her, Weiter \u2013 Die Stunde der Herausforderer<\/h4>\n<p>Der Kampf um den Lockdown ist zum \u00dcberbietungswettkampf der f\u00f6deralen Ordnungsh\u00fcter geworden, die Ministerpr\u00e4sidenten wittern ihre Chance. Die Coronakrise scheint ja auch die Stunde der Ministerpr\u00e4sidenten zu sein. W\u00e4hrend Merkel missverst\u00e4ndlich von \u201e\u00d6ffnungs-Diskussions-Orgien\u201c sprach und Alleing\u00e4nge der Ministerpr\u00e4sidenten kritisierte, f\u00fcr Ruhe und Demut im Kampf gegen das Coronavirus warb, um den Status quo nicht zu gef\u00e4hrden, trumpfen die F\u00f6deralisten gegen den Ausnahmezustand oder schmiegen sich eben an die weichen Schultern der \u00dcbermutter.<\/p>\n<p>Merkels Herausforderer, Norbert R\u00f6ttgen und Friedrich Merz, sind derzeit deklassifiziert. Sie haben einfach nicht die politische M\u00e4chtigkeit und M\u00f6glichkeiten sich wie Markus S\u00f6der oder Armin Laschet zu inszenieren. Die Ersatzbank ist derzeit ihr Terrain und das taktische Spiel hei\u00dft abwarten bis einer der Big Player einen Fehler macht. Dann k\u00f6nnte die Stunde beider, zumindest wenn es um Merkels Nachfolge geht, kommen. Doch bis dahin gilt ein zerm\u00fcrbendes Warten. W\u00e4hrend die einen in der politischen Teilnahmslosigkeit versinken, die Ohnmacht sp\u00fcren, schwebt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn als Seilt\u00e4nzer im Drahtseilakt \u00fcber die leere Fu\u00dfballarena.<\/p>\n<h4>S\u00f6der contra Laschet<\/h4>\n<p>Pragmatischer als Spahn agieren hingegen seine Konkurrenten Laschet und S\u00f6der. Sowohl der Ministerpr\u00e4sident von Nordrhein-Westfalen als auch der bayerische Ministerpr\u00e4sident sind die neuen Ordnungsh\u00fcter der Nation und laufen sich f\u00fcr die Kanzlerschaft bereits warm. Doch das machen sie zuh\u00f6chst unterschiedlich. W\u00e4hrend der Merkel-Getreue Laschet, lange ein ergebener Diener der Kanzlerin, der ihr auch in schwierigen Zeiten die Treue hielt, jetzt ohne Trainerin selbst die Z\u00fcgel der Macht ergreift und gegen das politische Berlin zu Hochform aufl\u00e4uft, ist der Bayer ganz Merkel-konform. Selten gab es solch eine Harmonie zwischen der CSU-Kampfzentrale um dem Bundeskanzleramt.<\/p>\n<p>S\u00f6der, einst Urbild der Beschleunigung, ist zum Marathon- und Ausdauerl\u00e4ufer geworden, der mit fast messianischen Gesten und mit weiser landesv\u00e4terlicher Manier seine B\u00fcrger vor den todbringenden F\u00e4ngen des Virus zu retten versucht. Und das zeigt Wirkung: Nach Franz Josef Strau\u00df liegt ihm fast das ganze s\u00fcdliche Bundesland zu F\u00fc\u00dfen und nicht nur die S\u00fcdkurve winkt ihm zu. W\u00e4hrend also Markus S\u00f6der den Marathon probt und den Ausnahmezustand zu wahren sucht, f\u00fcr bedachte Lockerungen pl\u00e4diert, l\u00e4uft Armin Laschet zwar nicht Amok, aber Kurzstrecke und das mit Rekordgeschwindigkeit. Wo S\u00f6der auf Distanz und Abstand geht, macht Laschet genau das Gegenteil, er beschleunigt auf Biegen und Brechen. Wenn S\u00f6der sogar das Oktoberfest opfert und damit die Bayern der seelischen wie physischen Selbstbehauptung beraubt, kann Laschet gar nicht schnell genug das n\u00e4chste M\u00f6belhaus er\u00f6ffnen. Wo der eine die Latte beim Hochsprung hoch h\u00e4ngt, damit die sportliche H\u00fcrde bleibt, h\u00e4ngt der andere sie dauernd niedriger.<\/p>\n<h4>Der Countdown l\u00e4uft<\/h4>\n<p>Soviel aber ist klar. F\u00fcr beide ist die Coronakrise der Ernstfall, der \u00fcber die Kanzlerschaft entscheidet. Wer jetzt gewinnt, kr\u00f6nt sich letztendlich in Berlin zum Kaiser. Selbst wenn es aus M\u00fcnchen t\u00f6nt, dass diese Schattenspiele der Macht keineswegs den Thron von Merkel anvisieren, bereitet sich doch S\u00f6der insgeheim auf die Nachfolge \u2013 ebenso wie Laschet \u2013 vor. Beide haben das Kanzleramt fest im Blick, der Entschleuniger und der Beschleuniger. Merkel liegt zwar derzeit fest vor Anker, aber sowohl von M\u00fcnchen oder D\u00fcsseldorf aus will man ihr das Tau kappen.<\/p>\n<p>Doch sowohl f\u00fcr S\u00f6der als auch f\u00fcr Laschet k\u00f6nnte die Stunde der verschiedenen Geschwindigkeiten auch zur Stunde des Niedergangs werden. Macht Laschet so radikal weiter, droht ihm nicht nur die Kanzlerin mit Liebesentzug, sondern auch das Gros der Ministerpr\u00e4sidenten, die noch fast geschlossen mit der Kanzlerin vor Anker liegen. Laschet w\u00e4re allzu schnell isoliert und der sp\u00e4te Traum vom Kanzleramt in absolute Sehnsuchtsferne ger\u00fcckt. Umgekehrt k\u00f6nnte S\u00f6der scheitern, wenn er zu lange am Lockdown festh\u00e4lt. Zwar kann er mit diesem Kurs derzeit punkten, doch selbst die exportstarke bayerische Wirtschaft und vor allem den Freiheitswillen der B\u00fcrger darf auch er nicht zu lange auf die Warteliste schieben. Sonst wird auch S\u00f6der scheitern. Dies hingegen wiederum w\u00e4re eine Sternstunde f\u00fcr den Ex-CSU-Chef und ex-bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten Horst Seehofer. Seehofer hat aus seiner Abneigung gegen S\u00f6der nie einen Hehl gemacht, sein Scheitern w\u00e4re ihm pure Genugtuung. Gerade wo S\u00f6der in die Falle laufen k\u00f6nnte oder den Staffelstab gar von Merkel \u00fcbernehmen k\u00f6nnte, spricht der Innenminister von einer f\u00fcnften Amtszeit der Bundeskanzlerin, die Deutschland \u201egerade sehr stark durch die Krise\u201c f\u00fchrt. \u201eStrategische F\u00fchrung\u201c attestiert Seehofer der Kanzlerin und betont: \u201eWir k\u00f6nnen froh sein, dass wir in dieser Situation eine solche Kanzlerin an der Spitze unseres Landes haben.\u201c<\/p>\n<p>Wenn Laschet scheitert und S\u00f6der nicht die Kanzlernachfolge antreten will, dann geht Angela Merkel alternativlos in die n\u00e4chste Amtszeit.<\/p>\n<h1><strong>Der Rummelboxer der Bundesrepublik ist tot<\/strong><\/h1>\n<p>Norbert Bl\u00fcm24.04.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p><em>Der CDU-Politiker Norbert Bl\u00fcm ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Mit Bl\u00fcm, der einzige Minister, der Bundeskanzler Helmut Kohl die ganzen 16 Jahre seiner Regierungszeit im Kabinett begleitete, hat Deutschland einen Politiker verloren, der nicht nur ein versierter \u201cRummelboxer der Politik\u201d war und keinen Schlagabtausch scheute, sondern einen Denker, der sich immer wieder zur Christlichen Soziallehre bekannte. In Erinnerung an einen gro\u00dfen Politiker, der das Gesicht der Bundesrepublik pr\u00e4gte, stellen wir Ihnen hier Interview mit dem ehemaligen Politiker zum Lesen erneut zur Verf\u00fcgung.<\/em><\/p>\n<p><strong>Herr Dr. Bl\u00fcm, Sie sprechen unter anderem in Ihrem Buch \u201eEhrliche Arbeit, Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier\u201c von der Liturgie der Globalisierung! Die Rede ist aber auch von der Infantilisierung der Gesellschaft, was ist damit gemeint?<\/strong><\/p>\n<p>Das Herzwort des Neoliberalismus ist das Wort \u201eMehr\u201c und immer \u201eMehr\u201c. Ohne Wachstum ist die neoliberale Welt nicht denkbar. Das ist aber eine kindliche Illusion. Und das Wesen der Erziehung muss es sein, zu lernen, dass die Welt Grenzen sowie das Leben Grenzen hat. Der heutige Finanzkapitalismus ist von der Raffgier erfasst und hat sich damit von der wirklichen Welt entfernt. Die Finanzm\u00e4rkte \u00fcbertreffen bei weitem die Wertsch\u00f6pfung, sie laufen seit Jahren der Wertsch\u00f6pfung davon, und dies ist ein kindliches Denken, das gerade zusammenbricht.<\/p>\n<p><strong>Sie rechnen in vielen Ihrer Publikationen mit dem Finanzkapitalismus ab! Wie kann man in der modernen Welt sinnvoll gegen den homo oeconomicus k\u00e4mpfen und warum ist die neoliberale Nutzenmaximierung vernunftwidrig?<\/strong><\/p>\n<p>Weil dieser homo oeconomicus eine Kunstgestalt ist, die es gar nicht gibt \u2013 der Mensch h\u00e4lt es nicht aus, immer zu kalkulieren, immer zu rechnen. Liebe, Vertrauen, Solidarit\u00e4t, die besten Sachen, die wir Menschen kennen, haben mit Nutzenmaximierung rein gar nichts zu tun. Wenn einer eine Beziehung angeht, mit der Frage, was er davon hat, soll er gleich damit aufh\u00f6ren. Und insofern befriedigt diese Art von Weltanschauung die tiefen Sehns\u00fcchte der Menschen nicht, sie ist deshalb auch nur von einer beschr\u00e4nkten Lebensdauer. Der Mensch l\u00e4sst sich diese Reduzierung auf Nutzenmaximierung nicht gefallen, ihm gef\u00e4llt es nicht, dass er st\u00e4ndig rechnen muss. F\u00fcr mich ist dieser Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger, zu dem wir ja konditioniert werden, der Prototyp dieser neuen Welt, in der der Mensch st\u00e4ndig die Preise vergleicht. Ein Mensch, der dazu gezwungen ist, morgens drei Stunden fr\u00fcher aufzustehen, um die Preise von Lidl und Aldi zu beobachten \u2013 wir haben doch Besseres zu tun.<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fcher forderten Sie einen Kampf gegen die Vergesellschaftung der Wirtschaft, wie stehen Sie heute dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Man muss den Spie\u00df umdrehen. Ich habe fr\u00fcher zu recht gegen die Sozialisierung der Wirtschaft gesprochen, also die Vergesellschaft der Wirtschaft, heute muss ich mich gegen die Verwirtschaftung der Gesellschaft aussprechen. Es gibt kaum noch einen Bereich, der inzwischen nicht von Privatisierung, Deregulierung und Wettbewerb bestimmt wird. Selbst der Kernbereich des Staates ist schon erfasst, es gibt Justizvollzugsanstalten, wo der Strafvollzug privaten Firmen \u00fcbergeben wird. In Amerika gibt es mehr private Macht als staatliche Polizei, im Irak mehr S\u00f6ldner als staatliches Milit\u00e4r. Das sind aber nur Symptome. Alles ger\u00e4t unter das Diktat der Wirtschaft \u2013 selbst die Ehe. Wir reduzieren diese als Lebensabschnittspartnerschaft, weil irgendwann jemand anderes kommen k\u00f6nnte, der noch besser ist, also k\u00f6nnen wir uns nicht festlegen.<\/p>\n<p><strong>Welche Aufgabe k\u00f6nnte nach dem Scheitern von Sozialismus und Kapitalismus der Katholischen Soziallehre zukommen?<\/strong><\/p>\n<p>Dort, wo ihr Platz immer war. Gleich weiten Abstand zu halten zwischen Individualismus und Kollektivismus; der Kapitalismus wie der Kommunismus, sie haben nur eine Seite des Menschen im Blick, und die haben sie f\u00fcr das Absolute erkl\u00e4rt, der Kapitalismus \u2013 das Individuum und der Kommunismus das Kollektiv. Die christliche Soziallehre hingegen sieht den Menschen in seiner Ganzheit, in seiner Doppelgesichtigkeit, er ist sowohl Individuum mit individuellen Rechten und Pflichten wie Sozialwesen mit sozialen Rechten und Pflichten. Und diese Balance muss st\u00e4ndig neu eingependelt werden. Im Moment hat die Welt eine Schlagseite zu einem losgelassenen Individualismus und dagegen muss sich die Katholische Soziallehre wenden. Dies beginnt damit, dass sie auch die gro\u00dfen Institutionen des sozialen Lebens st\u00e4rkt, beispielsweise die Familie, die gerade ruiniert wird. Um ein Beispiel zu geben: Nach einem Bundesgerichtshofsurteil soll eine Frau, die bisher halbtags gearbeitet hat, ganztags arbeiten, um Unterhalt zu erhalten, mit anderen Worten, die Mutter mit Kind soll genauso viel arbeiten wie der Vater ohne Kind. Hieraus l\u00e4sst sich nur schlu\u00dffolgern, dass Erziehungsarbeit offenbar gar keine Arbeit ist. Hier zeigt sich schon sehr deutlich wie die Familie unter die Gesetze des Arbeitsmarktes gestellt wird.<\/p>\n<p><strong>Was verstehen Sie unter der neuen sozialen Verantwortung? Wie soll der k\u00fcnftige Sozialstaat konkret aussehen?<\/strong><\/p>\n<p>Das wichtigste Prinzip, dass wir aktivieren und vitalisieren m\u00fcssen, ist die Subsidiarit\u00e4t, eine gegliederte Gesellschaft also, nicht eine uniformierte. Subsidiarit\u00e4t darf nicht isoliert werden, sonst f\u00fchrt dies zu einem Missverst\u00e4ndnis. Subsidiarit\u00e4t funktioniert nur im Zusammenhang mit der Solidarit\u00e4t. Ohne Solidarit\u00e4t h\u00e4ngt die Subsidiarit\u00e4t in der Luft, die Subsidiarit\u00e4t ist das Kompetenzprinzip der Solidarit\u00e4t. Sie gliedert die Gemeinschaft nach der Vorfahrtsregel \u2013 zuerst die kleineren Gemeinschaften, deshalb f\u00e4ngt Gliederung der Gesellschaft bei der Familie an, deshalb m\u00fcssen wir mehr Sozialversicherungen, nicht staatliche steuerfinanzierte Alterssicherheit und nicht kapitalgedeckte Privatversicherungen f\u00f6rdern \u2013 und auch nicht reine Privatversicherungen. Sozialversicherung also, und die kann selbst verwaltet werden, ohne Tarifautonomie; wir haben die Sozialpartner dezimiert, dies ist ja als Tarifkartell attackiert worden, trotzdem nimmt die Tarifpartnerschaft dem Staat Arbeit ab, sie ist also eine subsidi\u00e4re Einrichtung. Ich will drei Institutionen nennen: Familie, solidarische Sozialversicherung, die selbst verwaltet wird, und Tarifpartnerschaft. Und wenn man an das gro\u00dfe Europa denkt, kann diese Idee nur mit Hilfe des Prinzips der Subsidiarit\u00e4t gelingen. Europa funktioniert weder mit nationalstaatlichem Egoismus noch mit gr\u00f6\u00dftem Zentralismus, sondern nur mit einer gestuften Verantwortung.<\/p>\n<p><strong>Was hei\u00dft, da\u00df die Ordnung der Dinge der Ordnung der Personen untergeordnet werden soll? Was verstehen Sie unter einem Sozialstaat, der auf dem Selbstbewu\u00dftsein der Personen beruht?<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist ein Kernsatz eines gro\u00dfen Konzilsdokumentes \u2013 \u201eGaudium et Spes\u201c. Darin ist die ganze Katholische Soziallehre verdichtetet; n\u00e4mlich dass der Mensch, die Person, wichtiger als irgendeine Sache ist. Am Menschenbild entscheidet sich das Schicksal einer Gesellschaft. Was ist der Mensch? Ist er ein autark-autonomes Wesen, was machen kann, was es will, oder hat es Verantwortung gegen\u00fcber Gott und den Mitmenschen? Also die Person muss wiederum einen gleich weiten Abstand zu Individualismus und Kollektivismus halten, die Person ist der Platzhalter einer Integration des sozialen und des individuellen Wesen des Menschen. Zwar muss die Katholische Lehre einen Beitrag zur Zeit leisten, dar\u00fcber hinaus aber hat sie einen zeitlosen Kern \u2013 die W\u00fcrde der menschlichen Person, und diese W\u00fcrde hat ihren letzten Anker darin, dass sie Abbild Gottes ist, eine h\u00f6here W\u00fcrdigung gibt es gar nicht. Das gilt f\u00fcr alle Menschen dieser Erde, ohne Ausnahme. Dieses Abbildsein, nicht vom Staat, sondern von Gott gegeben, das ist unser st\u00e4rkstes Bollwerk zur Verteidigung des Menschen.<\/p>\n<p><strong>Beispiel Atomkraft! Wo sehen Sie hier die Dialektik der Aufkl\u00e4rung am Werk?<\/strong><\/p>\n<p>Bei diesem Thema habe ich dazugelernt. Ich war immer der Meinung, die Atomkraft sei die Spitzentechnologie der Zukunft, aber nicht erst seit Fukushima muss man dar\u00fcber nachdenken, dass bis heute keine Antwort auf die Frage der Entsorgung gegeben wurde. Wir \u00fcberlassen diese den nachfolgenden Generationen, ohne ihnen daf\u00fcr eine Antwort geben zu k\u00f6nnen. Mit anderen Worten: Wir handhaben etwas, dass wir nicht beherrschen \u2013 und dies halte ich tats\u00e4chlich f\u00fcr Magie, das ist Beschw\u00f6rung. Statt Beherrschung \u2013 Beschw\u00f6rung. Wir haben aber nicht nur Verantwortung f\u00fcr die Lebenden, sondern auch f\u00fcr die k\u00fcnftigen Generationen, wir k\u00f6nnen diesen doch kein M\u00fcll hinterlassen, von dem wir nicht wissen, wie sie diesen entsorgen, hinterlassen.<\/p>\n<p><strong>Sie immer wieder Bezug zu den unterschiedlichsten Philosophen, Sie haben selbst Philosophie studiert und gelehrt. Haben Sie einen Favoriten, von dem Sie sagen k\u00f6nnten, dessen philosophisches Denken f\u00fcr Ihr Leben und Denken pr\u00e4gend war?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Die Philosophie ist so gro\u00df, dass sie die Wahrheit nie ganz hat, die Wahrheit ihr nicht ganz erscheint. Deshalb n\u00e4hern sich die unterschiedlichsten Philosophien von allen Seiten dem vom uns nie ganz zu erfassenden Begriff der Wahrheit an. Ich w\u00fcrde mich daher weigern, eine Hierarchie aufzumachen. Allerdings gebe ich zu, dass meinem Lebensverst\u00e4ndnis das Denken des Thomas von Aquin in der Nachfolge des Aristoteles entspricht. Thomas von Aquin unterscheidet sich vom platonischen Idealismus mit Aristoteles, dass er die Ideen in den Sachen sucht. Und vom Materialismus unterscheidet ihn, dass die Ideen, das Wesen, unser Telos ist, das, wohin wir uns entwickeln sollen, w\u00e4hrend der Materialismus jede Idee als gestaltgebend abstreitet. Thomas von Aquin bleibt f\u00fcr mich der Vertreter der aristotelischen Mitte.<\/p>\n<p><strong>Sie haben bei Papst Benedikt XVI. Theologie studiert! War er ein strenger Lehrer?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Ich habe ihn in Bonn als jungen Theologieprofessor kennengelernt. Dort war er f\u00fcr die Bonner Studenten eine Ausnahmegestalt, weil er mit gro\u00dfer Zartheit die kompliziertesten theologischen Fragen mit sanfter Stimme erkl\u00e4rt hat. Ratzinger kommt selbst ja aus der Tradition des heiligen Augustinus, und dies ist eine Tradition, in deren Mittelpunkt die Liebe steht: \u201eLiebe und dann tue, was du willst\u201c, dies ist der sch\u00f6nste Satz des Heiligen Augustinus\u2019, dies ist kein Satz der Willk\u00fcr, denn richtig voll zu lieben, hei\u00dft Anerkennung des Anderen; Benedikt XVI. ist ein Papst, der von seiner theologischen Herkunft auch starke Br\u00fccken zum Luthertum bauen kann, denn auch Luther war von Augustinus und dessen Gnadenlehre stark beeinflu\u00dft.<\/p>\n<p><strong>\u201eDumm ist der Konservatismus nicht\u201c \u2013 so darf ich Sie zitieren, warum brauchen wir diesen Konservatismus in den Tagen des anything goes, der gro\u00dfen Beliebigkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin von Herkunft und Gem\u00fct gar kein Konservativer, ich habe mich immer als progressiven Menschen verstanden. Ich entdecke nur pl\u00f6tzlich im Alter, dass m\u00f6glicherweise die Welt zu bewahren die neue Maxime des Fortschrittes und der Zukunft ist. In einer Zeit der gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen geht es eigentlich um Entschleunigung, weil wir sonst vor lauter Tempo, vor lauter B\u00e4umen, den Wald nicht mehr sehen. Ich habe auch entdeckt, dass Sachen zu verteidigen, die gut sind, Tapferkeitsfragen sind. Das tapfer und modisch nicht nur der ist, der was Neues will, sondern auch der, der Altes, Gutes verteidigt. Deshalb glaube ich, m\u00fcssen wir in diesen Turbozeiten die Beweislast umdrehen. Nicht mehr das Alte muss beweisen, dass es besser ist als das Neue, sondern das Neue muss beweisen, dass es besser ist. Ich bin ja nicht f\u00fcr Stillstand, nat\u00fcrlich gibt es Ver\u00e4nderung, aber wer etwas ver\u00e4ndern will, hat die Beweislast, dass das, was ver\u00e4ndert werden soll, dass das Ziel der Ver\u00e4nderung also besser ist als das Bestehende. Wir m\u00fcssen die Beweislast umdrehen, weil wir sonst kopflos, verr\u00fcckt werden. Das Bewahren geht vor Ver\u00e4ndern, trotzdem bleibt die Welt nicht stehen. Wir sind nie am Ziel, aber mit der Entschleunigung w\u00fcrde es uns weitaus besser gehen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Philosoph Paul Virilio sah den Lockdown voraus<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz22.04.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><em>Was derzeit passiert, ist mehr als ein Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit. Die Beschleunigung hat den R\u00fcckw\u00e4rtsgang eingelegt und der rasende Stillstand ist an ihre Stelle getreten. Paul Virilio hat diesen Entschleunigungsprozess vorausgesagt und nannte diesen Lockdown rasenden Stillstand.<\/em><\/p>\n<p>Einst waren wir Geschwindigkeitsweltmeister, nun sind wir ungewollte Entschleuniger. Stillstand \u00fcberall \u2013 das \u00f6ffentliche Leben liegt lahm, Geisterst\u00e4dte \u00fcberall und das Land wirkt wie ausgestorben. Vom einstigen Beschleunigungswahn ist derzeit wenig geblieben. Der globale Raum derzeit unerreichbar, auf Zimmergr\u00f6\u00dfe geschmolzen. Die Zeit hingegen verdichtet und exponiert sich graduell mit der gesellschaftlichen Gespensterruhe. Selten in der Menschheitsgeschichte gab es einen solchen paralysierten Stillstand und selbst bei der Pestepidemie im Mittelalter waren die R\u00e4ume nicht so eng. Ein kleiner Virus, unerkennbar und \u00fcberm\u00e4chtig, hinterh\u00e4ltig und bislang unerkl\u00e4rbar, hat uns von Transrapidgeschwindigkeit und \u00dcberschall in der Beschaulichkeit der Stra\u00dfenbahngeschwindigkeit anlangen lassen. Der Geschwindigkeitsrausch, der dem neoliberalen Kapitalismus und einem systemischen Fortschrittsgedanken innewohnt, ist nun tats\u00e4chlich in seinem Gegenteil angekommen.<\/p>\n<h4>Paul Virilio und der rasende Stillstand<\/h4>\n<p>\u201eGerade die Geschwindigkeit selbst f\u00fchrt sie irre\u201c. Dies st\u00f6\u00dft jenen zu, die in einem Labyrinth eilig umher irren, hatte schon Seneca gelehrt. Doch erst der Franzose Paul Virilio (1932-2018) hat \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Fortschritt und Stillstand tiefgreifender reflektiert. Seine These \u2013 wir leben in einer Beschleunigungswelt, die Menschheitsgeschichte ist nicht anderes als eben so eine Beschleunigungsgeschichte mit der exponentiell die Gefahr des Stillstandes einhergeht. Rasenden Stillstand nennt es Virilio und erteilt damit dem Fortschrittsdenken eine Absage. Seines Erachtens vernichtet die Geschwindigkeit den Raum und verdichtet die Zeit und dies sei zugleich das verh\u00e4ngnisvollste Ph\u00e4nomen des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Seine kritischen Rufe waren kassandrahaft und pessimistisch. Dennoch war Virilio, ein bekennender Katholik, der getreu dem Lebensmotto seines Namensheiligen, des Apostel Paulus nach der Maxime \u201eHoffen gegen alle Hoffnung\u201c lebte, kein blo\u00dfer Romantiker, der Entschleunigungspredigten in burnout\u00fcberhitzten Zeiten gehalten hat, sondern ein politisch bewegter Diagnostiker. So schrieb er bereits 1992 sein Buch \u201eRasender Stillstand\u201c. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen \u2013 Shitstorm und Fake News, die Hysterieeffekte mit ihren R\u00fcckkoppelungsschleifen in Echtzeitkommunikation noch in weiter Ferne. Doch alles sollte so kommen, wie es der Prophet und Mahner, der \u201echristliche Anarchist\u201c, wie er sich selbst nannte, prophezeite.<\/p>\n<p>Virilios Philosophie, die sich in dem Kunstwort Dromologie, aus \u201edromos\u201c (Beschleunigung) und \u201elogos\u201c (Lehre) zusammengesetzt, spielt den Geschwindigkeitsrausch in allen Szenarien der Post-Post-Moderne durch. Ob B\u00f6rsenspekulation oder Teilchenbeschleuniger: die technisierte Welt verhei\u00dft nur Unheil. Und dieses Unheilsurteil verh\u00e4ngt der Philosoph sowohl \u00fcber die Mediengeschichte, die Naturwissenschaften, die Medizin, Physik und sogar \u00fcber die Metaphysik. Je mehr die Geschwindigkeit prozentual ansteigt, umso mehr w\u00e4chst dazu parallel die Stagnation. Einfachste Beispiele sind: Wir haben immer mehr Mobilit\u00e4t und stehen immer mehr im Stau: Wir sind Telekommunikationsweltmeister, doch erreichbar ist per Telefon kaum noch einer. Einer seiner eindringlichsten S\u00e4tze bleibt, dass wir nicht mehr an einem Ort wohnen, \u201esondern im Transport\u201c \u2013 auf Autobahnen und Flugh\u00e4fen.<\/p>\n<p>Von der Steinschleuder, \u00fcber die Feuerwaffen bis hin zur Atomrakete, vom Pferd \u00fcber die Eisenbahn bis hin zu Autos und Flugzeugen \u2013 die Geschichte kannte immer nur ein Schneller, H\u00f6her und Weiter als ihr Ziel. Der Mensch wird, davor hatte bereits der Philosoph G\u00fcnther Anders in seiner \u201cDie Antiquiertheit des Menschen\u201c 1961 gewarnt, in der telemedialen Welt durch die simultane Teilhabe zu einem rein vegetativen Zuschauer. Reglos verharrt dieser lichtsensibel vor dem Geflimmer auf den Bildschirm starrend. Und die an die Bildschirme gefesselten Mediennutzer werden zu Hampelm\u00e4nnern, von den Kontrolleuren k\u00fcnstlicher Bilderfluten manipuliert. Die Tyrannei der Bilder, die \u201eInformationsbomben\u201c der \u201eLive-Demokratie\u201c und \u201edie Kontrolle des Weltbildschirms\u201c kritisierte Virilio. Nach seiner Emeritierung als Professor f\u00fcr Architektur in Paris floh er \u2013 nat\u00fcrlich ohne Fernsehen und Auto \u2013 an die entschleunigte Atlantikk\u00fcste.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, wir steuern auf eine, wie ich es nenne, \u201eGlobalisierung der Affekte\u201c zu. Wir befinden uns hier vor einem neuartigen, wenn nicht religi\u00f6sen Ph\u00e4nomen: vor der gottgleichen M\u00f6glichkeit, praktisch auf der ganzen Welt das gleiche Gef\u00fchl zu erzeugen.\u201c<\/p>\n<p>Globalisierung der Affekte, darin sah Virilio den drohenden Endzustand. Dem Wahn, elektronischer Telekommunikation in ihrer All- und Omnipr\u00e4senz ausgeliefert zu sein, die Erfahrung der geschichtslosen Augenblicklichkeit im Beobachten und die Verf\u00fchrung der simultanen Teilhabe standen f\u00fcr den Medientheoretiker, Stadtplaner und Architekten exemplarisch f\u00fcr einen Zustand der medialen Ghettoisierung, der elektronischen Apartheid und f\u00fcr das Koma schlechthin. Eine Gesellschaft, die mit allen Mitteln an ihrem Fortschritt arbeitet, Zeit und Raum hochtechnologisch beherrschen will, arbeitet letztendlich an der Ausl\u00f6schung ihrer selbst, ihr droht eine totale Regression.<\/p>\n<p>Insbesondere in der Echtzeit\u00fcbertragung sah Virilio den gr\u00f6\u00dften Gau der Zivilisation und hat daraus, so in einem seiner letzten B\u00fccher, \u201eDer gro\u00dfe Beschleuniger\u201c, den konjunkturellen Verfall der Wirtschaftsm\u00e4rkte abgeleitet. Das Argument dabei: Die Zeit sei derart verdichtet, kennt kein Gestern und kein Morgen, dass nur noch rasende Algorithmen regieren und der Mensch dahinter zur\u00fccktritt. \u201eDigitale Diktatur\u201c nannte es Virilio und spielte diese mit seinem \u201edromologischen Blick auf die Probleme der Finanzkrise, der Deregulierung der Arbeitswelt, der Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me, des Massentourismus, der Krise der Demokratie und vor allem der Krise der Familie durch.<\/p>\n<h4>Geschwindigkeit entscheidet \u00fcber unsere Zukunft<\/h4>\n<p>F\u00fcr Virilio bleibt die Geschwindigkeit nicht nur der alles entscheidende Faktor, der \u00fcber unsere Zukunft entscheidet, sondern mit der Geschwindigkeit steht und f\u00e4llt unser Schicksal schlechthin. Die Dialektik, die dieser Dromologie innewohnt, \u00fcberzeugt gerade in Zeiten der Coronakrise, denn hier zeigt sich \u00fcberdeutlich, dass der gegenteilige Effekt, der absolute Stillstand oder der rasende Stillstand, eingetreten ist.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrde Virilio in Zeiten der Pandemie, er, der gro\u00dfe Entschleuniger, also sagen? Zuerst w\u00fcrde er den telegenen Hype kritisieren, die Hyperreflexe, die die Medien ausl\u00f6sen und den Konsumenten willf\u00e4hrig abh\u00e4ngig machen. Die Bilder der Panik und des Todes lassen diesen ja allein in universaler Tele-Pr\u00e4senz resignieren und diese Echtzeit erzeugt Angst. Schon fr\u00fch warnte Virilio davor, dass die dromologische Entwicklung zu \u00fcbersteigerten \u00c4ngsten \u2013 vor Pandemien, vor B\u00f6rsenpanik zu Essphobien und Klaustrophobie f\u00fchren wird, die allesamt von den Regierungen orchestriert werden, um damit Politik zu machen. Inmitten des hyperrationalen 21. Jahrhunderts schl\u00e4gt die Aufkl\u00e4rung durch Covid-19 in rasende Angst um und gebiert den totalit\u00e4ren Stillstand, die Repression und die Depression. An die Stelle der Vernunft ist die \u201eVerwaltung der Angst\u201c getreten, die selbst ohnm\u00e4chtig ist.<\/p>\n<p>Die Medizin, die Virilio als Eroberung des K\u00f6rpers kritisierte, weil sie seine Individualit\u00e4t bedroht und aus den Menschen durch Herzschrittmacher, Organtransplantationen, prothetische Chirurgie ein Ersatzteillager macht, ist unf\u00e4hig einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln. Diese hochspezialisierte und -technologisierte Medizin kann nur den Ist-Zustand verwalten. Dringende Operationen werden aufgeschoben, um die Kapazit\u00e4t f\u00fcr Intensivpatienten zu garantieren. Die Medizin ist im Angesicht des Coronavirus im operativen Stillstand angelangt.<\/p>\n<p>Das Coronavirus, die Pandemie, die die ganze Welt in Echtzeit lahm legt, durchseucht und infiziert, ist letztendlich ein Produkt der Globalisierung, zumindest seine Verbreitung. Die Technik hat die Pandemie letztendlich bef\u00f6rdert. Durch Flugzeuge, Lieferketten und Menschen im Transport hat sich Covid-19 rasend \u00fcber der ganzen Welt verstreut und dieser letztendlich den Shutdown gebracht, das totale Erliegen des gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Lebens. Virilio, von einigen Zeitgenossen ob seiner Theorie des dromologischen Fortschritts bel\u00e4chelt, sah dies alles voraus \u2013 er war Prophet und Mahner zugleich. Geh\u00f6rt hat keiner auf seine Stimme \u2013 das Ergebnis ist erschreckend wie voraussehbar.<\/p>\n<h1>Statt Selbsterm\u00e4chtigung muss die Vernunft wieder pragmatischer werden<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz12.04.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine dem\u00fctige Vernunft pl\u00e4diert der Autor. Und er warnt: Es k\u00f6nnte noch schlimmer werden, wenn wir es nicht schaffen, endlich neue Antibiotika gegen multiresistente Erreger zu entwickeln. <\/strong><\/p>\n<p>Wir leben virtuell in Echtzeit, fliegen zum Mond und haben den Mars auf der Kartografie unserer Eroberungen. Wir analysieren die Materie mit Teilchenbeschleunigern im subatomaren Bereich, ergr\u00fcnden die Urspr\u00fcnge des Universums. Wir entschl\u00fcsseln das Erbgut und die reproduktive Medizin ist auf ihrer Sch\u00f6pfungsh\u00f6he. Das Klonen r\u00fcckt erschreckend nah, ist denkbarer denn je und der Transhumanismus will den Neuen Menschen erschaffen. Die K\u00fcnstliche Intelligenz wird bald nichts mehr als Pragmatik sein, der Mensch ein Hybrid aus Maschine und Fleisch. Wir spielen Gott.<\/p>\n<p>Doch in der Stunde der Allmachtsfantasien geschieht das Unfassbare. Ausgerechnet uns Lebensoptimieren traumatisiert ein einziges, kaum sichtbares Covid-19 Virus und stellt die Moderne vor die Zerrei\u00dfprobe. J\u00fcrgen Habermas betonte fast sokratisch: \u201eSo viel Wissen \u00fcber unser Nichtwissen gab es noch nie\u201c und Alexander Kluge ruft sogar den \u201eGaskrieg\u201c aus. Ja, die Moderne ist zerbrechlicher denn je. Der Mensch ist als vern\u00fcnftiges Wesen gefragt, aber als einer, der sein Menschsein nicht \u00fcberh\u00f6ht, sondern dem\u00fctig den Kampf mit der Natur aufnimmt.<\/p>\n<p>Vom altgriechischen Sophisten Protagoras ist der ber\u00fchmte Satz \u00fcberliefert, dass der Mensch das Ma\u00df aller Dinge sei, der Homo-Mensura-Satz, der vor zweitausend Jahren Immanuel Kants Aufkl\u00e4rung schon vorwegnahm. Alle Dinge sind nur so, wie sie dem Menschen erscheinen, meinte der Grieche und Kant machte daraus ein System der kritischen Vernunft. Sp\u00e4ter wird Carl Amery hinzuf\u00fcgen: \u201eVon da an war der Mensch alles, alles andere nichts.\u201c Doch dieses \u201ealles andere nichts\u201c richtet sich gerade auf, breitet als unsichtbarer Feind seine schwarzen Fl\u00fcgel aus und bedeutet einen neuerlichen Angriff auf die Existenz des Menschen.<\/p>\n<p>Krankheit und Tod waren stets allm\u00e4chtige Begleiter der Evolution, die die Menschheit auf die Probe stellten, oft sogar bis zur Ersch\u00f6pfung hin auf die Knie zwangen. So sehr Krankheitserreger zur Natur geh\u00f6ren und der Mensch Teil derselben ist, wird diese Bedrohung ein st\u00e4ndiger dunkler Gesellschafter, sein Schatten sein.<\/p>\n<p>Was interessieren Viren und Pestbakterien unsere Vernunft? Geschichtlich sind sie \u00e4lter als wir. Bakterien existieren seit 250 Millionen Jahren und gelten als die \u00e4ltesten Lebewesen der Welt; Viren sind Gene von Lebewesen, die vor der ersten Zelle entstanden \u2013 als RNA-Genome stehen sie allesamt f\u00fcr \u00dcberbleibsel der Pr\u00e4-DNA-Welt. Viren und Bakterien bleiben es auch, selbst in der vernunft-affinen Moderne sind sie, metaphysisch gesehen, ungel\u00f6ste Probleme.<\/p>\n<p>Der Mensch als Herr der Welt muss sich diese immer wieder erk\u00e4mpfen, in der Natur wird nichts geschenkt, die Evolution bleibt ein Kampf ums Dasein. Der Griff in den Himmel, Genetik und Transhumanismus, m\u00fcssen warten, denn der Mensch selbst steht auf dem Spiel, wieder einmal! Es bleibt sein Dilemma: Himmelst\u00fcrmer einerseits, andererseits dem irrlichthaften dunklen Willen der Natur ausgeliefert.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigt auch ein Blick in die j\u00fcngste Geschichte der Pandemie. Nach dem Ersten Weltkrieg, dem ersten Technikkrieg der Menschheitsgeschichte, wird die Spanische Grippe 50 Millionen Menschen hinwegraffen. Cholera und Tuberkulose erobern sich ihre Dom\u00e4nen zur\u00fcck. In den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts w\u00fctet die Hongkong-Grippe als eine der letzten gro\u00dfen Grippepandemien mit weltweit mehr als einer Million Toten zwischen 1968 und 1970. Auch die \u201eVogelgrippe\u201c, bekannt als Influenza-A- Virus H1H5, richtete in den Jahren 2003-2020 ihre Schreckensherrschaft auf. Gegen diese Pandemien ist aktuell r\u00fcckblickend Corona noch ein Infektionszwerg.<\/p>\n<p>Ob die durch das Bakterium Yersinia pestis ausgel\u00f6ste Pest oder das Coronavirus, welches anders als lokal-beschr\u00e4nkte Pestepidemien fast allm\u00e4chtig, omnipr\u00e4sent in Echtzeit den Globus infiziert und Hunderttausende in den Tod mitrei\u00dft, der Mensch kann im Angesicht der Seuche immer nur re-agieren, immer nur antworten auf das, was ihn aus der Dunkelheit und Unsichtbarkeit attackiert. Doch er kann es mit Impfungen und Antibiotika eind\u00e4mmen, vernichten kann er sie nie.<\/p>\n<h4>Die n\u00e4chste Herausforderung droht \u2013 die multiresistenten Erreger<\/h4>\n<p>Doch hinter Pest und Corona wartet ein m\u00f6glicherweise, ein noch gr\u00f6\u00dferes \u00dcbel, auf die Menschheit. Die multiresistenten Erreger, der bekannteste ist MRSA, unempfindlich gegen\u00fcber unseren derzeitigen Antibiotika, w\u00fcten verst\u00e4rkt seit 2019. Gelingt es moderner Technik und Wissenschaft nicht, der pragmatischen Vernunft also, die sich nicht transzendiert, diesen resistenten Bakterienst\u00e4mmen ein v\u00f6llig neuartiges Antibiotika entgegenzusetzen, wird die Medizin vor einem weiteren Gau stehen. H\u00f6chstkomplizierte Operationen und Transplantationen sind m\u00f6glich, doch die kleinste bakterielle Entz\u00fcndung f\u00fchrt die Hightech-Medizin an die Grenze. Der banale Tod an einer nicht behandelbar-lapidaren Grippe zu sterben, k\u00f6nnte die Menschheit zur\u00fcck in die Steinzeit bombardieren. Was nutzt Jens Spahns Votum f\u00fcr die Organspende, wenn die postoperative Genesung pl\u00f6tzlich zur Herausforderung wird, weil die Antibiotika nicht wirken?<\/p>\n<p>Die Gefahr steht im Raum, die Medien warnen, sie haben das Klagelied schon angestimmt, doch die Pharmaindustrie reagiert nicht. Gegen jede praktische Vernunft wird an keinem neuen Antibiotikum geforscht, weil es zu teuer ist und sich als Pr\u00e4ventiv finanziell nicht lohnt. Im Kampf gegen das Coronavirus wird die Antibiotika-Resistenz vorerst beiseite geschoben. Milliarden werden weltweit auf der Suche nach einem Covid-19-Impfstoff investiert. Doch wenn nicht parallel dazu an der Entwicklung eines neuen \u201eanti bios\u201c, eines neuartigen Antibiotikums geforscht wird, wird uns in Zukunft Covid-19 wie ein peripheres unerhebliches Ereignis samt Todesstatistik in Erinnerung bleiben.<\/p>\n<p>Die Vernunft des Protagoras, dass der Mensch das Ma\u00df aller Dinge ist und \u00fcber den technischen Fortschritt gebietet, sollte in Zeiten neuer Pandemien nicht \u00fcberm\u00fctig werden, sondern sich auf das Faktische begrenzen. Er sollte nicht am neuen Menschen bauen, sondern dem alten seinen Bestand sichern. Wir d\u00fcrfen unsere Vernunft nicht als \u00dcberschallflugzeug einsetzen, sondern f\u00fcr unsere Lebensversicherung. Vielleicht wird uns die Coronapandemie lehren, auch dem\u00fctiger mit unserer Vernunft umzugehen \u2013 denn nur so bleibt der Mensch das Ma\u00df aller Dinge und die Vernunft eine pragmatische Zeugin seiner heilenden M\u00f6glichkeiten. Nur eine Vernunft, die ihre Grenzen kennt, kann aus einem Karfreitag einen Ostersonntag machen.<\/p>\n<h1>Sebastian Kurz war Merkel schon immer einen Schritt voraus<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz7.04.2020Europa, Gesellschaft &amp; Kultur, Medien<\/p>\n<p><strong>Sebastian Kurz hat es Europa mal wieder gezeigt. Er f\u00e4hrt in die andere Richtung als seine Kollegen. Wo andere im Shutdown verharren, denkt er \u00fcber Lockerungen nach. Kurz ist nach der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 wieder zum Macher und Taktgeber Europas geworden. Er setzt neue Akzente und gibt den B\u00fcrgern Hoffnung. <\/strong><\/p>\n<p>Wenn es so etwas wie einen Mann der Stunde gibt, dann ist es wieder der \u00f6sterreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz. Mal wieder muss man sagen, denn Kurz ist die Schlie\u00dfung der Balkanroute im Fl\u00fcchtlingsjahr 2015 zu verdanken. Ohne den j\u00fcngsten Bundeskanzler der Welt, den sich die meisten Deutschen schon sei langem als Alternative zu Angela Merkel w\u00fcnschen, w\u00e4re hierzulande die Bundesregierung der Getriebenen wahrscheinlich immer noch im R\u00e4sonnieren. Doch Kurz gab damals\u00a0 den Takt vor, er ist der geheime Dirigent, der im Orchester Europas der Vielstimmigkeit immer wieder mit politischem Kalk\u00fcl und pragmatisch agiert.<\/p>\n<p>War er 2015 bereits die Lokomotive \u2013 an die sich ganz Europa als Bummelzug dann anschloss, wird er auch 2020 innerhalb der Coronakrise wieder zum Motor einer Agilit\u00e4t, die sich quer zum europ\u00e4ischen und deutschen Mainstream stellt. W\u00e4hrend f\u00fcr Emmanuel Macron die Welt im Krieg gegen das Coronavirus versinkt, der Lockdown die europ\u00e4ische Wirtschaft in einen abgr\u00fcndigen Abw\u00e4rtstaumel f\u00fchrt, der vielleicht gar irreparabel ist, macht der \u00d6sterreicher das Gegenteil. Er lockert die Coronabeschr\u00e4nkungen und setzt damit \u2013 wieder einmal \u2013 auch Deutschland unter Druck. Selbst Angela Merkel betonte in ihrer Pressekonferenz am Montag: \u201c\u00d6sterreich war uns immer einen Schritt voraus.\u201d<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die deutsche Bundeskanzlerin in der Krise wieder eine Renaissance einf\u00e4hrt, im Abschiedsmodus noch einmal auf \u201eOn\u201c schaltet und die Gr\u00fcnen mit Wohlf\u00fchlratschl\u00e4gen und banalen Corona-Tipps sich mehr durch die Krise lavieren als diese zu gestalten, k\u00f6nnen zumindest die Volksparteien wieder an alte Erfolge ankn\u00fcpfen. Selbst die totgesagte SPD r\u00fcckt zu den Gr\u00fcnen auf. Es bleibt wohl eine ausgemachte Tatsache, dass die Gr\u00fcnen nur dann auf der \u00dcberholspur fahren, wenn die Welt in pr\u00e4stabilierter Ordnung ist. Krisenl\u00f6ser sind und werden sie nicht. Und auch die im ewigen Angriffsmodus lauernde AfD, die gern die Revolte gegen die Volksparteien probt und die Feuer der Agitation anz\u00fcndet, ist fast stimmlos geworden, auch sie taugt in Ausnahmezeiten eben auch nicht als Probleml\u00f6ser.<\/p>\n<p>Selbst der bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der (CSU), eigentlich sturmerprobt, ein Barrikadenst\u00fcrmer in Person und sensibel, wenn es um die Wirtschaft geht, pl\u00e4diert immer noch f\u00fcr die Aufrechterhaltung des Shutdowns, denn die Krise sei noch nicht vorbei, ein R\u00fcckfall jederzeit m\u00f6glich. Also S\u00f6der wie Merkel stehen derzeit in Sachen Shutdown auf dem Abstellgleis, die deutsche Wirtschaft pl\u00e4tschert zunehmend in die Ohnmacht oder gar ins Koma.<\/p>\n<p>Dagegen hat Kurz eben wieder eigenst\u00e4ndig ein Rezept f\u00fcr sein Land und damit wohl exemplarisch f\u00fcr den Rest Europas gegeben. Sein Gl\u00fcck, er hat eben andere Gr\u00fcne an seiner Seite als die deutsche Bundesregierung. Kurz\u2019 Gr\u00fcne sind eben keine Hardliner, sondern liberal und tragen ein Wirtschaftsgen in sich.<\/p>\n<h4>Sebastian Kurz gibt den Menschen Hoffnung<\/h4>\n<p>Auch psychologisch macht Sebastian Kurz alles richtig. Denn die Dauerkrise, der Dauermodus, macht die Menschen m\u00fcrbe, viele ersticken in Langeweile, viele verzweifeln in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit. Die Seele nimmt Schaden \u2013 nicht nur durch die ausgesetzten Freiheitsrechte, wie Reisefreiheit, Versammlungsfreiheit, sondern die tiefe Unsicherheit vor der Zukunft ist es, was viele nicht nur hierzulande in die Depression f\u00fchrt. Der Schaden, der hier eine gef\u00e4hrliche Szenerie entwickelt, k\u00f6nnte in Zukunft die Krankenkassen mit teuren Therapien noch weiter belasten. Die h\u00e4usliche Gewalt, die dann droht, wenn die Unsicherheit den famili\u00e4r-inneren Frieden zerst\u00f6rt und in ihrem Gep\u00e4ck bedrohliche Eskalationen und Exzesse mit sich f\u00fchrt, k\u00f6nnte f\u00fcr viele Kinder langfristig negative Folgen haben. Die Zahl der Menschen, die resigniert derzeit den Freitod vorziehen, weil sie desillusioniert sind, sind die Negativ-Facetten eines Shutdowns, der eben nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Seelen l\u00e4hmt.<\/p>\n<p>Wenn die Wirtschaft jetzt endg\u00fcltig in den Krisenmodus schaltet, bleibt es die Frage, ob sie noch rechtzeitig wieder neu beatmet und belebt werden kann. Kann sie es nicht, wird die Dauerarbeitslosigkeit wieder regieren. Ein Szenario wie vor der Weltwirtschaftskrise droht und der Schaden f\u00fcr die Gesellschaft und das Individuum werden mit Sicherheit noch gr\u00f6\u00dfer als die derzeitige Blockade.<\/p>\n<p>All diese \u201eWenn\u201c hat Sebastian Kurz eingeplant, einkalkuliert. Und seine Entscheidung, wie \u00d6sterreich wieder aus dem Lockdown herauskommt, ist wegweisend und mutig. Damit gibt Kurz den Menschen in Zeiten der Unsicherheit eben das, was n\u00f6tiger als alles andere ist, Hoffnung als eine Perspektive am Ende des Tunnels. In einer Welt, wo derzeit alles grau oder schwarz ist, erscheint der \u00d6sterreicher fast messianisch. Und selbst, wenn sich die Lockerungen verz\u00f6gern, Kurz hat die Ausnahmesituation entsch\u00e4rft. Er blickt wie Nietzsche nicht pessimistisch nach hinten, sondern qualitativ nach vorn. W\u00fcnscht sich eine Wiederkehr des Gleichen, aber eben eine qualitativ bessere. Derzeit warnt aber auch Kurz noch vor dem Aufheben des Status quo. Auch das ist richtig, er w\u00e4gt ab. Denn er wei\u00df: der Kampf gegen das Coronavirus ist noch nicht gewonnen, ein Impfstoff nicht in Sicht, die Herdenimmunit\u00e4t umstritten, Maskenpflicht und Abstandhalten vorl\u00e4ufige Gef\u00e4hrten eingeschr\u00e4nkter Freiheiten. Die Reisen \u00fcber die Landesgrenzen hinweg wird es wohl monatelang geben. Doch \u2013 der Hoffnung ist ein zarter Blick geschenkt, sie soll keine Utopie wie einst bei Ernst Bloch bleiben, sondern bald zum Taktgeber des Lebens wieder werden, daf\u00fcr steht letztendlich Sebastian Kurz.<\/p>\n<h1>Merkels 4 Coronakrisenmanager<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.04.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>Krisenmanager sind in Coronazeiten gefragt. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gleich vier davon. Drei von ihnen sind potentielle Kanzlerkandidaten, Markus S\u00f6der, Jens Spahn und Armin Laschet. <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Helge Braun<\/strong><\/h4>\n<p>F\u00fcr die Bundeskanzlerin ist Helge Braun so etwas wie der Hauptfeuerwehrmann in der Coronakrise. Der Kanzleramtschef hat jetzt seinen gro\u00dfen Auftritt, er h\u00e4lt die Krisenst\u00e4be zusammen und ist zum wichtigsten Kopf im Kanzleramt in der Krise geworden. Braun, aus Hessen stammend, ist ein Arbeitstier, dar\u00fcber hinaus \u00e4u\u00dfert loyal zur Kanzlerin wie sonst nur noch Peter Altmaier, Steffen Seibert, Strategin Eva Christiansen und B\u00fcroleitern Beate Baumann.<\/p>\n<p>Dabei ist der 47-J\u00e4hrige alles andere als ein showerprobter Mediendauerl\u00e4ufer, dem der Medienzirkus Lebenselixier ist. Braun ist eher das Gegenteil, scheu und unauff\u00e4llig im Hintergrund agierend. Was Braun derzeit f\u00fcr die Kanzlerin zum Ausnahmetalent macht, ist, dass er wie Merkel selbst Naturwissenschaftler ist. Der Draht zwischen beiden fein gesponnen. Es ist die n\u00fcchtern, sachlich-faktische Art, die die Physikerin der Macht an Braun wertsch\u00e4tzt. Der Kanzleramtsminister, von Haus aus An\u00e4sthesist und Notfallmediziner, verdiente sich seine Meriten einst im Uniklinikum Gie\u00dfen. Das t\u00e4gliche Gespr\u00e4ch mit Virologen ist daher f\u00fcr ihn vertrautes Terrain, quasi ein Heimspiel. Wo andere sich erst in das Thema hineindenken k\u00f6nnen, ist die Kompetenz Brauns in der Krise sein strategischer Vorteil. Und das unterstreicht er auch: \u201eIch komme aus der An\u00e4sthesie und der Intensivmedizin. Da gibt es eine Null-Fehler-Strategie und knappe Zeitrahmen\u201c.<\/p>\n<p>Was Braun nicht will, und darum schl\u00e4ft er kaum, sind italienische Verh\u00e4ltnisse in Deutschland. Leben erhalten, Krankenhauskapazit\u00e4ten ausbauen, Intensivbetten bereitstellen und Atemger\u00e4te kaufen, stehen jetzt ganz oben auf seiner Agenda. Neben all dem muss er den Spagat wagen, einerseits die Bev\u00f6lkerung nicht mit Hiobsbotschaften in die Panik zu jagen, andererseits aber mit Bestimmtheit f\u00fcr Ausgangssperren und Freiheitsbeschr\u00e4nkungen eintreten. Was Braun derzeit vollzieht, gleicht einem Drahtseilakt und einem kommunikativen Seiltanz, steht er doch immer in Gefahr, von der einen oder anderen Seite fehl interpretiert zu werden.<\/p>\n<h4><strong>Markus S\u00f6der<\/strong><\/h4>\n<p>Aus anderem Holz geschnitzt ist der bayerische Ministerpr\u00e4sident. Er liebt gro\u00dfe Auftritte, ob bei der Frankenfasnacht oder als Minister. S\u00f6der spielt immer im Glanz, ist aber im Amt des Ministerpr\u00e4sidenten deutlich gewachsen. Er hat Bayern fest im Griff, gibt sich \u00f6kologisch und geht in gr\u00fcnen Gew\u00e4ssern auf W\u00e4hlerjagd. Der einstige Intimus von Horst Seehofer ist politisch erwachsen und verk\u00f6rpert die politische Stabilit\u00e4t in politisch schweren Fahrwassern meisterlich als Kapit\u00e4n. In der Kanzlerfrage h\u00e4lt er sich noch zur\u00fcck, wenngleich eins deutlich bleibt, er will Kanzlermacher sein. Und S\u00f6der wird damit zum Fels in der Brandung, an dem sich potentielle Merkelnachfolger abarbeiten m\u00fcssen, an ihm f\u00fchrt nichts vorbei.<\/p>\n<p>Vorbei die Seiten des Ehrgeizlings mit st\u00e4hlernen Ellenbogen. S\u00f6der ist von der B\u00fchne der Eitelkeiten ins seri\u00f6se Fach gewechselt und eine Art Neben-Vize-Kanzler geworden. War Bayern seit der Fl\u00fcchtlingskrise zum Hort des patriotischen Widerstandes gegen Berlin geworden, lieferte sich eine Materialschlacht um die andere mit dem Kanzleramt, gibt es unter K\u00f6nig Markus keinen erkennbaren Konflikt mit Angela Merkel.<\/p>\n<p>Der Jurist Carl Schmitt hat immer f\u00fcr einen starken Staat geworben, denn \u201eSouver\u00e4n ist, wer \u00fcber den Ausnahmezustand entscheidet\u201c. Im Ausnahmezustand, in der Corona-Krise, steht S\u00f6der wie kaum ein anderer f\u00fcr den starken Staat, der wie Hobbes\u2019 \u201eLeviathan\u201c in der Lage ist, \u201ealle B\u00fcrger zum Frieden und zu gegenseitiger Hilfe gegen ausw\u00e4rtige Feinde zu zwingen\u201c. Die Coronakrise wurde f\u00fcr den geborenen N\u00fcrnberger zu dem, was der Fall ist, hier konnte er blitzschnell agieren, wurde zum Treiber und politischen Leitfigur, ja vielleicht zu dem f\u00fchrenden Landespolitiker im Bund. Als Feuerwehrhauptmann setzte er fr\u00fch auf Ausgangsbeschr\u00e4nkungen, brachte Bayern wieder in den Mittelpunkt positiver Wahrnehmung.<\/p>\n<p>Mit S\u00f6der hat Angela Merkel nicht nur einen erprobten Krisenmanager, der Corona als auch Chance sieht, seinen politischen Einfluss in Berlin zu erweitern. Das macht er aber bislang nicht im Stil von Franz Josef Strau\u00df, sondern weltoffener und wenig aggressiver.<\/p>\n<h4><strong>Jens Spahn<\/strong><\/h4>\n<p>Der Bankkaufmann aus der tiefsten Provinz, Gesundheitsminister Jens Spahn, ist seit Jahren auf der \u00dcberholspur. Selbst Merkel musste gegen ihn beim Doppelpass-Beschluss Federn lassen. Und Spahn \u2013 im Gegensatz zur Kanzlerin \u2013\u00a0 Katholik, bekennender Schwuler ist nicht wie Helge Braun einer, der auf Kuschelkurs mit Merkel geht, sondern der sich schon w\u00e4hrend der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 von der Kanzlerin emanzipierte, von Staatsversagen sprach und den naiven Multikulturalismus kritisierte. Spahn ist auch anders als Braun einer, der in die Offensive geht, er liebt das Spiel mit dem Feuer \u2013 und er hat keine Angst zu verbrennen. Er gilt als konservativ-liberaler, wird als Kanzlerkandidat gehandelt und setzt beim Poker um die Macht eigene Akzente, sei es bei seiner kritischen Sicht auf den Islam, das Burkaverbot oder die Kinderehen.<\/p>\n<p>Aber Spahn polarisiert auch \u2013 und dies immer wieder gern. Sein Satz: \u201eHartz IV bedeutet keine Armut\u201c, brachte ihm am Anfang seiner Ministerzeit viel Kritik ein. Es sei zu bef\u00fcrchten, dass das \u201eGesundheitsministerium zu einer sozialen K\u00e4ltekammer verkommt\u201c, bemerkte damals Katja Kipping von der Linkspartei.<\/p>\n<p>Doch in der Coronakrise sieht Spahn jetzt seine Chance, alles richtig zu machen. Punktet er jetzt, kann ihn das weit nach oben tragen, verliert er, riskiert er seine politische Karriere und landet auf dem Abstellgleis.<\/p>\n<p>Span ist agil, wendig, \u00e4u\u00dfert flei\u00dfig und zutiefst kommunikativ \u2013 ein Twitterk\u00f6nig. Wie S\u00f6der ist auch Spahn im Amt gereift, erwachsener geworden, selbst ehemalige Kritiker loben ihn, er geht besonnen vor, lobt FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus. War Spahn fr\u00fcher eher unter dem Typus Wadenbei\u00dfer zu subsumieren, ist er jetzt zum Sachpolitiker geworden, mit dem nach Merkel 51 Prozent der Deutschen zufrieden sind, so der Deutschlandtrend vom M\u00e4rz 2020. Gerade in der Coronakrise macht Spahn eben keinen Wahlkampf, sondern gibt sich als solide Informationsquelle, die \u00fcberparteilich Anerkennung findet. Der Feuerwehrhauptmann Spahn spielt in der Coronakrise partei- und fraktions\u00fcbergreifend. Damit setzt er das kontinuierlich fort, was sich einst Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sogar geschworen haben, eine gute Zusammenarbeit. Wenn er weiter sein Gesundheitsministerium mit weiser und besonnener Hand durch die Krise f\u00fchrt, k\u00f6nnte er in den n\u00e4chsten zehn Jahren durchaus aus dem Kanzleramt seine Anweisungen geben. Werden Schw\u00e4chen innerhalb des Gesundheitswesens, das zu anderen L\u00e4ndern vergleichsweise gut aufgestellt ist, in den n\u00e4chsten Wochen offenbar, dann wird es f\u00fcr Spahn schwer und die Bek\u00e4mpfung der Corona-Pandemie tats\u00e4chlich zu seiner Schicksalsfrage.<\/p>\n<h4><strong>Armin Laschet <\/strong><\/h4>\n<p>Die Coronakrise ist auch die Stunde des Ministerpr\u00e4sidenten von Nordrhein-Westfalen \u2013 Armin Laschet (CDU). Wie Braun, S\u00f6der und Spahn ist er Taktgeber und vertritt die Kanzlerin in Quarant\u00e4ne mit konzilianter rheinischer Natur. Erst vergangene Woche gr\u00fcndete er einen \u201eExpertenrat Corona\u201c, der ihn im weiteren Umgang mit der Krise beraten soll. \u201eWir m\u00fcssen heute damit beginnen, anhand transparenter Verfahren Kriterien und Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die \u00d6ffnung des sozialen und \u00f6ffentlichen Lebens zu entwickeln\u201c, so Laschet.<\/p>\n<p>Laschet wei\u00df, wovon er spricht. Mit dem Corona Hot Spot Heinsberg hat er einen extremen Krisenherd im eigenen Land. Und Laschet nimmt die Lage durchaus sehr ernst, es sei die ernsteste \u201eSituation in den letzten 70 Jahren unseres Landes\u201c betont er sogar. Dass er mit seiner h\u00e4rteren Gangart Recht hat, zeigt die Entwicklung in Heinsberg, scheinen dort die strengen Ma\u00dfnahmen \u201ezu wirken, die Kurve flacht ab\u201c, erkl\u00e4rte der CDU-Politiker und Kandidat um den CDU-Vorsitz vor dem D\u00fcsseldorfer Landtag<\/p>\n<p>Intern gilt Laschet, der seit Jahren die schwarz-gelbe Koalition in NRW erfolgreich f\u00fchrt, als Br\u00fcckenbauer, er kann charmant vermitteln, nimmt sich der Sorgen seiner Landeskinder f\u00fcrsorglich an und ist damit f\u00fcr viele so etwas wie ein echter Landesvater geworden, dem man auch am Rhein zutraut, das gro\u00dfkoaliton\u00e4re Berlin aufzumischen und eigene Akzente zu setzen. Es ist die rheinische Frohnatur, die Laschet von S\u00f6der und Sphan unterscheidet, ein ausgeglichenes Naturell. Das l\u00e4sst ihn \u2013 bei allem Leid \u2013 das das Coronavirus nicht nur in Deutschland ausstrahlt, zu einer neuen Lichtfigur werden, der vielleicht bald nicht mehr der regionale Krisenmanager und Feuerwehrhauptmann in NRW ist, sondern derjenige, der die CDU wieder zur\u00fcck an die Macht f\u00fchrt und damit das angeschlagene Image der Volkspartei mit energischer Sanftmut kittet.<\/p>\n<p>Mitten in der Krise, Emmanuel Macron sprach vom Krieg und viele Politiker von der gr\u00f6\u00dften Herausforderung nach dem Zweiten Weltkrieg, hat Angela Merkel vier starke M\u00e4nner an ihrer Seite, die sie angesichts ihres politischen R\u00fcckzugs 2021 nicht mehr ignorieren, geschweige denn Wegbei\u00dfen kann.<\/p>\n<h1>Raffael \u2013 Zur Aktualit\u00e4t seiner Kunst in Zeiten der Pandemie<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.04.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><strong>Vor 500 Jahren ist er gestorben, Der Malel und das Genie Raffael. Mitten im Leben hat ihn der dunkle Tod ereilt, ob Malaria oder doch die Pest \u2013 das bleibt umstritten. Doch sein letztes Werk \u201eVerkl\u00e4rung Christi\u201c ist in Coronazeiten aktueller denn je. Wir erinnern an einen Ausnahmek\u00fcnstler, der neben Leonardo da Vinci und Michelangelo der bedeutendste Maler der Renaissance war. <\/strong><\/p>\n<p>An einem Karfreitag, dem 6. April 1520, soll es gewesen sein, so berichtet K\u00fcnstlerbiograph Giorgio Vasari, als Raffael mit 37 Jahren verstarb, genau an jenem Tag, an dem er 1483 in Urbino das Licht der Welt erblickte. Mythen ranken sich um seinen Tod; war er ein Opfer seiner Sexualit\u00e4t, seiner vielen amour\u00f6sen Liebesexzesse, hatte er Burnout oder war es die Malaria, die aus den S\u00fcmpfen um Rom gef\u00e4hrlich-t\u00f6dlich aufstieg? Die Fragen bleibt uns die Geschichte schuldig, doch in Zeiten wie in der Coronakrise l\u00e4sst der Befund aufhorchen. Einer der ber\u00fchmtesten K\u00fcnstler der abendl\u00e4ndischen Kultur Opfer von Mikroorganismen? W\u00e4hrend Raffael mit dem fiebernden Tod rang, soll sich im Apostolischen Palast ein gef\u00e4hrlicher Riss aufgetan haben wie sich einst beim Tode Christi in Golgota die Erde auftat.<\/p>\n<p>Geboren in der l\u00e4ndlichen Idylle, auf die Raffael sp\u00e4ter immer wieder als Vorbild seiner Landschaftsidyllen Bezug nehmen wird, hatte er nach dem Tod des Vaters, des Hofmalers und Dichters Giovanni Santi (1435\u20131494), die Werkstatt \u00fcbernommen. Doch dr\u00e4ngte es den jugendlichen Sanftm\u00fctigen, charmant, ein angenehmer Zeitgenosse\u00a0ohne Starall\u00fcren soll er gewesen sein, in die Welt der gro\u00dfen Kunst, zu Michelangelo und Leonardo da Vinci. Mit ihnen wollte das nur so vor Kraft strotzende Kunstgenie in den Ring steigen, sie sollten bald seine Mitspieler beim triumphalen Einzug in den irdischen Olymp der Malerg\u00f6tter werden.<\/p>\n<p>Renaissance hei\u00dft ja Wiederbelebung der Antike, \u201eedle Einfalt, stille Gr\u00f6\u00dfe\u201c hatte es einst Johann Joachim Winckelmann genannt. Wie sehr sich diese idealische Sch\u00f6nheit, vollkommene Harmonie zwischen Mensch und Natur miteinander vers\u00f6hnen, daf\u00fcr wird der Ausnahmek\u00fcnstler Raffael in der abendl\u00e4ndischen Kunst- und Kulturgeschichte stehen, das Genie, das am 6. April vor 500 Jahren gestorben ist.<\/p>\n<p>Es waren bewegende Zeiten, in die Raffael hineingeboren wurde. Der Geist des tiefen Mittealters mit seinen Kommentaren und d\u00fcsteren Andachts- und Heiligenbildern, mit dem abg\u00f6ttischen Dogmatismus und einer die Ratio verleugnenden Theologie, die zwischen Verdammnis, H\u00f6lle, Gnadenlehre und Erbs\u00fcnde den Menschen in seiner Freiheit rigoros beschnitt, war in den Zeiten, als die Medici in Florenz erbl\u00fchten, Kunst und Individualit\u00e4t f\u00f6rderten, endg\u00fcltig Schluss. Die Natur und der Mensch feierten eine Auferstehung \u2013 aus einer Synthese zwischen Platonismus und den Lehren des Aristoteles heraus.<\/p>\n<h4><strong>Goldenes Zeitalter<\/strong><\/h4>\n<p>Der Geist des Neuanfangs hatte damals Italien ergriffen. Gerade dieses Italien, das jetzt dramatisch an der neuen Coronapest leidet, war zwischen 1470-1530 der geistige Hort Europas, die lebendige Quelle, in der bereits vor der Aufkl\u00e4rung das Ich die kopernikanische Wende einl\u00e4utete, den Himmel auf die Erde sog und die Welt in ihrer harmonischen Darstellung als Spiegelbild des G\u00f6ttlichen feierte.<\/p>\n<p>Die Philosophie entdeckte die Antike, die Theologie den Humanismus, den Menschen. Erasmus von Rotterdam, Lorenzo Valla, Marsilio Ficino, Bessarion, Georgios Gemistos Plethon Pico de la Mirandola sind die geistigen Lichtgestalten dieser Epoche ungeahnter Aufbruchstimmung. Im Bild \u201eDie Schule von Athen\u201c in der Stanza della Senatura wird Raffael der Antike ein ewiges Denkmal setzen; w\u00fcrdigt den Menschen mit seinem Bild als animum rationale und sensuale. In \u201eLa disputa del sacramento\u201c um 1509\/10 f\u00fcr die \u201eStanze di Raffaelo\u201c erschaffen, sch\u00f6pft er ein gro\u00dfartiges theologisches Panorama von Mose bis hin zu Augustinus. Der g\u00f6ttliche Dante, Theologen und Heilige versammeln sich unter dem weit ge\u00f6ffneten Gotteshimmel. Damit vereint er systematisch die zwei gro\u00dfen Themen der Renaissance, Welt und Gott, Wissen und Glauben. Denn jetzt ging es nicht mehr nur um Gott, sondern um die W\u00fcrde des Menschen, um eine neue Kosmologie, die ebenso die Naturwissenschaft wie die neue Technik der Druckgrafik zu ihren Verb\u00fcndeten im Kampf gegen das Traditionelle machte.<\/p>\n<p>Anstelle ikonenhafter Strenge trat die Grazie, die Anmut. Und Raffael war ihr Perfektionist. Z\u00e4rtlichkeit und Melancholie, ruhige Landschaftsbilder entdeckten nicht nur die Natur als neues Sujet, sondern die in ihr waltende g\u00f6ttliche Harmonie. Auch mit seinen Portr\u00e4ts l\u00e4utete Raffael eine Renaissance ein. Der Mensch als individuelle Person, als sinnlich-leibliche Sch\u00f6nheit trat in den Vordergrund, sanfte Gesichter, der offene Blick, die verletzliche und werdende Unschuld ersetzte die Ikonographie des Mittelalters.<\/p>\n<h4><strong>Ewige Stadt Rom \u2013 ewiger Glanz <\/strong><\/h4>\n<p>1508 in Rom angekommen, machte Raffael Karriere. Blitzartig stieg er zu den Gr\u00f6\u00dfen der damaligen Zeit hinauf, zu dem rational-k\u00fchlen Leonardo da Vinci und dem melancholisch-schroffen Michelangelo. Der junge Raffael verdankte dem einen eine anatomisch geschulte Realistik, dem herkulischen Michelangelo hingegen die Kraft der gro\u00dfen Panoramen. Doch keiner konnte sie besser nachahmen, die Individualit\u00e4t der Dargestellten, das Pers\u00f6nliche in Mimik, Gestalt und virtuoser Bildsprache als er \u2013 in all seinen Historien- und Altarbilden. Selbst Papst Julius II. und den sp\u00e4teren Papst Leo X., ein Medici, hatte die Sprengkraft des Raffael in den Bann gezogen. Julius lie\u00df Raffael in seinen Privatr\u00e4umen, den Stanzen, freie Hand und der geistig eigenst\u00e4ndige K\u00fcnstler dankt es ihm mit einem Bildprogramm voller humanistischer Ideen, feierte seinen Lobeshymnus nicht auf den machtgierigen Papst, sondern verherrlichte das Wissen seiner Zeit und die Vision des gerechten Handelns. Doch alles bei Raffael wirkt leicht, unbeschwert, er malt die Welt in gro\u00dfen epischen Z\u00fcgen, und selbst da, wo er Martyrien malt, betritt nie die Abgr\u00fcndigkeit des B\u00f6sen die B\u00fchne, sondern \u00fcber allem thront das Ideal der friedlichen Welt und schwebt wie ein vers\u00f6hnender Baldachin dar\u00fcber.<\/p>\n<h4><strong>Auf der Suche nach Selbstvervollkommnung<\/strong><\/h4>\n<p>In Rom feierte der Renaissancemeister seine Triumphe, nicht nur als Maler, sondern auch als Baumeister im Vatikan und als Antiken-Spezialist im Kirchenstaat, vollendete 1512\/13 die \u201eSixtinische Madonna\u201c. Papst Leo X. verpflichtete ihn als r\u00f6mischen Stadtarch\u00e4ologen und nach dem Tod des Petersdomarchitekten Bramante mit dem Bau des damals gr\u00f6\u00dften Geb\u00e4udes der Welt. Raffael wurde zunehmend alles in einem\u00a0\u2013\u00a0Baumeister, Historiker und Maler, alles dies lernend, mit einer Freude an Selbstvervollkommnung und kritischer Selbstsuche, aber am Ende immer vollkommen ideal. Genau dieses Ideal, die Natur durch die Kunst zu vollenden, war seinem Kunstbegriff geschuldet.<\/p>\n<p>Allein die Kunst, so Raffael, besitzt den \u00e4sthetischen Wert an sich, denn sie vervollkommnet die unvollendete Natur. Nur sie ist imstande, die Sch\u00f6nheit zu offenbaren, weil Kunst Synthese zwischen Ratio und Sinnlichkeit bleibt, aber als intellektuelle Erfindung den Taktstock f\u00fchrt. Diese h\u00f6here Kunst bleibt eine \u201ezweite Erfindung\u201c wie Goethe es sp\u00e4ter f\u00fcr die Gattungsfrage einfordern wird. Und daf\u00fcr steht \u2013 auch f\u00fcr den Weimarer Dichterf\u00fcrsten \u2013 nicht Leonardo und nicht Michelangelo, sondern Raffael, weil er Genius und Techniker, Idealist und Realist in einem war.<\/p>\n<p>Und genau diese Synthese ist es, die uns nach 500 Jahren immer wieder von Raffael in den Bann ziehen l\u00e4sst, jenes Genies, der 1520 an Fieberkr\u00e4mpfen in Rom verstarb und im Pantheon beigesetzt wurde. Aus Angst vor der Malaria oder Pest hatte man die Beerdigungsrituale stark verk\u00fcrzt, den Leichnam schnellstm\u00f6glich beigesetzt, um so m\u00f6glicherweise eine Ansteckung anderer zu verhindern. Das liest sich in heutigen Zeiten von Corona brandaktuell.<\/p>\n<h4><strong>Die \u201eVerkl\u00e4rung Christi\u201c in Zeiten der modernen Pest<\/strong><\/h4>\n<p>Und dennoch bleibt uns Raffael als der Sch\u00f6pfer solcher Jahrtausendwerke wie der \u201eMadonna del Granduca\u201c, der \u201eMadonna mit dem Stieglitz\u201c, der \u201eSixtinischen Madonna\u201c, der \u201eSchule von Athen\u201c oder der \u201eVertreibung Heliodors\u201c als Genuis in\u00a0 kollektiver Erinnerung. Nicht nur weil er \u201enaturgetreuer als die Natur selbst\u201c gemalt hatte, wie K\u00fcnstlerbiograph Vasari attestierte, sondern auch wegen seines letzten Werkes, der \u201eVerkl\u00e4rung Christi\u201c oder \u201eTransfiguration\u201c. Zwei Ereignisse aus dem Neuen Testament, erz\u00e4hlt von den Evangelisten Markus, Matth\u00e4us und Lukas, sind in der Komposition, die schon Z\u00fcge des Manierismus tr\u00e4gt, dargestellt: Im oberen Teil die \u201eVerkl\u00e4rung Christi\u201c auf dem Berg Tabor und im unteren Teil die Heilung des monds\u00fcchtigen Knaben. Die obere Bildh\u00e4lfte brilliert in Leuchtkraft, mit hellen, reinen Farben, die der Bildkomposition Symmetrie und Harmonie verleihen. Die untere Bildh\u00e4lfte ist d\u00fcster, dunkel, eine gedr\u00e4ngte F\u00fclle von Menschen, Emotionen, ein irdisch verzweifeltes Verwirrspiel. Doch in den sich in viele Richtungen kreuzenden Kompositionslinien verdeutlicht sich das Spannungsfeld zwischen der heilenden Kraft des g\u00f6ttlichen Erl\u00f6sers und der chaotisch-irdischen Welt. Sind die Apostel bei der Heilung des Knaben letztendlich gescheitert, bedarf es der Kraft Jesu\u2019, auf den der in auffallendes Rot gekleidete Apostel zeigt, der einzig den Knaben zu heilen vermag. Transportieren wir diese Komposition auf das 21. Jahrhundert, auf die Coronapest, die in der ganzen Welt als Pandemie waltet, so l\u00e4sst sich auch eine Conclusio zu: Den Himmel zu verleugnen, pure S\u00e4kularisierung und reine Technikaffinit\u00e4t werden dem Menschen nicht gerecht in der Stunde \u00e4u\u00dferster Not, denn der Heilung bedarf es auch Wunder, und diese Hoffnung teilen Menschen aller Religionen heute wieder im gemeinsamen Gebet. Und selbst wenn Gott uns nicht rettet, kommt diese Rettung vielleicht vom Menschen selbst, der als Stellvertreter Gottes zumindest die Gabe des Heilens in sich tr\u00e4gt. Raffael ist moderner als einem in diesen Zeiten lieb ist.<\/p>\n<p>Fazit: Die enzyklop\u00e4dische Weite des Renais\u00adsancemeisters bleibt \u00fcber die Zeiten hinweg beeindruckend. In ihm war ein Wille am Werk, der mit ungeheurer Intensit\u00e4t den Geist der Antike wiederbelebte und ihn der Kultur der Neuzeit anverwandelte. Als Arch\u00e4ologe und als Erfinder neuarti\u00adger Baustoffe ist Raffael t\u00e4tig gewesen, als B\u00fchnenbildner und Teppichweber, Portr\u00e4tist und Aktzeichner. Vor allem aber als machtvolles Genie der Form und des Ma\u00ad\u00dfes, dessen Sch\u00f6nheitskanon unverg\u00e4ng\u00adlich die Zeiten durchstrahlt. Seine \u201eVerkl\u00e4rung Christ\u201c k\u00f6nnte uns wieder den Mut und die Hoffnung geben, die d\u00fcstere Gegenwart in eine neue, aber vielleicht andere Heilsidylle zu transformieren.<\/p>\n<h1>5 Dinge, die ich seit der Coronakrise mache<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.04.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><strong>Es ist der 1. April, ein Grund genug, mal etwas anderes \u00fcber die Welt in Zeiten des Coronavirus zu schreiben. Was ich jetzt mache und vor allem wie mir das gelingt, lesen sie in dieser ironisch-bissigen Satire. <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>1.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich f\u00fchle mich wie Monsieur Teste<\/h4>\n<p>Zuerst dachte ich ja, ich bin Metaphysiker, weil ich so gern \u00fcber Gott und die Welt r\u00e4soniere, dann glaubte ich ein frenetischer Anh\u00e4nger der Aufkl\u00e4rung zu sein \u2013 sp\u00e4testens nach dem Fall der Mauer. Doch in Zeiten von Coronakrise bin ich wieder Stoiker geworden. Nicht, dass ich gern den Schierlingsbecher meines geliebten Seneca entgegennehmen w\u00fcrde, wie dieser ihn einst von seinem Z\u00f6gling Nero zum Abschied nahm. Nein, ich w\u00fcrde ihn auch nicht nehmen, wenn ihn mir meine Kanzlerin reichen w\u00fcrde, mit dem Hinweis, dass ich in diesen schweren Zeiten meine Lunge doch lieber jemand j\u00fcngeren spenden sollte; besser einem Raucher denke ich, ein anderer h\u00e4tte damit auch keine Freude. Von F\u00fcrstin Carolyne von\u00a0 Sayn-Wittgenstein ist ja \u00fcberliefert, dass G\u00e4ste bei Besuchen erst ausl\u00fcften m\u00fcssten, damit die Dichte des Raucherqualms im Zimmer nicht ruiniert wird. Eine weise Frau.<\/p>\n<p>Nein, ich bin Stoiker, ich lebe in d\u00fcsteren Zeiten, wo Baumarkt, Tankstelle und Supermarkt meine neuen Kathedralen sind. In heiterer Gelassenheit entsage ich der materiellen Welt sowie fleischlichen Gel\u00fcsten, was ohnehin derzeit unm\u00f6glich ist, weil ich mit meiner Lebenspartnerin Abstand wahre, mindestens, so hat es eine neue Studie aus den USA herausgefunden, zwei Meter, was bei dem kleinen Liebesnest f\u00fcr mich bedeutet, auf dem Fu\u00dfboden zu n\u00e4chtigen. Hinzu kommt jetzt als Argument nicht mehr die Migr\u00e4ne, die ja zeitlich befristet und nach einer mehr oder weinigeren Kurzweil Hoffnung verspricht, nein, jetzt hei\u00dft das Argument Coronakrise, ausgebrannt, leer, erregungslos, Ende ungewiss. Wo einst ein Schlot stand, guckt man jetzt ins Ofenrohr.<\/p>\n<p>Da kein Mensch auf dieser Welt wei\u00df, wie lange die neue Pest noch andauern wird, sich auf der Restwelt des Planeten alle m\u00f6glichen Menschen wieder scheiden lassen und ihre Kinder qu\u00e4len, die h\u00e4usliche Gewalt nimmt t\u00e4glich zu, begreife ich diese Auszeit als Ruf Gottes zur Askese hin und lebe jetzt nach Gusto des Monsieur Teste, der Hauptfigur der 1896 erschienenen Erz\u00e4hlung von Paul Val\u00e9ry, \u201eEin Abend bei Herrn Teste\u201c. So wie Teste habe ich alles Pers\u00f6nliche ausgel\u00f6scht, betrachte ganz stoisch nur mein eigenes Ich, nutze den Tag, denn \u201evita brevis est\u201c, das Leben ist kurz, und wird wie es aussieht in der aktuellen Krise immer k\u00fcrzer.<\/p>\n<h4>2.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich gehe jetzt gern einkaufen \u2013 Ich f\u00fchle mich wie ein Auss\u00e4tziger<\/h4>\n<p>Einkaufen ist in Coronazeiten etwas besonderes. Man f\u00fchlt sich wie ein Auss\u00e4tziger und auch die anderen f\u00fchlen sich so, was auch wieder ein Gemeinschaftsgef\u00fchl erzeugt, die menschliche Harmonie und W\u00e4rme, von der ja in diesen Tagen viel die Rede ist. Doch in Zeiten von Corona ist Obacht angesagt. Auch ich habe mir das zur obersten Maxime gemacht. Bevor ich \u00a0Haus und T\u00fcr verlasse, \u00fcberpr\u00fcfe ich detektivisch, ob nicht ein Animale rationale in der N\u00e4he ist, nach Aristoteles ist das die F\u00e4higkeit des Menschen zu denken, die ihm vom Tier unterscheidet. Aber als Philosoph wei\u00df ich, dass sie wohl eher selten sind. Was es hingegen mehr gibt, sind Homos sapiens, so viele, dass b\u00f6se Zungen behaupten, Corona sei dazu da, um hier eine biologische Selektion vorzunehmen. Jedenfalls pr\u00fcfe ich immer genau, ob ein Homo sapiens in der N\u00e4he ist, der mich im schlimmsten Fall auch zum Tr\u00e4ger dieses b\u00f6sartigen Virus machen k\u00f6nnte. Gestern habe ich 48 Mal versucht aus der Haust\u00fcr zu kommen, 48 Mal bin ich wieder in die Wohnung geflohen. Die Quintessenz \u2013 ich war nicht einkaufen. Ich frage mich immer, was machen alle Menschen da drau\u00dfen, wo doch alle in Quarant\u00e4ne sein sollten. Mensch, denke ich mir, in China, wo das Virus ja herkommt, weil sich die \u201etierliebenden\u201c alles fressenden Chinesen infiziert haben, w\u00e4re ein Herumspazieren in Zeiten der Ausgangsbeschr\u00e4nkung unm\u00f6glich, da h\u00e4tte der rigide Kommunismus die T\u00fcren zugeriegelt und die Chinesen, die hier im Supermarkt mit Masken laufen, w\u00e4ren auch nicht bei uns auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Endlich geschafft, das Supermarkt-Highlight. Wenn sonst schon alles tot ist, brennt hier wenigstens noch Licht. Nach Klopapier schaue ich gar nicht mehr. Mit so hoch spekulativen Wertpapieren gebe ich mich nicht mehr ab, selbst wenn zu Hause der Installateur auch nicht kommt, weil ich auf Zeitungen umgestiegen bin, die den Effekt haben, dass jetzt die Sickergrube voll ist. Also Klopapier kann ich mir eh nicht leisten.<\/p>\n<p>Im Supermarkt herrscht eine gespenstische Atmosph\u00e4re, die mich irritiert. Immer wenn ich eine Regalzeile langgehe, fliehen alle vor mir als sei ich das lebendige Coronavirus selbst. Als ich beim Butterstand angekommen war, versuchte ich 30 Mal an die Butter zu kommen, aber es weilte immer ein Homo sapiens im Gang, der sich nicht zwischen Butter und Joghurt entscheiden konnte, was ich mit 20 Minuten meiner kostbaren Lebenszeit, gerade in Coronatagen, bitter bezahlen musste. Zum Schluss kaufte er Kondome \u2013 ich denke f\u00fcr so eine abgefahrene Corona-Party wie sie im Mittelalter, bei der Pest, ja als sexuell-finale Ausschweifungen, geradezu ekstatisch gefeiert wurden. Warum Kondom, das hatte ich immer noch nicht verstanden. Vielleicht wollte er nicht Aids zu Corona noch dazu bekommen.<\/p>\n<p>Irgendwie ist es im Supermarkt wie in der DDR. Da gab es neulich einen coolen Spruch auf Facebook. \u201eGrenzen dicht, Regale leer, Willkommen in der DDR\u201c. Schlimmer als in der DDR, da gab es zwar keine Bananen, aber Klopapier. Dass die Grenzen dicht sind, kommt wieder meiner stoischen Einkehr entgegen. \u201eSieh, das Gute liegt so nah, Lerne nur das Gl\u00fcck ergreifen, Denn das Gl\u00fcck ist immer da\u201c hatte mal ein Frankfurter Jurist gedichtet.<\/p>\n<p>Hefe gibt es auch nicht mehr, was, wie mir eine Kollegin mitteilte, den Verdacht hegt, dass schwarz Alkohol gebrannt wird. Hoffen wir bei diesen ungelenken Zeiten, dass hier richtig und nicht wie in Russland immer \u00fcberdosiert wird, was zu einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 53 Jahren und einer ruinierten Leber in ehemaligen Zarenreich f\u00fchrt. Aber die Russen sind so voll mit Wodka, da wird selbst Corona besoffen.<\/p>\n<p>Aber was mich in Coronazeiten an die DDR im Supermarkt erinnert, ist, dass hier alle auf der Flucht sind, nicht vor Erich Mielke oder Margot Honecker, sondern vor Corona, vor sich selbst und vor dem anderen Ich. Jeder flieht vor jedem, eine reine Fl\u00fcchtlingswelle, die sich da ausl\u00f6st. Komisch, denke ich mir, warum haben die Ossis so viel Angst vor Fl\u00fcchtlingen?<\/p>\n<p>Der Einkauf gleicht derzeit einem Versteckspiel und ich f\u00fchle mich immer wieder an die Kindheit erinnert, wo man liebevoll R\u00e4uber und Gendarm spielte. Die einzigen, die nicht fliehen, sind Hochschwangere, sie genie\u00dfen sogar N\u00e4he mit dem Argument: \u201eIch bin Schwanger, ich kriege kein Corona.\u201c Wie Bulldozer fegen sie durch die Regalzeilen mit so einer ambivalenten Miene, einer Mischung aus \u201eich bin die Retterin der Nation, aber viel zu m\u00fcde und schlechtgelaunt, Platz da\u201c. Auch M\u00fctter mit Kinderw\u00e4gen sind nicht so \u00e4ngstlich. Dann und wann werfe ich einen gutgelaunten Blick auf den Nachwuchs und entdecke Vaterfreuden, gleichwohl die ganze Schar nun auch wiederum nicht von mir sein kann, ich bin ja Stoiker und \u201eMonsieur Teste\u201c obendrein<em>. <\/em><\/p>\n<p>An der Kasse im Supermarkt kommt man immer mehr mit \u00c4lteren in Kontakt. Ich habe mich an die liebensw\u00fcrdigen Alten gew\u00f6hnt, zumal die Damen ja nicht meine, aber ich umgekehrt immer mehr ihre Zielgruppe werde. W\u00e4hrend die Youngsters, aus Angst von der b\u00f6sartigen Lungenkrankheit befallen zu werden, auf Distanz gehen, sind die Alten geradezu zutraulich. Ganz Alte haben den Ersten Weltkrieg, den Zweiten und die Diamantene Hochzeit \u00fcberstanden, DDR, Wende, Massenarbeitslosigkeit und die Fl\u00fcchtlingswelle inklusive, Merkel hingegen noch nicht, das sieht auch immer schlechter aus, macht sie doch gutes Spiel in schlechten Zeiten. Also, vor was sollen sie sich denn noch f\u00fcrchten?<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck geh\u00f6ren sie nicht zu den Alten, die einsam sterben und ohne w\u00fcrdevolle Beerdigungen hinscheiden. Auch nicht zu denen, denen das Essen von ihren Nachkommen wie im Gef\u00e4ngnis vor die T\u00fcr gestellt, geklingelt und fluchtartig get\u00fcrmt wird. Nein, sie sind gelassen wie ich, w\u00e4hrend die Jungen glauben, da kommt noch was. Je \u00e4lter man wird, desto mehr wei\u00df man doch, es kommt eigentlich nur der Tod, und der immer schneller. Die Jungen denken es geht noch positiv weiter, dachte ich auch, auch ohne Corona, ein Irrtum.<\/p>\n<h4>3.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wenn ich nicht im Supermarkt bin, versuche ich mit Gummihandschuhen und Atemmaske zu essen<\/h4>\n<p>Die Coronazeiten sind hart. Aber ich spiele schon seit Lebensbeginn mit Handicap, nein, nicht beim Golf. Stei\u00dfgeburt und Zangengeburt \u2013 beides kann ich unisono auf meine Person vereinnahmen. Der damalige Chefarzt der Gyn\u00e4kologie, ein guter Freund meiner Eltern, sah finster drein und meinte das wird nichts \u2013 oder nicht sehr viel. B\u00f6se Zungen h\u00e4tten formuliert. \u201eBei Dir haben sie ja auch den Embryo weggeworfen und die Nachgeburt gro\u00dfgezogen\u201c. Aber auch das st\u00f6rt einen stoischen Zangengeburt- Monsieur Teste weniger. Ich habe mich mit Vorurteilen arrangiert und wie der noch nicht gefundene Impfstoff eine Immunisierungsstrategie entwickelt.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Aber auch mein Spielraum ist in der Coronakrise eingeschr\u00e4nkt. Sportlich aktiv war ich eigentlich nie, ich hielt es da immer mit Winston Churchill \u2013\u201eNo sports\u201c. Eigentlich bin ich ein Nerd, nur ohne Programmierungserfahrung, also ein Stei\u00df- und Zangengeburt, Monsieur Teste und ein Nerd. Nur beim Apr\u00e8s-Ski habe ich dann und wann eine Ausnahme gemacht. Aber dieses Jahr war ich mal nicht in Ichgl, dem \u00f6sterreichischen Hot Spot, wo sich halb Europa angesteckt hatte. Und ich erinnere mich: Es gab ja schon einmal einen aus \u00d6sterreich, wo sich halb Europa angesteckt hat, die Folgen sind bekannt. Ich hoffe nur Corona entwickelt nicht diese Dramaturgie, obgleich der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron davon gesprochen hatte, dass wir im Krieg sind.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Gerade versuche ich mit Messer und Gabel zu essen, manche sprechen in der Tat von einem Versuch, das ist auch schwierig mit Atemmaske und noch schwieriger mit diesen komischen Gummihandschuhen. Auch Stabmikado geht damit irgendwie schlecht und beim Kartenhausbauen f\u00e4llt mir die ganze Bude immer wieder ein. Ich werde mich vorerst auch nicht an die Atemmaske gew\u00f6hnen, aber ich habe mir jetzt eine aus dem BH meiner Freundin gemacht, wenngleich dieser gleich meinen ganzen Kopf mit bedeckt. H\u00e4tten die Chinesen mal nicht so viele exotische Tiere gegessen, m\u00fcsste ich jetzt mich nicht zum Affen machen.<\/p>\n<h4>4.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mit den Gassig\u00e4ngen hat es sich dramatisch ver\u00e4ndert<\/h4>\n<p>Vor Corona ging ich Gassi, ungern, dachte an Pampers f\u00fcr den Vierbeiner oder zumindest daran, dass sie es verstehen, allein zu gehen, quasi der autonome Gassigang; muss doch gehen wo alle \u00fcber das autonome Fahren nachdenken und jetzt bald die Tracking App f\u00fcr Coronainfizierte kommt. Doch die Biester blieben erziehungsresistent. Ein Vorwurf, den ich nur zu gut aus meiner Partnerschaft als auch aus dem greisen Elternhaus immer wieder h\u00f6re und mich, anders als Covid-19, dagegen schon immunisiert habe. Ich habe also eine Immunisierungsstrategie entwickelt und k\u00f6nnte eigentlich auch beim Robert Koch Institut anfangen. Dann m\u00fcsste ich nicht zu Hause sitzen, sondern h\u00e4tte jeden Tag eine Pressekonferenz mit Herrn Professor Drosten, der mittlerweile der George Clooney der Virologie \u2013 wie einst Georg G\u00e4nswein \u2013 der smarte katholische Heilbringer war. Frauen denken sowohl bei dem einen als auch bei den anderen, so lese ich immer wieder, zuerst gar nicht an Virologie oder Covid-19. Vielmehr umgekehrt: wie bekomme ich Covid-19 um endlich von dem smarten Typen aus der Charit\u00e9 pers\u00f6nlich untersucht zu werden.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zum Hund. Der ist derart immun gegen Befehle, dass sich diese Immunit\u00e4t wechselseitig aufschaukelt. Einer hei\u00dft\u00a0 Theresa, aber weil sie braun ist und irgendwie immer Obdachlose und Asylanten anbellt, wollte ich sie Eva Braun nennen, aber das irritiert selbst in diesen Zeiten zu sehr. Zur Notduft und aus Verwechslung der \u00d6rtlichkeiten hatte der andere neulich einen Spanier als einen Baum erkannt und dementsprechend markiert. Der Spanier bedankte sich darauf hin aus einen f\u00fcr mich nicht zu ersp\u00fcrbarem Grund und ich suchte das Weite. Das ist eine v\u00f6llig neue Qualit\u00e4t in der europ\u00e4ischen Verst\u00e4ndigung dachte ich mir. In Italien ist es ganz verr\u00fcckt. Dort ist es nicht selten, dass, um die Ausgangssperre zu umgehen, besonders schlaue Mitb\u00fcrger mit Pl\u00fcschhunden jetzt beim Gassi gesehen worden sind, nur um \u00fcberhaupt in den Genuss von UV-Strahlen zu kommen.<\/p>\n<p>Das Gassiproblem habe ich jetzt anders gel\u00f6st. Ich mache es wie in dem ber\u00fchmten Film <em>\u201e<\/em>Das Fenster zum Hof<em>\u201c<\/em>\u00a0 von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1954. Warum immer vor die T\u00fcr gehen, vielleicht bringt ihn dann, weil er mal wieder davongelaufen ist, im schlimmsten Fall, so ein Corona-Partyg\u00e4nger zu mir nach Hause und hustet mich noch an. Dann lasse ich doch die Hunde ganz elegant wie bei Hitchcock im K\u00f6rbchen nach unten auf die Stra\u00dfe segeln.<\/p>\n<p>Ich selbst komme mir in diesen Tagen wie eine Monade \u00e0 la Leibniz vor, nein, dass ist nicht der Keks, den hat Bahlsen erfunden, nein das sind so eine Art metaphysische Konstrukte und Bausteine der Welt. In sich abgeschlossen und in pr\u00e4stabilierter Harmonie. Leibniz, in Halle geboren, war ja der Erfinder des Dualsystems, der Dezimalklassifikation, des Unterseebootes, der Integral und Differentialrechung. Von all dem habe ich wenig behalten, aber Monade, Einheit, fand ich schon vor drei\u00dfig Jahren gut \u2013 Deutsche Einheit. Das monadische Sein legitimiert auch endlich die einsamen Autofahrten in die noch einsameren und noch verlasseneren St\u00e4dte \u2013 und es gibt viele Monaden, die es mir gleichtun. Fr\u00fcher wurden wir daf\u00fcr als Umweltschweine geschimpft, jetzt achten wir auf Hygiene und isolieren uns selbst \u2013 jetzt sind wir zwar nicht klimaneutral, aber solidarisch.<\/p>\n<h4>5.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ohne Angela Merkel bin ich einsamer denn je und schaue jetzt Prominachrichten<\/h4>\n<p>Meine Kanzlerin ist in Quarant\u00e4ne. Das ist so als wenn mir jemand die Luft zum Atmen weggenommen hat, denn in den gef\u00fchlt f\u00fcnfzig Jahren ihrer Regierungszeit ist mir die ostdeutsche Pastorenmutter ans Herz gewachsen und eigentlich kenne ich gar keinen anderen Kanzler. Es war immer Merkel, auch wenn es davor mal einen Saumagenesser gab und einer der \u201eCohiba\u201c im Ma\u00dfanzug rauchte und Frauen wie AUDI-Ringe sammelte. Irgendwie f\u00fchle ich mich allein \u2013 wie Oliver Pocher, der ist ja auch in Quarant\u00e4ne, was nicht nur seine Kritiker, sondern auch Michael Wendler und seine Freundin freut. Mit Wohlwollen h\u00f6re ich, dass Neurentner J\u00fcrgen Drews Mallorca verschont, was wiederum die Insulaner freut, die nicht zum 50.000 Mal ein \u201eBett im Kornfeld\u201c h\u00f6ren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dieser Tage musste ich m\u00e4chtig mit dem Schicksal hadern, weil mir die Mutter Beimler, die zweite Mutti der Nation, und mit ihr mir die \u201eLindenstra\u00dfe\u201c abhanden gekommen sind. Ich f\u00fchle mich so entwurzelt.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr hat sich aber die erste Bundesmutti wieder aus der Quarant\u00e4ne zur\u00fcck gemeldet und mahnt uns zu Besonnenheit. Und das Gute an all diesen schlechten Nachrichten: Der Co2-Ausstoss und die Stickstoffdioxide gehen zur\u00fcck. Das Klima erholt sich. Die Luft in den St\u00e4dten wird sauberer. Und was keiner mehr dachte, die Bundeskanzlerin hat es geschafft, dass Deutschland in Folge der Coronakrise sein Klimaschutz-Ziel f\u00fcr das Jahr 2020 erreichen wird. Denn es k\u00f6nnten je nach Ausma\u00df der Krise nicht nur wie angestrebt 40 Prozent weniger Treibhausgase als 1990 ausgesto\u00dfen werden, sondern sogar bis zu 45 Prozent weniger. Corona sei Dank. Aber man soll ja keine Witze am 1. April machen, dies hat selbst der ehemalige Faschingsprinz Markus S\u00f6der gesagt.<\/p>\n<p>Zum ersten Teil der Satire kommen Sie hier: <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/4-dinge-die-ich-nicht-in-coronazeiten-tun-wuerde\/\">\u201c4 Dinge, die ich nicht in Coronazeiten tun w\u00fcrde\u201d<\/a><\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1><strong>Achtung Satire: Wir bleiben bei der Winterzeit<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz28.03.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><strong>Seit 1996 werden in der Europ\u00e4ischen Union am letzten Sonntag im M\u00e4rz sowie am letzten Sonntag im Oktober die Uhren jeweils eine Stunde umgestellt. Viele hatten sich die Abschaffung der Prozedur gew\u00fcnscht. Werden auch die Uhren in diesem Jahr wieder umgestellt? Nein: in diesem Fr\u00fchjahr ist alles anders. <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit Jahren wird den Medien viel \u00fcber die Zeitumstellung diskutiert. \u00dcber 4 Millionen EU-B\u00fcrger hatten 2018 abgestimmt. Sind Sie f\u00fcr oder gegen die Sommerzeit, so hie\u00df es damals aus Br\u00fcssel? Nicht nur die Deutschen f\u00fchlten sich gestresst.<\/p>\n<p>Die EU-Kommission wollte eigentlich die Zeitumstellung ganz abschaffen. Der ehemalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatte den genialen Plan schon 2018 auf den Tisch gelegt. Der sollte dann 2019 greifen. Griff er aber nicht. Dann wollte man ihn auf 2021 verschieben. Da schiebt er noch vor sich hin. Grund: Die einzelnen EU-L\u00e4nder m\u00fcssen dem Plan noch zustimmen. Doch \u2013 ob Fl\u00fcchtlingsfrage, Verteilungsschl\u00fcssel oder Eurobonds \u2013 auch hier ist man sich nicht einig, wird es wahrscheinlich auch nicht. Die neue Chefin, Ursula von der Leyen, will erst einmal die Welt retten, bevor sie an die Zeit denkt, die Sommer- oder Winterzeit \u2013 das ist von der Leyen eigentlich egal, denn sie ist die Zeit, die vollendete Zeit, zeitlos.<\/p>\n<p>Zeitknappheit\u00a0 \u2013 dies gilt umso mehr in Zeiten des Coronavirus. Die Lage ist angespannt, die Zeit dr\u00e4ngt. Aus diesem aktuellen Grund, in Zeiten von Ausgangssperre und Kontaktverbot, hat Br\u00fcssel nun das Thema der Zeitumstellung selbst in die Hand genommen. Wegen der Coronakrise findet die Umstellung dieses Jahr nicht statt. Begr\u00fcndung: Wir haben eh so wenig Zeit und im Kampf gegen das Coronavirus z\u00e4hlt jede Sekunde. Daher sei es v\u00f6llig kontraproduktiv eine Stunde der kostbaren Zeit zu opfern. Wir haben keine Zeit triggern ja immer die Medien und die EU verschafft der coronageschundenen Welt jetzt eine Atempause. Das hat auch medizinische Gr\u00fcnde, wie Br\u00fcssel verlautbaren lie\u00df. Der Biorhythmus sei zeitbedingt gest\u00f6rt, die Menschen ohnehin am Anfang eines kollektiven Nervenzusammenbruches. Daher sei es unverantwortlich; Menschen in Quarant\u00e4ne mit dieser Lappalie zu belasten.<\/p>\n<p>Wie Br\u00fcssel nun mitteilte, sollte man den Augenblick genie\u00dfen, das gelte in Zeiten von Corona noch mehr. Denn die Zeit wird immer knapper. Ob es in Zukunft \u00fcberhaupt noch Zeit, Sommerzeit, Winterzeit, Pr\u00e4- oder Post-Corona-Zeit oder nur noch Ewigkeit geben wird, hat die EU-Kommission jetzt einmal vertagt. Wer aber nicht mehr in der Europ\u00e4ischen Union ist, wie der mit dem Coronavirus erkrankte Boris Johnson, sollte die Zeit jetzt nutzen, um \u00fcber seine Europapolitik nachzudenken. Quarant\u00e4ne als Nachdenkzeit. Apokalyptiker hingegen sprechen schon von Endzeit.<\/p>\n<h1><strong>Achtung Satire: Beim Gassigehen verwandele ich mich zum Eremiten<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz25.03.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><strong>Coronakrise, eingesperrt zu Hause, da kommt man auf die komischsten Gedanken. Was den Autor in Ausnahmezeiten dennoch bewegt, hat er hier zusammengetragen, wohl wissentlich, dass sein Leben ohne Corona andere Gedankenspiele hervorgebracht h\u00e4tte, aber vielleicht ist auch das nur ein Trugschluss.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Ich f\u00fchle mich wie Archimedes<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich f\u00fchle mich wie Archimedes. Aber nicht, weil ich unbekleidet durch die Stadt laufe, auch nicht, weil ich in der Badewanne, wo einem oft zugegebenerma\u00dfen die besten Ideen kommen, das Archimedische Prinzip entdeckt habe, dass bekanntlich besagt, dass \u201eder statische Auftrieb eines K\u00f6rpers in einem Medium genauso gro\u00df ist wie die Gewichtskraft des vom K\u00f6rper verdr\u00e4ngten Mediums.\u201c\u00a0 Nein: Ich schreie Heureka, \u201eIch habe [es] gefunden\u201c. Nein, nicht mein Ich, nein viel wichtiger und existentieller \u2013 \u00a0endlich Klopapier. Wie ein F\u00e4hrtenhund hatte ich mich auf Spurensuche tagelang vergebens gemacht \u2013 und wurde mit dem mir Undenkbaren belohnt. Fast h\u00e4tte ich meinen Glauben aufgegeben, doch Gott verl\u00e4sst eben einen im tiefsten Abgrund nicht, so grausam kann selbst die Theodizee nicht sein. Klopapier \u2013 was einst eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war, unbeachtet im Supermarktregal lag, und das man immer ein wenig mit Scham sich in die unterste Lage des Einkaufkorbes packte, ist in Zeiten der Coronakrise zum Bestseller geworden. Ausverkauft \u00fcber Tage. Nie hatte Klopapier so eine Renaissance, nie wurde es mehr zum viral-medialen Hype, triggerte durch die Nachrichtensender als g\u00e4be es keine anderen Probleme. Hamsterk\u00e4ufe hei\u00dft das heute, aber es meint nicht den Nager, den man in der Zoohandlung f\u00fcr schmales Geld erwerben kann, der aber, so Wissenschafter und zu meinem Entsetzen, nicht gegen den Befall mit dem Coronavirus sch\u00fctzt, sonst h\u00e4tte ich mir gleich zwei gekauft, h\u00e4tte Karl Theodor zu Guttenberg sicherlich auch, wenn es um Doktortitel ginge, so w\u00e4re ihm zumindest einer geblieben. Aber diese Hamsterk\u00e4ufe, als g\u00e4be es kein Morgen, gibt es eigentlich regelm\u00e4\u00dfig vor einem Feiertag, weil dann alle denken, zu verhungern. Nur dar\u00fcber spricht eben keiner, weil es nichts, rein gar nichts,\u00a0 mit dem Virus zu tun hat. Aber diese Hamsterk\u00e4ufe haben selbst den niederl\u00e4ndischen Ministerpr\u00e4sident Mark Rutte auf den Plan treten lassen, der von der Raffgier seiner Landsknechte so erschreckt war, dass er den grandiosen Satz verk\u00fcndete:\u00a0 \u201eWir haben soviel, wir k\u00f6nnen zehn Jahre kacken.\u201c<\/p>\n<p>\u00c4ltere Damen, die Weltkrieg und DDR, im schlimmsten Fall, beides \u00fcberstanden haben, wundern sich br\u00fcskiert \u00fcber diesen Run aufs Klopapier. Zeitungen f\u00fcr die allt\u00e4glichen \u00dcblichkeiten des Menschen als M\u00e4ngelwesen zu verwenden, war vor den Zeiten der Komfortzone gr\u00fcner SUV-Fahrer\u00a0keine Notl\u00f6sung, sondern Usus. Die Aufbauhelferinnen und Tr\u00fcmmerfrauen, also nicht die verw\u00f6hnte, dreilagige Klorollen konsumierende Generation von heute, waren darin mit Sicherheit viel pragmatischer. Und der Journalist wusste indirekt, wozu er gebraucht wird. Zeitungen im wahrsten Sinne als B\u00fcckwahre. Derartiger Ge- oder Missbrauch hat manche Schmiererei davor bewahrt, erinnert zu werden, irgendwo in den Archiven der Onlinemedien rumzugeistern. Also auch noch produktive Selektion.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Ich bin zwar keine Frau, halte aber eine Arml\u00e4nge Abstand<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Normalerweise pflege ich Kontakt mit meinem Mitmenschen. Gebe ganz, wie Thomas de Maizi\u00e8re in Sachen Leitkultur einst in seinem Katalog des guten Deutschen einforderte, anderen die Hand als Zeichen meiner Wertsch\u00e4tzung. Das \u201eReich mir die Hand mein Leben\u201c aus Wolfgang Amadeus Mozarts \u201eDon Giovanni\u201c wird heute schon als Provokation gesehen, schlimmer, als Aufruf zum Massenmord. Und seit der Coronakrise ist das auch f\u00fcr mich keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr. Staatdessen kommuniziere ich mit meinen Eltern nur noch \u00fcbers Haustelefon. Man wei\u00df ja nie wie das Virus mutiert, vielleicht hat es dieses demn\u00e4chst gar nicht mehr auf Alte abgesehen, sondern auf J\u00fcngere, macht einen postmodernen Turn in die Gegenl\u00e4ufigkeit. Aber in erster Linie kultiviere ich diese Art der Selbstbeschr\u00e4nkung, um nicht nur der Weisung von K\u00f6lns Oberb\u00fcrgermeisterin Henriette Reker Gen\u00fcge zu leisten, die nach der Fl\u00fcchtlingskrise 2016 Frauen riet, \u201eeine Arml\u00e4nge Abstand zu Fremden zu halten\u201c, sondern weil ich die Ausnahmeentscheidung des bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten respektiere, der gegen geltendes Recht, aber daf\u00fcr von seinen Untertanen beehrt, auch mir den Abstand wie dem Rest des Bergvolkes verordnet hat. Dabei spielt es in Zeiten von Corona f\u00fcr mich eigentlich auch keine Rolle mehr, wenn eh alles auf Endzeitstimmung paralysiert l\u00e4uft, ob ich eine Frau, ein Mann oder doch ein Gender bin, der nur noch nicht \u00fcber diese M\u00f6glichkeit seiner Existenz nachgedacht hat. Ich gehe, eigentlich schon immer, lieber auf Behindertentoiletten, denn da gibt es zumeist Klopapier, gerade in harten Zeiten wie diesen, sie sind zudem deutlich sauberer und man hat Zeit. Daf\u00fcr aber ist man sehr einsam. Vielleicht, so denke ich mir, teste ich doch die Unisextoilette, da trifft man ja eine Menge Menschen auf Selbstfindungstrip, denen man, wenn man nicht ins Berghain oder in den KitKatClub geht, in seinem Leben nie begegnen w\u00fcrde.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Beim Gassigehen verwandele ich mich zum Eremiten<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Gassigehen ist das, was einen Hundebesitzer am meisten nervt. So sehr man seinen Vierbeiner auch liebt, der st\u00e4ndige Drang nach Entleerung des treuen Begleiters wird insbesondere im Winter zur physischen Herausforderung, von den psychischen Qualen ganz zu schweigen, die einem durch die Winterdepression entgegenschlagen. Dann denkt man grausamerweise insgeheim an die Tage ohne Hund, aber sofort tilgt man die b\u00f6sen Bilder und ersetzt sie damit: Ein Leben ohne Dackel ist zwar m\u00f6glich, aber eigentlich sinnlos.<\/p>\n<p>Doch ganz anders ist es im Sommer. Da funktioniert der Hund wie eine Kontaktb\u00f6rse. Unbekannte sprechen einen an, man kommt in Gespr\u00e4che mit charmanten und sogar j\u00fcngeren Damen, die einen sonst nie begegnen, geschweige denn mit einem reden w\u00fcrden, was dann auch dem eigenen Alter entsprechenden Pulsschlag erh\u00f6ht, zu kurzzeitigen vergn\u00fcglichen Herzarrhythmien f\u00fchrt und damit indirekt wiederum zugleich die Tierliebe festigt. Gleichwohl man auch feststellen muss, dass die Aufmerksamkeit nicht einem selbst, sondern dem \u201eK\u00f6ter\u201c entgegengebracht wird, was die Tierliebe dann wiederum rasant schm\u00e4lert. In diesen Augenblicken z\u00e4rtlicher Umkosungen w\u00fcnscht man sich gern, ein Hund zu sein, auch wenn man sich sonst eine kynische Lebensweise nicht als Maxime auf die Fahnen der Existenz malen m\u00f6chte. Doch in Zeiten von Corona ist auch das wieder anders. Verkehrte Welt. Der neue Kategorische Imperativ lautet:\u00a0 \u201eHandle so, dass dir keine Frau, kein Hund und kein Mensch begegne\u201c. Die Crux an der Geschichte \u2013 es gibt nur noch Eremiten im Englischen Garten, nur noch Mutige gehen zu zweit, die meisten bleiben zu Hause und nutzen die Zeit zur Vermehrung. Die Freizeit, so bin ich mir sicher, sinnierend, einsam auf den leeren Pfaden, wird zur Weihnachtszeit einen Kindersegen den Deutschen bringen, die zwar \u00e4hnlich wie die Franzosen immer unfruchtbarer werden, aber mit gen\u00fcgend Zeit durchaus Volltreffer erzeugen d\u00fcrften. Und jetzt, wo es bald Massenarbeitslosigkeit gibt, ist der Kinderwunsch zumindest eine M\u00f6glichkeit, die neu gefundene Freizeit von Feministinnen und Karriere-Power-Frauen sinnvoll in die Nachkommenschaft zu investieren. Dadurch k\u00f6nnte uns vielleicht auch die Zuwanderung von Fachkr\u00e4ften aus dem Ausland erspart bleiben, wobei ich mich immer verwundert frage, was die vielen einsamen M\u00e4nner, die Migranten, jetzt in ihrer Freizeit tun. Sorry, die haben ja immer mehr Freizeit gehabt, nur wir mussten arbeiten, um das zu bezahlen. Dann jedoch verwerfe ich diesen Gedanken als rassistisch, der selbst in der Coronakrise nicht zu rechtfertigen ist, denn ich bin weder kynisch noch zynisch.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Ich schaue mir neuerdings Instagram-Bilder an<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Normalerweise nutze ich Soziale Netzwerke eigentlich zur zum Erkenntnisgewinn. Was manchmal schwierig ist, denn dem Post eines \u201eToastes\u201c eine metaphysische Qualit\u00e4t abzuringen, ist beinahe intellektuell uneinholbar. Noch schwieriger, wenn gerade dieser Post, zigtausende Likes hat. Dann fragt man sich berechtigt, ist nur einer verbl\u00f6det oder das ganze Following? Was macht den Toast qualitativ so wertvoll, w\u00e4hrenddessen kluge Sachen zu gut wie m\u00f6glich im Netz ignoriert werden.<\/p>\n<p>Dann gibt es ja noch die Postings von der AfD, die haben Konjunktur \u2013 und hier denke ich mir, es muss wohl am Corona liegen, dass die Krankheit einfach in den Kopf gestiegen ist und dort das Denk- und Reflexionszentrum in die Knie zwingt. Bj\u00f6rn H\u00f6cke samt geistiger Diarrh\u00f6, die er messianisch \u00fcber seine Adepten aussendet, hat es wohl schon l\u00e4nger. Vielleicht hat er es irgendwelchen Nazis in China infiltriert, deren Frauen, die ja vermehrt in der Modebranche in der italienischen Lombardei arbeiten, wo das Virus wie in Whuan grassiert und die zudem in Sachen Luftverschmutzung in Europa in der Champions League spielt, wenn sonst schon keiner mehr auf dem Kontinent Fu\u00dfball spielt, wieder nach Europa gebracht. Aber das bleiben Spekulationen von Verschw\u00f6rungstheoretikern, die gerade bei Facebook ihre Renaissance feiern.<\/p>\n<p>Bei Instagram hingegen hat man immer sch\u00f6ne Bilder \u2013 Frauen zeigen sich in den freiz\u00fcgigsten Posen. Bl\u00f6d nur, ich habe nie eine davon in der Wirklichkeit gesehen. Wie Realit\u00e4t und Virtualit\u00e4t seltsam auseinander gehen, denke ich. Aber das liegt wahrscheinlich an der Ausgangssperre tr\u00f6ste ich mich im selben Atemzuge.<\/p>\n<p>Ich werde sie alle wieder sehen, sobald mir die Sache mit dem Klopapier aus dem Kopf gegangen ist, ich den Abstand nicht mehr halten muss und endlich meinen Hund wieder als Kontaktb\u00f6rse einsetzten kann. Doch jetzt gehe ich aus Solidarit\u00e4t mit meiner Kanzlerin Angela Merkel, die Kontakt mit einem Viruserkrankten hatte, vorerst selbst in Quarant\u00e4ne und warte auf Godot. Soviel Patriotismus muss sein. #IchBleibeZuhause.<\/p>\n<h1>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr Innerlichkeit<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz20.03.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><strong>Das Coronavirus hat die Welt ver\u00e4ndert. Der Alltag ist ein anderer geworden, die Menschen mehr auf sich selbst gestellt. Doch was k\u00f6nnen wir in dieser Zeit der Uneigentlichkeit an neuer Eigentlichkeit gewinnen? Ein Aufruf zu mehr Innerlichkeit.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Ostern wird zu Karfreitag<\/h4>\n<p>Einst waren wir Beschleunigungsweltmeister und unser Alltag glich denen von Getriebenen. Die Me\u00dflatte war auf Unendlichkeit und grenzenloses Wachstum eingestellt. Doch heute entschleunigt das Coronavirus die Welt, die nur ein Vorw\u00e4rts kannte, eine ungeheure Eile, ein Rasen in die Zukunft hinein. Nun liegt sie verlassen da, gespenstisch diese Ruhe, ungewohnt. Die B\u00f6rsen fallen wie welkes Laub, die bunte Welt von Goethes \u201eOsterspaziergang\u201c\u00a0 eingefroren, Ostern wird zu Karfreitag. \u00a0Statt \u201eDorfs Get\u00fcmmel, hier ist es Volkes wahrer Himmel\u201c allenthalben l\u00e4hmende Ungewissheit, Panik und Zweifel. Unsichtbar nagt das Virus an unseren Seelen und zwingt uns, den Freiheitsfanatikern, zu selbst verordneter Demut. Die Einsamkeit webt ihr Band und seltsam mutet es an, im \u201eNebel zu wandern\u201c wie Herrmann Hesse einst schrieb. Der Herbst, so scheint es, ist inmitten des Fr\u00fchlings angekommen \u2013 und unruhig wandern wir durchs Unbekannte. Vielleicht sind wir auf dem Weg in eine neue Sentimentalit\u00e4t, hin zu einer melancholischen Sch\u00f6nheit, die so vielen K\u00fcnstlern eigen war.<\/p>\n<p>\u201e#WirBleibenZuHause\u201c ist zur neuen Lebensmaxime geworden und der homo oeconomicus\u00a0 agiert aus Quarant\u00e4ne und Home-Office. Die einst globalisierte Welt ist zu Beschaulichkeit und \u00dcbersichtlichkeit geschrumpft, der Blick aus dem Fenster die einzige Form lebensweltlicher Interaktion. Die globale Welt ist nun tats\u00e4chlich das Dorf, aber das Dorf unserer Einsamkeiten.<\/p>\n<p>Die Interaktions\u00e4ume sind kleiner geworden, aber die Zeit verdichtet sich. Fegte sie fr\u00fcher wie ein Orkan \u00fcber uns hinweg, wird sie nun zur statischen Konstante. Die Sinnfrage stellt sich in Zeiten anmutender Sinnlosigkeit. Doch, \u201ewer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr,\u201c schrieb einst Rainer Maria Rilke und der gro\u00dfe Stoiker Seneca empfahl bereits vor zweitausend Jahren: \u201eZieh dich zur\u00fcck in die Stille der Mu\u00dfe, aber lass auch um diese Mu\u00dfe selbst die Stille walten.\u201c<\/p>\n<h4>\u201eNur die Ruhe ist heiter, die uns die Vernunft schenkt\u201c<\/h4>\n<p>Kannte der aufgekl\u00e4rte und technikaffine Mensch des 21. Jahrhunderts nur die positive Freiheit, die \u201eFreiheit zu\u201c, so sp\u00fcrt er nunmehr die negative Freiheit, die ihm als Ausgangssperre die eigentliche Handlungsfreiheit verstellt und in ungekannte Zwangslagen bringt. Doch diese Selbstbeschr\u00e4nkung gilt es auszuhalten, stoisch zu ertragen. Die \u00e4u\u00dfere Unfreiheit in die innere Freiheit positiv zu \u00fcbersetzen ist das Gebot der Stunde, die einst verlorene Seelenruhe zur\u00fcckgewinnen und dem getriebenen Ich ein St\u00fcck weit Frieden, Langsamkeit und Besinnlichkeit zu geben. Das bleibt das Einzige, was uns in diesen Zeiten \u00fcbrig bleibt. Verwandeln wir sie zu einer neuen Tugend, die in der Beschr\u00e4nkung m\u00f6glicherweise einen neuen Sinn zu Reflexion, zu einer neu sich erfindenden Innerlichkeit und besonneneren Ruhe findet. \u201eNur die Ruhe ist heiter, die uns die Vernunft schenkt\u201c, hatte ja Seneca schon gelehrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Von links bis rechts \u2013 Mit Beethoven kokettierten alle<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz19.03.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><strong>Sie gilt als eine seiner Meisterwerke, die \u201eNeunte\u201c. F\u00fcr die Freiheit war sie geschrieben, die Freiheit wollte sie feiern und auf den Thron heben. Doch Beethovens 9. Symphonie faszinierte sp\u00e4ter linke und rechte Diktatoren gleicherma\u00dfen. Alle nahmen das Recht in Anspruch, sich mit ihrem Freiheitsdenken auf den Bonner Komponisten zu berufen. <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Erhabenen zum L\u00e4cherlichen ist es nur ein Schritt hatte Gottkaiser Napoleon einst diktiert. Nicht weiter als ein Schritt bleibt auch der von Freiheit in die Tyrannei. Die freiheitlichste Revolution auf dem Kontinent, die Franz\u00f6sische, versank kurzerhand im Terrorstaat der Jakobiner und fra\u00df buchst\u00e4blich ihre Kinder. Und Napoleon wird sp\u00e4ter eine Diktatur errichten, die halb Europa in den Krieg st\u00fcrzt. Die Tr\u00e4nen der Freiheit \u00fcberzogen buchst\u00e4blich das Land mit den Gr\u00e4ueltaten des Imperators. Freiheit und Notwendigkeit traten \u2013 wie immer \u2013 in der Geschichte auf den Schlachtpl\u00e4tzen Europas tief auseinander, fielen in dunkle Extreme und hinterlie\u00dfen die grausame Blutspur der Macht. Die Geschichte war und ist nichts anderes als der Abenteuerspielplatz dieser Dialektik.<\/p>\n<h4>Die Dialektik als Movens<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend Hegel, der in diesem Jahr 250. Geburtstag feiert, diese Dialektik in eine kraftvollere Synthesis \u00fcberf\u00fchren will, wo das Wahre eben das Ganze sei, verblasst das Theoreticum der Philosophie immer dann, wenn die blutige Realit\u00e4t sich die R\u00e4ume erobert. Das musste sich selbst der entt\u00e4uschte Hegel eingestehen, dem Freiheit das A und O seines Denkens werden soll, selbst wenn er anfangs Napoleon als die \u201eWeltseele zu Pferde\u201c verkl\u00e4rte. Doch Hegel sollte wie Beethoven ein liberaler Aufkl\u00e4rer bleiben.<\/p>\n<p>Die Interpretationsgeschichte eines der bekanntesten deutschen Symphonien, Beethovens Neunter, hat sich leicht neben Hegels ber\u00fchmter Dialektik geschrieben und hat statt Harmonie Dissonanzen wie Unkraut hervor treiben lassen. Zerfiel Hegels Philosophie einerseits mit Kierkegaard in den Existentialismus, mit Marx bekanntlich in den fatalen sozialistischen Realismus, der mit Lenin und Stalin die Orgien des Todes feierte, so hat kaum ein anderes Kunstwerk als die 9. Symphonie weit \u00fcber Beethovens Tod hinaus den deutschen Geist polarisiert. Beethoven starb 1827, krank, taub, vom Leben stigmatisiert, doch ungebrochen blieb sein Pathos f\u00fcr die Freiheit.<\/p>\n<h4>Thomas Mann warnte vor der \u201cNeunten\u201d<\/h4>\n<p>Hatte Beethoven einst die Neunte Friedrich Wilhelm III. von Preu\u00dfen gewidmet, in Erwartung, dass sich der z\u00f6gerliche und zaudernde Regent, der reformwillig, aber nach der Restauration zugleich wieder zum Hardliner wurde, Pressefreiheit und b\u00fcrgerliche Freiheitsrechte zugunsten des Adels verbr\u00e4mte, f\u00fcr den Gedanken b\u00fcrgerlicher Freiheit begeistern m\u00f6ge, forderte sp\u00e4ter Dichterf\u00fcrst Thomas Mann sogar in seinem \u201eDoktor Faustus, Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverk\u00fchn, erz\u00e4hlt von einem Freunde\u201c, die 9. Sinfonie zur\u00fccknehmen. \u201eDas Gute und Edle\u201c, antwortete er mir, \u201ewas man das Menschliche nennt. Um was die Menschen gek\u00e4mpft, wof\u00fcr sie Zwingburgen gest\u00fcrmt, und was die Erf\u00fcllten jubelnd verk\u00fcndigt haben, das soll nicht sein. Es wird zur\u00fcckgenommen. Ich will es zur\u00fccknehmen,\u201c so der Protagonist Adrian Leverk\u00fchn. Doch was trieb den Literaturpreistr\u00e4ger Mann dazu, Beethovens \u201eNeunte\u201c zur\u00fccknehmen zu wollen?<\/p>\n<h4>Von links bis rechts<\/h4>\n<p>Beethovens 9. Symphonie orchestrierte die Welt, ob von links oder von rechts. Als Hymne der Befreiung aus geistiger Sklaverei, selbstherrlichem Despotentum erwachte sie als musikalisches Manifest der Arbeiterbewegung, trug sie doch wie kaum ein anderes Werk den Emanzipationsgedanken von Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit wie ein glorreiches Transparent vor sich her. Sie galt f\u00fcr die Lohnarbeiter als Befreiungsschlag gegen\u00fcber der Tyrannei eines entfesselten kapitalistischen Unterdr\u00fcckungssystems.<\/p>\n<h4>Ideologisierung durch den Diktator Josef Stalin<\/h4>\n<p>F\u00fcr den sowjetischen Diktator Josef Stalin, der Millionen von Menschen in die GuLags oder auf dem Schafott seiner Ideologien opferte, war sie \u201edie richtige Musik f\u00fcr die Massen\u201c, die \u201enicht oft genug aufgef\u00fchrt werden\u201c k\u00f6nne. Ein geradezu linksradikaler Beethovenkult hatte sich in der Stalin-\u00c4ra etabliert, eine Beethoven-Epidemie \u00fcberschwemmte regelrecht die sozialistische Sowjetrepublik und Beethovens Freiheitsideal wurde von den linken Machthabern instrumentalisiert, so dass vom urspr\u00fcnglichen Freiheitsgedanken rein nichts mehr \u00fcbrig bleiben sollte.<\/p>\n<p>Radikalisierte Stalin die \u201eOde an die Freiheit\u201c in ihrer Einseitigkeit, so fand auf der anderen Seite geradezu eine nationale Hysterie um Beethoven statt. Die deutschnationale Bewegung entflammte mit ihren Stereotypen f\u00fcr die 9. Symphonie, verdrehte die einstigen Ideale, stellte sie quasi vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe und rechtfertige samt ihrer den grausamen Kampf der NS-Regimes. Freiheit hie\u00df nun bei Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels, was die Nazis darunter verstanden: S\u00e4uberung von unwertem Leben, Volk ohne Raum-Politik und die Ausl\u00f6schung ganzer Ethnien wie sie sich im Holocaust spiegelte.<\/p>\n<h4>Beethovens Vereinnahmung durch die Nazis<\/h4>\n<p>Was der St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger und sp\u00e4tere Klassiker Friedrich Schiller einst in rauschhafter Freude verfasste und Beethoven in Musik verwandelte, entartet im Dritten Reich zur nationalistischen Hybris, zur Titanenmusik von Krieg, Terror und dem zweifelhaften Freiheitsgedanken der Nazis. So verk\u00fcndigte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1942 auf einer Feier der NSDAP zum 53. Geburtstag von Adolf Hitler: \u201eDiesmal sollen die Kl\u00e4nge der heroischsten Titanenmusik, die je einem faustischen deutschen Herzen entstr\u00f6mten, dieses Bekenntnis in eine ernste und weihevolle H\u00f6he erheben.\u201c Und Goebbels weiter: \u201eWenn am Ende unserer Feierstunde die Stimmen der Menschen und Instrumente zum gro\u00dfen Schlussakkord der neunten Sinfonie ansetzen, wenn der rauschende Choral der Freude ert\u00f6nt und ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe und Weite dieser Zeit bis in die letzte deutsche H\u00fctte hineintr\u00e4gt, wenn seine Hymnen \u00fcber alle Weiten und L\u00e4nder erklingen, auf denen deutsche Regimenter auf Wache stehen, dann wollen wir alle, ob Mann, ob Frau, ob Kind, ob Soldat, ob Bauer, ob Arbeiter oder Beamter, zugleich des Ernstes der Stunde bewusst werden und ihm auch das Gl\u00fcck empfinden, Zeuge und Mitgestalter dieser gr\u00f6\u00dften geschichtlichen Epoche sein zu d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte Beethoven, so er denn den Weitblick in die Zukunft gehabt h\u00e4tte, die \u201eNeunte\u201c gar nicht geschrieben, weil sie von links und rechts missbraucht wurde? Doch, er h\u00e4tte sie geschrieben, weil er als \u00fcberzeugter Idealist auch daran glaubte, dass man doch aus der Geschichte lernen kann und letztendlich die Freiheit \u00fcber die Tyrannei siegen wird.<\/p>\n<h1>Dem Coronavirus mit Vernunft begegnen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz13.03.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><em>Das Absurde regiert. Es regiert im Gewand eines Virus, der die Welt in Atem h\u00e4lt. Doch so sehr das Coronavirus sich ausbreiet, \u00c4ngste sch\u00fcrt; es gibt nichts Absurdes \u2013 gegen das sich der Mensch nicht stemmen kann. So absurd die Welt nach zwei Weltkriegen und dem grassierenden Virus auch ist, Rettung erw\u00e4chst vom rebellierenden Menschen. Das Coronaviurs zeigt aber auch: das Analoge regiert weiter die Welt. <\/em><\/p>\n<p>Camus\u2018 Philosophie ist eine im Wartestand. Denn weder glaubt er an die Verhei\u00dfungen der Ideologen und eilfertigen Theologen noch liefert er sich dem Nichts Sartres aus. Jenseits der Tablets, jenseits des Machbarkeitswahns bleibt sie, die Absurdit\u00e4t und erweist sich als t\u00e4gliche Konstante, der keiner entrinnt \u2013 hier hilft auch kein virtueller Verdr\u00e4ngungsmechanismus. Gr\u00f6\u00dfer als die Macht des Virtuellen bleibt das Analoge, das als Schicksal immer dann und gewaltig zuschl\u00e4gt, als Todeserfahrung, als Trennung oder Selbstentzweiung. Das Virtuelle verf\u00e4ngt nicht im Scheitern \u2013 das Analoge schon, denn es zeigt, dass sich Differenz- und Leiderfahrungen nicht virtualisieren lassen, dass bei allem Digitalisierungs- und Optimierungswahn die nackte Existenz bleibt. Vielleicht ist das Leben der technikaffinen Selbstoptimierer sogar absurder, weil es das rein Menschliche und Endliche verdr\u00e4ngt, weil es dem Leben gerade das nimmt, was es motiviert sich dagegen aufzulehnen \u2013 das Absurde, das Leid?<\/p>\n<h4><strong>Das Coronavirus als die Offenbarung des Absurden<\/strong><\/h4>\n<p>Die Selbstverschanzung und Vermummung hinter dem Virtuellen erweist sich n\u00e4mlich genau dann als sch\u00f6ner Schein, wenn das Leben, die Welt in ihrer Unendlichkeit, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit als Klimakrise oder neue Pest, als Coronavirus, die Hybris offenbart und sich in die Fratze des Absurden kleidet, der keiner mehr zu entrinnen vermag und die den Selbstoptimierern vielmehr die Atemmasken ins Antlitz dr\u00fcckt.<\/p>\n<p>So ist die Absurdit\u00e4t des Daseins mit der Pandemie wieder auf den Plan getreten und die Digitalisierer geraten in Anbetracht dessen in Verzweiflung, weil der Virus etwas ist, das sich nicht per Mausklick abschalten l\u00e4sst. Und aus dieser Ohnmacht heraus geriert sich ein neuer Pessimismus, der nicht nur allerorten regiert, sondern der mittlerweile Dimensionen annimmt, die selbst Kierkegaards \u201eKrankheit zum Tode\u201c radikal zu \u00fcberbieten scheint.<\/p>\n<p>Die Welt scheint aus den Fugen. Die hysterische Menschheit steht vor der Klippe. L\u00e4sst sie sich von Pessimismus und Resignation einfangen, springt sie gar in den Glauben wie einst Kierkegaard oder widersteht sie dem pandemischen Absurden durch Revolte, lehnt sie sich gegen das Schicksal auf?<\/p>\n<p><strong>Dem Absurden mit Vernunft begegnen<\/strong><\/p>\n<p>Camus\u2018 Pessimismus f\u00fchrt nicht in die Resignation, gebiert nicht l\u00e4hmende Unt\u00e4tigkeit, sondern sch\u00f6pft aus der Tiefe des Pessimismus heraus jene Kraft zur Revolte, die Behauptung der eigenen Existenz. \u201eEben weil die Welt ungerecht ist, m\u00fcssen wir f\u00fcr die Gerechtigkeit wirken. Und weil sie im Grunde absurd ist, m\u00fcssen wir ihr umso mehr Vernunft geben.\u201c Oder: Weil die Pandemie die Grenzen des Vern\u00fcnftigen sprengt, m\u00fcssen wir ihr mit mehr Vernunft begegnen, m\u00fcssen ein Scheitern-K\u00f6nnen in einen produktiven Sieg verwandeln, zumindest dieser Form des Absurden widerstehen oder es gar als reinigende Kraft begreifen, die uns das Schicksal in die H\u00e4nde gelegt hat, um der Selbstreflexion willen, um das Absurde als das zu verstehen, was es immer war, die Konfrontationslinie, der Sperrzaun, die Grenzmauer, die das Subjekt immer wieder in Frage stellt und ihm dadurch dennoch W\u00fcrde zur\u00fcckgibt.<\/p>\n<h4>Sein wie Sisyhos<\/h4>\n<p>Die Rebellion bleibt das letzte Wort Camus\u2018. Das Meer des Lebens auszutrinken ist das humanit\u00e4re Ideal des Einzelnen, der selbst, wenn er in seiner Individualit\u00e4t zu Grunde geht, buchst\u00e4blich nichts mehr von ihm bleibt, keine Tr\u00e4ne und selbst die Erinnerung nicht. Eben weil nichts von uns bleibt, weil uns die Geschichte wie die tosende Brandung, die an der Erde nagt, tilgt und hinwegtr\u00e4gt, wenn keine Tr\u00e4ne im endlosen Meer an uns erinnert, gilt es standhaft wie Sisyphos zu sein, gl\u00fccklich im Absurden, heroisch k\u00e4mpfend auch in Zeiten der Pandemie. Nur wenn wir standhalten, wenn wir den Irrsinn eines fast medial-metayphsich aufgeblasenem Coronavirus mutig entgegentreten, scheitern wir nicht endg\u00fcltig.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Solidarit\u00e4t, unsere Vernunft, unser Herz f\u00fcreinander sind auf eine Probe gestellt\u201c, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in Bezug auf die Bedrohung durch den Coronavirus. Und genau diese Menschlichkeit zu finden, meint Humanit\u00e4t im Sinne Albert Camus\u2019.<\/p>\n<h1>Was bleibt von Albert Camus? Sind wir nicht Verdr\u00e4nger des Absurden?<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz9.03.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><em>Selbstoptimierung, Selfie-Wahn, Happenings \u2013 wer nicht gut drauf ist, wirkt asozial. Konjunktur im Selbstbeweihr\u00e4ucherungsrausch haben die Sozialen Netzwerke, scheinen sie dem Menschen doch Halteseile der Gl\u00fcckseligkeit per se, Definitionen der je eigenen Existenz. Doch n\u00e4her betrachtet, sind sie banale und platte Verdr\u00e4ngungsoberfl\u00e4chen einer Unkultur, die im Fl\u00fcchtigen und Belanglosen den Augenblick feiern. Und damit stellt sich die Frage, ob ein Philosoph wie Albert Camus, dessen Denken immer wieder um das Absurde, die Absurdit\u00e4t des Lebens kreiste, im 21. Jahrhundert nicht eine reichlich obsolete Gr\u00f6\u00dfe geworden ist, mit dem zu philosophieren, bzw. von ihm aus die Welt zu denken, den Blick in die Zukunft eher verstellt als dass sie diese bef\u00f6rdert? <\/em><\/p>\n<p>Die st\u00e4hlernen Kolosse faschistischer und kommunistischer Ideologie sind verschwunden, doch Ungerechtigkeit, Intoleranz und Kriege geblieben. Das absolute Gl\u00fcck liegt weiterhin in den Sarkophagen und die Wahrheit wird der Meinungsmache geopfert. Geistige GuLags werden errichtet und die Freiheit Andersdenkender steht im Bannstrahl etablierter Deutungshoheiten. Das Irrationale \u00fcberwuchert die Vernunft, Fake News die Realit\u00e4t, das Bewusstsein taumelt von Happening zu Happening und wird nicht mehr Gewissen. Das Gl\u00fcck ist nicht n\u00e4her ger\u00fcckt und das Ungl\u00fcck nicht weniger geworden. Doch medial exponiert hat es sich, flimmert in Echtzeit vom Nord- zum S\u00fcdpol.<\/p>\n<h4><strong>Wenn \u201eThe Biggest Loser\u201c oder \u201eGermany\u2019s Next Topmodel\u201c mehr Seelenheiler sind<\/strong><\/h4>\n<p>Doch, so lie\u00dfe sich fragen, verliert das Ungl\u00fcck, das Absurde, damit nicht an Geltungskraft, weil es allgegenw\u00e4rtig die Auffassungs- und Emotionalit\u00e4t des Menschen \u00fcberfordert und so zu einer tolerierbaren, einkalkulierten Gr\u00f6\u00dfe wird, die man wegzappt, wenn die Spannungskurve der Negativit\u00e4ten \u00fcberschritten ist, \u201eThe Biggest Loser\u201c oder \u201eGermany\u2019s Next Topmodel\u201c mehr Seelenheiler werden als das Grauen der Welt dieser bereiten kann? Ist das Absurde Camus\u2018 im 21. Jahrhundert so nicht eine obsolete Gr\u00f6\u00dfe geworden, die den Blick in die Zukunft eher verstellt als dass sie diese bef\u00f6rdert? Denn das Scheitern-K\u00f6nnen geh\u00f6rt nicht mehr in den Katalog der Eitelkeiten des Erfolgsmenschen, der nur auf der \u00dcberholspur eilig seine Gewinne kassiert. So droht das Absurde in Zeiten von Handyanbetung und iPad-Seligkeit in die Vergessenheit zu kippen. Im Virtuellen, als neuer Unendlichkeit gedacht, wird die Endlichkeit gestrichen, die Sterblichkeit eher als Ballast als ein Sein-zum-Tode verstanden durch die Sinnfindung und -stiftung aber allererst m\u00f6glich wird. Und so manifestiert sich die Ego-Gesellschaft als neuer Mensch und weicht im Virtuellen selbst den Tod mit auf.<\/p>\n<h4>Per Mausklick ins Gl\u00fcck<\/h4>\n<p>Die neuen Oberfl\u00e4chen sind Transhumanismus, K\u00fcnstliche Intelligenz, Kryonik und Big Data. Und die neuen Reproduktionstechnologien sind drauf und dran, die Differenz zwischen Welt und Ich, f\u00fcr die bei Camus das Absurde stand, aufzul\u00f6sen und eine Kontinuit\u00e4t zu erzeugen, die auf absolute Erkl\u00e4rbarkeit, Plausibilit\u00e4t, Unsterblichkeit und letztendlich wieder auf einen Totalitarismus der \u00dcberwachung hinausl\u00e4uft. Auflehnung, Freiheit und Leidenschaft, Existentialien camus\u2019scher Gl\u00fccksfindung gehen Gefahr, in ihr Gegenteil zu kippen, in Angepasstheit und Uniformit\u00e4t. Freiheit wird als Einsicht in das Notwendige verstanden und ger\u00e4t zur Schablone der sch\u00f6nen, neuen Welt. Die Leidenschaft verkommt zur Schim\u00e4re in einer technikaffinen Welt, die in die Brunnenstuben der Macht hinabsteigt und das Bild des Menschen radikal zu \u00e4ndern sucht. Und die Leidenschaft als das Netz, das emotional verf\u00e4ngt, abzustreifen, ist die neue Resilienz ungest\u00f6rter Selbstbehauptung, die sich in der iPhone Vereinsamung eine Welt erschafft, die keine Grenze mehr kennt, f\u00fcr die sich die camus\u2019sche Ambivalenz von Sinnhaftigkeit und Gl\u00fcck und der Erfahrung der Sinnlosigkeit gar nicht mehr stellt, per Mausklick ins Gl\u00fcck.<\/p>\n<h4>Eben weil die Welt ungerecht ist, m\u00fcssen wir f\u00fcr die Gerechtigkeit wirken<\/h4>\n<p>Camus\u2018 Philosophie des Absurden mag bei n\u00e4herer Betrachtung genau die richtige Weltanschauung f\u00fcr flei\u00dfige und tapfere Menschen sein, die von der Vergeblichkeit all ihrer Anstrengungen \u00fcberzeugt sind, und die dennoch ihre W\u00fcrde behalten wollen, die in aussichtsloser Lage arbeiten und k\u00e4mpfen und eben deshalb gro\u00df und vor sich selbst und den anderen gerechtfertigt sind.<\/p>\n<p>So bleibt Camus der Anwalt genau jener, die zwischen Sinnlosigkeit und Sinnsuche schwanken. Er ist es, der den Gedem\u00fctigten und Entrechteten eine Stimme verleiht, einen Humanismus ohne rettenden Anker zugleich, der ihnen aber im Angesicht ihres unw\u00fcrdigen Schicksals, in ihrer Endlichkeit und Absurdit\u00e4t Unendlichkeit und Ewigkeit verschafft. Denn zeigt sich wahre Gr\u00f6\u00dfe nicht im Scheitern und dennoch Standhalten, im Gedem\u00fctigtwerden und dennoch W\u00fcrdigsein?<\/p>\n<h4>Das Absurde l\u00e4sst sich nur \u00e4sthetisch rechtfertigen<\/h4>\n<p>Die Form der Vergegenw\u00e4rtigung bleibt f\u00fcr den Literaturpreistr\u00e4ger Camus dabei die Kunst und der K\u00fcnstler ihr Chronist. \u201eDie absurde Welt l\u00e4sst sich nur \u00e4sthetisch rechtfertigen\u201c, notiert er Ende 1942 in seinem Tagebuch. Von Homers \u201eIlias\u201c bis hin zu John Waynes \u201eAlamo\u201c \u2013 die gewaltigsten Heldenepen sind Epen des Untergangs. So degradieren die Feuer des versinkenden Trojas die griechischen Sieger zu zuckenden Schatten. Es waren nicht die siegreichen Griechen, sondern die geschlagenen und dem Tode \u00fcberlieferten Trojaner, die im Scheitern ihre existentielle W\u00fcrde dokumentierten. Ein Trost bleibt also, selbst in einer Welt, wo das Absurde regiert. Ein Trost, der das Resignieren aufl\u00f6st, solange er sich mutig dem Kampf stellt. Das macht Camus so aktuell, gerade in Zeiten von Fl\u00fcchtlingskrise, Hungersn\u00f6ten, einem heraufeilenden Klimawandel und einem sich in Windeseile verbreitenden neuartigen Coronavirus. All diesen Miseren ist, so w\u00fcrde Camus sagen, nicht gleichg\u00fcltig zu begegnen, sondern die \u201eAuflehnung stellt die Welt in jeder Sekunde in Frage\u201c, denn der absurde Mensch ist das Gegenteil des Vers\u00f6hnten. \u201eDer absurde Mensch kann alles nur aussch\u00f6pfen und sich selbst ersch\u00f6pfen. Das Absurde ist seine \u00e4u\u00dferste Anspannung, an der er best\u00e4ndig mit einer unerh\u00f6rten Anstrengung festh\u00e4lt; denn er wei\u00df: in diesem Bewusstsein und in dieser Auflehnung bezeugt er Tag f\u00fcr Tag eine einzige Wahrheit, die Herausforderung\u201c.<\/p>\n<h1>Albert Camus: Mit Sisyphos gegen die Absurdit\u00e4t<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz24.02.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>\u201eEtsi deus non daretur\u201c \u2013 zu Leben als ob es Gott nicht g\u00e4be. F\u00fcr Dietrich Bonhoeffer war es die Lebensmaxime eines bekennenden Christen. F\u00fcr Albert Camus, den Denker des Absurden, ist es die Herausforderung des Lebens, das in einer sinnlosen Welt nur die Revolte proben kann, dem aber alle metaphysischen R\u00fcckversicherungen unm\u00f6glich bleiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr manche ist das Leben ein Honigkuchen wie f\u00fcr den jungen Augustinus vor den \u201eBekenntnissen\u201c, dem man sich hedonistisch in wilder Leidenschaft ergeben kann, f\u00fcr andere eines, das in stoischer Gelassenheit zu ertragen sei \u2013 und das schlie\u00dflich darin kulminiert, sein Schicksal anzunehmen wie es der gro\u00dfe Seneca formulierte. F\u00fcr andere wiederum ist es nichts anderes als eine absurde Realit\u00e4t, die im noch absurderen Tod endet.<\/p>\n<h4>Philosophie des Absurden<\/h4>\n<p>Es war Albert Camus, der 1960, vor sechzig Jahren, bei einem Autounfall tragisch verstorben ist, der zum Denker des Absurden wurde. Mehr noch: Camus\u2018 Existentialismus ger\u00e4t zu einer \u201ePhilosophie des Absurden\u201c, die den Menschen in seinem Hier- und Dasein quasi umstellt. Aus dieser Absurdit\u00e4t als Faktum gibt es keinen Ausweg, keinen Notfallplan, kein Heil; hier w\u00e4chst das Rettende nicht als metaphysische Qualit\u00e4t vom Himmel, sondern schmiegt sich buchst\u00e4blich an den Lehm der Erde. \u201eWenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen. Sobald dieser Begriff sich in ein Sprungbrett zur Ewigkeit verwandelt, ist er nicht mehr mit der menschlichen Hellsichtigkeit verbunden. Dann ist das Absurde nicht mehr die Evidenz, die der Mensch feststellt, ohne in sie einzuwilligen. Der Kampf ist dann vermieden\u201c, hei\u00dft es bei Camus.<\/p>\n<p>Anders als bei S\u00f6ren Kierkegaard, der aus der \u201eKrankheit zum Tode\u201c in den Glauben springt, anders als Nietzsches Amor fati, das den \u00dcbermenschen zum neuen Gott macht und anders als der marxistisch eingef\u00e4rbte Existentialismus Jean-Paul Sartres, ist das Absurde f\u00fcr Camus das Meer, das den Menschen umstellt, es auszutrinken doch seine Aufgabe bleibt.<\/p>\n<h4>Das Transzendente l\u00e4sst sich nicht \u00f6ffnen<\/h4>\n<p>Religi\u00f6ses Hoffen auf Erl\u00f6sung ist ihm ebenso fremd wie irgendein Idealismus. Aber gerade im Fehlen dieser transzendenten Momente zeigt sich seine neue qualitative Freiheit, die Freiheit des Auf-sich-selbst-Gestelltseins. Und diese ist es, die in einer absurd-sinnleeren Welt zum Movens wird, zur Gestaltungskraft gegen das Absurde zu rebellieren, selbst wenn dieses das Umgreifende bleibt, sinnlos und ohne Ziel. Und diese Existenz des Absurden l\u00e4sst sich nicht verleugnen, da dieses weder im Menschen noch in der Welt allein ist, sondern weil es seine unbezwingbare Macht daraus bezieht, nichts von beiden zu sein und damit uneinholbar immer schon dem Bewusstsein vorausliegt. Diese Unvereinbarkeit von Mensch und Welt ist immer schon gesetzt, zwingt diesen aber dadurch, sich die Welt anzueignen.<\/p>\n<p>Doch damit ist er allein auf sich gestellt. Der einstige G\u00f6tterhimmel ist verblasst und das Absurde regiert so im Gewand des Gottesverlustes des Atheisten, der sich kein Jenseits mehr vorzustellen vermag, weil Gott f\u00fcr ihn ohnehin tot ist. Und so w\u00fcrfelt sich das Absurde wahllos in das Schicksal hinein, es ist buchst\u00e4blich banal zuhanden, vermag es doch \u201ejeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Stra\u00dfenecke anspringen.\u201c Es bleibt existentiell, greift in die Tiefen der Seele aus und vollzieht die negativen Br\u00fcche des Daseins. Als Qualit\u00e4t des Seins ist es totalit\u00e4r, unabwendbar und unerkennbar und nagt faktisch an jeder Existenz.<\/p>\n<h4>Wider den Nihilismus in einer absurden Welt<\/h4>\n<p>Und dennoch verf\u00e4llt Camus bei aller Radikalit\u00e4t, wie er das Absurde denkt keinem Nihilismus, sondern pl\u00e4diert f\u00fcr einen heroischen Pessimismus, der aus der Sinnlosigkeit heraus, Sinn stiften kann, aus der Absurdit\u00e4t die Revolte zu entz\u00fcnden vermag und das Aufbegehren gegen Unrecht, Inhumanit\u00e4t, Totalitarismus und Fundamentalismus.<\/p>\n<h4>Das Gl\u00fcck des Sisyphos<\/h4>\n<p>Die M\u00fchen und Banalit\u00e4ten des Alltages gilt es zu ertragen und aus dem Ewig-Gleichen, aus der Wiederholung des scheinbar Sinnlosen, Gl\u00fcck zu sch\u00f6pfen. F\u00fcr dieses Gl\u00fcck jenseits des Sinnlosen steht letztendlich die mythologische Figur des Sisyphos, stellvertretend f\u00fcr alle Menschen, der sein Schicksal bejaht, indem er es annimmt, den Stein immer wieder den Berg hinaufrollt, in dem Wissen, dass er im Nu wieder bergab f\u00e4llt. Aber in der Reflexion dar\u00fcber gewinnt er seine Freiheit und sein Gl\u00fcck. Oder wie es Camus beschreibt: \u201eIch sehe wie dieser Mann [\u2026] zu der Qual hinuntergeht, deren Ende er nicht kennt. Diese Stunde, die gleichsam ein Aufatmen ist und ebenso zuverl\u00e4ssig wiederkehrt wie sein Unheil, ist die Stunde seines Bewusstseins. In diesen Augenblicken, in denen er den Gipfel verl\u00e4sst und allm\u00e4hlich in die H\u00f6hlen der G\u00f6tter entschwindet, ist er seinem Schicksal \u00fcberlegen.\u201c<\/p>\n<p>Sisyphos verneint nicht die Welt wie Arthur Schopenhauer an sich, sondern begreift das Negative als Vorlage der Selbstverwirklichung. \u201eDarin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal geh\u00f6rt ihm. [\u2026] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung h\u00f6rt nicht mehr auf. [\u2026] Dar\u00fcber hinaus wei\u00df er sich als Herr seiner Tage. [\u2026] Wir m\u00fcssen uns Sisyphos als einen gl\u00fccklichen Menschen vorstellen.\u201c<\/p>\n<h4>W\u00fcrde im Scheitern<\/h4>\n<p>Indem der tragische Held Sisyphos scheitert, dokumentiert er seine W\u00fcrde. Und darin zeigt sich die W\u00fcrde eines jedes Menschen, der gegen die Sinnlosigkeit seines Schicksals aufbegehrt. Es kommt darauf an, diese im Scheitern zu manifestieren und zur Chiffre, zum Symbol, werden zu lassen.<\/p>\n<p>Und wenn Camus im \u201eMythos des Sisyphos\u201c noch das individuelle Schicksal als \u201eGewissheit eines erdr\u00fcckenden Schicksals\u201c umschreibt, geht er im \u201eDer Mensch in der Revolte\u201c \u00fcber dieses hinaus. Der allen Menschsein zugrunde liegende gemeinsame Wert ist die \u201emenschliche Natur\u201c, ohne sie einzubeziehen oder zu setzen, ergibt die Revolte keinen Sinn. Und diese zeigt sich eben darin, dass es nun die Gemeinschaft ist, die rebelliert, die sich gegen die Absurdit\u00e4ten auflehnt und Solidarit\u00e4t und \u201emenschliche W\u00e4rme\u201c dagegensetzt.<\/p>\n<h4>Die Emp\u00f6rung als Revolte<\/h4>\n<p>Indem sich der Mensch emp\u00f6rt, erschafft er das \u201eWir\u201c, das nach Gerechtigkeit schreit. \u201eDie weder von Gott noch in der Geschichte ihren Frieden finden, verurteilen sich dazu, f\u00fcr die zu leben, welche, wie sie, nicht leben k\u00f6nnen: die Gedem\u00fctigten.\u201c Die \u201eBr\u00fcderlichkeit der Menschen, die gegen das Fatum k\u00e4mpfen\u201c, soll zu einer Zivilisation, zu einer neuen Revolte ohne Mord und Totschlag f\u00fchren, \u201ein welcher die Dienste, die jedermann den anderen schuldet, ausgewogen sind durch das Nachdenken, die Mu\u00dfe und die Teilhabe am Gl\u00fcck, die jedermann sich selbst schuldig ist\u201c.<\/p>\n<p>Wie sagte Camus seinerzeit in seiner Nobelpreisrede in Stockholm? \u201eW\u00e4hrend die totalit\u00e4re Gesellschaft auf Grund ihrer Wesensart den Freund zwingt, den Freund auszuliefern, wollen wir daran denken, da\u00df die westliche Gesellschaft trotz all ihrer Irrungen immer wieder jenen Menschenschlag hervorbringt, der die Ehre des Lebens hochh\u00e4lt, das hei\u00dft jenen Schlag, der selbst dem Feind die Hand entgegenstreckt, um ihn vor dem Ungl\u00fcck oder dem Tod zu retten.\u201c<\/p>\n<h4>Der Terror von Hanau und Camus\u2019 menschliche W\u00e4rme<\/h4>\n<p>Nach Hanau scheint das Absurde wieder n\u00e4her ins Leben getreten zu sein. Der Terror, diesmal nicht von links, wie ihn Camus immer wieder kritisierte, hat sich den Alltag zur\u00fcckerobert, die Fratze des Absurden desmaskiert den b\u00fcrgerlichen Rechtsstaat. Doch die Menschheit, die westliche, rebelliert im Angesicht des Absurden und schafft den neuen Geist der Vers\u00f6hnung, eben im \u201eWir\u201c, das nach Gerechtigkeit schreit. Im Anblick der Grausamkeiten dieser Welt bleibt Camus\u2018 menschliche W\u00e4rme und z\u00fcndet Kerzen an, wo das Absurde in die Brunnenstuben des B\u00f6sen gestiegen ist und die Gesellschaft an den Grundfesten ersch\u00fcttert.<\/p>\n<h1>\u201eDie gro\u00dfe Klammer \u2013 eine Theorie der Normalit\u00e4t\u201c<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz16.02.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Was ist eigentlich normal? In Th\u00fcringen momentan wohl wenig. Passend zur Karnevalszeit geht es im Erfurter Landtag drunter und dr\u00fcber. Wie konnte es dazu kommen? Eine ziemlich h\u00e4ufige Antwort von Kommentatoren ist die, dass sich Geschichte wiederhole. Die 20er Jahre waren bereits vor 100 Jahren ein Jahrzehnt des gro\u00dfen Durcheinanders, vor allem aber des Verlustes von Normalit\u00e4t. Heute erscheint die Lage kaum anders: mehr als 54% der W\u00e4hler hatten im Herbst 2019 Parteien ins Parlament gew\u00e4hlt, die als nicht normale \u2013 jedenfalls in einem \u00fcbergeordneten Zusammenhang \u2013 betrachtet werden.<\/p>\n<p>Wie kann daraus normale Politik erwachsen? Zum Thema Normalit\u00e4t hat Hans Martin Esser einen lesenswerten Essay geschrieben (\u201eDie gro\u00dfe Klammer \u2013 eine Theorie der Normalit\u00e4t\u201c, Kulturverlag Kadmos). Dabei besch\u00e4ftigt er sich sehr tiefgehend und zugleich humorvoll-polemisch damit, wie Normalit\u00e4t entsteht, jenseits von moralisierenden Forderungen, obwohl Normalit\u00e4t doch gern als moralische Kategorie bem\u00fcht, gar missbraucht wird.<\/p>\n<h4>\u00a0Normalit\u00e4t als Ph\u00e4nomen<\/h4>\n<p>Wie entsteht nun das Normale? Gem\u00e4\u00df Esser ist Normalit\u00e4t vor allem ein Ma\u00dfstab, der aus Gruppendenken erw\u00e4chst und der Bequemlichkeit aller dient. Normalit\u00e4t bricht Komplexit\u00e4t herunter. Jedes Wort ist gem\u00e4\u00df Nietzsche ein Vorurteil. So sind es S\u00e4tze gem\u00e4\u00df Esser erst recht Vorurteile, nicht zuletzt aufgrund ihrer standardisierten Floskelhaftigkeit. Aussagen wie \u201eNie wieder Krieg\u201c sind solche Narrative, also einge\u00fcbte S\u00e4tze, die die Kultur einer Gruppe pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Sie werden zu den Geschichten, die man sich als Richtschnur hernimmt in den Gemeinschaften, denen man angeh\u00f6rt, um nicht anzuecken und sich zu orientieren im gro\u00dfen Chaos. Das Normale entsteht nach Lesart der \u201egro\u00dfen Klammer\u201c durch die \u00dcbereinkunft der anonymen Masse und einem \u2013 wie Esser es nennt Paradigmatiker-, einer Person, die die Richtung vorgibt. So ist sowohl das Christentum aus dem Paradigmatiker Jesus \u00fcber seine Anh\u00e4ngerschaft zu einer Normalit\u00e4t des Westens geworden. \u00c4hnlich funktionierte es auch bei Greta Thunberg und Che Guevara, die Standards pr\u00e4gten und noch immer pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Ohne eine hinreichende Zahl von Menschen, die sich mitziehen lassen, ist aber der Anf\u00fchrer aufgeschmissen. Meist entstehen neue Trampelpfade, wenn eine gro\u00dfe Anzahl mit der bisherigen Normalit\u00e4t nicht zufrieden ist. So w\u00e4ren sowohl Greta Thunberg als auch Donald Trump unbedeutend geblieben, wenn die bisherigen Verh\u00e4ltnisse als zufriedenstellend empfunden worden w\u00e4ren. Gem\u00e4\u00df Essers Essay kann die gro\u00dfe Klammer Normalit\u00e4t brechen. Die \u00dcbereinkunft dar\u00fcber, was politisch und kulturell zu gelten hat, ist also nicht in Stein gemei\u00dfelt. So sehen wir nicht zuletzt in Th\u00fcringen, dass es anders als noch vor 20 Jahren wohl keine grunds\u00e4tzliche \u00dcbereinkunft gibt, was normal ist. Es brechen sich dann Echokammern mit Gleichgesinnten bahn, weil man auch dort auf eine Gruppen\u00fcbereinkunft angewiesen ist. So ist die Verst\u00e4ndigung auf das, was normal zu sein hat, Basis jeder Kultur, auch jeder Subkultur. Esser hantiert dort mit selbst kreierten Begriffen, nennt es Subnormalit\u00e4t, was man als Subkultur oder regionale Kultur bezeichnet. \u00dcberhaupt erscheinen Kultur und Normalit\u00e4t bei ihm oft als Synonyme.<\/p>\n<h4>Normalit\u00e4t als Waffe<\/h4>\n<p>Ohne Greta Thunberg und Donald Trump explizit zu erw\u00e4hnen, wird sofort klar, was mit Subnormalit\u00e4t gemeint ist. In der Anh\u00e4ngerschaft des paradigmatischen Anf\u00fchrers stiftet die \u00dcbereinkunft \u00fcber die Grenzen des Debattenkorridors Gemeinschaftsgef\u00fchl, oft in Abgrenzung zum anderen Lager.<\/p>\n<p>Hatte Carl Schmitt noch argumentiert, Macht sei die Deutungshoheit \u00fcber den Ausnahmezustand, dreht Esser den Spie\u00df um. Der Normalzustand ist logischerweise das Gegenteil des Ausnahmezustands. So sieht Esser Macht als Deutungshoheit \u00fcber das, was normal zu sein hat. Wie einst Nationen durch die \u00dcbereinkunft \u00fcber das Normale geklammert wurden, geht gerade heute ein Riss durch Nationen, der sich mit der Sympathie f\u00fcr Greta beziehungsweise Donald personifizieren l\u00e4sst. Die Lager bezichtigen sich gegenseitig der Unkultur. Fragt man nach dem Kriterium, warum man wiederum Donald Trumps beziehungsweise Greta Thunbergs Politik ablehnt, kommt es zu einem Kurzschlussargument, interessanterweise auf beiden Seiten mit den gleichen Worten: \u201eDie sind doch nicht normal, die Greta (bzw. Donald) folgen\u201c. Die Definitionshoheit \u00fcber das Normale wird dann zur Waffe beider Lager mit dem gleichen Argument, n\u00e4mlich mit dem Mangel an Normalit\u00e4t der Gegenseite.<\/p>\n<h4>Ein Wort des Trostes<\/h4>\n<p>Nun k\u00f6nnte man nicht zuletzt in Anbetracht der Unvers\u00f6hnlichkeit der politischen Lager, mit der sich die Parteien zurzeit nicht nur in Th\u00fcringen, England oder den USA gegen\u00fcberstehen, einen Niedergang sehen. Da hat Esser mit seiner Abhandlung \u201eDie gro\u00dfe Klammer\u201c einen Trost parat. In seiner Lesart gibt es als Konstante den Hang zur Bequemlichkeit bei allen Menschen. So argumentiert er \u00f6konomisch. Stets entsteht selbst in den vertracktesten Situationen Kriegsm\u00fcdigkeit und die Sehnsucht danach, nun endlich zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckzukehren. Kriegsm\u00fcdigkeit und Bequemlichkeit sind gerade die L\u00f6sungen der Konflikte.<\/p>\n<p>So steht die zerbrochene Klammer Normalit\u00e4t dann gem\u00e4\u00df Essers Interpretation wie Christus am dritten Tage von den Toten auf. Neben den Querverweisen zu Kunst und Liturgie gelingt es Esser leicht und elegant, komplizierte Ph\u00e4nomene mit einem Schuss Polemik zu w\u00fcrzen.<\/p>\n<p>\u201eDie gro\u00dfe Klammer \u2013 eine Theorie der Normalit\u00e4t\u201c (Kulturverlag Kadmos) von Hans Martin Esser ist daher unbedingt lesenswert und h\u00f6chst aktuell.<\/p>\n<p>Das Buch zur Stunde<\/p>\n<h1>Musik ist h\u00f6chste Offenbarung jenseits aller Weisheit und Philosophie<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.02.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><em>Es gibt Meisterdenker und Klassiker der Musikgeschichte. Ludwig van Beethoven war Deutschlands Genius der Symphoniekantate. Damit betrat er neuen Boden und schuf eine Musik, die auch nach zwei Jahrhunderten immer noch fasziniert. Vor 250 Jahren wurde das Genie in Bonn geboren, doch zu Ruhm wird er erst in seiner Wiener Zeit gelangen. Was aber fasziniert Beethoven an den Idealen der Aufkl\u00e4rung? Wir begeben uns auf Spurensuche.<\/em><\/p>\n<p>Vor 250 Jahren, am 17. Dezember 1770, wurde er in Bonn geboren, das Genie Ludwig van Beethoven. Und er war der Revolution\u00e4r in Geist und Musik, Sprengstoff pur, emotional wie ein Vulkan, ein \u00dcbermensch, der f\u00fcr eine neue Epoche der Musik steht und Mozarts fulminanter Klassik seine Symphoniekantate entgegensetzen wird. Bekannte sich der Salzburger Wunderknabe bereits in, \u201eLe nozze di Figaro\u201c, im \u201eDon Giovanni\u201c und in der \u201eDer Zauberfl\u00f6te\u201c zu den freiheitlich-b\u00fcrgerlichen und antimonarchischen Idealen der Freimaurer, folgt ihm Beethoven dann, wenn er sich selbst als gl\u00fchender Verfechter der franz\u00f6sischen Revolutionsideen versteht, die er dann heroisch in seiner 9. Sinfonie als sein h\u00f6chstpers\u00f6nliches Glaubensbekenntnis manifestiert.<\/p>\n<h4>Der Ruf nach Freiheit war explosiv<\/h4>\n<p>Es war der Sieg der Aufkl\u00e4rung \u00fcber den Absolutismus. Was 1789 als Franz\u00f6sische Revolution begann, hatte die Weltgeschichte gr\u00fcndlich ver\u00e4ndert und die Fundamente der Moderne gezimmert. Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit pfiff es durch die Gassen und z\u00fcndete dann in den K\u00f6pfen jene Feuer, die seither f\u00fcr die Freiheit brennen. Ob die deutschen Idealisten, ob Friedrich Schiller oder die Romantiker \u2013 ihnen allen wurde Freiheit zum Losungswort von Dichtung und Kultur \u2013 und f\u00fcr den Bonner Ludwig van Beethoven zur Passion. Schillers Ode \u201eAn die Freude\u201c ist es, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, die er aber erst 1824, drei Jahre vor seinem Tod, grandios und gigantisch in Musik vollenden kann.<\/p>\n<h4>Beethovens Angst vor dem System Metternich<\/h4>\n<p>Schillers Ode, das \u201eumschlungen Millionen\u201c im vierten Satz von Beethovens Neunter, war auch f\u00fcr den Bonner Menschheitsideal. Und wie sich einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts \u00fcber den \u201ePoliceystaat\u201c beklagt, so litt auch Beethoven an der Bespitzelung, an der Restauration und einem aufstrebenden Adel unter Metternich nach dem Wiener Kongress 1814\/15. \u201eSprecht leise! Haltet euch zur\u00fcck! Wir sind belauscht mit Ohr und Blick\u201c, hei\u00dft es bekanntlich im Freiheitschor der einzigen Oper, dem \u201eFidelio\u201c. Der Ruf nach Freiheit drohte in Deutschland zumindest wieder zu ersticken. Und wie einst Jean-Jacques Rousseau ein \u201eZur\u00fcck zur Natur\u201c einklagen wird, so ist Beethovens Neunte ein Aufruf an das entm\u00fcndigte B\u00fcrgertum, liberal, grenzenlos, f\u00fcr die Ewigkeit der Menschheit gedacht, ein globaler Freiheitsruf par excellence, der mit Schiller an das Frankreich im Jahr 1789 erinnert und die Bande neu kn\u00fcpfen will.<\/p>\n<h4>Schiller, der Meisterdenker der Freiheit<\/h4>\n<p>Beethoven war ein gl\u00fchender Verfechter der franz\u00f6sischen Ideen und Schiller lieferte den Stoff dazu. 1885 hatte der Dichter in Leipzig-Gohlis f\u00fcr seinen Freund K\u00f6rner, wie Mozart ebenfalls Freimaurer und Aufkl\u00e4rer, die Strophen geschrieben, die Weltgeschichte machen sollten. Doch dieser Schiller war kein unbeschriebenes Blatt. War er doch der Autor der \u201eDie R\u00e4uber\u201c und in ganz Deutschland darob frenetisch gefeiert. Und Schiller selbst derzeit noch ein Ausgesto\u00dfener und Fl\u00fcchtiger, verbannt aus dem Herzogtum W\u00fcrttemberg unter Herzog Karl Eugen, hatte das Joch der Tyrannei endg\u00fcltig abgestreift. Der Verve der Ode war geballte Kraft eines Genius, der sich die Freiheit geradezu aus der Seele schreibt. Dieser Wille zur Unb\u00e4ndigkeit, dieser Frevel, die bestehende Ordnung kritisch zu hinterfragen, diese Lebendigkeit und dieser Pathos der Freiheitsbeschw\u00f6rung haben Beethoven, der seit 1802 zunehmend an Schwerh\u00f6rigkeit litt und dies im ber\u00fchmten \u201eHeiligenst\u00e4dter Testament\u201c verewigte, befl\u00fcgelt, gegen das R\u00e4derwerk des Absolutismus zu opponieren. Diese Energie hat dem Krankheitsgeplagten immer wieder das Blut in den Adern auflodern lassen.<\/p>\n<h4>Faszination und Geheimnis \u2013 Der wird keine Zehnte geben<\/h4>\n<p>Die 9. Sinfonie, die d-Moll-Symphonie, sei vergleichbar mit Da Vincis Mona Lisa, so zumindest hatte sie Claude Debussy 1901 beschrieben. Faszinierend und zugleich geheimnisvoll. Faszinierend wirkte sie auf Robert Schumann, f\u00fcr den sie einen Endpunkt markierte, wo Ma\u00df und Ziel der Instrumentalmusik ersch\u00f6pft seien. Von Erl\u00f6sung wird sp\u00e4ter Richard Wagner sprechen, da \u201eauf sie kein Fortschritt mehr m\u00f6glich\u201c sei, \u201edenn auf sie unmittelbar kann nur das vollendete Kunstwerk der Zukunft, das allgemeine Drama folgen.\u201c Der Barrikadenst\u00fcrmer Wagner, der Revolution\u00e4r, wurde sodann von den Aufst\u00e4ndischen feurig begr\u00fc\u00dft, als am 6. Mai 1849 die Alte Dresdner Oper in den Flammen aufging. \u201eHerr Kapellmeister, der \u201aFreude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken\u2019 hat gez\u00fcndet, das morsche Geb\u00e4ude ist in Grund und Boden verbrannt\u201c.<\/p>\n<h4>Musik ist h\u00f6chste Offenbarung jenseits aller Weisheit und Philosophie<\/h4>\n<p>F\u00fcr eine ganze Generation, f\u00fcr Berlioz \u00fcber Liszt bis hin zu Mahler wird die 9. Symphonie Prototyp f\u00fcr ein die Gattungsgrenzen \u00fcberschreitendes Kunstwerk bleiben, war sie doch, wie Beethoven generell von der Kraft der Musik \u00fcberzeugt gewesen war, \u201eh\u00f6here Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie\u201c zusammen.<\/p>\n<h4>Die Erl\u00f6sung wartet noch<\/h4>\n<p>Aber geheimnisvoll blieb sie auch, weil sie mit der Aura des Todes seltsam umwoben war, gar eine Offenbarung des nahen Endes bedeuten sollte. Beethoven wird keine \u201eZehnte\u201c mehr schreiben, ebenso wenig wie Anton Bruckner. Auch Gustav Mahler hatte Angst vor dem Begriff \u201eNeunte Symphonie\u201c. Und auch er wird seine nicht \u00fcberleben. Der Mythos der Neunten kulminierte so im Aberglauben, dass kein Symphoniker dar\u00fcber hinauskommen sollte. Wie sehr Segen und Fluch sich in ihr verbanden, brachte 1912 Arnold Sch\u00f6nberg auf den Punkt: \u201eDie Neunte ist eine Grenze. Wer dar\u00fcber hinaus will, muss fort. Es sieht aus, als ob uns in der Zehnten etwas gesagt werden k\u00f6nne, wof\u00fcr wir noch nicht reif sind. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht w\u00e4ren die R\u00e4tsel dieser Welt gel\u00f6st, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schrieb.\u201c<\/p>\n<h4>Mehr Aktualit\u00e4t Beethovens geht nicht<\/h4>\n<p>Sp\u00e4testens als Europahymne, die die 9. Symphonie seit 1972 ist, steht sie f\u00fcr Beethovens Wunsch nach universaler und globaler Freiheit. Jenseits von Blutrausch, Nationalismus und Chauvinismus, \u201ewas der Mode Schwerd getheilt\u201c, bleibt die Vision des Bonner Musikers zu h\u00f6chst aktuell in einem Europa, das sich \u201eEinheit in Vielfalt\u201c auf die Fahnen geschrieben hat. Und Beethoven wie Schiller sind auch nach \u00fcber 200 Jahren die geistigen Vordenker f\u00fcr eine Welt, wo gemeinsame Werte regieren, wo Verschiedenheit der Kulturen kein Frevel, sondern eine Bereicherung ist, und wo es den Gedanken zu verteidigen gilt, dass alle Menschen Br\u00fcder werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Das Genie feiert seinen 250. Geburtstag<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz17.01.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Er war genial, zu Lebzeiten verkannt und sein Ruhm sollte sich erst nach seinem Tod einstellen. Doch Friedrich H\u00f6lderlin, vor 250 Jahren in Lauffen am Neckar geboren, wurde einer der wichtigsten deutschen Dichter. Wir betreten ehrf\u00fcrchtig seine Spuren, begeben uns auf eine Entdeckungstour durch sein Leben und seine Kunst, die sp\u00e4ter ganze Generation in ihren Bann ziehen wird.<\/p>\n<p>Zu Lebzeiten verkannt, der \u201eHyperion\u201c floppte, doch H\u00f6lderlin k\u00e4mpfte. Er k\u00e4mpfte gegen die Zerrissenheit der Welt, gegen den Dualismus und die Knechtschaft der Unfreiheit. Er tr\u00e4umte von einem neuen G\u00f6tterhimmel und einem Universalreich der Poesie, das die Welt in einen ewigen Fr\u00fchling f\u00fchrt. Dieser H\u00f6lderlin, der vor 250 Jahren geboren wurde, ist durchaus eine moderne Existenz. Hin- und hergetrieben auf der Suche nach dem eigenen Selbst, dieses genauso \u00fcberwindend wie setzend \u2013 darin bleibt er \u00c4sthetiker, dem die Poesie alles werden sollte: genialischer Sinnentwurf und poetische \u00dcberwindung der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Jede Zeit hat H\u00f6hen und Tiefen, in denen sie manchmal mit Intellekt spart und die Ebenen mit Grausamkeiten und Blut \u00fcberzieht, in denen sie aber manchmal geradezu Geist gn\u00e4dig verschenkt. Eine komprimierte Zeit der Intellektuellen war das Deutschland von Aufkl\u00e4rung, Klassik und Romantik mit ihren Zentren in T\u00fcbingen, Heidelberg, Weimar und Jena. Geistesgeschichte pur, Zeit \u201cvollendeten Wissens\u201d.<\/p>\n<h2>Die Ver\u00e4nderung der Welt<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend einst in der Antike geistige Superstars wie Sokrates, Platon oder Aristoteles einer zweitausendj\u00e4hrigen Geschichte ihr Siegel aufdr\u00fcckten, die die kommende Weltgeschichte quasi in einer Fu\u00dfnote behandelte, wie Alfred North Whitehead schrieb, so war das Jahr 1770 ein ganz besonderes f\u00fcr den Geist der Philosophie und der \u00c4sthetik. Friedrich H\u00f6lderlin und Georg Friedrich Wilhelm Hegel werden es sein, die die Zeit, Welt und Geschichte ver\u00e4ndern.<\/p>\n<h2>Kant weiterdenken<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/hoelderlin-das-genie-feiert-250-geburtstag\/\">Es war ein gro\u00dfartiges Jahrhundert<\/a> \u2013 durchaus ebenb\u00fcrtig der Antike, der Renaissance und dem Mittelalter samt seinen Scholien und Kommentaren. Lessing hatte f\u00fcr mehr Toleranz unter den Religionen geworben, Immanuel Kant die Fackel der Aufkl\u00e4rung von David Hume und John Locke endg\u00fcltig entz\u00fcndet und Johann Gottlieb Fichte das absolute Ich zum Ausgangspunkt aller Philosophie gemacht. Der K\u00f6nigsberger Kant war Markstein, Quelle und \u00dcberbietungsanspruch zugleich, denn mit seinem wohlbekannten \u201eDing an sich\u201c, der immanenten Unerkennbarkeit der Welt oder Gottes, wollte man sich nicht zufriedengeben. Kant und Fichte galt es gleicherma\u00dfen zu \u00fcberbieten \u2013 und dazu hatten sich die T\u00fcbinger Jugendfreunde H\u00f6lderlin, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Hegel eingeschworen. Ihre gemeinsame Schrift war Programmansage. \u201eDas \u00e4lteste Systemprogramm des deutschen Idealismus\u201c ist nichts anderes als der Entwurf kantischer \u00dcberbietung. Eine \u201eunsichtbare Kirche\u201c wollten sie gr\u00fcnden, eine der Liebe gegen die kategorische Macht des Imperativs der Pflicht stellen. Ein Pendant zu Kants negativer Naturphilosophie galt es zu finden \u2013 und selbst das Absolute oder G\u00f6ttliche sollte nicht als ein \u201eAlso ob\u201c wieder Einzug finden im Geist der deutschen Idealisten. Eine Revolution der Denkungsart sollte es sein \u2013 und H\u00f6lderlin schickte sich an, dieses Projekt eigenst\u00e4ndig zu verwirklichen.<\/p>\n<h2>Eine fast romantische Existenz<\/h2>\n<p>Genial, begabt, sp\u00e4ter anmutig von \u00e4u\u00dferer Gestalt, ein Adonis gleicherma\u00dfen, erblickte der Dichter der Einsamkeit, der Natur und des G\u00f6ttlichen, vor 250 Jahren in Lauffen am Neckar das Licht der Welt. Von Selbsterm\u00e4chtigung einerseits, von tiefen Selbstzweifeln andererseits angetrieben, war H\u00f6lderlin ein Temperament, das zwischen Euphorie und tiefer Leidseligkeit, Weltanklage litt und schwankte. Eine fast typische romantische Existenz k\u00f6nnte man meinen, wenn er im Augenblick Gl\u00fcckseligkeit atmete und dann, wenn er in den Wirren der inneren Existenz zum Philosophieren neigte. Doch Romantiker war H\u00f6lderlin nie, Kunst war f\u00fcr ihn nie blo\u00dfes \u201eEreignis\u201c, Happening, und \u201eUniversalpoesie\u201c wie einst f\u00fcr Friedrich Schlegel nie die blo\u00df heitere Geselligkeit. Kunst wird f\u00fcr ihn zum Existential, wie es Martin Heidegger sp\u00e4ter denken wird.<\/p>\n<h2>Als Mensch ein Einsamer<\/h2>\n<p>Als Mensch bleibt H\u00f6lderlin ein Einsamer, ein Steppenwolf, der die Tiefe des Geistes in sich auslotete, der aber genauso lebensbegierig und trinkfest wie die \u00fcbrigen T\u00fcbinger Stiftler sein konnte, durchaus gesellig, doch dies alles auf Zeit, auf begrenzte Dauer. Zeit war in erster Linie Lebensinnenzeit, die Durchmessung der Seele in ihren Tiefen und H\u00f6hen, in ihrem kurzweiligen Gl\u00fccksrausch und erlauchten Liebesgef\u00fchlen, die aber in ihrer Dialektik immer wieder ins Gegenteil verfiel. Euphorie, gesteigertes Gl\u00fcckgef\u00fchl einerseits, die beide aber nur im Augenblick zu haben waren, wechselten mit der gr\u00f6\u00dften erdenklichen Schwermut andererseits. Eine br\u00fcchige Existenz war H\u00f6lderlins Wesen \u2013 und damit durchaus modern.<\/p>\n<h2>Die Idee der Humanit\u00e4t<\/h2>\n<p>H\u00f6lderlin, der Dichter der Schwaben, der wie Friedrich Nietzsche erst posthum Weltruf genie\u00dfen sollte, hatte es nicht leicht mit sich und der Welt, an der er litt, weil sie eben nicht so vollkommen wie die gelobte Antike war, weil sie so sehr im Gew\u00f6hnlichen und Unmenschlichen, in Knechtesgeist und Unfreiheit siedelte, voller Ungerechtigkeiten und fern der unendlichen Idee des Humanums. Nie sollte er gl\u00fccklich sein durch Liebe in dieser Welt der \u201eG\u00f6tterferne\u201c. Der Dualismus der Welt machte ihn krank, trieb ihn zu Spinozas Pantheismus und Friedrich Schillers gro\u00dfartiger sittlicher \u00c4sthetik. Der revolution\u00e4re Denker des Sturm und Dranges, der feinsinnige Marbacher Dichter, Geschichtsphilosoph und der Verfasser der \u201e\u00e4sthetischen Briefe\u201c, dem \u00c4sthetik zur B\u00fcrgerpflicht und eine \u00c4sthetisierung der Gesellschaft als Ideal vorschwebte, der nicht allein aus der Pflicht die Menschheit zu verbessern suchte, sondern mit der Schaub\u00fchne als moralischer Anstalt, Ethik und \u00c4sthetik feinsinnig miteinander zu synthetisieren suchte. Ihm war H\u00f6lderlin innig verbunden.<\/p>\n<h2>Schiller du H\u00f6lderlin \u2013 Liebe und Ambivalenz<\/h2>\n<p>Schiller, der H\u00f6lderlin oft \u201edas ist mein liebster Schwabe\u201c nannte, galt als Idol der Freiheit im pietistischen Schwaben und stellte zugleich den Gegenentwurf zum absoluten Monarchismus des w\u00fcrttembergischen Regenten dar. H\u00f6lderlin wird ihm hier folgen, wenn auch er sich inbr\u00fcnstig zu den Idealen der Franz\u00f6sischen Revolution bekennt. H\u00f6lderlin, der gem\u00e4\u00dfigte Jakobiner und Republikaner, wird aber dann von Schiller weichen, wenn dieser die Moderne als das bestimmen wird, das nicht mehr ins Arkadische zur\u00fcck kann. Doch gerade dieses Elysium der G\u00f6tter Griechenlands wird der Lauffener wieder beschw\u00f6ren, sei es durch Dionysios, den rasenden, baccantischen Gott, der 100 Jahre vor Nietzsches Dionysioskult bei H\u00f6lderlin als der Gott des Werdens gilt, der ins Offene treibt.<\/p>\n<h2>Der neue Schlachtruf Hen kai Pan<\/h2>\n<p>Und H\u00f6lderlin will sie wiedererrichten, die alte Welt, die ins Unendliche greift, sei es in Gott, in der Natur oder in der Poesie als Weltentwurf. Und er sucht die Verbindung von Endlichkeit und Unendlichkeit, er dichtet sie neu, um den Dualismus, das Zerrissene und Getrennte in einer qualitativ neuen Einfalt zu finden, im Hen kai Pan (Eins und Alles) der Antike, die ihm aber immer wieder in den H\u00e4nden zerbrechen wird. Der Schlachtruf gilt dem alten Griechenland, dem Elysium am P<em>eloponnes<\/em>.<\/p>\n<h2>Das Ich ist mehr als das von Fichte<\/h2>\n<p>Raus aus der philosophischen Isoliertheit des Ich, weg von Fichtes absoluten Ich als Prinzip aller Philosophie \u2013 darum geht es H\u00f6lderlin, der mit seiner Alleinheitslehre Spinoza, mit seinem Naturbegriff Rousseaus folgen wird. Statt sich setzender Ich-Philosophie, die f\u00fcr H\u00f6lderlin auf der anderen Seite im Nichts kulminiert, wird er den Begriff der intellektuellen Anschauung stellen, der Unmittelbarkeit, der intensivsten, moralisch-erotischen und erkenntnistheoretischen Einheit des Subjektiven und des Objektiven. Die intellektuelle Anschauung ist das unmittelbare Wissen in seiner absoluten Reinheit, die aber nur die eine Facette von Welterkenntnis sein kann, deren andere die permanente \u00dcberschreitung des subjektiven Bewusstseins sein soll. Nicht das Ich wird so zum Prinzip der Philosophie, sondern das \u201eIch\u201c, das per Poesie eine bessere Welt errichtet, ein Himmelreich auf Erden stiftet, erweitert um die nat\u00fcrliche Religion und den Volksgeist.<\/p>\n<h2>Die Suche nach dem absoluten Seyn<\/h2>\n<p>Dieses Absolute, f\u00fcr H\u00f6lderlin bleibt es unbestimmt, aber er nennt es Gott, das intiutive Empfinden der Natur und die Unendlichkeit gilt es aufzurichten, allein durch die poetische Kraft der Worte. Das Wort und H\u00f6lderlins moderne Sprache stiften Realit\u00e4t und was bleibt, stiftet nicht der Denker, sondern der Dichter, der die Welt erschafft, indem er die Sprache denkt oder dichtend die Welt erfindet. Die universale Einbildungskraft, die poetische Empfindung wird ihm jenseits von jedweden \u201eUrtheil\u201c zur sinngebenden Kraft des bergenden Seins. Und dieses absolute Seyn wird nicht durch den spaltenden Verstand geschieden, der zu Trennung und Vereinsamung f\u00fchrt, sondern allein durch die poetische Intuition wird die Wirklichkeit erfasst, denn wo Subjekt und Objekt vereinigt sind, ist Seyn in absoluter Vollendung. \u201eDie seelige Einheit, das Seyn, im einzigen Sinne des Worts, ist f\u00fcr uns verloren und wir mussten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten. Wir rei\u00dfen uns los vom friedlichen Hen kai Pan der Welt, um es herzustellen, durch uns Selbst. Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden alles Friedens, der h\u00f6her ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu Einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens. \u201c<\/p>\n<h2>Jenseits von aller Trennung muss Einheit sein<\/h2>\n<p>Und nach diesem greift H\u00f6lderlin in allen Phasen seines Lebens mit zaghafter und dennoch bestimmender Hand. Einheit, Vers\u00f6hnung und Harmonie werden die Ingredienzien eines Denkens, dem es um Objektivit\u00e4t geht, der das G\u00f6ttliche im Menschen sucht und das Menschliche im G\u00f6ttlichen. Wo sich Unendliches und Endliches ber\u00fchren, da verliert das Zweifeln seine tragische Kraft, zeigt sich die h\u00f6chste zu erbringende Einfalt, die durch die Negativit\u00e4ten des Daseins sich hindurch man\u00f6vriert hat und in der sich die h\u00f6chste Stufe freiheitlicher Vollendung zum Ausdruck bringt. Doch nur jenseits der Zeit vermag sich dieses Ereignis zu manifestieren, aber dieses immer wieder \u2013 jenseits der Trennung von Natur und Kultur \u2013 an-zudichten, h\u00f6chstes anzustrebendes Ziel.<\/p>\n<h2>Freiheit als spontaner Akt der Poesie<\/h2>\n<p>Ein Reich der Freiheit, der innerlichen wie der republikanischen zugleich zu errichten, eine \u201eunsichtbare Kirche\u201c, wie sie sich die T\u00fcbinger Freunde Schelling, Hegel und H\u00f6lderlin ertr\u00e4umten, wollte er errichten, eine wo die Kerze der Freiheit das Licht entz\u00fcndet und Freiheit zum A und O aller Kunst wird.<\/p>\n<p>Freiheit als spontaner Akt des Sch\u00f6pferischen wird f\u00fcr H\u00f6lderlin aber eben nicht philosophisch erdacht, sondern poetisch vollzogen, denn es bleibt die Poesie, die die Wirklichkeit stiftet. Poesie, und so will sie H\u00f6lderlin dichten, ist nicht Welt abbildend, sondern Welt erschaffend. Und was der Philosophie nicht gelingt, vermag wie im Hyperion die Poesie, denn sie allein vermag die Trennung des Daseins zu \u00fcberwinden und die Seynsverbundenheit erreichen. Oder anders formuliert: Das Seyn, das H\u00f6lderlin meint, ist das Reich der Sch\u00f6nheit und im k\u00fcnstlerischen Schaffen vereinigt sich Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft. Durch dieses freie Spiel der Kr\u00e4fte im Menschen, im freien Spiel, er\u00f6ffnet sich die M\u00f6glichkeit der Sch\u00f6nheit und der K\u00fcnstler \u00fcberwindet die Kluft zwischen \u201eUrtheil\u201c und \u201eSeyn\u201c und erf\u00e4hrt sich in inniger Seinsverbundenheit als Akteur, der die Wirklichkeit gestaltend ver\u00e4ndert, der \u201et\u00e4tig\u201c die Welt ver\u00e4ndert, wie es schon in Goethes \u201eFaust\u201c hie\u00df.<\/p>\n<p>In der \u00c4sthetik, in der Kunst des Sch\u00f6nen verbinden sich Politik, Religion und Philosophie. Die Kunst wird idealisch. Doch diese Kunst treibt ewig ins Offene, in die Weite und Zukunft, sie bleibt ein Sehnsuchtsort mythologisch-poetischer Erfindung, sie zu stiften, bleibt Aufgabe der Dichter.<\/p>\n<h2>Dem Ende entgegen<\/h2>\n<p>Ein \u201eHimmelreich\u201c auf Erden gibt es f\u00fcr H\u00f6lderlin ebenso wenig wie sp\u00e4ter f\u00fcr Heinrich Heine, denn das Dasein ist und bleibt der Ort der Differenz, dieses zu ertragen, Schicksal. Dieses Nich-bei-sich-Selbst-Sein ist es, was H\u00f6lderlin nicht ertr\u00e4gt und wo er h\u00f6chst selbst daran scheitern wird, er, der 1801-02 in der h\u00f6chsten Bl\u00fcte der Vollendung stand. Am 15. September 1806 bricht H\u00f6lderlin zusammen, wie sp\u00e4ter Nietzsche in Turin. Die Autenriethischen Kliniken in T\u00fcbingen werden ihm Heimat, sp\u00e4ter der ber\u00fchmte Dichterturm am Neckar, wo er nach 37 Jahren \u2013 wach, sich selbst entfremdet, ichlos seinerseits, in hybrider Selbststeigerung andererseits am 7. Juni 1843 stirbt.<\/p>\n<h2>Jenseits der Subordination<\/h2>\n<p>Das Wagnis des Lebens, die hohe Sensibilit\u00e4t hat H\u00f6lderlin, der nie Priester der Orthodoxie, der Subordination und der Theologie werden wollte, besteht in der An- und Abwesenheit der G\u00f6tter, im Sich-Verbergen und Ent-Bergen, doch diese Differenz sucht nach Synthese, die sich entweder im Augenblick oder in der Zukunft, in der Offenheit ereignet. H\u00f6lderlin wollte sich mit der Entzauberung der Welt nicht abfinden, ist aber an ihren Differenzen gescheitert.<\/p>\n<h2>Wie modern ist H\u00f6lderlin?<\/h2>\n<p>Insofern ist H\u00f6lderlin modern, weil er im Selbstbewusstsein einen Abgrund sieht, ein Nichts, das sich nach neuen rettenden Ufern umsieht; weil er Differenz als etwas h\u00f6chst existentielles begreift, die das Leben herausfordert, vorantreibt und als Wesenszug der Moderne ewig in die Gr\u00e4ben des Schicksals greift; weil er das Ich als Spur eines H\u00f6heren \u2013 politisch gar als Nation \u2013 begreift, an dem es sich abarbeitet und sich wom\u00f6glich verliert; weil er Kunst als eine Tat begreift, die nicht um ihretwillen geschieht, sondern den Menschen im Dienste der Freiheit zu Sittlichkeit erzieht.<\/p>\n<h2>Liberaler Weltentwurf<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/250-geburtstag-von-friedrich-hoelderlin\/\">H\u00f6lderlins Vision bleibt eine freie Menschheit<\/a>, wo Individuum und Gesellschaft, wie einst bei Schiller, ineinander spielen, wo Kunst als Imperativ der Freiheit den neuen Menschen hervorbringt, der den Idealen der Franz\u00f6sischen Revolution und des liberalen Weltentwurfs \u2013 und heute dem Grundgesetz und der Charta der Vereinten Nationen \u2013\u00a0 als freier Mensch auf freier Erde steht und der die Sch\u00f6pfung zu wahren sucht, insbesondere die Natur, die er nicht auf blo\u00dfe Materialit\u00e4t verk\u00fcrzen will, sondern als unendliche und nicht zu vernutzende herausstellt, die zu umhegen und zu pflegen sei.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re H\u00f6lderlin heute einerseits ein \u201eGr\u00fcner\u201c, aber andererseits auch ein Konservativer, weil er Bewahren will, ohne dogmatisch zu sein, einer, der aus der Geschichte heraus in die Zukunft greift, ohne zu belehren, sondern mittels der poetischen Einbildungskraft den Menschen anzustiften, das Bessere zu tun, praktisch t\u00e4tig zu werden.<\/p>\n<h1>Durch Poesie aus der Zerissenheit des Daseins I.<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz2.01.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Zu Lebzeiten verkannt, der \u201eHyperion\u201c floppte, doch H\u00f6lderlin k\u00e4mpfte. Er k\u00e4mpfte gegen die Zerrissenheit der Welt, gegen den Dualismus und die Knechtschaft der Unfreiheit. Er tr\u00e4umte von einem neuen G\u00f6tterhimmel und einem Universalreich der Poesie, das die Welt in einen ewigen Fr\u00fchling f\u00fchrt. Dieser H\u00f6lderlin, der vor 250 Jahren geboren wurde, ist durchaus eine moderne Existenz. Hin- und hergetrieben auf der Suche nach dem eigenen Selbst, dieses genauso \u00fcberwindend wie setzend \u2013 darin bleibt er \u00c4sthetiker, dem die Poesie alles werden sollte: genialischer Sinnentwurf und poetische \u00dcberwindung der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Jede Zeit hat H\u00f6hen und Tiefen, in denen sie manchmal mit Intellekt spart und die Ebenen mit Grausamkeiten und Blut \u00fcberzieht, in denen sie aber manchmal geradezu Geist gn\u00e4dig verschenkt. Eine komprimierte Zeit der Intellektuellen war das Deutschland von Aufkl\u00e4rung, Klassik und Romantik mit ihren Zentren in T\u00fcbingen, Heidelberg, Weimar und Jena. Geistesgeschichte pur, Zeit \u201cvollendeten Wissens\u201d.<\/p>\n<h4>Die Ver\u00e4nderung der Welt<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend einst in der Antike geistige Superstars wie Sokrates, Platon oder Aristoteles einer zweitausendj\u00e4hrigen Geschichte ihr Siegel aufdr\u00fcckten, die die kommende Weltgeschichte quasi in einer Fu\u00dfnote behandelte, wie Alfred North Whitehead schrieb, so war das Jahr 1770 ein ganz besonderes f\u00fcr den Geist der Philosophie und der \u00c4sthetik. Friedrich H\u00f6lderlin und Georg Friedrich Wilhelm Hegel werden es sein, die die Zeit, Welt und Geschichte ver\u00e4ndern.<\/p>\n<h4>Kant weiterdenken<\/h4>\n<p>Es war ein gro\u00dfartiges Jahrhundert \u2013 durchaus ebenb\u00fcrtig der Antike, der Renaissance und dem Mittelalter samt seinen Scholien und Kommentaren. Lessing hatte f\u00fcr mehr Toleranz unter den Religionen geworben, Immanuel Kant die Fackel der Aufkl\u00e4rung von David Hume und John Locke endg\u00fcltig entz\u00fcndet und Johann Gottlieb Fichte das absolute Ich zum Ausgangspunkt aller Philosophie gemacht. Der K\u00f6nigsberger Kant war Markstein, Quelle und \u00dcberbietungsanspruch zugleich, denn mit seinem wohlbekannten \u201eDing an sich\u201c, der immanenten Unerkennbarkeit der Welt oder Gottes, wollte man sich nicht zufriedengeben. Kant und Fichte galt es gleicherma\u00dfen zu \u00fcberbieten \u2013 und dazu hatten sich die T\u00fcbinger Jugendfreunde H\u00f6lderlin, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Hegel eingeschworen. Ihre gemeinsame Schrift war Programmansage. \u201eDas \u00e4lteste Systemprogramm des deutschen Idealismus\u201c ist nichts anderes als der Entwurf kantischer \u00dcberbietung. Eine \u201eunsichtbare Kirche\u201c wollten sie gr\u00fcnden, eine der Liebe gegen die kategorische Macht des Imperativs der Pflicht stellen. Ein Pendant zu Kants negativer Naturphilosophie galt es zu finden \u2013 und selbst das Absolute oder G\u00f6ttliche sollte nicht als ein \u201eAlso ob\u201c wieder Einzug finden im Geist der deutschen Idealisten. Eine Revolution der Denkungsart sollte es sein \u2013 und H\u00f6lderlin schickte sich an, dieses Projekt eigenst\u00e4ndig zu verwirklichen.<\/p>\n<h4>Eine fast romantische Existenz<\/h4>\n<p>Genial, begabt, sp\u00e4ter anmutig von \u00e4u\u00dferer Gestalt, ein Adonis gleicherma\u00dfen, erblickte der Dichter der Einsamkeit, der Natur und des G\u00f6ttlichen, vor 250 Jahren in Lauffen am Neckar das Licht der Welt. Von Selbsterm\u00e4chtigung einerseits, von tiefen Selbstzweifeln andererseits angetrieben, war H\u00f6lderlin ein Temperament, das zwischen Euphorie und tiefer Leidseligkeit, Weltanklage litt und schwankte. Eine fast typische romantische Existenz k\u00f6nnte man meinen, wenn er im Augenblick Gl\u00fcckseligkeit atmete und dann, wenn er in den Wirren der inneren Existenz zum Philosophieren neigte. Doch Romantiker war H\u00f6lderlin nie, Kunst war f\u00fcr ihn nie blo\u00dfes \u201eEreignis\u201c, Happening, und \u201eUniversalpoesie\u201c wie einst f\u00fcr Friedrich Schlegel nie die blo\u00df heitere Geselligkeit. Kunst wird f\u00fcr ihn zum Existential, wie es Martin Heidegger sp\u00e4ter denken wird.<\/p>\n<h4>Als Mensch ein Einsamer<\/h4>\n<p>Als Mensch bleibt H\u00f6lderlin ein Einsamer, ein Steppenwolf, der die Tiefe des Geistes in sich auslotete, der aber genauso lebensbegierig und trinkfest wie die \u00fcbrigen T\u00fcbinger Stiftler sein konnte, durchaus gesellig, doch dies alles auf Zeit, auf begrenzte Dauer. Zeit war in erster Linie Lebensinnenzeit, die Durchmessung der Seele in ihren Tiefen und H\u00f6hen, in ihrem kurzweiligen Gl\u00fccksrausch und erlauchten Liebesgef\u00fchlen, die aber in ihrer Dialektik immer wieder ins Gegenteil verfiel. Euphorie, gesteigertes Gl\u00fcckgef\u00fchl einerseits, die beide aber nur im Augenblick zu haben waren, wechselten mit der gr\u00f6\u00dften erdenklichen Schwermut andererseits. Eine br\u00fcchige Existenz war H\u00f6lderlins Wesen \u2013 und damit durchaus modern.<\/p>\n<h1>H\u00f6lderlin &#8211; Mit Friedrich Schiller \u00fcber Johann Gottlieb Fichte hinweg II.<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.01.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Raus aus der philosophischen Isoliertheit des Ich, weg von Fichtes absoluten Ich als Prinzip aller Philosophie \u2013 darum geht es H\u00f6lderlin, der mit seiner Alleinheitslehre Spinoza, mit seinem Naturbegriff Rousseaus folgen wird.<\/p>\n<h4>Die Idee der Humanit\u00e4t<\/h4>\n<p>H\u00f6lderlin, der Dichter der Schwaben, der wie Friedrich Nietzsche erst posthum Weltruf genie\u00dfen sollte, hatte es nicht leicht mit sich und der Welt, an der er litt, weil sie eben nicht so vollkommen wie die gelobte Antike war, weil sie so sehr im Gew\u00f6hnlichen und Unmenschlichen, in Knechtesgeist und Unfreiheit siedelte, voller Ungerechtigkeiten und fern der unendlichen Idee des Humanums. Nie sollte er gl\u00fccklich sein durch Liebe in dieser Welt der \u201eG\u00f6tterferne\u201c. Der Dualismus der Welt machte ihn krank, trieb ihn zu Spinozas Pantheismus und Friedrich Schillers gro\u00dfartiger sittlicher \u00c4sthetik. Der revolution\u00e4re Denker des Sturm und Dranges, der feinsinnige Marbacher Dichter, Geschichtsphilosoph und der Verfasser der \u201e\u00e4sthetischen Briefe\u201c, dem \u00c4sthetik zur B\u00fcrgerpflicht und eine \u00c4sthetisierung der Gesellschaft als Ideal vorschwebte, der nicht allein aus der Pflicht die Menschheit zu verbessern suchte, sondern mit der Schaub\u00fchne als moralischer Anstalt, Ethik und \u00c4sthetik feinsinnig miteinander zu synthetisieren suchte. Ihm war H\u00f6lderlin innig verbunden.<\/p>\n<h4>Schiller und H\u00f6lderlin \u2013 Vorbild und Kritik<\/h4>\n<p>Schiller, der H\u00f6lderlin oft \u201edas ist mein liebster Schwabe\u201c nannte, galt als Idol der Freiheit im pietistischen Schwaben und stellte zugleich den Gegenentwurf zum absoluten Monarchismus des w\u00fcrttembergischen Regenten dar. H\u00f6lderlin wird ihm hier folgen, wenn auch er sich inbr\u00fcnstig zu den Idealen der Franz\u00f6sischen Revolution bekennt. H\u00f6lderlin, der gem\u00e4\u00dfigte Jakobiner und Republikaner, wird aber dann von Schiller weichen, wenn dieser die Moderne als das bestimmen wird, das nicht mehr ins Arkadische zur\u00fcck kann. Doch gerade dieses Elysium der G\u00f6tter Griechenlands wird der Lauffener wieder beschw\u00f6ren, sei es durch Dionysios, den rasenden, baccantischen Gott, der 100 Jahre vor Nietzsches Dionysioskult bei H\u00f6lderlin als der Gott des Werdens gilt, der ins Offene treibt.<\/p>\n<h4>Der neue Schlachtruf Hen kai Pan<\/h4>\n<p>Und H\u00f6lderlin will sie wiedererrichten, die alte Welt, die ins Unendliche greift, sei es in Gott, in der Natur oder in der Poesie als Weltentwurf. Und er sucht die Verbindung von Endlichkeit und Unendlichkeit, er dichtet sie neu, um den Dualismus, das Zerrissene und Getrennte in einer qualitativ neuen Einfalt zu finden, im Hen kai Pan (Eins und Alles) der Antike, die ihm aber immer wieder in den H\u00e4nden zerbrechen wird. Der Schlachtruf gilt dem alten Griechenland, dem Elysium am Peloponnes.<\/p>\n<h4>Das Ich ist mehr als das von Fichte<\/h4>\n<p>Raus aus der philosophischen Isoliertheit des Ich, weg von Fichtes absoluten Ich als Prinzip aller Philosophie \u2013 darum geht es H\u00f6lderlin, der mit seiner Alleinheitslehre Spinoza, mit seinem Naturbegriff Rousseaus folgen wird. Statt sich setzender Ich-Philosophie, die f\u00fcr H\u00f6lderlin auf der anderen Seite im Nichts kulminiert, wird er den Begriff der intellektuellen Anschauung stellen, der Unmittelbarkeit, der intensivsten, moralisch-erotischen und erkenntnistheoretischen Einheit des Subjektiven und des Objektiven. Die intellektuelle Anschauung ist das unmittelbare Wissen in seiner absoluten Reinheit, die aber nur die eine Facette von Welterkenntnis sein kann, deren andere die permanente \u00dcberschreitung des subjektiven Bewusstseins sein soll. Nicht das Ich wird so zum Prinzip der Philosophie, sondern das \u201eIch\u201c, das per Poesie eine bessere Welt errichtet, ein Himmelreich auf Erden stiftet, erweitert um die nat\u00fcrliche Religion und den Volksgeist.<\/p>\n<p>Zu Teil 1 kommen Sie hier: <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/hoelderlin-das-genie-feiert-250-geburtstag\/\">Durch Poesie aus der Zerissenheit des Daseins I.<\/a><\/p>\n<h1>Friedrich H\u00f6lderlin &#8211; Der Dichter des Seyns III.<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz13.01.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>H\u00f6lderlin ist modern, weil er im Selbstbewusstsein einen Abgrund sieht, ein Nichts, das sich nach neuen rettenden Ufern umsieht; weil er Differenz als etwas h\u00f6chst Existentielles begreift, die das Leben herausfordert, vorantreibt und als Wesenszug der Moderne ewig in die Gr\u00e4ben des Schicksals greift.<\/p>\n<p>Dieses Absolute, f\u00fcr H\u00f6lderlin bleibt es unbestimmt, aber er nennt es Gott, das intiutive Empfinden der Natur und die Unendlichkeit gilt es aufzurichten, allein durch die poetische Kraft der Worte. Das Wort und H\u00f6lderlins moderne Sprache stiften Realit\u00e4t und was bleibt, stiftet nicht der Denker, sondern der Dichter, der die Welt erschafft, indem er die Sprache denkt oder dichtend die Welt erfindet. Die universale Einbildungskraft, die poetische Empfindung wird ihm jenseits von jedweden \u201eUrtheil\u201c zur sinngebenden Kraft des bergenden Seins. Und dieses absolute Seyn wird nicht durch den spaltenden Verstand geschieden, der zu Trennung und Vereinsamung f\u00fchrt, sondern allein durch die poetische Intuition wird die Wirklichkeit erfasst, denn wo Subjekt und Objekt vereinigt sind, ist Seyn in absoluter Vollendung. \u201eDie seelige Einheit, das Seyn, im einzigen Sinne des Worts, ist f\u00fcr uns verloren und wir mussten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten. Wir rei\u00dfen uns los vom friedlichen Hen kai Pan der Welt, um es herzustellen, durch uns Selbst. Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden alles Friedens, der h\u00f6her ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu Einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens. \u201c<\/p>\n<h4>Jenseits von aller Trennung muss Einheit sein<\/h4>\n<p>Und nach diesem greift H\u00f6lderlin in allen Phasen seines Lebens mit zaghafter und dennoch bestimmender Hand. Einheit, Vers\u00f6hnung und Harmonie werden die Ingredienzien eines Denkens, dem es um Objektivit\u00e4t geht, der das G\u00f6ttliche im Menschen sucht und das Menschliche im G\u00f6ttlichen. Wo sich Unendliches und Endliches ber\u00fchren, da verliert das Zweifeln seine tragische Kraft, zeigt sich die h\u00f6chste zu erbringende Einfalt, die durch die Negativit\u00e4ten des Daseins sich hindurch man\u00f6vriert hat und in der sich die h\u00f6chste Stufe freiheitlicher Vollendung zum Ausdruck bringt. Doch nur jenseits der Zeit vermag sich dieses Ereignis zu manifestieren, aber dieses immer wieder \u2013 jenseits der Trennung von Natur und Kultur \u2013 an-zudichten, h\u00f6chstes anzustrebendes Ziel.<\/p>\n<h4>Freiheit als spontaner Akt der Poesie<\/h4>\n<p>Ein Reich der Freiheit, der innerlichen wie der republikanischen zugleich zu errichten, eine \u201eunsichtbare Kirche\u201c, wie sie sich die T\u00fcbinger Freunde Schelling, Hegel und H\u00f6lderlin ertr\u00e4umten, wollte er errichten, eine wo die Kerze der Freiheit das Licht entz\u00fcndet und Freiheit zum A und O aller Kunst wird.<\/p>\n<p>Freiheit als spontaner Akt des Sch\u00f6pferischen wird f\u00fcr H\u00f6lderlin aber eben nicht philosophisch erdacht, sondern poetisch vollzogen, denn es bleibt die Poesie, die die Wirklichkeit stiftet. Poesie, und so will sie H\u00f6lderlin dichten, ist nicht Welt abbildend, sondern Welt erschaffend. Und was der Philosophie nicht gelingt, vermag wie im Hyperion die Poesie, denn sie allein vermag die Trennung des Daseins zu \u00fcberwinden und die Seynsverbundenheit erreichen. Oder anders formuliert: Das Seyn, das H\u00f6lderlin meint, ist das Reich der Sch\u00f6nheit und im k\u00fcnstlerischen Schaffen vereinigt sich Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft. Durch dieses freie Spiel der Kr\u00e4fte im Menschen, im freien Spiel, er\u00f6ffnet sich die M\u00f6glichkeit der Sch\u00f6nheit und der K\u00fcnstler \u00fcberwindet die Kluft zwischen \u201eUrtheil\u201c und \u201eSeyn\u201c und erf\u00e4hrt sich in inniger Seinsverbundenheit als Akteur, der die Wirklichkeit gestaltend ver\u00e4ndert, der \u201et\u00e4tig\u201c die Welt ver\u00e4ndert, wie es schon in Goethes \u201eFaust\u201c hie\u00df.<\/p>\n<p>In der \u00c4sthetik, in der Kunst des Sch\u00f6nen verbinden sich Politik, Religion und Philosophie. Die Kunst wird idealisch. Doch diese Kunst treibt ewig ins Offene, in die Weite und Zukunft, sie bleibt ein Sehnsuchtsort mythologisch-poetischer Erfindung, sie zu stiften, bleibt Aufgabe der Dichter.<\/p>\n<h4>Dem Ende entgegen<\/h4>\n<p>Ein \u201eHimmelreich\u201c auf Erden gibt es f\u00fcr H\u00f6lderlin ebenso wenig wie sp\u00e4ter f\u00fcr Heinrich Heine, denn das Dasein ist und bleibt der Ort der Differenz, dieses zu ertragen, Schicksal. Dieses Nich-bei-sich-Selbst-Sein ist es, was H\u00f6lderlin nicht ertr\u00e4gt und wo er h\u00f6chst selbst daran scheitern wird, er, der 1801-02 in der h\u00f6chsten Bl\u00fcte der Vollendung stand. Am 15. September 1806 bricht H\u00f6lderlin zusammen, wie sp\u00e4ter Nietzsche in Turin. Die Autenriethischen Kliniken in T\u00fcbingen werden ihm Heimat, sp\u00e4ter der ber\u00fchmte Dichterturm am Neckar, wo er nach 37 Jahren \u2013 wach, sich selbst entfremdet, ichlos seinerseits, in hybrider Selbststeigerung andererseits am 7. Juni 1843 stirbt.<\/p>\n<h4>Jenseits der Subordination<\/h4>\n<p>Das Wagnis des Lebens, die hohe Sensibilit\u00e4t hat H\u00f6lderlin, der nie Priester der Orthodoxie, der Subordination und der Theologie werden wollte, besteht in der An- und Abwesenheit der G\u00f6tter, im Sich-Verbergen und Ent-Bergen, doch diese Differenz sucht nach Synthese, die sich entweder im Augenblick oder in der Zukunft, in der Offenheit ereignet. H\u00f6lderlin wollte sich mit der Entzauberung der Welt nicht abfinden, ist aber an ihren Differenzen gescheitert.<\/p>\n<h4>Wie modern ist H\u00f6lderlin?<\/h4>\n<p>Insofern ist H\u00f6lderlin modern, weil er im Selbstbewusstsein einen Abgrund sieht, ein Nichts, das sich nach neuen rettenden Ufern umsieht; weil er Differenz als etwas h\u00f6chst Existentielles begreift, die das Leben herausfordert, vorantreibt und als Wesenszug der Moderne ewig in die Gr\u00e4ben des Schicksals greift; weil er das Ich als Spur eines H\u00f6heren \u2013 politisch gar als Nation \u2013 begreift, an dem es sich abarbeitet und sich wom\u00f6glich verliert; weil er Kunst als eine Tat begreift, die nicht um ihretwillen geschieht, sondern den Menschen im Dienste der Freiheit zu Sittlichkeit erzieht.<\/p>\n<h4>Liberaler Weltentwurf<\/h4>\n<p>H\u00f6lderlins Vision bleibt eine freie Menschheit, wo Individuum und Gesellschaft, wie einst bei Schiller, ineinander spielen, wo Kunst als Imperativ der Freiheit den neuen Menschen hervorbringt, der den Idealen der Franz\u00f6sischen Revolution und des liberalen Weltentwurfs \u2013 und heute dem Grundgesetz und der Charta der Vereinten Nationen \u2013\u00a0 als freier Mensch auf freier Erde steht und der die Sch\u00f6pfung zu wahren sucht, insbesondere die Natur, die er nicht auf blo\u00dfe Materialit\u00e4t verk\u00fcrzen will, sondern als unendliche und nicht zu vernutzende herausstellt, die zu umhegen und zu pflegen sei.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re H\u00f6lderlin heute einerseits ein \u201eGr\u00fcner\u201c, aber andererseits auch ein Konservativer, weil er Bewahren will, ohne dogmatisch zu sein, einer, der aus der Geschichte heraus in die Zukunft greift, ohne zu belehren, sondern mittels der poetischen Einbildungskraft den Menschen anzustiften, das Bessere zu tun, praktisch t\u00e4tig zu werden.<\/p>\n<p>zu Teil I kommen Sie hier: <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/hoelderlin-das-genie-feiert-250-geburtstag\/\">Durch Poesie aus der Zerissenheit des Daseins I.<\/a><\/p>\n<p>zu Teil II. kommen Sie hier: <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/friedrich-hoelderlin-250-geburtstag\/\">H\u00f6lderlin \u2013 Mit Friedrich Schiller \u00fcber Johann Gottlieb Fichte hinweg II.<\/a><\/p>\n<h1>Der Populismus in Deutschland ist schlimmer als der von Donald Trump<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz27.12.2019Europa, Gesellschaft &amp; Kultur, Medien<\/p>\n<p><em>\u201eDie Medien sind bellende Wachhunde der Demokratie, und die Demokratie ist bekanntlich das beste politische System, weil man es ungestraft beschimpfen kann,\u201c schrieb einst Ephraim Kishon. Und wie recht er damit hat, zeigt ein Blick auf die Debattenkultur in Deutschland. Sie entfaltet sich immer mehr an ihren R\u00e4ndern, dies insonderheit auf der Seite der Blauen und der Gr\u00fcnen. Entweder gibt es linken oder eben rechten Haltungsjournalismus \u2013 dazwischen herrscht die graue Mitte von Wohlf\u00fchlpropaganda und Mainstream-Opportunismus \u00e0 la \u201etaz\u201c und \u201eS\u00fcddeutscher Zeitung\u201c. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in der Mitte Langeweile und Phrasendrescherei herrschen, entflammen die R\u00e4nder zum kosmischen Streit. Den Siegeszug im Gez\u00e4nk um die Deutungshoheit tr\u00e4gt derzeit der Rechtspopulismus. Denn in dem Grad, in dem die Meinungshoheit sich auf den linken Mainstream kapriziert, gewinnt der Rechtspopulismus graduell hinzu.\u00a0 Anders gesagt: Wenn Medien nur einseitig informieren, w\u00e4chst die Sehnsucht nach anderen Quellen, die als authentischer wahrgenommen werden. Dieser Trend zeichnet sich insonderheit bei konservativen bzw. neurechten Blogs ab. Diese verzeichnen seit Jahren Hochkonjunktur. Dabei geht es oft nicht um Inhalte und Argumente, sondern um ein blo\u00dfes Bashing der etablierten Politik. Und es pielt es keine Rolle, ob Fake News oder Realit\u00e4t obsiegen, ob pure Banalit\u00e4ten oder doch berechtigte Kritik verk\u00fcndet werden. Es wird provoziert und gez\u00fcndelt \u2013 Hauptsache Krawall.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren hat sich so in der Bundesrepublik eine Diskussionskultur manifestiert, die als reines Entweder-Oder eine Zweifreifrontenlinie neben der hochoffiziellen Berichterstattung etablierte. Dort jagt eine Propagandawelle die andere, sei es von links oder von rechts. Anstatt einer Diskurskultur, die die junge Bundesrepublik einst pr\u00e4gte, und die intellektuell und produktiv in ihrer Verschiedenheit war, geht es heute nur noch um Kampflinien. Der gigantische Popularisierungsschub frisst alle Argumente und erweist sich als Kriegsschauplatz, dem der ethische Diskurs und Anstand v\u00f6llig abhandengekommen ist. Eine derartige monolithische Hetzkultur gegen Andersdenkende jedweder Couleur gab es nicht mal zu DDR-Zeiten, wo selbst das Sprachrohr des Kommunismus, Karl Eduard von Schnitzler, ein Westimport, ma\u00dfvollere T\u00f6ne anschlug.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck weit DDR wohnt dem medialen Diskurs auch nach 30 Jahren inne. Die \u201eTagesschau\u201c gleicht allzu oft einer \u201eAktuellen Kamera\u201c 2.0. Gezeigt wird, was parteipolitisch gef\u00e4llt, was linientreu ist. Und allein das, was auf der Argumentationslinie von Staatsfunk und \u201eAgitprop\u201c liegt, schafft den Sprung in die Qualit\u00e4tspresse, die letztendlich einer von oben verordneten thematischen Gleichschaltung der etablieren Parteien gleichkommt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also auf der einen Seite die politische Korrektheit zum Ma\u00df aller Dinge verkl\u00e4rt wird, wo die Gleichschaltung zum medialen Komplex wird, entz\u00fcndet sich auf der anderen Seite eine Art olympischer Zirkus, wo der die Medaillen nach Hause tr\u00e4gt, der nicht um Ausgewogenheit bem\u00fcht ist, sondern mit dem Hammer journalisiert. Als Faszinosum aber bleibt, dass genau die, die populistisch agieren, derzeit in den politischen Umfragen deutlich an Kraft gewinnen, w\u00e4hrend die Mitte immer weiter, aber kontinulierlich verwelkt und sich in ein buntes Allerlei kleidet.<\/p>\n<h4>AfD<\/h4>\n<p>Der Rechtsjournalismus der AfD ist Popul\u00e4rjournalismus. T\u00e4glich rollt er wie eine allgewaltige Lawine durch die Sozialen Medien, die einzigen Kan\u00e4le, die ihm virale Verbreitung garantierten, weil die \u00d6ffentlich-Rechtlichen umgekehrt nur den linken Mainstream verbreiten und sich einer Diskurskultur gegen\u00fcber ignorant und borniert verhalten. Ob Alice Weidel, J\u00f6rg Hubert Meuthen oder Rechtsau\u00dfen Bj\u00f6rn H\u00f6cke, der f\u00fcr eine nationale Diktatur 2.0 pl\u00e4diert und der, so das Verwaltungsgericht Meiningen, als \u201eFaschist\u201c bezeichnet werden darf \u2013 die Krawallmaschinerie l\u00e4uft wie ein Trommelfeuer und schie\u00dft eine Kanonensalve nach der andern ab. Kaum ein Ereignis, das nicht medial kommuniziert, kommentiert und ausgeschlachtet wird. Waren es fr\u00fcher Asyltourismus und Migration, schie\u00dfen die Blauen jetzt ihre Tiraden auf das Klima. Hart, derb, mit kontinuierlicher Inbrunst und verbal aufgemischter Aggression versehen.<\/p>\n<p>Derartiger \u201eAfD-Journalismus\u201c, der f\u00fcr nichts anderes als eben f\u00fcr eine neue Krawallkultur\u201c steht, erm\u00fcdet und zeigt, dass nicht nur diese Politik, sondern auch mit ihr derartig gestrickter Journalismus zu einer Agitpropmaschine ger\u00e4t, der die alten Werte der journalistischen Schreibe samt Tiefgang, Recherche und Intellekt in den Orkus der Geschichte wirft. Was nicht z\u00e4hlt, ist der qualitative Inhalt, sondern allein die Message als Massage, die doktrinierte Massage des Lesers, als Instrument der politischen Vernunft, die dann keine andere als eine instrumentelle mehr ist. Diese Funktionsentkleidung derartigen Journalismus von rechts macht diesen nur noch zur Magd von Interessen und Ideologien und nimmt ihm damit das Fundament als existentielle vierte Gewalt.<\/p>\n<h4>Die Gr\u00fcnen<\/h4>\n<p>Nicht viel besser als bei der Propagandamaschinerie der AfD steht es bei den Gr\u00fcnen. Sie werden zwar nicht als gr\u00fcnpopulistisch von den Mainstream-Medien be\u00e4ugt, sondern wie die neuen Heilsbringer geradezu medial in Szene gesetzt. Doch ihr Populismus, sei es Genderwahn, Multi-Kulti, der Hass auf Dieselfahrer, ihr verbitterter Abschiebestopp gegen\u00fcber kriminellen Ausl\u00e4ndern, ihr krampfhaftes Unisex-Toiletten-Programm und der Ausverkauf abendl\u00e4ndischer Werte zugunsten von Diversit\u00e4t und angepriesener Migrationskultur, ist in seiner Bissigkeit nichts anderes als die Stimmungsmache, die ihr Gegen\u00fcber, die AfD, entz\u00fcndet, wenn sie st\u00e4ndig z\u00fcndelt.<\/p>\n<p>Verbotskultur, Fleischverzicht, Veggieday, \u00d6kodiktatur, Flugverbote hier, staatszersetzende Agitation dort. Und auch hier wird deutlich: Argumente waren mal, was z\u00e4hlt \u2013 und da nehmen sich Gr\u00fcne und AfD nichts, selbst wenn dies Gr\u00fcne rigoros von sich weisen w\u00fcrden, ist blanke Meinungsmache.<\/p>\n<p>Was bei all diesen Stimmungslagen bleibt ist eine ewige Wiederkehr des Gleichen. Leider! Die Kampfeszone hat sich ausgebreitet und spaltet das Land noch tiefer. Die Debattenkultur in Deutschland ist damit also zu einer nichts bringenden Streitkultur geworden, die nicht im Geist der Vers\u00f6hnung agiert, wo das bessere Argument obsiegen sollte, sondern sich den politischen Grabenkampf in seiner Einseitigkeit und seinem inkludierten Extremismus auf die politische Agenda geschrieben hat. Statt Diskurskultur \u00e0 la J\u00fcrgen Habermas regiert eine Nichtkultur des politischen Diskurses, die in ihrer Radikalit\u00e4t und Aggressivit\u00e4t nicht weit entfernt von Donald Trumps bescheidener Twitterkunst liegt. Der Witz dabei nur: au\u00dfer der AfD, die sich zu Trump bekennt, kommuniziert der Rest der deutschen Parteienlandschaft im gleichen dumpfen Ton wie der US -Pr\u00e4sident, der eigentlich die Persona non grata der linksgerichteten Propaganda war und ist.<\/p>\n<p>Doch n\u00fcchtern betrachtet, langweilt ein derartiger Propaganda-Journalismus. Das ganze rechts \u2013 linke Sich-selbst-Stilisieren um die politische Wahrheit ger\u00e4t zu einem erm\u00fcdenden Lamento. Hinter den einseitigen Parolen verblasst nicht nur der Einzelne samt seinen Sorgen und N\u00f6ten, sondern durchaus das, was positiv in diesem Land l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Mit propagandistischen Planspielen, mit dem permanenten Entz\u00fcnden von Nebelkerzen von links und rechts, kommt man nicht weiter. Die Welt ist bunter als schwarz-wei\u00df. Das ist umso besorgniserregender, insofern die Dialektik der Aufkl\u00e4rung, wie einst Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bef\u00fcrchteten, dann in Mythos, blinde Emotionalit\u00e4t, Verkl\u00e4rung und Anti-Rationalismus umschl\u00e4gt. Doch das k\u00f6nnen Demokraten nicht wollen. Vielleicht hilft es da einmal, als Beispiel sei an den \u201cZentralen Runden Tisch\u201d in der Wendezeit erinnert, dass sich Regierung und Opposition, jenseits aller Eitelkeiten und jenseits politscher Machtgel\u00fcste und Egomanie,\u00a0 mit dem politischen Gegner an einen Tisch zu setzen und miteinander zu reden, anstatt sich a priori wechselseitig zu verdammen. Und vielleicht dabei auch einmal dar\u00fcber zu reflektieren, was der Souver\u00e4n, das Volk, eigentlich will. \u201eWir m\u00fcssen lernen, entweder als Br\u00fcder miteinander zu leben oder als Narren unterzugehen, hatte Martin Luther King einst geschrieben. \u00a0Und Demokratie, so bemerkte zuvor schon Winston Churchill, \u201eist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen\u201c.<\/p>\n<h1><strong>Umweltschutz ist f\u00fcr F\u00fcrst Albert II. von Monaco ein kategorischer Imperativ<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz19.12.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Albert II. ist kein F\u00fcrst spektakul\u00e4rer Auftritte. Doch eine Ausnahme macht er beim Klimaschutz.<\/p>\n<p>Der 61-j\u00e4hrige Regent des F\u00fcrstentums Monaco, Ehrendoktor und Honorarprofessor f\u00fcr International Studies am Tarrant County College, hat eine Passion: Er will das Bewusstsein der Menschen f\u00fcr die Umwelt sch\u00e4rfen. Ob bei seinen Reisen zum Nord- oder S\u00fcdpol \u2013 sein Credo lautet immer: \u201eErhaltung der Sch\u00f6pfung\u201c. Wie ernst es der Regent damit meint und wie sehr er selbst Klimavision\u00e4r und Klimapragmatiker zeigt sich nicht nur an einer un\u00fcberschaubaren F\u00fclle von Projekten, sondern an seiner Entschlossenheit, dem menschengemachten Klimawandel entschieden den Kampf anzusagen. Diese Vision ist Albert II. zur Lebensmaxime geworden, denn \u201eMonaco ist sicherlich nicht das gr\u00f6\u00dfte Land der Erde, doch ich bin entschlossen den Beweis anzutreten, dass es in Umweltangelegenheiten durchaus mit zu den erneuerungsfreudigsten z\u00e4hlt\u201c. Wie entschlossen er ist, zeigt, dass das kleine F\u00fcrstentum bereits 2006 das Kyoto-Protokoll ratifizierte, sich seit \u00fcber 15 Jahren f\u00fcr die Reduzierung von CO2-Emissionen einsetzt und sich das Thema der Erneuerbaren Energien als Prim\u00e4rziel auf die Agenda geschrieben hat. Mit seiner \u201eFondation Prince Albert II de Monaco\u201c, einem internationalen Netzwerk, dem renommierte Wissenschaftler, Adlige und Entrepreneurs gleicherma\u00dfen angeh\u00f6ren, unterst\u00fctzt er den Bau nachhaltiger Entsalzungsanlagen, f\u00f6rdert die Erforschung neuer Pflanzen zur Gewinnung von Biogas sowie den Erhalt der Artenvielfalt im Bereich der europ\u00e4ischen Vogelwelt. Als Schirmherr der \u201eBillion Tree Campaign\u201d der UNEP setzt sich F\u00fcrst Albert II. f\u00fcr die Wiederaufforstung ein und engagiert sich f\u00fcr das energieeffiziente Bauen.<\/p>\n<p>Verantwortung verpflichtet, das wei\u00df keiner besser als der Sohn von Hollywoodlegende und Grace Kelly und von F\u00fcrst Rainier III. Schon der Vater galt als Klimaaktivist und Vorreiter in Sachen Umweltschutz, gr\u00fcndete zum Schutz der franz\u00f6sisch-italienischen Mittelmeerk\u00fcste eine Umweltzone und war einer der ersten, der sich f\u00fcr eine Regelung des Walfangs aussprach. F\u00fcrst Albert II. ist in diese Fu\u00dfstapfen getreten, f\u00fchrt das gro\u00dfe Erbe fort und setzt eigene, neue Akzente. Sei es beim Ausbau der E-Mobilit\u00e4t und anderer alternativer Antriebsmethoden im F\u00fcrstentum oder dem Bio-Monitoring-Programm, das die Qualit\u00e4t des Meereswassers und die Auswirkung auf die Organismen untersucht. Schon 2009 pl\u00e4dierte F\u00fcrst Albert f\u00fcr ein Handelsverbot des vom Aussterben bedrohten Roten Thunfisches. Nachhaltige Fischerei einerseits sowie der Kampf gegen die Versteppung und die Aufforstung andererseits stehen ebenfalls im Fokus des Umweltaktivisten Albert II. In der neuen Klimabewegung \u201eFridays of Future\u201c sowie beim Klimapl\u00e4doyer der Schwedin Greta Thunberg sieht er daher eine Sternstunde eines neues Umweltbewusstsein, das auch seine Ideen einem breiten Publikum vermittelt und das er mit daher mit Nachdruck unterst\u00fctzt. Der Monegasse wei\u00df, und darauf hat er j\u00fcngst hingewiesen. Der Klimawandel l\u00e4sst sich nur gemeinsam verwirklichen und bedarf eines globalen Engagements aller: \u201e\u00dcberall sehen wir B\u00fcrger und Jugendliche, die sich f\u00fcr den Kampf gegen den Klimawandel zusammenschlie\u00dfen\u201c, sagte der F\u00fcrst im Dezember in Potsdam. Und \u201eniemand kann behaupten, dass er nur f\u00fcr sich handelt.\u201c So fordert Albert II. von Monaco auch ein Umdenken hin zur \u201eClean Mobility\u201c. Denn \u201edie Klimasituation verlangt jetzt von uns, dass wir die Art und Weise, wie wir reisen, arbeiten, konsumieren und uns ern\u00e4hren, \u00e4ndern. Wir wissen mit Sicherheit, dass sich unser Klima in einer sehr beschleunigten Weise \u00e4ndert\u201c.<\/p>\n<p>Der Mahner aus dem F\u00fcrstentum Monaco wei\u00df, was auf dem Spiel steht. Es geht um nichts Geringeres als um die Bewahrung unserer Erde. Das Prinzip Verantwortung, wie es der gro\u00dfe Philosoph Hans Jonas einst einforderte, ist auch dem F\u00fcrsten eine Pflicht zum Dienst an der Natur und an den k\u00fcnftigen Generationen. Es geht um nichts weniger, als die Erde zu retten, damit sie in ihrer Sch\u00f6nheit, Artenvielfalt und Einmaligkeit bewahrt bleibe. Daf\u00fcr steht der Name Albert II. von Monaco, daf\u00fcr steht seine Stiftung mit ihren Forschungsstipendien und Millionen von Forschungsgeldern \u2013\u00a0 daf\u00fcr steht letztlich heute das Haus Grimaldi und an seiner Spitze ein F\u00fcrst, der an die Welt appelliert: \u201eIch z\u00e4hle auf uns alle, um das zu verwirklichen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr sein Engagement erh\u00e4lt F\u00fcrst Albert II. von Monaco am 17. Januar 2020 den Freiheitspreis der Medien\u201d, dazu heisst es:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/the-european-redaktion\/konstruktiver-klimaaktivist-freiheitspreis-der-medien-fur-furst-albert-ii-von-monaco\/\">\u201cDer \u201eFreiheitspreis der Medien\u201c geht 2020 an F\u00fcrst Albert II. von Monaco. Der F\u00fcrst erh\u00e4lt den renommierten Preis, der in den vergangenen Jahren an Michael Gorbatschow, Reinhard Kardinal Marx, Christian Lindner, Jens Weidmann und an Jean-Claude Juncker verliehen wurde, f\u00fcr ein couragiertes Engagement f\u00fcr den Naturschutz. In der Begr\u00fcndung der Jury hei\u00dft es: \u201eWie kaum ein anderer Staatsmann hat sich der Politiker in den vergangenen Jahren f\u00fcr die Bewahrung der Sch\u00f6pfung eingesetzt. Bereits seit der Jahrtausendwende weist der studierte Politikwissenschaftler auf die Gefahren des Klimawandels hin und ist aktiv f\u00fcr den Naturschutz t\u00e4tig. F\u00fcrst Albert II. von Monaco k\u00e4mpft nicht nur gegen die weltweite Verschmutzung der Meere, gegen die Klimaerw\u00e4rmung durch industrielle Schadstoffemissionen und das globale Abschmelzen der Pole, sondern lenkt den Fokus immer wieder auf den Schutz der Artenvielfalt, f\u00f6rdert Erneuerbare Energien und pl\u00e4diert f\u00fcr eine globale Wasserversorgung. Die von ihm im Jahr 2006 gegr\u00fcndete Stiftung \u201eFondation Prince Albert II de Monaco\u201d gilt weltweit als Leuchtturmprojekt f\u00fcr den Umweltschutz. Prinz Albert II. von Monaco erh\u00e4lt den \u201eFreiheitspreis der Medien\u201c f\u00fcr seinen unerm\u00fcdlichen Dienst zum Schutz der Umwelt, f\u00fcr seinen Kampf um eine saubere Umwelt und f\u00fcr sein engagiertes Eintreten als Umweltbotschafter, der unerm\u00fcdlich vor dem Klimakollaps warnt. Er steht f\u00fcr einen nachhaltigen Freiheitsbegriff des 21. Jahrhunderts, er k\u00e4mpft f\u00fcr das Ziel der qualitativen Freiheit. Ihm gilt nicht \u201eje mehr, desto besser\u201c, sondern umgekehrt \u201eje besser, desto mehr\u201c.\u201d<\/a><\/p>\n<h1><strong>Europ\u00e4ischer Wirtschaftssenat e. V. (EWS) w\u00e4hlt Ingo Friedrich einstimmig zum Pr\u00e4sidenten<\/strong><\/h1>\n<ol start=\"20\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2019\/12\/\"> Dezember 2019<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/finanzen\/\">Finanzen<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/europaeischer-wirtschaftssenat-e-v-ews-waehlt-ingo-friedrich-einstimmig-zum-praesidenten\/#mh-comments\">0<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>Foto: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>M\u00fcnchen, 15. Dezember 2019<\/strong>. Renommierte Pers\u00f6nlichkeiten aus Industrie, Wirtschaft und Politik trafen sich am 13. Dezember zur Mitgliederversammlung des Europ\u00e4ischen Wirtschaftssenates e. V. im M\u00fcnchner Hotel Sheraton. Mit einstimmiger Mehrheit wurde Dr. Ingo Friedrich, Ehrenmitglied des Europ\u00e4ischen Parlaments, erneut zum Pr\u00e4sidenten von den Senatorinnen und Senatoren gew\u00e4hlt. Die Mitglieder eines der f\u00fchrenden europ\u00e4ischen Wirtschaftsclubs w\u00fcrdigten damit die Leistungen des Europapolitikers und best\u00e4tigten diesen f\u00fcr die n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre im Amt. Der neu gew\u00e4hlte Pr\u00e4sident nahm die Wahl an und kommentierte: \u201eF\u00fcr mich ist diese Arbeit keine unter anderen, sondern die Nummer eins in meinen Leben.\u201c<\/p>\n<p>Der Europ\u00e4ische Wirtschaftssenat e. V., von Professor Friedmann 1993 gegr\u00fcndet, hat bereits in der dritten Periode mit Ingo Friedrich eine Pers\u00f6nlichkeit an der Spitze, der wie kaum ein anderer Politiker in Europa als Br\u00fcckenbauer und Netzwerker arbeitet. Mit Friedrich, einem Europ\u00e4er der ersten Stunde, verdankt der EWS seine breitere Au\u00dfenwirkung, nicht nur in die Medien hinein, sondern auch in das Parlament und in die Europ\u00e4ische Kommission. So hei\u00dft es in der Begr\u00fcndung des Aufsichtsratsvorsitzenden und Pr\u00e4sidenten des Bundes der Steuerzahler in Bayern, Rolf von Hohenau: \u201eIngo Friedrich hat den Senat vor 10 Jahren \u00fcbernommen und ihn auf solide, wirtschaftliche Beine gestellt. Dank der Leidenschaft des EU-Politikers Friedrich, der das Amt mit Flei\u00df und gro\u00dfem Engagement, Herz und Seele, ausf\u00fcllt, gelang es in den letzten Jahren hochklassige Speaker, prominente Politgr\u00f6\u00dfen und f\u00fchrende Unternehmerpers\u00f6nlichkeiten zu gewinnen.\u201c<\/p>\n<p>Doch Ingo Friedrich hat sich selbst und seinem Club noch weitere gro\u00dfe Ziele gesteckt. So will er den Wirtschaftssenat noch intensiver an die internationale Politik anbinden, die Zahl engagierter Unternehmer erweitern und den Senat noch breiter in die mittelst\u00e4ndische Wirtschaft einbinden. Friedrich ist sich dessen voll bewusst, das der Mittelstand auch in Zukunft das Fundament nationalen sowie internationalen Wirtschaftens bleibt. Darum will er den Senat k\u00fcnftig noch dynamischer und attraktiver f\u00fcr die Senatorinnen und Senatoren machen.<\/p>\n<p>Das seine Idee z\u00fcndet, war am vergangenen Freitag deutlich sp\u00fcrbar. Mit drei neuen Mitgliedern startet der Senat in die n\u00e4chste Periode.<\/p>\n<p>Seit seiner Gr\u00fcndung im Jahr 2003 vernetzt der Europ\u00e4ische Wirtschaftssenat e. V. Politik und Wirtschaft eng miteinander, diskutiert \u00fcber die gro\u00dfen Themen der Zeit und fungiert so als Impulsgeber aus dem Herz des Unternehmertums heraus. Masse statt Klasse, so die Maxime des EWS, der mit einer Vielzahl renommierter Unternehmer zu einem der erfolgreichsten und einflussreichsten Wirtschaftsclubs Europas geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Der Europ\u00e4ische Wirtschaftssenat versteht sich als Gremium europ\u00e4ischer Unternehmer und Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens. Seine Maxime lautet: Erfahrungswissen, Praxisn\u00e4he, progressive Gestaltungsf\u00e4higkeit nicht nur von seinen Mitgliedern als Unternehmer zu erwarten, sondern dieses kompetente Fachwissen den Entscheidungstr\u00e4gern in Politik und Wirtschaft zu vermitteln. Es ist der Gestaltungswille, die Welt ein St\u00fcck weit zu ver\u00e4ndern, der im Zentrum der vom EWS veranstalteten Wirtschaftsgespr\u00e4che steht, die sich das Thema \u201eWirtschaftskompetenz f\u00fcr Europa\u201c auf die Fahnen geschrieben haben. Diese Arbeit an und f\u00fcr Europa ist weder interessengesteuert, setzt weder auf Eigennutz noch pers\u00f6nlichen Vorteil, sondern ist ganz klassisch dem guten Geist des ehrbaren Kaufmanns verpflichtet. Dieser ethische Leitfaden steht immer im Mittelpunkt gemeinsamer Treffen, Veranstaltungsreihen, den ber\u00fchmten EWS-Wirtschaftsgespr\u00e4chen, und gemeinsamen Reisen zu nationalen sowie internationalen Partnern.<\/p>\n<p>Der EWS spiegelt so den Geist Europas als Einheit in der Vielfalt. Europa zu vereinen, die europ\u00e4ische Identit\u00e4t mit Leben f\u00fcllen, den Geist von Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi, Helmut Kohl und Fran\u00e7ois Mitterrand best\u00e4ndig zu erneuern \u2013 daf\u00fcr steht der EWS, wenn er die gro\u00dfen Themen der Zeit immer wieder in den Fokus seiner Veranstaltungen und Diskussionsrunden stellt.<\/p>\n<p>So standen am vergangenen Freitag die Gespr\u00e4che ganz im Zeichen der Mobilit\u00e4t und Energieversorgung: \u201eEuropa 2030 \u2013 Alles unter Strom? \u2013 Wie sieht die Zukunft aus? Innovationsmotor Wissenschaft und Wirtschaft\u201c lautete das Arbeitsthema. Dass der EWS bei dieser Thematik wiederum volle Verantwortung zeigt, spiegelte sich an der hohen Teilnehmerzahl und der Exklusivit\u00e4t der eingeladenen Referenten und Panelteilnehmer. Auch mit dieser Veranstaltung unterstrich der Europ\u00e4ische Wirtschaftssenat e. V. wie notwendig der politische Diskurs f\u00fcr die politische Zukunftsperspektive bleibt. Denn so wichtig es ist, dass die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzt, es sind letztendlich immer Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, die L\u00f6sungen f\u00fcr die Probleme der Gesellschaft entwickeln und am Markt anbieten. Hier konkrete L\u00f6sungen vorzustellen, diese real und pragmatisch in Zukunft umzusetzen sind, auch das versteht der EWS als eine seiner Kernkompetenzen und korrigiert, wenn n\u00f6tig, auch politische Entscheidungen. Ganz konkret zeigte sich dies beim Thema Energiewende. Es braucht, so forderte der Bundestagsabgeordnete Bernhard Loos in seinem Statement, keine Co2-Bepreisung, sondern einen Emissionshandel f\u00fcr W\u00e4rmeverkehr. Und wer bei der Automobilwirtschaft allein auf die E-Mobilit\u00e4t setzt, bringt tausende Arbeitspl\u00e4tze in Gefahr. Dies kann aber nicht die L\u00f6sung sein, wenn die Maximen von ehrbaren Kaufmann und Sozialer Marktwirtschaft die wirtschaftlichen Richtlinien der Gesellschaft sein sollen.<\/p>\n<h1><strong>Was ist eigentlich der Europ\u00e4ische Wirtschaftssenat e. V.? Ein Gespr\u00e4ch mit dem neuen Pr\u00e4sidenten Ingo Friedrich<\/strong><\/h1>\n<ol start=\"18\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2019\/12\/\"> Dezember 2019<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/europa\/\">EUROPA<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/was-ist-eigentlich-der-europaeische-wirtschaftssenat-e-v-ein-gespraech-mit-dem-neuen-praesidenten-ingo-friedrich\/#mh-comments\">0<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>Dr. Ingo Friedrich, Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Wirtschaftssenats e. V., Foto: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Herr Dr. Friedrich, Sie haben die vergangenen 10 Jahre als Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Wirtschaftssenat e. V. Ihren Senat in gute Fahrwasser gefahren. Nun wurden Sie im Dezember 2019 erneut f\u00fcr f\u00fcnf Jahre gew\u00e4hlt. Gl\u00fcckwunsch dazu! Was macht ein europ\u00e4ischer Politiker, Vizepr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Parlamentes und Ehrenpr\u00e4sident beim EWS?<\/strong><\/p>\n<p>Die Aufgabe des EWS-Pr\u00e4sidenten bietet eine perfekte M\u00f6glichkeit die Auswirkungen wirtschaftspolitischer Entscheidungen unmittelbar an der \u201eUnternehmerfront\u201c zu sp\u00fcren und zu \u00fcberpr\u00fcfen. Der intensive und permanente Kontakt mit f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten der Wirtschaft erm\u00f6glicht es andererseits Ideen und Themen aus der Wirtschaft in die Politik einzubringen. In den kommenden f\u00fcnf Jahren m\u00f6chte ich den EWS noch schlagfertiger machen und seinen Einfluss weiter st\u00e4rken.<\/p>\n<p><strong>Ein Anliegen des Wirtschaftssenates ist die Vernetzung von Unternehmen prim\u00e4r in Europa. Sie haben als Mitglieder nur exklusive Senatorinnen und Senatoren? Ist der Wirtschaftsclub nicht zu exklusiv?<\/strong><\/p>\n<p>Die Mitglieder des EWS kommen zu einer H\u00e4lfte aus Deutschland und zur anderen aus den europ\u00e4ischen Staaten. Insofern ist eine internationale Vernetzung naturgem\u00e4\u00df vorhanden. Um von vornherein eine hochqualifizierte Diskussion und Beschlussfassung zu gew\u00e4hrleisten gibt es im EWS strikte Beitrittskriterien, die aber auch mit den Aspekten des so bezeichneten \u201eehrbaren Kaufmann\u201c zusammen h\u00e4ngen. Dies alles f\u00fchrt nicht zu einem elit\u00e4ren oder exklusiven Club sondern zu einer besonders interessanten und attraktiven europ\u00e4isch orientierten Zusammenarbeit f\u00fchrender Unternehmen. So sind wir beispielsweise sehr gl\u00fccklich, dass unser neuestes Senatsmitglied aus der Weinbranche kommt und das ber\u00fchmte Weingut Wirsching repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p><strong>Was sind die konkreten Aufgaben des Wirtschaftssenates, wo treffen die Entscheider auf die Politik und wie kann der Senat die Politik beeinflussen?<\/strong><\/p>\n<p>Unser Schwerpunkt liegt in der Vertretung der sozialen Marktwirtschaft mit der Zielsetzung des Abbaus unn\u00f6tiger B\u00fcrokratie sowie in der Hilfe bei der Durchsetzung neuer Ideen und Technologien. So unterst\u00fctzen wir gerade einen Startup Unternehmer, der zur weiteren Sicherung des Stra\u00dfenverkehrs gerade im Hinblick auf selbstfahrende Autos die geniale Idee einer vorderen Bremsleuchte verfolgt. Mit unseren Senatsmitgliedern f\u00fchren wir regelm\u00e4\u00dfig intensive Gespr\u00e4che mit Repr\u00e4sentanten der Politik und der Wissenschaft durch und begleiten Unternehmen bei schwierigen Ungestaltungsprozessen.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Themen besch\u00e4ftigt sich der Wirtschaftssenat im Jahr 2020?<\/strong><\/p>\n<p>In 2020 wird insbesondere die Entwicklung und der Austausch mit China im Mittelpunkt stehen. So planen wir im M\u00e4rz eine Delegationsreise nach China. Des weiteren werden wir unseren langj\u00e4hrigen Senator Eduard Kastner dabei unterst\u00fctzen, seine grundlegenden Ideen zur Reduzierung des CO 2 Aussto\u00dfes weltweit zu realisieren. Viele Kontakte mit Br\u00fcssel und Berlin werden auch durch die aktuell anfallenden Themen bestimmt und dabei wird sicher die differenzierte Diskussion \u00fcber Energie, E-Mobilit\u00e4t und Standortqualit\u00e4t eine wichtige Rolle spielen. Nicht zuletzt wird uns der Brexit auch im kommenden Jahr immer wieder besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Greta Thunberg: Die Klimakaiserin ist eigentlich nackt<\/h1>\n<h1>Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz2.12.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p>Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederl\u00e4nder Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegen\u00fcber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Warum brauchen wir Greta nicht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kaum dachte man, der Hokuspokus um Klima-Ikone Greta Thunberg ist vorbei, meldete sich diese wieder per Twitter zur\u00fcck: \u201eEs stellt sich heraus, dass ich um die halbe Welt gereist bin, in die falsche Richtung\u201c twitterte sie am 1. November. Grund daf\u00fcr: Der Klimagipfel wurde von Chile nach Madrid verlagert. Nun wartet man in Spanien, dem Land, das wie kaum ein anderes die abendl\u00e4ndische Zivilisation pr\u00e4gte, gebannt auf neue Visionen des modernen delphischen Orakels.<\/p>\n<h4>Greta erobert sich Europa als sei es ein Wunschkonzert<\/h4>\n<p>Europa ist in Euphorie. Endlich kommt Greta wieder zur\u00fcck und mit ihr der fl\u00e4chendeckende Hass auf alle Klimaleugner. Ja, Greta ist eine Medienikone, ein medialer Gl\u00fccksfall. Sie l\u00e4sst sich teleaktiv und viral ausschlachten, mit ihr allein lassen sich Millionen machen. Bl\u00f6d nur die Tatsache, dass der mediale Hype selbst der gr\u00f6\u00dfte Klimafresser ist. Allein die virale Greta ist so \u00e4u\u00dferst schlecht f\u00fcr die Klimabilanz des Planeten, da die gigantischen Rechenmaschinen so viel CO2 wie der gesamte Luftverkehr aussto\u00dfen.<\/p>\n<h4>Nicht sie, sondern die Kinder im Kongo haben ihre Kindheit verloren<\/h4>\n<p>Doch Greta kann in Europa einiges vorzeigen. Sie hat \u201eFridays for Future\u201c gegr\u00fcndet und tausende Sch\u00fcler zum Streik motiviert, getreu der Maxime: Wer streikt schon in seiner Freizeit, wenn er das auch in der Schulzeit tun darf und moralisch geradezu dazu verpflichtet wird.<\/p>\n<p>Wie kaum einem anderen Menschen gelang es der vor einem Jahr noch nahezu unbekannten Schwedin alle bedeuteten Geister, Regenten und Politiker auf sich und ihre Klimarettung einzuschw\u00f6ren. 2019 verneigten sich alle and\u00e4chtig vor Greta, ob der Papst, Barack Obama oder gar Muskelikone Arnold Schwarzenegger. Allen las sie gleicherma\u00dfen die Leviten. Und die UNO klagte sie unisono an, ihr ihre Kindheit geraubt zu haben. Aber sie hat, wie Friedrich Merz unl\u00e4ngst betonte, eben nicht ihre Kindheit verloren, sondern jene Kinder die t\u00e4glich im Kobaltabbau im Kongo f\u00fcr die Gewinnung dreckiger Batterien in unw\u00fcrdiger Kinderarbeit ihr k\u00fcmmerliches Dasein fristen.<\/p>\n<h4>Die Huldigung der Pharis\u00e4erin<\/h4>\n<p>Auch das Europ\u00e4ische Parlament kassierte eine Generalanklage von Greta. Doch anstatt sich die gew\u00e4hlten Volksvertreter \u00fcber eine derartige kindliche Impertinenz beschwerten, verneigten sich die Parlamentarier in aller Unterw\u00fcrfigkeit und Demut gegen\u00fcber der \u00d6kokaiserin, die bei N\u00e4he betrachtet nackt ist. Denn sie hat nichts anderes vorzuweisen als ihr grollendes und donnerndes \u201eHow dare you?\u201c, das sie mit derartiger \u00dcberzeugung und gek\u00fcnsteltem Pathos vortr\u00e4gt, dass dem Betrachter das Grausen \u00fcberkommt. Und eigentlich kann das M\u00e4dchen aus dem hohen Norden nur eins, ungeschminkten Hass samt Negativbotschaften vom Untergang der Welt verbreiten. Sie ist eine Untergangsprophetin, die mit dem Begriff Angst wie mit einem Schneeball spielt und Angst so \u00fcber alle L\u00e4ndergrenzen hinweg transzendiert.<\/p>\n<h4>Der Friedensnobelpreis w\u00e4re v\u00f6llig absurd \u2013 dann doch lieber Mutti Merkel<\/h4>\n<p>Und Fast h\u00e4tte sie es damit gar zur Heiligen geschafft. Sie w\u00e4re nahtlos, ginge es zumindest nach der linksgr\u00fcnen Presse, in die Kette von Jesus, Buddha, Mohammed und Gandhi eingereiht worden. Selbst der Friedensnobelpreis winkte ihr bereits. Und Greta h\u00e4tte diesen genauso unverdient bekommen wie einst der Erzschurke und skurrile Diktator Muammar al-Gaddafi oder der kaum sich im Amt beweisende Greta-Schmeichler Barack Obama.<\/p>\n<h4>Der Niederl\u00e4nder Boyan Slat, der Pragmatiker<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend es Greta mittlerweile zu 176 Millionen Google-Ergebnissen gebracht hat, bringt es ein junger Erfinder gerade mal bei 270.000. Der Niederl\u00e4nder Boyan Slat ist ganz anders als Greta. Hier Optimismus, dort Pessimismus. Hier Optimismus, Kreativit\u00e4t und Pragmatismus, dort pure Anklage und Angstmacherei. Im Gegensatz zu Greta ist der neun Jahre \u00e4ltere Boyan einer, der tats\u00e4chlich etwas bewegt. Studiert hat Slat Raumfahrttechnik im l\u00e4ndlichen Delft.<\/p>\n<p>Der 24-J\u00e4hrige mit den wuscheligen Haaren und dem Dreitagebart hat seit seinen Kindertagen eine Vision, seit er beim Tauchen vor der griechischen K\u00fcste mehr M\u00fcll als Fische erblickte: Das Meer von Plastik zu befreien. Und daf\u00fcr legt sich der bekennende Elon Musk-Fan m\u00e4chtig ins Zeug. Selbst wenn sein gigantisches Auffangsystem f\u00fcr Plastikm\u00fcll, 001 genannt, nicht so spektakul\u00e4r wie Musks roter Tesla ist, so wird es aber mindestens so effektiv sein, wenn es einmal den Praxistext besteht.<\/p>\n<h4>Wie das Vorbild Elon Musk, aber eben doch ganz anders<\/h4>\n<p>In Boyan stecken Musks Gene. Wie sein Vorbild kann er Millionen-Sponsoren von seinem Traum \u00fcberzeugen, indem er den Investoren Gewinne verspricht. Aber anders als Musk ist Slat jung, freundlich und vor allem bodenst\u00e4ndig. Seine gemeinn\u00fctzige Organisation \u201eThe Ocean Cleanup\u201c, die er zusammen 100 Wissenschaftlern gr\u00fcndete, strebt nicht wie Musks SpaceX oder Tesla nach Milliardengewinnen. Boyan Slat geht es tats\u00e4chlich um die Rettung der Welt, so die Idee, die hinter seinem passiven System zum Auffangen des in den Meeresstr\u00f6mungen treibenden Plastikm\u00fclls steht. \u201eDieses erste Reinigungssystem wird nicht nur zu saubereren Gew\u00e4ssern und K\u00fcsten beitragen, sondern ist gleichzeitig auch ein unverzichtbarer Schritt auf dem Weg zum Abbau des riesigen Kunststoffabfallteppichs im Pazifik. Die Inbetriebnahme wird uns erm\u00f6glichen, die Effizienz und Lebensdauer des Systems langfristig zu untersuchen,\u201c verk\u00fcndete der Erfinder damals. Seitdem hagelte es Preise, so der \u201eBest Technical Design\u201c der Technischen Universit\u00e4t Delft und der Preis \u201eChampion of the Earth\u201c des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.<\/p>\n<h4>Der Klima-Chefretter?<\/h4>\n<p>Und ganz anders als Greta hat Slat mit seiner Erfindung des gr\u00f6\u00dften M\u00fcllteppich der Welt, ein gigantisches M\u00fcll-Aufsammelbecken, das Plastik umgreift und einf\u00e4ngt, eine bemerkenswerte Pragmatik entwickelt, von der die Ikone der Angst nur tr\u00e4umen kann. \u201eSo ist das eben\u201c, sagt Slat, \u201ewer zaudert, l\u00f6st keine Probleme \u2026\u201c Vielleicht rettet er so tats\u00e4chlich mal die Welt \u2013 zu w\u00fcnschen w\u00e4re es ihm.<\/p>\n<h4>Kein Mensch braucht Greta Thunberg oder Greta Thunfisch \u2013 die Atlantik\u00fcberquererin mit dem b\u00f6sen Blick<\/h4>\n<p>Wir brauchen keine quasi durch Emotionalisierung aufgeladene religi\u00f6se Prophetin des Unheils wie Greta Thunberg, die dieses als gr\u00fcne Ersatzreligion zelebriert, keine Apokalyptikerin, die mit der Angst der Menschen spielt, keine \u00d6konomie einer apokalyptischen Drohgeb\u00e4rde, keine Indoktrination von Schuldgef\u00fchlen, keine abendl\u00e4ndische Ersatzreligion, keine neue gr\u00fcne Zivilreligion, die Gott gegen die Umwelt tauscht, wir ben\u00f6tigen keinen Entr\u00fcstungspessimismus und keine Angstrhetorik und wir brauchen keine neue Ideologie der Heilserl\u00f6sung durch Kinderhand \u2013 denn all dies sind erbitterte Feinde der Aufkl\u00e4rung und der Rationalit\u00e4t. Sondern wir ben\u00f6tigen Menschen wie Boyan Slat, die anstelle von \u00d6koreligion und Klimagottesdienst ihren gesunden Menschenverstand, ihren Pragmatismus und das Prinzip Hoffnung stellen. Statt Weltuntergangsszenarien und Weltrettungsweisheit lieber die rettende Hand, denn wo Gefahr ist, w\u00e4chst das Rettende auch.<\/p>\n<p><strong>Bouffier macht sich f\u00fcr Philipp Reis stark<\/strong><\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz28.11.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Wer hat das Telefon erfunden? Der Amerikaner Graham Bell oder der Deutsche Philipp Reis? Jetzt erscheint die erste gro\u00dfe Monografie zum Erfinder des Telefons. Das Buch kommt zu einer klaren Antwort: Philipp Reis war es. Hessens Ministerpr\u00e4sident Volker Bouffier erkl\u00e4rt: \u201eIn Amerika existiert die grobe Fehlvorstellung, dass Graham Bell das Telefon erfunden habe. Dagegen wollen wir mit diesem Buch ank\u00e4mpfen.\u201c<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p>Deutsche Erfinder haben vom Buchdruck bis zum Auto, vom R\u00f6ntgenstrahl bis zum Kaffeefilter viele Erfolge zu verzeichnen. Doch was ist mit dem Telefon? Amerika beansprucht mit Graham Bell die Ehre f\u00fcr sich. Ein neues Buch des Historikers und Verlegers Wolfram Weimer liefert nun eine andere, eindeutige Analyse: Es war der hessische Lehrer Philipp Reis, der das erste Fernsprechger\u00e4t tats\u00e4chlich erfunden hat \u2013 und das Wort \u201eTelefon\u201c gleich dazu. Das Buch \u201eDer vergessene Erfinder\u201c ist die erste umfassende Monografie zu Philipp Reis und ist im CH.GOETZ-Verlag erschienen.<\/p>\n<p>Der hessische Ministerpr\u00e4sident Volker Bouffier hat die Monografie\u00a0in Wiesbaden pr\u00e4sentiert und erkl\u00e4rt: \u201eSeine Erfindung war revolution\u00e4r. Reis hat Geschichte geschrieben \u2013 auch wenn er teilweise vergessen wurde. Das wollen wir \u00e4ndern.\u201c Philipp Reis sei ein genialer T\u00fcftler gewesen, und wegen seiner unb\u00e4ndigen Neugier ein Vorbild f\u00fcr heute: \u201eWir brauchen wieder Menschen, die neugierig sind, die innovativ sind. Innovation ist ein Schl\u00fcssel f\u00fcr eine bessere Zukunft. Da ziehe ich die Linie zu Philipp Reis. Wir leben von Menschen, die uns nach vorne bringen\u201c<\/p>\n<p>Bestseller-Autor Wolfram Weimer erz\u00e4hlt mit dem Buch minuti\u00f6s die tragische Geschichte eines T\u00fcftler-Genies aus Hessen, dem bis heute der Ruhm f\u00fcr seine\u00a0Erfindung\u00a0versagt geblieben ist. \u201eDas Pferd frisst keinen Gurkensalat\u201c \u2013 so lautet der erste Satz, der jemals \u00fcber ein Telefon gesprochen worden ist. Am 26. Oktober 1861 f\u00fchrte Philipp Reis seine Erfindung den Mitgliedern des Physikalischen Vereins in Frankfurt vor. Der Apparat bestand aus einer Geige, einer Stricknadel und der Blase eines Hasen. Obwohl die Konstruktion funktionierte, die \u00d6ffentlichkeit staunte, bel\u00e4chelten damalige Wissenschaftler den genialen, kreativen Amateur aus Hessen und sein vermeintliches Musik-Spielzeug. Er starb fr\u00fch und erlebte den Weltruhm seines Geniestreichs nicht mehr. Daf\u00fcr \u00fcbernahm der clevere Gesch\u00e4ftsmann Alexander Graham Bell in den USA die Idee, lie\u00df sie zwei Jahre nach dem Tod von Philipp Reis patentieren und machte mit den neuartigen Telefonen Millionen. Amerika feierte Bell seither als den Vater des Telefons. Deutschland hat den wahren Vater hingegen fast vergessen.<\/p>\n<p>Ministerpr\u00e4sident Volker Bouffier bei der Buchvorstellung \u201cDer vergessene Erfinder\u201d von Wolfram Weimer, Foto: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>Die neue Monografie sp\u00fcrt dem Leben und Wirken von Philipp Reis nach. Weimer erz\u00e4hlt die Lebens- und Erfindungsgeschichte detailliert quellentreu und doch lebendig. Zahlreiche Archivfundst\u00fccke und wichtige Quellendokumente werden erstmals zusammen publiziert. Das reich illustrierte Buch gibt vor allem Antworten. Antworten auf die Fragen: Wie kann der nicht-studierte Waisenjunge das schaffen? Wer ist dieser Jahrhundert-Erfinder wirklich? Wieso wird \u201eDas Pferd frisst keinen Gurkensalat\u201c der erste Satz, der je durch ein Telefon gesprochen wird? Warum kann Graham Bell das Telefon nach dem Tod von Philipp Reis f\u00fcr sich patentieren lassen? Und wieso ist Reis in Vergessenheit geraten?<\/p>\n<p>Bei der Schl\u00fcsselfrage, wer denn nun das Telefon tats\u00e4chlich erfunden hat, referiert das Buch die langj\u00e4hrige Wissenschaftsdebatte und ihre Argumente. Dabei wird klar, dass Bell das Telefon technisch entscheidend weiterentwickelt und vor allem erfolgreich vermarktet hat. Das Buch arbeitet interessante Details heraus, so dass Bell in seinem britischen Patentantrag gar nicht den Anspruch erhebt, der Erfinder, sondern nur der Verbesserer des Telefons zu sein. Der genaue Titel seines Patents lautet daher \u201eVerbesserungen in der elektrischen Telefonie (\u00dcbertragung oder Erzeugung von T\u00f6nen zum Zweck tele- grafischer Nachrichten) und an telefonischen Apparaten\u201c.<\/p>\n<p>Allerdings ist Bell tats\u00e4chlich der erste Patentinhaber des Telefons. Dieser Umstand wird von Bell-Verehrern und der amerikanischen Historiographie als entscheidender Beweis gewertet, dass er und nicht Reis als Erfinder angesehen werden m\u00fcsste. Weimer argumentiert dagegen: \u201ePhilipp Reis konnte ein rechtlich einwandfreies Patent gar nicht anmelden, denn das deutsche Patentgesetz wird erst am 25. Mai 1877 beschlossen und tritt am am 1. Juli 1877 in Kraft. Da ist Reis schon drei Jahre tot. Die USA hingegen haben ein geschlossenes Patentrecht schon l\u00e4nger. Das Patent-Argument ist freilich ahistorisch und legalistisch. Denn die meisten Erfindungen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein sind nicht durch moderne Patente kodifiziert worden \u2013 vom Buchdruck bis zur Dampfmaschine \u2013 und trotzdem erkennt man ihre geistigen V\u00e4ter eindeutig als Erfinder an.\u201c<\/p>\n<p>Die Monografie soll \u2013 so Weimer \u2013 \u201eeinem gro\u00dfartigen Mann, dem es das Leben schwer machte, den Respekt und die Sichtbarkeit geben, den er verdient hat.\u201c Denn so das Fazit: Der Erfinder des Telefons hei\u00dft nicht Graham Bell, er hei\u00dft Philipp Reis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Es war Reis, nicht Bell!<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz22.11.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Wer hat das Telefon erfunden? Graham Bell, verbreitet Amerika. Stimmt aber nicht. Es war ein mittelloser Amateur aus Hessen. Jetzt erscheint die erste gro\u00dfe Monografie zu Philipp Reis. Eine Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr die deutsche Wissenschaftsgeschichte.<\/p>\n<p>Es war eine l\u00e4cherliche Konstruktion! Aus einer Geige, einer Stricknadel und der Blase eines Hasen bastelt Philipp Reis 1861 das erste Fernsprechger\u00e4t der Welt. Eine Jahrtausenderfindung in einer hessischen Scheune \u2013 ganz ohne Forschungsgelder oder Venture Capital, ohne Universit\u00e4t oder Institut, nicht einmal einen G\u00f6nner hat er.<\/p>\n<p>Philipp Reis ist ein Waisenkind, dem es das Leben bitter schwer macht. Studieren darf er nicht, doch mit unb\u00e4ndiger Neugier-Intelligenz erk\u00e4mpft er sich einen Lehrerberuf und t\u00fcftelt leidenschaftlich herum. Dabei erfindet er unter grotesken Umst\u00e4nden das Telefon, auch der Name stammt von ihm. Die \u00d6ffentlichkeit staunt, doch die Wissenschaft und die Machthaber bel\u00e4cheln den genialen, kreativen Amateur aus Hessen und sein vermeintliches Spielzeug. Er stirbt fr\u00fch und erlebt den Weltruhm seines Geniestreichs nicht mehr. Daf\u00fcr \u00fcbernimmt der clevere Gesch\u00e4ftsmann Alexander Graham Bell in den USA die Idee, l\u00e4sst sie zwei Jahre nach dem Tod von Philipp Reis patentieren und macht mit den neuartigen Telefonen Millionen. Amerika feiert Bell seither als den Vater des Telefons. Deutschland hat den wahren Vater hingegen fast vergessen.<\/p>\n<h4>Dieses reich illustrierte Buch gibt Antworten.<\/h4>\n<p>Nun sp\u00fcrt erstmals eine gro\u00dfe Monografie das Leben und Wirken von Philipp Reis nach. Der Historiker und Verleger Wolfram Weimer erz\u00e4hlt die Lebens- und Erfindungsgeschichte minuti\u00f6s und doch lebendig. Zahlreiche Archivfundst\u00fccke und wichtige Quellendokumente werden erstmals zusammen publiziert. Das reich illustrierte Buch gibt vor allem Antworten. Antworten auf die Fragen: Wie kann der nicht-studierte Waisenjunge das schaffen? Wer ist dieser Jahrhundert-Erfinder wirklich? Wieso wird \u201eDas Pferd frisst keinen Gurkensalat\u201c der erste Satz, der je durch ein Telefon gesprochen wird? Warum kann Graham Bell das Telefon nach dem Tod von Philipp Reis f\u00fcr sich patentieren lassen? Und wieso ist Reis in Vergessenheit geraten?<\/p>\n<p>Bei der Schl\u00fcsselfrage, wer denn nun das Telefon tats\u00e4chlich erfunden hat, referiert das Buch die langj\u00e4hrige Wissenschaftsdebatte und ihre Argumente. Dabei wird klar, dass Bell das Telefon technisch entscheidend weiterentwickelt und vor allem erfolgreich vermarktet hat. Das Buch arbeitet interessante Details heraus, so dass Bell in seinem britischen Patentantrag gar nicht den Anspruch erhebt, der Erfinder, sondern nur der Verbesserer des Telefons zu sein. Der genaue Titel seines Patents lautet daher \u201eVerbesserungen in der elektrischen Telefonie (\u00dcbertragung oder Erzeugung von T\u00f6nen zum Zweck tele- grafischer Nachrichten) und an telefonischen Apparaten\u201c.<\/p>\n<p>Allerdings ist Bell tats\u00e4chlich der erste Patentinhaber des Telefons. Dieser Umstand wird von Bell-Verehrern und der amerikanischen Historiographie als entscheidender Beweis gewertet, dass er und nicht Reis als Erfinder angesehen werden m\u00fcsste. Weimer argumentiert dagegen: \u201ePhilipp Reis konnte ein rechtlich einwandfreies Patent gar nicht anmelden, denn das deutsche Patentgesetz wird erst am 25. Mai 1877 beschlossen und tritt am am 1. Juli 1877 in Kraft. Da ist Reis schon drei Jahre tot. Die USA hingegen haben ein geschlossenes Patentrecht schon l\u00e4nger. Das Patent-Argument ist freilich ahistorisch und legalistisch. Denn die meisten Erfindungen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein sind nicht durch moderne Patente kodifiziert worden \u2013 vom Buchdruck bis zur Dampfmaschine \u2013 und trotzdem erkennt man ihre geistigen V\u00e4ter eindeutig als Erfinder an.\u201c<\/p>\n<p>Die Monografie soll \u201eeinem gro\u00dfartigen Mann, dem es das Leben schwer machte, den Respekt und die Sichtbarkeit geben, den er verdient hat.\u201c Denn so das Fazit: Der Erfinder des Telefons hei\u00dft nicht Graham Bell, er hei\u00dft Philipp Reis.<\/p>\n<p><em>Wolfram Weimer, Der vergessene Erfinder, Hardcover 146 Seiten, CH. GOETZ-VERLAG,\u00a0 ISBN: 978-3-947140-04-6, Preis: 20 Euro<\/em><\/p>\n<h1>Was den Maestro da Vinci mit dem Weimarer Olympier Goethe verbindet<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz18.11.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><em>Zwei Geister, zwei Welten, zwei Universalgenies: Der eine feierte seinen Siegeszug in der Renaissance, der andere in Zeiten von Aufkl\u00e4rung und Klassik. W\u00e4hrend sich Johann Wolfgang Goethe mit seinem \u201eWerther\u201c fr\u00fch verewigt, war es Leonardo da Vinci, der vor 500 Jahren verstarb, mit seiner \u201eMona Lisa\u201c, die ihn zur Legende werden lie\u00df und Weltruhm einbrachte. Verz\u00fcckt l\u00e4chelt sie \u00fcber die Jahrhunderte hinweg und bleibt doch das Geheimnis ihres Sch\u00f6pfers.<\/em><\/p>\n<h4>Suche nach dem Prinzip der Kunst<\/h4>\n<p>Gleichwohl der Weimarer Olympier Johann Wolfgang Goethe und das Universalgenie Leonardo da Vinci verschiedenen Epochen entstammen, verbindet doch vieles den ehemaligen Staatsminister, Naturforscher und Italienreisenden Goethe mit dem Genie der milden Sch\u00f6nheit \u2013 da Vinci. Die Dinge an sich zu betrachten, zum Wesenskern vorzusto\u00dfen, die induktive Methode der deduktiven Rekonstruktion vorzuziehen \u2013 daf\u00fcr standen beide gleicherma\u00dfen. Maximen der Kunst galt es zu finden \u2013 sie herauszufiltern, Sinn und Ziel \u00e4sthetischer Reflexion.<\/p>\n<p>Nun waren weder Goethe und da Vinci derart gottesf\u00fcrchtige Menschen, die mit dem Letzten, das alles begr\u00fcndet, das G\u00f6ttliche Absolute allein vermeinten finden zu m\u00fcssen, was die beiden hingegen vielmehr verband, war das allgemeine Gesetz in allen aufzusuchen, das Quasi-Muster, das in aller Kontingenz bestehen bleibt. Oder anders formuliert: Zur Imago Dei trat die Natur als etwas Objektives hinzu. Und Kunst war die Synthese \u2013 zum Himmel verweisend und zur Erde sich neigend. Kunst erwies sich so f\u00fcr beide als Abbild einer Regel, als Ausdruck von Ordnung und letztendlich r\u00fcckf\u00fchrbar auf die Gesetze der Natur.<\/p>\n<h4>Der Geist der Naturforscher<\/h4>\n<p>Goethe war begeisterter Naturforscher und Philosophien nicht abgeneigt, die sich empirisch den Ph\u00e4nomen n\u00e4herten, und da Vinci ein glorreicher Vertreter der Renaissance, der nicht zu Ficino und dem Neuplatonismus samt metaphysischer Supraspekulation und Negativer Theologie \u00e0 la Pseudo Dionysios Areopagita oder Plotin zur\u00fcckwollte, sondern zur Natur und der in ihr lebendigen Gesetze. Ganz dem Geist der Renaissance verpflichtet, galt es die Natur zu adeln, nicht zuletzt als Abbild g\u00f6ttlicher Harmonie und Ordnung, aber sie letztendlich auch in ihrer eigenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit und damit als autonome Kraft zu durchdringen.<\/p>\n<p>Diese Gesetze freizulegen, das Unsichtbare sichtbar zu machen, die Regelm\u00e4\u00dfigkeit und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit zu entdecken, dieser Arbeit hatte sich Leonardo da Vinci wie sp\u00e4ter Goethe hingegeben \u2013 der eine in der Literatur und Malerei, der mit Meyer nach Rubriken und Schemen suchte, um Regularien f\u00fcr die Kunst aufzustellen, der andere anhand tausender von Skizzen, Zeichnungen und Gewandstudien. Da Vinci war ein minuti\u00f6ser Chronist seiner Ideen, ein Selbstreflektierer und Zweifler, stets und st\u00e4ndig in Aktion alles Faktische zu sammeln, zu skizzieren. Ein Aktionist, wenn es um die allt\u00e4glichen Dinge ging.<\/p>\n<p>Diese \u201et\u00e4gliche [\u2026] Buchf\u00fchrung mit sich selbst\u201c war auch f\u00fcr Goethe von gro\u00dfer Bedeutung, wie er 1827 gegen\u00fcber Kanzler Friedrich von M\u00fcller formulierte. Immer hatte er einen Skizzenblock zur Hand. Selbst nachts stand er auf und notierte seine Ideen, dokumentierte alles gleichwohl f\u00fcr die Literatur sowie die Wissenschaft.<\/p>\n<h4>Erfinder par excellence<\/h4>\n<p>Goethe entdeckte den Zwischenkieferknochen, entwickelte gegen alle Widerst\u00e4nde, selbst gegen Newton, seine Farbenlehre. Zeitlebens blieb er zweifelnder Neptunist, Sammler und Botaniker. Da Vinci hingegen war leidenschaftlicher Anatom, sezierte Leichname, war ein versiert-innovativer Konstrukteur von Kriegsger\u00e4ten, Vermesser der Welt und detailgetreuer Chronist der sich wandelnden Natur. Legend\u00e4r seine Erfindungen wie die Taucherglocke, der Fallschirm, die Druckpumpe, die Drehbank, der Brennspiegel sowie seine Stadtentw\u00fcrfe nach der verheerenden Pestepidemie von 1484\/85.<\/p>\n<p>Dem Leben galt es f\u00fcr da Vinci die Geheimnisse abzulauschen, in die Brunnenstuben hinabzusteigen. Und dies bedeutete, gem\u00e4\u00df da Vincis Maxime von Trial and Error, induktiv zu verfahren, denn nur so vermag es der K\u00fcnstler, Kunst nicht \u00e0 la Aristoteles abzubilden, sondern Kunst auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen, das der Natur dann nicht nur die Geheimnisse ablauscht, sondern die Struktur der Natur selbst abbildet.<\/p>\n<h4>Kunst als Wissenschaft<\/h4>\n<p>Da Vinci penibel aufgezeichnete Tageb\u00fccher, \u201edie Codici\u201c, geben Auskunft \u00fcber seine analytische Methode, die sich von mittelalterlicher Dogmatik und Darstellungskunst radikal verabschiedete und statt ihrer die von der Physik durchdrungene Natur nicht als Landschaftsidylle, sondern als wahrhaft durchdachte in den Hintergrund vieler seiner Bilder, so auch der \u201eMona Lisa\u201c stellte. Ein Zur\u00fcck zur Antike wollte da Vinci ebenso wenig wie Goethe. Die Pracht der antiken Kunst durch Imitation von Modellen wiederzubeleben, davon hielt auch er wenig.<\/p>\n<p>Imitation ist gar keine Kunst, so wird es sp\u00e4ter Goethe formulieren, wenn er daf\u00fcr pl\u00e4diert, dass wahrhafte Kunst lediglich eine sein kann, der die Kategorie der Erfindung, eine zweite Natur quasi, zugrunde liegt. Dies gilt um so mehr dann auch f\u00fcr da Vinci, denn Kunst versteht er als etwas, in der sich die Idee samt physikalischen Gesetz materialisiert hat, und die als empirische zugleich auf das Unendliche als Endliche hinausweist.<\/p>\n<p><strong>Der Publizist und Philosoph G\u00fcnter Zehm ist tot<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2019\/11\/\"> November 2019<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/gesellschaft\/\">Gesellschaft<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/der-publizist-und-philosoph-guenter-zehm-ist-tot\/#mh-comments\">0<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>G\u00fcnter Albrecht Zehm<\/p>\n<p><strong>Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der \u201eDie Welt\u201c, Autor und Philosophieprofessor G\u00fcnter Zehm ist im Alter von 86 Jahren in Bonn am 1. November 2019 gestorben. Zehm wurde am 12. Oktober 1933 im s\u00e4chsischen Crimmitschau geboren.<\/strong><\/p>\n<p>Die Welt ist nicht wei\u00df und nicht schwarz, sie hat Grau- und Zwischent\u00f6ne, ein Vexier- und Farbenspiel, f\u00fcr das jedes Individuum in seiner Einmaligkeit und Verg\u00e4nglichkeit steht. G\u00fcnter Zehm spiegelte diese Ambivalenz, die Weite des Lebens in all seinen Schattierungen und Weltblicken \u2013 von ganz links bis in sein Konservativsein hinein. Aber Zehm war vor allem eins: Ein wacher, aufgekl\u00e4rter Geist, der bis ins hohe Alter die Freude am Entdecken f\u00fcr sich bewahrte, ein Widerst\u00e4ndler, ein Protestierer, dem es um Tatsachen und Fakten ging, der die Welt in die Tiefe hinein kritisch hinterfragte, ein hoffnungsvoller, energischer und k\u00e4mpferischer Pessimist, der an das Wahre und Gute glaubte \u2013 und den Preis oft mit Stillgeschwiegenwerden bezahlen musste. G\u00fcnter Zehm lie\u00df sich nie verbiegen, war immer er selbst und seine philosophische Methodik dem Trial and Error verbunden. Abstrakte Ideengebilde \u00e0 la Deutscher Idealismus waren f\u00fcr ihn Systeme der Realit\u00e4tsverweigerung. Der lebens- und schicksalsgeschulte Zehm, der bei Ernst Bloch Assistent, sp\u00e4ter bei Adorno mit einer Arbeit \u00fcber Jean-Paul Sartre promoviert wurde, setzte auf die Kraft des Gesunden Menschenverstandes. Leben und Philosophie, Praxis und Theorie sind in all seinen Werken nahtlos ineinander geflossen, haben sich wechselseitig durchdrungen und mit plastischer Klarheit und intellektuellem Anspruch zu wahren kleinen Kunstwerken verbunden.<\/p>\n<p>Zehm war nicht nur der gelehrte Schreiber, der \u00fcber ein derart breit angelegtes Wissen verf\u00fcgte, das selbst seine Kritiker immer erblassen lie\u00df. Er galt als Brockhaus auf zwei Beinen, ein lebendiges Lexikon, das buchst\u00e4blich zu jeder Thematik abrufbar war. Dieses Wissen eines Allrounders, das sich in alle Fachgebiete des Lebens hin ersch\u00f6pfte, haben wir, die damaligen Studenten der Jenaer Universit\u00e4t, dankbar und ehrf\u00fcrchtig aufgesogen. Zehm, der kurz nach der Wende Honorarprofessor an der Universit\u00e4t Jena wurde, eine Professur wegen erlittenem Unrecht in der DDR, war einer, der mit Leidenschaft philosophierte und der mit seinen Vorlesungsnachschriften, die in neun B\u00fcchern erschienen, sich selbst, seinem Denken und seiner Philosophie ein Denkmal gesetzt hat. Einfach und verst\u00e4ndlich Hochkomplexes in Worte zu fassen \u2013 das war und ist eine Kunst, die G\u00fcnter Zehm in Personalunion in sich vereinte.<\/p>\n<p>Zehm hatte alle Widerst\u00e4nde des Lebens am eigenen Leib gebrochen. Als Assistent von Ernst Bloch ging er f\u00fcr seine offene Kritik am DDR-Staat in den Knast, wurde zu 4 Jahren Gef\u00e4ngnis in Waldheim und Torgau verurteilt. Verraten und verkauft von ehemaligen Freunden wegen \u201eBoykotthetze\u201c im h\u00e4rtesten Gef\u00e4ngnis der Zone. Das hat ihn tief gepr\u00e4gt und sein Leben lang wehm\u00fctig begleitet. Es war ein Splitter in seiner Existenz, eine Kr\u00e4nkung und eine Dem\u00fctigung eines stolzen Mannes, mit der er gek\u00e4mpft, und die er kraftvoll in ein fast un\u00fcberschaubares Lebenswerk gekleidet hat. Hatte Georg Wilhelm Friedrich Hegel viel geschrieben \u2013 Zehm hat weit mehr an Schrifttum hinterlassen. Gut vierzig B\u00e4nde k\u00f6nnte sein Nachlass umfassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die journalistische Welt war er eine Ikone, ganze Generationen von Sch\u00fclern hatte er in die Geheimnisse des Schreibens hinein begleitet, viele von ihnen haben durch ihn Karriere gemacht \u2013 Martina Fietz, die er eingestellt hatte, hat es sogar bis zur Regierungssprecherin von Angela Merkel gebracht.<\/p>\n<p>Zehm, der Ziehsohn Axel Springers \u2013 wie er zuvor Ziehsohn von Ernst Bloch gewesen ist, war so etwas wie eine Enzyklop\u00e4die des Kalten Krieges. Fast t\u00e4glich publizierte er aus der Springerzentrale, schrieb Rezensionen, Leitartikel und die ber\u00fchmte Pankrazkolumne seit 1975. Er lie\u00df sich nicht von links einsch\u00fcchtern, pl\u00e4dierte f\u00fcr die Deutsche Einheit, war Patriot und Universalist.<\/p>\n<p>Wer ihn in eine Schublade einzusortieren suchte, wie man es nur allzu gern pflegte, wurde seinem Denken nicht gerecht. Zehm lie\u00df sich geistig wie k\u00f6rperlich nicht einsperren \u2013 daf\u00fcr war er geistig einfach zu \u00fcberlegen, zu gebildet. Doch versucht hatte man es sp\u00e4testens dann, als er zur rechtskonservativen \u201eJungen Freiheit\u201c wechselte. Jetzt galt der Denker der Freiheit als persona non grata. Darunter hatte er immer gelitten \u2013 und seine Antwort darauf: Sich-nicht-Einsch\u00fcchtern-Lassen, schreiben bis zum letzten wachen Atemzug. Und dieser Devise ist er sich treu geblieben, er der Unbeugsame und Unbequeme einerseits, der warmherzige, gro\u00dfz\u00fcgige und offene Mensch andererseits.<\/p>\n<p>Doch insgeheim las man ihn, insgeheim bewunderte man ihn f\u00fcr seinen Mut, wie er gegen den Zeitgeist rebellierte, gegen die politische Korrektheit antrozte. Was Zehm unter dem Ladentisch schrieb, landete kurzerhand sp\u00e4ter in den Leitmedien. Immer ist Zehm, der bis zu seinem Tod zu Allerheiligen 2019 der dienst\u00e4lteste und langj\u00e4hrigste Kolumnist Deutschlands war, am Puls der Zeit geblieben, unerm\u00fcdlich und leidenschaftlich hatte er sich dem Journalismus und viele Jahre seines Lebens als Professor der Philosophie in Jena verschrieben. Ja Schreiben war seine Existenz, war das Elixier, das ihn wach und am Leben hielt, ob in der \u201eDie Welt\u201c, wo er Feuilleton-Redakteur und von 1977 bis 1989 stellvertretender Chefredakteur war, im \u201eRheinischen Merkur\u201c und zuletzt in der \u201eJungen Freiheit\u201c.<\/p>\n<p>Eine Autobiographie eines bewegten Lebens voller Unrast und Wagemut wollte er noch schreiben \u2013 auch als Hommage an seine Mutter, die nach dem Krieg die vier Kinder allein gro\u00df gezogen hat. Nun hat G\u00fcnter Zehm nach einer kurzen Leidenszeit die Augen geschlossen, doch sein Verm\u00e4chtnis, das er in tausenden Kolumnen und Aufs\u00e4tzen der Nachwelt hinterlassen hat, bleibt lebendig \u2013 es zu b\u00fcndeln, um einem gro\u00dfen Gelehrten, Denker und Chronisten der deutschen Teilung bis hin zu ihrem Zusammenwachsen ein Denkmal zu setzen \u2013 eine gebotene Aufgabe an die Nachfahren.<\/p>\n<h1>Der Seelendoktor und ambivalente politische Revoluzzer<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.11.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Theodor Fontane (* 30. Dezember 1819 in Neuruppin; \u2020 20. September 1898 in Berlin) war einer der gro\u00dfen deutschen Landschaftspoeten. Er ist aber auch der Anwalt der Frauen gewesen, die Emanzipation verdankt dem Neuruppiner Apotheker viel. Aber wie dachte er politisch und was ist von seiner Ambivalenz zu halten?<\/p>\n<p>WERBUNG<\/p>\n<p>Das Genie kennt keine Niederungen, das Genie spielt sie in die Universalit\u00e4t. Theodor Fontane, der Apotheker aus Neuruppin, dem wir einige der sch\u00f6nsten Erz\u00e4hlungen, Novellen und Romane der Weltliteratur verdanken, war vor allem eins: ein detailgetreuer Chronist seiner Zeit, einer, der die Welt mit Argusaugen in seinen Werken spiegelte, einer der in die Abgr\u00fcnde der Seele tief hinabblickte, einer, der an allen Fronten der Gesellschaft k\u00e4mpfte, sei es als konservativer Geist, sei es als progressiver Denker , sei es als Autor, auf den der Begriff des Realismus wie kaum einen zweiten passt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Kurt Tucholsky Fontane vor hundert Jahren schon f\u00fcr tot erkl\u00e4rte und als einen markierte, der aus der Zeit gefallen sei, \u201eleicht angestaubt\u201c, als einen altbackenen, wo \u201eunsere Z\u00e4hne nicht mehr recht bei\u00dfen wollen\u201c, hat ihn Thomas Mann wieder geadelt. Insonderheit, ja als pr\u00e4gende Lichtgestalt gefeiert, hatte Mann den alten Fontane und \u201eeine Romanbibliothek der rigorosesten Auswahl, und beschr\u00e4nkt man sie auf ein Dutzend B\u00e4nde, auf zehn, auf sechs, \u2013 sie d\u00fcrfte ,Effi Briest\u2018 nicht vermissen lassen\u201c, hei\u00dft es beim Nobelpreistr\u00e4ger aus L\u00fcbeck, der die nordische Welt wie einst Theodor Storm in sich aufsog, dem die Charaktere Fontanes letztendlich die Vertrautheit der Scholle bedeuteten, die so viel Stoff f\u00fcr die \u201cBuddenbrooks\u201c boten.<\/p>\n<h4>Seelendoktor<\/h4>\n<p>Und in der Tat gibt Fontane sie, die tiefen Einblicke, die Schilderungen von Landschaften als Spiegelbilder der Seele sowie umgekehrt der Seelen als Spiegelbilder der Landschaften. Sie stehen bei ihm f\u00fcr poetisch-kritische gezeichnete Stimmungsbilder, die nicht wie bei Lorrain und Poussin verkl\u00e4ren, sondern die Rauheit, die H\u00e4rte, die Ungerechtigkeit des Lebens in allen seinen Schattierungen nachzeichnen. Ob \u201eEffi Briest\u201c oder \u201eIrrungen und Wirrungen\u201c, stets bleibt es das pers\u00f6nliche Schicksal, das \u00fcber sich auf die Missst\u00e4nde der Gesellschaft seine Schatten wirft, stets geht der Gang vom Kleinen in die Weite.<\/p>\n<h4>Der Seismograph<\/h4>\n<p>Fontane ist der Seismograph der Seele, er kennt ihre Banalit\u00e4ten, die Unruhest\u00e4nde, die Schicksalslagen und erz\u00e4hlt sie in epischer Breite. Und gerade durch dieses Allzupers\u00f6nliche gewinnt er den Leser, der sich darin auch nach 150 Jahren wie in einem bunten Garten verf\u00e4ngt, weil er etwas Best\u00e4ndiges, Ewiges, darin entdeckt, etwas das gleichbleibt \u2013 die Suche nach dem Sinn von Sein, die Wechselb\u00e4der der Emotionen, die gesellschaftlichen Bande samt ihren Fallstricken.<\/p>\n<p>Die Zeiten haben sich seit Fontane ver\u00e4ndert, aber die Stimmungslagen sind geblieben \u2013 und das macht ihn eben unsterblich, weil sich der Einzelne darin findet; sowohl in seinen \u00c4ngsten, in seinen Konventionen und im Allzumenschlichen, da seine Schriften in ihrer F\u00fclle f\u00fcr das Menschsein in seiner ganzen Ambivalenz stehen.<\/p>\n<p>Fontane entwirft so eine Physiognomie der Seele, der Rahmen dazu die Herbe des Nordens, die unendlichen Weiten der Mark Brandenburg, \u201eein weites Feld\u201c eben, das Fontane Schritt f\u00fcr Schritt durchwanderte, vor dessen Gr\u00f6\u00dfe und geschichtlicher Bedeutung er sich in seinen \u201eWanderungen durch Mark Brandenburg\u201c tief verneigte und der brachen Landschaft so ein St\u00fcck weit Unendlichkeit schenkte. Die Mark, so Fontane, spiegelt Weltgeschichte, diese pointiert und minuti\u00f6s herauszuarbeiten \u2013 eine gepflegte Leidenschaft des Vielschreibens, der erst im Alter den Glanz der Literatur ganz f\u00fcr sich entdeckte. Und \u201escheint es nicht, da\u00df er alt, sehr alt werden mu\u00dfte, um ganz er selbst zu werden?,\u201c schrieb Thomas Mann in seiner Hommage \u201eDer alte Fontane\u201c, der nur noch von Goethes \u201eWahlverwandten\u201c \u00fcbertroffen werden sollte.<\/p>\n<h4>Nicht nur ein Reisedichter<\/h4>\n<p>Lange galten die \u201eWanderungen\u201c als das \u0152uvre schlechthin, Reiseberichte hatten w\u00e4hrend des 17., 18. und 19. Jahrhunderts Konjunktur. Und Fontane erlebte diese Renaissance noch einmal nach der Wende 1990,, er, der sich selbst als alter Briest im gleichnamigen Roman ein eindrucksvolles, weises, aber auch weites Charakterbild gezeichnet hat, als viele aus Ost und West ihren Fontane als Brevier im Gep\u00e4ck den Norden Berlins durchstreiften<\/p>\n<p>Doch Fontane ist mehr als ein Reisebegleiter: geblieben ist sein \u201eweites Feld\u201c, das \u00a0von G\u00fcnter Grass 1997 als Roman vorlegte und als Fontane-Hommage verstanden wissen wollte. Das \u201eweite Feld\u201c ist zum gefl\u00fcgelten Wort geworden und hat selbst Literaturgeschichte geschrieben.<\/p>\n<h4>Zwiesp\u00e4ltiger politischer Geist<\/h4>\n<p>Fontane war \u201eder Wanderer, wie er im Buche steht.\u201c Nicht nur die Mark hatte er durchschritten, sondern sein ganzes Leben steht f\u00fcr eine Wanderschaft. W\u00e4hrend aber seine m\u00e4rkischen Stimmungsbilder f\u00fcr leidenschaftliche Kontinuit\u00e4t stehen, die die Liebe zur Heimat sowie die tiefe Verbundenheit mit der Kreatur in all ihren Facetten zum Ausdruck bringen, zeigt sich Fontane als Chronist des Politischen in all seiner Zwiesp\u00e4ltigkeit.<\/p>\n<p>Thomas Mann attestierte ihm einst \u201everantwortungsvolle Ungebundenheit\u201c und nannte ihn einen \u201eunsicheren Kantonisten\u201c. <em>\u201e<\/em>In seinem Gem\u00fct wu\u00dfte er sich nicht nur unabh\u00e4ngig von den \u201eetabblierten M\u00e4chten\u201c, sondern hielt es f\u00fcr th\u00f6richt, mit der Menschheit \u00fcberhaupt, mit Beifall, Zustimmung, Ehren zu rechnen, als ob damit Etwas getan w\u00e4re\u201c hei\u00dft es im \u201eDer alte Fontane\u201c.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war der Literat des \u201eDer Stechlin\u201c in seiner Brust mehr gespalten als Thomas Mann es ihm attestiert hat. Urspr\u00fcnglich Demokrat und Republikaner, 1848er-Revolution\u00e4r war er doch auch Preu\u00dfen-Nostalgiker, sp\u00e4ter Konservativer, der auch kritisch auf die Judenfrage blickte.<\/p>\n<p>Das traditionelle Preu\u00dfen hatte er einst mit\u00a0seinen \u201eAcht Preu\u00dfenliedern\u201c besungen und sein Herz erw\u00e4rmte sich f\u00fcr die M\u00e4rzrevolution. Drei Jahre vor seinem Tod 1898 hei\u00dft es in einem Brief an Georg Friedlaender: \u201eMein Hass gegen alles, was die neue Zeit aufh\u00e4lt, ist in einem best\u00e4ndigen Wachsen begriffen. Und die M\u00f6glichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, dass dem Sieg des Neuen eine furchtbare Schlacht voraufgehen muss, kann mich nicht abhalten, diesen Sieg des Neuen zu w\u00fcnschen. [\u2026] Preu\u00dfen war eine L\u00fcge, das Licht der Wahrheit bricht an [\u2026].\u201c<\/p>\n<h4>Die Ambivalenz des Theodor Fontane<\/h4>\n<p>Die Spannweite des Politischen hatte Fontane in ihrer ganzen Weite durchschritten. Das Revolution\u00e4re wie das Konservative sind Facetten eines Mannes geblieben, f\u00fcr den es die Wahrheit zumindest im Politischen nicht gab. Er brannte sowohl f\u00fcr die Revolution, wie er sp\u00e4ter f\u00fcr die Konservativen Partei ergreifen wird. Von der liberalen \u201eDresdner Zeitung\u201c wechselte er als Mitarbeiter zum Literarischen Cabinet, das sp\u00e4ter in die \u201eCentralstelle f\u00fcr Pre\u00dfangelegenheiten\u201c umbenannt wurde. Nun stand der Revoluzzer von einst sogar auf dem Lohnzettel des Ministeriums und schrieb unter Pseudonym sowohl liberale wie konservative Artikel. Fontane wurde so zum Erfolgsgehilfen und konspirativen Drahtzieher des Staates dem er wenige Jahre zuvor noch den Krieg erkl\u00e4rte \u2013 \u00a0ein weites Feld eben. Ab 1861 hatte er als Journalist der stockreaktion\u00e4ren \u201ePreu\u00dfischen Kreuzzeitung\u201c dem Preu\u00dfischen Staat in die H\u00e4nde gearbeitet, war statt Revolution\u00e4r Stimmrohr von Adel, Thron und K\u00f6nig, ja, wie Edgar Bauer berichtete \u201eAgent der Preu\u00dfischen Regierung.\u201c Patriot aber ist Fontane immer geblieben, sein politisches Changieren mag auch an die Vita Richard Wagners erinnern \u2013 vom Revolution\u00e4r und K\u00f6nigsfreund.<\/p>\n<h4>\u00a0Lausedichter<\/h4>\n<p>Georg Luk\u00e1cs nannte es \u201eWiderspr\u00fcchlichkeit\u201c und meinte \u201edie untrennbare Verschlungenheit von \u00e4u\u00dferster Skepsis und naivster Leichtgl\u00e4ubigkeit in den Fragen des \u00f6ffentlichen Lebens\u201c. Fontane hat diese Ambivalenz des Politischen nicht geleugnet, dergestalt etwa, dass man alles in einem: f\u00fcr und wider Preu\u00dfen, f\u00fcr und wider Bismarck, Junker, Bourgeois und Arbeiter zugleich sein kann. Vielmehr war er sich selbst dessen vollauf bewusst. So schrieb er an seinen Freund Bernhard von Lepel: \u201eMan hat vor den gew\u00f6hnlichen Lumpenhunden nur das voraus, da\u00df man wie der wittenbergische Hamlet sich \u00fcber seine Lumpenschaft vollkommen klar ist.\u201c<\/p>\n<p>Politisch ist Fontane eine lokale Rumpelkammer\u201c geblieben. In einem Brief an seine Frau vom 8. August 1883 erkl\u00e4rt er dann auch seine Neigung, sich \u201emit den so genannten Hauptsachen immer schnell abzufinden, um bei den Nebensachen liebevoll, vielleicht zu liebevoll, verweilen zu k\u00f6nnen [\u2026] Ich bin danach Lausedichter, zum Teil sogar aus Passion; aber doch auch wegen Abwesenheit des L\u00f6wen.\u201c<\/p>\n<h4>Fontane ist aktueller denn je<\/h4>\n<p>Nun k\u00f6nnte man diese Ambivalenz als widerspr\u00fcchlichen Wesenszug Fontanes stehen lassen, eine Ambivalenz f\u00fcr die sein Leben steht \u2013 \u201e weites Feld eben\u201c. Doch Resignation davon abzuleiten, da hat Fontane selbst doch so seine \u201eZweifel. Das mit der Kreatur, damit hat\u2019s doch seine eigene Bewandtnis, und was da das Richtige ist, dar\u00fcber sind die Akten noch nicht geschlossen, hei\u00dft es in \u201eEffi Briest.\u201c Und selbst wenn es hei\u00dft: \u201eEs ist so schwer, was man tun und lassen soll,\u201c der Literat Fontane hat denen \u2013 wie einst Charles Dickens mit seinem Oliver Twist \u2013 eine Stimme gegeben, die keine hatten, den Frauen, den Entrechteten und den Underdogs. Er zeichnet ihre Charaktere in aller Bescheidenheit, aber eben auch in stiller Gr\u00f6\u00dfe und macht sie damit f\u00fcr die Literatur unsterblich, w\u00e4hrend sie es f\u00fcr die Gesellschaft noch lange nicht waren. Hier war Theodor Fontane seiner Zeit weit voraus, ein Revolution\u00e4r der Seelenlandschaft eben, der Gleichwertigkeit der Menschen, der Ungerechtigkeiten gei\u00dfelte und anprangerte. Allein dies reicht schon aus, um ihn als Gesellschaftsrevolution\u00e4r zu adeln, selbst wenn er als politischer Charakter ein Wanderer auf jedwedem Terrain blieb.<\/p>\n<p>Wenn die CSU 2019 \u00fcber die Frauenquote streitet, so war es Fontane, der vor 150 Jahren die Rebellion der Emanzipation entfachte. Seine Liebe zu den Junkern der Mark, die er in vielen seiner Schriften verkl\u00e4rte, stellte er andererseits sein Gerechtigkeitsempfinden einem Frauenbild gegen\u00fcber, das entm\u00fcndigt als Objekt der M\u00e4nnerwelt Untertan war. Die Stellung der Frau hat Fontane deutlich aufwertet, er hat sie aus dem Nischendasein in den Vordergrund gestellt und mit \u201eEffi Briest\u201c ein modernes Frauenbild gezeichnet, das an den Ketten der Konventionen immer wieder scheitert. Der Drang zur Freiheit f\u00fchrt nicht in die Unabh\u00e4ngigkeit, sondern \u2013 im Fall Effis \u2013 zur sozialen \u00c4chtung und Ausgrenzung.<\/p>\n<h4>Was bleibt, aber stiftet der Dichter<\/h4>\n<p>Und sein \u201eein weites Feld\u201c bleibt sozial und ethisch gesehen ein offener Diskurs mit sich selbst, mit der Umwelt, mit der Politik. Es steht letztendlich f\u00fcr die Offenheit des Denkens, f\u00fcr seine Br\u00fcche und Widerspr\u00fcche \u2013 f\u00fcr etwas, das auch unsere Moderne angeht, weil auch wir gespalten, polarisiert sind. Weil wir oft doktrin\u00e4r argumentieren und doch das Neue herbeiw\u00fcnschen, weil wir wie Fontane beides sind: dem Traditionellen verhaftet, aber auch dem Neuen gegen\u00fcber offen, weil wir in die Zukunft blicken und doch dem Alten anh\u00e4ngen, weil wir ambivalent wie der alte Dichter sind \u2013 und all das macht uns Fontane zu einem Geist, dessen 200. Geburtstag wir zwar feiern, der aber an Aktualit\u00e4t nicht zu unterbieten ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Populismus ist nicht zuletzt eine Antwort auf den Erfolg des Liberalismus.\u201c<\/h1>\n<p>von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz20.10.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Innenpolitik, Medien<\/p>\n<p>Ein Gespenst geht in Deutschland um \u2013 die AfD. Binnen k\u00fcrzester Zeit hat es die Partei von Alexander Gauland und Alice Weidel geschafft, sich den Osten der Republik zu erobern. In einer Woche sind Landtagswahlen in Th\u00fcringen. Dort steht die AfD an zweiter Stelle hinter der Linkspartei und vor der Volkspartei CDU. Aber warum ist die Partei in den neuen Bundesl\u00e4ndern so stark?<\/p>\n<h4>Der Aufstieg der AfD im Osten<\/h4>\n<p>Wenn im Jahr 2019 \u00fcber 20 Prozent der Ostdeutschen die AfD w\u00e4hlen und damit der CDU und den \u00fcbrigen Altparteien einen gewaltigen Schlag ins R\u00fcckenmark versetzen, mag das sicherlich seinen Grund nicht darin haben, dass das Gros der Ostdeutschen rechts ist oder rechtsradikal denkt, sondern zeigt, das der Ostler eben nicht das Establishment w\u00e4hlt. Von diesem hat er die Nase gestrichen voll. 40 Jahre Zwangskollektivierung und Bevormundung passen nicht zu einem neuen Freiheitsbewusstsein, das die Rebellion quasi f\u00fcr sich in Anspruch nimmt. Und dieser Hang zu Rebellieren, zum offenen Aufstand, hat in den letzten 30 Jahren mehr an Geltungs- und Gestaltungskraft gewonnen als verloren.<\/p>\n<h4>Die fr\u00fche Hoffnung auf die CDU<\/h4>\n<p>Die ersten demokratischen Wahlen im Osten nach dem Aufbruch ins Ungeahnte, die der friedlichen Revolution der Kerzen folgte, hatten der CDU unter Altkanzler Helmut Kohl noch einen triumphalen Sieg beschert. Die maroden Fassaden, die desolate Infrastruktur, der Kohlegeruch als Brandzeichen eines sich verrauchenden Kommunismus waren verflogen. 1990 bl\u00fchte das repressive Land auf, atmete den Odem der Freiheit \u2013 zum ersten Mal nach 1933 und 1949. Die b\u00fcrgerliche Opposition, die lange Zeit ein Nischendasein im leisen Kampf gegen Diktatur und Unrecht f\u00fchrte, erwachte. Das Land, verdammt zum jahrelang verordneten Stillschweigen, entdeckte den politischen Geist, den Mut der Ver\u00e4nderung, die Kraft zum Neubeginn.<\/p>\n<h4>Wider den gr\u00fcnen Zeitgeist<\/h4>\n<p>Parteien mit Alternativen standen pl\u00f6tzlich zur Disposition. Die einstigen Blockfl\u00f6tenparteien mit pseudodemokratischem Anstrich versanken in der Bedeutungslosigkeit. Einzig die CDU ist im Bewusstsein geblieben, stand sie doch f\u00fcr Wohlstand und bl\u00fchende Landschaften. Charismatisch waren Politiker wie Bernhard Vogel oder Kurt Biedenkopf. Aber auch die ehemalige Blockfl\u00f6tenpartei SPD feierte mit Matthias Platzeck Konjunktur, w\u00e4hrend der gr\u00fcne Ordnungs- und Verbotsgeist die Ostdeutschen von Beginn an l\u00e4hmte. Zu viele Repressionen, Bevormundungen waren gerade denen suspekt, die sich davon emanzipieren wollten \u2013Freiheit statt Verbotskultur grassierte damals durch die Gassen. Wie vor 30 Jahren stehen auch heute noch die Gr\u00fcnen f\u00fcr das, was man abgew\u00e4hlt hatte, f\u00fcr Maulkorb und Besserwisserei. Und selbst die Liberalen, der Neoliberalismus samt Laissez faire-Politik, rangierten nicht auf der Beliebtheitsskala im Osten im vorderen Segment, denn auch zu viel Freiheit f\u00fchrt, ganz wie S\u00f6ren Kierkegaard einst schrieb, zu Angst. Joachim Gauck hatte dieses Ph\u00e4nomen j\u00fcngst auf den Punkt gebracht: \u201ePopulismus ist nicht zuletzt eine Antwort auf den Erfolg des Liberalismus.\u201c<\/p>\n<h4>Anywhers versus Somewheres<\/h4>\n<p>Im Unterschied zu den westdeutschen \u201eAnywhers\u201c, den liberalen Weltb\u00fcrgern, wie der Publizist David Goodhard sie nennt, verstehen sich der Ostdeutschen wohl eher als Sesshafte, als Somewheres, die sich mit Heimat und Scholle mehr als mit Globalisierung, Diversit\u00e4t und migrantischen Communitys identifizieren. Und darum birgt eine offene Gesellschaft auch die Gefahr in die Depression und Repression zu fallen. Denn: \u201eJene offene, multikulturelle Welt, die den einen die Demokratie attraktiv erscheinen lie\u00df und l\u00e4sst, hat bei anderen \u00c4ngste und das Gef\u00fchl der Bedrohung ausgel\u00f6st.\u201c Wenn die Progressiven \u201ezu weit vorauseilen, erst recht, wenn sie die Interessen relevanter Mehrheiten gering sch\u00e4tzen, aktivieren sie die Reaktion. Demokratie aber lebt aber von der Verst\u00e4ndigung und der Toleranz unter den Verschiedenen. Wenn die Demokratie ihr Spielfeld nicht den Verschiedenen \u00f6ffnet, beginnen die Unbeachteten oder Ausgeschlossenen die Spieler von der Zuschautrib\u00fcne aus zu attackieren, oder sie verlassen sogar die B\u00fchne\u201c, schrieb Alt-Bundespr\u00e4sident Gauck j\u00fcngst.<\/p>\n<p><strong>Der Ostdeutsche als Zuschauer<\/strong><\/p>\n<p>Der Ostdeutsche ist, wie es einst Hans Blumenberg mit einer Metapher beschrieb, der Zuschauer, der Weite und Unbekanntes f\u00fcrchtete, dem dass Zuhausein Hort von Behaglichkeit und \u2013 wie beim Griechen Hesiod \u2013 Gl\u00fcckseligkeit bedeutete. W\u00e4hrend der Ostdeutsche den Schiffbruch f\u00fcrchtet, lieber aus der Gem\u00fctlichkeitsecke das Drama verfolgt, riskiert der Westdeutsche mehr die Existenz, um durch den Verlust des Gewohnten eine qualitativ neue Freiheitserfahrung zu machen.<\/p>\n<p>Diese verschiedenartige Sicht auf die Welt von Ost und West, von Anywhers und Someweheres, erkl\u00e4rte einst auch den politischen Drive zur LINKS-Partei im Osten. Paradoxerweise erlebte dabei genau die Partei, die SED-Nachfolgepartei PDS nun LINKE, eigentlich der Erzfeind genau jener, die ihren totalit\u00e4ren Staat selbst abgeschafft hatten, Hochkonjunktur. Sie stand jahrzehntelang f\u00fcr Repressalien, \u00dcberwachung, Gef\u00e4ngnis und Todesstrafe, f\u00fcr einen \u00dcberwachungsstaat, der mit perfiden Foltermethoden agierte, der Freiheit versprach, indem er die Freiheitlichen einsperrte. F\u00fcr einen Staat, der ideologisierte, um mit erpresster Vers\u00f6hnung dem Systemsozialismus Durchschlagskraft zu eben. Genau genommen war das System des Sozialismus nichts anderes als ein G\u00e4ngelstaat, der die Freiheit einzelner zugunsten des Systemgedankens relativierte.<\/p>\n<p><strong>Der lange Weg gen Links<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Einheit vor 30 Jahren drehte sich der Wind von der konservativen Kohl-\u00c4ra aber immer weiter gen links und die ehemaligen DDR-B\u00fcrger, die 1990 noch die Einheit samt Banane wollten, drifteten zur PDS. Denn diese galt als kritisches Bollwerk gegen das System von Neoliberalismus und Finanzkapitalismus, wo man die Verzweckung des Menschen nunmehr nicht mehr an die marxistisch-leninistische Ideologie gebunden sah, die Aufl\u00f6sung ins namenlose Kollektiv, sondern den emotionalen Ausverkauf an das Kapital witterte. Viele, die Arbeit und geistige Heimat verloren glaubten, goutierten nunmehr eine Politik, die sich Heimat, Gerechtigkeit und sozialen Frieden auf die Agenda schrieb \u2013 und die damit zum Sammelbecken f\u00fcr all die Abgh\u00e4ngten und Wendeverlierer wurde.<\/p>\n<p>Gerade weil die PDS und ab 2007 dann DIE LINKE f\u00fcr Solidarit\u00e4t, Mitmenschlichkeit, soziale Gerechtigkeit und sozialen Frieden standen, und weil sie sich die Partei als Anw\u00e4lte des armen Mannes stilisierte, der sich durch die Irrungen und Wirrungen von Massenarbeitslosigkeit, neuer westdeutscher Bevormundung und Besserwisserei k\u00e4mpfen musste, war es geradezu zwingend, dass man Gysi und Co im Osten w\u00e4hlte. Denn etwas hatten die Ostdeutschen begriffen: Systeme bleiben anf\u00e4llig f\u00fcr Gleichschaltung, mediale Vormundschaft und pr\u00e4ferieren letztendlich nicht den einzelnen Menschen in seinem Hier- und Sosein, sondern f\u00f6rdern nur den Lobbyismus der M\u00e4chtigen. Dass galt eben auch f\u00fcr die CDU, die in der Wahrnehmung vieler Ostdeutschen nichts anderes als der fortgef\u00fchrte Wille zur Macht mit anderen Inhalten war und ist.<\/p>\n<h4>Ostdeutsche Identit\u00e4tsfindung?<\/h4>\n<p>Dass die Ostler im Jahr 2019 in ihrer blanken Opposition nun die AfD w\u00e4hlen, obgleich diese letztendlich eine Partei bleibt, die insgeheim die Reichen f\u00f6rdert, keineswegs so sozial ist oder das Soziale f\u00f6rdert, mag zur Schizophrenie ostdeutscher Identit\u00e4tsfindung einerseits geh\u00f6ren, zeigt aber andererseits auch, dass das Vertrauen in die LINKE gesunken ist. \u201eWir sind jetzt Teil dessen, was die AfD als Altparteien bezeichnet\u201c und \u201eDen Ausgegrenzten-Nimbus hat uns die AfD einfach weggenommen,\u201c so der kritische Befund von Th\u00fcringens Ministerpr\u00e4sident Bodo Ramelow.<\/p>\n<h4>Die neue LINKE ist anders<\/h4>\n<p>Der moderne Linke repr\u00e4sentiert nicht mehr den wertkonservativen Ossi, der einen kritisch-besorgten Blick nach Br\u00fcssel und auf die Migrationsfrage wirft, der heimatstolz und auf Werterhalt setzt, sondern der neue Linke ist der b\u00fcrgerlich-gut situierte Gro\u00dfst\u00e4dter samt \u00d6kodenken, Bionade und dem Wunsch nach multikultureller Diversit\u00e4t. 400.000 W\u00e4hler hat die LINKE bundesweit an die AfD verloren. Und der Aufstieg der AfD hatte genau in dem Moment begonnen, in welchen die LINKE den Osten erst aufgegeben und dann nicht mehr verstanden hat. Solange sich die Parteispitze aus konservativen Ex-DDR-Funktion\u00e4ren speiste, passte die Linke zu ihren W\u00e4hlern. Nun da Kipping und Co auf Coolness, Weltrettung und Antifa setzen, hat sich die LINKE im Osten, wie Gregor Gysi einst bemerkte, zu Tode gesiegt. F\u00fcr Viele ist die AfD einfach die bessere Linke, nicht weil sie links ist, aber auf brennende Sozialthemen setzt, die Migration verteufelt und dem Schein nach Gerechtigkeit predigt und damit das nationalkonservative Mobilisierungspotenzial im Osten bedient.<\/p>\n<p>Die Richtungsverschiebung hin zur AfD erlebt selbst die Linke-Vorzeige-Ikone Gregor Gysi hautnah, der j\u00fcngst bekannte: \u201e Fr\u00fcher habe ich im Westen oft den Spruch geh\u00f6rt: Sie pers\u00f6nlich finden wir ja ganz in Ordnung, Sie sind nur in der falschen Partei!\u201c \u201eHeute h\u00f6re ich den Spruch auch im Osten.\u201c<\/p>\n<h1>F\u00fcnf Gr\u00fcnde warum die Linkspartei an Geltungskraft verliert<\/h1>\n<p>von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.10.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Innenpolitik, Medien<\/p>\n<p>Einst regierte die LINKE den Osten unisono und war als K\u00fcmmererpartei allgegenw\u00e4rtig. Der deutsche Osten der Puls und die Partei seine Herzkammer. Doch die Windrichtung hat sich ge\u00e4ndert, die Herzen auch: Die LINKE ist im Abschwung und verliert an Atem, ihr droht der Infarkt, wenn nicht gleich der Kollaps und die Versenkung in der Bedeutungslosigkeit. Denn wer im Osten Denkzettel verteilen will macht das schon l\u00e4ngst nicht mehr im Links, sondern mit der AfD.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der letzten 20 Jahre hat die LINKE im Osten einen ewigen Sommer gefeiert, denn die SED-Nachfolgepartei trotzte nur so vor Kraft wie ein Superathlet voller Testosteron. Nun haben die Erben von Honecker und Co, die sich den hehren Sozialismus auf die Banner der Agitation geschrieben haben, den politischen Herbst eingel\u00e4utet. Nicht nur in Sachsen und Brandenburg, sondern auch in Th\u00fcringen schrumpft die einstige Volkspartei des Ostens, verk\u00fcmmert wie ein welkes Blatt im heraufziehenden Herbststurm der AfD. Die Erfolgsgeschichte endete im Fiasko und die Linkspartei k\u00e4mpft wie die im Herbstlaub rauschende SPD um die Zweistelligkeit. Aber warum ist das eigentlich so? F\u00fcnf Gr\u00fcnde f\u00fcr den Niedergang der LINKE.<\/p>\n<h4>1. Die neue LINKE ist farblos<\/h4>\n<p>Die LINKE lebte einst von charismatischen Pers\u00f6nlichkeiten alten Schlages. Die neue LINKE kleidet sich mehr denn je in Farblosigkeit und personellen Mittelglanz, versinkt im m\u00fcden Strohfeuer ihrer eigenen Ideenlosigkeit. Als dieses Cham\u00e4leon hat sie den Ursprungsw\u00e4hler l\u00e4ngst vergessen bzw. im Farbenwechsel haben diese die \u00dcbersichtlichkeit verloren und die scheinbar blaue neue hinzugewonnen.<\/p>\n<p>Gregor Gysi und Oskar Lafontaine standen einst f\u00fcr eine politische Streitkultur, die nicht nur intellektuell faszinierte, die auch kampferprobt den Klassenkampf ins Zentrum stellte und sich als Anw\u00e4lte der kleinen Leute geschickt zu inszenieren wussten. Die neue Linke hingegen samt ihren Vorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger mag zwar engagiert und couragiert sein, aber Debatte im klassischen Sinne der alten Bundesrepublik k\u00f6nnen sie nicht. Sie sind eher so eine Art Weichsp\u00fclprogramm des Sozialismus, den man ihnen aber auch irgendwie nicht abnimmt. Was fehlt ist die existentielle Leidenschaft, wie sie sich einst in der Vorzeigefrau der Linkspartei, in Sahra Wagenknecht manifestierte. Die LINKE im Bundestag wirkt derzeit wie ein Auffangbecken f\u00fcr Karrieristen, die dar\u00fcberhinaus blasse Rhetoriker sind und die Idee des Sozialismus wie einen Selbstbedienungsladen vor sich hertragen, dem man eigentlich kein Vertrauen mehr schenkt \u2013 weichgesp\u00fclter Sozialismus ohne Charisma eben. Das Ganze gleicht vielmehr einer implodierenden Mischung zwischen Gebrauchtwagenverk\u00e4ufer und sich selbst inszenierender Kindergartenkultur.<\/p>\n<h4>2. Der Gang in den Westen hat nichts gen\u00fctzt<\/h4>\n<p>Bodo Ramelow, der einzig amtierende Ministerpr\u00e4sident der LINKEN, hat das Hauptproblem seiner Partei einmal als demographisches beschrieben. Das Urklientel ist im Zeitalter der Vergreisung angekommen und die alten Klassenk\u00e4mpfer von einst sind l\u00e4ngst in Rente. Der Wahlkampf hat sich quasi von der Stra\u00dfe ins Altenheim verschoben.<\/p>\n<p>Diese Generationswende war und ist f\u00fcr die LINKE das gr\u00f6\u00dfte Problem, denn das Klientel, auf das sie einst setzte, stirbt wie einst die Dinosaurier aus, was nachfolgt, w\u00e4hlt zumindest gr\u00fcn oder AfD. Der Gang in den Westen war vor Jahren die einzige denkbare L\u00f6sung des Generationenproblems \u2013 quasi das Notbeatmungszelt samt Frischzellenkur. Doch so sehr die LINKE diesen Spagat vollzogen hat, um so mehr hat sie an Wirk- und Gestaltungskraft verloren, hat ihr Ursprungsklientel abgeh\u00e4ngt und gl\u00e4nzt mit einem modernisierten Sozialismus, der aber was anderes meint, als man im Osten zumindest darunter verstanden hat. Im Westen bleibt man, was linke Ideologien betrifft, so wie so immun. Als gesamtdeutsche Partei d\u00fcmpelt die LINKE im Westen vor sich hin und verliert im Osten zunehmend an Boden. Sachsen und Brandenburg sind nur erste Gradmesser f\u00fcr einen politischen Niedergang, der mit der Th\u00fcringenwahl letztendlich den LINKEN die Rote Karte zeigen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>3. Der Ursprungsw\u00e4hler hat die Farbe gewechselt<\/h4>\n<p>Die Arbeiter, sofern es von dieser Spezies noch welche im Osten nach erfolgreicher Treuhand-Sanierung gibt, haben mittlerweile die Fronten gewechselt. Denn die LINKS-Partei vertritt nicht mehr die R\u00e4nder, sondern ist selbst zum Establishment geworden, zu einem Sammelsurium von Plattit\u00fcden und fungiert als Staubsauger von Anbiederung und politischen Opportunismus. Von den Arbeitern hat sich die LINKE sp\u00e4testens mit ihrer Willkommens \u00e0 la Merkel verabschiedet. Denn Bleiberecht f\u00fcr straff\u00e4llige Fl\u00fcchtlinge, Genderdebatten und Fahrverbote sind in der Kernklientel verp\u00f6nt. Das wusste Sahra Wagenknecht bereits vor drei Jahren als sie formulierte: \u201eLeider verbinden heute viele mit \u201alinks\u2019 etwa die Bef\u00fcrwortung von m\u00f6glichst viel Zuwanderung oder abgehobene Gender-Diskurse, die mit dem Kampf um echte Gleichstellung wenig zu tun haben.\u201c Wer \u00fcber das Volk hinwegdebattiert, das mussten die Kommunisten bereits vor 30 Jahren als bittere Entt\u00e4uschung wahrnehmen, verliert es.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Gr\u00fcnen mit ihrer populistischen Verbotskultur zum H\u00f6henflug ansetzen, weil es in der repressiv-romantischen Natur des Deutschen liegt, sich g\u00e4ngeln zu lassen, will die LINKE im Kampf um Deutungshoheit krampfhaft mitspielen. Und das Krampfhafte zerm\u00fcrbt die Partei von innen wie eine Made den faulen Apfel. Anstatt aufs Maul des Volks zu schauen, wird merkelisch adaptiert, wird der Korb der Inhalte in aller Beliebigkeit mit Aktualit\u00e4t gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Was dabei herauskommt, ist ein Einheitsbrei der Austauschbarkeiten. \u00c0 la Merkel werden gr\u00fcne Themen wie Versatzst\u00fccke ins Rollen gebracht, ob Abschiebestopp, Gender und Fahrverbote \u2013 die Linken machen alles, um den Staus quo zu halten. Doch was sie dabei \u00fcbersehen, ist, dass sie damit nicht auf der \u00dcberholspur, sondern am Standstreifen fahren. Abgeklatschtes mag zwar in der Politik immer ziehen und der Ideenklau steht ja auf der Agenda von ganz oben. Doch bei der LINKE mag das nicht verfangen. Und so ziehen die Gr\u00fcnen nun zwar ohne Luftballons auf ihrem elektrischen Tretroller, dem Klimakiller schlechthin, oder dem Fahrrad an der Linken vorbei, die zwar den Trabi gegen den Kleinwagen getauscht haben, aber bald wie die anderen auch kein Benzin mehr daf\u00fcr finden d\u00fcften, weil sie das Benzin in den Orkus der Geschichte werfen.<\/p>\n<h4>4. Die Personalie ist wichtiger als das Programm<\/h4>\n<p>Linker Parteikampf scheint nicht mehr \u00fcber Inhalte, sondern nur noch \u00fcber Personen zu funktionieren. Dies ist zumindest in Th\u00fcringen der Fall, wo Ministerpr\u00e4sident Bodo Ramelow die Fr\u00fcchte von Bernhard Vogel und Co erntet. Ramelow, der derzeit einen Wahlkampf aus der Defensive macht, hat das Land geordnet und genie\u00dft Ansehen im Wahlvolk \u2013 selbst bei den sto\u00dfweise eingewanderten Wessis. Er gilt als kluger Landesvater mit dem man sich arrangiert hat. Wenn die LINKE also in Th\u00fcringen bei der Landtagswahl im Oktober mehr Stimmen als in Brandenburg und Sachsen einf\u00e4hrt mag das mehr an der Personalie Ramelow als am Parteiprogramm der LINKEN selbst liegen. Ramelow, der assimilierte Ossi, wei\u00df wie das Land tickt, er ist allgegenw\u00e4rtig und macht den K\u00fcmmerer. Das kommt an. Doch ob die Personalie Ramelow den Niedergang der LINKEN langfristig zu stoppen vermag, sei dahingestellt.<\/p>\n<h4>5. Mehr Sahra Wagenknecht<\/h4>\n<p>Das einzige ostdeutsche Original neben Katja Kipping ist Sahra Wagenknecht. Die einstige Philosophiestudentin aus dem th\u00fcringischen Osten, die Noch-Fraktionsvorsitzende, stand und steht f\u00fcr einen Neuaufbruch der Partei, weil sie sensibel die Karten mischte, die Bed\u00fcrfnisse der kleinen Leute analysierte und damit den Nerv traf. Doch Wagenknecht gilt intern als Unliebsame, als Populistin, die im Mitte-Kurs der LINKE eher st\u00f6rt. Lieber schickt man sie in die Bedeutungslosigkeit als ihre Stimme als Gewissen Ostdeutschlands zu h\u00f6ren. W\u00e4hrend unter Katja Kipping die LINKE zum Leipziger Allerei wird, hatte Wagenknecht immer den objektiveren Blick auf die Stimmungslage im Osten. Mit Wagenknecht verliert die Partei wom\u00f6glich ihren rettenden Anker, der ihr zum Wiederaufstieg zur Volkspartei im Osten verhelfen k\u00f6nnte. Der Wagenknecht-Seismograph hatte in den vergangenen Jahren immer vor dem Bedeutungsverlust ihrer Partei gewarnt, nur h\u00f6ren wollte das keiner. Schade f\u00fcr die LINKE, die wie die SPD nun in den Keller ihrer Existenz einl\u00e4uft. Es sei denn man findet wieder Pers\u00f6nlichkeiten im Stile von Sahra Wagenknecht.<\/p>\n<p><strong>Wir sind gut f\u00fcr die Energiewende aufgestellt &#8211; Interview mit Reimund Gotzel<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>von Reimund Gotzel29.09.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p>\u201cThe European\u201d traf den Vorstandsvorsitzenden der Bayernwerk AG, Reimund Gotzel, zum Gespr\u00e4ch und sprach mit ihm \u00fcber den Klimawandel und die Zukunft der Elektromobilit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Was einst die industrielle Revolution war, ist heute durch den Klimawandel veranlasst. Der Umstieg auf erneuerbare Energien. Wie stellt sich die Bayernwerk AG auf die Energiewende ein, was sind die gro\u00dfen Herausforderungen?<\/strong><\/p>\n<p>Sie haben das Stichwort genannt: Klimawandel. Das ist das gro\u00dfe Thema. Und es ist wohl bereits f\u00fcnf vor zw\u00f6lf. Insgesamt kann man festhalten, dass die Menschen das erkannt haben und dass die drohenden Klimaver\u00e4nderungen definitiv Angst machen. Wir sind alle gefordert, etwas zu \u00e4ndern. Was das Bayernwerk angeht, l\u00e4sst sich sagen: Wir k\u00f6nnen das. Gerade jetzt k\u00f6nnen wir mittels der Digitalisierung und durch die neuen Technologien Zukunft klimagesch\u00fctzt gestalten.<\/p>\n<p><strong>Die Energieversorgung aus klimavertr\u00e4glichen Stromquellen und der daraus resultierende Ausbau der erneuerbaren Energien ist ein wesentlicher Bestandteil der Energiewende. Zudem pl\u00e4dieren Sie f\u00fcr eine dezentrale Energieversorgung z.B. durch Photovoltaikanlagen auf Hausd\u00e4chern oder Strom durch Biogaserzeugung. Geht es also in erster Linie um eine Stromwende? <\/strong><\/p>\n<p>Erneuerbare Energien sind nat\u00fcrlich ein wesentlicher Bestandteil, aber eben auch nur ein Teil der gesamten Entwicklung. Bislang lag der Fokus der Energiewende auf dem wachsenden Anteil der Erneuerbaren Energien. Damit haben wir leider nur eine Stromwende. Wir brauchen aber eine Strom-, W\u00e4rme- und eine Mobilit\u00e4tswende und das vor allem m\u00f6glichst nah bei unseren Kunden. Die Energiezukunft bauen die Menschen. Und die bauen sie dort, wo sie ihr Engagement selbst am st\u00e4rksten sp\u00fcren k\u00f6nnen. Dazu, da sind wir \u00fcberzeugt, braucht es Gemeinschaft und gegenseitigen Ansporn. Deshalb sehen wir die Energiezukunft vor allem in den l\u00e4ndlichen Regionen in lokalen Energiekreisl\u00e4ufen, sogenannten lokalen M\u00e4rkten. Energie wird vor Ort erzeugt, gespeichert und verbraucht, alles so nah wie m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Die Vorgaben aus Br\u00fcssel zur Verringerung der CO2 Emissionen sind ja hochgesteckt. Man will ja gerade in der Automobilindustrie den CO2 Aussto\u00df um 37 % bis 2030 reduzieren. Wie bringen sie diese hohen Vorgaben auf die Stra\u00dfe?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere ganze Arbeit zielt auf Klimaschutz: Moderne Netze, mit denen wir die Einspeisung aus Erneuerbarer Energie erm\u00f6glichen, unser Entwicklungsziel lokaler Energiekreisl\u00e4ufe, unsere Produkte zur Energieeffizienz, unser Energie Monitor als Kompass f\u00fcr den kommunalen Weg in die Energiezukunft, unser Fokus auf E-Mobilit\u00e4t oder unsere LED-Technologie in der Stra\u00dfenbeleuchtung. All das spart letztlich CO2. Die Umr\u00fcstung auf LED bringt bei uns, im Vergleich zum Jahr 2010, 30.000 Tonnen CO2 Emissionseinsparung j\u00e4hrlich.<\/p>\n<p><strong>\u00a0\u201eWir machen Bayern mobil\u201c, hei\u00dft ein Slogan der Bayernwerk AG. Die Zahl der zugelassenen E-Autos steigt, wenngleich nicht so rasant wie gew\u00fcnscht, aber die Infrastruktur f\u00fcr diese Energierevolution ist noch nicht vorhanden. Was tut die Bayern AG hier?<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland schl\u00e4gt derzeit einen klaren Kurs Richtung E-Mobilit\u00e4t ein. Die Autoindustrie konzentriert sich auf diese Antriebstechnologie. Und auch wir sagen \u201eJa\u201c zur E-Mobilit\u00e4t. Das ist aus heutiger Sicht der schnellste Weg, um Alternativen zum Verbrennungsmotor zu schaffen. Was den Ausbau der Infrastruktur betrifft, planen wir bei der Erneuerung unserer Netze die zus\u00e4tzliche Leistung f\u00fcr die E-Mobilit\u00e4t mit ein. F\u00fcr das Bayernwerk-Netz zeigt uns eine Studie, dass wir mit kontinuierlichem Ausbau in 2045 soweit sind, unser gesamtes Netzgebiet f\u00fcr 100 Prozent E-Mobilit\u00e4t bereit zu machen. So k\u00f6nnten die rund drei Millionen konventionellen Pkw, die heute im Bayernwerk-Netzgebiet gemeldet sind, dann allesamt rein elektrisch fahren. Diese Studie setzt nat\u00fcrlich voraus, dass sich E-Mobilit\u00e4t wie wir sie heute kennen g\u00e4nzlich durchsetzt. Ob das so kommt, wissen wir nicht. Auf jeden Fall macht uns der weitere Ausbau im Bereich der Netze hinsichtlich der grunds\u00e4tzlichen Versorgungsf\u00e4higkeit der gesamten Lade-Infrastruktur im Bayernwerk-Netz keine Sorgen.<\/p>\n<p><strong>Diese Infrastrukturver\u00e4nderung von der wir gerade gesprochen haben, betreffen ja nicht nur Ladestationen, die installiert werden m\u00fcssen, sondern auch Hausanschl\u00fcsse. Man h\u00f6rt oft, dass strukturschwache Regionen nicht \u00fcber die Kapazit\u00e4ten verf\u00fcgen, um ein Elektroauto zuhause zu laden, weil dann das Stromnetz des Hauses zusammenbricht. Welche Konzepte liegen hier vor, wie kann man den Stromfluss stabil halten? <\/strong><\/p>\n<p>90 Prozent aller in Deutschland angeschlossenen Erneuerbaren Energien sind am regionalen Verteilernetz angeschlossen \u2013 also in den l\u00e4ndlichen Strukturen und nicht in den st\u00e4dtischen. Der dadurch notwendige Ausbau und die Verst\u00e4rkung der Netze haben nat\u00fcrlich geholfen, so dass die grunds\u00e4tzliche Versorgungslage mit Ladekapazit\u00e4ten im l\u00e4ndlichen Raum besser geworden ist. Dar\u00fcber hinaus haben sie nat\u00fcrlich Recht, wenn man an ein Einkaufszentrum oder eine Ladestation an einer Autobahn denkt, dass das planerisch einfacher zu gestalten ist, als vielz\u00e4hlige Anschl\u00fcsse in der Fl\u00e4che. Das ist sicher ein h\u00f6herer Planungsaufwand. Andererseits muss man sehen, dass wir jedes Jahr 50.000 bis 60.000 Hausanschl\u00fcsse fertigstellen, also in Summe eine Kleinstadt ans Netz bringen. Die Planung von Ressourcen ist somit auch unser Tagesgesch\u00e4ft. Bei Ladestationen muss man die Frage stellen, ob jeder immer eine Ladestation braucht, oder ob es nicht besser ist, in einem entsprechenden halb\u00f6ffentlichen Raum Ladestationen intelligent durch mehrere Nutzer nutzen zu lassen. Das entspannt die Kapazit\u00e4tssituation deutlich. Wir sind aktuell mit der Automobilindustrie in zwei Projekten unterwegs, in denen es darum geht, dem Kunden die Freiheit \u00fcber sein Ladeverhalten zu lassen, ihm aber ein Angebot zu machen, das die optimale Ausnutzung der Ladestruktur und damit auch der Netzstruktur gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p><strong>Kommt tats\u00e4chlich die Mobilit\u00e4tswende, m\u00fcssen vor allem in den St\u00e4dten wahnsinnig viele Ladestationen gebaut werden. Gibt es da ein architektonisches Konzept, wird das der Stadt \u00fcberlassen oder spielen da die Bayernwerke bei diesem Ausbau eine wesentliche Rolle mit?<\/strong><\/p>\n<p>Wir versuchen auf jeden Fall, mit einem guten Beispiel voranzugehen. Die Tiefgarage unserer Unternehmensleitung haben wir so umger\u00fcstet, dass eine Vielzahl von intelligent vernetzten Ladem\u00f6glichkeiten f\u00fcr unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorhanden ist und die Netzkapazit\u00e4t des Geb\u00e4udeanschlusses immer optimal genutzt werden kann. Wenn ein Mitarbeiter acht Stunden Zeit hat, dass die Batterie aufladen kann, dann k\u00f6nnen wir hier die Lastverschiebung vornehmen und tun das auch. Dieses Konzept kann man \u00fcbertragen. Wir gehen davon aus, dass zum Beispiel Parkh\u00e4user durchaus diejenigen sein k\u00f6nnen, die Ladeinfrastruktur beherbergen. Aus Kundenperspektive lautet die Frage: Wo sind die Kunden, wie mache ich es ihnen leicht, welche einfache L\u00f6sung kann ich anbieten. Eine effiziente Infrastruktur w\u00fcrde sich gerade in Parkhaussituationen anbieten.<\/p>\n<p><strong>Nun gibt es ja viele Kritiker der E-Mobilit\u00e4t, welche sich andere Alternativen w\u00fcnschen w\u00fcrden, Wasserstoff zum Beispiel. China und andere L\u00e4nder gehen weg von der E-Mobilit\u00e4t, da die CO2 Bilanz der Batterien sehr schlecht ist. Also von Elektroautos mit schmutzigem Strom, aus Atomkraft und Kohle aufgeladen \u2013 was macht die Bayernwerk AG anders?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir eine Ladeinfrastruktur errichten, dann wird sie von uns zu 100 Prozent aus \u00d6kostrom beliefert. Zugegebenerma\u00dfen ist das eine bilanzielle Situation. Andererseits bieten wir heute im Bayernwerk-Netz auch real im Durchschnitt \u00fcber 60 Prozent Erneuerbare Energie. \u00a0Die in unserem Netz transportierten Energien sind schon gr\u00fcn. Sie stammen aus Wasserkraft, aus Photovoltaik, aus Windkraft, aus Biogasanlagen und werden durch unsere Kunden in das Netz eingespeist. Bei sehr guten Wetterlagen, guter Sonneneinstrahlung, haben wir regelm\u00e4\u00dfig \u00dcbersch\u00fcsse, die wir im Moment weitergeben. H\u00e4tten wir mehr Speicher vor Ort, k\u00f6nnten wir das noch besser in unserem Netz und unserer Region verwenden. Auch physikalisch gesehen werden wir daher in Zukunft immer mehr gr\u00fcne Energie in unserem Netz haben. Und so macht Elektromobilit\u00e4t Sinn. Gleichwohl bin ich niemand, der sagt, es gibt nur eine Technologie. Das ist im Moment die Technologie, die wir sehen k\u00f6nnen und die wir auch in bestimmten Einsatzbereichen in der Zukunft definitiv sehen werden. \u00a0Kurzstreckenverkehr, insbesondere auch Personenverkehr, ist f\u00fcr mein Empfinden an eine unver\u00e4nderte batterieausgerichtete Mobilit\u00e4tssituation gekoppelt. Beim Schwerlastverkehr ist das definitiv schwieriger. Hier glaube ich, ist es richtig, nicht nur eine Technologie einseitig auszubauen, sondern offen zu sein. Wasserstoff ist mit Sicherheit auch eine Entwicklungsrichtung, die wir im Mobilit\u00e4tsbereich sehen werden, die wir aktuell noch nicht so intensiv begleiten, da auch die Hersteller sich auf Batteriefahrzeuge ausrichten. In unserem Fuhrpark gibt es schon seit Jahrzehnten Erdgasfahrzeuge. Aber um die CO2-Emmissionen weiter zu senken, stellen wir immer weiter auf batteriebetriebene Elektrofahrzeuge um. Im Jahr 2025 wollen wir unseren Fuhrpark mit 1.300 PkW g\u00e4nzlich auf reine E-Fahrzeuge umgestellt haben.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Wir brauchen keine Angst vor der K\u00fcnstlichen Intelligenz haben<\/strong><\/p>\n<p>von Chris Boos28.09.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>\u201cThe European\u201d traf den Unternehmer und KI-Forscher Chris Boos und sprach mit ihm \u00fcber die K\u00fcnstliche Intelligenz, \u00fcber \u00c4ngste und Zukunftsvisionen. Letztendlich sind, so Boos, Roboter nichts anderes als Toaster, die uns das Leben erleichtern.<\/p>\n<p><strong>Stefan Gro\u00df: Die K\u00fcnstliche Intelligenz kann Menschen viel Arbeit abnehmen, denken wir im Haushalt an \u201eAlexa\u201c oder in der Medizin an Pflegeroboter. Sie betonten einmal, das mit dem Einzug von KI 80% der traditionellen Arbeitspl\u00e4tze wegfallen. Aber was passiert dann mit dem Menschen, der sich da \u00fcber diese definiert, weil sie Sinn in seinem Leben stiftet?<br \/>\n<\/strong><br \/>\nChris Boos: Nein nein, das ist viel sch\u00f6ner. Also wenn wir uns die Arbeit der Menschen beispielsweise in Frankfurts B\u00fcro-Au\u00dfenstadt Eschborn-S\u00fcd ansehen, was sehen wir dann? Da spuckt die S-Bahn morgens fr\u00fch um sieben 600 Leute aus und die gehen dann mit so einer Fresse in irgend so ein B\u00fcroraumhaus. Man kann sich dabei kaum vorstellen, dass sie gl\u00fccklich sind und mit dieser Einstellung letztendlich mehr Gl\u00fcck oder wom\u00f6glich einen noch gr\u00f6\u00dferen Schaden verbreiten. Ich glaube, das Schlimmste ist, dass so wenig Zufriedenheit in der Arbeit steckt, die wir verrichten. Es gibt ein paar Leute wie mich, die total in ihrer Arbeit aufgehen, aber das ist nicht die gro\u00dfe Mehrheit. Und das liegt auch daran, weil viele nicht die Anerkennung verdienen, die sie mit ihrer Arbeit hervorbringen. Ich glaube, dass wir viel bedeutsamere Arbeit machen k\u00f6nnten, wenn die Maschinen erledigen, was wir jetzt selbst m\u00fchevoll und schlecht gelaunt erledigen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kommt sofort die Frage: Was kommt denn jetzt f\u00fcr die Arbeit? Das wei\u00df keiner. Und da hat man dann eine schwierige Situation, weil wir die Zukunft nicht voraussagen k\u00f6nnen. Und dann kommt die Angst ins Spiel. Aber ich pl\u00e4diere f\u00fcr einen Perspektivwechsel: Wenn wir all die Dinge betrachten, die wir nicht machen, Umweltschutz beispielsweise, Hilfe gegen\u00fcber Bed\u00fcrftigen und Kranken, und selbst dabei nur schrittweise uns mit uns selbst besch\u00e4ftigen, so sind das Dinge, die wir vielleicht in Zukunft besser ausf\u00fcllen k\u00f6nnen. Es gibt viele Dinge, die noch zu tun sind. Die ganze Angst, die gesch\u00fcrt wird, dass uns die Arbeit ausgeht, geht aber tats\u00e4chlich erst dann auf, wenn es tats\u00e4chlich nichts mehr zu tun gibt. Aber davon sind wir weit entfernt. Wer also heute behauptet, und ich habe noch keinen getroffen, der derart auf Drogen ist, dass die Maschinen die Zukunft \u00fcbernehmen und uns damit der Arbeit entfremden, so \u00e4ndert sich die Wirtschaft nicht. Menschen werden weiter, eben f\u00fcr andere T\u00e4tigkeiten bezahlt \u2013 und tun letztendlich Dinge, die ihnen Spa\u00df machen. Aber jetzt erst kommen wir zum eigentlich spannenden Teil \u2013 und das hat auch etwas mit Pragmatismus zu tun: Der eigentlich spannendere Teil ist der Zukunftsteil. Ich nenne das Transitionsphase. Also wie kommt man zum n\u00e4chsten Schritt? Wie kommt man von \u201eEs sind alle Bauern\u201c zu \u201eDie Menschen arbeiten in Fabriken.\u201c Wie kommt man zu \u201eDie Menschen arbeiten in Fabriken\u201c zu \u201eDie Menschen arbeiten in B\u00fcros.\u201c Die Transition ist das Spannende, weil sie das ist, was uns weh tut. Normalerweise werden zuerst alle gefeuert, irgendein paar wenige nehmen die Kohle vom Tisch und irgendwann sp\u00e4ter geben sie das Geld wieder aus und reinvestieren. Das dauert normalerweise so ein bis zwei Generationen. Diese Transitionsphasen sind meistens nicht angenehm. Also wenn man einen b\u00f6sen Spruch machen m\u00f6chte: Nach der industriellen Revolution haben wir zwei Weltwirtschaftskrisen und zwei Weltkriege gebraucht bis wir wieder ein stabiles System hatten. Dann kam das Wirtschaftswunder und alle hatten Arbeit. Wir sind jetzt in einer derartigen Situation, aber nicht wegen KI. KI gibt uns die M\u00f6glichkeit, quasi in diese n\u00e4chste Stufe zu springen. Deshalb reden ja viele von der n\u00e4chsten industriellen Revolution, ob das jetzt die vierte oder die f\u00fcnfte ist, dies ist total egal. Die Frage, die dahinter steht ist: Warum sollte diesmal die Transitionsphase anders ausschauen als beim letzten Mal? Und ich glaube die Antwort hier ist relativ einfach: Weil es diese Plattform-Unternehmen gibt. Wir brauchen KI auch, um uns gegen die gro\u00dfen Plattform-Unternehmen zu wehren, die heute schon jedes einzelne andere Unternehmen angreifen k\u00f6nnen. Und wir m\u00fcssen es, weil sie auch dem Wachstums-Diktat unterliegen. Warum macht Google selbstfahrende Autos? Weil sie in eine andere Industrie reinwachsen m\u00fcssen. Warum ist Google da besser positioniert als jede andere Automobilfirma? Weil sie auch Fehlschl\u00e4ge ertragen k\u00f6nnen. Wenn das Auto von Google Auto nicht f\u00e4hrt, dann sagt der Verbraucher, na ja gut, es ist halt keine Autofirma. Wenn das Auto von BMW nicht f\u00e4hrt, dann lachen alle. Die haben viel bessere Chancen und die finanziellen Mittel das so oft zu machen bis es geht. Wenn wir also in dieser Welt KI vernachl\u00e4ssigen, dann geh\u00f6ren beispielsweise die n\u00e4chsten Kraftwerkspatente nicht Siemens, sondern Google. Es gibt acht Plattform-Firmen in dieser Welt . Und wenn man nur drei von gro\u00dfen zusammennimmt, sieht man, das diese drei Firmen mehr wert \u00a0sind als alle Firmen in den Daxwerten. Also Dax, M-Dax, S-Dax zusammen. Nur drei Firmen. Das hei\u00dft, das Kapital hat seine Wette schon lange gemacht. In diesen drei Firmen steckt mehr Zukunft als in der ganzen deutschen Industrie. Und deswegen kann man es sich, wenn diese Industrie jetzt mit KI anf\u00e4ngt, gar nicht leisten, alle Leute vor die T\u00fcr zu setzen, sondern die einzelnen Industrien sind jetzt schon im \u00dcberlebenskampf mit den Plattformen. Die m\u00fcssen das menschliche Kapital einsetzen, weil sich nur die Menschen um die Zukunft k\u00fcmmern k\u00f6nnen. Maschinen k\u00fcmmern sich immer nur um Status quo. Und machen den vielleicht noch ein bisschen besser, aber sie werden nie die Zukunft entwerfen.<\/p>\n<p><strong>Stefan Gro\u00df: In Sachen KI geschieht in Amerika und China sehr viel, in Deutschland nicht. Ist das eine Mentalit\u00e4tsfrage?<\/strong><\/p>\n<p>Chris Boos: Weil wir es nicht gemacht haben. Es gibt sehr wenig Risikobereitschaft in unseren Unternehmen. Auch im Kapital gibt es wenig Risikobereitschaft. Bei uns gibt es zu wenig Gr\u00fcndungen. Denn man muss immer bedenken was es kostet in die Zukunft zu investieren. Das ist nicht unser Investitionsstil. Noch nicht. Aber ich glaube, das muss kommen. Und wir versuchen ja auch, so langsam aus diesem pers\u00f6nlichen Verantwortungsmodell zu kommen. Entscheidungen werden im Komitee getroffen. Und wir m\u00fcssen uns alle einigen. Und wenn es eine schlechte Entscheidung war, muss man nicht das Ergebnis verbessern, sondern tritt, wenn man Fehler gemacht hat, einfach zur\u00fcck. Diejenigen, die Fehler gemacht haben, sollten diese auch ausbaden. Aber auch hier werden wir lernen m\u00fcssen, Verantwortung zu tragen und Pioniergeist wieder zu entwickeln. Deutschland war das Land mit den innovativsten Geistern, Entdeckern, Ingenieuren, weil diese Menschen Mut hatten, ihre Ideen voranzutreiben und Risiken eingegangen sind. So beispielsweise Robert Koch, der absolute Medizin-Star heute. Den w\u00fcrden wie heute sofort verhaften m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Stefan Gro\u00df: Was macht einen KI-Pionier eigentlich aus?<\/strong><\/p>\n<p>Chris Boos: Am Ende des Tages ist KI ein High-Tech-Feld. Da besch\u00e4ftigt man sich mit Informatik, mit Mathematik, mit Physik. Und man muss zu L\u00f6sungen kommen. Also ich verbringe noch einen sehr gro\u00dfen Teil meiner Zeit tats\u00e4chlich mit Algorithmen<em>, <\/em>Design und diesen Dingen. Und ich glaube, das ist auch richtig. Die Frage w\u00e4re wahrscheinlich interessanter gewesen: warum sitzt ein Mensch, der schon lange KI macht in Deutschland noch nicht im Silicon Valley? Das ist die spannendere Frage. Und ich war ja grade auf den Forschungsgipfeln, da gab es offensichtlich ein Managermagazin-Interview mit einem Gr\u00fcnder, der aus Deutschland nach den USA gegangen ist. Und der sagte, ich komme garantiert nicht zur\u00fcck. Dort hat er einfach bessere Bedingungen. Man bekommt hier in Deutschland keine Anerkennung f\u00fcr sein Risiko, die Einw\u00e4nde sind immer \u201eja aber\u201c und dann kommt irgendwas, warum man es nicht machen kann. Es gibt sie nicht, die Freiheit tats\u00e4chlich voranzumarschieren. Auf der anderen Seite muss man sich auch \u00fcberlegen, dass es hier besonders sch\u00f6n ist. Kinder gehen auf eine normale Schule ohne Million\u00e4re. Wir haben hier eine unglaubliche Diversit\u00e4t und sind mobil schnell \u00fcberall in der Welt. Es ist noch nicht alles komplett durchstandardisiert. Also das ist doch ein unglaublicher Wert, den wir haben. Und wir leben diesen nie aus und wir erz\u00e4hlen ihn auch niemandem.<\/p>\n<p><strong>Stefan Gro\u00df: F\u00fcr die KI wird immer wieder eine Ethik gefordert. Sehen Sie das genauso oder anders gefragt: M\u00fcssen wir Roboter als ein menschliches Gegen\u00fcber anerkennen?<\/strong><\/p>\n<p>Chris Boos: Sie sind Philosoph oder? W\u00fcrden Sie sagen, dass etwas, was keinen Willen hat, Ethik und Moral haben kann?<\/p>\n<p><strong>Stefan Gro\u00df: Naja die Frage ist doch: Wenn ich Maschinen entwickelt, die selbst\u00e4ndig Entscheidungen treffen, dann stellt sich doch die Frage nach der Verantwortung, wenn es schief geht, wenn ein selbstfahrendes Auto beispielsweise jemanden t\u00f6tet. Wer ist da verantwortlich \u2013 die Maschine?<\/strong><\/p>\n<p>Chris Boos: Der Hersteller ist doch klar, das finde ich ist v\u00f6llig unstrittig. Aber wirklich ethisch moralisches Verhalten kann man doch von solchen Kisten gar nicht erwarten. Die machen das, was die Gesellschaft vorgibt. Ein Beispiel \u2013 das autonome Fahren. Da wird man immer gefragt: Wenn das Auto t\u00f6tet, soll es lieber das Kind oder die Oma umfahren? Gehen wir zwei Schritte bei der Beantwortung der Frage zur\u00fcck: Erstens, was w\u00fcrdest du machen, wenn du im Auto sitzt? Also dann haben die Leute die Ausrede, dass sie sagen, so schnell kann ich gar nicht reagieren. Und was man wirklich macht ist das, und dies ist vergleichbar mit einem Affengehirn, dass das schon seit tausenden von Jahren macht, was am unsch\u00e4dlichsten f\u00fcr einen selbst ist. Das ist nicht notwendigerweise richtig, aber so etwas wie ein antrainierter Instinkt. Aber interessanter wird die Frage, <em>wen<\/em> das Auto \u00fcberf\u00e4hrt. HIer gibt es vor dem Hintergrund der Kultur betrachtet ganz\u00a0 verschiedene Antworten, die f\u00fcr uns in Europa merkw\u00fcrdig klingen, aber in anderen Kulturen v\u00f6llig normal sind. Nehmen wir mal an, wir kommen aus Indien. Da ist die Entscheidung sehr einfach, da f\u00e4hrt man das Kind platt. Weil das Alter die Erfahrung hat und man immer genug Kinder hatte. Und das wird philosophisch dadurch begr\u00fcndet, dass man das Alter wertsch\u00e4tzt. Anders verh\u00e4lt es sich in Brasilien. Da f\u00e4hrt man die Oma platt. Warum? Weil man eine Philosophie der Nomaden hat und die Alten den Stamm behindern. Die Alten sind hinderlich, die m\u00fcssen gehen und sie treten freiwillig ab. Und jetzt zu Europa. Hier d\u00fcrfen wir diese Entscheidung gar nicht treffen, weil alles Leben gleich viel wert ist. Hilft nur noch eins, Immanuel Kant: Es gibt Zufall. Also wenn man das wirklich einmal durchdenkt, dann ist die korrekte westliche Moralvorstellung von einem selbstfahren Auto, was eine Entscheidung treffen muss, zuf\u00e4llig. Das w\u00e4re das einzig richtige. Wollen wir das aber, wenn der Zufall auch den Insassen treffen kann? Das ist eine andere Sache und das ist nicht etwas, das Maschinen entscheiden d\u00fcrfen. Wir sind es, die die Entscheidung treffen.<\/p>\n<p>Die Diskussion \u00fcber Ethik und Moral ist hoch wichtig. Aber der Versuch, diese an ein paar Programmierer abzudr\u00fccken ist nicht legitim. Wir haben heute andere gro\u00dfe Probleme: Fremdenhass, Umweltprobleme, eine Doppelmoral, die einerseits fremdenfeindlich ist, andererseits aber Mitleid empfindet, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken. Da tauchen wirklich moralische Fragen auf. Das k\u00f6nnen Maschinen nicht l\u00f6sen. Maschinen haben keine Ziele. Die setzen um, was wir wollen. Und wenn wir wollen, dass sie alte Leute wie Meterware behandeln, dann machen die das auch. Ich pers\u00f6nlich bin kein Freund von Pflegerobotern. Das werden sie auch so nicht in Europa finden, weil wir Menschlichkeit mit Alter verbinden. In Japan zum Beispiel gibt es viele Freunde von Pflegerobotern, weil die Philosophie in Japan eine andere ist. Dort wollen die alten Leute den J\u00fcngeren nicht zur Last fallen. Die finden Roboter ok. \u00dcbrigens ist es f\u00fcr die Pflege ganz interessant: Roboter erzeugen viel weniger Daten, die man mit Sinnesorganen aufnehmen kann als Menschen. Das hei\u00dft Leute, die geistige Schwierigkeiten haben, also bei Alzheimer oder Demenz, die wollen und k\u00f6nnen sich nicht \u00fcberfordern lassen. Roboter machen sie nicht so aggressiv wie das Pflegepersonal, denn das Auge liefert mit gleicher Bandbreite, aber das Gehirn kann es nicht mehr verarbeiten. Sie haben lieber mit Robotern zu tun, weil die sie nicht so sehr \u00fcberfordern. Aber in Wirklichkeit sind diese Roboter nichts anderes als Toaster.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Der Alt-Bundespr\u00e4sident als Rebell und Verfassungspatriot<\/h1>\n<p>von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz22.09.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Innenpolitik, Medien<\/p>\n<p>Vom Theologen im Betonkommunismus, vom politischen Underdog und Au\u00dfenseiter zum ersten Repr\u00e4sentanten der Republik \u2013 eine Bilderbuchkarriere f\u00fcr eine ostdeutsche Biographie. Und dennoch war dies eine die keinesfalls stromlinienf\u00f6rmig verlief, die Ecken und Kanten hatte. Denn immer gab es gravierende Einschnitte: Stasibespitzelung, Verhaftung und Verschleppung des Vaters in russische GuLags. Gauck hatte in der DDR Opposition buchst\u00e4blich gelernt und wurde dennoch nicht zum Grabenk\u00e4mpfer des Politischen, nicht zum Ignoranten, nicht zum Zyniker und Intoleranten.<\/p>\n<h4>Die Liebe zur Freiheit<\/h4>\n<p>Gauck, der geb\u00fcrtige Rostocker, dem die heimatliche Scholle, die rauen Winde und die langen Weiten der Ostsee, jene herbe Frische gegeben haben, die Norddeutschen eigen ist, war im repressiven Osten ein gem\u00e4\u00dfigter Oppositioneller und als Bundespr\u00e4sident einer, der scharfz\u00fcngig und klar brillierte, der gegen den Mainstream schwimmen kann und konnte, weil er es gelernt hat \u2013 all die Jahre in der DDR. Und Gauck ist dar\u00fcber nicht verbittert geworden, sondern offenen Geistes geblieben, er hat den Mut der Worte, der Verbindlichkeit stiftet; er hat den Geist der Kritik verinnerlicht, der bei Unrecht die Rebellion anz\u00fcndet; er tr\u00e4gt den Widerspruch als etwas Positives in sich, der nicht ausschlie\u00dft, sondern vers\u00f6hnen will; ein Politiker also der das Menschliche \u2013 wie einst Protagoras \u2013 zum Ma\u00df aller Dinge erkl\u00e4rt, gerade dort, an den R\u00e4ndern, wo es in Abgr\u00fcnde zu kippen droht.<\/p>\n<p>Gauck ist Aufkl\u00e4rer und Humanist zugleich, feiert die Aufkl\u00e4rung als kopernikanische Wende, die zu Freiheit und mehr Toleranz f\u00fchrte und den Liberalismus zum Bl\u00fchen brachte. Ob John Milton, Johan-Stuart Mill, Voltaire, Montesquieu, Montaigne, Johannes Reuchlin, Sebastian Franck, Pierre Bayle, John Locke und Immanuel Kant \u2013 alle sie sind f\u00fcr ihn Lichtbilder, Gestirne bei der Eroberung der Freiheit. Nichts ist dem Patrioten Gauck wichtiger als dieses Bekenntnis zur Freiheit, der Geist der Toleranz letztendlich nur von der Eroberung der Freiheit her denkbar.<\/p>\n<p>Toleranz qua Freiheit bleibt das Credo, seine Reichweite aber hat Grenzen, sp\u00e4testens dann, wenn es um die Intoleranten geht. Hier legt Gauck sein Veto sein, denn wer nicht zur Diskurskultur f\u00e4hig ist, wer den Imperativ der politischen Freiheit und Meinungspluralit\u00e4t diskreditiert, hat verspielt, geh\u00f6rt zumindest nicht in die Demokratie deren geistesgeschichtlicher Kern nun einmal die Freiheit ist. Denn Freiheit des Denken, des Meinens und des Wollens lassen sich als die Erfolgsgeheimnisse des Abendlandes beschreiben, die sich allesamt durch die M\u00fchen der Ebenen, durch Dogmatismus und Despotismus hindurch man\u00f6vriert haben und die Fackel der Demokratie entz\u00fcndeten.<\/p>\n<h4>Der Geist Lessings<\/h4>\n<p>Gerade im Laizismus, in der Trennung von Kirche und Staat, sieht der evangelische Theologe Gauck dann auch die gr\u00f6\u00dfte Leistung der Neuzeit, die der fundamentalistische Islam \u00fcberhaupt noch nicht eingeatmet hat und damit in der Voraufkl\u00e4rung samt Scharia h\u00e4ngen bleibt. So feiert Gauck in Lessings Ringparabel nicht nur die religi\u00f6se Toleranz, die wechselseitige Achtung und Anerkennung gebietet, eine Toleranz die Zumutung und zivilisatorischer Prozess zugleich ist, sondern die dar\u00fcber hinaus in aller Deutlichkeit den Respekt des Religi\u00f6sen vor dem Staat einfordert, der als oberste Instanz religi\u00f6se Vielschichtigkeit und weltanschauliche Neutralit\u00e4t letztendlich und einzig garantiert. Die Geschichte abendl\u00e4ndischer Zivilisation begreift der Theologe damit als prozessuale Entwicklung an deren Ende Freiheit und Toleranz stehen. Ob die Bill of Rights, die Franz\u00f6sische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung, die Frankfurter Nationalversammlung 1848, die Charta der Vereinten Nationen von 1945 sowie die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte 1948 und die Deutsche Verfassung von 1949 \u2013 sie sind Fundamente der Zivilisation, an ihnen zu r\u00fctteln, kommt einer Selbstpreisgabe gleicht. Gauck ist und bleibt ein Verfassungspatriot. Der Verfassungspatriotismus ist nicht f\u00fcr ihn keinesfalls nur ein Theorem, sondern Lebenswirklichkeit, \u201ewo Menschen diese Geneigtheit gegen\u00fcber der Demokratie empfinden. Sie widerlegt all jene, die den Verfassungspatriotismus f\u00fcr ein blasses, blutleeres Konstrukt halten, einen Notbehelf aus den Zeiten der geteilten und moralisch diskreditieren Nation.\u201c<\/p>\n<h4>Links, liberal, konservativ<\/h4>\n<p>Sich selbst nennt Gauck einen \u201elinken, liberalen Konservativen\u201c, einen \u201eaufgekl\u00e4rten Patrioten\u201c, f\u00fcr den Freiheit nicht ein blo\u00dfes Lippenbekenntnis, sondern eine Liebhaberei ist, etwas, das angeht, das tief geht, das erstritten, erk\u00e4mpft werden muss. Sein Freiheitsbegriff orientiert sich binnenlogisch dann auch am Dichter und Politiker V\u00e1clav Havel sowie am Werk \u201eDie Furcht vor der Freiheit\u201c des Sozialpsychologen Erich Fromm. \u201eFreiheit muss erst im Kampf gegen die Hindernisse und Bedingungen, denen der Mensch st\u00e4ndig ausgesetzt ist, gewonnen werden,\u201c so zumindest versteht Fromm diese Existentialie und Gauck kann ihm hier folgen.<\/p>\n<h4>Kein Zeitgeist-Palaver<\/h4>\n<p>Dass Gauck nicht im Palaver des Zeitgeistes versinkt, Plattit\u00fcden zu einem orchestrierenden Feuerwerk aus Knallk\u00f6rpern mit Schall und viel Rauch zusammenschmiedet, den populistischen Strohfeuern und radikalen Einseitigkeiten von links, rechts oder der Mitte sich opfert, zeigt auch seine klare Kante gegen Christian Wulffs gefl\u00fcgeltes Wort, dass der Islam zu Deutschland geh\u00f6re. Diesen Satz, so Gauck, k\u00f6nne er nicht hinnehmen und er modifiziert diesen dann auch: \u201eIch h\u00e4tte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, geh\u00f6ren zu Deutschland. Ich habe in meiner Antrittsrede von der Gemeinsamkeit der Verschiedenen gesprochen. Dahinter steckt eine Vorstellung von Beheimatung nicht durch Geburt, sondern der Bejahung des Ortes und der Normen, die an diesem Ort gelten. Jeder, der hierher gekommen ist und nicht nur Steuern bezahlt, sondern auch hier gerne ist, auch weil er hier Rechte und Freiheiten hat, die er dort, wo er herkommt, nicht hat, der geh\u00f6rt zu uns, solange er diese Grundlagen nicht negiert. Deshalb sind Ein-Satz-Formulierungen \u00fcber Zugeh\u00f6rigkeit immer problematisch, erst recht, wenn es um so heikle Dinge geht wie Religion\u201c, betonte er in einem \u201eZeit-Interview\u201c.<\/p>\n<h4>Der Geist der Revolte<\/h4>\n<p>Gegen die politische Realsatire der Berliner Republik, gegen die Sprache der politischen Korrektheit, der er vorwirft, den Menschen nicht abzuholen, sondern diesen nur sprachlich einzulullen, stellt er den wachen-kritischen Geist, die Re-flektion, das kritische denkerische Korrektiv, den Geist der Aufkl\u00e4rung eben. Der \u201eGeist hat seine ewigen Rechte, er l\u00e4sst sich nicht eind\u00e4mmen durch Satzungen und nicht einlullen durch Glockengel\u00e4ute\u201c, so schrieb es einst Heinrich Heine in seinen \u201eReisebildern\u201c und der Protestant von der Ostsee kann das durch seine Vita mit Blut unterschreiben.<\/p>\n<p>Gauck ist wie der Revolution\u00e4r des Vorm\u00e4rz ein Geist in der Revolte, die er aber nicht destruktiv, sondern positiv denkt, pragmatisch eben. Und diese Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Wahrheit, f\u00fcr das, was der Fall ist, hat Gaucks Pragmatismus auch dann wieder auf den Spielplan treten lassen, als es um einen kritischen Blick auf die Fl\u00fcchtlingsproblematik im Jahr 2015 ging. Humanit\u00e4t bleibt ihm dabei ein Credo, doch die brennende Sorge um die \u00dcberforderung der Zukunft ebenfalls. \u201eWir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Doch unsere M\u00f6glichkeiten sind endlich\u201c, wie er im September 2015 betonte.<\/p>\n<h4>Multi-Kulti ist nicht alternativlos<\/h4>\n<p>Das daran gebundene Zauberwort hei\u00dft f\u00fcr ihn dann auch Integration, die Gauck dahingehend interpretiert, das diese \u2013 ganz im Gegensatz zum gr\u00fcnen Multi-Kulti \u2013 Andersartigkeit und Diversit\u00e4t eben nicht per se als kulturelle Bereicherung begreift, die mit ihrer Zentrifugalkraft das abendl\u00e4ndische Weltbild, den Wertekanon, die Rechtsstaatlichkeit und die Gleichheit der Geschlechter wie leere Flaschen \u00fcber Bord wirft, weil im Neuen der Zauber des Anfangs innewohne, sondern das hier der pr\u00fcfende gesunde Menschenverstand auf den Plan treten m\u00fcsse. Statt gef\u00fchlsduseliger Emotionalit\u00e4t und Empathie und Mitgef\u00fchl eben wieder die korrigierende Hand der Ratio: \u201eWenn wir Probleme benennen und Schwierigkeiten aufz\u00e4hlen, so soll das nicht unser Mitgef\u00fchl \u2013 unser Herz \u2013 schw\u00e4chen. Es soll vielmehr unseren Verstand, unsere politische Ratio aktivieren [\u2026] So werden wir bleiben, was wir geworden sind: Ein Land der Zuversicht.\u201c Und dabei d\u00fcrfe es \u201ekeine falsche R\u00fccksichtnahme geben.\u201c<\/p>\n<p>Denn \u201eDemokratie ist kein politisches Versandhaus\u201c, sie ist \u201eMitgestaltung am eigenen Schicksal und sie ist Selbsterm\u00e4chtigung. \u201eIch denke\u201c, so hie\u00df es in seiner letzten Rede als Bundespr\u00e4sident am 18. Januar 2017, \u201ewir m\u00fcssen eine Kommunikation wagen, die deutlich st\u00e4rker als bisher die Vielen einbezieht und nicht nur die, die regelm\u00e4\u00dfig am politischen Diskurs teilnehmen. Austausch und Diskussion sind der Sauerstoff der offenen Gesellschaft, Streit ist ihr belebendes Element.\u201c<\/p>\n<h4>F\u00fcr eine \u201erobuste Zivilit\u00e4t\u201c<\/h4>\n<p>Gauck entkleidet die Wohlf\u00fchlrhetorik und die Fl\u00fcchtlingsromantik, verteidigt Traditionelles ganz im Sinne von Odo Marquards Maxime \u201ekeine Zukunft ohne Herkunft\u201c, die sich dieser einst auf die politischen Fahnen geschrieben hat. Die Wahrheit sei ohnehin nur die halbe, aber diese gilt es mit den Mitteln des Verstandes zu verteidigen. Und Gauck will in unsicheren Zeiten, wo die Demokratie nicht nur in Europa und Deutschland auf dem Spiel steht, das Haus wetterfest machen, was aber nur \u2013 im Anschluss an Timothy Garton Ash \u2013 gelingt, wenn wir eine \u201erobuste Zivilit\u00e4t\u201c f\u00fcr die Diskussionskultur einfordern, die dem offenen Diskurs in seiner Regelogik verpflichtet ist. Von dieser Argumentationslinie aus ist Toleranz als Gebot der Stunde in alle Richtungen m\u00f6glich. Allerdings sei eine Grenze dort zu ziehen, \u201ewenn Menschen diskriminiert werden oder Recht und Gesetz missachten\u201c.<\/p>\n<h4>Von der heilsamen Gabe des Gespr\u00e4ches<\/h4>\n<p>Anstelle von dogmatischer Deutungshoheit, Besserwisserei und Paternalismus fordert Gauck vielmehr ein dialektisches Miteinander von Freiheit und Rechtsstaat, einen liberalen Staat, der Sicherheit garantiert, ohne die individuellen Freiheiten einzuschr\u00e4nken. Streitbare und wertebasierte Demokratie, eine \u201eunverbr\u00fcchliche, gesch\u00fctzte Grundlage f\u00fcr unsere Demokratie und einen offenen Raum, in dem Pluralit\u00e4t leben soll, schlie\u00dfen sich nicht aus, die entscheidende Trennlinie verl\u00e4uft vielmehr zwischen Demokraten und Nichtdemokraten.<\/p>\n<p>Doch bevor es zur Verh\u00e4rtung zwischen diesen Fronten kommt, bleibt das Gespr\u00e4ch das Zaubermittel der offenen Gesellschaft. Dieses gilt es umso mehr in Zeiten von Populismus und Fake News als Heilmittel aufzurichten.<\/p>\n<h1>Das System Alexander von Humboldt<\/h1>\n<p>Universalgenies sind selten wie Tansanite. Doch Alexander von Humboldt, der vor 250 Jahren geboren wurde, geh\u00f6rte zu dieser seltenen Spezies. Er war das komprimierte Naturwissen seiner Zeit, F\u00f6rderer der Wissenschaften, ein begnadeter Zeichner, Rhetoriker und Schriftsteller. Eine Spurensuche auf einer gro\u00dfen F\u00e4hrte, die er uns hinterlassen hat.<\/p>\n<p>Allrounder wie Gottfried Wilhelm Leibnitz werden nicht so oft geboren. Und so hatte auch Alexander von Humboldt es sich verbeten, dass seine B\u00fcste bereits zu Lebzeiten neben der von Leibniz in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin aufgestellt werde. Erst nach seinem Tod, am 6. Mai 1859, sollte es dazu kommen. Mit Alexander von Humboldt hat eine Geistesgr\u00f6\u00dfe vor 250 Jahren, am 14. September 1769, die Welt betreten, die seitdem von seinem Glanz zehrt. Humboldt war alles in einem: Entdecker, Abenteurer, ein hochgesch\u00e4tzter Wissenschaftler und ein Mann mit Etikette.<\/p>\n<p>Daniel Kehlmann hatte dem Kosmopoliten, Freigeist, Menschenrechtler in seinem Buch \u201eDie Vermessung der Welt\u201c 2005 erneut in das kulturelle Bewusstsein der Deutschen geboren. Aber w\u00e4hrend der Mathematiker Carl Friedrich Gau\u00df die Welt tats\u00e4chlich vermessen hatte, hat sie Humboldt beschrieben und in Sprache gekleidet. Sein Prim\u00e4rziel war keineswegs die Reduktion des Kosmos auf ein abstraktes Zahlenspiel, sondern die Welt in all ihrer Vielfalt und Farbigkeit erstrahlen zu lassen, sie gleichsam zu \u201eerz\u00e4hlen\u201c, da die Natur, so seine feste \u00dcberzeugung, gef\u00fchlt werden muss. Sp\u00e4ter ist daraus der \u201eHumboldt-Code\u201c als Universalschl\u00fcssel empirischer und interdisziplin\u00e4rer Forschung geworden.<\/p>\n<h4>Interdisziplin\u00e4rer Denker<\/h4>\n<p>\u201eJeder Mann hat die Pflicht, in seinem Leben den Platz zu suchen, von dem aus er seiner Generation am besten dienen kann\u201c, hei\u00dft es in einem Schreiben Humboldts an den franz\u00f6sischen Astronomen Delambre. Und diese Pflicht hat sich der Berliner Sohn einer wohlhabenden preu\u00dfisch-hugenottischen Familie zur Lebensmaxime gemacht. Von Berlin Tegel aus, finanziell pomp\u00f6s ausgestattet, eroberte er sich aus eigener Geldtasche die Welt, den Amazonas, Russland und Europa. Berlin blieb ihm eine \u201emoralische Sandw\u00fcste, geziert durch Akazienstr\u00e4ucher und bl\u00fchende Kartoffelfelder\u201c, doch Paris, London oder Madrid bedeuteten ihm alles, waren Lebenselixier eines Menschen, der den Namen Kosmopolit wie kaum ein anderer f\u00fcr sich in Anspruch nehmen kann. Kant erschrieb sich die Welt, ohne K\u00f6nigsberg je zu verlassen, Humboldt eroberte sich diese, verma\u00df sie als Pionier. Aus dem \u201ekleinen Apotheker\u201c, der seit Kindesbeinen die tiefe Neigung an die Natur verinnerlichte, der Insekten, Steine und Pflanzen um sich wie Kinder heute Legosteine versammelte, ist der wirkliche Vermesser der Welt geworden, ein Br\u00fcckenbauer der Wissenschaften, ein interdisziplin\u00e4rer Geist, der Kulturen und Sprachen geradezu existentiell in sich aufsog. Geblieben sind 50 B\u00fccher, 800 Aufs\u00e4tze und Essays \u2013 ein gro\u00dfes Verm\u00e4chtnis eines begnadeten Gelehrten.<\/p>\n<p>Wenn Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux im Jahr 1336 mit Recht zu den wichtigsten Texten der Renaissance z\u00e4hlt, die einem neuen Natur- und Weltbewusstsein das Fundament legte und als Scharnier zwischen Mittelalter und Neuzeit gelten darf, so spannen Humboldts Reisen den Bogen zwischen Aufkl\u00e4rung und Moderne. Exakte Wissenschaft, Experiment, Induktion und Empirie waren die Quellen jenes Aufkl\u00e4rer, der nicht wie Kant und Schiller die Welt von oben deduzierte, sondern wie Johann Wolfgang Goethe vom Ph\u00e4nomen ausging, um zum Ganzen zu gelangen. Nicht die platonische Einheit stand am Anfang vielmehr die Vielheit in ihrer Verschiedenheit, zu der es das \u00dcbergeordnete, die Rubrik und das Schema zu finden galt. \u201eMan k\u00f6nnte in 8 Tagen nicht aus B\u00fcchern herauslesen, was er einem in einer Stunde vortr\u00e4gt,\u201c schrieb Goethe, der \u00fcberzeugte Neptunist, begeistert an den Weimarer Herzog nach einem Besuch Humboldts. Und er schreibt weiter: \u201eDa Ihre Beobachtungen vom Element, die meinigen aber von der Gestalt ausgehen, so k\u00f6nnen wir nicht genug eilen, uns in der Mitte zu begegnen.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcbergeordnete Zusammenh\u00e4nge zu finden war die Maxime beider, weil alles Wechselwirkung sei. Oder mit den Worten des Berliner Naturwissenschaftlers: \u201eDie Natur ist f\u00fcr die denkende Betrachtung Einheit in der Vielheit, Verbindung des Mannigfaltigen in Form und Mischung, Inbegriff der Naturdinge und Naturkr\u00e4fte, als ein lebendiges Ganze. Das wichtigste Resultat des sinnigen physischen Forschens ist daher dieses: in der Mannigfaltigkeit die Einheit zu erkennen, von dem Individuellen alles zu umfassen, was die Entdeckungen der letzteren Zeitalter uns darbieten, die Einzelheiten pr\u00fcfend zu sondern und doch nicht ihrer Masse zu unterliegen, der erhabenen Bestimmung des Menschen eingedenk, den Geist der Natur zu ergreifen, welcher unter der Decke der Erscheinungen verh\u00fcllt liegt. Auf diesem Wege reicht unser Bestreben \u00fcber die enge Sinnenwelt hinaus, und es kann uns gelingen, die Natur begreifend, den rohen Stoff empirischer Anschauung gleichsam durch Ideen zu beherrschen.\u201c<\/p>\n<h4>Auf Distanz zur Naturphilosophie<\/h4>\n<p>Daher verwundert es kaum, das sich Humboldt, zwar urspr\u00fcnglich von der Naturphilosophie und der darin waltenden Idee der \u201eLebenskraft\u201c angezogen f\u00fchlte und seinen experimentellen physiologischen Studien zugrunde legte, da auch er davon ausging, dass es eine Kraft gibt, die allen Organismen innewohne. Doch zunehmend wurde ihm diese abstrakte Naturphilosophie \u00e0 la Schelling und Hegel, die von \u201eLebenskraft\u201c und von Natur sprachen, die sich in Geist verwandelt, fremd, obskur und widersprach in ihrem mystischen Absolut- und Geltungsanspruch einem Geist, der die Dinge sezierte, sei es in der Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Botanik Zoologie, Ozeanographie und Klimatologie. Letztendlich stellte sich Humboldt ganz wie Goethe auf die Seite der Naturwissenschaft, die alle Lebens\u00e4u\u00dferungen nach bekannten Naturgesetzen zu erkl\u00e4ren habe. In Schillers Zeitschrift \u201eDie Horen\u201c verabschiedete er sich dann in seiner einzigen literarischen Erz\u00e4hlung \u201eDie Lebenskraft oder der Rhodische Genius\u201c von \u201eDisziplinen, die sich [\u2026] in Dunkelheit h\u00fcllen\u201c und eine \u201eabenteuerlich-symbolische Sprache\u201c sprechen und prangerte einen Schematismus an, der enger gewesen sei \u201eals ihn jemals das Mittelalter der Menschheit aufgezwungen hat.\u201c<\/p>\n<h4>Wissenschaft als Leidenschaft<\/h4>\n<p>Wissenschaft als Leidenschaft \u2013 daf\u00fcr steht Humboldt, der bescheiden als Bergassessor im Frankenwald und im Fichtelgebirge seine Karriere begann, der den Bergbau revolutionierte und die maroden Gruben in die Gewinnzone fuhr, der die Grubenlampe verbesserte und einen Vor\u00e4ufer der Atemschutzmaske erfand. Dieses Genie beschrieb nicht nur die Morphologie der kryptogamen Pflanzen, widmete sich der Mykologie, der Pflanzengeographie und der tierischen Elektrizit\u00e4t, bevor er \u2013 ausgestattet mit zahlreichen Messger\u00e4ten wie Sextant, Fernrohr, Teleskop, L\u00e4ngenuhr, Barometer und Thermometer gemeinsam mit dem franz\u00f6sischen Botaniker Aim\u00e9 Bonpland \u2013Vulkane besteigen, den Amazonas, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Kuba und Mexiko durchqueren und sp\u00e4ter bis in Altai-Gebirge vordringen wird.<\/p>\n<p>Als Ziel schwebte Alexander von Humboldt eine \u201ephysique du monde\u201c vor, eine Darstellung des gesamten physisch-geographischen Wissens der Zeit, zu dem er mit seinen Forschungsreisen selbst entscheidend beitragen wollte. Diese Vision wurde geronnene Wirklichkeit. Sein Werk \u201eKosmos\u201c, das selbst Goethes \u201eFaust\u201c aus der Bestsellerliste verdr\u00e4ngte, hatte den Anspruch eine Gesamtschau der wissenschaftlichen Welterforschung zu liefern. Er wollte dem Leser \u201edie Erscheinung der k\u00f6rperlichen Dinge in ihrem Zusammenhange, die Natur als durch innere Kr\u00e4fte bewegtes und belebtes Ganzes,\u201c vermitteln. Die B\u00e4nde erschienen 1845 bis 1862.<\/p>\n<p>1834, fast 30 Jahre nach der S\u00fcdamerika- und USA-Expedition, schrieb er an Varnhagen van Ense: \u201eIch habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsr\u00e4ume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen, wissen, alles in einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gem\u00fct erg\u00f6tzt.\u201c Diese lebendige Sprache, dieser Transformationsgedanke, Komplexes in Einfaches zu \u00fcbertragen, hat Humboldt einen Nachruhm eingebracht, der sich sehen lassen kann. Jenseits aller Klassen, jenseits von seinem adligen Publikum, worunter der russisch Zar als auch K\u00f6nige und Akademikern z\u00e4hlten, bleibt der Adressat seines Wissens das einfache Volk. Ihm zu helfen, davon war Humboldt, der Mensch mit einer \u201eGem\u00fctsverfassung moralischer Unruhe\u201c, beseelt, denn \u201eIdeen k\u00f6nnen nur n\u00fctzen, wenn sie in vielen K\u00f6pfen lebendig werden\u201c.<\/p>\n<h4>Bef\u00f6rderer der Humanit\u00e4t<\/h4>\n<p>Es ist die Liebe zur Ganzheit, die ihn motiviert, immer wieder in Todesn\u00e4he bringt, zu gewagten Abenteuern treibt. Der Tod ist dabei in aller Regelm\u00e4\u00dfigkeit sein Begleiter, ob beim Fast-Erstickungstod im Bergstollen, bei spektakul\u00e4ren Tierabenteuern oder beim Lawinenabgang w\u00e4hrend einer Bergbesteigung in den Anden.<\/p>\n<p>Aber Humboldt geht es bei all seinen Expeditionen, Analysen, Berichten und Entdeckungen nicht nur um blo\u00dfe Natur, sondern eben auch um die Krone der Sch\u00f6pfung derselben \u2013 den Menschen. Wissenschaft, so sein Ziel, sei Dienst am Menschen, Bef\u00f6rderung der Humanit\u00e4t, die im Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Gleichheit aller kulminiert. \u201eZweifelsohne ist die Sklaverei das gr\u00f6\u00dfte \u00dcbel, welche jemals die Menschheit betroffen\u201c hat schrieb er in einem vielbeachteten und beargw\u00f6hnten Essay \u00fcber Kuba. Die Menschheit k\u00f6nne allein positiv in die Zukunft gehen, wenn der einzelne geadelt, die Freiheitsrechte gewahrt und die Unterjocher ihre Macht verlieren. Das war purer Sprengstoff, Dynamit in den Augen vieler, die ihren Reichtum auf Kosten der Sklaverei und des Unrechts legitimierten. Humboldt, den Ethiker und Sozialrevolution\u00e4r sah man mancherorts \u00e4u\u00dfert kritisch, die DDR wird ihn sp\u00e4ter zum Verteidiger der Unterdr\u00fcckten hochstilisieren.<\/p>\n<p>Sein Kosmopolitismus samt ethischer Fundierung orientiert sich daher an den Interessen der gesamten Menschheit, er will eine \u00fcbergreifende politische Verantwortlichkeit, eine Vision, die in Anbetracht der Abholzung der Regenw\u00e4lder, der weltweiten CO2-Emmissionen heutzutage wie eine aktuelle Zustandsbeschreibung anmutet.<\/p>\n<h4>Der Globalplayer<\/h4>\n<p>Humboldt als Globalplayer wei\u00df, das alles mit allem zusammenh\u00e4ngt, das es eine Kausalit\u00e4t gibt, die ein spezifisches Verkn\u00fcpfungswissen ben\u00f6tigt, um die Einzelwissenschaften in einen Dialog zu f\u00fchren. Satt Wissen als statischen Besitz eines einzelnen zu verwalten, pl\u00e4diert er f\u00fcr ein offenes Forschungs- und Diskussionsklima, f\u00fcr eine Forschungsdynamik, die Entdeckungen rasant und global verbreitet und den Wissensprozess so beschleunigt, damit jeder einzelne Wissenschaftler zum Teil universalisierten Wissens werde. Und auch hier erweist sich Humboldt bereits als Pionier der \u00d6kologie, als Klimaforscher und Wissenschaftskommunikator, der heute gegen Klimawandel-Skeptiker und Fake News Populisten energisch rebellieren w\u00fcrde, weil sie \u00fcber dem Detail den Blick auf das gro\u00dfe und Ganze vergessen, die globale Ausbeutung der Ressourcen w\u00e4re ihm ein Gr\u00e4uel. Denn: \u201eWissen und Erkennen sind die Freude und die Berechtigung der Menschheit; sie sind Theile des Nationalreichthums, oft ein Ersatz f\u00fcr die G\u00fcter, welche die Natur in allzu k\u00e4rglichem Maa\u00dfe ausgetheilt hat. Diejenigen V\u00f6lker, welche an der allgemeinen industriellen Th\u00e4tigkeit, in Anwendung der Mechanik und technischen Chemie, in sorgf\u00e4ltiger Auswahl und Bearbeitung nat\u00fcrlicher Stoffe zur\u00fcckstehen, bei denen die Achtung einer solchen Th\u00e4tigkeit nicht alle Classen durchdringt, werden unausbleiblich von ihrem Wohlstande herabsinken. Sie werden es um so mehr, wenn benachbarte Staaten, in denen Wissenschaft und industrielle K\u00fcnste in regem Wechselverkehr mit einander stehen, wie in erneuerter Jugendkraft vorw\u00e4rts schreiten.\u201c<\/p>\n<h4>Die Vision sozialer Gerechtigkeit<\/h4>\n<p>Damit wird klar: Humboldt hatte eine Vision von globaler Gerechtigkeit lange vor der Menschenrechts-Charta. Die Sorge um das Ganze, um die Natur und den Menschen, um seine \u00d6kologie, ist ihm vor \u00fcber 200 Jahren zur Herzensangelegenheit geworden. Derartiges sozialistisches Gedankengut, sein Eintreten f\u00fcr die Schwachen und Entrechteten und sein Kampf gegen soziale Ungleichheit machten Humboldt verd\u00e4chtig. Ein Verteidiger der Menschenrechte war schon damals schon eine Provokation. Doch f\u00fcr Anklagen, Gerichtsprozesse und Gef\u00e4ngnis war er zu wichtig, weltweit zu sehr gesch\u00e4tzt, zu gut vernetzt, ein Strippenzieher, ein moderner Netzwerker, der heute twittern w\u00fcrde, ein Olympier der Wissenschaft und Forschung f\u00f6rderte. Die guten Beziehungen zum preu\u00dfischen K\u00f6nigshaus letztendlich verhinderten Anklage und Verfolgung.<\/p>\n<p>Dabei h\u00e4tte dem diplomatisch besonnenen Wissenschaftler eine gl\u00e4nzende Karriere am preu\u00dfischen Hof offen gestanden. 1810 wollte Staatskanzler Hardenberg ihn sogar zum preu\u00dfischen Kultusminister berufen und nichts weniger als preu\u00dfischer Botschafter im geliebten Paris h\u00e4tte er werden k\u00f6nnen. Doch Humboldt der besessene und feinsinnige Liebhaber der Natur schlug die Politikkarriere aus, um nicht von seinen selbstgesetzten Zielen abgelenkt zu werden. Gelohnt hat sich der Tausch allemal. Als Mitglied der Preu\u00dfischen Akademie der Wissenschaften und der Pariser Acad\u00e9mie des Sciences, zudem als Preu\u00dfischer Kammerherr sowie politischer Berater, kann eine verlorene politische Karriere als Randl\u00e4ufigkeit gez\u00e4hlt werden. Und die h\u00f6chste Weihe erzielte der Naturforscher 1842 als der erste Kanzler des neu gegr\u00fcndeten und noch heute bestehenden Ordens \u201ePour le M\u00e9rite f\u00fcr Wissenschaften und K\u00fcnste\u201c. Die Wissenschaft hat dem Empiriker viel zu verdanken, ob Humboldtstrom, Humboldt-Pinguine, die Humboldt-Gesellschaft und Humboldt-Akademie oder das neue Humboldt-Form \u2013 sein Name bleibt \u00fcber Generationen hinweg in aller Munde. Und das zurecht.<\/p>\n<p><strong>Die AfD ver\u00e4ndert die politische Geographie<\/strong><\/p>\n<p>Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gew\u00e4hlt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung f\u00fcr eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pfl\u00fcgt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?<\/p>\n<p><strong>Wer das Volk ignoriert, bekommt die Quittung<\/strong><\/p>\n<p>Nicht wenigen im deutschen Osten ist die repr\u00e4sentative Demokratie verd\u00e4chtig, weil sie repr\u00e4sentativ ist. Dieses Bewusstsein, das aus der ehemalig-scheinbaren Demokratie des Ostens nicht nur \u00fcberlebt hat, sondern nach ihrem Untergang erst richtig erbl\u00fchte, versteht unter Demokratie nicht Republik und Minderheitenschutz, sondern die Herrschaft \u201edes Volkes\u201c, also derer die sich f\u00fcr das Volk halten. Und wer von Volk spricht muss auch Volk meinen. Wenn hingegen dieses vermeint auf der Strecke zu bleiben, sind Ressentiments vorprogrammiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die alte DDR-Parteidoktrin oder um eine liberale Wertegemeinschaft handelt, die \u00fcber den Willen des Volkes hinwegspekuliert, diesen quasi ignoriert. Wer nicht auf basale N\u00f6te, Interessen und \u00c4ngste reagiert, gebiert geradezu eine Partei wie die AfD, die in Sachsen und Brandenburg die etablierten Volksparteien wie ein wilder Orkan hinwegfegt.<\/p>\n<p><strong>Demokratie haben sich die Ostdeutschen anders vorgestellt<\/strong><\/p>\n<p>Die Demokratie haben sich die Ostler letztendlich anders vorgestellt. Die Euphorie von einem geeinten Land hat in den letzten Jahren ihren Glanz verloren; man wollte den Rechtsstaat und hat die Demokratie mit all ihren Unzul\u00e4nglichkeiten bekommen. Doch demokratische Entscheidungen, die auf Mehrheitswillen basieren, werden mit einem gro\u00dfen Fragezeichen versehen. Der pure Mehrheitswille gilt im Osten zumindest als verp\u00f6nt, weil man dahinter systemische Zw\u00e4nge wittert, die nur den Schein des Demokratischen haben. Eine derartige Demokratieauffassung st\u00f6\u00dft daher im Osten zunehmend und auf die Jahre gesehen immer mehr auf Ressentiment.<\/p>\n<p><strong>Das Vertrauen in die Demokratie schwindet<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Wiedervereinigung hatten die Deutschen zwischen Insel R\u00fcgen und Sonneberg den bundesdeutschen Rechtsstaat quasi idealisiert, weil er Freiheit und Gleichheit f\u00fcr alle garantierte. 30 Jahre danach ist anstelle von Euphorie Resignation getreten. Der westdeutsche Kapitalismus samt parlamentarischer Demokratie, freien Wahlen und einem starken Grundgesetz zeigt sich f\u00fcr viele Ostdeutsche keineswegs im Gewand eines liberalen Staates, der die Rechte seiner B\u00fcrger st\u00e4rkt. Weder vertraut man den Institutionen noch der gleichgeschalteten Presse, die man aus vierzig Jahren her kannte. Daher verwundert es kaum, dass die Medien in Ostdeutschland geradezu katastrophal abschneiden: Gerade einmal 29 Prozent vertrauen Fernsehen, Radio und Zeitungen, noch weniger der Justiz.<\/p>\n<p>Die Rechtsbrechung stand in der DDR auf der Tagesordnung, dass aber die westdeutsche Demokratie Recht wie im Fl\u00fcchtlingsjahr 2015 bricht, bedeutete f\u00fcr die Ostdeutschen ein enorme Unglaublichkeit, die das Vertrauen in die Grundfesten des Rechtsstaates endg\u00fcltig ins Wanken brachte und die AfD auf den Spielplan hat treten lassen. Das Ursprungsvertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ist seit 2015 nicht mehr ins Bewusstsein vieler zur\u00fcckgekehrt. Der Rechtsstaat ist nicht mehr alternativlos und der Glaube an die Staatsgewalt bis ins Mark hinein ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p><strong>Die Romantik von 1990 ist weg<\/strong><\/p>\n<p>Dabei pr\u00e4gte 1990 noch ein Grundvertrauen die neuen Bundesb\u00fcrger; es herrschte nicht nur eine sozial-romantische Verkl\u00e4rung \u00fcber die Zukunft Ostdeutschlands als wahrhaft sozialem Alternativkapitalismus, der die Werte des Sozialen mit dem Markt, Weltver\u00e4nderung inklusive, vers\u00f6hnt. Soziale Marktwirtschaft und menschlich umhegter Kapitalismus galten als neu gewonnener Garant freiheitlicher Selbstverwirklichung, die die alten G\u00e4ngelbande von Betonkommunismus und Entm\u00fcndigung endg\u00fcltig aus den grauen Gassen verjagte.<\/p>\n<p><strong>Ein Generationenproblem?<\/strong><\/p>\n<p>Erschwerend kommt auch nach 30 Jahren hinzu, dass das DDR Regime viele Ostdeutsche auf Jahre hin verunsichert, ver\u00e4ngstigt, entwurzelt und atomisiert hat. Sie suchen jetzt in der \u201eOffenen Gesellschaft\u201c nach Orientierung. Der polnische Philosoph Jaroslaw Makowski hat die Stimmung treffend beschrieben: \u201eDas Problem steckt jedoch in dem, was hinter diesem \u00e4u\u00dferen Vorhang geschieht. Dort tobt, wie in der Mitte eines Sees, ein wahrer Sturm. Von Zeit zu Zeit steckt jemand ganz allein, manchmal eine Gruppe, den Kopf aus dem Wasser, schreit Fragen hinaus, schwimmt weiter oder verschwindet ganz einfach in der Tiefe. Die Menschen schreien nicht so sehr aufgrund dessen, was sie sehen, sondern eher auf Grund dessen, was sie nicht sehen, in dem sie aber weiterhin tief versunken sind.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die Politik muss endlich handeln<\/strong><\/p>\n<p>\u00c4ngste zu nehmen, mehr Transparenz bei politischen Entscheidungen, die tiefere Zuwendung zu denjenigen in der Gesellschaft, die abgeh\u00e4ngt, notleidend und perspektivlos sind, k\u00f6nnte neue Hoffnung und Zutrauen schaffen. Doch das bleibt die Aufgabe der politisch Verantwortlichen in diesem Land. Sollten sie es nicht schaffen, werden die B\u00fcrger wieder auf die Barrikaden gehen und die AfD wird eine neue Heimat f\u00fcr Menschen schaffen, die eigentlich nur wahrgenommen und geh\u00f6rt werden wollen, weil sie mit dem Mauerfall ein St\u00fcck Identit\u00e4t, Biographie und Selbstbewusstsein verloren hatten. Soweit sollte es aber nicht kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum sich Konservativ- und Liberal-Sein miteinander verbinden lassen<\/strong><\/p>\n<p>Ob in den Medien, in der Politik oder im Freundeskreis \u2013 wer auf Traditionelles setzt wird nicht selten und oft in die rechte Ecke geschoben und verdammt. Das Prinzip der Toleranz hat in Zeiten von Fake News, neuen Ideologien und einer bis ans Unertr\u00e4gliche grenzenden neu umstellten Intoleranz ein St\u00fcck weit an Geltungskraft verloren. Und gerade in diesen Zeiten lohnt sich zumindest ein An-denken des Toleranzprinzips.<\/p>\n<p>Die Aura des Konservativen umflankt was Mythisches, aber auch ein m\u00fcdes Abgegriffensein, ein Denken und Verweilen im Gestern; der Konservative h\u00e4ngt am Vergangenen, glorifiziert es und ist dem zukunftsweisendem Blick hingegen unaufgeschlossen Doch derartige Stereotypen haben sich mit Blick auf den neuen Konservativen ver\u00e4ndert. Gleiches gilt f\u00fcr den Liberalen. W\u00e4hrend er f\u00fcr grenzenlose Offenheit stand, f\u00fcr die Weite des Raums, den Individualismus und f\u00fcr Laissez-faire in Wirtschaft und Politik, so hat der neue Liberale begriffen, dass er die Welt nur modernisieren kann, wenn er Altbew\u00e4hrtes bewahrt. Die alten sich ausschlie\u00dfenden Kampfbegriffe sind obsolet geworden. Sie verfangen in ihrer Einseitigkeit nicht mehr.<\/p>\n<h4><strong>Toleranz gegen\u00fcber Andersdenkenden<\/strong><\/h4>\n<p>Doch nach wie vor geht die Gesellschaft zum Konservativen auf Distanz \u2013 und mag er noch so liberal sein. Das Stigma haftet wie ein altes Eisen an seiner Existenz, zieht ihn in die Abgr\u00fcnde einer einsamen Existenz, schmiedet ihn in die Ketten der Verdammnis. Was fehlt ist Toleranz, ein gemeinsames Auf-einander-Zugehen, eine neue Debatten- und Diskussionskultur, die das alte Lagerdenken, das gerade heute in Zeiten der h\u00f6chsten Aufkl\u00e4rung in Wissenschaft und Technik sich zumindest auf Seiten des politischen Diskurses immer wieder und weiter verengt, was dem alten Kulturkampf zwischen Bewahrern und Erneueren eine ungeheure negative Triebkraft verleiht, die an sich total unmodern ist und die Fr\u00fcchte der Aufkl\u00e4rung, die Deutschland die letzten zweihundert Jahre nach Gotthold Ephraim <em>Lessing<\/em> und Immanuel Kant gepr\u00e4gt haben, vernichtet. Toleranz hingegen scheint so das Zauberwort der Stunde \u2013 und statt Spaltung geht es um Vers\u00f6hnung. Und das beides sich miteinander verbinden l\u00e4sst, daf\u00fcr steht letztendlich unter anderem Alt-Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck Sich selbst nennt er einen \u201elinken, liberalen Konservativen\u201c, einen \u201eaufgekl\u00e4rten Patrioten\u201c, f\u00fcr den Freiheit nicht ein blo\u00dfes Lippenbekenntnis, sondern eine Liebhaberei ist, etwas, das angeht, das tief geht, das erstritten, erk\u00e4mpft werden muss.<\/p>\n<p>Auch Gauck moniert ein politisches Lagerdenken, das sich aufschaukelt, wenn es um die Meinungsfreiheit geht, wenn der Konservative deklassifiziert und der links-gr\u00fcne Liberale zum Non plus Ultra, zur Tugendinstanz, zum Heilsretter und Weltbewahrer hochstilisiert wird. Es l\u00e4uft etwas m\u00e4chtig schief in unserem Land, wenn sich die Priorit\u00e4ten des Denkens derart verschieben, wenn sie neue Grenzen der Intoleranz aufrichten.<\/p>\n<p>In seinem neuen \u201eToleranzbuch\u201c hei\u00dft es dann auch: \u201eWogegen ich mich allerdings wehre, ist wenn politisch Korrekte ein Monopol ihrer Ansichten im \u00f6ffentlichen Raum durchzusetzen versuchen. [\u2026] Moral wird hier ein Mittel der N\u00f6tigung, Intolerant ein inakzeptables Mittel zur Durchsetzung des angeblich Guten. So k\u00f6nnen aus liberalen Anh\u00e4ngern einer offenen Gesellschaft, illiberale Rechthaber werden, die Pluralit\u00e4t einschr\u00e4nken.\u201c<\/p>\n<p>Toleranz, so Gauck, der in einer intoleranten DDR-Gesellschaft sozialisiert wurde, wo das Konservativ-Sein als Makel galt, als Stigma des Ewig-Gestrigen begreift Toleranz damit auch nicht als Tugend allein, sondern als ein Gebot der politischen Vernunft, die er jeder Form des Extremismus als Korrektiv und Imperativ gegen\u00fcberstellt. Toleranz ja, aber bitte keine gegen\u00fcber Intoleranten. So wird f\u00fcr Gauck Toleranz zudem, was sie auch sein muss, zu einer Zumutung. Sie wieder zu erlernen, auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, gebiert die Vernunft, die durch die Extreme des dunklen 20. Jahrhunderts hindurchgegangen ist. Und wer diese Toleranz, auch gegen\u00fcber dem Konservativen, missbraucht, der stellt letztendlich auch die Demokratie in Frage, die derzeit nicht nur in einem nach rechts r\u00fcckendem Europa, sondern auch in einem deutlich rechtslastigem Deutschland mehr denn je auf dem Spiel steht.<\/p>\n<h4><strong>Pers\u00f6nliche Anmerkung<\/strong><\/h4>\n<p>Als Ostdeutscher mit \u00f6sterreichisch-katholischem Hintergrund, als Priesterkind mit Fl\u00fcchtlingseltern aus B\u00f6hmen und Oberschlesien, spielte der Begriff des Konservativen bereits in der DDR f\u00fcr mich eine Rolle. Man war entweder staatstreu oder b\u00fcrgerlich-konservativ und damit per se verd\u00e4chtig. Die allgegenw\u00e4rtige Staatssicherheit setzte mich w\u00e4hrend des Abiturs an Nummer eins der besonders zu beobachtenden Sch\u00fcler. Und sp\u00e4testens dann galt ich wieder als konservativ, als ich in den Wirren der Nachwendezeit ins Priesterseminar einr\u00fcckte, beseelt von der Idee eines christlichen Humanismus abendl\u00e4ndischer Wertekultur, erweitert um die soziale Dimension des Humanen, eines toleranten Christentums also, das die Weite der Philosophie, auch Karl Marx, die utopischen Sozialisten und die englischen Aufkl\u00e4rer in sich aufgesogen hatte. Und dennoch habe ich die Freiheit nicht verleumdet, bin liberal und aufgeschlossen geblieben. Votiere f\u00fcr die Rettung des Klimas, was mich als Liberalen auszeichnet, will diese aber nicht durch eine Verbotskultur, was mich zum Konservativen macht. Ich votiere aus meiner in DDR-sozialisierten Erinnerungskultur f\u00fcr eine plurale, offene Gesellschaft, jedoch nicht um den Preis des Ausverkaufs der abendl\u00e4ndischen Wertekultur zugunsten des Multikulturalismus, der Nation und Geistestradition aus den Geschichtsb\u00fcchern streicht und stattdessen die Sprache genderisiert, die Abtreibung legalisiert und die aktive Sterbehilfe als den letzten Akt der M\u00fcndigkeit glorifiziert. Und als ehemaliger alter und neuer Konservativer bin ich sogar links, wenn es darum geht, sich gegen die Ungerechtigkeit und eine schier aufklaffende Differenz zwischen arm und reich aufzurichten, gegen eine Welt der Extreme, die zu Lasten der Schwachen geht. Aus versehen links. Gerade diese explosive Mischung aus konservativ, liberal und links steht meines Erachtens f\u00fcr eine qualitative Erweiterung des Wissens, f\u00fcr ein Wissen der Weite, das verschiedene Denktraditionen miteinander synthetisiert und sich damit zu einem Geschichtsbild f\u00fcgt, das f\u00fcr eine Erweiterung des Vernunftbegriffs pl\u00e4diert, f\u00fcr einen Synkretismus, der Tradiertes kritisch pr\u00fcft und die Puzzle zu einem neuen System oder Weltbild zusammenf\u00fcgen will. Joseph Ratzinger, Papa Emeritus, hat es einmal in dem Text <em>\u201eGlaube zwischen Vernunft und Gef\u00fchl\u201c<\/em> so formuliert: \u201eDer Radius der Vernunft muss sich wieder weiten. Wir m\u00fcssen aus dem selbstgebauten Gef\u00e4ngnis wieder herauskommen und andere Formen der Vergewisserung wieder erkennen, in denen der ganze Mensch im Spiel ist.\u201c<\/p>\n<p>Der liberal-konservative Denker verk\u00f6rpert dies in persona; er ist Br\u00fcckenbauer, der Kontr\u00e4res miteinander harmonisiert, dessen Blick offen nach hinten und vorn bleibt, der eine neue Qualit\u00e4t des Denkens kreiert, weil er die Welt in ihrer Verschiedenheit als harmonisches Ganzes betrachtet. Und genau das macht ihn f\u00fcr die Gesellschaft unverzichtbar.<\/p>\n<h1>F\u00fcr eine neue Aufkl\u00e4rung in Zeiten der Unvernunft<\/h1>\n<p>Alt-Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck hat ein Buch \u00fcber Toleranz geschrieben. In Zeiten von Fake News und Gegenaufkl\u00e4rung sieht er im toleranten Miteinander den einzigen Ausweg aus einer gespaltenen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Joachim Gauck ist so etwas wie der gef\u00fchlte Bundespr\u00e4sident der Herzen \u2013 und dies \u00fcber seine Amtszeit im Schloss Bellevue hinaus. Der im Osten sozialisierte Pastor war in der Reihe der deutschen Bundespr\u00e4sidenten sicherlich einer, dem man mehr vertraute, dem man zuh\u00f6rte, weil er anders als seine Vorg\u00e4nger nicht \u00d6konom oder Jurist, sondern protestantischer Theologe war, also per Passion einer der Empathie hat, der Vertrauen stiftet, auf den man h\u00f6rt, dessen Stimme gewichtig ist.<\/p>\n<h4>Der Bundespr\u00e4sident der Mitte<\/h4>\n<p>Der elfte Bundespr\u00e4sident ist nie ein weichgesp\u00fclter B\u00fcrokrat gewesen, erwuchs nicht der Parteielite, verbog sich nicht im R\u00e4nke- und Machtspiel, blieb eigenst\u00e4ndig denkend, ein Mensch mit Gesundem Menschenverstand, der sich wie einst Thomas Paine die Menschenrechte auf die Charta geschrieben hat. Und es war immer wieder Gauck, der der eher taktisch und machtpolitisch agierenden Bundeskanzlerin Merkel Paroli bot. Gauck spricht aus, was er denkt \u2013 und er mischte sich immer wieder ein. Er verteufelte Thilo Sarrazin nicht als dieser verunglimpft wurde, er unterst\u00fctzte Gerhard Schr\u00f6ders Agenda-Politik. Sich selbst nennt Gauck einen \u201elinken, liberalen Konservativen\u201c, einen \u201eaufgekl\u00e4rten Patrioten\u201c, f\u00fcr den Freiheit nicht ein blo\u00dfes Lippenbekenntnis, sondern eine Liebhaberei ist, etwas, das angeht, das tief geht, das erstritten, erk\u00e4mpft werden muss.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu einer Vielzahl seiner Politikkollegen war Gauck immer \u00fcberparteilich, kein Nach- und Dampfplauderer. Worte, das wei\u00df er, sind elementare Bausteine des Gewissens, moralischer \u00dcberzeugung und Strahlkraft. Und so hatte das Wort \u2013 wie in der ganzen Tradition des Protestantismus \u2013 bei ihm immer Gewicht. Worte sind in aller Bed\u00e4chtigkeit zu w\u00e4hlen \u2013 das wei\u00df keiner besser als Gauck. Aber wer offen spricht, l\u00e4uft Gefahr missverstanden zu werden, droht schnell aus der Wohlf\u00fchlw\u00e4rme des gesellschaftlichen Miteinanders in die Eisesk\u00e4lte, Isoliertheit und Einsamkeit abgeschoben zu werden.<\/p>\n<h4>Statt Intoleranz mehr Toleranz<\/h4>\n<p>Diese Intoleranz, die Abstemplung, das perfide Unterjochen Andersdenkender bleibt ihm ein Gr\u00e4uel \u2013 gerade in Zeiten von Fake News und in einer Gesellschaft, die sich immer mehr polarisiert, wo die T\u00f6ne rauer, unverbindlicher und rigoroser geworden sind, wo die gegenaufkl\u00e4rerische Leugnung von Fakten zur Tagesordnung geh\u00f6rt, wo der politische Gegner nicht geh\u00f6rt, sondern nur allzu schnell mundtot gemacht wird, ja, wo die Dialogkultur zur Entfremdungskultur geworden ist. Wo der als Rassist oder rechtsradikal diskreditiert wird, der seine Meinung sagt, wenn er Diversit\u00e4t nicht als neue Leitkultur anerkennen will oder diese zumindest kritisch hinterfragt.<\/p>\n<p>Diese neue Intoleranz, so der Befund, der unter dem Titel \u201eToleranz, Einfach schwer\u201c in Buchform nun vorliegt, treibt Gauck um. Sie ist es, die den Zeitgeist pr\u00e4gt, ihn vers\u00e4uert und die den ehemaligen Bundespolitiker befremdet. Gauck dagegen setzt auf einen Diskurs in alle Schichten, auf einen vertikalen, der gerade denen eine Stimme gibt, die keine haben, den Wendeverlieren, denen, die kein Geh\u00f6r finden, denen, die in Parallelgesellschaften vor sich hind\u00fcmpeln, \u00fcber die die Geschichte wie ein kalter Windsto\u00df weht.<\/p>\n<h4>Der \u201eSpiegel\u201c irrt<\/h4>\n<p>Unl\u00e4ngst titelte der Spiegel \u201eJoachim Gauck will den Begriff rechts \u201aentgiften\u2019\u201c im Replik auf die Buchver\u00f6ffentlichung. Doch diese Anklage aus dem divers-gr\u00fcnen Journalismus trifft Gauck keineswegs. Irritiert eher. Denn der ehemalige Bundespr\u00e4sident ist keiner, der in einer auch nur denkbaren Form rechtsau\u00dfen steht. Vielmehr geht er in kritische Distanz zur AfD, straft den Rechtsextremismus als eine Kultur der Niveaulosen ab und sieht im perfiden politischen Rechtsfundamentalismus gerade das, was seiner eigenen demokratischen Idee zutiefst zuwiderl\u00e4uft. Dennoch ergreift er Partei f\u00fcr jene, die dem gr\u00fcnen Zeitgeist diametral entgegenstehen, sucht nach den Ursachen des Ressentiments und findet diese nicht nur im Abgekoppeltsein.\u00a0 Was Gauck konkret beklagt, ist eine neue Intoleranz, die all jene zu ihren Feinden erkl\u00e4rt, die nicht derselben Meinung sind.<\/p>\n<h4><strong>Wir brauchen eine neue Kultur des Miteinanders<\/strong><\/h4>\n<p>In seinem neuen Buch \u201eToleranz\u201c hei\u00dft es dann auch: \u201eIn unserer politischen Landschaft und in unserem politischen Diskurs ist es zu einer Unwucht gekommen. Als inakzeptabel rechts werden gemeinhin schon diejenigen apostrophiert, die nicht anderes wollen, als an dem festhalten, was ihnen vertraut und bekannt ist: Konservative, die Gesetze \u00fcber Abtreibung und die \u201aEhe f\u00fcr Alle\u2018 am liebsten r\u00fcckg\u00e4ngig machen w\u00fcrden und das Adoptionsrecht f\u00fcr homosexuelle Paare ablehnen. Menschen, die darauf verweisen, dass schwere Straftaten bei Teilen von Migranten \u00fcberproportional zu ihrem Anteil an der Bev\u00f6lkerung vertreten sind. Als inakzeptabel rechts gilt h\u00e4ufig schon, wer zu seiner Heimat eine besondere Verbundenheit empfindet und am Nationalstaat h\u00e4ngt.\u201c Gauck verwehrt sich in aller Radikalit\u00e4t gegen einen derartigen politischen Diskurs, der die Gleichung von konservativ und rechtsradikal, rassistisch oder nationalsozialistisch aufmacht. Denn wer sich zu Heimat und Nationalstaat bekennt, bleibt einer, der im Unterschied zum Radikalen, sei es zum islamischen Fundamentalisten, Links- sowie Rechtsextremisten, die Extreme meidet. Sein Weltbild ist nicht manich\u00e4isch auf Spaltung und Polarisierung angelegt, er hinterfragt nur kritisch, ob der Multikulturalismus tats\u00e4chlich alternativlos sei, ob er nicht zu viel Naivit\u00e4t und Toleranz gegen\u00fcber Intoleranten tr\u00e4gt, ob man fremde Kulturen, Sitten und Religionen tats\u00e4chlich ein- und ausschlie\u00dflich nur als bereichernd definieren vermag, ob durch einen z\u00fcgellosen Fortschritt das Gute bef\u00f6rdert und das Schlechte gemieden wird. Wer hier Geltungsanspr\u00fcche pr\u00e4feriert, indem er das Eigene zugunsten des Fremden, oder auch umgekehrt, verabsolutiert, ger\u00e4t in Schieflage. Aber genau dieser gilt es zu entkommen, sie verf\u00e4ngt allein ins Negative. Die Forderung nach mehr Toleranz, nicht nur als Tugend, sondern zugleich als Gebot der politischen Vernunft, ist das, was Gauck allen Radikalen, allen Rattenf\u00e4ngern des Extremismus entgegenzustellen sucht, eine Toleranz die k\u00e4mpferisch agiert \u2013 und weil sie den anderen in seiner Andersheit aushalten, respektieren muss, eben auch eine Zumutung sein muss. Und genau diese Zumutung, so sein Credo, m\u00fcssen wir wieder lernen, denn sonst spaltet sich unsere Gesellschaft noch mehr und die Demokratie steht mehr denn je auf dem Spiel. \u201eToleranz <em>ist<\/em> nicht, Toleranz <em>wird<\/em>.\u201c Toleranz ist lernbar, setzt aber die Meinungsfreiheit voraus, die nicht nur von rechts, sondern eben auch von links derzeit bedroht wird.<\/p>\n<p>Gauck schreibt: \u201eWogegen ich mich allerdings wehre, ist wenn das politisch Korrekte ein Monopol ihrer Ansichten im \u00f6ffentlichen Raum durchzusetzen versuchen. [\u2026] Moral wird hier ein Mittel der N\u00f6tigung, Intolerant ein inakzeptables Mittel zur Durchsetzung des angeblich Guten. So k\u00f6nnen aus liberalen Anh\u00e4ngern einer offenen Gesellschaft, illiberale Rechthaber werden, die Pluralit\u00e4t einschr\u00e4nken.\u201c Oder anders gesagt: Wer nicht politisch korrekt ist, ist eben inkorrekt, wie Dieter E. Zimmer einst schrieb. Doch gerade gegen diese politische Korrektheit richtet Gauck ein Warn- oder Stoppschild auf und fordert statt Denkverboten Meinungsfreiheit.<\/p>\n<h1>Der revolution\u00e4re Retter des Seins<\/h1>\n<p>von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz5.08.2019Gesellschaft &amp; Kultur, Medien<\/p>\n<p>Konservative Manifeste sind derzeit en vogue, ob von der WerteUnion oder von Publizisten aus dem konservativ-liberalen Lager. Ihnen allen gemein ist ein Gegenentwurf zum vorherrschenden Mainstream wie ihn deutsche Medien und die gr\u00fcne Zeitgeistkultur zelebrieren. Gemein bleibt ihnen, dass sie allesamt weder den Geist des Antiliberalen, Reaktion\u00e4ren, des Ressentiments, des Nationalen samt seiner grauenhaften Maske aus Nationalismus und Antisemitismus wieder aufatmen lassen oder gar beschw\u00f6ren, sondern vielmehr im Gebot der Toleranz, sich \u201egegen linke und rechte Ideologien\u201d manifestieren.<\/p>\n<p>Die abendl\u00e4ndische Kultur ist auch eine Geschichte von Manifesten, sei es in der Literatur oder in der Politik. Keines aber war weltver\u00e4ndernder als Marx\u2019 und Engels \u201eManifest der Kommunistischen Partei\u201c. Mit ihm schlug die Geburtsstunde des global fundierten Sozialismus als Sozialexperiment der Extraklasse \u2013 doch seine Engstirnigkeit kostete Millionen das Leben. W\u00e4hrend im Reich der Mitte und in Nordkorea die alten Z\u00f6pfe aus vergangen Tagen noch zelebriert werden und f\u00fcr Massenverelendung und Zwangskollektivierung stehen, zeigt sich im Europa nach der Aufkl\u00e4rung und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein anderes Bild. Der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Marsch durch die Institutionen, der vor 50 Jahren seinen Siegeszug feierte, ist in die Jahre gekommen. Linke Ideologien haben an Wert verloren, zu tief sitzen die Wunden der sozialistischen Experimente, der inkludierten Beton-Ideologie, der Vergesellschaftung des Individuums und der Zwangskollektivierung. Selbst die Links-Ausrichtung der CDU unter der Merkel-\u00c4ra st\u00f6\u00dft zunehmend auf Ablehnung. Das temperierte Wohlf\u00fchlklima des Mitte-Kurses, der Wertverfall, der Kulturpessimismus, die Laissez-faire-Politik in der Migrationsfrage und die s\u00e4kulare Verlagerung des Religi\u00f6sen in den Bannkreis der reinen Vernunft bewirkt keinen Zauber mehr und hat jedwede Strahlkraft verloren.<\/p>\n<h4><strong>Die neue Sehnsucht nach den alten Werten<\/strong><\/h4>\n<p>Anstelle von Multi-Kulti, tugendloser Freiz\u00fcgigkeit, antiautorit\u00e4rer Gesinnung und Gender-Irrsinn ist hingegen das Konservative auf dem Vormarsch, aber eben nicht als antiliberales, antidemokratisches und antiegalit\u00e4res, sondern als \u201ekonservative Revolution\u201c im Sinne von Hugo von Hofmannsthal. Der Literat tr\u00e4umte bereits 1927 in seiner Rede \u201eDas Schrifttum als geistiger Raum der Nation\u201c von einem Transformationsprozess, der die ganze Gesellschaft umgreift, mit dem Ziel, \u201eeine neue deutsche Wirklichkeit\u201d zu schaffen, an der die ganze Nation teilnehmen k\u00f6nne.\u201c Schon damals beklagte Hofmannsthal, dass die \u201eproduktiven Geisteskr\u00e4fte\u201c in Deutschland zerrissen sind, der Begriff der geistigen Tradition kaum anerkannt sei. Und Thomas Mann betonte, bevor er sich von der \u201ekonservativen Revolution\u201c verabschiedete, weil er darin das Aufflammen des Nationalsozialismus sah: \u201eDenn Konservatismus braucht nur Geist zu haben, um revolution\u00e4rer zu sein als irgendwelche positivistisch liberalistische Aufkl\u00e4rung, und Nietzsche selbst war von Anbeginn, schon in den \u201aUnzeitgem\u00e4\u00dfen Betrachtungen\u2018, nichts anderes als konservative Revolution.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Was bedeutet konservativ?<\/strong><\/h4>\n<p>Konservativ ist diese Revolution, weil sie die Moderne als krisenhaft empfindet und eine gesellschaftliche Modernisierung aus dem Geist der abendl\u00e4ndischen Geistestradition sucht, nicht um die Moderne zu destruieren, sondern um diese mit alten Tugenden und Werten neu zu beleben. \u201eZukunft braucht Herkunft\u201c hatte Odo Marquard in einem ber\u00fchmten Essay einst geschrieben. Und bereits im Jahr 1932 charakterisierte Edgar Julius Jung die konservative Revolution als die \u201eWiedereinsetzung aller jener elementaren Gesetze und Werte, ohne welche der Mensch den Zusammenhang mit der Natur und mit Gott verliert und keine wahre Ordnung aufbauen kann. An Stelle der Gleichheit tritt die innere Wertigkeit, an Stelle der sozialen Gesinnung der gerechte Einbau in die gestufte Gesellschaft.\u201c Dass die konservative Revolution nicht nur bewahren will, sondern konstruktiv und konstitutiv f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung der Gesellschaft wirbt und anstatt nur auf Tradiertem vielmehr auf neue \u201elebendige Werte\u201c setzt, hatte Arthur Moeller van den Bruck herausgearbeitet. \u201eDer konservative Mensch [\u2026] sucht heute wieder die Stelle, die Anfang ist. Er ist jetzt notwendiger Erhalter und Emp\u00f6rer zugleich. Er wirft die Frage auf: was ist erhaltenswert?\u201c Aber dieses zu Erhaltende ist nach Moeller van den Bruck erst noch zu schaffen, denn konservativ sei, \u201eDinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Die neue B\u00fcrgerlichkeit<\/strong><\/h4>\n<p>Dass der Geist des Konservativen keineswegs eine unzeitgem\u00e4\u00dfe Betrachtung ist, zeigte ein Gastbeitrag von Alexander Dobrindt Anfang 2018. Dort bediente sich der CSU-Fraktionschef des Begriffes \u201ekonservative Revolution\u201c und forderte die St\u00e4rkung einer neuen B\u00fcrgerlichkeit. Obwohl es \u201ekeine linke Republik und keine linke Mehrheit in Deutschland\u201c mehr gebe, so kritisierte er, beherrschten die linken 68er immer noch die Debatte. Auf einen maroden Linksruck, \u201eauf die linke Revolution der Eliten\u201c, m\u00fcsse nunmehr eine \u201ekonservative Revolution der B\u00fcrger\u201c folgen.<\/p>\n<h4><strong>Joachim Gauck und das Prinzip Toleranz<\/strong><\/h4>\n<p>So sieht es nicht nur Dobrindt, so sehen es viele, die ersch\u00f6pft vom linken Kulturkampf sind \u2013 auch der der ehemalige Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck. In seinem neuen Buch \u201eToleranz\u201c hei\u00dft es dann auch: \u201eIn unserer politischen Landschaft und in unserem politischen Diskurs ist es zu einer Unwucht gekommen. Als inakzeptabel rechts werden gemeinhin schon diejenigen apostrophiert, die nicht anderes wollen, als an dem festhalten, was ihnen vertraut und bekannt ist: Konservative, die Gesetze \u00fcber Abtreibung und die \u201aEhe f\u00fcr Alle\u2018 am liebsten r\u00fcckg\u00e4ngig machen w\u00fcrden und das Adoptionsrecht f\u00fcr homosexuelle Paare ablehnen. Menschen, die darauf verweisen, dass schwere Straftaten bei Teilen von Migranten \u00fcberproportional zu ihrem Anteil an der Bev\u00f6lkerung vertreten sind. Als inakzeptabel rechts gilt h\u00e4ufig schon, wer zu seiner Heimat eine besondere Verbundenheit empfindet und am Nationalstaat h\u00e4ngt.\u201c Gauck verwehrt sich in aller Radikalit\u00e4t gegen einen derartigen politischen Diskurs, der die Gleichung von konservativ und rechtsradikal, rassistisch oder nationalsozialistisch aufmacht. Denn wer sich zu Heimat und Nationalstaat bekennt, der dezidiert Konservative also, bleibt einer, der im Unterschied zum Radikalen, sei es zum islamischen Fundamentalisten, Links- sowie Rechtsextremisten, die Extreme meidet. Sein Weltbild ist nicht manich\u00e4isch auf Spaltung und Polarisierung angelegt, er hinterfragt nur kritisch, ob der Multikulturalismus tats\u00e4chlich alternativlos sei, ob er nicht zu viel Naivit\u00e4t und Toleranz gegen\u00fcber Intoleranten tr\u00e4gt, ob man fremde Kulturen, Sitten und Religionen tats\u00e4chlich ein- und ausschlie\u00dflich nur als bereichernd definieren vermag, ob durch einen z\u00fcgellosen Fortschritt das Gute bef\u00f6rdert und das Schlechte gemieden wird. Wer hier Geltungsanspr\u00fcche pr\u00e4feriert, indem er das Eigene zugunsten des Fremden, oder auch umgekehrt, verabsolutiert, ger\u00e4t in Schieflage. W\u00e4hrend der konservative Patriot also abw\u00e4gt, reflektiert, Tradiertes und Modernes, so, wie es Andreas R\u00f6dder fordert, in Einklang zu bringen sucht, um den Wandel vertr\u00e4glich zu gestalten, Bew\u00e4hrtes zu bewahren und Reformbed\u00fcrftiges zu verbessern, der sucht nur nach dem besseren Argument, nach dem Ma\u00df wie einst Aristoteles forderte, oder wie es Robert Spaemann formulierte: dass der die Begr\u00fcndungspflicht tr\u00e4gt, der Tradiertes in Frage stellt.<\/p>\n<h4><strong>Freiheit statt Nannystaat<\/strong><\/h4>\n<p>Toleranz des Konservativen und umgekehrt gegen\u00fcber demselben bleibt so eine Zumutung, ein Korrektiv, das zu Vers\u00f6hnung aufruft. In genau diesem Sinne votiert auch der Alt-Bundespr\u00e4sident, daf\u00fcr, dass es verantwortungslos sei, wenn Fortschrittsideologen den Konservativen, statt ihn als Verb\u00fcndeten im Kampf gegen Rechtsextremismus zu sehen gleich mit zum Feind erkl\u00e4ren. Genau dies widerspricht Gaucks Credo, Toleranz nicht nur als Tugend, sondern eben als Gebot der politisch-praktischen Vernunft zu begreifen. Gauck h\u00e4lt wie Norbert Bolz nichts vom Nannystaat samt Identit\u00e4tspolitik, die statt zu vers\u00f6hnen nur spaltet. Denn wem politische Korrektheit zur allumfassenden und absoluten Maxime politischer Verantwortlichkeit wird, errichtet eine neue Diktatur, sei es eine gr\u00fcne \u201eTugendrepublik\u201c oder eben jenen modernen Paternalismus, der die Freiheit des Einzelnen aufs Spiel setzt, Erich Fromms \u201eFurcht vor der Freiheit\u201c geradezu kultiviert. Denn durch diesen Bemutterungskomplex werden destruktive Kr\u00e4fte freigesetzt, die nicht nur das Individuum, sondern auch die Freiheit als Ganze besch\u00e4digen. Aber diese Freiheit gilt es ja zu retten \u2013 auch gegen die Tyrannei der Mehrheit wie John Stuart Mill in \u201eOn Liberty\u201c deklarierte. Der liberal Konservative wei\u00df: Die Freiheit bleibt das Ma\u00df aller Dinge und sie gilt es gegen ihre Ver\u00e4chter zu sch\u00fctzen. Und so wird er immer gegen Intoleranz, politische Eindimensionalit\u00e4t und Konformismus rebellieren. Er ist in Wahrheit kein Reaktion\u00e4r, sondern ein Revolution\u00e4r.<\/p>\n<h4><strong>Das Gute, Wahre und Sch\u00f6ne <\/strong><\/h4>\n<p>Konservative Manifeste sind derzeit en vogue, ob von der WerteUnion oder von Publizisten wie Wolfram Weimer aus dem konservativ-liberalen Lager. Ihnen allen gemein ist ein Gegenentwurf zum vorherrschenden Mainstream wie ihn deutsche Medien und die gr\u00fcne Zeitgeistkultur zelebrieren. Gemein bleibt ihnen, dass sie allesamt weder den Geist des Antiliberalen, Reaktion\u00e4ren, des Ressentiments, des Nationalen samt seiner grauenhaften Maske aus Nationalismus und Antisemitismus wieder aufatmen lassen oder gar beschw\u00f6ren, sondern vielmehr im Gebot der Toleranz, sich \u201egegen linke und rechte Ideologien\u201d manifestieren. Der liberal-konservative Geist hat die Aufkl\u00e4rung eingeatmet, bekennt sich freim\u00fctig zu Verfassungstreue, Rechtsstaatlichkeit, zum Laizismus und zu den b\u00fcrgerlichen Werten, die den Geist einer aufgekl\u00e4rten Vernunft in sich tragen. Der wirkliche Patriot bleibt der heimatlichen Scholle treu, er ist dennoch Supranationalist, er f\u00fchlt sich der Heimat verbunden, ohne sein Vaterland zu glorifizieren und ohne andere Nationen herabzusetzen.<\/p>\n<p>\u201eKeine Zukunft ohne Herkunft\u201c hatte bereits Odo Marquard zur Maxime erkl\u00e4rt. Und genau diese Maxime geh\u00f6rt zum Existenzkanon der Konservativen, der dabei immer wieder auf den alten Tugendkanon, auf die geistige Renaissance von antiker Philosophie, r\u00f6mischem Rechtsglauben und christlicher Wehr- und Werthaftigkeit, auf die vorpolitischen Grundlagen des s\u00e4kularisierten Rechtsstaates also setzt. Und so befeuert er die Quellen der abendl\u00e4ndischen Zivilisation, wie sie ihre Bl\u00fcte in Jerusalem, Athen und Rom entfalteten, in der Gottesebenbildlichkeit und der unver\u00e4u\u00dferlichen Menschenw\u00fcrde als dem A und O des Politischen und Ethischen. Aus dem Geist des Christentums erwachsen, ist der wahre Konservative dabei ein energischer Streiter gegen jedweden Utilitarismus, der den Menschen auf seine blo\u00dfe Materialit\u00e4t verk\u00fcrzt und ihm dadurch die Ressource Sinn als Existential abspricht.<\/p>\n<h4><strong>Wir brauchen wieder mehr Sinn und Religion<\/strong><\/h4>\n<p>Mit wachem Auge sehen viele liberale Konservative, dass in einer Welt globaler Raserei Entschleunigungskr\u00e4fte freigesetzt werden, die es wieder erlauben, ja dazu zwingen, erneut nach dem Sinn von Sein zu fragen, nach der Eigentlichkeit, die dem Menschen so wesensm\u00e4\u00dfig ist, und die zu vergessen, ihn auf einen puren Materialismus reduzierten. Genau gegen diesen gilt es zu streiten, um eine neue Sinnf\u00fclle aufzurichten, die existentielle Kategorien wie Identit\u00e4t, Geborgenheit und neoreligi\u00f6se Sehnsucht wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit r\u00fccken. Der Konservative wei\u00df, wenn Gott tot ist, bleibt allein der \u201eletzte Mensch\u201c Nietzsches \u00fcbrig. Und wenn das Anti-Religi\u00f6se seinen Siegeszug forttreibt, erobert sich das S\u00e4kulare Himmel und Erde weiter. Und genau vor diesem Hintergrund pl\u00e4diert er f\u00fcr eine Renaissance des Religi\u00f6sen, die nicht nur Nietzsches \u201eGott-ist-tot-Ideologie entgegentritt. In Zeiten von <em>Anything Goes<\/em> und S\u00e4kularisierung kann eine kulturelle Erneuerung nur mit einer Renaissance des Religi\u00f6sen Hand in Hand gehen. Damit wird die christliche Religion zur \u201eWirkungsgrundlage\u201c der freiheitlichen Demokratie. Sie ist das kritische Korrektiv, eine Gegenmacht zugleich, die Ideologien zu Fall bringt. Und darum gilt es aus ihren Wassern neue Kraft und neuen Sinn zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>\u201eKonservatismus ist nicht ein H\u00e4ngen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt\u201c, schrieb einst Antoine de Rivarol. Der wahre Konservative will nicht zur\u00fcck in die Steinzeit, in Voraufkl\u00e4rung und Absolutismus, nicht ins Zur\u00fcckgewandte und Ewig-Gestrige, sondern steht f\u00fcr eine Reform der Gesellschaft aus dem Geist der abendl\u00e4ndischen Wertekultur. Er ist kein Modernisierungsver\u00e4chter und Maschinenst\u00fcrmer, sondern kultiviert vielmehr auch Retardierungsmomente, die in einer Kultur des Bewahrens m\u00fcnden. Er pflegt die Bande seiner Herkunft, verteidigt die Identit\u00e4t seines Kulturkreises und Europas und bleibt dennoch offen, f\u00fcr das, was kommt. Er ist Bewahrer und H\u00fcter des Seins, aber auch ein \u201ebekennender Neugieriger des Fortschritts, dem nicht nur die Natur des Menschen, die \u00d6kologie wie Benedikt XVI. betonte, sch\u00fctzenswert ist, sondern der die Bewahrung der Sch\u00f6pfung als \u201eurkonservative Aufgabe begreift, wie unl\u00e4ngst, ein anderer Bayer, der Ministerpr\u00e4sident des Freistaats, Markus S\u00f6der betonte.<\/p>\n<h1>Das Internet macht doch nicht unsterblich<\/h1>\n<p>Wer hofft nicht auf Unsterblichkeit, auf das ewige Leben? Es bleibt seit Menschheitsgedenken ein Traum.<\/p>\n<p>Wer hofft nicht auf Unsterblichkeit, auf das ewige Leben? Es bleibt seit Menschheitsgedenken ein Traum. Seit dem Rauswurf aus dem Paradies hat sich der Mensch bei der Vermessung seiner zeitlichen Individualit\u00e4t diesen zur Signatur seiner Existenz gemacht. Platon sah die Unsterblichkeit der Seele als Katharsis von aller materiellen Endlichkeit und der Grieche Plotin die intellektuelle Ekstasis als ein Eins-mit-Gott-Werden. \u00c4gyptische Pharaonen bauten gigantische Pyramiden als Zeichen ihrer Unendlichkeit und der erste chinesische Kaiser, Qin Shihuangdi, errichtete als Megaprojekt seiner Erinnerungskultur die chinesische Mauer. Alexander der Gro\u00dfe gr\u00fcndete ein bis dahin nie gekanntes Weltreich und die Massenvernichtungsmaschine Adolf Hitler hatte mit seinem Architekten Speer den gigantischen Traum von der Welthauptstadt \u201eGermania\u201c. Selbst der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Fran\u00e7ois Mitterand hinterlie\u00df als futuristisches Erbe seine Megabauprojekte in Paris. Die Spuren mit Unendlichkeitsanspruch waren und sind vielf\u00e4ltiger Natur. Ob in der Kunst, auf dem Schlachtfeld oder in der Literatur \u2013 mit all seinen Kultursch\u00f6pfungen wollte der Mensch im Ged\u00e4chtnis der Nachwelt bleiben, im Bewusstsein von Generationen verankert, weiterleben.<\/p>\n<p>War es bei den Griechen die unsterbliche Seele, bei den Christen die Auferstehung samt J\u00fcngstem Gericht oder bei vielen anderen Religionen der Gedanke der Reinkarnation \u2013 unsterblich wollten sie alle sein oder zumindest werden. G\u00f6ttergleich w\u00e4hnte sich der Mensch, wenngleich er, so lehrt es auch das <em>Gilgamesch<\/em>\u2013<em>Epos, <\/em>einsehen muss, dass Unsterblichkeit nur den G\u00f6ttern gegeben ist. Doch an dieser Festung r\u00fcttelt der Mensch seit ihm die Vernunft die Gabe gegeben hat, Unendliches zu denken und die M\u00f6glichkeit, unendlich und ewig zu werden.<\/p>\n<p>Der Wunsch das Leben zu verl\u00e4ngern, n\u00e4hrt seit Urzeiten das endliche Bewusstsein, ist Motor und zugleich Triebkraft unserer Zivilisation. Medizinischer und technischer Fortschritt bleiben probate Erfolgsgehilfen der Unsterblichkeitshoffnung, laborgetestete Wunderdrogen, Vitamine und Antioxidantien gelten als ultimative Lebensverl\u00e4ngerer.<\/p>\n<h4>Neue Formen der Unsterblichkeitshoffnung<\/h4>\n<p>Die Faszinationskraft der Unsterblichkeit hat auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrem Geltungsanspruch eingeb\u00fc\u00dft; mehr denn je scheint der Mensch im Machbarkeitswahn angekommen und arbeitet intensiver an seiner Unsterblichkeit. Ob Kryonik, die Kryokonservierung von Organismen oder einzelnen Organen, oder Transhumanismus, Cyborg oder Mind-Uploading, die neue Vision der Unsterblichkeit ist die Maschine, die das Leben zu verl\u00e4ngern, zu verbessern oder eben auf Unendlichkeitskurs zu bringen sucht. Die neue Identit\u00e4t dabei ist die digitale. Sei es Facebook, Twitter und Co, die virtuelle Unsterblichkeit scheint f\u00fcr jeden gew\u00f6hnlich Sterblichen mit H\u00e4nden greifbar. Tote bleiben via Facebook lebendig, wenn ihre Accounts nicht abgeschaltet werden, digitale Bestatter wie Asset Lock, Deathswitch und Legacy Locker k\u00fcmmern sich dann um das digitale Erbe. Die Plattform Stayalive.com ist sogar das Portal f\u00fcr digitale Unsterblichkeit und wirbt daf\u00fcr, \u201esich oder Ihre verstorbenen Lieben digital unsterblich \u2013 auf dem Online Friedhof\u201c zu machen.<\/p>\n<p>Der Futurologe Ian Pearson prophezeit f\u00fcr das Jahr 2050 bereits die digitale Unsterblichkeit, denn dann sei es m\u00f6glich, \u201eden Geist auf eine Maschine zu laden, sodass der k\u00f6rperliche Tod kein wirkliches Problem\u201c mehr ist.<\/p>\n<h4>Die mediale Inszenierung<\/h4>\n<p>War es fr\u00fcher allein der Elite gegeben, sich Nachruhm auf Jahrhunderte zu sichern, geh\u00f6rt im Zeitalter des Internets der digitale Fu\u00dfabdruck zum universalen Erbe des Einzelnen. Das Internet wird zu Historie subjektiver Selbstinszenierung, hier hofft der gew\u00f6hnlich Sterbliche, unsterblich zu werden. Denn wer nicht durch Gl\u00fcck oder gar Anstand zu politischen Ehren gekommen ist, wer nicht mit 18 schon parteilich engagiert war, wem die gro\u00dfe Stimme versagt, wer schauspielerisch nur mittelm\u00e4\u00dfig und wem das Schicksal nur eine durchschnittliche Intelligenz verliehen hat, dem stehen zumindest im Zeitalter des Internets die Tore der der medialen Unsterblichkeit weit offen.<\/p>\n<h4>Die M\u00f6glichkeiten der digitalen Selbstinszenierung sind gigantisch<\/h4>\n<p>Jenseits von Rampenlicht und B\u00fchne, jenseits von Parteitag und Bundeskanzleramt kann sich der Einzelne medial entfalten und ins gl\u00e4nzende Licht stellen. Ob auf Instagram oder per Twitter, ob auf einer eigenen Webseite oder im Blog \u2013 die M\u00f6glichkeiten, einen Abdruck in der Geschichte zu hinterlassen, die digitale Unsterblichkeit zu erreichen, sind immens.<\/p>\n<p>Doch so sehr Internet und Cloud zu Hoffnungstr\u00e4gern der Unsterblichkeit mit fast religi\u00f6sem Geltungsanspruch geworden sind, so gigantisch diese Welt mit Informationen gef\u00fcttert wird, so gilt doch umgekehrt: je mehr Menschen sich interaktiv verewigen zu suchen, je quantitativer die Menge von Informationen wird, die um die Erde schie\u00dfen, bei all dieser Flut von Daten droht der Einzelne doch wieder im medialen Vergessen unterzugehen, wird zu einer blo\u00dfen Randnotiz der gigantischen Maschinerie. Dahin ist seine Unsterblichkeit, seine Selbstdefinition durch Likes und Google-Rankings, sein Stolz \u2013 gewachsen aus dem Egosurfing.<\/p>\n<h4>Das Internet frisst seine Kinder<\/h4>\n<p>Radiosendungen werden regelm\u00e4\u00dfig gel\u00f6scht, Zeitungen wie die HuffPost verschwinden und mit ihr alle Autoren und Inhalte, Verlage l\u00f6schen ihre Bildarchive und Texte, weil die Datenmengen zu gro\u00df geworden sind, Webseiten ziehen um und verlieren damit ihre Relevanz f\u00fcr die Selbstinszenierung, anonyme Algorithmen bestimmen willk\u00fcrlich die Suchauswahl und unliebsame Autoren und Kommentare werden dem Vergessen durch eine immer breiter wachsende Zensur preisgegeben und sogar nunmehr von Facebook den Justizbeh\u00f6rden gemeldet; das Internet verschlingt also die Identit\u00e4ten wie es diese gezeugt hat; es ist aus Effizienzgr\u00fcnden eben nicht nur ein Identit\u00e4tserzeuger, sondern ebenso ein Vernichter.<\/p>\n<h4>Das Internet als Klimakiller<\/h4>\n<p>Und auch um die \u00d6kobilanz des Internets steht es nicht gut, es ist der Klimakiller schlechthin. Allein in Deutschland werden 33 Millionen Tonnen CO2-Emissionen j\u00e4hrlich durch das Web freigesetzt. So verbrauchen die Rechenzentren in Frankfurt mehr Energie als der Flughafen und mit 20 Google-Suchanfragen brennt eine Energiesparlampe mindestens eine Stunde lang. 2020 wird allein die Internet- und Telekommunikationstechnik in Deutschland ein F\u00fcnftel des gesamten Stromverbrauchs f\u00fcr sich vereinnahmen. Jenseits vom vielgescholtenen Diesel als S\u00fcndenbock und dem ebenso umweltunfreundlichen Batterie-Elektro-Auto ist das Internet zur Umweltfalle geworden und der Carbon footprint, der CO2-Fu\u00dfabdruck, steigt ins Unermessliche. Doch ein Surfverbot gibt es bislang nicht.<\/p>\n<p>Aber vielleicht wird, sollten die Gr\u00fcnen tats\u00e4chlich an die Macht kommen, einer der gr\u00f6\u00dften Umweltverschmutzer, das Internet, wieder abgeschaltet, limitiert, gar verboten \u2013 oder wie in China frisiert, um die Eindimensionalit\u00e4t der politischen Wahrheit nicht zu gef\u00e4hrden. Dann ist es endg\u00fcltig dahin mit dem digitalen Fu\u00dfabdruck. Was einzig bleibt, sind B\u00fccher \u2013 und wer sein Leben nicht zwischen zwei Umschl\u00e4ge gepresst hat, verliert endg\u00fcltig seine Identit\u00e4t. Wer also auf Nachhaltigkeit und m\u00f6gliche Unsterblichkeit setzt, der sollte ein gutes Buch schreiben, aber selbst das ist kein Garant, Jahrhunderte zu \u00fcberleben! Zur Unsterblichkeit tr\u00e4gt das Netz nichts bei, aber es frisst unsere Zeit, die wir lieber f\u00fcr unsere Mitmenschen, f\u00fcr Solidarit\u00e4t, N\u00e4chstenliebe und Miteinander investieren sollten, anstatt uns selbst zu wichtig zu nehmen.<\/p>\n<h1>Wenn Europa nicht endlich handelt, werden noch mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken<\/h1>\n<p>Die Seenotrettungsaktionen von NGOs wecken falsche Hoffnungen und bringen noch mehr Menschen in Gefahr, so \u00d6sterreichs fr\u00fcherer Regierungschef Sebastian Kurz.<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere \u00f6sterreichische Bundeskanzler ist ein Mann der klaren Worte. Sebastian Kurz spricht aus, was andere gern verschweigen, um ja nicht anzuecken. \u00c4ngste vor dem \u00d6ko-Mainstream und einem falschen Utilitarismus hat der bekennende \u00d6VP-Politiker nicht, er setzt eher auf Pragmatismus. In den letzten Jahren wurde er daf\u00fcr \u2013 und\u00a0 letztendlich f\u00fcr seine scharfen Ton bei der Migrationpolitik immer wieder von deutschen Medien kritisiert und wie ein bunter Hund durchs mediale Dorf getrieben, dem man Unmenschlichkeit, H\u00e4rte und ein kaltes Herz unterstellte, gerade wenn es um die Migrationsfrage geht.<\/p>\n<h4>NGOs vergr\u00f6\u00dfern die Not im Mittelmeer<\/h4>\n<p>Nun hat der Bald-wieder-Bundeskanzler, wenn es um die W\u00e4hler in \u00d6sterreich geht, nachgehakt und NGOs wie jene der \u201eSea Watch\u201c-Kapit\u00e4nin Carola Rackete scharf kritisiert. W\u00e4hrend die Kapit\u00e4nin in Deutschland wie eine Jeanne d\u2019Arc gefeiert wird, ihr Jubelkr\u00e4nze des Moralischen geflochten werden, Freilassungspetitionen das Netz \u00fcbersp\u00fclten, ja sich sogar der Bundespr\u00e4sident Steinmeier f\u00fcr die Aktivistin nachhaltig einsetzte, h\u00e4lt Kurz wenig von dieser Pseudomoral. Zwar, so das Argument, verm\u00f6gen dem ersten Anschein nach, derartige Aktionen wie von Rackete f\u00fcr das An-sich-Gute stehen, m\u00f6gen Ausdruck eines glorreichen Willens zu moralischem Saubermanntum sein, letztendlich, und in zweiter Instanz, bewirken sie genau den gegenteiligen Effekt \u2013 und der ist \u00fcberhaupt moralisch nicht mehr zu rechtfertigen. Solange NGOs sich daran beteiligen, Menschen illegal nach Europa zu bringen, werden, wie Kurz betont, \u201edamit nur falsche Hoffnungen\u201c geweckt \u201eund locken damit wom\u00f6glich unabsichtlich noch mehr Menschen in Gefahr\u201c. Denn, solange \u201edie Rettung im Mittelmeer mit dem Ticket nach Mitteleuropa verbunden ist, machen sich immer mehr Menschen auf den Weg\u201c \u2013 und die Conclusio: es werden dadurch immer mehr ertrinken.<\/p>\n<h4>Mehr Schutz f\u00fcr die Au\u00dfengrenzen<\/h4>\n<p>Kurz gilt in Sachen Fl\u00fcchtlingspolitik als Mann der Fakten. Ohne ihn w\u00e4re 2015 die Balkanroute nicht geschlossen worden. Kurz hat also einen ma\u00dfgeblichen Anteil an der Dezimierung einer unkontrollierten Migration in Europa, f\u00fcr die man ihm insbesondere in Deutschland eher dankbar sein sollte. Seitdem die Route dicht ist, l\u00e4sst sich die Migration hierzulande deutlich besser koordinieren und steuern, Integrationsbem\u00fchungen wirken nicht mehr wie ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein, sondern fruchten langsam, selbst wenn es deutlich mehr sexuelle \u00dcbergriffe und Gewalttaten als vor 2015 gibt.<\/p>\n<p>Seit Jahren, zuerst als Au\u00dfenminister, dann als Bundeskanzler, forderte Kurz einen rigorosen Schutz der Au\u00dfengrenzen. Doch die EU verschl\u00e4ft das seit Jahren. Bislang konnten sich die EU-Mitgliedsstaaten lediglich darauf einigen, die Grenzschutzagentur Frontex bis 2027 auf 10.000 Beamt aufzustocken. Deutlich zu wenig, wie die mahnende Stimme aus \u00d6sterreich kritisiert.<\/p>\n<p>Solange die EU nicht sicherstellt, dass jeder, der sich illegal auf den Weg nach Europa macht, in sein Herkunftsland oder in ein Transitland nicht zur\u00fcckgebracht wird, werde das Ertrinken im Mittelmeer nicht enden \u2013 denn dann haben die Schlepperbanden weiterhin Konjunktur mit ihrem a-moralischen Verhalten.<\/p>\n<h4>Europa muss bei der illigalen Migration mehr Verantwortung \u00fcbernehmen<\/h4>\n<p>Italiens Innenminister Matteo Salvini lie\u00df in der vergangenen Woche die H\u00e4fen f\u00fcr Rettungsschiffe mit Fl\u00fcchtlingen an Bord schlie\u00dfen. Die deutsche Kapit\u00e4nin Rackete hatte italienisches Recht verletzt und war nach geltendem italienischem Recht festgenommen worden, weil ihr Schiff, die Sea Watch 3, trotz des Verbots im Hafen der Insel Lampedusa angelegt hatte. F\u00fcr diese Ma\u00dfnahme wurde Salvini, der zur rechtspopulistischen Lega Nord geh\u00f6rt, europaweit wegen Unmenschlichkeit angeklagt. Nun hat er mit Sebastian Kurz einen weiteren F\u00fcrsprecher, der Salvini bei dessen unpopul\u00e4ren, aber rechtskonformen Handlungen unterst\u00fctzt. Carola Rackete und Co betreiben vielleicht einen qualitativen Utilitarismus im Sinne von John Stuart Mill, der die Rettung einzelner garantiert, der aber den vielen Fl\u00fcchtlingen dieser Welt einen falschen Anreiz offeriert, der letztendlich dazu f\u00fchrt, das die V\u00f6lkerwanderung nach Europa noch Tausenden mehr Menschen im Mittelmeer als Leben kosten wird. Erfolgsversprechender sei dagegen, die Fluchtursachen deutlicher zu bek\u00e4mpfen; daf\u00fcr hat Kurz w\u00e4hrend seiner Ratspr\u00e4sidentschaft mit seiner Afrikapolitik geworben. Klar aber bleibt: Wenn Europa rigider in Sachen Migrationsstopp verf\u00e4hrt, werden viele \u201esich dann nicht mehr auf den Weg machen.\u201c Und das beende \u201edie \u00dcberforderung in Europa und verhindert das Sterben am Weg.\u201c<\/p>\n<p><strong> Joachim Herrmann oder Peter Tauber &#8211; beide k\u00f6nnten Verteidigungsminister<\/strong><\/p>\n<p>Ursula von der Leyen wechselt nach Br\u00fcssel. Deutschland braucht einen neuen Verteidigungsminister. Es w\u00e4re gut, wenn das Amt mit hoher Fachkompetenz besetzt wird. Zwei Kandidaten kommen infrage.<\/p>\n<p>Mit dem \u00fcberraschenden Wechsel der Verteidigungsministerrein Ursula von der Leyen an die Spitze der EU-Kommission kommen zwei Nachfolger in Frage. CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer hatte den Posten bereits abgelehnt. Damit wird es wahrscheinlicher, dass sich mit Peter Tauber als neuem Verteidigungsminister die F\u00fchrung der Bundeswehr deutlich verj\u00fcngt oder mit dem CSU-Sheriff und langj\u00e4hrigem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann ein erfahrener Sicherheitsexperte die F\u00e4den in der Hand bekommt.<\/p>\n<p>Die Bundeswehr ist derzeit in einem heiklen Zustand, Berateraff\u00e4ren, Gender-Mainstreaming-Debatten und die teure Gorch Fock mit 125 Millionen Sanierungsaufwand aus der Kasse der Steuerzahler haben die Berufsarmee in den letzten Jahren immer wieder in die Negativ-Schlagzeilen gebracht. Allein die bisherige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen konnte sich rettend ans Ufer einer Br\u00fcssler Spitzenposition m\u00f6glicherweise heben. Mit der Gorch Fock nach Br\u00fcssel titeln schon einige Medien.<\/p>\n<p><strong>Peter Tauber st\u00fcnde f\u00fcr eine Trendwende bei der Bundeswehr<\/strong><\/p>\n<p>Der Abgang von der Leyens in die EU k\u00f6nnte die Stunde des Peter Taubers sein. Der Ex-CDU-Generalsekret\u00e4r und Verteidigungsstaatssekret\u00e4r ist in der Truppe beliebt; er gilt als Allzweckwaffe der CDU, ist politisch erfahren, krisenerprobt und intelligent. Der promovierte Historiker, erst 45 Jahre alt, l\u00e4sst sich nicht die Stimme verbieten, nimmt immer wieder Position bei kritischen Sachlagen und bezieht klare Position. Tauber \u2013 einer mit klarer Kante und Kontur. Und Tauber ist wertkonservativ und liberal zugleich, steht f\u00fcr die christlichen Werte der Union, sei es beim Schwangerschaftsabbruch oder bei der Debatte um die Pr\u00e4implantationsdiagnostik oder Sterbehilfe.<\/p>\n<p>Und Peter Tauber k\u00f6nnte f\u00fcr einen kompletten Neuanfang der Bundeswehr stehen. Nach Jahren von Krisen steht der CDU-Parteisoldat wie eine unsichtbare Hand hinter der Truppe, dem nicht nur Insider zutrauen, der Bundeswehr ein neues Gesicht und Image zu geben. Die Aufgaben, die sich der gestandene Berufspolitiker stellt, sind dann auch gro\u00df: Digitalisierung und neue Kernkompetenzen jenseits von Nato-Eins\u00e4tzen im Inneren stehen im Fokus einer Neuausrichtung \u00e0 la Tauber. Dabei setzt der geb\u00fcrtige Gelnh\u00e4user auf eine verst\u00e4rkte europ\u00e4ische Zusammenarbeit im Bereich Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Der studierte Historiker selbst spricht von einer Trendwende bei der Bundeswehr. Erm\u00f6glicht werde diese dank finanzieller Mittel aus dem Parlament. Und so k\u00f6nne aus der maroden Armee perspektivisch bald wieder eine schlagfertige Truppe werden, die im alten Glanz erstrahlt und die nicht nur beim Zapfenstreich eine gute Figur macht, sondern international auch wieder zu Ehren kommt.<\/p>\n<p>Gerade in einer krisengesch\u00fcttelten Welt, in der sich die Europ\u00e4ische Union derzeit befinde, muss, wie Tauber unl\u00e4ngst in Berlin betonte, eine neue Sicherheitsarchitektur aufgerichtet werden, die eng mit der NATO abstimmt sei. Diese soll dann neben milit\u00e4rischen auch politische, diplomatische und wirtschaftliche Elemente miteinander b\u00fcndeln \u2013 und das Ziel sei letztendlich die Schaffung einer Europ\u00e4ischen Verteidigungsunion. Tauber, das wird hierbei ganz deutlich, will sich nicht im Kleinen verzetteln, er denkt, arbeitet und strukturiert europ\u00e4isch \u2013 und er will damit sein Projekt Europa vorantreiben. Und dies am besten mit einer \u201eArmee der Europ\u00e4er\u201c.<\/p>\n<p>Die Herausforderungen sind gewaltig, doch der Mann hat, nach schwerer Krankheit, Energie zur\u00fcckgewonnen und taucht wieder tief ins politische Fahrwasser ein.<\/p>\n<p>Die Bundeswehr w\u00e4chst und mir ihr auch die Herausforderungen an einen jungen Minister \u2013 gerade in Zeiten, wo neben Terrorismus, Migration und Klimawandel sich neue sicherheitspolitische Herausforderungen bislang unbekannten Ma\u00dfes herauskristallisieren. Mit Tauber, der ein energischer Kritiker der AfD ist, der er die Polarisierung des Landes in rechte und linke Lager vorwirft und f\u00fcr den eine \u201eklare Grenze nach rechts\u201c zu seinem politischen Credo z\u00e4hlt und der die europ\u00e4ische Idee fast glorifiziert, k\u00f6nnte an der Spitze der Bundeswehr Wunder bewirken, die Ursula von der Leyen eben nicht gegl\u00fcckt sind.<\/p>\n<p><strong>Joachim Herrmann w\u00e4re der erfahrene Sicherheitsexperte<\/strong><\/p>\n<p>Sicherheitspolitisch gesehen, ist der bayerische Innenminister so etwas wie das Urgestein der CSU. Seit Jahren regiert Herrmann mit harter aber weiser Hand den Freistaat. Herrmann, der passionierte Offizier der Reserve, zeigte gerade im Fl\u00fcchtlingsjahr immer wieder Kante gegen die Offene-Tor-Politik der Kanzlerin. W\u00e4hrend sich Deutschland in Besoffenheits-Rhetorik der Willkommenskultur feierte und im triefenden Gutmenschentum Angela Merkel als Welterl\u00f6serin feierte, klang die Tonlage damals aus Bayern ganz anders, sch\u00e4rfer, warnender. Denn so sehr Herrmann einerseits der liebenswerte Kuschelb\u00e4r ist, so hat er eben auch eine scharfz\u00fcngige Seite, ist Polizist und Bewacher zugleich, sieht \u2013 ganz pragmatisch \u2013 auch die Nachteile einer ungefilterten Migration. Herrmann war damals, neben Horst Seehofer, der kritische Mahner schlechthin, wenn es um offene Grenzen und die Aushebelung von EU-Gesetzen ging. Und er machte aus seinem Verdruss \u00fcber die politische Gleichg\u00fcltigkeit auch keinen Hehl, \u00e4u\u00dferte Kritik und geriet im politischen Berlin unter Generalverdacht w\u00e4hrend er in Bayern zum \u201egef\u00fchlten Ministerpr\u00e4sidenten\u201c avancierte.<\/p>\n<p>Bereits 2015 war Herrmann, der seit Jahren auf dem Fastnacht in Franken mit ein und demselben <em>Sheriff-Kost\u00fcm<\/em> auftritt und sich so als <em>Running Gag<\/em> keine andere Kost\u00fcmierung mehr auszudenken braucht, weitblickender als der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re. Tiefgr\u00fcndiger als de Maizi\u00e8re sah er, dass die unkontrollierte Massenzuwanderung von muslimischen M\u00e4nnern ein enormes Sicherheitsrisiko f\u00fcr die Republik darstellen w\u00fcrde. Und so wurde Herrmann zum \u201eTaktgeber\u201c der deutschen Innenpolitik. Sein Name stand ma\u00dfgebend f\u00fcr die Versch\u00e4rfung des Asylrechts, f\u00fcr die Ausweitung der sicheren Herkunftsstaaten, f\u00fcr die Einf\u00fchrung der Grenzkontrolle nach \u00d6sterreich und letztendlich f\u00fcr die ber\u00fcchtigte Obergrenze von 200.000 Fl\u00fcchtlingen j\u00e4hrlich. \u201eEs kann nicht sein, dass wir nicht wissen, wer sich in unserem Land aufh\u00e4lt\u201d, war damals eines seiner gefl\u00fcgelten Worte. Herrmann forderte \u201eden Einsatz der Bundeswehr zur Terrorbek\u00e4mpfung sowie eine Versch\u00e4rfung der Asylregeln f\u00fcr straff\u00e4llig gewordene Migranten im Asylbewerberverfahren, denn das deutsche Recht stehe \u00fcber dem Recht des Korans der der Scharia. Wenn das jemand anders sehe und dagegen verstosse, m\u00fcsse schon auf niedrigerer Schwelle als bisher deutlich werden, dass er das Land wieder zu verlassen habe\u201c.<\/p>\n<p><strong>Wenn Herrmann Verteidigungsminister w\u00fcrde, m\u00fcsste Seehofer das Innenministerium r\u00e4umen<\/strong><\/p>\n<p>Im S\u00fcden Deutschlands ist Herrmann eine feste Instanz, die Bayern lieben und vertrauen ihm. Und w\u00e4re der m\u00e4chtige Horst Seehofer nicht 2008 als Ministerpr\u00e4sident angetreten, so h\u00e4tten sich viele den Juristen Herrmann gew\u00fcnscht, der eben auch leise kann und nicht nur polternd, der eine Meinung hat und diese gegen den Mainstream vertritt und der nicht wankelm\u00fctig wird, wenn ihm das politische Establishment die Gefolgschaft versagt. \u201eJe eher, desto Herrmann\u201c, raunte es damals in Bayern. Wenn Herrmann nunmehr f\u00fcr ein Amt im Bund bereitsteht, w\u00fcrde das allerdings voraussetzen, das Horst Seehofer als Innenminister zur\u00fccktritt und die CDU das Innenministerium besetzt, w\u00e4hrend die CSU im Umkehrschluss das Verteidigungsministerium \u00fcbern\u00e4hme. Doch gleichwohl sich der einstige Gesundheits-, Ern\u00e4hrungsminister, Ministerpr\u00e4sident und derzeitige Innenminister Seehofer auf dem politischen R\u00fcckzug befindet, wird das politische Stehaufm\u00e4nnchen seinen Platz nicht freiwillig r\u00e4umen. Welche Macht er in Deutschland hat, zeigte die Eskalation im Asylstreit des Bayern mit der Bundeskanzlerin, die dieser unbeschadet \u00fcberlebte, wo andere bitter in die Tiefe des Raumes gefallen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Mit Peter Tauber einerseits und Joachim Herrmann andererseits st\u00fcnden jedenfalls versierte Innen- und Sicherheitspolitiker in der Nachfolge von Ursula von der Leyen. W\u00e4hrend Tauber f\u00fcr einen Neuaufbruch und eine Trendwende in der Bundeswehr st\u00fcnde, w\u00fcrde mit Herrmann ein Stratege und Sicherheitspolitiker wachen Augen und Herzens die Truppe anf\u00fchren. Beide w\u00e4ren jedenfalls bestens f\u00fcr das Amt geeignet, weil sie eben auch Kenner der Materie und kampferprobt in diesem schwierigen Ressort sind.<\/p>\n<p>HIER FEHL KURZ<\/p>\n<h1><strong>Sind die Ostdeutschen nur unzufriedene Ignoranten?<\/strong><\/h1>\n<p>Trabis in Berlin, Foto: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><strong>Unzufriedene Ignoranten?<\/strong><\/p>\n<p>Haben die Ostdeutschen aus der Diktatur des DDR-Regimes so wenig gelernt, dass sie wieder f\u00fcr radikale Parteien anf\u00e4llig sind? M\u00fcssten die Bewohner zwischen Insel R\u00fcgen und Erzgebirge, zwischen Eisenach und G\u00f6rlitz nicht dankbar daf\u00fcr sein, dass das marode Wirtschaftssystem des Sozialismus samt Repression, \u00dcberwachung und Kollektivierung endlich auf dem M\u00fcll der Geschichte gelandet ist, m\u00fcssten sie sich nicht wenigstens dar\u00fcber freuen, in einem Land zu leben, wo Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit herrschen und wo der Gang zur Wahlurne Ausdruck pers\u00f6nlicher Entscheidungsfreiheit bleibt?\u00a0 Was gef\u00e4llt ihnen nicht an der freiheitlichen Ordnung des liberalen Rechtstaates?<\/p>\n<p>Vor fast 30 Jahren ist die Berliner Mauer gefallen. Das galt als der Sieg der Freiheit und das Ende des totalit\u00e4ren Sozialismus. Und es war das wohl positivste Ereignis im sonst so dunklen 20 Jahrhundert. Nach 40 Jahren DDR fiel der ungeliebte Staat und seine B\u00fcrger hatten das totalit\u00e4re Regime auf den Friedhof der Geschichte getragen und begraben. Eine nie bis dahin bekannte Solidarit\u00e4t wehte durch die Reihen der Protestierenden, ein bis dahin unbekannter Volkswille entz\u00fcndete die Fackel der friedlichen Revolution. Und seit den Tagen des Oktobers 1989 hatte es in der Bundesrepublik nie wieder einen solchen Aufstand der Massen gegeben.<\/p>\n<p><strong>Der Osten als Protestkultur <\/strong><\/p>\n<p>Doch seit diesen Tagen geh\u00f6rt der Protest zur Kultur der neuen L\u00e4nder. Deutschland ist zwar geographisch zusammengewachsen, die bl\u00fchenden Landschaften von Helmut Kohl gibt es, doch die Mauer in den K\u00f6pfen zwischen West- und Ostdeutschen bleibt. Sie ist nach Chemnitz noch gr\u00f6\u00dfer geworden. Die Schablone vom b\u00f6sen Nazi-Ossi, der undankbar ist und f\u00fcr dessen antidemokratische Gesinnung die Bundesschatulle noch weit ge\u00f6ffnet wird, zieht weiterhin Kreise und stiftet b\u00f6ses Blut.<\/p>\n<p>Der Osten war zu DDR-Zeiten eine Solidargemeinschaft, die sich durch feinsinnige Ironie, Sarkasmus und indirekte Provokation gegen das Regime am Leben hielt, eine nach Innen gepresste Vers\u00f6hnungs- und Solidargemeinschaft mit Freiheitsspielr\u00e4umen, die man geschickt inszenieren musste, um am repressiven \u00dcberwachungsstaat sich vorbei zu man\u00f6vrieren. Die Mehrzahl der Ostdeutschen hatte sich dieses feine Gesp\u00fcr in den Jahren peu \u00e0 peu angeeignet, Techniken entwickelt, wie der \u00dcberwachungsstaat auszutricksen ist. Und so war das Gros der Ostdeutschen keineswegs eine Schar von sozialismus-affinen Mitl\u00e4ufern, die das System goutierten, sondern private Widerst\u00e4ndler, die sich ein St\u00fcck individuelle Freiheit eroberten und damit immer wieder der Parteien- und Machtclique Paroli boten. Wenn auch nach drei\u00dfig Jahren, gerade aus westdeutscher Sicht, Sachsen und Th\u00fcringen als intellektlose AfDler gebrandmarkt und deklassifiziert werden, so stimmt das f\u00fcr die gro\u00dfe Bev\u00f6lkerungsmehrheit nicht.<\/p>\n<p>Viele Ostdeutsche waren Protestler, nichtreligi\u00f6se Protestanten sozusagen. Im Kernland des Protestantismus, wo einst Luther die Reformation entz\u00fcndete, ist der Geist der Revolte geblieben. Nur eben nicht in Form des Protestantismus, weil der Osten die in Zeit geronnene S\u00e4kularisierung war, die das Religi\u00f6se zwar geduldet, es aber in den individuellen Lebensraum verabschiedete. Vielmehr hat umgekehrt eine Weltanschauung herausgebildet, die nicht im Religi\u00f6sen, sondern in einem sozialen Humanismus ihren solidarischen Anker und zivilreligi\u00f6sen Aspekt fand, der bis tief hinein in die existentielle Mitte des ostdeutschen B\u00fcrgertums reichte und der mit dem Mauerfall und der einbrechenden Marktwirtschaft \u00fcber Nacht seine Geltungskraft und alle seine Haltseile verlor. Geblieben ist eine zerr\u00fcttete Nation, der neben dem Staat auch ihre Gemeinschaft verloren ging.<\/p>\n<p>Man mag von einer ostdeutschen Depression sprechen, die auch nach 30 Jahren im Land grassiert. So zumindest hatte diese einst das intellektuelle Gewissen, der Chronist der innerdeutschen Geschichte, Arnulf Baring, beschrieben. Doch so sehr Baring von der Gespaltenheit der ostdeutschen Identit\u00e4t \u00fcberzeugt war, von den desolaten Wirtschaftsstrukturen, individuellen Schicksalen, die unf\u00e4hig zur Selbstbestimmung seien, weil sie Objekte reiner Bevormundung gewesen sind, so sah er dennoch im Osten den Geist der Revolte, das gro\u00dfe Potential einer Protestkultur verankert.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrger auf die Barrikaden <\/strong><\/p>\n<p>In einem damals viel beachteten und diskutierten Beitrag in der \u201eFAZ vom 19. 11 2002 mit dem Titel \u201eB\u00fcrger, auf die Barrikaden\u201c! hie\u00df es dann auch: \u201eWir d\u00fcrfen nicht zulassen, da\u00df alles weiter bergab geht, hilflose Politiker das Land verrotten lassen. Alle Deutschen sollten unsere Leipziger Landsleute als Vorbilder entdecken, sich ihre Parole des Herbstes vor dreizehn Jahren zu eigen machen: Wir sind das Volk!\u201c Und der j\u00fcngst verstorbene Ulrich Schacht titelte einst im \u201eCicero\u201c: \u201eAus dem Osten kommt das Licht\u201c. Was Schacht und Baring kritisierten war der lethargische Wohlstandswesten, der sich in seiner Behaglichkeit als Wohlstandskultur etablierte und dem der Sinn f\u00fcr die Revolte abhanden gekommen war. Und Baring forderte, dass das Parteiensystem selbst auf den Pr\u00fcfstand m\u00fcsse. \u201eDie Situation ist reif f\u00fcr einen Aufstand gegen das erstarrte Parteiensystem. Ein massenhafter Steuerboykott, passiver und aktiver Widerstand\u201c.<\/p>\n<p>Nach 30 Jahren gilt dieser Satz umso mehr. Die Volksparteien verlieren an St\u00e4rke, sie wirken kraftlos, zerm\u00fcrbt und m\u00fcde. Die Gro\u00dfe Koalition ist ein Scherbenhaufen von Eitelkeiten, denen schiere Machtverwaltung\u00a0 das Gebot der Stunde zu sein scheint. Anstatt zu regieren, herrscht eine unproduktive Schlaffheit, die in Personalaff\u00e4ren zu ersticken droht. Das Land bewegt sich so auf einen rasenden Stillstand zu und die kritischen Stimmen werden, ganz wie einst in der DDR, ignoriert. Wen verwundert es da, das die kampferprobten Ostdeutschen wieder auf die Barrikaden gehen und das System samt seinen Eliten abw\u00e4hlen wollen. Denn so hat sich der Osten die Demokratie nicht vorgestellt und die Rebellion ist nur die Antwort auf eine sich als unterdr\u00fcckt verstandene Gemeinschaft, die sich von den Amtstr\u00e4gern nicht repr\u00e4sentiert sieht.<\/p>\n<h1><strong>Interview mit G\u00fcnther H. Oettinger<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Der Beitritt der T\u00fcrkei liegt im Eisfach<\/strong><\/p>\n<p>Am 26. Mai 2019 waren Europawahlen. \u201cThe European\u201d traf den EU-Kommissar G\u00fcnther Oettinger zum Gespr\u00e4ch. \u201cDer Beitritt der T\u00fcrkei zur EU liegt derzeit im Eisfach. Dort bleibt er auch \u2013 dort kann er rausgeholt werden, wenn sich die politischen Verh\u00e4ltnisse in der T\u00fcrkei \u00e4ndern\u201d, betonte Oettinger gegen\u00fcber Stefan Gro\u00df.<\/p>\n<p><strong>Vor einem Monat waren Europawahlen. Die EVP hat nicht so gut abgeschnitten, aber ist immer noch die st\u00e4rkste Kraft. Rechtsau\u00dfen B\u00fcndnisse sind st\u00e4rker geworden \u2013 wie beurteilen Sie einen Monat danach die Lage? <\/strong><\/p>\n<p>Erfreulich ist, dass die Wahlbeteiligung deutlich nach oben ging. Wenn sie sehen, dass wir die ersten Direktwahlen 1979 hatten und die Wahlbeteiligung damals bei 61 % lag, so ging diese \u00fcber die Jahre runter auf 41 % bis 51% zur\u00fcck. Dies zeigt, dass die B\u00fcrger heute wieder erkennen, dass Europa f\u00fcr sie und ihr Leben und ihren Alltag wichtig ist. Derzeit haben wir, vor den Neonationalisten und Populisten, eine ganz klare proeurop\u00e4ische Mehrheit im neuen Europ\u00e4ischen Parlament. Deswegen sind nun alle demokratischen Kr\u00e4fte, als Sozialisten, als Liberale, als Abgeordnete der Macron-Bewegung, als Gr\u00fcne oder als Christ-Demokraten aufgerufen, sich zusammen zu finden und eine handlungsf\u00e4hige Mehrheit, gerade auch bei der Wahl von wichtigen Funktionen, herzustellen.<\/p>\n<p><strong>Boris Johnson will ein neues Brexit Abkommen. Was ist das Problem, wenn Gro\u00dfbritannien tats\u00e4chlich unkontrolliert aus der EU austritt?<\/strong><\/p>\n<p>Nun warten wir ab, wer Parteivorsitzender und Premierminister wird. Sollte es Boris Johnson sein, dann m\u00fcssten wir das respektieren. Die Briten haben die freie Wahl und die Tories sind alleinentscheidend, was ihren Parteichef und dem daraus sich ergebenden Premierminister angeht. Und mit Sicherheit wird Jean-Claude Juncker die Gespr\u00e4che mit dem neuen Premierminister aufnehmen und dar\u00fcber nachdenken, welche Ideen Johnson bez\u00fcglich des Austritts des K\u00f6nigreichs hat. Aber das Abkommen wurde fair verhandelt, alle Fragen wurden gekl\u00e4rt wie man geordnet die Europ\u00e4ische Union verlassen kann \u2013 und deswegen finde ich Nachverhandlungen oder eine Erwartung, dass sich alles ver\u00e4ndert, nicht f\u00fcr realistisch.<\/p>\n<p><strong>Die T\u00fcrkei, Serbien, Albanien, Mazedonien, Montenegro, Island, Bosnien-Herzegowina und der Kosovo streben in die EU. Manfred Weber ist gegen einen Beitritt der T\u00fcrkei, Bundeskanzlerin Angela Merkel daf\u00fcr. Ist die T\u00fcrkei nach der vergangenen Wahl des B\u00fcrgermeisters von Istanbul und dem damit einhergehenden Verlust von Erdogans AKP wieder n\u00e4her im Fokus von Gespr\u00e4chen? Was bedeutet es f\u00fcr die derzeit sehr uneinige EU, wenn neue Staaten zum gespaltenen Europa hinzukommen?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn sie nun sehen, dass China 1,386 Milliarden Einwohner und Indien 1,339 Milliarden hat, da k\u00f6nnte die EU wachsen, wie sie will. Sie wird nie mehr als halb so gro\u00df wie die gr\u00f6\u00dften L\u00e4nder. Wenn wir die Welt von Morgen ein wenig mitgestalten wollen, dann brauchen wir ein vereinigtes Europa. Und der West-Balkan geh\u00f6rt dazu. Serbien, Albanien, Nord-Mazedonien, Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Montenegro sind europ\u00e4ische Kernl\u00e4nder. Das ehemalige Jugoslawien zwischen Griechenland und Kroatien gelegen \u2013 und die anderen L\u00e4nder, werden nicht in den n\u00e4chsten drei Jahren beitreten, aber vor Ende des n\u00e4chsten Jahrzehnts sollten sie soweit sein \u2013 und wir sollten bereit sein, sie aufzunehmen. Auch um die Region zu stabilisieren und nicht Moskau, Ankara oder den Chinesen einen zentralen Einfluss zu geben. Die T\u00fcrkei, unter Erdogan wird nicht Mitglied. Aber es gibt eine junge Generation in der T\u00fcrkei, die mit Mehrheit einen B\u00fcrgermeister in Istanbul gew\u00e4hlt hat, und diese sollten wir nicht verprellen. Deswegen glaube ich, dass die T\u00fcrkei den Kandidatenstatus f\u00fcr den Beitritt behalten sollte. Aber es gibt derzeit keine Fortschritte, weder in der Demokratie noch in der Marktwirtschaft, noch in Sachen Rechtsstaatlichkeit, noch in Sachen Freiheit. Und deswegen ist der Beitritt der T\u00fcrkei im Eisfach. Dort bleibt er auch \u2013 dort kann er rausgeholt werden, wenn sich die politischen Verh\u00e4ltnisse in der T\u00fcrkei \u00e4ndern.<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Das Spitzenkandidatenmodell steht derzeit wieder auf dem Pr\u00fcfstand. Emmanuel Macron will es aushebeln und votierte nicht f\u00fcr EVP-Chef Weber. Letztendlich entscheiden die Regierungschef \u00fcber diesen Posten. Was aber bedeutet dies f\u00fcr das Europ\u00e4ische Parlament, einen Gesichtsverlust?<\/strong><\/p>\n<p>Macron ist Pr\u00e4sident eines gro\u00dfen Landes und er stellt mit den Abgeordneten, die seiner Regierung angeh\u00f6ren, und die eine beachtliche Kraft im neuen Parlament sind, eine Macht dar, die es bislang nicht gab. Wir m\u00fcssen seine Linie und Strategie respektieren, aber er sollte sich nicht \u00fcbernehmen. Wahlen leben von Personen. Deswegen will der B\u00fcrger vor der Wahl wissen, wer f\u00fcr das wichtigste Amt Europas, das Amt des Kommissionspr\u00e4sidenten, in Frage kommt. Deswegen ist der Spitzenkandidat eine logische und gute Entwicklung, so wie bei der Bundestagswahl auch. Vor der Wahl muss klar sein: ist es Frau Merkel, ist es Herr Steinmeier? Wer tritt an \u2013 und dann kann der W\u00e4hler entscheiden, wem er vertraut.<\/p>\n<p><strong>Bundesbankchef Jens Weidmann wird f\u00fcr die Nachfolge von Mario Draghi gehandelt. Wie stehen seine Chancen? <\/strong><\/p>\n<p>Jens Weidmann ist ein hochbef\u00e4higter Notenbanker. Er spielt jetzt schon in der Europ\u00e4ischen Zentralbank eine wichtige Rolle, f\u00fchrt die Bundesbank sehr souver\u00e4n. Er hat nach meiner \u00dcberzeugung eine klare und kluge Ordnungspolitik \u2013 und diese Aufgabe wird sicherlich im Zuge der Benennung der anderen Spitzenpositionen vergeben werden. Da kommt Jens Weidmann in Frage, aber es gibt eben auch andere Banker, in Frankreich, in Finnland, die genau so qualifiziert sind.<\/p>\n<p><strong>Europa braucht Vision\u00e4re. Was w\u00fcnschen Sie sich von diesem Europa, das derzeit Zeit tief gespalten ist?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir eine weit st\u00e4rkere europ\u00e4ische Union. Europa sollte nur die Fragen verantworten, die man besser europ\u00e4isch l\u00f6st. Ich tr\u00e4ume von einer europ\u00e4ischen Armee, ich baue darauf, dass der West-Balkan im n\u00e4chsten Jahrzehnt noch Mitglied wird \u2013 damit Europa vollendet wird. Ich traue Europa zu, durch gemeinsame Forschungsprojekte den Wettbewerb mit China zu bestehen. Europol sollte zum Europ\u00e4ischen FBI werden, um einen Europ\u00e4ischen Datenpool zu schaffen. Und auch der Klimaschutz geht nur europ\u00e4isch. Nicht national.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/em><\/p>\n<h1><strong>Interview mit Hans-Gert P\u00f6ttering<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Wir brauchen wieder einen Dialog mit Russland<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem ehemaligen Pr\u00e4sidenten des Europ\u00e4ischen Parlamentes und Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert P\u00f6ttering, sprach Stefan Gro\u00df \u00fcber die Zukunft Europas, die Gro\u00dfe Koalition, \u00fcber eine SPD im Krisenmodus und warum die Gr\u00fcnen derzeit in den Umfragen so weit oben stehen.<\/p>\n<p><em>Herr P\u00f6ttering, welche Bilanz w\u00fcrden Sie nach den Europawahlen ziehen?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Alles in Allem ist die Bilanz positiv, insbesondere ist zu begr\u00fc\u00dfen, dass die Wahlbeteiligung EU weit um etwa 8 % angestiegen ist, in Deutschland sogar um 13 %. Die Wahlbeteiligung lag damit etwas h\u00f6her als 50 % und das entspricht im \u00dcbrigen auch der Beteiligung an Wahlen zum amerikanischen Kongress oder bei den amerikanischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen. Nat\u00fcrlich ist zu hoffen, dass die Wahlbeteiligung in f\u00fcnf Jahren noch weiter ansteigt.<\/p>\n<p><em>Die neuen Rechten haben ein neues B\u00fcndnis in Europa geschlossen, sehen Sie hierbei eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Ich sehe in dieser Fraktion eine gro\u00dfe Herausforderung. Allerdings begr\u00fc\u00dfe ich sehr, dass die Rechte nicht so stark geworden ist, wie man es bef\u00fcrchtet hat. Im \u00dcbrigen empfehle ich, genau hinzuschauen, um welche Partei es sich handelt. Nicht alle Parteien die man als \u201eRechte\u201c bezeichnet sind Nationalisten. Deswegen ist es wichtig, zu differenzieren und auch mit denjenigen, die f\u00fcr Europa offen sind, das Gespr\u00e4ch zu suchen.<\/p>\n<p><em>Der Streit um die Nachfrage von Jean-Claude Junker ist entflammt, Manfred Weber hat weniger Chancen als erwartet. Nun hat Emmanuel Macron die Bundeskanzlerin Angela Merkel f\u00fcr das Amt der Kommissionspr\u00e4sidentin vorgeschlagen. Ist das realistisch?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Leider sind die Chancen f\u00fcr Manfred Weber nach dem Europ\u00e4ischen Rat nicht so gut, wie ich es mir w\u00fcnsche. Wenn Emmanuel Macron Bundeskanzlerin Angela Merkel als Kommissionspr\u00e4sidentin vorgeschlagen hat, so muss man das zur Kenntnis nehmen, aber ich halte das nicht f\u00fcr realistisch. Angela Merkel hat selbst erkl\u00e4rt, dass sie f\u00fcr eine europ\u00e4ische Aufgabe nicht zur Verf\u00fcgung steht. Es w\u00fcrde nach meiner Beurteilung der Pers\u00f6nlichkeit von Angela Merkel total widersprechen, wenn sie sich das anders \u00fcberlegen w\u00fcrde. Im \u00dcbrigen ist Manfred Weber in einem fairen und demokratischen Verfahren in geheimer Wahl, mit gro\u00dfer Mehrheit zum Spitzenkandidaten der Europ\u00e4ischen Volkspartei (EVP) gew\u00e4hlt worden. Das kann man nicht ignorieren. Die EVP ist im Europ\u00e4ischen Parlament die st\u00e4rkste Fraktion. Damit ist Manfred Weber der vorrangige Kandidat f\u00fcr das Amt des Kommissionspr\u00e4sidenten. Das Europ\u00e4ische Parlament bleibt nur glaubw\u00fcrdig, wenn es am Modell des Spitzenkandidaten festh\u00e4lt. Der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Emmanuel Macron sollte das Prinzip der Spitzenkandidaten anerkennen und das Europ\u00e4ische Parlament ernst nehmen.<\/p>\n<p><em>Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft, doch der Kontinent steht nicht als einheitliches Sprachrohr zusammen \u2013 gerade wenn man in den Osten blickt. Wo sehen sie die eigentlichen Konflikte und was w\u00e4ren die Probleme die schnellstm\u00f6glich zu l\u00f6sen w\u00e4ren?<\/em><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst muss man unterscheiden zwischen Europ\u00e4ischer Union und Europa. Konzentrieren wir uns auf die Europ\u00e4ische Union. Es gibt in Bezug auf die Stabilit\u00e4t der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrung Differenzen zwischen den n\u00f6rdlichen und s\u00fcdlichen Staaten Europas. Wir m\u00fcssen darauf bestehen, dass wir die Vereinbarungen, wie sie sich aus dem Vertrag von Maastricht ergeben, auch einhalten. Als gr\u00f6\u00dfte Herausforderung sehe ich eine gemeinsame Asyl- und Migrationspolitik zu entwickeln. Das ist nicht nur eine Aufgabe f\u00fcr die unmittelbare Zukunft, sondern f\u00fcr Jahrzehnte, da die Herausforderung der Migration ja bleibt. Eine weitere Herausforderung ist, dass wir die wettbewerbsf\u00e4hige soziale Marktwirtschaft, das ist ja die Wirtschaftsordnung der Europ\u00e4ischen Union, wie sich aus dem Vertrag von Lissabon ergibt, st\u00e4rken. Das bedeutet auch die Verwirklichung des digitalen Binnenmarktes. Hier brauchen wir deutliche gemeinsame Anstrengungen.<\/p>\n<p>Als dringlich empfinde ich auch, dass wir die europ\u00e4ische Au\u00dfen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik \u00a0st\u00e4rken; dass wir im Bereich der Au\u00dfenpolitik zu Mehrheitsentscheidungen kommen und dass wir offen sind \u2013 wie es ja auch Pr\u00e4sident Macron vorgeschlagen hat \u2013, eine Europ\u00e4ische Armee oder eine Armee der Europ\u00e4er zu schaffen. Nach dem Beschluss der NATO, die Verteidigungsausgaben sollten zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes betragen, \u00a0sollten diese f\u00fcr die St\u00e4rkung der europ\u00e4ischen S\u00e4ule der NATO verwendet werden. Dies sind einige Herausforderungen, die ich f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union sehe.<\/p>\n<p>Wenn man an Europa insgesamt denkt, w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, dass wir zu mehr Partnerschaft mit Russland kommen, was allerdings bedeutet, dass Russland seine Intervention in der Ostukraine beendet und das Abkommen von Minsk einh\u00e4lt. Die Annexion der Krim d\u00fcrfen wir nicht anerkennen.<\/p>\n<p><em>\u00a0Immer wieder wird \u00fcber den Begriff der Vereinigten Staaten von Europa diskutiert. Doch w\u00fcrde ein derartiger Superstaat nicht die einzelnen L\u00e4nder \u00fcberfordern? Welche Rolle k\u00f6nnte in einem st\u00e4rkeren Europa denn der Nationalstaat spielen? <\/em><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong>Den Begriff \u201eVereinigte Staaten von Europa\u201c empfehle ich nicht zu verwenden, da er suggeriert, dass wir etwas nach dem Bilde der Vereinigten Staaten von Amerika anstreben. Die Europ\u00e4ische Union, die fr\u00fcher Europ\u00e4ische Gemeinschaft hie\u00df, ist jetzt der Begriff f\u00fcr den Zusammenschluss der Europ\u00e4ischen V\u00f6lker und ich empfehle, dabei zu bleiben. Einen Superstaat streben wir ausdr\u00fccklich nicht an, die Europ\u00e4ische Union ist etwas \u201esui generis\u201c, etwas eigener Art und sie ist mit keinem Staatenb\u00fcndnis oder Vereinigung von Staaten zu vergleichen. Wir haben verschiedene politische Identit\u00e4ten. Das ist die Heimat, das ist der Nationalstaat und das ist die Europ\u00e4ische Union. Alle drei Identit\u00e4ten geh\u00f6ren zusammen und die Reduzierung unserer politischen Identit\u00e4t auf den Nationalstaat w\u00fcrde den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft nicht gerecht. Ich m\u00f6chte es so ausdr\u00fccken: Wer nur seine Heimat sieht, wird sie nicht sch\u00fctzen. Wer seine eigene Nation \u00fcber alle Nationen stellt, wird zum Nationalisten und Nationalismus f\u00fchrt zum Krieg. Und wer nur als Europ\u00e4er und als Europ\u00e4erin empfindet, der oder die hat keine Wurzeln. Also diese drei Identit\u00e4ten geh\u00f6ren zusammen und ich glaube, jeder kann sich darin mit seiner eigenen Identit\u00e4t wiederfinden.<\/p>\n<p><em>Die SPD ist in der Krise. Die Volksparteien verlieren deutlich in der W\u00e4hlergunst \u2013 noch kann die CDU\/CSU ihre Position halten, aber droht ihr als Volkspartei doch ein \u00e4hnliches Ende wie der SPD oder anders gefragt: Sind die Volksparteien noch ein Erfolgsmodell?<\/em><\/p>\n<p>Die Volksparteien m\u00fcssen wieder ein Erfolgsmodell werden, denn sie haben Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Freiheit, Demokratie und Recht gesichert, und sie haben vor allem die Bundesrepublik Deutschland zu einem verl\u00e4sslichen und stabilen Partner in Europa und in der Welt gemacht. Wir m\u00fcssen alle Anstrengungen unternehmen, dass die Volksparteien eine Zukunft haben. Volkspartei bedeutet, dass in einer Partei das Gemeinwohl, das hei\u00dft, dass das Wohl aller B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger im Vordergrund steht. Wenn wir zu einer Partikularisierung kommen, wenn nur noch Interessen einiger Gruppen durch Parteien vertreten werden, gibt es das Risiko einer Vielzahl von Parteien und es wird immer schwieriger, eine Regierung zu bilden. Deswegen entspricht es dem Interesse der Demokratie, dass die Volksparteien eine gute Zukunft haben und sie sollten alle Anstrengungen darauf konzentrieren, dass sie die gesamte Bev\u00f6lkerung mit dem Gemeinwohl auch repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p><em>In drei neuen Bundesl\u00e4ndern wird jetzt im Herbst gew\u00e4hlt, die AFD ist auf dem Vormarsch, was machen die Volksparteien falsch, was AFD und die Gr\u00fcnen richtig?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Zun\u00e4chst einmal muss man deutlich machen, dass wir die W\u00e4hler und W\u00e4hlerinnen der AFD wiedergewinnen wollen. Wir sollten die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die sich bei Wahlen f\u00fcr die AFD entschieden haben, nicht diffamieren, sondern sie ernst nehmen. Das bedeutet, dass wir die Probleme l\u00f6sen und nicht nur \u00fcber die Probleme sprechen.\u00a0 Es entwickelt sich in einer Demokratie immer eine Situation, dass Parteien st\u00e4rker oder auch wieder schw\u00e4cher werden. Die bisherigen Volksparteien, also CDU\/CSU und SPD, sollten gerade in der Gro\u00dfen Koalition den vereinbarten Vorhaben auch L\u00f6sungen zuf\u00fchren. Und je mehr das gelingt und je mehr man mit den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern dar\u00fcber spricht, wird es auch m\u00f6glich sein, dass die Volksparteien wieder an Gewicht gewinnen.<\/p>\n<p><em>Die Gr\u00fcnen sind auf dem Vormarsch, haben sogar die CDU in Umfragen \u00fcberholt. Es kann doch aber nicht nur das Klimathema sein, welches einen derartigen H\u00f6henflug verleiht?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Die Gr\u00fcnen sind auf Bundesebene nicht in der politischen Verantwortung, das macht es ihnen leichter, Themen zu vertreten, f\u00fcr die sie gar keine Verantwortung in der konkreten Politik haben. Wenn die Volksparteien einerseits den Umweltschutz und das Thema Klima ernst nehmen, ohne sich andererseits aber nur darauf zu beschr\u00e4nken, dann bin ich zuversichtlich, wird es auch wieder gelingen, Mehrheiten oder st\u00e4rkere Zustimmung zu finden. Wir d\u00fcrfen uns in der Politik nicht nur auf ein Thema konzentrieren, sondern wir brauchen ein breites Spektrum von Probleml\u00f6sungen, dazu geh\u00f6rt auch die innere und \u00e4u\u00dfere Sicherheit, wo ich nicht erkenne, wie die Gr\u00fcnen mit dieser wichtigen Problematik umgehen wollen.<\/p>\n<p><em>Es wird gerade viel spekuliert, wie lange die Gro\u00dfe Koalition in Deutschland noch h\u00e4lt und was passiert, wenn Neuwahlen kommen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Niemand ist ein Prophet und niemand kann vorhersagen, ob die Gro\u00dfe Koalition zusammenh\u00e4lt. Das ist vor allem eine Frage, die die SPD beantworten muss.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich hoffe, dass die Koalition\u00a0 ihre Arbeit fortsetzt. \u00a0Bedauerlicherweise ist es nach der letzten Bundestagswahl 2017 nicht zu einer Koalition von CDU\/CSU, FDP und Gr\u00fcnen gekommen. In dieser Wahlperiode wird dies wohl auch nicht mehr m\u00f6glich sein. Auch deswegen hoffe ich, dass die Koalition bis 2021 fortgesetzt werden kann. Die Regierungsparteien haben die Verantwortung, diese Koalition zu einem Erfolg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><em>\u00a0Herr Professor P\u00f6ttering, herzlichen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fragen:\u00a0 Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>Interview mit Ursula M\u00e4nnle<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Europa muss jetzt als geschlossene Einheit auftreten<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201cThe European\u201d sprach mit der Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung, Ursula M\u00e4nnle, \u00fcber den Mauerfall vor 30 Jahren, den Brexit und die Stellung der Frau in der Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>*Frau Professor M\u00e4nnle, wenn Sie politisch in Ihrem Leben zur\u00fcckblicken, was war das Ereignis, das Ihnen im Ged\u00e4chtnis als Schl\u00fcsselerlebnis bleibt?*<\/strong><\/p>\n<p>Das Ereignis, das mich am meisten ergriffen hat, war die \u00d6ffnung der Mauer. Ich war damals Bundestagsabgeordnete und sa\u00df gerade im Haushaltsausschuss. Wir wurden ins Plenum gerufen, dem ehemaligen Wasserwerk in Bonn. Als wir dann dort angekommen waren, sangen alle, sogar die Gr\u00fcnen, die Nationalhymne. Der Gesang war stimmlich furchtbar, weil alle vor R\u00fchrung kaum singen konnten. Also f\u00fcr mich war das Anstimmen der Nationalhymne in dem kleinen Wasserwerk, das gerammelt voll war, das wohl beeindruckendste Ereignis meiner politischen Laufbahn. Sp\u00e4ter habe ich viele gro\u00dfe Ereignisse erlebt, und es war immer spannend in der Politik, aber so spannend wie 1989 war es nicht mehr. Ich bin wirklich dankbar, dass ich den Mauerfall und die Wiedervereinigung erleben durfte. Aber nach wie vor, so scheint es mir, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, ist die Integration noch nicht wirklich gelungen. Aber mit Blick auf die Jubil\u00e4ums-Tage im November freue ich mich auf die weiteren Anstrengungen zur Aufarbeitung dieses Teil der innerdeutschen Geschichte.<\/p>\n<p><strong>*Nun bedeutet Politik Ver\u00e4nderung, auch in der Demokratie. Vor welchen politisch-neuen Herausforderungen steht die Bundesrepublik im Jahr 2019?*<\/strong><\/p>\n<p>Ich sehe eine gro\u00dfe Herausforderung im Aufkommen der neuen Rechten, auch der AFD. Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass es m\u00f6glich sein k\u00f6nnte, dass 70 Jahre nach der Einf\u00fchrung des Grundgesetzes, derartige populistische Gruppen wieder im Deutschen Bundestag vertreten sind. Und noch dazu so viele Anh\u00e4nger und Akzeptanz haben. Um hier wieder mehr Demokratie zu wagen, m\u00fcssen wir gut argumentieren und \u00fcberzeugen. Nie war die Demokratie mehr herausgefordert als in diesen Tagen. Und das ist auch kein Vergleich beispielsweise zu den 1960er Jahren. Wir m\u00fcssen wieder \u00fcber die grundlegenden Werte unserer Demokratie aufkl\u00e4ren. Auch in unserer Stiftung besteht daran ein nachhaltiges Interesse. Also wir m\u00fcssen immer wieder erkl\u00e4ren, was das Besondere unserer Demokratie ist, warum diese sch\u00fctzenswert ist. Und dies gilt es gerade vor den neuen Herausforderungen von Islamismus und Zuwanderung zu tun. Aus diesem Grund bem\u00fcht sich die Hanns-Seidel-Stiftung um nachhaltige Aufkl\u00e4rung in Zeiten, in denen die Menschen verunsichert sind und die demokratische Ordnung sogar in Frage stellen. Und dass an unserer Demokratie Interesse bei der Bev\u00f6lkerung besteht, zeigt der Zulauf zu unseren Veranstaltungen, die sich genau mit diesen Demokratisierungsfragen besch\u00e4ftigen. Die Hauptfrage bleibt aber die der Integration \u2013 nicht nur die Integration der Fl\u00fcchtlinge aus Afrika, Afghanistan, dem Kongo oder Nigeria, sondern auch die der vielen Menschen, die bedingt durch die Freiz\u00fcgigkeit der EU zu uns kommen. W\u00e4hrend die Integration sicherlich eine innenpolitische Hauptaufgabe bleibt, sind die au\u00dfenpolitischen Herausforderungen ebenso sehr komplex. Wie gestaltet sich das Verh\u00e4ltnis der EU zu Amerika und China, wie geht es mit Russland weiter? Die Frage bleibt, wie sich Europa so aufstellen kann, um weiter handlungsf\u00e4hig zu agieren. Fr\u00fcher war Deutschland ein Vorbild f\u00fcr viele L\u00e4nder, die die Bundesrepublik nachahmten, heute ist es schwieriger, weil uns aus dem Ausland auch Misstrauen entgegengebracht wird. Frieden, Demokratie, Entwicklung \u2013 das hatte fr\u00fcher eine Anziehungskraft. Heute wird die Arbeit der Stiftung in einigen L\u00e4ndern eher skeptisch als ausl\u00e4ndische Einflussnahme betrachtet.<\/p>\n<p><strong>*Frau Professor M\u00e4nnle: Was halten Sie vom Brexit-Durcheinander? Macht es da wirklich Sinn, den Termin f\u00fcr den Austritt immer wieder zu verschieben?*<\/strong><\/p>\n<p>Die Volksabstimmung und der damit einhergehende Diskussionsprozess waren \u00fcberfl\u00fcssig. Ich bin da ratlos, weil ein geregelter Brexit bereits schlimm genug ist, ein ungeordneter noch schlimmer w\u00e4re. Diese st\u00e4ndigen Verschiebungen f\u00fchren zu Politikverdrossenheit. Gerade in der Demokratie muss man immer die Fakten auf den Tisch legen und darf nicht zulassen, dass Brunnenvergiftung stattfindet. Ein seri\u00f6ser Diskussionsprozess hat beim Brexit einfach nicht stattgefunden. Wenn man nur kurzfristig, populistisch und mit falschen Fakten hantiert wie das die Brexit-Bef\u00fcrworter getan haben, um die Abstimmung f\u00fcr sich zu entscheiden, aber die m\u00f6glichen Folgen nicht bedenkt, ist dies einfach unverantwortlich. Und das Ergebnis sehen wir jetzt: Misstrauen \u00fcberall. Anhand des Brexits sehen wir auf der anderen Seite doch allzu gut, was uns allen Europa bringt: Aus Feinden wurden Freunde. Europa muss jetzt als geschlossene Einheit auftreten, nicht nur um andere Austritte zu verhindern, sondern sich auch ganz entschlossen gegen die Populisten in Stellung zu bringen, die diese gro\u00dfartige europ\u00e4ische Idee vergiften wollen. Darin sehe ich auch eine gro\u00dfe Chance am 26. Mai, wenn in Europa gew\u00e4hlt wird, das gro\u00dfartige europ\u00e4ische Projekt weiter nach vorn zu treiben. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass sich das europ\u00e4ische Parlament weiter zersplittert, deshalb m\u00fcssen wir uns gegen die europafeindlichen Kr\u00e4fte zusammenschlie\u00dfen. Ich hoffe, dass die EVP die Mehrheit bekommt und verspreche mir auch durch den besonnen, sehr argumentativen Kurs von Manfred Weber, dass er Kommissionspr\u00e4sident werden kann. Aber dazu geh\u00f6rt auch wieder eine riesige \u00dcberzeugungsarbeit und Motivationskampagne, um die Menschen zu den Urnen zu bringen. In diesem Zusammenhang fand ich es sehr interessant, dass in M\u00fcnchen ans\u00e4ssige Generalkonsulate aus L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union auf uns zugekommen sind und gefragt haben, ob wir nicht gemeinsam aufkl\u00e4ren k\u00f6nnen, dass auch ihre jeweiligen B\u00fcrger, die in Deutschland leben, hier w\u00e4hlen d\u00fcrfen und sollen.<\/p>\n<p><strong>*Warum haben es Frauen in einer demokratischen Gesellschaft weiterhin so schwer, in die richtigen, verantwortungsvollen Positionen zu bekommen? Sie kritisieren immer wieder, dass zu wenige Frauen in der Politik agieren. Wenn man derzeit in den Deutschen Bundestag blickt, liegt der Frauenanteil bei 32 Prozent. Das ist Ihnen aber immer noch zu wenig, oder?*<\/strong><\/p>\n<p>Der Prozentsatz war fr\u00fcher auch schon einmal h\u00f6her. Wir haben erst seit hundert Jahren ein Frauenwahlrecht, da gilt es, noch vieles nachzuholen. In der Nachkriegszeit wurde die Rolle der Frau in der Gesellschaft anders definiert. Ein Grund f\u00fcr den geringen Anteil von Frauen in der Politik mag darin liegen, dass f\u00fcr viele Frauen der Beitritt zu einer politischen Partei nicht unbedingt Priorit\u00e4t genie\u00dft. Frauen wahren Distanz, Machtbewusstsein ist nicht priorit\u00e4r. Hannah Arendt gab eine eigene, weibliche Definition von Macht: Es geht nicht darum, den eigenen Willen gegen den Willen anderer durchzusetzen, vielmehr gilt es, das f\u00fcr richtig Erkannte gemeinsam zu vertreten. Frauen sehen aber, dass Macht oft egoistische Maximen verfolgt. Es ist f\u00fcr viele Frauen schwierig, in Positionen einzutreten, die m\u00e4nnlich besetzt sind. Jedoch hat sich seit dem Beginn meiner politischen Karriere gerade in den letzten Jahren sehr viel getan; fr\u00fcher war die Stellung der Frau in einer M\u00e4nnerdom\u00e4ne viel schwieriger, denn es bedurfte viel Durchsetzungskraft. Nur mit einem unbedingten Gestaltungswillen, dem Willen der Ver\u00e4nderung, konnte man alte Strukturen durchbrechen. In den konservativen Parteien war es schwieriger, sich als Frau zu behaupten, aber auch hier hat sich vieles zum Guten ver\u00e4ndert. In einer Partei wie der CSU, in der die Direktmandate bisher aller meistens in Wahlkreisen gewonnen wurden, hat man in diesen ungern Frauen kandidieren lassen. Nur wenn der Gewinn eines Mandats von vorneherein als \u00fcberwiegend erfolglos eingestuft wurde, war das anders. Ansonsten verwies man die Frauen auf die Listen. Aber nur wenige Mandate wurden f\u00fcr die CSU \u00fcber die Liste vergeben. Inzwischen hat die CSU-Parteispitze deutlich erkannt, wie wichtig Frauen in der Politik sind, an der Basis setzt sich dies aber nur langsam durch. Es w\u00e4re blau\u00e4ugig zu sagen, wir regeln die Vertretung der Frauen in den Parlamenten \u00fcber eine Quotierung. Es bed\u00fcrfte eine \u00c4nderung des Aufstellungsverfahrens oder sogar des Wahlrechts, um Gleichstellung zu erreichen. Frauen m\u00fcssen zuerst lernen, zu k\u00e4mpfen, sich die Macht aktiv zu erobern.<\/p>\n<p><strong>*Nun haben wir Greta Thunberg und eine neue Klimabewegung. Was sagt die Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung dazu? Schulstreit in der Schulzeit korrekt?*<\/strong><\/p>\n<p>Rechtliche Regelungen werden schnell obsolet, wenn man sich nicht daranh\u00e4lt. Und die Schulpflicht geh\u00f6rt dazu. Ich finde die Diskussion ein bisschen scheinheilig, gleichwohl ich es gut finde, dass demonstriert wird und die \u00d6ffentlichkeit wei\u00df, was die jungen Leute wollen. Doch es bleibt dabei, die Schulpflicht kann deswegen nicht ausgehebelt werden. Demonstrationen sind in Ordnung, aber nicht die Verletzung von Recht. Also w\u00e4ren Demonstrationen au\u00dferhalb der Schulzeit das Mittel der Wahl gewesen. Dann w\u00e4re aber wohl der mediale Hype nicht so gro\u00df gewesen.<\/p>\n<p><strong>*Die Hanns-Seidel-Stiftung berichtet seit vielen Jahren aus den verschiedensten Regionen der Welt, aber nicht unbedingt aus den Zentren, wo politisch etwas geschieht. Die Au\u00dfensektionen sollen deshalb ver\u00e4ndert werden! Was haben Sie vor?*<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Hanns-Seidel-Stiftung haben wir den Umstrukturierungsprozess dahingehend begonnen, dass wir zum Beispiel die Betreuung der osteurop\u00e4ischen EU-L\u00e4nder aus unserem eigentlichen, gro\u00dfen und vorher zust\u00e4ndigen Bereich Entwicklungspolitik herausgenommen und eine eigene Abteilung f\u00fcr den Europ\u00e4ischen Dialog gegr\u00fcndet haben. Weil eine Arbeit heute in Ungarn, Rum\u00e4nien, aber auch manchmal in der Ukraine oder Albanien einen anderen Stellenwert hat, andere Akzente setzen muss als eine Arbeit im Kongo oder in Indien. Das habe ich sehr forciert und in Gang gebracht, obwohl der Demokratisierungsprozess in diesen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern noch nicht abgeschlossen ist. Wir hatten in den vergangenen 30 Jahren unseren Fokus nach der Wende ja sehr stark nach Osteuropa gelegt, Westeuropa als \u201esichere Bank\u201c betrachtet. Das haben wir nun dahingehend ge\u00e4ndert, dass wir auch in Westeuropa den Dialog verst\u00e4rkt f\u00f6rdern. Nat\u00fcrlich sind wir in Br\u00fcssel, Washington und Moskau vertreten. Nun haben wir zus\u00e4tzlich Frankreich und England im Fokus. Leider sind wir unter den Politischen Stiftungen eher eine kleine und verf\u00fcgen daher nicht \u00fcber gro\u00dfe finanzielle Mittel, um \u00fcberall schnell Verbindungsb\u00fcros zu er\u00f6ffnen. Aber unser neuer Ansatz besteht darin, Ost- und Westeuropa n\u00e4her zusammenzubringen. Und damit hoffen wir, die k\u00fcnftige Europ\u00e4ische Einigung und Einheit ein St\u00fcck weiter voranzubringen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p>Europa ist ein Friedensprojekt<\/p>\n<p>Mit dem Vorstandsvorsitzenden der Versicherungskammer Bayern, Frank Walthes, sprach The European \u00fcber das Friedensprojekt Europa, \u00fcber die Notwenwendigkeit einer Europ\u00e4ischen Armee und \u00fcber die Aufgaben, die Europa dringend l\u00f6sen muss.<\/p>\n<p><strong>Europa ist ein Friedensprojekt. Was ist Ihre Vision von einem gemeinsamen Europa?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, Europa ist ein Friedensprojekt. Da bin ich einig mit Jean-Claude Juncker, dem diesj\u00e4hrigen Preistr\u00e4ger des \u201eFreiheitspreises der Medien\u201c: \u201eWill man die Wirkung von Europa sp\u00fcren, f\u00fchlen und sehen, muss man nur an die Soldatenfriedh\u00f6fe des ersten und zweiten Weltkriegs gehen.\u201c Damit so etwas nicht mehr passiert, lohnt alle Anstrengung f\u00fcr ein gemeinsames Europa.<br \/>\nMeine Vision ist, dass ein vereinigtes Europa im Sinne einer gemeinsamen Organisation entsteht. Ob Staatenbund, Bundesstaat oder vereinigte Staaten, wird der politische Diskurs zeigen. Wir sehen aktuell, dass Europa bereits heute nahezu unaufl\u00f6slich miteinander verbunden und es schwierig ist aus diesem Staatenverbund \u2013 wie ihn die Europ\u00e4ische Union derzeit bildet, auszusteigen. Sonst w\u00fcrden sich die Engl\u00e4nder mit dem Brexit nicht so schwer tun.<\/p>\n<p><strong>Was macht einen \u00fcberzeugten Europ\u00e4er, wie Sie einer sind, aus?<\/strong><\/p>\n<p>Dass ich ein \u00fcberzeugter Europ\u00e4er bin, begr\u00fcndet sich zum einen durch meine famili\u00e4re Pr\u00e4gung, zum andern aus meinem gesellschaftspolitischen Engagement. Ich bin in Nordbayern, im ehemals bayerischen Zonenrandgebiet in Oberfranken, aufgewachsen und konnte die Folgen des zweiten Weltkrieges noch unmittelbar erleben. Mein Vater war noch Kriegsteilnehmer und u.a. auch in Frankreich im Einsatz. So habe ich mich w\u00e4hrend meines Studiums bewusst f\u00fcr l\u00e4ngere Aufenthalte in Frankreich entschieden und ebenso entschied sich vor kurzem mein Sohn in Paris zu studieren. Was ich damit sagen m\u00f6chte ist, dass mich das Thema Europa schon immer begleitet und ich durch die enge Bindung, in diesem Fall eben an Frankreich, die europ\u00e4ischen Ideen und deren Entwicklung zu sch\u00e4tzen wei\u00df. Meine Mutter war w\u00e4hrend ihrer Schulzeit als eine Fullbright-Stipendiatin in den USA. Beide Elternteile haben mir Werte, wie Offenheit, Toleranz, Pluralismus und ein gutes Demokratieverst\u00e4ndnis vermittelt. Folglich habe ich mich selbst bereits als Abiturient f\u00fcr die Europa Union und die Jungen Europ\u00e4er engagiert und war stellvertretender Landesvorsitzender in Bayern. Ich habe an den Grenzen Europas zwischen Deutschland und \u00d6sterreich oder zwischen Deutschland und Frankreich f\u00fcr freie Fahrt f\u00fcr freie B\u00fcrger demonstriert. Das alles hat dazu beigetragen, dass ich ein \u00fcberzeugter Europ\u00e4er bin. Ich habe vom Geldwechseln bis hin zu den Schwierigkeiten im europ\u00e4ischen Ausland ein Praktikum zu absolvieren oder zu studieren, das Meiste selbst erlebt hat. Das war noch vor den Vertr\u00e4gen von Maastricht und Lissabon sowie noch vor dem Bologna-Prozess der Anerkennung von Studienleistungen.<\/p>\n<p><strong>Die EU wird oft kritisiert, weil sie f\u00fcr zu viel B\u00fcrokratie steht. Stimmt das?<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich sehe ich das auch so und wer selbst davon betroffen ist, der \u00e4rgert sich auch dar\u00fcber. Dennoch, die Einheit in der Vielfalt abzubilden ist auch eine gro\u00dfe Herausforderung und daf\u00fcr muss man auch ein gewisses Verst\u00e4ndnis aufbringen. Ich meine, das richtige Ma\u00df ist noch nicht gefunden. Wenn ich mir die nicht enden wollenden Regularien f\u00fcr die Finanzindustrie ansehe, die stetig wachsende Kapazit\u00e4ten in den Unternehmen binden, ohne dass ein Nutzen f\u00fcr das Unternehmen oder f\u00fcr unsere Kunden erkennbar ist. Hier halte ich nicht in jedem Punkt eine europ\u00e4ische Regelung f\u00fcr sinnvoll. Oft sind diese auf nationaler oder gar regionaler Ebene oft schlicht nicht umsetzbar ist. Auch verstehe ich \u00fcberhaupt nicht, weshalb wir seit diesem Jahr bei grenz\u00fcberschreitenden Gesch\u00e4ftsreisen alle wieder A1-Formulare in Europa mitf\u00fchren m\u00fcssen. Das halte ich f\u00fcr deutlich \u00fcberzogen. Aber es gibt nat\u00fcrlich eine Reihe von Themen, die einheitliche Normen und \u00fcbergeordnete Regelungen erfordern, weil externe Effekte sich auf lokaler oder regionaler Ebene nicht integrieren lassen. Beispielsweise beim Klimaschutz. Auch die Sozialstandards, die mit dem freien Binnenmarkt f\u00fcr die Arbeitnehmerfreiz\u00fcgigkeit einhergehen, erfordern zentrale Regelungen seitens der europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n<p><strong>Brauchen wir eine europ\u00e4ische Armee?<\/strong><\/p>\n<p>Das Thema einer europ\u00e4ischen Armee besch\u00e4ftigt uns seit Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft. Durch die NATO und durch die bilaterale Zusammenarbeit der NATO-Staaten stand dann aber viel mehr die gemeinsame Entwicklung von Verteidigungssystemen, wie man das von Airbus oder Eurofighter kennt, im Vordergrund. Durch die von den USA jedoch zunehmend lauter werdende Kritik an der NATO, r\u00fcckt die Frage einer europ\u00e4ischen Armee wieder st\u00e4rker in den Fokus. Ich vertrete die Ansicht, dass wir eine europ\u00e4ische Armee brauchen. Wir m\u00fcssen Europa milit\u00e4risch und sicherheitspolitisch vern\u00fcnftig ausstatten, nicht zuletzt um sein politisches Gewicht in der Welt und seine Unabh\u00e4ngigkeit zu st\u00e4rken. Die deutsch-franz\u00f6sischen Aktivit\u00e4ten oder bilaterale Aktivit\u00e4ten sind zu wenig, um einen verteidigungs- und einen sicherheitspolitischen Beitrag zu leisten. Deswegen glaube ich, dass die Europ\u00e4ische Verteidigungsgemeinschaft tats\u00e4chlich vor einer Renaissance steht.<\/p>\n<p><strong>Wo liegen die Grenzen Europas? Sollte man, bevor man weitere L\u00e4nder in die EU aufnimmt, nicht erst daf\u00fcr sorgen, dass die jetzigen Mitgliedsstaaten harmonisch agieren?<\/strong><\/p>\n<p>Europa ist ja nicht nur das Europa, das wir von der Landkarte kennen und auf L\u00e4ndergrenzen beschr\u00e4nken k\u00f6nnen. Die Europ\u00e4ische Union ist, und war auch schon immer, eine bedeutende Wertegemeinschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg deshalb gut funktioniert hat, weil, trotz aller Unterschiedlichkeit der L\u00e4nder, eine Vielzahl gemeinschaftlicher Interessen verbunden wurden. Das waren Demokratieverst\u00e4ndnis, Pluralismus und die Integration von politischen und \u00f6konomischen Themen in das Gesellschaftliche. Es ging um eine Einheit bei bekannter Vielfalt. Mir liegt vor allen Dingen an dieser Wertegemeinschaft und weniger an der Frage, wer historisch gesehen welche Einflusssph\u00e4ren f\u00fcr sich in Anspruch nehmen kann. Die westlichen L\u00e4nder, insbesondere wir Europ\u00e4er, bekennen uns zu bestimmten Mechanismen der Meinungsbildung, der Mehrheitsbildung und der Daseinsvorsorge. Die L\u00e4nder, die sich diesen Werten verschreiben und diesen auch folgen, haben die Chance, \u00fcber viele verschiedene Stadien der Zugeh\u00f6rigkeit an Europa heranzur\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>Welcher Europ\u00e4er hat Sie am nachhaltigsten beeindruckt?<\/strong><\/p>\n<p>Das war vor allem Charles De Gaulle. Er hat mit Adenauer zusammen den deutsch franz\u00f6sischen Freundschaftsvertrag auf den Weg gebracht. Charles De Gaulle war eine Person, die viele der zum Teil bis heute strittigen Themen angesto\u00dfen hat: Vom Europa der Vaterl\u00e4nder zum Bundesstaat Europa bis hin zur Europ\u00e4ischen Verteidigungsgemeinschaft. Es zeigt sich seither, dass Europa immer um den rechten Weg gerungen hat. Charles De Gaulle ist an dieser Stelle f\u00fcr mich immer einer der Initiatoren eines friedvollen Europas gewesen. Eines der bedeutendsten Beispiele einer friedvollen Revolution ist f\u00fcr mich die Wiedervereinigung innerhalb Deutschlands.<\/p>\n<p><strong>Welches Thema ist f\u00fcr Sie das Thema, das Europa dringend l\u00f6sen muss?<\/strong><\/p>\n<p>Das eine Thema als solches gibt es nach meiner Einsch\u00e4tzung nicht. Es sind die festgeschriebenen vier Freiheiten der EU (freier Personenverkehr, freier Warenverkehr, freier Dienstleistungsverkehr, freier Kapitalverkehr) an denen gleicherma\u00dfen stringent gearbeitet werden muss. Als Vorstandsvorsitzender des Konzerns Versicherungskammer, dem siebt gr\u00f6\u00dften Erstversicherer und gr\u00f6\u00dftem \u00f6ffentlichen Versicherer in Deutschland, liegt mir nat\u00fcrlich in erster Linie an den Finanzmarktthemen. Finanzmarktstabilit\u00e4t muss das oberste Gebot sein. Die durch die Finanzmarktkrise 2008 eingel\u00e4utete und bis heute anhaltende Niedrigzinspolitik geht einher mit einer schleichenden Geldentwertung und einer Entm\u00fcndigung sowie Enteignung der Sparer. Diese zwischenzeitlich als kritisch einzustufende Situation erfordert dringend wieder eine Normalit\u00e4t in der Geldpolitik. Das setzt stabile Staatshaushalte voraus und damit die Befolgung und Einhaltung der Mechanismen, um die Staatsschuldenkrise zu bek\u00e4mpfen. Wir brauchen hier eine Politik der Austerit\u00e4t, d.h. eine restriktive Fiskal- und Sparpolitik, die Angela Merkel zu Beginn der Finanzmarktkrise in den Mittelpunkt gestellt hat.<\/p>\n<p>Des Weiteren erachte ich das Thema der inneren Sicherheit f\u00fcr sehr wichtig. Wir haben die sozialen Standards auf der einen Seite, und das Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit und Rechtssicherheit auf der anderen. Dies in Einklang zu bringen, halte ich f\u00fcr eines der Ziele, die mit h\u00f6chster Priorit\u00e4t verfolgt werden m\u00fcssen. Zusammenfassend sind mir somit diese drei Themen wichtig: Finanzen, Soziales und innere Sicherheit.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>Sigmar Gabriel und Viktor Orb\u00e1n wollen Merkel als Ratspr\u00e4sidentin<\/strong><\/h1>\n<p>von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz20.06.2019Europa, Gesellschaft &amp; Kultur, Medien<\/p>\n<p>Europa k\u00f6nnte weiblicher werden. Die Zeiten, in denen in Br\u00fcssel und Stra\u00dfburg Jean-Claude Juncker und Donald Tusk regierten sind vorbei. Wie aus unionsinternen Kreisen zu h\u00f6ren ist, k\u00f6nnte Bundeskanzlerin demn\u00e4chst Ratsp\u00e4sidentin werden. Merkel, die immer wieder darauf verwiesen hatte, dass sie nach ihrer Kanzlerschaft f\u00fcr kein politisches Amt mehr zu Verf\u00fcgung steht, w\u00fcrde damit die Flankendeckung f\u00fcr ihre Ur-Vertraute Ursula von der Leyen \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Wird mit der ehemaligen deutschen Kriegsministerin nach 50 Jahren erstmals eine Deutsche nach Walter Hallstein an die Spitze der EU treten, k\u00f6nnte das F\u00fchrungsduo nun eindeutig noch deutscher werden. Von der Leyen hatte zuletzt in Deutschland f\u00fcr Aufsehen gesorgt, die Bundeswehr in einem, um es positiv zu sagen, nicht gerade gl\u00e4nzendem Zustand hinterlassen und war mit hohen Berateraff\u00e4ren immer wieder in der Kritik geraten. Von der Leyen und die Bundeswehr \u2013 wohl eher eine Leidens- als eine Vorzeigegeschichte.<\/p>\n<p><strong>Von der Leyen \u2013 die Menschenf\u00e4ngerin<\/strong><\/p>\n<p>Doch so sehr die in Br\u00fcssel sozialisierte von der Leyen immer wieder in der Kritik stand, wie sehr man ihre Selbstinszenierung, ihr aufgesetztes Kokettieren nicht leiden mag, Leyen kann vers\u00f6hnlich, sie vermag zu binden, ist eine Menschenf\u00e4ngerin und damit letztendlich f\u00fcr das Amt der Kommissionspr\u00e4sidentin ebenso geeignet wie der aufgeschlossene und gutherzige Juncker, der das Schiff Europa durch schwere, vielleicht die schwersten Zeiten man\u00f6vrieren musste. Bei aller Kritik, die \u00fcber dem Luxemburger wie ein Teerfass ausgesch\u00fcttet wurde, ohne seine bindenden, vers\u00f6hnlichen und kommunikativen F\u00e4higkeiten st\u00e4nde es noch viel schlechter um Europa. Juncker hatte beherzt verbunden.<\/p>\n<p><strong>Donald Tusk \u2013 der Europavision\u00e4r<\/strong><\/p>\n<p>Mit Donald Tusk betrat vor sieben Jahren ein Politiker europ\u00e4ischen Boden, der wie Angela Merkel im Osten sozialisiert wurde; der Pole war Anh\u00e4nger von Lech Walesa und Solidarnosc-Mitglied. Tusk wei\u00df aus eigener Vita wie hart Demokratie zu erk\u00e4mpfen ist und welche M\u00fchen der Ebene zu durchschreiten sind. Als gl\u00fchender Verteidiger europ\u00e4ischer Werte bek\u00e4mpfte er leidenschaftlich gleicherma\u00dfen Despoten wie Putin und Brexitbef\u00fcrworter. Vieles von dem, was sich Tusk von Europa versprach, ist mittlerweile Realit\u00e4t, doch viele seiner ambitionierten Projekte, so der noch br\u00fcchige Frieden in der Ukraine, stehen nach wie vor ungel\u00f6st im offenen Raum.<\/p>\n<p><strong>Merkels Gabe der Vers\u00f6hnung<\/strong><\/p>\n<p>Tusk, den Barack Obama damals als das frische Gesicht Europas gl\u00fchende Begeisterungsst\u00fcrme entgegenbrachte, h\u00e4tte in Angela Merkel eine w\u00fcrdige Nachfolgerin. Das M\u00e4dchen Kohls, das nicht nur gegen den \u00fcberm\u00e4chtigen Parteichef in der Spendenaff\u00e4re rebellierte, die einst unbedarfte Pastorentochter aus dem Norden, die oft immer z\u00f6gerliche Naturwissenschaftlerin, hatte es die letzten Jahre in Deutschland nicht leicht. Ihr Mittekurs, ihr Auf-Sicht-Fahren, ihr z\u00f6gerliches Abwarten einerseits oder Schnellspr\u00fcnge wie beim Atomausstieg, der Migrationskrise und dem Kohlsausstieg andererseits haben Merkels Sympathiewerte immer wieder buchst\u00e4blich in den Keller fahren lassen. Doch die eiserne Kanzlerin hat mit stoischer Gelassenheit die Widrigkeiten des Politischen wie Seifenschaum einfach abgewaschen. Merkel, und das scheint eine Gabe zu sein, die ihr jetzt auf der europ\u00e4ischen B\u00fchne wie eine magische Zauberkraft zugute k\u00e4me, vermag zu schlichten, zu vers\u00f6hnen. Statt m\u00e4nnlichem Hahnenkampf und Selbstinszenierung weiblicher Weitblick und Harmonie. Merkel kann \u2013 gerade weil sie so viel Mitte ist \u2013 Kommunikation dort stiften, wo m\u00e4nnliches Alphagehabe jedweden Diskurs zerst\u00f6rt. Und mit dieser ihrer vers\u00f6hnenden Art wird sie vielleicht in die Geschichte eingehen. Das sehen viele ihrer Weggef\u00e4hrten mittlerweile so, auch viele Kritiker, die Merkel in den letzten Jahren immer wieder an den Pranger stellten. Die gef\u00fchlte ewige Bundeskanzlerin stand und steht f\u00fcr Stabilit\u00e4t in wilder See, gilt als Rettungsanker und gl\u00e4nzt auf dem internationalen Parkett vielleicht mehr als auf dem Boden der Berliner Republik.<\/p>\n<p>Das US-Magazin \u201eForbes\u201c Magazin k\u00fcrte Merkel zum achten Mal in Folge zur wichtigsten Frau der Welt. Im Ausland wird sie wie ein Popstar verehrt, gilt das Macherin, Strippenzieherin, ja als \u201eAnf\u00fchrerin Europas\u201c. Der ehemalige Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, bezeichnete die Bundeskanzlerin r\u00fcckblickend als seine au\u00dfenpolitisch wichtigste Partnerin.<\/p>\n<p><strong>Die Europa-Vision der Kanzlerin<\/strong><\/p>\n<p>Auf europ\u00e4ischem Boden folgt Merkel Mitterand und Kohl. Europa ist ihr eine Herzensangelegenheit. Und das ihr Europa gut steht, offenbarte sich in ihrer Grundsatzrede im Europaparlament 2018. Was Merkel geradezu heraufbeschw\u00f6rt, ist die Einheit der EU, der alte identit\u00e4tsstiftende Gedanke von der Einheit in der Vielheit. Europa soll f\u00fcr Merkel eine funktionierende Rechtgemeinschaft sein, was aber eben nur gelingt, wenn alle an einem Stick ziehen. Jenseits von Trumps \u201eAmerika First\u201c pl\u00e4diert sie f\u00fcr eine europ\u00e4ische Armee, f\u00fcr ein autonomes und stabiles Europa, das sich in Zeiten internationaler Unsicherheiten mehr auf sein eigene Identit\u00e4t konzentrieren muss, denn die \u201eZeiten, wo wir uns auf andere verlassen konnten, die sind eben vorbei. Wir m\u00fcssen unser Schicksal st\u00e4rker in die eigene Hand nehmen, wenn wir \u00fcberleben wollen.\u201c<\/p>\n<p>Und Merkel will europ\u00e4isch mehr Demokratie wagen, was jedoch nur funktioniere, wenn Alphatiere, von denen es im europ\u00e4ischen Rat gen\u00fcgend gibt, nicht spr\u00f6de und machtversessen auf ihre Nationalstaatlichkeit pochen, den Rechtsstaat aush\u00f6hlen, die Presse intrinsisch manipulieren oder die Zivilgesellschaft einsch\u00fcchtern. Anstelle von autokratischen Tendenzen geht es Merkel als Europ\u00e4erin um das Gro\u00dfe und Ganze, um den allgemeinen Willen und darum \u201enationale Egoismen zu \u00fcberwinden\u201c. \u201eRespekt f\u00fcr andere und die Wahrung eigener Interessen sind kein Gegensatz \u2013 im Gegenteil\u201c. Denn nur als eine, die eine Sprache spricht, k\u00f6nne sich die EU auf der Weltb\u00fchne behaupten. \u201eEinheit und Geschlossenheit sind f\u00fcr die Zukunft Europas unverzichtbar\u201c. Merkel pl\u00e4diert daher auch f\u00fcr einen europ\u00e4ischen Sicherheitsrat\u201c, denn Nationalismus und Egoismus, so ihr Credo, d\u00fcrfen in Europa nie wieder eine Chance bekommen. M\u00f6glich w\u00e4re dies, wenn die Vereinigten Staaten von Europa Realit\u00e4t w\u00fcrden und die \u201eKommission eines Tages so etwas wie eine europ\u00e4ische Regierung ist\u201c.<\/p>\n<p><strong>Die Europ\u00e4erin<\/strong><\/p>\n<p>Wie kaum ein anderer europ\u00e4ischer Politiker hat Merkel Europa buchst\u00e4blich inkarniert, wie kein anderer kann sie schlichten und doch interessengesteuert agieren. Als Ratsvorsitzende h\u00e4tte Merkel alle F\u00e4den der zur\u00fcckgebliebenen 27 Staatschefs in der Hand, k\u00f6nnte diese entweder als Dompteurin z\u00e4hmen, sie im politischen Kampf aber auch zu Marionetten und egozentrischen Statisten werden lassen kann und in ihre farblose Geschichtslosigkeit zur\u00fcckschicken.<\/p>\n<p><strong>Br\u00fcckenbauerin \u2013 Made in Germany<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich sind es schon lange nicht Tusk und Juncker, die Europa f\u00fchren, sondern die deutsche Kanzlerin ist \u2013 zumindest in der Welt schon lange \u2013 das Gesicht des Kontinents. Mit dem Posten der Ratspr\u00e4sidentin h\u00e4tte sie formal nur einen, den sie schon lange nebenbei wahrnimmt, wenn sie auf dem europ\u00e4ischen Parkett ihre politischen F\u00e4den zieht, die Kleindespoten aus Ungarn, Polen oder Italien immer wieder in die Realit\u00e4t zur\u00fcckholt, den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo\u011fan auf Abstand und N\u00e4he zugleich h\u00e4lt und dem amerikanischen US-Pr\u00e4sidenten Donald Trump die gerunzelte Stirn entgegenwirft.<\/p>\n<p>Wenn es ihr sp\u00e4testens nach der Fl\u00fcchtlingskrise in Deutschland innenpolitisch nicht mehr gelungen ist, Br\u00fccken zu bauen, gelang ihr das in Europa und der Welt immer besser. Merkel ist mit Sicherheit eine bessere Au\u00dfenpolitikerin als -innenpolitikerin und Au\u00dfenminister wie Heiko Maas wirken gegen\u00fcber der Kanzlerin wie farblose Schultaschentr\u00e4ger denen Merkel Lichtjahre voraus ist, was Geschick, Auftritt und politischen Gestaltungs- und -durchsetzungswillen betrifft. Nicht umsonst pl\u00e4dierten der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel und der ungarische unbez\u00e4hmbare L\u00f6we Viktor Orb\u00e1n jetzt f\u00fcr Merkel als Ratspr\u00e4sidentin.<\/p>\n<h1>Gut gemacht Herr Kurz!<\/h1>\n<p>F\u00fcr viele seiner Kritiker ist er ein Hardliner und Machtpolitiker. Doch mit seiner Entscheidung, Neuwahlen in \u00d6sterreich auszurufen, hat der \u00f6sterreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz einmal mehr bewiesen, dass er ein Mann mit Weitblick ist.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/15845-neuwahlen-in-oesterreich-super-basti\">Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<p>Nach dem Skandal-Video um FP\u00d6-Chef Hans-Christian Strache liegt \u00d6sterreich im Wachkoma. Das westliche Ausland feiert den gigantischen Fauxpas des besoffenen Straches schon als Sieg der Demokratie \u00fcber die verhassten Rechtspopulisten und sieht darin gleich ein globales Niedergangsph\u00e4nomen. Gerade vor der Europawahl und einem neuen Rechtsb\u00fcndnis unter Matteo Salvini, J\u00f6rg Meuthen, Marie Le Pen und Co kommt der Schicksalsschlag der Rechten wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk einher.<\/p>\n<h6>Kurz: \u201eDie FP\u00d6 schadet unserem Land\u201c<\/h6>\n<p>Fakt ist: Die rechte FP\u00d6 des einstigen K\u00e4rntner Landeshauptmann J\u00f6rg Haider hat sich politisch ins Aus geschossen. Im sogenannten Ibiza-Video, das taktisch klug vor den EU-Wahlen in den Fokus des \u00f6ffentlichen Diskurses r\u00fcckte, hatte Hans-Christian Strache f\u00fcr eine eindimensionale Medienlandschaft nach dem Vorbild von Viktor Orb\u00e1n in Ungarn geworben, wollte \u00d6sterreichs Aush\u00e4ngeschild, die \u201eKronen Zeitung\u201c, gar an russische Oligarchen verkaufen, um die kritische Presse mundtot zu machen und die Freiheitlichen durch russisches Oligarchengeld protegieren lassen. Sauberer Wahlkampf geht anders. Damit hat sich Strache disqualifiziert und seine ganze Partei gleich mit in den Abgrund gerissen; ein Dilemma f\u00fcr die rechtsau\u00dfen Blauen, die in den letzten Jahren kontinuierlich an Einfluss gewonnen hatte. Straches Abgang von der politischen B\u00fchne war jedoch die einzige und notwendige Konsequenz \u2013 auch um Bundeskanzler Sebastian Kurz nicht weiter zu belasten.<\/p>\n<h6>Kurz setzt sein Amt aufs Spiel<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend das politische Beben \u00d6sterreich ersch\u00fcttert und die Gr\u00e4ben im Land noch vertieft, hatte sich hingegen der \u00f6sterreichische Bundeskanzler als genialer Jongleur im Tigerk\u00e4fig erwiesen. Kurz, der in Deutschland und Frankreich gern als Enfant terrible ob seiner radikalen Migrationspolitik gesehen und gleich mit in die rechte Ecke der FP\u00d6 geschoben wird, brillierte gestern wieder einmal mehr und best\u00e4tigte zugleich damit sein Genie als Ausnahmepolitiker. Kurz ist eben mehr als ein smarter Politiker, der weichgesp\u00fclte Thesen in den Raum knallt, der um den hei\u00dfen Brei lange redet, um letztendlich nichts zu sagen. Er hat seine Wahlversprechen \u2013 auch und gegen die FP\u00d6 \u2013 eingel\u00f6st. Kurz ist eben kein deutscher Bundespolitiker, sondern ein Mann, der im Ausnahmefall, die richtige Entscheidung zu treffen vermag. Und die hat er jetzt getroffen, denn, so Kurz, die \u201eFP\u00d6 schadet unserem Land\u201c. Der 32-J\u00e4hrige h\u00e4tte eine Minderheitsregierung ausrufen k\u00f6nnen, die zweite in der Geschichte \u00d6sterreichs nach dem SP\u00d6-Kabinett Kreisky I im April 1970. So h\u00e4tte er sich zumindest den Posten des Kanzlers gerettet. Doch ganz so machtpolitisch denkt Kurz dann auch wieder nicht, wenn er jetzt Neuwahlen fordert. Denn damit wirft der Allrounder sein politisches Amt selbst in den Ring und kann nur hoffen, dass ihm die Wiederwahl gelingt.<\/p>\n<h6>Mit der SP\u00d6 will er nicht<\/h6>\n<p>Den Status des Saubermanns musste sich Kurz in der kurzen Koalition mit der FP\u00d6 immer wieder erarbeiten. Sein Kurs, ausgerechnet die rechtskonservative Haiderpartei zu adeln und sie in der Wiener Republik hoff\u00e4hig zu machen, hatte seine Sympathiewerte gerade im westeurop\u00e4ischen Ausland purzeln lassen. Allzu gern h\u00e4tte man ihn als \u201eBaby-Hitler\u201c abserviert und ins politische Nirwana geschossen. Doch Kurz f\u00e4hrt eben nicht auf Sicht, sondern denkt taktisch weiter, schmiedet schon Pl\u00e4ne f\u00fcr eine starke \u00d6VP, die nach den Neuwahlen politisch das Ruder an sich rei\u00dfen kann, ohne dabei von einem Koalitionspartner dauernd erpresst zu werden. Sei dieser nun die sich selbst demokratisch geoutete FP\u00d6 oder die SP\u00d6 unter der jungen, aber uncharismatischen Pamela Rendi-Wagner, die Kurz gleich nach Straches R\u00fccktritt ein politisches Fehlversagen konstatierte und ihren Machtanspruch formulierte. Statt politisch, die Entscheidung f\u00fcr Neuwahlen zu goutieren, wieder nur Lamento und Kritik der Sozialisten aus allen Kanonenrohren.<\/p>\n<p>Selbst im Augenblick des Neuanfangs erweist sich Rendi-Wagner als Miesepeter; sie h\u00e4tte die Macht sicherlich nicht so schnell aus der Hand gegeben. Und damit zeigt sich bereits jetzt: Rendi-Wagner ist Kurz nicht gewachsen, weder als Pers\u00f6nlichkeit noch als Politikerin, sie ist zu verspielt, zu vordergr\u00fcndig ehrgeizig, von einer ganz durchschaubaren Art machtbesessen, eine Katharina Schulze der Sozialdemokraten eben. Inhaltlich passen SP\u00d6 und \u00d6VP derzeit auch gar nicht zusammen, das hat Kurz klar und deutlich formuliert und einer derartigen Koalitionsgemeinschaft a priori eine Absage erteilt.<\/p>\n<h6>Keine deutschen Verh\u00e4ltnisse in \u00d6sterreich<\/h6>\n<p>Was Sebastian Kurz mit allem Nachdruck verhindern will, ist das Comeback einer Gro\u00dfen Koalition nach dem Vorbild Deutschlands oder der Vorg\u00e4ngerregierung unter Christian Kern (SP\u00d6), wo statt Bewegung und Aufbruch nur Stillstand und Streit regieren. Und mitten im Ausnahmezustand wirbt der Optimist Kurz schon wieder f\u00fcr seinen Kurs und f\u00fcr einen weiteren Aufbruch des Alpenlandes unter seiner Regentschaft. \u201eIch m\u00f6chte gerne f\u00fcr unser wundersch\u00f6nes Land arbeiten und zwar mit meinem politischen Zugang, mit meinem Kurs und auch mit der Unterst\u00fctzung der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Aber ganz ohne Einzelf\u00e4lle, Zwischenf\u00e4lle und sonstige Skandale. Ich glaube, dass das derzeit mit niemandem m\u00f6glich ist. Die FP\u00d6 kann es nicht, die Sozialdemokratie teilt meine inhaltlichen Zug\u00e4nge nicht, und die kleinen Parteien sind zu klein, um wirklich Unterst\u00fctzung sein zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Kurz bleibt es zu w\u00fcnschen, und \u00d6sterreich auch, dass die \u00d6VP beim Poker um die Macht letztendlich eine Mehrheit einf\u00e4hrt, hoffentlich auch mit vielen Stimmen, die fr\u00fcher an die FP\u00d6 verloren wurden. Denn: Kurz hat als Kanzler f\u00fcr \u00d6sterreich eine gute Politik gemacht und seine Wahlversprechen gehalten \u2013 und er hatte bei aller Schmach, die ihm auch pers\u00f6nlich durch die FP\u00d6 erwachsen ist \u2013 zumindest die Gr\u00f6\u00dfe, sich f\u00fcr die gemeinsame Regierungsarbeit zu bedanken. Eine gro\u00dfe Geste in diesem rasanten Zeiten. Aber es zeigt auch: Kurz ist ein Gentleman, der nicht, wie bei solch politischen Katastrophen und geheimdienstlichem Schmierentheater durchaus \u00fcblich, den einstigen Partner bis ins Blut hinein verteufelt. Das wei\u00df sein Wahlvolk auch und wird es ihm zugute halten.<\/p>\n<p><strong>Wird Bundeskanzlerin Angela Merkel neue EU-Kommissionspr\u00e4sidentin oder Ratspr\u00e4sidentin?<\/strong><\/p>\n<p>Die Spekulationen um die politische Karriere von Angela Merkel gehen weiter. Ist das Kanzleramt doch noch nicht die letzte Station der Bundeskanzlerin? Sie k\u00f6nnte m\u00f6glicherweise das Amt des Ratspr\u00e4sidenten oder des EU-Kommissionspr\u00e4sidenten f\u00fcr sich beanspruchen.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele hierzulande ist Angela Merkel die ewige Kanzlerin. Und f\u00fcr viele ist sie die Negativfolie von Fl\u00fcchtlingskrise, Deutschlandspaltung und letztendlich dem Aufschlag der AfD auf der politischen B\u00fchne. W\u00e4re Merkel 2015 mit ihrer Politik der offenen Tore etwas dezenter verfahren, h\u00e4tte sie innenpolitisch ihren Bonus nicht so schnell verspielt. Aber auch die potentielle Nachfolgerin im Amt, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer gilt innenpolitisch nicht als unbeschriebenes Blatt, nach der Europawahl, so wird gemunkelt, k\u00f6nnte sie den Staffelstab von Merkel \u00fcbernehmen und zur neuen H\u00fcrdenl\u00e4uferin im angespannten Deutschland werden. Ihr Manko allerdings, so zumindest h\u00f6rt man es aus internen CDU-Kreisen, ist der neue politisch-konservative Kurs. Anstatt ewiger Mitte wie in der Merkel-\u00c4ra will Kramp-Karrenbauer die Pole verschieben und der CDU jene Urspr\u00fcnglichkeit und Unvertretbarkeit zur\u00fcckgeben, die einst in der Nachfolge von Konrad Adenauer den Christdemokraten zu einem ungeahnten H\u00f6henflug verhalf.<\/p>\n<p><strong>Kanzleramts\u00fcbergabe an Annegret Kramp-Karrenbauer<\/strong><\/p>\n<p>Die CDU ist mit Merkel und trotz Kramp-Karrenbauer politisch angeschlagen, die Volkspartei schrumpft, die AfD vor Kraft strotzt und die Gr\u00fcnen sind auf der \u00dcberholspur. Die drei anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Th\u00fcringen werden zum Gradmesser und Seismographen der CDU: Schl\u00e4gt er zu weit rechts oder links aus, werden K\u00f6pfe rollen.<\/p>\n<p>Kramp-Karrenbauer als neue Bundeskanzlerin k\u00f6nnte sich dann im politischen Sturm erste politische Meriten verdienen und die innenpolitisch angeschlagene Kanzlerin aus der Schusslinie nehmen. Nach der Europawahl und nach der Landtagswahl in Sachsen bieten sich also gute Gelegenheiten f\u00fcr eine vorzeitige Kanzleramts\u00fcbergabe an Annegret Kramp-Karrenbauer.<\/p>\n<p>Doch es nicht so sehr die Alternative f\u00fcr Deutschland, die derzeit an den Grundfesten der Union r\u00fcttelt und ihr die W\u00e4hler massenweise abjagt, sondern die Gr\u00fcnen um Annalena Baerbock und Robert Habeck. In Personalunion k\u00f6nnte der komentenhafte Aufstieg der Gr\u00fcnen dem Erfolgsmodell der Union den Rang ablaufen.<\/p>\n<p><strong>Die gr\u00fcnen Revolution\u00e4re<\/strong><\/p>\n<p>Die gr\u00fcnen Revolution\u00e4re kommen nicht mehr mit Vollbart und M\u00fcsli um die Ecke, sondern sind Ausdruck einer b\u00fcrgerlichen Elite, Kinder des B\u00fcrgertums, die sich Klima und Freiheit auf die Fahnen geschrieben haben. Aber auch bei den Gr\u00fcnen gilt: Wer sich politisch wie j\u00fcngst Jung-Sozi Kevin K\u00fchnert zu extrem positioniert und mit seiner Sozialismus-Utopia-Idee einen ganzen Staat in die Raserei bringt, hat schlechte Karten. Robert Habeck sollte sich das hinter die Ohren schreiben, wenn auch er f\u00fcr Enteignungen pl\u00e4diert und allzu forsch die kritische Kapitalismuskeule schwingt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Jungen bei den Gr\u00fcnen und der SPD also den Aufstand proben, segelte die Kanzlerin lange Zeit in einem politischen Fahrwasser auf Sicht. Merkel war die kluge Taktikerin, die weniger durch originelle Ideen auffiel als mit einem Gef\u00fchl f\u00fcr das, was der Fall ist. Und Merkel machte Politik nicht mit Weitsicht, sondern eben aus dem Kalk\u00fcl heraus, was dem Mehrheitswillen entsprach. Damit konnte sie immer wieder punkten, das war quasi ihr Geheimrezept der Macht \u2013 und damit hatte sie mit einem 180-Grad-Kurwechsel immer wieder das Ruder an sich rei\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Merkel wird keine Lobbyistin<\/strong><\/p>\n<p>Taktisch klug auch ihr R\u00fcckzug auf Raten, denn Merkel war f\u00fcr viele nach 2015 zum Streit- und Hassobjekt geworden, zu einer Verwalterin ihrer eigenen Macht, zum Auslauf-Ego-Modell. Um \u00fcberhaupt noch die Kanzlerschaft in Deutschland zu wahren, hatte sie vor einigen Monaten taktisch clever ihren R\u00fcckzug angek\u00fcndigt und damit die W\u00e4hlergunst wieder gewonnen. Denn nun war klar: Merkel geht, aber sie kann ihre Nachfolge noch bewusst kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Merkel, die viel f\u00fcr Deutschland und noch mehr f\u00fcr die Vers\u00f6hnungskultur in Europa getan hat, k\u00f6nnte politisch abdanken und wie SPD-Kanzler Schr\u00f6der oder Joschka Fischer Lobbyist werden und Millionen in ihre Pensionskasse sp\u00fclen. Doch derart gepolt ist die n\u00fcchterne Frau mit protestantischem Pfarrershintergrund eben nicht. Merkel wird nicht ihr politisches Schwergewicht zugunsten eines Lobbyposten bei Gazprom oder einer dubi\u00f6sen Putinfirma aufs Spiel setzten, das passt einfach nicht zu ihrem politischen Credo. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Merkel die Berliner Republik verl\u00e4sst und an der Schaltstelle der Macht, im Br\u00fcsseler Apparat, erneut Karriere macht. Merkel in Br\u00fcssel, Merkel als Nachfolgerin von Donald Tusk \u2013 das sind Denk-und Planspielspiele, die nicht von der Hand zu weisen sind und die selbst in Br\u00fcssel auf der Wunschliste stehen.<\/p>\n<p><strong>Jean-Claude Juncker votiert f\u00fcr Merkel<\/strong><\/p>\n<p>So h\u00e4lt es der scheidende EU-Kommissionspr\u00e4sident Jean-Claude Juncker f\u00fcr w\u00fcnschenswert, dass die Bundeskanzlerin eine Rolle auf europ\u00e4ischer Ebene \u00fcbernimmt. \u201eIch kann mir \u00fcberhaupt nicht vorstellen, dass Angela Merkel in der Versenkung verschwindet.\u201c \u201eSie ist nicht nur eine Respektsperson, sondern ein liebenswertes Gesamtkunstwerk,\u201c so Juncker. Als versierte und kampferprobe Au\u00dfenpolitikerin, die federf\u00fchrend die Regierungschefs wie kleine Marionetten nach ihrem Gusto tanzen l\u00e4sst, die nicht nur Donald Trump Paroli bietet, die immer wieder die desperaten europ\u00e4ischen Politiker zur Harmonie zwingt und auf Kurs bringt, steht Sie f\u00fcr einen Pragmatismus mit eiserner Hand, wie man diesen nur noch von Margaret Thatcher, der englischen Eisernen Lady kennt. Derartige Durchschlagskraft w\u00e4re in einem Europa mit dem Brexit als Damoklesschwert eine sichere Bank daf\u00fcr, dass die EU-L\u00e4nder nicht noch weiter auseinander diffundieren. Juncker zumindest ist sich sicher: Merkel w\u00e4re f\u00fcr ein m\u00f6gliches EU-Amt hochqualifiziert.<\/p>\n<p><strong>Chef von Davos w\u00fcnscht sich Bundeskanzlerin<\/strong><\/p>\n<p>Zwar wollte Merkel nach ihrer Amtszeit als deutsche Regierungschefin keine politischen \u00c4mter mehr \u00fcbernehmen, doch vielleicht will sie einfach nur darum gebeten werden. Und dies wei\u00df Stratege Juncker selbstredend und will keinesfalls, dass seine Kanzlerin in der Bodenlosigkeit verschwindet. Dies sei, so Juncker, dessen Amtszeit am 31. Oktober endet, auch f\u00fcr ihn die denkbar beste Alternative. Nach der Europawahl wird nicht nur die Stelle des EU-Kommissionspr\u00e4sidenten vakant, sondern auch die von EU-Ratspr\u00e4sident Donald Tusk. Aber nicht nur Juncker k\u00f6nnte sich Merkel an der Schaltstelle in der Br\u00fcsseler Machtzentrale vorstellen, auch f\u00fcr den Chef und Gr\u00fcnder des Weltwirtschaftsforums von Davos, Claus Schwab, w\u00e4re die deutsche Protestantin eine Traumbesetzung. \u201eIch sehe niemanden au\u00dfer ihr, der das k\u00f6nnte\u201c. Und er legt nach: Europa brauche Reformen, aber vor allem eine starke, staatsm\u00e4nnische F\u00fchrung, um die EU zusammenzuhalten. &#8222;Ich sehe niemanden au\u00dfer ihr, der das k\u00f6nnte\u201c.<\/p>\n<p><strong>Manfred Weber<\/strong><\/p>\n<p>Doch im politischen Karussell um die Nachfolge des EU-Kommissionspr\u00e4sidenten schickt die EVP ihren Spitzenkandidaten Manfred Weber ins Rennen. Weber ist ein Mann der Mitte, ein Br\u00fcckenbauer, dem eine tiefe Aversion gegen Anti-Demokraten im Blut liegt. Putin, Orban und Erdogan spielen auf der Klaviatur seines Europas keine Rolle. Der Niederbayer gilt als umsichtig, ist den M\u00fchen der Ebene entsprungen, erobert sich aber nicht leichtfertig das politische Parkett. Selbst wenn er als erfahrener Europolitiker gilt, der sich seine Meriten im Europ\u00e4ischen Parlament errungen hat, wirkt er doch zu gewollt, ein wenig zu harmonies\u00fcchtig und letztendlich doch, wenn es um andere Meinungen geht, als Hardliner, der die kritischen Stimmen Europas nicht einzufangen vermag, sondern die Gr\u00e4ben noch vertiefen k\u00f6nnte. Rhetorisch brilliert er nicht, sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Europa klingt wie ein einstudierter Singsang, der ewig die gleichen Floskeln beschw\u00f6rt und im Tenor \u201eAlles wird gut\u201c meistens endet. Weber hatte nie Regierungsverantwortung und damit scheint Merkel doch die bessere Alternative. Zumal Merkel mit Weber nicht nur in Sachen T\u00fcrkeikurs oder bei Nordstream 2 \u00fcbereinstimmt, sondern bei diesem heiklen Themen ohnehin die bessere Vermittlerin beim Diskurs mit den Autokraten w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Franz Timmermanns<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mehr politisches Charisma steht der niederl\u00e4ndische SPD-Politiker Franz Timmermans. Der 57-j\u00e4hrige, der sieben Sprachen perfekt spricht, ist ein politisches Urtier, war Erster Vizepr\u00e4sident und EU-Kommissar f\u00fcr Bessere Rechtssetzung, interinstitutionelle Beziehungen, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechtecharta in die EU-Kommission. Der humorvolle und stets um Ausgleich bem\u00fchte Timmermans war sowohl f\u00fcr die Er\u00f6ffnung des Verfahrens gegen\u00fcber Polen sowie f\u00fcr die EU-Klage gegen Ungarn vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof verantwortlich.<\/p>\n<p>Und Timmermanns ist Patriot und Europ\u00e4er zugleich ein \u201epatriotischer Europ\u00e4er\u201c eben, der seine Bewerbung als SPE-Spitzenkandidat nicht in Br\u00fcssel, sondern in einer Kneipe in seiner Heimatstadt Heerlen bekannt gab.<\/p>\n<p>\u201eSuper-Franz\u201c kennt keine Starall\u00fcren, ist der heimatlichen Scholle ebenso verbunden wie der weiten Welt Europas. Als erfahrener Au\u00dfenpolitiker wird er nicht nur in den Reihen der deutschen Sozialdemokratie gesch\u00e4tzt, nicht zuletzt f\u00fcr seinen Kampf um die Arbeiterrechte.<\/p>\n<p>Doch sehr Timmermanns als Pers\u00f6nlichkeitsmodell \u00fcberzeugt, die Sozialdemokraten haben derzeit auch in Europa schlechte Karten, denn die christdemokratische EVP f\u00fchrt derzeit in den Umfragen und damit steigen auch die Chancen f\u00fcr die Bundeskanzlerin.<\/p>\n<p>Nach einer Umfrage vor den Europawahlen haben Konservative und Sozialdemokraten derzeit keine Mehrheit innerhalb der EU-Volksvertretung. Derzeit k\u00e4me die EVP auf 188 Sitze, die Sozialdemokraten auf 142 und die Liberalen auf 72, die Gr\u00fcnen auf 51, die Linken auf 49 und die rechtsgerichtete EU-kritische Allianz aus ENF, ECR und EFDD k\u00e4me mit 144 Mandaten gar auf Platz 2 hinter der EVP. Kurzum: EVP und SPE br\u00e4uchten die Unterst\u00fctzung anderer Fraktionen. Und die dann als Mehrheitsbeschaffer infrage kommenden Liberalen und Gr\u00fcnen k\u00f6nnten als Gegenleistung auf einen anderen Kandidaten als Weber bestehen. Zum Beispiel auf die d\u00e4nische EU-Kommissarin Margrethe Vestager.<\/p>\n<p>Doch die engagierte d\u00e4nische Pastorentocher und Politikerin der sozialliberalen Partei Radikale Venstre (RV) und derzeitige EU-Kommissarin f\u00fcr Wettbewerb, die Giganten wie Google, Amazon und Facebook zum Wanken bringt und Konzerne wie Fiat-Chrysler und Starbucks auf 30 Mio. Euro Steuernachzahlung verklagt, die Frau, die Apple und Google hassen, hat noch ein wenig Zeit, sich politisch Meriten zu verdienen.<\/p>\n<p>Bleibt also noch Donald Tusk und das Amt des EU-Ratspr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p><strong>Nachfolgerin von Tusk?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Merkel politisch interessant w\u00e4re auch der Posten des EU-Ratspr\u00e4sidenten, der seit 2014 in der Hand des Polen Donald Tusk liegt. Der Pole, der sieben Jahre als Ministerpr\u00e4sident seines Landes regierte und dessen Amtszeit im November endet, war Anh\u00e4nger von Lech Walesa und seiner Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc; er schlug sich als Bauarbeiter und Brotverk\u00e4ufer durch. Er kennt es also das Leben in den M\u00fchen der Ebene. Auch Tusk gilt als \u00fcberzeugter Europ\u00e4er, als einer, der das Herz auf der Zunge tr\u00e4gt, der manchmal ungelenk und unumwunden, sein politisches Credo verk\u00fcndet. Tusk ist Europapolitiker und Geopolitiker in einem, verk\u00f6rpert die transatlantische Idee, k\u00e4mpft f\u00fcr das Erstarken Osteuropas und pl\u00e4diert f\u00fcr die westlichen Werte ohne Despoten wie Putin, der ihm als Antiliberaler und Despot gilt.<\/p>\n<p>Tusk gilt seit 2014 als das frische Gesicht Europas, der sogar Barack Obama damals begeisterte. In der Nachfolge von Herman von Rompuy brachte er frischen Wind nach Br\u00fcssel. Und er war alles in Personalunion: ein leidenschaftlicher Politiker, Demokrat und ein Tr\u00e4umer Europas. Legend\u00e4r seine Wutrede auf die Brexitbef\u00fcrworter, wo sich Tusk ausmalte, wie der spezielle Platz in der H\u00f6lle f\u00fcr diejenigen aussehen k\u00f6nnte, die den Brexit wollten, ohne auch nur eine Idee davon zu haben, wie sich das sicher erreichen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Doch auch am Ende seiner Amtszeit bleiben seine gro\u00dfen Projekte offen. Noch gibt es keinen endg\u00fcltigen Frieden in der Ukraine \u2013 eine Bitterkeit f\u00fcr einen, der immer wieder f\u00fcr Rechtsstaatlichkeit und Unabh\u00e4ngigkeit stritt.<\/p>\n<p>Dennoch Tusk hat die letzten Jahre Europa entscheidend mitgepr\u00e4gt und sein Nachfolger muss diese gro\u00dfen Fu\u00dfstapfen erst ausf\u00fcllen. Das w\u00e4re immerhin eine Chance f\u00fcr die versierte Europapolitikerin Merkel.<\/p>\n<p>Wenn Merkel tats\u00e4chlich am 1. Dezember die Nachfolge von Tusk antritt, m\u00fcsste sie sich auch nicht vom Europ\u00e4ischen Parlament best\u00e4tigten, denn sie k\u00f6nnte sich von den Staats- und Regierungschefs w\u00e4hlen lassen. F\u00fcr ihre Wahl w\u00e4re eine qualifizierte Mehrheit ausreichend, Gegenstimmen aus Italien, Ungarn, \u00d6sterreich, Polen, Tschechien und Estland nicht hinreichend.<\/p>\n<p><strong>Die schwarzen Schafe der EU <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft. Das muss die EVP mit der Fidesz-Partei leidlich erfahren. Doch auch die Sozialisten haben genug Probleme in den eigenen Reihen. Nur im Unterschied zur EVP werden die schwarzen Schafe bei der SPE nicht suspendiert. Am 26. Mai wird in Europa gew\u00e4hlt, da lohnt sich ein Blick auf die Parteienlandschaft und die \u201clupenreinen\u201d Demokratien in der EU.<\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/15747-die-fadenscheinigen-demokraten-europas\">Foto: Stefan Gro\u00df<\/a><\/p>\n<h1>Viktor Orb\u00e1n und die Europ\u00e4ischen Volkspartei<\/h1>\n<p><em>Viktor Orb\u00e1n ist so etwas wie eine personifizierte No-Go-Area. Ungarns Regent gilt als eigenwillig, restriktiv \u2013 ein Hardliner durch und durch. Doch so sehr sein Eigenwille im Westen Europas geschm\u00e4ht, sein Name unbeirrbar mit der Legitimation einer \u201eilliberalen Demokratie\u201c in Verbindung gebracht und er immer wieder als nicht lupenreiner Demokrat mit wei\u00dfer Weste markiert in die Putinecke gestellt wird \u2013 die Ungarn lieben ihn.<\/em><\/p>\n<p>Auch die CSU liebte ihn einst, verg\u00f6tterte ihn nach der Fl\u00fcchtlingskrise buchst\u00e4blich und huldigte Orb\u00e1n wie einen Messias. Doch in der neuen F\u00fchrungsriege ist f\u00fcr den Chef der Fidesz-Partei kein Platz. Und im Lager der konservativen Europagruppe auch nicht, denn in den Reihen der Europ\u00e4ischen Volkspartei (EVP) hat Orb\u00e1n schlechte Karten. In Br\u00fcssel und Stra\u00dfburg sieht man den L\u00f6wen aus Ungarn, der nur zu gern die Revolte gegen den europ\u00e4ischen Einheitsbrei probt, unbeirrbar auf Nationalkurs f\u00e4hrt und den Aufstand gegen Georges Soros als pers\u00f6nliches Anti-Thema immer wieder inszeniert, am liebsten von hinten oder gar nicht. Und in der Tat geht Orb\u00e1n immer auf Konfrontation und zerschl\u00e4gt das Porzellan der Br\u00fcsseler B\u00fcrokratie. Die hatte zuletzt die Rei\u00dfleine gezogen und den Aufwiegler samt seiner Partei im Europaparlament erst einmal suspendiert. Doch Orb\u00e1n, im eigenen Land wie ein Nationalheld gefeiert, gerade weil er Volk, Vaterland, Nation und das Christentum verteidigt, z\u00fcndelt weiter. Ungarn bleibt, von den Visegr\u00e1d-Gruppe abgesehen, die im Orchester der Europ\u00e4ischen Union immer wieder f\u00fcr Misst\u00f6ne sorgen und das Gesamtkunstwerk mit Disharmonie anstatt mit durchgepeitschter Harmonie erf\u00fcllen, das Stiefkind des europ\u00e4ischen Einigungsprozesses \u2013 zumindest auf der schwarzen Liste der EVP-Fraktion. Doch wer nun glaubt, dass die konservative EVP die einzige ist, die schwarze Schafe in ihrem B\u00fcndnis tr\u00e4gt, der irrt.<\/p>\n<p>Denn ganz so lupenrein geht es weder bei der SPD noch der FDP \u2013 zumindest in Europa \u2013 zu. Unter den 750 Parlamentariern, die zur \u201eFreude\u201c der Steuerzahler zwei Parlamente, eins in Stra\u00dfburg, eins in Br\u00fcssel, mit hohem Kostenaufwand bespielen, finden sich in den Reihen der europ\u00e4ischen SPE-Fraktion gleich mehrere schwarze Schafe. Den Vorwurf, nichtdemokratische, antiliberale Elemente innerhalb der Parteienfamilie mitzuf\u00fchren, muss sich somit auch die Sozialdemokratische Partei Europas (SPE) gefallen lassen. Auch wenn man dies in den Reihen von Ex-Pr\u00e4sident Martin Schulz ungern h\u00f6rt. Auch hier ist es wieder der Ostblock, der immer wieder f\u00fcr Schlagzeilen mit seinen unartigen Kindern wie Rum\u00e4nien, Bulgarien und der Slowakei sorgt.<\/p>\n<h6>Die rum\u00e4nische Regierungspartei \u201ePartidul Social Demokrat\u201c<\/h6>\n<p>In der Top-Liste der Illiberalit\u00e4t kommt der rum\u00e4nischen Regierungspartei \u201ePartidul Social Demokrat\u201c (Sozialdemokratische Partei, PSD) ein pr\u00e4destinierter Platz zu. Die PSD unter Parteichef Liviu Dragnea trieft vor Korruption, pl\u00fcndert das Land aus und schaufelt sich das Geld in die eigenen Taschen. Federf\u00fchrend beim korrupten Poker um die Macht ist Parlamentspr\u00e4sident Dragnea h\u00f6chst selber. Selbst wegen Wahlf\u00e4lschung 2016 mehrfach angeklagt, scheint er die Inkarnationen des B\u00f6sen in Personalunion. Nicht nur mit seiner Cliquenwirtschaft schadet er dem ohnehin armen Land, sondern mit seinem Versuch, die unabh\u00e4ngige Justiz f\u00fcr sich zu vereinnahmen, ger\u00e4t er immer wieder in die Schlagzeilen. Auch der kritische Journalismus kann in Rum\u00e4nien keinen Fr\u00fchling feiern, die Presse wird drangsaliert und erlebt Repressalien. So verwundert es kaum, dass der j\u00fcngste Fortschrittsbericht der EU-Kommission in Sachen unabh\u00e4ngiger Justiz und Rechtsstaat entsprechend miserabel ausfiel \u2013 zumal das Europ\u00e4ische Amt f\u00fcr Betrugsbek\u00e4mpfung Liviu Dragnea Unterschlagung von EU-Mitteln vorwirft.<\/p>\n<h6>Die bulgarische \u201eBulgarska Sotsialisticheska Partiya<\/h6>\n<p>Nicht besser steht es um die bulgarische \u201eBulgarska Sotsialisticheska Partiya\u201c (Bulgarische Sozialistische Partei, BSP) um Sergej Stanischew. Der ehemalige Ministerpr\u00e4sident und derzeitige Vorsitzende der SPD, als Kind eines hohen kommunistischen Parteifunktion\u00e4rs in der Sowjetunion geboren, ist in Sachen Korruption kein unbeschriebenes Blatt. Zahlreiche Korruptionsf\u00e4lle unter seiner \u00c4gide hatten kurz nach dem Beitritt der Bulgaren dazu gef\u00fchrt, dass die EU dem Land die EU-Mittel gestrichen wurden. Doch damit nicht genug: Sergej Stanischew ist tief in mafi\u00f6se und illegale Gesch\u00e4fte verwickelt und versucht gar Mafiastrukturen innerhalb des Inlandgeheimdienstes zu installieren. Doch Bulgariens Verbindungen in die kriminelle Unterwelt geh\u00f6ren bis heute zu den \u2013 auch von Seiten der deutschen SPD \u2013 nicht kritisierten Machenschaften.<\/p>\n<h6>Die slowakische Smer<\/h6>\n<p>Auch die slowakische Smer geh\u00f6rt nicht unbedingt in den Kanon dessen, was man unter einer demokratischen Partei versteht. Vor 10 Jahren wurde sie aufgrund ideologischen Abweichlertums aus der SPE ausgeschlossen \u2013 der Grund damals \u2013 eine Koalition mit den Rechtsextremen. 2018 kam die Partei des Gr\u00fcnders und ehemaligen Ministerpr\u00e4sident Robert Fico wieder ins Gerede. Nach der Ermordung des Investigativ-Journalisten J\u00e1n Kuciak f\u00fchrte die Spur obskurer Hinterm\u00e4nner bis in die Regierungsebene hinein.<\/p>\n<p>In Sachen Einwanderung f\u00e4hrt Smer, \u00e4hnlich wie Fidesz, auf einem antieurop\u00e4ischen Kurs. In der Slowakei ist die Angst vor den Muslimen riesengro\u00df, da man sie \u00fcberhaupt nicht f\u00fcr integrationsf\u00e4llig h\u00e4lt. Nach den Terroranschl\u00e4gen in Paris forderte Fico sogar, jeden einzelnen Muslim im Land \u00fcberwachen zu lassen. Die Smer, die mal links- mal nationalistisch politisch auf Kurs ist, sch\u00fcrt selbst immer wieder die Angst vor \u00dcberfremdung in das Sozialsystem, warnt vor Parallelgesellschaften und lehnt die Aufnahme von muslimischen Fl\u00fcchtlingen als Einwanderern ab. Und dies ganz getreu der Maxime: Ohne muslimische Zuwanderung w\u00e4ren K\u00f6ln und Paris nie geschehen.<\/p>\n<p>Kurzum: Nicht nur die EVP hat schwarze Schafe in den eigenen Reihen, die in Sachen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einiges zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen. Ach die SPE kann sich daher nicht weit hinauslehnen, wenn man bedenkt, wer in ihren Reihen politisch am Ruder ist.<\/p>\n<h1><strong>Wir m\u00fcssen in die Digitalisierung investieren<\/strong><\/h1>\n<p>Die Digitalisierun ist eine gro\u00dfe Herausforderung, sagt der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Gesch\u00e4ftskunden Telekom Deutschland, Hagen Rickmann, im Gespr\u00e4ch mit dem The European. &#8222;Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, nur \u00fcber die Risiken zu diskutieren. Sonst schaffen andere Fakten. Die deutsche und europ\u00e4ische Wirtschaft hat alle Tr\u00fcmpfe in der Hand, so Rickmann.<\/p>\n<p><strong>Wo sehen Sie die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen f\u00fcr die Digitalisierung f\u00fcr Unternehmen, gerade f\u00fcr die Telekom?<\/strong><\/p>\n<p>Die digitale Transformation ist eine gro\u00dfe Herausforderung. F\u00fcr jedes Unternehmen, auch f\u00fcr die Telekom. F\u00fcr mich ist entscheidend:, dass der Chef sich darum k\u00fcmmert. Ich komme aus dem Norden, der Kapit\u00e4n muss steuern, die Richtung vorgeben. Dann wei\u00df die Crew, was zu tun ist. Ich kann nur empfehlen, sich erreichbare Ziele zu stecken. Sich in Etappen, in Schritten dem gro\u00dfen Ziel zu n\u00e4hern. Ausprobieren, Fehler machen, gegensteuern. Bis die Einzelteile langsam ein Bild ergeben. Das h\u00f6rt sich einfach an, ist es aber nicht. Fehler zulassen ist f\u00fcr die wenigsten Unternehmen selbstverst\u00e4ndlich. Wenn die Unternehmenskultur daf\u00fcr nicht offen ist, nutzt der beste Plan nichts. Das gilt f\u00fcr die Telekom wie f\u00fcr ein Kleinunternehmen. Zuerst geht es darum, Angst zu nehmen. Wer Fehler zul\u00e4sst, schafft das notwendige Vertrauen. Das ist die Basis. Nat\u00fcrlich muss ein Unternehmen auch die erforderliche Kompetenz aufbauen. Gelingt es dar\u00fcber hinaus, eine 360-Grad-Sicht auf den Kunden zu bekommen, dem Kunden das richtige Erlebnis zu vermitteln, stehen die Chancen auf Erfolg gut. Nachhaltigkeit gibt es nur, wenn man immer wieder die Perspektive wechselt, hinterfragt, Dinge neu denkt.<\/p>\n<p><strong>Nun reden alle von Digitalisierung, aber gerade im l\u00e4ndlichen Raum ist Deutschland, was Geschwindigkeit und Verf\u00fcgbarkeit betrifft, kein Vorzeigeland. Einige L\u00e4nder in Afrika und in Osteuropa sind in Sachen Internet Deutschland weit voraus! Was machen wir falsch?<\/strong><\/p>\n<p>Solche Vergleiche genie\u00dfe ich mit Vorsicht. Land ist nicht gleich Land. Deutschland steht so schlecht nicht da. Aber es stimmt, fl\u00e4chendeckender Breitbandausbau ist eine Herausforderung. Daran arbeiten wir mit Hochdruck. F\u00fcr den notwendigen Tiefbau setzen wir schon Mensch und Material aus dem Ausland ein, weil die Kapazit\u00e4ten hierzulande ersch\u00f6pft sind. Jedes Jahr investiert die Telekom f\u00fcnf Milliarden Euro. Davon flie\u00dft der L\u00f6wenanteil in den Breitbandausbau. Im Festnetz bauen wir das bestehende Glasfasernetz von \u00fcber 500.000 Kilometer 2019 um weitere rund 60.000 Kilometer aus. Und nicht nur in Gro\u00dfst\u00e4dten und Ballungsgebieten, sondern auch auf dem Land. Wir wollen 3.000 Gewerbegebiete mit Glasfaser versorgen. Das sind dann bis zu 80 Prozent der Unternehmensstandorte in den Gewerbegebieten mit ca. 400.000 Unternehmen und mit Millionen Arbeitnehmern.<\/p>\n<p><strong>Und was erwarten Sie sich von 5G?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>5G ist nicht einfach ein weiteres Netz. Unternehmen brauchen 5G f\u00fcr die Wertsch\u00f6pfung ihrer Produkte. Wir brauchen 5G f\u00fcr das Internet der Dinge, die Steuerung von autonomen Maschinen oder Smart Cities. 5G wird extrem hohe Datenraten erm\u00f6glichen. Damit k\u00f6nnen Unternehmen zum Beispiel hochaufl\u00f6sende Bilder von Anlagen und Ger\u00e4ten ihren Wartungstechnikern vor Ort bereitstellen \u2013 auch wenn sich viele weitere Nutzer das Netz teilen. Was f\u00fcr die Industrie besonders wichtig ist, sind die verl\u00e4sslich geringen Latenzzeiten von 5G. Also die Reaktion des Netzes quasi in Echtzeit. Diese Eigenschaften sind f\u00fcr k\u00fcnftige Schl\u00fcsseltechnologien n\u00f6tig \u2013 etwa f\u00fcr Industrie 4.0, autonomes Fahren und virtuelle Realit\u00e4ten. Ein aktuelles Beispiel auf dem Weg dahin ist das Campus-Netz von Osram. Der Kunde baut mit uns ein eigenes Netz auf seinem Werksgel\u00e4nde in Schwabm\u00fcnden auf. Im gemeinsamen Projekt kombinieren wir ein \u00f6ffentliches und ein privates LTE-Netzwerk zu einer gemeinsamen Infrastruktur. Dies garantiert eine optimale Versorgung mit Mobilfunk nach au\u00dfen und innen. Das private LTE-Netz nutzt OSRAM f\u00fcr sich allein. K\u00fcnstliche Intelligenz erg\u00e4nzt das Campus-Netz. Um Material verz\u00f6gerungsfrei in die oder und aus der Produktion zu transportieren, nutzt OSRAM fahrerlose Transportsysteme. Bisher mussten Mitarbeiter daf\u00fcr durch eine Schleuse mit zus\u00e4tzlicher Quarant\u00e4ne. In der daf\u00fcr notwendigen Zeit ist der Roboter schon wieder auf dem R\u00fcckweg. Sobald 5G zur Verf\u00fcgung steht, wird es noch interessanter, weil noch schneller.<\/p>\n<p><strong>Warum tut sich der Mittelstand mit der Digitalisierung zu schwer? Und warum setzen Sie gerade auf den Mittelstand als k\u00fcnftigen Motor der Digitalisierung?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Studien von Bitkom kommen da zu einem ganz anderen Ergebnis: 78 Prozent der mittelst\u00e4ndischen Unternehmen verfolgen bereits eine konkrete Digitalisierungsstrategie. Sie haben die Investitionen f\u00fcr digitale L\u00f6sungen deutlich gesteigert. Der Mittelstand digitalisiert also. Er ist f\u00fcr Deutschland und f\u00fcr uns so wichtig, da der Mittelstand 56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Mittelstand erwirtschaftet. Deshalb hei\u00dft es auch: Der Mittelstand ist das R\u00fcckgrat der deutschen Wirtschaft.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen im Zusammenhang von Digitalisierung auch davon, dass\u00a0wir die Wertediskussion mit beachten m\u00fcssen. Aber wie vertragen sich Werte mit Wirtschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Wir als Deutsche Telekom sind einer der Treiber in der Digitalisierung. Wir wollen f\u00fcr unsere Kunden der beste Partner sein. Deshalb \u00fcbernehmen wir auch digitale Verantwortung. Alle Facetten haben wir heute dazu noch gar nicht umrissen und haben daher noch keine abschlie\u00dfende Antwort. Es kann zum Beispiel die Verantwortung f\u00fcr den vertraulichen Umgang mit den Daten der Kunden sein. Oder wie wir mit k\u00fcnstlicher Intelligenz umgehen wollen. Die Telekom ist das erste Unternehmen im DAX mit ethischen Grunds\u00e4tzen f\u00fcr KI. Nach diesen Grunds\u00e4tzen wollen wir unsere Produkte und Services auf Basis von k\u00fcnstlicher Intelligenz k\u00fcnftig entwickeln. Das schafft Transparenz und damit Vertrauen.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen\u00a0von\u00a0digitaler Kultur, was ist darunter zu verstehen? Wie kann man den Menschen die Angst vor dem Digitalen nehmen? Schafft die Digitalisierung nicht den Menschen ab?<\/strong><\/p>\n<p>Digitale L\u00f6sungen ersetzen nicht nur Arbeitspl\u00e4tze, sie schaffen auch neue. So war es in der industriellen Revolution mit der Dampfmaschine und der Elektrizit\u00e4t. Und so verh\u00e4lt es sich auch in der heutigen digitalen Revolution. Nat\u00fcrlich lassen sich einzelne T\u00e4tigkeiten in Berufen automatisieren, aber eben nicht alle. Menschliche F\u00e4higkeiten k\u00f6nnen Maschinen nicht so einfach \u00fcbernehmen. Die Mitarbeiter der Zukunft m\u00fcssen flexibel, lernbereit und vor allem sehr gut qualifiziert sein. Sie werden nicht konkurrieren, wo Maschinen besser sind. Aber es gibt Bereiche, da k\u00f6nnen Maschinen nur schwer konkurrieren. So setzen wir K\u00fcnstliche Intelligenz schon im Kundenservice ein, sto\u00dfen bei Empathie aber immer wieder an Grenzen. Unsere Kunden ziehen den Menschen hier der Maschine vor. Unternehmen nehmen den Mitarbeitern die Angst vor Technik, wenn sie aufzeigen, wo die Reise hingeht, wie sie aussieht und wie der oder die Einzelne auf die Reise mitgenommen wird. Und genau dieses \u201eSkill Management\u201c haben wir fest in unserer Unternehmensstrategie verankert.<\/p>\n<p><strong>In Ihren Vortr\u00e4gen f\u00e4llt oft der Name des \u00f6sterreichischen National\u00f6konomen Joseph\u00a0Schumpeter. Welche Bedeutung hat sein Denken f\u00fcr die Digitalisierung? Was verstehen Sie hier unter sch\u00f6pferischer Zerst\u00f6rung?<\/strong><\/p>\n<p>Sehr vereinfacht dargestellt, ist f\u00fcr Schumpeter Innovationskraft immer Ausl\u00f6ser einer kreativen Zerst\u00f6rung. Das bedeutet, etwas Altes, Bestehendes muss weichen, um etwas Neuen Platz zu machen. Wir haben das in vielen Teilen unseres Lebens schon gesehen: von der Schallplatte \u00fcber Kassetten und CD zur Playlist auf dem Handy. Oder bei Netflix: Das Unternehmen startete vor 20 Jahren als Videothek und verschickte seine damals 925 Filme per Post. Heute ist es der weltweit f\u00fchrende Streaming-Dienst. Digitalisierung macht aus etwas Gegenst\u00e4ndlichen Software. So entstehen v\u00f6llig neue Gesch\u00e4ftsmodelle und Wertsch\u00f6pfungsketten. Oft werden dabei die anfallenden Daten wertvoller als das eigentliche Produkt. Das Betriebssystem Android gibt\u2019s kostenlos. Geld erwirtschaftet Google mit Werbung und den anfallenden Daten. Nur noch wenige wollen Rechnung am Bankschalter bezahlen. Deshalb gibt es weniger Filialen, daf\u00fcr mehr Beratung per Telefon oder Internet.<\/p>\n<p><strong>Sie haben gesagt: \u201eWer sich nicht um die Digitalisierung k\u00fcmmert, kommt morgen gar nicht mehr vor\u201c. Was haben wir darunter zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Das klingt sehr hart, das habe ich aber durchaus so gemeint. Wer nicht digitalisiert, ist weg vom Fenster. Schauen Sie sich die so genannten Millennials an. Ist ein Unternehmen nicht \u00fcber Website und Soziale Medien erreichbar, existiert es f\u00fcr diese Gruppe nicht. So verliert man sie als m\u00f6gliche Bewerber- oder K\u00e4ufergruppe. Und nur mit mit einem Online\u2014Auftritt ist es nicht getan. Die Prozesse dahinter m\u00fcssen durchg\u00e4ngig digital sein. Selbst bei so erfolgreichen Unternehmen wie Apple ist der Druck immens. Wir alle kennen die Erfolgsgeschichte des iPhones und die damit verbundene digitale Revolution in fast allen Lebensbereichen. Aber ausruhen, kann sich auch Apple nicht. Es gilt f\u00fcr die gro\u00dfen wie die kleinen Unternehmen: Wer sich nicht immer wieder neu erfindet, verschwindet.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt China beim Prozess der Digitalisierung?<\/strong><\/p>\n<p>Chinas Rolle ist enorm. Ein ehemals r\u00fcckst\u00e4ndiges Land \u00fcberspringt durch Digitalisierung einige Entwicklungsschritte und katapultiert sich neben den USA an die Spitze der Bewegung. Die USA haben Google, Amazon und Facebook. In China hei\u00dfen die Pendants Baidu, Alibaba und Tencent. Die Nutzerbasis der chinesischen Anbieter ist im eigenen Land um ein Vielfaches h\u00f6her, als das ihrer Pendants in den USA. Allein durch die schiere Gr\u00f6\u00dfe der Bev\u00f6lkerung. Im Sommer 2017 stellte die chinesische Regierung ein Programm f\u00fcr K\u00fcnstliche Intelligenz vor. Um f\u00fcr gen\u00fcgend Fachkr\u00e4fte zu sorgen, steht ein Jahr danach in einigen Schulen KI auf dem Stundenplan. Das Land pumpt unglaubliche Summen in die Digitalisierung. Das befeuert die digitale Transformation in einer Weise, von der wir hier nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Immer wieder ist Amerika Vorreiter bei der Digitalisierung, Europa und Deutschland scheinen hier einen Trend verpasst zu haben! K\u00f6nnen wir, und wie, noch aufschlie\u00dfen?<\/strong><\/p>\n<p>Im Privatkundengesch\u00e4ft haben die USA Europa abgeh\u00e4ngt. Unsere Chance \u2013 und damit meine ich Europa\u00a0und Deutschland \u2013 ist die Digitalisierung der Industrie. Da k\u00f6nnen wir noch etwas bewegen. Im industriellen Umfeld stellt Deutschland viele Weltmarktf\u00fchrer, viele so genannte \u201ehidden champions\u201c. Und viele von denen gehen das Thema Digitalisierung \u2013 teils von der \u00d6ffentlichkeit v\u00f6llig unbemerkt \u2013 auch beherzt an. Die USA dominieren im Konsumentengesch\u00e4ft. Ihnen helfen ihr Optimismus und Fortschrittsglaube. China setzt digitale \u00d6konomie autokratisch durch \u2013 ohne lange zu fackeln. Europa und Deutschland haben die besten Chancen im industriellen Umfeld. Gerade beim Business-to-Business sehe ich noch viel Potenzial. Hier gibt es gro\u00dfe Wachstumsraten im Markt: bei IT und Cloud von rund 20 Prozent bis 2022. Oder beim Internet der Dinge mit bis zu 23 Prozent in den n\u00e4chsten vier Jahren. Und nat\u00fcrlich auch die Chancen, die sich f\u00fcr Unternehmen aus 5G ergeben.<\/p>\n<p><strong>Kurzum: Digitalisierung \u2013 Chance oder Risiko?<\/strong><\/p>\n<p>Eindeutig Chance. Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, nur \u00fcber die Risiken zu diskutieren. Sonst schaffen andere Fakten. Die deutsche und europ\u00e4ische Wirtschaft hat alle Tr\u00fcmpfe in der Hand. Wir haben eine starke Industrie, viele Weltmarktf\u00fchrer im Mittelstand. Und genau hier findet die zweite H\u00e4lfte der Digitalisierung statt. Ich bin sehr optimistisch, dass Europa und Deutschland ihre St\u00e4rken nutzen werden.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>In der Gro\u00dfen Koalition setzt die SPD entscheidende Impulse<\/h1>\n<p>The European traf die bekannte SPD-Politikerin und Prefessorin Gesine Schwan zum Interview und sprach mit ihr \u00fcber den Brexit, die Zukunft der SPD, \u00fcber die AfD und das Ph\u00e4nomen Greta Thunberg.<\/p>\n<p><strong>Frau Prof. Schwan: Was halten Sie vom britischen Durcheinander und was w\u00fcnschen Sie sich perspektivisch f\u00fcr die Briten?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist zu allererst nat\u00fcrlich eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr Gro\u00dfbritannien selbst, aber auch f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union und es zeigt wie verantwortungslose Politik, und zwar auf der Seite der Konservativen Partei, seit Jahren sowohl in materieller als auch geistiger Hinsicht wahnsinnige Sch\u00e4den anrichten kann, die dem kulturellen Zusammenhalt der Gesellschaft schaden. Die Labor Party handelt nicht entschieden und konstruktiv genug, weil ihre Haltung gegen\u00fcber der EU ja etwas ambivalent ist. Das kann man alles argumentativ nachvollziehen. Aber insgesamt hat dieses Durcheinander schon sehr hohe psychische und materielle Kosten verursacht. Perspektivisch w\u00fcnsche ich mir eine bessere Verst\u00e4ndigung innerhalb der britischen Gesellschaft. Vielleicht ist ein neues Referendum n\u00f6tg.<\/p>\n<p><strong>Laut Umfrage hat bei der Europawahl schwarz-gr\u00fcn derzeit die Nase vorn? Was erwarten Sie f\u00fcr den 26. Mai f\u00fcr ein Ergebnis?<\/strong><\/p>\n<p>So lange vor der Wahl kann man das nicht genau sagen. Manfred Weber hat sicher sehr viel Erfahrung, nicht nur im politischen Diskurs sondern auch in Europa. Allerdings glaube ich, dass die Union gegenw\u00e4rtig eine sehr auf eigene z.T. parteitaktische Interessen verengte Europapolitik vertritt, die ich nicht f\u00fcr gut hei\u00dfe, sondern dass diese Europapolitik sowohl innerhalb Europa die Gr\u00e4ben zwischen Nord und S\u00fcd und Ost und West vertiefen w\u00fcrde, also auch insgesamt die Zerrissenheit.<\/p>\n<p><strong>In drei Bundesl\u00e4ndern im Osten wird gew\u00e4hlt, die AfD hat gute Chancen, hier wieder Punkte zu sammeln. Was bedeutet das f\u00fcr die Demokratie?<\/strong><\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Herausforderung; aber das Problem ist weniger die AFD selbst, sondern die Versuchung der Demokraten und auch der Pro-Europ\u00e4ischen Parteien, sich im Diskurs, in den Redewendungen und bei den Themen an die AfD anzupassen, anstatt die Ursachen f\u00fcr die Empf\u00e4nglichkeit ihrer Unterst\u00fctzer anzugehen, die ich st\u00e4rker im sozio\u00f6konomischen Bereich als im kulturellen sehe.<\/p>\n<p><strong>Die SPD verliert \u2013 im Gegensatz zu den vergangenen Jahren in der W\u00e4hlergunst \u2013, obwohl sie f\u00fcr ein neues Rentenkonzept und f\u00fcr eine gerechtere Gesellschaft eintritt. Was l\u00e4uft derzeit schief in der Partei. Warum kommt sie nicht aus dem Umfragetief und warum sind die Gr\u00fcnen derart im Aufwind?<\/strong><\/p>\n<p>Erstens ist die SPD im Aufw\u00e4rtstrend. Sie war bei 15%, und ist jetzt bei 17%. Das ist immer noch sehr wenig, aber von Abw\u00e4rtstrend kann man da nicht sprechen. Und zu diesem Aufw\u00e4rtstrend hat unter anderem das Rentenkonzept beigetragen. Aber die SPD steht vor der gro\u00dfen Herausforderung, weil ihre Anh\u00e4nger und Unterst\u00fctzer eben auch durch ihre fr\u00fchere Politik benachteiligt worden sind. Die Gr\u00fcnen profitieren einmal von dem sehr kommunikationsf\u00e4higen Spitzenduo. Frau Baerbock und Herrn Habeck. Au\u00dferdem profitieren sie davon, dass der aktuelle eher konservativ rechte Kurs, den Frau Kramp Karrenbauer aus innerparteilichen Gr\u00fcnden eingeschlagen hat, liberale Christdemokraten eher zu den Gr\u00fcnen bringt. Und die m\u00fcssen aktuell auch ihre Vorschl\u00e4ge nicht unter Beweis stellen in Bundesregierungsverantwortung. Aber sie stehen f\u00fcr etwas, das die Menschen interessiert, sie wollen den Klimawandel verhindern. Die Herausforderung der SPD sehe ich darin, dass sie nicht nur die Umweltnachhaltigkeit angehen muss, sondern auch die soziale Vertr\u00e4glichkeit und Nachhaltigkeit. Und das ist bei den W\u00e4hlern der Gr\u00fcnen nicht sehr von Bedeutung. Deren W\u00e4hler sind nicht Arbeitnehmer*innen, sondern W\u00e4hler aus dem b\u00fcrgerlichen Lager, und da spielen die konkreten Arbeitsplatzprobleme, die durch den Wirtschaftsstrukturwandel nat\u00fcrlich hervorgerufen wurden, auch wenn sich das statistisch wieder ausgleicht, keine so gro\u00dfe Rolle. Insofern sind da die Gr\u00fcnen aktuell taktisch und strategisch im Vorteil. Sie haben zudem eine intelligente Spitze.<\/p>\n<p><strong>Die SPD vertritt die Interessen der \u201ekleinen\u201c B\u00fcrger: Warum sind Sie gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen?<\/strong><\/p>\n<p>Weil dieses bedingungslose Grundeinkommen diverse Probleme aufwirft. Dass alle Menschen ein gleiches Recht und gleiche konkrete Chancen auf ein Leben in W\u00fcrde und Freiheit f\u00fchren, kann das Grundeinkommen gar nicht gew\u00e4hrleisten. Die Probleme, die diese Inklusion verhindern sind sehr vielf\u00e4ltig. Das sind Gesundheitsfragen, das sind psychologische Fragen, das sind materielle Fragen. Die sind aber nicht einfach alle mit einem Pfund Geld zu \u00fcberwinden. Und es ist auch nicht zuf\u00e4llig, dass die Anh\u00e4nger des bedingungslosen Grundeinkommens gut ausgebildete Leute sind, die wenig Geld verdienen. Die stellen sich dann vor, mit diesem Grundeinkommen einfach ihren Interessen nachugehen zu k\u00f6nnen. Das bedenkt aber nicht die vielf\u00e4ltigen die Probleme und die Herausforderungen, die ein gut ausgebauter Sozialstaat bedienen muss. Dazu geh\u00f6rt Kompetenz von Verwaltung, dazu geh\u00f6rt Hilfsf\u00e4higkeit auf den verschiedensten Gebieten, das kann nicht einfach mit Geld abgegolten werden.<\/p>\n<p><strong>Die Gro\u00dfe Koalition regiert seit einem Jahr, wie beurteilen Sie den Output?<\/strong><\/p>\n<p>Ich finde, dass sie eine ganze Menge geschafft hat. Die Gro\u00dfe Koalition steht unter sehr kritischer Beobachtung. Vieles, was im Koalitionsvertrag abgearbeitet wurde geht auf Vorschl\u00e4ge aus der SPD zur\u00fcck. Hier wurde viel geleistet, die einzelnen Sozialma\u00dfnahmen sind enorm. Wenn die SPD jetzt nicht in der Regierungsverantwortung w\u00e4re, w\u00fcrden alle diese Dinge wegfallen . Der SPD gelingt es, eine gute Balance herzustellen, dergestalt, dass sie eine verl\u00e4ssliche Regierungspartei ist und dennoch das eigene Profil zeigt und die Ziele deutlich werden, die sie \u00fcber die Koalition hinaus vertritt. Insofern bin ich da jetzt nicht grunds\u00e4tzlich kritisch. Wenn man mal schaut, was die Union inhaltlich in diese Koalition einbringt, dann liegt der Akzent insbesondere beim Innensenator beim Abschieben von Fl\u00fcchtlingen, also bei der Exklusion. Frau Kramp Karrenbauer betont eine l\u00fcckenlose Sicherung der europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen, wie man das durch ein Mittelmeer hindurchmachen kann, wei\u00df ich nicht. Im \u00fcbrigen, sterben davor in der Sahara mehr Menschen als im Mittelmeer. Das ist also alles ein sehr inhumanes Verhalten gegen\u00fcber den Migranten. .<\/p>\n<p><strong>In vielen Ihrer Publikationen steht das Thema \u201eDemokratie\u201c im Mittelpunkt? Sie organisieren einen Trialog in Berlin f\u00fcr Demokratie unter dem Motto: Wer tr\u00e4gt Verantwortung f\u00fcr die Demokratie?\u201c Was l\u00e4uft denn ihrer Meinung nach falsch in der Demokratie?<\/strong><\/p>\n<p>Die Demokratie wie wir sie kennen, ist nationalstaatlich orientiert als repr\u00e4sentative Demokratie und ich finde, dass das auch nach wie vor der richtige Ansatz ist. Aber, zum einen deckt sich die Reichweite der nationalstaatlichen Politik schon geographisch und bereichsm\u00e4\u00dfig nicht mehr mit den Herausforderungen, die wir durch Politik bestehen m\u00fcssen. Die Menschen merken das auch, werfen das aber einfach der nationalstaatlichen Politik als Versagen vor. Aber diese kann weder di Steuerpolitik noch Klimapolitik national gestalten, noch kann sie Sicherheitspolitik und Wirtschaftspolitik f\u00fcr sich allein machen. Das sind alles Aufgaben, die vor 40 \/ 50 Jahren vom Nationalstaat angegangen werden konnten, aber das geht heute nicht mehr. Die Menschen merken das und sind mit den L\u00f6sungen nicht mehr zufrieden. Au\u00dferdem haben sich \u00fcberall in den Gesellschaften der letzten 30, 35 Jahre die Gegens\u00e4tze angeh\u00e4uft \u2013 und das ist eben auch nicht von der repr\u00e4sentativen Demokratie, die wir jetzt haben, zu bew\u00e4ltigen. Ich glaube aber nicht, dass sie abgeschafft werden soll, ich glaube auch nicht, dass sie dauernd durch Volksentscheide erg\u00e4nzt werden soll, weil das auch sehr problematische Folgen haben kann . Ich meine aber, dass sie durch sehr viel mehr Partizipation der Menschen erg\u00e4nzt, gest\u00fctzt und untermauert werden muss. Ich pl\u00e4diere daf\u00fcr, dass vor allem auf der kommunalen Ebene allgemein Beir\u00e4te oder beratende R\u00e4te gebildet werden, die sich zusammensetzen aus den B\u00fcrgermeistern und der Verwaltung zum einen, dann aus den Unternehmensvertretern und Unternehmen, der organisierten Zivilgesellschaft (Gewerkschaften, Kirchen B\u00fcrgerinitaitiven) und schlie\u00dflich wenn m\u00f6glich von Wissenschaftlern, die die Entwicklungen des der Gemeinde und des Lebensumfelds gemeinsam beraten und mitgestalten. Damit w\u00e4chst auch die Chance, dass B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mehr von ihren Interessen und Kompetenzen einbringen k\u00f6nnen, was schlie\u00dflich dazu f\u00fchrt, das durch diese Identifizierung das Interesse an demokratischen Prozessen wieder gest\u00e4rkt wird. Wer sich engagiert, der w\u00e4hlt auch, und der ist nicht so negativ wie Jemand, der aus verschiedenen Gr\u00fcnden sowieso nichts mehr mit der Politik zu tun haben will. Darum sollte die repr\u00e4sentative Demokratie erg\u00e4nzt werden \u2013 und zwar beherzt und zielstrebig. Und daf\u00fcr besteht noch nicht gen\u00fcgend Bereitschaft bei den sich nationalstaatlich orientierenden Parteien. Auch B\u00fcrgermeister sind vielleicht nicht immer begeistert, wenn sie meinen, da kommt noch ein Beirat. Ich glaube aber, die B\u00fcrger m\u00fcssen mehr handfeste mitgestaltende M\u00f6glichkeiten bekommen.<\/p>\n<p><strong>Was sagen Sie als langj\u00e4hrige Professorin und Universit\u00e4tsrektorin zu den \u201eFridays for Future\u201c. Schulschw\u00e4nzen f\u00fcr den Klimawandel?<\/strong><\/p>\n<p>Schulschw\u00e4nzen ist prinzipiell nicht in Ordnung. Es ist aber kein Verbrechen, sondern eine Ordnungswidrigkeit und sozusagen auch eine Art von zivilem Ungehorsam. Aber auf Dauer kann das einfach nicht zur Regel werden. Auf der anderen Seite ist es dringend notwendig, dass ein Bewusstseinswandel in Bezug auf die Dringlichkeit der Bedrohung durch den Klimawandel erfolgt, und wenn das jetzt erstmal ein Ansporn ist, dass Politik da noch entschiedener arbeitet, zum Beispiel in der Bundesregierung mit dem Klimakabinett, dann ist das gut. Ich denke auf l\u00e4ngere Sicht wird man einen Weg finden m\u00fcssen, dass nicht jeder Freitag der Schulunterricht ausf\u00e4llt, weil das einfach nicht machbar ist, wenn man die Aufgaben der Schule auch bedenkt.<\/p>\n<p><strong>Frau Professor Schwan, Sie sind Philosophin, aber derzeit hat man eher den Verdacht, dass die Philosophie als Leitdisziplin den Diskursen hinterherhinkt. Hat die Philosophie ausgedient?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Aber ich glaube, dass die Philosophie zu wenig, au\u00dfer bei einigen, die sie im \u00f6ffentlichen Gesch\u00e4ft und in den Medien verankert haben, im \u00f6ffentlichen Bewusstsein ist. Im Gegenteil: Alles das, was die Reflexion von Grunds\u00e4tzen, nach den wir handeln und leben, verst\u00e4rkt, und zwar nicht nur durch irgendwelche Vortr\u00e4ge von oben, sondern durch Diskussion, durch Er\u00f6rterung, ist notwendig und findet \u00fcbrigens auch zunehmend in der Gesellschaft wieder Interesse und Zuspruch. Bei der sehr klassischen Frage nach dem Sinn des Lebens, der eben durch Geld und Macht nicht befriedigt wird, sehen wir das. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4re es wichtig, dass auch in den Schulcurricula Philosophie eine noch sehr viel gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt, aber auch in den Universit\u00e4tscurricula zum Beispiel in der Politikwissenschaft, wo die politische Ideen-Geschichte und Philosophie in den letzten Jahrzehnten sehr zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden ist zugunsten empirischer Forschung, die ich nicht abwerten m\u00f6chte, die aber letztlich keine Orientierung bietet. Was uns fehlt, ist eine eigenverantwortliche, manchmal auch von anderen Menschen aufgenommene, reflektierte Orientierung f\u00fcr das Individuelle und auch f\u00fcr das gemeinsame Handeln. Und das ist das Terrain der Philosophie und auch zumTeil der Theologie.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>Die Volksparteien werden eine andere Rolle als bislang spielen &#8211; Interview mit Ursula M\u00fcnch<br \/>\n<\/strong><\/h1>\n<p>Die Volksparteien werden in Zukunft keine so gro\u00dfe Rolle mehr spielen, sagt die Direktorin der politischen Akademie Tutzing im Gespr\u00e4ch mit \u201cThe European\u201d.<\/p>\n<p><em>Gibt es denn die Volksparteien noch in 20 Jahren?<\/em><\/p>\n<p>Ursula M\u00fcnch: Das ist nat\u00fcrlich eine ganz zentrale Frage. In der Politikwissenschaft gehen wir davon aus, dass es die Volkspartei weiterhin geben wird. Volkspartei bedeutet ja nicht, dass alle jetzt nur noch diese Parteien w\u00e4hlen, Volkspartei meint vielmehr, dass der Anspruch einer Partei besteht, das gesamte Volk anzusprechen und nicht nur einzelne Klientelgruppen. Die Gr\u00fcnen werden sich jenseits der Gro\u00dfst\u00e4dte meines Erachtens auch in Zukunft schwer tun, sich als Volkspartei zu etablieren. Die AFD w\u00fcrde zu gern eine werden, m\u00fcsste sich dazu aber von ihren extremen Mitgliedern und Funktion\u00e4ren trennen. Die Volksparteien der Zukunft werden wohl keine Volksparteien wie in den 1960ern oder 1970er Jahren im Westen der Republik mit einem Stimmenanteil von gemeinsam mehr als 90 % der Stimmberechtigten mehr sein. Damit werden wir uns abfinden m\u00fcssen. Wer es als W\u00e4hler f\u00fcr sinnvoll h\u00e4lt, kleine Parteien zu w\u00e4hlen, was jedem nat\u00fcrlich unbenommen ist, der darf sich aber hinterher nicht wundern, wenn die Regierungsbildung schwierig wird. Und wenn man sich daf\u00fcr entscheidet, lieber die kleineren Parteien zu w\u00e4hlen, muss man in Kauf nehmen, dass bald nur noch Dreier- oder Vierer-Koalitionen m\u00f6glich sein werden und man damit zwangsl\u00e4ufig Abstriche mit Blick auf die Effizienz des Regierens machen muss.<\/p>\n<p><em>Werden in unserer Gesellschaft mehr politische Bewegungen \u00e0 la Macron oder Sahra Wagenknechts \u201eAufstehen\u201c eine gro\u00dfe Rolle spielen?<\/em><\/p>\n<p>Ursula M\u00fcnch: Also ehrlich gesagt ich sehe das in unserem Parteiensystem nicht, weil wir nach wie vor diese ganz starke Orientierung haben, dass man eben als Partei bei einer Wahl antritt und dass man, wenn man mehrfach bei einer Wahl antritt, automatisch eine Partei ist. Also fast automatisch, egal ob man sich jetzt Bewegung nennt oder nicht. Dieser Bewegungsgedanke ist der Versuch, ein bisschen neuen Wind rein zu bringen und es geht nat\u00fcrlich um eine ganz starke Personalisierung. Diesen Fokus auf die Person wird es in Zukunft immer mehr geben. Das beobachten wir ja auch bei den Gr\u00fcnen. Man braucht Spitzenpersonal, das den Leuten interessant erscheint.<\/p>\n<p><em>Welche Rolle spielt die Akademie f\u00fcr Politische Bildung in Tutzing f\u00fcr den politischen Diskurs? Was sind f\u00fcr Schwerpunkte in der Akademie?<\/em><\/p>\n<p>Ursula M\u00fcnch: Wir spiegeln alle Themen, die gesellschaftlich relevant sind. Und das machen wir nach dem Akademiegesetz autonom, \u00fcberparteilich und unabh\u00e4ngig. Der freie Diskurs ist uns bei allen Veranstaltungen wichtig. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Breite des Gespr\u00e4ches bzw. der Gespr\u00e4chsteilnehmer, denn wir wollen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, die sonst nicht unbedingt miteinander reden, miteinander verkn\u00fcpfen. Inhaltlich legen wir Schwerpunkte beispielsweise auf die Entwicklung des Parteiensystems, die Entwicklung der europ\u00e4ischen Integration in den extremen Spannungsverh\u00e4ltnissen von Pro-Europ\u00e4ern, die mehr europ\u00e4ische Integration wollen und von denjenigen die sagen, wir wollen lieber weniger europ\u00e4ische Integration und mehr Nationalstaat. Wir befassen uns mit den Auswirkungen der digitalen Kommunikation auf die Meinungsbildung und analysieren nat\u00fcrlich auch die Gefahren, die sich daraus ergeben k\u00f6nnen, dass sich das Informationsverhalten von Teilen der Bev\u00f6lkerung dramatisch ver\u00e4ndert hat. Aber der Blick richtet sich auch und immer wieder auf die internationalen Akteure wie die USA, Russland und die Volksrepublik China. Wie also wirken sich politische Ver\u00e4nderungen bei den Global Playern auf die bundesdeutsche Wirtschaft aus, wie beeinflusst Trump die Politik und die Gesellschaft in Europa und insbesondere in Deutschland? Die Akademie will aufkl\u00e4ren \u2013 und zwar dezidiert im Interesse der freiheitlichen und pluralistischen Demokratie, denn f\u00fcr diese lohnt es sich zu k\u00e4mpfen. Demokratie ist mit Sicherheit anstrengender als Populismus und die Freiheit der Meinungs\u00e4u\u00dferung ein wichtiges Grundrecht. Dass die B\u00fcrger diese Freiheit innerhalb des \u00f6ffentlichen Diskurses wahrnehmen k\u00f6nnen, dazu versuchen wird als Akademie einen gewissen Beitrag zu leisten.<\/p>\n<p><strong>Warum jetzt Muttis Pornos drehen<\/strong><\/p>\n<p>Die Engl\u00e4nder sind schon skurril. F\u00fcr den Sender Channel 4 wurden M\u00fctter zu Pornoregisseurinnen. Das ambitionierte Ziel dahinter: Sie wollten Pornos mit realistischem Anspruch drehen, um die Kids zu sensibilisieren.<\/p>\n<p>Willkommen im Zeitalter des Exhibitionismus. Die mediale Entbl\u00f6\u00dfung des K\u00f6rpers feiert Konjunktur. Was einst die Scham wohlbeh\u00fctet verbarg, tritt immer mehr in den \u00f6ffentlichen Raum. Porno ist auf dem Vormarsch, ja Porno, YouPorn, ist \u00fcberall. Man genie\u00dft es wie Leitungswasser samt H\u00e4ppchen auf der Bettcouch, mehr noch: man l\u00e4dt die Welt zum interaktiven Sex ins Wohnzimmer mit ein.<br \/>\nDie sexuelle Freiz\u00fcgigkeit scheint heute zumindest jedes wohlgebotene Ma\u00df verschoben zu haben und die neue Triebkultur mit \u00d6ffentlichkeitspostulat feiert nicht nur bei Tinder und anderen Datingapps den schnellen und anonymen Sex als Fetisch der neuen K\u00f6rperlichkeit und unkonventioneller Freiheit.<\/p>\n<h1><strong>Die neue Porno-Kultur: Warum M\u00fctter wieder Pornos drehen: Mum makes Porn<br \/>\n<\/strong><\/h1>\n<p>Anders als in Zeiten der Aufkl\u00e4rung hat der Trieb, die ungehemmte Sinnlichkeit und Lust, die Immanuel Kant als unteres und damit nicht zutr\u00e4gliches \u201eBegehrungsverm\u00f6gen\u201c kritisierte, den Menschen, so scheint es jedenfalls, vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt. Ja, die Ausstellung der eigenen Sexualit\u00e4t, des Sexualaktes an sich, gilt nicht mehr als Tabu oder heiliger Ort der Scheu und der Scham, sondern wird als neue Form des Individualismus und damit der Selbstbehauptungssehnsucht buchst\u00e4blich durchexerziert. In keiner Zeit war die Hemmschwelle der verobjektivierten Freiz\u00fcgigkeit gr\u00f6\u00dfer, immer mehr Menschen wagen den Schritt vor die Kamera und geben ihre Intimit\u00e4t vor der breiten Masse der User preis. Und immer weniger haben ein Problem damit, sich beim Sex ungeniert in Szene zu setzen. Hauptsache die mediale Verbreitung wird garantiert. Gerade der \u201eAmateur-Porno-Markt\u201c hat ausufernde Ma\u00dfe angenommen, weil er den ungestellten, \u201enat\u00fcrlichen Sex zelebriert und damit f\u00fcr die etablierte Pornoindustrie die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung darstellt.<\/p>\n<p><strong>30.000 Pornoclips werden pro Sekunde weltweit aufgerufen<\/strong><\/p>\n<p>Die Zeiten als die Pornokultur an den R\u00e4ndern der Gesellschaft sich etablierte sind endg\u00fcltig vorbei. Aus dunklen Kinos\u00e4len auf der Reeperbahn, obskuren Videotheken mit Schmuddelambiente, aus abendlichen Soft-Porno-Filmchen der privaten Sendeanstalten Anfang der 90er Jahre hat sich der Porno lange verabschiedet. 30.000 Pornoclips werden pro Sekunde weltweit aufgerufen und der Pornokonsum ist l\u00e4ngst zu einer lukrativ- prosperierenden Industrie im Netz geworden, die mehr als 5 Milliarden Dollar weltweit einspielt. Dank Internet gibt es geradezu eine Pornorenaissance. Und mit bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel, der einstige Konventionen und altbackene Moralvorstellungen samt Deutungshoheit und Zeigefinger in die moralinsaure Ecke verbannt, ist der Porno zum Megaph\u00e4nomen des 21. Jahrhunderts erwachsen.<\/p>\n<p>Im Angesicht dessen was Kids als Pornos konsumieren ist \u201e50 Shades of Gray\u201c eine Hauspostille mit mittlerem Erregungsgrad. F\u00fcr viele Jugendliche ist Porno Alltagskultur, geh\u00f6rt dazu wie Fr\u00fchst\u00fcck, Schulbesuch und Zuckert\u00fcte. Die Welt ist zunehmend durchsexualisiert, der Porno Gebrauchskultur. Denn immerhin besteht ein Drittel des gesamten Internetverkehrs aus Hardcore-Pornos, die sich regelrecht wie Tsunamis ins abendliche Schlafzimmer der Kids ergie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>\u201eMums Make Porn\u201c \u2013 Wie englische M\u00fctter die Pornoindustrie sensibilisieren wollen<\/strong><\/p>\n<p>Doch damit nicht genug. Eine Gruppe von f\u00fcnf britischen M\u00fcttern tritt nun couragiert gegen den Pornokonsum ihrer Kids an. Nun waren die Briten immer schon ein wenig skurril, doch das Sozialexperiment der couragierten M\u00fctter schlug Wellen, schaffte es bis in \u201eThe Daily Telegraph\u201c und geistert gegenw\u00e4rtig durch Gro\u00dfbritannien und spaltet die Briten erneut. Im Land, in dem gerade der Brexit die Massen verwirrt, die Regierung handlungs- und entscheidungsunf\u00e4hig ist, werden nun britische M\u00fctter selbst zu Pornoregisseurinnen \u2013 nicht vor, aber zumindest hinter der Kamera. M\u00f6glich wird dies durch eine mehrteilige TV-Show auf Channel 4: \u201eMums Make Porn\u201c. Getreu dem Motto: &#8222;Mami wei\u00df am besten, welcher XXX-Content f\u00fcr den Nachwuchs gut ist\u201c, f\u00fchlen sich die agilen M\u00fctter geradezu dazu berufen, dem Porno sein dreckiges Gesicht zu nehmen.<\/p>\n<p>Das Ziel, das sich die in Sachen Porno sonst unerfahrenen ambitionierten Damen stellen, ist hoch. Denn es geht um nichts anderes, als Pornos mit einer positiven Botschaft zu drehen, realistisch und mit dem Anspruch die positive Einstellung zum Sex zu f\u00f6rdern. Doch die Feldforschung an Originalschaupl\u00e4tzen irritierte die M\u00fctter zun\u00e4chst, die Rallye durch die popul\u00e4rsten Internet-Sex-Clips von Hate- bin hin zu Rape-Porn, der Besuch am Set, wo statt Erotik strenger K\u00f6rpergeruch regierte, die Delinquentinnen wie reine Sexsklavinnen devot und menschenunw\u00fcrdig agierten, wurde selbst f\u00fcr die engagierten Engl\u00e4nderinnen zur emotionalen Belastungsprobe, Brechreiz und Nervenzusammenbruch inklusive. \u201eWenn mein Sohn eine Frau so behandeln w\u00fcrde, w\u00fcrde ich seinen Arsch aus dem K\u00f6nigreich treten,\u201c so eine der dann doch empfindsamen M\u00fctter.<\/p>\n<p><strong>Das Fernsehen verdummt seine Zuschauer<\/strong><\/p>\n<p>Die Regief\u00fchrung made by mum hat aber letzten Ende vor allem eins ausgel\u00f6st: Die Kommentare im Internet zeigten wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die neue Sex-Propaganda geschweige denn f\u00fcr den moralischen Aspekt, der dahinter stehen sollte. Kaum verwunderlich. Derartige Staffeln \u2013 und m\u00f6gen sie auch Quote bringen \u2013 untermauern doch letztendlich eins. Das Fernsehen verdummt seine Zuschauer \u2013 und das mit jedem Mittel und jenseits des guten Geschmacks. Weder werden dadurch die Kitz von ihrer Pornomanie ablassen noch wird die positive Einstellung zum Sex einen Paradigmawechsel erleben. Was es dagegen ausl\u00f6st, ist mehr Porno und die Sehnsucht nach Milfs hinter \u2013 und am besten vor der Kamera. Channel 4 ist sich mit Sicherheit keinen Gefallen getan, Milfsex Pornos werden sich dagegen freuen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Doktorarbeit von Giffey und zu Guttenberg misst die SPD mit verschiedenem Ma\u00df \u2013 Willkommen im Zeitalter der Doppelmoral &#8211; Plagiatsvorwurf: Frau Giffey treten Sie zur\u00fcck SPD-Bundesfamilienministern Franziska Giffey hat ihren Doktortitel zur\u00fcckgegeben. Doch das ist kein Einzelfall. 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