{"id":265,"date":"2020-11-20T15:03:40","date_gmt":"2020-11-20T13:03:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-stefan-gross.de\/cms\/?page_id=265"},"modified":"2022-09-10T13:35:26","modified_gmt":"2022-09-10T11:35:26","slug":"allerneuste-beitrag-november-2020","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.dr-stefan-gross.de\/cms\/allerneuste-beitrag-november-2020\/","title":{"rendered":"Beitr\u00e4ge &#8211; Ab November 2020"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp_excerpt\">\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<header class=\"entry-header clearfix\">\n<header class=\"entry-header clearfix\">\n<header class=\"entry-header clearfix\">\n<header class=\"entry-header clearfix\">\n<header class=\"entry-header clearfix\">\n<header class=\"entry-header clearfix\">\n<h1 class=\"entry-title\">Franz von Sales: Cancel Culture ist der falsche Weg<\/h1>\n<p class=\"mh-meta entry-meta\"><span class=\"entry-meta-date updated\"><i class=\"fa fa-clock-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2022\/08\/\">20. August 2022<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-author author vcard\"><i class=\"fa fa-user\"><\/i><a class=\"fn\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-categories\"><i class=\"fa fa-folder-open-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/glaube\/\" rel=\"category tag\">Glaube<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-comments\"><i class=\"fa fa-comment-o\"><\/i><a class=\"mh-comment-scroll\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/franz-von-sales-cancel-culture-ist-der-falsche-weg\/#mh-comments\">0<\/a><\/span><\/p>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<p class=\"headline\"><em>Der Ton in den Medien ist oft rau, rei\u00dferisch und angriffslustig. Anstatt aufeinander zuzugehen, miteinander zu kommunizieren, regieren Vorurteile, die wie in Stein gemei\u00dfelt zu scheinen. Es hagelt von Anfeindungen und Provokationen. Der Patron der Journalisten, Franz von Sales, hatte vor vielen hundert Jahren eine ganz andere Botschaft gesendet, die heute keineswegs aus der Mode gekommen ist. \u00a0<\/em><\/p>\n<h2>Wer ist Franz von Sales?<\/h2>\n<p class=\"headline\">Aus moderner Sicht gesehen, k\u00f6nnte man <a href=\"https:\/\/bistum-regensburg.de\/news\/franz-von-sales-statt-cancel-culture-lieber-zuhoeren\">Franz von Sales<\/a> (1567-1622) als Bestsellerautor bezeichnen, der sich mit seinen dreitausend Predigten und \u00fcber 20.000 Briefen unerm\u00fcdlich f\u00fcr die Glaubens- und Lebensberatung eingesetzt hat. Bis heute steht der Mann, der die Freude am Glauben in das Zentrum seines Denkens stellte, mit seiner \u201eAnleitung zum frommen Leben\u201c (\u201ePhilothea\u201c) immer noch auf Platz 10 der christlichen Weltliteratur.<\/p>\n<p class=\"headline\">Der in der katholischen Kirche als Heiliger verehrte F\u00fcrstbischof von Genf mit Sitz in Annecy, der Ordensgr\u00fcnder, Mystiker und Kirchenlehrer war aber nicht nur ein Mensch mit einem fast \u00fcberirdischen Output, sondern auch einer, der lange mit dem Glauben rang, der mit der calvinistischen Lehre von der Vorherbestimmung haderte und sich pers\u00f6nlich von Gott verdammt glaubte. Doch auf den Zweifel und das Hadern folgte die Erl\u00f6sung im Anvertrauen an Gott. Fortan war er von der \u00dcberzeugung getragen, dass das, was immer Gott auch mit ihm vorhabe, gut werde, weil Gott die Liebe ist. Und dieses im Glauben fundierte Gottes- und Menschenbild sowie sein Optimismus waren es, die sein Leben pr\u00e4gten.<\/p>\n<p>Als Patron der Schriftsteller und Journalisten einerseits, der Geh\u00f6rlosen andererseits daf\u00fcr stand von Sales in persona, dem es in seinem Schrifttum um geistliche Begleitung ging und zugleich um das Werben, das ein Leben in der Gegenwart Gottes pure Freude impliziert. Diese frohe Gottesliebe zeige sich in der Bejahung der Lebenswirklichkeit und in der von Gott mitgeschenkten F\u00fclle selbst \u00fcber den Tod hinaus. Laut Genesis 1,11 soll ein jeder in Demut, Sanftmut Geduld und Optimismus die Fr\u00fcchte seiner Arbeit buchst\u00e4blich in Gottes Dienst stellen, denn alle Fr\u00fcchte will Gott, jede nach seiner Art. \u201eLiebe, und dann tu, was du willst\u201c, so das Credo eines urspr\u00fcnglich vom heiligen Augustinus stammenden, aber von Sales realisierten Satzes. \u201eHab\u2019 Freude im Herzen, denn Gott schaut auf dich in Liebe.\u201c<\/p>\n<h2 class=\"headline\"><strong>Statt kommunikativen Diskurs regiert oft Cancel Culture<\/strong><\/h2>\n<p class=\"headline\">Die Tugenden der Sanftmut und der Heiterkeit, wie sie dem \u201eGentlemen\u201c unter den Heiligen auch f\u00fcr den journalistischen Diskurs vorschwebten, sind aus der Mode gekommen. Statt kommunikativem Miteinander regieren heutzutage oft Cancel Culture und eine Schwerh\u00f6rigkeit, ja Geh\u00f6rlosigkeit gegen\u00fcber Andersdenkenden. Der Meinungspluralismus scheint eingedampft und an die Stelle von Diskurskultur, offener Meinungsbildung und Toleranz sind Vorurteile getreten, wo nicht mehr das bessere Argument gilt, sondern buchst\u00e4blich mit dem Hammer kommuniziert wird.<\/p>\n<p class=\"headline\">Die neuen Geh\u00f6rlosen von heute sind mehr als jene der antiken Welt, die einst durch Aristoteles stigmatisiert wurden und die man in Sparta t\u00f6tete, weil sie damals als kulturelle Analphabeten und sprachlose Wesen nicht am Logos teilhaben konnten. Die neue Geh\u00f6rlosigkeit zeigt sich hingegen heute als Nicht-Hinh\u00f6ren und ist damit Zeichen einer medialen Polarisierung, die nur noch Extreme kennt, keine Schattierungen, kein Grau als die Farbe der gesunden Mischung, wie j\u00fcngst Peter Sloterdijk formulierte, sondern sich nur im Entweder-Oder und als Schwarz-Wei\u00df-Klassifizierung in den Grabenk\u00e4mpfen in Stellung bringt.<\/p>\n<p class=\"headline\">Von Sales Maxime \u201eDeutlich in der Sache \u2013 aber freundlich in der Art\u201c ist der heutige Kampagnenjournalismus, dem es immer weniger um Inhalte gleichwohl aber um die Instrumentalisierung des je eigenen Weltbildes geht, Lichtjahre entfernt. Diesem Klick- und Geschwindigkeitsjournalismus geht es weder um die Wahrheit, sondern um eine blinde Aufmerksamkeitshascherei, die Informationen nur als blo\u00dfe Mittel zum Zweck einer \u00fcberquellenden Turbomaschinerie instrumentalisiert. Was auf der Strecke bleibt, ist die Ausgewogenheit der Argumente.<\/p>\n<h2 class=\"headline\"><strong>Wieder mit dem Herzen h\u00f6ren<\/strong><\/h2>\n<p class=\"headline\">Johannes von Guttenberg hatte mit der Erfindung des Buchdruckes und der Druckerpresse die Welt revolutioniert, von Sales mit Hilfe des Flugblattes ein Instrumentarium mit Breitenwirkung vergleichbar der modernen Sozialen Medien geschaffen. Doch ganz im Unterschied zur modernen Kommunikation, die dann den Turbo erst richtig z\u00fcndet, wenn es um Anfeindungen und Hetze geht, setzte Sales in seiner Kommunikationsstrategie auf die Liebe zum N\u00e4chsten, die ganz konkret in der grunds\u00e4tzlichen Annahme des anderen Menschen als Person besteht. Auch hier bleibt sein Menschenbild grundbildend f\u00fcr die Anerkennung und Toleranz der anderen Wesen als von Gott geliebten Personen.<\/p>\n<p class=\"headline\">Es ist dieser Gottesbezug, der nicht nur dazu f\u00fchrt, den Anderen in seiner Meinung zu achten und an seine guten Qualit\u00e4ten zu glauben, sondern durch die gelebte Haltung der Liebe wird auch beim anderen Menschen der Wert der Liebe entdeckt und entz\u00fcndet. F\u00fcr den \u201eMedienbischof\u201c wurde so das Herz zum Zentrum von Spiritualit\u00e4t und menschlicher Seele. \u201eWer das Herz eines Menschen gewonnen hat, hat den ganzen Menschen gewonnen.\u201c \u00a0Wie einst K\u00f6nig Salomo im Alten Testament w\u00fcnscht sich Sales ein \u201eh\u00f6rendes Herz,\u201c \u2013 und dies gleicherma\u00dfen mit Blick auf die Medien und diejenigen, die tats\u00e4chlich taub sind.<\/p>\n<h2 class=\"headline\"><strong>\u201eGebt also acht, dass ihr richtig zuh\u00f6rt\u201c<\/strong><\/h2>\n<p class=\"headline\">Zuh\u00f6ren mit dem Herzen \u2013 diese liebende Anweisung ist es, die uns Franz von Sales als Kommunikationsbotschafter der Vergangenheit in unsere Zeiten hinein sendet. Denn nur der kann die frohe Botschaft des Evangeliums mit dem Herzen h\u00f6ren, wenn er bef\u00e4higt bleibt, seinen Mitmenschen zuzuh\u00f6ren. \u201eGebt also acht, dass ihr richtig zuh\u00f6rt!\u201c, so die durchaus moderne Empfehlung.<\/p>\n<p class=\"headline\">Schon 1877 hatten sich italienische Journalisten an den Papst mit der Bitte gewandt, <a href=\"https:\/\/bistum-regensburg.de\/news\/franz-von-sales-statt-cancel-culture-lieber-zuhoeren\">Franz von Sales<\/a> zum Patron der Journalisten, Publizisten und Schriftsteller zu machen. Anl\u00e4sslich des 300. Todestages des heiligen Kirchenlehrers kam Papst Pius XI. diesem Wunsch in der Enzyklika \u201eRerum omnium\u201c nach.<\/p>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title\">Die \u00d6kologie des Menschen wird oft \u00fcbersehen &#8211; Interview mit Professor Dr. M\u00fcnch<\/h1>\n<p class=\"mh-meta entry-meta\"><span class=\"entry-meta-date updated\"><i class=\"fa fa-clock-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2022\/08\/\">10. August 2022<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-author author vcard\"><i class=\"fa fa-user\"><\/i><a class=\"fn\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-categories\"><i class=\"fa fa-folder-open-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/gesellschaft\/\" rel=\"category tag\">Gesellschaft<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-comments\"><i class=\"fa fa-comment-o\"><\/i><a class=\"mh-comment-scroll\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/die-oekologie-des-menschen-wird-oft-uebersehen\/#mh-comments\">0<\/a><\/span><\/p>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<p><em>Im Interview mit dem ehemaligen Ministerpr\u00e4sidenten und langj\u00e4hrigen Europa-Politiker, <a href=\"https:\/\/bistum-regensburg.de\/news\/eine-gesellschaft-ohne-gott-ist-nicht-denkbar-weil-sie-im-chaos-versinken-wird\">Prof. Dr. Werner M\u00fcnch<\/a>, haben wir \u00fcber die \u00d6kologie des Menschen gesprochen. Aber auch dar\u00fcber, welche Freude der Glaube entz\u00fcnden kann.<\/em><\/p>\n<p><strong>Alle reden immer \u00fcber Umweltschutz, aber es gibt ja auch eine <a href=\"https:\/\/www.benedictusxvi.org\/ansprachen\/ansprache-vor-dem-deutschen-bundestag-die-berliner-rede-von-papst-benedikt-ueber-die-oekologie-des-menschen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00d6kologie des Menschen<\/a>, von der Joseph Ratzinger immer sprach. <\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir heute \u00fcber Umweltschutz reden, dann ist immer nur von Wasser, Land, und B\u00e4umen die Rede. Aber Papst Benedikt XVI. sprach in vielen seiner Reden, so auch im Deutschen Bundestag im September 2011, davon, dass auch der Mensch eine Natur hat. Der Mensch kann nicht aus sich machen was er will, sondern muss sich dar\u00fcber bewusst sein, dass er nach seinem Gewissen Entscheidungen f\u00e4llt. Deshalb ist die Natur des Menschen dem gesetzlichen Bereich eigentlich voraus gestellt. Die Priorit\u00e4t des Sch\u00f6pfers, seine Anerkennung muss vorausgesetzt sein. Wenn dem nicht so ist, besteht die Gefahr, dass das Menschenbild oder die (Um)Welt manipulativ ver\u00e4ndert werden. Gerne zitiere ich mit Blick auf das christliche Menschenbild einen SPD-Reichstagsabgeordneten, der in ein Konzentrationslager gekommen war. Als er von den Amerikanern befreit wurde, sagte er: Ich war Atheist als ich in das Konzentrationslager kam. Aber nachdem, was ich dort gesehen habe, bin ich als gl\u00e4ubiger Christ aus dem Lager gekommen. Eine Gesellschaft ohne Gott ist nicht denkbar, weil sie im Chaos versinken wird. Das ist der Punkt, den Joseph Ratzinger mit anderen Worten gemeint hat.<\/p>\n<p><strong>Welche Gefahren f\u00fcr das Menschenbild sehen Sie bei der derzeitigen Politik? <\/strong><\/p>\n<p>Auch hier gilt eine theologische Grunddisposition. Wenn ich die Sch\u00f6pfung anerkenne, wenn ich akzeptiere, dass ich ein Geschenk Gottes bin, hat das Konsequenzen f\u00fcr meine Auffassung. Wenn es um Fragen von Leihmutterschaft, Abtreibung oder aktive Sterbehilfe geht, also die gro\u00dfen Themen, die das christlichen Menschenbild aus den Fugen zu rei\u00dfen drohen, kann ich politische Vorst\u00f6\u00dfe, die sich dagegen richten, nicht guthei\u00dfen. Diese Art und Weise wie hier ein Bild vom Neuen Menschen aufgerichtet wird, widersprechen meinem katholisch-christlichen Glauben an die Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p><strong>Was unterscheidet das christliche Gesellschaftsbild von dem, was derzeit die Ampel-Regierung in Berlin realisieren will? <\/strong><\/p>\n<p>Ich wiederhole nochmal, dass die Anerkennung des Sch\u00f6pfergedankens bedeutet, dass ich das Leben, wie es mir gegeben wurde, akzeptiere und nicht ver\u00e4ndern kann. Konkret bedeutet das: Wenn das ungeborene Leben ein menschliches Wesen ist, darf ich es nicht zum Spielball von Eigeninteressen machen. Es bleibt von Anfang an schutzbed\u00fcrftig und kann nicht einem blinden Utilitarismus von Beliebigkeiten geopfert werden. Der derzeitige Relativismus im Hinblick auf den Lebensschutz ist mit meinem christlichen Denken unvereinbar.<\/p>\n<p><strong>Wenn wir einen Blick in die Zukunft wagen: Was tr\u00e4gt den christlichen Menschen in die Zukunft? <\/strong><\/p>\n<p>Zur Freude des Glaubens, der auch in die Zukunft tr\u00e4gt, geh\u00f6rt, dass wir die Botschaft von Jesus Christus in der Welt weiterverbreiten. Mein Glaube ist stets von diesen Inhalten getragen, die ich meinem Leben voranstelle, und die sich in meinem ethischen Handeln zeigen. Und wenn ich die Botschaft von Jesus Christus verk\u00fcnde, dann bin ich kein trauriger Mensch, sondern freue mich. Traurig dagegen bin ich \u00fcber all das, was falsch daraus gemacht wird oder was \u00fcberhaupt nicht akzeptiert wird. Und hier sehe ich einen negativen Transformationsprozess in unserer Gesellschaft. Christliche Wertebilder werden kaum noch vermittelt, eine gro\u00dfe S\u00e4kularisierung feiert ihren Siegeszug. Das hat viel mit Glaubensunkenntnis zu tun und mit dem Bewusstsein, dass man sich immer mehr von unserer abendl\u00e4ndischen Tradition, f\u00fcr die das Christentum ma\u00dfgebend war, distanziert. Glaubenswahrheiten scheinen v\u00f6llig aus der Mode gekommen zu sein. Sie werden als obsolete Botschaften aus der Vergangenheit gesehen. Dies begreife ich nicht nur als Traditionsverlust, sondern sehe darin auch eine Gefahr f\u00fcr den Menschen, die letztendlich zu b\u00f6sen H\u00e4usern f\u00fchrt, weil sich der Mensch nur noch als Ma\u00df aller Dinge begreift und damit die Welt in seinem Sinne instrumentalisiert. Diese anthropologische Hybris ist aber nie in der Geschichte gut gegangen, sondern hat zu Terror und viel Leid gef\u00fchrt. Aber auch ein Blick auf die Glaubensvermittlung in unseren Familien stimmt mich traurig. Wo passiert denn eine kindliche Erziehung mit Blick auf das Religi\u00f6se \u00fcberhaupt noch? Im Elternhaus findet kein Gebet mehr statt, beim Mittagessen gibt es keine Gebete mehr und beim Abendtisch in der Regel auch nicht. Dies setzt sich in den Schulen fort. Wenn katholische Bisch\u00f6fe daher zustimmen, dass es einen Sozialkundeunterricht gibt, aber keinen speziellen katholischen Unterricht mehr, ist das meiner Meinung nach ein gro\u00dfes Versagen. Ich beispielsweise bin in meiner Jugendzeit in der Diaspora gro\u00dfgeworden. Salzgitter war die von Adolf Hitler und Joseph G\u00f6ring geplante Stadt ohne Gott. Doch alles, was in dieser Stadt an katholischen Aktivit\u00e4ten zustande kommen konnte, war ein mutiges Auftreten von einer Gruppe von katholischen Jugendlichen. Diese wurden von einem faszinierenden Lehrer begleitet, der selbst den M\u00e4chtigen und dem Zeitgeist widersagte. In dem Gymnasium in dem ich gewesen bin, war katholischer Religionsunterricht untersagt. Dann ist ein katholischer Pfarrer zum Direktor gegangen und hat gesagt: Kann ich vielleicht christliche Ethik anbieten? Der Direktor antwortete, dass er das gerne machen k\u00f6nne. Dieser Pfarrer war ein so kluger und theologisch bewanderter Mensch. Ohne das es die Sch\u00fcler merkten, hat er aus dem Ethik- einen katholischen Religionsunterricht gemacht. Es gibt, so zeigt das pers\u00f6nliche Beispiel, immer M\u00f6glichkeiten, die uns Hoffnung geben, Freude am und mit dem Glauben zu finden. Wir glauben oft, dass wir keinen positiven Blick in die Zukunft wagen k\u00f6nnen. Aber das stimmt nicht, denn es gibt immer wieder Menschen, die als leuchtende Beispiele vorangehen und die Kerze des Glaubens neu entz\u00fcnden. Das verstehe ich als frohe Botschaft.<\/p>\n<p><em>Interview und Bild: Stefan Gro\u00df<\/em><\/p>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title\">Interview mit Claus Hipp: Wir k\u00f6nnen alle etwas f\u00fcr die Sch\u00f6pfung tun<\/h1>\n<p class=\"mh-meta entry-meta\"><span class=\"entry-meta-date updated\"><i class=\"fa fa-clock-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2022\/07\/\">31. Juli 2022<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-author author vcard\"><i class=\"fa fa-user\"><\/i><a class=\"fn\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-categories\"><i class=\"fa fa-folder-open-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/gesellschaft\/\" rel=\"category tag\">Gesellschaft<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-comments\"><i class=\"fa fa-comment-o\"><\/i><a class=\"mh-comment-scroll\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/interview-mit-claus-hipp-wir-koennen-alle-etwas-fuer-die-schoepfung-tun\/#mh-comments\">0<\/a><\/span><\/p>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<p><strong>Der Unternehmer <a href=\"https:\/\/bistum-regensburg.de\/news\/interview-mit-unternehmerlegende-nachhaltigkeit-war-immer-ein-baustein-im-denken-von-claus-hipp\">Claus Hipp<\/a> wurde als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines Babykostherstellers bekannt. Jahrzehntelang leitete er die Firma und hat stets Wert auf das Thema Nachhaltigkeit gelegt. Hipp ist gl\u00e4ubiger Christ \u2013 und setzt sich f\u00fcr die Bewahrung der Sch\u00f6pfung ein. Wir sprachen mit ihm \u00fcber sein Herzensthema.<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Herr Hipp, was bedeutet \u00f6konomisch-\u00f6kologische Nachhaltigkeit f\u00fcr Sie?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u00d6konomische Nachhaltigkeit hei\u00dft, dass es wirtschaftlich vern\u00fcnftig ist, was wir tun. \u00d6kologisch bedeutet, dass all unser Tun f\u00fcr die Natur, f\u00fcr die Sch\u00f6pfung, gut sein sollte. Und sozialvertr\u00e4glich meint, dass es f\u00fcr alle Menschen gleich gelten muss.<\/p>\n<p><em><strong>Nachhaltigkeit war in Ihrem Leben nie eine Modeerscheinung. Sie sind einer der ersten gewesen, der auf diese Thematik gesetzt hat. Woher kam dieser Gedanke?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Mein Mentor war Dr. Hans M\u00fcller aus der Schweiz, der dort den organisch biologischen Landbau gegr\u00fcndet hat. Der hat mich als Sch\u00fcler schon gepr\u00e4gt. Dann wurde die eigene Landwirtschaft biologisch umgestellt und nachher haben wir es auch f\u00fcr die Firma gemacht, weil es sicher ist, wenn wir im Anbau keine sch\u00e4dlichen Mittel einsetzen.<\/p>\n<p><em><strong>Sie ziehen immer wieder eine Beziehung zwischen der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung und dem biologischen Anbau, worin besteht diese?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Br\u00fccke besteht darin, dass wir nichts Sch\u00e4dliches tun wollen. Weder Ausbeutung noch Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p><em><strong>Was kann eigentlich ich als einzelner Mensch oder wir als Christen f\u00fcr den Klimaschutz tun? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Jeder kann kleine Schritte machen. Wir k\u00f6nnen uns anders bewegen, wir k\u00f6nnen \u00fcberlegen, ob wir uns \u00fcberhaupt bewegen m\u00fcssen. So zum Beispiel beim Fliegen. Wir haben in der Corona-Pandemie gelernt, dass es \u00fcberhaupt nicht notwendig ist durch die Welt zu jetten, denn vieles k\u00f6nnen wir am Telefon oder in Videokonferenzen besprechen. Durch diese neue Einsicht und durch die M\u00f6glichkeiten der modernen Kommunikationsmittel k\u00f6nnen wir viel wirtschaftlichen Schaden verhindern und durch die Reduktion der CO-2-Emissionen unsere Umwelt schonen.<\/p>\n<p><em><strong>Wenn man den Klimawandel der n\u00e4chsten Jahre in den Blick nimmt, sind sie positiv auf die Zukunft eingestimmt? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Auf jeden Fall bin ich positiv eingestellt. Den Erfolg hat nur der positiv Denkende.<\/p>\n<p><em><strong>Ich danke Ihnen, Herr Prof. Hipp.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte Stefan Gro\u00df.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title\">Johann Michael Sailer \u2013 Der gro\u00dfe Gegenspieler von Immanuel Kant<\/h1>\n<p class=\"mh-meta entry-meta\"><span class=\"entry-meta-date updated\"><i class=\"fa fa-clock-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2022\/07\/\">15. Juli 2022<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-author author vcard\"><i class=\"fa fa-user\"><\/i><a class=\"fn\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-categories\"><i class=\"fa fa-folder-open-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/gesellschaft\/\" rel=\"category tag\">Gesellschaft<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-comments\"><i class=\"fa fa-comment-o\"><\/i><a class=\"mh-comment-scroll\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/johann-michael-sailer-der-grosse-gegenspieler-von-immanuel-kant\/#mh-comments\">0<\/a><\/span><\/p>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<div class=\"news-text-wrap\">\n<p><strong>Vor \u00fcber 200 Jahren wurde die katholische Welt durch die Aufkl\u00e4rung in ihren Grundfesten bedroht und auch damals standen die Zeichen auf Krise. Ein Blick in das Denken des Regensburgers Bischofs Johann Michael Sailer verr\u00e4t, wie aktuell der einstige \u201ebayerische Kirchenvater\u201c, der \u201eHeilige der Zeitenwende\u201c und der bedeutendste Br\u00fcckenbauer der damaligen Zeit auch heute noch ist. Eine vom Glauben entkoppelte Vernunft verk\u00fcrzt die menschliche Existenz, war sein Credo.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c19544\" class=\"frame frame-default frame-type-list frame-layout-0\">\n<div class=\"gg-pluginframe__no-indent\">\n<div class=\"gg-plugin-container gg-customlayout-standard extension_modgridelements\">\n<div class=\"mod-gridelements row\">\n<div class=\"col\">\n<div class=\"mod-gridelements__column mod-gridelements__column__standard\">\n<div class=\"mod-gridelements__column__content\">\n<div class=\"mod-gridelements__column__content__container\">\n<p>Ob <a href=\"https:\/\/bistum-regensburg.de\/news\/bischof-johann-michael-sailer-allein-der-glaube-kann-helfen\">Corona-Pandemie<\/a>, Hyperinflation oder Ukraine-Krieg \u2013 die Menschheit ist im Dauerkrisenmodus. Doch die Geschichte wiederholt sich und die Krisen erweisen sich als das existentielle Kontinuum des Daseins. Dass Leben Krise ist, musste auch der 1829 zum Bischof von Regensburg geweihte Johann Michael Sailer (1751-1832) von Jugend an erfahren. Der Theologe, Universit\u00e4tslehrer, Prediger und Priester wuchs in Zeiten buchst\u00e4blicher Umbr\u00fcche auf, in einer Zeitenwende \u2013 vergleichbar den modernen Un\u00fcbersichtlichkeiten und Diskontinuit\u00e4ten. Der Jesuitenorden war verboten, die Franz\u00f6sische Revolution z\u00fcndete die Kerze der Vernunft und des Terrors zugleich an. Napoleon erk\u00e4mpfte sich die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit durch das Blut von Millionen. Die Schlachtfelder quollen von einer entgrenzten Freiheit getragen \u00fcber, die im unmenschlichen Feuer keine Grenzen mehr kannte. Die S\u00e4kularisierung wuchs zu einem allesbestimmenden, die barocke Fr\u00f6mmigkeit buchst\u00e4blich zerfressenden Ungeheuer heran, das die alte katholische Ordnung von Innen und Au\u00dfen fast auffra\u00df. Im Zuge der Aufhebung der Reichst\u00e4nde (1803) kam es dann zur Schlie\u00dfung von Kl\u00f6stern und Stiften sowie katholischen Universit\u00e4ten und Bildungseinrichtungen. \u00a0Die Vermessung der neuen Welt im Sinne der religionskritischen Aufkl\u00e4rung einerseits und der romantischen Transzendentalpoesie andererseits legten das Rasiermesser an den Glauben und an einen transzendenten und pers\u00f6nlich gedachten Gott.<\/p>\n<p>Die Philosophie des K\u00f6nigsberger Philosophen Immanuel Kant geriet fast zum Fallbeil des Glaubens. Die Vernunftreligion als der alles r\u00e4sonierte Zeitgeist verk\u00fcrzte Gott zum \u201eAls ob\u201c. Selbst die Religion wurde buchst\u00e4blich vom Himmel in die Endlichkeit geholt und feierte ihren Siegeszug lediglich als Moral, die sich nicht mehr auf Gott und die g\u00f6ttlichen Gebote berief, sondern sich mit dem von aller Metaphysik losgel\u00f6sten kategorischen Imperativ eine Gesinnungsethik an die Hand gab, mittels dessen die Wahrheit und die Freiheit ganz dem Individuum \u00fcberantwortet wurden. Nur das sollte bekanntlich nach Kant \u201ewahre Religion\u201c sein, was der Mensch selbst aus reiner Vernunft heraus nachzuvollziehen vermag. Und auch an die Offenbarung hatte der Philosoph die Klinge gelegt. Zwar w\u00fcrdigte er ihre Bedeutung f\u00fcr den geistigen Fortschritt der Menschheit, betrachtete sie letztendlich aber als eine zu \u00fcberwindende Stufe. Dem K\u00f6nigsberger galt bekanntlich diese nur noch als eine Art St\u00fctze, die ihre Geltungskraft dann verliert, wenn der Mensch zum Vernunftglauben gekommen sei. Verabsolutierte Kant den vern\u00fcnftigen \u201ereinen\u201c Glauben, so war Religion f\u00fcr den evangelischen Theologen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher ihrem Wesen weder Denken noch Handeln, sondern hatte \u201eeine eigene Provinz im Gem\u00fct\u201c. Entweder Vernunft oder Gem\u00fct \u2013 die Aufkl\u00e4rung hatte den Menschen damit endg\u00fcltig gespalten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"c19546\" class=\"frame frame-default frame-type-text frame-layout-0\">\n<div class=\"gg-pluginframe__no-indent\">\n<h2><strong>Neue Halteseile f\u00fcr den Glauben<\/strong><\/h2>\n<p>In dieser bewegten Zeit, wo die Welt auf den Kopf gestellt wurde und sich in den Geisteswissenschaften sowie in den K\u00f6pfen vieler Theologen die ber\u00fchmte kopernikanische Wende vollzog, war es an Sailer, dem Jesuiten, Hirten, Priester und Wissenschaftler, der Religion ihre spirituelle Kraft zur\u00fcckzugeben und der Theologie ihr metaphysisches Halteseil \u00fcber dem Abgrund der S\u00e4kularisierung erneut aufzuspannen. Sailer, der sich sein ganzes Leben hinweg mit dem K\u00f6nigsberger \u201eAlleszertr\u00fcmmerer\u201c intensiv besch\u00e4ftigte und diesem sein religi\u00f6ses Glaubensmanifest entgegenstellte, schrieb: \u201eWenn ein Menschenkind, wie sich ein Philosoph ausdr\u00fcckt, erstens discipliniert, zweitens kultiviert, drittens zivilisiert und viertens moralisiert werden mu\u00df, so mu\u00df es f\u00fcnftens auch divinisiert, das hei\u00dft zum g\u00f6ttlichen Leben gebildet werden, wenn ihm anders das h\u00f6chste Leben, das eigentliche Leben im Menschenleben, nicht fehlen soll.\u201c<\/p>\n<h2><strong>Der Mensch als leib-geistige Einheit <\/strong><\/h2>\n<p>Der philosophisch zuh\u00f6chst gebildete Sailer widerspricht damit nicht den Gedanken der Aufkl\u00e4rung an sich, sieht aber deutlich ihre Grenze darin, dass diese den Menschen blo\u00df auf seine Individualit\u00e4t reduziert und letztendlich zum Herrn der Sch\u00f6pfung macht. Gott hingegen wird entsubstantialisiert und verbleibt als blo\u00df hypothetisches Wesen ein L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer einer sich als autonom generalisierenden praktischen Vernunft. Damit aber, so der Theologe aus dem oberbayerischen Aresing, verk\u00fcrzt sich die Einheit des Menschen auf seine Ratio und l\u00f6st das existentielle Geflecht mit seiner Leiblichkeit auf. Eine derartige Verk\u00fcrzung des Menschen auf seine Ratio impliziert schlie\u00dflich seine Verkleinerung, da sich der Mensch nicht mehr als das Ganze der Sch\u00f6pfung wahrzunehmen vermag, sondern nur sich selbst als in sich geschlossene Einheit begreift und sich damit autonom und absolut setzt.<\/p>\n<p>Sailer, der klar zwischen Verstand und Vernunft in seinem Werk \u201eGrundlehren der Religion\u201c unterscheidet, hatte dem Verstand die F\u00e4higkeit zugewiesen, die Welt und sich damit seiner selbst bewusst zu werden. Der Vernunft hingegen attestierte er die F\u00e4higkeit zu, Gott zu vernehmen. \u201eDie Wahrnehmung Gottes durch die Vernunft macht den Menschen erst eigentlich zum Menschen und ist die M\u00f6glichkeitsbedingung jeder anderen Wahrheitserkenntnis.\u00a0 \u2013 Weil Gewissen Vernunft in ethischer Hinsicht ist, wird im Gewissen Gott selbst als h\u00f6chster Gesetzgeber vernommen. \u2013 Die F\u00e4higkeit des Wollens wird nicht in erster Linie als Wahlfreiheit verstanden, sondern von der Dynamik der Vernunft und des Gewissens auf Gott hin als Freiheit zum Guten. Die Freiheit des Wollens ist dem Menschen gegeben, damit er die sittliche Freiheit erreiche.\u201c<\/p>\n<p>Was Sailer letztendlich an der Aufkl\u00e4rung kritisiert, ist ein Vernunftbegriff einerseits, der sich vom Transzendenten l\u00f6st und einen Verstand andererseits, der sich nur an den Prinzipien von N\u00fctzlichkeit, Individualismus und Selbstvergl\u00fcckung orientiert. Dieser ethische Eud\u00e4monismus, der die endliche Gl\u00fcckseligkeit zum Zweck der ganzen Sch\u00f6pfung macht, f\u00fchrt letztendlich in den Relativismus als Ma\u00df aller Dinge. So nimmt es nicht Wunder, dass der Pastoraltheologe gegen die Auffassung rebelliert, dass es unabh\u00e4ngig vom Gewissen keine objektiv-moralischen Gesetze mehr gibt. Das Gewissen bleibt \u2013 gegen die Aufkl\u00e4rung gewendet \u2013 nicht der Ort endlicher Selbstzentrierung, sondern erlangt seine Autorit\u00e4t allein durch seine g\u00f6ttliche Begr\u00fcndetheit. Wie das Gewissen f\u00fcr Sailer \u201egottvernehmende Vernunft\u201c ist und damit relational und personal verstanden wird, so begr\u00fcndet er auch den Gedanken der Menschenw\u00fcrde von Anfang theologisch. Die Menschenw\u00fcrde ist keine vom Menschen erworbene, sondern eine dem Sein mitgegebene g\u00f6ttliche Qualit\u00e4t und damit abgeleitet von Gottes W\u00fcrde qua \u201eBild Gottes\u201c. \u201eAlles, was Mensch ist, ist dem guten Menschen ehrenwert. Der gute Mensch ehrt in jedem Menschen die Menschheit und in der Menschheit die Gottheit, deren Bild jene ist.\u201c<\/p>\n<h2><strong>Johann Michael Sailer als Br\u00fcckenbauer<\/strong><\/h2>\n<p>Auch im 21. Jahrhundert feiern Aufkl\u00e4rung und Globalisierung ihre Triumphz\u00fcge und potenzieren sich in Gender- und Transhumanismus-Idolen, die dem Religi\u00f6sen kr\u00e4ftig ins Gesicht blasen, weil sie sein traditionelles Wahrheits- und Glaubensverst\u00e4ndnis aus den Angeln zu heben drohen. Im Zeitalter, wo eine zunehmende Diktatur des \u201eAlles ist erlaubt\u201c regiert, wo allein das rationale Argument das einzige zu sein scheint, dem Geltungskraft zugesprochen wird, wo ein theologischer Eklektizismus als Modeerscheinung den Glauben immer wieder vor neue Pr\u00fcfungen stellt, zeigt uns ein Blick auf das Denken des Regensburger Bischof Sailer: Nur wenn es dem Menschen wieder gelingt, aus sich heraus in enger Beziehung zu Gott zu treten, die Vernunft f\u00fcr das Transzendente zu weiten und sich wider den Zeitgeist aufzurichten, l\u00e4sst sich das lebendige Feuer des Glaubens erneut neu entz\u00fcnden. F\u00fcr diese funkelnde Gabe hat Sailer immer geworben, erweckte eine ganze Priestergeneration damals zu neuer Spiritualit\u00e4t und Mystik. Sein \u201eVollst\u00e4ndiges Gebetbuch Lese- und Betbuch\u201c sowie seine \u00dcbersetzung der \u201eNachfolge Christi\u201c sind auch heute keineswegs aus der Welt gefallen, sondern lesenswerte Quellen. In Zeiten, wo der Zeitgeist des Relativismus w\u00fctet und alles Wahrhafte, Gute und Sch\u00f6ne, was den Hauch des Religi\u00f6sen in sich tr\u00e4gt und atmet, aus purer Lust zerst\u00f6ren will, wo er sich also m\u00e4chtig gegen das Tradierte und Konventionelle, gegen das religi\u00f6s-konservative Leben wie ein Allesvernichter aufrichtet und seinen Siegeszug durch die weltlichen Institutionen antritt, sollte man sich, wie es einst Sailer predigte, erneut auf den Ursprung des Glaubens konzentrieren, um daraus Kraft zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Johann Michael Sailer, \u201eder bayerische Kirchenvater\u201c, der weit \u00fcber die Grenzen Europas hinaus zu den einflussreichsten Denkern seiner Zeit und auch heute noch z\u00e4hlt, hatte nicht zuletzt seinen Mut und seine Energie aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, dem Gottesdienst, der Feier des Kirchenjahres und dem christlichen Kultur- und Brauchtum gesch\u00f6pft. Diese tiefe Innerlichkeit einerseits und das Zur\u00fcck zu den Quellen des Glaubens andererseits waren sein Rettungsanker in einer damals vom Zeitgeist schwer angeschlagenen Kirche in tobend-unruhiger See. Die Zeiten haben sich zwar ge\u00e4ndert, die Krisen aber sind geblieben. Unsere Gesellschaft mag zwar ganz anders als die seinige damals gewesen sein, aber auch sie bleibt genauso auf das Heil angewiesen. Auf dieses Heil hinzuarbeiten, macht Sailer auch nach 250 Jahren noch zu einem Br\u00fcckenbauer. Von ihm k\u00f6nnen wir lernen, dass selbst eine Kirche, die im Sturm steht, dann nicht untergehen kann, wenn sie die Einsicht tr\u00e4gt, dass wahrhafter Glaube die Vernunft nicht dem\u00fctigt, sondern diese f\u00fcr ihn \u00f6ffnet. Dies bleibt damals wie heute ein Dreh- und Angelpunkt f\u00fcr jeden Glaubenden, um nicht in der w\u00fctenden See eines uferlosen Relativismus zu ertrinken.<\/p>\n<p><strong>Literaturhinweis <\/strong><\/p>\n<p>Johann Michael Sailer als Br\u00fcckenbauer: Festgabe zum 99. Katholikentag 2014 in Regensburg, Verlag des Vereins f\u00fcr Regensburger Bistumsgeschichte 2014, hg. Von Konrad Baumgartner und Rudolf Voderholzer.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title\">Interview mit Edmund Stoiber \u2013 Papst Benedikt war eine der gr\u00f6\u00dften Pers\u00f6nlichkeiten, die ich erleben durfte<\/h1>\n<h2 class=\"mh-subheading\">Gro\u00dfe Anerkennung von Edmund Stoiber f\u00fcr Joseph Ratzinger<\/h2>\n<p class=\"mh-meta entry-meta\"><span class=\"entry-meta-date updated\"><i class=\"fa fa-clock-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2022\/06\/\">19. Juni 2022<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-author author vcard\"><i class=\"fa fa-user\"><\/i><a class=\"fn\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-categories\"><i class=\"fa fa-folder-open-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/glaube\/\" rel=\"category tag\">Glaube<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-comments\"><i class=\"fa fa-comment-o\"><\/i><a class=\"mh-comment-scroll\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/interview-mit-edmund-stoiber-papst-benedikt-war-eine-der-groessten-persoenlichkeiten-die-ich-erleben-durfte\/#mh-comments\">0<\/a><\/span><\/p>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<p><em>Was kaum einer wusste, hat der ehemalige Ministerpr\u00e4sident Edmund Stoiber im Interview verraten. Seit Jahren war er eng mit Joseph Ratzinger \/ Papst Benedikt XVI. verbunden. Bei der feierlichen Matinee zum 95. Geburtstag von Papa emerito in Schloss Nymphenburg haben wir mit dem CSU-Politiker \u00fcber den Jubilar gesprochen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt f\u00fcr Sie Papst Benedikt im 21. Jahrhundert?<\/strong><\/p>\n<p>Eine au\u00dferordentliche. Ich habe in meinen Leben keinen Menschen mehr getroffen habe, und ich habe viele hochstehende Pers\u00f6nlichkeiten kennengelernt, der die Komplexit\u00e4t des Glaubens und die einfache Botschaft miteinander vermitteln konnte, wenn er \u00fcber Glauben und Vernunft auf h\u00f6chstem intellektuellem Niveau gesprochen hat. Die Art seiner Botschaft, seiner K\u00f6rpersprache, war so, dass er alle Menschen erreicht hat. Er hat ein Leben so vorbildlich f\u00fcr Jesus Christus, f\u00fcr das Christentum und f\u00fcr die christlichen Werte gelebt wie man sich das eigentlich kaum vorstellen kann. F\u00fcr mich ist er eine der allergr\u00f6\u00dften Pers\u00f6nlichkeiten, die ich erleben durfte. Ich habe eine lange Vergangenheit mit ihm. Das muss ich sagen, weil das nicht bekannt ist.<\/p>\n<p><strong>Das m\u00fcssen Sie uns erkl\u00e4ren<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte mein erstes juristisches Staatsexamen in M\u00fcnchen gemacht. Mein Doktorvater war der Privatdozent Friedrich Christian Schr\u00f6der, der Assistent bei Professor Reinhart Maurach war \u2013 und der hatte seinen ersten Ruf an die neue Universit\u00e4t Regensburg als Juraprofessor. Nach meinem Examen und als Doktorand hat er mich gebeten, ob ich nicht einmal in der Woche nach Regensburg fahren k\u00f6nne, um seine Studenten in den \u00dcbungen zu begleiten. Und viele der Studenten haben damals gesagt: Sie m\u00fcssen mal zu Ratzinger gehen. Dann bin ich als Assistent in die Vorlesungen gegangen, die ungeheuer interessant waren. Es war eine Zeit nach den Studentenunruhen. Aber Ratzinger hatte eine Autorit\u00e4t und eine Begeisterung ausgestrahlt \u2013 und der H\u00f6rsaal war regelrecht \u00fcberf\u00fcllt. Es sind alle gekommen. Ich war mindestens f\u00fcnf bis sechs Mal bei ihm.<\/p>\n<p>Als er dann Erzbischof in M\u00fcnchen und Freising war, habe ich ihn oft mit dem ehemaligen Ministerpr\u00e4sidenten Franz Joseph Strau\u00df getroffen. Als ich dann Ministerpr\u00e4sident 1993 wurde, hat mich der erste Besuch in den Vatikan gef\u00fchrt. Damals habe ich auch den Vorsitzenden der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger besucht. Und noch ein anderes kam hinzu, aber es passt.<\/p>\n<p>Als neuer Ministerpr\u00e4sident kam ich zur Ministerpr\u00e4sidentenrunde, wo es um die Pflegeversicherung ging. Die Politik hatte damals zugesagt, einen Feiertag, den Pfingstmontag, f\u00fcr die Kosten der Pflegeversicherung zu opfern. Mein Vorg\u00e4nger Max Streibl hatte mit dem Ministerpr\u00e4sidenten von Baden-W\u00fcrttemberg, Erwin Teufel, schon alles daf\u00fcr in die Wege geleitet. Zum Thema hatte ich aber auf der ersten Sitzung gesagt: \u201edas wird mit mir nicht zu machen sein\u201c. Dies war dann ein gro\u00dfer Aufreger. In meiner Not habe ich dann den Vorsitzenden der Glaubenskongregation in Rom, eben Ratzinger, angerufen und habe ihn gefragt: \u201eIch h\u00f6re dauernd, dass der Pfingstmontag nicht so liturgisch wertvoll wie der Pfingstsonntag oder der Ostermontag.\u201c Aber er hat mir dann gesagt. \u201eEr lebe in Italien und dort gibt es schon lange mehr keinen Pfingstmontag. Was in der Gesellschaft passiert, dies m\u00fcssen Sie einfach bewerten\u201c, so sein Rat. Pfingsten, so die damalige Bef\u00fcrchtung von Ratzinger, wird ein normales Wochenende \u2013 es wird bald nicht mehr etwas Besonderes sein. Dies war f\u00fcr mich die wesentliche Argumentation. Dagegen musste ich was tun. Gegen Erwin Teufel habe ich mich dann durchgesetzt und er musste den Pfingstmontag wieder einf\u00fchren.<\/p>\n<p>Heide Simonis und Johannes Rau beispielsweise pl\u00e4dierten von evangelischer Seite dann f\u00fcr den Bu\u00df- und Bettag. Und ich habe gesagt: da k\u00f6nne man dr\u00fcber reden.<\/p>\n<h4>Sie haben einmal in einem Beitrag in einem Buch, das Georg G\u00e4nswein herausgegeben hatte, gesagt: Politik k\u00f6nne Nachhilfe von der Kirche vertragen. Stimmt das auch heute noch?<\/h4>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich immer so, aber im Moment eine gro\u00dfe Schwierigkeit. Zu meinem schmerzlichen Erleben ist die Missbrauchssituation die gr\u00f6\u00dfte Krise der Institution Kirche in den letzten zweitausend Jahren. Das muss jetzt angegangen werden. Aber das Entscheidende eigentlich ist, und da bin ich wieder bei Benedikt: Diejenigen, die heute Verantwortung tragen und die sich bewusst sind, dass dort schwere Fehler passiert sind, m\u00fcssen das gegen\u00fcber den Betroffenen mit mehr Empathie begleiten. Es ist nicht nur eine Krise der Institution Kirche, sondern auch eine zutiefst menschliche, die man nur \u00fcberwinden kann, wenn man mit mehr Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen an dieses Thema herangeht. Aber ich glaube, dies sp\u00fcren jetzt alle. Ich pers\u00f6nlich gehe davon aus, dass die Kirche diese Krise \u00fcbersteht. Sich mit Gott intensiv zu besch\u00e4ftigen, sowohl wissenschaftlich als auch menschlich, bis hin zu einer Fr\u00f6mmigkeit des Vertrauens war immer auch ein Ma\u00dfstab der Politik. Denn die Leidenschaft und die Inbrunst geh\u00f6ren in die Politik. Aber ebenso die Demut gegen die eigene Unvollkommenheit. Gerade diese vermisse ich oft im politischen Alltag.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title\">Festakt f\u00fcr Joseph Ratzinger \u2013 Benedikt XVI. schaute in Rom per Livestream zu<\/h1>\n<p class=\"mh-meta entry-meta\"><span class=\"entry-meta-date updated\"><i class=\"fa fa-clock-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2022\/06\/\">19. Juni 2022<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-author author vcard\"><i class=\"fa fa-user\"><\/i><a class=\"fn\" href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a><\/span> <span class=\"entry-meta-categories\"><i class=\"fa fa-folder-open-o\"><\/i><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/glaube\/\" rel=\"category tag\">Glaube<\/a><\/span> <i class=\"fa fa-comment-o\"><\/i><\/p>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<p><em>Ein Festakt im wahrsten Sinne war die Matinee im Hubertussaal auf Schloss Nymphenburg. Sowohl hohe W\u00fcrdentr\u00e4ger der katholischen und orthodoxen Kirche als auch viele Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kunst Gesellschaft haben mit Papa emeritus seinen 95. Geburtstag nachgefeiert. Dank einer Live-\u00dcbertragung durch EWTN konnte Joseph Ratzinger im vatikanischen Kloster Mater Ecclesia die Veranstaltung mitverfolgen. Von Stefan Gro\u00df Lobkowicz. <\/em><\/p>\n<p>Bei sommerlichen Temperaturen wurde in M\u00fcnchen der 95. Geburtstag von Joseph Ratzinger, der am 16. April 1927 in Markl am Inn geboren wurde, nachgeholt. Corona-bedingt war die Feier des W\u00fcrdentr\u00e4gers und kirchlichen Hirten verschoben worden.<\/p>\n<p>300 geladene G\u00e4ste, darunter der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Nikola Eterovi\u0107, der pers\u00f6nliche Privatsekret\u00e4r von Papst Benedikt XVI., Erzbischof Dr. Georg G\u00e4nswein, aber auch Politiker wie der ehemalige bayerische Ministerpr\u00e4sident Dr. Edmund Stoiber, der langj\u00e4hrige Bundestagsvizepr\u00e4sident Johannes Singhammer und Peter Gauweiler sowie Prinz Ludwig von Bayern und Michael Triegel z\u00e4hlten zur G\u00e4steschar. Der Hubertussaal war fast bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Auch aus Regensburg, wo Ratzinger seine letzte Professorenstelle innehatte, waren viele G\u00e4ste gekommen, darunter Generalvikar Dr. Roland Batz, Weihbischof Dr. Josef Graf und Domprobst Pr\u00e4lat Dr. Franz Fr\u00fchmorgen. Viele Mitarbeiter des \u201eInstitutes Papst Benedikt XVI.\u201c, dessen Direktor der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer ist, waren gekommen, um Papst Benedikt XVI. ihre Ehre zu erweisen. Das Regensburger Institut fungierte beim festlichen Akt als Mitveranstalter und Kooperationspartner. Musikalisch umrahmt wurde der Festakt durch das Vokalensemble \u201ePassero\u201c, einem Zusammenschluss einer M\u00e4nnergruppe der ehemaligen Domspatzen. Mit dem Studentenlied \u201eAls wir j\u00fcngst in Regensburg waren\u201c hatten die K\u00fcnstler Papst emerito eine ganz besondere Freude bereitet. Denn Musik war und ist f\u00fcr einen der gr\u00f6\u00dften Theologen des 21. Jahrhunderts im wahrsten Sinne g\u00f6ttlich.<\/p>\n<p>In seinem Gru\u00dfwort schrieb der Bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der: \u201ePapst Benedikt hat die Menschen weltweit bewegt. Sein tiefer Glaube, sein brillanter Geist und seine aufrichtige Bescheidenheit er\u00f6ffneten ihm den Zugang zu den Herzen der Gl\u00e4ubigen\u201c. Der Theologe Achim Buckenmaier, neuer Vorsitzender der \u201eJoseph Ratzinger \/ Papst Benedikt XVI.-Stiftung\u201c betonte \u201edass die Kirche in unserem Land nicht nur einen Papst, sondern auch einen der wichtigsten Theologen und Denker des 20. und 21. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Benedikt XVI. braucht diese Erinnerung nicht, aber wir glauben, unsere Kirche braucht sie\u201c.<\/p>\n<p>Dr. Christian Schaller, stellvertretender Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI., w\u00fcrdigte Benedikt XVI. als eine Pers\u00f6nlichkeit, die unmittelbar anspricht. \u201eUnd sie spricht von Gott, von Jesus und von den Menschen.\u201c Wie Schaller in seiner Begr\u00fc\u00dfungsrede hervorhob, war jeder, der ihn predigen h\u00f6rte und Liturgie mit ihm feierte vom \u201eersten Augenblick angezogen und neugierig darauf, was es da noch alles zu entdecken gibt\u201c. Seine Theologie habe aber nicht nur das akademische Feld bedient, \u201eum der Wissenschaft neue Erkenntnisse zu pr\u00e4sentieren, sondern aufgezeigt, dass Theologie etwas mit meiner Lebens- und Glaubensentscheidung zu tun hat.\u201c Erzbischof Nikola Eterovi\u0107 unterstich, dass Ratzinger den Menschen zu den \u201eQuellen des Heils f\u00fchren wollte\u201c und das Ratzinger \u201eimmer ein Mitarbeiter der Wahrheit gewesen\u201c sei.<\/p>\n<p>Sichtlich bewegt zeigte sich Kurienerzbischof Georg G\u00e4nswein in seinem Gru\u00dfwort. Wie der langj\u00e4hrige Privatsekret\u00e4r betonte, h\u00e4tte er nie \u201egeglaubt, dass die letzte Wegstrecke vom Monasterium Mater Ecclesiae bis zur Himmelst\u00fcr des heiligen Petrus so lange\u201c f\u00fcr Joseph Ratzinger ist. Aber G\u00e4nswein unterstrich auch, dass Papst Benedikt das oberste Hirtenamt nicht nur als \u201eLast\u201c, sondern auch als \u201eSeelenfreude\u201c wahrgenommen habe. \u201eUnd diese Seelenfreude hat er sich bewahrt \u2013 \u00fcber alle N\u00f6te und Entt\u00e4uschungen hinweg. Sie ist wie ein Licht, das ihn innerlich begleitet.\u201c Trotz k\u00f6rperlicher Gebrechen sei Benedikt bei \u201ewachem, hellwachem Geist und Blick\u201c. Zwar h\u00e4tten die letzten Jahre m\u00e4chtig an seinen Kr\u00e4ften gezehrt, aber \u00fcber alle diese M\u00fchen hinweg habe \u201eer sich die dem\u00fctige Heiterkeit seines Herzens bewahrt\u201c. \u201eAuch sein ungebrochener Humor blitzt immer wieder auf, der von seiner pers\u00f6nlichen Milde eingerahmt ist, die immer schon Markenzeichen seiner Pers\u00f6nlichkeit gewesen ist. Er hat sich gefreut wie ein Kind, als er \u00fcber den heutigen Festakt informiert wurde. Und er hat mich gebeten, Ihnen allen herzliche Segensgr\u00fc\u00dfe zu senden.\u201c<\/p>\n<p>Die deutsche Dogmatikerin Marianne Schlosser, Ratzinger-Preistr\u00e4gerin des Jahres 2018 und Universit\u00e4tsprofessorin f\u00fcr Theologie der Spiritualit\u00e4t an der Katholisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien, hatte sich das Thema \u201eJoseph Ratzinger als Hirte und Lehrer\u201c zum Thema ihres Festvortrages genommen. Schlosser hob hervor, dass Ratzinger vor allem ein Hirte sein wollte, dem es darum ging, dass die Arbeit f\u00fcr die Menschen zugleich eine Mitarbeit f\u00fcr Gott selbst ist. Der Hirte ist einer, der eine pers\u00f6nliche Beziehung zu Gott hin zu stiften vermag und diese frohe Botschaft mit anderen in Freude teile. Der Glaube, so Schlosser, l\u00e4dt zur Begegnung ein. Und sie mahnte: Wenn das g\u00f6ttliche Licht erlischt, verliert der Mensch seine W\u00fcrde. Und dies habe letztendlich nicht nur Auswirkungen auf die Kirche, sondern auch f\u00fcr alle Menschen. Erl\u00f6sung k\u00f6nne nur daher nur im gemeinsamen Dialog durch das H\u00f6ren auf die Wahrheit gelingen. Wie Schlosser Ratzinger zitierte, bestehe die aktuelle Glaubenskrise in einem latenten Deismus. Nur wenn es gelingt, Christus wieder in die Herzen zu holen, l\u00e4sst sich eine neue Gemeinschaft mit Gott stiften. Aber dies bedeutet auch, dass die Kirche wieder von ihrer Herkunft leben und diese beseelen muss. Es gilt daher die Zeichen Gottes in der heutigen Zeit zu erkennen. Denn nur so kann die Theologie erneut zur wahren Verk\u00fcnderin des Glaubens werden. \u201eDie Verk\u00fcndigung ist das Wahrste der Theologie, es gibt einen Vorrang des einfachen Glaubens. In diesem Sinne hat das Lehramt einen demokratischen Charakter, weil es keine Randgunterschied zwischen Gelehrten und einfachen Menschen gibt.\u201c<\/p>\n<p>Der Festakt 2022 wurde von Martina Heim, seit 2021 neuer Vorstand der Stiftung, ma\u00dfgeblich mitgetragen. Auf charmante Weise f\u00fchrte Gudrun Sailer von Vatican News, durch eine Veranstaltung, die mit Wort und Musik allen Teilnehmern in wohlklingender Erinnerung bleiben wird.<\/p>\n<h2><strong>Edmund Stoiber: Ratzinger hat einen gro\u00dfen Einfluss auf das Denken des 21. Jahrhunderts<\/strong><\/h2>\n<p>In einem Interview am Ende der Veranstaltung erkl\u00e4rte der ehemalige Ministerpr\u00e4sident Bayerns, Dr. Edmund Stoiber: \u201eIch habe in meinen Leben keinen Menschen mehr getroffen habe, und ich habe viele hochstehende Pers\u00f6nlichkeiten, der die Komplexit\u00e4t des Glaubens und die einfache Botschaft miteinander vermitteln konnte, wenn er \u00fcber Glauben und Vernunft auf h\u00f6chstem intellektuellem Niveau gesprochen hat.\u201c<\/p>\n<h2><strong>Hintergrund <\/strong><\/h2>\n<p>Die Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung wurde 2007 auf Initiative ehemaliger Sch\u00fcler des fr\u00fcheren Professors f\u00fcr Dogmatik und Fundamentaltheologie gegr\u00fcndet. Zu ihren Zielen geh\u00f6rt es, sein theologisches Werk f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit zu erschlie\u00dfen, seine Theologie durch wissenschaftliche Arbeiten zu f\u00f6rdern und sein Denken mit den Fragen der Gegenwart in das Gespr\u00e4ch zu bringen. Am 12. November 2008 fand in der Katholischen Akademie in Bayern die Pr\u00e4sentation der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung statt. In einem Brief vom 30. November 2007 schrieb der damalige Papst. \u201eIch habe zur Kenntnis genommen, dass meine Sch\u00fcler-Professoren Stephan Horn, Peter Kuhn, Theo Sch\u00e4fer, Ludwig Weimer und OStR Wolfram Schmidt die Einrichtung einer Stiftung b\u00fcrgerlichen Rechts mit dem Namen Josef Ratzinger Papst Benedikt-Stiftung beabsichtigen. Ich erkl\u00e4re mein Einverst\u00e4ndnis damit, da\u00df die Stiftung sowohl meinen b\u00fcrgerlichen als auch meinen p\u00e4pstlichen Namen f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<h1>Nur eine Erneuerung der Spiritualit\u00e4t vermag ein einheitliches Europa zu stiften \u2013 Zum 250. Geburtstag von Novalis<\/h1>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2022\/05\/\"> Mai 2022<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/gesellschaft\/\">Gesellschaft<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/nur-eine-erneuerung-der-spiritualitaet-vermag-ein-einheitliches-europa-zu-stiften-zum-250-geburtstag-von-novalis\/#mh-comments\">0<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>Er war ein Allrounder, ein fr\u00fcher Genius, der die Welt nicht nach Prinzipien zirkelte, sondern mit Esprit, Enthusiasmus und vor allem mit Liebe diese geradezu neu erschaffen wollte \u2013 dieser Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, der sich seit seinem ersten Fragment \u201eBl\u00fcthenstaub\u201c Novalis nannte. Die produktive Suche nach einer universellen-pantheistisch \u2013 am Vorbild Baruch de Spinoza \u2013 gedachten Einheit, die alles Getrennte miteinander verbindet und erl\u00f6sende Harmonie, ja Weltharmonie, stiftet, lie\u00dfen ihn letztendlich bei der Idee des Absoluten anlangen, das f\u00fcr die h\u00f6chste Einheit allen Seins steht und im Mysterium der Natur diese gro\u00dfe Einheit feiert. Sowohl Natur und Kunst bleiben Spiegelbilder dieses Unendlichen \u2013 und der K\u00fcnstler ist nichts anderes als der kreative Geist, der das verlorene Paradies einst unverbr\u00fcchlicher Einheit zur\u00fcckerobern muss und das Goldene Zeitalter neu zu errichten habe.<\/p>\n<p>In der klassischen griechischen Literatur ebenso beheimatet wie in der damaligen Naturwissenschaft hatte Novalis die perfekten Anlagen, um sich die Welt anzueignen und sie gem\u00e4\u00df seiner Produktivit\u00e4t zu verwandeln. Der aus dem nieders\u00e4chsischen Adelsgeschlecht entsprungene und auf dem Rittergut Oberwiederstedt am 2. Mai 1792 geborene Literat, galt selbst f\u00fcr den ehemaligen St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger und dann zum Klassiker par excellence gereiften Goethe, der bekanntlich rein gar nicht mit der Fr\u00fchromantik und der romantischen Poesie anzufangen vermochte, als ein m\u00f6glicher Imperator des geistigen Lebens und der literarischen Welt. Doch f\u00fcr Novalis, der wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen das Symbol der \u201eblauen Blume\u201c verk\u00f6rperte, blieb die Sehnsucht, die Liebe und das metaphysische Streben nach dem Unendlichen ein sehr umzirkeltes Ma\u00df seiner eigenen Endlichkeit. Schon mit 28 Jahren verstarb Hardenberg an Tuberkulose.<\/p>\n<p>Jena, das Saale-Athen, die \u201eStapelstadt\u201c des Wissens, wo sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Weltgeister die T\u00fcrklinke quasi in die Hand gaben, wurde zum geistigen Zentrum des Romantikers mit christlichen Ambitionen. Nirgendwo anders in Deutschland war das geballte Wissen der Zeit derartig hochkar\u00e4tig geb\u00fcndelt. Kunst, Literatur und Wissenschaft erbl\u00fchten unter der \u00c4gide von Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller und dem benachbarten Weimarer Musenhof.<\/p>\n<p>Gravit\u00e4tisch verst\u00e4rkt wurde der Genius loci der Universit\u00e4tsstadt durch die beginnende Fr\u00fchromantik, durch August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel, den wirkm\u00e4chtigen Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, den Theologen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher sowie den einflussreichen Frauen Dorothea Veit und Caroline Schlegel-Schelling. Der neue Aufbruch ins Ungeahnte, jenseits von Sturm und Drang und Aufkl\u00e4rung, war buchst\u00e4blich der Geist, den diese neue Generation von Denkern atmete und der sie auch mit ihrer \u00c4sthetik zu v\u00f6llig neuen Ufern f\u00fchren wird. F\u00fcr Novalis, den feinsinnigen Geist, war dies genau der N\u00e4hrboden f\u00fcr eine Philosophie der sch\u00f6pferisch-menschlichen Pers\u00f6nlichkeit, die von Immanuel Kant und Fichte ausgehend die produktive Phantasie in den Mittepunkt r\u00fcckte.<\/p>\n<h4>Mit Friedrich Schlegel f\u00fcr eine Universalpoesie<\/h4>\n<p>Statt Analytik, praktischer Vernunft und Urteilskraft \u00e0 la Kant revolutionierte Friedrich Schlegel damals die Welt mit seiner progressiven Universalpoesie, einer Kunst, die nicht nur die Literatur, sondern buchst\u00e4blich die ganze Welt, Philosophie, Kunst und Wissenschaft syn\u00e4stethisch verbinden sollte. Das gesellschaftliche Leben sollte sich zwischen in Traum, Wirklichkeit und Poesie aufspannen. Universal einerseits, wie progressiv andererseits, da die Kunst stetig im Werden sei, weil sie sich im Origin\u00e4ren spiegele, nicht in der blo\u00dfen Kopie des Bestehenden und damit Abbildung einer vorgefundenen Wirklichkeit, die es lediglich zu kopieren gelte. Kunst wird immer wieder neu, ist eine poetische Erfindung, die ins Offene dr\u00e4ngt, sowohl hinsichtlich ihrer Sch\u00f6pferkraft sowie ihrer Auslegung.<\/p>\n<p>Im \u201eAthen\u00e4ums-Fragment Nr. 116\u201c hatte Schlegel die Aufgabe der Literatur so beschrieben: \u201eDie romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht blo\u00df, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Ber\u00fchrung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialit\u00e4t und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anf\u00fcllen und s\u00e4ttigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Schiller die ganze \u201eSchlegelei\u201c, worunter er die Romantik samt ihrem Katholizismus, ihrer Gef\u00fchlsduselei und mystischem Schw\u00e4rmertum subsumierte und abkanzelte, weil sie nicht mit seiner an Kant geschulten Denkungsart vereinbar war, sah Novalis im Gef\u00fchl und im romantischen Produktionsbegriff die neue Welt buchst\u00e4blich vor Augen. Und so kippte er Kants und Fichtes Idealismus in eine Produktions\u00e4sthetik um und bestimmte das Wesen der Kunst als die \u201eF\u00e4higkeit bestimmt und frey zu produciren\u201c. Die in der Aufkl\u00e4rung verschm\u00e4hte Einbildungskraft oder Fantasie hob er in den Adelsstand. \u201eDie Einbildungskraft ist der wunderbare Sinn, der uns alle Sinne ersetzen kann und der so sehr schon in unserer Willk\u00fcr steht\u201c. Nicht die Vernunft regiert wie bei Kant, nicht Fichtes Ich setzt sich die Welt au\u00dfer sich, sondern eine imaginative Konstruktionslehre soll sie Welt \u201eromantisieren, indem sie einen neuen Sinn \u201econstruirt\u201c und ein niederes Objekt mit einem h\u00f6heren Sinn verbindet und den h\u00f6heren Sinn mit dem Diesseits synthetisiert\u201c.<\/p>\n<h4>Der Poet als transzendentaler Arzt<\/h4>\n<p>Anstelle von Natur-Nachahmung und dem Dualismus von Sinnlichkeit und Sittlichkeit tritt bei Hardenberg das reine Streben nach einer \u201eRomantisierung der Welt\u201c. Und wie Schlegel, der das romantische Fragment als die geeignete Darstellung seiner progressiven Universalpoesie verstand, wird f\u00fcr Novalis die \u201eprogressive Universalpoesie\u201c zum Schl\u00fcssel der Welterkl\u00e4rung, in der sich alles Getrennte verbindet. So nimmt es nicht Wunder, dass der Dichter die Poesie als die \u201egro\u00dfe Kunst der Konstruktion der transzendentalen Gesundheit\u201c versteht\u201c und den Poeten zum transzendentalen Arzt erkl\u00e4rt, der die Wunden der Seele und der Welt kuriert. Und anders als im Aufkl\u00e4rungszeitalter mit seinem harten Vernunft- und Verstandesregime erobert sich das Gef\u00fchl seine Dom\u00e4nen zur\u00fcck. Als \u201eGem\u00fcterregungskunst\u201c wird Novalis die Poesie nobilitieren und sie als \u201eDarstellung des Gem\u00fcts \u2013 der innern Welt in ihrer Gesamtheit\u201c begreifen.<\/p>\n<h4>Mit Schleiermacher auf der Suche nach einer neuen Spiritualit\u00e4t<\/h4>\n<p>Inspiriert von Schleiermachers epochemachender Religionskritik und Kampfschrift gegen die christliche Spie\u00dfb\u00fcrgeridylle und gegen eine in seinen Augen erstarrte Vernunftreligion, die an die Stelle Gottes die moralische Selbstvergottung gestellt habe und damit die Religion zum Vehikel der Moral degradierte, wie sie der schlesische Theologie 1799 in seiner Schrift \u201e\u00dcber die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Ver\u00e4chtern\u201c, formulierte, geht Novalis mit dem evangelischen Kirchenpolitiker und P\u00e4dagogen auf die Suche nach einer neuen Spiritualit\u00e4t.<\/p>\n<p>War f\u00fcr Schleiermacher die Religion weder dazu da, \u201edas Universum seiner Natur nach zu erkl\u00e4ren wie die Metaphysik\u201c noch den Menschen fortbilden und besser machen wie die Moral. Religion sei ihrem Wesen also weder Denken noch Handeln, sondern habe vielmehr \u201eeine eigene Provinz im Gem\u00fct\u201c. Statt Tun setzte Schleiermacher in Sachen Religion auf Gef\u00fchl und Anschauung. \u201eAnschauen will sie das Universum, will sich in kindlicher Passivit\u00e4t ergreifen und erf\u00fcllen lassen. Das Universum ist in einer ununterbrochenen T\u00e4tigkeit und offenbart sich uns jeden Augenblick.\u201c<\/p>\n<p>Diese Anschauung des Universums hatte Schleiermacher sp\u00e4ter auch als Gef\u00fchl der schlechthinnigen Abh\u00e4ngigkeit des Menschen vom Universum bezeichnet. Aber eben als eines, die die individuelle Freiheit keinesfalls leugnet, denn das Gef\u00fchl der schlechthinnigen Abh\u00e4ngigkeit bleibt auf die Verbundenheit mit dem Mysterium der Natur bezogen. Und Natur ist weder f\u00fcr Schleiermacher noch f\u00fcr den bekennenden Naturwissenschaftlicher Novalis ein toter Mechanismus, sondern ein lebendiges Prinzip, durch das der Mensch die unendliche Kraft des Universums in sich sp\u00fcrt und sich universal wie diese Kraft ins Unendliche hineinwirft. Oder anders gesagt: Das Mysterium des Universums spiegelt die eigene Freiheit zur\u00fcck.<\/p>\n<h4>F\u00fcr ein Europa aus dem Geist des Christentums<\/h4>\n<p>Freiheit wird f\u00fcr Novalis zum A und O \u2013 und dies nicht nur im Blick auf seine Naturphilosophie, sondern auch bei seiner Vision eines \u201epoetischen Christentums\u201c, wie er es in seiner sogenannten Europarede \u201eDie Christenheit oder Europa\u201c, 1799 entstanden, 1826 von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck vollst\u00e4ndig herausgegeben, formulierte. Ein neues Europa, so seine politische Utopie, sei nur auf den Grundfesten des christlichen Glaubens m\u00f6glich. Und schon im ersten Satz hei\u00dft es dort: \u201eEs waren sch\u00f6ne gl\u00e4nzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo <em>Eine<\/em> Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte.\u201c<\/p>\n<p>Doch die \u201e\u00e4chtkatholischen oder \u00e4cht christlichen Zeiten\u201c, die Novalis dem Mittelalter zuordnet sind vorbei, so der resignierte Befund am Ende des 18. Jahrhunderts. Nur noch Ruinen vergangener Zeiten ragen f\u00fcr den Poeten herauf und verk\u00fcnden das Unheil, das sich im Nationalen verf\u00e4ngt und damit die Tragik seiner Epoche wehm\u00fctig widerspiegelt. Selbst die einst wahre mittelalterliche Religion ist versch\u00fcttet, ersetzt durch Gottesferne, Selbstsucht, Materialismus und einer \u201ezerstreuten\u201c Menschheit samt niedrigen Begierden und einer \u201eGemeinheit und Niedrigkeit\u201c der Denkungsart. Die Reformation hatte dem Glauben und der Einheit Europas noch den Rest gegeben, das einst heilige Reich zersplittert. Statt Gott regieren seitdem die F\u00fcrsten und somit die weltlichen M\u00e4chte samt der \u00dcberbordung des Politischen \u00fcber das Religi\u00f6se. Damit, so der kritische Befund, \u201everlor die Religion ihren gro\u00dfen politischen friedestiftenden Einflu\u00df, ihre eigenth\u00fcmliche Rolle des vereinigenden individualisirenden Prinzips, der Christenheit.\u201c<\/p>\n<p>Doch gerade um die Verwirklichung dieses Europas im Geiste eines freiheitlichen Christentums, das auch Christus als Mittler denkt, um eine Mittlerreligion also, geht es Novalis. Dass allein weltliche Kr\u00e4fte diese Friedensmission stiften, ins \u201eGleichgewicht\u201c setzen k\u00f6nnen, daran glaubt der Fr\u00fchromantiker nicht und pl\u00e4diert f\u00fcr ein drittes Elementes, \u201edas weltlich und \u00fcberirdisch zugleich ist\u201c. Denn \u201eunter den streitenden M\u00e4chten kann kein Friede geschlossen werden, aller Friede ist nur Illusion, nur Waffenstillstand; auf dem Standpunkt der Kabinetter, des gemeinen Bewu\u00dftseyns ist keine Vereinigung denkbar.\u201c<\/p>\n<p>Und eins bleibt f\u00fcr den Vision\u00e4r gewiss. Wenn es keine geistliche Macht gibt, die den \u201ePalmenzweig\u201c ergreift, werden die Kriege nicht aufh\u00f6ren. \u201eEs wird so lange Blut \u00fcber Europa str\u00f6men bis die Nationen ihren f\u00fcrchterlichen Wahnsinn gewahr werden\u201c. Gegen diesen Nationalismus gewendet, schreibt er: \u201eNur die Religion kann Europa wieder aufwecken und die V\u00f6lker sichern, und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden in ihr altes friedenstiftendes Amt installiren.\u201c<\/p>\n<p>Christentum oder Europa \u2013 f\u00fcr Novalis stehen beide f\u00fcr eine vollkommene Einheit, von der er sich wie einst Immanuel Kant den ewigen Frieden erhofft. Sind es bei Kant, republikanische Verfassung, Weltb\u00fcrgertum und V\u00f6lkerrecht als Garanten einer universellen Friedensidee, so bei Novalis eine aus dem Christentum erneuerte Liebe, der \u201eGlaube an die Allf\u00e4higkeit alles Irdischen, Wein und Brod des ewigen Lebens zu seyn.\u201c Wie sich einst T\u00fcbinger Stiftler, Friedrich H\u00f6lderlin und Georg Friedrich Wilhelm Hegel eine unsichtbare Kirche w\u00fcnschten, pl\u00e4diert Novalis f\u00fcr einen lebendigen Geist der Christenheit, die eine \u201esichtbare Kirche ohne R\u00fccksicht auf Landesgr\u00e4nzen bilden\u201c bilden soll, \u201edie alle nach dem Ueberirdischen durstige Seelen in ihren Schoo\u00df aufnimmt und gern Vermittlerin, der alten und neuen Welt wird.\u201c<\/p>\n<p>Nur durch diesen erneuerten Geist aus dem christlichen Glauben heraus, dem alten \u201eF\u00fcllhorn des Seegens\u201c, der sich \u00fcber die \u201eV\u00f6lker\u201c ausgie\u00dft, wird aus dem \u201eSchoo\u00dfe eines ehrw\u00fcrdigen europ\u00e4ischen Consiliums [\u2026] die Christenheit aufstehn, und das Gesch\u00e4ft der Religionserweckung, nach einem allumfassenden, g\u00f6ttlichen Plane betrieben werden. Keiner wird dann mehr protestiren gegen christlichen und weltlichen Zwang, denn das Wesen der Kirche wird \u00e4chte Freiheit seyn, und alle n\u00f6thigen Reformen werden unter der Leitung derselben, als friedliche und f\u00f6rmliche Staatsprozesse betrieben werden.\u201c<\/p>\n<p>Wann das neue Zeitalter anbrechen wird, l\u00e4sst Novalis offen, aber dass die \u201eheilige Zeit des ewigen Friedens, wo das neue Jerusalem die Hauptstadt der Welt seyn wird\u201c, kommt, geh\u00f6rt zum Wesen seiner konkreten Utopie, die gem\u00e4\u00df seinen geschichtlichen Triadenschema das Goldene Zeitalter und damit die Wiedergeburt des Abendlandes als europ\u00e4isches Zukunftsprojekt in die nahe Zukunft setzt. Auf die spirituelle Bl\u00fcte im Mittelalter und dem Zerfall der christlichen Einheit nach der Reformation wird eine qualitative Erneuerung aus dem Geist des Christentums hervorgehen.<\/p>\n<p>Leider l\u00e4sst Novalis universales Friedensreich zwischen den Staaten und V\u00f6lkern Europas noch auf sich warten und hat sich mit dem Ukraine-Krieg auf eine unbestimmte Zukunft verschoben. Doch was wir vom Fr\u00fchromantiker lernen k\u00f6nnen, ist: Eine kulturelle Erneuerung Europas bedarf neben einer politisch-wirtschaftlichen Integration vor allem einer neuen Spiritualit\u00e4t des Abendlandes, das sich nicht in Individualismus und Materialismus ersch\u00f6pfen darf.<\/p>\n<h1><strong>Eine mutige K\u00e4mpferin f\u00fcr den Glauben \u2013 Vor 20 Jahren starb die Schriftstellerin Luise Rinser<\/strong><\/h1>\n<ol start=\"15\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2022\/03\/\"> M\u00e4rz 2022<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/glaube\/\">Glaube<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/eine-mutige-kaempferin-fuer-den-glauben-vor-20-jahren-starb-die-schriftstellerin-luise-rinser\/#mh-comments\">0<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Gescholten und bewundert, verdammt und verherrlicht \u2013 Luise Rinser, eine der einflussreichsten Pers\u00f6nlichkeiten der Literatur der Nachkriegsgeschichte, verstarb vor 20 Jahren. Doch was von ihr bleibt, ist der unverbr\u00fcchliche Glaube, der ihr Zeit ihres Lebens Hoffnung gab.<\/em><\/p>\n<p>Leicht hatte sie es nie, zu impulsiv, zu bewegend, zu weltver\u00e4ndernd. Als fr\u00fche Apologetin des Nazi-Regimes war Luise Rinser im Nachkriegsdeutschland der 68er verschrien, zeitlebens auf die fr\u00fchen Irrungen und Wirrungen jugendlicher Arglosigkeit reduziert. F\u00fcr Menschen mit dem Gesp\u00fcr f\u00fcr den religi\u00f6sen Ton in vielen ihrer Werke hingegen, galt sie als Glanzlicht f\u00fcr eine Literatur, die in Zeiten der S\u00e4kularisierung die Stimme f\u00fcr das \u00dcbernat\u00fcrliche, das Geheimnis und das G\u00f6ttliche er\u00f6ffnete und damit einer Sehnsucht eine Stimme gab, die sich nicht an der blinden Materie abarbeitete, sondern die hinter allem den weiten Himmel suchte, der die Welt ein wenig besser machen k\u00f6nne.<\/p>\n<h4><strong>Offen im Widerspruch<\/strong><\/h4>\n<p>Luise Rinser, die am 17. M\u00e4rz 2002 in Unterhaching bei M\u00fcnchen starb, war ein funkelnder Stern, eine, die dem Leben die wunderbare Kraft des Vitalen immer wieder abgerungen hat, eine Rebellin, f\u00fcr die alles in Bewegung und in Wandlung war. In 80 B\u00fcchern, Tagebuchaufzeichnungen und unendlichen Briefwechseln hat sie ein Bild des Lebens gezeichnet, dass vor allem in einer Welt des Absurden best\u00e4ndig nach dem Sinn suchte, dass in aller nur sp\u00fcrbaren Tragik des Seins den Blick auf die Hoffnung und die Liebe niemals versiegen lie\u00df.<\/p>\n<p>Die bekennende Katholikin atmete den Geist der Offenheit und des Widerspruchs \u2013 und sie war keine, die in irgendeine Schablone passte. Eine Rinser lie\u00df sich einfach nicht ins Korsett pressen. Und so wurde das Nichtkonventionelle ihr Credo. Das Ausgreifen in oft widerspr\u00fcchliche Weltanschauungen blieb Zeichen einer Offenheit des Blicks, dennoch immer tief verbunden mit dem Humanem und nicht zuletzt einer tief katholisch gepr\u00e4gten Fr\u00f6mmigkeit, einer Sehnsucht nach dem Mysterium und dem Faszinosum von Wunder und Gnade.<\/p>\n<h4><strong>Der Ritt durch die irdischen Institutionen<\/strong><\/h4>\n<p>Aus der tiefen barocken Fr\u00f6mmigkeit des bayerischen Katholizismus entsprungen, sparte Rinser nicht an Kritik an ihrer Kirche, katapultierte sich zur einflussreichen Stimme des Linkskatholizismus und engagierte sich in den 1970er Jahren f\u00fcr die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen \u00a7 218. Und sie hegte eine f\u00fcr heutige liberal-demokratische Politikauffassung der westlichen Welt fast schon krude Verehrung f\u00fcr absolutistische Denker und Despoten. In Revolutionsf\u00fchrer Ajatollah Chomeini sah sie ein \u201eleuchtendes Vorbild f\u00fcr die L\u00e4nder der Dritten Welt\u201c, ihre fr\u00fche Bewunderung f\u00fcr Adolf Hitler und den nordkoreanischen Diktators Kim Il-sung klingen wie irritierende Passionen, die l\u00e4ngst aus der Zeit gefallen sind und einzig aus der offenen Suche in die Weite des Lebens und ihres Denkens zu rechtfertigen sind. Auch diese Widerspr\u00fcche geh\u00f6ren bei aller ihrer tiefsinnigen Intellektualit\u00e4t zu den pers\u00f6nlich unergr\u00fcndlichen Geheimnissen der Literatin. So r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt diese Seite ihrer Wesensnatur war, so fortschrittsausgreifend war sie, die bekennende Unterst\u00fctzerin von Ex-SPD-Kanzler Willy Brandt aber dann, wenn es um Tierrechte und Vegetarismus ging. Auch gegen die widersinnige Aufr\u00fcstung der hochmilitarisierten Waffenbl\u00f6cke im Kalten Krieg k\u00e4mpfte sie mit Schriftstellern wie Heinrich B\u00f6ll und G\u00fcnter Grass gegen den NATO-Doppelbeschluss. Und lange bevor die Gr\u00fcnen im Establishment der bundesdeutschen Politik angelangt waren, wurde sie von den Umwelt- und Natursch\u00fctzern 1984 in den Ring um die Wahl des deutschen Bundespr\u00e4sidenten geworfen. Doch neben der diskursfreudigen Schriftstellerin, die den Austausch mit dem Dalai Lama, ebenso wie mit Ernst J\u00fcnger und dem Jesuiten Karl Rahner pflegte, es gab auch die ganze andere Rinser, die mit ihren religi\u00f6s-theologischen Schriften viele in den Bann, bei anderen aber als \u201eErbauungsschriftstellerin\u201c in Misskredit fiel. Doch mit ihrem Roman \u201eMirjam\u201c, der Jesus aus der Sicht einer Frau zeigt, hat sie vielen Lesern einen neuen Zugang zum Glauben er\u00f6ffnet.<\/p>\n<h4><strong>Der qualitative Sprung in den Glauben<\/strong><\/h4>\n<p>So sehr Rinser polarisierte, so sehr sie thematisch ins Offene schritt, so sehr sie an allen Fronten der Gesellschaft nach der greifbaren Ver\u00e4nderung suchte, eines hat sie nie verlassen \u2013 ihr Glaube an eine g\u00f6ttliche Ordnung und das Prinzip der g\u00f6ttlichen Gnade. \u201eEs muss eine Ordnung geben, der man sich zu f\u00fcgen hat\u201c, und die nichts anderes als Ausdruck des Willen Gottes sein kann. Und genau diesem transzendenten Wesen sich zu \u00f6ffnen, dessen Wirklichkeit einerseits in seiner Sch\u00f6pfungsvielfalt erscheint, anderseits \u00fcbernat\u00fcrlich ist, steht f\u00fcr Rinser f\u00fcr eine v\u00f6llig neue Qualit\u00e4t des Lebens. Gott ist in der Welt, doch erst die Erkenntnis seiner Jenseitigkeit zeigt, dass der Mensch nicht das Ma\u00df aller Dinge ist, sondern eine Gegebenheit und eine vom Gegebenen unabh\u00e4ngige M\u00f6glichkeit. Es ist gleichsam dieses \u00fcbergeordnete Potential im Menschen, das nicht im Unbewussten lokalisiert bleibt, sondern f\u00fcr eine ganz andere Daseinsform steht. Dieses Gott-Sein im Menschen zu entdecken und in der Stunde des Zweifels erweckt zu werden, ist das tiefe Mysterium \u2013 an dessen Ende der andere, der durch Gott verwandelte Mensch steht. Dieser qualitative Sprung in den Glauben einerseits und die Gottesgabe andererseits ist f\u00fcr Rinser letztendlich ein Akt der g\u00f6ttlichen Gnade, die in das menschliche Leben eingreift. F\u00fcr die am 30 April 1911 im bayerischen Landsberg am Lech geborene Autorin wird dieses Eingreifen des transzendenten Gottes zum Damaskus-Erlebnis, aber zu einem, das dankbare Liebe voraussetzt und die Gewissheit um die Endlichkeit der eigenen Existenz.<\/p>\n<h4><strong>\u201eFrei ist nur der, der auf sein Ich verzichtet\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Eine ganzheitliche Lebens- und Weltauffassung \u2013 gebunden in der g\u00f6ttlichen Harmonie \u2013 daf\u00fcr steht die Schriftstellerin, die in der Erz\u00e4hlung \u201eDie gl\u00e4sernen Ringe\u201c 1940 programmatisch das Leitmotiv ihres Lebens und Schreibens so verk\u00fcndete. \u201eDa erkannte ich zum ersten Male, dass nicht das wirre dunkle Leiden der Kreatur, sondern das scharfe klare Gesetz des Geistes mein Leben leiten w\u00fcrde.\u201c Gott, so das Credo einer Autorin, \u201eist die allesbewegende Kraft, er ist der Wandel, er wandelt sich mit uns, wir wandeln uns mit ihm.\u201c Doch so sehr Rinser von Comenius\u2018 Entsprechung von Makrokosmos und Mikrokosmos, von Keplers Gedanken von der \u201eHarmonie der Welt\u201c und von Nicolaus Cusanus \u201ecoincidentia oppositorum\u201c, dem Zusammenfall aller Gegens\u00e4tze in Gott, von fr\u00fcher Jugend an getragen und erf\u00fcllt war, blieb stets Pragmatikerin, eine, f\u00fcr die Philosophie und Theologie in das Leben greifen m\u00fcssen, es vor Stillstand bewahren und in den Strom des Werdens treiben m\u00fcssen. Die Ideale des Urchristentums sind ihr ebenso nahe wie ein \u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c. Und in allem schwingt der Geist der Liebe ganz im Sinne von Augustinus\u2018 \u201eLiebe und tu, was du willst\u201c. Nur die Liebe sowohl zu Gott als auch zu den Menschen vermag das Band zu stiften, an dessen Ende die Vision von einem gl\u00fccklichen und friedvollen Leben steht. Doch Freiheit hatte Rinser nicht als egozentrische Gr\u00f6\u00dfe verstanden, wo die Einzeltat heroisch die Siege herbeif\u00fchrt, sondern: \u201eFrei ist nur der, der auf sein Ich verzichtet. Wer sich selbst hingibt, der hat die F\u00fclle des Lebens. Die Freiheit vom Ich: das ist das Friedensreich.\u201c Und gegen die zersetzende Kraft des Todes hat sie das Wunder der Auferstehung gesetzt, sowohl ganz katholisch wie auch rein pragmatisch. An die Stelle des Gesetzes und der Unausweichlichkeit des Todes stellt sie ihre Hoffnung von einer geeinten Welt in der Jesus-Nachfolge. Denn nur durch die von ihm vermittelte Einheit von Makro- und Mikrokosmos, von Endlichem und Unendlichem, von Nat\u00fcrlichem und \u00dcbernat\u00fcrlichem kommt es zur Erkenntnis vom Einssein alles Lebendigen, dass letztendlich das ertr\u00e4umte Friedensreich erschafft. Inmitten des Glaubens hat Luise Rinser immer die Hoffnung in sich getragen, dass die Liebe die Erl\u00f6sung bringt, mit sich, mit der Welt und letztendlich in Gott. Und so bleibt es die Maxime ihres irdischen Lebens: Durch die Liebe hin zur Verbr\u00fcderung. An diese Vision von einem Paradies auf Erden hat die Literatin immer geglaubt \u2013 und dieser unverbr\u00fcchliche Glaube ist letztendlich ihr unsterbliches Verm\u00e4chtnis.<\/p>\n<h1>Goethes d\u00fcstere Prophezeiung vom gro\u00dfen Welthospital und dem Gesinnungswandel hin zur M\u00e4\u00dfigung<\/h1>\n<ol start=\"15\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/2022\/03\/\"> M\u00e4rz 2022<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/author\/gross\/\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/gesellschaft\/\">Gesellschaft<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/category\/hauptartikel\/\">Hauptartikel<\/a> <a href=\"https:\/\/www.tabularasamagazin.de\/goethes-duestere-prophezeiung-vom-grossen-welthospital-und-der-gesinnungswandel-hin-zur-maessigung\/#mh-comments\">0<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Weimarer Denkerf\u00fcrst Johann Wolfgang Goethe hatte im Jahre 1787 in einem Brief an seine damalige Jugendliebe Charlotte von Stein ein d\u00fcsteres Zukunftsmodell der globalen Gesellschaft gezeichnet. Goethe, der Empiriker, Naturwissenschaftler und methodische Analyst, der die Welt vom Kleinen zum Gro\u00dfen hin kartographierte, um vom Besonderen das Allgemeine und das Gesetz zu abzuleiten, warnt von einer Welt als gro\u00dfem Hospital als neuer Apokalypse. Damit gibt der bekennende Spinozist und Pantheist seine Prophetie der Zukunft, die als Weltmetapher zugleich als pathologischer Befund f\u00fcr eine globale Immunschw\u00e4che gelesen werden kann.<\/p>\n<p>Bereits vor 233 Jahren spricht Goethe von einer gro\u00dfen Krankheit, die die Zivilisation bedrohe. Und tats\u00e4chlich ist sein Schreckensszenario heute aktueller denn je. Inmitten des 21. Jahrhunderts zeigt sich die technisch-zivilisierte Welt f\u00fcr Krisen anf\u00e4lliger denn je. Das Veloziferische erobert sich seine Dom\u00e4nen zur\u00fcck und die Mikroorganismen \u00fcbernehmen in Form eines pandemischen Zeitalters die Weltherrschaft im Sinne einer neuen Evolutions-Dynamik. Von Weltteil zu Weltteil springt die entfesselte Urkraft der Natur, schafft sich neue Erm\u00e4chtigungsspielr\u00e4ume und offenbart damit ihr gewaltiges Potential, es der ungez\u00fcgelt-ma\u00dflosen Vernunft gleichzutun. W\u00e4hrend die Vernunft nach der Aufkl\u00e4rung zum Ma\u00df der Dinge avancierte, sich als universell t\u00e4tige Kraft des Machbaren kaprizierte und damit ihren universellen Geltungsanspruch einklagt, zeigt sich im Umkehrschluss einer ausufernden-grenzenlosen Vernunft letztendlich auch jene Dialektik der Aufkl\u00e4rung, die in ihr Gegenteil verf\u00e4llt. Zwar geht sie nicht im Sinne von Max Horkheimer und Theodor Adorno ins Mystische. Doch ihre Grenzen und ihre Hybris werden augenscheinlich. Der Siegeszug der Vernunft, alles und jeden in ihren Bann zu schlagen, die Beschleunigung in die Ma\u00dflosigkeit zu treiben, f\u00fchrt nicht zum Heil, sondern zum Unheil.<\/p>\n<p>Goethe spricht dabei ,wie sp\u00e4ter S\u00f6ren Kierkegaard, von einer gro\u00dfen Krankheit, die nicht zuletzt darin r\u00fchrt, dass der Mensch im Wahn seiner subjektiven Selbst\u00fcberschreitung die Schleusen der Pandora ge\u00f6ffnet hat, die zu schlie\u00dfen im pandemischen Zeitalter nun f\u00fcr ihn immer schwerer werden. F\u00fcr Goethe der in der Natur ein gro\u00dfes Geheimnis sah, dass er Zeit seines Lebens zu entschl\u00fcsseln suchte, ist es letztendlich die Zivilisation selbst, die einen Entfremdungsprozess gegen\u00fcber der Natur eingeleitet hat. Die Diagnose f\u00e4llt dann in eine Analyse der menschlichen als Teil der gro\u00dfen panthetisch-geordneten Natur, die all ihrer Heiligkeit und Ganzheit zunehmend beraubt wird. Bereits im Jugendwerk \u201eWerther\u201c zeichnet der Frankfurter Jurist und sp\u00e4tere Geheime Rat die \u201eKrankheit zu Tode\u201c als jene, \u201ewodurch die menschliche Natur so angegriffen wird, dass teils ihre Kr\u00e4fte verzehrt, teils so au\u00dfer Wirkung gesetzt werden, dass sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine gl\u00fcckliche Revolution den gew\u00f6hnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen f\u00e4hig ist\u201c.<\/p>\n<p>Damit ist Goethe Chronist und kritischer Vision\u00e4r zugleich. Chronist, weil er in der exponentiellen Beschleunigung der industriellen Revolution eine Gefahr daf\u00fcr sieht, dass diese die Natur zum \u201eSpa\u00dfe\u201c missbraucht. Vision\u00e4r, weil eine Missachtung der Natur als wirtm\u00e4chtigste Bedingung des Lebens, die Selbstzerst\u00f6rung des Menschen und des Planeten mit impliziert, eine Wahrheit, die erst im 20. Jahrhundert vom \u201eClub of Rome\u201c in all ihrer Dramatik wiederentdeckt wurde. Und im Unterschied zum prometheischen Menschen, der in die Brunnenstuben hinabsteigt, um sich die Welt Untertan zu machen, h\u00e4lt Goethe an der Erkenntnis fest, dass die Natur gar keinen Spa\u00df versteht, \u201esie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge; sie hat immer Recht, und die Fehler und Irrt\u00fcmer sind immer des Menschen\u201c, wie es in einem Gespr\u00e4ch mit seinem Sekret\u00e4r Johann Peter Eckermann aus dem Jahr 1829 hei\u00dft. Es sind und bleiben die gro\u00dfen Sp\u00e4\u00dfe mit der Natur, die die Welt zunehmend zu jenem gro\u00dfen Hospital machen, die letztendlich auf zu jener gro\u00dfen Immunschw\u00e4che f\u00fchren. So sehr die Diagnose Goethes beunruhigt, so gibt er doch ein Krisenmanagement an die Hand. Nicht nur, dass er fordert, dass ein jeder ein \u201ehumaner Krankenw\u00e4rter\u201c des anderen sein sollte, eine Idee des Humanen in der weltzeitlichen Katastrophe, sondern er best\u00e4rkt den Einzelnen darin, die Kr\u00e4fte des Immunsystems einerseits \u201edurch einen entschiedenen Willen\u201c zu st\u00e4rken und verordnet andererseits ein Ma\u00dfhalten und eine Entschleunigung. Gerade in der \u201e\u00dcbereilung\u201c sieht der die Krankheit der Moderne am Werk, die sich in der Postmoderne geradezu in ein exponentielles Wachstum gesteigert habe. Schon im Jahr 1825 gibt er in einem Brief an Zelter die Diagnose. \u201eAlles aber, mein Teuerster, ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff, den er bearbeitet. Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle m\u00f6glichen Fazilit\u00e4ten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu \u00fcberbieten, zu \u00fcberbilden und dadurch in der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit zu verharren.\u201c Die gro\u00dfe Gesundheit, die Goethe allerdings nicht in einem \u00fcbermenschlichen Streben mit einem inkludierten Willen zur Macht wie Nietzsche sieht, zeigt sich aber f\u00fcr ihn einerseits in einer \u00d6kologie des Humanen und anderseits mittels eines kategorischen Imperativs der \u00d6kologie f\u00fcr das 21. Jahrhundert. Es bedarf in allen F\u00e4llen einer Katharsis, einer Zur\u00fcckhaltung des Menschen und ein sorgender Umgang mit der Natur, die Goethe anders als das Christentum nicht als Sch\u00f6pfung, sondern als Pantheismus begreift, wo Gott in allem wohnt. Was daher sein kategorischer Imperativ gebietet, ist eine Umkehr und Reinhaltung der Elemente der Natur wie Luft, Wasser und Erde. Nur durch dieses \u201eheilige Verm\u00e4chtnis\u201c als ein globales \u201ebr\u00fcderliches Wollen\u201c vermag es gelingen, katastrophale klimatische und pandemische Hospitalisierungsfolgen f\u00fcr den Planeten Erde und seine Bewohner, wenn nicht endg\u00fcltig zu beseitigen, so doch zu lindern. Und so fordert Goethe lange vor Hans Jonas\u2018 \u201eDas Prinzip der Verantwortung\u201c nicht nur eine \u00d6kologie des Menschen, sondern eben auch einen Gesinnungswandel hin zur M\u00e4\u00dfigung.<\/p>\n<h1>Der gr\u00f6\u00dfte Schwachpunkt der Ex-Co-Chefin von Greenpeace<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz11.02.2022Medien, Politik<\/p>\n<p><em>Mit der Amerikanerin Jennifer Morgan baut Gr\u00fcnen-Politikerin Annalena Baerbock ein Mega-Klima-Au\u00dfenministerium und zeigt, wo die Reise der Gr\u00fcnen weltpolitisch hingeht. Mit der Ex-Greenpeace-Chefin hat sie jetzt eine Steuerfrau gefunden, die weiterhin auf Klimagerechtigkeit setzt. Doch die Aktivistin selbst bekennt ihre Schwachpunkte: Sie fliege viel zu h\u00e4ufig. Allein \u201ezweimal pro Jahr nach Amerika und nach China.\u201c Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<p>Die bisherige Greenpeace- Co-Chefin Jennifer Morgan soll das neue geschaffene Amt der Klimabeauftragten im Ausw\u00e4rtigen Amt \u00fcbernehmen. Gr\u00fcnen-Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock sieht in der Wahl ihrer neuen Steuerfrau f\u00fcr ihre globale Klimapolitik nicht nur eine ideale \u201eTraumbesetzung\u201c, sondern ein wichtiges Signal f\u00fcr den internationalen Klimaschutz.\u00a0 Und die ehemalige Kanzlerkandidatin legte gleich noch einen drauf: \u201eIch kenne weltweit keine zweite Pers\u00f6nlichkeit mit ihrer Expertise, Vernetzung und Glaubw\u00fcrdigkeit in der internationalen Klimapolitik.\u201c Und in der Tat betritt mit der 55-j\u00e4hrige Chefin von Greenpeace International eine der einflussreichsten Lobbyistinnen, Netzwerkerinnen und Strippenzieherin der Welt die politische B\u00fchne der Berliner Republik. Jahrelang regierte sie \u00fcber drei Millionen Mitglieder, 650.000 davon in Deutschland, und f\u00fchrte ein 400-Millionen-Unternehmen. Jetzt soll es f\u00fcr die Klimaaktivistin, die seit 1995 an jedem UN-Klimagipfel teilgenommen hatte und die als Vertraute von John Kerry und EU-Vizepr\u00e4sidenten Frans Timmermans gilt, schon am 1. M\u00e4rz im Au\u00dfenministerium am Werderschen Markt losgehen.<\/p>\n<p>Morgan, 1966 in Ridgewood in New Jersey geboren, stand seit 2016 an der Seite von Bunny McDiarmid an der Spitze von Greenpeace International. Wie ernst es die Frau aus der Lobby- und Non-Profit-Organisation mit ihrer Klimapolitik in Berlin nun meint, schreibt sie auf Twitter: \u201eMeine Entschlossenheit, f\u00fcr #climatejustice zu k\u00e4mpfen, war noch nie so stark.\u201c Und nach 30 Jahren als Klimak\u00e4mpferin ist das deutsche Au\u00dfenministerium der Ort, an dem sie jetzt \u201eden gr\u00f6\u00dften Unterschied machen\u201c k\u00f6nne. Und in flie\u00dfendem Deutsch betont sie: Ihr \u201epolitisches Herz\u201c schlage \u201eganz f\u00fcr Deutschland\u201c.<\/p>\n<h4>\u00dcber Gr\u00fcnen-Gr\u00fcnderin Petra Kelly kam sie zur Klimapolitik<\/h4>\n<p>Die studierte Politikwissenschaftlerin und Germanistin, die ihren Abschluss an der \u201eIndiana University Bloomington\u201c als \u201eMaster of Arts\u201c machte und sp\u00e4ter noch einen Abschluss in Internationale Beziehungen an der American University in Washington D.C. drauflegte, kam zum Klimaschutz aber eher durch Zufall. Es war die englische \u00dcbersetzung des Buches \u201eUm Hoffnung k\u00e4mpfen\u201c von Gr\u00fcnen-Gr\u00fcnderin Petry Kelly, die ihr die Augen \u00f6ffnete. \u201eIch erinnere mich ganz genau, wo ich war, als ich das las: in der Lounge meiner Uni, wo ich den Master gemacht hatte. Ich war 21-j\u00e4hrig. Petra Kelly war die Erste, die das Pers\u00f6nliche mit dem Politischen zusammenbracht: mit der Frauenbewegung, der Umweltbewegung, der Atombewegung und einem Systemwandel. Das war der Moment, als mein au\u00dfen- und mein umweltpolitisches Interesse zusammenkamen.\u201c<\/p>\n<p>Morgan setzt sich gern als K\u00e4mpferin f\u00fcr Klima und Umwelt in Szene, sie ist so etwas wie eine personifizierte Nervens\u00e4ge, die fossilen Unternehmen und Politikerin, die den Klimawandel herabspielen, kr\u00e4ftig die Leviten liest.\u00a0 Ein kompromissloser Umgang mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft scheint ihr in die Gene gelegt zu sein. Und offen bekennt die Aktivistin mit 30 Jahren Nahkampferfahrungen bei politischen Aktionen, dass Greenpeace die Bilder macht, die die Welt versteht. Gerade die Provokation ist der Kern der Marke Morgan. Und so lautet auch ihr Credo: Weitermachen, weitermachen, weitermachen. Der Kampf gegen das personalisierte und unethische B\u00f6se, das sie in der Klimapolitik von Ex-US-Pr\u00e4sidenten Donald sah, wird mit ihr in die n\u00e4chste Runde gehen. Kein Staatschef, kein noch so gro\u00dfes Unternehmen kann der Frau, die erst zufrieden ist, wenn die Welt klimaneutral ist, langfristig wohl Paroli bieten. \u201eWir gehen den Weg bis zu Ende und bis wir unsere Ziele erreicht haben.\u201c Darum ist f\u00fcr Morgan Greenpeace keine Wohlf\u00fchlorganisation, die allein dazu da w\u00e4re, das gr\u00fcne Gewissen zu entlasten, vielmehr begreift sie den Klimaschutz als Chance f\u00fcr eine gr\u00fcne Wirtschaft \u2013 und wer da nicht mitmacht, der muss zum Guten eben gezwungen werden.<\/p>\n<h4>Keine Regenbogenkriegerin alten Schlages \u2013 aber dennoch eine Hardlinerin in Sachen \u00d6kopolitik<\/h4>\n<p>Morgan aber ist keine vom Typ \u201eRainbow-Warrior\u201c, keine Regenbogenkriegerin wie fr\u00fchere Greenpeace-Aktivisten. Sie h\u00e4lt es mit ihren Aktionen moderater. W\u00e4hrend McDiarmid schon mal auf einen 90 Meter hohen \u00d6lborturm klettert, sammelt sie lieber Plastikm\u00fcll aus Bojen und Netzen in der Antarktis. Spektakul\u00e4re Aktionen sind ihre Sache nicht, sie setzt eher auf Bilder, die um die Welt gehen. \u201eFridays for Future oder Extinction Rebellion \u2013 daf\u00fcr schl\u00e4gt ihr Herz \u2013 und wenn hier das b\u00fcrgerliche Recht bei Aktionen f\u00fcr den Klimaschutz gebrochen wird, ist das eher eine Tugend denn eine Straftat, die im Angesicht des Klimawandels zu rechtfertigen sei. Und so geh\u00f6rt zur DNA der Aktivistin, die bei vielen Demos mitgemacht, wo sie wusste, \u201edass die Polizei eingreifen wird, selbstverst\u00e4ndlich ein Aktivistentraining. Als Greenpeace-Chefin hatte sie in den USA damit angefangen. Seitdem wei\u00df sie, wie man klettert oder Banner befestigt.<\/p>\n<p>Die Amerikanerin hat ein Faible f\u00fcr Berlin. \u201eIch studierte schon in Berlin, 1989, kurz vor der Wende. Den Mauerfall habe ich um einen Monat verpasst, um in den USA mit meiner Doktorarbeit \u00fcber europ\u00e4ische Politik zu beginnen. Berlin hat mich immer angezogen. Die Stadt hat eine tiefe Seele, weil sie so viel erlebt hat. Ich bin unabh\u00e4ngig von meiner Frau dahin gegangen, aber heute ist es mehr und mehr Heimat, weil wir da zusammenleben.\u201c Die Amerikanerin denkt europ\u00e4isch, begreift die 27 Staaten als ihr eigentliches Heimatland. Zwar wird sie zum Teil immer Amerikanerin bleiben, aber momentan f\u00fchlt sie sich eher als Berlinerin. Aus ihrem Lesbisch-Sein macht sie keinen Hehl, wer sich daran st\u00f6rt, der hat selbst ein Problem. Diskriminiert wurde sie daf\u00fcr nie.<\/p>\n<h4>Berlin ist ihre Heimat, Deutsch lernte sie in der Schweiz<\/h4>\n<p>Dabei kam Morgan, die seit 1989 vegetarisch und dazwischen auch mal vegan lebt, zur deutschen Sprach eher zuf\u00e4llig. Gelernt hat sie diese in der Schweiz, in Niedererlinsbach, einer kleinen Gemeinde im Kanton Solothurn. Eigentlich wollte sie ihr Franz\u00f6sisch aufbessern. Doch dann landete sie w\u00e4hrend eines zweimonatigen Austauschprogrammes ausgerechnet in einer deutsch sprechenden Familie. Seitdem ist Deutschland ihre zweite Heimat. \u00a0Ender der 90er schrieb sie Reden in dem Angela Merkel damals geleiteten Bundesumweltministerium. Sie war im Beratergremium der Bundesregierung unter Leitung des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber t\u00e4tig, sp\u00e4ter Mitglied im Rat f\u00fcr Nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundesregierung t\u00e4tig und engagierte sich im wissenschaftlichen Beirat des \u201ePotsdam-Institutes f\u00fcr Klimaforschung\u201c. Eine Ehrenmitgliedschaft bei Germanwatch\u201c geh\u00f6rt f\u00fcr die Frau, die Jahrelang zwischen Amsterdam und Berlin pendelte und seit 2003 in der Hauptstadt lebt, dazu<\/p>\n<p>Klimapolitisch f\u00e4hrt Morgan voll auf der Schiene ihrer k\u00fcnftigen Chefin Baerbock, wo es geht nimmt sie den Zug, selbst bei langen Strecken. Wie die Gr\u00fcnen in Berlin setzt sie voll auf erneuerbare Energien und k\u00e4mpft gegen die Gentechnologie in der Landwirtschaft und gegen die Atomkraft. Sie will die erneuerbaren Energien rentabel machen, die Energieeffizienz erh\u00f6hen. Doch dazu bedarf es einer gesellschaftlichen Debatte, die Morgan jetzt ansteuern will. Als Leiterin der \u201eInternationalen Klimainitiative Deutschlands\u201c, die \u00fcber ein Budget von knapp sechs Milliarden Euro verf\u00fcgt und Klimaprojekte in Schwellenl\u00e4ndern f\u00f6rdert, wird sie all ihre Energie auf eine klimagerechte Au\u00dfenpolitik setzen. Schon seit Jahren pl\u00e4dierte sie f\u00fcr einen Konsumverzicht \u2013 auch \u00fcber eine Verbotskultur. Mit einer v\u00f6llig neuen Form eines nachhaltigen Denkens und durch eine effiziente Sharing-Economy und will dem kapitalistischen Konsumrauch Einhalt gebieten. Zu ihrer CO2-Bilanz betont sie: \u201eIch fliege ungef\u00e4hr zweimal pro Jahr nach Amerika und einmal nach China, das ist mein Schwachpunkt. Ansonsten lebe ich vegetarisch, wohne in einem energieeffizienten Haus, habe kein Auto.\u201c<\/p>\n<h4>Als neue Personalie Baerbocks ist Morgan nicht unumstritten<\/h4>\n<p>So sehr Morgan eine Idealbesetzung f\u00fcr Baerbock scheint, ist die neue Personalie nicht ganz unumstritten. Kritiker sprechen schon vom ersten Lobbyskandal. So kommt Kritik an der Personalie von LobbyControl. Der gemeinn\u00fctzige Verein, der \u00fcber Lobbyismus und Machtstrukturen in Deutschland und der EU aufkl\u00e4rt und auf Transparenz setzt, schreibt auf Twitter: \u201eAus lobbykritischer Perspektive sind Seitenwechsel in die Politik grunds\u00e4tzlich vertretbar. Problematisch sind sie dann, wenn ohnehin m\u00e4chtige Akteure mit finanziellen Eigeninteressen gest\u00e4rkt werden. Zudem sollten auch f\u00fcr Seitenwechsler klare Transparenzregeln gelten.\u201c So unterscheide sich der Fall Morgan \u201ein zwei Punkten von anderen Seitenwechseln, die wir immer wieder scharf kritisieren. Es handelt sich um einen Wechsel in die Politik hinein und nicht aus der Politik heraus.\u00a0 Der Wechsel erfolgt aus Organisation mit Gemeinwohlinteresse.\u201c AfD-Chefin Alice Weidel spricht bei der Neubesetzung von Sonderregeln f\u00fcr Ampel-G\u00fcnstlinge: \u201eNicht nur die Turbo-Einb\u00fcrgerung Morgans wirft Fragen auf, sondern auch die Einstellungspolitik von Au\u00dfenministerin Baerbock.\u201c Unterdessen wird die Personalie von Greenpeace medial unterst\u00fctzt und l\u00e4sst keinen Zweifel daran, wie froh das Lobby-Unternehmen ist, mit Morgan eine Speerspitze der radikalen Klimapolitik in ein politisches Amt zu heben. \u201eF\u00fcr eine lebenswerte Zukunft und 1,5 Grad k\u00e4mpfen. Different sides, same goal! Wir w\u00fcnschen Dir viel Erfolg, Jennifer!,\u201c hei\u00dft es auf Twitter.<\/p>\n<p>Doch auf der sozialen Plattform mehren sich zunehmend kritische Stimmen. So soll das von Morgan geleitete World Resources Institute\u201c mehr als 5 Millionen Dollar Spenden von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung erhalten haben. Zudem soll die Institution vom \u201eWorld Economic Forum\u201c gef\u00f6rdert worden sein. Und tats\u00e4chlich wirbt das \u201eWEF\u201c f\u00fcr Morgans Aktivit\u00e4ten auf seiner Webseite.<\/p>\n<h4>Die Ex-Lobbyistin tr\u00e4gt die Technikfeindlichkeit in ihren Genen<\/h4>\n<p>Das Morgan nicht nur gegen die gr\u00fcne Gentechnologie ist, sondern eine gewisse Technikfeindlichkeit an den Tag legt, ist offensichtlich. Auf Twitter gibt sie sich geradezu technologieblind. Mit \u201eFridays for Future\u201c Ikone Greta Thunberg betont die Amerikanerin, dass sich das Problem es des Klimawandels nicht durch Technologie l\u00f6sen lasse. Auch die Gentechnik ist nicht in der Lage das Armutsproblem und den weltweiten Hunger zu beseitigen. \u201eWenn ich mit Unternehmen aus diesem Feld diskutiere und sie frage, warum sie nicht auf das Verursacherprinzip setzen, dann komme ich nicht weiter. Deshalb habe ich wenig Vertrauen. Sie haben andere Ziele, es geht ihnen um die industrielle Landwirtschaft. Wenn man auf 20 Jahre Gentechnik zur\u00fcckblickt, sieht es nicht nach einem gro\u00dfen Durchbruch aus.\u201c<\/p>\n<p>Anstatt auf Wissenschaft zu setzen, schl\u00e4gt Morgan eine andere L\u00f6sung vor, eine radikalere: Um die Klimakrise zu l\u00f6sen, brauchen wir sofortige, drastische Ma\u00dfnahmen zur Senkung der Emissionen und zum Schutz unseres Planeten und der Schw\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Br\u00fcskiert zeigt sich Morgan auch gegen\u00fcber McDonald\u2019s. Dort seien die Treibhausemmissionen gr\u00f6\u00dfer als die von mehreren europ\u00e4ischen Staaten zusammen. Und f\u00fcr die Vegetariern, die auf eine Verbotskultur setzt, ist klar: Solange Fleisch und Milchprodukte immer noch die Hauptgerichte auf der McDonalds-Speisekarte sind, kann man diese neue Restaurantinitiative nur als McGreenwash bezeichnen.<\/p>\n<h4>Ob sie ehemalige Stra\u00dfenk\u00e4mpferin Diplomatie kann, wird sich zeigen<\/h4>\n<p>Die Neubesetzung im Au\u00dfenministerium kommt zu einem Zeitpunkt, wo die deutsche Regierung unter starken internationalen Druck steht. Die Genehmigung f\u00fcr Nord Stream 2 h\u00e4ngt letztendlich von der Ukraine-Politik des russischen Pr\u00e4sidenten Waldimir Putin ab. Sollte er tats\u00e4chlich mit der Ukraine einen Krieg vom Zaun brechen, f\u00e4llt das Projekt wahrscheinlich buchst\u00e4blich ins Wasser. Bislang hat sich Morgan noch nicht zu Nord Stream 2 klar positioniert. Das Gros der Klimasch\u00fctzer ist gegen das Projekt, das laut einer Studie j\u00e4hrlich 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosph\u00e4re freisetzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Morgan verf\u00fcgt zwar \u00fcber viel Erfahrung beim politischen Kampf ums Klima, doch in ihrer neuen Funktion als Sonderbeauftrage der Bundesregierung f\u00fcr Klimaschutz muss sie jetzt mehr auf Diplomatie setzen. Ob ihr das gelingt, darin wird f\u00fcr die ehemalige Stra\u00dfenk\u00e4mpferin wohl die Hauptherausforderung liegen.<\/p>\n<h2>Im Falle einer Eskalation zwischen der Ukraine und Russland kann sich Deutschland mit Getreide selbst versorgen<\/h2>\n<p><em>Der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland spitzt sich zu. Die Weizen- und Getreidepreise explodieren. Kiew gilt als wichtiger Rohstofflieferant. Doch w\u00fcrde eine Eskalation zwischen dem Reich Wladimir Putins und Wolodymyr Selenskyjs Deutschland in Schwierigkeiten bei der Grundversorgung mit Getreide bringen? Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/em><\/p>\n<p>Die Ukraine ist zwar nicht das Land, wo die Zitronen bl\u00fchen, aber eines der rohstoffreichsten dieser Welt. Der Reichtum an Kornfeldern hat das Land reich gemacht, die Zeichen stehen auf Export und die ukrainische Nationalflagge symbolisiert bis heute mit einem gelben Streifen im Wappen die Fruchtbarkeit des Landes. Immerhin liegen die fruchtbarsten \u00c4cker Europas in der Ukraine. Und auf diesen Reichtum hatten es Eroberer immer wieder abgesehen. Die Kornkammer Europas stand auf der Agenda der Osterweiterung der Nazis, sich regelrecht von den bl\u00fchenden Landschaften im Osten tr\u00e4umten. Aber auch w\u00e4hrend der Zeit des Russischen Kaiserreiches und im sp\u00e4teren Vielv\u00f6lkerstaat der Sowjetunion z\u00e4hlten Getreide, Weizen, Mais und Gerste zu den Exportschlagern und spielten viel Geld in die mauen Kassen der kommunistischen Machthaber.<\/p>\n<p>Der Getreideexport von Russland und der Ukraine ist gewaltig. Zusammen exportieren sie 60 Millionen Tonnen Getreide j\u00e4hrlich. Wie Russland hat die Ukraine mit ihren knapp 45 Millionen Einwohnern nicht nur viel Platz f\u00fcr Agrarfl\u00e4chen, die das Gold der Landwirtschaft sind, sondern verf\u00fcgt \u00fcber einen besonders n\u00e4hrbaren Boden. Mit \u00fcber drei\u00dfig Prozent der weltweiten Schwarzerden- oder Tschernoseme-Vorkommen ist das Land besser gesegnet als alle anderen dieser Welt. Die kontinentalen Steppenb\u00f6den sind dank ihrer bis zu achtzig Zentimeter m\u00e4chtigen Humusauflage \u00e4u\u00dferst fruchtbar und gew\u00e4hren selbst in schlechten Erntejahren kontinuierlich gute Ertr\u00e4ge. Hinzu kommt, dass 56 Prozent der Landesfl\u00e4che durch die Schwarzerde bedeckt wird.<\/p>\n<p>Auch auf der Liste der gr\u00f6\u00dften Getreideproduzenten spielte die Ukraine 2019 in der obersten Liga. Nach der Volksrepublik China, den USA, Indien, Brasilien, Russland, Indonesien und Argentinien rangierte sie beim Getreideexport auf Rang acht, Jahre zuvor lag sie sogar auf Platz 5. Allein 2021 verdiente das Land mit der Getreideausfuhr insgesamt 12,3 Mrd. US-$.<\/p>\n<p>Sorgen macht derzeit der Russland-Ukraine-Konflikt. Wie bei Gas und \u00d6l explodieren auch die Getreidepreise. Insbesondere der Weizenpreis war zuletzt im Januar kr\u00e4ftig gestiegen &#8211; parallel zu den wachsenden Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Die Sorge, dass es bei einer weiteren Eskalation oder gar einer milit\u00e4rischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Schwarzmeerl\u00e4ndern zu Engp\u00e4ssen bei den Weizenlieferungen kommt, ist gro\u00df. Wie der Rohstoff-Experte der Commerzbank, Carsten Fritsch betont, k\u00f6nnten im Extremfall \u201eLieferungen von bis zu 16 Millionen Tonnen Weizen aus Russland und der Ukraine betroffen sein.\u201c Lieferengp\u00e4sse sind daher in den kommenden Wochen m\u00f6glich. F\u00fcr Anleger und Verbraucher bedeutet dies: Sie m\u00fcssen sich auf ansteigende Preise gefasst machen. Derzeit wird Weizen f\u00fcr 263, 50 Euro je Tonne gehandelt, 2017 waren es noch 175 Euro.<\/p>\n<p>Inflation und der Ukraine-Konflikt sind derzeit die Preistreiber. Doch welche Auswirkungen h\u00e4tte ein Krieg zwischen den beiden gr\u00f6\u00dften L\u00e4ndern der Welt f\u00fcr die Getreideversorgung in Deutschland?<\/p>\n<p>Deutschland ist ein Getreideland mit dem Weichweizen als der wichtigsten Feldfrucht und z\u00e4hlt neben Frankreich, das im Jahr 2020 rund 56,87 Millionen Tonnen Getreide erzeugte, zu den Spitzenreitern auf dem europ\u00e4ischen Kontinent. Auch Rum\u00e4nien, Polen, Spanien und Italien z\u00e4hlen zu wichtigen Getreideproduzenten. \u00c4hnlich wie die Ukraine verf\u00fcgt auch die Bundesrepublik \u00fcber sogenannte Kornkammern. Ob in Bayern beim Gestenanbau, in Niedersachsen beim Roggenanbau, in Rheinland-Pfalz oder in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern wie Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg \u2013 2020 lag Deutschland bei den wichtigsten L\u00e4ndern von Weizen nach Ausfuhrwert weltweit auf Platz 8 und sicherte sich einen Weltmarktanteil von 4,7 Prozent. Besonders n\u00e4hrreiche B\u00f6den finden sich im Th\u00fcringer Becken, wo wie in der Ukraine die Schwarzerde der dominierende Bodentyp ist.<\/p>\n<p>Das zeigt sich auch bei den Exportzahlen. So wurden im Jahr 2020 rund 9,2 Millionen Tonnen Weizen (inklusive Mengkorn) aus Deutschland exportiert. Dagegen wurden rund vier Millionen Tonnen Weizen und Mengkorn im gleichen Zeitraum importiert. Damit waren Weizen und Mengkorn die wichtigsten Importg\u00fcter in der Kategorie Getreide. Insgesamt lag das Importvolumen bei Getreide im Jahr 2020 bei 12,44 Millionen Tonnen. Damit setzte sich knapp ein Drittel der Getreideimporte aus Weizen und Mengkorn zusammen. Ein weiteres Drittel entfiel auf den Import von Mais. F\u00fcr Weizen ist Deutschlands wichtigster Importpartner Tschechien, danach folgen in absteigender Reihenfolge Polen und Frankreich, Litauen und Kanada. Gerstenimporte gelangen haupts\u00e4chlich aus Tschechien, D\u00e4nemark und Frankreich nach Deutschland. Mais kam im Jahr 2016 \u00fcberwiegend aus Polen.<\/p>\n<p>Laut Industrieverband Agrar e. V. (IVA) ist Deutschland von vielen Nahrungsmitteln abh\u00e4ngig, doch bei Weizen, Gerste sowie bei Kartoffeln und Zuckerr\u00fcben aktuell Selbstversorger. \u201eVon diesen landwirtschaftlichen Nutzpflanzen produzieren die heimischen Landwirte in normalen Jahren mehr, als im Inland verbraucht wird.\u201c Der sogenannte Selbstversorgungsgrad zeigt an, wieviel Prozent des Nahrungsmittelverbrauchs im Inland erzeugt wird. Er ergibt sich also aus der landwirtschaftlichen Eigenerzeugung geteilt durch den Verbrauch, wobei der Au\u00dfenhandelsanteil herausgerechnet wird.\u00a0 Im Fall einer Unterversorgung, d.h. weniger als 100 Prozent, sind Importe notwendig. 2017\/18 lag der Selbstversorgungsgrad f\u00fcr Nahrungsmittel in Deutschland bei rund 88 Prozent. Laut VIV-Berechnungen sinkt der Selbstversorgungsgrad bei Weizen in einem maximal schlechten Erntejahr von 115 auf 98 Prozent, bei Gerste von 112 auf 98 Prozent, doch: Bei diesen wichtigen Getreidearten ist selbst bei einer potenziell sehr stark verminderten Ernte nahezu eine Vollversorgung aus Deutschland noch m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Im Fall eines Ukraine-Konfliktes w\u00e4re die Nahrungsversorgung mit Getreide aber gesichert. Zwar ist Kiew in Sachen Weizen- und Maisproduktion auf Expansionskurs, allerdings spielt diese f\u00fcr die Versorgung der EU nur eine geringe Rolle. Schlie\u00dflich exportiert auch Deutschland Getreide und konkurriert dabei sogar mit der Ukraine um die gro\u00dfen Importl\u00e4nder in Nordafrika und im Nahen Osten. Dort f\u00fchren das hohe Bev\u00f6lkerungswachstum und die durchs Klima arg begrenzten Anbaubedingungen weiterhin zur einer starken Nachfrage.<\/p>\n<h1><strong>So will uns Karl Lauterbach aus der Pandemie f\u00fchren <\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz8.02.2022Medien, Politik<\/p>\n<p>W\u00e4hrend unsere europ\u00e4ischen Nachbarn in Sachen Corona immer weiter lockern, bleibt SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach im \u201eBild\u201c-TV-Interview bei einem harten Kurs. Ohne eine allgemeine Impfpflicht geht aber nichts. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/p>\n<p>Die Kritik an den Corona-Ma\u00dfnahmen w\u00e4chst. Doch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach setzt weiterhin auf Vorsicht. Sofortige Lockerungen erkl\u00e4rt er f\u00fcr \u201everr\u00fcckt\u201c. Selbst Gro\u00dfbritannien sei kein Vorbild f\u00fcr Deutschland. W\u00fcrde man das englische Modell \u00fcbernehmen, h\u00e4tte man in Deutschland mehr als 300 Tote t\u00e4glich, derzeit pendle sich aber die Zahl zwischen 60 und 80 hierzulande ein. Die Politik mache also genau das Richtige und hat mit den derzeitigen Ma\u00dfnahmen die Pandemie weitgehend unter Kontrolle. Trotz der Kontroverse mit dem Robert-Koch-Institut \u00fcber einer Verk\u00fcrzung des Genesenenstatus von sechs auf drei Monate bleibt f\u00fcr den SPD-Politiker das Modell des RKI weiterhin verbindlich. Nach Lauterbach haben diese Modelle in der Vergangenheit den Verlauf der Pandemie immer pr\u00e4zise vorausgesagt \u2013 und daran wolle er derzeit auch nicht r\u00fctteln. Denn nach wie vor ist der lockerungsskeptische Politiker davon \u00fcberzeugt, dass bei einer Beendigung der derzeitigen Ma\u00dfnahmen es durchaus m\u00f6glich sei, dass die Intensivstationen wieder volllaufen.<\/p>\n<p>Wie bereits in den vergangenen zwei Jahren setzt Lauterbach auch im Februar 2022 bei der Pandemiebek\u00e4mpfung auf das Prinzip Vorsicht. Es glaube nicht, \u201edass Omikron die letzte Variante ist. Wir werden noch mehr Varianten bekommen.\u201c Und anders als der Koalitionspartner von der FDP, der f\u00fcr weitere \u00d6ffnungen pl\u00e4diert, sei es zum derzeitigen Standpunkt zu fr\u00fch f\u00fcr gravierende Lockerungen. \u201eWarum sollten wir viel zu fr\u00fch lockern, bevor wir die Welle gebrochen haben?\u201c Zum jetzigen Zeitpunkt seien wir noch nicht \u00fcber den Berg und es sei eine Gefahr, dass Fell des B\u00e4ren zu verteilen, bevor er geschossen ist. Sein Credo bleibt: Erst wenn die Omikron-Welle gebrochen ist, kann man die Ma\u00dfnahmen zur\u00fccknehmen. Anders gesagt: Omikron einfach laufen zu lassen, sei keine Alternative, zumal der H\u00f6hepunkt der Welle voraussichtlich Mitte Februar zu erwarten ist. Erst dann k\u00f6nne man lockern, aber dies eben auch nicht, wenn die Fallzahlen auf ihrem H\u00f6hepunkt sind.<\/p>\n<p>Das Hauptproblem gegen\u00fcber anderen L\u00e4ndern wie D\u00e4nemark, Spanien, Gro\u00dfbritannien und Finnland, die mit einer Lockerungsoffensive die letzten Tage gestartet sind, ist f\u00fcr den langj\u00e4hrigen Gesundheitsexperten die hohe Anzahl \u00e4lterer Menschen, die ungeimpft sind. Gerade die vulnerablen Gruppen der \u00fcber-60-J\u00e4hrigen machen ihm Sorge. \u201eBei den \u00dcber-60-J\u00e4hrigen sind bei uns zw\u00f6lf Prozent nicht geimpft, in England sind es nur zwei Prozent.\u201c Auch bei der Zahl der noch immer j\u00fcngeren Ungeimpften, die sich einer Spritze von BioNTech und Co verweigern, sieht er weiterhin das gro\u00dfe Problem und begreift diese Uneinsichtigkeit als den gr\u00f6\u00dften Bremser f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere und langfristigere Lockerungen.<\/p>\n<p>Wenn es, so die Warnung des Gesundheitsministers, bei den Ungeimpften nicht bald zu einem Umdenken kommt, werden wir in Deutschland nicht aus dem Dilemma herauskommen. Erschwerend kommt hinzu, dass jeder F\u00fcnfte in den Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen immer noch auf eine Impfung verzichtet. Dies sei aber nicht nur unkollegial, sondern das Gros der Bev\u00f6lkerung leide dann unter dieser Minderheit.<\/p>\n<p>Lauterbach setzt daher nach wie vor und ohne Wenn und Aber auf eine Impfpflicht. Und zwar auf eine allgemeine ab 18 Jahren. Eine immer wieder diskutierte Impfung ab 50 Jahren reiche nicht. \u201eWenn die Impfpflicht umgesetzt wird, dann w\u00e4re selbst bei sehr hohen Inzidenzen die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch\u201c, dass es zum Problem im Gesundheitssystem k\u00e4me. Folglich br\u00e4uchte man dann auch keine so strengen Ma\u00dfnahmen mehr.\u201c<\/p>\n<p>Unter der Voraussetzung einer allgemeinen Impfpflicht und der damit verbundenen Schlie\u00dfung der Impfl\u00fccken konnte sich Lauterbach dann auch im \u201eBild-TV-Interview zu einer positiven Zukunftsprognose hinrei\u00dfen: Er sei \u00fcberzeugt, dass unter dieser Pr\u00e4misse im Herbst der ganze \u201eSpuk\u201c vorbei sei. Und auch mit Blick auf m\u00f6gliche Lockerungen vor dem Herbst gab sich der Minister zuversichtlich. Er glaubt daran, dass \u201ewir deutlich vor Ostern lockern werden. Davon bin ich \u00fcberzeugt\u201c.<\/p>\n<p>Selbst bei der viel diskutieren Grundimmunisierung hatte Lauterbach Entwarnung gegeben. Vorerst reichen drei Impfungen f\u00fcr eine Grundimmunisierung der Bev\u00f6lkerung. Einzig f\u00fcr die Hochrisiko-Menschen mache eine vierte Impfung derzeit Sinn. Eine sieben- oder gar achtfache Impfung sehe er derzeit nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Virologe Hendrik Streeck eine Verk\u00fcrzung des Genesenenstatus f\u00fcr falsch h\u00e4lt, verteidigte Lauterbach die Verk\u00fcrzung von sechs auf drei Monate. Wie der Wissenschaftler betonte, habe das RKI den Genesenenstatus bei der Omikron-Variante analysiert. Das Ergebnis: Insbesondere bei j\u00fcngeren Ungeimpften hat sich gezeigt, dass bei diesen durch die Omikron-Variante nur wenige Antik\u00f6rper gebildet werden. Das untermauern nicht zuletzt Studien aus S\u00fcdafrika.<\/p>\n<p>Von der Corona-Kassandra Karl Lauterbach bleibt als Minister wenig \u00fcbrig. Zwar gilt er weiterhin nicht als lockerungsw\u00fctig, doch unter der Voraussetzung einer allgemeinen Impflicht, kann sich der rigide Corona-Ma\u00dfnahmen-Verfechter zu \u00d6ffnungen hinrei\u00dfen lassen.<\/p>\n<h1><strong>Lauterbach hat seinen RKI-Chef Wieler nicht mehr unter Kontrolle <\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz7.02.2022Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Vier Monate nach der Bundestagswahl irrlichtert die Ampel-Regierung in Sachen Pandemie weiter. Hinzu kommt die Eigenm\u00e4chtigkeit des Robert-Koch-Institutes bei der Reduzierung des Genesenenstatus von sechs auf drei Monate. SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach macht im neuen Amt keine gute Figur. Kommunikationsprobleme mit dem RKI kann er sich nicht erlauben, untergraben sie letztendlich doch seine Macht und sein Ansehen. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Gro\u00dfbrianien l\u00e4sst die Masken fallen und kehrt fast in den Corona-Voralltag zur\u00fcck. Auch D\u00e4nemark, Spanien und Schweden haben ihre rigiden Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen gekippt, keine Masken mehr im Supermarkt und kein Impfnachweis im Restaurant. Und selbst der ehemalige Corona-Hardliner, CSU-Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der, verk\u00fcndete am Montag einen Paukenschlag. Die Sperrstunde in Bayern soll gekippt werden, kulturelle Veranstaltungen zu 75 Prozent wieder m\u00f6glich sein und in den Fu\u00dfballarenen des Freistaates d\u00fcrfen wieder 15.000 Fans live vor Ort feiern. Auch die Impfpflicht f\u00fcr Pflegekr\u00e4fte ist im Freistaat vorerst ausgesetzt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Europa \u00d6ffnung-Orgien feiert, die Intensivstationen sich zunehmend leeren, weil die Omikron-Variante nur selten zu schweren Krankheitsverl\u00e4ufen f\u00fchrt, bleibt das Corona-Management in Deutschland weitgehend un\u00fcbersichtlich. Einen nicht unbetr\u00e4chtlichen Anteil daran hat der Gesundheitsminister. Der Dauermahner und Corona-Hysteriker scheint die Z\u00fcgel nicht fest in der Hand zu haben. F\u00fchrungsst\u00e4rke ist dem einstigen TV-Plauderer scheinbar nicht in die Gene gelegt. Seit Lauterbach Jens Spahn (CDU) im Amt beerbet hat, wird das Chaos hierzulande nicht kleiner, sondern gr\u00f6\u00dfer. Eine neue Un\u00fcbersichtlichkeit regiert \u2013 und Lauterbach macht als Krisenmanager keine besonders vertrauensvolle und \u00fcberzeugende Figur.<\/p>\n<p>Dem Mann, dem es in Sachen Corona nicht hart genug zugehen kann, hatte sich die letzten Tage bei wichtigen Debatten krankgemeldet \u2013 ein Zeichen der \u00dcberforderung? Das der Gesundheitsminister zumindest bei wichtigen Entscheidungen \u00fcbergangen wird, trat im \u201eBILD-Talk\u201c am Sonntag deutlich zu Tage. Der 68-j\u00e4hrige Professor, der einst mit Fliege und Sing-Sang-Stimme durch die Talkshows dieser Republik flimmerte, wusste angeblich nichts von der Verk\u00fcrzung des Genesenenstatus. Das Robert-Koch-Institut hatte unter seinem Chef Lothar Wieler diesen kurzerhand am 15. Januar ohne vorherige Absprache mit den Ministerpr\u00e4sidenten und dem Gesundheitsminister von sechs Monaten auf drei gek\u00fcrzt. Dabei hatte Lauterbach bei einer Ministerkonferenz am 14. Januar betont, \u00fcber diesen Schritt rechtzeitig zu informieren.<\/p>\n<p>Der sonst so eloquente Lauterbach war vom unangek\u00fcndigten Alleingang v\u00f6llig \u00fcberrascht. Er \u201ehatte gar nicht damit gerechnet, dass das an dem Tag mit auf die Seite des Robert Koch-Instituts kommt.\u201c Dass das RKI \u201ediesen Beschluss auf die Homepage gestellt hat, (\u2026) das wusste ich nicht. Das wird auch nicht mehr vorkommen.\u201c F\u00fcr den SPD-Politiker sei klar, \u201edass das nicht geht, dass ich quasi selbst so wie ein B\u00fcrger erfahre, dass das jetzt schon der neue Status ist\u201c. Mittlerweile sei zwar \u201eoffen gesprochen worden\u201c, so der Gesundheitsminister, doch ein schaler Beigeschmack bleibt.<\/p>\n<p>Wie viel Chaos in der Ampel-Regierung auch beim Genesenenstatus herrscht, wird zwischen der Dreier-Koalition mehr als deutlich. Die offene Kritik an Wieler zeigt, wie gro\u00df die Differenzen innerhalb der Ampel-Koalition in Sachen Corona-Politik mittlerweile sind. So geht SPD-Kanzler Olaf Scholz bei m\u00f6glichen Lockerungen derzeit wieder in Deckung und beharrt auf dem Status Quo. Nur nicht zu schnell die Notbremse wieder l\u00f6sen, so sein Credo. Und zum in die Kritik geratenem RKI-Chef betont er, dass dieser zwei Jahre gut gearbeitet habe. Flankendeckung bekommt Wieler auch von Wirtschaftsminister Robert Habeck und dem gesundheitspolitischen Sprecher der Gr\u00fcnen, Janosch Dahmen. Auf Twitter schreibt dieser zu Wieler: \u201eOhne ihn st\u00fcnden wir heute viel schlechter da\u201c.<\/p>\n<p>Ganz anders sieht es der Koalitionspartner von der FDP und macht Druck. Die Liberalen um Parteichef und Finanzminister Christian Lindner sind seit Monaten f\u00fcr moderate Lockerungen. Daher verwundert es kaum, dass Bijan Djir-Sarai zum Alleingang des RKI mit einem Rundumschlag ausholt. Der designierte FDP-Generalsekret\u00e4r hat dem RKI-Chef demonstrativ das Vertrauen entzogen. Wie er gegen\u00fcber dem \u201eDer Spiegel\u201c betonte, gehe es in schwierigen Zeiten um eine verantwortungsvolle und transparente Kommunikation. Daf\u00fcr stehen aber weder das RKI noch Lauterbach. Und zu der nicht plausiblen Verk\u00fcrzung des Genesenenstatus erkl\u00e4rte er: \u201eDem Vertrauen der FDP kann sich Herr Wieler aber aufgrund dieser neuerlichen Verfehlung, die ja leider keinen Einzelfall darstellt, nicht mehr sicher sein.\u201c<\/p>\n<p>Auch die CDU geht mit Lauterbach nicht mehr konform. W\u00e4hrend der SPD-Mann nach wie vor an einer Impfpflicht f\u00fcr alle festh\u00e4lt, will sich der CDU-Chef Friedrich Merz derweil noch nicht auf einen Vorschlag zur Impfpflicht festlegen. Vielmehr gehe es der Union um \u00dcberlegungen \u00fcber ein Impfvorsorgegesetz. Darin k\u00f6nnte eine Impfpflicht \u201equasi auf Vorrat\u201c beschlossen werden. \u201eDie Impfpflicht k\u00f6nnte, wenn denn die n\u00e4chste Welle kommt, mit einem erneuten Bundestagsbeschluss schnell in Kraft treten\u201c, so Merz.<\/p>\n<p>Trotz der deutlichen Kommunikationsprobleme zwischen dem RKI und dem Gesundheitsminister will dieser an Wieler festhalten. \u201eDas hier war nicht in Ordnung\u201c, sagte Lauterbach und d\u00fcrfe sich nicht wiederholen. F\u00fcr viele Bundesb\u00fcrger hingegen sorgt das kommunikative Chaos der Ampel-Regierung f\u00fcr blankes Entsetzen, Wieler hingegen kann sich freuen, er bleibt auf seinem Chefsessel vorerst sitzen.<\/p>\n<h1><strong>Diese Waffe f\u00fcrchtet Putin \u2013 Das Panzerabwehr-System \u201eJavelin FGM-148\u201c <\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz3.02.2022Europa, Medien<\/p>\n<p>Dass Waffensysteme Kriege entscheiden k\u00f6nnen, ist bereits seit dem Einsatz der englischen \u201eTanks\u201c im Ersten Weltkrieg eine milit\u00e4rische Binsenwahrheit. Doch im Russland-Ukraine-Konflikt k\u00f6nnte jetzt eine Superwaffe zum Einsatz kommen, mit der das russische Milit\u00e4r derzeit noch wenig Erfahrung hat. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Beim Javelin Medium Antiarmor Weapon System (englisch f\u00fcr \u201eWurfspeer\u201c und \u201eMittleres Panzerabwehr-Waffensystem\u201c) handelt es sich um die erste tragbare Fire-and-Forget-Panzerabwehrlenkwaffe. Entwickelt wurde sie in den Vereinigten Staaten und ist seitdem bei den amerikanischen Streitkr\u00e4ften im Einsatz. Das von den Herstellern Raytheon und Lockheed Martin produzierte Lenkwaffensystem kann aus gro\u00dfer Entfernung gegen Panzer, gepanzerte Fahrzeuge oder Bunker eingesetzt werden. Der Hersteller geht von einer Trefferwahrscheinlichkeit von 94 % aus.<\/p>\n<p>Klein, leicht und sehr mobil ist die \u201eJavelin FGM-148\u201c, die als modernste Panzerabwehrwaffe der Welt gilt. Das komplette System ist nur 22,8 kg schwer und knapp \u00fcber einen Meter lang. Auf 200.000 Dollar pro St\u00fcck beliefen sich die Kosten, die das US-Milit\u00e4r f\u00fcr das Jahr 2018 bezifferte. Und mehr noch: F\u00fcr jeden einzelnen Schuss werden bis zu 100.000 US-Dollar f\u00e4llig.<\/p>\n<p>Bereits 1996 wurde das System bei der United States Army und dem United States Marine Corps als Ersatz f\u00fcr die FGM-77 Dragon eingef\u00fchrt und wird mittlerweile in etwa ein Dutzend Staaten exportiert. So sind Kanada, Bahrain, Georgien, Jordanien, der Oman, Taiwan, die Vereinigten Arabischen Emirate, Australien, Neuseeland, Estland, Frankreich, Irland, Litauen, Norwegen, Tschechien und das Vereinigte K\u00f6nigreich mittlerweile im Besitz der Superwaffe. Deutschland und Russland hingegen haben das panzerbrechende Geschoss nicht im Waffenarsenal.<\/p>\n<p>Seit der v\u00f6lkerwidrigen Annektierung der Halbinsel Krim durch den russischen Pr\u00e4sidenten Waldimir Putin setzt Amerika verst\u00e4rkt auf die Unterst\u00fctzung des osteurop\u00e4ischen Landes. Schon damals hatte sich die F\u00fchrung in Kiew um Javelin-Raketen bem\u00fcht. Die \u201eFire and Forget\u201c-Waffe h\u00e4tte einen optimalen Einsatz, da die Gefechte im Osten der Ukraine zumeist in relativ dicht bebautem Gebiet stattfanden.<\/p>\n<p>Im Jahr 2019 verkauften die USA unter dem EX-US-Pr\u00e4sidenten Donald Trump der Ukraine die Anti-Panzer-Raketen. Damals waren es 150 Panzerabwehrwaffen. Zu der Lieferung im Wert von 39,2 Millionen Dollar (35,8 Millionen Euro) geh\u00f6rten auch zehn Abschusseinheiten und zugeh\u00f6rige Ausr\u00fcstung. Der Verkauf sei, wie das US-Au\u00dfenministerium damals mitteilte, im nationalen Interesse der USA und werde der Ukraine helfen, ihre \u201eSouver\u00e4nit\u00e4t und territoriale Unversehrtheit\u201c zu verteidigen. Zuvor hatte Trump die Waffe an Georgien und die baltischen Staaten geliefert.<\/p>\n<p>Genau auch von diesen Staaten bekommt die Ukraine jetzt Unterst\u00fctzung. Estland, Lettland und Litauen liefern dem ukrainischen Staatspr\u00e4sidenten Wolodymyr Oleksandrowytsch Selensky Panzerabwehrraketen und Flugabwehrsysteme. So wird Estland \u201eJavelin-Panzerabwehrraketen\u201c schicken, Lettland und Litauen Stinger-Flugabwehrraketen sowie weitere Ausr\u00fcstung. Aber auch Tschechien bereitet R\u00fcstungslieferungen an die Ukraine vor. Laut Verteidigungsministerin Jana Cernochova gehe es konkret um Artilleriegranaten des Kalibers 152 Millimeter. \u201eEs w\u00fcrde sich um ein Geschenk handeln\u201c, sagte die Politikerin der Demokratischen B\u00fcrgerpartei (ODS) von Ministerpr\u00e4sident Petr Fiala.<\/p>\n<p>Trotz der milit\u00e4rischen \u00dcbermacht Moskaus sorgt gerade die \u201eJavelin\u201c in Moskau f\u00fcr Verstimmung im Kreml \u2013 und dies nicht nur, weil man \u00fcber keine verf\u00fcgt, sondern weil das System eine akute Bedrohung darstellt. Anders als \u00e4ltere Modelle wie die russische Kornet AT-14 oder die amerikanische TOW, die von einem schweren Launcher mit einem Dreibein aus gestartet werden, ist die \u201eJavelin\u201c flexibel. Es braucht auch keine zwei Soldaten mehr, die die schwere Abschussvorrichtung aufbauen und das Ziel w\u00e4hrend des Anfluges der Raketen anvisieren m\u00fcssen. Dagegen \u00fcberzeugt die \u201eJavelin\u201c, die wie der Abschnitt eines Ofenrohres aussieht, durch ihre Kompaktheit.\u00a0 \u00c4hnlich wie eine Panzerfaust wird sie von der Schulter eines einzigen Soldaten oder als montierter Aufbau auf einem Fahrzeug abgefeuert. Das Ganze funktioniert nach dem Prinzip Feuer und Vergessen. Im Praxistest zeigte sich, dass eine Rakete ausreicht, um einen Panzer zu zerst\u00f6ren. Das Ziel wird dabei mittels eines Bildschirmsystems anvisiert und dieses findet die Waffe dank Infrarotsensorik automatisch. Der technisch-milit\u00e4rische Clou der fliegenden W\u00e4rmebildkamera \u201eJavelin\u201c liegt dabei darin, dass sie nicht direkt auf ihr Ziel zusteuert, sondern zuerst sehr steil in eine H\u00f6he von hundertf\u00fcnfzig Metern aufsteigt, um dann die Panzer nicht von vorn, sondern an seiner sensibelsten Stelle \u2013 von oben \u2013 zu treffen. Dort ist die Panzerung, selbst bei schwer gepanzerten Main-Battle-Tanks, nicht besonders dick und auf der Oberseite fehlen fast immer Elemente einer Reaktiv-Panzerung, die den angreifenden Raketensprengkopf wegsprengen sollen. Selbst die modernsten und aktiven Abwehrsysteme wie das Afganit-System des T-14 Armata des russischen Milit\u00e4rs haben Schwierigkeiten, einen Gefechtskopf abzuschie\u00dfen, der sich von oben n\u00e4hert. Hinzu kommt, dass der sogenannte \u201eWurfspeer\u201c noch \u00fcber weitere Vorteile gegen\u00fcber vergleichbaren Systemen verf\u00fcgt. Die Rakete wird nicht vom Hauptantrieb aus dem Start-Tubus abgefeuert, sondern mit einem sanften Start ausgeworfen, um dann in einiger Entfernung erst zu z\u00fcnden. Dadurch l\u00e4sst sich die Position des Sch\u00fctzen kaum mehr verorten. Zudem kann die Waffe auch in engen R\u00e4umen und Deckungen benutzt werden, ohne dass die eigenen Soldaten vom Feuerstrahl der Rakete verletzt werden.<\/p>\n<p>Daher sind bei den Russen die \u201eJavelin-Raketen\u201c gef\u00fcrchtet. Denn auch der modernste Kampfpanzer der russischen Streitkr\u00e4fte, der \u201eT-90M Proryv-3\u201c, hat kaum M\u00f6glichkeiten, die Wirkung der Gefechtsk\u00f6pfe abzufangen. Erschwerend kommt f\u00fcr Putins Krieger hinzu, dass sie mit der amerikanischen Superwaffe kaum Erfahrung haben. Anders als beispielsweise das lasergesteuerte Kornet-System, das aus Sowjetzeiten stammt und \u00fcber das auch die Russen verf\u00fcgen, ist die \u201eJavelin FGM-148\u201c ein v\u00f6llig anderes Kaliber. Einziges Manko der Superwaffe bleibt ihre kurze Reichweite von nur 2000 Metern.<\/p>\n<p>Die \u201eFGM-148 Javelin\u201c ist eine kleine Waffe mit gro\u00dfer Wirkung. Ihre einzigen Probleme allerdings bleiben der hohe Preis und die kurze Reichweite. Ob sie bei einem m\u00f6glichen Kampfgeschehen mit Russland tats\u00e4chlich Einfluss auf milit\u00e4rische Erfolge hat, bleibt abzuwarten. Sicher aber ist, dass sie beim Einsatz den Russen viel Geld kosten und gro\u00dfe Verluste zuf\u00fcgen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h1>Von Christian Drosten bis Roland Kaiser \u2013 Diese Promis w\u00e4hlen den Bundespr\u00e4sidenten mit<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz29.01.2022Medien, Politik<\/p>\n<p>Am Sonntag, den 13. Februar, w\u00e4hlt die Bundesversammlung das neue Staatsoberhaupt. Der amtierende Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier gilt als haushoher Favorit bei der Mehrheit der im Bundestag vertretenen Parteien. Aber auch Prominente d\u00fcrfen das Staatsoberhaut mitw\u00e4hlen. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/p>\n<p>\u00dcber die Parteigrenzen hinweg gilt SPD-Politiker Frank-Walter Steinermeier als Wunschkandidat f\u00fcr das Amt des neuen Bundespr\u00e4sidenten. Doch der Jurist und ehemalige Au\u00dfenminister ist nicht der einzige Kandidat. Neben dem Favoriten der Ampel-Regierung und der Union gehen der parteilose Gerhard Trabert (vorgeschlagen von den LINKEN) und AfD-Kandidat Max Otte mit ins Rennen.<\/p>\n<p>Alle f\u00fcnf Jahre w\u00e4hlt Deutschland sein Staatsoberhaupt. Und turnusgem\u00e4\u00df hatte drei\u00dfig Tage vor Ablauf der Amtszeit Steinmeiers die seit Oktober 2021 amtierende Bundestagspr\u00e4sidentin B\u00e4rbel Bas (SPD) die extra f\u00fcr diese Wahl notwendige Bundesversammlung zusammenberufen. Im Jahr 2022 wird die Versammlung durch den Mega-Bundestag gr\u00f6\u00dfer. 736 Bundestagsmitglieder und 736 weitere Wahlpersonen, die von den jeweiligen Landtagen bestimmt werden, w\u00e4hlen dann die Nummer Eins im Staat.<\/p>\n<p>Neben der Vielzahl von Abgeordneten waren es auch in den vergangenen Jahren immer wieder ehemalige Politiker, Sportler, K\u00fcnstler und andere prominente Personen des \u00f6ffentlichen Lebens, die von den Volksvertretungen entsandt wurden. Die Besonderheit dabei: Die Wahlm\u00e4nner- und Wahlfrauen m\u00fcssen nicht Mitglied der Partei sein, die sie nominiert.<\/p>\n<p>Auf zw\u00f6lf Bundespr\u00e4sidenten kann Deutschland seit seiner Gr\u00fcndung mittlerweile zur\u00fcckblicken. Und in all den Jahren wurde nur mit Joachim Gauck ein Staatsoberhaupt ohne Parteizugeh\u00f6rigkeit gew\u00e4hlt. Die CDU stellte die H\u00e4lfte, die Sozialdemokraten drei, die Liberalen zwei der Bundespr\u00e4sidenten. Und obwohl SPD-Politikerin Gesine Schwan zweimal kandidiert hatte, stand noch nie eine Frau an der Spitze des Staates.<\/p>\n<p>An der Prozedur \u00e4ndert sich auch 2022 nichts, nur an der Location. Corona bedingt findet die Wahl nicht wie \u00fcblich im Plenarsaal des Deutschen Bundestages, sondern aufgrund der Abstands- und Hygieneregeln im viel gr\u00f6\u00dferen Funktionsgeb\u00e4ude des Bundestages, dem Paul-L\u00f6be-Haus statt. F\u00fcr das Prozedere gilt: Wer im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen kann, ist neuer Bundespr\u00e4sident. Wenn nicht, bestimmt danach die relative Mehrheit den Wahlsieger.<\/p>\n<h4>Comedian Dieter Nuhr vertritt die FDP, Bernd Stelter die CDU<\/h4>\n<p>Prominent geht es auf 17. Bundesversammlung auf alle F\u00e4lle zu. Allein aus dem bev\u00f6lkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen werden 156 Wahlfrauen und -m\u00e4nner nach Berlin anreisen. Unter ihnen Dietmar B\u00e4r alias \u201eTatort\u201c-Kommissar Freddy, den die SPD im D\u00fcsseldorfer Landtag in die Bundesversammlung entsendet. Aber auch Kult-Comedians und Kabarettisten sind dabei. Die FDP setzt auf Dieter Nuhr, die CDU auf Bernd Stelter. Comedian Hennes Bender ist einer der Wahlm\u00e4nner der SPD.<\/p>\n<p>Die Fraktion der Gr\u00fcnen im Berliner Abgeordnetenhaus schickt mit dem Direktor des Instituts f\u00fcr Virologie der Berliner Charit\u00e9, Christian Drosten, einen der bekanntesten deutschen Wissenschaftler und Pandemieexperten an die Wahl-Urne. Doch der Grimme-Preistr\u00e4ger, der im Oktober 2020 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse aus der Hand Steinmeiers erhielt, ist nicht der einzige Wissenschaftler. Mit der Infektiologin Marylyn Addo will die Hamburger SPD ihrem Kandidaten eine Stimme mehr geben. Die hessischen Gr\u00fcnen entsenden die Virologin Sandra Ciesek. Und mit der Mitbegr\u00fcnderin des Mainzer Impfstoff-Entwicklers Biontech, \u00d6zlem T\u00fcreci, wird eine weitere Top-Wissenschaftlerin \u2013 nominiert durch die SPD des Landes Rheinland-Pfalz \u2013 an der Wahl teilnehmen. Die Gr\u00fcnen aus Nordrhein Westphalen nominierten Christian Karagiannidis, den Pr\u00e4sidenten der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). Die CDU setzt ihr Vertrauen in Intensivmediziner Gernot Marx, der seit Anfang 2021 gew\u00e4hlter Pr\u00e4sident der Deutschen Interdisziplin\u00e4ren Vereinigung f\u00fcr Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ist und der seit der COVID-19-Pandemie in Deutschland einer breiten \u00d6ffentlichkeit bekannt wurde.<\/p>\n<h4>Roland Kaiser und Igor Levit gehen f\u00fcr die SPD und die Gr\u00fcnen ins Rennen<\/h4>\n<p>Bereits zum zweiten Mail ist der S\u00e4nger Roland Kaiser bei einer Bundespr\u00e4sidentenwahl dabei. Der Mann, der gew\u00f6hnlich Arenen f\u00fcllt, betritt dann die viel leisere B\u00fchne der Berliner Republik. Seit Jahren gilt das Urgestein des deutschen Schlagers als bekennendes Mitglied der Sozialdemokraten. In der SPD von Mecklenburg-Vorpommern freut man sich, dass man mit dem 69-J\u00e4hrigen einen Prominenten nominierte, der durch sein soziales Engagement aktiv die Werte der Partei vertritt.<\/p>\n<p>Statt einen Schlagerstar schicken die Gr\u00fcnen aus Niedersachsen den Starpianisten nach Berlin. Igor Levit kennt sowohl Schloss Bellevue als auch den derzeitigen Amtsinhaber. Anfang April 2020 spielte er die Waldstein-Sonate von Ludwig van Beethoven auf Einladung von Steinmeier. Levit ist ein bekennender Gr\u00fcner und unterst\u00fctzte die \u00d6ko-Partei schon bei der Bundestagswahl 2021.<\/p>\n<p>Mit Klaas Heufer-Umlauf setzt die nieders\u00e4chsische SPD auf einen der derzeit angesagtesten Fernsehmoderatoren, der zusammen mit seinem Kollegen Joko Winterscheidt die Abendsendung \u201eLate Night Berlin\u201c moderiert. Der geb\u00fcrtige Oldenburger, der kein Mitglied der Partei ist, hatte bei der Bundestagswahl 2013 Kanzlerkandidat Peer Steinbr\u00fcck und 2014 bei der Europawahl SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz bereits unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die bayerische SPD mag es eher sportlich. F\u00fcr sie darf der FC-Bayern- und Nationalspieler Leon Goretzka, der im vergangenen Jahr die Bundesliga-, den DFB-, und den Champions League-Pokal gewonnen hat, ins Paul-L\u00f6be Haus reisen. Auch Th\u00fcringen setzt auf Sport und die CDU des Landes nominierte die ehemalige Radrennfahrerin und zweifache Olympiasiegerin Kristina Vogel. Auch Brandenburgs Gr\u00fcne stehen dem nicht nach. Auf Wunsch der Gr\u00fcnen-Fraktion f\u00e4hrt die Schwimm-Olympiasiegerin Britta Steffen nach Berlin. Die SPD hingegen schickt die Cottbuser Radsportlerin Jana Majunke zur Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<h4>Die ehemalige Kanzlerin ist nur eine unter vielen<\/h4>\n<p>Auch die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel wird im nur wenige Meter vom Reichstagsgeb\u00e4ude entfernt liegenden Paul-L\u00f6be-Haus erwartet. Die CDU-Landtagsfraktion Mecklenburg-Vorpommern hat Merkel nominiert, die jetzt als eine der 1472 Mitglieder der Bundesversammlung kurzzeitig erneut die politische B\u00fchne betritt. Wie Fraktionschef Franz-Robert Liskow betonte, wollte man sich mit der Nominierung auch bei der Kanzlerin daf\u00fcr \u201eein klein wenig bedanken, f\u00fcr das, was sie f\u00fcr das Land getan hat.\u201c Aber auch die Reihe altgedienter Politiker ist lang. \u00a0Th\u00fcringen schickt mit Bernhard Vogel, Dieter Althaus und Christine Lieberknecht gleich drei ehemalige Ministerpr\u00e4sidenten ins Rennen. Berlins Ex-B\u00fcrgermeister Eberhard Diepgen, der hessische Roland Koch, Georg Milbradt aus Sachsen und J\u00fcrgen R\u00fcttgers aus NRW flankieren die Riege der CDU. F\u00fcr die CSU sind Horst Seehofer und Edmund Stoiber mit dabei. Die SPD entsendet aus Sachsen, Stanislaw Tillich, aus Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering, aus Schleswig-Holstein Torsten Albig und aus Brandenburg Matthias Platzeck in die Bundesversammlung. Aber auch der ehemalige Bundestagspr\u00e4sident Norbert Lammert (CDU) sowie der langj\u00e4hrige Finanzminister und \u201eMister Euro\u201c Theo Waigel (CSU) sind unter den Auserw\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Und mit den deutschen Astronauten Alexander Gerst, der bereits zweimal f\u00fcr die Europ\u00e4ische Raumfahrt-Agentur 2024 und 2018 im All war, schicken die Gr\u00fcnen aus Baden-W\u00fcrttemberg einen Mann ins Rennen, der nicht nur ein bekennender Klimaaktivist ist, sondern als einziger der Bundesversammlung die Erde aus einer ganz anderen Perspektive gesehen hat.<\/p>\n<p>Eine Liste aller Mitglieder der 17. Bundesversammlung finden Sie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_Mitglieder_der_17._Bundesversammlung_(Deutschland)\">hier<\/a><\/p>\n<h1>So absurd sind die Corona-Regeln in den einzelnen Bundesl\u00e4ndern wirklich<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz25.01.2022Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Der F\u00f6deralismus der Bundesrepublik garantiert den einzelnen L\u00e4ndern Freiheiten. Doch in der Corona-Pandemie bringen die unterschiedlichen Verordnungen vor allem eines \u2013 eine neue Un\u00fcbersichtlichkeit, die oft skurril, in vielen F\u00e4llen aber unlogisch und verwirrend ist. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Eigentlich dient die rechtliche Funktion des F\u00f6deralismus dazu, die Demokratie zu st\u00e4rken, den Pluralismus \u00fcber alle gesellschaftlichen Kr\u00e4fte zuzulassen, um so die politische Willensbildung zu unterst\u00fctzen. So steht es zumindest in Artikel 20 Absatz 1 des Grundgesetzes. Doch in den Coronakrise zeigten sich auch eklatant die Schw\u00e4chen des f\u00f6deralen Gef\u00fcges. Gerade was die Coronaverordnungen der 16 Bundesl\u00e4nder betrifft, erwies sich dieses in den letzten zwei Jahren als ein regelrechter Wirrwarr. Vielerorts einander widersprechende Verordnungen, eine v\u00f6llig aufgeblasene B\u00fcrokratie, die ohnm\u00e4chtig neuen Coronaverordnungen entgegenblickte sowie eine neue Un\u00fcbersichtlichkeit mit vielen skurrilen Regeln pr\u00e4gen den Alltag der Bundesdeutschen bis auf den heutigen Tag. Von einem \u201eFlickenteppich\u201c war die Rede. In der Polit-Satire \u201eHeute Show\u201c wurde gar fr\u00f6hlich das deutsche \u201eF\u00f6derallala\u201c heraufbeschworen.<\/p>\n<p>J\u00fcngstes Beispiel im Coronawirrwarr war der vom Robert-Koch-Institut eingedampfte Genesenen-Status von sechs auf drei Monate. Genesene m\u00fcssten laut RKI dann ihren Booster-Termin auf den Tag genau planen, was schon rein pragmatisch an Impfvergabeterminen zu scheitern droht. Um noch mehr Verwirrung zu stiften, liegt es nun an den einzelnen Bundesl\u00e4ndern, wie sie konkret den neuen Beschluss am Ende in ihren Regelungen von 1 bis 3-G Plus \u00fcbersetzen. Der ganze Unsinn zeigt sich dann, wenn ein Corona-Genesener aus Berlin bei seiner Ankunft in M\u00fcnchen dann als Ungeimpfter eingestuft wird.<\/p>\n<p>Auch nach zwei Jahren Pandemie geh\u00f6rt das Corona-Wirrwarr zum festen Bestandteil eines sich als immer kruderen erweisenden F\u00f6deralismus. Denn was in einem Bundesland erlaubt ist, das kann zehn Kilometer weiter l\u00e4ngst verboten sein. W\u00e4hrend Personen mit einer Auffrischungsimpfung beim Besuch von Fitnessstudios oder Restaurants in den Bundesl\u00e4ndern Niedersachsen, Baden-W\u00fcrttemberg und Rheinland-Pfalz von der Testpflicht ausgenommen sind, wenn beim Besuch ein negativer Schnelltest erwartet wurde, waren in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Hamburg Geboostete nicht von dieser befreit. Getreu des f\u00f6deralen Prinzips kocht jedes Bundesland weiter sein eigenes S\u00fcppchen. Dies gilt auch f\u00fcr den Fall, ab wann die Auffrischungsimpfung g\u00fcltig ist. So bekommen diejenigen, die sich die dritte Corona-Spritze setzen lassen, das digitale Zertifikat in der Regel sofort ausgestellt. Aber auch hier gibt es bundesweit weiter Uneinheitlichkeit. Gehen Studien davon aus, dass der Booster-Schutz f\u00fcnf bis zw\u00f6lf Tage nach der Drittimpfung wirkt, ist man beispielsweise in Rheinland-Pfalz und Baden-W\u00fcrttemberg sofort von 2G-plus befreit. Anders handeln es die Bundesl\u00e4nder Th\u00fcringen und Bayern, denn dort m\u00fcssen erst vierzehn Tage vergehen. Bundesweit gibt es zudem Unterschiede, wer zur Auffrischungsimpfung zugelassen ist \u2013 von vier Wochen (Nordrhein-Westfalen) bis f\u00fcnf Monate ist hier alles m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Auch im Blick auf die Quarant\u00e4ne ist das f\u00f6derale Chaos perfekt. Setzt SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der in Sachen Corona immer f\u00fcr eine strenge Ma\u00dfnahmen pl\u00e4dierte, auf eine Verk\u00fcrzung der Quarant\u00e4ne, bleibt man im S\u00fcden der Republik jetzt noch weiter in der Isolation. In der Regel gilt, dass in den meisten Bundesl\u00e4ndern Geimpfte und Genesene, die mit einem Infizierten Kontakt hatten, von der Quarant\u00e4nepflicht ausgenommen werden. Doch Baden-W\u00fcrttemberg hatte diese Zeitspanne erst k\u00fcrzlich verl\u00e4ngert. Dort m\u00fcssen Kontaktpersonen 14 Tage in Absonderung, Coronakranke zehn Tage. Das Freitesten war erst ab dem siebten Tag erlaubt und ein Schnelltest nicht ausreichend. Dagegen hatte der Freistaat Bayern auf das Gegenteil gesetzt. Dort wurde zum 28. Dezember die Quarant\u00e4nezeit auf zehn Tage anstatt wie davor auf 14 Tage begrenzt.<\/p>\n<p>Auch beim Ferienende regierte der bundesweite Wirrwarr. W\u00e4hrend in Bayern, Baden-W\u00fcrttemberg, Bremen, Hamburg, Hessen und sechs weiteren Bundesl\u00e4ndern die Kinder bis kurz vor Weihnachten in den Klassenzimmern blieben, gingen Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt einen Sonderweg. Dort zog man einfach den Beginn der Weihnachtsferien vor.<\/p>\n<h4>Corona-Irrsinn an den deutschen Hochschulen<\/h4>\n<p>Einen eigenen Weg ging man Mitte Januar 2022 in Baden-W\u00fcrttemberg. Dort hatte der Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Mannheim die 2G-Regel f\u00fcr Hochschulen gekippt. Sie soll rechtswidrig sein, so die VGH-Entscheidung. Geklagt hatte ein nicht immunisierter Student, der bei den Pr\u00e4senzveranstaltungen der Hochschule in Baden-W\u00fcrttemberg nicht am Pr\u00e4senzunterricht teilnehmen durfte. Eigentlich wollte man wegen der Omikron-Variante die Alarmstufe II noch bis Februar f\u00fcr die Hochschulen des Landes beibehalten, aber der VGH entschied, dass es sich um \u201eerhebliche Grundrechtsbeschr\u00e4nkungen\u201c handle, die einen gravierenden Eingriff in das Grundrecht der Betroffenen auf Berufsausbildungsfreiheit h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Aber auch hier zeigt ein Blick auf die Webseite der \u201eHochschulrektorenkonferenz\u201c unterschiedliche bundesweite Regelungen. In Th\u00fcringen beispielsweise soll der Studienbetrieb \u201ewieder \u00fcberwiegend\u201c mit Pr\u00e4senzveranstaltungen stattfinden. In Abh\u00e4ngigkeit von der Pandemieentwicklung wird dieser \u201eallerdings auch weiterhin durch digitale Veranstaltungen flankiert\u201c. Zutritt zu den Lehrveranstaltungen haben Geimpfte, Genesene oder Getestete. Im Freistaat gilt die 3G-Regel, w\u00e4hrend die 2G-Regel im S\u00fcden f\u00e4llt.<\/p>\n<h4>Hauptstadt-Wirrwarr in Berlin: Clubs sind offen, tanzen verboten<\/h4>\n<p>Nicht nur in Berlin, sondern bundesweit sorgte das Tanzverbot in der Hauptstadt f\u00fcr Geimpfte mit Test f\u00fcr Aufsehen. Im Dezember hatte sich die Bund-Minister-Konferenz f\u00fcr diese Ma\u00dfnahme entschieden. Und auch nach zwei Eilentscheidungen des Verwaltungsgerichts Berlin bleibt dieses vorerst noch in Kraft. Konkret bedeutet das, dass man zwar in Clubs und Diskotheken gehen, sich auf einen Stuhl setzen, den DJs zuh\u00f6ren k\u00f6nne, aber tanzen bleibt ein Tabu. F\u00fcr drau\u00dfen allerdings gab es keine Beschr\u00e4nkungen. Dort war Party bis in die sp\u00e4te Nacht hinein nicht verboten. Die Inzidenz, die daf\u00fcr ausschlagend war, wurde auf 350 pro 100.000 Einwohner festgelegt. W\u00e4hrend Berlin nur das Tanzen unter Kuratel stellte, schlossen in Nordrhein-Westfalen und in mehreren Bundesl\u00e4ndern gleich alle Clubs, obwohl dort die Inzidenz von 350 noch gar nicht erreicht war. Auch hier zeigte sich: die Ma\u00dfnahmen bleiben nicht nur uneinheitlich, sondern unlogisch.<\/p>\n<h4>Hamburg-Irrsinn: Elbphilharmonie ist voll, schauen Fu\u00dfballfans in die R\u00f6hre<\/h4>\n<p>Schildb\u00fcrgerstreich oder Corona-Irrsinn? W\u00e4hrend in der Hansestadt Hamburg die Elbphilharmonie fast zu 100 Prozent voll im geschlossenen Ambiente zum kulturellen Stelldichein einl\u00e4dt, waren beim Bundesligaspiel 1. FC K\u00f6ln gegen den FC Bayern M\u00fcnchen im Rhein-Energie-Stadion am 15. Januar gerade einmal 750 Zuschauer live erlaubt. Zurecht erbost von der Mini-Fan-Kulisse war dann auch K\u00f6lns Trainer Steffen Baumgart: \u201eIch halte das f\u00fcr sinnlos. Die Erkl\u00e4rungen, die ich bisher dazu geh\u00f6rt habe, h\u00f6ren sich auch klug an, sind aber alle Mist! Das aktuelle Infektions-Geschehen hat nichts mit Fu\u00dfball zu tun.\u201c Dass sich das Coronavirus in geschlossenen R\u00e4umen aufgrund der Aerosole leichter verbreitet, ist mittlerweile eine Binsenwahrheit. Doch in Hamburg und Nordrhein-Westfalen ist das Auslegungssache. Auch der Fu\u00dfball-Zweitligist FC St. Paul durfte nach einer Abordnung der Corona-Verordnung im Januar maximal 2000 Zuschauer ins Millerntor-Stadion lassen, letztendlich waren es 1.724.<\/p>\n<h4>Jetzt auch noch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Friedhof in Niedersachsen<\/h4>\n<p>Buchst\u00e4blich absurd offenbart sich das Corona-Wirrwarr derzeit bei Trauerfeiern und Beerdigungen insbesondere in Niedersachsen. \u201eDie Vorgaben f\u00fcr Beerdigungen sind derzeit absurd, dass ich diese hier kaum wiedergeben m\u00f6chte\u201c schreibt ein Bestatter. Im Landkreis Ammerland im Nordwesten des Bundeslandes gibt es mittlerweile eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Friedhof: So d\u00fcrfen bei Konfessionslosen maximal zehn Personen an der Trauerfeier teilnehmen, bei kirchlichen Trauerfeiern sind es deutlich mehr. Zu diesem Durcheinander passt eine Coronaverordnung der nieders\u00e4chsischen Landesregierung, die einem Beschluss der Bund-L\u00e4nder-Runde vom 7. Januar 2022 folgt. Dort hei\u00dft es im unverst\u00e4ndlichen Paragrafendeutsch, das kein normaldenkender Mensch versteht: \u201eIn \u00a7 7 a Absatz 2 Nr. 6 werden nach dem Wort \u201eVeranstaltungen\u201c die Worte \u201eund zu Bestattungen\u201c angef\u00fcgt. Dieser Zusatz stellt klar, dass auch nicht religi\u00f6se Bestattungen, nicht als private Zusammenk\u00fcnfte im Sinne des Absatzes 1 gelten. Bei Zusammenk\u00fcnften zu solchen nicht religi\u00f6sen Bestattungen ist dann jedoch nach dem neuen \u00a7 8 Abs. 3 Satz 2 der Corona VO die 3-G-Regelung einzuhalten. Vorsicht: Diese Regelung gilt nur f\u00fcr die offizielle Trauerfeier und den Gang zum Grab, nicht aber f\u00fcr das anschlie\u00dfende Zusammensein in einem Caf\u00e9, einem Restaurant oder zuhause: Dort gilt f\u00fcr Ungeimpfte die Regel ein Haushalt plus zwei Personen und f\u00fcr Geimpfte die 10-Personen-Grenze.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Niedersachen die Zahl der Trauernden begrenzt ist, findet sich im bayerischen N\u00fcrnberg keine Begrenzung. Wie die Zeitung \u201eN\u00fcrnberger Land\u201c dokumentiert, soll die Trauerfeier mit anschlie\u00dfender Beisetzung nur im engsten Kreis stattfinden. Wie eng dieser ist, bleibt aber offen.<\/p>\n<p>St\u00e4ndige neue Verordnungen, \u00fcberlastete Beh\u00f6rden, restlos \u00fcberforderte Gesundheits\u00e4mter und ein f\u00f6deral uneinheitliches Regel-Wirrwarr haben die Bundesrepublik in ein undurchdringbares, oft unlogisches Chaos gest\u00fcrzt, das die B\u00fcrger zunehmen verunsichert und auch nicht mit den Mitteln des gesunden Menschenverstandes zu begreifen ist. Dieser Un\u00fcbersichtlichkeit mit teilweise absurden Regeln muss die Politik endlich Einhalt gebieten.<\/p>\n<h1>Energiepreisexplosion: Die Ampel tut zu wenig f\u00fcr Geringverdiener<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz21.01.2022Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p>Die Energiepreise steigen immer weiter. W\u00e4hrend L\u00e4nder wie Frankreich, Spanien, Italien und demn\u00e4chst auch Tschechien der Energiepreisexplosion entgegensteuern und die Menschen in ihrem Land mit Steuererleichterungen und Direktzahlungen entgegenkommen, kommen Entlastungen in Deutschland derzeit noch schleppend voran. In der Opposition macht sich dar\u00fcber Unmut breit. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>In Deutschland sind die Energiepreise allein in den ersten 19 Tagen im Januar um 15 Prozent gestiegen. Gas, \u00d6l, Kohle und damit der Strom alles wird teurer und f\u00fcr manche unbezahlbar.<\/p>\n<p>Im internationalen Vergleich zahlen deutsche Verbraucher die h\u00f6chsten Strompreise. Dies geht aus einer Analyse von 135 L\u00e4ndern hervor, die das Vergleichsportal Verivox mit Daten des Energiedienstes Global Petrol Prices durchgef\u00fchrt hat. Im Durchschnitt ist der Strom in Deutschland 163 Prozent teurer als im Rest der Welt.<\/p>\n<h4>Deutschland ist bei den Strompreisen Spitze und bei den Entlastungen verhalten<\/h4>\n<p>Beim Thema Entlastung der Verbraucher steht Deutschland aber hinten an. W\u00e4hrend hierzulande diskutiert wird, ob und was zu tun sei, hat beispielsweise die tschechische Regierung schon im Oktober 2021 Steuerentlastungen beschlossen. Die Umsatzsteuer auf Strom und Gas soll gedeckelt werden. Zudem plante die Regierung unter dem damaligen Ministerpr\u00e4sident Andrej Babis eine Gesetzesnovelle, die Strom- und Gaslieferungen vom n\u00e4chsten Jahr an dauerhaft von der Umsatzsteuer befreit. Nun liegt es am neuen <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/tschechien\/\">tschechischen<\/a> Ministerpr\u00e4sidenten Petr Fiala, diese Vorhaben auf den Weg zu bringen.<\/p>\n<h4>Frankreich senkt die Stromsteuer<\/h4>\n<p>Die Franzosen reagierten ebenfalls im Herbst 2021 auf die gestiegenen Energiepreise. Premierminister Jean Castex k\u00fcndigte damals an, dass Verbraucher bis April keine Erh\u00f6hungen der Tarife f\u00fcr Gas und Strom bef\u00fcrchten m\u00fcssten. Maximal um vier Prozent sollen dann die Kosten 2022 ansteigen. Um den Anstieg des Strompreises zu begrenzen, senkt das Land die Stromsteuer. Dies wird den Angaben zufolge zu maximal acht Milliarden Euro Mindereinnahmen des Staates f\u00fchren.<\/p>\n<p>Wie Wirtschaftsminister Bruno Le Maire <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/paris\/\">in Paris<\/a> jetzt ank\u00fcndigte, soll der mehrheitlich in Staatshand befindliche Stromversorger EDF vor\u00fcbergehend die Menge an g\u00fcnstigen Atomstrom erh\u00f6hen, und an kleinere Wettbewerber verkaufen, die den niedrigeren Preis dann wiederum an ihre Kunden weitergeben k\u00f6nnen. Bereits im Winter des vergangenen Jahres erhielten rund sechs Millionen Haushalte <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/frankreich\/\">in Frankreich<\/a> mit geringen Einkommen einen sogenannten Energiescheck \u00fcber 100 Euro.<\/p>\n<h4>Auch Spanien reagiert mit Sofort-Ma\u00dfnahmen<\/h4>\n<p>Auch <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/spanien\/\">in Spanien<\/a> gingen im vergangenen Jahr viele Verbraucher auf die Stra\u00dfe, um gegen die hohen Gas- und Energiepreise zu protestieren. Die spanische Zentralregierung in Madrid reagierte damals mit einer Senkung der Mehrwertsteuer auf Strom von 21 auf 10 Prozent. Im September legte sie mit weiteren Sofortma\u00dfnahmen nach.<\/p>\n<p>So beschloss man damals, die Verringerung der Stromsteuer auf das in der EU erlaubte Minimum von 0,5 Prozent. Anders als in der Bundesrepublik sollten \u00e4rmere Familien besser davor gesch\u00fctzt werden, dass ihnen der Strom abgestellt wird, wenn sie ihre Rechnungen nicht bezahlen. F\u00fcr einen Paukenschlag sorgte damals die Ank\u00fcndigung, dass die Gewinne, die Energieversorger infolge des Anstiegs der Erdgaspreise erzielt h\u00e4tten, an die Verbraucher zur\u00fcckgegeben werden sollten.<\/p>\n<h4>Drei Milliarden Euro gegen die Energiearmut in Italien<\/h4>\n<p>Unterdessen hat die Regierung <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/rom\/\">in Rom<\/a> tief in die Tasche im Kampf gegen die steigenden Energiepreise gegriffen. Drei Milliarden Euro gegen Energiearmut lie\u00df man es sich <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/italien\/\">in Italien<\/a> kosten, dass die Verbraucher in den letzten drei Monaten des Jahres Strom- und Gasrechnungen nicht bezahlen mussten. Bereits Ende September 2021 entschloss sich der Ministerrat in Rom dazu, die Auswirkungen der hohen Energiepreise abzufedern. Seit Anfang Oktober werden drei Millionen Haushalten von einkommensschw\u00e4cheren Familien unterst\u00fctzt, die einen sogenannten Anspruch auf einen Gasbonus haben. Sie sollten so wenig wie m\u00f6glich von den steigenden Preisen zu sp\u00fcren bekommen.<\/p>\n<p>Und mehr noch: Der Staat hat f\u00fcr rund sechs Millionen kleinere Unternehmen und 29 Millionen Haushaltskunden die allgemeinen Stromnetzentgelte \u00fcbernommen. Die Regierung von Ministerpr\u00e4sident Mario Draghi verringerte zudem f\u00fcr alle Haushalte und Unternehmen die Mehrwertsteuer auf Gas, die je nach Verbrauch zwischen zehn und 22 Prozent liegt, auf f\u00fcnf Prozent. Auch die Netzentgelte \u00fcbernahm der Staat. Wie Draghi betonte, w\u00e4ren ohne die Ma\u00dfnahmen die Gaspreise bis zum Jahresende um weitere 30 Prozent und die Strompreise um etwa 40 Prozent gestiegen.<\/p>\n<p>Im Januar legte Rom nach. Italien will die Steuern f\u00fcr die Energieunternehmen erh\u00f6hen. \u201eIch denke, die Regierung wird in diese Richtung gehen\u201c, verk\u00fcndete Industrieminister Giancarlo Giorgetti. \u201eDie zus\u00e4tzlichen Gewinne m\u00fcssen in irgendeiner Weise zur allgemeinen Besteuerung beitragen, damit Ma\u00dfnahmen zugunsten der weniger Wohlhabenden ergriffen werden k\u00f6nnen\u201c, so der Lega-Minister zu den Energiepreisen.<\/p>\n<p>Auch bei der gr\u00f6\u00dften Verbraucherschutz-Organisation Codacons des Landes traf diese Aussage auf Zustimmung. So unterstich Pr\u00e4sident Carlo Rienzi, dass es in der aktuellen Krisensituation richtig sei, jenen etwas zu nehmen, die enorme Gewinne einstreichen. Auch Draghi betonte, dass jene Unternehmen, die von den steigenden Preisen profitiert h\u00e4tten, ihre Gewinne mit der Gesellschaft teilen sollten. Insgesamt hatte die Regierung unter dem ehemaligen EZB-Pr\u00e4sidenten seit Juli vergangenen bereits mehr als acht Milliarden Euro ausgegeben, um den Anstieg der Energierechnungen zu bremsen.<\/p>\n<h4>Und Deutschland? L\u00e4sst sich Zeit.<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend die europ\u00e4ischen Nachbarstaaten also bereits fr\u00fchzeitig den steigenden <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/thema\/energiekosten\/\">Energiekosten<\/a> entgegenlenkten, l\u00e4sst Deutschland sich Zeit. Der f\u00fcr 2022 geplante Heizkostenzuschuss, den die neue Ampel-Regierung auf den Weg bringen will, soll f\u00fcr 710.000 Haushalte als einmalige Zahlung gelten.<\/p>\n<p>Er gilt f\u00fcr Haushalte, die zwischen Oktober 2021 und M\u00e4rz 2022 mindestens einen Monat lang Wohngeld bezogen haben oder noch immer beziehen. F\u00fcr den Heizkostenzuschuss zur Unterst\u00fctzung der Geringverdiener muss der deutsche Staat 130 Millionen Euro aufbringen. Alleinlebende d\u00fcrfen sich dann immerhin \u00fcber einen einmaligen Zuschuss in H\u00f6he von 135 Euro erfreuen, ein Zwei-Personen-Haushalt kommt auf 175 Euro und f\u00fcr jeden weiteren Mitbewohner wird sich der Zuschuss um weitere 35 Euro erh\u00f6hen. Die Auszahlungen sind f\u00fcr den Sommer 2022 geplant.<\/p>\n<p>Kritisch zu dem Ma\u00dfnahmenpaket der Bundesregierung \u00e4u\u00dferte sich auch der nordrhein-westf\u00e4lische Ministerpr\u00e4sident Hendrik W\u00fcst (<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/organisationen\/cdu\/\">CDU<\/a>). Gegen\u00fcber Bundeskanzler Olaf Scholz (<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/organisationen\/spd\/\">SPD<\/a>) betonte er: \u201eDie Energiekosten d\u00fcrfen nicht zur neuen sozialen Frage werden, deshalb brauchen wir jetzt schnelle und sp\u00fcrbare Entlastungen.\u201c Und f\u00fcgte hinzu: \u201eDie Ampel darf deshalb mit der Abschaffung der EEG-Umlage nicht bis zum Jahr 2023 warten, sondern muss jetzt handeln.\u201c<\/p>\n<p>Auch beim Wohngeld d\u00fcrfte es nicht bei dem von der Ampel-Koalition geplanten einmaligen Heizkostenzuschuss bleiben. \u201eDer Heizkostenzuschuss muss deutlich erh\u00f6ht werden. Vor allem aber brauchen wir eine dauerhafte und nachhaltige Wohngelderh\u00f6hung und nicht nur eine Einmalzahlung.\u201c<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Sozialpolitik der Regierung betonte er, dass Wohnen und W\u00e4rme zur Daseinsvorsorge geh\u00f6ren und forderte von Scholz mehr F\u00fchrung bei dieser existentiellen Frage.<\/p>\n<h1>Mit seiner skrupellosen Wirtschaftspolitik f\u00fchrt Recep Tayyip Erdo\u011fan sein Land in den Ruin<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz15.01.2022Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p><em>Mit seiner eigenwilligen Wirtschaftspolitik f\u00fchrt der t\u00fcrkische Staatspr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan sein Land zunehmend in den Ruin. Eine galoppierende Inflation zerst\u00f6rt die heimische Wirtschaft. Der Unmut dar\u00fcber k\u00f6nnte dem Machthaber am Ende sein Amt kosten. von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<p>Seit Jahren regiert der t\u00fcrkische Staatspr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan fast wie ein Monarch im alten Stil. Der Mann, der den Spitznamen die \u201eKoran-Nachtigall\u201c seit fr\u00fcher Jugend tr\u00e4gt, unterdr\u00fcckt mit einem repressiven System aus Polizei- und Milit\u00e4rgewalt die demokratischen Institutionen sowie die Opposition im Land. Inzwischen \u00fcberschattet aber eine katastrophale wirtschaftliche Entwicklung die heikle politische Lage. Auch an ihr ist Erdo\u011fan nicht unschuldig.<\/p>\n<p>Bereits im Jahr 2017 erreichte die t\u00fcrkische Inflationsrate einen zweistelligen Wert. W\u00e4hrend der <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/corona-virus\/live\/\">Corona-Pandemie<\/a> hat sich die Lage jetzt weiter verschlechtert. Mittlerweile liegt die Inflationsrate bei fast 22 Prozent, Insider, die den offiziellen Zahlen nicht trauen, sprechen gar von 36 bis 50 Prozent, mit der Folge, dass die meisten T\u00fcrkinnen und mit einem starken R\u00fcckgang des realen (inflationsbereinigten) Einkommens zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p>Dramatischer formuliert Ali Babacan, der fr\u00fchere Au\u00dfen- und Wirtschaftsminister, der sich 2019 von Erdo\u011fan lossagte und eine eigene Partei gr\u00fcndete, die Lage: \u201eWir gehen unter\u201c twitterte er. Sein Land befinde sich \u201emitten in der schlimmsten Krise unserer j\u00fcngeren Geschichte\u201c. Bereits 2019 warnte der Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger Paul Krugman, dass die t\u00fcrkische Wirtschaft in eine \u201eTodesspirale\u201c gerate. Der \u00d6konom h\u00e4lt es f\u00fcr unverantwortlich, dass die heimische Notenbank unter die Fuchtel der politischen Entscheidungen des Staatspr\u00e4sidenten geraten war und jegliche Unabh\u00e4ngigkeit verloren hat.<\/p>\n<h4><strong>Erdo\u011fans Zinspolitik verschlimmert die Inflation im Land<\/strong><\/h4>\n<p>Seit langem \u00fcbt Erdo\u011fan, Chef der \u201ePartei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung\u201c (AKP), einen immensen Druck auf die Zentralbank aus, die Zinsen niedrig zu halten. 2018 hat er ein Pr\u00e4sidialsystem in <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/tuerkei\/\">der T\u00fcrkei<\/a> eingef\u00fchrt hatte, das ihm fast uneingeschr\u00e4nkte Macht auch \u00fcber die Notenbank gibt. Er vertritt die Theorie, dass hohe Zinsen der Grund f\u00fcr die Inflation sind. Trotz Warnungen von \u00d6konomen, die daran festhalten, dass zur Abk\u00fchlung der Inflation nicht niedrigere, sondern h\u00f6here Zinss\u00e4tze erforderlich sind, hatte Erdo\u011fan immer wieder die Zinsen gesenkt.<\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr seine Niedrigzinspolitik mag sicherlich auch sein, dass der Despot aus Ankara Zinsen als unmoralische Instrumente der Ausbeutung betrachtet. Am liebsten w\u00fcrde er sie ganz abschafften, denn sie seien \u201eein \u00dcbel, das die Reichen reicher und die Armen \u00e4rmer macht.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Schwache W\u00e4hrung gut f\u00fcr den Export? Nicht in der T\u00fcrkei<\/strong><\/h4>\n<p>F\u00fcr Erdo\u011fan, den ehemaligen Oberb\u00fcrgermeister von Istanbul, kann die Lira nicht schwach genug sein. Je geringer ihr Wert, so sein Credo, desto besser sei dies f\u00fcr das Land und die Wirtschaft \u2013 denn, so die Ansicht des Staatspr\u00e4sidenten: Je schw\u00e4cher eine W\u00e4hrung ist, desto st\u00e4rker ist das Wirtschaftswachstum, weil der Export aufgrund der niedrigen Preise floriert.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich passiert das Gegenteil. Der t\u00fcrkische Gewerkschaftsbund warnt inzwischen, dass die Inflation dem Land das Genick bricht. Solche Warnungen allerdings sind gef\u00e4hrlich: Wer die Zinspolitik von Erdo\u011fan nicht teilt, muss gehen. Allein in den vergangenen zwei Jahren hat er drei Zentralbankchefs gefeuert, weil sie sich ihm und seiner kruden Geldpolitik widersetzten. Der jetzige Notenbankchef hingegen ist dem religi\u00f6sen Fundamentalisten an der Staatsspitze treu ergeben.<\/p>\n<h4><strong>Inflation der schwinds\u00fcchtigen Lira zeigt ihre Folgen<\/strong><\/h4>\n<p>In den vergangenen Wochen hat die Lira fast 40 Prozent ihres Au\u00dfenwerts eingeb\u00fc\u00dft. Die Aktienkurse am Bosporus st\u00fcrzten ab, der Istanbuler B\u00f6rsenindex kennt nur eine Richtung \u2013 nach unten. Erdo\u011fan setzt sein Mantra: \u201eExporte, Exporte, Exporte\u201c dagegen. In der Tat profitieren derzeit die Exporteure von der Lira-Schw\u00e4che, die die Ausfuhren verbilligt. Was der in Sachen \u00d6konomie eigenwillige Politiker aber ignoriert, ist, dass die t\u00fcrkische Industrie f\u00fcr ihre Produktion in sehr hohem Ma\u00df auf Importe angewiesen ist. Und diese verteuern sich durch die Lira-Abwertung st\u00e4ndig. Das Ergebnis sind steigende Preise.<\/p>\n<p>Die Inflation der schwinds\u00fcchtigen Lira zeigt ihre Folgen. Wer noch Geld hat, tauscht es in Devisen. Normale Eink\u00e4ufe im Supermarkt sind mittlerweile zum Luxus geworden, und beinahe t\u00e4glich werden die Preise angehoben. Speise\u00f6l wurde innerhalb eines Jahres 137 Prozent teurer. Manche Lebensmittel wie Fleisch oder eben \u00d6l gelten inzwischen als Symbole des Wohlstands. Die Gesch\u00e4fte haben die Grundnahrungsmittel rationiert, und in den Apotheken fehlt es an lebenswichtigen Medikamenten. Die Warteschlangen vor den Kiosken in Istanbul, wo die Stadtverwaltung das subventionierte \u201eHalk Ekmek\u201c, das Volksbrot, verkauft, werden immer l\u00e4nger. Mittlerweile kostet ein Laib Wei\u00dfbrot 1,25 Lira, was in Euro und Vent gerechnet keinen zehn Cent entspricht \u2013 aber f\u00fcr einkommensschwache Menschen kaum mehr bezahlbar ist. Die Mehrheit der T\u00fcrken wird durch die Inflation regelrecht in die Armut getrieben.<\/p>\n<h4><strong>Erdogans AKP f\u00e4llt in Umfragen zur\u00fcck<\/strong><\/h4>\n<p>Durch die existentielle Not w\u00e4chst die Kritik am autorit\u00e4ren Machtstil. Eine durch den Staatschef in Aussicht gestellte Erh\u00f6hung des Mindestlohnes um 50 Prozent kann das wirtschaftliche Desaster nicht aufhalten, obwohl der Regierungschef sie die \u201egr\u00f6\u00dfte Lohnerh\u00f6hung seit 50 Jahren\u201c feiert. Sie droht schnell zu verpuffen und heizt die Inflation weiter an. Der alte Mindestlohn entsprach Anfang letzten Jahres noch 380 Dollar pro Monat, f\u00fcr den neuen Mindestlohn bekommt man, trotz Erh\u00f6hung, derzeit nur noch 250 Dollar. Zudem beschert die Erh\u00f6hung den Unternehmen zus\u00e4tzliche Kosten, die sie an die Verbraucher weitergeben werden.<\/p>\n<p>Wenn sich der Lira-Verfall fortsetzt, k\u00f6nnte die Regierung gezwungen sein, Kapitalkontrollen einzuf\u00fchren. Das allerdings w\u00e4re der Gau sowohl f\u00fcr die Wirtschaft als auch die Bev\u00f6lkerung. Finanzexperten warnen bereits vor der Gefahr eines Banken-Runs, eines Ansturms der Sparer auf die Geldinstitute.<\/p>\n<p>Um die Landsleute zu beruhigen verbreitet Erdo\u011fan Geschichten wie die, dass es anderswo noch schlechter gehe. Die Menschen <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/frankreich\/\">in Frankreich<\/a> und Deutschland w\u00fcrden Not leiden, weil sie \u201ekeine Lebensmittel mehr\u201c finden. Politisch helfen k\u00f6nnen ihm diese Erz\u00e4hlungen kaum. Ob in Ankara oder Istanbul \u2013 das Vertrauen schwindet und 2022 k\u00f6nnte sogar zum Schicksalsjahr des langj\u00e4hrigen Partei- und Regierungschefs werden. In aktuellen Umfragen liegt Erdo\u011fans AKP erstmals seit 18 Jahren mit nur noch 24 Prozent Stimmenanteil hinter der gr\u00f6\u00dften Oppositionspartei CHP, die auf 26,4 Prozent kommt.<\/p>\n<p>Auch seine pers\u00f6nlichen Umfragewerte gehen rasant in den Keller. Immerhin 84 Prozent der T\u00fcrken geben ihm die Schuld an der Wirtschaftskrise. 72 Prozent glauben derzeit nicht, dass die gegenw\u00e4rtige Regierung die Krise l\u00f6sen kann. Die Oppositionsparteien wollen die f\u00fcr sie guten Werte ausnutzen und fordern den Staatschef auf, die regul\u00e4r 2023 f\u00e4lligen Parlaments- und Pr\u00e4sidentenwahlen vorzuziehen. Nie war Erdo\u011fan, der Sohn eines K\u00fcstenschiffers unbeliebter. Auch das von ihm eingef\u00fchrte Pr\u00e4sidialsystem ger\u00e4t zunehmend in die Kritik.<\/p>\n<p>Ob die Top-Oppositionspolitiker Ekrem \u0130mamo\u011flu und Mansur Yava\u015f die B\u00fcrgermeister von Istanbul und Ankara, den Despoten abl\u00f6sen k\u00f6nnen, wenn sie bei der regul\u00e4ren Pr\u00e4sidenten- und Parlamentswahl 2023 antreten, steht allerdings noch auf einem anderen Blatt. Denn bislang verf\u00fcgt Erdo\u011fan immer noch \u00fcber gen\u00fcgend Macht, seine Kritiker zumindest mundtot zu machen, in dem die Justiz sie mit Prozessen \u00fcberzieht.<\/p>\n<h1><strong>Soziale Netzwerke machen nicht gl\u00fccklich &#8211; Die Seelenruhe der Stoiker schon<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz24.12.2021Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Was ist ein gutes Leben, was ist das Gl\u00fcck? Von der stoischen Tugendethik bis hin zum Pragmatismus und Utilitarismus reichen die Antworten. Was f\u00fcr ein Mensch man sei, entscheide dar\u00fcber, welche Philosophie man w\u00e4hle, hat der deutsche Idealist Johann Gottlieb Fichte einst betont. Und das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr das eigene Gl\u00fcck. Doch im Zeitalter sozialer Netzwerke wird die Gl\u00fcckssuche nicht einfacher, sondern schwieriger. Also schalten Sie ihr Handy einfach mal ab. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Wir sind st\u00e4ndig online, chatten allgegenw\u00e4rtig, als ob es kein Morgen mehr g\u00e4be. Die Sozialen Netzwerke sind zu unserem zweiten Ich geworden, f\u00fcr viele zum einzig-wahren sogar. Wir definieren uns \u00fcber Facebook, Twitter, Instagram und Co. Selfie-Wahn und mediale Pr\u00e4senz sind uns quasi der Religionsersatz, verhei\u00dfen sie uns doch eine neue \u201eUnsterblichkeit\u201c. St\u00e4ndig liebkosen und aktualisieren wir unsere virtuelle Existenz, als sei diese die einzige Realit\u00e4t, die es gibt. Doch unser reales Ich verk\u00fcmmert dar\u00fcber. Anstatt das ewige Seelenheil und das seligmachende Gl\u00fcck zu finden, enden wir letztendlich in einem kollektiven Burn-out.<\/p>\n<p>So sieht das zumindest das heute der Jenaer Entschleunigungspapst Hartmut Rosa. Wie der Soziologieprofessor betont, dampfen wir unsere realen sozialen Kontakte ein und die Welt au\u00dfer uns wird nur noch via Bildschirm auf dem Computer oder dem Smartphone wahrgenommen. Schon der franz\u00f6sische Philosoph Emmanuel Levinas und der \u00f6sterreichische Neurologe und Psychiater Victor Frankl wussten vor \u00fcber einem halben Jahrhundert, dass sich Gl\u00fcck nur durch eine soziale und lebendige Verbindung zur Umwelt einstellt.<\/p>\n<p>Wer heute daran glaubt, dass er sein Welt-Sein dadurch aufwerten kann, wenn er immer mehr Likes f\u00fcr seine Postings und Tweets sammelt und sich allein dar\u00fcber als Mensch definiert, wird schnell entt\u00e4uscht, wenn er weniger R\u00fcckmeldungen aus dem Orbit erh\u00e4lt. Das kurzweilige Pseudo-Gl\u00fcck katapultiert sich im schlimmsten Fall zur Depression und die verweigerte Resonanz f\u00fchrt in eine unendliche Spirale von Ungl\u00fccklichsein Wer also sein Gl\u00fcck au\u00dferhalb seiner selbst sucht, dem droht immer die Gefahr, sich selbst zu verlieren.<\/p>\n<p>Was vielen Internet- und Handys\u00fcchtigen, gerade auch in einer pandemischen Zeit, fehlt, ist eine \u201elibidin\u00f6se Weltbeziehung\u201c. Bildschirme, Handytastaturen bleiben \u201eResonanzkiller\u201c, weil \u201ewir immer mehr medial und digital auf die Welt bezogen sind.\u201c Was wir dagegen brauchen, sind neue Oasen, wo wir uns als Einheit von Leib und Seele in der Gemeinschaft im Augenblick wieder ersp\u00fcren \u2013 ganz getreu von Johann Wolfgang Goethes \u201eVerweile doch, Du bist so sch\u00f6n\u201c, wie er es im \u201eFaust\u201c einst dichtete.<\/p>\n<p>Doch die Idee von Resonanzr\u00e4umen ist nicht ganz neu. Bereits vor \u00fcber zweitausend Jahren warb einer der ber\u00fchmtesten Philosophen der R\u00f6mischen Kaiserzeit, der Stoiker Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. \u2013 65 n. Chr.), f\u00fcr mehr Innerlichkeit. \u201eZieh dich zur\u00fcck in die Stille der Mu\u00dfe, aber lass auch um diese Mu\u00dfe selbst die Stille walten.\u201c Wie sp\u00e4ter bei Boethius wird f\u00fcr den einstigen Lehrer von Kaiser Nero f\u00fcr Seneca die Philosophie zum Trost.\u00a0 Selbst als der legend\u00e4r-ber\u00fcchtigten Kaiser seinen einstigen Meister der Beteiligung an der Pisonischen Verschw\u00f6rung bezichtigte und ihm die Selbstt\u00f6tung befahl, bleibt Seneca stoisch gleichg\u00fcltig, ersch\u00fctterte ihn das Todesgebot nicht, hatte er doch gefunden, was nach seiner Meinung nach den Menschen ausmacht \u2013 die Seelenruhe.<\/p>\n<p>Gegen unsere Handy-affine Zeit w\u00fcrde Seneca heute die heitere Gelassenheit und eben diese Seelenruhe als neue Tugenden stellen, gelten ihm doch beide als Inbegriff menschlichen Gl\u00fccks. Und dieses Gl\u00fcck hat f\u00fcr den Philosophen nun rein gar nichts mit \u00c4u\u00dferlichkeiten zu tun. ES ist rein geistiger Natur, Daher kann der wahrhaft Gl\u00fcckliche all das verachten, was allgemein bewundert wird. Und ganz im Gegensatz zur modernen medialen Selbststilisierung bedarf es fremder Anerkennung gar nicht zum reinen Gl\u00fccklichsein.<\/p>\n<p>Das klingt auf den ersten Blick ganz egoistisch, aber selbst Seneca, der f\u00fcr eine Individualethik pl\u00e4diert, die das pers\u00f6nliche Gl\u00fcck in den Mittelpunkt r\u00fcckt, lehnt eine Reduktion auf dieses Ich allein ab und betont: \u201eDu musst f\u00fcr den anderen leben, wenn du f\u00fcr dich selbst leben willst.\u201c\u00a0 Geselligkeit und Einsamkeit, nur beides zusammen, sind die Quellen des Gl\u00fccks f\u00fcr einen der immer noch meistgelesenen Philosophen der Weltgeschichte. Denn den \u201eHass auf die Masse heilt die Einsamkeit, den Verdruss gegen\u00fcber der Einsamkeit die Masse.\u201c Und so kann ein gl\u00fcckliches Leben nur der f\u00fchren, der nicht nur an sich selbst denkt und alles seinem Vorteil unterordnet, sondern wahrhaftes Gl\u00fcck spendet die F\u00e4higkeit zur Freundschaft mit sich selbst und anderen.<\/p>\n<p>Der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die sich im Digitalisierungswahnsinn verstrickt und in blinder Raserei durch die eigene Geschichte jettet, unruhig eine mediale Bombe nach der anderen z\u00fcndet, kann Seneca nur entgegenhalten: \u201eNur die Ruhe ist heiter, die uns die Vernunft schenkt.\u201c Alles, was den Menschen aus der Ruhe bringt, gilt es zu meiden. Dazu allerdings bedarf es des wohlgeordneten Verstandes, der sich nicht durch leidenschaftliche Affekte aus der Taktung bringen l\u00e4sst und die Harmonie der Seele effekthascherisch auf das Spiel setzt.<\/p>\n<p>Anstelle unserer modernen Rastlosigkeit, dem st\u00e4ndigen Blick in das Handy und dem selbstversichernden Blick auf die soziale Anteilnahme in den virtuellen Netzen, w\u00fcrde uns Internetstressgeplagten der Philosoph das Innehalten empfehlen. Denn: \u201eWer die Einsicht besitzt, ist auch ma\u00dfvoll; wer ma\u00dfvoll ist, auch gleichm\u00fctig; wer gleichm\u00fctig ist, l\u00e4sst sich nicht aus der Ruhe bringen; wer sich nicht aus der Ruhe bringen l\u00e4sst, ist ohne Kummer; wer ohne Kummer ist, ist gl\u00fccklich: also ist der Einsichtige gl\u00fccklich, und die Einsicht reicht aus f\u00fcr ein gl\u00fcckliches Leben!\u201c<\/p>\n<p>Und allen, die ihre Lebenszeit in die scheinbar seligmachende Kraft der Sozialen Netzwerke investieren, w\u00fcrde er entgegenhalten: \u201eNur ein kleiner Teil des Lebens ist es, den wir leben. Die gesamte \u00fcbrige Spanne ist nicht Leben, sondern Zeit.\u201c Darum sollten wir das Leben mit Sinn f\u00fcllen, anstatt es zu verschwenden und durch Oberfl\u00e4chlichkeit zu zerfasern.\u00a0 Wir haben, so schreibt er in einem seiner ber\u00fchmtesten Schriften, \u201eVon der K\u00fcrze des Lebens\u201c, \u201ekein kurzes Leben empfangen, sondern es kurz gemacht\u201c und gehen verschwenderisch damit um. Und in der Tat: Ein wenig mehr Besinnlichkeit, Einkehr, Ruhe und Selbstzufriedenheit statt kurzfristiger Sinnenfreude w\u00e4re auch eine Erholung f\u00fcr die Seele in den unendlichen Weiten und Tiefen des Internets.<\/p>\n<h1>Das Baerbock-Team \u2013 Hochkar\u00e4ter beraten die gr\u00fcne Au\u00dfenministerin<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz21.12.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Ein Blick auf die Mannschaft um Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock zeigt \u2013 die Gr\u00fcne hat bei ihren Personalentscheidungen ein gutes H\u00e4ndchen. Ihr Team besteht aus professionellen Diplomaten, die auch im Krisenmodus nicht die Nerven verlieren. Die erste heikle Entscheidung hat sie bereits getroffen und zwei russische Diplomaten ausgewiesen. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Die EU setzt sicherheitspolitisch gro\u00dfe Hoffnungen in die neue deutsche Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock. Auch wenn die Gr\u00fcne auf dem politischen Parkett derzeit noch ein wenig unsicher wirkt \u2013 ihre Agenda steht: An der Seite <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/frankreich\/\">Frankreichs<\/a> will sie <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/europa\/\">Europa<\/a> weiter zusammenf\u00fchren und aktuell eine gemeinsame Ukrainepolitik abstimmen. Mit ihrem Vorg\u00e4nger Heiko Maas (<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/organisationen\/spd\/\">SPD<\/a>) k\u00fcndigt Baerbock einen kritischeren Kurs gegen\u00fcber Rechtsstaatsverletzern wie <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/ungarn\/\">Ungarn<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/polen\/\">Polen<\/a> an.<\/p>\n<p>Und als sicher gilt auch, dass sie in Sachen Menschenrechten sowohl den russischen Pr\u00e4sidenten <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/personen\/wladimir-putin\/\">Wladimir Putin<\/a>, den t\u00fcrkischen Despoten Recep Tayyip Erdo\u011fan und den chinesischen Kommunisten-Chef Xi Jinping nicht aus den Augen lassen wird. Dass der gr\u00fcnen Frontfrau hier ein eisig-frostiger Wind entgegenwehen wird, ist aber zu bef\u00fcrchten \u2013 zumal vor allem in <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/tuerkei\/\">der T\u00fcrkei<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/russland\/\">in Russland<\/a> eher ein konventionelles Frauenbild gepflegt wird. Da passt eine Gr\u00fcne \u00fcberhaupt nicht ins Raster.<\/p>\n<h4>Baerbocks Strippenziehern und Spin-Doktoren<\/h4>\n<p>Doch die bislang au\u00dfenpolitisch unerfahrene Playerin, die von den Gr\u00fcnen eigentlich als Kanzlerkandidatin ins Rennen geschickte worden war, ist nur die Frontfrau, hinter der ein Team von Strippenziehern und Spin-Doktoren steht. Die 41-J\u00e4hrige gilt als starke Netzwerkerin. Sie verf\u00fcgt \u00fcber viele Kontakte in die Fraktion und in die Partei hinein und holt sich politischen Rat gern bei erfahrenen Kollegen wie Claudia Roth. Was ihr bislang fehlte, waren au\u00dfenpolitische Freunde und Strategen.<\/p>\n<p>Das soll sich nun \u00e4ndern. Im Wahlkampf 2021 setzte Baerbock auf erfahrene PR-Manager wie Michael Scharfschwerdt der 2005 den Wahlkampf des damaligen Gr\u00fcnen Spitzenkandidaten und Au\u00dfenministers Joschka Fischer leitete. Auch Andreas Kappler, einst Pressesprecher von Claudia Roth und Cem \u00d6zdemir und bei den beiden Fraktionsvorsitzenden Katrin G\u00f6ring-Eckhardt und Anton Hofreiter, galt als T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr einen erfolgversprechenden Wahlkampf.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt hatte Michael Kellner, Parteimanager, Spindoktor und langj\u00e4hriger Chef der Bundespartei Routine genug, <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/organisationen\/die-gruenen\/\">die Gr\u00fcnen<\/a> nach vorn zu treiben. Doch es kam anders. Baerbock patzte mit gesch\u00f6nter Vita und Plagiats-Vorw\u00fcrfen. Selbst ihr PR-Profis konnten ihren freien Fall lange nicht aufhalten. Die Zustimmungswerte sanken bei der \u00d6kopartei von weit \u00fcber 20 Prozent auf knapp 15 Prozent und damit war der Traum von einer gr\u00fcnen Kanzlerin begraben.<\/p>\n<h4>Bearbock auf Konfrontation mit dem russischen Kremlchef<\/h4>\n<p>Doch Baerbock ist eine Ausstehfrau, l\u00e4sst sich so schnell nicht von ihrer Vision, Deutschland in einem der wichtigsten \u00c4mter zu f\u00fchren, abbringen. In den ersten Tagen als Au\u00dfenministerin trat die ehemalige Landesvorsitzende der Brandenburger Gr\u00fcnen, die mit ihren zwei Kindern und mit ihrem Mann, dem Politikberater und PR-Manager Daniel Holefleisch, in Potsdam lebt, bereits m\u00e4chtig aufs Gaspedal.<\/p>\n<p>Mit ihrer Einbestellung des russischen Botschafters und der Erkl\u00e4rung von zwei Diplomanten Moskaus zu \u201eunerw\u00fcnschten\u201c Personen geht sie bereits in den ersten Tagen auf Konfrontation mit dem russischen Kremlchef. F\u00fcr Putin ist die Gr\u00fcne jetzt schon ein rotes Tuch und sein Interesse an einem Treffen mit der au\u00dfenpolitischen Speerspitze der Ampel-Koalition eher m\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>Dass Baerbock Moskau nicht f\u00fcrchtet, daran l\u00e4sst sie gar keinen Zweifel: Der Tiergartenmord von 2019 war Staatsterrorismus, Richter best\u00e4tigten jetzt in ihrem Urteil, dass Russland darin verstrickt war. Das sei, lautet Baerbocks Schlussfolgerung, f\u00fcr die Bundesrepublik nicht zu akzeptieren, deswegen m\u00fcssen die Diplomaten gehen. Basta!<\/p>\n<h4>Das Baerbock-Team<\/h4>\n<p>Das Amt des Au\u00dfenministers z\u00e4hlt zu den heikelsten in jeder Politkarriere. Noble Hotels und oft an der Seite der weltweit wichtigsten Lenker und Macherinnen zu stehen \u2013 das ist der glamour\u00f6se Schein. Doch darunter ist das Parkett rutschig. Ihr neues Team muss sie dabei st\u00fctzen.<\/p>\n<p>Mit Anna L\u00fchrmann, hessische Gr\u00fcnen-Abgeordnete aus dem Wahlkreis Rheingau-Taunus \u2013 Limburg, hat Baerbock eine versierte Au\u00dfenpolitikerin und Klima-Aktivistin an ihrer Seite. Die ehemalige Juniorprofessorin und Demokratieforscherin an der Uni G\u00f6teborg verf\u00fcgt \u00fcber Auslandserfahrungen im Sudan und hat bei den Vereinten Nationen gearbeitet. Die 1983 in Lich geborene Politikwissenschaftlerin war von 2018 bis 2020 stellvertretende Direktorin der au\u00dfenpolitischen Denkfabrik \u201cVarieties of Democracy Institutes\u201d.<\/p>\n<p>Als Beauftragte f\u00fcr die deutsch-franz\u00f6sische Zusammenarbeit k\u00f6nnte sie in Zukunft als Weichenstellerin gegen\u00fcber Frankreich noch wichtiger werden. Politisch international erfahren ist L\u00fchrmann allemal. Notfalls kann sie sich Rat beim fr\u00fcheren deutschen Botschafter Rainer Eberle, ihrem Ehemann, einholen. Der war immerhin von 2014 bis 2017 Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Barcelona.<\/p>\n<h4>Gr\u00fcne Friedenspolitik<\/h4>\n<p>Auch die neue Staatsministerin Katja Keul, studierte Juristin, gilt als Br\u00fcckenbauerin. Die 52-J\u00e4hrige setzte sich in den vergangenen Jahren f\u00fcr ein f\u00f6derales Europa und f\u00fcr den europ\u00e4ischen Einigungsprozess ein. Die ehemalige Obfrau des R\u00fcstungs-Unterausschusses war dar\u00fcber hinaus Mitglied der Deutsch-Franz\u00f6sischen Parlamentarischen Versammlung.<\/p>\n<p>Sie kann nun an der Seite von Baerbock die gr\u00fcne Friedenspolitik sichtbarer machen. Sie d\u00fcrfte auch die Richtige sein, wenn es um die Vorstellungen der Gr\u00fcnen von einer atomwaffenfreien Welt geht. Schon in ihrem Programmentwurf forderte die \u00d6ko-Partei eine sichtbarere Friedensarbeit, Abr\u00fcstung und das Verbot, Waffen in Kriegsgebiete und an Diktatoren zu liefern.<\/p>\n<h4>Tobias Lindner hat beste Kontakte zum Nato-Hauptquartier in Br\u00fcssel<\/h4>\n<p>Ein Gl\u00fccksgriff ist der gr\u00fcne Verteidigungspolitiker Tobias Lindner, den Baerbock zum Staatsminister im Ausw\u00e4rtigen Amt gemacht hat. Er ist seit 1998 Mitglied bei den Gr\u00fcnen, war Sprecher f\u00fcr Wirtschaftspolitik der Bundestagsfraktion und geh\u00f6rt ebenfalls als Mitglied zur Europa-Union Deutschland. Wichtiger f\u00fcr Baerbock k\u00f6nnte sein, dass Lindner in der 18. Wahlperiode des Deutschen Bundestages Ordentliches Mitglied im Verteidigungsausschuss war.<\/p>\n<p>Als stellvertretendes Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der Nato verf\u00fcgt der Gr\u00fcne auch \u00fcber beste Kontakte zum Nato-Hauptquartier <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/bruessel\/\">in Br\u00fcssel<\/a>. Der promovierte Sicherheitsexperte sah zuletzt im Afghanistan-Debakel der USA eine Konzentration \u201eauf eigene sicherheitspolitische Interessen\u201c. Auf diese ver\u00e4nderte Politik des ehemaligen Verb\u00fcndeten sollten jetzt auch die Nato-B\u00fcndnispartner reagieren. Das stimmt auch mit Baerbocks-Nato-Ambitionen \u00fcberein, die sich im Gegensatz zur Partei \u201eDie LINKE\u201c j\u00fcngst als gute Freundin der Nato pr\u00e4sentierte. Lindner k\u00f6nnte ihre wichtige Schnittstelle zum Nato-Chef Jens Stoltenberg werden.<\/p>\n<h4>\u201eZukunftsperspektiven Ausw\u00e4rtiger Dienst\u201c<\/h4>\n<p>Susanne Baumann ist sicherlich die versierteste Staatssekret\u00e4rin im Baerbock-Team. 1993 trat die Juristin in den Ausw\u00e4rtigen Dienst ein. Seit 1994 arbeitete die 1965 in Singen geborene Wissenschaftlerin im Arbeitsstab \u201eZukunftsperspektiven Ausw\u00e4rtiger Dienst\u201c. Sie war St\u00e4ndige Vertreterin in der Botschaft Phnom Penh <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/kambodscha\/\">in Kambodscha<\/a>, leitete das Koordinierungsb\u00fcro der Bundesregierung in Prizren, Kosovo, und arbeitete in der Botschaft Kuala Lumpur in Malaysia.<\/p>\n<p>Von 2010 bis 2011 war Baumann politische Beraterin des Leiters des Einsatzf\u00fchrungsstabes des Bundesministeriums der Verteidigung, zuletzt leitete sie die Abteilung f\u00fcr internationale Ordnung, Vereinte Nationen und R\u00fcstungskontrolle des Ausw\u00e4rtigen Amtes. F\u00fcr Baerbock ist Baumann die weltweit krisenerprobteste Kollegin, die das Au\u00dfenministerium wetterfest machen soll.<\/p>\n<h4>Mann f\u00fcr die \u201cwertebasierte\u201d Au\u00dfenpolitik<\/h4>\n<p>Eigentlich hatte Baerbock mit Staatssekret\u00e4r Miguel Berger einen langj\u00e4hrigen Diplomaten mit viel Auslandserfahrung an ihrer Seite. Doch der studierte Volkswirt stand einerseits in der Kritik, weil er die deutsche Botschaft in Kabul beim Sturm der Taliban in diesem Jahr zu z\u00f6gerlich evakuierte, andererseits war der Mann, der schon unter Ex-Au\u00dfenminister Heiko Maas diente, zu SPD-nah f\u00fcr die neue Au\u00dfenministerin.<\/p>\n<p>Ersetzt wird er nun durch Andreas Michaelis. Der 62-J\u00e4hrige begann seine Karriere an der Seite des damaligen gr\u00fcnen Au\u00dfenministers Joschka Fischer, zun\u00e4chst als stellvertretender Sprecher, dann als Sprecher, sp\u00e4ter wurde er Botschafter in Tel Aviv und anschlie\u00dfend Politischer Direktor des Ausw\u00e4rtigen Amts.<\/p>\n<p>Bereits vor Berger war Michaelis von 2018 bis 2020 Staatssekret\u00e4r und sein Vorg\u00e4nger. Michaelis, der seit Mai 2020 deutscher Botschafter im Vereinigten K\u00f6nigreich war, passt als Personalie besser zu Baerbocks \u201ewertebasierter\u201c Au\u00dfenpolitik. Mit ihm hat sie einen Experten, der sich im Brexit-Land gut auskennt, und der bei Verhandlungen mit dem als eigenwillig denkenden britischen Premier Boris Johnson ihr die ein oder andere Br\u00fccke schlagen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>Professionelles Team<\/h4>\n<p>F\u00fcr ihre Aufgaben als Au\u00dfenministerin hat sich Annalena Baerbock also ein professionelles Team zusammen gestellt. Jetzt liegt es an ihr, die au\u00dfenpolitischen Geschicke des Landes zu steuern. Peinliche Pannen und Fehler wie bei ihrer Kanzlerkandidatur d\u00fcrfen nicht mehr passieren. Blieben die \u201eKavaliersdelikte\u201c damals f\u00fcr die Weltpolitik folgenlos, k\u00f6nnten neue Fehler jetzt ein gr\u00f6\u00dferes Beben ausl\u00f6sen.<\/p>\n<h1><strong>Hendrick Streeck: In die Disko w\u00fcrde ich nicht gehen, aber in eine Bar schon <\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz15.12.2021Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Die Virologen Christian Drosten und Hendrick Streeck sind sicherlich die prominentesten Gesichter der Corona-Pandemie. Doch die beiden Wissenschaftler waren sich bei der Corona-Bek\u00e4mpfung und den Ma\u00dfnahmen nicht immer einig. Jetzt sollen beide unter Kanzler Olaf Scholz einem Expertenrat der Bundesregierung angeh\u00f6ren. Und anders als Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) setzt Scholz mit diesen Personalien auf unterschiedliche Meinungen im Kampf gegen die Pandemie. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Ein 19-k\u00f6pfiger Corona-Expertenrat soll Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) beim k\u00fcnftigen Corona-Management besser und vor allen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven beraten. Neben dem Chef des Robert-Koch-Institutes Lothar Wieler und dem Chef der St\u00e4ndigen Impfkommission (STIKO)Thomas Mertens geh\u00f6ren dem neuen Team auch zwei Virologen an, die sich sowohl bei der Einsch\u00e4tzung der Corona-Lage als auch bei den zu ergreifenden Ma\u00dfnahmen nicht immer einig waren: Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charit\u00e9, und Hendrick Streeck, Leiter des Virologischen Institutes der Uniklinik Bonn.<\/p>\n<p>Schon jetzt sorgt die Personalie Streeck als Teil des Gremiums f\u00fcr Wirbel. Dann anders als Drosten war Streeck unter Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel nie zu Corona-Beratungen hinzugezogen worden. Dass die neue Bundesregierung unter Scholz bei der Pandemie-Bek\u00e4mpfung nun einen anderen Weg geht, kann als Zeichen gesehen werden, dass die Ampel-Regierung auf plurale Wissenschaftsmeinungen setzt. Das hatte auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) unterstrichen und betont \u201eWir wollen als Bundesregierung die Pandemie-Bek\u00e4mpfung st\u00e4rker auf wissenschaftliche Expertise st\u00fctzen.\u201c Wichtig sei es, sich von einem m\u00f6glichst breiten Expertengremium beraten zu lassen.<\/p>\n<p>Drosten und sein rigider Kampf gegen das Virus galt der Kanzlerin lange als der richtige und einizig gangbare Weg wie die Bundesrepublik in Sachen Pandemiebek\u00e4mpfung zu verfahren habe. \u00a0Drosten wurde geradezu zur Ikone einer erfolgversprechenden Anti-Corona-Politik \u2013 f\u00fcr seinen NDR-Podcast erhielt er den Grimme-Preis. F\u00fcr seinen Einsatz gegen das Virus wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Streeck hingegen, der den ersten Corona-Hotspot des Landes, in Heinsberg, untersuchte, passte nicht so sehr in das Corona-Raster der Altbundeskanzlerin und lief quasi auf einem Parallelgleis, wenn es um eine objektive Corona-Politik ging. Noch bis zum Ende ihrer Amtszeit sprach sich die Kanzlerin f\u00fcr die Aufrechterhaltung der epidemischen Lage nationaler Tragweite aus und fuhr damit im Fahrwasser von Drosten, der f\u00fcr eine h\u00e4rtere Gangart bei der Bek\u00e4mpfung des Covid-19 pl\u00e4dierte und sich immer wieder in diesem Zusammenhang f\u00fcr gravierende Grundrechtseingriffe ausgesprochen hatte.<\/p>\n<p>Drosten setzte auf harte Kontaktbeschr\u00e4nkungen, appellierte an die Menschen, Masken zu tragen, forderte sogenannte Cluster-Kontakttageb\u00fccher, um die Infektionsketten schnellstm\u00f6glich nachzuverfolgen und zu unterbinden. Der 1972 im Emsland geborene Drosten pl\u00e4dierte schon fr\u00fch f\u00fcr eine \u201eVorquarant\u00e4ne\u201c, damit sich Menschen, die sp\u00e4ter ihre Familienangeh\u00f6rigen besuchen, soziale Kontakte vermeiden\u201c. Auch im Blick auf die Omikron-Variante des Coronavirus mahnte er in der Vierten Welle kassandrahaft: \u201eBesorgniserregend\u201c sei es, wie schnell sich die Variante verbreitet und man gewinne den Eindruck, \u201edass sich das Geschehen alle drei Tage verdoppelt\u201c. Mit Blick auf S\u00fcdafrika, D\u00e4nemark und auch England zeige sich, so Drosten, dass die Verbreitung von Omikron deutlich schneller ist, \u201eals wir es von der Delta-Variante gewohnt sind.\u201c In diesem Zusammenhang sprach sich der Berliner Virologe erneut f\u00fcr sogenannte Booster-Impfungen \u201emit gro\u00dfem Elan\u201c aus, auch bestehende Impfl\u00fccken m\u00fcssten jetzt radikal geschlossen werden. Und Mitte Dezember 2021 legte er nach und betonte: \u201eJeder der kann, muss sich jetzt boostern lassen. Alle Ungeimpften m\u00fcssen sich hinsetzen und ganz genau nachdenken, ob sie wirklich das aufrechterhalten wollen, angesichts auch dieser neuen Gefahr. Dieses Virus wird auch die Ungeimpften treffen.\u201c Die Impfl\u00fccken bei den \u00fcber 60-J\u00e4hrigen und den J\u00fcngeren seien noch viel zu gro\u00df.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu seinem Kollegen Drosten hatte Streeck immer wieder die strikten Corona-Beschr\u00e4nkungen in Deutschland, Lockdown inklusive, kritisiert. Deutschland sei \u201ezu schnell in den Lockdown gegangen.\u201c Ein Grund daf\u00fcr sei neben der Sorge um die Kapazit\u00e4t der Krankenh\u00e4user \u201eein gewisser Druck in der \u00d6ffentlichkeit\u201c gewesen.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr die meisten Menschen ist das Virus nicht gef\u00e4hrlich, f\u00fcr einige wenige schon\u201c, erkl\u00e4rte Streeck immer wieder und forderte nicht nur auf die Fallzahlen zu schauen, um das Infektionsgeschehen zu bewerten. \u201eEs muss darum gehen, wie sehr die Gesellschaft mit einer Krankheit belastet ist \u2013 und dar\u00fcber sagt die reine Infektionszahl nicht unbedingt etwas aus.\u201c Anders als Drosten, setzt sich Streeck f\u00fcr das Ampelsystem ein. Nach Ansicht des Virologen, der sich seine Meriten bei der Aids-Forschung verdiente und Drosten auf dem Bonner Lehrstuhl nachfolgte, solle das Ampelsystem einen Richtwert aus Infektionszahlen, Anzahl der Tests, station\u00e4rer und intensivmedizinischer Belegung abbilden. Allein, wenn diese Ampel sich auf Gelb umschalten sollte, sei es notwendig, weitere Ma\u00dfnahmen zu verh\u00e4ngen, m\u00f6glicherweise neue Kontaktbeschr\u00e4nkungen. \u201eWenn wir uns danach richten, dann haben wir eine gute Chance, gut durch den Winter zu kommen\u201c, so Streeck. Dazu ben\u00f6tig man keine epidemische Notlage \u2013 alle erforderlichen Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnten auch ohne diese getroffen werden. Diese Debatte war eh nur ein Nebenschauplatz.<\/p>\n<p>Auch in Sachen Sterblichkeitsrate hatte Streeck in den letzten beiden Jahren der Pandemie eine deutlich andere Sichtweise als Drosten. Im Gegensatz zum Charit\u00e9-Wissenschaftler sprach er von Anfang an von einer niedrigen Todesrate, bezifferte sie auf h\u00f6chstens 0,37 Prozent. Wie der Bonner Virologe von Anfang an betonte, sei zwar Corona gef\u00e4hrlicher als eine normale Grippewelle, aber er f\u00fcgte auch hinzu: \u201eCorona wird nicht unser Untergang sein\u201c. Vielmehr betonte er, dass die Angst vor dem Virus viel zu irrational gef\u00fchrt werde und kleinste Nebenrisiko-Wahrscheinlichkeiten von der Politik und den Medien \u00fcberproportional dramatisiert w\u00fcrden. \u00a0\u201eDas Virus ist zu politisch geworden, obwohl es eigentlich nicht politisch sein sollte.\u201c Und zum Superwahljahr 2021 merkt er in einem \u201eMerkur-Interview an: \u201eJedenfalls haben wir im Sommer mehr Wahlwerbung als Impfwerbung gesehen. Noch entscheidender ist aber: Wir haben im Rahmen der Werbekampagne f\u00fcrs Impfen keine nachhaltige, fachliche Aufkl\u00e4rung erlebt. Viele Menschen verstehen nicht, wie die Impfstoffe im K\u00f6rper wirken. Sie haben \u00c4ngste vor den Impfstoffen. Um unbegr\u00fcndete \u00c4ngste auszur\u00e4umen, muss man endlich damit anfangen, besser aufzukl\u00e4ren. Zu viele Skeptiker wurden von der Politik bisher nicht abgeholt, obwohl das keine Unm\u00f6glichkeit ist.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Drosten erst im n\u00e4chsten, im \u00fcbern\u00e4chsten Jahr oder auch erst in drei Jahren eine Entspannung an der Coronafront sieht und erkl\u00e4rt, dass Corona dann ein normales Erk\u00e4ltungsvirus sein werde und eine Impfauffrischung im Winter ausreiche, pl\u00e4diert Streeck schon l\u00e4nger f\u00fcr ein Ende des Krisen- und Panikmodus. Ihm geht es um eine normale Risikohandling wie bei vielen anderen Risiken des Lebens auch. \u00c4ngste zu sch\u00fcren sei der falsche Weg. Es gehe um eine \u201eneue Routine\u201c, alles andere laufe auf eine weitere Spaltung der Gesellschaft zwischen Geimpften und Ungeimpften aus.<\/p>\n<p>Nach wie vor h\u00e4lt Streeck daran fest, dass man nicht auf den \u201ePausenknopf\u201c dr\u00fccken und glauben k\u00f6nne, dass das \u201eVirus dann vorbei\u201d sei. Dies ist vielmehr ein Irrglaube und habe sich auch dadurch zerlegt, weil die Lockdown-Strategie nicht den erw\u00fcnschten Erfolg gezeigt habe. Selbst dem h\u00e4rtesten Lockdown wird es nicht gelingen, die darauf folgenden Wellen zu brechen: Vielmehr sind wir in einer \u201eDauerwelle. Wir m\u00fcssen uns damit abfinden, das Virus wird ein normaler Teil unseres Lebens werden.\u201d Das, so sein Credo, sollte uns aber keine Angst machen. \u201eViele von uns werden Bekanntschaft mit diesem Virus machen, ob wir wollen oder nicht\u201c. Mit dieser Prognose ist Streeck dann allerdings doch nicht so weit weg von Drosten.<\/p>\n<p>Dass Streck, der in der Vergangenheit immer wieder die Politik samt ihrer nichttransparenten Corona-Strategie kritisierte, ihr eine falsche Koordinierung \u2013 gerade auch mit Blick auf die Schlie\u00dfung der Testzentren \u2013 vorwarf, jetzt im Expertengremium ist, ist ein Zeichen, dass die Ampel-Regierung einen deutlich anderen Corona-Kurs als die ehemalige Merkel-Administration beschreiten wird. Dass sich Drosten und Streeck in Zukunft auf eine gemeinsame Linie bei der Pandemie-Bek\u00e4mpfung einigen, ist eher unwahrscheinlich. Aber das ist vielleicht auch gut so. Und seine Prognose f\u00fcr Weihnachten ist nicht ganz so bitter: \u201eWenn Menschen geimpft sind und sich vorher testen, dann k\u00f6nnen sie gemeinsam normal Weihnachten feiern, wobei ich hier davon ausgehe, dass es sich um eine Familienfeier handelt.\u201c Er selbst w\u00fcrde zwar nicht in die Disko gehen, weil er zu alt ist, aber ein Barbesuch bei gutem Sicherheitskonzept sei kein Problem.<\/p>\n<h1>Gr\u00fcne Ministerin Anne Spiegel \u2013 Als Kind wollte sie Pinguinforscherin werden<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz9.12.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Anne Spiegel ist studierte Politologin, aber eigentlich wollte sie Pinguinforscherin werden. Die neue gr\u00fcne Familienministerin im Kabinett von Olaf Scholz hat multikulturelle Wurzeln. Die Mutter von vier Kindern ist bekennende Feministin und will nun die deutsche Sprache durchgendern. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Bislang war Anne Spiegel rheinland-pf\u00e4lzische Klimaministerin, doch nun hat die 40-J\u00e4hrige die Nachfolge von SPD-Politikerin Christine Lambrecht als Bundesfamilienministerin angetreten. Spiegel, 1980 im badischen Leimen geboren, gilt in Sachen Karriere als Schnellstarterin. Die Frau, die seit ihrer Jugend ein Faible f\u00fcr Fremdsprachen hat und der das \u201eHerz\u201c aufgeht, wenn sie sich auf Italienisch oder Spanisch unterhalten kann, studierte Politik-, Philosophie- und Psychologiestudium in Mainz und im spanischen Salamanca. Sp\u00e4ter arbeitete sie als Sprachtrainerin bei Berlitz.<\/p>\n<h4>Karriere mit Weltreise-Auszeit<\/h4>\n<p>Die langj\u00e4hrige Landtagsabgeordnete begann ihre politische Karriere \u2013 ganz klassisch \u2013 beim Landesvorstand der Gr\u00fcnen Jugend Rheinland-Pfalz. Schon damals trug sie lieber Turnschuhe und Jeans \u2013 die Leidenschaft f\u00fcr Second-Hand-Mode hat sie sich \u00fcber die Jahre bewahrt. Wie ihr Kollege Cem \u00d6zdemir ist sie seit Jahren bekennende Vegetarierin, f\u00fcnfundzwanzig Jahre, um ganz genau zu sein. Fr\u00fche Gehversuche auf dem internationalen politischen Parkett erledigte sie 2005 als erste Jugenddelegierte bei einer Generalversammlung der Vereinten Nationen. Doch 2006 scheiterten ihre Ambitionen, politisch und gesellschaftlich auf landespolitischer Ebene Fu\u00df zu fassen und Spiegel ging 2007 erst einmal auf Weltreise, um \u00fcber den Tellerrand zu blicken, den Horizont zu sch\u00e4rfen, wie sie selbst sagt. Im Blick zur\u00fcck z\u00e4hlte die einj\u00e4hrige Reise, allein mit einsamem Rucksack, zu den sch\u00f6nsten Momenten ihres Lebens. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ihr ehrenamtlicher Einsatz in einem kambodschanischen Waisenhaus. 2011 dann startete sie politisch dann aber durch, wurde Landtagsabgeordnete, stellvertretende Fraktionsvorsitzende, k\u00e4mpfte f\u00fcr die Gleichstellung der Frauen, warb f\u00fcr Integration und Migration \u2013 Fl\u00fcchtlingspolitik, Frauenf\u00f6rderung, Kinder, Familie und Jugend standen schon damals ganz weit oben auf ihrer Agenda.<\/p>\n<p>Ab 2016 legte sie parteipolitisch dann den n\u00e4chsten Turbogang ein: Bis 2021 war sie Ministerin f\u00fcr Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz, ab Januar 2021 zus\u00e4tzlich Ministerin f\u00fcr Umwelt, Energie, Ern\u00e4hrung und Forsten. Seit Mai 2021 war Spiegel, die in Speyer und Ludwigshafen am Rhein aufwuchs, Ministerin f\u00fcr Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilit\u00e4t und Stellvertreterin der Ministerpr\u00e4sidentin im rheinland-pf\u00e4lzischen Kabinett Dreyer III. Als Spitzenkandidatin der Gr\u00fcnen zur Landtagswahl 2021 in Rheinland-Pfalz bekam sie zuletzt 95 Prozent der Delegierten-Stimmen.<\/p>\n<p>Neu f\u00fcr Spiegel ist eine Ampel-Regierung nicht. Bereits mit dem neuen FDP-Verkehrsminister probte sie das B\u00fcndnis bereits auf Landesebene. In Rheinland-Pfalz wurde zwar die inhaltliche und personelle N\u00e4he zwischen SPD und Gr\u00fcnen gr\u00f6\u00dfer geschrieben, da sich Dreyer selbst als \u201eRot-Gr\u00fcne\u201c bezeichnet und in der Nachfolge von Kurt Beck dann rot-gr\u00fcn in Mainz regierte. Nachdem der \u00d6kopartei 2016 gerade so noch der Sprung in den Landtag gelang, war man auf die FDP angewiesen.<\/p>\n<h4>Die Landtagsmutter<\/h4>\n<p>Drei ihrer vier Kinder hat Spiegel w\u00e4hrend ihrer Zeit als Landtagsabgeordnete bekommen. Das vierte folgte 2018 als sie das Amt der Familienministerin in Rheinland-Pfalz innehatte. Als erste Landesministerin ging sie damals in den Mutterschutz. Furios ihr Auftritt mit Baby im Bundesrat \u2013 der h\u00e4tte \u201ehervorragend\u201c geklappt. \u00a0Einige h\u00e4tten das Kind auf den Arm nehmen wollen und es sei zu einer v\u00f6llig neuen Art von Gespr\u00e4chen gekommen. Verheiratet ist Spiegel seit Jahren mit einem Schotten und lebt mit der sechsk\u00f6pfigen Familie in Speyer. \u201eIch mag es, wenn Leben im Haus ist. Ich koche gerne, mag Spieleabende, Wandern im Pf\u00e4lzerwald aber vor allem liebe ich es mit meinen Kindern Zeit zu verbringen. Als sechsk\u00f6pfige Familie ist es nie langweilig, das gef\u00e4llt mir sehr\u201c, schreibt sie auf ihrer Webseite. Und wie ihre Kinder ist die Gr\u00fcnen-Politikerin, die eigentlich Pinguinforscherin werden wollte, noch fasziniert von Kaiser- und K\u00f6nigspinguinen.<\/p>\n<h4>Rollenverteilung im Hause Spiegel \u2013 Der Mann b\u00e4ckt<\/h4>\n<p>Stolz ist Spiegel, die unkonventionell ist und jahrelang f\u00fcr die \u00d6ffnung der Ehe k\u00e4mpfte und politisch ziemlich links steht, auf ihre multikulturellen Wurzeln. Europa ist f\u00fcr sie nicht nur eine Idee, sondern gelebte Praxis, etwas \u201eSelbstverst\u00e4ndliches, hat sie doch eine sizilianische Gro\u00dfmutter und einen Gro\u00dfvater aus Rum\u00e4nien.<\/p>\n<p>Die Frau, die pers\u00f6nlich Hausmannskost liebt und eine gute Pasta samt k\u00fchlem Bier einem F\u00fcnf-Sterne-Men\u00fc vorzieht, engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen jedwede Form von Sexismus und gilt als \u00fcberzeugte Feministin. Wo sie kann h\u00e4lt sie ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Frauenquote, sieht bei diesem Thema einen \u201eenormen Nachholbedarf\u201c sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik. Und an das Thema Gewalt an Frauen muss total neu herangegangen werden, die gesamte Infrastruktur f\u00fcr Frauen gilt es radikal anders zu regeln, so die Familienministerin. Ein zweites Hauptprojekt der ambitionierten Gr\u00fcnen gilt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Spiegel will sich daf\u00fcr einsetzen, dass die Familie st\u00e4rker \u201ein all ihrer Vielfalt\u201c wahrgenommen wird. \u201eIch kenne diese Blicke, wenn man in ein Restaurant kommt und sagt, man h\u00e4tte gern einen Platz f\u00fcr sechs Personen, wovon vier Kinder sind\u201c. Die leidenschaftliche Mutter will, dass Kinder als Bereicherung f\u00fcr die Gesellschaft wahrgenommen werden und nicht als Last. Zudem pl\u00e4diert sie f\u00fcr partnerschaftliche Gleichberechtigung. \u201eEs darf nicht sein, dass die Frauen mit h\u00e4ngender Zunge durch ihren Alltag rennen und sich fragen, wann sie noch den Kuchen f\u00fcrs Schulfest am Samstag backen sollen.\u201c Zu Hause hat das die Gr\u00fcne schon gekl\u00e4rt \u2013 ihr Mann b\u00e4ckt.<\/p>\n<h4>Vorbild ist Premierministerin von Neuseeland<\/h4>\n<p>Wenn es f\u00fcr Spiegel, die im Ampel-Kabinett von Ministerpr\u00e4sidentin Malu Dreyer (SPD) und als stellvertretende Ministerpr\u00e4sidentin schon langj\u00e4hrige Erfahrungen in einem rot-gr\u00fcn, gelben B\u00fcndnis vorweisen kann, ein politisches Vorbild gibt, ist es die neuseel\u00e4ndische Premierministerin Jacinda Ardern. Spiegel bekennt: Ardern, die \u201ew\u00e4hrend ihrer Amtszeit Nachwuchs bekam, wie ich auch\u201c, k\u00e4mpft \u201eunerschrocken gegen den Klimawandel, f\u00fcr Frauenrechte und eine weltoffene, tolerante Gesellschaft.\u201c\u00a0 Und wie dir Neuseel\u00e4nderin pl\u00e4diert Spiegel f\u00fcr eine Politik der offenen T\u00fcren, f\u00fcr Migration und Integration. \u201eDer konsequente Einsatz f\u00fcr Menschlichkeit, Chancengleichheit und eine vielf\u00e4ltige Gesellschaft geh\u00f6rt ebenfalls zu den gro\u00dfen gesellschaftlichen Feldern, auf denen ich mich als Ministerin bewege. Gute Politik braucht einen humanit\u00e4ren Kompass\u201c, bekennt Spiegel, die sich zur \u201eVielfalt als Grundlage unserer Gesellschaft\u201c bekennt und gegen Hass, Hetze und Fake News energisch zu Felde zieht.<\/p>\n<h4>Spiegel will Gendern um jeden Preis<\/h4>\n<p>Und noch etwas hat sich die Feministin auf die Fahnen geschrieben \u2013 das Gendern. Ja, mehr noch \u2013 die Ampel-Regierung sollte einheitlich die neue Sprachpraxis durchsetzen. Spiegel will, wie ihre Parteikollegin und neue Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock, die geschlechtergerechte Sprache auch in Reden, Gesetzestexten und anderen Publikationen verankert sehen. \u201eIch finde gendergerechte Sprache wichtig, auch in staatlichen Dokumenten. Es w\u00e4re w\u00fcnschenswert, wenn die Bundesregierung zu einem einheitlichen Verfahren findet.\u201c<\/p>\n<p>Beim Thema Gendern geht Spiegel zumindest auf Konfrontationskurs mit den meisten Bundesb\u00fcrgern. Laut einer Umfrage von Infratest Dimap f\u00fcr die \u201eWelt am Sonntag\u201c lehnen 65 Prozent der Bundesb\u00fcrger Formulierungen wie \u201eForschende\u201c statt \u201eForscher\u201c und die Nutzung des gro\u00dfen Binnen-I (\u201eZuschauerInnen\u201c) in der Schriftsprache wie eine Pause vor der zweiten Worth\u00e4lfte (\u201eAkademiker_innen\u201c) in der gesprochenen Sprache ab. Die Franzosen werden sie bei ihrem Vorsto\u00df der Sprachverhunzung sicherlich nicht unterst\u00fctzen. Der franz\u00f6sische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hatte unl\u00e4ngst durchgesetzt, dass geschlechtergerechte Wortneusch\u00f6pfungen an Schulen nicht verwendet werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcne aus Leimen hat viel vor. Und trotz des vollen Terminkalenders einer Bundesministerin will sie sich auch in den n\u00e4chsten vier Jahren bewusst Zeit f\u00fcr ihre Familie nehmen. Sonntag soll Familientag sein, \u201eda knall ich mir nicht den Tag voll\u201c, so Spiegel.<\/p>\n<h1><strong>Reem Alabali-Radovan im Portr\u00e4t &#8211; <\/strong><strong>Fl\u00fcchtlingskind, Boxerin, Staatsministerin: Die unglaubliche Karriere der Reem Alabali-Radovan <\/strong><\/h1>\n<p>Dienstag, 14.12.2021<\/p>\n<p>Der Gr\u00fcne Cem \u00d6zdemir ist der erste Bundesminister mit Migrationshintergrund. Doch er bleibt in der neuen Ampel-Regierung nicht allein. Mit Reem Alabali-Radovan schickt die SPD eine Staatsministerin f\u00fcr Migration, Fl\u00fcchtlinge und Integration ins Rennen, deren Eltern aus dem Irak vertrieben wurden und die sich als Hobby-Boxerin notfalls gut verteidigen kann. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Es ist fast wie eine Geschichte wie auch einem M\u00e4rchenbuch, die Reem Alabali-Radovan am Montag widerfuhr. Am Telefon war der neue Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt \u2013 und mit einem sch\u00f6nen Gru\u00df von Olaf Scholz fragte er, ob sie nicht Staatsministerin und Integrationsbeauftragte werden wolle. Die Zusage kam prompt und die Nachfolge von Annette Widmann-Mauz (CDU) im Kanzleramt war gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Gerade 31 Jahre jung ist die neue Staatsministerin f\u00fcr Migration, Fl\u00fcchtlinge und Integration. Nach nicht einmal nach zwei Jahren in der Landespolitik im ostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hatte die 1990 in Moskau geborene Alabali-Radovan diese Woche einen Karrieresprung sondergleichen hingelegt.<\/p>\n<p>Das neue Amt als Staatsministerin kommt ein wenig \u00fcberraschend, da Alabali-Radovan \u00fcberhaupt erst seit diesem Jahr Mitglied bei den Sozialdemokraten ist. Und ihre Besetzung direkt an den Kabinettstisch von Olaf Scholz ist sicherlich eines der Geheimnisse im Ampel-Personaltableau.<\/p>\n<p>Doch Alabali-Radovan hatte starke R\u00fcckendeckung \u2013 einmal von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpr\u00e4sidentin Manuela Schwesig (SPD), zum anderen vom neuen Bundeskanzler Olaf Scholz. Schwesig betonte, dass Alabali-Radovan eine \u201ehervorragende Arbeit geleistet habe\u201c und mit ihrem pers\u00f6nlichen Lebenslauf geradezu daf\u00fcr steht, \u201edass Integration gelingen kann\u201c. Scholz hatte Alabali-Radovan das erste Mal bei einer Boxveranstaltung im Sommer in Schwerin getroffen. Der damals noch wahlk\u00e4mpfende SPD-Politiker besuchte mit Schwesig den Boxclub der Stadt \u2013 \u201eTraktor Schwerin\u201c. Alabali-Radovan, selbst leidenschaftliche Hobby-Boxerin, erkl\u00e4rte damals die Geheimnisse der Sportart, dass das alles eben nicht so schlimm sei wie es aussehe, aber man durch taktische Man\u00f6ver und Schnelligkeit gut gegen Angriffe gewappnet sei.<\/p>\n<p>Als Kind irakischer Eltern kam sie 1996 in den Norden der Republik, studierte Politikwissenschaft an der Freien Universit\u00e4t Berlin. Nach dem Abschluss ihrer Bachelorarbeit, in der sie \u00fcber den B\u00fcrgerkrieg in Syrien forschte, arbeitete sie unter anderem am Deutschen Orient-Institut und f\u00fcr die mecklenburgische Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde. Berufsbegleitend studiert sie seit 2017 f\u00fcr den Master of Arts im Fachgebiet Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit an der Technischen Universit\u00e4t Kaiserslautern. Seit Januar 2020 hatte Alabali-Radovan das Amt der Landesintegrationsbeauftragten inne und schnappte sich bei der Bundestagswahl im September 2021 das Direktmandat f\u00fcr ihren Schweriner Wahlkreis. Wie viele junge Abgeordnete sitzt auch sie im neuen Bundestag. Dort repr\u00e4sentiert sie Schwerin und Westmecklenburg.<\/p>\n<p>Das Integration gelingen kann, daf\u00fcr steht letztendlich Alabali-Radovan, die ab 2015 in der Erstaufnahmeeinrichtung f\u00fcr Gefl\u00fcchtete in Horst wieder t\u00e4tig war, genau an dem Ort, wo sie 1996 mit ihren Eltern aufgenommen wurde. Seit \u00fcber zwanzig Jahren kennt die in Schwerin lebende SPD-Politikerin die Probleme von Migration und schwerf\u00e4lliger Integration. Die Eltern, beide Ingenieure, hatten in Moskau studiert, sp\u00e4ter in Deutschland ihren Asylantrag gestellt. Doch ihr Ingenieursdiplome wurden nicht anerkannt, heute arbeiten Alabali-Radovans Eltern in Schwerin im Einzelhandel und in der Gastronomie.<\/p>\n<p>Aber was es bedeutet, mit einer Migrationsgeschichte in Deutschland Fu\u00df zu fassen, sich dennoch politisch zu engagieren, sich durchzubei\u00dfen \u2013 hat Reem Alabali-Radovan in all den Jahren gelernt. Und wie ihr assyrischst\u00e4mmiger Vater, der sich dem Widerstand gegen Saddam Hussein angeschlossen und f\u00fcr die Peschmerga k\u00e4mpfte, will sich Alabali-Radovan, die \u201ezu drei Viertel assyrischer Abstammung\u201c ist und dem chald\u00e4isch-katholischen Ritus angeh\u00f6rt, k\u00fcnftig unter anderem daf\u00fcr einsetzen, dass Projekte gegen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit gest\u00e4rkt werden. Auch mit Hilfe des Bundes sollen solche Projekte finanziert werden \u2013 daf\u00fcr will sie nun k\u00e4mpfen. Und wenn es bei der Umsetzung ihrer Ideale doch einmal Widerst\u00e4nde geben sollte, k\u00f6nnte es ihr helfen, dass sie Hobby-Boxerin ist.<\/p>\n<h1>Steffi Lemke \u2013 Von der Briefzustellerin zur Bundesumweltministerin<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz7.12.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Steffi Lemke ist auf der gro\u00dfpolitischen B\u00fchne der Bundesrepublik weitgehend unbekannt. Doch die Gr\u00fcne gilt als pragmatisches Urgestein ihrer Partei. Die ehemalige Melkerin, die auch als Briefzustellerin arbeitete, soll in der neuen Ampel das Bundesumweltministerin f\u00fchren. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Nach dem Abschied von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird es auf der Regierungsbank nun wieder etwas ostdeutscher. Mit Steffi Lemke sitzt erstmals seit 1998 wieder ein Landeskind aus Sachsen-Anhalt im Bundeskabinett. Mit ihren 53 Jahren gilt sie bereits als politisches Urgestein der Gr\u00fcnen, geh\u00f6rt sogar zum \u00c4ltestenrat der Bundesregierung. Dar\u00fcber hinaus war die geb\u00fcrtige Dessauerin, die von 2002-2013 Politische Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von Bundnis90\/Die Gr\u00fcnen gewesen ist, die dienst\u00e4lteste Generalsekret\u00e4rin ihrer Partei. Anders als viele ihrer Generalsekret\u00e4r-Kollegen prescht die Frau, die in einer Patchwork-Familie lebt, nicht durch laute T\u00f6ne durch die politische Wahlkampfarenen, sondern agiert mit der bed\u00e4chtigen Beschaulichkeit weiblicher Achtsamkeit. Dennoch gilt Lemke als starke Strippenzieherin, die die F\u00e4den der Macht im Hintergrund spinnt. Als \u201eDompteuse\u201c brachte die \u00e4u\u00dfert erfahrene pragmatische Parlamentarierin oft ihre nicht ganz pflegeleichte Partei hinter den Kulissen zur R\u00e4son. Die Frau, die als uneitel gilt, hat den Rufe einer versierten Verhandlerin. So war sie 2016 ma\u00dfgeblich daran beteiligt, dass die Gr\u00fcnen ihre Positionen in die Kenia-Koalition mit CDU und SPD einbrachten. Auch als Gr\u00fcnen-Vorsitzende wurde sie in der Vergangenheit schon gehandelt \u2013 eine Personalie, die sie jedoch ausschlug. Bis heute arbeitet die Naturschutzexpertin als parlamentarische Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der Bundestagsfraktion. Und in dieser zentralen Funktion sitzt sie auch immer wieder in der ersten Reihe im Bundestagsplenum.<\/p>\n<h4>Lemke k\u00e4mpft f\u00fcr eine bessere Gesellschaft<\/h4>\n<p>Anders als Claudia Roth (Die Gr\u00fcne), Andrea Nahles oder Kevin K\u00fchnert (beide SPD) hat die ehemalige Zootechnikerin einen Berufsabschluss als Agrarwissenschaftlerin vorzuweisen. Und anders als mancher Kollege im Deutschen Bundestag kennt Lemke die M\u00fchen der Ebene. Lemke, die am \u201ePhilanthropin\u201c, ihr Abitur machte, wurde fr\u00fch mit den Erziehungsmaximen des Gr\u00fcnders und renommierten P\u00e4dagogen Johann Bernhard Basedow vertraut, hat die Grunds\u00e4tze des Philanthropismus wie Menschenliebe, Freiheit und Vernunft, Gleichheit, Nat\u00fcrlichkeit und Gl\u00fcck buchst\u00e4blich eingeatmet. Die gelernte Melkerin, die in den Achtzigerjahren als Briefzustellerin in der DDR arbeitete, komplimentierte damit ihre Vita in alle nur denkbaren Richtungen. Und genau diese Verbindung von \u201eIdealismus und Pragmatismus\u201c hat sie letztendlich in die Reihen der Gr\u00fcnen getrieben, weil gr\u00fcn f\u00fcr sie f\u00fcr Lebendigkeit steht. \u201eGr\u00fcn hat Schwung\u201c bekennt sie. Aber Lemke ist auch eine K\u00e4mpferin f\u00fcr die Freiheit. Sie kannte das repressive System staatlicher \u00dcberwachung, sp\u00fcrte den W\u00fcrgegriff der Staatssicherheit als sie vor der Wende Mitglied in einer Dessauer B\u00fcrgerinitiative war, aus der dann die DDR-Gr\u00fcnen hervorgegangen sind. Zur friedlichen Revolution 1989 hatte sie einmal gesagt: \u201eDas war eine revolution\u00e4re Situation, wenn auch f\u00fcr uns mit unklarem Ausgang. Viele haben lange f\u00fcr einen dritten Weg gek\u00e4mpft. Das Wichtigste war f\u00fcr uns nicht der Anschluss an die alte BRD, sondern die Idee, eine bessere Gesellschaft zu bauen. Das ist f\u00fcr mich der Geist, der 1989 mit dem, wof\u00fcr ich heute k\u00e4mpfe und in Zukunft k\u00e4mpfen werde, verbindet.\u201c<\/p>\n<p>Rein geo-politisch gesehen ist entstammt die Gr\u00fcne einer Region, wo seit Jahrhunderten Natur und Kultur eine Symbiose eingehen. Federf\u00fchrend f\u00fcr einen aufgekl\u00e4rten Staat \u2013 samt Religionsfreiheit \u2013 zeitigte sich damals F\u00fcrst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau. Der Regent hatte sein Reich einst in eine Kulturlandschaft nach englischem Vorbild geformt \u2013 und auch Lemkes Herz h\u00e4ngt am Fluss. Wie einst dem Monarchen liegt ihr die Elbe am Herzen, verbringt die Politikerin einen Gro\u00dfteil ihrer Freiheit mit Paddeln und Gartenarbeit. Dass das Dessau-W\u00f6rlitzer Gartenreich in die UNESCO-Weltkulturerbef\u00f6rderung mit aufgenommen wurde, daran hat Lemke einen ma\u00dfgeblichen Anteil und sie engagierte sich besonders in der Parlamentarischen Gruppe \u201eFrei flie\u00dfende Fl\u00fcsse\u201c.<\/p>\n<h4>Liebe zur Natur trieb sie zu den Gr\u00fcnen<\/h4>\n<p>Ihre Liebe zur Natur hat sie einst in die Politik gef\u00fchrt. Und die Obfrau im Ausschuss f\u00fcr Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hat sich daneben noch den Kampf gegen die Zerst\u00f6rung der Meere auf ihre Agenda geschrieben und fordert, dass es ein \u201eMenschenrecht\u201c auf Wasser geben muss. Lemke k\u00fcmmert sich ebenso leidenschaftlich um die brandenburgische Wolfsverordnung und wirbt f\u00fcr das Imkern und die Hobbyg\u00e4rtnerei. Bei Klimastreiks der Jugend-Umweltschutzbewegung \u201eFridays of Future\u201c findet man Lemke immer an vorderster Front, aber auch, wenn es um die Begr\u00fcnung von Brachfl\u00e4chen geht, k\u00e4mpft die Frau, der man das Abitur auf direkten Weg verweigerte, in der ersten Reihe. Der Schutz der biologischen Vielfalt, der Kampf gegen das Artensterben, die massive Umweltzerst\u00f6rung sowie der Kampf gegen den illegalen Wildtierhandel sind ihr eine Herzensangelegenheit. Die leidenschaftliche Hobbyg\u00e4rtnerin wandert mit Bienenliebhabern und im Umweltausschuss des Bundestages k\u00e4mpft sie gegen die Varoa Milbe.<\/p>\n<h4>Klimaschutz ist auch Menschenschutz<\/h4>\n<p>Klimapolitisch gesehen, ist es f\u00fcr Lemke schon f\u00fcnf nach Zw\u00f6lf. Die Gro\u00dfe Koalition hat beim Thema Klimawandel eigentlich alles verschlafen. \u201eDer Ausbau der Erneuerbaren Energien wurde gebremst, der Kohleausstieg verschleppt\u201c. Und dass die Christdemokraten dennoch behaupten, sie seien \u201egr\u00fcn\u201c, ist f\u00fcr Lemke eine reine Unverfrorenheit. \u201eDie Auswirkungen der Klimakrise werden Jahr um Jahr drastischer und auch die Corona-Pandemie stellt nach wie vor unser gesellschaftliches Leben auf den Kopf.\u201c Und genau hier will sie ansetzen: Ihre Maxime dabei: Menschengemachte Krisen erfordern menschengemachte L\u00f6sungen. Sie will beim Klimaschutz nicht auf Zeit spielen. Das Gebot der Stunde sei jetzt zu handeln, denn Klimaschutz ist eben auch Menschenschutz. Den Transformationsprozess der Zukunft m\u00fcssen Wirtschaft und Industrie gemeinsam gestalten. Kurzum: Lemke setzt voll auf Klimaneutralit\u00e4t und auch in Sachen Migration pl\u00e4diert sie f\u00fcr eine offene Gesellschaft, denn \u201eDeutschland ist eine Einwanderungsgesellschaft.\u201c<\/p>\n<p>Politisch sieht Lemke ihr Vorbild in Mahatma Ghandi und selbst pl\u00e4diert sie f\u00fcr eine gr\u00fcne Modernisierung im Geiste der Verantwortung f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen. Denn das wichtigste Leitmotiv gr\u00fcner Politik bleibt: \u201eWir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.\u201c<\/p>\n<p>Als ehemalige Postbotin wei\u00df sie, dass jede Stunde z\u00e4hlt. Als neue Bundesumweltministerin wird die pragmatische Frau bei der Umsetzung ihrer klimapolitischen Ziele also kr\u00e4ftig ins Pedal treten und ihren Traum von einer besseren Gesellschaft nun endlich aus der Schaltzentrale der Macht in die Realit\u00e4t umsetzen.<\/p>\n<h1><strong>Nancy Faeser \u2013 Die neue Bundesinnenministerin von Olaf Scholz l\u00e4sst sich nicht verbiegen<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.12.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Die W\u00fcrfel sind gefallen \u2013 die lange wie ein Geheimnis geh\u00fctete SPD-Ministerriege steht. Neben Gesundheitsminister Karl Lauterbach gibt es eine weitere \u00fcberraschende Personalie, die keiner auf dem Schirm hatte. Nancy Faeser soll das Bundesministerium des Inneren leiten. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Olaf Scholz hatte sp\u00e4t seine neue Ministerriege vorgestellt. Insgesamt geh\u00f6ren dem neuen Kabinett dann mit Scholz als Regierungschef neun M\u00e4nner und acht Frauen an. Damit hat der ehemalige Regierende B\u00fcrgermeister von Hamburg sein Versprechen gehalten, dass die Frauen die H\u00e4lfte der Macht bekommen und damit die Gesellschaft, in der wie leben, parit\u00e4tisch repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr \u00dcberraschung sorgte eine Personalie, die v\u00f6llig unerwartet f\u00fcr das politische Berlin kam. Nancy Faeser, 1970 in Baden Soden geboren, soll Uraltgestein Horst Seehofer (CSU) im Amt des Innenministers folgen. Damit w\u00fcrde das Bundesinnenministerium erstmals von einer Frau gef\u00fchrt. Faeser, aufgewachsen in Schwalbach am Taunus, wo sie heute noch lebt, bringt gen\u00fcgend R\u00fcstzeug f\u00fcr einen der wichtigsten Ministerposten mit. Die studierte Juristin, die ihre Referendarzeit am Oberlandesgericht Frankfurt am Main absolvierte und nach ihrem Zweiten Staatsexamen als Rechtsanw\u00e4ltin arbeitete, trat 1988 in die SPD ein. Sie sitzt seit 1993 f\u00fcr ihre Partei im Kreistag des Main-Taunus-Kreises, ist seit 2003 Landtagsabgeordnete und seit 2006 Stadtverordnete ihrer Heimatgemeinde. Im Oktober 2007 wurde sie als designierte Ministerin f\u00fcr Justiz in das Schattenkabinett der damaligen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti berufen. Von 2000 bis 2009 war sie Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen (AsJ) der SPD Hessen-S\u00fcd und geh\u00f6rt seit 2009 der Arbeitsgruppe \u201eInnen\u201c des SPD Parteivorstandes in Berlin an. Faeser, die seit 2009 Mitglied bei den Sozialdemokraten in der Polizei (SiP) ist, kennt sich also in Sachen Inneres bestens aus.<\/p>\n<p>Dass der neue Bundeskanzler auf seinen Personalpoker in letzter Sekunde stolz ist, klang aus dem Mund des sonst eher k\u00fchl und bed\u00e4chtig formulierenden Rhetoriker dann so: \u201eEine Frau, die etwas ganz Besonderes werden soll: N\u00e4mlich die erste Innenministerin der Bundesrepublik Deutschland.\u201c In den letzten Monaten war Faeser bei den Koalitionsgespr\u00e4chen der neuen Ampel-Partei federf\u00fchrend als Strategin mit dabei. Scholz hat sie daf\u00fcr nun belohnt.<\/p>\n<p>Die 51-J\u00e4hrige ist Fraktions- und Landesvorsitzende der hessischen SPD und im Bundesland kein unbeschriebenes Blatt. Als Innen-Expertin hatte sie an der Seite von Ex-Parteichef Thorsten Sch\u00e4fer-G\u00fcmbel Karriere gemacht, der sie 2013 f\u00fcr den Bereich Inneres, Kommunales und Sport in seine \u201eMannschaft f\u00fcr den Wechsel\u201c berufen hatte. Als Nachfolgerin von Sch\u00e4fer-G\u00fcmbel wurde sie am 4. September 2019 zur Vorsitzenden der Landtagsfraktion gew\u00e4hlt und beerbte ihn auch als Parteichefin.<\/p>\n<p>Der schwarz-gr\u00fcnen Landesregierung lehrt die Oppositionsf\u00fchrerin regelm\u00e4\u00dfig das F\u00fcrchten. Faeser gilt nicht nur als die starke Stimme der Sozialdemokraten, die als langj\u00e4hrige Kommunalpolitikerin zum inneren Kern der Partei z\u00e4hlt, sondern weil sie es besonders gut versteht, dem besseren Argument zum Erfolg zu verhelfen, ohne jemand pers\u00f6nlich zu verletzen. Argumentativ brillant, scharfz\u00fcngig und dennoch verbindlich, so kennt man sie. Das kommt nicht nur bei den eigenen Genossen gut an, auch die Riege um Ministerpr\u00e4sident Volker Bouffier sch\u00e4tzt die Rednerin, die \u00fcber die besondere Gabe verf\u00fcgt, mit ihrer freundlichen und meist fr\u00f6hlichen Art, die Menschen mitzunehmen.<\/p>\n<p>In Zeiten von Corona, Querdenkern und einem immer weiter sp\u00fcrbaren Rechtsruck in der Gesellschaft scheint die Frau aus dem Taunus eine Idealbesetzung f\u00fcr Scholz zu sein. Laut ihrem Chef soll sie einen ihrer Schwerpunkte auf die Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus legen. Und Faeser f\u00fcgte hinzu: \u201eEin besonderes Anliegen wird mir sein, die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung, die derzeit unsere freiheitlich demokratische Grundordnung hat, den Rechtsextremismus, zu bek\u00e4mpfen\u201c. Dazu z\u00e4hlt sie auch die l\u00fcckenlose Aufarbeitung der NSU in ihrem Bundesland. Wie Faeser betonte, h\u00e4tten die Menschen in Deutschland zu Recht den Anspruch, dass sich die Bundesregierung f\u00fcr ihre Sicherheit sorge. Und dazu bedarf es eines gut ausgebildeten Personals, insbesondere bei der Bundespolizei.<\/p>\n<p>Als Innenexpertin will Faeser die hessische Polizei entlasten, damit es nie wieder dazu kommt, dass allein in Hessen die Polizei \u00fcber eine Million \u00dcberstunden pro Jahr leisten muss. Und in den vergangenen Jahren setzte sie sich f\u00fcr eine Entlastung der hessischen Kommunen sowie f\u00fcr ein Programm zur Entschuldung der Kommunen ein, k\u00e4mpfte f\u00fcr einen bezahlbaren Wohnraum durch gezielte F\u00f6rderung im St\u00e4dtebau. Auch als digitale Vorreiterin hatte sie sich mit dem Ausbau des Breitbandnetzes und der F\u00f6rderung der Netzstruktur einen Namen gemacht.<\/p>\n<p>Neben Klimaschutz, der Aufwertung der sozialen Berufe und ihrem Engagement, bessere Arbeitsbedingungen f\u00fcr die Landesbediensteten und Pflegekr\u00e4fte in der Pandemie zu schaffen, engagiert sich die versierte Innenpolitikerin, die einen gesetzlichen Personalmindeststandard beim Klinikpersonal fordert, seit Jahren ehrenamtlich. Ob im heimatlichen Schwalbach, wo sie im Aufsichtsrat der \u201eGesellschaft f\u00fcr Wohnungsbau Schwalbach am Taunus mbH\u201c sitzt oder in Frankfurt\/Main \u2013 Faesers Interesse gilt den vernachl\u00e4ssigten und nicht so privilegierten Menschen der Gesellschaft f\u00fcr die sich die starke Frau verantwortlich zeigt. Faeser ist eine Pragmatikerin par excellence und ihre langj\u00e4hrigen Erfahrungen in der Kommunalpolitik geben ihr als Bundesministerin nunmehr gen\u00fcgend Bodenhaftung sich f\u00fcr die kleinen und einkommensschw\u00e4cheren Menschen einzusetzen: f\u00fcr Menschen also, die sich bislang von der Gro\u00dfen Koalition nicht verstanden und politisch abgeh\u00e4ngt f\u00fchlten. Ihre Sorgen jetzt transparent zu machen und mit argumentativer St\u00e4rke in die Bundespolitik zu bringen, ist eine Hoffnung, die viele Menschen mit der Personalie Nancy Faeser verbinden.<\/p>\n<h1><strong>Carsten Breuer \u2013 Der neue Corona-General von Olaf Scholz<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz5.12.2021Europa, Medien<\/p>\n<p><em>In Deutschland eskaliert die Corona-Situation. Jetzt soll Generalmajor Carsten Breuer die Leitung des Corona-Krisenstabes \u00fcbernehmen. Doch es ist nicht der erste Milit\u00e4r, der sich im Kampf gegen das Virus stellt. Wer ist der neue Ampel-General und warum ist Italien hier schon ein St\u00fcck weiter? Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<p>In einer Fernsehansprache am 26. M\u00e4rz 2020 sprach der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron im Zusammenhang mit Covid-19: \u201eWir befinden uns im Krieg, zugegebenerma\u00dfen in einem Gesundheitskrieg: Wir k\u00e4mpfen weder gegen eine Armee noch gegen eine andere Nation. Aber der Feind ist da, unsichtbar, nicht greifbar, auf dem Vormarsch. Und das erfordert unsere allgemeine Mobilisierung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAllgemeine Mobilisierung\u201c klingt nach strategischer Organisation und verlangt bestm\u00f6gliche und krisenerprobte Koordination. Doch die Vierte Coronawelle war der Bundesregierung und der noch nicht regierenden Ampel-Koalition die vergangenen Wochen aus dem Ruder gelaufen. W\u00e4hrend Deutschland mit Inzidenzen \u00fcber 500 k\u00e4mpft, stehen L\u00e4nder wie Italien, Brasilien und Schweden mittlerweile besser da. Um Deutschland aus dem Krisenmodus zu f\u00fchren, setzt die Ampel-Koalition bei steigenden Infektionszahlen auf einen Krisenmanager aus den Reihen der Bundeswehr der k\u00fcnftig die Leitung des Corona-Krisenstabes \u00fcbernehmen soll.<\/p>\n<p>Der hochdekorierte Generalmajor Carsten Breuer soll Deutschland aus der Coronakrise f\u00fchren. Sein R\u00fcstzeug hat der 56-j\u00e4hrige Saarl\u00e4nder Breuer, Vater von drei Kindern, fr\u00fch erworben. Seine Karriere glich einem kometenhaften Aufstieg. Der Mann, der fr\u00fcher Eins\u00e4tze im Kosovo und in Afghanistan kommandierte, wurde 2017 Generalmajor, seit 2018 ist er Kommandeur des Kommandos Territoriale Aufgaben der Bundeswehr. Ob Hochwasserbek\u00e4mpfung oder Afrikanischer Schweinepest \u2013 Breuer agiert an allen Fronten. Als die Bundeswehr 2020 bereits den Einsatz von Tausenden Soldaten in Einrichtungen des Gesundheitswesens steuerte, war Breuer schon damals mit dabei und managte die Bundeswehr in Pandemie-Belangen.<\/p>\n<p>Doch Breuer war nicht der erste Corona-General der Deutschland aus der pandemischen Situation herausf\u00fchren sollte. Zum Team des scheidenden Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) z\u00e4hlte der erfahrende Hans-Ulrich Holtherm. Auch f\u00fcr den Generalarzt waren Pandemien und Epidemien keine Fremdw\u00f6rter. Damals berief das Bundesgesundheitsministerium den Bundeswehrgeneral zum Leiter der Abteilung Gesundheitsschutz. Doch vom ehemaligen Chef des Bundeswehrkrankenhauses Ulm war in der Pandemie wenig zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Deutschland an der Coronafront sich noch tastend vorank\u00e4mpft, kann Italien deutliche Erfolge verbuchen. Francesco Figliuolo, der General hinter Italiens Impferfolg, ist es zu verdanken, dass das Land, das im vergangenen Jahr mit der h\u00f6chsten Corona-Sterberate zu k\u00e4mpfen hatte, dieses Mal sogar das krisengesch\u00fcttelte Deutschland in Sachen Pandemiebek\u00e4mpfung hinter sich gelassen hat.<\/p>\n<p>Im Kampf um die Corona-Pandemie erweist sich seit Monaten der italienische Ministerpr\u00e4sident Staatschef Maria Draghi als Hardliner. Und mit dem Afghanistan-Veteran Figliuolo hat er den richtigen Mann f\u00fcr das Krisenmanagement gefunden, der Italiens Impfkampagne bislang erfolgreich umgekrempelte. Der 60-j\u00e4hrige General der italienischen Armee war als Logistik-Experte in Afghanistan und im Kosovo. Und der Covid-Sonderkommissar, der in der Gunst seiner Landsleute ganz oben steht, ist ganz Milit\u00e4r, gibt seine Befehle im knappen Ton. Figliuolo zeigt sich gern in seiner olivgr\u00fcnen Generaluniform. Dekoriert mit 20 Ordensb\u00e4ndern, unter anderem f\u00fcr seine Auslandseins\u00e4tze, parliert der Impfkampagnenorganisator nicht nur \u00e4u\u00dferlich mit seinen Gebirgsj\u00e4gerhut mit wei\u00dfer Gansfeder. \u201eGeben Sie mir Ihren besten Mann f\u00fcr Krisenf\u00e4lle\u201c, soll Draghi von Verteidigungsminister Lorenzo Guerini verlangt haben \u2013 und mit Figliuolo hatte er ihn bekommen. Was kaum m\u00f6glich war, gelang Figliuolo. Er hatte das \u201eBoostern\u201c organisiert und das ohnehin schwer regierbare Land in Sachen Corona geeinigt. Im Gegensatz zu Deutschland konnten sich die Italiener stets auf ihren Covid-Sonderkommissar verlassen \u2013 all seine Versprechungen waren eingetreten. Figliuolos Einsatz zeigt Wirkung: Italien hat im Vergleich zu den meisten anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern mehr Geimpfte, weitaus weniger Corona-Infizierte und weniger Schwerkranke. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist mit 90 Prozent so niedrig wie sonst nur noch in Malta, Spanien und Schweden. Und mit einer Impfquote von 78 Prozent liegt das Sehnsuchtsland der Deutschen unter den Top vier der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n<p>Klare Ansagen, verl\u00e4ssliche Umsetzung \u2013 ein Figliuolo w\u00fcnscht sich das Team um den k\u00fcnftigen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nun auch in Deutschland. W\u00e4hrend Holtherm zwar auch als krisenerprobt galt, auf Auslandseins\u00e4tze im Irak, Afghanistan, im Kongo, in Dschibuti und im Kosovo, zur\u00fcckblicken konnte, verschwand er hinter dem stets medienpr\u00e4senten Spahn in der Versenkung.<\/p>\n<p>Wie auch in Sachen Pandemie-Versagen viel kritisierte Spahn, braucht auch Scholz einen Mann, auf den er sich hundertprozentig verlassen kann. F\u00fcr Scholz, der sich bei der Bek\u00e4mpfung der Pandemie bislang mit konkreten L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen sehr vage hielt und in Sachen Pandemie ohne Plan agierte, ist Breuer nun der Mann der Stunde. Breuer koordinierte die Aufgaben der Bundeswehr im Rahmen der Pandemie-Hilfe, steuerte den Einsatz von mehreren tausend Soldaten in verschiedenen Bereichen wie Gesundheits\u00e4mtern, Pflegeeinrichtungen und Krankenh\u00e4usern. Unter Breuer war die Bundeswehr bei Schnee- und Hochwasserkatastrophen h\u00f6chst pr\u00e4sent. Der Mann, der nach Beendigung der Offiziersausbildung an der Heeresflugabwehrschule in Rendsburg sein Studium der P\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t der Bundeswehr Hamburg 1988 als Diplom-P\u00e4dagoge abschloss, bleibt Deutschlands Hoffnung.<\/p>\n<p>Da passt es gut ins Bild des neuen Milit\u00e4rs an der Spitze des Krisenstabes, dass Breuer im Italiener Figliuolo sein Vorbild sieht. Wie Mann mit Alpini-Hut soll der General die Impfkampagne beschleunigen. Seinen Schreibtischstuhl k\u00f6nnte er von seinem bisherigen Dienstsitz in der Julius-Leber-Kaserne im Wedding bequem zu Fu\u00df zum Scholz\u2018 Stab hin\u00fcbertragen. Hinzu kommt, dass sich Breuer und sein Team in Krisen auskennen. Vom Impfeinsatz \u00fcber Aushilfe in \u00fcberlasteten Gesundheits\u00e4mtern bis hin zur sicheren Tiefk\u00fchl-Lagerung der Impfstoffe von Biontech und Moderna \u2013 Breuer kennt die Probleme im f\u00f6deralen Geflecht der Republik. Mit dem geb\u00fcrtigen Mann aus Letmathe, heute ein Stadtteil Iserlohns, ist die Bundeswehr endg\u00fcltig wieder an der Corona-Front angekommen. Und der neue Krisenmanager f\u00fcgt hinzu: \u201eIn ganz Deutschland haben die Menschen auch weiterhin die Gewissheit, dass auf ihre Bundeswehr Verlass ist.\u201c Dass der Generalmajor das Vertrauen der Politik genie\u00dft, muss er nun jedoch mehr denn je unter Beweis stellen.<\/p>\n<h1><strong>Cem \u00d6zdemir \u2013 Vom Hinterb\u00e4nkler zum Landwirtschaftsminister<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz4.12.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><em>Er ist der erste Landwirtschaftsminister in Deutschland, der sich als Vegetarier bezeichnet: Cem \u00d6zdemir. In der Schule sa\u00df er am liebsten in der letzten Reihe, in der Politik l\u00e4sst er keine Gelegenheit aus, die t\u00fcrkische Politik zu kritisieren. Aus dem zur\u00fcckhaltenden Jugendlichen von einst ist ein Politiker geworden der eines wei\u00df: Es lohnt sich, aus der Deckung zu gehen. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<p>Seit Jahren z\u00e4hlt er zum Inventar der Gr\u00fcnen \u2013 Cem \u00d6zdemir, der f\u00fcr seine Landsleute in Schwaben eigentlich die Inkarnation des typisch Deutschen ist, Sp\u00e4tzle inbegriffen. Auf der Theaterkulisse der \u00d6ko-Partei steht er manchmal in der Requisite, manchmal aber auch im grellen Strahl des Scheinwerferlichts. Der k\u00fcnftige Landwirtschaftsminister wirkt im 20. \u201eKinder-Bundestag\u201c fast wie aus der Zeit gefallen. Gegen\u00fcber der Generation \u201eFridays for Future\u201c wirkt der Mann, der dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdo\u011fan seit Jahren ein Dorn im Auge ist, wie ein liebenswerter Dinosaurier, der mit seinen 56 Jahren schon zur Opa-Generation z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Der hochgewachsene, schlanke und immer drahtig wirkende \u00d6zdemir entstammt der ersten t\u00fcrkischen Migrantengeneration. Erst Anfang der 70er Jahre kam der Vater, der zur tscherkessischen Minderheit geh\u00f6rt und als Bauer leidenschaftlich in der t\u00fcrkischen Provinz Tokat die Scholle pfl\u00fcgte, nach Deutschland. Die Mutter machte als Schneiderin der ersten Gastarbeitergeneration bescheidene Karriere.<\/p>\n<p>\u00d6zdemir, der Charismatiker unter den Gr\u00fcnen, der immer mehr Staatsmann als der Rest der Partei war und schon 2017 als Au\u00dfenminister der geplatzten Jamaika-Koalition gehandelt wurde, liebt es unpr\u00e4tenti\u00f6s. Der Mann, der eigentlich von Haus aus Sozialp\u00e4dagoge ist und 1981 zu den Gr\u00fcnen stie\u00df, bekannte, dass er zuerst Follower, erst sp\u00e4ter Influencer wurde. Der neue Landwirtschaftsminister liebte es als Kind, sich in den Pausen drinnen zu verstecken, um nicht rausgehen zu m\u00fcssen. \u00dcberhaupt hatte der Spitzenpolitiker, der 1994 und sp\u00e4ter 2013 erneut in den Bundestag einzog und von 2008 bis 2018 Co-Vorsitzender der Gr\u00fcnen war, quasi von der ersten Klasse an praktisch immer in der letzten Reihe gesessen. Nach dem geb\u00fcrtigen Bad Uracher, der aus einer Kleinstadt am Fu\u00dfe der schw\u00e4bischen Alb stammt, kam zu Schulzeiten eigentlich nur die Wand. \u201eFreiwillig nie nach vorne, nie auffallen\u201c, war damals sein Credo. Und die sch\u00f6nste Stunde im Leben als Sch\u00fcler bezeichnete er: \u201eIn der 1. Klasse nicht sitzen geblieben zu sein und nach einem Jahr Hauptschule auf die Realschule gewechselt zu haben \u2013 das haben mir nicht alle zugetraut.\u201c Auf was er hingegen verzichtet h\u00e4tte, waren zwei Jahre Fl\u00f6tenunterricht w\u00e4hren der Erzieherschule, \u201ein denen ich erfolgreich Fl\u00f6tenspielen simuliert habe.\u201c<\/p>\n<p>Doch der Mann, der als Europapolitiker einst f\u00fcr den Beitritt der T\u00fcrkei pl\u00e4dierte und der f\u00fcr den Despoten Erdo\u011fan mittlerweile das r\u00f6teste Tuch der Bundesrepublik ist, mutierte dann doch. \u201eMit der Zeit habe ich festgestellt, dass es sich lohnt, die Deckung zu verlassen, wenn man ein klares Ziel vor Augen hat. Sonst w\u00e4re ich wohl auch nicht Politiker geworden.\u201c Das der t\u00fcrkische Schwabe sich nicht die Stimme verbieten l\u00e4sst \u2013 und dies auch nicht vom allgewaltigen Despoten aus Ankara, der Cem in einer Rede im Mai 2014 in K\u00f6ln als \u201eangeblichen T\u00fcrken\u201c bezeichnete, zeigt die Unverbiegsamkeit und Standhaftigkeit des Gr\u00fcnen. Als Demokrat setzte sich \u00d6zdemir f\u00fcr t\u00fcrkische Kriegsdienstverweigerer und die alevitische Minderheit ein, forderte eine Anerkennung des V\u00f6lkermordes an den Armeniern seitens der t\u00fcrkischen Regierung. Im Jahr 2007 rief der charismatische Gr\u00fcne mit anderen t\u00fcrkeist\u00e4mmigen deutschen Politikern die Regierung der Republik T\u00fcrkei in einer Petition auf, den Artikel 301, der die Beleidigung des t\u00fcrkischen Staates und der Institutionen und Organe des Staates unter Strafe stellt, ersatzlos aus dem t\u00fcrkischen Strafgesetzbuch zu streichen. Seit Jahren k\u00e4mpft \u00d6zdemir unverdrossen und erhobenen Hauptes gegen das korrupte Regime der terroristisch unterf\u00fctterten \u201eAdalet ve Kalk\u0131nma Partisi\u201c (AKP). Immer wieder musste er f\u00fcr sein mutiges Vorpreschen Repressalien in Kauf nehmen. Angriffe und Beleidigungen von Anh\u00e4ngern der Erdogan-Partei AKP standen auf der Tagesordnung, Bedrohungen seiner Familie inklusive. Doch auf Bodyguards hatte Cem immer verzichtet.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich hat \u00d6zdemir sein Gl\u00fcck schon lange gefunden. Der Vorzeige-Schwabe mit t\u00fcrkischen Wurzeln lebt seit Jahren an der Seite einer Argentinierin. Mit der aus Buenos Aires stammenden Pia Maria Castro war es Liebe auf den ersten Blick. Mit ihr und den Kindern f\u00fchre er eine \u201eabsolute Multikultifamilie\u201c. \u201eWenn unsere Eltern zusammentreffen, kommunizieren sie ohne Worte. Cem und ich sind Weltmeister im Simultan\u00fcbersetzen\u201c, so die Mutter von Tochter Mia und Sohn Vito, die nat\u00fcrlich neben Deutsch auch Spanisch sprechen. \u201eSie verstehen es auch, wenn Oma und Opa T\u00fcrkisch mit ihnen reden.\u201c Sprachvielfalt wird im Haus \u00d6zdemir hoch geschrieben. Und Cem hatte immer damit gegl\u00e4nzt, dass sein Deutsch besser als sein T\u00fcrkisch gewesen sei. \u201eAls ich 1994 in den Bundestag kam, habe ich erst einmal richtig T\u00fcrkisch gelernt, um mich auch mit t\u00fcrkischen Kollegen oder Journalisten unterhalten zu k\u00f6nnen. Mittlerweile ist es aber wirklich gut.\u201c Sich selbst versteht er ja als deutschen \u201eStaatsb\u00fcrger t\u00fcrkischer Herkunft. Das Schw\u00e4bische ist mir noch n\u00e4her als das Deutsche, und mit der t\u00fcrkischen Herkunft ist es ebenfalls so einfach nicht. Auch \u201aEinwanderer\u2018 [\u2026] trifft den Kern nicht. Ich bin zwar gut zu Fu\u00df, aber ich bin nie eingewandert, sondern hier geboren.\u201c<\/p>\n<p>Es war seine Mutter Nihal, die im August 2021 mit 88 Jahren verstorben war, der \u00d6zdemir viel zu verdanken hat. Sie sei eine \u201ebeeindruckende und mutige Frau\u201c gewesen. \u201eWenn ich irgendetwas \u00fcber Liebe, Menschlichkeit und Bescheidenheit gelernt habe, dann verdanke ich es meinen Eltern und ihrer \u00dcberzeugung, dass man Patriot sein kann, ohne Nationalist zu sein\u201c. Und er f\u00fcgt hinzu: Was und wer er geworden sei, verdanke er \u201ezu einem gro\u00dfen Teil\u201d ihr. Sie habe ihm unter anderem \u201efr\u00fch Respekt f\u00fcr unsere christlichen NachbarInnen gelehrt\u201c.<\/p>\n<p>Eigentlich w\u00e4re \u00d6zdemir der perfekte Au\u00dfenminister \u2013 und vielleicht die bessere Besetzung als Annalena Baerbock. Der leidenschaftliche Fu\u00dfballfan der VfB-Stuttgart und Mitglied des 2015 gegr\u00fcndeten VfB-Fanclubs f\u00fcr Mitglieder des Bundestags kennt sich versiert an allen Fronten aus: er war Unterzeichner eines ver\u00f6ffentlichten Offenen Briefes an die Staatsoberh\u00e4upter und Regierungschefs von NATO und EU gegen die Politik des russischen Pr\u00e4sidenten Waldimir Putin, kritisierte den B\u00fcrgerkrieg in Syrien und den russischen Milit\u00e4reinsatz, forderte eine Versch\u00e4rfung der EU-Sanktionen gegen Russland und warf Wladimir Putin Skrupellosigkeit vor. \u00d6zdemir, der f\u00fcr eine Europ\u00e4ische Armee und gegen den belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko als Marionette des Kremls k\u00e4mpft, wird nun Landschaftsminister. Einen ersten Kontakt mit Pflanzen hatte der Schwabe schon:<\/p>\n<p>Im August 2014 ver\u00f6ffentlichte \u00d6zdemir f\u00fcr die Ice Bucket Challenge ein Video auf YouTube, in dem neben ihm auf einem Balkon eine Hanfpflanze zu sehen war. Damals widersprach der Gr\u00fcnen-Politiker der Vermutung, dass die Pflanze versehentlich ins Bild geraten sei. Vielmehr handele es sich um ein \u201esanftes, politisches Statement\u201c. Der Forderung seiner Partei, Cannabis zu legalisieren, hatte er stets Rechnung getragen.<\/p>\n<p>Dass \u00d6zdemir jetzt ausgerechnet Landwirtschafsminister wird, kann auch als Zeichen des Schicksals gelesen werden und h\u00e4tte seinen Vater Abdullah, den Bauern, der 2015 gestorben ist, sicherlich gefreut. Als sein Sohn als Teenager Vegetarier wurde, schockierte er damals seine Eltern. \u201eMein Vater dachte, ich habe den Verstand verloren,\u201c sagte \u00d6zdemir in einem Interview. Obwohl ihm Abdullah verbot, nicht auf Fleisch zu verzichten, blieb der jugendliche Rebell damals ungehorsam. \u201eF\u00fcr meinen Vater war Fleisch hingegen etwas Besonderes, das man sich hart erarbeiten musste. Dass sein einziger Sohn das nicht mehr essen wollte, hat er nicht akzeptiert\u201c. \u00d6zdemir hatte das Essen damals in einer Plastikt\u00fcte versteckt und an Katzen verf\u00fcttert. Als das aufflog, habe seine Mutter angefangen, Fleisch heimlich ins Essen zu mischen. Als der Sohn unter starken Mangelerscheinungen litt, weil er \u201enur Beilagen\u201c a\u00df, hatte er seine Eltern vor die Wahl gestellt: \u201eEntweder ihr habt einen vegetarischen Sohn \u2013 oder gar keinen\u201c. Die Eltern lenkten daraufhin ein. Seine Entscheidung, vegan zu leben, begr\u00fcndete der Gr\u00fcne damit, dass er \u201eTierfabriken\u201c schon immer\u00a0 furchtbar gefunden habe. Daher ist es kaum verwunderlich, dass das Tierwohl mittlerweile auf seiner Agenda als neuer Minister ganz oben steht.<\/p>\n<h1><strong>Gro\u00dfer Zapfenstreich f\u00fcr Angela Merkel: Fotografin Laurence Chaperon portr\u00e4tierte die m\u00e4chtigste Frau der Welt <\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz2.12.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Die Amtszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) neigt sich dem Ende zu. Am 2. Dezember erh\u00e4lt sie von den deutschen Streitkr\u00e4ften das feierlichste Zeremoniell, das einer Zivilperson zukommen kann \u2013 den Gro\u00dfen Zapfenstreich. Die Zeremonie wird am 2. Dezember um 19.30 Uhr im Hof des Bendlerblocks, dem Berliner Dienstsitz des Verteidigungsministeriums, beginnen. Wie kaum eine andere Politikerin hat Angela Merkel die Geschicke Deutschlands, Europas und der Welt in den vergangenen 16 Jahren mitgepr\u00e4gt. Ein neuer Bildband zeigt die Kanzlerin im Spiegel ihres politischen Aufstiegs. \u201eAugen-Blicke\u201c ist ein sehr pers\u00f6nliche Portr\u00e4t, das tiefe Einblicke in die Karriere einer Ausnahmefrau aus der Sicht von Star-Fotografin Laurence Chaperon gibt. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowiz.<\/p>\n<p>Er ist ein <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Augen-Blicke-mit-Angela-Merkel-Ausnahme-Fotografin\/dp\/3959725388\/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;keywords=Merkel+Bildband&amp;qid=1637248243&amp;qsid=262-7232939-0007938&amp;s=books&amp;sr=1-1&amp;sres=3959725388%2C3982020735%2C3750501939%2C3750500304%2C3836588730%2C3942062526%2C3038500534%2C3746636256%2C3770193717%2C3869950730%2C3506782584%2C3982020719%2C3907044975%2C3000505075%2C373710123X%2C3100025474&amp;srpt=ABIS_BOOK\">fotografisches Highlight<\/a>, der neue Bildband, der Angela Merkel buchst\u00e4blich im Fokus hat. Tiefe Einblicke in das bewegte Leben der Kanzlerin gibt er und zeigt ungewohnte und bisher unbekannte Fotos. Der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Emmanuel Macron hat das Vorwort f\u00fcr eine Europa-Politikerin per excellence und seine Vertraute auf dem politischen Parkett geschrieben und damit ein sehr pers\u00f6nliches Zeugnis, ein fast liebevolles Bild der einst so sch\u00fcchternen Pastorentochter gezeichnet. \u201eWer sie betrachtet, wird feststellen, dass sich hinter den Abbildungen immer das verbirgt, was Angela Merkel auszeichnet \u2013 ihre Sachlichkeit, ihr unerm\u00fcdliches Streben nach Harmonie und ihre Liebe zur Freiheit\u201c.<\/p>\n<p>Wer in Berlin etwas auf sich h\u00e4lt, l\u00e4sst sich von der charmanten wie eleganten franz\u00f6sischen Fotografin Laurence Chaperon in Szene setzen. Fast zweihundert Jahre nach der Erfindung der Fotografie durch Joseph Nic\u00e9phore Ni\u00e9pce und Louis Daguerre hat die ehemalige Ballettt\u00e4nzerin die Fotografie endg\u00fcltig zur Kunstform gemacht. Der Frau, die bekennt, dass sie es nicht mag, sich \u201ewichtig zu machen\u201c, gilt seit Jahren als \u201edas Auge der Berliner Republik\u201c. Keine kam Merkel in den letzten Jahren n\u00e4her, keine hat die 1954 in Hamburg geborene und sp\u00e4ter in Templin in der Uckermark aufgewachsene Politikerin eindrucksvoller gezeichnet. Doch so sehr sich eine vertraute N\u00e4he zwischen den beiden Frauen hinter und vor der Kamera aufgespannt hat, Chaperon, die in Farbe fotografiert und \u00fcber eine besondere Gabe der Inszenierung verf\u00fcgt, ist bescheiden geblieben. Die gelernte Fotografin, die mit 14 Jahren ihre erste Kamera bekam, verf\u00fcgt \u00fcber den Charme des \u201eAugenblicks\u201c und \u00fcber die gro\u00dfe Gabe, zur rechten Zeit den Ausl\u00f6ser zu dr\u00fccken. Ihre Bilder brillieren durch dramatische Tiefensch\u00e4rfe, sind zuckrig und hart zugleich \u2013 und ihre Portr\u00e4ts von Merkel sind ikonisch.<\/p>\n<p>Hinter die Kulissen der Macht zu schauen \u2013 ist ein Faszinosum. Doch die Kunst bleibt die Inszenierung. Chaperon verpackt in ihren Bildern mit franz\u00f6sischem Esprit \u00c4sthetik und politische Botschaft auf charmante Art, bringt Ungelenkes in Form, schmeichelt in ihren Aufnahmen und pr\u00e4zisiert das Wesentliche auf den Punkt. Portr\u00e4ts von Thomas de Maizi\u00e8re, Hermann Gr\u00f6he, Wolfgang Sch\u00e4uble und Manuela Schwesig sind einzigartige Aufnahmen, die den Wesenskern der Fotografierten und ein St\u00fcck Seele in die kurzweilige Ewigkeit des Bildes zaubern.<\/p>\n<p>Ob bei Beratungen mit den m\u00e4chtigsten Politikern der Welt hinter verschlossenen T\u00fcren, bei Staatsbesuchen in Krisengebieten bis hin zu vertrauten Gespr\u00e4chen mit der Familie und mit B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern \u2013 Chaperon, die einerseits \u201eAugen-Blicke\u201c fokussiert, andererseits bewusst durchdachte Inszenierungen zu ihrem k\u00fcnstlerischen Repertoire z\u00e4hlt, immer sucht sie nach dem besonderen Moment, nach der Ausnahme in der Routine, nach dem, was das Situative in seiner Einmaligkeit zeigt und das zum Strahlen bringt, was Sekunden sp\u00e4ter wieder verlischt. Ihre Kunst macht sie selbst zur Seismographin, die pr\u00e4zise die unwiederbringlichen Schwingungen des Augenblicks dokumentiert. \u00a0Ein gutes Bild sei wie im Ballett \u201eeine Kombination aus Emotion und \u00c4sthetik\u201c, es verf\u00e4ngt zwischen Oberfl\u00e4che und Tiefe.<\/p>\n<p>Mit der \u201ePhysikerin der Macht\u201c, die nach au\u00dfen oft stoisch und k\u00fchl wirkt, hat Chaperon eines ihrer gro\u00dfen Sujets gefunden. Und sie zeigt, dass die Kanzlerin, die am 2. Dezember mit dem Gro\u00dfen Zapfenstreich aus dem Amt scheidet viel facettenreicher ist, als im medialen Zirkus oft verzerrend dargestellt wird. Eine Metamorphose der Macht in Bildern, so lassen sich die Arbeiten Chaperons liebevoll umschreiben. Und es sind fast psychologische Portr\u00e4ts \u00fcber denen allesamt ein fotografisches Ethos waltet. Auf einem der liebsten Portr\u00e4ts Chaperons sitzt die m\u00e4chtigste Frau der Welt an der Ostsee auf einem Stein. Es ist die unbefangene ehemalige CDU-Chefin, die dort mit zerzaustem Haar posiert. Es zeigt eine andere Seite Merkels, ihre pers\u00f6nlichste vielleicht. Von der Natur umgeben, atmet sie jugendliche Vitalit\u00e4t, gibt sich in wilder Unbefangenheit. Sie wirkt f\u00fcr einen \u201eAugen-Blick\u201c frei \u2013 jenseits des politischen R\u00e4derwerks, in das sie seit Jahren fast im Minutentakt eingespannt war.<\/p>\n<p>\u201eMein M\u00e4dchen\u201c nannte Kanzler Helmut Kohl die Pfarrerstochter, die er 1991 mit 36 Jahren zur Ministerin f\u00fcr Frauen und Jugend machte \u2013 und dieses M\u00e4dchen ist in den Jahren zum Schmetterling geworden, hat sich entpuppt. Doch auch die einsamen Momente der politischen Karriere Merkels zeichnet Chaperon nach, Momente, wo die Krisenmanagerin durch den russischen Staatspr\u00e4sidenten gedem\u00fctigt wurde, weil er als Provokation und Inszenierung seiner Macht seinen Labrador ihr zur Seite legte, wohl wissend, dass sie keine besonders gro\u00dfe Affinit\u00e4t zu Hunden hat. Trotz des Affronts seitens des russischen Autokraten hat sich die politische Vers\u00f6hnerin, immer wieder um den Dialog mit Russland bem\u00fcht.<\/p>\n<p>Ihre Einsamkeit, aber auch ihre Vertrautheit im Kreis pers\u00f6nlicher Freunde, Resignation, aber auch der hoffnungsvolle Blick \u2013 es ist die ganze Merkel, die Chaperon in Bilder bringt, sowohl in ihren Sternstunden als auch in den Augenblicken des Verlassenseins. Die Franz\u00f6sin wird Merkel auch dann im Objektiv behalten, wenn diese die weltpolitische B\u00fchne verl\u00e4sst. Die Star-Fotografin, die nicht auf das Image einer Kanzlerfotografin reduziert zu werden, bekennt: \u201eIch bin sowieso ein treuer Mensch.\u201c Und das sie ihren Job so gut macht, liegt auch darin, dass sie daf\u00fcr sorgt, dass sich ihr Gegen\u00fcber \u201ein der Situation selbst angenehm ist.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Augen-Blicke-mit-Angela-Merkel-Ausnahme-Fotografin\/dp\/3959725388\/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;keywords=Merkel+Bildband&amp;qid=1637248243&amp;qsid=262-7232939-0007938&amp;s=books&amp;sr=1-1&amp;sres=3959725388%2C3982020735%2C3750501939%2C3750500304%2C3836588730%2C3942062526%2C3038500534%2C3746636256%2C3770193717%2C3869950730%2C3506782584%2C3982020719%2C3907044975%2C3000505075%2C373710123X%2C3100025474&amp;srpt=ABIS_BOOK\"><em>Augen-Blicke mit Angela Merkel: Nahaufnahmen aus 20 Jahren von Ausnahme-Fotografin Laurence Chaperon Gebundene Ausgabe \u2013 5. November 2021. Von Emmanuel Macron (Vorwort), Laurence Chaperon (Fotograf).<\/em><\/a><\/p>\n<p>Der Bildband entstand in einer Kooperation des <a href=\"https:\/\/ch-goetz-verlag.de\/\">CH. GOETZ VERLAG <\/a>von Christiane Goetz-Weimer mit dem Finanzbuchverlag.<\/p>\n<h1><strong>Lothar Wieler 2.0. &#8211; Vom Paulus zum Saulus<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz29.11.2021Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt und die neue S\u00fcdafrika- droht die Delta-Variante in Bezug auf eine erh\u00f6hte Ansteckungsgefahr noch in den Schatten zu stellen. Der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, mahnt schon seit Monaten. Doch die Regierung hat die Corona-Krisenbew\u00e4ltigung verschlafen. Jetzt ist Wieler der Kragen geplatzt. Der bed\u00e4chtige Paulus wurde zum Saulus. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Die Corona-Lage in Deutschland spitzt sich weiter zu: Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter an, auch am Freitag wurden neue H\u00f6chstwerte verzeichnet. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) wurden 76.414 Neuinfektionen registriert. Hinzu kommt eine h\u00f6chstansteckende Variante aus S\u00fcdafrika. Der deutsche Tierarzt und Fachtierarzt f\u00fcr Mikrobiologie, Lothar Wieler, der seit M\u00e4rz 2015 Pr\u00e4sident des Robert Koch-Instituts ist, hatte schon am Mittwoch die Notbremse gezogen und in einer Brandrede geschildert, wie alarmierend die Corona-Lage in Deutschland wirklich ist: \u201eWir laufen momentan in eine ernste Notlage. Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern,\u201c sagte der Wissenschaftler, der Veterin\u00e4rmedizin an der FU Berlin und der LMU in M\u00fcnchen studierte. Am Freitag legte er nach: \u201eWie viele Menschen m\u00fcssen denn noch sterben?\u201c<\/p>\n<p>Wieler galt als ein Gesicht der Pandemie. Neben Karl Lauterbach, Christian Drosten, Hendrick Streeck und Alexander S. Kekul\u00e9 war Wieler immer der bed\u00e4chtigste Mahner, ein Mensch, der Mitte, der nicht auf Krawall setzte, sondern auf das wohlbedachte bessere Argument. Der in K\u00f6nigswinter am Rhein geborene Wieler war stets ein Forscher im besten Sinne des Wortes, ein leiser K\u00e4mpfer gegen die Zoonosen der Welt. Mit Preisen und Ehrendoktorw\u00fcrden \u00fcberh\u00e4uft, lagen die Forschungsschwerpunkte des Fachtierarztes f\u00fcr Mikrobiologie in der molekularen Entwicklung (Pathogenese) und funktionellen molekularen Epidemiologie multiresistenter bakterieller Erreger, insbesondere von Zoonose-Pathogenen.<\/p>\n<p>Doch nun ist selbst der ruhige und bed\u00e4chtige Wissenschaftler, der immer mit einer vertraulichen und verbindlichen Tonalit\u00e4t f\u00fcr seine Strategie warb, zum Saulus geworden. Sein Frust \u00fcber die unzureichende Corona-Politik, die in der Gro\u00dfen Koalition schon breitfl\u00e4chig versagte und beim Geschacher um die neuen Ministerposten der Ampel-Regierung unter die R\u00e4der zu drohen und zur Posse verkommt, ist gro\u00df.<\/p>\n<p>Eigentlich wird man vom Saulus zum Paulus. Bekannt ist die Bekehrung des Saulus zum Paulus aus der biblischen \u201eApostelgeschichte 9, 1-9\u201c. Dort w\u00fctete Saulus, drohte mit Mord und Totschlag gegen die J\u00fcnger des Herrn, bevor er eine 180-Grad-Wende vollzogen hatte und sich vom Schlechten ab- und zum Guten hinwendet. Doch der RKI-Chef ist jetzt von Paulus zum Saulus geworden, wettert und geht voll auf Konfrontation. Nannte der Apostel damals seine Erweckung zum Christentum sein \u201eDamaskuserlebnis\u201c sieht Wieler derzeit \u00fcberhaupt kein Zur\u00fcck zum Status quo. Laut RKI liegt die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner bundesweit bei 438,2. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 100.476. Innerhalb von 24 Stunden starben 357 Menschen an Corona.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch warnte das RKI davor, wie gro\u00df die Welle bei zu wenig Geimpften wird. Und wiederum ist es Wieler 2021 gewesen, der 1998 bis 2015 Professor f\u00fcr Mikrobiologie und Tierseuchenlehre am Fachbereich Veterin\u00e4rmedizin der FU Berlin und gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Direktor am Institut f\u00fcr Mikrobiologie und Tierseuchen war, der kassandrahaft vor einer total un\u00fcbersichtlichen Corona-Lage warnte. Als Berater der Bundesregierung und der Landesregierungen bei Krankheiten, insbesondere bei Infektionskrankheiten, und bei der Eind\u00e4mmung der COVID-19-Pandemie in Deutschland, hatte der Chef f\u00fcr die Pandemiebek\u00e4mpfung in Deutschland, zuerst die t\u00f6dliche Wucht des Virus untersch\u00e4tzt. W\u00e4hrend die BioNTech-Gr\u00fcnder Ugur Sahin und \u00d6zlem Tureci bereits am 25. Januar 2020 mit ihrem Unternehmen das Projekt Lightspeed starteten, um fr\u00fch ihren mRNA-Impfstoff in Position zu bringen, hielt Wieler den Corona-Ausbruch in Wuhan noch f\u00fcr ein lokales Problem in China.<\/p>\n<p>Anders als die umtriebigen Wissenschaftler aus Mainz brauchte das RKI deutlich mehr Zeit zur Krisenkoordination und Kriseneind\u00e4mmung. Erst im April 2020 kam es zur Empfehlung, dass B\u00fcrger an Orten mit vielen Kontakten Schutzmasken tragen sollen. Von der obersten Gesundheitsbeh\u00f6rde aus Berlin kam der Rat, Stoff- und Behelfsmasken zu n\u00e4hen.<\/p>\n<p>Doch Wielers Warnrufe verliefen im Sand. Schon am 22. Juli hatte das RKI durch genaue Modellrechnungen vorgelegt, dass die Zahlen bei der hochansteckenden Delta-Variante im Herbst zur Decke schie\u00dfen, wenn nicht weiter geimpft wird. Bereits im Sommer war f\u00fcr die Experten klar, dass selbst bei einer Impfquote von 75 Prozent ohne Kontaktreduzierungen bis November \u00fcber 6000 Covid-19-Patienten in Herbst und Winter auf Intensivstationen liegen k\u00f6nnten. Und sicher war man sich in Berlin-Mitte, dass laut der Modellierungen die meisten Infektionen Erwachsene unter 60 und Kinder unter 12 Jahren betreffen w\u00fcrden. Schon damals insistierte man vergeblich auf h\u00f6here Impfquoten von 85 bis 95 Prozent, empfahl deutliche Verhaltens\u00e4nderungen und fr\u00fchzeitige pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen, die die Kurven deutlich abflachen lassen. Immer hatte Wieler gewarnt, dass die Pandemie erst bei einer Impfquote von rund 85 Prozent im Griff ist.<\/p>\n<p>Doch nicht erst f\u00fcr Wieler scheint das gefl\u00fcgelte Wort sich zu beweisen, dass der Prophet nichts im eigenen Land gilt. Der sonst umsichtige Gesundheitsminister Jens Spahn sprach sich im Oktober f\u00fcr eine Beendigung der Corona*-Notlage aus und sendete die falschen Signale aus. Warnungen, dass die Schutzwirkung der Impfung schneller nachlasse, schlugen die urlaubsverw\u00f6hnten Bundesb\u00fcrger von R\u00fcgen bis nach Garmisch in den Wind. Und die Politik hatte der Corona-M\u00fcdigkeit nichts entgegenzusetzen, kaprizierte sich dagegen voll auf den Wahlkampf mit dem leidigen Corona-Thema als Nebensache. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im November wieder die Alarmglocken aufschrillen lie\u00df und sich gegen die Aufhebung der epidemischen Lage aussprach und damit der neuen Ampel in die Parade fuhr, hatte sich am 13. Juli bei einem Besuch beim RKI mit dem franz\u00f6sischen Staatspr\u00e4sidenten gegen eine Impfpflicht f\u00fcr bestimmte Berufe ausgesprochen: \u201eWir haben nicht die Absicht, diesen Weg zu gehen, den Frankreich vorgeschlagen hat. Wir haben gesagt, es wird keine Impflicht geben.\u201c Auch der sonst als Corona-Hardliner bekannte bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der (CSU), der seit dem Beginn der Pandemie harte Ma\u00dfnahmen im Kampf gegen das Corona-Virus forderte und sich in Deutschland damit als Krisenbew\u00e4ltiger par excellence einen Namen machte und schon als Merkel-Nachfolger gehandelt wurde, betonte Ende August, dass 60 Prozent der B\u00fcrger nun zweifach geimpft seien: \u201eDaher wird es jetzt definitiv keinen Lockdown mehr geben oder Beschr\u00e4nkungen, wie wir sie hatten.\u201c<\/p>\n<p>Nicht anders argumentiere damals SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Der bekannte Anfang September in der ARD-\u201eWahlarena\u201c: \u201eCorona ist ja bald vorbei.\u201c Alle hatten sich geirrt. Frankreich steht mittlerweile in der Pandemie besser da, selbst Schweden und Brasilien z\u00e4hlen zu den Gewinnern im Kampf gegen die Pandemie.<\/p>\n<p>Wielers kritische Hinweise, die am 22. Juli genau darlegten, welche vierte Welle bei welcher Impfquote droht, wurden geflissentlich ignoriert. Nach wie vor ist die Impfquote wie in \u00d6sterreich weiter unter den Erwartungen von zumindest 75 Prozent geblieben. Der Buhmann war wieder Wieler. Seine Warnrufe wurden als alarmistisch abgetan. Doch schon damals betonte die Bundesbeh\u00f6rde: \u201eEin h\u00f6herer Anteil an \u201eImpfdurchbr\u00fcchen\u201c oder von Reinfektionen k\u00f6nnte den Anteil schwerer Erkrankungen erh\u00f6hen.\u201c<\/p>\n<p>Zuletzt betonte der Saulus der Pandemie: \u201eWir haben in den letzten Wochen eine Case-Fatality-Rate, also eine Rate von Meldungen zu Verstorbenen, von etwa 0,8 Prozent. Das hei\u00dft also, von diesen 52.000 dort werden (\u2026) 400 etwa sterben.\u201c Und f\u00fcgte hinzu: \u201eUnd was mir wichtig ist, das m\u00fcssen alle, die jetzt zuh\u00f6ren, ganz klar begreifen: Daran gibt\u2019s nichts mehr zu \u00e4ndern. Wir k\u00f6nnen das nicht mehr \u00e4ndern. Diese Menschen sind ja infiziert. Davon gehen dann eben 3000 ins Krankenhaus, davon gehen ein paar hundert auf Intensiv, davon sterben ebenso viele. (\u2026) Niemand von uns, der hier sitzt, kann diesen Typen noch helfen. Das ist ein Eimer Wasser, der ist ausgesch\u00fcttet, den kriegen Sie nicht mehr rein. (\u2026)\u00a0 Das Kind ist in den Brunnen gefallen.\u201c<\/p>\n<p>Und Wieler ging noch weiter, forderte eine politische Mitverantwortung, denn die Schwelle von 100 000 Pandemieopfern in Deutschland wird weiter \u00fcberschritten. Der einst ruhig argumentierende Wieler, der mit ruhiger Stimme die pandemische Lage erkl\u00e4rte und bei seinen \u00f6ffentlichen Auftritten immer auf die brenzlige Situation im Winter hinwies, nimmt nun kein Blatt mehr vor den Mund und entschl\u00fcpft jetzt endg\u00fcltig der Rolle des Corona-Diplomaten.<\/p>\n<p>\u201eIch bin schon lange ein Papagei,\u201c sagt der Mann, der es nicht mehr ertragen kann, dass seine Hilferufe im Wind verhallten und f\u00fcgt hinzu: \u201eWenn das Impfen nicht gelingt,\u201c kommt die f\u00fcnfte Welle mit voller Wucht.<\/p>\n<p>Angesichts der neuen Mutation aus S\u00fcdafrika, die viel gef\u00e4hrlicher, t\u00f6dlicher und ansteckender als die Delta-Variante sein kann, sollte man vielleicht mehr auf seine neueste Warnung h\u00f6ren. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er: \u201eWenn das Verringern der Kontakte und das Impfen nicht intensiv gelingt, werden wir nach den jetzigen Modellierungen auch noch eine f\u00fcnfte Welle bekommen.\u201c Immerhin hat Wieler als vielzitierter Wissenschaftler 2021 laut Scopus einen h-Index von 53. Der h-Index ist ein Index, der versucht, sowohl die Produktivit\u00e4t als auch die Wirkung der ver\u00f6ffentlichten Arbeiten eines Wissenschaftlers zu messen. Der auch als Hirschfaktor bekannte Index wurde 2005 vom argentinischen Physiker Jorge E. Hirsch entwickelt.<\/p>\n<h1>Karla Lauterbach? \u2013 Bei Olaf Scholz ist der Professor nicht besonders beliebt<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz26.11.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Es ist der Gesundheitsexperte der SPD schlechthin. Doch der Mann, der im Fernsehen dauerpr\u00e4sent ist und mit seiner Corona-Lage oft richtig lag, hat kaum Chancen neuer Gesundheitsminister zu werden. Das Problem: Lauterbach ist einfach keine Frau. Als Karla Lauterbach hingegen h\u00e4tte er bessere Chancen. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Medial lief er allen den Rang ab. Wer sich durch die Sender des linearen Fernsehens zappte, fand vor allem ihn. Bei \u201eMarkus Lanz\u201c z\u00e4hlte der SPD-Politiker quasi zum Inventar, mutierte schon fast zur Kulisse, keiner war \u00f6fter geladen. F\u00fcr die einen war er der fleischgewordene Miesepeter der Nation, der die inkarnierte Kassandra des Coronavirus buchst\u00e4blich in Persona verk\u00f6rperte, f\u00fcr die anderen eine verl\u00e4ssliche Stimme im un\u00fcbersichtlichen Gewirr der noch un\u00fcbersichtlicheren Corona-Lage. Ob Inzidenz, Kinderimpfung, Quarant\u00e4ne, Lockdown oder pandemische Lage \u2013 Lauterbach hatte immer eine Antwort parat, mutierte zum wissenschaftlichen Orakel der Nation.\u00a0 Die Beendigung der epidemischen Lage h\u00e4lt er f\u00fcr absurd. Und immer, so auch in der vierten Welle, so sein Mantra, sei die Situation viel schlimmer als man denkt. Allein die Dunkelziffer neuer Corona-F\u00e4lle pro Tag sch\u00e4tzt er auf 100.000.<\/p>\n<h4>Beim designierten Kanzler Olaf Scholz ist er nicht besonders beliebt<\/h4>\n<p>Der Mann, der sich immer z\u00e4rtlich durch die Haare f\u00e4hrt und dennoch immer ein wenig unaufger\u00e4umt nach au\u00dfen wirkt, professoral verwegen eben, hatte allen den Rang abgelaufen, doch jetzt l\u00e4uft er selbst Gefahr in der neuen Ampel leer auszugehen. Lauterbach, ein vom Charisma eigenwilliger Typ, der die ungew\u00f6hnliche Fliege abgelegt, aber seinen leicht qu\u00e4kenden rheinischen Singsang behalten hat, w\u00e4re eigentlich der richtige Mann f\u00fcr die Spahn-Nachfolge. Doch besonders beliebt ist der Gesundheitsexperte bei Olaf Scholz nicht.<\/p>\n<p>Lauterbach, Professor f\u00fcr Epidemiologie, w\u00fcrde gern Minister sein, und die vergangenen Monate sah es auch danach aus, dass der Mann mit dem \u00e4u\u00dferlichen Flair eines Kabarett-Darstellers aus den 20er Jahren, tats\u00e4chlich auf der Kabinettsliste stehen w\u00fcrde, ja, als designierter Bundesgesundheitsminister schon fast gesetzt war. Doch beim designierten Kanzler Olaf Scholz ist der 58-J\u00e4hrige nicht besonders beliebt. \u201eIch bin seit langer Zeit in diesem Bereich t\u00e4tig, also w\u00e4re es eine \u00dcberraschung, wenn ich das grunds\u00e4tzlich nicht machen wollte\u201c, so Lauterbach, der es als positives Karrieresignal wertete, dass das Gesundheitsressort in den Ampel-Verhandlungen der SPD zugeordnet wurde. \u201eWir sind eine sozialdemokratische Partei, da ist das ein wichtiger Bereich f\u00fcr uns.\u201c<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr den k\u00fcnftigen SPD-Kanzler Scholz ist Lauterbach, der sich als Mahner und Warner w\u00e4hrend der Corona-Pandemie nicht nur in der Welt der Impfgegner und Corona-Leugner Feinde gemacht hat, nicht die erste Wahl. Vielmehr will sich Scholz in den n\u00e4chsten Tagen \u201esehr intensiv an die Arbeit machen, eine hervorragende Besetzung der sozialdemokratischen Ressorts zustande zu bringen.\u201c \u00a0Dabei spielt die fachliche Eignung von Lauterbach nur eine Rolle, die aber jetzt sogar daran zu scheitern droht, da sich Scholz bei der Ank\u00fcndigung der SPD als Kanzlerpartei im September dieses Jahres die Maxime setzte: Unter ihm als Kanzler werde das Kabinett parit\u00e4tisch besetzt sein.<\/p>\n<h4>Petra K\u00f6pping \u2013 Sie k\u00f6nnte Lauterbach das Amt wegnehmen<\/h4>\n<p>Lauterbach, der nicht nur viele Gegner unter den Querdenkern und Ungeimpften hat, sondern \u2013 fast als Kultstatus unter seinen Fans genie\u00dft, die ihn schon vor Monaten unter dem Titel \u201eWirWollenKarl\u201c als Alternative zum gl\u00fccklosen Jens Spahn zum Gesundheitsminister machen wollte, muss nun darum f\u00fcrchten, dass der Posten an eine Frau geht. Gesetzt bei der SPD sind bisher Scholz, sein Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt sowie Hubertus Heil. Die FDP besteht aus drei M\u00e4nnern und einer Frau: Christian Lindner, (Finanzen, Marco Buschmann (Justiz), Volker Wissing (Verkehr) und Bettina Stark-Watzinger (Bildung). Dazu kommen die Gr\u00fcnen-Parteichefs Annalena Baerbock (Au\u00dfen) und Robert Habeck (Wirtschaft und Klima).<\/p>\n<p>Wie viel Freiheiten Scholz allerdings bei der Personalsuche jetzt noch hat, h\u00e4ngt von den Gr\u00fcnen ab. Die \u00d6ko-Partei darf noch das Familien-, das Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium besetzen. Wenn entweder Cem \u00d6zdemir oder Toni Hofreiter dabei zum Zug kommen, k\u00f6nnten die Sozialdemokraten dann jedoch maximal einen Mann nominieren. Au\u00dfer Christine Lambrecht, die f\u00fcr das Innenministerium festgezurrt ist, sind von Seiten der SPD noch die Ressorts Verteidigung, Arbeit und Soziales, wirtschaftliche Zusammenarbeit und das Bauministerium, personell zu besetzen. Wenn es hier keine Frau mehr geben sollte, wird Lauterbach wohl zum Bauernopfer der Quotenpolitik. An seine Stelle k\u00f6nnte dann etwa Sachsens Gesundheitsministerin Petra K\u00f6pping treten und das Gesundheitsressort \u00fcbernehmen. K\u00f6pping, die von 2009 bis 2019 Mitglied des S\u00e4chsischen Landtags war und seit 2019 S\u00e4chsische Staatsministerin f\u00fcr Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt im Kabinett Kretschmer IT. ist, gilt als erfahrende Politikerin. Zuletzt hielt sie einen kompletten Lockdown in Sachsen f\u00fcr \u201edringend notwendig\u201c und rechnet auch noch 2022 mit Corona-Einschr\u00e4nkungen.<\/p>\n<p>Im politischen Spiel um das Gesundheitsressort hat Lauterbach mittlerweile einger\u00e4umt: \u201eAber es gibt andere, die das k\u00f6nnen, es geht hier nicht um mich.\u201c<\/p>\n<p>Lauterbach, der Medizin und Gesundheits\u00f6konomie studierte und 1998 Direktor und Professor des Instituts f\u00fcr Gesundheits\u00f6konomie und Klinische Epidemiologie (IGKE) an der Uni K\u00f6ln wurde, war urspr\u00fcnglich CDU-Mitglied. Erst der charismatische SPD-Kanzler Gerhard Schr\u00f6der hatte den geb\u00fcrtigen D\u00fcrener dann zu den Sozialdemokraten gekippt. Seit 2001 in der SPD, h\u00e4lt Lauterbach nunmehr 16 Jahre lang sein Direktmandat im Wahlkreis \u201eLeverkusen \u2013 K\u00f6ln IV\u201c. Im Deutschen Bundestag lag sein Fokus all die Jahre auf der Gesundheits- und Sozialpolitik. Von Ende 2013 bis September 2019 war er stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Doch dann kam ein Karriereknick. Die erste wirklich gro\u00dfe politische Niederlage f\u00fcr den Pandemiegewinner war seine Kandidatur um den SPD-Vorsitz 2019. Damals rasselte das Duo mit Parteikollegin Nina Scheer durch, in der ersten Mitgliederbefragungsrunde kamen sie nur auf Rang vier.<\/p>\n<h4>Lauterbach \u2013 Ein Saubermann? Ja, aber\u2026<\/h4>\n<p>Lauterbach, der zurecht als das Gesicht der Pandemie gilt, letztendlich dieser seine rasante Bekanntheit verdankt, genie\u00dft aber in Kreisen der \u00c4rzteschaft nicht unbedingt den besten Ruf. Missmut erntete er unter den Kollegen durch seine Bemerkung, dass ein Drittel aller R\u00f6ntgenuntersuchungen \u00fcberfl\u00fcssig seien. Dass er zwischen 2001 bis 2013 Mitglied des Aufsichtsrats der Rh\u00f6n-Kliniken war, bringt den Saubermann, der sich ethisch-korrekt au\u00dfen verkauft, zumindest in den Verdacht, in Sachen Lobbyismus doch nicht ganz so unbefleckt zu sein. Am 18.12.2013 ver\u00f6ffentlichte die \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c einen Artikel \u00fcber seine Lobbykarriere. Putzkr\u00e4fte sollten, so der Vorwurf, in der privaten Rh\u00f6n-Kliniken ausgebeutet worden sein. Welche Rolle Lauterbach dabei spielte, der dort gut verdiente, blieb ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kritik sorgten auch Abstimmungen des SPD-Politikers im Deutschen Bundestag, die eigentlich mit Lauterbachs Themengebiet Gesundheit nichts zu tun hatten. So stimmte er 2016 f\u00fcr eine Verl\u00e4ngerung des Bundeswehreinsatzes in Nord-Irak, Mali, Afghanistan, im Mittelmeer, Sudan, Darfur.<\/p>\n<p>Zweifelhaft waren auch die Studien zum Bayer-Medikament Lipobay, die Lauterbach anfertigte. Als andere schon vor der Krebs hervorrufenden Wirkung des Blutdrucksenkers warnten, war der Mann \u2013 damals noch mit Fliege als Erkennungsmerkmal des Arztes auf Station \u2013 an der Forschung beteiligt. 2004 schrieb der Spiegel: \u201eOffiziell ist Lauterbach nur ein Wissenschaftler, der die Politik ber\u00e4t, ein junger Professor, dessen kleines Institut \u00fcber einem Supermarkt an einer Durchgangsstra\u00dfe liegt. Tats\u00e4chlich jedoch hat er die Grenze zur Politik l\u00e4ngst \u00fcberschritten; mit allen Tricks will er seine Vorstellungen durchsetzen.\u201c So soll der Wissenschaftler damals \u00fcber 800.0000 Euro f\u00fcr Medikamentenstudien im Auftrag der Pharmaindustrie erhalten haben. Das Medikament von Bayer wurde wegen t\u00f6dlicher Zwischenf\u00e4lle im Jahr 2001 vom Markt genommen.<\/p>\n<p>Vielleicht ist Olaf Scholz im Blick auf Lauterbachs Vor-Corona-Karriere ein wenig skeptisch, ob er tats\u00e4chlich der richtige Mann ist. Mit Petra K\u00f6pping als m\u00f6glicher Gesundheitsministerin k\u00f6nnte er sich m\u00f6glicherweise unn\u00f6tige Kritik an dieser Stelle ersparen.<\/p>\n<h1>Der Notarzt der Kanzlerin \u2013 Rettet er jetzt die CDU?<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz25.11.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Noch ist er der Chef des Bundeskanzleramtes. Doch der einst medienscheue Helge Braun hat neue Ambitionen \u2013 gro\u00dfe sogar. Der Hesse, der als Schattenmann der Kanzlerin lange im Verborgenen agierte, will jetzt sogar seine Chefin im Amt des CDU-Vorsitzes beerben. Doch wer ist der Mediziner, der immer wieder die F\u00e4den im Hintergrund zieht? Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Inmitten der Coronakrise war der geb\u00fcrtige Gie\u00dfener Mediziner Helge Braun einer der Feuerwehrm\u00e4nner der Kanzlerin. Er hielt die Krisenst\u00e4be zusammen und avancierte nach den Fehlern von Gesundheitsminister Jens Spahn zum wichtigsten Kopf, der nie voreilig in die Bresche schlug, sondern aus der Perspektive einer wohl\u00fcberlegten Maximenabw\u00e4gung mit Priorit\u00e4tsliste seine Akzente setzte. Wie kaum eine anderer z\u00e4hlt er neben Peter Altmaier, Steffen Seibert, Strategin Eva Christiansen und B\u00fcroleitern Beate Baumann zum inneren Zirkel der Macht. Er ist einer der wenigen, der das volle Vertrauen der Kanzlerin genie\u00dft und sich stets ihrer R\u00fcckendeckung versichern konnte. Der 49-J\u00e4hrige gilt als konziliant, treu und als stiller Macher im Weinberg der Berliner Republik, der jenseits der politischen Eitelkeiten lieber seine Hausaufgaben macht. Braun, der mittlerweile auch als \u201eBuddha\u201c von Berlin bezeichnet wird, weil ihm nichts so richtig aus der Ruhe bringt, ist zudem flei\u00dfig, ein richtiges Arbeitstier. Nach au\u00dfen strahlt der derzeit wohl einflussreichste An\u00e4sthesist der Republik die heitere Gelassenheit in Persona aus, gilt als Optimist, der auch bei pandemischen Notlagen die \u00dcbersicht und Ruhe beh\u00e4lt. Das katholische Frohgemut, den viele in der CDU immer noch untersch\u00e4tzen, spannt zudem immer wieder Br\u00fccken, gilt als Meister der Harmonie, dies auch mit Blick auf die vers\u00f6hnlichen T\u00f6ne, die er immer wieder in der Ministerpr\u00e4sidentenkonferenz anstimmte.<\/p>\n<h4>Der Corona-Krisenmanager<\/h4>\n<p>F\u00fcr Braun, der bis heute kein Mediendauerl\u00e4ufer ist, der sich vielmehr als Pragmatiker seine Meriten verdiente, war die Berufung als Kanzleramtsminister 2018 ein steiler Karriereaufstieg: Merkel sch\u00e4tzt M\u00e4nner, die aus der zweiten Reihe agieren und wie die Physikerin der Macht ist Braun ebenso ein Ausnahmetalent, der als Naturwissenschaftlicher n\u00fcchtern und pragmatisch agiert. Die Pandemie war f\u00fcr den Notfallmediziner, der sich seine Meriten einst im Uniklinikum Gie\u00dfen verdiente, eine Art Heimspiel. W\u00e4hrend viele Kollegen im Angesicht der epidemischen Notlage \u00fcberfordert waren, war ihm seine Ausbildung stets ein strategischer Vorteil. \u201eIch komme aus der An\u00e4sthesie und der Intensivmedizin. Da gibt es eine Null-Fehler-Strategie und knappe Zeitrahmen\u201c.<\/p>\n<h4>Als Realpolitiker kennt die M\u00fchen der Ebene<\/h4>\n<p>Braun, der f\u00fcr viele an der CDU-Basis auch f\u00fcr die Fortsetzung der Mitte-links-Politik der Kanzlerin steht, hat sich in den letzten Monaten weiter emanzipiert.\u00a0 Der parlamentarische Staatssekret\u00e4r im Bildungs- und Forschungsministerium, der sich im Kampf gegen den Ebola-Virus couragiert engagierte, wurde nicht in das Zentrum der Macht gesp\u00fclt, vielmehr durchschritt er als Landvermesser die Basis. 1990 trat er in die CDU ein, 1992 wurde er Vorstandsmitglied des CDU-Kreisverbandes Gie\u00dfen, 1995 stellvertretender Bezirksvorsitzender der CDU Mittelhessen. 2002 kam der endlich in den Bundestag,\u00a0 verlor jedoch drei Jahre sp\u00e4ter sein Mandat. Scheiterte er damals noch bei der Direktwahl gegen den SPD-Direktkandidaten R\u00fcdiger Veit konnte er sich 2009 sein Direktmandat in seinem Wahlkreis Gie\u00dfen zur\u00fcckholen. Auch 2013 lie\u00df er seinen SPD-Herausforderer im Abseits und wiederholte seinen Erfolg bei der Bundestagswahl 2017. 2021 zog er dann \u00fcber die Landesliste in das Hohe Haus ein \u2013 gescheitert war er jetzt am SPD-Politiker Felix D\u00f6ring<\/p>\n<p>Seine Arbeit als Regionalpolitiker, der die M\u00fchen der Ebenen kennt, k\u00f6nnte ihm nun das Handwerkszeug liefern und f\u00fcr seine Kandidatur f\u00fcr den CDU-Vorsitz dienlich sein. Braun, der ein leidenschaftlicher Anh\u00e4nger der Gie\u00dfener Basketballmannschaft ist, ein Verein, f\u00fcr den er in seiner Jugend spielt, hat das Gaspedal nun auf Anschlag. Der bodenst\u00e4ndige Optimist, der im Maschinenraum das schwankende Schiff der CDU geschmiert und im existentiellen Kampf um das \u00dcberleben gehalten hat, will die CDU nun zur \u201ebesseren SPD\u201c machen. Noch kann er im Kampf um den wichtigen Posten des CDU-Chefs, deren aussichtsreicher Kandidat derzeit der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Partei, Friedrich Merz ist, auf den Merkel-Bonus setzen. Doch Braun entpuppt sich nunmehr als der Notarzt der CDU. Seinen Fokus lenkt er zunehmend auf die Sozialpolitik, will, dass seine Partei eben auch f\u00fcr hart arbeitende Menschen da sei. Nach den herben Verlusten des Kanzlerwahlvereins geht er voll auf Konfrontation mit der SPD. In einem Brief an alle CDU-Mitglieder bekannte er: \u201eUns alle bedr\u00fcckt das historisch schlechte Ergebnis bei der Bundestagswahl. Und uns \u00e4rgert die Art und Weise, wie wir verloren haben\u201c. Er spricht von Vers\u00e4umnissen und Streitigkeiten und betont, dass die CDU so nicht weitermachen k\u00f6nne. Braun pl\u00e4diert f\u00fcr einen grundlegenden Neuanfang. \u201eMenschliches Miteinander\u201c sei ihm wichtig. Und das Dilemma seiner Partei sieht er darin, dass in den \u201eletzten Jahren zu wenig diskutiert\u201c und \u201enicht klar genug Position bezogen\u201c wurde. Er \u201esp\u00fcre eine gro\u00dfe Sehnsucht, dass wir klarer definieren, was die Vorstellungen und Konzepte der CDU Deutschlands sind.\u201c Und f\u00fcr die Zeit in der Opposition empfiehlt er, dringend das Profil zu sch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Seit 18 Jahren ist Braun immerhin Kreis- und seit 14 Jahren Bezirksvorsitzender der CDU. Und der Pragmatismus dieser Jahre zeigt deutlich in eine Richtung: Man will die Mitglieder wieder st\u00e4rker einbinden. Und im Kampf gegen Friedrich Merz und Au\u00dfenpolitiker Norbert R\u00f6ttgen setzt er beim Poker um die Macht auf geballte Frauenpower. Er will, wie j\u00fcngst die Gr\u00fcnen, die Partei verj\u00fcngen. Mit Serap G\u00fcler, die Generalsekret\u00e4rin und Nadine Sch\u00f6n, die Leiterin der Programm- und Strukturentwicklung der CDU werden soll, bringt er gleich zwei profilierte Christdemokratinnen f\u00fcr sein Team ins Spiel, Beide stehen f\u00fcr einen deutlichen Verj\u00fcngungskurs. Gegen\u00fcber Sch\u00f6n (38) und G\u00fcler (41) \u2013 beide durchschnittliche eine Generation j\u00fcnger als das durchschnittliche CDU-Mitglied, ist Braun mit fast 50 Jahren schon ein alter Hase.<\/p>\n<h4>Jetzt muss Braun sich neu erfinden<\/h4>\n<p>Wenn Braun jetzt auf Zukunft setzt, der Partei neue Akzente verleihen will \u2013 bleibt sein h\u00e4rtetes Gegner seine eigene Parteikarriere im Umfeld von Angela Merkel. Viele Kritiker sehen in ihm nicht den Neuanfang, sondern ein pures Weiter-so. Eine \u201egrundlegende Erneuerung in den K\u00f6pfen, grundlegende Erneuerung in den Inhalten und auch eine grundlegende Erneuerung in der Organisation\u201c, Brauns neues Credo, wird weiterhin kritisch be\u00e4ugt. Doch mit seiner Vision, die Partei attraktiver zu machen und f\u00fcr breite Schichten der Gesellschaft zu \u00f6ffnen, einen Kurs von Bodenst\u00e4ndigkeit und B\u00fcrgern\u00e4he zu fahren, das Soziale, den Menschen und das Humanum in den Mittelpunkt zu r\u00fccken, k\u00f6nnte viele an der Basis pro Braun stimmen. Denn auf seiner neuen Agenda steht ziemlich viel SPD: Sicherung des Arbeitsplatzes Altersversorgung und ein bezahlbarer Wohnraum. Zugleich will der Notfallmediziner, der seine Partei nicht einschl\u00e4fern, sondern auf einen gesunden, frischen Kurs zur\u00fcckf\u00fchren will, auf der anderen Seite die Kernkompetenzen der CDU wieder st\u00e4rken. Eine \u201egrundlegende Erneuerung\u201c kann aber nur dann gelingen, wenn \u201ewir von einer Mitgliederpartei zu einer richtigen Mitmachpartei werden\u201c.<\/p>\n<p>Als Au\u00dfenseiter im Kampf um den CDU-Vorsitz hat Braun eine anspruchsvolle Agenda gezeichnet, die die SPD als Kampfansage interpretieren muss. Wie R\u00f6ttgen will Braun lediglich f\u00fcr den Parteivorsitz kandidieren. Nun muss die Basis der CDU \u00fcber die politische Zukunft des Kanzleramtsministers entscheiden. Die Mitgliederbefragung \u00fcber den CDU-Vorsitz wird Anfang Dezember beginnen. Die Ausz\u00e4hlung und die Ergebnisverk\u00fcndung sind f\u00fcr den 17. Dezember geplant. Der Wahlparteitag wird im Januar staatfinden. Wenn keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erreicht, gibt es eine Stichwahl.<\/p>\n<p>Dass Braun sich in Krisenzeiten bew\u00e4hrt hat, steht au\u00dfer Frage, ob er allerdings gegen Friedrich Merz auftrumpfen kann, der eine breite Anh\u00e4ngerschaft sowohl beim deutschen Mittelstand, in der Jungen Union und in weiten Teilen Ostdeutschlands genie\u00dft, auf einem ganz anderen Blatt.<\/p>\n<h1><strong>Hochfliegend, tieffliegend \u2013 Der lange Absturz des Philipp Amthor <\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz20.11.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Vom Shootingstar zum Rohrkrepierer \u2013 die Karriere des CDU-Newcomers Philipp Amthor kennt derzeit nur eine Richtung \u2013 bergab. Ob Lobbyismus-Aff\u00e4re, Foto mit einem Neonazi, unklare Machenschaften mit TikTok oder \u00fcberh\u00f6hte Geschwindigkeit \u2013 der Mann, der Manuela Schwesig als Ministerpr\u00e4sidentin abl\u00f6sen sollte, k\u00e4mpft ums politische \u00dcberleben. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Im 19. Deutschen Bundestag wurde Philipp Amthor noch als Shootingstar der CDU gehandelt. Gerade war der 1992 in Ueckerm\u00fcnde geborene Halbjurist aus Mecklenburg, der seit 2008 Mitglied der Merkel-Partei ist, vom Norden ins Hohe Haus gewechselt. Amthor galt vielen in der angeschlagenen Partei als das frische Gesicht, das es sogar mit der SPD-Ministerpr\u00e4sidentin Manuela Schwesig aufnehmen k\u00f6nne und im Nordosten als Spitzenmann bei den Landtagswahlen 2021 sogar die Chance h\u00e4tte, als j\u00fcngster Ministerpr\u00e4sident hervorzugehen. Auf der Karriereleiter hatte es Amthor, der ein leidenschaftlicher J\u00e4ger ist und seit 2019 der r\u00f6misch-katholischen Kirche angeh\u00f6rt, innerhalb von zehn Jahren weit gebracht. Er war der zweitj\u00fcngste Abgeordnete des Bundestages und der j\u00fcngste, der jemals einen Wahlkreis gewann. Sich selbst verortet der Mann, der immer korrekt wie ein Buchhalter gekleidet ist und irgendwie immer altklug wirkt, zum konservativen Fl\u00fcgel seiner Partei.<\/p>\n<p>\u201eMerkels Bubi\u201c \u201ePlanierraupe aus Ueckerm\u00fcnde\u201c, \u201eHarry Potter der CDU\u201c und \u201eFipsi\u201c nannten ihn damals die Medien. Gerade mit Blick auf die Alternative f\u00fcr Deutschland zeigte sich Amthor, seit 2016 selbst Mitinitiator des \u201eKonservativen Kreises der CDU Mecklenburg-Vorpommern, scharfz\u00fcngig. Der Sohn einer gelernten Werkzeugmacherin rebellierte gegen Gender-Mainstreaming, Schwangerschaftsabbruch und die Einf\u00fchrung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Damit galt er den Konservativen in der CDU als Alternative zum strikten Mitte-Kurs der Kanzlerin, die im Norden schon lange vor Amthors Geburt dort ihren Wahlkreis hatte.<\/p>\n<p>Doch je l\u00e4nger Amthor im Amt ist, ger\u00e4t er immer wieder in Skandale. Das ehemalige Zugpferd droht zu lahmen. In den 20. Bundestag zog er im Superwahljahr 2021 nicht mehr durch das Direktmandat, sondern \u00fcber die Landesliste der CDU Mecklenburg-Vorpommern ein. Erhielt er 2017 in seinem Wahlkreis Mecklenburgische Seenplatte I \u2013 Vorpommern-Greifswald II. noch 31,2 Prozent waren es 2021 nur noch 20,7 % und damit Platz 3.<\/p>\n<p>Trotz seiner 29 Jahre \u2013 die Liste der Negativschlagzeilen wird immer l\u00e4nger. Vom politischen Senkrechtstarter scheint sich Amthor zum Rohrkrepierer zu entwickeln. Der Politiker, der gerne austeilt, ist hinter den Kulissen nicht der Saubermann, f\u00fcr den er sich nach au\u00dfen hingibt. Sie Skandale h\u00e4ufen sich. So war es \u201eDer Spiegel\u201c, der Amthors Lobbyarbeit f\u00fcr das US-amerikanische IT-Unternehmen Augustus Intelligence aufdeckte. Bereits Mitte 2018 hie\u00df es in der amerikanischen Firma, dass der \u201ePolitiker gut f\u00fcr uns sein werde.\u201c Damals hatte der Newcomer auf dem Briefpapier des Deutschen Bundestages an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier eine Lobeshymne auf die Firma geschrieben und um politische Unterst\u00fctzung gebeten. Was Amthor jedoch verschwieg war, dass er \u00fcber 2800 Aktienoptionen im Wert bis zu 250.000 Dollar des Unternehmens hielt und sich teure Treffen mit anderen Augustus-Vertretern nach New York City, Korsika und St. Moritz teure Reisen finanzieren lie\u00df. Im Juni hatte \u201eDer Spiegel\u201c die Aktienoptionen von Augustus Intelligence auf 2817 spezifiziert und den \u201eHarry Potter der CDU\u201c als Mitglied im Board of Directors ausgewiesen. Auf das Konto von Amthors Lobbyambitionen gehen mindestens zwei Treffen des Unternehmens mit dem damaligen Parlamentarischen Staatssekret\u00e4r des Bundeswirtschaftsministeriums, Christian Hirte. Obwohl Amthor diese Nebent\u00e4tigkeit als \u201enicht-exekutive Funktion, mit der sich kein regelm\u00e4\u00dfiger Arbeitsaufwand verbindet\u201c, beschrieb, erkl\u00e4rte er am 12. Juni 2020, das diese Zusammenarbeit ein Fehler gewesen sei. \u201eIch bin nicht k\u00e4uflich.\u201c Aber er habe sich \u201epolitisch angreifbar gemacht und kann die Kritik nachvollziehen\u201c. Trotz der Lobby-Vorw\u00fcrfe hatten die zust\u00e4ndige Staatsanwaltschaft und der Bundestag damals keinen Rechtsversto\u00df festgestellt. Amthor selbst hatte daraufhin seine Bewerbung f\u00fcr den CDU-Landesvorsitz zur\u00fcckgezogen. Trotz Dementi kritisierte ihn die Bundestagsverwaltung f\u00fcr seine Nebent\u00e4tigkeit f\u00fcr die Wirtschaftskanzlei White &amp; Case. Immerhin hat er dadurch monatlich zwischen 1000 und 3500 Euro neben seinen Bez\u00fcgen als Mitglied des Deutschen Bundestages kassiert. F\u00fcr \u201eTransparency International Deutschland, eine Nichtorganisation, deren Zweck es ist, Korruption zu bek\u00e4mpfen, war der Fall Amthor klar, der Mann sei \u201epolitisch fragw\u00fcrdig.\u201c Mehr noch: Amthors Verhalten erwecke \u201eden Eindruck der K\u00e4uflichkeit\u201c. Dar\u00fcber hinaus stellte sich die Frage, ob das \u201eFehlverhalten unter dem Gesichtspunkt der Mandatstr\u00e4gerbestechung auch strafrechtlich relevant sein k\u00f6nnte\u201c. Auch die Organisation \u201eLobbycontrol\u201c hatte sich dem Verdacht auf K\u00e4uflichkeit damals angeschlossen.<\/p>\n<p>Kam Amthor bei seinen Machenschaften mit Augustus Intelligence noch mit einem blauen Auge davon, stolperte er im Juli 2021 erneut. Beim Pferdefestival Stettiner Haff geriet der auf \u00d6ffentlichkeit bedachte langj\u00e4hrige Chef der Jungen Union Vorpommerns erneut in die Kritik. Amthor, dem seit Jahren eine Affinit\u00e4t zu Ex-Bundesverfassungspr\u00e4sident Hans-Georg-Maa\u00dfen nachgesagt wird, war auf einem Foto mit zwei M\u00e4nnern zu sehen, einer von ihnen trug ein T-Shirt mit der Aufschrift \u201eSolidarit\u00e4t mit Ursula Haverbeck\u201c \u2013 einer bekennenden Holocaustleugnerin. Zwar entschuldigte sich Amthor f\u00fcr das Foto auf Instagram, doch ein fader Beigeschmack bleibt.<\/p>\n<p>Im August 2021 hagelte es dann erneute Vorw\u00fcrfe gegen Amthor. Diesmal war es die Social-Media-Videoplattform TikTok, die ihn wieder auf das Glatteis schlittern lie\u00df. Wie \u201eDer Spiegel\u201c berichtete, wollte man den CDU-Mann mit Spenden f\u00fcr sich gewinnen. Der deutsche Ableger des Unternehmens, das zum chinesischen Mutterkonzern ByteDance geh\u00f6rt, wollte die Kosten f\u00fcr das Livestreaming einer Veranstaltung der Jungen Union finanziell unterst\u00fctzen bei der sich die drei damaligen Bewerber um den CDU-Vorsitz vorstellten. Pikant an der Sache war, dass Amthor dort Schatzmeister ist und eine solche Zahlung in seine Zust\u00e4ndigkeit fiel. Zur Zahlung jedoch war es nicht gekommen. Mit 2.500 Euro allerdings hatte TikTok das Usedomer Musikfestival in Amthors Wahlkreis unterst\u00fctzt. Amthor hatte gegen\u00fcber der \u201eOstseezeitung\u201c damals ausdr\u00fccklich das Unternehmen zur Finanzierung des Events ermuntert. Die Idee dazu sei bei einem Treffen mit dem deutschen Chef-Lobbyisten von TikTok, Gunnar Bender, entstanden. Dem \u201eTagesspiegel\u201c sagte \u201eMerkels Bubi\u201c sp\u00e4ter: \u201eIch habe mich in aller Klarheit immer gegen chinesische Digitalunternehmen ge\u00e4u\u00dfert.\u201c Gleichzeitig betonte er: Man solle sich aber auch \u201eandere Sichtweisen anh\u00f6ren\u201c. Von Zahlungen jedoch habe er nichts gewusst.<\/p>\n<p>Im November 2021 geriet Amthor wieder ins Schlaglicht. Er fuhr in einer 70-Tempo-Zone 120 und damit 50 km\/h schneller als erlaubt. Nun soll er f\u00fcr zu schnelles Fahren seinen F\u00fchrerschein f\u00fcr einen Monat abgeben und eine saftige 450 Euro-Geldstrafe zahlen. Doch der CDU-Bundestagsabgeordnete hatte das Bu\u00dfgeld nicht akzeptiert und seinen Anwalt daf\u00fcr ins Rennen geschickt. Selbst betonte er: \u201eNat\u00fcrlich reklamiere ich dabei keine Sonderrechte auf zu schnelles Autofahren, aber es ist auch nicht unanst\u00e4ndig, einen Bu\u00dfgeldbescheid gerichtlich \u00fcberpr\u00fcfen zu lassen. Das steht jedermann zu. In jedem Fall gilt: Zu schnelles Fahren ist immer unn\u00f6tig und sollte nicht relativiert werden.\u201c<\/p>\n<p>Brisant an der Tempo\u00fcberschreitung ist, dass Amthors Anwalt nun behauptet, der Chef der CDU-Landesgruppe sei gar nicht gefahren. Gegen\u00fcber dem Amtsgericht Pasewalk erkl\u00e4rte er: \u201eDer in der Hauptverhandlung pers\u00f6nlich anwesende Betroffene hat sich zur Sache durch seinen Verteidiger dahingehend eingelassen, dass er bestreite, zur Tatzeit F\u00fchrer des Tatfahrzeuges gewesen zu sein.\u201c W\u00e4hrend der ehemalige CDU-Aufsteiger die Richtigkeit des Messergebnisses in Zweifel zieht, ist er laut Medienberichten deutlich auf den Aufnahmen der Blitzerkamera zu erkennen. Auf den steilen Aufstieg Amthors scheint nun der freie Fall zu folgen.<\/p>\n<h1>Juli Zeh: Auf dem Dorf werden Gr\u00fcnen-Beschl\u00fcsse als Provokation wahrgenommen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz18.11.2021Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Bei den Ampel-Verhandlungen l\u00e4uft es derzeit schleppend. Doch die Gr\u00fcnen wollen unbedingt eine Million Lastenr\u00e4der mit einer Milliarde f\u00f6rdern. Bestseller-Autorin Juli Zeh findet das absurd \u2013 mehr noch: Es ist eine Provokation, so zumindest sieht man es auf dem Land. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>\u00dcber die Macht der Sprache wei\u00df kaum jemand so viel wie die 1974 in Bonn geborene Juli Zeh. Viele ihrer S\u00e4tze wirken wie in Stein gemei\u00dfelt, pr\u00e4gnant, eindrucksvoll und fast f\u00fcr die Ewigkeit geschrieben, gefl\u00fcgelte Worte eben. Die promovierte Juristin und ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg liebt das Spiel mit den Begriffen, ringt ihnen alles ab, bringt diese zur Perfektion \u2013 und verliert dennoch nie die Bodenhaftung. Es ist die robuste Erde, die brandenburgische, die als bewusster Gegenentwurf zur Stadt mit ihren neurotischen Bewohnern Romanen wie \u201eUnterleuten\u201c oder \u201e\u00dcber Menschen\u201c zum Baustein wird, Sand in das getriebene R\u00e4derwerk der Welt streut und das weite Land zum Spiegelbild einer vielschattierten Gesellschaftskritik macht.<\/p>\n<p>Seit 2007 lebt Zeh in Barnewitz, einem Dorf im Havelland in Brandenburg. Und fast frenetisch feiert sie die Natur, gibt ein verhei\u00dfungsvolles Bekenntnis zur Landidylle. Nicht in der Stadt, im gro\u00dfen Bubble, finde man die wahre Freiheit, so das Credo einer Schriftstellerin, die immer auch mit dem Politischen ringt, gegen Stereotype und gegen billige Klischees k\u00e4mpft.<\/p>\n<h4>Die Idee der Gr\u00fcnen, Lastenr\u00e4der zu bezuschussen, kommt auf dem Dorf nicht gut an<\/h4>\n<p>Den Vorschlag der Gr\u00fcnen, eine Million Lastenr\u00e4der mit insgesamt 1 Milliarde Euro zu bezuschussen, kommt auf dem Dorf nicht gut an und wird daher als lebensfremde \u201eProvokation wahrgenommen\u201c. Mehr noch: F\u00fcr Zeh sind es abgehobene und v\u00f6llig an der Realit\u00e4t vorbeiziehende Vorschl\u00e4ge, die gr\u00fcne Enthusiasten sich auf die Fahnen schreiben. W\u00e4hrend man auf dem Land mit schlechter Verkehrsanbindung k\u00e4mpfe, auf den Bus zur Schule fast zwei Stunden warte, bleibt die Idee der Lastenr\u00e4der absurd, auf Brandenburgs unwegsamem Kopfsteinpflaster ohnehin sinnlos. Der Plan der Gr\u00fcnen, so die harsche Kritik, sei \u201el\u00e4cherlich, \u00fcberfl\u00fcssig, St\u00e4dterkram\u201c.<\/p>\n<p>Land und Stadt, Natur und Kultur, Einsamkeit und Getriebensein, Entschleunigung und Beschleunigtsein \u2013 f\u00fcr Zeh ist es diese Dialektik, die die Moderne pr\u00e4gt. Die Autorin die im \u201eDer Spiegel\u201c 2020 einen Aufruf zur schnellstm\u00f6glichen Beendigung des sogenannten Lockdowns forderte und sie sich in diesem Jahr gegen eine allgemeine Impfplicht aussprach, weil diese eine massive Einschr\u00e4nkung der individuellen Freiheit bedeute und die Grundrechte der Bev\u00f6lkerung in manchen Bereichen fast auf null setzt, ist eine bekennende Stadtfl\u00fcchterin. Die Marotten der Stadt samt den gro\u00dfen Plauderern der Digitalisierung enttarnt sie als lebensfremde Egomanen. Gr\u00fcne Verhei\u00dfungen geraten ihr zu Dystopien und viele ihrer Protagonisten bleiben in der Moderne Nomaden der Einsamkeit, politisch orientierungslos, von der Gesellschaft verraten.<\/p>\n<p>Seit Zeh die Welt aus der Perspektive des Landes zeichnet, wird ihr der Unterschied zwischen Urbanit\u00e4t und l\u00e4ndlichem Raum immer tiefer bewusst, rei\u00dft der Konflikt zwischen dem Abgeh\u00e4ngtsein und Vernachl\u00e4ssigung des l\u00e4ndlichen Raumes einerseits und der Giga-Metropolen andererseits immer weiter auf. Und gerade in dieser Asymmetrie sieht sie eine gro\u00dfe Gefahr, auf die sie selbst Gro\u00dfereignisse wie der Jugoslawienkrieg oder die Spaltung der USA zur\u00fcckf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Zeh zeichnet nie in schwarz und wei\u00df, Radikalisierungen sind ihr in Zeiten von Polarisierung, Globalisierung und Populismus ein Gr\u00e4uel. Die Wirklichkeit ist perfide genug, sie in ihren Bruchlinien einzufangen, das Thema einer Autorin, die sich eben auch als Chronistin ihrer Zeit versteht. Die Welt will Zeh nicht heilen, aber dokumentieren. Und der Befund, den sie gibt, ist eine kritische Diagnose des Zeitgeistes, eine die schmerzt und die sich nicht kitten l\u00e4sst, denn die Br\u00fcche bleiben, auch wenn sich manchmal Vers\u00f6hnung dazwischenschiebt.<\/p>\n<p>Juli Zeh ist eine tapfere K\u00e4mpferin gegen den Mainstream. Und sie hat den Mut, unbequem zu sein. Das macht sie in Zeiten des Ja-Sagens und der Angepasstheit zur Ausnahme, aber von diesem Typus brauchen wir mehr.<\/p>\n<h1>Nach Belarus wird Bulgarien der n\u00e4chste Fl\u00fcchtlings-Hotspot<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz15.11.2021Europa, Medien<\/p>\n<p>Nach Polen ist jetzt ist das \u00e4rmste Land Europas zum Transitgebiet f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge geworden. Die Zahl der illegal Eingewanderten in Bulgarien steigt auf ein neues Rekordhoch. Sofia meldet 6500 Fl\u00fcchtlinge innerhalb der ersten neun Monate \u2013 Tendenz steigend. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>An den Grenzen zwischen Polen, Litauen und Belarus herrscht der Ausnahmezustand. Tausende Fl\u00fcchtlinge dr\u00e4ngen nach Polen mit dem Ziel, in die Bundesrepublik zu gelangen. W\u00e4hrend der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko seinen Migrations-Tourismus mit Hilfe Moskaus weiter aufstockt und mehr denn je Flugzeuge in Minsk landen, gibt es nun eine weitere Fl\u00fcchtlingsroute. Immer mehr Menschen str\u00f6men aus der T\u00fcrkei \u00fcber Bulgarien in die EU ein.<\/p>\n<p>Das EU-Staat Bulgarien ist mittlerweile ein Hotspot in Europa und zu einem der beliebtesten Transitgebiete geworden. Hinter der zweiten gro\u00dfen Migrationsroute steckt der t\u00fcrkische Staatschef Recep Tayyip Erdo\u011fan, der im Bund mit Moskau und Minsk Europa in die Zange nimmt. Damit erh\u00f6ht nun auch Ankara den Druck auf Europa, dass sich nach wie vor bei der Verteilung von Fl\u00fcchtlingen uneins ist.<\/p>\n<p>Vor sechs Jahren, 2015, waren es sieben Land- und Seerouten, durch die Fl\u00fcchtlinge die Grenzen zur EU \u00fcberwanden. \u00dcber die westafrikanische Route, die westliche und die zentrale Mittelmeerroute, die westliche Balkanroute, \u00f6stliche Mittelmeerroute und \u00fcber die \u00f6stliche Landroute str\u00f6mten Millionen Menschen nach Europa. Doch schon damals hatte die Europ\u00e4ische Agentur f\u00fcr die Grenz- und K\u00fcstenwache \u201eFrontex\u201c betont, dass die meisten Asylsuchenden per Flugzeug in die EU reisen.<\/p>\n<p>War es 2015 die beliebte Balkanroute, die als Schleusentor f\u00fcr Millionen fungierte, stand damals nicht Bulgarien, sondern Griechenland auf der Agenda der Migranten. Au\u00dferdem hatte die Regierung in Sofia schon bereits zwei Jahre vor der Massenflucht mit dem Bau eines Zauns entlang der 260 Kilometer langen Grenze mit der T\u00fcrkei begonnen. Hinzu kam, dass Bulgarien in einem arabischen \u201eFl\u00fcchtlingshandbuch\u201c auf Platz 1. unter den L\u00e4ndern stand, dass die Asylbewerber unbedingt meiden sollten. Eine Assad-freundliche Webseite warnte ausdr\u00fccklich vor den Bulgaren.<\/p>\n<p>In der ersten Fl\u00fcchtlingswelle im Jahre 2013-2014 kamen zehntausend Menschen aus arabischen L\u00e4ndern nach Bulgarien. Doch im Land regierten Fremdenhass und Islamophobie. Die schlechte Behandlung seitens der bulgarischen Beh\u00f6rden und der Bev\u00f6lkerung hatte damals den Fl\u00fcchtlingsstrom abflauen lassen. \u00dcbergriffe auf die Fl\u00fcchtlinge, Demonstrationen und politische Aktionen standen auf der Tagesordnung. Die Botschaft, die das Land damals an die Welt sendete, war: Bulgarien ist arm und christlich, wir wollen euch nicht!<\/p>\n<p>Sechs Jahre sp\u00e4ter hat sich die Lage ge\u00e4ndert. Sofia hat die Zahl der Soldaten im Grenzgebiet aufgestockt und die bulgarische Polizei in Alarmbereitschaft versetzt. \u00dcber 400 Sicherheitskr\u00e4fte und 40 Armeefahrzeuge sind im Einsatz. Grund: Immer mehr Fl\u00fcchtlinge haben sich die neue Route als Fluchtweg ausgesucht. Besonders dramatisch ist derzeit die Lage am Grenz\u00fcbergang Kapikule. Dort stauen sich tausende von LKWs, weil die Beamten nach Fl\u00fcchtlingen suchen, die sich in Radk\u00e4sten und auf den Ladefl\u00e4chen der Lastwagen versteckt haben. Die Lastwagen-Parkpl\u00e4tze in Kapikule werden mittlerweile mit Stacheldrahtz\u00e4unen gesichert, der Grenzzaun zum Nachbarland repariert. Der Grenz\u00fcbergang gilt als einer der wichtigsten Kontenpunkte der t\u00fcrkischen Exportwirtschaft. Allein 2020 passierten 700.000 Lkws den \u00dcbergang in beide Richtungen.<\/p>\n<p>Seitdem die Taliban in Afghanistan die Macht im August \u00fcbernommen hatten, schrillten in Sofia die Alarmglocken. Auch Erdo\u011fan schickt seit Jahren Zehntausende Fl\u00fcchtlinge ins Dreil\u00e4ndereck \u2013 und jetzt auch verst\u00e4rkt nach Bulgarien. Laut Medienberichten spiegelt sich dies in einer stetig wachsenden Zahl an Gefl\u00fcchteten. So registrierten die Beh\u00f6rden in Sofia innerhalb der ersten neun Monate dieses Jahres rund 6.500 Fl\u00fcchtlinge. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdreifachte sich die Zahl illegaler Migration. 17.000 wurden 2021 bereits nach Griechenland und in die T\u00fcrkei zur\u00fcckgeschickt.<\/p>\n<h4>1.000 bis 2.000 Dollar f\u00fcr die Flucht<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend Reiseb\u00fcros in Belarus f\u00fcr die Einreise in die EU mittlerweile 5.000 bis 12.000 Dollar verlangen, bezahlen Fl\u00fcchtlinge, so t\u00fcrkische Medien, 1.000 bis 2.000 Dollar, damit sie von Schleusern an die Lkw-Parkpl\u00e4tze an der Grenze gebracht werden. Gef\u00e4hrlicher als f\u00fcr die Schleuser ist es f\u00fcr die t\u00fcrkischen Lastwagenfahrer. Wenn sie mit Fl\u00fcchtlingen erwischt werden, laufen sie in Bulgarien Gefahr als Menschenschmuggler rechtlich belangt zu werden. Viele LKW-Fahren k\u00f6nnen nachts daher kaum mehr schlafen, weil sie st\u00e4ndig f\u00fcrchten, dass sich Fl\u00fcchtlinge in den Wagen verstecken.<\/p>\n<p>Neben der Vielzahl von Fl\u00fcchtlingen, die per Flugzeug in die EU einreisen, ist die Belarus-Route derzeit die begehrteste, gefolgt von Bulgarien, Litauen und der Mittelmeerroute. Die steigende Zahl von Asyl-Erstantr\u00e4gen in Deutschland in diesem Jahr ist ein Beleg f\u00fcr die stark anwachsende Zahl von Migranten. Laut dem \u201eBundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge\u201c wurden im Zeitraum von Januar bis Oktober 2021 114.966 Erstantr\u00e4ge gestellt. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Antragsteller um 37,3 %. Syrien rangiert mit 44.948 Erstantr\u00e4gen und mit einem Plus von 52,8 % damit auf Platz eins. Die Zahl der Erstantr\u00e4ge aus Afghanistan ist von 7500 im vergangenen Jahr 2021 auf 17.619 gestiegen. Hier ist die Zahl um 134,9 % gestiegen. Die Zahl von Erstantr\u00e4gen aus dem Irak belief sich in den ersten Monaten auf 10.356 Erstantr\u00e4ge und damit auf ein Plus von 31,5 %.<\/p>\n<h1>Lukaschenko ist milliardenschwer<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz11.11.2021Europa, Medien<\/p>\n<p>Nach au\u00dfen gibt sich der letzte Diktator Europas bescheiden. Doch in den 27 Jahren seiner Amtszeit hat er ein milliardenschweres Verm\u00f6gen angeh\u00e4uft. Der Wei\u00dfrusse schuf um sich ein korruptes System von Vetternwirtschaft, besitzt eine Vielzahl von Immobilien, teuren Autos und hat sogar schon einen Nachfolger im Auge. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Seit 1994 regiert er mit harter Hand. Alexander Lukaschenko gilt als der letzte Diktator Europas, der seinen Staat wie ein Despot f\u00fchrt. Mittlerweile ist der Mann, der in seiner Jugend Sekret\u00e4r der KPdSU und Direktor einer Sowchose war, krude Verbindungen zum russischen Geheimdienst KGB pflegte, der m\u00e4chtigste Mann von Belarus. Dabei stammt der Mann aus Kopys, einem Seelendorf mit 900 Einwohnern, aus einfachsten Verh\u00e4ltnissen. 1991 unterst\u00fctzte der studierte Agrarwissenschaftler und Kolchosendirektor den Augustputsch in Moskau gegen Michail Gorbatschow. Im Jahr 1993 wurde Lukaschenko dann zum Vorsitzenden des parlamentarischen Anti-Korruptionsausschusses gew\u00e4hlt. Damals hatte er f\u00fchrende Mitglieder der amtierenden Regierung der Korruption beschuldigt, einschlie\u00dflich des Parlamentspr\u00e4sidenten und Staatsoberhaupts Stanislau Schuschkewitsch, der daraufhin eine Vertrauensabstimmung im Parlament und somit sein Amt verlor. Nach dem Sieg \u00fcber seine Kontrahenten wurde er am 10. Juli 1994 zum ersten Pr\u00e4sidenten von Belarus gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Seitdem polarisiert Lukaschenko immer wieder mit kruden Parolen zu Adolf Hitler, den er als Vorbild f\u00fcr ein belarussisches Herrschaftssystem pries. Der Despot, der in seinem Land f\u00fcr das Verschwinden von Oppositionellen verantwortlich ist sowie bei Mordanschl\u00e4gen gegen Regimekritiker im Hintergrund die F\u00e4den zieht und Demonstranten am liebsten in Konzentrationslagern isolieren will, sagte damals: \u201eZu seiner Zeit wurde Deutschland dank einer sehr strengen F\u00fchrung aus den Ruinen gehoben, und nicht alles, was in Deutschland mit dem bekannten Adolf Hitler zu tun hatte, war schlecht\u201c. Auch als Antisemit ist der Wei\u00dfrusse immer wieder in die Schlagzeilen geraten: \u201eDie ganze Welt w\u00fcrde sich vor den Juden verneigen\u201c kritisierte er damals.<\/p>\n<p>Lukaschenko, der ein \u00e4hnlich repressiv-politisches System wie sein gro\u00dfer russischer Nachbar Wladimir Putin aufgebaut hat, schr\u00e4nkte w\u00e4hrend seiner sechs Amtszeiten die Meinungs- und Pressefreiheit rigoros ein. Meinungsumfragen werden von Minsk aus der Schaltzentrale der Macht monopolisiert, kritische Umfragen entweder nicht ver\u00f6ffentlicht oder allein f\u00fcr propagandistische Zwecke genutzt. Seine Anh\u00e4nger nennen ihn Batka (\u201eV\u00e4terchen\u201c), seine Kritiker gaben ihm im Verlauf der Proteste in Belarus ab 2020 den Spitznamen \u201eKakerlake\u201c.<\/p>\n<h4>Putins Vertrauter<\/h4>\n<p>Lukaschenko, der mit einer perfiden Migrationspolitik derzeit die Grenzen zu Polen und Litauen mit Fl\u00fcchtlingen aus Nahost und Afrika \u00fcbersp\u00fclt und die Europ\u00e4ische Union damit massiv unter Druck setzt, hat im russischen Staatspr\u00e4sidenten Wladimir Putin einen Vertrauten der Extraklasse. So sehr sich Belarus von Europa distanziert, um so mehr braucht er seinen Freund Putin, der seinen Migrationskurs gegen die EU unterst\u00fctzt. Erst Anfang November versicherte der Kreml, dem belarussischen Volk weiterhin zu helfen. Doch Putin will daf\u00fcr auch Gegenleistungen und der in Europa angeschlagene Despot aus Minsk bindet sich daf\u00fcr immer mehr an Moskau. Eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den beiden Multimilliard\u00e4ren, die ihre Vorlieben f\u00fcr Luxus und Prunk gemeinsam teilen, hatten beide j\u00fcngst in einem 28 Punkte-Programm ihres weiteren gemeinsam geplanten Vorgehen unterschrieben. F\u00fcr seinen Aggressionskurs gegen\u00fcber Europa kann Lukaschenko mit finanzieller Hilfe aus Moskau rechnen, auch milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung sichert ihm Putin zu. Russland will dem br\u00fcderlichen belarussischen Volk helfen \u2013 und Putin hat ein gesteigertes Interesse an einem russisch-belarussischen Unionsstaat. Voraussetzung daf\u00fcr aber bleibt, dass Lukaschenko die v\u00f6lkerrechtliche Annexion der Krim endlich anerkennt. Bislang hatte sich der Diktator diesem Wunsch Putins verweigert. Doch der Russe wird in Zukunft alles versuchen, Minsk so eng wie m\u00f6glich an Moskau zu binden und diese Abh\u00e4ngigkeit f\u00fcr die Zukunft festzuschreiben.<\/p>\n<h4>Der Mann, der den Luxus liebt<\/h4>\n<p>Der Oligarch aus Minsk ist zwar nicht so reich wie der russische Staatschef, dessen Verm\u00f6gen mittlerweile auf 70 Milliarden Dollar gesch\u00e4tzt wird, und der in einem Ranking der zehn reichsten Staatsm\u00e4nner aller Zeiten hinter Muammar al-Gaddafi (200 Milliarden Euro) und vor Ali Abdullah Saleh (60 Milliarden Euro) und Husni Mubarak (36 Milliarden Euro) rangiert. Doch ein Blick auf Lukaschenkos Fuhrpark zeigt, dass der Mann, der sich nach au\u00dfen als v\u00e4terlicher Volksvertreter gibt, nicht kleckert. Der Diktator aus Belarus tritt nicht nur selten mit Uhren im Wert von mehreren zehntausend Dollar auf, allein seine Armbanduhr Patek Philippe Calatrava 5120J kostet 17.000 Dollar, sondern hat in seiner Flotte dutzende Luxusschlitten, darunter einen Mercedes-Maybach Pullman Guard. Diese voll gepanzerte Limousine kostet allein 1,4 Millionen Euro. Nicht einmal Putin hat solch ein Gef\u00e4hrt. Panzerstahl unter dem Boden und kugelsicheres Glas der italienischen Firma Isoclima mit einer Dicke von mehr als sechs Zentimetern sch\u00fctzen Lukaschenko. Die Limousine kann den Beschuss aus n\u00e4chster N\u00e4he durch Sturmgewehre problemlos \u00fcberstehen und eine Explosion von 15 kg Trotylen in zwei Metern Entfernung vom Fahrzeug und einem Meter \u00fcber dem Boden standhalten.<\/p>\n<p>Neben einem ausgepr\u00e4gten Faible f\u00fcr Autos verf\u00fcgt der Diktator, der ein leidenschaftlicher Eishockey-Freak ist, \u00fcber 18 Immobilien, reine Luxuswohnsitze. Viele davon befinden sich in den Nationsparks des Landes. Wie einst bei Josef Stalin dienen sie dem Oligarchen und seinen engsten Vertrauten als Refugien. Eine eigene Flugzeugstaffel und sogar goldene Stifte zeigen, dass der Mann, der sich gern als \u201eVolkspr\u00e4sident\u201c gibt und immer wieder betont, dass er gar kein Eigentum besitzt, letztendlich im Geld schwimmt. Die fadenscheinige Begr\u00fcndung, dass es sich dabei um wertvolle Geschenke m\u00e4chtiger Wohlhabender handelt, ist nichts anderes als ein fadenscheiniges Ablenkungsman\u00f6ver. \u00d6ffentlich bekundet er immer wieder, dass sein einziger Besitz ein 56 qm gro\u00dfes H\u00e4uschen sei, in dem ihm seine Mutter gro\u00dfgezogen hat. \u201eDas ist mein Palast. So. Alles \u00fcbrige geh\u00f6rt dem Staat.\u201c<\/p>\n<h4>Lukaschenko ist der reichste Oligarch des Landes<\/h4>\n<p>Doch die Fakten sehen anders aus. Der Kr\u00f6sus aus Minsk verf\u00fcgt \u00fcber ein Netzwerk von guten Freunden, die ihm Millionen regelm\u00e4\u00dfig in die Taschen spielen. Darunter der zweitreichste Mann des Landes, der in der Ukraine geborene Wladimir Pewtijew. Er verdient sein Geld mit Alkohol, aber auch mit Waffen. Er gilt als die \u201eGeldb\u00f6rse Lukaschenkos.\u201c \u201eWie Lukaschenko Milliarden verdiente\u201c, titelte die zweitgr\u00f6\u00dfte \u00fcberregionale Tageszeitung Polens \u201eRzeczpospolita\u201c \u00fcber das von WikiLeaks enth\u00fcllte Geheimdokument der US-Botschaft in Minsk. Das Privatverm\u00f6gen des wei\u00dfrussischen Pr\u00e4sidenten wird schon 2006 auf neun Milliarden Dollar gesch\u00e4tzt und machte Lukaschenko zum reichsten der 50 Oligarchen des Landes. \u201eDamit ist er den zehn reichsten M\u00e4nnern Europas dicht auf den Fersen\u201c, schrieb die Warschauer Tageszeitung. Ein Gro\u00dfteil seiner \u201eErsparnisse\u201c bunkert der Staatschef auf ausl\u00e4ndischen, unter fremden Namen laufenden Konten. Viel Geld investierte er in \u201esichere Auslandsanleihen\u201c. Haupts\u00e4chlich sind es zwei staatliche Institutionen, aus denen Lukaschenko sein Verm\u00f6gen bezieht. Er allein kontrolliert den Reservefonds und den Hilfshaushalt. In den ersten flie\u00dfen die Gewinne aus Waffengesch\u00e4ften, in den zweiten unter anderem die Profite der staatlichen Lottogesellschaft. Mit seinem Migrationstourismus der vergangenen Monate hat er eine weitere lukrative Geldquelle er\u00f6ffnet.<\/p>\n<h4>Lukaschenko hat ein profitables System von Vetternwirtschaft errichtet<\/h4>\n<p>Der Diktator, dessen Ideologie als \u201epopulistischen Konsumerismus\u201c bezeichnet werden kann, hat ein korruptes System aus Vetternwirtschaft, Opportunismus und Schmiergeldern aufgebaut. Neben Lukaschenko gibt es keine anderen G\u00f6tter. Der G\u00f6nner entscheidet, wen und wann er jemand protegiert. Wer aber in den Administrationen des Landes aufsteigen will, sucht die N\u00e4he zum Staatschef oder zu seiner Familie. Die \u00e4lteren S\u00f6hne Viktor und Dmitrij aus erster Ehe mit Galina Lukaschenko verteilen lukrative Jobs, gro\u00dfz\u00fcgige Kredite und organisieren die Macht- und Gesch\u00e4ftsstrukturen des Landes. Viktor war 2010 an einer S\u00e4uberungsaktion im Innenministerium beteiligt, die gegen\u00fcber dem Pr\u00e4sidenten zu viel pers\u00f6nliche Macht aufgebaut hatten. Dmitrij ist in mehreren Unternehmen und in der Bauindustrie aktiv, auch am Multimillionen-Bauprojekt Green City in Minsk beteiligt. Staatsdiener und Karrieristen werden gro\u00dfz\u00fcgig von der Familie geschmiert, um auf Linie zu bleiben.<\/p>\n<p>Doch es nicht nur die Vetternwirtschaft, die Lukaschenko Macht und Einfluss sichert. Kontrollen f\u00fcr die Bau- und Konstruktionsindustrie, die f\u00fcr die belarussische Wirtschaft von immenser Bedeutung ist, werden vom Geheimdienst \u201eKomitee f\u00fcr Staatliche Sicherheit\u201c, ein KGB nach sowjetischem Vorbild, \u00fcberwacht. Diesem hat er unl\u00e4ngst eine Sicherheitsbeh\u00f6rde vorsetzt. All das zeigt die Kontrollwut des Despoten, aber auch der Furcht, aus dem Amt gedr\u00e4ngt zu werden.<\/p>\n<h4>Nachfolger soll sein j\u00fcngster Sohn Nikolai werden<\/h4>\n<p>Das ehrgeizige Ziel, das Lukaschenko verfolgt, ist die Sicherung seiner politischen Nachfolge. Der Diktator will sein Imperium in die n\u00e4chste Generation retten und puscht seit Jahren seinen j\u00fcngsten Sohn Nikolai Lukaschenko, genannt Kolja, zum potentiellen Nachfolger. Der Diktator, der sich von seiner ersten Frau getrennt hat und sich bei \u00f6ffentlichen Auftritten vorwiegend mit jungen attraktiven Frauen schm\u00fcckt, nimmt seinen Sohn auf alle Staatsreisen mit, repr\u00e4sentiert ihn der Welt als das neue Gesicht des Landes. Dem Pr\u00e4sidenten Venezuelas Hugo Ch\u00e1vez sagte er damals: \u201edas ist mein Sohn Kolja, und das bedeutet, dass es jemanden gibt, dem ich in 20, 25 Jahren den Stab \u00fcbergeben kann\u201c. Ob bei Auftritten mit US-Ex-Pr\u00e4sident Obama oder beim Besuch bei Papst Benedikt XVI. im Vatikan \u2013 Kolja ist stets dabei. Dabei entspringt der j\u00fcngste Spross der Dynastie einer unehelichen Liaison mit der damaligen Chef\u00e4rztin in der Klinik des Pr\u00e4sidialamtes, Irina Abelskaya. Die Frau, die sp\u00e4ter beim Diktator in Ungnade fiel, ist bei offiziellen Veranstaltungen nicht zu sehen. Sie w\u00fcnscht sich aber, dass Kolja eine gute Ausbildung erh\u00e4lt. Daf\u00fcr tut Lukaschenko in den letzten Jahren alles \u2013 und er w\u00e4re nicht der geborene Diktator, wenn er sich nicht wie die Assads, Alijews und Kadyrows darum bem\u00fchen w\u00fcrde, dass S\u00f6hne in die \u00c4mter ihrer V\u00e4ter wechseln. \u201ePr\u00e4sident wird man nicht, dazu wird man geboren\u201c, sagte Lukaschenko. Wie in vielen gro\u00dfen Dynastien ist der wei\u00dfrussische Pr\u00e4sident die Inkarnation eines Systems von Nepotismus par excellence und derzeit kann ihn keiner in seinem Machhunger stoppen. Jetzt will er Europa sogar noch den Gashahn zudrehen.<\/p>\n<h1><strong>Koalitionsstreit eskaliert \u2013 Gr\u00fcne warnen vor Neuwahlen<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz8.11.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Nicht nur in der Union l\u00e4uft es derzeit nicht ganz rund. Auch bei den Koalitionsverhandlungen der Ampelkoalition scheint die Lage zu eskalieren. Verkehrsminister Winfried Hermann von den Gr\u00fcnen warnt: \u201eWas ich h\u00f6re, klingt nicht so gut.\u201c Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>In der Nikolauswoche will man Olaf Scholz (SPD) endlich zum Kanzler k\u00fcren. Der Gro\u00dfe Zapfenstreich f\u00fcr die noch gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist f\u00fcr den 2. Dezember geplant. Doch der Zeitplan k\u00f6nnte kippen.<\/p>\n<p>Eine Ampel ist wahrscheinlich, dass sieht auch der aussichtsreichste Kandidat der CDU f\u00fcr die Nachfolge von Armin Laschet (ebenfalls CDU), Friedrich Merz, so. Doch auch Merz, der insbesondere an der Parteibasis als Wunschkandidat und Nachfolger von Laschet gehandelt wird, hat immer mehr Bedenken, dass die Koalition\u00e4re von SPD, FDP und Gr\u00fcnen \u00fcberhaupt eine Regierung auf die Beine stellen k\u00f6nnten \u2013 zumindest innerhalb der n\u00e4chsten drei Wochen.<\/p>\n<p>Dass Merz mit seinen Bedenken nicht allein dasteht, hat jetzt auch Gr\u00fcnen-Verkehrsminister Winfried Hermann aus Baden-W\u00fcrttemberg best\u00e4tigt: \u201eWas ich h\u00f6re, klingt nicht so gut.\u201c Nach Au\u00dfen geben sich die Vertreter von SPD, Gr\u00fcnen und FDP diskret, ja geradezu verschlossen. Doch intern scheint es m\u00e4chtig zu kriseln. Grund ist der schleppende Verlauf beim Thema Klimaschutz. Dort gebe es zu viele kleine Schritte und keinen gro\u00dfen Wurf, der Deutschland bei seinen ambitionierten Klimazielen vorantreiben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wie Hermann betont, sind die Gr\u00fcnen mit den Fortschritten unzufrieden. SPD und FDP geben den Taktstock vor und verhandeln derzeit \u00fcber die Kernthemen der Gr\u00fcnen hinweg. Insbesondere bei den Themen Verkehr und Klimaschutz sind die zuk\u00fcnftigen Partner noch meilenweit voneinander entfernt und zum Verkehrsthema gibt es \u201eeinfach noch zu viele nicht geeinte Punkte in den Papieren\u201c.<\/p>\n<p>Dass die H\u00e4ngepartie letztendlich sogar in Neuwahlen m\u00fcnden kann, h\u00e4lt der Politiker derzeit f\u00fcr durchaus denkbar, \u201ewenn wir in den n\u00e4chsten Tagen beim Klimaschutz nicht zusammenkommen.\u201c Auch beim Zeitplan der Koalitionsverhandlungen sieht der Gr\u00fcnen-Spitzenpolitiker die Alarmglocken derzeit auf Rot geschaltet. Ein gemeinsames Papier, das schon am Mittwoch vorliegen soll, sieht er als reines Phantasiegebilde.<\/p>\n<p>Auch die ehemalige Kanzlerkandidatin der Gr\u00fcnen, Annalena Baerbock, die derzeit f\u00fcr das Amt der Au\u00dfenministerin gehandelt wird, beklagt immer wieder zu gro\u00dfe Baustellen. Derzeit sieht auch sie keine Einigung bei strittigen Fragen und moniert in Richtung FDP: \u201eMan kann nicht auf ein Sondierungspapier nur Fortschritt draufschreiben und in der Sache wird sich nicht viel \u00e4ndern.\u201c<\/p>\n<p>Aus Sicht der Gr\u00fcnen ist die FDP um Christian Lindner derzeit nicht bereit, den gro\u00dfen Gr\u00fcnen Klimarettungswurf mitzutragen. Und Hermann gibt Baerbock Flankendeckung, wenn er schreibt: \u201eWenn man Subventionen nicht abschaffen will, ein Tempolimit ablehnt und auch kein Verbrennerverbot will, muss man eben andere Vorschl\u00e4ge auf den Tisch legen, die zur Senkung der Treibhausgase im Verkehr f\u00fchren. Das erwarte ich von verantwortlichen Verhandlern.\u201c Aus Reihen der FDP werden alle drei Vorschl\u00e4ge der Gr\u00fcnen bislang abgelehnt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Hermann ist die derzeit angespannte Lage zwischen SPD, Gr\u00fcnen und FDP letztendlich Sprengstoff, der nicht nur f\u00fcr weitere Zerw\u00fcrfnissen bei den Koalitionsgespr\u00e4chen sorgt, sondern letztendlich die Ampel selbst zur Explosion bringen k\u00f6nnte. Das jedoch w\u00e4re eine Option, die keiner will, mit der man aber zum jetzigen Zeitpunkt rechnen m\u00fcsse.<\/p>\n<h1><strong>Von Menschen mit Behinderung k\u00f6nnen wir eine ganze Menge lernen<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz5.11.2021Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Heute wollen sich viele Menschen als Opfer sehen. Opfer des Kapitalismus, Opfer des Kolonialismus, Opfer von Diskriminierung, Opfer von Sexismus, Rassismus usw. Ich denke, diese Menschen tun sich selbst keinen Gefallen. Und auch sonst niemandem. Welche Hoffnungen Menschen mit Behinderungen dagegen ihren Mitmenschen machen k\u00f6nnen, dar\u00fcber sprach \u201cThe European\u201d mit Rainer Zitelmann.<\/p>\n<p><strong>Herr Zitelmann, Sie haben ein neues Buch geschrieben: \u201eIch will. Was wir von erfolgreichen Menschen mit Behinderung lernen k\u00f6nnen\u201c. <a href=\"https:\/\/zitelmann-ich-will.de\/\">https:\/\/zitelmann-ich-will.de\/<\/a> Ob Steven Hawking, Stevie Wonder, Ludwig von Beethoven, Andrea Bocelli, Helen Keller, Frida Kahlo \u2013 um nur einige Prominente zu nennen \u2013 sie alle haben \u00dcbermenschliches geleistet! Doch was ist der Grund? Die Behinderung an sich oder die Motivation, die dahintersteht? Albert Einstein beispielsweise hatte das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus, ist aber der Urvater der Relativit\u00e4tstheorie, besiegt der Wille letztendlich den gebrechlichen K\u00f6rper?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Nat\u00fcrlich ist Behinderung keine Bedingung f\u00fcr Erfolg. Die allermeisten erfolgreichen Menschen sind nicht behindert. Aber wir k\u00f6nnen von diesen erfolgreichen Menschen mit Behinderung eine Menge lernen. Meine Botschaft lautet vor allem: Wenn du, der du keine Behinderung hast, die gleiche Kraft und Energie aufwenden w\u00fcrdest wie beispielsweise ein Nick Vujicic (der Motivationsredner ohne Arme und Beine) oder wie James Holmann, der als Blinder 400,000 Kilometer reiste \u2013 was k\u00f6nntest du dann erst erreichen?<\/p>\n<p><strong>Eindr\u00fccklich ist ihr Beispiel von Erik Weihenmayer, einem Blinden, der den Mount Everest bezwungen hat. Aber f\u00fcr die Mehrzahl der Blinden bleibt dieser Erfolg unm\u00f6glich! Also doch nur ein gegl\u00fcckter Einzelfall?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Generell bleibt die Mehrheit der Menschen ohne gro\u00dfen Erfolg im Leben. Egal ob mit oder ohne Behinderung. Helden sind immer Helden, weil sie anders sind als die meisten. Aber solche Menschen k\u00f6nnen uns Motivation geben. Und wir k\u00f6nnen von ihnen lernen.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber Jahre wurde \u00fcber die sogenannte Pr\u00e4implantationsdiagnostik in der Bundesrepublik und deren Zulassung gestritten. Die genetische Untersuchung von Zellen eines nach k\u00fcnstlicher Befruchtung gezeugten Embryos in vitro vor seiner \u00dcbertragung in die Geb\u00e4rmutter geschieht ja um Chromosomenst\u00f6rungen oder durch Genver\u00e4nderungen verursachte und ererbte genetische Erkrankungen zu erkennen und im Zweifelfall den Embryo zu vernichten. In Deutschland ist die PID nach wie vor verboten. Es ist eine Selektion, die gegen die Behinderung und f\u00fcr die Gesunden spricht. Wie passt das zu einigen von Ihren \u201eerfolgreichen\u201c Menschen, die bei dieser Methode m\u00f6glicherweise gar nicht das Licht der Welt erblickt h\u00e4tten?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Nick-gew%C3%B6hnlich-lernten-niemals-aufzugeben\/dp\/3765509647\/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;keywords=boris+vujicic&amp;qid=1636375693&amp;qsid=258-8757929-0025958&amp;sr=8-1&amp;sres=3765509647%2C1601428359%2CB01IRXL460%2C3964660442%2C8361097589%2C2889130215%2C7556425754%2CB08GV912TY%2C3625180863%2C3407792913%2CB07KLCY8NF%2C3453214951%2C3770700880%2C3864051770%2CB01N0TJLOA%2C3645653473&amp;srpt=ABIS_BOOK\">Ich habe das Buch des Vaters von Nick Vujicic gelesen, das ich jedem sehr empfehlen kann: Boris Vujicic, \u201cNick alles au\u00dfergew\u00f6hnlich\u201d. Ich m\u00f6chte, wenn ich darf, statt eine direkte Antwort auf diese Frage zu geben, ausf\u00fchrlich aus diesem Buch zitieren:<\/a><\/p>\n<p>Der Vater, Boris Vujicic, war bei der Geburt seines Kindes dabei und sah, wie Nicks Kopf und Hals herauskamen, und er merkte sofort, dass mit der rechten Schulter etwas nicht stimmte: \u201eZuerst hatte sie f\u00fcr mich nur eine eigenartige Form, und dann wurde mir klar, dass offensichtlich ein Arm fehlte. Aus meinem Blickwinkel war es schwer auszumachen. Die Schwestern r\u00fcckten n\u00e4her heran und verstellten mir die Sicht.\u201c Die Mutter, die selbst von Beruf Hebamme war, hatte eigentlich damit gerechnet, dass die Hebamme mit dem Baby auf sie zukommen und es ihr in den Arm legen w\u00fcrde. Das ist der normale Ablauf. Als dies nicht geschah, wurde sie nerv\u00f6s: \u201eIst alles in Ordnung?\u201c, fragte sie. Die Frage blieb ohne Antwort. Sie fragte noch einmal, diesmal mit Nachdruck, aber wieder kam keine Antwort. Der Vater erinnerte sich sp\u00e4ter: \u201eAls niemand auf meine Frau reagierte, wurde mir \u00fcbel und ich umklammerte meinen Bauch. Wortlos geleitete mich eine Schwester nach drau\u00dfen. Auf dem Weg zur T\u00fcr schnappte ich ein Wort auf: Phokomelie.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch muss mit Ihnen \u00fcber Ihr Kind reden\u201c, sagte der Arzt.<\/p>\n<p>\u201eIhm fehlt ein Arm\u201c, platzte der Vater dazwischen.<\/p>\n<p>\u201eIhr Kind hat weder Arme noch Beine.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas? Gar keine Arme? Und keine Beine?\u201c<\/p>\n<p>Der Arzt nickte. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rte er ihm, dass Phokomelie der Fachausdruck f\u00fcr missgebildete Gliedma\u00dfen sei. \u201eIch habe noch nie einen richtigen Boxschlag gegen den Kopf bekommen, aber so stelle ich mir das Gef\u00fchl vor\u2026 Mein Kopf raste, aber mein ganzer K\u00f6rper f\u00fchlte sich taub an.\u201c<\/p>\n<p>Boris Vujicic \u00fcberlegte sich, wie er es seiner Frau sagen sollte, doch sie war schon durch die \u00c4rzte informiert worden. Sie wollte das Kind nicht sehen. \u201eSoll ich ihn bringen?\u201c, fragte ihr Mann. Sie sch\u00fcttelte mit dem Kopf und schluchzte in ihr Kissen. Nicks Vater erinnerte sich sp\u00e4ter: \u201eIch wusste nicht, was ich sagen sollte. Unser Leben, wie wir es kannten, war vorbei.\u201c Er war best\u00fcrzt, dass seine Frau auch nach zwei Tagen den Sohn nicht sehen wollte. Als die Mitarbeiterin der Sozialstation im Krankenhaus sah, wie sehr sie unter der Situation litt, legte sie den Eltern behutsam die M\u00f6glichkeit einer Adoption nah. \u201eAls uns die Realit\u00e4t eines Kindes ohne Gliedma\u00dfen einholte, brach f\u00fcr uns eine Welt zusammen\u2026 Die Vorfreude war einem Schock gewichen\u2026 Unser ganzes Leben versank im Chaos\u201c, erinnert sich Nicks Vater.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter nahmen sie das Kind an und Nick Vujicic hat heute eine sch\u00f6ne Frau, vier Kinder, eine eigene Firma und begeistert auf der Welt Millionen Menschen.<\/p>\n<p><strong>Sie zeichnen ein positives Bild von Behinderten, das ist sicherlich eine tolle Motivation f\u00fcr viele Menschen. Aber die Realit\u00e4t sieht anders aus: Familien leiden unter dem Druck. Kinder werden durch Mitsch\u00fcler stigmatisiert, der organisatorische Umgang mit Behinderten in der realen Welt \u00fcberfordert oft Familie und Gesellschaft psychisch und physisch. Behinderteneinrichtungen sind au\u00dferhalb der St\u00e4dte, Behinderte werden nach wie vor mit Vorurteilen bombardiert und k\u00f6nnen sich oft nicht wehren. Ist Behindertsein in einer Turbo- und Leistungsgesellschaft doch nicht etwas, was dem Geist des Neoliberalismus mit seinem Schneller, H\u00f6her und Weiter widerstrebt? In Zeiten von zunehmender S\u00e4kularisierung wird nicht nur die Gottes-Ebenbildlichkeit des behinderten Menschen in Frage gestellt, sondern alles zunehmend daf\u00fcr getan, dass Behinderungen verschwinden. Was ist das dann aber f\u00fcr eine Gesellschaft? \u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Zitelmann: Es ist heute modern zu behaupten, fr\u00fcher sei alles besser gewesen. Vermutlich haben die Menschen das immer behauptet. Glauben Sie wirklich, im Mittelalter oder gar in der Urzeit h\u00e4tten Behinderte ein besseres Leben gef\u00fchrt als in der von Ihnen so bezeichneten \u201eTurbo- und Leistungsgesellschaft\u201c heute? Nat\u00fcrlich gibt es viele Probleme und es bleibt viel zu tun. Der Physiker Stephen Hawking, der nicht nur im Rollstuhl sa\u00df, sondern sich irgendwann nur noch mit einem Computer verst\u00e4ndigen konnte, meinte jedoch behinderte Menschen sollten sich \u201eauf die Dinge konzentrieren, die ihnen m\u00f6glich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht m\u00f6glich sind\u201c. Seine Biografen Michael White und John Gribbin meinen, es stehe fest, dass Hawking niemals so rasch derart schwindelnde H\u00f6hen erklommen h\u00e4tte, wenn er seine Zeit in Aussch\u00fcssen, Konferenzen oder mit der Durchsicht von Bewerbungsunterlagen h\u00e4tte verbringen m\u00fcssen. Was glauben Sie, wer Behinderten mehr hilft: Derjenige der sie als Opfer sieht und ihnen sagt, wie aussichtslos ihre Situation im Zeitalter des Neoliberalismus sei? Oder jemand wie Hawking?<\/p>\n<p><strong>Neben k\u00f6rperlichen Behinderungen gibt es schwere mentale Retardierung mit starken Einschr\u00e4nkungen der emotionalen und kognitiven Leistung. Hier gibt es kein \u201eIch will\u201c und keine glanzvollen Pers\u00f6nlichkeiten. Muss man den Erfolgsbegriff nicht umdefinieren und sind nicht die vielen Menschen, die den Betroffenen Hilfe leisten, eigentlich die wahren Pers\u00f6nlichkeiten?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Eine dieser Heldinnen portr\u00e4tiere ich in dem Buch. Das ist Anna Sullivan, die vor allem als Lehrerin von Helen Keller bekannt wurde. Helen Keller war blind und taubstumm, und sie h\u00e4tte von alleine nie in die Welt finden k\u00f6nnen ohne ihre Lehrerin. Und ja, in meinem Buch geht es vor allem um Menschen mit k\u00f6rperlicher Behinderung. Aber es werden auch ausf\u00fchrlich zwei Menschen portr\u00e4tiert, die erhebliche psychische Probleme hatten: Einer litt unter Schizophrenie \u2013 der Mathematiker John Forbes Nash. Der andere ist Vincent van Gogh, der Begr\u00fcnder der Malerei.<\/p>\n<p><strong>\u201eEin Leben mit Down-Syndrom ist was Besonderes,\u201c schrieb eine Betroffene, aber warum werden diese Stimmen in der Gesellschaft nicht wahrgenommen, sondern nur Menschen, die es trotz ihrer Behinderung zu Ruhm und Erfolg geschafft haben?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich beschreibe ja in meinem Buch diejenigen, die es irgendwie zu einer Bekanntheit gebracht haben. Aber nat\u00fcrlich gibt es viele andere, die keiner kennt und die auch Bewundernswertes leisten. Ich glaube aber nicht, wir sollten Behinderung idealisieren. Johann K\u00f6nig, der blind war, als er seine Galerie er\u00f6ffnete, sagte mir im Gespr\u00e4ch: Nein, man solle Behinderung nicht romantisch verkl\u00e4ren, Behinderung sei ein Nachteil, das k\u00f6nne man nicht wegargumentieren. Aber, so f\u00fcgte er hinzu: \u201eMan muss ja das Unab\u00e4nderliche akzeptieren und dann sehen, wie man das Beste daraus macht. Ich sah f\u00fcr mich damals auch gar keine andere Alternative.\u201c Wissen Sie, mein Wahlspruch lautet: \u201eGott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht \u00e4ndern kann, den Mut, Dinge zu \u00e4ndern, die ich \u00e4ndern kann \u2013 und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.\u201c Ich denke, wem das immer besser gelingt, der kann von einem gelungenen Leben sprechen.<\/p>\n<p><strong>Welche Botschaft ist Ihnen besonders wichtig?<\/strong><\/p>\n<p>Heute wollen sich viele Menschen als Opfer sehen. Opfer des Kapitalismus, Opfer des Kolonialismus, Opfer von Diskriminierung, Opfer von Sexismus, Rassismus usw. Ich denke, diese Menschen tun sich selbst keinen Gefallen. Und auch sonst niemandem. Ich habe Felix Klieser kennen und sch\u00e4tzen gelernt, ein junger Mann aus Hannover. Er gilt als einer der besten Hornisten der Welt. Er wurde ohne Arme geboren. So wie alle erfolgreichen Menschen sieht Klieser sich als Gestalter des eigenen Schicksals und nicht als Opfer widriger Umst\u00e4nde: \u201eIch h\u00e4tte nat\u00fcrlich auch meine Energie darauf verwenden k\u00f6nnen, mich selbst zu bemitleiden und der Welt zu erz\u00e4hlen, wie gemein alles ist\u201c, sagte er mir. \u201eAber jeder, der dies mal getan hat, wird sehr schnell merken, dass es zu keinem verbesserten Ergebnis f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Putins Freunde lassen es krachen: 800 Millionen Dollar teure Mega-Yacht liegt in Hamburg<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz5.11.2021Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p>Ob Schmuck, Autos, Traumpal\u00e4ste oder Mega-Yachten \u2013 russische Oligarchen kleckern nicht, sondern sonnen sich gern im puren Luxus. Nun ist eine der teuersten Yachten der Welt im Werfthafen von Blohm + Voss in Hamburg vor Anker gegangen. Das 156-Meter-Schiff geh\u00f6rt dem Russen-Milliard\u00e4r Alischer Usmanow und gilt als schwimmender Superlativ. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Nicht nur in Amerika zeigt man, was man hat: russische Oligarchen stehen Selfmade Milliard\u00e4ren \u201eMade in USA\u201c da nicht nach. Schon im einstigen Zarenreich ging es mond\u00e4n zu und der amtierende Pr\u00e4sident Wladimir Putin, der mit einem Privatverm\u00f6gen von 70 Milliarden Dollar zu den reichsten Politikern der Welt z\u00e4hlt, gibt den Taktstock in Sachen Protz und prunkt mit seinen Limousinen und teuren Immobilien vor. Selbst leistet er sich drei Luxusjachten \u2013 und zusammen kosten die Schmuckst\u00fccke 125 Millionen Dollar. Ob die \u201eGraceful\u201c, die \u201eOlympia\u201c oder die \u201ePetrel\u201c \u2013 mit ihnen kann sich der starke Mann jederzeit \u00fcber die Weltmeere schippern lassen.<\/p>\n<p>Doch Putins Yachtambitionen verblassen beim Anblick der luxuri\u00f6sen \u201eDilbar\u201c, die gerade bei Blohm + Voss vor Anker liegt. 800 Millionen Dollar (691 Millionen Euro) kostet der Luxusliner des Russen-Milliard\u00e4rs Alischer Usmanow, dessen Verm\u00f6gen laut \u201eForbes\u201c (Stand 30. Oktober 2021) auf 18 Milliarden US-Dollar gesch\u00e4tzt wird.<\/p>\n<p>Der 68-j\u00e4hrige Unternehmer und Milliard\u00e4r usbekischer Herkunft gr\u00fcndete einst eine der gr\u00f6\u00dften privaten russischen Holdinggesellschaften (USM), die eine Reihe von erfolgreichen Unternehmen aus den Bereichen Bergbau, Metallindustrie, IT und Telekommunikation b\u00fcndelte.<\/p>\n<p>Sein Geld zeigt der Putin-Freund, der auch eine Villa in Rottach-Egern am Tegernsee besitzt, gern. Seine Mega-Yacht, die nach der Mutter des Eigent\u00fcmers benannt ist, geh\u00f6rt zu den gr\u00f6\u00dften Privatschiffen der Welt. Der schwimmende Prunkpalast verf\u00fcgt \u00fcber 40.320 PS und leistet eine H\u00f6chstgeschwindigkeit von 22,5 Knoten, also etwa 41 Kilometer pro Stunde. Zur Ausstattung geh\u00f6ren zwei Landepl\u00e4tze f\u00fcr Hubschrauber und ein 25 Meter gro\u00dfes Schwimmbecken, das als das gr\u00f6\u00dfte der Welt gilt. Doch damit nicht genug: Auf 3800 qm Wohnfl\u00e4che kann es sich Usmanow bequem machen und mit seinen 96 Besatzungsmitgliedern 36 G\u00e4ste beherbergen. Das Schiff, das an ein Minikreuzfahrtschiff erinnert, belegt derzeit Platz 5 im Ranking der l\u00e4ngsten Motoryachten weltweit.<\/p>\n<p>Mit seinen 156 Metern strotzt das 15.917 Tonnen schwere Schiff nur so mit Kraft und F\u00fclle und bietet Unterhaltungs- und Erholungsfl\u00e4chen, wie es sie noch nie zuvor auf einer Yacht gab. Seit dem Jahr 2016 freut sich der russische Oligarch \u00fcber die 23 m breite Powermaschine, die von der L\u00fcrssen-Werft in Bremen vom Stapel lief \u2013 und das umso mehr, weil die \u201eDilbar\u201c sogar \u00fcber einen ma\u00dfgeschneiderten Airbus H175-Hubschrauber in VIP-Version verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Das Au\u00dfendesign mit hellem elfenbeinfarbenem Rumpf und bronzefarbenen Akzenten, wurde von dem norwegischen Designer und Schiffsarchitekt Espen \u00d8ino entwickelt, der als Design-Ikone f\u00fcr einige der bekanntesten Superjachten der Welt verantwortlich ist. Die Yacht, die so lang ist wie die Nikolaikirche hoch ist, bleibt mit Blick auf ihre \u00e4sthetische Formgebung ein Glanzpunkt. 2017 wurde die \u201eDilbar\u201c bei der Verleihung der \u201eWorld Superyacht Awards\u201c in Florenz zur Motoryacht des Jahres gek\u00fcrt. Damals bezeichneten sie die Juroren als eine der komplexesten und anspruchsvollsten Yachten, die je gebaut wurden.<\/p>\n<p>Die \u201eDilbar\u201c, die anderthalbmal l\u00e4nger als ein Fu\u00dfballfeld ist, liegt in Hamburg derzeit zur Wartung. Usmanow muss nun eine kleine Weile auf sein Luxusspielzeug verzichten, aber selbst die Reparaturkosten sind f\u00fcr ihn nur Peanuts. F\u00fcr Yachtenthusiasten dagegen gilt der Anblick als eine Art Sternenstunde, ein Traum allerdings, der f\u00fcr die meisten Menschen unerf\u00fcllt bleiben wird.<\/p>\n<h1><strong>Mit dieser Reiseagentur organisiert Lukaschenko seinen Migrationstourismus gen Westen<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.11.2021Europa, Medien<\/p>\n<p>Der Diktator aus Belarus, Alexander Lukaschenko, geht auf Konfrontationskurs mit dem Westen. Seine Waffe im Kampf gegen die Europ\u00e4ische Union sind Migranten. Ob aus dem Irak, Syrien oder Afghanistan \u2013 Tausende wollen nach Deutschland oder Schweden. Der perfide Einreisetourismus nach Europa wird auch von Reiseb\u00fcros in Minsk und im Nahen Osten organisiert. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Der Asyltourismus in Belarus Richtung Europa boomt. Mittlerweile hat der Despot aus Minsk ein lukratives \u201eTourismusnetzwerk\u201c inklusive Flugticket und offizieller Schleppergarantie aufgebaut, das ganz gezielt mit Einreisen nach Belarus wirbt, um die Migranten dann \u00fcber die polnische oder litauische Grenze nach Deutschland zu schleusen. Destabilisierung mittels durchorganisierter Spezialoperationen nennt der im polnischen Exil lebende belarussische Oppositionelle Pawel Latuschko die Lukaschenko-Taktik, Europa mit Fl\u00fcchtlingen zu destabilisieren. Diese Migrationsbewegung organisierte das Regime \u201eselbst k\u00fcnstlich\u201c.<\/p>\n<p>Lukaschenkos Politik der offenen Schleusen ist die gezielte Antwort eines Diktators, der sich an der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr die Sanktionen r\u00e4chen und eine Konfliktsituation schaffen will, die der globalen Migrationswelle von 2015 \u00e4hnelt und Europa in Sachen Migrations- und Verteilungspolitik zu spalten sucht.<\/p>\n<h4><strong>Reiseb\u00fcro \u201eCentrkurort\u201c verkauft f\u00fcr 3000 Euro den europ\u00e4ischen Traum<\/strong><\/h4>\n<p>Der Migrationstourismus h\u00e4lt nicht nur Polen und Litauen in Atem. Die Zahl der Migranten, die <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/europa\/\">nach Europa<\/a> wollen und sich derzeit an den Grenzen geradezu aufstauen, ist auch mit 2000 polnischen Grenzsch\u00fctzern, 500 <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/thema\/polizei\/\">Polizisten<\/a>, 2500 Soldaten und Hunderten Angeh\u00f6rigen der \u201eTerritorialverteidigung\u201c kaum zu bew\u00e4ltigen. Auf der anderen Seite verdient sich Belarus eine goldene Nase. Wie polnische Beh\u00f6rden mitteilen, kassiert Minsk \u201emehrere zehn Millionen Dollar\u201c an der Operation. In den Schmuggel von Fl\u00fcchtlingen aus und durch Belarus ist die wei\u00dfrussische Staatsairline Belavia involviert, die nach EU-Sanktionen nicht mehr in die EU oder nach Gro\u00dfbritannien fliegen darf. Das krisengesch\u00fcttelte Unternehmen, dem der Bankrott drohte, profitiert nun vom Migrationstourismus Lukaschenkos. Die Zahl der Fl\u00fcge aus <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/irak\/\">dem Irak<\/a> nach Minsk hat sich in den vergangenen Wochen verdoppelt. Viele Dollars flie\u00dfen aber auch an belarusische Reiseb\u00fcros, insbesondere an ein staatliches mit dem Namen \u201eCentrkurort\u201c.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick wirkt Centrkurort wie ein seri\u00f6ser Reiseanbieter. 2012 gegr\u00fcndet, um die 78. Eishockey-Weltmeisterschaft 2014 zu organisieren, nahm das staatliche Unternehmen dann als offizieller touristischer Betreiber der Meisterschaft seine Arbeit auf. Schon damals konnten die Macher auf ein Netzwerk von 20.000 Hotelpl\u00e4tzen in Minsk zur\u00fcckgreifen, das in den vergangenen Jahren noch deutlich aufgestockt wurde. Centrkurort gilt mittlerweile als die mit Abstand gr\u00f6\u00dfte staatlich kontrollierte belarussische Tourismusagentur. Auch der litauische Europaabgeordnete Petras Austrevicius hat Centrkurort bereits via <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/thema\/twitter\/\">Twitter<\/a> auf dem Kieker.<\/p>\n<p>Das Unternehmen hat sich nun seit Mai auf den Asyltourismus aus dem Irak eingestellt. Seit dieser Zeit arbeiten irakische Agenturen eng mit belarussischen zusammen. So gibt es Kooperationen mit dem irakischen Reiseb\u00fcro \u201eDamak Travel and Tours LTD\u201c, das <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/thema\/facebook\/\">auf Facebook<\/a> f\u00fcr \u201eTravel Consultant\u201c wirbt. Dubiose Hinterm\u00e4nner mit langj\u00e4hriger Schleusererfahrung rekrutieren in Ranya oder Erbil Migranten und verkaufen f\u00fcr 3000 Euro den europ\u00e4ischen Traum. Ziel sowohl auf wei\u00dfrussischer als auch irakischer Seite ist es, <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/reisen\/\">Reisen nach<\/a> Minsk anzubieten, die offiziell als Touristenreisen getarnt sind. \u201eDiese Menschen sind selbstst\u00e4ndig. Sie kommen hierher, um unsere Kultur und Zivilisation kennen zu lernen, was sehr schmeichelhaft ist. Ich bin mir sicher, dass diese Route bei den Irakern sehr beliebt sein wird\u201c, so Andre Savinykh, der Vorsitzende des st\u00e4ndigen Ausschusses f\u00fcr internationale Angelegenheiten von Belarus. \u201eUnser Tourismus ist gut entwickelt, und diese Strecke ist vielversprechend.\u201c<\/p>\n<p>Doch schon vor Monaten hatte das vom <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/russland\/\">russischen<\/a> Oppositionellen Michail Chodorkowski betriebene Dossier Center, das \u201edie kriminellen Aktivit\u00e4ten verschiedener Personen, die mit dem Kreml in Verbindung\u201c stehen, aufdeckt, Scans von Einladungen, die die staatliche belarussische Agentur Centrkurort Migranten ausstellte, ver\u00f6ffentlicht und damit die absurde Migrationstaktik offengelegt. Immer wieder hatte die staatliche wei\u00dfrussische Reiseagentur Einreisevisa von Irakern und Syrern, die ihre Fl\u00fcge dort buchten, automatisch ausgestellt.<\/p>\n<h4><strong>Von Minsk aus schiebt Lukaschenkos Reiseb\u00fcro die Fl\u00fcchtlinge in die EU<\/strong><\/h4>\n<p>Laut Latuschko ist Centrkurort eine gro\u00dfe St\u00fctze in seinem Plan. Die ausgestellten Einreisevisa erm\u00f6glichen, dass die irregul\u00e4ren Migranten sofort die litauische Grenze passieren k\u00f6nnen. Perfekt organisiert werden die Fl\u00fcchtlinge, die ein Kopfgeld bis zu 5000 Euro zahlen, nach ihrer Ankunft von Minsk aus verteilt. Nach speziellen Passkontrollstellen, die extra f\u00fcr Iraker eingerichtet wurden, die \u00fcber den \u201ezweitschw\u00e4chsten\u201c Pass der Welt nach Afghanistan verf\u00fcgen, geht dann die Reise mit Bussen, Schmugglerautos oder Taxis zur Grenze. Von dort aus werden sie von belarussischen Diensten auf die polnische Seite regelrecht hin\u00fcbergeschoben. Zwar wird die Beihilfe zur irregul\u00e4ren Migration nach belarussischem Recht mit bis zu sieben Jahren Gef\u00e4ngnis bestraft, doch das interessiert die Grenzbeamten kaum.<\/p>\n<p>Lukaschenko regiert in Belarus mit harter Hand, unterdr\u00fcckt die Zivilgesellschaft und die demokratische Opposition. Der antidemokratische Kurs wird nicht nur durch Russland unterst\u00fctzt, sondern der Autokrat zieht die Strippen h\u00f6chstpers\u00f6nlich. Die Reiseagentur Centrkurort unterliegt seiner direkten Einflussnahme, denn Lukaschenko kontrolliert alles in Belarus. \u201eEs gibt immer mehr Beweise daf\u00fcr, dass es sich um einen Plan auf nationaler Ebene handelt, da solche Dinge ohne Lukaschenkos Segen nicht geschehen k\u00f6nnten\u201c, so Tadeusz Giczan, Redakteur des belarussischen oppositionellen Nachrichtensenders Nexta.<\/p>\n<p>Jaros\u0142aw Kaczy\u0144ski, der Vorsitzende der national-konservativen polnischen Regierungspartei PiS, spricht von einem \u201ehybriden Krieg\u201c, den Belarus f\u00fchrt. In der gezielten Abschiebung von Wirtschaftsmigranten <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/orte\/polen\/\">nach Polen<\/a>, sieht er einen Racheakt f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der wei\u00dfrussischen Opposition durch Polen. Noch-Bundesau\u00dfenminister Heiko Maas (<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/organisationen\/spd\/\">SPD<\/a>) geht weiter. Er sieht in Alexander Lukaschenko den \u201eChef eines staatlichen Schleuserringes,\u201c der selbst vor dem Menschenhandel nicht zur\u00fcckschreckt.<\/p>\n<h1><strong>Diese 3 neuen Gr\u00fcnen bringen den Fridays-Kampf in unseren Bundestag<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.10.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Profitiert von der Bundestagswahl haben vor allem die Gr\u00fcnen. Die neue Fraktion ist nicht nur gr\u00f6\u00dfer denn je, sondern auch so jung wie noch nie. Weiblicher und diverser ist die Truppe von Aktivisten, die auch viele Ideen von Fridays for Future mit ins Parlament einbringen. Einig sind sich in dieser Generation alle: Jamaika wollen sie nicht. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Deutschland hat gew\u00e4hlt, der Bundestag mit 735 Abgeordneten der gr\u00f6\u00dfte aller Zeiten und nach China das gr\u00f6\u00dfte Parlament der Welt. Jeder vierte Abgeordnete ist neu \u2013 darunter viele gr\u00fcne Aktivsten. So stark war die \u00d6kopartei mit ihren 118 Abgeordneten noch nie. 22 von ihnen sind gar unter 30. Der Frauenanteil liegt bei 58,5 Prozent und mit 16 Direktmandaten haben sich die Gr\u00fcnen im zwanzigsten Bundestag fest etabliert. Die junge Generation atmet den Geist einer Greta Thunberg und sammelte erste politische Erfahrungen im Hambacher Forst, auf den Freitagsdemos von Fridays for Future oder bei den Seenotrettungsaktionen auf dem Mittelmeer. Die Klimapolitik der Bundesregierung erkl\u00e4rt die jungen Gr\u00fcnen f\u00fcr gescheitert und f\u00fcr alle ist es eigentlich schon F\u00fcnf nach Zw\u00f6lf, wenn es um die CO2-Emmissionen und den Klimawandel geht.<\/p>\n<p>Eine der neuen K\u00e4mpferinnen f\u00fcr mehr Klimagerechtigkeit ist Nyke Slawik. 1994 in Leverkusen-Opladen geboren und aufgewachsen, war sie Mitarbeiterin im Landtag von Nordrhein-Westfalen. 2009 begann sie bei den Gr\u00fcnen und steht mit ganzen Herzen f\u00fcr Diversity, LGBT, Feminismus, Klimaschutz &amp; Klimagerechtigkeit, Europa &amp; Menschenrechte. Slawik, die auch Delegierte der Gr\u00fcnen Jugend f\u00fcr \u201eQueerGr\u00fcn\u201c war, will das Ruder herumrei\u00dfen und \u201emehr Tempo beim Klimaschutz machen.\u201c Gegen\u00fcber \u201etagesschau.de\u201c erkl\u00e4rte sie, dass es bisher zu wenig junge Menschen im Bundestag gebe und die Stimme der neuen Generation nicht geh\u00f6rt werde. Slawik m\u00f6chte nicht nur Teil des gesellschaftlichen Wandels sein, sondern den Bundestag diverser machen. Daf\u00fcr will sie sich verst\u00e4rkt f\u00fcr die Rechte von Transpersonen einsetzen, weil die Gesetze, die wir haben, diskriminierend f\u00fcr queere Menschen sind. Sie geh\u00f6ren endlich abgeschafft und m\u00fcssen reformiert werden. Auf Twitter wirft sie der Union und der FDP vor, beim Frauenanteil zu stagnieren. Auch sonst hat die alte Regierungsriege versagt. Der Ausbau der erneuerbaren Energien geht zu schleppend, der Kohleausstieg liegt in weiter Ferne. \u201eWir sind nirgendwo auf einem Kurs\u201c beklagt sie: \u201eGanz im Gegenteil rasen wir eigentlich gerade mit Vollgas Richtung Klimakatastrophe. Ich glaube, dass wir jetzt einen Generationenwechsel brauchen. Viele \u00c4ltere haben das Ausma\u00df der Katastrophe, auf die wir zusteuern, noch nicht wirklich begriffen.\u201c<\/p>\n<p>Mehr Tempo beim Klimaschutz hat sich auch die j\u00fcngste Abgeordnete, Emilia Fester, auf die Fahnen geschrieben. Die 23-J\u00e4hrige will Jugendbewegungen wie \u201eFridays for Future\u201c mehr Einfluss geben und sich f\u00fcr die Rechte der Frauen einsetzen. Mit \u201eFrauenempowerment\u201c will sie die Entgeldtransparenz umsetzen. Sie fordert den Zusammenschluss von Frauen, damit es keinen Gender Pay Gap mehr gibt. Die geborene Hildesheimerin hat erste politische Erfahrungen gesammelt, war frauenpolitische Sprecherin der Gr\u00fcnen in Hamburg und Mitglied des Landesvorstandes. Ihren Einzug ins Parlament begreift sie als \u201eRiesenaufgabe\u201c, die nur die Gr\u00fcnen als Zukunftspartei leisten kann. Sie ist \u00fcberzeugt, dass es auch der Klimawandel ist, \u201eder so viele junge Leute auf die Listen gebracht\u201c hat. Auch Fester hat Visionen, es geht um \u201eunfassbar viel \u2013 gerade f\u00fcr uns als junge Generation\u201c. Mit den anderen Aktivisten will sie die gro\u00dfen Krisen unserer Zeit anpacken, fordert mehr Klimagerechtigkeit, will eine CO2-Steuer und die Klimadividende. Beim 1,5-Grad-Ziel gibt sie sich k\u00e4mpferisch, dies sei \u201enicht verhandelbar, weil die Krise keine Kompromisse macht.\u201c Neben einen Pass f\u00fcr Klimafl\u00fcchtlinge fordert sie die Aufhebung der Schuldenbremse und die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre. Von einer Jamaika-Koalition h\u00e4lt sie wenig: \u201eIch sehe nicht, wie wir als gr\u00fcne Fraktion jetzt einen CDU-Menschen, der so verloren hat, zum Kanzler machen k\u00f6nnen.\u201c Und sie f\u00fcgt hinzu: \u201eDeswegen gehe ich davon aus, dass wir Laschet und die CDU in die Opposition schicken. Die hat das auch bitter n\u00f6tig.\u201c Fester, wie viele neu in der Bundeshauptstadt will in eine Wohngemeinschaft mit anderen jungen gr\u00fcnen Abgeordneten ziehen. \u201eEs f\u00fchlt sich tats\u00e4chlich ein bisschen an wie eine Ersti-Woche, nur mit weniger Alkohol\u201c.<\/p>\n<p>Auch Katrin Henneberger, einst Sprecherin von \u201eEnde Gel\u00e4nde\u201c, einem B\u00fcndnis gegen Atom- und Kohlekraft, ist neu im Bundestag. Unter dem Slogan \u201eEine andere Welt ist m\u00f6glich\u201c wirbt die Aktivistin, die von 2008 bis 2009 Sprecherin der Gr\u00fcnen Jugend, der Jugendorganisation von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen, war auf ihrer Webseite. F\u00fcr einen radikalen Klimaschutz will auch sie sich einsetzen. \u201eWir brauchen Sofortma\u00dfnahmen im Kampf gegen die Klimakrise und m\u00fcssen bei den CO2-Emissionen auf die Notbremse treten.\u201c Ein fr\u00fcherer Kohleausstieg ist daher geboten und m\u00fcsse daher f\u00fcr die 34-j\u00e4hrige geb\u00fcrtige K\u00f6lnerin in den Koalitionsverhandlungen durchgesetzt werden. Henneberger, die am Tagebau Garzweiler in NRW f\u00fcr Stimmung sorgt, postete auf Twitter: \u201eAktuell 13 Klimaaktivist*innen einer Baggerbesetzung @Gegenangriff1 sollen f\u00fcr Identifikationsfestellung 7 Tage festgehalten werden. Grundlage ist das #Polizeigesetz von 2018 der Landesregierung #Reul #Laschet, extra so geschrieben um Repressionen gegen Klimaaktivistis zu erh\u00f6hen.\u201c Henneberger fordert mit den Aktivistinnen Luisa Neubauer und Carola Rackete, der ehemaligen Kapit\u00e4nin der Sea-Watch 3 das Ende des Energie Charter Vertrages. Die Kampffansage gilt den fossilen<\/p>\n<p>Konzernen, die es mit Milliardenklagen zu torpedieren gilt. Auch f\u00fcr Henneberger ist eine Jamaika-Koalition unter einem Kanzler Armin Laschet (CDU), gegen dessen Politik sie in der Vergangenheit regelm\u00e4\u00dfig demonstrierte, undenkbar. \u201eDie Union wurde abgew\u00e4hlt. Armin Laschet darf nicht Kanzler werden.\u201c<\/p>\n<p>Mit der fundamentalen Flanke der neuen Gr\u00fcnen wird es nicht nur f\u00fcr die SPD schwerer, in Koalitionsverhandlungen zu gehen. Vielen gr\u00fcnen Aktivisten ist die Klimapolitik selbst der eigenen Partei nicht radikal genug. Zwar sind mit Jakob Blasel, Mitbegr\u00fcnder von Fridays for Future, Urs Liebau und Annkatrin Esser drei Kandidaten auf aussichtsreichen Listenpl\u00e4tzen nicht in den Reichstag eingezogen, dennoch ist die Linie klar \u2013 eine gewisse Form der Radikalisierung. Dieser \u2013 oft blinde \u2013 Aktionismus sorgt allerdings auch in den eigenen Reihen f\u00fcr Unmut. So hatte Lisa Badum, klimapolitische Sprecherin der Gr\u00fcnen, mit 38 Jahren schon fast eine andere Generation, die Kritik von Blasel und Co zur\u00fcckgewiesen, dass die Partei nicht schon viele Forderungen der Bewegung \u00fcbernommen habe. \u201eWir haben vier Jahre Klimabewegung auf der Stra\u00dfe und in der Gesellschaft in das Programm aufgenommen und \u00fcbersetzt.\u201c<\/p>\n<p>Gerade f\u00fcr die Gr\u00fcnen um Robert Habeck bleibt der Aktionismus der jungen Avantgarde ein Spagat: Einerseits will man auf die Aktivisten zugehen und mit ihnen eine ambitionierte Klimapolitik machen, andererseits k\u00e4mpfen die Gr\u00fcnen um den Barbock-Nachfolger auch um die politische Mitte. Ein h\u00f6herer CO2-Preis w\u00fcrde das Autofahren und Heizen deutlich teurer machen und den Stra\u00dfenaktionskampf ins Parlament transportieren. Zwar sehen 81 Prozent der Deutschen laut \u201eDeutschlandtrend\u201c einen gro\u00dfen Handlungsbedarf beim Klimaschutz, dennoch wollen viele keine Radikalen als ihre Vertreter im Parlament haben. F\u00fcr die Gr\u00fcnen geht der Kampf weiter: nunmehr aber nicht nur auf der Stra\u00dfe, sondern mit den Klimaaktivistinnen und Aktiven als Abgeordnete. Das jedoch k\u00f6nnte die Partei, die unter dem F\u00fchrungs-Duo Habeck und Baerbock in den letzten Jahren f\u00fcr Einheit und Geschlossenheit standen, letztendlich spalten. Auch bei den Gr\u00fcnen gibt es unterschiedliche Wege, wie man Klimaschutz, Gerechtigkeit in der Arbeitswelt und Ma\u00dfnahmen f\u00fcr das gute Leben miteinander unter einen Hut bringt.<\/p>\n<h1>Einst kritisierte er den Vatikan, jetzt lobt ihn Papst Franziskus<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.10.2021Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Genie, Dichter, Revolution\u00e4r \u2013 kaum ein anderer ver\u00e4nderte das damalige Weltbild so sehr wie der vor 700 Jahren verstorbene Dante Alighieri. Auf der Schwelle zur Neuzeit hat er die italienische Volksprache geschaffen und mit seinem Rekurs auf die Antike Italien nicht in die Kunstepoche der Gotik, sondern gleich in die Renaissance gef\u00fchrt. Kirche und P\u00e4pste hatte er scharf kritisiert, doch hunderte von Jahren sp\u00e4ter wird es ein Papst sein, der eine Eloge auf den Dichter schreiben wird. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Geboren 1265 in Florenz, verstorben 1321 in Ravenna hatte er buchst\u00e4blich die Welt ausgemessen. Auf den Spuren von Vergils \u201eAeneis\u201c wanderte er in seinem Hauptwerk, der \u201eG\u00f6ttlichen Kom\u00f6die\u201c, durch das Jenseits. Quer durch die H\u00f6lle, zum Fegefeuer in den Himmel hinein f\u00fchrt Dante seine Leser. In \u00fcber 14.000 Terzinen beschrieb er in der nur denkbar vielf\u00e4ltigsten Weise die H\u00f6llenqualen und schickte P\u00e4pste und selbst Mohamed in den Trichter der Verdammnis, aus dem es kein Entrinnen und nur ewige Qual und Verdammnis gibt. Die Stigmatisierten und Untugendhaften erleiden in den grellsten Farben die d\u00fcstersten Peinigungen. Das ewige Siechtum der Untugendhaften in der Unterwelt scheint seine Triumpfe zu feiern und die mittelalterliche Ordnung vom Weltgericht grausam zu best\u00e4tigen. Doch so sehr Dante die H\u00f6lle bildlich ausmalt, dies alles literarisch brillant und plastisch eindringlich, sein Blick bleibt auf die Zukunft, auf die Erl\u00f6sung hin ge\u00f6ffnet. Papst Franziskus nannte die \u201eCommedia\u201c eine Quelle der Hoffnung, denn hinter allen Verfehlungen irdischen Seins gibt es einen Sinn, gibt es eine Gnade, die g\u00f6ttlicher Natur ist und die der Mensch als rationales Wesen, das mit Erkenntnis und freiem Willen ausgestattet ist, erlangen kann.<\/p>\n<h4>\u00a0Scharfe Kirchenkritik<\/h4>\n<p>Dante, der sich in seiner politischen Philosophie einen weisen Kaiser w\u00fcnschte und die Machtanspr\u00fcche der P\u00e4pste zur\u00fcckwies, musste im Streit zwischen Kaiser- und Papstreuen seine Heimat verlassen; eine Odyssee durch Italien folgte, denn in Florenz war der Dichter zum Scheiterhaufen verurteilt. Im Exil entstand dann seine \u201eDivina Commedia\u201c, f\u00fcr viele Italiener noch heute die sch\u00f6nste Musik und vermutlich so h\u00e4ufig \u00fcbersetzt wie die Bibel. Doch f\u00fcr Dante war sie auch eine Abrechnung an das ihm wiederfahrende Unrecht an Leib und Leben. F\u00fcr die damalige Zeit ging er scharf mit den Gl\u00e4ubigen ins Gericht, die die Kirche zu einem Instrument f\u00fcr ihre eigenen Interessen machten, die den \u201eGeist der Seligpreisungen\u201c und die Liebe gegen\u00fcber den Kleinen und Armen vergessen hatten und sich demgegen\u00fcber an Macht und Reichtum erg\u00f6tzten. Daf\u00fcr landete er auf dem kirchlichen Index. Dante, der Papstkritiker, der sowohl gegen Nepotismus und die Weltlichkeit und Sinnenfreude des Klerus protestierte, hatte sich in seinem politischen Hauptwerk \u201eMonarchia\u201c f\u00fcr einen Regenten ausgesprochen, der nicht gegen die Freiheit des Souver\u00e4ns agiert.\u00a0 Ein Kaiser m\u00fcsse die Weltherrschaft aus\u00fcben, damit die g\u00f6ttliche Ordnung verwirklicht werde. Die Kirche besitzt nicht die Macht, den Kaiser einzusetzen, sondern die kaiserliche Autorit\u00e4t stammt direkt von Gott. Dieses Diktum war ein Affront gegen Rom \u2013 und es brauchte wie bei Galileo Galilei hunderte Jahre, dass der Vatikan Dante als Prophet der Hoffnung ehren wird. Erst Papst Leo XIII. (1878 bis 1903) war es, der Dante aus dem Inferno der kirchlichen Inquisition holte.<\/p>\n<h4>\u00a0Trost durch Philosophie<\/h4>\n<p>Philosophisch ist es immer wieder die Antike, die Dante den Bogen in die Realit\u00e4t spannen l\u00e4sst. Mit Aristoteles pl\u00e4diert er f\u00fcr die heilige Neugier, f\u00fcr die Selbstverwirklichung des Individuums. Mit ihm geht er im Bunde, wenn auch er die Vern\u00fcnftig- und Ma\u00dfhaftigkeit des Menschen fordert, sein Ringen um Wissen zum entscheidenden Ziel erkl\u00e4rt und die Wahrheit zu enth\u00fcllen sucht. Odysseus aus Homers \u201eIlias\u201c wird zum Gef\u00e4hrten auf dem Weg zur individuellen Selbstbefreiung \u2013 doch dies alles im Zirkelma\u00df vom ptolem\u00e4ischen Weltbild, antiker Zahlenmystik und christlicher Heilslehre. Himmlisches und irdisches Paradies, Glauben und Vernunft \u2013 das sind die zwei Kampfpl\u00e4tze, denen sich der Mensch stellen sollte. Doch \u00fcber all dem thront die Liebe, die Dante als platonischen Eros im Gewand der christlichen Liebe feiert. Die Philosophie in Gestalt seiner fr\u00fcheren Geliebten, Beatrice, wird ihm zum Wegweiser aus Elend, Not und Leid. Und wie einst bei Boethius die \u201eConsolatio\u201c zum Seelentr\u00f6ster wurde, wird sie bei Dante zum Elixier, der Verzweiflung zu entrinnen und sein Schicksal zu akzeptieren.<\/p>\n<h4>\u00a0Auf Hoffnung sind wir gerettet<\/h4>\n<p>\u201eWas bleibet aber, stiften die Dichter\u201c, hatte H\u00f6lderlin sp\u00e4ter in seiner Hymne \u201eAndenken\u201c 1808 geschrieben. Was von Dante bleibt, ist in Zeiten von Pandemie, Klimawandel, Kriegen und fehlenden Zukunftsperspektiven die Hoffnung auf das Gl\u00fcck, auf wahren Frieden und die wahre Freude. Diese Hoffnung bleibt uns auferlegt, \u201ebis wir das letzte Ziel der ganzen Menschheit erreichen, die Liebe, die auch die Sonne bewegt und die anderen Sterne\u201c, so Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben \u201eCandor lucis aeternae\u201c. \u201eAuf Hoffnung hin (sind wir) gerettet\u201c hatte bereits Papa Emeritus, Benedikt XVI., in seiner zweiten Enzyklika \u201eSpe Salvi\u201c (2007) geschrieben, eine Hoffnung, die uns vorantreibt und die uns das Leiden dennoch nicht erspart. Dante ist f\u00fcr die katholische Kirche nunmehr ein Leuchtturm, Herold eines neuen Seins, Prophet einer neuen Menschheit, die sich nach ewigen Frieden und Gl\u00fcck sehnt.<\/p>\n<p>Die Kunst hat Dante l\u00e4ngst in den Olymp gehoben: Ob bei Sandra Botticelli, Jan van der Staet, John Flaxmann, Joseph Anton Koch, Eug\u00e8ne Delacroix, William Blake bis hin zu Anselm Feuerbach, Gustav Klimt, Salvador Dal\u00ed, August Rodin Max Reger, Franz Liszt, Peter Tschaikowski, Giacomo Puccini und Robert Rauschenberg \u2013 sie alle verdanken Dante k\u00fcnstlerische Inspiration und haben dem Florentiner ein Denkmal f\u00fcr die Ewigkeit gesetzt.<\/p>\n<h1>Interview mit Rainer Zitelmann: Dass \u00fcber Enteignung in Deutschland gesprochen wird, ist erschreckend<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz27.09.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>\u201cThe European\u201d sprach mit dem Soziologen und Bestsellerautor Rainer Zitelmann \u00fcber die Bundestagswahl 2021.<\/p>\n<p><strong>Wie beurteilen Sie den Ausgang der Wahl?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Positiv ist nat\u00fcrlich, dass Rot-Rot-Gr\u00fcn knapp verhindert wurde. Knapp sage ich, weil dies nur am schlechten Abschneiden der LINKEN liegt. H\u00e4tte sie ihr Ergebnis von 2017 gehalten, h\u00e4tten wir eine deutliche Mehrheit f\u00fcr die Volksrepublik-Koalition. Die drei linken Parteien bekamen wegen des schlechten Abschneidens der Linken zusammen 363 Sitze, h\u00e4tten aber 368 gebraucht, um eine Regierung zu bilden. Unternehmer k\u00f6nnen also \u2013 zun\u00e4chst einmal \u2013 in Deutschland bleiben und m\u00fcssen nicht auswandern. Zun\u00e4chst.<\/p>\n<p>Positiv ist auch, dass die FDP bei den jungen W\u00e4hlern unter 30 Jahren 20 Prozent erzielte. Das stimmt optimistisch. Ich hoffe nur, dass Christian Lindner mit Blick auf die Ampel bei dem Prinzip bleibt: Besser nicht regieren als falsch regieren<\/p>\n<p><strong>Was hat die SPD falsch gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Aus ihrer Sicht hat die SPD alles richtig gemacht. Allerdings mit der gr\u00f6\u00dften W\u00e4hlert\u00e4uschung in der Geschichte der Bundesrepublik. Denn Scholz war nur der Fliegenf\u00e4nger f\u00fcr ehemalige Merkel-W\u00e4hler. Das ist gelungen. Dahinter steht bekanntlich die nach Linksau\u00dfen abgedriftete SPD mit Saskia Esken, Norbert Walter-Borjans und Kevin K\u00fchnert. K\u00fchnert kommt nicht allein in den Bundestag, sondern bringt 50 Linksau\u00dfen-Jusos mit. Insofern ist trotz der Verluste der LINKEN die politische Linke im Bundestag gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Was w\u00e4re der Vorteil, wenn die Union in die Opposition geht?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Das w\u00e4re ja nur dann der Fall, wenn es zu einer Ampel-Koalition kommt. Und die lehne ich strikt ab. Eine Ampel w\u00e4re allenfalls der letzte Rettungsanker in einer verzweifelten Situation gewesen, wo es darum gegangen w\u00e4re, eine Rot-Rot-Gr\u00fcne Regierung zu verhindern. Nachdem diese Gefahr gebannt ist, darf die FDP keine Ampel-Koalition eingehen. Das w\u00e4re t\u00f6dlich f\u00fcr die FDP, es w\u00e4re eine Wiederholung des Jahres 2009, wo sie mit einem guten Ergebnis in den Bundestag kam, aber vier Jahre sp\u00e4ter rausflog, weil sie ihre Versprechen nicht gehalten hat.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet das f\u00fcr die Bundesrepublik und welche Koalitionen sind nun denkbar?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Eine Koalition aus CDU\/CSU und SPD, obwohl rechnerisch m\u00f6glich, halte ich f\u00fcr unwahrscheinlich. Ganz ausgeschlossen w\u00e4re es indes nicht, wenn andere Optionen scheitern. Eine Ampel-Koalition w\u00e4re Selbstmord f\u00fcr die FDP \u2013 als jemand, der dieser Partei seit 27 Jahren angeh\u00f6rt, kann ich also nur hoffen, dass es dazu nicht kommen wird. Das kleinste \u00dcbel w\u00e4re Jamaika. \u00dcbel sage ich deshalb, weil jede Regierung unter Beteiligung der Gr\u00fcnen ein \u00dcbel f\u00fcr Deutschland ist.<\/p>\n<p><strong>Zeigt die Wahl, dass die Deutschen politisch immer weiter auseinanderdriften?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich mag die Klagen \u00fcber die \u201eSpaltung der Gesellschaft\u201c nicht. Eine gespaltene Gesellschaft macht mir viel weniger Angst als eine Gesellschaft, die im Gleichschritt unter dem Banner der politischen Korrektheit marschiert. Die Vorstellung, alle m\u00fcssten in eine Richtung marschieren, ist letztlich eine totalit\u00e4re Utopie, die zu einer pluralistischen und freiheitlichen Gesellschaft nicht passt.<\/p>\n<p><strong>Was sagen Sie zum Ausgang des Volksentscheids zur Enteignung in Berlin?<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann: Ich finde es erschreckend, dass in Deutschland heute \u00fcberhaupt wieder \u00fcber Enteignung diskutiert und abgestimmt wird. Und erschreckend ist auch, dass 56,4 Prozent der Berliner daf\u00fcr gestimmt haben. Das zeigt f\u00fcr mich vor allem das grandiose Versagen der marktwirtschaftlichen Kr\u00e4fte. Die Unternehmen haben doch genug finanzielle Mittel: Warum wurde keine massive PR- und Werbekampagne in Berlin f\u00fcr das Eigentum gemacht? Ich h\u00e4tte mir mehr Plakate Pro-Eigentum in Berlin gew\u00fcnscht als Wahlplakate. Und es zeigt sich auch, was ich seit Jahren sage: Der schw\u00e4chlich-feige Appeasement-Kurs der Immobilienwirtschaft, die sich bei den linken Kr\u00e4ften anbiedert und hofft, dann verschont zu werden, ist kl\u00e4glich gescheitert. Es mag sein, dass der Volksentscheid nicht umgesetzt wird oder vor dem Bundesverfassungsgericht scheitert. Doch was l\u00e4uft, ist die indirekte Enteignung: Immobilieneigent\u00fcmer stehen zwar weiter im Grundbuch, aber alle wesentlichen Merkmale des Privateigentums werden so weit ausgeh\u00f6hlt, dass nur noch der leere Rechtstitel bleibt. Das ist die eigentliche Gefahr, auch wenn formell nicht enteignet werden sollte. \u00dcbrigens f\u00fchle ich mich durch das Ergebnis auch in meiner strikten Ablehnung von Volksentscheiden best\u00e4tigt. Ich wei\u00df, dass viele Menschen, die sonst \u00e4hnlich so denken wie ich, hierzu eine andere Meinung haben. Aber was bei solchen Volksentscheiden in Deutschland herauskommen kann, haben wir jetzt gesehen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>Walter-Borjans: \u201eArmin Laschet ist ein Risiko f\u00fcr Deutschland\u201c<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz24.09.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><em>SPD-Chef Norbert Walter-Borjans f\u00e4hrt bei \u201eMarkus Lanz\u201c die falschen Gesch\u00fctze gegen CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet heraus. Damit tut er weder sich noch seiner Partei auf den letzten Metern im Wahlkampf keinen Gefallen. Ein Kommentar von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<p>SPD-Chef Norbert Walter-Borjans ist eine Mischung zwischen Teddyb\u00e4r und unaufgeregten Langweiler, eher Kaufhausvertreter als Machtpolitiker. Borjans verspr\u00fcht den milden Charme einer Schlaftablette. Doch wenn es um CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet und Scholz\u2019 Gegenspieler geht, wird selbst aus dem geb\u00fcrtigen Krefelder eine Waffe. Im Wahlkampfendspurt bei \u201eMarkus Lanz\u201c zeigte sich der Sozialdemokrat jetzt k\u00e4mpferisch. \u201eArmin Laschet ist ein Risiko\u201c, so der 69-J\u00e4hrige.<\/p>\n<p>Zu Hochform lief Walter-Borjans gestern bei \u201eMarkus Lanz\u201c auf und spielte das Negativ-Campaining der SPD gegen den einstigen Koalitionspartner in die n\u00e4chste Runde. Laschet degradierte er zum Schreckgespenst eines CDU-Kanzlers und betonte: \u201eWenn Deutschland einen Armin Laschet zu Putin schickt, w\u00fcrde ich nicht ruhig schlafen\u201c. Noch tiefer in die Klaviatur griff Walter-Borjans dann, als er dem Ministerpr\u00e4sidenten von Nordrhein-Westphalen eine pausenlose Strategie\u00e4nderung vorwarf. Laschet sei von Panik getrieben und das ist eine Art politische Charakterschw\u00e4che. \u201eEr hat keine einheitlich geradlinige Strategie. Und das ist das Risiko f\u00fcr Deutschland\u201c, so der SPD-Chef. Und er setzt noch einen drauf: Wenn Laschet als deutscher Bundeskanzler auf den B\u00fchnen dieser Welt verhandle, \u201edann wei\u00df ich, wo mir bange ist.\u201c Ausgerechnet Walter-Borjans, der oft ungeschickt, tapsig und so gar nicht weltm\u00e4nnisch agiert, wirft Laschet vor, dass dieser \u201ein jeder Stresssituation den Stresstest nicht besteht.\u201c<\/p>\n<p>Im eher langweiligsten, aber darum wahrscheinlich spannendsten Wahlkampf der letzten Jahre ist die SPD mit ihrem umstrittenen Matroschka-Werbespot Anfang August gegen die CDU kr\u00e4ftig unter die G\u00fcrtellinie gefahren. Zurecht galt die Kampagne im US-amerikanischen Stil als Tabubruch. Damals wurden Laschets Hinterm\u00e4nner, Hans-Georg Maa\u00dfen oder auch Nathanael Liminski, Leiter der nordrhein-westf\u00e4lischen Staatskanzlei, als extreme K\u00f6pfe vorgef\u00fchrt, die Konfession eines seines engsten Mitarbeiters und Wahlkampfleiters verballhornt und als erzkonservativ abgetan. Dass Walter-Borjans hier nicht unbeteiligt war, hat er bei \u201eLanz\u201c selbst zugegeben. Und die berechtigte Frage bleibt: Macht man so Wahlkampf, indem man religi\u00f6se \u00dcberzeugungen angreift?<\/p>\n<p>Es ist schon ein wenig geschmacklos wie der SPD-Chef den NRW-Ministerpr\u00e4sidenten auf das Korn nimmt und verr\u00e4t zugleich viel \u00fcber den Kritiker selbst. Walter-Borjans hat sich mit seinem \u201eNegative Campaigning\u201c das so im deutschen Wahlkampf nicht \u00fcblich ist, keinen Gefallen getan, seiner Partei noch weniger. Vom britischen Premierminister Winston Churchill (1874-1965) stammt jener kluge Satz: \u201eDie Freiheit der Rede hat den Nachteil, dass immer wieder Dummes, H\u00e4ssliches und B\u00f6sartiges gesagt wird.\u201c Das gilt leider auch f\u00fcr den SPD-Chef.<\/p>\n<p>Schon im christlichen \u201eAlten Testament\u201c findet sich die gefl\u00fcgelte Textstelle: \u201eWer anderen eine Grube gr\u00e4bt, f\u00e4llt selbst hinein; und wer mit Steinen wirft, wird selbst getroffen! Dies scheint sich auf den letzten Metern im Wahlkampf zu bewahrheiten, denn Armin Laschet r\u00fcckt wieder n\u00e4her in den Umfragen an die SPD heran. Ob Walter-Borjans\u2019 destruktive Kritik positiver N\u00e4hrboden f\u00fcr eine m\u00f6gliche Ampel sein kann, muss der Politiker vor sich und seinem Gewissen ausmachen.<\/p>\n<h1><strong>Katherina Reiche wird \u201eManagerin des Jahres 2021\u201c <\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz24.09.2021Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr ihr Engagement in Sachen Gleichstellung erh\u00e4lt die Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrates der Bundesregierung und Vorstandchefin der Westenergie AG, Katherina Reiche, den \u201eMESTEMACHER PREIS MANAGERIN des Jahres 2021\u201c. <\/strong><\/p>\n<p>Diese Frau ist buchst\u00e4blich Energie, erneuerbare Energie. Anstatt in die Vergangenheit zu blicken, ist Katharina Reiche, die Chemikerin, eine Zukunftsmacherin. Gestaltend greift sie in die Welt von morgen, beschreitet energisch neue Wege. Beim Thema Gleichberechtigung geht sie in die Offensive, will den Frauenanteil in Vorst\u00e4nden und Aufsichtsr\u00e4ten deutlich erh\u00f6hen. Reiche ist \u00fcberzeugt, dass viel mehr Frauen in die F\u00fchrungsetagen geh\u00f6ren, die Frauenquote bleibt ihr Herzensangelegenheit. \u201eDas Potenzial in Deutschland ist riesig, wenn wir uns die Ausbildung der Frauen anschauen: Frauen, die 45 Jahre oder j\u00fcnger sind, verf\u00fcgen \u00fcber ein h\u00f6heres Qualifikationsniveau als gleichaltrige M\u00e4nner. Einen Hochschulabschluss haben beispielsweise 31 Prozent der 30- bis 35-j\u00e4hrigen Frauen, aber nur 28 Prozent der M\u00e4nner\u201c, erkl\u00e4rt sie gegen\u00fcber dem \u201eThe European\u201c.<\/p>\n<p>Die geb\u00fcrtige Luckenwalderin und Mutter von drei T\u00f6chtern, selbst mit Unternehmergeist von Kindesbeinen an gepr\u00e4gt, steht seit Januar 2020 der E.ON-Tochter Westenergie vor. Seitdem dort die Macherin die Strippen zieht, \u00fcberzeugt die langj\u00e4hrige Politikerin mit Frauenpower. Mit der \u201eFEMpower-Akademie\u201c hat sie ein Programm zur \u201eFrauenf\u00f6rderung\u201c, eine Fortbildungsakademie des Unternehmens f\u00fcr Frauen, ins Leben gerufen. Reiche will Kolleginnen besser vernetzen und auf die \u00dcbernahme von F\u00fchrungsrollen vorbereiten. Intensive Kooperationen mit Technischen Hochschulen sowie ein profundes Talentmanagement z\u00e4hlt sie dabei zu ihren Kernaufgaben. Gleichberechtigung versteht Reiche dabei nicht als Worth\u00fclse, sondern als \u201eelementare Frage von wirtschaftlichem Erfolg\u201c, der letztendlich dem Gemeinwesen zugutekommt.<\/p>\n<p>Frauenpower pur, daf\u00fcr steht die Wirtschaftsmanagerin, die sich auch ehrenamtlich vielseitig engagiert. L\u00f6sungsorientiert und pragmatisch agiert Reiche seit Jahrzehnten. 1992 war sie Gr\u00fcndungsmitglied des RCDS an der Universit\u00e4t Potsdam. 17 Jahre arbeitete sie als Mitglied des Deutschen Bundestages, vier Jahre war sie stellvertretende Vorsitzende der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion. Karrieretechnisch ging es stets bergauf. 2013 wurde die Frau, die jahrelang den Vorsitz der Frauen-Union im Kreisverband Potsdam-Mittelmark f\u00fchrte, Parlamentarische Staatssekret\u00e4rin beim Bundesminister f\u00fcr Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, bevor sie 2013 bis 2015 als Parlamentarische Staatssekret\u00e4rin ins Bundesverkehrsministerium wechselte.<\/p>\n<p>Seit Jahren k\u00e4mpft Reiche gegen den Klimawandel und die Treibhaus-Emissionen. Schon 2006 warb sie f\u00fcr Klimaneutralit\u00e4t und sprach sich gegen fossile Brennstoffe aus. Jetzt ist die Macherin und Spitzenmanagerin der Energiebranche bei Westenergie in einer Schl\u00fcsselposition, um dort in eine Energie der Zukunft zu investieren, nicht nur nebenbei erh\u00f6ht sie auch den Frauenanteil im Unternehmen. Reiche, die auf diverse F\u00fchrungsteams setzt, weil diese eine neun Prozent h\u00f6here Gewinnmarge und einen 20 Prozent h\u00f6heren Umsatz als Wettbewerber, die nur von M\u00e4nnern gef\u00fchrt werden, generieren, managet 10.000 Besch\u00e4ftigte. 175.000 Kilometer Strom-, 24.000 Kilometer Gas- und 5.000 Kilometer Wasserleitungen sowie 10.000 Kilometer Breitbandnetze f\u00fcr rund 6,6 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz stehen unter ihrer Regie. Der Netzbetreiber ist nicht nur im Zentrum der nationalen sowie europ\u00e4ischen Energiewende, sondern muss die Dekarbonisierung des Energiesystems bis 2045 wesentlich vorantreiben. F\u00fcr Reiche ist es die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung der Industriegeschichte, die sie tatkr\u00e4ftig mit Sachverstand und Charme in Angriff nimmt. Die Managerin wei\u00df, dass der Ausstieg aus den fossilen Energietr\u00e4gern und der Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft nur gelingen kann, wenn Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an einem Strang ziehen. Wie zukunftsorientiert Reiche dabei agiert, zeigt sich bei vielen Forschungsprojekten, die sie auf den Weg bringt und bei der Entwicklung von Modellregionen f\u00fcr die Energiewende. Mit dem Nationalen Wasserstoffrat, dessen Vorsitz sie \u00fcbernommen hat, konkretisiert sie ihre Zukunftsvisionen durch einen sehr klaren 80-Punkte-Plan, der es erm\u00f6glicht, den Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft z\u00fcgig zu gestalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihr Engagement sowohl als K\u00e4mpferin f\u00fcr mehr Gerechtigkeit unter den Geschlechtern als auch eine der wichtigsten Managerinnen bei der Gestaltung der Energiewende, wird Reiche der \u201eMestemacher Preis Manegerin des Jahres\u201c am 24. September 2021 im Grandhotel Adlon Kempinski verliehen. Die Initiatorin und Vorsitzende der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung Mestemacher Management GmbH, Prof. Dr. Ulrike Detmers w\u00fcrdigt die 20. Preistr\u00e4gerin mit den Worten: \u201eIm 20. Jubil\u00e4umsjahr des Gleichstellungspreises ehren wir die Vorstandschefin der Westenergie AG, Katherina Reiche. Sie ist eine der f\u00fchrenden und zugleich wenigen Spitzenmanagerinnen der Energiebranche und Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrates der Bundesregierung. Daran wird bereits deutlich, dass sie Diskussionen vorantreibt und Ver\u00e4nderungen energisch, pr\u00e4zise und verbindlich angeht\u201c.<\/p>\n<h1>Saskia Esken \u2013 Fr\u00fcher war sie Stra\u00dfenmusikantin<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz21.09.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>Saskia Esken hat fast aus dem Nichts eine politische Karriere hingelegt. Unter einer rot-rot-gr\u00fcnen Bundesregierung k\u00f6nnte sie jetzt sogar Bildungsministerin im Kabinett von Olaf Scholz werden. Doch er ist diese Frau wirklich? Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz. <\/strong><\/p>\n<p>Aus \u00dcbersee kommt derzeit keine gute Kritik zum deutschen Wahlkampf und den Personalien. Die \u201eNew York Times\u201c findet alle Kanzlerkandidaten und insbesondere Olaf Scholz (SPD) ohne Charisma und \u00f6de. Der langweiligste Typ bei der Wahl \u2013 vielleicht im ganzen Land\u201c schriebt der fr\u00fchere US-Botschafter John Kornblum. Sein Fazit: Selbst Wasser beim Kochen zuzusehen, sei interessanter.<\/p>\n<p>Wen Kornblum gar nicht auf seiner Agenda hatte, war die 1961 in Stuttgart geborene Saskia Esken. Die linkseingef\u00e4rbte Sozialdemokratin, der selbst Willy Brandt nicht sozialistisch genug war, ist so gar nicht Establishment. F\u00fcr Esken gibt es keine Vorbilder. Die Schw\u00e4bin, die auf Bildung, Klimaschutz, 12 Euro Mindestlohn, den Kampf gegen Rechts und auf das Motto \u201emehr Demokratie wagen\u201c setzt, will weder wie Armin Laschet oder Scholz Merkel kopieren, sondern Authentizit\u00e4t verspr\u00fchen. Politisch hatte sie ganz klein im Jugendhaus in Weil der Stadt angefangen und \u00fcber eine ehrenamtliche Elternvertretung sich peu \u00e0 peu an die Bildungspolitik herangearbeitet und es zur stellvertretenden Vorsitzenden des Landeselternbeirats Baden-W\u00fcrttemberg. Die Frau, die mit Linken Ex-Linken Chef Bernd Riexinger politisch auf eine Karte setzt und den Juso-Fl\u00fcgel um Ex-Chef Kevin K\u00fchnert in der SPD vertritt, will eigentlich mehr Dialog, mehr Werte, mehr Solidarit\u00e4t \u2013 Ehrenamt und ein ehrliches Engagement. \u201eMiteinander sprechen, einander zuh\u00f6ren und immer versuchen, einander zu verstehen\u201c Das dialogische Prinzip habe sie begeistert, seit ihrer Kindheit bis in die ersten Fu\u00dfstapfen in die Kommunalpolitik hinein. Nun k\u00f6nnte der Politikerin, die den Wahlkreis Calw \/ Freudenstadt mit 66 St\u00e4dten und mehr als 280.000 Einwohnern als Bundestagsabgeordnete per Wahlkreis vertritt, noch mehr an den Strippen der Macht ziehen, vielleicht mehr als sie es sich in ihren k\u00fchnsten Tr\u00e4umen zu hoffen wagte. Doch derzeit f\u00e4hrt die Union unter CDU-Generalsekret\u00e4r Paul Ziemiak noch eine Rote-Socken-Kampagne gegen Esken. Tenor dabei: Wer die SPD w\u00e4hlt, w\u00e4hlt nicht den netten und biederen Scholz, sondern auch Parteilinke wie Kevin K\u00fchnert.<\/p>\n<h4><strong>Mit der Gitarre auf der Stra\u00dfe \u2013 Esken startete buchst\u00e4blich von ganz unten<\/strong><\/h4>\n<p>Nach abgebrochenem Studium ihres Politik- und Germanistikstudiums hatte Esken, die in den Medien nicht eben wie ein Star, sondern eher ein bisschen bieder und hausfraulich, eben schw\u00e4bisch altbacken als avantgardistisch daherkommt, ist die damals noch nicht studierte Informatikern durch S\u00fcddeutschland als Stra\u00dfenmusikerin mit der Gitarre in der Hand getourt. Die N\u00e4he zu den Menschen, die M\u00fchen der Ebene kennt sie wie der linke und DDR-nahe Staatslyriker und Dramatiker Berthold Brecht gut. Esken hat in Kneipen gekellnert und Pakete ausgeliefert, sie war Chauffeurin und Schreibkraft an der Uni Stuttgart. Dieses von ganz unten Kommen, hatte die SPD-Funktion\u00e4re letztendlich an ihr fasziniert.<\/p>\n<p>Mit 29 Jahren trat 60-j\u00e4hrige Esken in die SPD ein \u2013 und ihr Mann war es, der sie 2008 aufforderte mehr politisch aktiv zu werden: \u201eJetzt bist du dran\u201c. So war die couragierte Politikerin, die die Schattenseiten ungelernter Arbeit kennengelernt und als konstruktiven Reiz f\u00fcr eine gerechtere Politik sich auf die Fahnen seither schrieb von 2008 bis 2015 Vorsitzende des Ortsvereins Bad Liebenzell und von 2010 bis 2020 Vorsitzende des Kreisverbands Calw. Politisch richtig startete sie dann durch ihre Wahl als Beisitzerin in den Vorstand der SPD Baden-W\u00fcrttemberg durch. Seit 2013 beh\u00f6rt sie als Abgeordnete des Deutschen Bundestags dem Ausschuss f\u00fcr Bildung und Forschung an, ist Mitglied im Innenausschuss und im Ausschuss Digitale Agenda. In all den Jahren hatte sie sich als engagierte Digitalpolitikerin einen Namen gemacht.<\/p>\n<p>Doch bei dem steilen politischen Aufstieg hatte sie die Menschen nicht vergessen, und anders als das Establishment gibt sie sich nicht mit Kompromissformeln und abgeb\u00fcgelten Politikerstatements zufrieden. Sie will Menschen vielmehr motivieren und bef\u00e4higen, ihr Leben frei zu gestalten. \u201eIch m\u00f6chte sie f\u00fcr die N\u00f6te von Schw\u00e4cheren sensibilisieren und sie ermutigen, solidarisch zu sein und sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren\u201c, schreibt sie auf Webseite.<\/p>\n<h4><strong>Eine steile Karriere, aber doch mit Hindernissen<\/strong><\/h4>\n<p>Karrieretechnisch lief es nicht immer rund. Mehrmals gelang ihr der Einzug in den Bundestag nicht. Auf dem Landesparteitag im November 2018 verpasste sie erneut die Wahl in den Landesvorstand 2019. Und auch bei der Wahl zum SPD-Vorsitz 2019 war sie zuerst dem Duo Klara Geywitz und Olaf Scholz haushoch unterlegen. Erst bei der Stichwahl im November 2019 erhielten Esken und Walter-Borjans 53,1 Prozent der Stimmen und schoben Geywitz und Scholz vorerst aus dem Zentrum der Macht. Der Bundesparteitag am 6. Dezember 2019 brachte dann den politischen Durchbruch: 75,9 Prozent stimmten f\u00fcr Esken, 89,2 Prozent f\u00fcr Walter-Borjans. So beeindruckend die fast 76 Prozent waren, die geb\u00fcrtige Stuttgarterin, die in Renningen aufwuchs, kassierte damit das zweitschlechteste Ergebnis das je bei einer SPD-Vorsitzenden-Wahl ohne Gegenkandidaten eingefahren wurde. Toppen konnte das nur Ex-Au\u00dfenminister Sigmar Gabriel 2015 f\u00fcr den damals nur 74,3 Prozent der Delegierten stimmen<\/p>\n<p>Als Duo mit Walter-Borjans kam der Durchbruch. Seit 2019 bildet sie die Doppelspitze der SPD. Esken, die keinen klassischen Politiker*innen-Werdegang hingelegt hatte, ist stolz auf das Zukunftsprogramm, stolz, das die totgeglaubte Arbeiter- und Volkspartei 2021 erneut an die Macht strebt und mit ihr f\u00fcr die Idee einer gerechteren Zukunft \u201ein einer Gesellschaft des Respekts und einem starken Europa\u201c werben kann.<\/p>\n<h4><strong>F\u00fcr diese Politik steht der Name Esken <\/strong><\/h4>\n<p>Politisch verortet sie sich selbst zum linken Fl\u00fcgel der SPD-Bundestagsfraktion. Die \u201eAgenda 2010\u201c von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der begreift sie als S\u00fcndenfall. Kritik \u00e4u\u00dfert sie immer wieder an der Hinterzimmer-Politik als Kaderschmiede. Und als das Bundesverfassungsgericht K\u00fcrzungen des Arbeitslosengeldes II. f\u00fcr teilweise verfassungswidrig erkl\u00e4rte, hatte die Informatikerin 2019 die Abschaffung der Hartz-IV-Sanktionen gefordert. Der Mindestlohn von 12 Euro, das Abr\u00fccken von der Schuldenbremse, eine Verm\u00f6gensabgabe f\u00fcr Besserverdienende und die Forderung nach einem Klimaschutzpaket, das diesen Namen auch verdient, f\u00fcr diese Ideen wird sie sich k\u00fcnftig weiter messen lassen. Dass sie sich nie in der Gro\u00dfen Koalition wohl gef\u00fchlt hat, ist biografisch begr\u00fcndet. Esken pl\u00e4diert f\u00fcr eine Entkriminalisierung von Cannabis, fordert ein rigides Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Und betont: \u201eOft sei die \u201eBev\u00f6lkerung weiter als die Politik\u201c. Und radikal fordert sie, dass man sich mit dem Willen der Mehrheit \u201eauch gegen den Protest von Lobbygruppen\u201c durchsetzen kann.<\/p>\n<h4><strong>M\u00f6gliche Bildungsministerin unter Olaf Scholz<\/strong><\/h4>\n<p>Scholz, der als m\u00f6glicher neuer Bundeskanzler auch mit Sicherheit SPD-Vorsitzender werden will, h\u00e4lt Esken geeignet f\u00fcr ein Ministeramt. Dem \u201eSpiegel\u201c sagte er: \u201eIn der SPD sind viele ministrabel, die F\u00fchrungsaufgaben in der Fraktion oder der Partei wahrnehmen\u201c \u2013 dazu geh\u00f6rten \u201edie Vorsitzenden selbstverst\u00e4ndlich auch\u201c. Damit ist f\u00fcr den W\u00e4hler klar, wer Scholz w\u00e4hlt, bekommt auch die linksambitionierte Esken. W\u00e4hrend Scholz in einer One-Mann-Show derzeit durch Deutschland tourt, ist seine Taktik, jetzt Esken mit an Bord zu nehmen Kalk\u00fcl. Ihrerseits spricht die Parteichefin davon, dass \u201eOlaf der richtige Mann f\u00fcrs Kanzleramt ist\u201c \u2013 und l\u00e4sst ausnahmsweise das Gendern und s\u00e4mtliche Spitzen beiseite. Esken wei\u00df wie die Parteilinken um K\u00fchnert, dass die SPD nur mit einem b\u00fcrgerlich-mittig verorteten Politiker wie Scholz eine Chance auf das Kanzleramt hat. Dass Scholz aber dadurch links \u201eeingerahmt\u201c ist und ein Wahlprogramm fahren muss, das in entscheidenden Punkten Jusos und Linken gef\u00e4llt, mag dem eher konservativ-b\u00fcrgerlichen Scholz nicht schmecken. Doch aus innerparteilichen Gr\u00fcnen und um der Harmonie Willen, muss er den linken Fl\u00fcgel beschwichtigen und sanft moderieren.<\/p>\n<p>Der Parteivorsitzenden die F\u00e4higkeit f\u00fcr ein Ministeramt zuzusprechen, ist kein gro\u00dfes Opfer f\u00fcr den Taktiker und ehemaligen Regierenden B\u00fcrgermeister der Hansestadt Hamburg. Denn ganz so links ist Esken im derzeitigen Wahlkampf nicht mehr. Ihre rote Socken Mentalit\u00e4t hat sie schon ein wenig abgelegt. Aber was sie will, ist klar: Keine Gro\u00dfe Koalition mehr, auch nicht unbedingt eine Ampel, sondern ein B\u00fcndnis aus SPD, Gr\u00fcnen, und Linken. Und sie gibt gleichzeitig Entwarnung. Keiner \u201emuss Angst vor Rot-Rot-Gr\u00fcn oder Rot-Gr\u00fcn-Rot haben.\u201c Und wenn die SPD tats\u00e4chlich den n\u00e4chsten Kanzler stellt, w\u00fcrde sie gern Ministerin f\u00fcr Bildung oder Soziales werden. Und dies wom\u00f6glich sogar mit Gitarre. Vielleicht vers\u00f6hnt ihre Musik viele ihrer derzeitigen Kritiker.<\/p>\n<h1>Interview mit Hermann Binkert: INSA-Chef Binkert: Ich war mir sicher, dass Olaf Scholz vorne liegen wird<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz20.09.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>Insa-Chef Hermann Binkert hatte auf der Executive-Night des Ludwig-Erhard-Gipfels am 22. Juli 2021 bereits den Sieg von Olaf Scholz vorausgesagt. \u201eThe European\u201c traf den Experten zum Gespr\u00e4ch. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Sehr geehrter Herr Binkert, warum waren Sie sich schon im Juli so sicher, dass Olaf Scholz Kanzler wird?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war mir sicher, dass Olaf Scholz im Personenranking deutlich vor Annalena Baerbock und Armin Laschet liegt. Und ich war mir sicher, dass die SPD ein gro\u00dfes zus\u00e4tzliches Potential hat. Die SPD hatte bei uns in der Potentialanalyse, wir nennen sie INSA-Analysis Potentiale, auch in den letzten Jahren, in denen sie bei der Sonntagsfrage schlecht abschnitt, immer das gr\u00f6\u00dfte zus\u00e4tzliche Potential aller im Bundestag vertretenen Parteien. Die SPD schnitt aber auch bei unserer \u201enegativen Sonntagsfrage\u201c immer am besten ab, hatte die wenigsten W\u00e4hler, die sie grunds\u00e4tzlich nicht w\u00e4hlen wollten. Die Marke SPD war also intakt.<\/p>\n<p><strong>Wie sicher ist denn ihre Prognose, oder wird es vielleicht doch am Ende Armin Laschet oder Annalena Baerbock?<\/strong><\/p>\n<p>Ob Olaf Scholz Kanzler wird, das h\u00e4ngt letztlich nicht nur an seinen pers\u00f6nlichen Popularit\u00e4tswerten und der St\u00e4rke seiner Partei, sondern daran, ob er Koalitionspartner findet, die ihn zum Kanzler w\u00e4hlen. Ich schlie\u00dfe aus, dass B\u00fcndnis90\/Die Gr\u00fcnen st\u00e4rkste oder zweitst\u00e4rkste Kraft im Deutschen Bundestag werden. Annalena Baerbock wird wahrscheinlich Vizekanzlerin, aber sie wird nicht Kanzlerin. Ob Olaf Scholz oder Armin Laschet Kanzler wird, das h\u00e4ngt davon ab, wer von den beiden ein B\u00fcndnis schmieden kann, dass auf eine parlamentarische Mehrheit kommt. Olaf Scholz wird mehr Optionen haben, eine solche Regierung zu bilden.<\/p>\n<p><strong>Oft liegen Umfragen falsch? Woran liegt das?<\/strong><\/p>\n<p>Umfragen spiegeln die politische Stimmung zum Zeitpunkt der Erhebung. Sobald die Umfrage ver\u00f6ffentlicht wird, kann sie diese politische Stimmung wieder beeinflussen. Viele W\u00e4hler stimmen strategisch ab. Und dann gibt es auch noch den Mitl\u00e4ufer- und den Mitleidseffekt. Diese lassen sich nicht vorhersagen. Meinungsforscher sind keine Propheten.<\/p>\n<p><strong>Woran liegt es Ihrer Meinung, dass Olaf Scholz und die SPD so aufgeholt und die Gr\u00fcnen so viele Prozentpunkte verloren haben? H\u00e4tte die Union unter CSU-Chef Markus S\u00f6der mehr Chancen gehabt?<\/strong><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Die SPD hat sich mit Olaf Scholz als st\u00e4rkste Kraft im Lager links der Mitte durchgesetzt. Sie hatte auch immer mehr Potential als die Gr\u00fcnen. Ohne die Patzer von Annalena Baerbock und Armin Laschet h\u00e4tte sich der Trend wahrscheinlich nicht so schnell und so deutlich zu Gunsten von Olaf Scholz entwickelt. Und ja, demoskopisch sprach bereits im April 2021 alles f\u00fcr Markus S\u00f6der. Doch wie schnell Stimmungen wechseln k\u00f6nnen, das haben wir alle erlebt. In diesem Wahljahr konnten sich sowohl Frau Baerbock als auch die Herren Laschet und Scholz schon einmal auf der Siegerstra\u00dfe f\u00fchlen. Wer zuletzt lacht \u2026<\/p>\n<p><strong>Wie blicken die Bundesb\u00fcrger in die Zukunft, wenn man 1. die Deutschlandkoalition, 2. die Ampel, 3. Schwarz-gr\u00fcn oder eine rot-rot-gr\u00fcne Koalition in Betracht zieht!<\/strong><\/p>\n<p>Eine echte Koalitionsfavoriten haben die von uns Befragten nicht. Am popul\u00e4rsten ist noch ein rot-gr\u00fcnes B\u00fcndnis, das aber ebenso wie Schwarz-Gr\u00fcn eine parlamentarische Mehrheit verfehlen wird. Am realistischen erscheinen mir eine Ampel-Koalition, Rot-Gr\u00fcn-Rot oder eine Jamaika-Koalition.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Michael Kellner: Diese zwei Fehler machte er zuletzt<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz18.09.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>Die Gr\u00fcnen haben sich nach anf\u00e4nglichen H\u00f6henfl\u00fcgen im Wahlkampf verbrannt. Von den guten Umfragewerten ist zwei Wochen vor der Bundestagswahl nicht mehr viel geblieben. Dennoch hat die Partei in den vergangenen Jahren in der W\u00e4hlergunst deutlich gewonnen. Ein Mann, der eher im Hintergrund die F\u00e4den zieht, ist ma\u00dfgeblich f\u00fcr den gr\u00fcnen Erfolg verantwortlich \u2013 Michael Kellner. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/strong><\/p>\n<p>Die neuen Gr\u00fcnen sind anders als die alten Revoluzzer um Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit und Jutta Ditfurth, die als Enfant terribles f\u00fcr Schrecken im b\u00fcrgerlichen Deutschland der Nachkriegszeit sorgten. Die neue Generation mag es bescheidener, verpackt ihre Wahlprogramme in geschickt inszenierte Erz\u00e4hlungen, setzt auf Neuanfang und Gewissensappelle. Und hinter jeder Kampagne steckt nicht mehr die Wildheit und Unbefangenheit der Gr\u00fcndungsjahre, die Happenings, Stra\u00dfenk\u00e4mpfe und der pure Protest, sondern Annalena Baerbock und Robert Habeck k\u00f6nnen auf professionelle Hilfe im Wahlkampf zur\u00fcckgreifen. Bei ihren hegemonialen Bestrebungen an die Spitze des Landes zu treten, setzt die Partei immer mehr auf Kalk\u00fcl und Taktik, auf eine komplexe Machtmaschine von Aufpassern und Strippenziehern.<\/p>\n<h4><strong>Der unpr\u00e4tenti\u00f6se Mann aus Gera<\/strong><\/h4>\n<p>Einer der neuen Generation ist der geb\u00fcrtige Geraer Michael Kellner, der Kampagnenorganisator und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. \u201eHabecks Mastermind\u201c nennen sie ihn. Das Herz des 43-J\u00e4hrigen schl\u00e4gt einerseits im urbanen Schicki-Micki- und Insiderviertel Prenzlauer Berg als auch der beschaulichen und naturbelassenen Uckermark. Kellner, der nach au\u00dfen hin den bodenst\u00e4ndigen Macher gibt, den nahbaren Erkl\u00e4rb\u00e4r, agiert innenparteilich knallhart auf der Klaviatur der Macht. Er hat nicht nur die Idee der hauseigenen PR-Agentur in der Gr\u00fcnenzentrale durchgesetzt, sondern ohne die Arkusaugen des studierten Politikwissenschaftlers verl\u00e4sst kein Plakat und Slogan die Schaltzentrale. Dass Kellner, Sohn eines Schuldirektors und aufgewachsen in der ehemaligen DDR, im Wahljahr 2021 deutlich h\u00f6her pokern und die Wahlkampfmaschinerie auf Hochtour laufen lassen kann, verdankt sich nicht nur hohen Parteispenden und der deutlich angestiegenen Zahl an Mitgliedern, sondern einem Wahlkampfetat, der in der Geschichte der Gr\u00fcnen fast rekordverd\u00e4chtig ist. Waren es 2017 noch sechs Millionen Euro, die Kellner in die Wahlkampf-Arena werfen mochte, l\u00e4sst sich mit den zehn Millionen Euro 2021 solide wirtschaften und ein Wahlkampffeuer geradezu entfachen.<\/p>\n<h4><strong>Kellner setzt die Messlatte hoch an<\/strong><\/h4>\n<p>Ob Europa oder Landtagswahl \u2013 Kellner kann einen Sieg nach dem anderen f\u00fcr die Partei einfahren. Der digitale Gr\u00fcne, der die strategische Bedeutung des Internet f\u00fcr die politische Kommunikation und die Wirkmechanismen der sozialen Netzwerke als neuer Plattformen des Wahlkampfes geschickt bespielt, ist mit seinen zwei Metern ein Riese. Mit seiner Partei will er noch h\u00f6her und legt die Messlatte weit oben an. Doch schon jetzt liegt die Erfolgsquote des Partei-Modernisierers bei 100 Prozent. Dem Mann, der drei Jobs als Entwickler, Controller und Vertriebler in Personalunion auf sich vereinigt, ist es zu verdanken, dass die Gr\u00fcnen bei den Landtagswahlen in Bayern, Hessen und Baden-W\u00fcrttemberg Rekordergebnisse einfuhren. Kellner, der gern im Hintergrund die Strippen zieht, baut die Erfolgsb\u00fchne, auf der das gr\u00fcne Chefduo Robert Habeck und Annalena Baerbock steht. Der ehemalige B\u00fcroleiter von Claudia Roth hat mit seiner Taktik nicht nur bei der SPD indirekt f\u00fcr einen beispiellosen Absturz gesorgt, sondern seine eigene Partei nach dem Abgang des \u00dcbervaters Joschka Fischer 2005 aus der inhaltlichen Sklerose befreit. Aus einer Spie\u00dferpartei formte er kurzerhand eine neue Avantgarde.<\/p>\n<p>Der Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen, der w\u00e4hrend des Politikstudiums in Potsdam zur Partei kam und dort zum linken Parteifl\u00fcgel z\u00e4hlt, spricht im Superwahljahr schon von einer \u201eZeitenwende in der deutschen Politiklandschaft.\u201c Und auch dass man im Wahljahr nicht an den Gr\u00fcnen vorbeikommt, daran l\u00e4sst er keinen Zweifel. \u201eDeutschland erlebt nicht nur erstmals einen Wahlkampf ohne amtierende Kanzler*in, sondern auch mit den Gr\u00fcnen als f\u00fchrende progressive Kraft eine neue Form der Auseinandersetzung fernab der alten Denkmuster von Volksparteien und Lagerdenken.\u201c Und gerade deshalb zielt das Programm der Gr\u00fcnen auf eine breite Zielgruppe. Die Parole hei\u00dft nun Einigkeit: \u201eWir sind daf\u00fcr vorbereitet, wir ziehen alle an einem Strang.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Schaltzentrale der Macht \u2013 Die Agentur \u201eNeues Tor 1\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Um den Dampf im politischen Kessel richtig anzuheizen, war es wiederum Kellner, der zur strategischen Unterst\u00fctzung der Parteigranden die neue Agentur \u201eNeues Tor 1\u201c aus der Taufe hob. Der Agenturname steht nicht nur programmatisch f\u00fcr die Adresse der Parteizentrale in Berlin-Mitte, sondern fungiert auch als Kampfansage an die Union um Platz eins im Rennen um das Bundeskanzleramt. \u201eVom zweiten Platz aus k\u00e4mpft man klar um das entscheidende Tor zum Sieg\u201c, so Kellner. Mit der Projektagentur, die allein f\u00fcr die Kampagnenaktivit\u00e4ten f\u00fcr den Bundestagswahlkampf 2021 gegr\u00fcndet wurde, steht Kellner ein kampferprobtes achtk\u00f6pfige Kernteam zu Seite, in dem erfahrene Campaigner und Beraterinnen sowie Digitalexperten und Kreative aus den verschiedensten Agentur- und Organisationshintergr\u00fcnden arbeiten. Mit im Team ist Kurt Georg Dieckert, Chef der Berliner Agentur Dieckertschmidt, der bereits die Europawahlkampfkampagne erfolgreich verantwortete. Mit Matthias Riegel ist einer der strategisch einflussreichsten PR-Berater mit an Bord, der Winfried Kretschmann zum wiederholten Sieg in Baden-W\u00fcrttemberg verholfen hatte. Der Bundeswahlkampf 2017 war ohne Riegel nicht denkbar. Unter dem Label \u201eZiemlich beste Antworten\u201c rekrutierten die Gr\u00fcnen bereits damals ein Team aus der Partei nahestehenden Werbefachleuten. Nun ist es 2021 wieder an Riegel, den Bundesvorstand der Gr\u00fcnen strategisch zu beraten und zugleich die \u201edramaturgische Leitung\u201c im Wahlkampf zu \u00fcbernehmen. Mit Theresa Reis (zuletzt beim WWF), die sich im Berliner Wahlkampf 2020 profilieren konnte und Berit Leune, einer erfahrenden Marketing-Expertin, die sich ihre Meriten in den Kommunikationsabteilungen von Coca-Cola und BMW verdiente, ist Kellner gr\u00fcne Zukunftsschmiede bestens aufgestellt.<\/p>\n<p><strong>Bei Baerbock und bei der Neuaufstellung des Landesverbandes an der Saar machte er erste Fehler <\/strong><\/p>\n<p>Als Baerbock dann Mitte 2021 durch ihre Schummeleien bei Vita, Studium und Buchpublikation einen Teil ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit verlor und am Politikhimmel buchst\u00e4blich vergl\u00fchte, war es Kellner, der die fragw\u00fcrdigen Aktionen der Gr\u00fcnen-Chefin zuerst verharmloste: \u201eBagatellen werden aufgebauscht,\u201c um vom Klimawandel abzulenken, betonte er noch Anfang Juli. \u201eDas lassen wir uns nicht gefallen,\u201c sagte der Strippenzieher. Er sprach von einer gezielten Verleumdungskation. Der Plagiatsvorwurf sei haltlos, \u201eRufmord\u201c das Ganze. \u201eMan\u00f6verkritik machen wir intern\u201c, hie\u00df es. Dem allzu kritischen Umgang mit Baerbock wollte er gar ein Stoppschild vorsetzen und der von der Partei eingesetzte Star-Medienanwalt Christian Schertz sollte es richten. Doch die Beweislast gegen die Baerbock-T\u00e4uschungen war zu schwer, hier konnte selbst Kellner nichts mehr besch\u00f6nigen. Eine Woche sp\u00e4ter kam dann prompt die Kehrtwende: Der gr\u00fcne Macher gab M\u00e4ngel im bisherigen Wahlkampf zu. \u201eEs wurden Fehler gemacht, das ist offensichtlich.\u201c Auch am Debakel der Saar-Gr\u00fcnen, die nach einem bizarren Wahlkampf vom Bundeswahlausschusses nicht f\u00fcr die Bundestagswahl zugelassen wurden, war Kellner nicht ganz unbeteiligt, der unbedingt eine Quotenfrau mit durchsetzen wollte. Er hatte sich gegen den gew\u00e4hlten Gr\u00fcnen-Landeschef Hubert Ulrich und f\u00fcr die neue Spitzenkandidatin Jeanne Dillschneider ausgesprochen. Ulrich sah die Schuld f\u00fcr das Debakel beim Bundesvorstand und dem Bundesschiedsgericht der Partei. \u201eSie haben die Entscheidung [\u2026] zu verantworten\u201c und eine \u201eneue Liste erzwungen\u201c, die durch die Entscheidung des Bundeswahlausschusses \u201ein der Luft zerrissen\u201c wurde. Die Gr\u00fcnen im Saarland hatten Ulrich auf Listenplatz eins gew\u00e4hlt \u2013 obwohl der eigentlich einer Frau vorbehalten war. Der Imageschaden des Landesverbandes trifft jetzt letztendlich auch die Bundespartei, die nun auf die wichtigen Stimmen aus dem Saarland verzichten muss.<\/p>\n<p>Fazit: Michael Kellner bleibt auf Konfrontationskurs \u2013 und er ist einer mit dem die Parteienlandschaft in Deutschland weiter rechnen muss. Der gr\u00f6\u00dfte Fehler w\u00e4re es, den Wahlkampfmanager zu untersch\u00e4tzen. Wohin er seine Partei in den letzten Jahren gef\u00fchrt hat, dokumentieren anschaulich die Umfragewerte der Gr\u00fcnen. Immerhin scheint eine rot-gr\u00fcne oder gar rot-rot-gr\u00fcne Koalition acht Tage vor der Wahl denkbar. Baerbock wird jetzt gar als Au\u00dfenministerin gehandelt \u2013 verdanken tut sie dies auch Kellner.<\/p>\n<h1><strong>Kunst-Weltstar Gerhard Richter spendet f\u00fcr Obdachlose<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz17.09.2021Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p><strong>Gerard Richter ist einer der teuersten Maler dieser Welt. Auf Auktionen f\u00e4hrt er mit seinen Kunstwerken Rekordsummen ein. Doch immer wieder spendet er sein Geld f\u00fcr einen guten Zweck. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz. <\/strong><\/p>\n<p>1932 in Dresden geboren, ist Gerhard Richter buchst\u00e4blich ein Marathonl\u00e4ufer. Der fast 90-j\u00e4hrige Superstar hat alles erreicht, in den gr\u00f6\u00dften Museen der Welt h\u00e4ngen seine Werke, Sammler wurden durch ihn reich. Vielschichtig ist er sein ganzes Leben \u2013 bis ins hohe Altern hinein \u2013 geblieben, dem Geist des Entdeckens, dem Zauber der Verwandlung auf der Spur. Kaum einer kann auf ein derartig vielschichtiges Lebenswerk zur\u00fcckblicken. Und Richter war es, der der nach der Nachkriegszeit gebeutelten Malerei ein neues Gesicht schenkte. Anders als sein Lehrer Joseph Beuys ging es Richter nicht vordergr\u00fcndig allein um Happenings, um eine Kunst in Aktion, sondern um die Suche nach neuen Kunstmaximen, um eine provokante Bildsprache, die die Gesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit einzufangen vermag.<\/p>\n<p>So wurde Richter zum Grenzg\u00e4nger zwischen den Welten. Der einstige Stipendiat der Dresdner Hochschule floh zuerst aus den Kerkerw\u00e4nden des ostdeutschen Realismus, um von dort sich die ganze Welt buchst\u00e4blich zu erobern. Richter, der \u201ePicasso des 21. Jahrhunderts\u201c, galt als Freiheitsenthusiast, als einer, der sich weder die kritische Stimme gegen die Funktion\u00e4re verbieten lie\u00df noch als einer, der sich mit der Enge der DDR-Kunstdogmatik zufriedengeben wollte. Nach der Flucht in den Westen 1961 wurde er in D\u00fcsseldorf als Professor zum gefeierten Star. Richter hatte im ruhigen Fluss seiner Arbeit immer wieder mit Nachdruck vorgef\u00fchrt, was Malerei noch zu leisten vermag und dass sie sich gegen das Diktum der nachgesagten Unm\u00f6glichkeit, nach Auschwitz noch ein Bild zu malen, kraftvoll entgegengestellte. Richter malte gegen das Vergessen, flirtete mit Fluxus, Fotorealismus und Pop Art und Readymade \u2013 doch einordnen in eine Richtung lie\u00df er sich nie. Seit Beginn der 60er-Jahre hatte er seine eigene Form gefunden, die Idee, Fotografien abzumalen, die R\u00e4nder der Figuren zu verwischen und damit Unsch\u00e4rfe zu erzeugen. Richter ist ein Unangepasster in der Kunst geblieben, einem, dem das Experimentieren alles ist, der sich weder in das Korsett des sozialistischen noch des kapitalistischen Realismus pressen lie\u00df.<\/p>\n<p>Wenn es um Ehre, Weltruhm und Ewigkeit geht, ist Gerhard Richter schon l\u00e4ngst im G\u00f6tterhimmel der Kunst angelangt. Dort hat der Ewig-Schaffende bereits jetzt einen festen Platz, was gar nicht so einfach f\u00fcr einen Atheisten \u201emit Hang zum Katholizismus\u201c ist. Doch \u201eohne den Glauben an eine h\u00f6here Macht oder etwas Unbegreifliches\u201c k\u00f6nne er nicht leben. Es ist das Bekenntnis eines religi\u00f6s nicht ganz unmusikalischen Malers, der faustisch mit den Energien des Kreativen ringt, mit dem produktiven D\u00e4mon, der ins Unendliche treibt und Werke schafft, die ihresgleichen suchen.<\/p>\n<p>Starall\u00fcren hat sich Richter stets verweigert, er ist kein Markus L\u00fcpertz. Richter ist ein unabh\u00e4ngiger K\u00fcnstlertyp geblieben. Das Malergenie liebt es eher unpr\u00e4tenti\u00f6s, er ist denkbar bescheiden, der Hype um seine Person ihm unangenehm. Lange schon hatte er sich von der Oberfl\u00e4che der Eitelkeiten verabschiedet und in das Villenviertel Hahnwald in seiner Wahlheimat K\u00f6ln zur\u00fcckgezogen. Den gr\u00f6\u00dften Teil der heutigen Auktionskunst h\u00e4lt er allerdings f\u00fcr \u00fcberteuert. Was fehle, sei der Ma\u00dfstab f\u00fcr die Beurteilung des Wertes von Kunstwerken. \u201eWenn Sie die Auktionskataloge sehen, da wird ja 70 Prozent M\u00fcll f\u00fcr teures Geld verkauft.\u201c \u201eDie Kriterienlosigkeit, die ist schon das H\u00e4rteste dabei.\u201c Zwar finde er es angenehm, er, der sich nie als Marketingstratege verkauft hat, dass f\u00fcr seine Werke Millionensummen bezahlt werden, es zeigt immerhin, dass er gesch\u00e4tzt werde. Aber zugleich ist es f\u00fcr ihn auch \u201eunertr\u00e4glich und pervers, dass es solche Unsummen sind\u201c. Und auf die Frage, ob er das Gef\u00fchl habe, dass seine Kunst verstanden wird, antwortet er: \u201eManchmal ja. Sonst h\u00e4tte ich ja nicht so viel Erfolg. Also irgendwas wird ja schon ab und zu verstanden.\u201c Allein sein \u201eAbstraktes Bild 509\u201c erbrachte 2015 rund 39 Millionen Euro.<\/p>\n<p>Mit 88 Jahren legte der Mann, dessen Maxime es war, dass die \u201eKunst die h\u00f6chste Form der Hoffnung\u201c sei, der laut \u201eManager Magazin\u201c zu den 500 reichsten Deutschen z\u00e4hlt und als der wichtigste K\u00fcnstler der Gegenwart gehandelt wird, den Pinsel aus der Hand. Drei Kirchenfenster im Kloster Tholey gelten als sein letztes malerisches Verm\u00e4chtnis. \u201eIrgendwann ist eben Ende.\u201c \u201eDas ist nicht so schlimm. Und alt genug bin ich jetzt,\u201c erkl\u00e4rte er im September 2020 und sein Abschied von der Malerei glich einem Paukenschlag.<\/p>\n<p>Der Weltstar hat die gro\u00dfe B\u00fchne der Kunst verlassen, doch sein Herz ist weiter f\u00fcr die Armen ge\u00f6ffnet. Sechs Millionen Besucher begeistern sich jedes Jahr f\u00fcr sein Farben-Fenster im K\u00f6lner Dom aus dem Jahr 2007. Und den \u00c4rmsten von ihnen, gibt er nun einen kleinen Teil seines Erfolges zur\u00fcck. Der Maler mit Herz, der Kunst-Weltstar, ist gro\u00dfherzig, einer, der seine prallen Taschen immer wieder f\u00fcr Bed\u00fcrftige \u00f6ffnet. In den vergangenen zehn Jahren hat er fast eine Million Euro gespendet und daf\u00fcr einige seiner Werke zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<p>Auch der Verein \u201eKunst hilft Geben f\u00fcr Arme und Wohnungslose\u201c (Cultopia Stiftung) hat davon profitiert. \u201eWir haben allein durch den Verkauf und die Versteigerung seiner Werke \u00fcber eine halbe Million Euro eingenommen\u201c, so Vorstand Dirk K\u00e4stel. Und er f\u00fcgt hinzu: \u201eDamit ist Richter ma\u00dfgeblich an unserem Neubau beteiligt. Wir errichten in M\u00fclheim f\u00fcr 8,7 Millionen Euro drei H\u00e4user f\u00fcr Obdachlose, Fl\u00fcchtlinge und Bed\u00fcrftige.\u201c<\/p>\n<p>In der Covid-Pandemie k\u00fcmmerte sich der Verein speziell um Corona-gesch\u00e4digte Bed\u00fcrftige. Inmitten der weltweit gr\u00f6\u00dften Epidemie stiftete und signierte Richter 30 seiner ber\u00fchmten \u201eKerzen\u201c-Bilder. Alle wurden sie verkauft und brachten den stolzen Erl\u00f6s von 320.000 Euro f\u00fcr einen guten Zweck ein.<\/p>\n<p>Richter, der Ewig-Schaffende, ist damit nicht nur ein Vision\u00e4r, was seine Kunstwerke betrifft, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der bei allem Erfolg diejenigen nicht vergisst, denen die Welt nicht das Gl\u00fcck der Erde in Form eines unfassbaren Verm\u00f6gens geschenkt hat. Richter hat es sich verdient \u2013 mit Kreativit\u00e4t und Freiheitswillen. Doch der gefeierte Weltstar wei\u00df, dass Ruhm allein nicht gl\u00fccklich macht. \u201eGeben ist seliger denn nehmen\u201c, hie\u00df es schon in der \u201eApostelgeschichte\u201c \u2013 und der Maler mit Herz gibt, damit andere davon profitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h1>Merkels China-Botschafter ist tot: Hecker war einst in der SPD<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz7.09.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>Die Bundeskanzlerin hat nicht viele Vertraute. Es ist ein auserlesener Kreis den sich Angela Merkel (CDU) in den letzten sechzehn Jahren ihrer Amtszeit aufgebaut hat. Jan Hecker, Merkels neuer Botschafter in Peking, jedenfalls geh\u00f6rte mit dazu. Nun ist er \u00fcberraschend mit 54 Jahren gestorben. Ein Kommentar von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/strong><\/p>\n<p>Die Trauer im Kanzleramt ist gro\u00df. Merkels fr\u00fcherer au\u00dfenpolitischer Berater Jan Hecker hatte erst vor zwei Wochen seine China-Mission als Botschafter in Peking angetreten. Der Mann, der f\u00fcr Kontinuit\u00e4t im schwierigen Verh\u00e4ltnis zu China sorgen sollte, ist tot. Zum \u00fcberraschenden Tod erkl\u00e4rte die Bundeskanzlerin: \u201eDer Tod Jan Heckers ersch\u00fcttert mich zutiefst\u201c. [\u2026] \u201eIch trauere um einen hochgesch\u00e4tzten langj\u00e4hrigen Berater von tiefer Menschlichkeit und herausragender Fachkenntnis. Ich denke voller Dankbarkeit an unsere Zusammenarbeit und bin froh, mit ihm \u00fcber Jahre so eng verbunden gewesen zu sein,\u201c<\/p>\n<p>Schaut man auf den Stab, der die Kanzlerin umgibt, so sind es zwei Frauen, die f\u00fcr die Politikerin unverzichtbar sind. Beate Baumann und Eva Christiansen. Baumann ist seit 1995 B\u00fcroleiterin der Physikerin aus Hamburg, Christiansen seit 1998 an Merkels Seite. W\u00e4hrend Baumann quasi Merkels Schatten ist, der nie in die \u00d6ffentlichkeit tritt, agiert Christiansen als Chefinterpretin Merkels gegen\u00fcber Journalisten. Neben Ehemann Joachim Sauer, Volker Kauder, Peter Altmaier, Steffen Seibert, Julia Kl\u00f6ckner, Helge Braun, Annegret Kramp-Karrenbauer und Ursula von der Leyen war der studierte Politik- und Rechtswissenschaftler Jan Hecker auch Teil des \u201einner circles\u201c der deutschen Regierungschefin.<\/p>\n<p>Nach dem Studium in Grenoble und G\u00f6ttingen machte der sp\u00e4ter an der Viadrina habilitierte au\u00dferplanm\u00e4\u00dfige Professor f\u00fcr \u00d6ffentliches und Europarecht schnell Karriere. Europa und das Verfassungsproblem standen auf Heckers wissenschaftlicher Agenda. 1999 bis 2011 war er im Bundesinnenministerium abgestellt, von 2011 bis 2015 Richter am Bundesverwaltungsgericht. Dort oblagen ihm wichtige bildungspolitische, personalrechtliche Ressorts bis hin zum Waffenrecht, Polizei- und Ordnungsrecht.<\/p>\n<p>Heckers gro\u00dfe Stunde kam nach der Fl\u00fcchtlingskrise 2015. W\u00e4hrend die Kanzlerin die Tore f\u00fcr Millionen von Fl\u00fcchtlingen \u00f6ffnete, wechselte der 1967 in Kiel geborene Jurist 2017 auf den damals neu geschaffenen Posten des Leiters der Abteilung Au\u00dfen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik und wurde somit Chef des Koordinierungsstabes Fl\u00fcchtlingspolitik im Bundeskanzleramt. Damit r\u00fcckte Hecker auch in den Kreis derer, die Merkel damals gegebenes Versprechen, \u201eWir schaffen das\u201c in die Tat umsetzen musste. W\u00e4hrend die Kanzlerin ob ihrer Politik der offenen T\u00fcren viel kritisiert wurde, war es neben Peter Altmaier, dem fr\u00fcheren Kanzleramtschef und Armin Laschet eben auch Hecker, der fest an Merkels Seite stand. \u00a0In dieser Funktion war Hecker, der von 1995 bis 2002 Mitglied der SPD war, so etwas wie Merkels erster und wichtigster au\u00dfenpolitischer Berater. Wie sehr ihn die Kanzlerin sch\u00e4tze, zeigt, dass sie ihn bei Auslandsreisen immer als versierten Berater an ihrer Seite hatte. Noch im Juni begleitete er die Kanzlerin beim G7-Gipfel zu einem Acht-Augen-Gespr\u00e4ch mit US-Pr\u00e4sident Joe Biden. Der Professor, der auf keine karrieretypische Diplomatenlaufbahn verweisen konnte, hatte im Bundeskanzleramt den Ruf eines ausgezeichneten Intellektuellen: \u201eSein Pflichtbewusstsein, seine menschliche und berufliche Kompetenz und tiefe Bildung waren herausragend\u201c, schrieb sein fr\u00fcherer Vorgesetzter und damalige Kanzleramtschef Altmaier.<\/p>\n<p>Mit der Besetzung des Spitzendiplomaten im Amt des Botschafters in China wollte Merkel am Ende ihrer Kanzlerschaft nicht nur einen Vertrauten in eine Schl\u00fcsselposition bringen, sondern auch ein Zeichen setzen, dass die Bundesrepublik in dem derzeit schwierigen Verh\u00e4ltnis zur aufstrebenden Gro\u00dfmacht China f\u00fcr Kontinuit\u00e4t sorgen will. Und genau f\u00fcr diesen gem\u00e4\u00dfigten China-Kurs stand Hecker. Das Au\u00dfenministeriums der Volksrepublik hatte seine Ernennung ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dft und auf seine N\u00e4he zur Kanzlerin verwiesen, die in den zunehmenden Spannungen Europas mit China einen eher zur\u00fcckhaltenden Kurs vertritt.<\/p>\n<p>Erst am 24. August hatte Hecker seine regul\u00e4re Arbeit in Peking aufgenommen. Nach zwei Wochen im Amt ist er nun verstorben, Todesursache derzeit noch unbekannt. Damit verliert die Kanzlerin nicht nur einen ihrer Getreuen, sondern auch einen Strategen, der Peking nicht ver\u00e4rgern will. Seit Jahren f\u00e4hrt Merkel einen Schlingerkurs gegen\u00fcber dem Reich der Mitte. Ein bisschen Kritik an Menschenrechtsverletzungen geht schon \u2013 aber nur so viel, dass sich der wichtige Handelspartner nicht zu sehr provoziert f\u00fchlt. So m\u00e4andernd Merkel Politik gegen\u00fcber den Chinesen war, immer endete sie dort, wo sie die Kanzlerin hinhaben wollte. Die CDU-Politikerin hat sich nie Illusionen \u00fcber die Herrschaft von Pr\u00e4sident Xi Jinping gemacht, sie riskierte aber nie die deutschen Wirtschaftsinteressen. Einer von US-Pr\u00e4sident Joe Biden ausgerufenen Allianz demokratischer Staaten, die sich gegen China richten solle, entzog sie sich.<\/p>\n<h1>\u201eNew York Times\u201c spottet: Scholz sei der gr\u00f6\u00dfte Langweiler<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.09.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>Olaf Scholz hat ein klares Bekenntnis zu den Gr\u00fcnen formuliert. Sollten die Wahlumfragen, wie in den vergangenen Jahren so oft, dieses Jahr nicht v\u00f6llig verkehrt liegen, wird Scholz neuer Kanzler. CSU-Chef S\u00f6der will Scholz aber dann beerben. Amerika hingegen lacht \u00fcber die deutschen Personalien. Ein Kommentar von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/strong><\/p>\n<p>Die politische Landschaft in Berlin verschiebt sich. Nach 16 Jahren Angela Merkel und damit einer dauerpr\u00e4senten CDU will das Wahlvolk eine politische Trendwende. Und wie es derzeit in der politischen Berliner Republik aussieht, geht es in Richtung Rot-Gr\u00fcn.<\/p>\n<h4>\u00a0\u201eNew York Times\u201c spottet: Scholz sei der gr\u00f6\u00dfte Langweiler<\/h4>\n<p>Olaf Scholz, der SPD-Kanzlerkandidat, den sich derzeit \u2013 auch aus Alternativlosigkeit \u2013 viele Bundesb\u00fcrger \u2013 auch als politische Z\u00e4sur als Nachfolger von Angela Merkel w\u00fcnschen, hatte \u00e4hnlich wie Martin Schulz vor einigen Jahren im Schnellzug alle Konkurrenten aus dem Weg gerollt. Doch w\u00e4hrend Schulz vom ICE zur Dampflock wurde, scheint Scholz gen\u00fcgend Puste zu haben, um \u00fcber die Ziellinie zu marschieren. Selbst \u00fcber die H\u00e4me der \u201eNew York Times\u201c kann er nur m\u00fcde hinwegl\u00e4cheln, die ihn vor einigen Tagen als gr\u00f6\u00dften Langweiler verspottete. Aus Amerika hie\u00df es j\u00fcngst, dass diese Bundestagswahl so gar keinen Hauch von Spannung verspr\u00fche. Und der fr\u00fchere US-Botschafter John Kornblum legte in der \u201eTimes\u201c nach: Es sei \u201eaufregender, einem Topf kochendem Wasser zuzuschauen.\u201c<\/p>\n<h4><strong>Scholz ginge am liebsten mit den Gr\u00fcnen zusammen \u00a0\u00a0<\/strong><\/h4>\n<p>Geht es nach dem ehemaligen Hamburger Regierungschef h\u00e4tte er viele \u201eSchnittmengen mit den Gr\u00fcnen\u201c. Und so macht auch Scholz keinen Hehl daraus, dass er mit der Partei von Annalena Baerbock und Robert Habeck koalieren m\u00f6chte. W\u00e4hrend er den Gr\u00fcnen geradezu eine Liebeserkl\u00e4rung in der liebenswert n\u00fcchternen Art wie es einen Norddeutschen eigen ist, macht, sieht er hingegen viele unverhandelbare Punkte gegen\u00fcber der LINKEN. Mit den ihren Spitzenkandidaten Janine Wissler und Dietmar Bartsch will Scholz wohl nicht koalieren. Die j\u00fcngste Weigerung der Linken-Abgeordneten im Bundestag, dem Evakuierungseinsatz der Bundeswehr in Kabul zuzustimmen, bezeichnete er als \u201eschlimm\u201c. Die Mehrheit der Linken-Abgeordneten hatte sich enthalten, es gab aber auch einige Ja- und Nein-Stimmen. Seit einigen Jahren schon ist die SED-Nachfolgepartei in der Bredouille. Auch im Wahlkampfjahr schw\u00e4chelt sie und der Einzug in den Bundestag h\u00f6chst ungewiss. Die alten Kader und Funktion\u00e4re sind tot. Der Expansionskurs als \u00dcberlebensanker in den Westen ist gescheitert und die eher auf Opposition eingestellten Ostdeutschen w\u00e4hlen immer noch nicht das Establishment, sondern die politischen Aufmischer, die AfD. W\u00e4hrend der k\u00fchle Scholz gegen\u00fcber Links reserviert bleibt, macht ihm die Linkspartei dagegen eine Liebesoffensive nach der anderen. Man hofft nicht nur in Th\u00fcringen auf eine Regierungskoalition mit SPD und Gr\u00fcnen. Ja, geht es nach Linken-Chefin Susanne Henning-Wellsow stehen die Chancen f\u00fcr ein entsprechendes B\u00fcndnis auf Bundesebene so gut wie noch nie. \u201eWann, wenn nicht jetzt?\u201c Wie die \u201eFrankfurter Sonntagszeitung\u201c berichtet, sollen von Wissler und in einem Regierungsprogramm konkrete Eckdaten f\u00fcr m\u00f6gliche Koalitionsverhandlungen bereits vorliegen. Auf der Agenda der Linken stehen Mindestlohn, Rentenerh\u00f6hung, die Abschaffung von Hartz-IV, eine Kindergrundsicherung sowie die Einf\u00fchrung eines bundesweiten Mietendeckels.<\/p>\n<p>Ginge es nach Scholz w\u00e4re ihm eine rot-gr\u00fcne Koalition nach der Bundestagswahl am liebsten. Wie er betont, h\u00e4tten beide Parteien \u201eunterschiedliche Zielsetzungen, aber wir haben viele Schnittmengen.\u201c Anders als mit Bartsch und Co k\u00f6nne er mit den Gr\u00fcnen ein klares Bekenntnis zur transatlantischen Partnerschaft und zur NATO bekennen, sagte Scholz. \u201eEr muss sich bekennen zu einer starken, souver\u00e4nen Europ\u00e4ischen Union und dazu, dass wir solide mit dem Geld umgehen, dass die Wirtschaft wachsen muss\u201c, f\u00fcgte er hinzu. Diese Anforderungen seien unverhandelbar. Mit dieser Haltung unterst\u00fctzt Scholz die SPD-Chefin Saskia Esken. Sie hatte der Linken die Regierungsf\u00e4higkeit abgesprochen.<\/p>\n<h4><strong>Laschet kommt nicht aus dem Tief und S\u00f6der wird nach Scholz Kanzler<\/strong><\/h4>\n<p>Am Donnerstag hatte Armin Laschet sein Zukunftsteam vorgestellt. Die Personalien jedoch wollten nicht richtig \u00fcberzeugen. Bis auf Friedrich Merz keine bekannten Gesichter. Auch war und ist nicht klar, was der CDU-Chef mit seinen vier Frauen und vier M\u00e4nner-Team eigentlich bezweckte? M\u00f6gliche Minister? Wohl eher nicht, denn das w\u00fcrde die amtierenden, die \u00fcberhaupt im Zukunftsteamteam keinen Platz haben, br\u00fcskieren. Wo bleibt der Unterst\u00fctzer Jens Spahn, wo Annegret Kramp-Karrenbauer oder Peter Altmaier? Statt festen Gr\u00f6\u00dfen \u2013 ein Heer von Unbekannten, denen von Seiten der Union auch nicht zugetraut wird, die gro\u00dfen Herausforderungen der Zukunft, Klimawandel, Energiewende, Migration und Digitalisierung irgendwie aus dem Boden zu stemmen. Auch ist die amtierende Ministerriege von Laschets Vision der Zukunft sicherlich eher br\u00fcskiert als wirklich erfreut. Er tritt damit jedem einzelnen so richtig vor den Kopf.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also Laschet weiter laviert, bereitet sich der L\u00f6we aus Bayern, CSU-Chef Markus S\u00f6der auf den n\u00e4chsten Wahlkampf bereits vor. Wird das Tor 2021 in das Netz von SPD und Gr\u00fcnen, m\u00f6glicherweise zusammen mit der Linkspartei oder den Liberalen um Christian Lindner gehen, S\u00f6der will auf alle F\u00e4lle der n\u00e4chste Kanzler nach Scholz werden.<\/p>\n<p>Und Scholz kann derzeit auf einen komfortablen Vorsprung bauen. Laut aktuellen ARD-Deutschland-Trend kommt die SPD auf 25 Prozent und die Gr\u00fcnen auf 16 Prozent. Sollte es nicht f\u00fcr eine Regierung nur aus SPD und Gr\u00fcnen reichen, wird Scholz die Ampel-Koalition mit der FDP anstreben. Christian Lindner kommt damit in die komfortable Position, wieder einmal das Z\u00fcnglein an der Waage zu sein. 2017 beendete der FDP-Chef die Verhandlungen zur Jamaika-Koalition mit den mittlerweile legend\u00e4ren Worten: \u201eEs ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.\u201c Das sich ein 2017 wiederholt ist unwahrscheinlich, gleichwohl Lindner mit Armin Laschet in Nordrhein-Westphalen eine stabile Regierungskoalition h\u00e4lt.<\/p>\n<h1>In Mali k\u00f6nnte die Bundeswehr wie in Afghanistan scheitern<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz4.09.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>In Afghanistan ist die Weltgemeinschaft kl\u00e4glich gescheitert. Trotz vieler Warnungen aus Kabul hatten die Regierungschefs zu sp\u00e4t reagiert und die m\u00f6gliche Macht\u00fcbernahme durch die Taliban untersch\u00e4tzt. In Mali k\u00f6nnte der n\u00e4chste milit\u00e4risch-politische Gau drohen. Das afrikanische Land ist politisch \u00e4hnlich instabil und auch dort wollen Islamisten das Ruder an sich rei\u00dfen. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz. <\/strong><\/p>\n<p>Eklatantes Politikversagen auf internationaler Ebene \u2013 das bleibt das besch\u00e4mende Res\u00fcmee des gescheiterten Afghanistaneinsatzes. Nach der Niederlage am Hindukusch stellt sich nunmehr denn je die Frage nach Sinn und Zweck von Auslandseins\u00e4tzen der Bundeswehr. Wie die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer betonte, m\u00fcsse \u201eman aus diesem Einsatz\u201c Lehren ziehen\u201c. Und die CDU-Politikerin f\u00fcgte hinzu: Man werde \u201edie anderen Auslandseins\u00e4tze der Bundeswehr dahingegen pr\u00fcfen, ob wir gut aufgestellt sind. Fakt ist jedenfalls: Wie einst in Afghanistan ist der Einsatz der Bundeswehr in Westafrika besonders gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<h4><strong>Ein weiteres Scheitern k\u00f6nnte drohen<\/strong><\/h4>\n<p>Nach der internationalen Pleite am Hindukusch r\u00fcckt nun der Mali-Einsatz der Bundeswehr zunehmend in den Fokus des \u00f6ffentlichen Interesses. Die Bef\u00fcrchtungen sind gro\u00df, dass hier ein zweites Afghanistan droht. Und die Zeichen, dass die Truppe wieder Gefahr l\u00e4uft, das Ruder aus der Hand zu geben, ist derzeit relativ hoch. Der unter US-Leitung gef\u00fchrte Afghanistaneinsatz kostete Deutschland, wie das \u201eDeutsche Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW)\u201c bei einem \u201erealistischen Szenario\u201c einsch\u00e4tze, zwischen 26 bis 47 Milliarden Euro. Auch der Einsatz in Mali verschlingt ebenfalls Unsummen an deutschem Steuergeld. Allein zwischen 2016 und 2020 gab Deutschland vor allem f\u00fcr Entwicklungsprojekte und zivile Stabilisierungsma\u00dfnahmen in Westafrika und damit auch in Mail 3,2 Milliarden Euro aus.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Afghanistan kampflos den Taliban \u00fcbergeben wurde, will die Bundeswehr ihr Engagement in Westafrika nun sogar verst\u00e4rken. Eine wichtige Rolle bei der deutschen Unterst\u00fctzung spielte der Wunsch, im Schulterschluss mit Paris die Handlungsf\u00e4higkeit der EU bei Kampfeins\u00e4tzen im Ausland zu st\u00e4rken. Erst in diesem Jahr betonte der Staatsminister im Ausw\u00e4rtigen Amt, SPD-Politiker Michael Roth, dass \u201ein der Sahel-Region\u201c eine \u201egelebte europ\u00e4ische Teamarbeit\u201c auf der Agenda stehe.<\/p>\n<p>Seit 2013 ist Deutschland an der UN-Friedensmission MINUSMA in Mali beteiligt. Der Einsatz gilt nach Afghanistan als derzeit gef\u00e4hrlichster der UN. Das belegen Anschl\u00e4ge der letzten Jahre. 2016 attackierten Extremisten das Hauptquartier der \u201eEuropean Union Training Mission Mali\u201c (EUTM). 2018 gab es einem Anschlag auf die Ferienanlage \u201eLe Campement\u201c. Im Februar 2019 wurde das Training Center an der malischen Offizierschule in Koulikoro von mehreren Angreifern mit Handfeuerwaffen und durch zwei mit Sprengs\u00e4tzen pr\u00e4parierte Autos angegriffen. Erst Ende Juni 2021 gab es einen Anschlag, der auf das Konto der Al-Kaida nahen Gruppe \u201eJNIM\u201c geht, die sich in einem Bekennervideo im Internet zum Attentat bekannte. Allein zw\u00f6lf deutsche Soldaten wurden beim Attentat verletzt. Doch im Lande brodelt es seit Jahren, zudem bereitet das Klima bei Kampfeins\u00e4tzen gro\u00dfe Probleme. Nicht nur unertr\u00e4gliche Hitze und Staub bringt die Soldateninnen und Soldaten an die psychische und physische Belastungsgrenze, auch die Guerilla-Taktik der Islamisten bleibt eine best\u00e4ndige Bedrohung, die auch im Jahr 2021 daf\u00fcr sorgt, dass die Lage weiter brenzlig ist \u2013 nicht zuletzt, weil die Islamisten permanent ihre Methoden und Angriffstaktiken \u00e4ndern. Auch in Mali sieht sich die Bundeswehr mit einer \u201easymmetrischen\u201c Kriegsf\u00fchrung des islamistischen Gegners konfrontiert, genau wie bis zuletzt in Afghanistan. Dass die Lage in Westafrika permanent in Gefahr steht, aus dem Ruder zu laufen, mussten die Franzosen Anfang 2013 erleben. Nur durch einen massiven Kampfeinsatz der \u201eOp\u00e9ration Serval\u201c gelang es, den Vormarsch islamistischer Terrorgruppen auf die Hauptstadt Bamako zu stoppen. Derzeit k\u00e4mpft Frankreich mit 5100 Soldaten und seiner Anti-Terror-Einheit \u201eBarkane\u201c gegen den transnationalen und islamistischen Terrorismus.<\/p>\n<h4><strong>Lage wird immer bedrohlicher<\/strong><\/h4>\n<p>Seit 2016 hat sich die Sicherheitslage in der westafrikanischen Sahel-Region drastisch verschlechtert. Dschihadisten und ethnische Konflikte destabilisierten nicht nur Mali, sondern auch die f\u00fcnf Sahel-Staaten (\u201eG5\u201c) Mauretanien, Mali, Niger, Burkina Faso und Tschad. Doch anders als in Afghanistan setzt man in Afrika nicht auf \u201eProvincial Reconstruction Teams\u201c, sondern schw\u00f6rt nunmehr auf die so genannte \u201eStabilisation Platform\u201c. Es sind nicht die Ortkr\u00e4fte, die eine zentrale Rolle spielen, sondern die Befriedung und der Aufbau der Region soll durch Entwicklungsexperten wie der Gesellschaft f\u00fcr Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit organisiert werden. So sehr das Ausw\u00e4rtige Amt aber die neue Strategie schon als Erfolg feiert, so einfach gestaltet sich die Lage dennoch nicht.<\/p>\n<p>Eine Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) beurteilt den Einsatz von Deutschen und Franzosen bereits jetzt schon als \u201eerfolglos\u201c. Wie Wolfram Lacher betonte, sei bereits die Koordination zwischen beiden Nationen im Krisengebiet schwierig. W\u00e4hrend Paris nach den islamischen Anschl\u00e4gen in Frankreich H\u00e4rte im Kampf gegen den internationalen Terror zeigen will und eine Drohkulisse aufbaut, will das in den Bundeswahlkampf versunkene Berlin eher beweisen, dass es nun mehr internationale Verantwortung \u00fcbernehmen kann. Dass die Mission heikel ist, unterschreibt auch Joachim Krause vom Institut f\u00fcr Sicherheitspolitik an der Uni Kiel. Der Experte hatte den Afghanistaneinsatz als \u201ehoffnungslosen Fall\u201c bezeichnet und gibt f\u00fcr Mali wenige Lichtblicke. \u201eWir sind dort, weil wir den Franzosen einen Gefallen tun wollen.\u201c Auch Christian Klatt, der das B\u00fcro der Friedrich-Ebert-Stiftung in der malischen Hauptstadt Bamako leitet, betont: \u201eDie Sicherheitslage im Land ist fragil. Zwei Drittel des Landes stehen nicht oder kaum unter staatlicher Kontrolle.\u201c Auch ein ehemaliger Kampfmittelbeseitiger der Bundeswehr, der in Afrika Sprengfallen entsch\u00e4rft hat, unterstreicht die sich immer weiter verschlechternde Sicherheitslage. \u201eDie Aufst\u00e4ndischen probieren sich aus, sie lernen dazu, verwenden mehr oder andere Sprengmittel.\u201c Je l\u00e4nger der Konflikt dauert, desto mehr lernen die dschihadistischen Aufst\u00e4ndischen voneinander. Mittlerweile gebe es teilweise einen regelrechten Know-how-Transfer.<\/p>\n<h4><strong>Ein Netzwerk aus Korruption beherrscht Afrika<\/strong><\/h4>\n<p>Und tats\u00e4chlich regiert in Westafrika wie am Hindukusch ein Netzwerk aus Korruption, Kleptokratie, Tribalismus, Clans und Warlords. Und genau diese strategischen wie strukturellen Un\u00fcbersichtlichkeit minimieren die Erfolgsaussichten. Die kritischen Stimmen stehen dabei diametral zu den T\u00f6nen, die aus dem Ausw\u00e4rtigen Amt kommen. Dort vertraut man auf die staatlichen Strukturen in Mali und betont, diese zu st\u00e4rken, denn \u201eStabilisierung ist ein Kernbestandteil unserer Au\u00dfenpolitik geworden\u201c. Das sich Au\u00dfenminister Heiko Maas (SPD) schon in Afghanistan blamierte und nicht zur\u00fccktrat, steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n<h4><strong>Die Leitung der Bundeswehr macht erneut gro\u00dfe Fehler<\/strong><\/h4>\n<p>Erschwerend kommt f\u00fcr Bundeswehr mit einer derzeitigen Truppenst\u00e4rke von knapp 1.000 Soldaten hinzu, dass sie immer \u00f6fter in das Visier von IS-nahen Dschihadistengruppen geraten, die ihr Waffenpotential und damit ihren hegemonialen Anspruch in den letzten Jahren durch improvisierte Bomben und Selbstmordanschl\u00e4ge wirkm\u00e4chtig demonstrieren konnten. Aber anstatt Flankendeckung f\u00fcr die deutsche Truppe in Sachen milit\u00e4rischem Equipment zu geben, ist der Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn, vor einer zu schnellen Aufr\u00fcstung seiner Soldaten nicht \u00fcberzeugt. Noch in einer Sitzung des Verteidigungsausschusses Mitte Juli 2021 hatte zwar Zorn davor gewarnt, dass die Islamisten in Afrika \u00e4hnlich wie die Taliban extrem gut milit\u00e4risch ausgestattet sind, doch halte er es derzeit f\u00fcr vorschnell, auf bessere Panzer und bewaffnete Drohnen zu setzen. In Berlin f\u00fcrchtet man, dass die Soldaten durch die Aufr\u00fcstung noch st\u00e4rker zum Ziel von Angriffen werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<h4><strong>Mali als Vorposten f\u00fcr eine ungefilterte Migration<\/strong><\/h4>\n<p>Am 7. Juli 2021 hat der deutsche Brigadegeneral Jochen Deuer die F\u00fchrung \u00fcber EUTM-Soldaten im westafrikanischen Land \u00fcbernommen. Als multinationale Ausbildungsmission der Europ\u00e4ischen Union (EU) mit Hauptquartier der Hauptstadt Bamako versucht man die malischen Streitkr\u00e4fte \u201eForces Arm\u00e9es et de S\u00e9curit\u00e9 du Mali\u201c (FAMa) mit milit\u00e4rischer Grundlagenausbildung und Beratung dazu zu bef\u00e4higen, gegen islamistische Milizen in der Region vorzugehen. Man setzt mit diesem Engagement darauf, \u201eInstabilit\u00e4t und Gewalt einzud\u00e4mmen und einem m\u00f6glichen Staatszerfall der G5-Sahel-Staaten vorzubeugen\u201c, so zumindest steht es in einem Dokument mit dem Namen \u201eStrategische Ausrichtung des Sahel-Engagements\u201c der Bundesregierung. Nordafrika und die Sahel-Zone werden laut dem Papier als \u201egeostrategisches Vorfeld\u201c Europas bezeichnet und damit als Vorposten f\u00fcr eine m\u00f6gliche ungefilterte Migration. Wie wichtig der Bundesregierung, die von den Milit\u00e4r-Partnern eine enge Zusammenarbeit im Bereich Migration und R\u00fcckf\u00fchrung einfordert, diese Mission als Pufferzone f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Migrationsbewegungen in Richtung Europa ist, bleibt in Anbetracht globaler Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me im Zusammenhang von Wirtschafts- und Klimamigration allzu verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>So sehr man der Mission in Mail Erfolg w\u00fcnscht, die mangelnde Ausr\u00fcstung der Soldatinnen und Soldaten war bereits in Afghanistan ein Dauerthema. Galt am Hindukusch die Ausbildung einheimischer Truppen als Kern der \u201eExit\u201c-Strategie \u2013 so ist diese gescheitert. Auch die von Deutschen in Mali ausgebildeten Milit\u00e4rs hatten sich 2021 erneut an die Macht geputscht und sowohl den Interimspr\u00e4sident Bah N\u2019Daw und Premierminister Moctar Ouane festgenommen. Er war bereits der zweite Putsch innerhalb eines Jahres. Eine Schl\u00fcsselrolle spielte dabei der 38-j\u00e4hrige Oberst Assimi Goita Goita, der bereits Anf\u00fchrer der Putschisten im August 2020 war und jetzt neuer Interims-Staatschef ist. Allein diese Instabilit\u00e4t der von Deutschen mitausgebildeten Milit\u00e4rs stellt den gesamten Einsatz in Frage und zeigen dunkle Parallelen zum gescheiterten Afghanistaneinsatz.<\/p>\n<p>Wie Christian Klatt von der Friedrich-Ebert-Stiftung betont, h\u00e4tte ein \u201eAbzug der internationalen Truppen\u201c auch in Afrika gravierende Folgen. \u201eDie malische Armee hat unzureichende Ressourcen und Ausbildung, um f\u00fcr Stabilit\u00e4t zu sorgen.\u201c Sowohl die Bundesregierung, die noch amtierende Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer als auch Au\u00dfenminister Heiko Maas m\u00fcssen in Anbetracht der Instabilit\u00e4t nun \u00fcberpr\u00fcfen, \u201ewie gut\u201c die Bundeswehr in Afrika tats\u00e4chlich aufgestellt ist. Irren sie sich bei der Einsch\u00e4tzung der Lage wie in Afghanistan erneut, droht ihnen nicht nur politisch ein Waterloo. Die Schlacht, die am 18. Juni 1815 rund 15 km s\u00fcdlich von Br\u00fcssel in der N\u00e4he des Dorfes Waterloo stattfand, war bekanntlich die letzte Schlacht des franz\u00f6sischen Kaisers Napoleon Bonaparte und beendete seinen Anspruch auf Weltherrschaft f\u00fcr immer.<\/p>\n<h1><strong>Interview mit Hildegard Wortmann:<\/strong> <strong>Top-Managerin Wortmann: Die Zukunft bei Audi ist voll elektrisch<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz3.09.2021Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p>\u201eThe European\u201c traf Hildegard Wortmann, Mitglied des Vorstands der Audi AG f\u00fcr Vertrieb und Marketing, zum Interview und sprach mit ihr \u00fcber die gro\u00dfen Herausforderungen der mobilen Transformation.<\/p>\n<p><strong>Wie schaut Audi in die Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind f\u00fcr die Transformation in der Automobilindustrie gut aufgestellt. Audi hat klar definiert, wie wir den Wandel vorantreiben. Bis 2025 bringen wir zwanzig voll elektrische Fahrzeuge auf den Markt. Aber wir investieren nicht nur in die Flotte, sondern weiter in die Ladeinfrastruktur und bauen das Netzwerk aus. Der \u201ee-tron Charging Service\u201c hat heute schon 255.000 Ladepunkte in Europa. Das gilt ebenso f\u00fcr die USA und China. Wenn man die gesamte Wertsch\u00f6pfungskette neben dem Auto betrachtet, bleiben die Audi-Werke sehr stark im Fokus, wenn es um Innovation und Nachhaltigkeit geht. Im Werk in Br\u00fcssel, wo der e-tron gebaut wird, sind wir seit 2018 CO-2-neutral. Bis 2025 werden alle unsere Werke CO2-neutral sein und bis 2050 wollen wir die gesamte Dekarbonisierung in unserem Unternehmen umgesetzt haben.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Plan ist in klaren Investitionen belegt. So werden wir siebzehn Milliarden in die Elektromobilit\u00e4t bis in das Jahr 2025 investieren. Dies zeigt unsere offensiv-definierte Haltung, dass f\u00fcr uns die Zukunft elektrisch ist. Und damit wird deutlich, dass die E-Mobilit\u00e4t der einzig wirksame Weg ist, um wirklich CO-2-Emmissionen zu senken. Diese Idee leben wir mittlerweile bei Audi.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wir wollen Sie die Skeptiker der E-Mobilit\u00e4t \u00fcberzeugen, ein Elektroauto zu kaufen?<\/strong><\/p>\n<p>Das gesamte ECO-System muss den Kunden \u00fcberzeugen. Es reicht eben nicht, ein tolles Auto mit viel Reichweite und tollem Design zu produzieren, sondern es geh\u00f6rt das Gesamtsystem dazu. Und hier spielt die Ladeinfrastruktur eine entscheidende Rolle. Deswegen ist es wichtig, dass der Aufbau dieser Struktur, der derzeit noch einer Herkulesaufgabe gleichkommt, schnell in die G\u00e4nge kommt. Aber diese Aufgabe l\u00e4sst sich nur bew\u00e4ltigen, wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam an einem Strang ziehen, wenn sie zusammen an dieser Herausforderung gemeinsam arbeiten. Mit \u201eFit for 55\u201c gibt es sicherlich den n\u00e4chsten Schub, der in eine vern\u00fcnftige Richtung weist. Wir sind bereits auf einem guten Weg, aber es gibt noch viel zu tun.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Was w\u00fcnscht sich Audi, was die Politik besser machen k\u00f6nnte?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Politik ist f\u00fcr uns wichtig, um stabile Rahmenbedingungen zu definieren. Wir k\u00f6nnen als Unternehmen mit Milliarden-Investitionen nur funktionieren und langfristig erfolgreich sein, wenn wir diese von der Politik gew\u00e4hrleistet bekommen. Je klarer man sich dabei zum Thema der E-Mobilit\u00e4t der Zukunft dort \u00e4u\u00dfert, desto besser ist es f\u00fcr unser Unternehmen. Was wir uns w\u00fcnschen, w\u00e4re nat\u00fcrlich mehr Unterst\u00fctzung seitens der Politik mit Blick auf die nationale wie internationale Ladestruktur. Und generell: mehr Unterst\u00fctzung f\u00fcr all die Themen, die wirklich dazu beitragen, den Klimawandel zu stoppen<\/p>\n<p><strong>\u00a0Thema Lieferketten. Was gibt es hier f\u00fcr Probleme?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wir sehen beim aktuellen Chipmangel, dass unterbrochene Lieferketten tats\u00e4chlich ein gro\u00dfes Problem sind. Dennoch: Wir haben gerade das erste Halbjahr 2021 abgeschlossen und dieses war das erfolgreichste in der der Geschichte von Audi. Insgesamt 982.000 Fahrzeuge konnten wir \u2013 trotz Coronapandemie \u2013 an unsere Kunden ausliefern. Es ist dennoch gerade\u2013 im Hinblick auf den Chipmangel \u2013 eine schwere Zeit, derzeit die Fahrzeuge rechtzeitig an den Kunden zu \u00fcbergeben. Ohne die vielen H\u00e4nde der Audi-Mitarbeiter w\u00e4re dies nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Viele in der Autobranche haben Angst ihren Job zu verlieren, ist das eine berechtigte Angst?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben bei Audi Besch\u00e4ftigungssicherung bis 2029. Aber entscheidender ist die Frage wie wir in neue Zukunftsfelder investieren: Wie stellen wir uns auf die Transformation ein, wie stellen wir sicher, dass wir die richtigen Kompetenzen weiterbilden? Wir haben derzeit unglaublich viele Umqualifizierung- und Qualifizierungsprogramme in der Umsetzung. Aber es gilt: Wir m\u00fcssen alle gemeinsam mit auf die Reise nehmen. Umqualifizierung, Ressourcen und Kompetenzen sind aufzubauen \u2013 und das ist die gro\u00dfe Herausforderung vor der wir derzeit bei Audi stehen.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>Interview mit Monika Schnitzer: Wirtschaftsweise Schnitzer: Nur eine Pflichtversicherung w\u00e4re solidarisch<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz2.09.2021Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p><strong>Wir leben in unruhigen Zeiten. Corona und Umweltkatastrophen bestimmen unseren Alltag. Doch wie lassen sich die gro\u00dfen Transformationen bew\u00e4ltigen, fragt \u201eThe European\u201c die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wir verschulden uns in mit der Klimakrise und durch die Pandemie. Wer soll die Zeche bezahlen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben neue Schulden gemacht. Dies war notwendig, weil wir Hilfsma\u00dfnahmen zu stemmen hatten, um den durch die Einschr\u00e4nkung betroffenen Unternehmen zu helfen. Die Frage bleibt, wie wird das am Ende wieder zur\u00fcckgezahlt? Am Beispiel der Finanzkrise l\u00e4sst sich ein m\u00f6glicher Ausweg verdeutlichen. Damals hatten wir eine Schuldenquote von achtzig Prozent. Innerhalb von zehn Jahren konnten wir diese durch eine gute Haushaltsdisziplin auf sechzig Prozent reduzieren. Gleichzeitig hatten wir eine gute konjunkturelle Phase und sind aus diesen Schulden herausgewachsen. Ich denke, dies ist die Chance, mit der wir auch die Pandemie schultern k\u00f6nnen. Derzeit haben wir keinen vergleichbaren Schuldenstand bzw. eine Schuldenquote wie w\u00e4hrend und nach der Finanzkrise 2009. Aktuell liegen wir bei 70 Prozent. Aber wir sind gut finanziert in die Krise hineingegangen und werden aus dieser auch herauskommen, wenn wir daf\u00fcr sorgen, dass wir das Geld auch richtig ausgeben. Daher m\u00fcssen wir so investieren, dass wir die Wachstumskr\u00e4fte bef\u00f6rdern, damit wir eine Wachstumsphase wieder bekommen.<\/p>\n<p><strong>Was ist bei der Flutkatastrophe im Sommer in vielen Orten Deutschlands falsch gelaufen? Warum kam es zu einem solchen Ausma\u00df an Sch\u00e4den?<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns auf solche Katastrophen immer h\u00e4ufiger auftreten, einstellen. Das sind Folgen des Klimawandels \u2013 und darauf m\u00fcssen wir in Zukunft sowohl bei der Bebauung als auch bei der Bewirtschaftung der Fl\u00e4chen R\u00fccksicht nehmen. Wir m\u00fcssen mehr in die die Vorsichtsma\u00dfnahmen, also in Hochwasser- und Katastrophenschutz investieren. Diese Anpassungen m\u00fcssen wir leisten. Wenn wir hier nicht fr\u00fchzeitig viel Geld in die Hand nehmen, werden erneute Umweltkatastrophen noch teurer. Es gilt also das Gebot der Vorsorge.<\/p>\n<p><strong>Diskutiert wird auch nach der Katastrophe \u00fcber eine Pflichtversicherung. Wie sinnvoll ist diese?<\/strong><\/p>\n<p>In einem solchen Fall ist eine Pflichtversicherung eine gute L\u00f6sung. Denn nach einer solchen Katastrophe wird oft nach dem Staat gerufen und man setzt darauf, dass der Staat helfen wird. Damit aber hat der individuelle Haushalt keinen Anreiz mehr, eine solche Versicherung zu kaufen. Wenn wir wollen, dass durch Versicherungen solche F\u00e4lle abgedeckt werden, m\u00fcssen wir daf\u00fcr sorgen, dass alle versichert sind, damit am Ende nicht der Staat einspringen muss, um diese Rettungsma\u00dfnahmen zu unterst\u00fctzen. Die Solidarit\u00e4t, die wir nach der Katastrophe erlebten, wird durch die Pflichtversicherung vor diese geholt. Wir sind dann alle solidarisch, wir tragen alle zu dieser Versicherung bei, um vor eventuellen Sch\u00e4den gewappnet sein. Hinzu m\u00fcsste ein Element hinzutreten, dass die Anreize entsprechend ber\u00fccksichtigt. Die Risikopr\u00e4mien m\u00fcssen nach der H\u00f6he des Risikos gestaffelt sein. Ich muss schon einen Anreiz haben, nicht an einer Stelle zu bauen, wo das Risiko besonders hoch ist. Das muss durch gestaffelte Risiken aber im Einzelfall abgedeckt werden.<\/p>\n<p><strong>Die Schere zwischen armen und reichen Menschen wird immer gr\u00f6\u00dfer \u2013 auch in und nach der Pandemie. Wer beispielsweise an der B\u00f6rse investiert hat, ist jetzt der Gewinner, wer analog lebt und denkt, hat sogar wom\u00f6glich seinen Arbeitsplatz verloren oder war in Kurzarbeit. Wie sehen Sie das als Wirtschaftsweise? Bleibt die Schere?<\/strong><\/p>\n<p>Durch die Pandemie ist die Schere gr\u00f6\u00dfer geworden. Besonders schlimm war dies im Bildungsbereich. Wochenlang haben die Schulen keinen Pr\u00e4senzunterricht geleistet, Kinder waren auf sich selbst gestellt. Und so sind es die Kinder aus den sozialschw\u00e4cheren Haushalten, die besonders benachteiligt sind, weil sie nicht die ad\u00e4quate technische Ausstattung und \u2013 auch famili\u00e4r bedingt \u2013 oft nicht die richtige Unterst\u00fctzung hatten. Der Bildungsabstand wird also in der Pandemie zwischen den Kindern aus sozial bessergestellten gegen\u00fcber denen aus \u00e4rmeren Haushalten nochmals gr\u00f6\u00dfer. Jetzt geht es darum, den Kindern eine Chance zu geben, damit sie den in der Pandemie verpassten Bildungserfolg wieder aufholen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>Interview mit Alexander Dobrindt. Dobrindt: \u201eIch sehe keinen weiteren Lockdown\u201c<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.09.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><strong>\u201eThe European\u201c sprach mit dem Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag \u00fcber einen m\u00f6glichen neuen Lockdown und \u00fcber die Deutschlandkoalition als charmante Variante. <\/strong><\/p>\n<p>Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, Alexander Dobrindt, Foto: WEIMER MEDIA GROUP<\/p>\n<p><strong>Wir kommen wieder in einen Coronaherbst, die Inzidenz steigt, wiederholen wir die gleichen Fehler von 2020?<\/strong><\/p>\n<p>Von den gleichen Fehlern kann man nicht reden. Die Pandemie ist im vergangenen Jahr gut bearbeitet worden, aber man kann nicht mehr mit den gleichen Mechanismen wie 2020 wieder arbeiten. Wir haben deutliche Fortschritte beim Impfen \u2013 und das muss Auswirkungen haben. Es gilt der Grundsatz: Geimpfte, Getestete und Genesene m\u00fcssen hin zur Normalit\u00e4t sich entwickeln k\u00f6nnen. Die 100 Inzidenz der Vergangenheit, die die Grenze f\u00fcr den Lockdown war, kann so keine G\u00fcltigkeit mehr haben. Vorsicht ist aber weiterhin angesagt. Es geht aber nicht nur um die Inzidenz, vielmehr gilt es auf die Hospitalisierung achten und den Fortschritt des Impfens zu betrachten. Ich sehe keinen weiteren Lockdown, aber ich sehe die Verantwortung, sich impfen zu lassen, um das Gesundheitssystem nicht zu \u00fcberlasten.<\/p>\n<p><strong>Sie hegen kein besondere \u201eLiebesbeziehung\u201c zu den Gr\u00fcnen. Wer Annalena Baerbock w\u00e4hlt, bekommt auch die \u201ebucklige Verwandtschaft\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin schon einmal froh, dass es kein automatisches Abo der Gr\u00fcnen auf eine Regierungsbeteiligung gibt. Pers\u00f6nlich k\u00f6nnte ich einer Deutschlandkoalition von Union, SPD und FDP viel abgewinnen. Letztendlich wird es der W\u00e4hler entscheiden, aber diese Variante h\u00e4tte durchaus Charme.<\/p>\n<p><strong>Es gibt neben dem offiziellen Wahlprogramm noch einen \u201eBayernplan\u201c der CSU. Darin fordern Sie Home-Office, aber dieses wird von Wirtschaft nicht unbedingt begr\u00fc\u00dft!<\/strong><\/p>\n<p>Es geht um ein Programm, das nicht nur f\u00fcr die Menschen in Bayern G\u00fcltigkeit hat. Die gesellschaftliche Ver\u00e4nderung und das Home-Office hat sich f\u00fcr viele bewehrt. Die SPD will eine Home-Office-Plicht einf\u00fchren. Das lehnen wir strikt ab. Aber wir wollen die Anreize erh\u00f6hen. Mir geht es darum, dass es eine Home-Office Pauschale, eine steuerliche Pauschale, die wir als CSU schon umgesetzt haben, auch bundesweit gibt. Diese wollen wir dauerhaft einf\u00fchren, damit es steuerliche Anreize gibt, das Home-Office zu gestalten. Das ist der richtige Weg, also Anreize zu schaffen und nicht Vorschriften.<\/p>\n<p><strong>Die CDU ist etwas anderer Meinung was Steuersenkungen betrifft. Sie sind daf\u00fcr. Wer soll denn eigentlich die ganze Zeche f\u00fcr den Klimawandel und die Coronakrise bezahlen?<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl der CDU als auch der CSU geht es um Entlastung. Wir m\u00fcssen Deutschland f\u00fcr den Wettbewerbung der Zukunft fit machen. Dazu geh\u00f6rt Wachstum und Dynamik. Diese schaffen sie nicht durch h\u00f6here Steuern, sondern durch Entlastung bei den Unternehmen, beim Mittelstand, aber vor allem bei den Familien und den alleinerziehenden M\u00fcttern. Da setzen wir mit unseren Entlastungen an.<\/p>\n<p><strong>Der bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der hat am 21. Juli eine Regierungserkl\u00e4rung abgegeben und den Klimaschutz sehr deutlich in den Vordergrund gestellt! Wie will die CSU die Klimaziele umsetzen, wenn man dies nicht wie die Gr\u00fcnen durch eine Verbotskultur realisieren will? <\/strong><\/p>\n<p>Das Klimaschutz eine der zentralen Herausforderungen ist, haben die meisten Menschen verstanden. Der Wille ist gro\u00df, dass man dort etwas unternimmt. Und dazu geh\u00f6rt auch, dass wir \u00fcber die gro\u00dfen Fragen bei der Einsparung des CO2-Ausstoss und den fr\u00fcheren Ausstieg aus der Kohleaussteig noch einmal sprechen. Mir schwebt vor, dass wir \u00fcber einen fr\u00fcheren Kohleausstieg reden, wenn wir neue Arbeitsangebote f\u00fcr diese Regionen anbieten k\u00f6nnen. Das w\u00e4re im Zuge unserer Souver\u00e4nit\u00e4tsoffensiver verbunden, wo es darum geht, Abh\u00e4ngigkeiten in der Welt zu reduzieren und Fehler der Globalisierung zu beseitigen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Darum bleibt Sebastian Kurz so hart bei der Migrationsfrage<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz26.08.2021Europa, Medien<\/p>\n<p>\u00d6sterreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (\u00d6VP) will keine Fl\u00fcchtlinge aus Afghanistan aufnehmen. Doch beim Koalitionspartner, den Gr\u00fcnen, macht sich Unmut breit. Doch warum verfolgt der Kanzler diesen radikalen Kurs? Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>\u00d6sterreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (\u00d6VP) will nach dem Sieg der Taliban in Afghanistan keine Gefl\u00fcchteten aus dem Land aufnehmen. \u201eIch bin nicht der Meinung, dass wir in \u00d6sterreich mehr Menschen aufnehmen sollten, sondern ganz im Gegenteil\u201c. Und er f\u00fcgte hinzu: \u201eDas wird es unter meiner Kanzlerschaft nicht geben\u201c. Kurz, der seit 2019 eine schwarz-gr\u00fcne Koalition f\u00fchrt, bekennt sich damit als konsequenter Hardliner in Sachen Afghanistanpolitik. Hintergrund f\u00fcr den ehemaligen \u00f6sterreichischen Staatssekret\u00e4rs f\u00fcr Integration in der Bundesregierung Faymann I. ist die \u201ebesonders schwierige Integration\u201c dieser Bev\u00f6lkerungsgruppe. \u201eMenschen aufzunehmen, die man dann nicht integrieren kann, das ist ein Riesenproblem f\u00fcr uns als Land\u201c. In einer Statistik des UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerks UNHCR hat \u00d6sterreich mehr als 40.000 afghanische Fl\u00fcchtlinge aufgenommen \u2013 die zweith\u00f6chste Zahl in Europa nach Deutschland mit 148.000. Damit, so Kurz, habe \u00d6sterreich einen \u201e\u00fcberproportional gro\u00dfen Beitrag geleistet.\u201c Au\u00dfer Frage steht dagegen f\u00fcr den \u00d6VP-Politiker, dass die radikal-islamistischen Taliban eine grausame Herrschaft anstreben k\u00f6nnen. Und genau deshalb will der Regierungschef die internationale Gemeinschaft mehr in die Pflicht nehmen, um die Situation im Krisen-Land zu verbessern. Allerdings m\u00fcsse sich auch \u00d6sterreich eingestehen, dass vieles in fremden H\u00e4nden liege. \u201eEs ist nicht alles in unserer Macht.\u201c Auch die neutrale Schweiz hatte die Aufnahme gr\u00f6\u00dferer Gruppen von Afghanen abgelehnt.<\/p>\n<p>Mit seinem radialen Null-Fl\u00fcchtlings-Kurs steht Kurz nicht allein da. So besteht \u00d6VP-Innenminister Karl Nehammer darauf, abgelehnte Asylbewerber ungeachtet der verheerenden Sicherheitslage weiter nach Afghanistan abschieben zu wollen. Den Vorschlag der EU-Kommission, Gefl\u00fcchtete \u00fcber die Umsiedlungsprogramme aufzunehmen, erteilte Kurz\u2018 Innenminister eine Absage. \u201eVorschl\u00e4ge, jetzt alle Menschen aus Afghanistan nach Europa zu holen, kann ich nur ganz entschieden verurteilen\u201c. Sekundiert wird er von Parteikollege und Au\u00dfenminister Alexander Schallenberg, der sich daf\u00fcr ausspricht, Abschiebezentren in den unmittelbaren Nachbarstaaten Afghanistans aufzubauen. \u201eStaatsb\u00fcrger aus Afghanistan\u201c sollten in sichere Drittstaaten wie Usbekistan, Tadschikistan, Pakistan oder den Iran als sichere Drittstaaten abgeschoben werden, h\u00f6rt man aus Wien.<\/p>\n<h4>Die Lage in Deutschland<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend sich die \u00d6VP-Ministerriege bei der Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen unerbittlich gibt und sogar weitere Abschiebungen fordert, f\u00e4hrt die deutsche Gr\u00fcnen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock den gegenteiligen Kurs. Sie fordert Fl\u00fcchtlingskontingenten in Europa, den USA und Kanada. Anders als Baerbock sieht das CDU-Chef und Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet. Im seinem ohnehin angeschlagenen Wahlkampf k\u00f6nnte ihn das Thema Migration endg\u00fcltig das Genick brechen. 2015 d\u00fcrfe sich nicht wiederholen, warnte er. Auch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz sprach sich f\u00fcr eine Aufnahme Gefl\u00fcchteter in den Nachbarl\u00e4ndern Afghanistans aus. Der Hoffnung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Ankara Fl\u00fcchtlinge aufnimmt, hat der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan unteressen eine Absage erteilt. Man habe keinen Platz.<\/p>\n<h4>Wie verhalten sich \u00d6sterreichs Gr\u00fcne zum Kurs des Bundeskanzlers?<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend in Deutschland die Gr\u00fcnen die Union scharf attackieren, halten ihre Parteikollegen in der Alpenrepublik unterdessen weiter relativ still. Zu m\u00e4chtig ist der Koalitionspartner. F\u00fcr die Durchsetzung ihrer Klimapolitik \u00fcbt die Menschenrechtspartei derzeit \u00f6ffentlich wenig Kritik am Kanzlerkurs. Bis vor kurzem war es allein der Ex-Gr\u00fcnen-Chef und derzeitige Bundespr\u00e4sident Alexander Van der Bellen, der eine Mini-Rebellion wagte. Abschiebungen kritisierte er als \u201efehl am Platze\u201c. Zudem st\u00fcnden diese im Widerspruch zu der in der \u201eVerfassung verankerten Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention.\u201c Der gr\u00fcne Bundesparteisprecher Werner Kogler hielt sich beim Thema der Fl\u00fcchtlingsaufnahme hingegen bedeckt. \u201eIch kann Ihnen das genau noch nicht versprechen, weil wir ja nicht allein regieren.\u201c Doch zunehmend rumort es auch bei den Gr\u00fcnen. In Sachen Abschiebungen nach Afghanistan hat man am Montag der \u00d6VP eine Absage erteilt. In einem Statement schreiben die Koalitionspartner: \u201e\u00d6sterreichs Anstrengungen im Rahmen der EU m\u00fcssen sich auf die Hilfe in Afghanistan, f\u00fcr eine Versorgung der Gefl\u00fcchteten in den Nachbarstaaten und die sofortige Evakuierung all jener, die um ihr Leben f\u00fcrchten m\u00fcssen, konzentrieren. Europa tr\u00e4gt hier klar Verantwortung, die akut von Taliban-Gruppen gef\u00e4hrdeten Menschen wie Frauen, Kinder und Menschenrechtsaktivist*innen unb\u00fcrokratisch Zuflucht zu gew\u00e4hren.\u201c Damit wagen sich die Gr\u00fcnen erstmals aus der Deckung. Abschiebungen nach Afghanistan \u201ekann und wird es nicht geben.\u201c Dass die Gr\u00fcnen jetzt Kante zeigen m\u00fcssen, ist f\u00fcr ihr politisches \u00dcberleben wichtig. In den Umfragen fallen sie stetig. Ihre W\u00e4hler werfen ihnen einen w\u00e4ssrigen Kurs vor und selbst die eigene Basis droht, die Koalition nicht mehr mitzutragen. Die ehemalige Wiener Parteichefin der Gr\u00fcnen und Vizeb\u00fcrgermeisterin Birgit Hebein, die einst die gr\u00fcne Koalition mitverhandelt hatte, zog nun die Notbremse und ist aus der Partei ausgetreten. \u201eDie gr\u00fcne Politik\u201c erreicht \u201enicht mehr mein Herz,\u201c schrieb sie.<\/p>\n<h4>Warum tickt \u00d6sterreich hier anders?<\/h4>\n<p>Dass Sebastian Kurz im Fall von Afghanistan derart hart agiert, die Wiener SP\u00d6 spricht gar von einer inhumanen Bundesregierung, hat seine Gr\u00fcnde. Erst am 2. November 2020 ersch\u00fctterte ein Terroranschlag Wien. Vier Menschen kamen ums Leben, 23 weitere wurden teils schwer verletzt. Der damalige Attent\u00e4ter war Sympathisant der Terrororganisation \u201eIslamischer Staat\u201c (IS). Acht Monate sp\u00e4ter, Anfang Juli 2021, hatten mehrere Afghanen ein 13-j\u00e4hrigen M\u00e4dchen mit Drogen bet\u00e4ubt, vergewaltigt und zum Sterben abgelegt. Schon damals betonte Kurz, dass es einen Abschiebestopp Richtung Hindukusch nicht geben werde. Kurz \u00e4u\u00dferte sich schockiert von der Vergewaltigung und betonte: Es sei untragbar, \u201edass Menschen zu uns kommen, Schutz suchen und solche grausamen, barbarischen Verbrechen begehen.\u201c Bereits damals hatte sich die \u00d6VP f\u00fcr schnellere Abschiebungen von kriminellen Asylbewerbern ausgesprochen. Zudem identifizierte man Migranten mit anderen kulturellen Werten als Gefahr. Seit mehreren Jahren f\u00e4hrt Kurz schon seinen Knallhartkurs in Sachen Migration und einer rigiden Schlie\u00dfung der Au\u00dfengrenzen Europas. Anfang des Jahres 2016 sagte der damalige \u00f6sterreichische Au\u00dfenminister, der ma\u00dfgebend an der Schlie\u00dfung der damaligen Fl\u00fcchtlingsroute Nummer eins, der Balkonroute beteiligt war: \u201eEs ist nachvollziehbar, dass viele Politiker Angst vor h\u00e4sslichen Bildern bei der Grenzsicherung haben. Es kann aber nicht sein, dass wir diesen Job an die T\u00fcrkei \u00fcbertragen, weil wir uns die H\u00e4nde nicht schmutzig machen wollen. Es wird nicht ohne h\u00e4ssliche Bilder gehen.\u201c 2017 hatte Kurz die Schlie\u00dfung von islamischen Kinderg\u00e4rten bef\u00fcrwortet, da sich diese sprachlich und kulturell von der Mehrheitsgesellschaft abgeschottet h\u00e4tten. Im M\u00e4rz desselben Jahres kritisierte er die Rettungsaktionen von Hilfsorganisationen als \u201eNGO-Wahnsinn\u201c. Diese Hilfe f\u00fchre dazu, dass mehr Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer sterben anstatt weniger. Statt diese auf das italienische Festland zu bringen, sollte man sie in Fl\u00fcchtlingszentren au\u00dferhalb der EU zur\u00fcckzustellen. Auch das Integrationsgesetz vom Juni 2017 setzte neue Akzente: Rechtsanspruch auf einen Deutschkurs, Mitwirkungspflicht bei Sprach- und Wertekursen, Teilnahmeverbot an Koranverteilungskampagnen im \u00f6ffentlichen Raum durch Salafisten. Ein Verbot der Vollverschleierung im \u00f6ffentlichen Raum wurde im Anti-Gesichtsverh\u00fcllungsgesetz geregelt. Das Integrationsjahrgesetz verpflichtete sp\u00e4ter subsidi\u00e4r Schutzberechtigte, Asylberechtigte und Asylwerber zu gemeinn\u00fctziger Arbeit, die im Interesse des Gemeinwohls liegt.<\/p>\n<p>Mit seiner derzeitigen Migrationspolitik, auch gegen\u00fcber Afghanistan, stellt der \u00f6sterreichische Bundeskanzler keine neuen Demarkationslinien auf, sondern setzt den Kurs fort, den er als Au\u00dfenminister begonnen und als Bundeskanzler nun weiterf\u00fchrt. Sein konsequentes Interagieren in Sachen Fl\u00fcchtlingspolitik hatte ihm nach der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 in der Bundesrepublik eine gr\u00f6\u00dfere Anh\u00e4ngerschaft gesichert, die sich ihn sogar als deutschen Bundeskanzler w\u00fcnschten.<\/p>\n<h4>Fakten<\/h4>\n<p>Seit 2002 war \u00d6sterreich war Teil des internationalen Milit\u00e4reinsatz in Afghanistan. Der Milit\u00e4reinsatz erfolgte im Wesentlichen zwischen 2002-2005. Seit 2015 half das Bundesheer dann, die afghanische Armee auszubilden und damit gegen einen Angriff der Taliban zu wappnen. Im Februar 2002 war \u00d6sterreich mit 75 Infanterie-Soldaten im Rahmen der Stabilisierungstruppe ISAF gestartet, 2004 wurde ein Infanteriekontingent mit bis zu 100 Soldaten zur ISAF entsandt. Aufgabe war die Sicherung der Parlaments- und Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2005. Am 15. Januar 2015 wurde ISAF von der NATO-Mission RSM (Resolute Support Mission) abgel\u00f6st. Nach zwanzig Jahren Krieg am Hindukusch gab es kein einziges \u00f6sterreichisches Opfer. Am 18. Juni kehrte der letzte \u00f6sterreichische Soldat vom Hindukusch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Obwohl sich \u00d6sterreich seit 1955 als neutral erkl\u00e4rt hat und sich damit eigentlich nicht in Kriege anderer L\u00e4nder einmischt, wurde die Neutralit\u00e4t durch den EU-Beitritt am 1. Januar 1995 und durch weitere seither beschlossene neue Verfassungsbestimmungen de facto eingeengt. 1995 hatte das Land das \u201eRahmendokument\u201c der NATO-Partnerschaft f\u00fcr den Frieden \u201ePartnership for Peace) (PfP) unterzeichnet. Seitdem arbeitet es im PfP-Rahmen mit der NATO und deren Mitgliedern zusammen, insbesondere bei friedenserhaltenden Operationen, in der humanit\u00e4ren und Katastrophenhilfe sowie bei Such und Rettungsdiensten.<\/p>\n<h1>Dieser Taliban k\u00f6nnte moderater Afghanistan f\u00fchren<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz23.08.2021Medien, Politik<\/p>\n<p><em>Die W\u00fcrfel sind gefallen. Afghanistan ist auf dem Weg in ein islamisches Kalifat. Doch wer wird k\u00fcnftig in Kabul regieren? Mit Mullah Abdul Ghani Baradar als m\u00f6glichem Pr\u00e4sidenten w\u00e4re ein vers\u00f6hnlicher Kurs sowohl in der Innen- wie in der Au\u00dfenpolitik m\u00f6glich. Schon jetzt gilt Baradar als das Gesicht der Taliban nach au\u00dfen. Doch wer ist dieser Mann? Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<p>Nach dem Siegeszug der Taliban muss nun die Macht im Land gefestigt werden. Der islamische Rechtsgelehrte und \u201eF\u00fchrer der Gl\u00e4ubigen\u201c, Haibatullah Akhundzada, gilt bereits jetzt als die letzte und zugleich h\u00f6chste Autorit\u00e4t, die \u00fcber die politischen, religi\u00f6sen und milit\u00e4rischen Angelegenheiten der Gotteskrieger entscheidet. Zum Stab der Top 7 einflussreichsten M\u00e4nner, die die F\u00e4den im Land in Zukunft ziehen werden, z\u00e4hlen Sirajuddin Haqqani, Sohn des bekannten Mudschaheddin-Befehlshabers Jalaluddin Haqqani und Leiter des Haqqani-Netzwerks, Mullah Mohammad Yaqoob, Sohn des Taliban-Gr\u00fcnders Mullah Omar und Milit\u00e4rstratege, Sher Mohammad Abbas Stanekzai, ehemaliger stellvertretender Minister in der Taliban-Regierung vor deren Sturz sowie Abdul Hakim Haqqani, Leiter des Verhandlungsteams der Taliban und ehemaliger Schattenrichter, der den m\u00e4chtigen Rat der Religionsgelehrten leitet und dem der Fundamentalist und Hardliner Akhundzada am meisten vertraut. Ginge es nach Akhundzada w\u00e4re Afghanistan bald wieder ein islamisches Emirat mit Scharia und strikter Geschlechtertrennung.<\/p>\n<p>Doch ein Mann l\u00e4sst den Westen etwas hoffen. Der siebente Mann, der gro\u00dfen Einfluss auf die k\u00fcnftige Entwicklung des Landes nehmen k\u00f6nnte, ist der Stellvertreter von Emir Haibatullah Akhundzada. Beobachter sehen in Mullah Abdul Ghani Baradar, genannt der Bruder, gar den neuen Pr\u00e4sidenten des Landes. Der erfahrene Diplomat gilt schon seit l\u00e4ngerer Zeit als politisches Oberhaupt der Fundamentalisten, die jedoch im schlimmsten Fall das Land in einen Gottesstaat zur\u00fcckbomben und sich einen Ur-Islam aus dem Mittelalter zum Vorbild nehmen k\u00f6nnten. Die Scharia als Rechtsrahmen w\u00fcrde damit alle demokratischen Errungenschaften der letzten zwanzig Jahre zunichtemachen und ein repressives Kalifat wie zwischen 1996-2001 errichten.<\/p>\n<h4>Wer ist der Mann, der etwas moderater ist?<\/h4>\n<p>1968 wurde Mullah Abdul Ghani Baradar in Uruzgan geboren. In den 1980er Jahren k\u00e4mpfte er auf der Seite der afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjets. Nachdem R\u00fcckzug der Russen 1989 gr\u00fcndete Baradar zusammen mit seinem ehemaligen Kommandeur und angeblichen Schwager Mohammad Omar eine Madrassa in Kandahar. Gemeinsam erweckten die beiden Mullahs die Taliban zum Leben, eine Bewegung junger islamischer Gelehrter, die sich der religi\u00f6sen L\u00e4uterung des Landes und der Errichtung eines Emirats auf die Fahnen geschrieben hatten. Jahrelang war Baradar, der Durrani und Paschtune vom Stamm der Popalzai, Stellvertreter von Mullah Mohammed Omar und Mitglied der Quetta Shura. Der heute 53-J\u00e4hrige hatte in den Jahren des Islamischen Emirats Posten wie das Gouvernement von Herat und Nimrus und dar\u00fcber hinaus eine Reihe von milit\u00e4rischen und administrativen Funktionen inne. Als das Islamische Emirat von den USA und ihren afghanischen Verb\u00fcndeten gest\u00fcrzt wurde, war er, so eine Information von \u201eInterpol\u201c, stellvertretender Verteidigungsminister. Nach dem US-Einmarsch in Afghanistan 2001 floh er wie viele Gesinnungskrieger nach Pakistan und f\u00fchrte von dort die Quetta Shura \u2013 die neue F\u00fchrung der Taliban im Exil. 2010 sp\u00fcrte ihn die CIA in Karatschi auf und \u00fcberredete den pakistanischen Geheimdienst \u201eInter-Services Intelligence\u201c (ISI), ihn zu verhaften. Nach drei Jahren, 2013, hatte der pakistanische Nationale Sicherheits- und au\u00dfenpolitische Berater Sartaj Aziz angek\u00fcndigt, Baradar auf freien Fu\u00df zu setzen, aber unter der Auflage, Pakistan nicht zu verlassen. Unter der Administration des damaligen US-Pr\u00e4sidenten Donald Trump wurde der Mann, vor dessen milit\u00e4rischen Kenntnissen sich die damalige Obama-Regierung mehr f\u00fcrchtete als sie sich Hoffnungen auf seine vermeintlich gem\u00e4\u00dfigten Ansichten machte, am 25. Oktober 2018 endg\u00fcltig in Pakistan freigelassen. Der Republikaner Trump propagierte damals eine Ann\u00e4herungspolitik mit den Taliban und die USA sahen in Baradar immerhin einen moderaten Verhandlungsf\u00fchrer, der nach dem Abzug der amerikanischen Truppen vom Hindukusch einen wesentlichen Beitrag zur friedlichen Stabilisierung der Region leisten k\u00f6nne. So war es der Mann aus der Provinz in Zentralafghanistan, der am 29. Februar 2020 zusammen mit Mike Pompeo, dem damaligen Au\u00dfenminister der USA, als Vertreter der Taliban in Doha den Abzugsplan der US-Truppen aus Afghanistan unterzeichnete. Das Abkommen von Doha, eine Art Nicht-Angriffsabkommen zwischen den Islamisten und den USA, wurde von der Trump-Regierung als Durchbruch auf dem Weg zum Frieden gefeiert. Damals hegte man in Washington noch den Traum, wie man die Macht zwischen den Taliban und der Kabuler Regierung von Ashraf Ghani teilen k\u00f6nnte. Seit seiner Freilassung und als Top-Verhandler gilt Baradar als das Gesicht der Taliban. Dieses Ansehen unter Trump hatte er sich w\u00e4hrend seines 20-j\u00e4hrigen Exils erarbeitet. Seitdem hatte er den Ruf eines starken milit\u00e4rischen Anf\u00fchrers und eines subtilen politischen Akteurs. Westliche Diplomaten sahen in der Person Baradar denjenigen Fl\u00fcgel der Quetta-Schura \u2013 der umgruppierten Taliban-F\u00fchrung im Exil \u2013vertreten, der f\u00fcr politische Kontakte mit Kabul noch am empf\u00e4nglichsten war.<\/p>\n<h4>Versierter Verhandlungsf\u00fchrer<\/h4>\n<p>Bereits seit Mitte August 2021 hat sich Baradar als unbestrittener Sieger des 20-j\u00e4hrigen Krieges erwiesen. Zum Fall von Kabul betonte er, dass die eigentliche Bew\u00e4hrungsprobe f\u00fcr die Taliban erst jetzt beginne und es vorrangig darauf ankomme, der Nation zu dienen. Diese Worte aus dem Mund eines Islamisten stimmen optimistisch. Und Mullah Baradar betonte zugleich, dass der gr\u00f6\u00dfte Erfolg der Islamisten seit den 1990er-Jahren zwar \u201eunerwartet\u201c gekommen sei, aber immerhin das gr\u00f6\u00dfte nur denkbare Gottesgeschenk darstelle. Nun gelte es, keine Arroganz zeigen. Vielmehr ginge es jetzt daran zu beweisen, wie man die Lebensumst\u00e4nde der Afghanen verbessere. W\u00e4hrend eine Vielzahl der Taliban sich nichts mehr als einen Scharia-Staat mit allen nur denkbaren Repressionen f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen herbeisehnen, gilt der Paschtune eher als gem\u00e4\u00dfigter Vertreter. Dass Baradar offener ist und damit verhandlungsbereiter, zeigte sich schon nach dem Machverlust der Taliban 2001. So war er der politische F\u00fchrer, der immer wieder Gespr\u00e4chskontakte mit westlichen Vertretern und der afghanischen Regierung unter Hamid Karzai f\u00fchrte. Baradar galt als m\u00f6glicher Partner f\u00fcr Friedensverhandlungen. Und er spielt seine Vermittlerrolle geschickt auf dem politischen Parkett aus, sei es bei einem Besuch in Peking oder davor in Teheran und mehrmals in Islamabad. Im M\u00e4rz 2021 hatte eine zehnk\u00f6pfige, hochrangige Delegation unter Leitung von Taliban-Vizechef Baradar an einer von Russland ausgerichteten Afghanistan-Konferenz teilgenommen. Bei dem damaligen Treffen mit Vertretern aus den USA, China und Pakistan ging es um eine friedliche L\u00f6sung des Afghanistan-Konflikts. Baradar wei\u00df wie wichtig die Anerkennung durch regionale M\u00e4chte jetzt f\u00fcr die k\u00fcnftigen Geschicke der Gotteskrieger ist.<\/p>\n<h4>Baradar wird aber selbst als Pr\u00e4sident Afghanistans nicht das allerletzte Wort haben<\/h4>\n<p>Wenn Baradar Pr\u00e4sident im neuen Afghanistan wird, k\u00f6nnte sich das Land nicht derart radikalisieren, wie es derzeit von vielen westlichen Kritikern bef\u00fcrwortet wird. Immerhin stimmen selbst Kritiker zu, dass die Islamisten in den vergangenen 20 Jahren dazugelernt haben und politisch erfahrener geworden sind. Der deutsche Journalist und Buchautor, Boris Barschow, der als mehrmaliger Reservist jahrelang den Afghanistan-Blog betrieb und das Buch \u201eKabul, ich komme wieder\u201c schrieb, betont zum neuen Kurs der Taliban, dass diese nun \u201eihr Image wandeln und moderater auftreten\u201c m\u00f6chten. Dazu z\u00e4hlt, dass sie seit Monaten keine Selbstmordattentate in afghanischen St\u00e4dten f\u00fcr sich beansprucht h\u00e4tten. Bei allem stecke derzeit die Strategie dahinter, dass die Taliban nicht gegen die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung regieren k\u00f6nnen, sondern vielmehr Zivilisten f\u00fcr ihren Kurs gewinnen m\u00fcssen. Dazu z\u00e4hle auch, dass die Islamisten nun erkl\u00e4rten, \u201emehr auf den Schutz der Zivilisten und auf Frauenrechte zu achten. Dennoch h\u00e4lt der Experte das Ganze f\u00fcr ein \u201eFassadenspiel\u201c. \u201eDie Taliban sind noch immer sehr brutal und es gibt Berichte, wie sie Zivilisten in H\u00e4usern suchen\u201c.<\/p>\n<p>Selbst wenn der gem\u00e4\u00dfigte Baradar an die Macht kommt, Akhundzada wird ihm nicht freie Hand gew\u00e4hren. Zudem gibt es bei den Taliban immer noch mehrere Machtzentren. Bis dato hatte die politische F\u00fchrung, die \u201eSchura\u201c im pakistanischen Quetta und das politische B\u00fcro in Doha an einem Strang mit den oft blutr\u00fcnstigen und fundamental religi\u00f6s operierenden Feldkommandeuren gezogen. Ob das eine Garantie f\u00fcr die Zukunft ist, bleibt eine der noch vielen offenen Fragen am Hindukusch. Wenn sich aber, wie die Tage angek\u00fcndigt, die<\/p>\n<p>Taliban f\u00fcr die Unterst\u00fctzung durch weitere terroristische Netzwerke entscheiden, kann man nicht davon ausgehen, dass das religi\u00f6se Regime gem\u00e4\u00dfigter wird. Dieser Gefahr wird nicht zuletzt dadurch N\u00e4hrboden gegeben, da unterdessen der Chef des Terrornetzwerkes Al-Kaida, Aiman al-Sawahiri, den Taliban seine Hilfe bereits zugesichert hat.<\/p>\n<h1>Afghanische Ortskr\u00e4fte: Es grenzt fast an humanit\u00e4re Barbarei<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz20.08.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Sie waren das R\u00fcckgrat der Bundeswehr in Afghanistan. Tausende von ihnen unterst\u00fctzten die Soldaten bei ihren gef\u00e4hrlichen Eins\u00e4tzen und riskierten dabei ihr Leben. Doch nun l\u00e4sst man viele von ihnen im Stich. Auf die milit\u00e4rische Pleite folgt eine humanit\u00e4re Katastrophe genau f\u00fcr diejenigen Menschen, ohne die der Milit\u00e4reinsatz am Hindukusch undenkbar gewesen w\u00e4re. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Sie werfen Babys \u00fcber den Flughafenzaun, klammern sich verzweifelt an die Rettungsmaschinen \u2013 die Angst der Ortskr\u00e4fte vor der repressiven Macht der Taliban ist gro\u00df. Tausende f\u00fcrchten harte Strafen, Peitschenhiebe, gar die Steinigung, wenn die Taliban ihr islamisches Kalifat endg\u00fcltig errichtet haben. Von Friedrich Schillers aufkl\u00e4rerischer Vision, dass \u201ealle Menschen Br\u00fcder werden\u201c, ist derzeit buchst\u00e4blich nichts in Afghanistan zu sp\u00fcren. Vielmehr herrscht \u00fcberall die Angst, \u00fcberhaupt zu \u00fcberleben. Dabei sind es die zigtausend afghanischen Ortkr\u00e4fte gewesen, Einheimische, die den Deutschen halfen und die dadurch den Truppen am Hindukusch ma\u00dfgebend den R\u00fccken st\u00e4rkten, um im Land demokratische Strukturen zu errichten. Ob \u00dcbersetzer, K\u00f6che, Lagerarbeiter, Reinigungskr\u00e4fte \u2013 sie alle hatten ihr Leben f\u00fcr Geld, aber eben auch im Glauben an eine bessere Zukunft auf das Spiel gesetzt. Doch viele von ihnen werden blindlings ihrem Schicksal \u00fcberlassen, dass f\u00fcr viele einem Todesurteil gleicht.<\/p>\n<h4>Viele von ihnen sind jetzt die Verlierer<\/h4>\n<p>Erst am Donnerstag hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) betont: \u201eEs ist vollkommen unbestritten, dass die Ortskr\u00e4fte und ihre Familienangeh\u00f6rigen nach Deutschland kommen sollen, und dass es daf\u00fcr auch eine moralische Verantwortung gibt.\u201c Was im Wahlkampf wie ein vollmundiges Versprechen klingt, geht an der Wirklichkeit radikal vorbei. Zwar sind bis zum Freitag mehr als 900 Ortskr\u00e4fte ausgeflogen und einige von ihnen in der Erstaufnahme der Au\u00dfenstelle der \u201eZentralen Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde\u201c im brandenburgischen Ort Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) angekommen, doch das Hauptproblem ist, wie Ex-Bundeswehr-Hauptmann Marcus Grotian betont, dass viele von ihnen gar nicht bis zu den rettenden Fliegern durchsto\u00dfen k\u00f6nnen. Weit vor dem Flughafen sperren die Taliban die Zug\u00e4nge ab, Sch\u00fcsse fallen, die Islamisten setzen Tr\u00e4nengas ein und verpr\u00fcgeln die Fliehenden. Wer es letztendlich bis an den Flughafen geschafft hat, darf oft nicht passieren. Amerikanische Soldaten lassen nur ihre Leute durch. Ortskr\u00e4fte m\u00fcssten nachweisen, dass sie tats\u00e4chlich f\u00fcr die Deutschen gearbeitet h\u00e4tten \u2013 doch das ist oft ohne Visa und P\u00e4sse unm\u00f6glich. Immer wieder kommt es am \u201eHamid Karzai International Airport\u201c zu Missverst\u00e4ndnissen: Obwohl Ortskr\u00e4fte zu einer bestimmten Uhrzeit zum Flughafen gerufen wurden, war von deutscher Seite niemand am Eingang gewesen, um die Menschen zu evakuieren. Zudem wackelt inzwischen das Versprechen der Bundesregierung, Ortskr\u00e4ften in Afghanistan und deren Familien zu helfen und sie aus dem Land zu evakuieren. Zudem blockierten Afghanen, die keine Dokumente h\u00e4tten, den Zugang. Wie die \u201eDie Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Internationale Zusammenarbeit\u201c (GIZ) betont, will man jetzt nur noch die \u201eKernfamilie\u201c der Ortskr\u00e4fte retten. Doch dazu z\u00e4hlen erwachsene S\u00f6hne f\u00fcr die GIZ nicht dazu. Aus Resignation, ihre Kinder nicht mitzunehmen, haben viele ihre Fluchtpl\u00e4ne unterdessen aufgegeben. Sie wollen nicht ohne ihre Kinder fliehen und nehmen den Tod bewusst in Kauf.<\/p>\n<p>Im Angesicht der Tatsache, dass die Ortskr\u00e4fte auf der Strecke bleiben und wie Personen zweiter Klasse behandelt werden, sagt viel \u00fcber die fehlerhafte Afghanistanpolitik des Westens. Hilferufe des deutschen Botschafters wurden ignoriert, wie Grotian betont. Es sei zu einem guten Teil die Ignoranz des Westens gewesen, die jetzt wom\u00f6glich denjenigen das Leben kostet, ohne die der Afghanistaneinsatz nie h\u00e4tte funktionieren k\u00f6nnen. Bei jedem ausl\u00e4ndischen hochrangigen Politiker, der sich mit Bildern aus der Krisenregion ins gute Licht r\u00fccken wollte, ohne die Ortskr\u00e4fte, die das Land wie ihre Westentasche kennen, die die Soldaten vor Hinterhalten warnten und viele Leben retteten, w\u00e4re wenig gegangen. Die Ortskr\u00e4fte waren nicht nur das quasi geopolitisch-strategische R\u00fcckgrat, die vielen Augen der Streitkr\u00e4fte, sondern oft Freunde, enge Vertraute, mit den man Fu\u00dfball spielte und von einer Zukunft tr\u00e4umte, die es so nicht mehr gibt.<\/p>\n<h4>Ex-Bundeswehrsoldaten sind frustiert \u2013 Ihre ehemaligen Helfer sitzen jetzt in der Falle<\/h4>\n<p>Viele Ex-Soldaten, die am Hindukusch ihr Leben riskiert haben und sicher in der Heimat gelandet sind, \u00e4u\u00dfern sich br\u00fcskiert \u00fcber den laxen Umgang mit den ehemals verb\u00fcndeten Ortskr\u00e4ften. Sie wissen was sie selbst diesen Menschen zu verdanken haben, Menschen, die in der medialen \u00d6ffentlichkeit keine Stimme und kein Gesicht haben. Und die Aussage von Seehofer, \u201eOrtskr\u00e4fte sind keine Fl\u00fcchtlinge oder Asylbewerber\u201c kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass der Westen eklatant gescheitert ist. Der Frust bei den deutschen Ex-K\u00e4mpfern ist gro\u00df. Wie der Leiter des \u201ePatenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskr\u00e4fte e. V.\u201c \u00a0Grotian im Gespr\u00e4ch mit dem \u201eThe European\u201c betonte, w\u00fcrden 80 Prozent der deutschen Ortskr\u00e4fte in Afghanistan zur\u00fcckgelassen. Dies ist eine traurige Prognose \u2013 und sie w\u00e4re vermeidbar gewesen. Derzeit gibt es noch keine Stimmen von geretteten Ortskr\u00e4ften, die ein Loblied auf die deutsche Au\u00dfenpolitik singen, dagegen nur verzweifelte Hilferufe und die bittere Einsicht, dass man den Menschen au\u00dferhalb des Flughafens in Kabul nicht mehr helfen kann. Dabei hatte das Verteidigungsministerium bereits f\u00fcr den 25. Juni, vier Tage vor dem Ende des Bundeswehreinsatzes in dem Land, zwei Charterflugzeuge bei zwei spanischen Airlines organisiert. Doch dieser Einsatz scheiterte \u2013 wie vieles in Afghanistan \u2013 an einer langsam arbeitenden B\u00fcrokratie, an vielen Missverst\u00e4ndnissen zwischen deutschen Ministerien. So konnten vom damaligen Bundeswehrst\u00fctzpunkt Masar-i-Scharif nur wenige Ortskr\u00e4fte in die Bundesrepublik ausgeflogen werden. Erschwerend kam hinzu, dass kein einziges Visaverfahren seit Juni begonnen h\u00e4tte. Viele Ortskr\u00e4fte hatten sich acht bis zehn Wochen lang in Kabul aufgehalten, um verzweifelt einen Weg in die Freiheit zu bekommen. Das Resultat ist, dass sie nun in der Todesfalle sitzen \u2013 und das ist f\u00fcr pragmatische Bundeswehrsoldaten letztendlich das Ergebnis einer falschen Politik.<\/p>\n<p>Nach wie vor verschlechtert sich die Lage der Ortskr\u00e4fte. Was nutzen Rettungsflieger, wenn man gar nicht an den Flughafen kommt, was n\u00fctzen Mobiltelefone, wenn man die Leute nicht im Chaos erreichen kann? F\u00fcr viele Ortskr\u00e4fte bleibt als einzige Alternative nur noch die Selbstrettung \u00fcbrig. Erschwerend kommt hinzu, dass die Taliban doch nicht so moderat agieren, wie sie in Pressekonferenzen bekunden. Mittlerweile fordern sie f\u00fcr jede Ortskraft der Deutschen, die sie zum Flughafen durchlie\u00dfen, einen hohen Preis \u2013 \u201ebis hin zur Anerkennung ihres Kalifats\u201c. Dass sich die Bundesregierung aber von den Fundamentalisten erpressen l\u00e4sst, ist eher unwahrscheinlich. Damit wird es aber f\u00fcr viele Ortskr\u00e4fte noch schwieriger, sich in Sicherheit zu bringen.<\/p>\n<h4>S\u00f6der fordert Konsequenzen f\u00fcr Au\u00dfenminister Heiko Maas<\/h4>\n<p>Der bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der hat bereits Konsequenzen f\u00fcr die politisch Verantwortlichen in Deutschland gefordert. Der CSU-Chef hatte sich auf einer Pressekonferenz nach der CSU-Pr\u00e4sidiumssitzung zur aktuellen Situation ge\u00e4u\u00dfert. In seinem Statement nahm der Politiker SPD-Au\u00dfenminister Heiko Maas ins Visier. Zwar halte er derzeit nichts von Personaldebatten, aber: \u201eWir gehen davon aus, dass der Gro\u00dfteil der in der Diskussion stehenden Personen nach der Wahl nicht mehr f\u00fcr neue Amtsaufgaben zur Verf\u00fcgung steht.\u201c Darauf werde man dr\u00e4ngen \u2013 \u201einsbesondere was den Au\u00dfenminister betrifft\u201c, schiebt S\u00f6der hinterher.<\/p>\n<h4>Moralisch \u00e4u\u00dfert bedenklich, was sich derzeit in Afghanistan abspielt<\/h4>\n<p>Was sich derzeit in Afghanistan mit den Ortskr\u00e4ften abspielt, hat wenig mit Moral, aber viel mit Unzuverl\u00e4ssigkeit zu tun. Als man die Kr\u00e4fte brauchte, gab man ihnen Schutz. Jetzt, wo das Land aufgegeben, von den Taliban \u00fcberrannt wurde, werden sie oftmals im Stich gelassen. Das widerspricht nicht nur der Menschenrechtscharta, sondern auch einem moralischen Imperativ, alle Menschen gleich zu behandeln, seien es deutsche Staatsb\u00fcrger oder eben afghanische Ortskr\u00e4fte. Was jetzt regiert, ist nicht die Moral, sondern ein Utilitarismus, der nicht darauf abzuzielen scheint, die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Zahl von Menschen zu retten, um das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Gl\u00fcck zu garantieren. Man wird bei den Bildern aus Kabul den Gedanken nicht los, dass es sich bei der Behandlung der Ortskr\u00e4fte dann doch um Menschen zweiter Klasse handelt, die man willf\u00e4hrig ihrem Schicksal \u00fcbergibt. Aber eine Gesinnungsmoral, die nicht die Folgen ihrer Handlungen, auch der negativen, bedenkt, bleibt im h\u00f6chsten Grad unmoralisch. Es ist unsere Pflicht, allen Ortskr\u00e4ften zu helfen, sonst werden wir nach dem milit\u00e4rischen Scheitern in Afghanistan auch moralisch noch unglaubw\u00fcrdiger.\u00a0 \u201eEs st\u00e4nde besser um die Welt, wenn die M\u00fche, die man sich gibt, die subtilsten Moralgesetze auszukl\u00fcgeln, an die Aus\u00fcbung der einfachsten gewendet w\u00fcrde\u201c, hatte die m\u00e4hrisch-\u00f6sterreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach einst geschrieben \u2013 Worte, die sich heute wieder bewahrheiten. Dramatischer allerdings beschreibt die Lage Imamin Seyran Ates. Die Moschee-Gr\u00fcnderin, Rechtsanw\u00e4ltin und Aktivistin spricht derweilen von \u201eheuchelnder Politik\u201c und \u201efalsch verstandener Toleranz\u201c. \u201eIch kann der verlorenen Politik kaum zuh\u00f6ren.\u201c Und gegen die Bundesregierung schreibt sie: \u201eNiemand kann und darf uns weismachen, dass sie es nicht gewusst haben. Und jeder Politiker und jede Politikerin, die es dennoch tun, sollten sofort aus dem Amt gehen.\u201c So viele Heuchler, Heuchlerinnen und L\u00fcgner habe sie in den vergangenen Jahren selten geh\u00f6rt. Bitterer kann eine Bilanz nicht ausfallen.<\/p>\n<h1>Taliban sind jetzt bewaffnet wie ein Nato-Staat<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz18.08.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>\u00dcber Nacht wurden die Taliban zu einer der am besten ausgestatteten Islamisten-Miliz der Welt. Der Gro\u00dfteil der erbeuteten Waffen stammt aus den USA. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>\u201eDie Entwicklungen der letzten Tage sind bitter und werden langfristige Folgen f\u00fcr die Region und f\u00fcr uns haben. Es gibt nichts zu besch\u00f6nigen\u201c, hatte SPD-Au\u00dfenminister Heiko Maas noch am Montagabend getwittert. Und in der Tat hat die Weltgemeinschaft im Fall von Afghanistan kl\u00e4glich versagt. \u201eUnsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt\u201c, sagte am 11. M\u00e4rz 2004 der damalige deutsche SPD-Verteidigungsminister Peter Struck. Geblieben ist davon nicht mehr viel. Mittlerweise sind die Taliban unter die Z\u00e4hne bewaffnet und besser ausgestattet als mancher Nato-Staat.<\/p>\n<p>20 Jahre nach Beginn des Krieges in Afghanistan als Reaktion auf die Terroranschl\u00e4ge auf das World Trade Center in New York ist die Bilanz f\u00fcr die Weltgemeinschaft und insbesondere die Vereinigten Staaten erschreckend. W\u00e4hrend die Milit\u00e4reins\u00e4tze Operation \u201eEnduring Freedom\u201c (OEF) den Terrorismus am Hindukusch beenden wollten, sollte die \u201eInternational Security Assistance Force\u201c (ISAF) der UN und sp\u00e4ter der NATO das bis dahin herrschende islamistische Taliban-Regime absetzen, um gemeinsam mit der neuen afghanischen Regierung das Land zu stabilisieren. Rund 3.600 Soldaten und Soldatinnen der westlichen Allianz lie\u00dfen bis 2020 bei den Operationen ihr Leben. Die Zahl der Opfer in der Zivilbev\u00f6lkerung lag bei \u00fcber 36.000. Fast 9.600 Soldaten und Soldatinnen aus 36 Nationen waren zuletzt Teil der Operation \u201eResolute Support\u201c. Auch Deutschland war mit 1.300 Soldaten und Soldatinnen im Einsatz und stellte damit die zweitgr\u00f6\u00dfte Truppenst\u00e4rke. Die Bundeswehr hatte mit ihren Ausgaben am Hindukusch nicht gekleckert. Die Verwaltungskosten f\u00fcr Personal, Wehrmaterial, milit\u00e4rische Beschaffungen sowie f\u00fcr Verwaltungsaufgaben beliefen sich im Jahr 2018 auf rund 313 Millionen Euro. Die USA hatten in den vergangenen Jahren Milliarden von Dollar ausgegeben, um das afghanische Milit\u00e4r mit dem n\u00f6tigen R\u00fcstzeug im Kampf gegen die Taliban auszustatten. Allein die Kosten f\u00fcr die Milit\u00e4rverwaltung beliefen sich im Zeitraum von 2001 bis 2013 auf rund 743 Milliarden US-Dollar.<\/p>\n<h4><strong>Kampflos hatten die afghanischen Regierungstruppen kapituliert <\/strong><\/h4>\n<p>Zehntausende afghanische Streitkr\u00e4fte legten in den vergangenen Wochen ihre Waffen nieder. Mit dieser nahezu kampflosen Kapitulation der Regierungstruppen in vielen Orten des Landes sind jetzt Waffen und Ausr\u00fcstung in die H\u00e4nde der Islamisten gefallen. Zwar gibt man sich in Kabul von Seiten der Taliban noch moderat, wie man den Wiederbau des Landes und das zivile Leben organisieren will, doch dass ausgerechnet die religi\u00f6sen Fundamentalisten jetzt davon profitieren, dass die USA das afghanische Milit\u00e4r jahrelang aufger\u00fcstet haben, ist ein Desaster f\u00fcr die gesamte Weltgemeinschaft.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu den Jahren 1996-2001 Jahren als das Taliban-Regime mit harter Hand regierte und milit\u00e4risch eher einer Steinzeitarmee glich, sind die Gotteskrieger heute keine schlecht ausger\u00fcstete Truppe mehr. Finanziert durch Drogengelder und durch Unterst\u00fctzung aus Pakistan hatte aber erst die \u00dcbernahme des modernen amerikanischen Materials in den letzten Tagen den Extremisten starken Aufwind gegeben. Zwar konnten die Krieger bereits nach dem Abzug der sowjetischen Truppen auf ein Arsenal an Waffen zur\u00fcckgreifen, doch dies ist nicht vergleichbar mit den Hightech-Waffen des 21. Jahrhunderts \u00fcber die die ehemaligen Steinzeit-Krieger nun verf\u00fcgen. Damals, in den 80er Jahren, hatte die Sowjetunion einen Stellvertreterkrieg um das kommunistische Regime des Landes mit den USA gef\u00fchrt, die im Kalten Krieg ihrerseits die von Pakistan aus operierenden Guerilla-Gruppierungen der Mudschaheddin unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>In Washington war man schon l\u00e4nger davon ausgegangen, dass die Taliban das US- Equipment der afghanischen Regierungstruppen erbeuten k\u00f6nne. Auch das Pentagon war bei seinen Planspielen auf dieses Szenario eingestellt \u2013 doch von der Schnelligkeit des Eroberungsfeldzuges letztendlich v\u00f6llig \u00fcberrascht. Zwar hatten die amerikanischen Truppen beim Abzug ihre \u201ehochentwickelte\u201c Ausr\u00fcstung mitgenommen, aber Unmengen an Fahrzeugen, Schusswaffen und Munition sind nun in Islamistenhand. Hatte US-Pr\u00e4sident Joe Biden unl\u00e4ngst betont, dass die USA \u201eunseren afghanischen Partnern alle Mittel zur Verf\u00fcgung gestellt\u201c haben, profitiert vom \u201eWorst-Case-Szenario\u201c letztendlich nun der milit\u00e4rische Gegner. Stolz posten die Islamisten auf ihren Online-Netzwerken Videos und Bilder, die sie bei der \u00dcbernahme ganzer Waffenlager und erbeuteter Fahrzeuge zeigen.<\/p>\n<h4><strong>Gigantisches Waffenarsenal<\/strong><\/h4>\n<p>Die Taliban, die Afghanistan wieder in einen Gottesstaat mit Scharia-Gesetzen verwandeln k\u00f6nnten, hatten bei ihrer Offensive im August 2021 eine Million Handfeuerwaffen und Milliarden Schuss Munition erbeutet. 99 Prozent der Kriegsfahrzeuge der afghanischen Armee wechselten den Besitzer. Ebenso sind mehr als 600 Sch\u00fctzenpanzer vom Typ M1117 und rund 8500 Humvees (Milit\u00e4r-Gel\u00e4ndewagen) in den offenen H\u00e4nden der Gotteskrieger gelandet. Dar\u00fcber hinaus verf\u00fcgen die Taliban \u00fcber 150 gesch\u00fctzte Hightech-Fahrzeuge vom Typ \u201eMaxxPro\u201c. Auch die 100.000 aufgewerteten Gel\u00e4ndewagen der afghanischen Polizei vom Typ Toyota Hilux und Ford Ranger fahren jetzt unter der Flagge der arabisch-sunnitischen K\u00e4mpfer. Dazu kommen rund 1000 Sch\u00fctzenpanzer, Panzer und gepanzerte Fahrzeuge aus sowjetischen Best\u00e4nden, die nun ebenfalls den rund 60.000 Gotteskriegern geh\u00f6ren. Doch nicht nur f\u00fcr den Bodenkampf sind die Taliban k\u00fcnftig gut ger\u00fcstet, auch die Luftfahrzeuge gingen komplett an die Islamisten \u00fcber, die nunmehr \u00fcber 68 leichte Kampfhubschrauber vom Typ MD 500 \u201eDefender\u201c, 19 brasilianische Bodenkampfflugzeuge vom Typ A-29 und bis zu 16 legend\u00e4re \u201eBlackhawk\u201c Transporthubschrauber verf\u00fcgen. Auch vier schwere Transportflugzeuge der Baureihe C-130 \u201eHercules\u201c und \u00fcber 100 russische und sowjetische Transport- und Angriffshubschrauber (Mi-17 und Mi-24) kann das Islamistenheer nun sein Eigen nennen. Doch die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr das Aufflammen des internationalen Terrorismus stellt die \u00dcbernahme der afghanischen Drohnen-Flotte dar. In den letzten Tagen eroberten die Taliban mehrere Hightech-Exemplare vom Typ \u201eScanEagle\u201c des US-Herstellers Boeing.<\/p>\n<h4><strong>Die Bundeswehr hatte immer wieder aufger\u00fcstet \u2013 Diese Waffen gingen in das Kriegsgebiet<\/strong><\/h4>\n<p>Am vergangenen Wochenende hatten die Taliban die Stadt Masar-e Scharif erobert. Dort war die Bundeswehr mit ihrem gr\u00f6\u00dften Feldlager au\u00dferhalb der Bundesrepublik jahrelang stationiert. Bis zu 5500 Soldaten der ISAF, darunter 2800 Soldaten der Bundeswehr nebst zus\u00e4tzlichen Einheiten aus 19 weiteren Nationen, waren in \u201eCamp Marmal (CM)\u201c stationiert. Ende Juni 2021 zogen dann die letzten deutschen Truppen ab, bevor sich am 14. August die afghanischen Truppen bei Masar-e-Scharif kampflos ergaben. Bereits davor hatte sich das 207. Armeecorps in der Provinz Herat ohne Widerstand ergeben. Am 16. August bombardierte die U.S. Air Force schlie\u00dflich den Flughafen Masar-e Scharif sowie die darauf befindlichen Jets und Kampfhelikopter der afghanischen Armee, damit die Taliban diese nicht mehr nutzen k\u00f6nnen. Trotz dieser Zerst\u00f6rungsaktion haben die Islamisten mehr Waffen denn je.<\/p>\n<p>Die Bundeswehr hatte bereits unter Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in den Jahren 2009 bis 2011 immer wieder milit\u00e4risch am Hindukusch aufger\u00fcstet. Zum Arsenal geh\u00f6rten die \u201ePanzerhaubitze 2000\u201c, ein 55 Tonnen schweres fahrbares Artilleriegesch\u00fctz mit gro\u00dfer Feuerkraft, der 600 PS starke Sch\u00fctzenpanzer \u201eMarder\u201c, der es auf eine Spitzengeschwindigkeit von 65 Stundenkilometern brachte, das Kampffahrzeug \u201eEagle\u201c das speziell f\u00fcr Kriseneins\u00e4tze wie in Afghanistan zugeschnitten war und das bewaffnete Allzweck-Nutzfahrzeug Dingo, ein rund 8,8 Tonnen schwerer Transporter, der bis zu 100 Stundenkilometer schnell war und bevorzugt bei Patrouillenfahrten eingesetzt wurde. Daneben hatte die Bundeswehr noch zahlreiche weitere Spezialfahrzeuge im Einsatz, darunter den Transportpanzer Fuchs, den Sp\u00e4h- und Aufkl\u00e4rungspanzer Fennek und die gepanzerten Lastwagen Yak und Duro. Wie viele Waffen der Bundeswehr an die H\u00e4nde der Taliban gefallen sind, ist bis dato aber unklar. Experten hingegen gehen davon aus, dass keine deutschen Waffen mehr am Hindukusch sind.<\/p>\n<p>Vergleicht man das neue Waffenarsenal der Taliban mit dem Nato-verb\u00fcndeten Estland, dann zeigt sich die ganze \u00dcberlegenheit der Islamisten. W\u00e4hrend am Hindukusch 60.000 K\u00e4mpfer f\u00fcr das Scharia-System stehen, verf\u00fcgt das estnische Milit\u00e4r gerade mal \u00fcber 6.500 aktive Soldaten und 12.000 Reservisten. 785,7 Millionen USD l\u00e4sst sich das Land seine Streitkr\u00e4fte kosten.<\/p>\n<h4><strong>Schon im Irak fielen viele Waffen des US-Milit\u00e4rs an den Islamischen Staat<\/strong><\/h4>\n<p>Es ist aber nicht das erste Mal, dass Islamisten aus einem amerikanischen Truppenabzug profitieren. Als Mitte 2014 die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) die Stadt Mossul im Irak \u00fcberrannte, fielen Waffen und Fahrzeuge, die von der US-Armee beschafft worden waren, in die H\u00e4nde des IS. Seitdem st\u00e4rkt und verbreitet der IS von dort sein selbsternanntes Kalifat.<\/p>\n<p>Ob die Taliban ihr neues milit\u00e4risches Arsenal daf\u00fcr nutzen, international ihre Macht auszubauen, Terrorgruppen wie Al Qaida mit Waffen zu beliefern und den internationalen Kampf fundamentalistischer Scharia-K\u00e4mpfer weiter zu unterst\u00fctzen, bleibt abzuwarten. Bislang regieren die Pragmatiker in Kabul, doch radikale Kampfgruppenf\u00fchrer der Taliban k\u00f6nnten das Land wieder zu einem radikal-fundamentalistischen Gottesstaat machen, wo die Menschen- und insbesondere die Frauenrechte nicht mehr geachtet werden, so es keine kritische Presse, keine Schulbildung f\u00fcr M\u00e4dchen, keine Musik und kein Fernsehen gibt. Wo aber Steinigungen auf der Tagesordnung standen.<\/p>\n<h1>Biedenkopf: Ich habe auch so lange wegen der Enkel gearbeitet<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz13.08.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Sachsens fr\u00fcherer Ministerpr\u00e4sident Kurt Biedenkopf ist tot. Der CDU-Politiker war nach der Wende nicht nur der richtige Mann am richtigen Fleck, sondern einer, den die Sachsen liebevoll \u201eK\u00f6nig Kurt\u201c nannten. Unerm\u00fcdlich hatte er bis in den Lebensabend hart gearbeitet \u2013 auch f\u00fcr seine Enkel. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Wenn es so etwas wie einen Politiker gab, der Ost und West nach der Wende auss\u00f6hnte, war es der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf. Nach der Wiedervereinigung hatten die Ostdeutschen zwar das G\u00e4ngelband von Unfreiheit und Repression verloren, aber diese Freiheit oft mit Arbeitslosigkeit und einer gro\u00dfen depressiven Stimmungslage erkauft.<\/p>\n<p>Nach 40 Jahren Stasi und real existierendem Sozialismus war es der 1930 in Ludwigshafen am Rhein geborene Jurist, Hochschullehrer und CDU-Politiker Biedenkopf, der vielen Menschen nach der Wende wieder Halt und vor allem Vertrauen und einen zukunftsoffenen Blick geschenkt hatte. In der entscheidenden Zeit der innerpolitischen Transformation, wo mit der Treuhand viele Arbeitsl\u00e4tze verloren gingen, die Mehrzahl der planwirtschaftlich-gef\u00fchrten, maroden Betriebe des SED-Regimes Bankrott anmeldeten, war Biedenkopf als Ausnahmepolitiker der Mann der Stunde. Von 1990-2002 regierte er f\u00fcrsorglich den wirtschaftlich angeschlagenen Freistaat \u2013 und das auch vor dem Hintergrund, weil er ein innerlich starkes Gesp\u00fcr und eine N\u00e4he zu den Menschen hatte, die ihn v\u00e4terlich \u201eK\u00f6nig Kurt\u201c nannten. Sozialisiert wurde der Mann, der ein Faible f\u00fcr Modelleisenbahnen hatte, sp\u00e4ter am Chiemsee lebte, leidenschaftlich segelte und bis ins hohe Alter hinein in seiner Rechtsanwaltskanzlei am Ferdinandplatz anzutreffen war, im s\u00e4chsischen Vorkriegsdeutschland. In der Residenzstadt Merseburg verbrachte er einen Teil seiner Jugend, besuchte das dortige Gymnasium. Und noch vor \u00dcbergabe der Region an die Rote Armee wurde die Familie, sein Vater war technischer Direktor der Buna-Werke, von den Amerikanern nach Hessen evakuiert.<\/p>\n<p>Bevor \u201eK\u00f6nig Kurt\u201c den Freistaat nach der Wende in eine fast bl\u00fchende Landschaft verwandelte, studierte er Rechtswissenschaften. M\u00fcnchen, Frankfurt am Main und Washington, D.C. waren Stationen eines Wissenschaftlers, der nach Promotion und Habilitation von 1967 bis 1969 Rektor der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum wurde. 1990 kam er nach Sachsen zur\u00fcck, war Professor f\u00fcr Volkswirtschaftslehre an der Universit\u00e4t Leipzig. Sachsen wird fortan sein Leben bestimmen \u2013 und doch bleiben sie in der Elbmetropole Dresden lange Zeit Nomaden. Zuerst residierte das Ehepaar Ingrid und Kurt Biedenkopf in einem ehemaligen G\u00e4stehaus der Stasi und lebte quasi in einer Art Minister-WG. Eine Odyssee folgte und der letzte Umzug des Ehepaares war erst im April dieses Jahres.<\/p>\n<h4>Er w\u00e4re fast EU-Kommissionspr\u00e4sident geworden<\/h4>\n<p>Politisch galt Biedenkopf in den 70er Jahren als enger Vertrauter des damaligen CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl. Bevor es zum Zerw\u00fcrfnis mit dem sp\u00e4teren Altkanzler kam, war Biedenkopf von 1973-1977 Generalsekret\u00e4r der CDU und von 1976 bis 1980 Mitglied des Deutschen Bundestag. Der politisch versierte Biedenkopf f\u00fchrte bis 1987 als Vorsitzender den CDU-Landesverband Nordrhein-Westfalen, legte den Posten aber zugunsten Norbert Bl\u00fcms nieder. Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 1980 konnte er sich nicht gegen den damaligen Ministerpr\u00e4sidenten und sp\u00e4teren Bundespr\u00e4sidenten Johannes Rau durchsetzen. 1984 wurde nicht Biedenkopf Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Kommission, sondern der franz\u00f6sische Sozialist Jacques Delors. Ein Jahr vor der Wende hatte sich der politisch ambitionierte Hochschullehrer dann aus der Tagespolitik zur\u00fcckgezogen, feierte aber nach zwei Jahren bei der s\u00e4chsischen Landtagswahl ein \u00fcberragendes Comeback. Am 14. Oktober 1990 holte er mit seiner CDU die absolute Mehrheit. 53,8 Prozent der Sachsen stimmten damals f\u00fcr den Mann, der seine Wurzeln in Osten des lang geteilten Deutschlands hatte. Die Bilanz von Biedenkopf in Sachsen ist mehr als eine Erfolgsgeschichte \u2013 bis heute regiert die CDU im Freistaat. Und das Biedenkopf dazu die Fundamente gelegt hat, steht au\u00dfer Frage. Die Leistung, die der Politiker, der es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, seinem Land zu dienen, in der wiedervereinigten Republik erbrachte, l\u00e4sst sich auch ob der Kritik an seinem F\u00fchrungsstil und diverser Mietaff\u00e4ren nicht verleugnen.<\/p>\n<h4>Beim Atomausstieg folgte er nicht der Kanzlerin<\/h4>\n<p>Biedenkopf, der der CDU seine Karriere verdankte, ging nicht immer konform mit seiner Partei. 2011 forderte er zwei Tage vor der Abstimmung den Bundesrat auf, das Gesetz zum Atomausstieg abzulehnen. Buchst\u00e4blich zerpfl\u00fcckte er die Energiewende der Kanzlerin. Es sei ein politisches Abenteuer, \u201eohne Beteiligung der Partei einen neuen, angeblich alternativlosen und unumkehrbaren Weg einzuschlagen\u201c wetterte er 2011 und betonte das Merkels Energiewende \u201eunbegreiflich\u201c sei. Damals hatte sich Biedenkopf auf die Seite des Bundespr\u00e4sidenten Christian Wulff gestellt, der die Energiewende aus dem Kanzleramt harsch kritisierte. \u201eIch stimme mit dem Bundespr\u00e4sidenten \u00fcberein, dass es klug gewesen w\u00e4re, die Partei an diesem tiefgreifenden Kurswechsel zu beteiligen und sich f\u00fcr den neuen Weg deren Mandat zu sichern. Das gilt auch f\u00fcr die CSU. In Bayern werden 57 Prozent des Stroms durch Kernkraft erzeugt. Wie man nach dem Atomausstieg dieses Defizit aus eigener Kraft ausgleichen kann, muss intensiv diskutiert werden\u201c, sagte Biedenkopf, der seit Januar 2011 eine Forschungsprofessur am Wissenschaftszentrum Berlin f\u00fcr Sozialforschung innehatte.<\/p>\n<h4>Biedenkopf pl\u00e4diert f\u00fcr offene Grenzen und sieht in der Migration eine Chance<\/h4>\n<p>Insbesondere ein Satz des damaligen Ministerpr\u00e4sidenten Biedenkopf kursierte w\u00e4hrend der Fl\u00fcchtlingskrise 2015. Im Jahr 2000 attestierte der Landesvater, dass die Sachsen \u201eimmun\u201c gegen rechtsextremistische Tendenzen sein. Es war eine Art Persilschein, die Biedenkopf seinen Landeskindern ausstellte. Sp\u00e4ter hatte er sich revidiert und von der \u201eMehrheit der Sachsen\u201c gesprochen, denn ganz so rund lief es nach der Wende nie mit Rassenhass und Ausl\u00e4nderdiskriminierung im Freistaat.<\/p>\n<p>Doch anstelle von Migrationsfeindlichkeit und Ausl\u00e4nderhass hatte Biedenkopf selbst immer vers\u00f6hnlichere T\u00f6ne angestimmt: Im vergangenen Jahr hatte er sich f\u00fcr offene Grenzen ausgesprochen. Die Entwicklung, dass Menschen Grenzen in beide Richtungen \u00fcberschreiten, l\u00e4sst sich nicht aufhalten. Biedenkopf betonte: \u201eIch halte insbesondere auf l\u00e4ngere Sicht nichts von der Schlie\u00dfung von Grenzen. Wir m\u00fcssen auch wegen der ver\u00e4nderten demografischen Entwicklung f\u00fcr Migration offen sein, wenn auch unter bestimmten Bedingungen.\u201c Im Gegensatz zu vielen seiner CDU-Kollegen hatte Biedenkopf schon fr\u00fch den Klimakampf auf seine Agenda geschrieben und daher in den vergangenen Jahren keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Fridays for Future-Bewegung und die Klimaaktivistin Greta Thunberg \u201ebemerkenswert\u201c findet.\u00a0 F\u00fcr den Wissenschaftler Biedenkopf, der mit dem Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel im Vorstand des Instituts f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft e.V. in Bonn war und der \u00fcber die Leistungsf\u00e4higkeit europ\u00e4ischer Demokratien angesichts des demografischen Wandels forschte, birgt die Migration Chancen f\u00fcr das soziale Gef\u00fcge der deutschen Gesellschaft. \u201eDie Zugewanderten und ihre Kinder bieten die Aussicht, das demografische Ungleichgewicht zwischen Jung und Alt l\u00e4ngerfristig zu verringern\u201c, betonte er 2016 und f\u00fcgte hinzu: \u201eHier trifft sich unser langfristiges demografisches Interesse mit dem langfristigen \u00f6konomischen Interesse der Fl\u00fcchtlinge und ihrer Kinder.\u201c Der Jurist hatte die letzten Jahre Merkels Migrationskurs immer wieder unterst\u00fctzt und zur schnellen Integration gemahnt. \u201eWir schaffen das, wenn wir uns alle gemeinsam anstrengen.\u201c<\/p>\n<h4>Wir haben eine Verantwortung f\u00fcr unsere Enkel<\/h4>\n<p>Anstrengen, gemeinsam tragen \u2013 nicht aufgeben und k\u00e4mpfen. Daf\u00fcr steht letztendlich auch der geb\u00fcrtige Pf\u00e4lzer, der das vor der Wiedervereinigung wirtschaftliche bl\u00fchende Industrieland Sachsen wieder auf Erfolgsspur gef\u00fchrt hat. Und auf die Frage, warum er bis ins hohe Alter so aktiv ist, schreibt er auf seiner Webseite: \u201eIn meinem Dresdner Arbeitszimmer h\u00e4ngt ein Foto. Es zeigt zw\u00f6lf Erwachsene und zehn Kinder: meine Enkel und ihre Eltern. Fragen mich Besucher, warum ich f\u00fcnfzehn Jahre nach dem \u00fcblichen Beginn des Rentnerlebens noch arbeite, der Hertie School of Governance in Berlin als Vorsitzender des Kuratoriums diene, Reden halte, B\u00fccher schreibe und sonstigen T\u00e4tigkeiten nachgehe, dann deute ich auf das Foto: meiner Enkel wegen. Ich m\u00f6chte nicht, dass sie eines Tages ihren Gro\u00dfvater in Haft nehmen f\u00fcr Entwicklungen, die sie unl\u00f6sbaren Konflikten aussetzen, im eigenen Land und in Europa.\u201c<\/p>\n<p>Nun hat sich Kurt Biedenkopf verabschiedet, aber seine Enkel werden ihn mit Sicherheit nicht \u201ein Haft\u201c nehmen.<\/p>\n<h1>Hubert Aiwanger l\u00e4sst sich nicht verbiegen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz6.08.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Der bundespolitische Wahlkampf pl\u00e4tschert vor sich hin. W\u00e4re da nicht ein aufm\u00fcpfiger Niederbayer, der die ruhige See gewaltig in den Sturm peitscht. Hubert Aiwanger l\u00e4sst sich nicht verbiegen und zeigt sich ungew\u00f6hnlich kampfesfreudig, wenn auch weiterhin impf-unwillig. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Hubert Aiwanger, bayerischer Vize-Ministerpr\u00e4sident und Wirtschaftsminister, spielt in Sachen Wahlkampf auf einer eigenwilligen Partitur. W\u00e4hrend der bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der (CSU) mittlerweile als Inkarnation eines schwarzen Gr\u00fcnen B\u00e4ume umarmt, Bienenv\u00f6lker besch\u00fctzt und sich in Sachen Berliner Hauptstadtpolitik fast mit CDU-Chef und Kanzlerkandidat Armin Laschet ausges\u00f6hnt hat, f\u00e4hrt sein Mit-Steuermann in Bayern einen anderen Kurs. Inmitten der Wogen einer hochgepeitschten See, wo die eine oder andere Welle an die Brandung schl\u00e4gt, will Hubert Aiwanger eben nicht so wie das der CSU-Chef will. Der Eigenbr\u00f6tler Aiwanger und der geschickt sich inszenierende, auf Harmonie und Vers\u00f6hnung nunmehr bedachte Klimaretter S\u00f6der, passen irgendwie nicht zusammen. Fast nach dem Vorbild der US-amerikanischen Filmkom\u00f6die von Gene Saks aus dem Jahr 1968 mit dem Komiker-Duo Jack Lemmon und Walter Matthau, sind sie eines der ungleichesten Paare der Bundesrepublik.<\/p>\n<h4>Ganz bayerische Land- und Mundart<\/h4>\n<p>Hubert Aiwanger, Bundes- und bayerischer Landesvorsitzender der Freien W\u00e4hler, kommt aus dem beschaulichen Ergoldsbach im niederbayerischen Landkreis Landshut. Und Aiwanger verk\u00f6rpert einerseits ganz die l\u00e4ndliche Idylle, andererseits auch den Eigensinn der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung. Aiwanger ist genaugenommen eine Mischung aus Cowboy und Oppositionellen, der mit seinem Niederbayrisch so ganz Kante, Aufruhr und Unverkennbarkeit in Personalunion verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p>Aiwanger hat ihn, den kantigen Geist, das Gesp\u00fcr f\u00fcr das, was seine W\u00e4hler und seine Heimat wollen. Doch verspr\u00fcht er dabei nicht den Charme eines Gro\u00dfintellektuellen, der gediegen formuliert, sondern Aiwanger prescht hervor, buchst\u00e4blich wie ein herzoffener Bauer, der gerade aus seinem Stall an die frei geschalteten Mikrofone der \u00d6ffentlichkeit tritt und seine Welt in klaren, nicht geschliffenen, aber irgendwie in liebensw\u00fcrdigen und vor allem glaubhaften Worten erkl\u00e4rt.<\/p>\n<h4>Der CSU-Chef ma\u00dfregelt ihn gern<\/h4>\n<p>Aiwanger, der aufgrund seiner burschikosen, aufm\u00fcpfigen und so gar nicht elegant daherkommenden Art eher wie ein polternder G\u00fcterzug daherkommt, w\u00e4hrend S\u00f6der im ICE beschaulich durch die Lande reist, hat S\u00f6der aber was voraus: Kampfeskraft, Rauflust und einen Tick von Widerstand, der den bayerischen Sturkopf in seinem oft ungeschickten Auftreten sympathisch macht \u2013 und die S\u00f6der einst auch auf sich vereinte. W\u00e4hrend Aiwanger mit der ungest\u00fcmen Art eher wie eine Walze daher rauscht, ist der gel\u00e4uterte S\u00f6der so ganz moderat-sonorig und verspr\u00fcht die Gediegenheit eines Landesvaters. Dass beide dabei nicht auf Augenh\u00f6he spielen ist klar. S\u00f6der sieht in Aiwanger eher so etwas wie den kleinen Spielgef\u00e4hrten, den er mal v\u00e4terlich umgreift, weil er sich \u201eSorgen um ihn macht\u201c, meist aber im Oberlehrerton auf seinen Platz verweist. Aber gegen einen allesgewaltigen Steinbock S\u00f6der im Sternzeichen war der Wassermann Aiwanger lange eher ein Luftikus, den man wie einen Tennisball mal beliebig in die H\u00f6he und dann wieder fallen lassen konnte. Doch w\u00e4hrend S\u00f6der Aiwanger oft ma\u00dfregelt und ans G\u00e4ngelband nimmt, ist der Niederbayer in den letzten Jahren im politischen Amt gewachsen, ja erwachsen geworden. Alles bieten lassen, tut er sich schon l\u00e4ngst nicht mehr.<\/p>\n<h4>Aiwangers gro\u00dfe politische Ambition \u2013 Sehnsuchtsort Berlin<\/h4>\n<p>Aiwanger hat Ambitionen, gro\u00dfe sogar. Er will nach Berlin und das als Chef der Freien W\u00e4hler bundesweit. Im Gep\u00e4ck hat er keine romantischen Ideen und Flunkereien mit den Gr\u00fcnen. Statt einen starken Bund setzt er auf mehr F\u00f6deralismus, statt Bundesnotbremse, rigiden Corona-Ma\u00dfnahmen und einem instrumentellen Gebrauch von Vernunft in Form von Imperativen der Freiheit pocht er auf das Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit, das im Artikel 2.2. des Grundgesetzes garantiert ist. Kritik prallt an Aiwanger derzeit wie ein warmer Sommerregen ab. Vielmehr begibt er sich in die Spiel- und Wahlkampfarena und das mit einer fast verbl\u00fcffenden Siegessicherheit. \u201eTraditionelle Werte finden ja in der CDU nicht mehr statt, sondern nur noch gr\u00fcner Mainstream. Dazu bedarf es der Freien W\u00e4hler, um dies zu korrigieren,\u201c erkl\u00e4rte er im Interview mit \u201eThe European\u201c.<\/p>\n<h4>Aiwanger macht jetzt den S\u00f6der 2015<\/h4>\n<p>Aiwanger bleibt \u2013 trotz aller Kritik \u2013 auf Krawall geb\u00fcrstet. \u201eV\u00f6llig egal, ob jetzt einer mehr oder weniger geimpft ist,\u201c raunte Aiwanger neulich in die Runde. Und dass er ein bekennender Impfverweigerer ist, wird ihm jetzt zum Problem. Zwar sind die Freien W\u00e4hler (FW) mittlerweile in drei Landtage eingezogen, auf Bundesebene stehen sie immerhin \u00fcber drei Prozent, Tendenz steigend.<\/p>\n<p>S\u00f6der, der 2015 inmitten der Fl\u00fcchtlingskrise einen der damaligen Migrationspolitik der Bundesregierung kontrafaktischen Kurs fuhr und mit Parolen flunkerte, die manchen AfD-W\u00e4hler gut in Richtung CSU h\u00e4tten stimmen k\u00f6nnen, ist jetzt so ganz Staatsmann, gediegen und der harte Mann in Sachen Corona. Das dieser Kurswechsel in Richtung gr\u00fcne Anpassungsf\u00e4higkeit nicht alle in der alten Strau\u00df-Partei lieb sein kann, steht auf einem anderen Blatt. Und das Aiwanger jetzt gegen die CSU opponiert und Impfunwillige zu den Freien W\u00e4hlern ziehen will, passt wiederum dem starken Mann aus Franken nicht.<\/p>\n<h4>Br\u00f6ckelt die bayerische Koalition?<\/h4>\n<p>Inmitten eines vor sich hin pl\u00e4tschernden Wahlkampfes macht Aiwanger eigene Politik. Und das nicht zur Freude des bayerischen Koalitionspartners CSU und der Freien W\u00e4hler. Der CSU-Fraktionschef im bayerischen Landtag, Thomas Kreuzer, der starke Mann aus F\u00fcssen, ist br\u00fcskiert, will gar die Koalition \u00fcberdenken und forderte Aiwanger auf, seine Rolle als stellvertretender Ministerpr\u00e4sident noch einmal zu pr\u00fcfen. Aiwanger betreibe \u201ebilliges Kalk\u00fcl\u201c f\u00fcr den Wahlkampf. \u201eEr muss sich \u00fcberlegen, ob er stellvertretender Ministerpr\u00e4sident bleiben kann,\u201c hei\u00dft es aus dem Maximilianeum.<\/p>\n<p>Doch Aiwanger bleibt eisern, ignoriert die Vorw\u00fcrfe von S\u00f6der, aus der CSU und aus den eigenen Reihen. Vielmehr reagiert er \u201eschockiert, dass Leute in f\u00fchrenden Positionen \u00fcber eine Impfpflicht reden\u201c und setzt weiter darauf, sich selbst nicht impfen zu lassen: \u201eDie Gesamtgefechtslage ist f\u00fcr mich noch nicht deutlich genug.\u201c Aiwanger pocht vielmehr darauf, Corona-Tests weiterhin als ebenb\u00fcrtig zu Impfungen zu behandeln: \u201eWir m\u00fcssen neben dem Impfen das Testen weiterhin als Ma\u00dfnahme akzeptieren. Zu sagen, Impfen ist die einzige L\u00f6sung und Testen w\u00e4re pl\u00f6tzlich nicht mehr sicher genug, das trifft nicht ins Schwarze.\u201c<\/p>\n<h4>Wirtschaftsminister will sich nicht impfen lassen<\/h4>\n<p>Aiwanger hat sich bislang nicht impfen lassen und sieht auch keinen Grund dazu. Schon gar nicht will er sich von der CSU unter S\u00f6der unter Druck setzen lassen. \u201eF\u00fcr mich w\u00e4re der Druck nur gerechtfertigt, wenn ein Geimpfter sagen k\u00f6nnte, der Ungeimpfte schadet mir unzumutbar.\u201c Und: \u201eWir m\u00fcssen aufpassen, dass wir nicht in eine Apartheidsdiskussion kommen.\u201c<\/p>\n<p>Aus seinem privaten Umfeld habe er von Impfnebenwirkungen geh\u00f6rt, bei denen einem \u201edie Spucke wegbleibe\u201c. \u00dcberdies warnte er j\u00fcngst im Deutschlandfunk vor einer \u201eJagd\u201c auf Ungeimpfte. Die B\u00fcrger m\u00fcssten \u201eohne Druck\u201d und mit Fakten \u00fcberzeugt werden. Bisher seien sie \u201eteilweise nicht zu Unrecht verunsichert\u201c.<\/p>\n<h4>Aiwanger schie\u00dft gegen die Gr\u00fcnen \u2013 Die machen \u201eMobbing gegen M\u00e4nner\u201c<\/h4>\n<p>Doch nicht nur in Sachen Impfverweigerung zieht der Ergoldsbacher einen Streifen am Horizont, der bei einer immerhin denkbaren schwarz-gr\u00fcnen Koalition, auf Missbehagen im politischen Berlin st\u00f6\u00dft. Den Gr\u00fcnen wirft er glattweg \u201eMobbing gegen M\u00e4nner\u201c vor, ihre Gleichstellungspolitik sei selber diskriminierend. Und er f\u00fcgte hinzu: Die Gr\u00fcnen sind zu einer Partei der Intoleranz geworden. \u201eBei denen muss man sich schon daf\u00fcr entschuldigen, ein Mann zu sein.\u201c Und mehr noch: \u201eFleischessen verteufeln, kein Autofahren, Klima, Klima, Klima. Wir brauchen jedoch pragmatische L\u00f6sungen statt schlechtem Gewissen und Zukunftsangst.\u201c Auch gegen die Frauenquote poltert er und schl\u00e4gt eine familiengezielte F\u00f6rderung vor. Den Begriff \u201ealte wei\u00dfe M\u00e4nner\u201c kolportiert er und bezeichnete diesen als \u201eRassismus in Reinform\u201c.<\/p>\n<h4>Der Basta-Hubert<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend Armin Laschet im Schlafwagen nach Berlin rollt, der aber an immer mehr Baustellen halten muss, um \u00fcberschwemmte Bahnstrecken und reparieren, und w\u00e4hrend Annalena Baerbock mit Schummeleien dennoch Punkte im Wahlkampf sammelt, ist Hubert Aiwanger derzeit einer, der Kante zeigt. Er will sich halt nicht impfen lassen \u2013 und Basta. Damit ist der Niederbayer im Konzert der Angepassten eine erfrischende Ausnahme, dessen Wesen es ist, \u201eauch mal gegen den Strom zu schwimmen\u201c und Berlin so richtig aufzumischen.<\/p>\n<h4>Aiwanger bleibt Skeptiker<\/h4>\n<p>Eigentlich ist Aiwanger so etwas wie der junge S\u00f6der. Rebell, Aufr\u00fchrer, Unangepasster, der irgendwie noch nicht zum Establishment geh\u00f6rt. Jetzt wirft ihm ausgerechnet S\u00f6der vor, dass er mit seinen \u00c4u\u00dferungen am rechten Rand fischt. \u201eWer glaubt, sich bei rechten Gruppen und Querdenkern anbiedern zu k\u00f6nnen, verl\u00e4sst die b\u00fcrgerliche Mitte und nimmt am Ende selbst Schaden. Wer meint, in einem solchen Becken fischen zu k\u00f6nnen, der riskiert, darin zu ertrinken.\u201c Der Vorwurf, er sei ein Querdenker, der im leisen Ton die impfkritischen Parolen der AfD in den Wahlkampf schmei\u00dft, ist ein Argument, das so nicht verf\u00e4ngt. Aiwanger ist vielmehr ein Naturbursche und so sozialisiert \u2013 und die setzen bekanntlich auf die Selbstheilungs- und Immunisierungskr\u00e4fte der allgewaltigen Natur. Und aus Tradition ist Aiwanger in Sachen Impfen eher ein Skeptiker. Damit steht er letztendlich dann doch als Intellektueller \u2013 samt sprachlicher Hausmannskost \u2013 in einer gro\u00dfen Tradition. Die skeptische Sicht auf das Faktum ist eine ehrenwerte philosophische Denktradition, die alles erst einmal kritisch pr\u00fcft, um dann m\u00f6glichweise zuzustimmen. Von Xenophanes (567\/2 bis ca. 480 vor Christus) \u00fcber David Hume bis zu Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel reicht diese Tradition. Und Aiwanger, immerhin ein Mini-Philosoph, ist in Sachen Impfung bislang noch auf dem Pfad des Skeptikers. Sollten allerdings die Pr\u00e4missen stimmen, wird auch er sich impfen lassen. Bis dahin aber macht er Opposition \u2013 und das ist die Einzige, die wir im erm\u00fcdenden Bundeswahlkampf haben. Dank Aiwanger f\u00fchrt zumindest der s\u00fcdliche Teil der Bundesrepublik so etwas wie einen Mini-Wahlkampf und das ausgerechnet in Bayern, wo Markus S\u00f6der den rigiden Hardliner in Sachen Impfung gibt. Dass das nicht in das Bild einer straken und unantastbaren CSU passt, ist klar. Aiwanger interessiert das nicht, der ist fast schon in Berlin. Seine Kritiker jedoch sehen das eher skeptisch.<\/p>\n<h1><strong>Wissenschaftler: Corona wird nicht die letzte Pandemie in naher Zukunft sein<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz4.08.2021Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>\u201eThe European\u201c sprach mit dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Forschung &amp; Entwicklung der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Jochen Maas, \u00fcber Corona und \u00fcber das pandemische Zeitalter. Wie der Wissenschaftler betonte, wird es nicht die letzte Pandemie sein.<\/p>\n<p><strong>Herr Professor Maas: Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter mit der Pandemie?<\/strong><\/p>\n<p>Wir werden die Pandemie mit Impfungen in den Griff bekommen. Ich glaube aber auch, dass wir wieder einen gleichen Anstieg der Inzidenzen bei Ungeimpften wie im vergangenen Herbst sehen werden. Dieser wird sicherlich im Oktober und November kommen, weil das Virus auch eine saisonale Prozessualit\u00e4t hat. Aber ich bin sicher, dass wir im Bereich Hospitalisierung und Todesf\u00e4lle wahrscheinlich nicht mehr die Zahlen bekommen, die wir schon erreicht hatten. Dies liegt einfach daran, dass sich mittlerweile viele Menschen geimpft haben und damit auch zu \u00fcber 90 Prozent vor schweren Krankheitsverl\u00e4ufen gesch\u00fctzt sind. Die Menschen werden seltener krank und stecken zu einem deutlich geringeren Ma\u00dfe andere an. Dieser Erfolg h\u00e4ngt aber davon ab, ob wir die Impfquote weiter erh\u00f6hen und die Impfskeptiker \u00fcberzeugen. Und vor allem sollten wir die Jugendlichen einschlie\u00dfen. Nur so\u00a0 kommen wir letztendlich auf die 80 bis 85 Prozent Impfquote. Vielleicht haben wir dann die Pandemie wom\u00f6glich besiegt.<\/p>\n<p><strong>Woran liegt es, dass sich viele Menschen nicht impfen lassen wollen. Ist das ein politisches, ein wissenschaftliches oder gesellschaftliches Problem?<\/strong><\/p>\n<p>Von der Wissenschaft gesehen, gibt es keinen Grund an Impfungen zu zweifeln. Wenn man die ganzen Infektionskrankheiten betrachtet, vor allem die viralen, so hatte diese die Wissenschaft fast alle \u00fcber Impfungen in den Griff bekommen. Das f\u00e4ngt bei Polio, Pocken und Hepatitis an und geht bis Covid-19. Es ist eher ein gesellschaftspolitischer Grund oder ein Umstandsph\u00e4nomen nicht zum Impfen zu gehen. So haben wir beispielsweise in Afrika deutlich h\u00f6here Impfquoten als in Deutschland und Frankreich.<\/p>\n<p><strong>Leben wir in einem pandemischen Zeitalter? Was sind die Ursachen daf\u00fcr?<\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten in der Vergangenheit signifikante Pandemien wie die Spanische Grippe 1917\/1918. Aber auch im letzten Jahrhundert gab es immer wieder viele virale Erkrankungen, die auf den Menschen \u00fcbersprungen gesprungen sind, die aber fast immer Epidemien geblieben sind, also lokal wie Ebola und Hantavirus begrenzt waren. Mit Sars-Corv-2 haben wir nunmehr eine weltweite Pandemie. Und diese wird nicht die letzte Pandemie gewesen sein. Vielleicht wird die n\u00e4chste erst 2026 kommen, vielleicht aber auch schon fr\u00fcher. Dass jetzt Pandemien verst\u00e4rkt auftreten, hat seine Gr\u00fcnde: Einer der wichtigsten d\u00fcrfte der sein, dass wir immer weiter in unerforschte und unber\u00fchrte Gebiete vordringen. In diesen Gebieten gibt es Kreisl\u00e4ufe, wo sich ein Virus und ein Wirt aufeinander angepasst und miteinander verzahnt haben. Das klassische Beispiel ist Covid-19 und die Fledermaus. Wenn wir immer weiter in diese Gebiete mit unseren Rindern und Schweinen vordringen, kann es immer \u00f6fters passieren, dass solche Viren Grenzen \u00fcberschreiten und von der Fledermaus auf Haustiere und den Menschen \u00fcberspringen. Mit Blick auf diese M\u00f6glichkeiten bleibt die Vorbereitung das A und O. Was wir dazu brauchen, sind Gentechnik zur Herstellung neuer Impfstoffe und vern\u00fcnftige Digitalsysteme, um letztendlich Infektionsketten nachverfolgen zu k\u00f6nnen. Und wir ben\u00f6tigen Schutzausr\u00fcstungen, die tats\u00e4chlich in gro\u00dfer St\u00fcckzahl vorhanden sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Die Europ\u00e4ische Arzneimittel-Agentur (EMA) pr\u00fcft gerade einen Impfstoff von Sanofi. Wie hoch ist die Wirksamkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben in der Phase zwei mit nur 670 Probanden eine Wirksamkeit zwischen 95 und 100 Prozent gesehen. Das macht mich sehr zuversichtlich f\u00fcr die Phase 3, die derzeit mit 35.000 Probanden l\u00e4uft. Ich rechne mit einer \u00e4hnlichen Wirksamkeit in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von BioNTech.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrden Sie den Impfgegnern entgegenhalten. Was kann man dieser Gruppe, die derzeit in Berlin sehr aktiv gegen die Corona-Politik\u00a0 der Bundesregierung protestiert und die ihre Anh\u00e4nger quer durch alle Gesellschaftsschichten rekrutiert, entgegenhalten?<\/strong><\/p>\n<p>Die Impfgegner m\u00fcssen drei Dinge im Kopf haben: Sie tun sich selber nichts Gutes, wenn sie sich nicht impfen lassen. Aber eigentlich handeln sie, um es hart zusagen, asozial. Zum Dritten sind sie mit verantwortlich, wenn das Virus sich ver\u00e4ndert und wenn wir es nicht schaffen, die Virusausbreitung einzud\u00e4mmen. Es gibt also drei Gr\u00fcnde, sich impfen zu lassen: a. der egoistische, man tut was Gutes f\u00fcr sich selbst, b. der soziale, man tut etwas Gutes f\u00fcr die anderen, und c. der wissenschaftliche: man verhindert die weitere Ausbreitung des Virus.<\/p>\n<p><strong>Sanofi ist ein Riesenkonzern mit \u00fcber 100.000 Mitarbeitern. Welche Medikamente sind in ihrem Portfolio?<\/strong><\/p>\n<p>Das wichtigste Medikament, was wir gerade haben, ist Dupixent. Der Wirkstoff von Dupixent ist Dupilumab. Dupilumab ist ein monoklonaler Antik\u00f6rper, der als Medikament zur Behandlung der atopischen Dermatitis angewendet wird. Wie haben aber auch nach wie vor unsere Insuline wie \u201eLispro\u201c, die weltweit bekannt sind. Das sind unserer Blockbuster und sie werden es bleiben, weil es immer mehr Diabetiker weltweit gibt. Wir haben nach wie vor unsere Mittel gegen die Multiple Sklerose und unsere Impfstoffe gegen alle m\u00f6glichen Viruserkrankungen sowie einen neuen Grippe-Impfstoff f\u00fcr Menschen \u00fcber 60. Was uns auszeichnet, sind viele Medikamente gegen seltene Erkrankungen. Diese Erkrankungen sind oft au\u00dferhalb des Interesses anderer Pharmafirmen. Wir machen viel \u201eMorbus Pompe\u201c f\u00fcr die Enzymersatztherapie und \u201eMorbus Gaucher\u201c gegen Stoffwechselerkrankungen. Wir sind daher nicht unilateral aufgestellt.<\/p>\n<p><strong>Die Welt ist sehr differenziert in arm und reich. In vielen Teilen fehlen Medikamente. Was macht man von Seiten der Pharmaindustrie dagegen?<\/strong><\/p>\n<p>Was wir schon lange machen, sind Aids-Medikamente in L\u00e4ndern, die besonders stark betroffen sind, zu ganz anderen Preisen abzugeben, als in Amerika oder Europa. Oft sogar zum Selbstkostenpreis. Auch bei Corona bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig, als alle vorhandenen Produktionskapazit\u00e4ten zu 100 Prozent auszunutzen, um so schnell wie m\u00f6glich 20 Milliarden Dosen Impfstoff produzieren zu k\u00f6nnen. Auch f\u00fcr k\u00fcnftige Pandemien wird es n\u00f6tig sein, dass wir Industrien in diesen L\u00e4ndern aufbauen. Sanofi hat bereits 30 Produktionsst\u00e4tten in tropischen L\u00e4ndern. Das ist gut. Aber was wir aber noch mehr brauchen, w\u00e4re ein Technologietransfer vor allem in diese L\u00e4nder. Die Industrie ist auch bereit dazu. oft mangelt das Investment in diese Regionen aber an der\u00a0 gewisse Investitionssicherheit. Wenn es L\u00e4nder gibt, wo jedes Jahr das Regime wechselt und die Regierungen von Korruption zerfressen sind, wird es f\u00fcr uns schwer, dort zu investieren und dort Produktion hinzubringen. Aber trotz dieser Schwierigkeiten, glaube ich, dass die Industrie auf dem guten Weg ist.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1>Der Baerbock-J\u00e4ger Weber: Die Gr\u00fcnen kennen keine Streitkultur<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.08.2021Medien, Politik<\/p>\n<p>Kaum hatte der \u00f6sterreichische Plagiatsj\u00e4ger Stefan Weber sowohl Ungereimtheiten in der Vita von Annalena Baerbock als auch \u00fcber 50 Plagiate in ihrem neuen Buch \u201eJetzt\u201c festgestellt, wurde er als \u201eRufm\u00f6rder!\u201c, \u201eFrauenverfolger!\u201c, \u201eRechtsau\u00dfen-Sympathisant!\u201c stigmatisiert. Wer ist eigentlich dieser Mann, den die die gro\u00dfen Medien f\u00fcr seine Arbeit kompromittieren? Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Sein Name ist mittlerweile in aller Munde. Stefan Weber ist in. Von den einen ob seiner exakten Arbeit verehrt, all denen ein Dorn im Auge, die allzu schnell die Copy and Paste-Taste dr\u00fccken und fremdes Gedankengut als ihr eigenen Ausgeben. Ob Prominente wie Karl Theodor von und zu Guttenberg, die Vatikan-Botschafterin und ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan, die FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis und Silvana Koch-Mehrin oder zuletzt SPD-Familienministerin Franziska Giffey \u2013 sie alle haben bewusst get\u00e4uscht und damit nicht nur die Wahrheit besch\u00e4digt, sondern auch den akademischen Titeln keinen Gefallen getan. Eine Promotion bleibt eine qualitativ wie quantitativ aufwendige Lebensleistung, die zumindest eines garantieren sollte: wissenschaftliche Glaubw\u00fcrdigkeit, Ehrfurcht vor der Forschung und eigenst\u00e4ndiges Denken.<\/p>\n<p>Stefan Weber ist so etwas wie ein Perlentaucher. Nur was der 1970 geborene Kommunikationswissenschaftler, Publizist und Plagiatsgutachter meist findet, sind nicht Edelsteine, sondern Verschleierungen und Nebelkerzen. 1996 selbst zum Dr. phil. promoviert und am Institut f\u00fcr Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universit\u00e4t Wien 2005 habilitiert, hatte er mehrere Lehrauftr\u00e4ge im In- und Ausland inne. Doch so richtig zum Plagiatsj\u00e4ger machte ihn buchst\u00e4blich das Abkupfern der eigenen Dissertation. Ausgerechnet ein Informatiker und Theologe der Universit\u00e4t T\u00fcbingen hatte weitgehend w\u00f6rtlich aus Webers Dissertation von 1996 Passagen \u00fcbernommen. Wenn es so etwas wie eine Initialz\u00fcndung bei dem ebenfalls als Journalisten und Publizisten abreitenden Weber gab, war es dieses unerquickliche Plagiat. Daraufhin wurde der Wissenschaftler, der immer wieder kritisiert, dass die heutige Studentengeneration eine mangelnde Studierf\u00e4higkeit, auszeichne, zum J\u00e4ger, zum akribischen Detektiv mit dem feinsinnigen Gesp\u00fcr f\u00fcr das geschriebene und nicht gekennzeichnete Unrecht. Publikationen mit den klingenden Titeln wie: \u201eDie Dualisierung des Erkennens. Zu Konstruktivismus, Neurophilosophie und Medientheorie\u201c, \u201eWas steuert Journalismus? Ein System zwischen Selbstreferenz und Fremdsteuerung\u201c, \u201eDas Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gef\u00e4hrden\u201c oder \u201eDie Medialisierungsfalle. Kritik des digitalen Zeitgeists\u201c stammen aus seiner Feder. Ein produktiver Geist \u2013 der \u00d6sterreicher.<\/p>\n<h4>Etablierter Plagiatsj\u00e4ger quer durch alle Parteien<\/h4>\n<p>Seit \u00fcber zehn Jahren publiziert und kommentiert er in seinem Blog f\u00fcr wissenschaftliche Redlichkeit Plagiatsf\u00e4lle, bietet kostenpflichtige \u201eLebenslauf-Screenings\u201c und \u201ePlagiat-Checks\u201c an. Er begreift es als eine wissenschaftliche Verpflichtung, T\u00e4uschungen offenzulegen \u2013 da macht auch eine Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock keine Ausnahme. So war es Weber, der die Schummeleien bei Vita und Studienabschl\u00fcssen der Gr\u00fcnen-Politikerin als erster offenlegte.\u00a0 Ohne die akribische Leistung h\u00e4tte Baerbock ihren Siegeszug ins Kanzleramt fortsetzen k\u00f6nnen. Doch Weber machte der im Fr\u00fchling noch aussichtsreichen Kandidatin einen Strich durch die Rechnung \u2013 und wie er ausdr\u00fccklich betonte, ohne politisches Interesse oder eine Kampagne gegen die Partei zu fahren. Seitdem gilt er nicht nur in gr\u00fcnen Kreisen als Persona non grata, auch Teile der deutschen Presse haben ihn auf dem Kicker und wollen ihn abschie\u00dfen.<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich ist Weber hingegen kein Unbekannter. Dort st\u00f6berte der geb\u00fcrtige Salzburger quer durch alle politischen Lager hinweg und entzauberte ganze Generationen mit Plagiatsvorw\u00fcrfen. Ob Johannes Hahn (\u00d6VP), Gr\u00fcnen-Politiker Peter Pilz, \u00d6VP-Landesrat Christian Buchmann, SP\u00d6-Politiker Thomas Drozda \u2013 sie alle hat Weber quasi durchleuchtet. Ex-Ministerin Christine Aschbacher und zuletzt Peter Weidinger (beide \u00d6VP) wies er Ungereimtheiten oder \u201ewiederholt geschickte T\u00e4uschung\u201c in ihren Diplomarbeiten nach. Viele von ihnen haben die Vorw\u00fcrfe politisch nicht \u00fcberlebt<\/p>\n<p>Aber auch Institutionen standen im Visier des J\u00e4gers, sei es der Afghanistan-Gerichtsgutachter \u00d6sterreichs wegen mangelnder Wissenschaftlichkeit oder das Bundesinstitut f\u00fcr Risikobewertung \u201ewegen seines Beitrags zum Wiederzulassungsbericht f\u00fcr Glyphosat in Europa\u201c. Diesen Auftrag hatte der Plagiatsj\u00e4ger sogar von der Gr\u00fcnen\/EFA-Fraktion im Europ\u00e4ischen Parlament erhalten. Auch den Endbericht der Historikerkommission der FP\u00d6 bezichtigte er 2019 als Plagiat.<\/p>\n<p>Dass er sich mit seinen Plagiatsvorw\u00fcrfen wenig Freunde macht, ist klar. Es ist ein undankbarer Job, eine Gratwanderung auf den Klippen, der Fall in die Tiefe und Einsamkeit vielleicht ein hoher Preis. Doch Weber macht weiter \u2013 Passion, Leidenschaft? Eher Wahrheitssucher a priori. Er wei\u00df, er sitzt immer irgendwie zwischen den St\u00fchlen. Ist er zu nachgiebig, rettet er m\u00f6glicherweise Personen und Leben, aber verr\u00e4t damit zugleich seine wissenschaftlichen Ideale. Aber er hat eine Mission und diese bleibt die Ehrlichkeit des Textes\u201c Daran will er nicht r\u00fctteln. Und wie Weber betont, sollte seine Arbeit honoriert werden und nicht mit Pauschalurteilen kritisiert und seine Arbeit als Wissenschaftler diskreditiert werden.<\/p>\n<h4>Die Gr\u00fcnen reagieren nicht wie eine Fortschrittspartei, sondern wie ein alter Parteiapparat<\/h4>\n<p>Im Fall, wie die Gr\u00fcnen und ihre Presseabteilungen mit den Plagiatsvorw\u00fcrfen umgehen, sieht Weber das gr\u00f6\u00dfte Problem des freiheitlichen Diskurses. Anstelle von Diskursf\u00e4higkeit reagierte man mit einer inbr\u00fcnstigen Angriffslust und einer Diffamierungskampagne gegen die Arbeit des Plagiatssuchers. Anstatt Fehler bei der Kanzlerkandidatin selbst einzur\u00e4umen wurde Weber selbst mit eingeschliffenen Stereotypen bombardiert, ein regelrechter Kreuzzug gegen den \u00d6sterreicher eingel\u00e4utet. Weber spricht von einer Arroganz der Macht, die nichts mit Kritik anzufangen wei\u00df. Dialogunf\u00e4higkeit einerseits und Vokabeln wie \u201eb\u00f6sartig\u201c, \u201eRufmord\u201c, \u201efalsche Anschuldigungen\u201c und \u201eDesinformationskampagne\u201c andererseits stehen statt Selbstkritik im Raum. Damit ist f\u00fcr den Wissenschaftler klar: Die Gr\u00fcnen reagieren \u201enicht wie eine Fortschrittspartei (\u2026), sondern sie \u201eschossen zur\u00fcck\u201c, eher wie ein steifer, alter, beleidigter Parteiapparat.\u201c Auch gegen Vorw\u00fcrfe, dass er mit seiner wissenschaftlichen Arbeit den Feminismus attackiere, weist er zur\u00fcck. \u201eWenn Feminismus hei\u00dft, einer Frau den Vortritt zu lassen, nur weil sie eine Frau ist und die Frau gleichzeitig weniger qualifiziert ist als der Mann, so ist das kein Feminismus, sondern nur ein Echo jener M\u00e4nnergesellschaft, die dieser falsch verstandene Feminismus bek\u00e4mpfen will\u201c, schrieb Weber in der \u201eDie Presse.\u201c Und er f\u00fcgt hinzu: \u201eWarum wurde das \u201eFrauenstatut\u201c offenbar zum Dogma?\u201c<\/p>\n<h4>Wer Gr\u00fcner ist, hat schon einen Vorteil<\/h4>\n<p>Weber ging es nicht um eine Negativ-Kampagne \u201egegen eine Frau, weil sie Frau ist\u201c, sondern dagegen, dass Baerbock vom \u201eDer Spiegel\u201c und der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c quasi als S\u00e4ulenheilige verehrt wird, die f\u00fcr unantastbar erkl\u00e4rt wird, nur weil sie eine Gr\u00fcne ist und linke und \u00f6kologische Ideale teilt, die in das ideologische Programm dieser Leitmedien passen. Was Weber st\u00f6rt, ist die ganz bewusste Inszenierung, die eine Kandidatin dann medial aufbauschen und jegliche kritische Recherche ausblenden. Es geht, so der Vorwurf, um einen idealisierten Kandidaten, wo es keine Rolle spielt, ob in ihrem Buch \u00fcber 50 Textstellen geklaut wurden, wo es egal scheint, dass gro\u00dfe Erkl\u00e4rungsn\u00f6te in Sachen Nebeneink\u00fcnften und einem unabgeschlossenen Promotionsstipendium gibt.<\/p>\n<p>Daraus zieht Weber den Schluss: Wer als unabh\u00e4ngiger Wissenschaftler mediale Ikonen aus dem links-gr\u00fcnen Lager einer kritisch-objektiven Pr\u00fcfung unterzieht, wird verd\u00e4chtigt und angeprangert. Im Falle des habilitierten Wissenschaftlers ging das soweit, dass man ihn gleich auf die Seite der Verschw\u00f6rungstheoretiker geschlagen hatte. Vorw\u00fcrfe, dass er aus dem rechten Lager stamme, mit den Russen sympathisiere und ein \u201evon der SPD finanzierter Troll\u201c sei, waren dabei mit inklusive.<\/p>\n<h4>Ein Teil der Massenmedien verbreitet selbst Verschw\u00f6rungstheorien<\/h4>\n<p>Mit ihrer Kampagne pro Baerbock contra Weber haben \u201eDer Spiegel\u201c und \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c, wie der Plagiatsj\u00e4ger betonte, eines gezeigt: Sie verbreiten selbst Verschw\u00f6rungstheorien. Und das ist neu. Waren fr\u00fcher Blogger, das Internet und die Sozialen Medien als Teil der kritischen \u00d6ffentlichkeit oft im Generalverdacht gegen die offene Gesellschaft anzuschreiben, zeigt sich nun das Gegenteil. Genau in dieser Wahrheitsverschiebung sieht Weber ein Problem f\u00fcr den Journalismus, f\u00fcr den er wieder mehr kritische Distanz und vor allem ein deutliches liberaleres Herangehen fordert. \u201eEigentlich sollten auch Massenmedien aus dem Fall Baerbock lernen, dass sie Beschreibungen kritisch hinterfragen m\u00fcssen, bevor sie jemanden \u00fcber den gr\u00fcnen Klee loben und hochschreiben. Die Enttarnung von Blendern w\u00e4re eigentlich Aufgabe der \u201avierten Gewalt\u2018. Sie hat im Fall Baerbock nicht nur versagt, sie hat sogar eine Gegen- und Scheinwirklichkeit konstruiert\u201c, so Weber in der \u201eDie Presse\u201c.<\/p>\n<p>\u201eDen Kampf um die Ehrlichkeit glauben mir h\u00e4ufig jene nicht, die selbst unehrlich sind\u201c, schreibt Weber. Diese Aussage gilt f\u00fcr den Plagiatsforscher unabh\u00e4ngig von Person und Partei. Wissenschaftliche Arbeit, und sei es das Erforschen von Plagiaten, darf nicht unter das politische Kuratel fallen, einer politischen Korrektheit geopfert werden, sondern geh\u00f6rt als ein Procedere der Wahrheitssuche und -findung zutiefst zum akademischen Diskurs. Damit es aber im Worst Case dazu gar nicht kommt, schl\u00e4gt Weber einen \u201eEhrenkodex von politischen Parteien\u201c vor, \u201ewonach sich Kandidaten zu ausnahmslos wahrheitsgetreuen Angaben in Lebensl\u00e4ufen verpflichten, ihre Nebeneink\u00fcnfte transparent machen und ihre akademischen Abschl\u00fcsse und Schriften offenlegen.\u201c Sollte dies dennoch nicht der Fall sein, muss die Wissenschaft Unrecht aufdecken. Das bleibt ihre Aufgabe im Dienst der freiheitlich-liberalen Werteordnung und letztendlich auch f\u00fcr das Staatswohl. Schummeleien zu kaschieren und sch\u00f6n zu reden, darf nicht zum Standard eines Journalismus werden, dem gr\u00fcne Themen und Klimaschutz wichtiger als die Wahrheit sind.<\/p>\n<h1>\u201eBlaue Moschee\u201c: Hamburger Islamisten verklagen Verfassungsschutz<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz1.08.2021Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/p>\n<p>Das \u201eIslamische Zentrum Hamburg\u201c steht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Doch das m\u00f6gen die Verfassungsfeinde nicht. Jetzt nutzen sie die Mittel des Rechtsstaates, um sich der Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu entziehen. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferlich ist sie Blaue Moschee an der Au\u00dfenalster ein Juwel- Zeichen sakraler Baukunst und \u00e4sthetischem Esprit. Die Adresse ist renommiert, gleich gegen\u00fcber dem Ruderclub thront die Iman-Ali Moschee in der Stra\u00dfe mit dem klangvollen Namen \u201eSch\u00f6ne Aussicht.\u201c Zu Beginn der Sechzigerjahre wurde die Imam-Ali-Moschee alias Blaue Moschee in Hamburg gebaut. Finanziert hatten sie damals iranische Gesch\u00e4ftsleute aus der Hansestadt.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen wirbt man im Schaufenster mit einem Plakat \u201e60 Jahre Dialog und Freundschaft\u201c. Offiziell steht das \u201eIslamische Zentrum Hamburg\u201c (IZH), das seinen Sitz in der Moschee hat, f\u00fcr Dialog und Freundschaft \u2013 doch das ist alles Fassade. Denn was sich hinter den Mauern des Gotteshauses abspielt, wo sich bis zu 1500 schiitische Moslems zum Gebet versammeln, ist nicht ganz so demokratisch. In Hamburg regiert das Mullah-Regime kr\u00e4ftig mit und f\u00e4hrt einen rigiden antiwestlichen und islamistischen Kurs.<\/p>\n<h4>Seit Jahren unter Beobachtung des Verfassungsschutzes<\/h4>\n<p>Seit Jahren bereits gilt das IZH als langer Arm der Ayatollahs im Iran. Und der Verfassungsschutz schaut genau hin, was sich um und in der Blauen Moschee abspielt. Lange bem\u00fchte man sich von Seiten der Moschee um ein liberales Image, betonte die Unabh\u00e4ngigkeit. Doch neueste Erkenntnisse des Verfassungsschutzamtes in Hamburg weisen eindeutig darauf hin, dass die \u201eImam Ali\u201c- Moschee weiterhin eine Repr\u00e4sentanz des iranischen Gottesstaates ist. Und schlimmer noch: Man pflegt dort auch noch Kontakte zur Terrororganisation Hisbollah. Seit der sogenannten \u201eislamischen Revolution\u201c, damals initiiert von Ayatollah Ruhollah Musawi Khomeini, versucht der Iran durch das IZH sowohl religi\u00f6sen als auch politischen Einfluss auf die in Deutschland wohnenden Schiiten zu nehmen. Das zust\u00e4ndige Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (LfV) nennt die Einrichtung daher auch einen ideologischen, organisatorischen und personellen Au\u00dfenposten Teherans.<\/p>\n<p>Schon im Jahr 1993 war die Blaue Moschee im Verfassungsschutz-Bericht aufgetaucht, bereits damals verfestigten sich Spuren in den Iran. Und trotz der Vorw\u00fcrfe der Fahnder ist sie bis heute Teil der Islam-Vertr\u00e4ge zwischen der Stadt und der Schura (Rat der islamischen Gemeinden). Versuche, den Ausschluss des IZH durchzusetzen, schlugen bis jetzt fehl.<\/p>\n<p>Mitte Juli 2021 hatten sich die Verfassungssch\u00fctzer in ihrem Bericht zu einem offiziellen Schreiben der iranischen Staatsf\u00fchrung an IZH-Leiter Mohammad Hadi Mofatteh ge\u00e4u\u00dfert. Dabei wurde deutlich: Mofatteh ist als offizieller Stellvertreter des Khomeini-Nachfolgers Ajatollah Chamenei anzusehen, der als geistliches und politisches Oberhaupt des Iran fungiert. Auch der stellvertretende IZH-Leiter des Zentrums, Seyed Mousavifar, so machen Fotoaufnahmen deutlich, redet von einem Rednerpult, das mit der Fahne des verbotenen Hisbollah-Vereins \u201eMenschen f\u00fcr Menschen\u201c geschm\u00fcckt ist. Doch die Hisbollah, die \u201ePartei Gottes\u201c ist seit April 2020 in der Bundesrepublik verboten. \u201eDabei besteht das besondere Gewicht des IZH als verfassungsfeindliche Bestrebung darin, dass sie nicht offen erkennbar islamistisch auftritt\u201c, hei\u00dft es in einem am 16. Juli erschienenen Bericht des LfV. Nach Au\u00dfen geben sich die eingeschworenen Gotteskrieger als interkulturelle und interreligi\u00f6se Begegnungsst\u00e4tte, um als Gespr\u00e4chspartner in Politik, Kultur und Gesellschaft akzeptiert zu werden.<\/p>\n<p>Die Vize-Chefin der Hamburger Verfassungssch\u00fctzer Anja Domres betont die unseri\u00f6sen und demokratiefeindlichen Strukturen der Islamisten: \u201eDas IZH ist nach wie vor der verl\u00e4ngerte Arm des Teheraner Regimes in Deutschland und Europa. Zudem stellen wir pers\u00f6nliche und ideologische Beziehungen zur Terrororganisation Hizb Allah fest.\u201c \u201eDie \u2018Blaue Moschee\u2019 ist keine harmlose religi\u00f6se Einrichtung, sondern repr\u00e4sentiert einen antiwestlichen und islamistischen Kurs.\u201c<\/p>\n<h4>Islamisten wollen Verfassungsschutz verklagen<\/h4>\n<p>Die Arbeit der Verfassungssch\u00fctzer ist Mohammad Hadi Mofatteh und Co nat\u00fcrlich ein Dorn im Auge. Man will nicht beobachtet und ausspioniert sein, w\u00e4hrend man Terrorgruppen unterst\u00fctzt und den Islamismus gegen die Demokratie weiter st\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Mohammad Mofatteh, der das IZH seit 2019 leitet und den Ehrentitel \u201eHojjatulislam\u201c, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: \u201eBeweis des Islam\u201c, will den Bundesverfassungsschutz verklagen. Unter dem Aktenzeichen 17 K 5081\/20 l\u00e4uft seit 9. Dezember 2020 ein Verfahren am Verwaltungsgericht. Gegenstand der Klage sind \u201everschiedene Einzelaussagen des Verfassungsschutzes \u00fcber das IZH und die Einstufung als Verdachtsfall\u201c, so das Verwaltungsgericht. Wann jedoch eine endg\u00fcltige Entscheidung im Gerichtsverfahren erwartet werden kann, k\u00f6nne das Verwaltungsgericht zum aktuellen Zeitpunkt jedoch noch nicht einsch\u00e4tzen.<\/p>\n<h4>IZH-Chef ist ein radikaler Islamist<\/h4>\n<p>IZH-Chef Muhammad Mofatteh gilt als radikaler Islamist, er war Mitglied der radikalen \u201eRevolutionsgarden\u201c. Und als \u201eVertreter des Obersten F\u00fchrers (Religionsf\u00fchrer Ayatollah Ali Chamenei) ist der Leiter des \u201eIslamischen Zentrums Hamburg\u201c von Teheran abh\u00e4ngig und muss die Anweisungen von dort direkt befolgen; er ist \u201eberichtspflichtig\u201c. Als Weisungsempf\u00e4nger vermag Mofatteh nur sehr eingeschr\u00e4nkt eigenst\u00e4ndig zu agieren. Zudem erh\u00e4lt der 55-J\u00e4hrige Mofatteh vertrauliche Briefe von Gro\u00df-Ayatolla Makarem Schirazi, der in Verfassungsschutzkreisen als Holocaust-Leugner gilt. Weisungsbedingt und \u201eberichtspflichtig\u201c macht der radikale Moslem fast alles, um den Herzensw\u00fcnschen aus Nah-Ost zu entsprechen. Das IZH B\u00fccher bringt B\u00fccher wie Ruhollah Chomeinis \u201eDer Islamische Staat\u201c heraus, das staatliches Handeln der Scharia unterwirft. Passagen sprechen von rigiden Strafen gegen jedwede Kritiker des Regimes. Es geht um Steinigungen und Peitschenhiebe \u2013 auch gegen Homosexuelle, die nach wie vor im Iran hingerichtet werden. Das man in der Blauen Moschee nichts von westlichen Werten und dem amerikanischen Way of Life h\u00e4lt, geh\u00f6rt zu den Grundfesten der Fundamentalisten.<\/p>\n<p>Dass Mofatteh aus Teheran hofiert und ausgestattet wird, liegt im politischen-religi\u00f6sen Selbstverst\u00e4ndnis des Iran begr\u00fcndet. Teheran versteht sich immerhin als die gro\u00dfe Schutz- und F\u00fchrungsmacht der 160 bis 210 Millionen Schiiten weltweit. Und das Regime wei\u00df wie man systematisch kulturelle und religi\u00f6se Einrichtungen dazu missbrauchen kann, um Glaubensansichten und die Ideologie der Islamischen Republik zu verbreiten. Schlie\u00dflich war es Revolutionsf\u00fchrer Ruhollah Chomeini selbst, der das Prinzip der Herrschaft des Rechtsgelehrten (Velajat-e Faqih) entwickelte, dass die h\u00f6chste Staatsgewalt in die Hand der Kleriker legt und deren Herrschaftsanspruch aus dem Islam ableitet. Genau nach dieser Handlungsanweisung verf\u00e4hrt das IZH und zeigt sich in dieser Funktion zugleich als \u201eein bedeutendes Propagandazentrum\u201c.<\/p>\n<h4>Politiker fordern: Keinen N\u00e4hrboden in Deutschland f\u00fcr Israel-Hetze<\/h4>\n<p>Inmitten der liberalen Demokratie, in Deutschlands weltoffener Hansestadt, kann Chamenei fast mit freier Hand diktieren und seine ideologische Ausrichtung im Westen manifestieren. Ausgerechnet in der Bundesrepublik entsteht so der N\u00e4hrboden f\u00fcr Israel- und Anti-Amerika-Hetze.<\/p>\n<p>Das nun ausgerechnet der islamische Gottesstaat gegen die liberale Demokratie auf dem Rechtsweg schreitet, kommt einer verkehrten Welt gleich. Das sieht auch der innenpolitische Sprecher der CDU, Dennis Gladiator, so \u201eGrotesk: Verfassungsfeinde nutzen Mittel des Rechtsstaats, um sich der Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu entziehen. Das IZH ist klar als verfassungsfeindlich eingestuft, da ben\u00f6tigt es keine weitere Interpretation. Die CDU-Fraktion fordert die sofortige Aussetzung der Islamvertr\u00e4ge mit der Stadt Hamburg. Radikale Verfassungsfeinde passen nicht in unser weltoffenes Hamburg.\u201c Doch nicht nur in der CDU greift der Unmut, auch die FDP-Abgeordnete Anna von Treuenfels versteht das Vorgehen des IZH als eine Dreistigkeit, die ihresgleichen sucht: \u201eKlagerechte stehen in Deutschland jedem zu, aber was das IZH hier treibt, ist dreist. Ich hoffe auf ein kluges Urteil.\u201c Zusammen mit der CDU hatte die AfD im Hamburger Senat wegen einer antisemitischen Demo im Juni, den Staatsvertrag mit den muslimischen Verb\u00e4nden auszusetzen versucht. Vergebens. Damals sprach der islamische Rat Schura von \u201eislamophober Hetze\u201c. Und IZH-Imam Mofatteh erkl\u00e4rte im Juli in einer Stellungnahme, dass die neuen Erkenntnisse des Verfassungsschutzes unsachlich und unwahr sein. Sein Zentrum habe niemals \u201estaatspolitische Ziele verfolgt\u201c.<\/p>\n<h1><strong>Interview mit Frank Walthes: Unsere Kundengelder setzen wir auf energieeffiziente Infrastrukturanlagen<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz28.07.2021Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p>The European traf den Vorstandsvorsitzenden der Versicherungskammer Bayern zum Interview. Wie Frank Walthes gegen\u00fcber dem Debattenmagazin betonte, k\u00f6nnen die Versicherer die Folgen des Klimawandels nicht beherrschen. \u201eAber wir k\u00f6nnen daf\u00fcr sorgen, dass die finanziellen Folgen, die solche Ereignisse f\u00fcr den Einzelnen oft nach sich ziehen, f\u00fcr ihn \u00fcberschaubar bleiben.\u201d<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Was sind die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen der Pandemie f\u00fcr Versicherer und Versicherte?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>F\u00fcr uns als Versicherer sehe ich, so \u00fcberraschend das klingen mag, nach der Pandemie mehr Chancen als Probleml\u00f6ser f\u00fcr die bestehenden Herausforderungen. Oder anders gesagt, die Pandemie war f\u00fcr uns in vielen Bereichen ein Beschleuniger f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung bestehender und neuer Herausforderungen. Etwa in der Digitalisierung, oder im Hinblick auf die Etablierung neuer Arbeitswelten. W\u00e4hrend wir die einzelnen Schritte bei der Digitalisierung auch ohne Pandemie nach und nach gegangen w\u00e4ren, haben wir nun einen Sprint hingelegt. Ein Gro\u00dfteil unserer Belegschaft ist \u2013 heute noch \u2013 im Homeoffice. Unsere Mitarbeitenden erledigen ihren Job von dort aus ohne jegliche qualitative Einschr\u00e4nkungen. Diese positiven Erkenntnisse setzen wir nun zum weiteren Nutzen der Belegschaft und des Unternehmens weiter um.<\/p>\n<p>Ein zweiter wichtiger Punkt ist Vertrauen. Versicherte brauchen gerade in Ausnahmesituationen, wie eben der Pandemie, einen Partner, bei dem sie sich gut und sicher aufgehoben f\u00fchlen und auf den sie sich jederzeit verlassen k\u00f6nnen. Mit Beginn der Pandemie hatten wir die Chance, das unseren Kunden zu beweisen. Genau das ist uns gut gelungen. Sie sehen es an unseren Gesch\u00e4fts- und Kennzahlen, insbesondere aber an einer Reihe von Ma\u00dfnahmen, mit denen wir unseren Versicherten entgegen gekommen sind. Beispielsweise haben wir den Versicherungsschutz f\u00fcr Hilfsfahrten ausgeweitet, die im Auftrag einer Kommune stattfanden. Oder wir haben tempor\u00e4r die Stilllegung von Fuhrpark-Flotten vereinfacht, da deren Fahrten im Lockdown pausieren mussten. In der privaten Krankenversicherung haben wir den vor\u00fcbergehenden Wechsel in einen g\u00fcnstigeren Tarif erm\u00f6glicht, ohne dass die Betreffenden bei R\u00fcckkehr in den urspr\u00fcnglichen Tarif eine erneute Gesundheitspr\u00fcfung h\u00e4tten absolvieren m\u00fcssen. Dies sind aber wirklich nur drei Beispiele aus einer umfangreichen Palette von Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Eine Pandemie, wie wir sie jetzt erleben, kann privatwirtschaftlich nicht versichert und bezahlt werden, hei\u00dft es \u2026<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ja, dem ist so. Das Versicherungsprinzip, dass die Gemeinschaft die Sch\u00e4den Einzelner tr\u00e4gt, wird bei Pandemien schlicht au\u00dfer Kraft gesetzt. Deshalb haben wir uns gemeinsam mit dem Gesamtverband der Versicherungswirtschaft Gedanken \u00fcber eine k\u00fcnftige L\u00f6sung gemacht und bereits im Sommer 2020 ein mehrstufiges Absicherungssystem durch ein \u00f6ffentlich-privates Modell vorgeschlagen, das neben den Versicherern auch den Kapitalmarkt mit einbezieht und in der letzten Eskalationsstufe zus\u00e4tzlich auf staatliche Hilfen zur\u00fcckgreifen w\u00fcrde. Dieser Vorschlag st\u00f6\u00dft bei der Politik grunds\u00e4tzlich auf breites Interesse, muss aber nat\u00fcrlich noch weiter detailliert werden.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Welche Konsequenzen m\u00fcssen Versicherte m\u00f6glicherweise nach Corona bef\u00fcrchten? \u00dcberall steigen die Preise, auch bei den Versicherungen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Corona-Pandemie als solche hat noch keinen Einfluss auf steigende Preise bei uns in der Versicherungskammer. Im Gegenteil: In der Kraftfahrt-Versicherung kann es tempor\u00e4r sogar zu g\u00fcnstigeren Pr\u00e4mien kommen, da die Fahrleistung geringer war und j\u00e4hrlich angepasst werden kann. Ob sich erh\u00f6hte Leistungsausgaben wegen Corona-Erkrankungen, akut oder durch Long-Covid-Symptome, in den Tarifen der privaten Krankenversicherung bemerkbar machen, ist noch nicht abzusehen, da die Zeit noch zu kurz ist, um bereits hier ausreichende Erfahrungen zu sammeln. Aber wir konnten, trotz unserer Beteiligung an Corona-Rettungsschirmen und der \u00dcbernahme von Kosten f\u00fcr Hygienema\u00dfnahmen bei \u00e4rztlichen und therapeutischen Leistungen im ersten Jahr der Pandemie noch keine Steigerung bei den gesamten Leistungsausgaben verzeichnen, was aber nat\u00fcrlich auch daran lag, dass andere Behandlungen teilweise verschoben oder pandemiebedingt gar ausgesetzt wurden.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Wie stellt sich die Versicherungskammer auf m\u00f6gliche weitere Pandemien ein?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich habe im vergangenen Jahr wieder erlebt, dass man sich im Leben niemals auf alles vorbereiten kann, aber man kann sehr schnell lernen, sich auf unerwartete und nie geglaubte Situationen einzustellen. Es gibt wohl in den meisten F\u00e4llen einen Weg, selbst dem noch etwas Gutes abzugewinnen. Seit Beginn der Pandemie haben wir viele Chancen genutzt und eine Reihe von Ma\u00dfnahmen, die wir im M\u00e4rz 2020 ad hoc umsetzen mussten, zwischenzeitlich professionalisiert. Darauf k\u00f6nnen wir weiter aufbauen. Unser gro\u00dfer Vorteil ist, dass wir bei uns im Konzern Versicherungskammer schon seit Jahren professionell auf unterschiedliche Krisenszenarien vorbereiten und regelm\u00e4\u00dfig Krisenstabs\u00fcbungen durchf\u00fchren. Mit Beginn der Corona-Pandemie haben wir ein Business Continuity Management Team (BCM) etabliert, in dem alle f\u00fcr diesen Fall notwendigen Funktionen vertreten sind. Unsere Aufgabe war es, den Gesch\u00e4ftsbetrieb zugunsten unserer Kunden und Vertriebspartner w\u00e4hrend \u00a0einer gesellschaftlichen Krise am Laufen zu halten, die medizinische Lage f\u00fcr unsere Mitarbeitenden zu bewerten, entsprechende Handlungsoptionen daraus abzuleiten sowie die Fragen unserer Mitarbeitenden zu beantworten und sie bestm\u00f6glich f\u00fcr das mobile Arbeiten auszustatten. Insofern bin ich zuversichtlich, dass wir bei diesem Zusammenhalt im Konzern auch weitere, unvorhergesehene Ereignisse gut bew\u00e4ltigen werden.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Wie geht der Konzern derzeit mit den Unsicherheiten volatiler M\u00e4rkte um?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die volatilen Kapitalm\u00e4rkte, gepr\u00e4gt insbesondere von einer bereits sehr lange anhaltenden Niedrigzinsphase, begleiten uns schon sehr lange. Sie sind keine explizite Erscheinung aus der Pandemie; diese hat die Bewegungen zeitweise zwar noch verst\u00e4rkt, aber \u00e4hnliche Ausma\u00dfe sehen wir seit vielen Jahren. Unsere Kapitalanlagestrategie ist darauf ausgerichtet, dass wir die Verpflichtungen gegen\u00fcber unseren Kundinnen und Kunden langfristig und nachhaltig erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Dabei nehmen Investitionen in Infrastrukturprojekte einen zunehmend gr\u00f6\u00dferen Anteil ein, wenn auch noch immer auf niedrigem Niveau. Da wird sich in den kommenden Jahren sicher einiges tun und als \u00f6ffentlich-rechtlicher Versicherer sind wir hier, gemeinsam mit den Sparkassen, gerne gesehene Partner. Wir stehen f\u00fcr Stabilit\u00e4t und sind verl\u00e4sslicher Langfristinvestor.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Der Klimaschutz wird immer wichtiger und f\u00fchrt zu einer Transformation der Wirtschaft. Grund f\u00fcr den Anstieg der CO-2-Emmissonen sind Benziner und Diesel! R\u00fcsten Sie Ihre Flotte um und wie viele Ihrer Angestellten fahren bereits mit \u00d6kostrom?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Unser Fuhrpark ist im Rahmen unseres Nachhaltigkeitsengagements nat\u00fcrlich ebenfalls ein relevantes Thema. Nur ist es nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick oft scheint. Zwar wird der CO-2-Aussto\u00df eines Autos mit Elektromotor deutlich reduziert oder sogar ganz vermieden \u2013 aber nur, wenn gr\u00fcner Strom genutzt wird. Der in Deutschland verf\u00fcgbare Strommix ist heute aber noch stark CO-2 belastet. Auch bei der Produktion von E-Autos werden hohe CO-2-Emissionen erzeugt. Das ist in G\u00e4nze noch unbefriedigend. Deshalb versuchen wir vor dem Hintergrund dieser mehrdimensionalen Situation unseren Fuhrpark umweltschonend umzur\u00fcsten. Innerhalb M\u00fcnchens verwenden wir f\u00fcr Botenfahrten zwischen unseren Standorten beispielsweise Elektrofahrzeuge zur Vermeidung von CO-2-Aussto\u00df. Hier k\u00f6nnen wir mit gutem Gewissen sagen, dass die Emissionen, die durch die Produktion entstehen, wegen des langfristigen Gebrauchs klar \u00fcberkompensiert werden. Dar\u00fcber hinaus stellen wir unseren Mitarbeitenden in M\u00fcnchen E-Fahrr\u00e4der f\u00fcr Kurzstrecken zur Verf\u00fcgung, die rege genutzt werden. Bei unseren Gesch\u00e4ftsfahrzeugen w\u00e4gen wir verschiedene Kriterien wie beispielsweise Distanzen, \u00fcberwiegend \u00dcberland- oder Stadtfahrten etc. ab, um eine aus heutiger Sicht sachgerechte Entscheidung zu treffen. Und nicht zuletzt sparen wir durch die vermehrte Nutzung von Video-Konferenzen eine Menge an Emissionen ein. Das darf man nicht au\u00dfer Acht lassen und dieser Effekt wirkt unmittelbar.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Investieren Sie in Solaranlagen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Erst in diesem Jahr haben wir unser Engagement in diesem Bereich \u00fcber die Investition in unseren Spezialfonds deutlich aufgestockt. Der Fonds, mit einem Zielvolumen im mittleren dreistelligen Millionenbereich, ist derzeit in ein ausgewogenes Portfolio aus Wind- und Solarparks in Deutschland, Frankreich, \u00d6sterreich und Finnland investiert. Neu in diesem Portfolio ist ein Solarpark in den Niederlanden,\u00a0 in einer Gemeinde, die an Niedersachsen angrenzt. Zum Solarpark geh\u00f6ren Fl\u00e4chen f\u00fcr Blaubeeren und Blumen womit wir die Biodiversivit\u00e4t unterst\u00fctzen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Die Menschen werden immer \u00e4lter. Die Jungen haben oft weniger Geld in Versicherungen einzuzahlen. Wie sieht aber dann die Zukunft der Versicherung aus? Bei der Rente wird \u00fcber eine Erh\u00f6hung des Eintrittsalters oder \u00fcber k\u00fcrzere Rentenbez\u00fcge nachgedacht! Gilt f\u00fcr Versicherer \u00c4hnliches?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Sich f\u00fcr die Rente abzusichern und vorzusorgen, ist in der Tat kein sehr dringendes Bed\u00fcrfnis von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Doch die Notwendigkeit, dass sie privat vorsorgen, besteht mehr denn je. Der demografische Wandel und die niedrigen Zinsen, kombiniert mit steigenden Lebenserwartungen erfordert sogar einen erh\u00f6hten Bedarf, f\u00fcr das Alter vorzusorgen. Auch wenn die meisten jungen Menschen es nicht h\u00f6ren m\u00f6gen, ich kann nur appellieren: Je fr\u00fcher, desto besser ist es, sich eine private Altersvorsorge aufzubauen. Sinnvoll ist zudem, nicht nur auf eine Karte zu setzen, sondern im Laufe der Zeit, wenn jemand schon ein wenig mehr verdient, eine breite Diversifikation anzustreben. Sich fr\u00fchzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen ist unvermeidbar, um, wie Sie schon sagen, die gesetzlichen Anspr\u00fcche auszugleichen oder zu kompensieren. Als Assekuranz ist es unsere Aufgabe, die aktuellen Entwicklungen in unseren Produkten abzubilden und unseren Kunden eine m\u00f6glichst hohe Sicherheit zu bieten.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Corona hat digitale Prozesse weiter beschleunigt. W\u00e4hrend des Lockdowns waren auch viele ihrer Mitarbeiter im Home Office. Hat sich das bew\u00e4hrt und wird es ein Modell f\u00fcr die Zukunft bleiben, dass Mitarbeiter von Ihnen vielleicht zwei Tage von zu Haus aus arbeiten k\u00f6nnen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ganz klar, ja. Die \u00fcberaus positiven Erfahrungen die wir mit dem Mobilen Arbeiten bisher gemacht haben, ebenso wie die enormen Zustimmungsraten unserer Belegschaft dazu, werden wir nutzen. Auch nach Corona wird ein gro\u00dfer Teil unserer Mitarbeitenden nur noch einen Teil seiner Arbeitszeit im B\u00fcro verbringen. Und deshalb werden wir die Raumkonzepte intelligent darauf anpassen. Smart Working ist hier das Stichwort.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Die Kommunikation zwischen der Versicherung und den Versicherten soll in Zukunft vereinfacht werden. Dabei spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle wie man Kunden erreicht. Was wird sich mit Blick auf die Kommunikation an der Kundenbetreuung ver\u00e4ndern und welche Rolle spielen dabei die Sozialen Medien, die immer wichtiger als direkte Kommunikationsportale werden? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir haben bereits heute vielf\u00e4ltige Wege und Beratungstools, um mit unseren Versicherten in Kontakt zu treten. Nach wie vor sch\u00e4tzen wir und viele unserer Kundinnen und Kunden den pers\u00f6nlichen Kontakt in einer Sparkasse, Agentur oder einer unserer Gesch\u00e4ftsstellen. Der Kunde kann, wenn er das m\u00f6chte, auch \u00fcber digitale Wege mit uns in Kontakt treten. Gerade in den letzten 15 Monaten haben wir gelernt, wie komfortabel das sein kann. Wir k\u00f6nnen am Bildschirm eine 1:1 Beratung anbieten und alle f\u00fcr den Kunden in Frage kommenden Angebote mit ihm durchgehen, bis zu dem Punkt, dass er den Vertrag digital unterschreiben kann. Dar\u00fcber hinaus, Sie sprechen es an, werden die diversen Social Media Kan\u00e4le immer wichtiger. Auch diese digitalen Anlaufstellen k\u00f6nnen unsere Kunden nutzen. Durch unsere Pr\u00e4senz auf den wichtigsten Plattformen sind wir als Marke gut sichtbar und bieten den Kunden damit vielf\u00e4ltige Wege, um Kontakt mit uns aufzunehmen. Sie nutzen den Kanal, der am einfachsten f\u00fcr sie zug\u00e4nglich ist oder gerade zur Verf\u00fcgung steht.. Mit Social Media erg\u00e4nzen wir unsere klassischen Kan\u00e4le und profitieren dadurch von mehr M\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Kundenkontakt und der Ansprache neuer Zielgruppen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Wie legt die Versicherungskammer ihr Geld an. Gr\u00fcne Geldanlage ist das Trendthema schlechthin. Zunehmend hinterfragen Verbraucher nicht nur ihre Aktiendepots, sondern auch die Versicherungen, denen sie ihr Geld anvertrauen. Viele Menschen wollen gr\u00fcne und nachhaltige Anlagen, um etwas gegen den Klimawandel tun. Und Sie?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Nachhaltigkeit ist aktuell ein gro\u00dfes gesellschaftliches und politisches Thema, und ganz sicher derzeit auch ein popul\u00e4res. Dazu z\u00e4hlt gleicherma\u00dfen die gr\u00fcne Geldanlage. Damit besch\u00e4ftigen wir uns in vielen Facetten und sehr intensiv. Als Versicherungsbranche haben wir ein gro\u00dfes Interesse und uns gemeinsam darauf verpflichtet, unseren Beitrag zur Erreichung der Klimaziele zu erreichen. Bei der Versicherungskammer spielt Nachhaltigkeit schon seit vielen Jahren eine gro\u00dfe Rolle. Zum einen in unserem gesellschaftlichen Engagement, aber ebenso bei einer Vielzahl von Aktivit\u00e4ten und Prozessen im Haus. Angefangen bei unseren Immobilien in nachhaltiger Bauweise bis hin zu eigenen Bienenv\u00f6lkern auf dem Dach unseres Zentrale in M\u00fcnchen-Giesing. Auch bei der Anlage unserer Kundengelder setzen wir vermehrt auf nachhaltige und energieeffiziente Infrastrukturanlagen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>\u00d6kologische, \u00f6konomische und soziale Nachhaltigkeit sind drei S\u00e4ulen, auf die der Konzern aufbaut. Mit welchen Projekten f\u00f6rdern Sie soziale Kompetenz?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Gerade im Hinblick auf die F\u00f6rderung der sozialen Kompetenz haben wir schon heute vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten. Ein wesentliches Projekt der vergangenen Jahre ist unser Diversity-Engagement, mit dem wir nicht nur f\u00fcr Vielfalt sensibilisieren, sondern auch aufzeigen m\u00f6chten, welch\u2018 positive \u00f6konomische Auswirkungen sich dadurch f\u00fcr den Konzern ergeben. An Bedeutung gewonnen hat f\u00fcr uns in den vergangenen Jahren die Etablierung von Generationen-Tandems oder Reverse-Mentoring-Programmen, indem beispielsweise Azubis erfahrende \u00e4ltere Mitarbeitende und F\u00fchrungskr\u00e4fte in F\u00e4higkeiten coachen, die sie sonst deutlich m\u00fchsamer erlernen m\u00fcssten. In den Bereich der sozialen Kompetenz f\u00e4llt zudem unser wirklich sehr breites ehrenamtliches Engagement, das wir nicht zuletzt sogar mit einer eigenen Stiftung bekr\u00e4ftigen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Die Klimakrise erzeugt selbst Druck durch irrwitzige Temperaturausschl\u00e4ge, Starkregen, Wirbelst\u00fcrme oder D\u00fcrren. Die Folgesch\u00e4den der globalen Erhitzung belasten das Gesch\u00e4ftsmodell der Versicherer. Wie werden Sie darauf reagieren?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Was Sie ansprechen, haben wir gerade in den vergangenen Wochen und Tagen \u00a0besonders stark erlebt. Man hat den Eindruck, die Intensit\u00e4t und die Frequenz der Ausschl\u00e4ge nehmen immer weiter zu. Diese Folgen des Klimawandels k\u00f6nnen wir als Versicherer nicht beherrschen. Aber wir k\u00f6nnen daf\u00fcr sorgen, dass die finanziellen Folgen, die solche Ereignisse f\u00fcr den Einzelnen oft nach sich ziehen, f\u00fcr ihn \u00fcberschaubar bleiben. Wir sind hier, gemeinsam mit der gesamten Versicherungswirtschaft, schon sehr lange aktiv. Die Notwendigkeit \u00a0Elementarereignisse abzusichern ist ein stetes Thema in unseren Beratungsgespr\u00e4chen. Denn nicht selten ist mit einem schweren Unwetter die gesamte Existenz bedroht. Und, entgegen h\u00e4ufiger Annahmen, dass eine Vielzahl von Geb\u00e4uden nicht versicherbar w\u00e4re, ist genau das Gegenteil der Fall. In Bayern k\u00f6nnen wir bspw. \u00fcber 99 Prozent problemlos versichern. Das Bewusstsein f\u00fcr diese notwendige Absicherung ist in den vergangenen Jahren schon deutlich gestiegen. Mehr als jeder Zweite, der sein Geb\u00e4ude bei uns versichert, schlie\u00dft diesen wichtigen Schutz mit ein. Dennoch \u2013 hier gilt es noch viel Aufkl\u00e4rungsarbeit zu leisten und wir werden nicht nachlassen, die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu sensibilisieren.<\/p>\n<p>Fragen: Dr. Dr. Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1><strong>Jede f\u00fcnfte Zigarette wird nicht in Deutschland versteuert<\/strong><\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz27.07.2021Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p>Mit dem Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Bundesverbandes der Tabakwirtschaft, Jan M\u00fccke, sprachen wir \u00fcber die Lust am Rauchen, \u00fcber Innovationen in der Tabakindustrie, \u00fcber Klimaschutz und warum die Verbraucher trotz sehr hoher Steuern weiter rauchen.<\/p>\n<p><strong>Herr M\u00fccke, Sie sind Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Bundesverbands der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE). Nun ist die Gr\u00fcndung des Verbands erst vor eineinhalb Jahren erfolgt. Was hat sich in der Branche ge\u00e4ndert, und was sind die \u201eneuartigen Erzeugnisse\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Jan M\u00fccke: Ge\u00e4ndert hat sich viel. Wir sind als deutsche Tabakwirtschaft auf einer l\u00e4ngeren Transformationsreise. 24 Prozent der Deutschen rauchen. Wir haben zwei Trends, einerseits hin zu einer ges\u00fcnderen Lebensweise und andererseits den Hedo\u00adnismus, den es schon seit Jahrtausenden gibt. Die \u00adZigarette ist nach wie vor das beliebteste Genussmittel. Doch wir und viele der Konsumenten suchen nach potenziell weniger sch\u00e4dlichen Alternativen. Mit der E-Zigarette haben wir ein Produkt, das gar keinen Tabak mehr enth\u00e4lt. Ein weiteres Nikotinprodukt, das, obgleich es Tabak enth\u00e4lt, geringere Gesundheitsrisiken birgt, ist der Tabakerhitzer. \u00adDabei wird der Tabak erhitzt, aber nicht verbrannt. So kann der Raucher den Tabakgeschmack genie\u00dfen \u2013 inhaliert aber deutlich weniger Schadstoffe. Die allerneueste Kategorie sind rauch- und tabakfreie Nikotinbeutel, die noch weniger sch\u00e4dlich sind. F\u00fcr viele Menschen sind das sehr gute Alternativen \u2013 ohne auf ihren Tabak- und Nikotingenuss verzichten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Das traditionelle Zigaretterauchen hat durch eine \u00adrigide Verbotskultur und Reglementierung vonseiten der Bundesregierung, aber auch international und durch medizinische Erkenntnisse unterf\u00fcttert, den Raucher letztendlich zu einem Fossil werden lassen, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Bei Kindern und Jugendlichen bin ich froh, dass es so ist. Und das ist auch ein Erfolg der Arbeit im Handel. Das Thema Kinder- und Jugendschutz ist eines der wichtigsten der gesamten Industrie. Daf\u00fcr bieten wir Onlinetools zu Schulungszwecken zum Jugendschutz an. Der effektivste Kinder- und Jugendschutz ist die Durchsetzung des strikten Abgabeverbots von Tabak an diese Gruppe.<\/p>\n<p><strong>An das Rauchverbot in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln, Restaurants et cetera. haben wir uns gew\u00f6hnt \u2013 und das wurde in den Medien auch sehr stark als der richtige Weg interpretiert. Was hat sich in den letzten 30\u00a0\u00adJahren bez\u00fcglich der Kultur des Rauchens ver\u00e4ndert und wie kann man das Rauchen \u00fcberhaupt noch attraktiv machen, ohne politisch unkorrekt zu werden?<\/strong><\/p>\n<p>Die Kultur des Rauchens \u00e4ndert sich alle hundert Jahre. Das 18. Jahrhundert war das der Pfeife. Friedrichs II. Tabakskollegium war legend\u00e4r. Das 19. Jahrhundert war von der Zigarre gepr\u00e4gt. Die Zigarette passte hingegen in das Zeitalter der \u00adIndustrialisierung, die auf den massenhaften Konsum einging. Daher ist die Zigarette das ideale Produkt f\u00fcr das 20. Jahrhundert \u2013 in einer immer hektischer werdenden Zeit. Im 21. Jahrhundert sind wir in einer Zeit angelangt, wo gesundheitliche Aspekte eine gro\u00dfe Rolle spielen. Der Ansatz der \u201eSchadensminimierung\u201c wird die Grundmelodie aller zuk\u00fcnftigen Regulierungs- und Besteuerungsdiskussionen sein. Wie also kann man sicherstellen, dass die Menschen, die rauchen wollen, dies weiterhin tun k\u00f6nnen, ohne ihre Gesundheit \u00fcberm\u00e4\u00dfig zu sch\u00e4digen? Also die Transformationsreise geht weiter \u2013 und sie soll so verlaufen, dass niemand bevormundet oder das Rauchen ganz verboten wird. Von Prohibition halten wir nichts, die Folgen einer prohibitiven Regulierung sind oft sehr negativ, wie das Entstehen der organisierten Kriminalit\u00e4t w\u00e4hrend der Alkoholprohibition in den USA vor hundert Jahren gezeigt hat. Es kommt darauf an, mit Verstand und ohne Bevormundung zu regulieren.<\/p>\n<p><strong>Das Thema Nachhaltigkeit wird auch bei der Tabakindustrie immer wichtiger. Hier will vor allem die \u00adRegierung mit dem \u201eKreislaufwirtschaftsgesetz\u201c die \u00adTabakhersteller in die Pflicht nehmen. Herr M\u00fccke, was versteht man (a) darunter und was bedeutet das (b) f\u00fcr Ihren Verband?<\/strong><\/p>\n<p>Das Kreislaufwirtschaftsgesetz steht auch in Verbindung mit dem Verpackungsgesetz. Dahinter steht die Frage, wie Verbraucher die Umwelt weniger durch das Wegwerfen von Zigarettenkippen sch\u00e4digen. Unser Verband will durch viele Ma\u00dfnahmen dazu beitragen, den Raucher zu sensibilisieren, achtsam zu sein. Wir arbeiten mit Partnern aus anderen Industrieverb\u00e4nden, die diese Kunststoffprodukte herstellen, daran, gute Entsorgungskonzepte f\u00fcr Einwegplastikabf\u00e4lle zu finden. Es bleibt dabei: Rauchabf\u00e4lle geh\u00f6ren nicht auf Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen, sondern in Abfallbeh\u00e4lter und dort, wo diese fehlen, in einen Taschenaschenbecher. An der Nord- oder Ostsee arbeiten wir mit den Strandkorbvermietern zusammen, damit Zigarettenabf\u00e4lle nicht am Strand landen.<\/p>\n<p><strong>Nicht nur dass viele Raucher ihre Zigarettenkippen einfach wegwerfen und damit eine Ordnungswidrigkeit begehen, ist ein Problem, sondern auch die Thematik mit den Filtern, die dazu da sind, die gesetzlich zul\u00e4ssigen H\u00f6chstwerte an Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid im Rauch einzuhalten. Diese bestehen zwar aus einem Material, das sich vollst\u00e4ndig biologisch abbauen l\u00e4sst, der Vorwurf ist aber, dies geschehe zu langsam und sei ein Problem f\u00fcr den Umweltschutz. Wie also geht es mit den Filtern weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Hier ist man bei der Entwicklung von neuen Filtern sehr weit. Es gibt schon Produkte, wo sich die Filter nach 60 Tagen biologisch abbauen. Aber wichtiger als dieser Abbau bleibt, dass der Verbraucher seine Abf\u00e4lle verantwortungsvoll entsorgt. Auch ein Filter, der nur 60 Tage in der Natur liegt, verschmutzt die Umwelt. Wir alle k\u00f6nnen Verantwortung f\u00fcr die Umwelt \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><strong>Apropos Steuern. Seit den letzten Jahren werden die Preise f\u00fcr Zigaretten immer h\u00f6her, die Steuern steigen. Woran liegt das? Verdient da nur der Staat daran und ist das der richtige Weg, um den Menschen das Rauchen abzugew\u00f6hnen?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verdient in erster Linie der Staat. Im Schnitt gehen bei einer Packung Zigaretten zum Preis von 7 Euro bereits 70 bis 75 Prozent an den Fiskus, das sind circa 5 Euro an Tabak- und Umsatzsteuer. Was dann noch \u00fcbrig ist, teilt sich in etwa zu zwei und einem Drittel zwischen Handel und Industrie auf. Der Staat bleibt der gro\u00dfe Gewinner. Allein 2020 hat der Bund aus der Tabaksteuer und der Umsatzsteuer \u00fcber 19 \u00adMilliarden Euro durch Tabak\u00aderzeugnisse eingenommen.<\/p>\n<p><strong>Werden die Zigaretten in den n\u00e4chsten Jahren noch teurer? <\/strong><\/p>\n<p>Aufgrund von erh\u00f6hten Energie-, zus\u00e4tzlichen Lieferkosten, steigenden Tarifen und Arbeitsl\u00f6hnen wird das Rauchen auch in Zukunft nicht billiger. Die Tabakprodukte werden aber in erster Linie durch immer mehr und h\u00f6here \u00f6ffentliche Abgaben belastet und damit teurer.<\/p>\n<p>Nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001 hatte die Bundesregierung die Tabaksteuer massiv erh\u00f6ht und seitdem haben wir einen konstant hohen Anteil zwischen 17 und 21 Prozent von nicht in Deutschland versteuerten Zigaretten. Wir m\u00fcssen also aufpassen, dass die Kriminalit\u00e4t hier nicht weiter ansteigt und der Schwarzmarkt noch \u00adgr\u00f6\u00dfer wird. Es ist mittlerweile ein eintr\u00e4gliches Gesch\u00e4ft f\u00fcr die organisierte Kriminalit\u00e4t geworden. Deshalb warnen wir die Politik immer, es mit Steuererh\u00f6hungen zu \u00fcberziehen. Immer dann, wenn Produkte erheblich verteuert werden, versuchen die Konsumenten auf preisg\u00fcnstigere Alternativen auszuweichen \u2013 aber sie h\u00f6ren nicht auf zu rauchen. Die Gefahr sehen wir gerade aktuell beim Entwurf des Tabaksteuergesetzes, das im Juni verabschiedet wurde. Der Ansatz der kontinuierlichen Erh\u00f6hung sollte auch auf die E-Zigaretten und Erhitzer \u00fcbertragen werden, aber bitte mit Augenma\u00df, damit sich Verbraucher nicht auf dem Schwarzmarkt versorgen.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Wir Gendern uns zu Tode<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">25.07.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Wissenschaft<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>Fast zwei Drittel der Bundesb\u00fcrger h\u00e4lt nicht viel vom Gendern. Dennoch streicht die Bundeswehr ein altbew\u00e4hrtes Wort und die Stadt Bonn legt einen Leitfaden f\u00fcr korrektes Sprechen vor. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"iqadtile4\" class=\" iqadmark \" data-google-query-id=\"CPmh7dOcp_MCFYKpdwodOOYCPw\">\n<div id=\"google_ads_iframe_\/183\/teu\/artikel_1__container__\"><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Ein Gespenst geht um \u2013 der Genderwahn. Dass wir inmitten der gr\u00f6\u00dften Pandemie der Weltgeschichte keine anderen Probleme haben, unterstreicht der ganze Irrsinn der angestachelten Debatte. Auch die Bundeswehr gendert, was das Zeug h\u00e4lt. Nun soll ein Begriff geopfert werden, der den Soldaten lieb und teuer ist. Seit Jahren bekommen diese ihre Marsch- und Feld-Verpflegung in der sogenannten \u201eEinmannverpackung\u201c, einer Tagesration, die aus Fertiggerichten und Instantkaffe besteht. Doch auf R\u00fccksicht auf die Soldatinnen muss ein neues Wort her, das in Zukunft f\u00fcr das kulinarische Gl\u00fcck der Truppe steht. Bis zum 30. September hat die Armee jetzt Zeit, Ersatz f\u00fcr das unliebsam gewordene Wort zu finden.<\/p>\n<p>Die Stadt Bonn, einst das m\u00e4chtige politische Zentrum der Republik, hat einen neuen Leitfaden mit dem Titel \u201eGeschlechtergerechte Sprache in der Stadtverwaltung\u201c vorgelegt, der den Mitarbeitern vorschreibt, welche Begriff sie verwenden d\u00fcrfen. Zul\u00e4ssig sind danach nur noch gendergerechte Formulierungen. Seit Jahren hat sich die ehemalige Bundeshauptstadt den Neusprech auf die Fahnen geschrieben, \u201eGeschlechtergerechtigkeit (Gender Mainstreaming) wird hier als integrierender Prozess verstanden, der hinterfragt, inwieweit \u201epolitische Entscheidungen und Verwaltungshandeln eine echte Chancengleichheit der Geschlechter erreichen.\u201c Wohin die neue Sprachideologie f\u00fchrt, zeigt sich schon exemplarisch in K\u00f6ln. Dort muss die K\u00f6lner Verwaltung statt \u201ejeder\u201c k\u00fcnftig \u201ealle\u201c sagen, \u201eweil jeder \u2013 B\u00fcrger, K\u00f6lner, Jeck \u2013 ja nur M\u00e4nner anspreche\u201c. Und aus den Fu\u00dfg\u00e4ngern und Fu\u00dfg\u00e4ngerinnen w\u00fcrden demn\u00e4chst Zufu\u00dfgehende.<\/p>\n<p><strong>Das Gendern wird zum Religionsersatz<\/strong><\/p>\n<p>Was sich einst als eine harmlose linguistisch anmutende Debatte \u00fcber das Geschlecht nach dem Linguistic Turn entwickelte, der ma\u00dfgebende Impulse dem postmodernen, poststrukturalistischen Diskurs von Jaques Derrida verdankte, ist zu einer radikalen Programmatik geworden, absoluter Wahrheitsanspruch inkludiert. \u201eNun sag\u2019, wie hast du\u2019s\u201d mit dem Gendern \u2013 dann ich sage Dir, wer Du bist \u2013 so zumindest k\u00f6nnte man Goethes Gretchenfrage zur Religion aus dem \u201eFaust\u201c zum Glaubensbekenntnis des 21. Jahrhunderts transformieren. Denn das Gendern tr\u00e4gt heutzutage \u2013 und dies immer mehr \u2013 fast religi\u00f6se Z\u00fcge. Wie einst im Mittelalter Wahrheit, Rechtgl\u00e4ubigkeit und Dogma der katholischen Kirche das Leben der Menschen justierten, so ist es heute das Gendern. Wer damals nicht an die ewige Wahrheit, Offenbarung und an das Dogma glaubte, wurde der Ketzerei bezichtigt und auf das mediale Schafott gef\u00fchrt, entm\u00fcndigt und totgeschwiegen. Wer heute an der neuen Religion und Deutungshoheit zweifelt, dass Mannsein und Frausein eine \u201egesellschaftliche Konstruktion\u201c sind, wer Alternativen zu Homo und Hetero nicht aufheben will, wer Begriffe wie \u201eMann\u201c und \u201eFrau\u201c unkritisch seinem Seelenhaushalt verordnet, geh\u00f6rt einer Welt oder Generation buchst\u00e4blich im Sinne Stefan Zweigs von Gestern an. Das moderne Autodaf\u00e9 dreht sich weiter, es ist zwar antimetaphysisch, aber das Dogmatische bleibt, als transzendenzlose Metaphysik. Heute geht es nur noch um die beweglichen Formen von Geschlechtlichkeit \u2013 oder eben um den Abschied vom Prinzipiellen, von der tradierten \u00dcberlieferung von Mann und Frau, von traditionellen Geschlechterrollen, also davon, dass Mannsein und Frausein nicht biologische, sondern vielmehr \u201egesellschaftliche Konstruktion\u201c sind.<\/p>\n<p>Schon l\u00e4ngst hat die Gendertheorie, Gender Studies und Gender-Mainstreaming die Welt des Wissens erobert. Die Universit\u00e4ten, einst Kathedralen des Wissens, sind zu Sprechr\u00f6hren der neuen politischen Korrektheit geworden, zu regelrechten Blasen des Gender-Jargons, die die neue \u201eWissenschaft\u201c mit hunderten von Lehrst\u00fchlen und mit Millionen Unsummen finanzieren. Aber beim Gendern handelt es sich nach wie vor um eine Religionswerdung qualitativ schwacher Kraft, die zwar den Anspruch auf eine Mehrheitsdoktrin mit gewaltigen Sanktionsmechanismen f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, letztendlich aber nichts anderes als ein neues Glaubensbekenntnis ist, das Kritiker vor den Richterstuhl zieht und knechtend beugt bis sie sich zum neuen Glauben bekennen.<\/p>\n<p>Dabei sind zwei Drittel, wenn nicht fast 90 Prozent der Deutschen, nicht mit der Umformatierung der Sprache einverstanden, wie eine neuere Umfrage von Infratest ergab. Hierzulande h\u00e4lt sich die Begeisterung in Grenzen, wenn es um einen Neusprech geht, der die Sprache verunglimpft und geradezu verhunzt, wo der Begriff des B\u00e4ckerhandwerks durch Backendenhandwerk ersetzt werden soll, wo von im Biergarten sitzenden Radfahrenden statt von dort sich erholenden Radfahrern die Rede ist. Die Corona-gesch\u00fcttelten deutschen Bundesb\u00fcrger wollen keine Elter 1 oder Elter 2. Man tr\u00e4gt ein gro\u00dfes Unbehagen an den Sprach- und Schreibmonstern wie B\u00fcrger*innen, B\u00fcrgerInnen, B\u00fcrger:innen, B\u00fcrger\/innen und B\u00fcrger_innen.<\/p>\n<p>Wer die Sprache transformiert, legt das Hackebeil an die tradierte Gesellschaft, an einen Wertkanon, der sich \u00fcber Jahrhunderte formte, nimmt die Zerst\u00f6rung kultureller Traditionen leichtfertig in Kauf. Denn wer seine Sprache zerst\u00f6rt, cancelt sich selbst.<\/p>\n<p><strong>Australische Universit\u00e4t gibt neue Richtlinie, die die W\u00f6rter \u201eMutter\u201c und \u201eVater\u201c geschlechtsneutral machen<\/strong><\/p>\n<p>Die Amputation der Sprache wird aber in Australien ganz anders gesehen. Dort wird akribisch transformiert und das Halteseil traditioneller Begriffe zerschnitten. Die \u201eAustralian National University\u201c, keineswegs eine Eliteuniversit\u00e4t, und speziell ihr Gender-Institut sind es, das sich eine gerechtere, menschlichere, nicht rassistische und nichtdiskriminierende Sprache auf die Agenda geschrieben haben. Und das wollen sie so genau und akkurat machen, dass sie W\u00f6rter wie \u201eMutter\u201c und \u201eVater\u201c zwar nicht gleich aus dem kulturellen Ged\u00e4chtnis tilgen wollen, aber zumindest perspektivisch durch geschlechtsneutrale W\u00f6rter zu ersetzen suchen. Richtlinie hin und her, es bleibt dem Duktus nach eine unverbindliche Verbindlichkeit, die hier im Namen einer selbst aufgeplusterten \u201eWissenschaft\u201c aufgerichtet wird und damit letztendlich kein Angebot der intellektuellen Freiheit mehr ist, sondern selbst zur Doktrin avanciert. Man kann am Sinn und vor allem am Verstand der \u201eMacher\u201c zweifeln, ausgerechnet bei W\u00f6rtern wie \u201eMutter\u201c und \u201eVater\u201c den Rotstift anzusetzen. Denn den Initiatoren geht es um nichts Geringeres als peu \u00e0 peu eine genderspezifische Sprache quasi durch die Hintert\u00fcr hindurchzuwinken, da im Handbuch erkl\u00e4rt wird: \u201eSprachgewohnheiten brauchen \u00dcbung, um sie zu \u00fcberwinden, und die Studenten erkennen die Bem\u00fchungen an, die Sie machen, um sich inklusiv auszudr\u00fccken.\u201c<\/p>\n<p>Der genderneutrale Wort-Schatz beinhaltet unter anderem neue Begriffe f\u00fcr die Eltern. So sollen die Lehrenden und Studenten zur Mutter zuk\u00fcnftig \u201eAustragendes Elternteil\u201c und zum Vater \u201eNicht-geb\u00e4rendes Elternteil\u201c sagen. Gleiche Umbenennung soll, rein akademisch und unverbindlich, als \u201ewissenschaftlich gender-integrative Lehre auch f\u00fcr den Begriff des Stillens gelten. Anstelle der \u201eMuttermilch\u201c wollen die Macher k\u00fcnftig den Ausdruck \u201eMenschliche Milch\u201c oder \u201eElternmilch\u201c setzen.<\/p>\n<p>Auch in England wird gegendert, was das Zeug h\u00e4lt. Hier will man die historische Ausgrenzung von trans- und nichtbin\u00e4ren Menschen auf den Geburtsstationen beenden und setzt auf geschlechtsneutrale Begriffe. So legten die Universit\u00e4tskliniken von Sussex und Brighton, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nahe, neutrale Worte zu verwenden. Man will, so die neue Maxime, der Vielfalt ihrer Patientinnen und Patienten gerecht werden \u2013 und da es nun auch transsexuelle Schwangere gibt, m\u00fcssen neue Begriffe kodifiziert werden. \u201ePerson\u201d statt \u201eFrau\u201d, \u201eGeburtselternteil\u201d statt \u201eMutter\u201d oder eben auch \u201eMenschenmilch\u201d oder \u201eMilch des stillenden Elternteils\u201d soll die Bezeichnung \u201eMuttermilch\u201d ersetzen. Und statt \u201eVater\u201d gelte es eher \u201eElternteil\u201d oder \u201eCo-Elternteil\u201d zu sagen. Diese neu erschaffene Sprache soll dann frei von Diskriminierung sein und auch in den Geburtsvorbereitungskursen oder bei anderen Terminen, an denen beide Elternteile teilnehmen, verwendet werden. Schlie\u00dflich beginne Ausgrenzung bei der Sprache. Trotz der geschlechtsneutralen Begriffe soll aber auch weiterhin die \u00fcbliche Sprache f\u00fcr (CIS-) Frauen verwendet werden, hie\u00df es.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen religi\u00f6s Musikalischen ist der Neusprech, die postulierte Aufhebung von sprachlicher Diskriminierung, aber nichts anderes als eine neue Form einer sprachlichen Apartheid, die nicht nur Sprachmonster generiert, sondern in ihrer medialen Diktion und im Tenor erschreckend einseitig, intolerant und aggressiv sind. Anstatt die ohnehin br\u00fcchige Gesellschaft im Geist der Vers\u00f6hnung harmonisch zu befrieden, befeuert das Gendern einen kontraproduktiven Diskurs, der mehr zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Christian Lindner: Wir d\u00fcrfen den Gr\u00fcnen nicht die Staatsfinanzen \u00fcberlassen<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">1.07.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>Die FDP um Christian Lindner holt in den Umfragen zur Bundestagswahl weiter auf. Im Gespr\u00e4ch mit Verleger Wolfram Weimer bei Microsoft in Berlin unterstreicht der Parteichef seine Ambitionen f\u00fcr eine Regierungsbeteiligung, allerdings nur wenn die Inhalte stimmen. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Auch wenn Deutschland seine Fu\u00dfballhoffnungen f\u00fcr dieses Jahr begraben musste, Christian Lindner hat allen Grund optimistisch in die Zukunft zu schauen. Beim Microsoft-Townhall-Meeting in Berlin schaltete der Stratege und erfahrene Berufspolitiker dann auch gleich in den Wahlkampfmodus. Und Lindner kann sich das leisten. Immerhin stehen 70.000 Mitglieder und darunter vor allem junge W\u00e4hler zwischen 16- und 18 Jahren hinter ihm, so viele wie zuletzt im Jahr 1981. Tendenz kontinuierlich steigend. Weimers Vorschlag, dass es beim derzeitigen Umfragehoch auch zu einer gelben Ampel kommen k\u00f6nnte, wo Gr\u00fcne bei 17 Prozent, die SPD bei 16 Prozent und die FDP bei 18 Prozent l\u00e4ge, goutierte Lindner zumindest als eine spannende Spekulation.<\/p>\n<h4>Die FDP hat in Coronazeiten \u00fcberzeugt<\/h4>\n<p>Die starken Umfragewerte seien, wiederholt der Parteichef, aber nicht einem schwachen Wirtschaftslenker Armin Laschet geschuldet, sondern einer demokratischen Politik, die die FPD gerade in Zeiten der Coronakrise ausgezeichnet habe. Die Pandemie habe den Markenkern der Partei offenbart. Denn ohne die Gefahren von Corona zu leugnen, zogen die Liberalen bei der Frage der Eingriffe in die Freiheit andere Schl\u00fcsse als CDU, CSU, SPD und Gr\u00fcne. Die FPD hat gezeigt, dass sie im demokratischen Zentrum der politischen Kultur f\u00fcr Sensitivit\u00e4t und B\u00fcrgerrechte steht. \u201eUnd das hat manchen in Erinnerung gerufen, dass es eine liberale Stimme in den Parlamenten gibt.\u201c<\/p>\n<h4>Das Comeback der Partei \u2013 Alles anders als 2017<\/h4>\n<p>In der Tat feiert die FDP, die viele Kritiker in den vergangenen Jahren f\u00fcr mausetot erkl\u00e4rten, ein politisches Comeback. Mit dem \u201eProjekt <em>18\u201c<\/em> startete sie einst unter Guido Westerwelle 2002 in die Bundestagswahl \u2013 und Lindner ist fast dabei die magische H\u00fcrde zu knacken. Seit Tagen steigen die Liberalen in der W\u00e4hlergunst und n\u00e4hern sich SPD und Gr\u00fcnen kontinuierlich an. Gl\u00e4nzende Aussichten f\u00fcr eine Partei, die auch die M\u00fchen der Ebene kennt.<\/p>\n<p>2017 hatte Lindner Jamaika noch f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt. Fast legend\u00e4r die Worte, die damals aus dem Mund des ambitionierten wie intellektuellen Wirtschaftsliberalen kamen: \u201eEs ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren\u201c. Aber die Zeiten haben sich ver\u00e4ndert, der Wahlkampf ist qualitativ ein anderer als damals unter Angela Merkel und Peter Altmaier. Die neuen Architekten der Union, Armin Laschet und Friedrich Merz, sind aus anderem Holz geschnitzt und stehen f\u00fcr eine frischere CDU, die daher als m\u00f6glicher Koalitionspartner gar nicht weit weg von der FDP agiert.<\/p>\n<p>Wie Lindner im Talk mit Weimer erkl\u00e4rte, sei die FDP damals wie heute bereit zur Verantwortungs\u00fcbernahme \u2013 doch pauschal will er auch zur Stunde keine Koalitionen im Blindflug schlie\u00dfen. Es ist vielmehr wie ein Mantra, wenn der FDPler wiederholt, dass es um Inhalte gehe. Stimmen diese wie mit der Union \u00fcberein, sei fast alles m\u00f6glich. Doch ob es ein Jamaika 2.0, eine Ampel oder eine Deutschlandkoalition geben k\u00f6nnte, darauf will sich Lindner nicht festlegen und zitiert lieber den Unionskandidaten Armin Laschet: \u201eJede Regierung mit der FDP ist besser als eine Regierung ohne FDP. Ich finde, man soll Armin Laschet seinen Wunsch erf\u00fcllen.\u201c<\/p>\n<h4>Baerbock kann sich nicht auf die FDP verlassen, sie zur Kanzlerin zu k\u00fcren<\/h4>\n<p>Keinen Hehl macht Lindner allerdings aus einer gewissen Distanz zu den Gr\u00fcnen. Umverteilung, h\u00f6here Steuern, bedingungsloses Grundeinkommen und der stark lenkende Eingriff in die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft sind einfach seine Sache nicht. Es bleiben die klassischen Werte der Liberalen wie Eigenverantwortung, Freiheit und eine liberale Wirtschaft, die den Mittelstand st\u00e4rkt, auf die der Parteichef setzt. Klar warnt der 42-J\u00e4hrige auch davor, in die gr\u00fcne Wahlkampffalle zu stolpern. Lindners Credo vor dem alles entscheidenden 26. September 2021 bleibt daher: \u201eUnser Wahlkampf ist darauf gerichtet, das es keine schwarz-gr\u00fcne Mehrheit gibt. Weder Schwarz noch Gr\u00fcn allein sei keine gute Vorstellung f\u00fcr das Land\u201c. Und Lindner, der mit dem Landeschef in Nordrhein-Westfalen schon seit Jahren in einer schwarz-gelben Koalition gut regiert, offenbart, dass sich Annalena Baerbock nicht der FDP versichern k\u00f6nne, sie auch zur Kanzlerin zu machen.<\/p>\n<h4>Wir d\u00fcrfen den Gr\u00fcnen nicht das Finanzministerium \u00fcberlassen<\/h4>\n<p>Das klingt alles dann doch nicht nach Ampel, sondern l\u00e4uft irgendwie auf Jamaika oder auf eine Deutschlandkoalition hinaus. Dass der Regierungsauftrag an Laschet geht, sei fast so sicher wie das Amen in der Kirche, bekennt Lindner \u2013 und das es nicht unbedingt eine Ampel sein muss, liegt auch irgendwie in den Genen des FDP-Chefs. Die inhaltlichen Schnittmengen zu den Sozialdemokraten seien zwar da, auf L\u00e4nderebene durchaus tragbar und weitaus gr\u00f6\u00dfer als zur Linkspartei und zu den Gr\u00fcnen, die unter ihrem Zugpferd Baerbock bislang eine Koalition mit linken Ultras wie Hennig-Wellsow und Wissler nicht ausgeschlossen haben. Was aber Lindner f\u00fcr v\u00f6llig ad absurdum erkl\u00e4rt, ist ein irgendwie geartetes Spiel mit der Partei um Dietmar Bartsch und Amira Mohamed Ali.<\/p>\n<p>Und dass Lindner \u2013 zumindest bei den Finanzen \u2013 nicht ganz so gr\u00fcn angehaucht oder von der Kompetenzst\u00e4rke in Sachen \u00fcberzeugt ist, selbst wenn er sich eine Koalition mit Habeck und Co offen h\u00e4lt, hatte er j\u00fcngst in einem Interview mit der \u201eFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u201c unterstrichen. Ehe die Gr\u00fcnen das Finanzministerium \u00fcbernehmen, dann doch lieber die FDP unter einem Finanzminister Lindner \u2013 allein zur Schadensbegrenzung. Man darf aus Gr\u00fcnden der Vernunft die Staatsfinanzen der \u00d6kopartei nicht \u00fcberlassen. Eine Aushebelung der Schuldenbremse des Grundgesetzes, Steuererh\u00f6hungen und ein Spitzensteuersatz belaste vielmehr den deutschen Mittelstand und macht das Land f\u00fcr Ingenieure nicht attraktiver. Sorge bereitet Lindner auch, dass die Gr\u00fcnen in Europa das Prinzip der finanzpolitischen Eigenverantwortung aufweichen w\u00fcrden. Dagegen pl\u00e4diert der langj\u00e4hrige Politprofi, der seit Dezember 2013 der vierzehnte Bundesvorsitzende ist, daf\u00fcr, dass die B\u00fcrger individuell Verantwortung f\u00fcr ihre Finanzen selber tragen sollten, ohne von der Bevormundungspolitik gr\u00fcner Ambitionen blind gesteuert zu werden. Weder sei es akzeptabel \u201edas Baden-W\u00fcrttemberg die Schulden von Hamburg tragen sollte.\u201c F\u00fcr ebenso absurd erkl\u00e4rt Lindner, dass der Staat in Verantwortung f\u00fcr private Banken gehen darf. Wenn dort spekuliert wird, m\u00fcssen diese Finanzakteure und Spekulanten abgewickelt und nicht auf Kosten der Steuerzahler gerettet werden. Und f\u00fcr ebenso falsch erkl\u00e4rte er gr\u00fcne Ambitionen, die darauf hinauslaufen, dass Deutschland die finanzpolitische Verantwortung f\u00fcr andere Mitglieder der europ\u00e4ischen Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion \u00fcbernehmen kann. Denn: \u201eEin solches Prinzip\u201c, so Lindner, \u201ew\u00fcrde die nat\u00fcrliche Risikobremse der Haftung aushebeln und wenn Haftung nicht mehr besteht, gehen Menschen, Unternehmen, Banken und Staaten Risiken ein, die nicht verantwortbar sind\u201c. \u201eHaftung ist die nat\u00fcrliche Risikogrenze\u201c \u2013 und Lindner hat die Bef\u00fcrchtung, dass diese bei den Gr\u00fcnen gelockert w\u00fcrde.<\/p>\n<h4>Der Wahlkampf entscheidet, ob ein Politiker f\u00fcr das h\u00f6chste Amt taugt<\/h4>\n<p>Der politisch angeschlagenen Baerbock, die einst mit Vorschusslorbeeren gesegnet auf die \u00dcberholspur wechselte und sogar die Union in den Umfragen \u00fcberholte und nun wegen ihrer gesch\u00f6nten Vita und ob Plagiatsvorw\u00fcrfen im medialen Rampenlicht steht, gibt Lindner den keineswegs g\u00f6nnerhaften Rat: \u201eWer ein Spitzenamt wie die Kanzlerschaft anstrebt, muss damit rechnen, dass es auch rustikal zugeht. Vielmehr geh\u00f6re es dazu, der kritischen Begleitung durch die Medien ausgesetzt zu sein. Und das sei auch zwingend erforderlich, denn man bewirbt sich auf h\u00f6chste Staats\u00e4mter und hat danach die Interessen der Bundesrepublik gegen\u00fcber schwierigen internationalen Gespr\u00e4chpartnern, gegen organisierte Interessen aus Wirtschaft und Gesellschaft, zu vertreten. Und da ist der Wahlkampf eine Pr\u00fcfung, ob man wie Egon Bahr gesagt hat, das innere Gel\u00e4nder hat, die Werte, und ob man \u00fcber die Durchhaltef\u00e4higkeit f\u00fcr ein sp\u00e4teres Spitzenamt verf\u00fcgt.\u201c<\/p>\n<p>Fazit: Lindner scheut sich keineswegs davor politische Verantwortung zu \u00fcbernehmen, denn er sei nicht in die Politik gegangen, um auf Dauer Opposition zu machen. Dennoch hat ihn immer wieder gewundert, dass \u201eder Verzicht auf Macht und auf einflussreiche Positionen in Deutschland immer unter dem Gesichtspunkt der Flucht und nicht der Prinzipientreue betrachtet wird\u201c \u2013 und gerade dies habe sich auch in den letzten vier Jahren nicht ge\u00e4ndert. Aber wenn man Verantwortung \u00fcbernehmen kann und es eine faire Zusammenarbeit gibt, in die man faire Inhalte einbringen kann, steht Lindner zur Verf\u00fcgung. Und er f\u00fcgt hinzu: \u201eMarkus S\u00f6der w\u00e4re im Wahlkampf das leichtere Ziel gewesen, aber im Regieren ist sp\u00e4ter Armin Laschet der angenehmere Gespr\u00e4chspartner.\u201c Und er stellt zugleich ein neues Motto auf: \u201eWenn man gut regieren kann, soll man das Land nicht anderen \u00fcberlassen.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Michael Kellner steht f\u00fcr den Erfolg der Gr\u00fcnen<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">29.06.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>Die Gr\u00fcnen sind auf Erfolgskurs. Seit Monaten treiben sie die Union vor sich her. Ein Kopf an der gr\u00fcnen Spitze, der f\u00fcr den Erfolg seiner Partei ma\u00dfgeblich Verantwortung tr\u00e4gt, ist Michael Kellner. Der hat extra eine Agentur gegr\u00fcndet, die den programmatischen Namen \u201eNeues Tor 1\u201c tr\u00e4gt. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Die neuen Gr\u00fcnen sind anders als die alten Revoluzzer um Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit und Jutta Ditfurth, die als Enfant terribles f\u00fcr Schrecken im b\u00fcrgerlichen Deutschland der Nachkriegszeit sorgten. Die neue Generation mag es bescheidener, verpackt ihre Wahlprogramme in geschickt inszenierte Erz\u00e4hlungen, setzt auf Neuanfang und Gewissensappelle. Und hinter jeder Kampagne steckt nicht mehr die Wildheit und Unbefangenheit der Gr\u00fcndungsjahre, die Happenings, Stra\u00dfenk\u00e4mpfe und der pure Protest, sondern Annalena Baerbock und Robert Habeck k\u00f6nnen auf professionelle Hilfe im Wahlkampf zur\u00fcckgreifen. Bei ihren hegemonialen Bestrebungen an die Spitze des Landes zu treten, setzt die Partei immer mehr auf Kalk\u00fcl und Taktik, auf eine komplexe Machtmaschine von Aufpassern und Strippenziehern.<\/p>\n<h4>Der unpr\u00e4tenti\u00f6se Mann aus Gera<\/h4>\n<p>Einer der neuen Generation ist der geb\u00fcrtige Geraer Michael Kellner, der Kampagnenorganisator und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. \u201eHabecks Mastermind\u201c nennen sie ihn. Das Herz des 43-J\u00e4hrigen schl\u00e4gt einerseits im urbanen Schicki-Micki- und Insiderviertel Prenzlauer Berg als auch der beschaulichen und natur belassenen Uckermark. Kellner, der nach Au\u00dfen hin den bodenst\u00e4ndigen Macher gibt, den nahbaren Erkl\u00e4rb\u00e4r, agiert innenparteilich knallhart auf der Klaviatur der Macht. Er hat nicht nur die Idee der hauseigenen PR-Agentur in der Gr\u00fcnenzentrale durchgesetzt, sondern ohne die Arkusaugen des studierten Politikwissenschaftlers verl\u00e4sst kein Plakat und Slogan die Schaltzentrale. Dass Kellner, Sohn eines Schuldirektors und aufgewachsen in der ehemaligen DDR, im Wahljahr 2021 deutlich h\u00f6her pokern und die Wahlkampfmaschinerie auf Hochtour laufen lassen kann, verdankt sich nicht nur hohen Parteispenden und der deutlich angestiegenen Zahl an Mitgliedern, sondern einem Wahlkampfetat, der in der Geschichte der Gr\u00fcnen fast rekordverd\u00e4chtig ist. Waren es 2017 noch sechs Millionen Euro, die Kellner in die Wahlkampf-Arena werfen mochte, l\u00e4sst sich mit den zehn Millionen Euro 2021 solide wirtschaften und ein Wahlkampffeuer geradezu entfachen.<\/p>\n<h4>Kellner setzt die Me\u00dflatte hoch an<\/h4>\n<p>Ob Europa oder Landtagswahl \u2013 Kellner kann einen Sieg nach dem anderen f\u00fcr die Partei einfahren. Der digitale Gr\u00fcne, der die strategische Bedeutung des Internet f\u00fcr die politische Kommunikation und die Wirkmechanismen der sozialen Netzwerke als neuer Plattformen des Wahlkampfes geschickt bespielt, ist mit seinen zwei Metern ein Riese. Mit seiner Partei will er noch h\u00f6her und legt die Messlatte weit oben an. Doch schon jetzt liegt die Erfolgsquote des Partei-Modernisierers bei 100 Prozent. Dem Mann, der drei Jobs als Entwickler, Controller und Vertriebler in Personalunion auf sich vereinigt, ist es zu verdanken, dass die Gr\u00fcnen bei den Landtagswahlen in Bayern, Hessen und Baden-W\u00fcrttemberg Rekordergebnisse einfuhren. Kellner, der gern im Hintergrund die Strippen zieht, baut die Erfolgsb\u00fchne auf der das gr\u00fcne Chefduo Robert Habeck und Annalena Baerbock steht. Der ehemalige B\u00fcroleiter von Claudia Roth hat mit seiner Taktik nicht nur bei der SPD indirekt f\u00fcr einen beispiellosen Absturz gesorgt, sondern seine eigene Partei nach dem Abgang des \u00dcbervaters Joschka Fischer 2005 aus der inhaltlichen Sklerose befreit. Aus einer Spie\u00dferpartei formte er kurzerhand eine neue Avantgarde.<\/p>\n<p>Der Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen, der w\u00e4hrend des Politikstudiums in Potsdam zur Partei kam und dort zum linken Parteifl\u00fcgel z\u00e4hlt, spricht im Superwahljahr schon von einer \u201eZeitenwende in der deutschen Politiklandschaft.\u201c Und auch dass man im Wahljahr nicht an den Gr\u00fcnen vorbeikommt, daran l\u00e4sst er keinen Zweifel. \u201eDeutschland erlebt nicht nur erstmals einen Wahlkampf ohne amtierende Kanzler*in, sondern auch mit den Gr\u00fcnen als f\u00fchrende progressive Kraft eine neue Form der Auseinandersetzung fernab der alten Denkmuster von Volksparteien und Lagerdenken.\u201c Und gerade deshalb zielt das Programm der Gr\u00fcnen auf eine breite Zielgruppe. Die Parole hei\u00dft nun Einigkeit: \u201eWir sind daf\u00fcr vorbereitet, wir ziehen alle an einem Strang.\u201c<\/p>\n<h4>Schaltzentrale der Macht \u2013 Die Agentur \u201eNeues Tor 1\u201c<\/h4>\n<p>Um den Dampf im politischen Kessel richtig anzuheizen, war es wiederum Kellner, der zur strategischen Unterst\u00fctzung der Parteigranden die neue Agentur \u201eNeues Tor 1\u201c aus der Taufe hob. Der Agenturname steht nicht nur programmatisch f\u00fcr die Adresse der Parteizentrale in Berlin-Mitte, sondern fungiert auch als Kampfansage an die Union um Platz eins im Rennen um das Bundeskanzleramt. \u201eVom zweiten Platz aus k\u00e4mpft man klar um das entscheidende Tor zum Sieg\u201c, so Kellner. Mit der Projektagentur, die allein f\u00fcr die Kampagnenaktivit\u00e4ten f\u00fcr den Bundestagswahlkampf 2021 gegr\u00fcndet wurde, steht Kellner ein kampferprobtes achtk\u00f6pfige Kernteam zu Seite, in dem erfahrene Campaigner und Beraterinnen sowie Digitalexperten und Kreative aus den verschiedensten Agentur- und Organisationshintergr\u00fcnden arbeiten. Mit im Team ist Kurt Georg Dieckert, Chef der Berliner Agentur Dieckertschmidt, der bereits die Europawahlkampfkampagne erfolgreich verantwortete. Mit Matthias Riegel ist einer der strategisch einflussreichsten PR-Berater mit an Bord, der Winfried Kretschmann zum wiederholten Sieg in Baden-W\u00fcrttemberg verholfen hatte. Der Bundeswahlkampf 2017 war ohne Riegel nicht denkbar. Unter dem Label \u201eZiemlich beste Antworten\u201c rekrutierten die Gr\u00fcnen bereits damals ein Team aus der Partei nahe stehenden Werbefachleuten. Nun ist es 2021 wieder an Riegel, den Bundesvorstand der Gr\u00fcnen strategisch zu beraten und zugleich die \u201edramaturgische Leitung\u201c im Wahlkampf zu \u00fcbernehmen. Mit Theresa Reis (zuletzt beim WWF), die sich im Berliner Wahlkampf 2020 profilieren konnte und Berit Leune, einer erfahrenden Marketing-Expertin, die sich ihre Meriten in den Kommunikationsabteilungen von Coca-Cola und BMW verdiente, ist Kellner gr\u00fcne Zukunftsschmiede bestens aufgestellt.<\/p>\n<p>Michael Kellner bleibt auf Konfrontationskurs \u2013 und er ist einer mit dem die Parteienlandschaft in Deutschland weiter rechnen muss. Der gr\u00f6\u00dfte Fehler w\u00e4re es, den Wahlkampfmanager zu untersch\u00e4tzen. Wohin er seine Partei in den letzten Jahren gef\u00fchrt hat, dokumentieren anschaulich die Umfragewerte der Gr\u00fcnen, die nach den Schummel-Aktionen in der Vita Baerbock zwar Federn gelassen hat, <em>nichtsdestotrotz<\/em> aber zweitst\u00e4rkste Kraft im Land ist.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Interview mit Lars Klingbeil &#8211; SPD-Generalsekret\u00e4r: Die Volksparteien werden wieder st\u00e4rker<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">18.06.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>The European traf den SPD-Generalsekret\u00e4r Lars Klingbeil. Der Politiker ist davon \u00fcberzeugt, dass die Volksparteien wieder eine Renaissance erleben und seine Partei bei der Bundestagswahl \u00fcber 20 Prozent kommt.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p><strong>Ist die Volkspartei aus der Mode gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube das Gegenteil. Wir werden sogar eine Renaissance erleben, weil die derzeitig polarisierte Gesellschaft, wo Verschw\u00f6rungstheoretiker einerseits auf die Stra\u00dfe gehen und wo sich durch Corona andererseits viel ver\u00e4ndert hat, letztendlich dazu f\u00fchren wird, dass sich die Menschen wieder r\u00fcckorientieren wollen. Und dann kommen die gro\u00dfen Fragen, die nur die Volksparteien beantworten oder l\u00f6sen k\u00f6nnen: Wer kann Br\u00fccken bauen, war kann Zusammenf\u00fchren, war kann unterschiedliche Interessen in dieser Gesellschaft zusammenbringen? Und deswegen w\u00e4chst eher der Wunsch nach etwas Verbindenden in der Gesellschaft. Und das ist dann wiederum die Stunde der Volksparteien.<\/p>\n<p><strong>Die Gr\u00fcnen sind derzeit im Aufwind. Alles nur ein Zeit-Hype?<\/strong><\/p>\n<p>Man projiziert derzeit viel auf die Gr\u00fcnen und sie sind gerade ja auch hipp. Aber trotzdem bewerben sie sich um das Kanzleramt \u2013 und daher m\u00fcssen sie sehr konkrete Fragen beantworten. Es ist was anderes, ob ich den Lifestyle oder das Lebensgef\u00fchl einer politischen Richtung mag oder ob ich tats\u00e4chlich so regiert werden will. Und gerade im Fall Annalena Baerbock wird sich noch vieles relativieren.<\/p>\n<p><strong>Was hat die Union in den letzten Jahren verkehrt gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Wie viel Zeit haben wir? Aber Nein! Wir haben mit der Union in Coronazeiten gut regiert. Aber gerade der Maskenskandal, das Thema Aserbaidschan, der umstrittene Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg-Maa\u00dfen als Bundestagskandidat der CDU und dass wir Jens Spahn beim Impfen immer treiben mussten \u2013 all das war f\u00fcr uns schon sehr ersch\u00fctternd. Aber man merkt, hinter Angela Merkel tritt ein gro\u00dfes Vakuum auf. Und der Machtkampf zwischen Markus S\u00f6der und Armin Laschet hat viel vom \u00f6ffentlichen Ansehen der Union kaputtgemacht.<\/p>\n<p><strong>Was waren die gro\u00dfen Themen, die die SPD in der Gro\u00dfen Koalition umgesetzt hat?<\/strong><\/p>\n<p>In der Coronazeit haben wir eine der wichtigsten staatlichen Leistungen, die Kurzarbeit, auf den Weg gebracht. Das hat mehrere Millionen Jobs gesichert. Mit unseren Leistungen um den Familienbonus hat die SPD daher zwei gro\u00dfe Themen in der GroKo umgesetzt. Aber auch der Mindestlohn wurde angehoben, das wehrhafte Demokratiegesetz gegen Rechtsextremismus und Ausgrenzung ist auf dem Weg. Jetzt geht es uns noch um die Nachsch\u00e4rfung beim Klimaschutz.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Prozentw\u00fcnschen gehen Sie in die Bundestagswahl?<\/strong><\/p>\n<p>Ich will nach oben. Als nieders\u00e4chsischer Sozialdemokrat kenne ich Ergebnisse \u00fcber 30. Aber: Wir m\u00fcssen jetzt erst eine Aufholjagd hinlegen. Und dann glaube ich, dass wir sehr deutlich \u00fcber 20 Prozent kommen.<\/p>\n<p>Die Fragen stellte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Hubert Aiwanger: Traditionelle Werte finden in der CDU nicht mehr statt, sondern nur noch gr\u00fcner Mainstream<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">11.06.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Die Freien W\u00e4hler haben Konjunktur. Geht es nach dem bayerischen Wirtschaftsminister und stellvertretenden Ministerpr\u00e4sidenten Hubert Aiwanger, dann k\u00f6nnte seine Partei bald auch in Berlin mitspielen. Es muss kein Traum, so der Partei-Chef, im n\u00e4chsten Bundestag in der Opposition zu sitzen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p><em>Herr Aiwanger, die Freien W\u00e4hler haben gegen die Bundesnotbremse protestiert? Zuviel G\u00e4ngelei in Berlin?<\/em><\/p>\n<p>Wir sagen ganz klar, dass die Ma\u00dfnahmen, die wir zur Corona-Bek\u00e4mpfung brauchen, am besten auf L\u00e4nderebene aufgehoben sind und uns nicht vom Bunde her vorgeschrieben werden. Wenn wir vor Ort meinen, es ist anders besser, sollten wir das auch tun k\u00f6nnen. Dazu brauchen wir Berlin nicht und deswegen haben wir gegen die Bundesnotbremse geklagt.<\/p>\n<p><em>Ihre Partei konnte in diesem Jahr in Rheinland-Pfalz und in Baden-W\u00fcrttemberg zulegen, woran liegt das?<\/em><\/p>\n<p>Wir Freien W\u00e4hler sind seit Jahrzehnten stark in der Politik t\u00e4tig. Wir wissen, was vor Ort los ist und vertreten die Themen der Menschen, die diese bewegen. Und dieses Politikmodell fehlt mittlerweile auf Berliner Ebene. Und so gewinnen wir immer mehr den Eindruck, dass da Themen kommen, die nicht zu Ende gedacht sind \u2013 wie zum Beispiel die Bundesnotbremse. Daher ist es nur verst\u00e4ndlich, dass sich immer mehr B\u00fcrger den Freien W\u00e4hlern zuwenden, Menschen, die noch f\u00fcr Eigentum, f\u00fcr Mittelstand, f\u00fcr Familie, f\u00fcr Heimat \u2013 also f\u00fcr die vern\u00fcnftigen begriffe vor Ort stehen.<\/p>\n<p><em>Wer w\u00e4hlt die Freien W\u00e4hler und warum gehen Sie auf Distanz zur Union?<\/em><\/p>\n<p>Wir sind weiterhin stabil, w\u00e4hrend die CDU die traditionellen Themen aufgibt. Traditionelle Werte finden ja in der CDU nicht mehr statt, sondern nur noch gr\u00fcner Mainstream. Dazu bedarf es der Freien W\u00e4hler, um dies zu korrigieren.<\/p>\n<p><em>Bundestagswahl 2021. Wie stehen die Chancen?<\/em><\/p>\n<p>Umfragen auf Bundesebene sehen uns bei drei Prozent. Immer mehr B\u00fcrger nehmen und wahr und nehmen uns wahr als eine vern\u00fcnftige Kraft der Mitte, die in Berlin dringend fehlt. Wir werden die Zeit bis zur Bundeswahl nutzten, uns noch bekannter zu machen.<\/p>\n<p><em>Wenn die Freien W\u00e4hler in den Bundestag kommen, gehen Sie dann nach Berlin?<\/em><\/p>\n<p>Ich werde, wenn ich aufgestellt werden, die Bayernliste anf\u00fchren. Und sollten wir in den Bundestag einziehen, werde ich aus Berlin die Dinge f\u00fcr ganz Deutschland steuern und damit auch f\u00fcr meine bayerische Heimat mehr bewegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Fragen: \u00a0Stefan Gro\u00df<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Interview mit Katharina Schulze: In der Gro\u00dfen Koalition herrscht eine gewisse M\u00fcdigkeit<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">1.06.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Die Gr\u00fcnen sind auf der \u00dcberholspur. Und mit Annalena Baerbock stellen sie sogar Merkels Nachfolgerin. Warum man gr\u00fcn w\u00e4hlen sollte, erkl\u00e4rt uns Katharina Schulze. \u201eThe European\u201c traf die Vorsitzende der Fraktion der Gr\u00fcnen im bayerischen Landtag.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p><strong>Warum sind die Gr\u00fcnen derzeit auf der \u00dcberholspur?<\/strong><\/p>\n<p>In unserer Gesellschaft gibt es einen gro\u00dfen Wunsch nach Ver\u00e4nderung. Das Weiterwurschteln und Status-Quo-Verwalten der Gro\u00dfen Koalition reicht vielen Menschen daher nicht mehr, weil diese sp\u00fcren, dass wir vor gro\u00dfen Herausforderungen stehen und daher eine Regierung brauchen, die ebenfalls \u00fcber sich hinausw\u00e4chst. F\u00fcr diese Erneuerung der Gesellschaft stehen letztendlich auch wir Gr\u00fcne.<\/p>\n<p><strong>Was haben die beiden gro\u00dfen Volksparteien in den letzten Jahren falsch gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Gro\u00dfen Koalition gibt es eine gro\u00dfe M\u00fcdigkeit, das gilt f\u00fcr Olaf Scholz, f\u00fcr Angela Merkel oder f\u00fcr Markus S\u00f6der in Bayern. Es wird einfach nur verwaltet. Aber dieses Verwalten allein reicht nicht. Wir m\u00fcssen in die Zukunftstechnologie und in die Digitalisierung investieren. Wir m\u00fcssen endlich die Klimakrise in den Griff bekommen und mehr Geld f\u00fcr die Bildung in die Hand nehmen, damit wir beim Thema Chancengleichheit weiterkommen. In meinen Augen haben sich Union und SPD in den letzten Jahren zu sehr auf dem ausgeruht, was schon da ist. Aber Ausruhen reicht nicht, wir m\u00fcssen Zukunft gestalten, damit auch nachfolgende Generation hier gut leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wie stehen die Chancen, dass Annalena Baerbock die erste Kanzlerkandidatin der Gr\u00fcnen wird? Was zeichnet sie aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin froh \u00fcber sie. Sie hat das Herz am rechten Fleck, einen klaren Wertekompass und vor allem ist sie strategisch-politisch sehr klug. Wir Gr\u00fcne sind mit ihr bestm\u00f6glich aufgestellt. Ich freue mich auf den Wahlkampf mit ihr.<\/p>\n<p><strong>Warum sollte man Gr\u00fcn w\u00e4hlen? Ein Tipp f\u00fcr Unentschlossene bei der Bundestagswahl<\/strong><\/p>\n<p>Wem Klimaschutz am Herzen liegt, wer der Meinung ist, dass die nachfolgenden Generationen ein Recht auf ein gutes Leben haben und wem soziale Gerechtigkeit und Weltoffenheit wichtig ist, der ist bei uns richtig. Diese Themen vertreten wir und k\u00e4mpfen daf\u00fcr schon seit vielen Jahren. Und mit diesen werden wir auch in diesen Bundestagswahlkampf gehen.<\/p>\n<p>Fragen: Stefan Gro\u00df<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Wolfgang Reitzle: Der Verbrennungsmotor scheint der Feind der Gr\u00fcnen zu sein<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">20.05.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Wirtschaft<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Er ist einer der wichtigsten Wirtschaftslenker der Bundesrepublik. Wolfgang Reitzle spricht im Interview mit \u201eThe European\u201c Klartext zur Energiewende. \u201cDer Verbrennungsmotor scheint der Feind der Gr\u00fcnen zu sein und da geht es gar nicht mehr um das Klima,\u201d betonte der Professor der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p><em>Er war mal \u201eMister\u00a0BMW\u201c,\u00a0hat Linde saniert und k\u00e4mpft bei Continental gegen die Krise des Automobilzulieferers: Wolfgang Reitzle kennt die deutsche Industrie wie kein zweiter. Im Gespr\u00e4ch kritisiert er die Klimapolitik in Deutschland. Sie setze auf Verbote statt auf L\u00f6sungen. Die Konzentration auf E-Mobilit\u00e4t h\u00e4lt er f\u00fcr ideologisch verbohrt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Das Klimaschutzgesetz wird noch einmal nachgebessert, nachdem das Verfassungsgericht Kritik \u00fcbte. Was halten Sie davon?<\/strong><\/p>\n<p>Die Energiewende war von Anfang an nicht sauber durchdacht und ist im Hauruck-Verfahren damals nach Fukushima und vor einem Wahlkampf in Baden-W\u00fcrttemberg beschlossen worden. Man sieht die Auswirkungen heute sehr deutlich: Wir haben als Konsequenz aus einer verkorksten Energiewende den teuersten und schmutzigsten Strom \u00fcberhaupt, der zudem ungeeignet ist f\u00fcr die Elektromobilit\u00e4t. Aktuell ist man dabei, diesen Schnellschuss zu wiederholen und das Klimaschutzgesetz weiter zu versch\u00e4rfen. Das passiert, ohne das zu durchdenken und ohne sich die Zeit zu nehmen, es gesamthaft zu bewerten und in allen Facetten und Auswirkungen auf Bev\u00f6lkerung, Industrie und Wohlstand abzukl\u00e4ren. Ich frage mich: Wie kann man so etwas in weniger als vierzehn Tagen verabschieden, zumal das Bundesverfassungsgericht es gar nicht gefordert hat. Dort wollte man eine L\u00f6sung bis Ende des n\u00e4chsten Jahres und sich in Ruhe damit besch\u00e4ftigen. Wir machen also den Fehler der Energiewende nochmals \u2013 nur st\u00e4rker.<\/p>\n<p><strong>Wie kann das Ihrer Meinung nach passieren?<\/strong><\/p>\n<p>Das hat mit der Bundestagswahl und den Gr\u00fcnen zu tun, die derzeit den Aufschwung versp\u00fcren. Und tats\u00e4chlich sitzen sie mit ihrem Klima auf einem Jahrhundertthema. Aber sie machen das meiner Meinung nach mit dem falschen Ansatz: mit Planwirtschaft, Verboten, mit Vorgaben, wie wir zu leben haben, statt dass sie technologieoffen herangehen. Man sollte es der Wirtschaft und den Ingenieuren \u00fcberlassen, wie wir die Klimaziele erreichen. Was da jetzt aber abl\u00e4uft, ist im Grunde fast schon ein Irrsinn. Man unterwirft alles \u2013 das ganze Leben der Menschen \u2013 nur einem Thema: Klima. Ich bin auch f\u00fcr Klimaschutz, aber nicht mit Plan-, sondern mit Marktwirtschaft.<\/p>\n<p><strong>Das wird sich unter einer gr\u00fcnen Regierung in Deutschland im September nicht \u00e4ndern.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das kann man sich vorstellen. Und die Hast dieses Gesetzes, das wir noch massiv bereuen werden, weil das so gar nicht umsetzbar sein wird \u2013 und weil die Leute, die es beschlossen haben, gar nicht wissen, was sie dort beschlossen haben \u2013 ist nat\u00fcrlich im Licht der Bundestagswahl geschehen, weil jetzt jeder versucht, sich einen gr\u00fcnen Anstrich zu geben und damit besser abzuschneiden. Aber es ist tragisch, wenn solche kurzfristigen politischen Motive dazu f\u00fchren, dass ein ganzes Land unn\u00f6tigerweise massive Wohlstandsverluste erleidet. F\u00fcr mich ist das nicht nachvollziehbar und in der Wirtschaft undenkbar.<\/p>\n<p><strong>Vor Jahren wurde der Diesel gehypt, jetzt ist er der b\u00f6se Bube, warum?<\/strong><\/p>\n<p>Das kann ich \u00fcberhaupt nicht nachvollziehen. Der Verbrennungsmotor scheint der Feind der Gr\u00fcnen zu sein, und da geht es gar nicht mehr um das Klima. Wir k\u00f6nnten an synthetischen Kraftstoffen forschen, also Kraftstoffen, die beim Verbrennen kein CO2 ausscheiden. So k\u00f6nnte man alle 1,4 Milliarden Fahrzeuge, die in der Welt unterwegs mit Verbrennungsmotor sind, mit solchen Kraftstoffen schlagartig CO2 frei machen. Das geht aber nicht mit einer Elektromobilit\u00e4t, die jetzt f\u00fcr neue Fahrzeuge erzwungen wird. Wir sind so eng in der Betrachtung und vereinfachen komplexe Themen \u2013 und das machen die Gr\u00fcne sehr gerne in schwarz und wei\u00df, in gut und b\u00f6se. Der Dieselmotor scheint b\u00f6se zu sein. Es w\u00e4re aus meiner Sicht wunderbar, wenn die Diesel- oder Benzinmotoren mit einem CO-2 freien Kraftstoff laufen w\u00fcrden. F\u00fcr die Gr\u00fcnen hingegen scheint das schlecht zu sein. Sie wollen das Thema synthetische Kraftstoffe einfach nicht angehen, weil dann der Verbrenner ja erhalten bliebe. Und die berechtigte Frage meinerseits w\u00e4re: Geht es ihnen um das Klima oder ist der Verbrennungsmotor das B\u00f6se schlechthin? F\u00fcr mich hat diese Diskussion mit Rationalit\u00e4t und Fakten nicht mehr viel zu tun. Vielmehr frage ich mich im Umkehrschluss: Haben die Gr\u00fcnen vielleicht \u00fcber die Klimapolitik vor, uns B\u00fcrgern genau vorzuschreiben, was wir zu tun haben und die von ihnen ausgew\u00e4hlte Technologie ist alternativlos?<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<p><em>Prof. Wolfgang Hans Reitzle ist ein deutscher Wirtschaftsmanager. Von 2003 bis 2014 war er Vorstandsvorsitzender der Linde AG und seit 2016 ist er Chairman der Linde plc. Unter anderem war er zudem von 2014 bis 2016 Verwaltungsratspr\u00e4sident von LafargeHolcim und ist seit 2009 Aufsichtsratsvorsitzender der Continental AG.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">100. Geburtstag von Joseph Beuys \u2013 Ein Metaphysiker?<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">13.05.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Wissenschaft<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>Die Kunstwelt hat ihn gefeiert und gehypt. Keinem deutschen K\u00fcnstler der Nachkriegszeit wurde ein gr\u00f6\u00dferes mediales Echo zuteil. Und Beuys blieb zu Lebzeiten und weit \u00fcber seinen Tod hinaus eine Ikone, einer, der neue Ma\u00dfst\u00e4be des k\u00fcnstlerischen Schaffens setzte, permanent provozierte und doch nur die heile Welt wollte. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>F\u00fcr die einen war er ein Scharlatan, ein \u00fcberspitzender Provokateur, der sich in der Inszenierung suchte und fand, der die Kunst f\u00fcr seine egomanen Selbstzwecke instrumentalisierte, ein \u00dcbersch\u00e4tzer zugleich, der mit den M\u00f6glichkeiten der Kunst kokettierte \u2013 und doch nichts anderes als Banalit\u00e4ten hervorbrachte. Einer, der fast symptomatisch immer das Gegenteil von dem tat, was man erwartete. Der Kunstkritiker Otto Heinrich Stachelhaus brachte es bereits 1996 auf den Punkt: \u201eEr tat in Wahrheit immer das Andere, immer das was scheinbar abwegig war \u2013 100 Tage auf der documenta reden, sich in Filz einwickeln, stundenlang auf einem Fleck stehen, mit einem Kojoten zusammenleben, Leuten die F\u00fc\u00dfe waschen, Gelatine von der Wand nehmen, den Wald fegen, dem toten Hasen die Bilder erkl\u00e4ren, eine Partei der Tiere gr\u00fcnden und das Messer verbinden, als er sich in den Finger geschnitten hatte.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr die anderen ist der vor hundert Jahren in Krefeld geborene legend\u00e4re Professor der D\u00fcsseldorfer Kunstakademie, der auf der \u201edocumenta 7\u201c 1982 mit seinen 7000 Eichen ein gigantisches Landschaftskunstwerk initiierte und sich damit wegweisend als Klimasch\u00fctzer der ersten Stunde par excellence entwarf, eine Art Heiliger, ein Hirte, ein Schamane und Alchimist \u2013 ein Magier, der verzaubert. Beuys wird f\u00fcr seine Anh\u00e4nger zur Symbolfigur, zur Inkarnation von Anarchie, zum Schmerzensmann, zum K\u00e4mpfer gegen die Spie\u00dfer-Nachkriegsidylle, die sich unkritisch in ihren dekadenten Sofaecken sozial befriedet. Beuys, der entgegen der Moderne samt ihrem Rationalismus, in Metaphern und Symbolen arbeitet, wollte mehr. Er k\u00e4mpfte gegen das Establishment in Politik, Gesellschaft und Kultur, gegen die glatt polierten Oberfl\u00e4chen des Banalen, gegen den Ungeist der Zweckoptimierung, gegen die Einseitigkeit des Rationalen, der er das Emotionale, das Animistische, das Magische und \u00c4therhafte entgegenstellte. Er kratzte f\u00f6rmlich an den b\u00fcrgerlichen Fassaden, riss den br\u00f6ckelnden Putz hinter den barocken Kulissen hinunter, stieg in die Brunnenstuben der Ohnmacht und entz\u00fcndete dort f\u00fcr die Entrechteten und Geknechteten die Kerzen. Er legte sie offen, die Ambivalenzen dieser Welt, die \u00c4ngste, ihre Perversionen und schuf den Raum f\u00fcr das Verdr\u00e4ngte, f\u00fcr das Unheilige, f\u00fcr die Tiefendimension und den Weltinnenraum, jenseits von Zweckoptimierung und kapitalistischer Ausbeutung. Ja, Beuys war Mystiker zum einen und doch zutiefst leidenschaftlich pragmatisch andererseits. Nichts anders als die Welt zu ver\u00e4ndern, war seine Vision. Doch diese kraftvolle Revolte suchte er nicht aus dem Gegebenen, dem Sinnlichen, der Materie heraus, sondern aus dem Geisthaften, dem Kosmos, mittels einer metaphysischen Ordnung. Um nichts weniger ging es dem Kaufmannssohn, der die katholische Volkschule in Kleve besuchte, der Cello spielte und zuerst mit Edward Munch, William Turner und Auguste Rodin majest\u00e4tische Vorbilder entdeckte, die er dann mit seinem generellen Abschied vom Prinzipiellen, dem traditionellen Kunstbegriff, opfern und seine Idee der sozialen Plastik oder Skulptur entgegenstellen wird. Die soziale Plastik bedeutete f\u00fcr den K\u00fcnstler eine Ver\u00e4nderung der Gesellschaft nicht aus dem Geist des in Blut get\u00fcnchten, mit Opfern besiegelten Klassenkampfes, der in der wilden Revolution seine H\u00e4nde beschmutzt, sondern eine Revolution aus der Kunst selbst heraus strebte er an.<\/p>\n<p>Der Konsumgesellschaft der 60-er und 70-er Jahre stellte der zeitweise teuerste K\u00fcnstler der Welt, teurer als die damaligen Pop-Art-Ikonen Robert Rauschenberg oder Andy Warhol, seine Vision einer sozialen Gesellschaft samt sozialer Plastik gegen\u00fcber. \u201eJeder Mensch ist ein K\u00fcnstler\u201c hie\u00df das provokative Projekt. In jedem Individuum steckt das kreative Potential, k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig, kreativ und transformativ zu sein. F\u00fcr Beuys galt es als \u201eumfassende sch\u00f6pferische Umgestaltung\u201c des Lebens \u201eeine Gesellschaftsordnung wie eine Plastik\u201c zu formen. Und tats\u00e4chlich wollte er den \u201eneuen\u201c Menschen, der sich progressiv zur Gesellschaft hin verh\u00e4lt, der selbst Kristallpunkt der sozialen Frage ist, personalisierte Skulptur quasi, die die Welt ver\u00e4ndert. Und Kunst derart performativ verstanden, \u00fcberschreitet ihr traditionelles Sujet als materiell zu fassender Artefakt und kulminiert in \u201eFluxus\u201c, Enviroment und Happening. Es ist nicht mehr das Kunstwerk als statische Bezugsgr\u00f6\u00dfe, als vielleicht postmodern variable Form der freien Sinnauslegung, auf das alles ankommt, sondern es ist wie bei der Fluxus-Bewegung die sch\u00f6pferische Idee, die alles \u00fcberragt und allem Sinnlichen Sinn verleiht.<\/p>\n<h4>Die Wunden heilen<\/h4>\n<p>Joseph Beuys wusste, dass sich die am Materialismus erkrankte westliche Welt nicht selbst zu transformieren wei\u00df. Und dementsprechend harsch und radikal fiel seine Kritik am Kapitalismus dann eben auch aus. Der neoliberalen Optimierungsmaschinerie, die wie ein Gewehrfeuer brausend, knatternd und unerb\u00e4rmlich nur ein Weiter und Immerfort kennt, stellte er ein Ideal vom Menschen gegen\u00fcber, der durch sein kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitr\u00e4gt und dadurch plastisierend auf die Gesellschaft einwirken k\u00f6nne. Dem maschinellen Raubtierkapitalismus mit seiner perfiden Ratio und der ihm inh\u00e4renten Mentalit\u00e4t einer ihm wesenseigenen Ausbeutung setzte er seine Vision von Br\u00fcderlichkeit entgegen, einen wahrhaften, keineswegs doktrin\u00e4r-diktatorisch eingef\u00e4rbten Sozialismus. Und genau f\u00fcr seine sozialen Zukunftsvisionen interessierte Beuys immer wieder die Natur und die Tierwelt. Idealtypisch f\u00fcr die neue Vision wurde der W\u00e4rmecharakter des Bienenstocks als Metapher, um zu zeigen, wie sich die Eigeninteressen dem Gesamtwohl unterordnen. Der Bienenstock wie die legend\u00e4re \u201eHonigpumpe am Arbeitsplatz\u201c auf der \u201edocumenta 6\u201c 1977 in Kassel, die Stoffe Filz und Fett, werden f\u00fcr ihn zu Existentialen, aus denen seine Kunst erstrahlt. Und immer lautete sein Credo: Das Eigene zur\u00fcckstellen und sich dem Ganzen bef\u00f6rdernd unterordnen. Dieser Programmatik lag zweifelsohne ein humaner Impuls zugrunde, der Bienenstock glich einer Art sozialer \u201eW\u00e4rmeskulptur\u201c.<\/p>\n<p>Es sind immer wieder die armen, d\u00fcrftigen, traurigen Materialien gewesen, die verfemten und verleugneten, die der Glitzerwelt der Metropolen nicht entsprechen, weil sie D\u00fcrftigkeit als Gewand tragen, die der Kunstprofessor zum Sprechen und Leuchten bringen will. Und so wird es eine Arte Povera, um die der ebenso medial-scheue wie Blitzlichtgewitter atmende Sch\u00fcler von Rudolph Steiner von Ewald Matar\u00e9, Joseph Beuys, kreist. Dass er sich von seinen hehren Idealen auch nicht von einem SPD-Minister aus der Umlaufbahn werfen lie\u00df, musste der damalige Johannes Rau erfahren. Der sp\u00e4tere Bundespr\u00e4sident hatte Beuys 1972 entlassen, weil dieser, gem\u00e4\u00df seinem Credo, jeder sei ein K\u00fcnstler, zu viele Studenten in seine Kunstakademiekurse zulie\u00df und die Akademie in D\u00fcsseldorf mit spektakul\u00e4ren Aktionen besetzte. Doch seine Sch\u00fcler skandierten: \u201e1000 Raus ersetzen noch keinen Beuys.\u201c<\/p>\n<h4>Der gr\u00fcne Beuys und die Metaphysik<\/h4>\n<p>Erde, Natur, die Verbundenheit mit der Scholle \u2013 daf\u00fcr steht der gr\u00fcne Beuys, der weit fr\u00fcher als Jutta Ditfurth, Petra Kelly, Thomas Ebermann, Rainer Trampert, Joschka Fischer oder Daniel Cohn-Bendit die Ideen der Gr\u00fcnen realisierte. So sehr Beuys gr\u00fcn denkt und handelt, sein Naturbegriff verdankt sich v\u00f6llig anderen Fundierung, eben einer metaphysischen Fundierung. Beuys pl\u00e4diert f\u00fcr ein ganzheitliches Weltbild, spielt mit animistischen Denkans\u00e4tzen, wo alles \u2013 wie bei der Signaturenlehre der Alchemisten \u2013 belebt wird, wo alles Spur oder Zeichen eines allumfassendes Geistes ist. Die Welt bestehe gar aus verstreuten g\u00f6ttlichen Funken, die zu einem Urlicht geh\u00f6ren. Und Beuys, der Provokateur, glaubt, dass die Kunst sowohl die Welt in ihrer Zerrissenheit darstellt, diese aber zugleich wieder auf h\u00f6herer Ebene vers\u00f6hnt. Mit dem Anthroposophen Rudolf Steiner sucht er die Kr\u00e4fte und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten jenseits der physischen Welt. Er will mit seiner metaphysischen Kunsttheorie nicht Materialbrocken zu skurrilen oder provozierenden Collagen zusammenf\u00fcgen, sondern in h\u00f6here Welten ausgreifen. Ihm geht es um das Ganze und Gro\u00dfe, um das Mysterium von Leben und Tod, um die Verwandlung, das Wechselspiel. Doch wie bei Steiner sollten Himmel und Erde nicht unvermittelt nebeneinander stehen, Metaphysik und blanke Physik galt es zu verbinden, das \u201eRein-Geistige\u201c mit dem Allt\u00e4glichen zu konfrontieren. Beuys, der 1986 nach einer seltenen Entz\u00fcndung des Lungengewebes, einer interstitiellen Pneumonie, an Herzversagen starb, wollte das Heilige in die St\u00e4dte hinabholen und auf die M\u00e4rkte tragen. Wie der Romantiker Novalis und der Philosoph Schelling spricht er vom Weltgeist, vom Gehirn als einer \u201emateriellen Unterlage des Denkens\u201c, das an h\u00f6here geistige Prozesse angeschlossen ist. Und dieses Angeschlossen-Sein an den Ursprung erm\u00f6glicht dem Geist zu empfangen und zu geben, passiv und aktiv zu sein. Als h\u00f6chste Form des Inspiriertseins ist das Denken an den kreativen Strom der Evolution angeschlossen \u2013 und wie es in der \u201eLembruck-Rede\u201c hei\u00dft, selbst Skulptur.<\/p>\n<p>Wie f\u00fcr seinen Lehrmeister Steiner und dessen Anthroposophie f\u00fchrt Freiheit immer \u00fcber spirituelle Erkenntnis, bedarf der Kr\u00e4fte der Inspiration, Intuition und Meditation. Doch hieran sieht Beuys seine Welt erkrankt, zeichnet sein Unbehagen an der Kultur, die unter dem Einfluss des Rationalismus und Materialismus den Bezug zum Geistigen verloren habe. Und genau hier sucht er die Wunden zu heilen, die die Welt geschlagen hat. Steiner einerseits, Platon andererseits. Beuys will das rein Rationale durch das Geistige brechen, will mit seiner Kunst neben der Provokation eine Sensibilisierung erreichen. Er selbst versteht sich als \u201eg\u00f6ttlicher Plastiker.\u201c Kunst und Anthroposophie versteht er als Heilmittel, als Arzneien, die auch in ihrer D\u00fcrftigkeit als Filz, Fett, Lehm einerseits und aus edlen Materialien wie Honig, Gold, Kupfer und Basalt, die Welt in ihrer F\u00fclle, als Ausgie\u00dfung des Weltgeistes, darstellen. Der K\u00fcnstler, und darin sieht sich Beuys, stiftet qua Inspiration und Intuition Hoffnung, bleibt als spiritueller an die Evolution angeschlossen, spiegelt diese ewigen Evolutionsvorg\u00e4nge in der Natur, in seinem Denken und der sozialen Skulptur wieder und erweist sich so als plastisch-sch\u00f6pferischer Gestalter. Wie die Natur ihren ewig-sch\u00f6pferischen Prozess vollzieht, gestaltet Beuys die ewigen Muster in seiner plastischen Theorie nach. Materialien wie Fett variiertet er spielerisch zwischen den Polen des Amorphen und Geformten und l\u00e4sst sie so zu Spiegelbildern des Kosmisch-Metaphysischen werden. Und wenn er buchst\u00e4blich in seiner Kunst das Unsch\u00f6ne, H\u00e4ssliche, Alter, Tod, Schw\u00e4che und Verfall zeigt, so ist das ausdr\u00fccklich die andere Seite des Kosmos, die aufzuzeigen, zu benennen er als die heilende Funktion der Kunst verseht. Und so erw\u00e4chst das vom Leben oft Verdr\u00e4ngte zum Ort des spirituellen Ansto\u00dfes, zur Selbstversicherung und erweist sich letztendlich als der Hort der Spiritualit\u00e4t, der Kosmisches und Endliches miteinander vers\u00f6hnt. Und f\u00fcr diese generelle Vers\u00f6hnung steht letztendlich auch Joseph Beuys.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Wohin rot-gr\u00fcne Politik f\u00fchrt, sieht man in Berlin<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">1.05.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Wissenschaft<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>\u201eThe European\u201c traf den Soziologen und Wirtschaftsexperten Rainer Zitelmann zum Gespr\u00e4ch. Man muss ja nur in die Hauptstadt schauen, um zu sehen, was unter einer rot-rot-gr\u00fcnen Koalition passiert. Die Berliner Linksregierung bekommt es hin, ein Dokument mit \u00fcber 40 Seiten Sprachvorschriften f\u00fcr politisch korrektes Sprechen auszuarbeiten, aber gleichzeitig kann sie nicht verhindern, dass t\u00e4glich zwei Autos brennen, allein im vergangenen Jahr waren es 700.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p><strong>Es gr\u00fcnt so gr\u00fcn in Deutschland: Was erwarten Sie 2021 f\u00fcr die Bundestagswahl rot-rot-gr\u00fcn oder schwarz-gr\u00fcn?<\/strong><\/p>\n<p>Rainer Zitelmann: Das kann man heute nicht sagen. Aber wenn es rechnerisch reichen sollte, werden die Gr\u00fcnen nicht mit der Union, sondern mit der SPD und der Linken zusammengehen. Baerbock will ja lieber Kanzlerin mit einem Vizekanzler Scholz werden als Vizekanzler unter einem Kanzler, den die Union stellt. Aber eines ist gewiss: Die Gr\u00fcnen und die SPD werden das vor den Wahlen niemals klar sagen, sondern die W\u00e4hler t\u00e4uschen und im Unklaren lassen, um nicht bestimmte W\u00e4hlergruppen durch die Wahrheit zu verprellen.<\/p>\n<p><strong>Wie stark ist die Union von den 68ern gepr\u00e4gt und war es erst die Kanzlerin, die diese Links-Mitte-Verschiebung initialisierte?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, das ist ein gro\u00dfer Irrtum, der durch mein Buch \u201eWohin treibt unsere Republik?\u201c widerlegt wird. Merkel hat nur eine Entwicklung vollendet, die sehr viel fr\u00fcher begonnen hat. Ich habe das Buch ja 1994 geschrieben, und ein ganzes Kapitel der Linksentwicklung der Union gewidmet. In dem Kapitel hatte ich geschrieben, mit der sogenannten Modernisierung der Union sei \u201eim Grund jedoch nichts anderes gemeint als die Anpassung an den von 1968 gepr\u00e4gten Zeitgeist\u201c. Und: \u201eBei vielen Fragen ist es heute schon so, dass die Gr\u00fcnen die Richtung vorgeben, dann die SPD nachzieht und schlie\u00dflich die Union mit einem deutlichen Verz\u00f6gerungseffekt nachhinkt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Elektroautos, Treibhaus-Emissionen senken. Immer mehr Verbote kommen aus der Politik \u2013 und auch von den Gr\u00fcnen. Warum lassen wir uns das bieten? Oder ist Deutschland einfach der Politik m\u00fcde?<\/strong><\/p>\n<p>Die Deutschen waren immer schon staatsgl\u00e4ubig. Und wenn es gro\u00dfe Probleme gibt \u2013 wirkliche oder scheinbare \u2013 wird immer nach dem Staat gerufen. Es wird seit Jahren st\u00e4ndig vom Marktversagen gesprochen, aber ich spreche vom Staatsversagen. Man sieht das ja jetzt in der Corona-\u00adKrise: Der Staat ist vollkommen unvorbereitet und reagiert chaotisch. Da funktioniert nichts, angefangen von der Impfstoffbeschaffung \u00fcber die nicht funktionierende App bis hin in die Gesundheits\u00e4mter. Was funktioniert hat, sind kapitalistische Unternehmen, also die stets als \u201eBig Pharma\u201c diffamierten Firmen. Es sieht jedoch so aus, als lie\u00dfen sich die Deutschen dadurch nicht beirren. Meine These: Der Staat ist viel zu stark, wo er schwach sein sollte (in der Wirtschaft) und viel zu schwach, wo er stark sein sollte (also z.B. in der \u00e4u\u00dferen und inneren Sicherheit, wozu auch die Corona-Bek\u00e4mpfung geh\u00f6rt).<\/p>\n<p><strong>\u201eZwar entscheiden die W\u00e4hler alle vier Jahre \u00fcber die Wiederwahl eines Politikers bzw. einer Partei, aber die Medien k\u00f6nnen praktisch t\u00e4glich dar\u00fcber entscheiden, ob Verfehlungen eines Politikers zum \u201aSkandal\u2019 werden\u201c, so Ihr Argument. Was hat sich in den letzten 30 Jahren in der medialen Welt ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Das Zitat entstammt meinem Buch, in dem ich mich ausf\u00fchrlich mit der Macht der Medien auseinandersetze. Diese Macht ist nach wie vor gro\u00df, und zwar vor allem, weil die Politiker an diese Macht glauben und sich mehr nach den Medien ausrichten als nach ihren W\u00e4hlern. Fr\u00fcher war es ja in der Tat so: Alle Menschen haben drei Fernsehprogramme geschaut und Tageszeitungen gelesen \u2013 und im Wesentlichen die Meinungen \u00fcbernommen, die dort vertreten wurden. Heute schauen \u00fcberwiegend Leute in meinem Alter Fernsehen oder lesen Zeitung. Die jungen Menschen werden doch viel st\u00e4rker durch \u00adsozia\u00adle Medien gepr\u00e4gt und auch viele \u00c4ltere stehen Medien skeptisch gegen\u00fcber. Trotzdem verhalten sich die Politiker so, als seien die Medien noch allm\u00e4chtig. Mich bringt das bei meiner eigenen Partei, der FDP, oft zur Verzweiflung, die nur deshalb nicht klarer Position bezieht, weil sie Angst hat vor dem linken Mainstream.<\/p>\n<p><strong>Die CDU ist gespalten: Links, konservativ Mitte. Wie weiter, oder zerf\u00e4llt sie, wenn sie zum Markenkern eines \u201ekritisch-national orientieren Konservativismus\u201c nicht zur\u00fcckkehrt?<\/strong><\/p>\n<p>Die CDU hat heute als Partei weder ein positives Verh\u00e4ltnis zur Marktwirtschaft noch ein positives Verh\u00e4ltnis zur Nation. Fr\u00fcher gab es einen Fl\u00fcgel in der CDU, der das abgedeckt hat, beispielsweise ein Alfred Dregger. Ich denke, unter den Mitgliedern gibt es immer noch welche, die so denken, aber die Funktion\u00e4re denken mehrheitlich nicht so, wie die Wahl von Laschet gezeigt hat. Ich bin ein gro\u00dfer Fan von Wolfgang Bosbach, aber der ist ja resigniert und hat das Handtuch geworfen. Selbst in der CSU ist jemand wie mein Freund Peter Gauweiler nicht mehr in f\u00fchrender Position denkbar. Da dominieren gnadenlose Opportunisten wie Markus S\u00f6der, erg\u00e4nzt durch linke Antikapitalisten wie den Entwicklungs\u00adhilfeminister Gerd M\u00fcller. Ich hoffe ja nach wie vor, dass die FDP die L\u00fccke erkennt, die dadurch entstanden, dass sich die CDU immer mehr Richtung Linksgr\u00fcn und die AfD immer mehr Richtung \u201eSozialpatriotismus\u201c und Rechtsau\u00dfen entwickelt hat.<\/p>\n<p><strong>Sie haben in Ihrem Buch \u201eWohin treibt unsere Republik?\u201c, das 1994 zuerst erschienen war und 2021 wieder neu aufgelegt wurde, eine Partei rechts der CSU vorausgesagt. Doch die AfD ist am Ende, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe vorausgesagt, dass sich eine solche Partei neu gr\u00fcnden wird, das stimmt. Ich habe aber in dem Buch auch hinzugef\u00fcgt, dass sich diese Partei nach ihrer Gr\u00fcndung immer weiter nach rechts entwickeln wird. Beide Thesen habe ich ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet \u2013 es w\u00fcrde zu weit f\u00fchren, diese Begr\u00fcndungen hier darzustellen. Jeder kann sie in dem Buch nachlesen, auf Seite 195 f. Beides ist dann ja auch genauso eingetreten. Wer das nachliest, der versteht, warum sich die AfD von einer konservativ-wirtschaftsliberalen Partei immer mehr in Richtung einer \u201esozialpatriotischen\u201c Rechtsau\u00dfen-Partei entwickelt hat.<\/p>\n<p><strong>Die FDP will wieder an die Macht, nachdem sie sich bei der letzten Bundestagswahl gedr\u00fcckt hatte.\u00a0 Es sei \u201ebesser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren,\u201c hatte 2017 FDP-Chef Lindner erkl\u00e4rt! Was muss die FDP anders machen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich fand es absolut richtig, wie Lindner sich damals entschieden hat. Die FDP h\u00e4tte keine Chance gehabt, in einer Koalition mit Merkel und den Gr\u00fcnen irgendwelche Positionen durchzusetzen. Leider scheint es mir im Moment so, als wolle sie regieren um jeden Preis und als habe der Satz \u201ebesser nicht zu regieren, als falsch zu regieren\u201c keine G\u00fcltigkeit mehr. Die FDP ist vor allem zu \u00e4ngstlich. Ich habe viel Kontakt zu vielen Bundestagsabgeordneten der FDP, der ich ja seit 1995 angeh\u00f6re. Ich wei\u00df daher zum Beispiel, dass viele f\u00fcr Kernenergie sind. Aber die Partei traut sich nicht, das zu sagen. Ich fand es auch falsch, dass sich die FDP nach der Kemmerich-Wahl zwei Wochen lang t\u00e4glich mehrfach daf\u00fcr entschuldigt hat. So gewinnt man weder Respekt bei den eigenen W\u00e4hlern noch bei Gegnern. Mir gef\u00e4llt das aktuelle Buch von Kubicki \u00fcber Meinungs(un)freiheit. Ein tolles und wichtiges Buch!\u00a0 Leider kommt das wichtige Thema \u201egeistige Freiheit\u201c bei der FDP in der Tagespolitik jedoch nicht vor. Ich w\u00fcrde es, neben der wirtschaftlichen Freiheit, zum zentralen Thema der FDP machen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben immer vor rot-rot-gr\u00fcnen Koalitionen gewarnt? Warum eigentlich?<\/strong><\/p>\n<p>Man muss ja nur in die Hauptstadt schauen, um zu sehen, was das praktisch bedeutet. Mir ist v\u00f6llig unbegreiflich, warum Union und FDP nicht t\u00e4glich auf Bundesebene thematisieren, was dort in Berlin passiert. Schauen Sie mal, in Berlin wird offener Verfassungsbruch betrieben durch einen sog. \u201eMietendeckel\u201c, den das Land Berlin nie h\u00e4tte beschlie\u00dfen d\u00fcrfen. Hier wird r\u00fccksichtslos in Eigentumsrechte und die Vertragsfreiheit eingegriffen. Hausbesitzer werden gezwungen, in bestehenden Mietvertr\u00e4gen die Mieten massiv zu senken. Die Berliner Linksregierung bekommt es hin, ein Dokument mit \u00fcber 40 Seiten Sprachvorschriften f\u00fcr politisch korrektes Sprechen auszuarbeiten, aber gleichzeitig kann sie nicht verhindern, dass t\u00e4glich zwei Autos brennen, allein im vergangenen Jahr waren es 700. Ganz zu schweigen davon, dass kriminelle Clans Teile der Stadt l\u00e4ngst beherrschen.<\/p>\n<p><strong>Der Chef des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab tr\u00e4umt von einer gro\u00dfen Transformation, kommt da wieder jene Vision des Sozialismus und planwirtschaftlichen Denkens ins Spiel, vor dem Sie immer gewarnt haben?<\/strong><\/p>\n<p>Schwab ist ein gro\u00dfer Zeitgeist-Opportunist. Ich glaube allerdings nicht an die Theorien von Verschw\u00f6rungsspinnern, die meinen, da werde gezielt von den Eliten an irgendeinem finsteren Plan gearbeitet. Das sind einfach Leute ohne Prinzipien, die sich opportunistisch dem Zeitgeist um jeden Preis anpassen wollen.<\/p>\n<p><strong>Der Staat wird immer st\u00e4rker, der Einflussbereich der Marktwirtschaft schrumpft, will man eine Art \u00adsozialistischen Kapitalismus?<\/strong><\/p>\n<p>Sozialistischen Kapitalismus gibt es nicht, das w\u00e4re ja wie ein rundes Quadrat. Ich habe in meinem Buch \u201eKapitalismus ist nicht das Problem, sondern die L\u00f6sung\u201c eine Theorie entwickelt: Alle Systeme sind Mischsysteme aus Kapitalismus und Sozialismus. Dabei kommt es nicht auf das absolute Mischungsverh\u00e4ltnis an, sondern darauf wie es sich ver\u00e4ndert: Entweder die Elemente von Privateigentum und Markt werden gest\u00e4rkt, wie das etwa seit den 80er Jahren in China geschehen ist. Oder der Staat wird gest\u00e4rkt, wie in Venezuela seit 1999. Das Ergebnis k\u00f6nnen wir in beiden L\u00e4ndern beobachten. Dieses Buch mit seinen Warnungen ist \u00fcbrigens die zeitgem\u00e4\u00dfe Fortsetzung von \u201eWohin treibt unsere Republik?\u201c, nach der ich manchmal gefragt werde.<\/p>\n<p><strong>Haben eigentlich die Reichen doch an allem Schuld und br\u00e4uchten wir nicht eine gerechtere Verteilung aller G\u00fcter auf dieser Erde wie es Papst Franziskus fordert? Sie sind der Verfechter einer ganz anderen These, aber was macht diese anders und vor allem, was ist das Argument, das diese wirklich alternativlos ist.<\/strong><\/p>\n<p>Der Papst sollte sich lieber auf die Verk\u00fcndung der Botschaft Gottes fokussieren als sich zu Wirtschaftsthemen zu \u00e4u\u00dfern, von denen er ganz offensichtlich nicht das Geringste versteht. Die Reichen waren schon immer S\u00fcndenbock f\u00fcr gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Dabei sind mehr Reiche gleichbedeutend mit weniger Armen. Sie sehen auch das am Beispiel China: 1981 lebten noch 88 Prozent der Chinesen in extremer Armut. Dann kam Deng Xiaoping mit seiner Parole: \u201eLasst erst mal einige reich werden!\u201c So ist es geschehen. Heute gibt es nirgendwo so viele Milliard\u00e4re auf der Welt wie in China (mit Ausnahme der USA). Die Zahl der Chinesen, die in extremer Armut leben, ist seitdem auf unter 1 Prozent gesunken. Deng Xiaoping hat 1000 Mal mehr gegen die Armut getan als der Papst. Ich m\u00f6chte den Lesern hier kostenlos als H\u00f6rbuch das Kapitel aus meinem Kapitalismus-Buch zur Verf\u00fcgung stellen, in dem ich diese Entwicklung in China beschreibe.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Der Bundesvorstand kann sich keine Kehrtwende erlauben: Laschet muss es werden, will die CDU ihr Gesicht wahren<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">19.04.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Es ist eine Schicksalsfrage \u2013 dies vor allem f\u00fcr CDU-Chef Armin Laschet. Sollte er heute als Kanzlerkandidat ins Rennen gehen, hat er eine gro\u00dfe B\u00fcrde auf sich genommen. Wenn er scheitert, dann k\u00f6nnte ihn das in die politische Bedeutungslosigkeit werfen. Sein Kontrahent, der bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der, muss das nicht bef\u00fcrchten. Der CSU-Chef offenbarte, dass er als Kanzler auch k\u00fcnftig zur Verf\u00fcgung stehen wird. Mit aller Macht hat S\u00f6der der gro\u00dfen Schwester gezeigt, dass diese in Zukunft nicht ohne die CSU auskommen wird und Entscheidungen in Hinterzimmern immer fraglicher werden. Ein Kommentar von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Rein dynastisch gesehen sind Schwestern Blutsverwandte. Doch mit der Blutsverwandtschaft ist das gediegene Ma\u00df an Harmonie und Liebe von Haus aus, quasi als famili\u00e4r-geschichtlich-gewachsenes Band, keineswegs mit-, sondern oftmals gerade aufgegeben. Dieses muss erstritten und sauer erarbeitet, konturiert und letztendlich sogar neu konstruiert werden. Diesen neuerlichen Selbstfindungsproze\u00df durchleiden die Schwesterparteien CDU und CSU gerade gemeinsam. Dass sich die Parteien bei ihrem internen Machtkampf um die Kanzlerfrage in Coronazeiten keinen Gefallen tun \u2013 und das Machtgez\u00e4nk- und gezerre politisch ungl\u00fccklich ist \u2013 davon sind viele Beobachter \u00fcberzeugt. Von einer Zerrei\u00dfprobe der Union ist mittlerweile gar die Rede. Und ausgerechnet die Gr\u00fcnen zeigen der sonst so geschlossenen, geradezu souver\u00e4nen CDU und CSU wie die K-Frage gel\u00f6st wird: Ohne Aggression, Aversion, sondern ger\u00e4uschlos und fast leise \u00fcberl\u00e4sst der Umfragek\u00f6nig und der langj\u00e4hrige Spitzenkandidat Robert Habeck friedlich Annalena Baerbock das Feld, die nun das Schiff in die weite See hinaussteuern kann. Ob erfolgreicher Kreuzliner oder doch Titanic \u2013 das wird sich im Herbst entscheiden.<\/p>\n<p>Dass CDU und CSU, die so genannte Union, sich in den letzten Jahren immer \u00f6fter und fast quartalsm\u00e4\u00dfig aus den Augen verliert, den gemeinsamen Kickpunkt, der sie verbindet, wie eine alte Nabelschnur abtrennt, geht jedoch letztendlich immer auf das Konto der CSU und ihrer Granden, die sich in aller Regelm\u00e4\u00dfigkeit gegen\u00fcber der gr\u00f6\u00dferen Schwester in Berlin zu profilieren suchen. Nun mag eine solche Profilsuche eine eigene Profilneurose in aller Augenscheinlichkeit nach Au\u00dfen tragen, doch der CSU ist dieses Pokern um die Macht geradezu Ausweis ihrer eigenen Existenz und damit so etwas wie ein gravit\u00e4tischer Haltepunkt politischer Selbstversicherung. Dass man mit der gr\u00f6\u00dferen Schwester an der Spree oft hadert, zieht sich von Alt-CSU-Ministerpr\u00e4sident Franz Josef Strau\u00df bis hin zu Markus S\u00f6der. Und wenn dieser nach einer Woche harten Attackierens gegen Armin Laschet jetzt einlenkt und im Eingedenk der gr\u00f6\u00dferen Schwester dieser die Entscheidungsfrage elegant \u00fcbertr\u00e4gt, bedeutet dies nicht, dass sich S\u00f6der ganz aus dem Rennen verabschiedet hat.<\/p>\n<p>Und dass ausgerechnet nach der Fl\u00fcchtlingskrise der bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der, der schon 2018 die Einheit mit der Schwester mit seiner damals geradezu rigide gef\u00fchrten Anti-Migrationspolitik, als Hardliner in Fl\u00fcchtlingsangelegenheiten mit populistisch-anutenden Schubkr\u00e4ften, auf eine harte Probe gestellt hatte, die Fehde mit Berlin 2021 erneut sucht, scheint S\u00f6ders Kurs als Krawall- und Selbstinszenierer deutlich zu unterstreichen. Denn bei allem, was durch das politisch-traurige Schauspiel zwischen den beiden Kontrahenten um das Amt des Merkel-Nachfolgers derzeit zum Tragen kommt ist doch: F\u00fcr S\u00f6der z\u00e4hlen traditionell konservative Werte wie Vertrauen oder sogar Wahrheit wenig, wenn es um seinen Machtanspruch und Person geht. Als f\u00fcr ihn eher sekund\u00e4re und relativierbare Tugenden sind sie eher hinderlich, geht es um den politischen Aufstieg zum \u201eF\u00fcrsten\u201c im Sinne Machiavellis. \u201eF\u00fcrst\u201c wird man nicht durch Humanismus, Menschlichkeit und Herzensg\u00fcte, sondern zum politischen Leviathan erw\u00e4chst man durch Tugenden, die sp\u00e4ter Friedrich Nietzsche als die eigentlichen feiern wird, die heutzutage aber keineswegs diejenigen sein sollten, f\u00fcr die ein Repr\u00e4sentant des demokratischen Rechtsstaat stehen sollte. Anders als S\u00f6der ist Laschet menschlich der w\u00e4rmere Typus; er ist der sachlich-uneitle Kommunikator und Br\u00fcckenbauer. Ein Politikertyp also, dem das allzu beckmesserische, das politisch Unmenschliche fehlt und mit dem die \u201cBasis\u201d dennoch wenig anzufangen wei\u00df. In Krisenzeiten w\u00fcnscht man sich popul\u00e4re Entscheider \u2013 und in diese Rolle passt der Franke genau, der Mann von Rhein und Ruhr nur bedingt.<\/p>\n<p>Sollte Armin Laschet den Kampf um die Kanzlerkandidatur gewinnen, denn nichts anderes sollte man erwarten, wenn er am Montag kurzfristig den CDU-Bundesvorstand einberuft, dann m\u00fcsste er allerdings liefern \u2013 und dann obl\u00e4ge dem Mann aus NRW die gro\u00dfe Last, die Union als neuer Kanzler im September zum Sieg und Deutschland in einer schwierigen Zukunft weiter zu f\u00fchren. Schon jetzt gilt er durch den Grabenkampf der letzten Woche als angeschlagen, weil er bereits zu Beginn einer m\u00f6glichen Kandidatur nicht die Mehrheit der Parteibasis hinter sich versammeln kann. Viele Bundestagsabgeordnete, ostdeutsche Landesverb\u00e4nde\u00a0 und Ministerpr\u00e4sidenten sind ihm in den letzten Tagen in die Parade marschiert und haben gegen das Harmonie-Prinzip der CDU und ihren Vorsitzenden versto\u00dfen. Laschet muss sich im Fall einer Niederlage bei der Bundestagswahl dann aus dem eigenen Lager immer vorwerfen lassen, sich selbst \u00fcbernommen und zu hoch gepokert zu haben. Aber auch daf\u00fcr, Markus S\u00f6der auszubremsen, der die Union m\u00f6glicherweise zum Sieg gef\u00fchrt h\u00e4tte.<\/p>\n<h4>S\u00f6der hat schon jetzt gewonnen \u2013 auch wenn er nicht Kanzler wird<\/h4>\n<p>S\u00f6der hingegen, der sich in der Coronakrise als Macher und nicht als Zauderer zeigte, hat auf alle F\u00e4lle beim Poker um die Kanzlerkandidatur gepunktet. Der Franke konnte sich erneut genau als jener Haudegen und harterprobte K\u00e4mpfer behaupten, als der er sich selbst versteht und wahrnimmt. S\u00f6der bleibt der Monarch, der gern ein wenig mehr Ludwig II. w\u00e4re, der alle Macht und Souver\u00e4nit\u00e4t auf sich vereint, der in schwierigen Zeiten Kante zeigt und in der Pandemie den gutherzigen Vers\u00f6hner gibt. W\u00e4hrend Laschet, ob seines gewagten Spiels gegen den bayerischen L\u00f6wen, sogar im Falle einer Niederlage mit dem R\u00fcckzug vom Posten des frisch gek\u00fcrten CDU-Vorsitzenden rechnen muss, hat S\u00f6der schon gewonnen. Er hat bei den Menschen gepunktet, die sich in schwierigen Zeiten nach F\u00fchrung sehnen. Der\u00a0 CDU in Berlin hat er vor Augen gehalten, dass er sich nicht abspeisen und auf die Pl\u00e4tze verweisen lassen wird. Und eines\u00a0 zeigt der ungleiche Streit um die Kanzlerschaft: Die CSU will in Berlin mehr mitspielen \u2013 und sie will sich k\u00fcnftig nicht mehr hinter der Schwester verstecken. Soviel zumindest geh\u00f6rt zur politischen Emanzipation des neuen Selbstverst\u00e4ndnisses der CSU hinzu und S\u00f6der ist ihr neuer Repr\u00e4sentant. Mit S\u00f6der ist also in den n\u00e4chsten Jahren fest in Berlin zu rechnen, selbst wenn er betonen sollte, dass sein Platz in Bayern sei. Bayern ist f\u00fcr S\u00f6der eben auch Berlin \u2013 das geh\u00f6rt zweifellos zum Selbstbild eines bayerischen Regenten, der sich gern im Karneval als Ludwig II. gibt oder Bundeskanzlerin Merkel ganz royal auf Schloss Herrenchiemsee empf\u00e4ngt. An S\u00f6der wird demn\u00e4chst in der CDU niemand mehr vorbei kommen. Der Franke hat ganz klar seinen politischen F\u00fchrungsanspruch angemeldet und die Schwester enorm unter Druck gesetzt, ja ihr m\u00f6glicherweise damit sogar ein St\u00fcck ihrer Existenz beraubt. Wenn S\u00f6der gewinnt, wird in Zukunft auch die Macht der \u201cHinterzimmer\u201d, wozu er das CDU-Pr\u00e4sidium z\u00e4hlt, an Einfluss verlieren.<\/p>\n<p>Wenn Laschet verliert, steht nicht nur die Macht der \u201cHinterzimmer\u201d mehr denn je in Frage, sondern auch prominente Laschet-Unterst\u00fctzer wie Bundestagspr\u00e4sident Wolfgang Sch\u00e4uble und Friedrich Merz erleiden einen Gesichtsverlust. Eigentlich kann sich der CDU-Bundesvorstand keine Kehrtwende gegen\u00fcber der vergangenen Woche erlauben. Denn mit einer Palastrevolution verl\u00f6re auch die CDU mehr denn je an Glaubw\u00fcrdigkeit. Und Laschet w\u00e4re dann nicht allein der Verlierer, der CDU-Bundesvorstand selbst verl\u00f6re seine Selbstachtung. Denn, wenn Laschet noch vor einer Woche alternativlos Kanzler-Kandidat war, w\u00e4re eine CDU-Entscheidung gegen ihn am Montag nichs anderes als die indirekte Lust am eigenen Niedergang.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Eine g\u00e4ngige Zeitrechnung an Bord ist es, l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume in \u201eSchnitzeln\u201c anzugeben<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">10.04.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Europa, Medien<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Wer tr\u00e4umt nicht in Corona-Zeiten von der gro\u00dfen, weiten Welt? Doch gibt es eine Zukunft der Kreuzfahrtindustrie? Wir trafen den Kapit\u00e4n der EUROPA II., Christian van Zwamen, zum Interview.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Ist die Seefahrt noch das, von dem man tr\u00e4umt, fremde L\u00e4nder, exotische Sch\u00f6nheiten, die alten Klischees von gestern?<\/p>\n<p>Kapit\u00e4n van Zwamen: F\u00fcr mich ist sie das ganz eindeutig, denn ich kann mir kaum eine emotionalere Art des Reisens vorstellen. Schon der Moment, wenn die letzte Leine gel\u00f6st wird, und das Schiffshorn zum Abschied tutet, ist f\u00fcr mich auch nach all den Jahren, in denen ich zur See fahre, der Augenblick, in dem ich eine G\u00e4nsehaut bekomme. Vor einem liegt dann eine sch\u00f6ne Zeit, in der man vieles entdecken und erleben kann, eintauchen in fremde Kulturen und tiefgehende Eindr\u00fccke sammeln kann. Dabei muss man auch gar nicht um die halbe Welt reisen, schon vor der Haust\u00fcr gibt es viele sch\u00f6ne Gegenden, die eine Reise wert sind. Sei es die Ostsee mit ihren sch\u00f6nen Hafenst\u00e4dten, oder aber auch die norwegischen Fjorde. Die Exotik kommt aber nat\u00fcrlich auch nicht zu kurz, denn mit unseren kleinen Schiffen habe ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck, dass wir auch Ziele weit abseits des Massentourismus ansteuern k\u00f6nnen. Der Anblick zigtausender Pinguine auf S\u00fcdgeorgien oder kalbender Gletscher in Gr\u00f6nland ist etwas, was man sein Leben lang nicht mehr vergessen wird. Deshalb str\u00e4ube ich mich ein wenig gegen die Formulierung \u201ealte Klischees\u201c, denn der Traum, die Welt zu entdecken, ist noch lange nicht ausgetr\u00e4umt.<\/p>\n<p><strong>\u201eEine Seefahrt, die ist lustig\u201c hei\u00dft es ja in einem ber\u00fchmten Schlager. Was war das Lustigste, was \u00adIhnen jemals bei einer Reise passiert ist? Waren Sie einmal in Seenot?<\/strong><\/p>\n<p>In Seenot war ich zum Gl\u00fcck noch nicht und es wird auch alles daf\u00fcr getan, dass der Fall nicht eintreten wird. Man muss sich seiner Verantwortung bewusst sein, und jede Entscheidung auch unter dem Gesichtspunkt der Risikovermeidung hinterfragen, denn Sicherheit war schon immer die allerh\u00f6chste Priorit\u00e4t. Nat\u00fcrlich gab es auch zahlreiche lustige Erlebnisse. Besonders gerne erinnere ich mich daran, dass wir einmal zum Auslaufen in Abu Dhabi einen Gast vermissten. Irgendwann konnten wir nicht mehr l\u00e4nger warten und mussten auslaufen. Kaum dass wir abgelegt hatten, hielt ein Taxi auf der Pier und der versp\u00e4tete Gast stieg wild winkend aus. Es war der zur Unterhaltung der G\u00e4ste mitfahrende Ged\u00e4chtnistrainer, der sich die falsche Abfahrtszeit gemerkt hatte.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht eine gew\u00f6hnliche Arbeitswoche aus?<\/strong><\/p>\n<p>So etwas wie eine Woche gibt es an Bord nicht; die zu erledigenden Arbeiten sind jeden Tag gleich. Eine gute Orientierung ist da der Sonntag, denn dann gibt es traditionell Wiener Schnitzel in der Mannschaftsmesse. Eine g\u00e4ngige Zeitrechnung an Bord ist es daher, l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume \u2013 und da insbesondere die Einsatzzeiten an Bord \u2013 in \u201eSchnitzeln\u201c anzugeben. Der Alltag eines Kapit\u00e4ns ist aber in der heutigen Zeit leider zu gro\u00dfen Teilen davon bestimmt, dass man vor dem Computer sitzt. Letzten Endes ist ein Schiff ein gro\u00dfer Betrieb, der geleitet und koordiniert werden muss. Da bin ich froh, wenn ich mir nautisch sozusagen die Rosinen herauspicke und zum Beispiel die An- und Ablegeman\u00f6ver auf der Br\u00fccke t\u00e4tigen kann. Und, ebenfalls ein Vorteil kleiner Schiffe, man kann intensiven Kontakt zu den G\u00e4sten pflegen. Wann immer man sich im Schiff trifft, hat man die Gelegenheit zu einem kurzen Gespr\u00e4ch. Und wann immer es meine Zeit erlaubt, esse ich auch mit G\u00e4sten zu Abend. So habe ich ein gutes Gesp\u00fcr, wie gerade die Stimmung ist, oder wo eventuell der Schuh dr\u00fcckt.<\/p>\n<p><strong>Welche Routen fahren Sie? Und wie lange sind Sie unterwegs?<\/strong><\/p>\n<p>Von den reinen Polargebieten abgesehen, ist die EUROPA2 weltweit unterwegs. Im Sommer nat\u00fcrlich in und um Nordeuropa, zum Winter hin dann in w\u00e4rmeren Gefilden. Ich bin dabei zwischen zwei und drei Monate an Bord, immer im Wechsel mit meinem Kollegen Kapit\u00e4n Gottschalk.<\/p>\n<p><strong>Wie verbringen Sie denn gerne Ihren Urlaub?<\/strong><\/p>\n<p>Recht unspektakul\u00e4r, denn ich bin in der Zeit immer froh, wenn ich zu Hause sein kann. Das ist dann die Zeit, in der ich die Familie sehe und Freunde besuchen kann. Au\u00dferdem habe ich f\u00fcr mich das Wandern entdeckt. Es bietet mir einen guten Ausgleich zu der doch manchmal sehr fordernden Zeit an Bord. Und es l\u00e4sst sich gut mit einem weiteren Hobby von mir, der Fotografie, verbinden.<\/p>\n<p><strong>Welche Route steht noch auf Ihrer pers\u00f6nlichen Wunschliste oder haben Sie Ihre Traumroute bereits bereist?<\/strong><\/p>\n<p>In vielen Gegenden bin ich nat\u00fcrlich schon gewesen. Ein Ziel, das mir noch fehlt, und das ich dringend einmal sehen m\u00f6chte, ist Hawaii.<\/p>\n<p><strong>Wie lange halten Sie es an Land aus bis Sie Fernweh bekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz so gro\u00df wie fr\u00fcher ist der Drang in die Ferne nat\u00fcrlich nicht mehr. Mit meinem Kollegen teile ich mir das Schiff 1:1, so dass man nach knapp drei Monaten an Bord auch knapp drei Monate Urlaub hat. Wenn die um sind, freue ich mich aber schon wieder auf das Schiff, die G\u00e4ste und die Crew, die ja fast so etwas wie eine zweite Familie ist.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie so etwas wie eine per\u00ads\u00f6nliche See\u00ad\u00admanns\u00ad\u00ad\u00adweisheit?<\/strong><\/p>\n<p>Ich selbst nicht, aber ich finde, dass es Alexander von Humboldt gut auf den Punkt gebracht hat: Die gef\u00e4hrlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben. Wenn man so viel unterwegs ist, lehrt es einem den Respekt vor anderen Menschen und Kulturen, und dass es immer eine Bereicherung ist, sich darauf einzulassen.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich ihrer Meinung nach die Kreuzfahrt in den letzten Jahren ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach spaltet es sich immer mehr in einen Massen- und einen Individualmarkt auf. Das elit\u00e4re Reiseerlebnis, das ja Kreuzfahrten lange ausmachte, gibt es in der Form zum Gl\u00fcck nicht mehr. Mittlerweile kann sich jeder das Schiff, das Konzept und die Reiseroute aussuchen, die die individuellen Bed\u00fcrfnisse am besten befriedigt. Und ich bin froh, dass das Thema Umweltschutz, Verantwortung und Nachhaltigkeit immer mehr in den Fokus ger\u00e4t, denn das ist schon seit jeher eines unserer zentralen Anliegen. Die Kreuzfahrtbranche ist da auf einem guten Weg, der nun konsequent weiterverfolgt werden muss.<\/p>\n<p><strong>Die Kreuzfahrtindustrie steht immer wieder in der Kritik, zu viel C02, zu schlechte Umweltbilanzen, der Massentourismus erstickt kleine Ortschaften und bedroht das \u00d6kosystem. Wie sieht die Nachhaltigkeitsstrategie Ihrer Rederei aus?<\/strong><\/p>\n<p>Die Flotte von Hapag-Lloyd Cruises umfasst vier kleine exklusive Schiffe mit einer maximalen Passagierzahl zwischen 230 bis maximal 500 Personen. Wir bieten damit Kreuzfahrten abseits des Massentourismus an und k\u00f6nnen auch Regionen befahren, die gro\u00dfen Schiffen verwehrt bleiben. Nat\u00fcrlich haben Nachhaltigkeit und Umweltschutz bei Hapag-Lloyd Cruises und bei uns an Bord einen sehr hohen Stellenwert. Hapag-Lloyd Cruises investiert daher massiv in den Umweltschutz. Alle unsere Schiffe sind mit moderner Technik und Umwelttechnologie ausgestattet wie SCR Katalysatoren und Landstrom. Die EUROPA 2 war 2013 \u00fcbrigens weltweit das erste Kreuzfahrtschiff, auf welchem ein SCR Katalysator verbaut wurde.<\/p>\n<p>Aber Hapag-Lloyd Cruises geht einen Schritt weiter: Die Flotte verzichtet komplett auf Schwer\u00f6l und wir setzen seit Juli 2020 auf hochwertiges Marine Gas\u00f6l. Alle Schiffe von Hapag-Lloyd Cruises fahren zu 100 Prozent mit schadstoffarmen Marine Gas\u00f6l 0,1 Prozent (LS-MGO). Die Umstellung auf Marine Gas\u00f6l bedarf keiner Umbauten. Aber nat\u00fcrlich ist der Einsatz mit wesentlich h\u00f6heren Treibstoffkosten verbunden.<\/p>\n<p>Ein ganz aktuelles Beispiel unserer Nachhaltigkeitsstrategie ist die Landstrom-Nutzung. Unsere Neubauten sind alle f\u00fcr die Versorgung mit Landstrom ausgestattet. Weltweit gibt es derzeit jedoch nur 14 H\u00e4fen, in denen Landstrom an mindestens einem Liegeplatz im Hafen bereitgestellt wird, dazu z\u00e4hlt unter anderem Hamburg. Die EUROPA 2 hat hier w\u00e4hrend unserer Zwangspause eine Zertifizierung durch die Klassifikationsgesellschaft DNV GL erhalten und \u00fcber 30 Tage erfolgreich \u00d6kostrom am Cruise Center Altona bezogen und damit 600 Tonnen CO2 einsparen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Es wird nach Corona eine neue Zeit des Reisens geben, viele Menschen sind verunsichert. Wie sieht bei Ihnen der Neustart aus?<\/strong><\/p>\n<p>Unser Neustart ist sehr erfolgreich und beweist mit zahlreichen zufriedenen G\u00e4sten, dass Luxus- und Expeditionskreuzfahrten auch in der neuen Reiserealit\u00e4t sicher und genussvoll sein k\u00f6nnen. Das Feedback zu unseren bisherigen Reisen ist f\u00fcr uns weiterer Ansporn, denn die Zufriedenheitswerte und eine Weiterempfehlungsrate von durchschnittlich 94 Prozent zeigen, dass sich die G\u00e4ste bei uns wohl an Bord finden.<\/p>\n<p>Wir gehen den Neustart weiterhin sehr verantwortungsbewusst, kontrolliert und schrittweise an. Wir haben gemeinsam Experten und mit den Beh\u00f6rden daf\u00fcr ein umfassendes Pr\u00e4ventions- und Hygienekonzept erarbeitet. Sicherheit f\u00fcr Crew und Passagiere steht f\u00fcr uns stets an erster Stelle.<\/p>\n<p>Bereits Ende Juli hat unser Expeditionsschiff HANSEATIC Inspiration mit Reisen ab\/bis Hamburg gestartet. Anfang August folgte mit Hamburg-Abfahrten unser Luxusschiff EUROPA 2. Die Passagierkapazit\u00e4t wird bis auf Weiteres auf 60 Prozent reduziert. F\u00fcr alle Passagiere ist ein negativer COVID-19 Test vor Reisebeginn obligatorisch. Unsere Crewmitglieder werden ebenfalls getestet und absolvieren zus\u00e4tzlich eine Quarant\u00e4ne, bevor sie ihren Dienst an Bord beginnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die HANSEATIC inspiration haben wir erst k\u00fcrzlich als erstes Kreuzfahrtschiff das Hygiene-\u00adZertifikat von SGS INSTITUT FRESENIUS erhalten. Die Auswertung und Beurteilung f\u00fcr die \u00adEUROPA 2 ist im vollen Gange und wir sind sehr positiv gestimmt.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man sich die Zertifizierung durch das SGS INSTITUT FRESENIUS vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmen eines Desktop-Audits wurde zun\u00e4chst das Hygiene-Konzept auf die umfassende Abdeckung der relevanten Bereiche vor und w\u00e4hrend einer Kreuzfahrt \u00fcberpr\u00fcft und die Vollst\u00e4ndigkeit der daraus abgeleiteten Ma\u00dfnahmen. Die konkrete Umsetzung dieser wurde im Anschluss w\u00e4hrend des laufenden Betriebs an Bord im Rahmen eines viert\u00e4gigen Vor-Ort-Audits gepr\u00fcft. Hierbei wurden auch die Hygienestandards einbezogen, die bereits vor den neu eingef\u00fchrten Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen im Umgang mit COVID-19 einen sehr hohen Hygiene-Standard an Bord garantieren. Die relevanten Prozesse vor und hinter den Kulissen wurden begleitet und beurteilt, mikrobiologische Lebensmittelanalysen und Reinigungskontrollen erg\u00e4nzten dieses Audit. Von dem Einschiffungsprozedere, der Pr\u00fcfung der Schulungsunterlagen, der Krankenstation \u00fcber alle \u00f6ffentlichen Bereiche und Kabinen bis hin zur Sch\u00f6pfkelle in der K\u00fcche wurde das Schiff auf \u201eHerz und Nieren\u201c untersucht.<\/p>\n<p><strong>Werden Sie im n\u00e4chsten Jahr wieder im \u201eNormalbetrieb\u201c fahren?<\/strong><\/p>\n<p>Wann wir wieder zum regul\u00e4ren Fahrplan \u00adzur\u00fcck kehren und welche Ziele im kommenden Jahr angesteuert werden k\u00f6nnen, kann ich momentan nicht einsch\u00e4tzen. Dies h\u00e4ngt von der weltweiten Entwicklung ab. Diese verfolgen wir und unsere Hamburger Kollegen nat\u00fcrlich intensiv. Die Wintermonate wird die EUROPA 2 auf den kanarischen Inseln verbringen und den G\u00e4sten die M\u00f6glichkeit geben, Sonne zu tanken und die dunkle Jahreszeit zu verk\u00fcrzen. Ich spreche hier an Bord auch viel mit unseren G\u00e4sten und dabei stimmt mich eines immer wieder positiv: Die Reise- und Kreuzfahrtlust der G\u00e4ste ist ungebrochen und es gibt einen gro\u00dfen Nachholbedarf.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Kunstgenius Gerhard Richter gibt mehr als 100 Werke an die Nationalgalerie<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">15.03.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Gesellschaft &amp; Kultur, Wissenschaft<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>Der Maler Gerhard Richter stellt mehr als 100 seiner Arbeiten der Berliner Nationalgalerie zur Verf\u00fcgung. Diese sind, wie die Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz mitteilte, f\u00fcr das im Bau befindliche Museum des 20. Jahrhunderts gedacht. Die Werke werden bereits ab dem 16. M\u00e4rz 2021 in der Alten Nationalgalerie gezeigt. Richter gilt als einer der einflussreichsten K\u00fcnstler der Gegenwart. Seine Arbeiten z\u00e4hlen zu den international teuersten Werken.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden im Osten der Republik, ist immer noch ein Marathonl\u00e4ufer. Kaum einer kann auf ein derartig vielschichtiges Werk zur\u00fcckblicken, kaum einer hat derart monumentale Serien entworfen, kaum einer hat die Kunst der Nachkriegsjahre so nachhaltig gepr\u00e4gt. Voller Kraft und Dynamik erstrahlen seine abstrakten Visionen, ein Zusammenspiel von Vitalit\u00e4t und Disziplin, lyrischem Ma\u00df und sinnlichem Pathos.<\/p>\n<h4>Malen gegen das Vergessen<\/h4>\n<p>Der Stipendiat der Dresdner Hochschule hatte fr\u00fch Karriere im Osten gemacht, galt als Wandmaler zu den gefragten K\u00fcnstlern der noch jungen Republik. Doch Richter, dem \u201ePicasso des 21. Jahrhunderts\u201c, war die Enge des Staates, der Sozialistische Realismus nicht genug. Richter wollte mehr \u2013 die Freiheit schlechthin. Und diese eroberte er sich nach der Flucht in den Westen 1961. In D\u00fcsseldorf wurde er Professor, ein gefeierter Star, dem sich in den 90er-Jahren buchst\u00e4blich die ganze Welt auftat. Aber erst in Amerika feierte er Welterfolge, wurde zum gefragtesten Maler der Moderne preisgekr\u00f6nt und dann mit Werkschauen weltweit f\u00f6rmlich \u00fcberh\u00e4uft. Ob mit seinem Bild \u201eEma\u201c oder dem \u201eTisch\u201c, Richter hat im ruhigen Fluss einer Arbeit immer wieder mit Nachdruck vorgef\u00fchrt, was Malerei noch zu leisten vermag und dass sie sich gegen das Diktum der nachgesagten Unm\u00f6glichkeit, nach Auschwitz noch ein Bild zu malen, kraftvoll entgegengestellt hat. Richter malte gegen das Vergessen, flirtete mit Fluxus, Fotorealismus und Pop Art und Readymade \u2013 doch einordnen in eine Richtung lie\u00df er sich nie. Seit Beginn der 60er-Jahre hatte er seine eigene Form gefunden, die Idee, Fotografien abzumalen, die R\u00e4nder der Figuren zu verwischen und damit Unsch\u00e4rfe zu erzeugen. Richter ist ein Unangepasster in der Kunst geblieben, einem, dem das Experimentieren alles ist, der sich weder in das Korsett des Sozialistischen noch des Kapitalistischen Realismus pressen lie\u00df.<\/p>\n<h4>Kunst bleibt ein Geheimnis<\/h4>\n<p>Jenseits von einer regulativen Kunst\u00e4sthetik war es das Spiel mit den Farben, Formen und Materialien, die er auf eine ganz eigene Art und Weise zum Sprechen brachte. Immer war es die Zerbrechlichkeit des Subjekts, seine Fragilit\u00e4t, die er \u00fcber die Dinge und Figuren legte, um zu zeigen, dass die Malerei um einen beh\u00fcteten privaten Kern spielt, den sie nicht preisgibt, der ihr Geheimnis bleibt.<\/p>\n<p>Antisubjektivistisch ist die Kunst \u00fcber die fast 70 Jahre seines k\u00fcnstlerischen Schaffens geblieben. Nie wollte er, dass seine Bilder f\u00fcr die Wahrheit schlechthin stehen, sondern gerade in der Offenheit des Kunstwerks sah er den weisenden Charakter, wo der Zufall eine nicht unbedeutende Rolle spielt. \u201eVon den Bildern lernen\u201c wurde seine Maxime und die Bilder damit eigentlich zum Objektiven. Seine Arbeitsweise hatte Richter, der malt und \u00fcbermalt, der Unsch\u00e4rfe zeichnet, in grau-schwarz und wei\u00df oder sp\u00e4ter immer farbenfroher, in den 60er-Jahren als einen Prozess beschrieben, wo der Verstand ausgeschaltet ist, Pinsel und Rakel regieren und wo sich die Kunst selbst erschafft. \u201eWenn ich eine Fotografie abmale, ist das bewusste Denken ausgeschaltet. Ich wei\u00df nicht, was ich tue\u201c. Noch deutlicher sein Credo: \u201eDas Denken ist beim Malen das Malen.\u201c Nicht die Idee, wie bei der Fluxus-Bewegung, ist das produktive Element, das hinter allem gravit\u00e4tisch regiert, sondern im Akt des k\u00fcnstlerischen Agierens kommt etwas hervor, das es so vorher nicht gab. Kunst als \u00dcberraschung: \u201eIch m\u00f6chte am Ende ein Bild erhalten, das ich gar nicht geplant hatte. Ich m\u00f6chte ja gern etwas Interessanteres erhalten als das, was ich mir ausdenken kann.\u201c Dass Richter hiermit ganz explizit postmodern ist, liegt auf der Hand. Das Kunstwerk ist autonom, das Subjekt tritt in den Hintergrund und das so entstandene Werk bleibt jederzeit von jedermann interpretierbar. Es gibt einen Sinn, stellt ihn wieder in Frage, verweist \u00fcber sich hinaus, ohne sich doch restlos zu offenbaren. Es legt Spuren des Interpretierbaren, aber eben nur Spuren, die Spuren erzeugen. \u201eEs demonstriert die Zahllosigkeit der Aspekte, es nimmt uns unsere Sicherheit, weil es uns die Meinung und den Namen von einem Ding nimmt, es zeigt uns das Ding in seiner Vieldeutigkeit und Unendlichkeit, die eine Meinung und Ansicht nicht aufkommen l\u00e4sst.\u201c Helge Meister hatte Richters Abmalvorgang ganz konkret beschrieben: \u201eIn Illustrierten, Zeitungen, Fotoalben und Fachb\u00fcchern sucht er seit Jahren nach geeigneten Fotos, schneidet sie aus, legt sie unter ein Episkop und projiziert die nun stark vergr\u00f6\u00dferten Bilder auf eine leere Leinwand. Auf ihr zieht er mit Kohle nach und pinselt Menschen wie R\u00e4ume mit schwarzer, grauer und wei\u00dfer Farbe aus. [\u2026] Die noch nassen Farben \u00fcbermalt er mit einem breiten Pinsel, zieht die Konturen ineinander, egalisiert die Farbunterschiede.\u201c<\/p>\n<h4>Richters Maxime: \u201eEtwas entstehen lassen, anstatt kreieren\u201d<\/h4>\n<p>Richters Quevre, die sich darin aussprechende Diskontinuit\u00e4t, hatten Kritiker als \u201eStilbruch als Stilprinzip\u201c bezeichnet \u2013 doch genau dadurch zeichnet sich Richters Einmaligkeit aus. Er versteckt gegenst\u00e4ndliche Motive hinter zahlreichen \u00dcbermalungsschichten, verwischt diese wieder in einem wilden Farbnebel, bricht mit tradierten Formen und beginnt neu. Der Stilbruch ist kein Tabu, sondern der kreative Akt selbst.<\/p>\n<p>So sehr sich Richters Kunst zwischen Realismus und Abstraktion in einem Wechselspiel aufbaut, fotografischen Serien, Landschaften, Portr\u00e4ts, Stillleben und historische Stoffe zu neuer Lebendigkeit verhilft, es ist seine forschende und experimentierende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die seine Kunst zu etwas h\u00f6chst Eigenst\u00e4ndigen und Unverwechselbaren werden l\u00e4sst. Und selbst wenn er auf klassische Sujets der Kunst zur\u00fcckgreift, so sind seine fotorealistischen Naturdarstellungen, seine nach Fotografien gemalten unscharfen Gem\u00e4lde sowie die Gem\u00e4lde mit h\u00f6chster Abstraktionskraft bis hin zu Glas- und Spiegelobjekten beziehungsweise Installationen immer Spiegel dessen, was sich nicht voraussehen l\u00e4sst. Das Ergebnis ist jedes Mal ein anderes und nur bedingt steuerbar. \u201eEtwas entstehen lassen, anstatt kreieren,\u201d hei\u00dft es bei Richter. \u201eWenn ich nicht wei\u00df, was da entsteht, also kein festes Bild habe wie bei einem Foto, das ich abmale, dann spielen Willk\u00fcr und Zufall eine wichtige Rolle.\u201d<\/p>\n<h4>L\u00e4ngst im K\u00fcnstlerhimmel angekommen<\/h4>\n<p>Wenn es um Ehre, Weltruhm und Ewigkeit geht, ist Gerhard Richter schon l\u00e4ngst im G\u00f6tterhimmel der Kunst angelangt. Und dort hat der Ewig-Schaffende schon jetzt einen festen Platz, was gar nicht so einfach f\u00fcr einen Atheisten \u201emit Hang zum Katholizismus\u201c ist. Doch \u201eohne den Glauben an eine h\u00f6here Macht oder etwas Unbegreifliches\u201c k\u00f6nne er nicht leben. Es ist das Bekenntnis eines religi\u00f6s nicht ganz unmusikalischen Malers, der faustisch mit den Energien des Kreativen ringt, mit dem produktiven D\u00e4mon, der ins Unendliche treibt und Werke schafft, die ihresgleichen suchen.<\/p>\n<p>Starall\u00fcren hat sich Richter stets verweigert, er ist kein Markus L\u00fcpertz. Richter ist ein unabh\u00e4ngiger K\u00fcnstlertyp geblieben. Das Malergenie liebt es eher unpr\u00e4tenti\u00f6s, er ist denkbar bescheiden, der Hype um seine Person ihm unangenehm. Lange schon hatte sich der heute 88-J\u00e4hrige von der Oberfl\u00e4che der Eitelkeiten verabschiedet und in das Villenviertel Hahnwald in seiner Wahlheimat K\u00f6ln zur\u00fcckgezogen. Den gr\u00f6\u00dften Teil der heutigen Auktionskunst h\u00e4lt er allerdings f\u00fcr \u00fcberteuert. Was fehle, sei der Ma\u00dfstab f\u00fcr die Beurteilung des Wertes von Kunstwerken. \u201eWenn Sie die Auktionskataloge sehen, da wird ja 70 Prozent M\u00fcll f\u00fcr teures Geld verkauft.\u201c \u201eDie Kriterien\u00adlosigkeit, die ist schon das H\u00e4rteste dabei.\u201c Zwar finde er es angenehm, er, der sich nie als Marketingstratege verkauft hat, dass f\u00fcr seine Werke Millionensummen bezahlt werden, es zeigt immerhin, dass er gesch\u00e4tzt werde. Aber zugleich ist es f\u00fcr ihn auch \u201eunertr\u00e4glich und pervers, dass es solche Unsummen sind\u201c. Und auf die Frage, ob er das Gef\u00fchl habe, dass seine Kunst verstanden wird, antwortet er: \u201eManchmal ja. Sonst h\u00e4tte ich ja nicht so viel Erfolg. Also irgendwas wird ja schon ab und zu verstanden.\u201c<\/p>\n<p>Mit 88 Jahren legt der Mann, dessen Maxime es war, dass die \u201eKunst die h\u00f6chste Form der Hoffnung\u201c sei, der laut \u201eManager Magazin\u201c zu den 500 reichsten Deutschen z\u00e4hlt und als der wichtigste K\u00fcnstler der Gegenwart gehandelt wird, nun den Pinsel aus der Hand. Richters Abschied als Maler war die Vollendung der drei Kirchenfenster im Kloster Tholey. \u201eIrgendwann ist eben Ende.\u201c \u201eDas ist nicht so schlimm. Und alt genug bin ich jetzt,\u201c erkl\u00e4rte er im September und sein Abschied von der Malerei glich einem Paukenschlag.<\/p>\n<h4>Richters Ruhestand wird ein Unruhezustand bleiben<\/h4>\n<p>Doch Richters Ruhestand wird ein Unruhezustand bleiben, zu aktiv, zu kreativ, zu sehr Sch\u00f6pfungswille. Ganz kann er sich nicht zur Ruhe setzten. Er will noch ein wenig zeichnen. \u201eDa wird wahrscheinlich noch was kommen, was im Februar gezeigt wird in M\u00fcnchen, eventuell in New York. Skizzen. Farbig-abstrakt. Nicht so doll\u201c, k\u00fcndigt er an. Dieses \u201enicht so doll\u201c ist typisch f\u00fcr Richter, spiegelt es doch die selbstkritische Haltung. In der Vergangenheit hatte er immer wieder fertige Gem\u00e4lde verworfen und zerst\u00f6rt \u2013 so seine Werke aus der DDR-Vergangenheit, so seine fr\u00fchen Werke im Westen. Doch Richter wird bleiben, selbst wenn er nicht mehr malt. Er ist jetzt schon unsterblich.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Interview mit Georg Eisenreich: Die Gr\u00fcnen sind nicht unser nat\u00fcrlicher Partner<\/h1>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">12.03.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>In unserem Kurzinterview der Woche traf \u201cThe European\u201d den bayerischen Justizminister Georg Eisenreich: Der CSU-Politiker h\u00e4lt nichts von einer schwaz-gr\u00fcnen Koalition. \u201cDie Gr\u00fcnen reagieren auf Herausforderungen reflexhaft mit Bevormundung und ideologischen Verboten\u201d, so Eisenreich.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p><em>Wenn Angela Merkel in diesem Jahr die politische B\u00fchne verl\u00e4sst, hat Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der derzeit die besten Aussichten auf die <\/em><br \/>\n<em>Kanzlerschaft. Was sagen Sie zu einem Kanzler Markus S\u00f6der?<\/em><\/p>\n<p>Er ist ein hervorragender Ministerpr\u00e4sident und er w\u00e4re auch ein hervorragender Bundeskanzler.<\/p>\n<p><em>Wie bewerten Sie die Arbeit der Koalition in Bayern?<\/em><\/p>\n<p>Sie leistet unter F\u00fchrung von Markus S\u00f6der sehr gute Arbeit in schwierigen Zeiten. Von allen denkbaren Koalitionsvarianten ist eine b\u00fcrgerliche Koalition mit den Freien W\u00e4hlern f\u00fcr mich die sinnvollste.<\/p>\n<p><em>Glauben Sie, Deutschland ist reif f\u00fcr eine schwarz-gr\u00fcne Koalition?<\/em><\/p>\n<p>Meine bevorzugte Koalition ist sie jedenfalls nicht. \u00d6kologie und Klimaschutz sind zentrale Herausforderungen unserer Zeit. Der Klimawandel ist eine\u00a0 Existenzfrage f\u00fcr die Menschheit. Wir m\u00fcssen da entschlossen gegensteuern. Die Frage ist nur, auf welche Art und Weise. Die Gr\u00fcnen reagieren auf Herausforderungen reflexhaft mit Bevormundung und ideologischen Verboten. Das ist ein Ansatz, der unsere Gesellschaft spaltet. Nach meiner festen \u00dcberzeugung m\u00fcssen wir Br\u00fccken bauen, \u00d6konomie und \u00d6kologie kreativ und innovativ verbinden. Ganz abgesehen davon sind die grunds\u00e4tzlichen Differenzen bei Themen wie Zuwanderung und Sicherheit schwer \u00fcberwindbar. Die Gr\u00fcnen sind nicht unser nat\u00fcrlicher Partner.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch<\/p>\n<p>Die Fragen stellte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Norman Foster \u2013 Wer keine Visionen hat, lebt nicht<\/h1>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">6.03.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Wissenschaft<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>Er gilt als einer der ber\u00fchmtesten Architekten der Welt. Sir Norman Foster liebt das Extravagante und baut seine Visionen hunderte Meter in die H\u00f6he. Doch wer ist dieser Mann, der unsere Welt ver\u00e4ndert? Einblicke in das Leben des Superstars. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>\u201eWer Visionen hat, soll zum Arzt gehen\u201c, empfahl einst der pragmatische Dauerraucher und SPD-Politiker Helmut Schmidt. Der Ex-Kanzler erg\u00e4nzte damals: \u201eWillen braucht man.\u201c Und unb\u00e4ndiger Wille ist es, der Norman Foster vorantreibt, ja, der Mann ist geb\u00fcndelte Energie, quasi Friedrich Nietzsches \u201e\u00dcbermensch\u201c in persona. W\u00e4re der mittlerweile 86-J\u00e4hrige jemals zum Arzt gegangen, w\u00e4ren die Architekturtr\u00e4ume, die aus seinem genialen Geist wie Kathedralen entstehen,\u00a0 nie Realit\u00e4t geworden. Ein faustischer Mensch ist dieser Foster obendrein und selbst der Architektur interessierte Johann Wolfgang Goethe, der den K\u00f6lner Dom, das gigantische Vollendungsprojekt der Br\u00fcder Boisser\u00e9e, \u201eein leider nur beabsichtigtes Weltwunder\u201c nannte, w\u00fcrde Foster einen Genius nennen, weil er nicht kopiert, sondern aus dem Mix von sinnlich Gegebenen, sch\u00f6pferischer Unruhe und vor allem Geist agiert. Foster geht es um die gro\u00dfen Dinge, um die Superlative, um das, was man im 19. Jahrhundert das Erhabene nannte, das nach dem ber\u00fchmten philosophischen Aufkl\u00e4rer Immanuel Kant Respekt und Achtung einfl\u00f6\u00dft und als Objekt erhabene Ideen erzeugt.<\/p>\n<p>Bei Norman Foster, der in der N\u00e4he von Manchester 1935 geboren wurde, ist es wie beim legend\u00e4ren James Bond. Dem Kind einer Arbeiterfamilie, der sich als M\u00f6belverk\u00e4ufer, T\u00fcrsteher, B\u00e4ckereigehilfe und Eiswagenmann sein Brotgeld zum Studium in Manchester verdiente, ist die Welt niemals genug. Treibt es den Agenten 007 von Autorenlegende Ian Fleming immer wieder in die Zukunft, so baut Foster diese. Und der leidenschaftliche Jet-Pilot mit Helikopter-Lizenz, der wie Elon Musk von der Besiedlung des Marses und des Mondes \u00fcberzeugt ist und mit der Europ\u00e4ischen Raumfahrtbeh\u00f6rde schon Geb\u00e4ude f\u00fcr die Weltraumbesiedlung plant, will auch der im Flammenraub zerst\u00f6rten Kathedrale von Notre Dame ein neues Gesicht geben. Es sei eine \u201eunwiderstehliche M\u00f6glichkeit\u201c f\u00fcr Architekten, dem ikonischen Bau ein zeitgem\u00e4\u00dfes Gesicht zu geben<\/p>\n<h3>Die Welt ist nicht genug<\/h3>\n<p>F\u00fcr den leidenschaftlichen Genius, dessen Name f\u00fcr elegante und schnittige Repr\u00e4sentationsbauten steht, scheint es das Unm\u00f6gliche nicht zu geben \u2013 es bleibt eine Kategorie des Undenkbaren. Ihm geht es um das Gro\u00dfe, Wahre und Sch\u00f6ne \u2013 und anders als Platon, der die Kunst als Irritation auf dem Weg zur Gl\u00fcckseligkeit verstand, denkt der preisgekr\u00f6nte Star, der zum dritten Mal den \u201eStirling Prize\u201c und fast alle wichtigen Preise der Welt sein eigen nennen darf und f\u00fcr Deutschlands Parlament mit seiner lichtdurchfluteten Kuppel einen Glas-Dom errichtete, vom Erhabenen her die Welt. Die Materie bietet ihm den Rohstoff, Glas und Stahl, doch viele seiner Bauwerke sind der Endlichkeit erhaben, atmen den Geist, der weit \u00fcber die Moderne hinaus und die k\u00fchnsten Tagtr\u00e4ume hinwegweht. Vom St\u00fcckwerk ist Foster entfernt, ihn dr\u00e4ngt es hin zur Unendlichkeit, zum Olymp, zum G\u00f6tterhimmel. Norman Foster, selbst im hochbetagten Alter ein leidenschaftlicher Instagramer, ist so etwas wie ein Gott, ein Architekturgott, der Alexandre Gustave Eiffel, Frank Lloyd Wright, Walter Gropius, Le Corbusier, Hans Hollein, Frei Otto, G\u00fcnter Behnisch Zaha Hadid, David Chipperfield und Daniel Libeskind in nichts nachsteht. Wie seine Kollegen sch\u00f6pft er die konkrete Architektur, lotet die Grenzen des Machbaren und Technischen aus \u2013 und schafft das, was den K\u00fcnstler seit Jahrtausenden ausmacht, den v\u00f6llig neuen Blick auf die Welt. Ob Manierismus oder Pointillismus in der Bildenden Kunst, ob Gotik, Renaissance, Bauhaus oder Postmoderne in der Architektur \u2013 stets greift der wahre K\u00fcnstler \u00fcber die M\u00f6glichkeiten, die Grenzen des Machbaren hinaus.<\/p>\n<h4>Grenzenloser Aufstieg<\/h4>\n<p>Grenzen kennt der passionierte Flugzeugfan, der in der Royal Air Force diente, keine. Der Mann, der 1965 zuerst mit dem vision\u00e4ren Richard Buckminster Fuller, sp\u00e4ter (1965) mit seiner Frau Wendy und dem Ehepaar Sue und Richard Rogers das Architekturb\u00fcro \u201eTeam 4\u201c gr\u00fcndete, das heute als \u201eFoster + Partners\u201c zu den renommiertesten der Welt gez\u00e4hlt werden darf, ist eine Institution. 700 Mitarbeiter kreisen um den Vision\u00e4r, dem Mann, der die teuersten Geb\u00e4ude der Welt, die h\u00f6chsten Wolkenkratzer und die h\u00f6chsten Br\u00fccken baute, und der selbst in der Coronakrise Design-Vorlagen f\u00fcr Eltern entwirft, damit diese ihre Kinder mit Papier-Wolkenkratzern daheim besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Seit 1965 kennt seine Vita nur einen Weg, den nach oben. Wie ein Hochgebirgs-Alpinist hatte er sich \u00fcber die Jahre an die Spitze geschraubt. Ob die \u201eHongkong and Shanghai Banking Corporation\u201c, ein futuristisches B\u00fcrogeb\u00e4ude aus Stahl und Glas mit abgestuftem Profil (1996), dem \u201eCommerzbank Tower\u201c (1997) in Frankfurt, die Reichstagskuppel (1999) in Berlin, die \u201eMillennium Bridge\u201c (2000) und \u201eThe Gherkin\u201c in London, das sogar von Satelliten aus sichtbare Terminal des Pekinger Flughafen (2008), das Apple-Hauptquartier im Silicon Valley oder den sich noch im Bau befindenden Regierungskomplex der Hauptstadt Amaravati im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh, der zum 90. Geburtstag des Architekten vollendet werden soll \u2013 Foster ist den Weg vom High-Tech-Stil zur \u201egr\u00fcnen\u201c Architektur gegangen. Ohne Technik geht es nicht, ohne High-Tech. Denn, so schreibt Foster: \u201eSeit der Mensch aus der H\u00f6hle kam, besch\u00e4ftigt er sich mit Technologie und geht dabei immer an die Grenzen. Technologie ist Teil der Zivilisation, und anti-technologisch zu sein, w\u00e4re wie eine Kriegserkl\u00e4rung an die Architektur und die Zivilisation selbst. Die Geschichte der Architektur ist die Geschichte der Technik, und die Tradition der Architektur entwickelt sich st\u00e4ndig weiter.\u201c Doch Technik ist f\u00fcr den ambitionierten Erbauer, f\u00fcr den Modernisten im traditionellen Sinne, f\u00fcr ihn, der Struktur benutzt, um Raum zu schaffen, nicht alles. Nie geht der Brite mit einer Bindung an die Technologie \u00fcber das hinaus, was f\u00fcr das Projekt angemessen ist\u201c<\/p>\n<h4>Fosters Ambition f\u00fcr eine gr\u00fcne Welt<\/h4>\n<p>Nicht nur den Weltraum erobern, auch die CO-2-Bilanz verbessern, hat sich Foster auf die Agenda geschrieben. Mit Kollegen fordert er eine \u201e\u00d6kowende\u201c in der Baubranche. Unter dem Titel \u201eArchitects Declare\u201c haben sich international hunderte Architekturb\u00fcros zusammengeschlossen und einen \u201eKlima-\u00a0und Biodiversit\u00e4tsnotstand\u201c ausgerufen. Gefordert wird ein \u201eParadigmenwechsel\u201c, \u201eum die gesellschaftlichen Anforderungen zu erf\u00fcllen, ohne dabei die \u00f6kologischen Grenzen unseres Planeten zu verletzen\u201c. Und dieses Credo passt zur Maxime des Bauherrn aus dem kleinen Ort Reddish, der auf sichtbare Querverstrebungen, offene Innenr\u00e4ume, Transparenz und Licht durchflutendes Glas setzt. Es sind aber eben auch die gesellschaftlichen und sozialen Fragen \u2013 neben den bautechnischen und \u00f6kologischen \u2013, die bei Fosters Konstruktionen ma\u00dfgebend den Ton angeben. Zu seiner Designversion hatte er einmal ge\u00e4u\u00dfert: \u201eIch glaube, dass die beste Architektur aus einer Synthese aller Elemente entsteht, die ein Geb\u00e4ude einzeln ausmachen: die Struktur, die es tr\u00e4gt, die Dienstleistungen, die seine Funktionsf\u00e4higkeit erm\u00f6glichen, die \u00d6kologie des Geb\u00e4udes, (&#8230;) die Qualit\u00e4t des Lichts, die verwendeten Materialien, ihre Masse oder Leichtigkeit, der Charakter der R\u00e4ume, die Symbolik der Form, die Beziehung des Geb\u00e4udes zur Skyline oder zur Stadtlandschaft und die Art und Weise, wie das Geb\u00e4ude seine Pr\u00e4senz in der Stadt oder auf dem Land demonstriert. Ich denke, das gilt unabh\u00e4ngig davon, ob Sie ein bedeutendes Bauwerk schaffen oder sich auf einen historischen Rahmen beziehen. Erfolgreiche Architektur besch\u00e4ftigt sich mit all diesen Dingen und vielen anderen.\u201c<\/p>\n<h4>Die Boeing ist \u201ereine Skulptur\u201c<\/h4>\n<p>Noblesse oblige! 1990 wurde Sir Norman von K\u00f6nigin Elisabeth II. als Ritter in den Adelsstand erhoben. 1999 erhielt Foster zus\u00e4tzlich den Titel \u201eBaron Foster of Thames Bank, of Reddish in the County of Greater Manchester\u201c, die W\u00fcrde eines Life Peer und hatte damit auch einen Sitz im House of Lords, den der Weltreisende sp\u00e4ter aufgab. So adlig Foster daherkommt, St\u00e4dteplaner sahen in seinen Sch\u00f6pfungen vor allem eins, gigantische Projekte, die Unsummen kosteten und wie die Elbphilharmonie oder der Berliner Flughafen Milliarden verschlangen. In einer Liste der am meisten \u00fcbersch\u00e4tzten, eben auch zu teuren K\u00fcnstler liegt der Brite immerhin auf Platz 5 hinter so gro\u00dfen Namen wie Zaha Hadid oder Daniel Libeskind. Doch Foster hat die Kritik nie wirklich geschadet, sondern eben geadelt. Auch den Streit mit dem ewigen Thronfolger der britischen K\u00f6nigin, Prinz Charles, hat er endg\u00fcltig entschieden. In London baut man modern und eben nicht britisch-royal klassisch \u2013 so zumindest der ehemalige Soldat der \u201eRoyal Air Force\u201c Foster, der die Boeing 747 als das beste Bauwerk der Welt bezeichnet. In der BBC-Serie \u201eBuilding Sights\u201c schrieb er: \u201eEs ist die Gr\u00f6\u00dfe, der Ma\u00dfstab. Es ist heroisch. Reine Skulptur (&#8230;). Sie muss nicht wirklich fliegen. Sie k\u00f6nnte auf dem Boden bleiben \u2013 sie k\u00f6nnte in einem Museum stehen.\u201c<\/p>\n<h4>Sein Steckenpferd \u2013 die deutsche Architektur<\/h4>\n<p>Sir Norman Foster hat eine Leidenschaft f\u00fcr Deutschland. Ob die Reichstags- oder die Glaskuppel im Dresdner Hauptbahnhof, die Philologische Bibliothek der Freien Universit\u00e4t Berlin, der Commerzbank-Tower in Frankfurt, die Hauptverwaltung des Gerling-Konzerns in K\u00f6ln, die Essener Zeche oder die Gestaltung des Innenhafens von Duisburg \u2013 das Land, aus dem das Bauhaus stammt, ist seine Inspirationsquelle.\u00a0 Ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Sir, wie so vieles an ihm ungew\u00f6hnlich und beeindruckend bleibt. Und zum Bau der Reichstagskuppel f\u00fcgte er 1996 im \u201eIndependent\u201c an: \u201eWirklich erstaunlich, dass der Bundestag einen Engl\u00e4nder mit der Gestaltung eines politisch so sensiblen Symbols beauftragt hat.\u201c Doch zwei Architekten gerade aus Deutschland, dem ewigen Erzfeind, sind quasi seine Geistesverwandten, Quellen der Inspiration. Da ist der wenig bekannte Ludwig Leo (1924-2012) und der wichtigste deutsche Kommunikationsdesigner Otto Aicher (1922-1991). Beide sind Legenden der Designgeschichte und haben die geistig-soziale Nachkriegsentwicklung der Bundesrepublik gepr\u00e4gt. Leo galt als der gro\u00dfe \u201eRadikalfunktionalist\u201c und seinen Funktionalismus zeichnete er bis in kleinste Detail seiner Bauten. Und die Vision des aus Rostock geb\u00fcrtigen Architekten war sozial fundiert, zielte auf ein gemeinschaftliches Handeln und Arbeiten ab.<\/p>\n<p>Aicher hingegen galt als der legend\u00e4re Wegbereiter des Corporate Designs. Ob bei der Lufthansa oder den Olympischen Spielen in M\u00fcnchen, der geb\u00fcrtige Ulmer Architekt definierte konsequent Gestaltungsrichtlinien, die von der Uniform bis zur Eintrittskarte reichten. Seine radikal reduzierten Piktogramme glichen einer neuen Zeichensprache, die einfach und unkompliziert sich verstehen lie\u00dfen. Aber nicht nur der Begriff der Kommunikation geht auf den Grafikdesigner und Gestaltungsbeauftragten der Olympischen Spiele von M\u00fcnchen zur\u00fcck, sondern Aichler pr\u00e4gte auch die Erscheinungsbilder des ZDF, des Flughafen Frankfurt, der Dresdner Bank, der Sparkasse, Raiffeisenbank und der Bundeswehr. Norman Foster folgt beiden sowie dem Bau-Utopiker Richard Buckminster Fuller mit der Realisierung seiner gigantischen Projekte darin, weil er Identit\u00e4t und Exklusivit\u00e4t seiner Marken, ganz im Sinne der Erkennbarkeit zeichnet. Er vereinigt zudem eine technisch optimierte Lebensumwelt mit k\u00fcnstlichen Paradiesen unter riesigen Kuppeln zu neuen Arbeitswelten. Und so ist die hochtechnologisch aufger\u00fcstete Maschinenmoderne ein Aspekt im Lebenswerk des Bauk\u00fcnstlers, die andere seine Vision von der Ver\u00e4nderung der Gesellschaft durch Architektur. Revolution\u00e4r war bereits der 1969 entstandene Verwaltungs- und Freizeitbau f\u00fcr die Fred Olsen Lines in London. Sozialer ging es kaum. Chefs und Manager waren nicht hierarchisch in ihren Arbeitspl\u00e4tzen voneinander getrennt, sondern alles war offen; transparent wehte der Geist von Liberalismus, Freiheit und flacher Hierarchie durch die Hallen. In einem anderen Projekt, dem Sitz von \u201eWillis Faber and Dumas Headquarters\u201c in Ipswich, erschufen Foster und seine erste Frau Wendy Cheesman den idealen Arbeitsraum \u2013\u00a0 ein Paradies mit Dachg\u00e4rten samt 25 Meter langem Swimmingpool und Sporthallen f\u00fcr Angestellte. Was beide damals entwarfen, war vor f\u00fcnfzig Jahren revolution\u00e4r, eine Oase der Arbeit, ein Working-Freizeit- und Kreativ-Projekt samt gr\u00fcner \u00d6kologie in Perfektionismus. Aber auch sein \u201eHSBC Building\u201c in Hongkong, das f\u00fcr die Occupy-Bewegung zum Inbegriff eines au\u00dfer Kontrolle geratenen Kapitalismus wurde, ist letztendlich ein Traumpalast aus Luftigkeit, Transparenz und sozialer Vision: alle Mitarbeiter haben einen au\u00dfergew\u00f6hnlich sch\u00f6nen Blick auf den Victoria Peak oder auf den Hafen. Foster erschuf Architekturen zum Leben und verhalf der Arbeitswelt dadurch zu neuer Qualit\u00e4t, weil er dem Menschen eine w\u00fcrdige Atmosph\u00e4re schenkte, die ihn befl\u00fcgelte. Technische Optimierung einerseits und die Vision von einer neuen, gerechteren Gesellschaft andererseits, f\u00fcr die seine daraufhin ma\u00dfgeschneiderte Architektur sozial-strukturgebend steht, schlie\u00dfen sich bei Mister Superlativ nicht aus, sondern bilden ein Kontinuum, das seinesgleichen sucht.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Der Architektur-Vision\u00e4r Norman Foster ist der bessere Karl Marx<\/h1>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">1.03.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Wissenschaft<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>Was haben eigentlich Karl Marx und der Architekt der Superlative, Sir Norman Foster, miteinander zu tun? Wir haben uns auf die Spurensuche des britischen Vision\u00e4rs begeben, der die Welt aus dem Geist der Zukunft bereits jetzt gravierend ver\u00e4ndert. Foster siegt \u00fcber Marx \u2013 dies behauptet zumindest Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>In der elften Feuerbachthese hatte der Trierer Philosoph und \u00d6konom Karl Marx sein politisch-wirtschaftliches Programm formuliert. Der Sozialist, der als das graue Gespenst des Sozialismus schattenhaft durch die Welt von heute jagt, hatte einst die Weltrevolution gefordert, als er den Philosophen zwar attestierte, die Welt zu interpretieren, doch zugleich die Maxime aufstellte, diese zu ver\u00e4ndern. Eine qualitativ-materielle Ver\u00e4nderung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse wurde damit zur Triebfeder und als Erfolgsrezept der Moderne verordnet. Doch was Marx noch als Sieg des Materialismus sehen wollte und darauf seine Utopie ausrichtete, ist f\u00fcr einen der einflussreichsten Architekten der post-postmodernen Gegenwart, den Gestaltgeber und Vision\u00e4r Norman Foster, pure geronnene Realit\u00e4t\u00a0 geworden. Die Welt zu ver\u00e4ndern, war und ist f\u00fcr Briten nicht genug \u2013 er will und wollte sie gleich neu bauen. Und er erschuf innerhalb eines werkt\u00e4tigen und kreativen Lebens, das nach wie vor von Leidenschaft, Innovationsgeist und unerm\u00fcdlicher Energie gerade explodiert und am 1. Juni 2021 ins 86. Lebensjahr geht, Superlative, besser gesagt: einen Superlativ nach dem andern \u2013 getreu dem Credo: die Welt ist nicht genug.<\/p>\n<p>Der aus armen Verh\u00e4ltnissen 1935 nahe Manchester geborene Self-Made-Million\u00e4r und sp\u00e4tere Jahrhundertk\u00fcnstler hatte den platten Materialismus von Marx ins Vision\u00e4re gekippt, baut fast unbeschr\u00e4nkt seine Architekturen in den Himmel, als ob es die Schwerkraft nicht g\u00e4be. Foster hat der Materie, den Formen, mit denen er arbeitet, Stahl, Metall und Glas, ihre Leichtigkeit zur\u00fcckgeschenkt, sie \u2013 wie einst im Zeitalter der gotischen Kathedralen \u2013 ihrer Unb\u00e4ndigkeit beraubt und in schwebende Zust\u00e4nde versetzt. Die Materialien sind schwer, doch die Kunstwerke, die der Brite sein ganzes Leben hinweg mit Zauberhand erschuf, wirken wie entmaterialisiert, wie ein durchbrochenes Lichtermeer, wie Symbole der strahlenden Sonne, entspringen einer fast metaphysischen Kraft des Lichtes, die zwar dem Irdischen entlehnt, aber auf das Unendliche, auf die \u00c4sthetik und die Idee der Kunst hinweisen.<\/p>\n<p>Norman Foster, der Architekturen von Weltruf schuf, sei es die Reichtagskuppel, die Millenium-Bridge\u201c den \u201eThe Gerkin\u201c in London, das \u201eHSBC-Hochhaus\u201c in Hongkong, den Apple Park in Cupertino<em>,<\/em> die \u201eCopenhagen Towers\u201c u.a. hat die Welt ver\u00e4ndert. Zumindest deren Gesicht. Seit 1967 entwirft seine gigantische Denkfabrik die Ideen der Zukunft, schwebt global und transversal durch die Welt. Fast 800 Mitarbeiter sind infiziert vom Magnaten der Visionen und sind selbst wie der Chef Gestalt- und Struktur gebende Magneten, die die Stadt von morgen designen<em>.<\/em> Foster und sein B\u00fcro \u2013 vom Fundament bis hin zu popigen Designm\u00f6beln, von den Inneneinrichtungen bis hin zu den \u00f6kologisch-recycelbaren Baustoffen \u2013 alles kommt von der Geistesschmiede aus einem Guss. In der ganzen Welt von heute steckt irgendwo ein Foster von morgen oder zumindest eine seiner Ideen. Und sein Geheimrezept bleibt dabei die innovative, oft futuristische Verschmelzung von Hightech-Elementen mit hohen \u00f6kologischen Anspr\u00fcchen. Das er sich dabei auch der Tradition des deutschen Bauhauses, der Funktionalit\u00e4t, Strenge, Eleganz und Praxis verbunden f\u00fchlt, ist un\u00fcbersehbar. Und das er wie einst die Bauh\u00e4usler in Weimar und Dessau mit ihren Architekturen gro\u00dfartige Monumente schafft, die ihrer Zeit voraus und nur den aller hippesten Zeitgeist spiegeln, ist bei Norman Foster quasi genetisch verankert, in seine DNA eingeschrieben.<\/p>\n<p>Ob Wolkenkratzer oder Global City, die teuersten H\u00e4user und die h\u00f6chsten Br\u00fccken, gehen auf sein Konto \u2013 und global denkt und baut Forster von der W\u00fcste bis in die Megacities hinein. Es gibt keinen Ort der Welt, wo Foster, auch mit Megasummen und teuren Investments, die jenseits aller Kalkulationen die noblen Bauherren oder Stadtk\u00e4mmerer immer wieder das blanke Entsetzen in die Augen treten lassen, seinen Visionen Wirklichkeit verleiht. Der Brite verleiht der Zukunft ein Gesicht, ist Trendgeber \u2013 und er zeigt, wohin die Reise architektonisch, \u00f6kologisch und lebenstechnisch geht. Das Gesicht der Stadt von morgen und nicht nur Schattenrisse, sondern deutliche Gravuren lassen sich in Fosters Architekturen von heute bereits erahnen. Hier b\u00fcndelt sich alles, f\u00fcr was die n\u00e4chste Generation steht: eine tiefe Nachhaltigkeit in einer globalisierten Moderne, ein v\u00f6llig neues Stadtbild, das mit h\u00e4ngenden G\u00e4rten, viel Gr\u00fcnfl\u00e4chen, einer elektrisch- oder Wasserstoff betriebenen Infrastruktur f\u00fcr eine Welt von Morgen steht, die wir derzeit nur aus den spektakul\u00e4rsten Schiene Fiction Romanen oder Filmen kennen. \u201eInfrastruktur ist alles\u201c, hatte der leidenschaftliche Hypermodernisierer immer betont. Doch Foster schafft buchst\u00e4blich den \u00dcberbau \u2013 und den in anspruchsvoller Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p>Hatte Karl Marx einst die widrigen Arbeitsbedingungen, Kinderausbeutung und menschenunw\u00fcrdige Arbeitszeiten beklagt, so sind Fosters moderne Arbeitsschmieden jenseits von Dunkelheit Kathedralen der Arbeit. Und ob in seinen Museumsbauten, Bibliotheken, Flugh\u00e4fen, B\u00fcros oder Wohnt\u00fcrmen \u2013 er schafft w\u00fcrdevolle Arbeits- und Lebensbedingungen, eine Architektur, die dem Menschen die k\u00f6rperliche wie geistige Produktivit\u00e4t erleichtert, weil sie auch die Work-Life-Balance dazu liefert. Eine sch\u00f6nere Welt, aber so gar nicht im Sinne von Aldous Huxleys \u201eBrave New World\u201c schwebt ihm vor, jenseits von Uniformisierung, \u00dcberwachung und Unterdr\u00fcckung. Der passionierte Instagramer, der gern seine Leidenschaften postet \u2013 vom coolsten Lamborghini, der \u201eBoing 737\u201c als der sch\u00f6nsten Skulptur der Welt bis hin zum legend\u00e4ren Porsche-Oldtimer und der zudem als leidenschaftlicher Aeronaut Foster 600.000 Follower aus seiner Ideenschmiede mit Ideen versorgt, glaubt an eine neue Form der Arbeit, die nicht nur Last, sondern Freude ist, weil sie technisch unterf\u00fcttert, dem Menschen die M\u00f6glichkeit gibt, nicht nur in einem \u00e4sthetisch sch\u00f6nen Ambiente, sondern auch durch k\u00fcnstliche Techniken unterst\u00fctzt, zu arbeiten.<\/p>\n<p>Wie Karl Marx kannte Foster den Manchesterkapitalismus, war er doch direkt, wenngleich 200 Jahre sp\u00e4ter, nahe dem \u2013 f\u00fcr seine ber\u00fcchtigt-prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnisse bekannt-gef\u00fcrchteten \u2013 Industriestandort geboren. Doch w\u00e4hrend der Trierer Vision\u00e4r des Kommunismus sein wollte, dem Neuen Menschen Utopien indoktrinierte, die ihm wesensfremd, seiner Freiheit zuwider und nur durch ein repressive System von Zw\u00e4ngen sich durchsetzen lie\u00dfen, will Foster durch Freiheit Gl\u00fcck erreichen, Gl\u00fcckseligkeit durch Architektur die Sch\u00f6nheit. Der Kommunismus ist klanglos gescheitert \u2013 doch die Zeit f\u00fcr Fosters Visionen immer greifbarer. Zwar baut der Architekt der Superlative f\u00fcr die Reichen, doch er will die gro\u00dfe soziale Ungleichheit letztendlich auch besiegen. Es will eine gerechtete und eine nachhaltigere Welt und seine Architekturen stehen bereits daf\u00fcr, ja, dieses ist vielleicht das Geheimnis seines k\u00fcnstlerischen Schaffens. So idealtypisch bereits 2015 beim Entwurf der Copenhagen Towers umgesetzt, einem Ensemble von einem 22-st\u00f6ckigen B\u00fcroturm und einem niedrigeren Geb\u00e4ude, die miteinander durch ein Atrium verbunden sind, das mit einem dichten \u201eWald\u201c aus Olivenb\u00e4umen das gr\u00fcne Herz des Bauwerks ist. GeschwungeneHolzprofile in der Stahlkonstruktion des Glasdaches sowie kurvige Holzb\u00e4nke betonen das nat\u00fcrliche Ambiente. \u00d6kologie, lokale und recycelte Materialien, die Verwendung von lokalem Bauschutt sowie Deckenverkleidungen aus PET-Kunststoff und Filz \u2013 das alles zeigt, Foster geht neue Wege f\u00fcr eine gr\u00fcne Zukunft, die ihren letzten Clou in einer Kombination von Photovoltaik sowie einem innovativen Heiz- und K\u00fchlsystem auf Grundwasserbasis findet. Energieeffizienz \u2013 auch dies ein Nomen est Omen des Briten.<\/p>\n<p>Foster hatte mit dem Apple-Hauptsitz im Silicon Valley (2003-2018) in vielerlei Hinsicht ein einzigartiges architektonische Highlight der Superlative geschaffen und definiert. Wie der verstorbene Vision\u00e4r und Apple-Chef Steve Jobs hat der 1990 zu Sir Norman geadelte Architekt, die Ideen mit der ringf\u00f6rmigen Firmenzentrale, dem neuen Apple Park in Cupertino einen Ort zu schaffen, der alle Mitarbeiter versammelt und zugleich eine nahtlose Verbindung zwischen dem Hightech-Arbeitsplatz und der Natur schafft. Mit knapp einem halben Kilometer Durchmesser ist der Sitz des Computerriesen selbst gr\u00f6\u00dfer als das Pentagon. Umrankt von einer Gr\u00fcnfl\u00e4che mit rund 9.000 neu gepflanzten B\u00e4umen arbeiten mehr als 12.000 Menschen unter einem riesigen Karbondach und hinter 13,7 Meter hohen Glasfenstern. Und wie bei fr\u00fcheren Bauten wird der Apple Campus mit erneuerbaren Energien betrieben.<\/p>\n<p>Der englische Lord, der alle nur erdenkbaren Preise, den \u201ePritzker-Preis\u201c, den \u201eOrder of Merit\u201c, das \u201eGro\u00dfe Bundesverdienstkreuz mit Stern\u201c wie Troph\u00e4en sammelt und zu den Bestverdienern dieser Welt geh\u00f6rt, der mit seinen Wolkenkratzern, Bahnh\u00f6fen, Flugh\u00e4fen, B\u00fcrogeb\u00e4uden Superlative der modernen Kunst schafft und somit futuristisch-expressive Architekturen, zudem die W\u00fcrde eines Life Peer besitzt und dem \u00a0House of Lords angeh\u00f6rt, ist zwar ein Kapitalist in Reinkultur, aber eben einer, dem das Soziale nicht gleichg\u00fcltig gegen\u00fcbersteht. Ist Norman Foster damit die Antipode zu Karl Marx, ein Neo-Kapitalist? Keineswegs. Der Architekt von morgen schafft eine neue Arbeits- und Lebenskultur, die in ihrer K\u00fchnheit und in einem Anspruch weit \u00fcber Marx Utopismus hinausgehen und dabei zugleich zeigt, der Kapitalismus muss nicht als Raubtier auftreten, sondern in seiner sozialen Dimension vermag er dem Menschen eine w\u00fcrdige Perspektive verschaffen. Norman Foster ist \u2013 architektonisch gesehen \u2013 also der bessere Klassenk\u00e4mpfer als Marx.<\/p>\n<div id=\"ads_cad_2\">\n<div id=\"Ads_BA_CAD2\" data-google-query-id=\"CLf_vd2Gwe8CFWrIuwgd7jcLwA\" data-adsba_lid=\"4662227403\" data-adsba_cid=\"138317462490\" data-adsba_sz=\"300,300\">\n<div id=\"google_ads_iframe_\/4574\/theeuropean.de\/rotation_2__container__\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Biden hat Benzin im Blut und liebt die Corvette<\/h1>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">12.02.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>W\u00e4hrend Donald Trump sein herrschaftliches Anwesen Mar-a-Lago-Residenz im Bundesstaat Florida wieder bezogen hat und die Anwohner mehr denn je \u00fcber die Pr\u00e4senz des Ex-Pr\u00e4sidenten genervt sind, r\u00fcckt nicht nur der Politiker, sondern der Privatmann Joe Biden immer mehr ins Zentrum des medialen Interesses. Und das ist kein Wunder, er ist ein bekennender Autofanatiker. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Joe Biden, der Amerika wieder vereinigen will und damit den Anti-Trump macht, setzte schon w\u00e4hrend seiner Angelobung Zeichen, die um die Welt gingen. Bei seinem Amtseid hatte er seine Hand auf ein besonders auff\u00e4lliges Exemplar der Heiligen Schrift gelegt. Die in Leder gebundene Bibel ist fast 13 Zentimeter dick, mehrere Kilo schwer und befindet sich seit 127 Jahren im Besitz der Familie. Der katholische Politiker hatte diese in der Vergangenheit bereits bei \u00e4hnlichen Anl\u00e4ssen verwendet, etwa bei seiner Vereidigung zum Vize-Pr\u00e4sident der USA unter Barack Obama. Das Prachtst\u00fcck ist zudem mit einem Keltenkreuz versehen, was auf die irischen Wurzeln der Familie hinweist. Zwar fiel die Zeremonie am 20. Januar 2020 bescheidener und ein wenig n\u00fcchterner als bei Barack Obama aus. Es war nicht so katholisch, anschaulich, lebensbejahend, bunt, sondern eher protestantisch. Doch \u00fcber allem wehte der Geist eines Intellektuellen, der Biden eben auch ist.<\/p>\n<p>Bibel als Bekenntnis einerseits, elegant, stilvoll, ganz Ralph Lauren, andererseits. Wie seine Ehegattin <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/was-die-mode-ueber-melania-trump-und-jill-biden-verraet\/\">Jill<\/a> setzt er auf amerikanische Marken. Doch eine Leidenschaft des neuen Mannes im Wei\u00dfen Haus ist so ganz unamerikanisch. Biden hat zwei<a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/the-european-redaktion\/joe-biden-liebt-deutsche-schaeferhunde\/\"> Sch\u00e4ferhunde<\/a>, Major und Cham. W\u00e4hrend in Deutschland diese Hunderasse, die einst von Diktator Adolf Hitler immer wieder in das mediale Rampenlicht ger\u00fcckt wird, in deutschland vollkomen aus der Mode ist und der Dackel eine Renaissance feiert, sind im Wei\u00dfen Haus die deutschen Wachhunde nunmehr pr\u00e4sent \u2013 ohne Ideologie, ohne Macht- und kruder Machanspr\u00fcche. Sie sind weder Zeichen der \u00dcberlegenheit eines Hundes, sondern beherztes Zeichen von Tierliebe und dar\u00fcber hinaus noch aus dem Tierheim adoptiert.<\/p>\n<h4><strong>Ein Mercedes, sonst nur Amis<\/strong><\/h4>\n<p>Doch Biden hat mehr als M\u00e4ntel von <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/mode-zum-amtsantritt-wieso-joe-biden-ralph-lauren-trug\/\">Ralph Lauren<\/a> zu bieten. Der 46. Pr\u00e4sident der USA ist ein Autonarr. Der Mann, dem man sein Alter manchmal ansieht, das er sonst fast jugendlich weg tanzt, wenn er auf der politischen B\u00fchne wie der jugendliche Obama schwebt, bekennt sich aber selbst dazu, Benzin im Blut zu haben. Mit einem Chevrolet Corvette Convertible Stingray hatte 1967 alles begonnen. \u201eIch liebe Geschwindigkeit\u201c, so der Mann aus Scranton, Pennsylvania. Die Corvette wurde ihm 1967 von seinem Vater, einem Autoverk\u00e4ufer, geschenkt. Sein Vater hielt sich als Occasionsh\u00e4ndler eher schlecht als recht die Familie \u00fcber Wasser, bevor es mit neuen Chevrolets besser lief. Wie sehr vernarrt die derzeitige Nummer eins Amerikas in Autos, wie sehr Biden ein eingeschworener Autofan ist, zeigte sich schon als Vizepr\u00e4sident. Das einzige, so sein glaubhaftes Bekenntnis damals, was ihm dieses Amt ein wenig verleidet, ist, dass er chauffiert wird anstatt selbst zu fahren. Und das sei es, \u201ewas ich an meinem Job hasse\u201c. Doch der Wagen, dem er seit fast 54 Jahren die Treue h\u00e4lt, ist die Chevrolet Corvette Convertible Stingra der C2-Serie mit V8 und 350 PS. Seit dem Hochzeitsgeschenk an den frisch diplomierten Historiker geh\u00f6rt die Rennkanone, der Supersportwagen, zu Biden. Ob an der Uni, wo er promovierte, die Corvette hat sein Schicksal begleitet. Auch in dunklen Stunden. Nebenbei hatte der Rechtsanwalt einen Ford-Kombi. In diesem waren nach Bidens Wahl zum Senator des Bundesstaats Delaware seine erste Ehefrau Neilia (1942-1972) und die einj\u00e4hrige Tochter Amy t\u00f6dlich verungl\u00fcckt. Seine beiden S\u00f6hne, der sp\u00e4ter an Krebs verstorbene Beau und Hunter wurden dabei schwer verletzt. Dennoch legte der neue Senator damals seinen Amtseid an ihrem Krankenbett ab.<\/p>\n<h4>Bidens Autos<\/h4>\n<p>Sein erstes Auto \u00fcberhaupt war ein1951-er Studebaker Champion. Darauf folgten ein gebrauchtes Cabrio, ein Plymouth Cranbrook Convertible, ein 1956-er Chevrolet Bel Air, mit dem seine Liebe zu General-Motors-Marke Chevrolet begann. Einmal ging Biden fremd, diesmal wieder nach Deutschland mit dem legend\u00e4rer Mercedes 190 SL. Die Modellserie f\u00e4hrt seit Jahren bei Auktionen weltweit riesige Rekordsummen ein und ist eines der beliebtesten Sammler- und Anlageobjekte \u00fcberhaupt. Auch der Mercedes ging in Bidens Besitz als Gebrauchswagen \u00fcber. Und in seiner Privatgarage soll heute ein Jeep wie bei George W. Bush stehen.<\/p>\n<h4>Traumautos will er Amerika schenken<\/h4>\n<p>\u201eAmerica first\u201c hie\u00df das Losungswort von Donald Trumps Amtszeit. Doch er und seine smarte Lady sind eher das Gegenteil von amerikanischen Marken gewesen. Melania war verliebt in europ\u00e4ischen Luxus \u2013 Stil-Ikone bis W\u00e4schest\u00e4nder titelten damals die Modezeitungen.<\/p>\n<p>Anders als seine Vorg\u00e4nger ist Jo Biden auch hier wieder ganz anders als sein Vorg\u00e4nger, setzt neue Akzente und das hei\u00dft f\u00fcr den \u00fcberzeugten Amerikaner eben auch amerikanische Produkte \u2013 wie Ralph Lauren oder eben die Corvette. \u201eIch glaube\u201c, sagte er 2020, \u201edass der Markt des 21. Jahrhunderts wieder uns geh\u00f6ren kann, indem wir zu Elektroautos wechseln. Nebenbei: Es heisst \u2013 und ich freue mich darauf, sie zu fahren, falls es wahr ist \u2013, dass sie eine elektrische Corvette machen, die 320 km\/h l\u00e4uft.\u201c<\/p>\n<h4>R\u00fcckkehr zum Pariser Klima-Abkommen<\/h4>\n<p>Trump hatte wenig f\u00fcr Naturschutz, Umwelt und Klimaabkommen \u00fcbrig. Joe Biden f\u00e4hrt auch hier wiederum auf der \u00dcberholspur. Er hatte das von Trump ausgesetzte Pariser Abkommen in Windeseile wieder gekippt. Donald Trump hatte 2017 den Austritt aus dem Abkommen verk\u00fcndet. Es lege dem Land \u201edrakonische finanzielle und wirtschaftliche Lasten\u201c auf, lautete seine Begr\u00fcndung. Im Pariser Klimaabkommen von 2015 hatten beinahe 200 Unterzeichnerstaaten vereinbart, die Erderw\u00e4rmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Und Biden betonte bereits in seiner Amtsantrittsrede die Bedeutung des Klimaschutzes. Vom Planeten selbst komme ein Ruf nach \u00dcberleben.<\/p>\n<h4>Corvette ist besser als ein Porsche 911<\/h4>\n<p>Und er hat hehre Ziele: Als neuer US-Pr\u00e4sident will er in die Zukunft des Elektroautos investieren, die total angeschlagene amerikanische Automobilindustrie zu neuem Glanz und neuer Renaissance f\u00fchren. Er will Milliarden in die Energiewende stecken und eine Million Autojobs schaffen. Und sein Traum bleiben 600.000 Lades\u00e4ulen bis 2030. Schon jetzt vertraut die amerikanische Autoindustrie Biden mehr als Trump. Denn Biden, der Autofan, ist \u00fcberzeugend. Er besticht seine Fans, wenn er in seiner Corvette sitzend strahlt und bekennt, \u201eIch liebe dieses Auto\u201c. Auch dann glaubt man seinem amerikanischen Traum, wenn er in einer Rede vor Yale-Studenten erkl\u00e4rt, die Corvette sei besser als ein Porsche 911.<\/p>\n<h4>Im Alter auf die Rennstrecke? \u2013 Doch wohl nur privat<\/h4>\n<p>Doch mit dem Traum vom selber fahren ist es vorbei. Die Sicherheitsvorschriften erlauben es nicht. Von 2009-2017 als Vizepr\u00e4sident unter Obama durfte der Demokrat nur noch gepanzerte \u201eChevys\u201c und Cadillacs des Secret Services nutzen. Und die strengen Auflagen bleiben. Nie wieder darf der Politiker auf \u00f6ffentlichen Stra\u00dfen fahren. Staat unbegrenzter Freiheit muss er den vollgepanzerten, tonnenschweren Cadillac One, \u201eThe Beast\u201c, nutzen. Der Preis seiner politischen Karriere, das Schicksal, das auch ihn mit dem Auto verbindet, ist f\u00fcr einen Benzin- Junkie und Adrenalin-Begeisterten hoch. Sein Vorg\u00e4nger George W. Bush jedenfalls hatte einen Ausweg aus der aussichtslosen Situation gefunden. Auf seiner 6,4-Quadratkilometer-Ranch in Texas gibt er Gas und seinem Ford F-Series-Pickup die Sporen. Biden sollte sich zumindest schon einmal ein gr\u00f6\u00dferes Grundst\u00fcck in Delaware ankaufen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Der Mode-Stil der Pr\u00e4sidenten-Gattinnen und was er verr\u00e4t<\/h1>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">1.02.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>Von Jackie Kennedy bis Michelle Obama war der pers\u00f6nliche Stil der Ehefrauen von US-Pr\u00e4sidenten immer ein Streitpunkt in der \u00d6ffentlichkeit. Melania Trump, ein wahrer W\u00e4schest\u00e4nder, machte keinen Hehl aus ihrem teuren Geschmack, von einem 51.000 US-Dollar teuren Dolce &amp; Gabbana-Mantel bis zu einem chinesisch inspirierten bestickten Gucci-Dress. Melanias Sinn f\u00fcr Mode war beispiellos f\u00fcr eine First Lady der USA in der heutigen Zeit. Mit Jill Biden hat sich das wieder ge\u00e4ndert.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<h4>Die Luxus-Stil-Ikone Melania<\/h4>\n<p>Nun ist die ehemalige First-Lady Melania Trump Geschichte. Das Exklusiv-Gesch\u00f6pf, das hunderdtausende Dollar in sich als Marketing- und Sch\u00f6nheitsikone investiert haben muss, ist im Rentnerparadies Floria angekommen. Und irgendwie passt sie in die dortige Schickeria, einer Mischung aus kubanischer Lebensfreude, karibischer Exotik, unendlichem Sonnenschein und Koketterie. Die ganze K\u00fcste ist nichts anders als ein <span class=\"aCOpRe\">Eldorado<\/span> der Superreichen, eine Spielwiese f\u00fcr Jachtbesitzer, Immobilienhaie und aufgeh\u00fcbscht-exaltierte Luxusladys mit den teuersten Implantaten. Und vielleicht ist ihr glamour\u00f6ser Stil, ihr unvergleichlicher Sinn f\u00fcr das Exklusive, das einzig Positive, was aus der Trump-\u00c4ra bleibt. Melania war eigentlich nur in einen verliebt, in ihren Stylisten Herv\u00e9 Pierre.<\/p>\n<p>Kleider m\u00f6gen Geschmackssache sein, doch f\u00fcr eine First Lady gilt dieses Gebot nat\u00fcrlich nicht. Sie sind, von Jackie Kennedy in den 1960er Jahren bis hin zu modernen First Ladies wie Michelle Obama, Melania Trump oder Jill Biden, Ausdruck \u00e4sthetischen sowohl politischen Bewusststeins. W\u00e4hrend die First Lady ma\u00dfgeblich bei ihrer Kleidungswahl wie ein goldenes Kalb buchst\u00e4blich beurteilt wird und dann entweder von den Modeexperten idealisiert oder als Freiwild buchst\u00e4blich zerrissen wird \u2013 f\u00fcr Modeexperten ist jedes Detail ihres Aussehens geradezu ein Bekenntnis.<\/p>\n<p>Es bleibt unn\u00f6tig zu erw\u00e4hnen, dass f\u00fcr Frauen im \u00f6ffentlichen Leben nicht dieselben Standards gelten wie f\u00fcr Frauen im Amt wie Hillary Clinton oder Nancy Pelosi. Michelle Obama legte immer darauf Wert, ihre Kleidung in das Gespr\u00e4ch einflie\u00dfen zu lassen. Manchmal laut, manchmal weniger laut. Um ehrlich zu sein, waren einige der Entscheidungen der fr\u00fcheren First Lady nicht immer goldrichtig, aber ob sie nun eine erschwingliche J. Crew-Strickjacke trug oder ein Versace-Kleid bei einem Staatsbankett f\u00fcr Italien, sie wusste, wie man das Spiel der Modediplomatie geschickt spielte.<\/p>\n<p>Melania Trump hingegen hat sich nie davor gef\u00fcrchtet, mit ihren teuren Kutten und Kollektionen von ultra luxuri\u00f6sen Herm\u00e8s-Taschen die W\u00e4hler zu verprellen. Sie war ein wahrer W\u00e4schest\u00e4nder, und ihr teurer Geschmack Inbegriff dessen, was eine privilegierte Frau tr\u00e4gt, die zwischen Manhattan und Palm Beach jagt, um fabelhaft auszusehen.<\/p>\n<p>Sie ist ein Fan von Mode mit einem gro\u00dfen Fabel: Dior, Chanel, Gucci, Valentino \u2013 die Liste ist endlos lang und umfasst nicht so viele amerikanische Designer. Obwohl von amerikanischen First Ladies eine starke Loyalit\u00e4t zu US-Marken erwartet wird, schien \u201eMake America Great Again\u201d eindeutig nicht auf die italienisch und franz\u00f6sisch angehauchte Garderobe von Melania Trump zuzutreffen.<\/p>\n<p>F\u00fcr sie ist gutes Aussehen das Wichtigste, und dass hat sie in den vier Jahren ihres \u00f6ffentlichen Engagements geschafft. Einem tadellosen Outfit folgte ein noch extravaganteres. Das ist immerhin eine kleine Leistung und eine gro\u00dfe f\u00fcr die europ\u00e4ische Modewelt. Trumps Frau gl\u00e4nzte auf jedem Parkett mit der perfekten Robe \u2013 doch genutzt hat es ihr und ihrem Mann nicht. Sie sind und bleiben Egomanen und die Kleidung eben Ausdruck ihrer blasierten Eitelkeit. Insofern ist Gottfried Keller zu belehren, dem wir die sch\u00f6ne Novelle \u201eKleider machen Leute\u201c verdanken: Manchmal tragen Leute eben nur Kleider.<\/p>\n<h4>Jill Biden bekennt sich zu Amerika und setzt damit auch politisch Zeichen<\/h4>\n<p>Wie ihr Mann, der sich bei seiner Amtseinf\u00fchrung f\u00fcr Modezar Ralph Lauren entschied, bekannte sich auch die neue First Lady f\u00fcr ein US-amerikanisches Label. Der t\u00fcrkisblaue Tweedmantel mit passendem Kleid und langen Lederhandschuhen entstammt den H\u00e4nden von Alexandra O\u2019Neill. In der US-Mode-Szene ist die Chefdesignerin des Labels Markarian keine Unbekannte, entwarf sie doch in der Vergangenheit Kleider f\u00fcr Stars wie die Schauspielerin Laura Dern oder S\u00e4ngerin Lizzo. Bidens blauer Mantel, bestickt mit Swarovksi-Kristallen und f\u00fcr sie ma\u00dfgeschneidert, ist nat\u00fcrlich ein Bekenntnis zur Demokratischen Partei. Als Farbe der Ozeane und des Himmels steht das Blau, aber auch f\u00fcr Gelassenheit, Stabilit\u00e4t, Sorgsamkeit und Verantwortung. Und die Botschaft, die die 69 Jahre alte Lehrerin, die zwei Masterabschl\u00fcsse hat und einen Doktorhut tr\u00e4gt, ist klar: Nach der \u00c4ra Trump gilt es einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren. Nach den Zeiten von Fake News und einer gigantisch aufpreschenden Propaganda-Maschinerie gilt es unpr\u00e4tenti\u00f6seren Zeiten entgegenzublicken, wo nicht Starrsinn und Eitelkeit, sondern Ausgewogenheit und Vernunft regieren. Und Jills Modebotschaft hat eine noch subtilere Konnotation. Sie will sich zu einer Bef\u00fcrworterin der aufstrebenden amerikanischen Mode machen.<\/p>\n<p>Das Luxusgef\u00e4hrt Melania hat bei ihrer Ankunft in Florida mittlerweile das Kunterbunt des multikulturellen \u201eSwing States\u201c angenommen und vom komplett schwarzen Look in ein \u00fcberraschend bunt gemustertes, \u00fcber 3.000 Euro teures Gucci-Kleid gewechselt. Bei ihrem Aufbruch aus dem Wei\u00dfen Haus trug sie noch Schwarz von Kopf bis Fu\u00df. Ein s\u00fcndhaft teurer, durchaus klassisch-schicker Look \u2013 der wie immer nicht von amerikanischen Designern stammte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend viele Melanias Wahl von Chanel, Dolce &amp; Gabbana und Co. als ihr letztes Statement verstanden, tritt Jill Biden in die Fu\u00dfstapfen von Michelle Obama. Die ehemalige First Lady hatte im Jahr 2009 bei der Amtseinf\u00fchrung ihres Mannes, Barack Obama, einen gelben Mantel (ebenfalls mit Swarovski-Kristallen dekoriert) von Isabel Toledo, einer kubanisch-amerikanischen Designerin, getragen. Und wie Jill hat auch Michelle w\u00e4hrend ihrer achtj\u00e4hrigen Amtszeit immer wieder verschiedene junge amerikanische Talente protegiert. Es ist also nicht so ganz unpassend, Michelle Obamas letztem Instagram-Post zu zitieren. \u201eHeute ist der Tag. Nach einer verst\u00f6renden \u00c4ra des Chaos und der Spaltung treten wir in das n\u00e4chste Kapitel der amerikanischen F\u00fchrung ein\u2026 Im Moment f\u00fchle ich mehr als nur Erleichterung dar\u00fcber, dass wir die letzten vier Jahre hinter uns gelassen haben. Ich f\u00fchle mich wirklich hoffnungsvoll f\u00fcr das, was kommen wird.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Putins Luxus: Dieses Nawalny-Video ent\u00fcllt den Prunk des Diktators<\/h1>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">25.01.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Der Kreml hat schon dementiert. Das Team des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny hat zwei Tage nach dessen Ausreise aus Deutschland und der sp\u00e4teren Festnahme in Russland eine Recherche zu einem angeblichen Luxus-Palast von Pr\u00e4sident Wladimir Putin ver\u00f6ffentlicht. Das an der Schwarzmeer-K\u00fcste gelegene Anwesen soll umgerechnet 1,1 Milliarden Euro gekostet haben.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Es sind brisante Vorw\u00fcrfe, die der russische Oppositionelle und gr\u00f6\u00dfte Gegner von Wladimir Putin, Alexej Nawalny, macht. Der Mann, der vor f\u00fcnf Monaten nur knapp einen Mordanschlag mit dem Nervengift Nowitschok \u00fcberlebte, ein Angriff, der wahrscheinlich vom \u201eKillerkommando\u201c des Inlandgeheimdienstes FSB von Putin beauftragt und ausgef\u00fchrt wurde, wirft Russlands Nummer eins nun vor, sich ein riesiges Anwesen mit Schmiergeldern gekauft zu haben. Der zweist\u00fcndige Film hat es in sich. Und er ist ein Gru\u00df aus dem Gef\u00e4ngnis in Moskau, in dem Nawalny derzeit sitzt. In dem Video zeigt der 44-J\u00e4hrige Kreml-Kritiker Luftaufnahmen eines gigantischen Anwesens an der sonnigen Schwarzmeerk\u00fcste \u2013 mit Parkanlagen, einer Kirche, einem Hubschrauberlandeplatz, einer Br\u00fccke und einer Orangerie. Mit 7800 Hektar ist es 39 Mal gr\u00f6sser als das mond\u00e4ne F\u00fcrstentum Monaco, wo sich der internationale Jetset trifft. Allein das Hauptgeb\u00e4ude in Putins Edelvilla steht auf einer Fl\u00e4che von mehr als 17.000 Quadratmetern, was mehr als zwei Fussballfeldern entspricht.<\/p>\n<p>Gegen die Vorw\u00fcrfe von Nawalny hat sich der Kreml unterdessen gew\u00e4hrt. Putins Sprecher Dmitri Peskow betonte, es sei \u201eNawalnys alte Schallplatte\u201c, alles \u201eUnsinn\u201c, der Pr\u00e4sident und der Kreml h\u00e4tten damit nichts zu tun.<\/p>\n<p>Putin, der ehemalige KGB-Offiziert, der in Dresden mit der ostdeutschen Staatssicherheit f\u00fcr ein repressives System warb und den kommunistischen Idealen diente, war nie ein unbeschriebenes Blatt, ethisch loyal, sondern ein Machtmensch, der notfalls auch \u00fcber Leichen geht. Nach der Amts\u00fcbernahme von Boris Jelzin, der die ehemalige Sowjetunion auf einen kapitalistischeren Kurs bringen wollte, hatte sich Putin immer wieder als Hardliner pr\u00e4sentiert. Ob im Tschetschenien-Krieg oder bei der Entmachtung der einflussreichen Oligarchien, die damals durch die Protektion Jelzins das politische Geschehen dominierten \u2013 Putin hatte sie alle abserviert und entmachtet oder wie den reichsten Russen Michail Borissowitsch Chodorkowsk ins Gef\u00e4ngnis verband und sein autorit\u00e4r-repressives Reich entwickelt, das Kritiker, Verr\u00e4ter mit Tod oder Gef\u00e4ngnis bestraft. Meinungsfreiheit gibt es unter Putin kaum, wer Kritik \u00fcbt, verschwindet oder wird Opfer der Mordbrigaden wie Anna Stepanowna Politkowskaja. Nachweisen kann man dem starken Mann aus dem Kreml all dies nicht, doch die Morde tragen alle die Spur des russischen Geheimdienstes, den Putin wie ein Diktator lenkt.<\/p>\n<p><strong>Wie reich ist Putin?<\/strong><\/p>\n<p>Schon lange wird dar\u00fcber spekuliert, wie reich der russische Pr\u00e4sident eigentlich ist. Aber auch hier verl\u00e4uft sich die Spur im Dunklen. Nawalny sieht das anders: Putins Geheimdienstfreunde von einst, die ihn bis heute begleiten, haben ihn zum \u201ereichsten Mann der Welt\u201c gemacht. Und der in Russland wie ein Popstar gefeierte Oppositionelle nennt Putin, der aus \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen stammt, mit Blick auf die Palastbilder vom Schwarzen Meer einen \u201eZaren\u201c, der jedes Ma\u00df verloren habe. \u201eAus einem einfachen sowjetischen Offizier ist ein Irrer geworden, der Geld und Luxus scheffelt\u201c.<\/p>\n<p>Nawalnys Video hat unterdessen Durchschlagskraft: Rund 80 Millionen Mal wurde das Video aufgerufen. Es l\u00e4uft viral im Netz und die kremlkritischen Medien in Russland kennen kaum noch ein anderes Thema als die R\u00fcckkehr Nawalnys.<\/p>\n<p>Klar ist unterdessen, dass sich der russische Staatspr\u00e4sident seit Monaten weniger in Moskau als am Schwarzen Meer aufh\u00e4lt. Von einer schweren Erkrankung ist die Rede \u2013 aber auch das wird aus offiziellen Kreisen dementiert. Putin hat alle Spekulationen um seine Person dementiert, es handele sich um gezielte Indiskretionen, die durch die westlichen Geheimdienste gestreut w\u00fcrden. Nawalny wirft er vor, f\u00fcr den US-Geheimdienst CIA zu arbeiten.<\/p>\n<p>In seinem Video rekonstruiert Nawalny mittels zahlreicher erstmals so gezeigter Dokumente die verschleierten Besitzverh\u00e4ltnisse zum gr\u00f6\u00dften Privatanwesen in Russland. Der streng bewachte und weitr\u00e4umig umz\u00e4unte Palast mit mehr als 17.500 Quadratmetern Fl\u00e4che liegt in einer Weinbauregion nahe der Stadt Gelendschik. Ein Tunnel f\u00fchre zum Strand, hei\u00dft es. Den Recherchen zufolge waren zeitweise \u201ekleine Beamte\u201c aus der Pr\u00e4sidialverwaltung als Eigent\u00fcmer eingetragen. Der Palast soll 1,3 Milliarden Euro kosten, sei im italienischen Design gehalten und fast 40 Mal so gro\u00df wie Monaco.<\/p>\n<p>\u201ePutin lebt in extremem Luxus. Er lebt das Leben eines arabischen Scheichs und eines Menschen, der mit einem Blick Sachen in Gold verwandeln kann\u201d, sagt Georgi Alburow, der ma\u00dfgeblich an den Recherchen beteiligt war. Und Nawalny f\u00fcgt hinzu: Es handelt sich um den gr\u00f6\u00dften Korruptionsskandal der russischen Geschichte. Damit \u00fcbertrifft Putins Residenz sogar die von Ex-US-Pr\u00e4sident in Florida. Der Milliard\u00e4r kann 128 Zimmer, f\u00fcnf Tennispl\u00e4tze, drei Luftschutzbunker sein eigen nennen. Seine imposante Villa, bekannt als Mar-a-Lago-Residenz, ist 20 Hektar gross und wird derzeit auf 160 Mio. Dollar gesch\u00e4tzt. Im Vergleich mit dem Haus von Wladimir Putin ist das Anwesen aber nicht mehr als ein Gartenh\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Putin liebt Luxus und das <span class=\"aCOpRe\">Glamour\u00f6se<em>. <\/em>Er ist verliebt in Macht, Geld und in seine Insignien der Macht. Sein <\/span>Refugium ist keine Residenz, wie Nawalny unterstreicht: \u201edas ist eine ganze Stadt, oder besser: ein K\u00f6nigreich. In diesem gibt es nur einen Zaren\u201d.<\/p>\n<div id=\"ads_cad_2\">\n<div id=\"Ads_BA_CAD2\" data-google-query-id=\"CIyCmZ2Gwe8CFcTGuwgd5REHvQ\" data-adsba_lid=\"4662227403\" data-adsba_cid=\"138317462490\" data-adsba_sz=\"300,300\">\n<div id=\"google_ads_iframe_\/4574\/theeuropean.de\/rotation_2__container__\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Joe Biden: Zur Amtseinf\u00fchrung trug er Ralph Lauren<\/h1>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">21.01.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p><em>Der neue US-Pr\u00e4sident Joe Biden trug anl\u00e4sslich seiner Angelobung am Mittwoch Ralph Lauren. Dunkelblauer Anzug und hellblaues Hemd. Biden setzte sich mit einem zur\u00fcckhaltenden Auftritt von den Brioni-Anz\u00fcgen und der roten Krawatte seines Vorg\u00e4ngers Donald Trump ab. Doch warum entschied er sich bei der Mantel- und Outfitwahl f\u00fcr einen amerikanischen Designer?<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Es war der wichtigste Tag seines Lebens. Endlich Pr\u00e4sident, endlich die Nummer eins im Wei\u00dfen Haus. Daf\u00fcr hatte er hart gek\u00e4mpft. Am 20. Januar 2021 wurde Joe Biden als 46. Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Die Zeremonie war symbolhafter denn je, eine bis ins Detail geplante Inszenierung und ein perfekt gekleideter Pr\u00e4sident. F\u00fcr das h\u00f6chste Amt seines Lebens h\u00fcllte sich der am 20. November 1942 in Scranton, Pennsylvania, geborene Biden fast von Kopf bis Fu\u00df in Stoffe von Ralph Lauren. Sein Mantel, seine Krawatte, sein Anzug und eine Maske in passendem Stoff \u2013 sie waren alle vom ikonischen amerikanischen Designer <span class=\"aCOpRe\">durchgestylt<\/span>.<\/p>\n<p>\u201eKleider machen Leute\u201c hie\u00df eine ber\u00fchmte Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Und bei Biden passt das alles gut zusammen. Anders als sein Vorg\u00e4nger Donald Trump, der mit einer Vorliebe f\u00fcr Brioni-Anz\u00fcge gl\u00e4nzte, dazu lange, baumelnde Krawatten trug und wie ein Potenzbulle durch die Hallen des Wei\u00dfen Hauses marschierte, mantelte sich der Neue in das teurere, aber gediegene amerikanische Label des Topdesigners.<\/p>\n<p>Lauren selbst kam einst aus einfachen Verh\u00e4ltnissen, war der Sohn von Fraydl und Frank Lifshitz, einem Anstreicher. Seine Eltern sind aschkenasische Juden gewesen und aus Pinsk in Wei\u00dfrussland in die USA emigriert. Bevor Lauren also seine Superkarriere startete, hatte er die Armut buchst\u00e4blich aufgesogen. Doch sp\u00e4testens im M\u00e4rz 2012 hatte er es endg\u00fcltig geschafft. Das ber\u00fchmte \u201eForbes-Magazine\u201c sch\u00e4tzte sein Verm\u00f6gen damals auf 7,5 Milliarden Dollar und Lauren war damit auf Platz 122 der reichsten M\u00e4nner der Welt.<\/p>\n<p>Doch was hat der Topdesigner mit Joe Biden zu tun? Immer wenn Biden einer politischen Botschaft im US-Wahlkampf und dazu seinem Kampf gegen das Coronavirus Ausdruck verleihen wollte, trug er Stoffe der Super-Bekleidungsmarke. Bei seiner ersten Corona-Impfung war Biden in einem Rollkragenpullover zu sehen und bei seiner zweiten Impfung vor laufenden Fernsehkameras trug er ein Polo mit dem Pony-Logo auf der Brust.<\/p>\n<p>Ralph Lauren, der Aufsteiger, der den amerikanischen Traum vom Underdog zum Milliard\u00e4r schaffte, verk\u00f6rpert wie kaum ein anderer Designer die Idee des amerikanischen Erfolgs. Sein Imperium setzt auf Amerika, auf dieses Made in Amerika, seine gesamte Markenbotschaft will auf nichts anderes, als die gesamte Welt auf das gro\u00dfartige Land hinweisen, Menschen aufzufordern, seine Polos und Anz\u00fcge zu tragen. Laurens Kleider laden also geradezu dazu ein, sich mit Amerika buchst\u00e4blich zu identifizieren, integrativer Teil desselben durch einen gewissen Stil und Mode zu werden.<\/p>\n<p>Und darum ging es auch Jo Biden bei seiner Amtseinf\u00fchrung. Sein Mantel, sein Habitus deutet darauf hin, dass es der neue US-Pr\u00e4sident bescheidener, aber trotzdem elegant mag, dass er harmonischer und weniger aggressiv als sein Vorg\u00e4nger Trump auftritt. Er nutzt vielmehr die Kunst der Mode auf eine weniger konfrontative Weise. Und nach vier Jahren von Outfits, die offensiv die geballte Macht eines rohen Gewaltmenschen demonstrierten, pr\u00e4sentiert sich Biden in schlichter Eleganz, die in ihrer Leichtigkeit etwas ganz Wunderbares hat.<\/p>\n<p>Ralph Lauren kann sich freuen: Einen besseren Markenbotschafter gibt es derzeit f\u00fcr ihn nicht. Und f\u00fcr alle, die ein wenig wie Biden sein wollen, bleibt nur eins: Zeigen Sie ein gepflegtes Understatement und kleiden Sie sich wie der amerikanische Pr\u00e4sident. Am besten kaufen Sie sich noch <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/the-european-redaktion\/joe-biden-liebt-deutsche-schaeferhunde\/\">zwei Sch\u00e4ferhunde<\/a>, oder adoptieren diese. Dann haben sie zumindest ein St\u00fcck Wei\u00dfes Haus in ihrem Leben und einen fast pr\u00e4sidialen Stil.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Diese Experten beraten Angela Merkel in der Pandemie<\/h1>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">19.01.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Wissenschaft<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Es ist mal wieder Krisenstimmung im Kanzleramt. Die Corona-Infektionszahlen sinken, die Impfungen laufen nach wie vor langsam an. Doch das Hauptproblem sind neue Mutationen. Die Bundeskanzlerin hat einen Beraterstab am 18. Januar zusammengerufen, um \u00fcber eine h\u00e4rtere Gangart im Kampf gegen Corona vorzugehen. Der Shutdown geht in die n\u00e4chste Stufe. Schon heute will Angela Merkel mit den Regierungschefs der L\u00e4nder neue Versch\u00e4rfungen vereinbaren. Doch was raten die Wissenschaftler Merkel?<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Die Bundeskanzlerin setzt seit dem Beginn der Pandemie auf Experten. Zu denen, denen die Kanzlerin vertraut, geh\u00f6ren in erster Linie der Chef des Robert-Koch-Instituts Prof.<strong> Lothar Wieler<\/strong> (59) und Top-Virologe Prof. <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/christian-drosten-setzt-auf-cluster-im-kampf-um-das-coronavirus\/\"><strong>Christian Drosten<\/strong><\/a> (48, Charit\u00e9). Doch der Kreis der Corona-Berater im Kanzleramt ist viel gr\u00f6\u00dfer. Mit an Bord ist beispielsweise Prof. Dr.<strong> Rolf Apweiler<\/strong>. Der Biochemiker (57) ist Co-Direktor des \u201eEuropean Bioinformatics Institute\u201c. Wie der Experte betont, machen ihm die Corona-Mutationen gro\u00dfe Sorgen. Diese Virus-Variante schaffe sechs bis acht mal mehr F\u00e4lle pro Monat als andere Varianten. Apweiler r\u00e4t der Kanzlerin daher zu einem scharfen Lockdown (Schulschlie\u00dfungen, Homeoffice-Pflicht), setzt auf ein schnelles Impfen und den Aufbau der Sequenzier- und Bioinformatikanalysekapazit\u00e4t. Und er stellte klar: \u201eWenn der politische Wille und die Entschlossenheit fehlt, hilft das beste Test- und Nachverfolgungssystem sowie COVID-19-Genom-\u00dcberwachungssystem nicht.\u201c<\/p>\n<p>Auch eine 41-j\u00e4hrige Psychologin geh\u00f6rt zum Gremium, das die Bundeskanzlerin ber\u00e4t. <strong>Cornelia Betsch<\/strong> ist Professorin f\u00fcr Gesundheitskommunikation an der Erfurter Universit\u00e4t. Aus psychologischer Sicht betont sie: \u201eTrotz guter Akzeptanz der individuellen Schutzma\u00dfnahmen f\u00fchren psychologische Faktoren dazu, dass wir Ausnahmen machen. Relevantes Wissen fehlt immer noch und wird wegen der Mutation gerade noch wichtiger.\u201c Und Betsch warnt vor der Pandemiem\u00fcdigkeit. Diese sorge, so die Wissenschaftlerin, f\u00fcr Tr\u00e4gheit: \u201eRelevantes Wissen verbreitet sich nicht so schnell, Verhalten reagiert tr\u00e4ger (\u2026).\u201c In der Krise hat sie folgenden Vorschlag. \u201eDie \u201ePandemiebek\u00e4mpfung soll st\u00e4rker das Eigeninteresse aller in einer gemeinschaftlichen, gesamtgesellschaftlichen L\u00f6sung sein.\u201c Kurzum: Es m\u00fcsse einfachere Regeln geben.<\/p>\n<p>Die Virologin <strong>Melanie Brinkmann<\/strong> geh\u00f6rt ebenfalls zu Merkels n\u00e4herem Beraterteam. Die 47-j\u00e4hrige Professorin lehrt an der Technischen Uni Braunschweig und ist Professorin am Institut f\u00fcr Genetik. Brinkmann betont<em>: <\/em>\u201eEs ist der kritischste Moment in der Pandemie.\u201c Der Grund: \u201eDie neue Variante ist im Land und es ist ein Naturgesetz, dass sie sich durchsetzt.\u201c Und die Virologin fordert: \u201eJe eher wir handeln, um so weniger Schaden werden wir anrichten. Die Gefahr ist da, wenn wir jetzt nicht handeln, wir das Jahr 2021 schlimmer als 2020. Daher ergeht ihre Forderung: Da die Kontrolle nur durch niedrige Inzidenzen m\u00f6glich ist, m\u00fcsse die Bev\u00f6lkerung \u00fcberzeugt sein, \u201edass wir auf Null m\u00fcssen.\u201c Die Impfung, so die Wissenschaftlerin, werde erst am Ende des Jahres helfen.<\/p>\n<p><strong>Christian Drosten<\/strong> bleibt der Top-Virologe der Bundesregierung. Der Professor an der Charit\u00e9 in Berlin ist Direktor des Fachbereichs Virologie im gr\u00f6\u00dften Labor Europas. Drosten verteidigte die \u00dcberpr\u00fcfung des Coronavirus auf Mutationen und Co.: \u201eDeutschland ist nicht schlecht im Sequenzieren!\u201c Au\u00dferdem pl\u00e4dierte er f\u00fcr einen innereurop\u00e4ischen Austausch von Genom-Analysen.<\/p>\n<p>Mit an Bord ist<strong> Michael Meyer-Hermann<\/strong>.\u00a0 Er ist seit 2010 Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Infektionsforschung in Braunschweig. Der Experte warnte: Mit der \u00d6ffnung von Schulen und Gesch\u00e4ften sei die Inzidenz von 50 nicht zu erreichen. Sie pendle dann zwischen 50 und 100. Eine Verl\u00e4ngerung des Lockdowns bis Ende Februar \u00a0k\u00f6nnte zumindest die Inzidenz von 50 erreichen. Was auch ihm Angst bereitet, sind die neuen Corona-Varianten. Er bef\u00fcrchtet, dass sich diese noch weiter ausbreiten \u201eund dann die gegenw\u00e4rtigen Ma\u00dfnahmen nicht mehr helfen. Was dann nur noch hilft, ist ein kompletter Shutdown der Gesellschaft.\u201c Durch diesen \u201eh\u00e4tten wir Anfang M\u00e4rz eine Inzidenz von 10.\u201c Meyer-Hermann r\u00e4t: \u201eWir m\u00fcssen handeln, bevor sich die Variante ausbreitet.\u201c<\/p>\n<p>Auch ein Physiker ist mit an Bord und ber\u00e4t die Kanzlerin bei heiklen Entscheidungen. <strong>Kai Nagel<\/strong> arbeitet als Professor in der Mobilit\u00e4tsforschung und Verkehrssystem-Planung. Bei seinen Untersuchungen geht es um die Auslastung des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs und darum, welche Auswirkungen sie auf das Infektionsgeschehen hat. Anhand von Handy-Daten entwickelt Nagel Modelle und zeigt damit den Zusammenhang zwischen den Bewegungsmustern von Menschen und den Infektionszahlen. \u201eAnhand der Mobilfunkdaten sehen wir sofort, wenn die Aktivit\u00e4t sinkt, und bauen das in unser Modell ein. Wenn im Extremfall alle zu Hause bleiben w\u00fcrden, w\u00fcrde das Virus nicht mehr weitergegeben \u2013 zumindest nicht au\u00dferhalb des eigenen Haushalts.\u201c<\/p>\n<p>Vertrauen setzt Merkel ebenfalls auf <strong>G\u00e9rard Krause<\/strong>. Der 56-J\u00e4hrige ist Arzt und wurde 2011 Lehrstuhlinhaber an der Medizinischen Hochschule Hannover und Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Infektionsforschung in Braunschweig. Krause setzt auf den besseren Schutz der Alten und betont: \u201eMan muss ja immer auch die unerw\u00fcnschten Wirkungen mitdenken und mitbetrachten. Und dann darf man sich auch nicht der Illusion hingeben, dass dadurch allein die Todesf\u00e4lle deutlich reduziert werden k\u00f6nnen, denn die finden in einer Art Mikrokosmos statt, n\u00e4mlich in den Alten- und Pflegeheimen, in denen ein Lockdown ja per se erst mal nicht wirkt. Ich kann s\u00e4mtliche Busse stilllegen und trotzdem findet das Leben in den Altenheimen statt.\u201c<\/p>\n<p>Mitte Januar ist sich das Gremium von Experten einig, Deutschland braucht einen neuen Lockdown. Es ist wieder f\u00fcr viele eine unpopul\u00e4re Entscheidung \u2013 doch die Corona-Mutationen zwingen zu einer noch h\u00e4rteren Gangart im Kampf gegen die Pandemie.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1>Der ewig Untersch\u00e4tzte: Armin Laschet<\/h1>\n<p>Die einen sahen Angela Merkel schon auf dem Abschiebegleis, die anderen im D\u00e4mmerflug nach 16 Jahren Kanzlerschaft endg\u00fcltig am Horizont verschwinden. Doch durch die Corona-Krise ist die Kanzlerin peu \u00e0 peu in der W\u00e4hlergunst gestiegen. Die Totgesagte hat \u2013 wieder einmal \u2013 alle ihre Kritiker eines besseren belehrt. Um ihre Nachfolge geht ein Mann ins Rennen, der Merkel seit Jahren unterst\u00fctzt. Armin Laschet hat gute Chancen auf den CDU-Vorsitz. Ein Portr\u00e4t des Politikers, der lange untersch\u00e4tzt wurde. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Armin Laschet gilt nicht als der verbissene eindimensional denkende Parteisoldat, weit weg, distanziert von oben herab wie einst Helmut Schmidt. Laschet, 1961 geboren im Ruhrgebiet, famili\u00e4r verwurzelt in Wallonien, ist und bleibt ein Mann der Mitte. Der 59-J\u00e4hige hat etwas Verbindliches, baut emotionale N\u00e4he auf und ist damit so etwas wie ein Wohlf\u00fchlpolitiker, ja ein Menschenf\u00e4nger obendrein. Er kann begeistern, zumindest unmittelbar, weil er selbst begeisterungsf\u00e4hig ist. Er kann Komplexes einfach vermitteln und B\u00fcrgern\u00e4he aufbauen, weil er sich mit den Problemen der Menschen identifiziert, weil er weder Hochmut kennt noch sich in Selbstgef\u00e4lligkeit verf\u00e4ngt. Und anders als manch seiner Politikkollegen und Mitbewerber um das Amt des CDU-Vorsitzes hat er etwas Bodenst\u00e4ndiges, w\u00e4rmt sich an der Erde, den Menschen und ihren Gef\u00fchlen. Er ist eigentlich mehr ein Seelsorger, der dabei immer ein fr\u00f6hliches Lachen verspr\u00fcht, das aus seiner rheinischen Frohnatur entsteigt. Das Amt des Seelentr\u00f6sters hat ihm nie eine gro\u00dfe Anh\u00e4ngerschaft in der medialen Welt gebracht, daf\u00fcr ist er einfach zu bescheiden, kein Verk\u00e4ufer oder Selbststilisierer. Wo andere aufbrausend agieren, ist es Laschet, der immer wieder vermittelnde Worte findet. Und genau das ist es, was den Mann in politisch schweren Fahrwassern, in der Corona-Krise und einer Zeit, wo die CDU gespaltener denn je ist, auszeichnet. Lachet ist Ausgewogenheit und Mitte in Peronalunion.<\/p>\n<h4>Mit Merkel weiter in die Zukunft<\/h4>\n<p>Damit tritt der Katholik und Studentenverbindler, der schon mit 18 Jahren in die CDU eingetreten ist, sp\u00e4ter beim Radiosender 95.5 Charivari und als freier Journalist f\u00fcrs Bayerische Fernsehen arbeite, in die Fu\u00dfspuren der Bundeskanzlerin. \u201eDer Kandidat des Establishments\u201c unkte die \u201eFrankfurter Allgemeine Zeitung\u201c. Auch bei den Wertkonservativen in der Union hat er keinen guten Stand. Die Wirtschaft und der Mittelstand w\u00fcnschen sich lieber einen Friedrich Merz, der klar ihre Interessen vertritt und statt mehr Politik, mehr Marktwirtschaft fordert. Merz ist kerniger, einer, der sich gut verkaufen, einer, der sich besser in Szene setzt als Laschet, der zwar immer treublickend in die Kamera schaut, aber letztendlich bei seinem Corona-Management nicht punkten konnte. Dabei hatte der ehemalige Bundestagsabgeordnete, sp\u00e4tere Europapolitiker und Halbjurist, der im Kabinett des damaligen NRW-Ministerpr\u00e4sidenten R\u00fcttgers Karriere zuerst als Familien und Integrationsminister, sp\u00e4ter dann als Minister f\u00fcr Europaangelegenheiten machte, w\u00e4hrend Corona stets die gro\u00dfe B\u00fchne der Medien als einer der einflussreichsten deutschen Ministerpr\u00e4sidenten hinter sich.<\/p>\n<h4>Der Corona-Manager<\/h4>\n<p>Inmitten der Corona-Krise hatte man Laschet schon f\u00fcr politisch tot erkl\u00e4rt. Die Medien titelten vom \u201egl\u00fccklosen Laschet\u201c auf der einen und vom umjubelten Merz auf der andern Seite. Doch das war eine Fehldiagnose. Wo Jens Spahn noch \u00fcber die Pandemie irrlichterte, hatte der Pragmatiker Spahn schon eine klare Devise: \u201eWenn die Infektionszahlen sinken, m\u00fcssen Grundrechtseingriffe zur\u00fcckgenommen werden \u2013 wenn Infektionszahlen steigen, m\u00fcssen Schutzvorkehrungen verst\u00e4rkt werden\u201c. Und Laschet agierte hier immer positiv auf Sicht, situationsgem\u00e4\u00df wie man es von einem erwartet, der genau hinschaut, der pragmatisch-praxisnah agiert.<\/p>\n<p>Bei aller Kritik, die sich Laschet im Coronajahr einfangen musste, er ist Politprofi und das mit langj\u00e4hriger Erfahrung. Seit 2008 sitzt er im Bundesvorstand der CDU und seit 2012 ist er einer der f\u00fcnf stellvertretenden Bundesvorsitzenden. Den einen mag Laschets Kurs in der Pandemie als St\u00fcckwerk, als unbeholfen und als ein ungesteuertes Wirrwarr vorgekommen sein, doch die Corona-Werte im bev\u00f6lkerungsreichsten Bundesland zeigen, er hatte taktisch gehandelt, nur oft falsch kommuniziert. Laschet wurde oft untersch\u00e4tzt. Doch das ist vielleicht sein Triumpf. Immerhin hatten 2017 bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2,8 Millionen Menschen ihre Zweitstimme der CDU gegeben. Und Laschet war es, der damals durch einen veritablen Wahlkampf selbst die allseits beliebte Hannelore Kraft aus dem Amt schob.<\/p>\n<h4>Christian Lindner und Armin Laschet \u2013 Ein gutes Team<\/h4>\n<p>Dass Laschet nun in der Champions-League spielen will, hatte ihm 2018 schon Christian Lindner attestiert: \u201eEin nordrhein-westf\u00e4lischer Minister kann immer Kanzler.\u201c Und der FDP-Chef lobte schon damals die konziliante und vers\u00f6hnliche Art des Landeschefs, bezeichnete gar die Zusammenarbeit der Schwarz-gelben Landeskoalition als \u201emusterg\u00fcltig\u201c.<\/p>\n<p>Politisch sieht Laschet, der sich den Klimaschutz, die innere Sicherheit, die Bildungsoffensive, die Digitalisierung sowie die Integration auf die Fahnen geschrieben hat, ohne selbst eine Schwarz-gr\u00fcne Koalition als Gottesgabe herbeizusehnen, dann auch eher bei den Liberalen. \u201eEs wird mir viel zu viel \u2013 auch von meinen Mitbewerbern \u2013 \u00fcber die Gr\u00fcnen geredet.\u201c Deutlich mehr Schnittmengen g\u00e4be es mit den Liberalen mit denen \u201ewir in ganz vielen Kernfragen der Politik ein ganz \u00e4hnliches Grundverst\u00e4ndnis haben. Man kann auch mit den Gr\u00fcnen koalieren, aber das bringt gr\u00f6\u00dfere und kompliziertere Grundsatzdebatten mit sich.\u201c Der Getreue der Kanzlerin, der ihr als einer der wenigen, neben Merkels engen Vertrauten Helge Braun und Peter Altmaier, in der Fl\u00fcchtlingskrise den R\u00fccken bei ihrer Politik der offenen T\u00fcren gest\u00e4rkt hat, bekennt sich nach wie vor zu einem unverbr\u00fcchlichen Kurs mit Merkel. Aber das bedeutet auch, dass die CDU selbst stark genug sein muss. Denn der NRW-Chef wei\u00df: \u201eWenn es eine rechnerische Mehrheit f\u00fcr Rot-Rot-Gr\u00fcn gibt, werden die Gr\u00fcnen das machen.\u201c Daher pr\u00e4feriert er die Gro\u00dfe Koalition.<\/p>\n<h4>Zur Not auch mit den Gr\u00fcnen<\/h4>\n<p>Den Gr\u00fcnen hatte er das Thema Klimaschutz, wie weiland Angela Merkel nach dem Reaktorunfall in Fukushima, schon l\u00e4ngst aus der Hand genommen und auf seine Agenda geschrieben. Doch die Visionen eines Robert Habeck, einer Annalena Baerbock und der Generation \u201eFridays for Future\u201c mag er nicht teilen. Zu weltfremd ist dies alles f\u00fcr den Macher vom Rhein. Aber sollte es der Union letztendlich nutzen, so kann es m\u00f6glicherweise mit ihm als Kanzler deutlich gr\u00fcner in Deutschland werden. Die Gr\u00fcnen als Weltretter, diese Irritation bleibt ihm als gl\u00e4ubigen Christen aber wesensfremd.<\/p>\n<p>Der Aachener Preistr\u00e4ger, der 2020 den \u201eOrden wider den tierischen Ernst\u201c, erhielt, ist kein weichgesp\u00fclter Liberaler. Wo es gegen sexuellen Missbrauch ging, bezog er klare Opposition. Wo die Kanzlerin Thilo Sarrazin an den Pranger stellte, war es Laschet, der ehemalige Ministrant, der sich sch\u00fctzend vor den SPD-Politiker stellte und ihm attestierte: er sei \u201ekein Rechtsradikaler.\u201c Von der AfD und dem Rechtextremismus distanzierte er sich aber klar und eindeutig. Aber wo sich das politische Berlin zu sehr in den Elfenbeinturm zur\u00fcckzieht und zu sehr die Bodenhaftung verliert, \u00f6ffnet Laschet seine kritischen Offensiven. Dann kreuzt er schon das Schwert gegen die Selbstverliebtheit des Establishments. Und w\u00e4hrend Berlin bei Corona noch z\u00f6gerte, agierte er blitzschnell. Schon im Juni hatte er ein starkes Konjunkturprogramm samt Rettungsschirm f\u00fcr die strukturelle Entlastung der angeschlagenen Kommunen in NRW auf den Weg gebracht. Laschet wei\u00df, wo die sozialen N\u00f6te gro\u00df, woran die kleinen Leute leiden, er wei\u00df es, der Sohn eines Bergarbeiters und einer Hausfrau. Und diese Erfahrungen machen ihn sensibel f\u00fcr das Los gegen\u00fcber denjenigen sozialen Schichten, die unterprivilegiert vom politischen Mainstream vergessen werden. Und das zeichnet ihn als Landesvater eben auch aus.<\/p>\n<h4>S\u00f6der und Laschet \u2013 Eine SMS-Beziehung<\/h4>\n<p>Mit Markus S\u00f6der, dem bayerischen Corona-L\u00f6wen, mit dem er sich derzeit blendend versteht, und der \u00fcber seinen Amtskollegen best\u00e4tigt, dass dieser ein humorvoller, ernsthafter, heimatbewusster und lebensfroher Mensch sei, schreibt er hunderte von SMS, witzelt am Telefon. Die Kommunikation zumindest zwischen M\u00fcnchen und D\u00fcsseldorf hat sich regelrecht zu einer Standleitung entwickelt. Doch so sehr S\u00f6der und Laschet einander Sch\u00fctzenhilfe geben, dass der Rheinl\u00e4nder mit allem, was aus der CSU kommt, einverstanden ist, so ist es keineswegs. Bei aller N\u00e4he, bei aller gebotenen Harmonie mit der Schwesterpartei in dem f\u00fcr die Union so wichtigen Wahlkampfjahr, gei\u00dfelt Laschet zumindest Horst Seehofer und \u00dcberlebensk\u00fcnstler Andreas Scheuer und dessen Maut. Der Autofahrer als \u201eMelkkuh der Nation\u201c, hei\u00dft es dann im Armin-Deutsch. Aber selbst wenn Laschet mit irgendwas nicht d\u2019accord ist, gl\u00e4ttet er die Wogen mit Sanftmut und im Geist des verzeihenden rheinl\u00e4ndischen Katholiken.<\/p>\n<h4>Frauenunion steht hinter Laschet<\/h4>\n<p>Diese Gabe des Vermittelns l\u00e4sst Laschet nun zunehmend in den Umfragen steigen. Die Frauenunion steht hinter ihm sowie die langj\u00e4hrige Pr\u00e4sidentin des Deutschen Bundestages, das Urgestein der CDU, Rita S\u00fcssmuth. R\u00fcckendeckung kommt sowohl von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek als auch von Frauen-Chefin Annette Widmann-Mauz: \u201eWir brauchen jetzt einen starken Zusammenhalt, damit die CDU weiter die f\u00fchrende Partei in der Mitte der Gesellschaft bleibt\u201c, deshalb habe man eine klare Pr\u00e4ferenz f\u00fcr Laschet und R\u00f6ttgen. Diese h\u00e4tten \u201edurch ihre politische Erfahrung, ihren modernen Politikstil und zukunftsweisende Inhalte, die F\u00e4higkeiten die CDU gut in die Zukunft zu f\u00fchren.\u201c Und Karliczek: \u201eEr w\u00e4re eine gute Wahl\u201c. Und obgleich Laschet, der die Einf\u00fchrung der Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe mit der konventionellen ablehnte, verbindet ihn ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis mit Jens Spahn, dem Super-Hipster. Und dass Laschet bei der Weiblichkeit punktet, liegt daran, wie S\u00fcssmuth betont, dass \u201eFrauen immer selbstverst\u00e4ndlich zu seiner Mannschaft\u201c geh\u00f6rten. Keinem gel\u00e4nge es daher besser die vieldiskutierte Frauenquote pragmatischer umzusetzen als Laschet, den die 83-j\u00e4hrige CDU-Politikerin auch dann f\u00fcr durchschlagskr\u00e4ftig h\u00e4lt, wenn es um die Interessen von Kinderbetreuung, Familie und Gesellschaft geht.<\/p>\n<h4>Eigentlich wollten die Ostdeutschen Merz<\/h4>\n<p>Selbst aus den ostdeutschen Landesverb\u00e4nden, die eigentlich f\u00fcr eine neue oder eben konservative Trendwendung in der CDU-Politik offen sind und damit eigentlich Friedrich Merz f\u00fcr den Stern der Stunde und als Taktgeber halten, mehren sich die Stimmen jetzt f\u00fcr Laschet. Die immer noch sehr einflussreichen und m\u00e4chtigen Ex-Ministerpr\u00e4sidenten von Th\u00fcringen und Sachsen, Bernhard Vogel und Kurt Biedenkopf, die in den ostdeutschen Verb\u00e4nden wie S\u00e4ulenheilige verehrt werden und auf dessen Rat man in Erfurt und Dresden vertraut, favorisieren den Aachener.<\/p>\n<p>Dass die Zukunft auf Laschet deutet, hatte kein anderer als der jedem Merkelianertums unverd\u00e4chtige Unionsfraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus gegen\u00fcber der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c betont. \u201eAls Chef einer Volkspartei muss man anschlussf\u00e4hig ins konservative, aber auch in das progressive Milieu sein. Und wer Kanzlerkandidat werden will, der m\u00fcsse \u201e\u00fcber CDU und CSU hinaus als integrative Kraft angesehen werden\u201c. Laschet ist beides, es liegt in seiner Natur, der Vers\u00f6hner zu sein. Er gilt nicht nur partei-intern als integrative Kraft, er kennt auch die M\u00fchen der Ebene, durch die sich der Politiker allt\u00e4glich durchschlagen muss. Dass er hier seine Kernkompetenzen hat, verbindet ihn mit Angela Merkel. Beide waren keine Krawallkanonen, sondern geduldige Arbeiter im Weinberg der Politik. Und mit Armin Laschet h\u00e4tte die Bundeskanzlerin nicht nur einen besonnenen Menschen als CDU-Vorsitzenden, sondern m\u00f6glicherweise einen neuen geduldigen, mit langen Atem versehenen Nachfolger, der das gespaltene Land als Vers\u00f6hner harmonisieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Die vier gro\u00dfen Lockdown-Fehler der Bundesregierung<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">10.01.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Der Lockdown geh\u00f6rt zum Alltag. Seit fast einem Jahr leben wir im Ausnahmezustand. St\u00e4ndig irrlichtert die Bundesregierung umher. Mit der Konsequenz: auf einen Lockdown folgt der n\u00e4chste. Doch wer ist Schuld am Unendlich-Lockdown? Die Politik findet unser Autor.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Die Menschen haben geh\u00f6rig die Nase voll von 15-km-Leinen-Regeln und st\u00e4ndiger Freiheitsregulierungen, aber sie f\u00fcgen sich noch den Beschr\u00e4nkungen der Bundesregierung, deren Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen von Monat zu Monat strenger werden. Doch der Lockdown hat bislang wenig gebracht, die Infektionszahlen und die Sterblichkeit ist weiterhin hoch: au\u00dfer dass Schulen geschlossen sind, die Kinder den gesellschaftlichen Anschluss verlieren und viele Menschen einsamer denn je sind und bald endg\u00fcltig ihre Jobs verlieren, ist die Anti-Corona-Bilanz weitgehend \u00fcberschaubar. Positiv sieht anders aus. W\u00e4hrend die B\u00f6rse v\u00f6llig losgel\u00f6st von der realen Wirtschaft, enthoben von Tausenden neuen Arbeitslosen weltweit, eine Partykerze nach der anderen anz\u00fcndet, der Bitcoin v\u00f6llig irreal einen Rekord nach dem anderen knackt, werden der\u00a0Mittelstand und viele kleine Unternehmen national wie international sp\u00e4testens im Sommer Insolvenz anmelden. Doch der Politik scheint dies alles egal! Wo Corona ist, soll Lockdown sein! Basta! Aber was sind die gr\u00f6\u00dften Fehler? Eine Zusammenfassung<\/p>\n<h4><strong>1. Falsche Zielsetzung der Bundesregierung<\/strong><\/h4>\n<p>Das Ende des Lockdowns bestimmt ma\u00dfgeblich ein Wert und der lautet: weniger als 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen. Vielleicht mag das an einigen Orten gelingen, im Vogtland aber beispielsweise funktioniert das seit Tagen schon gar nicht. Sachsen und Th\u00fcringen sind HotSpots. Es ist daher vollkommen aussichtslos f\u00fcr die Zukunft, die Sieben-Tages-Inzidenz unter 50 zu halten und das zur Durchhalte-Parole dr\u00f6hnend durch die Medien zu peitschen. Und das hat seine Gr\u00fcnde: Neue Corona-Mutationen treten in K\u00fcrze und immer sprunghafter auf, die rasante Verbreitung des Virus ist derzeit nicht aufzuhalten und nach wie vor sind die Gesundheits\u00e4mter in Deutschand schlecht ausger\u00fcstet, arbeiten per Fax fast wie im 20. Jahrhundert. Die Corona-App ist eine Farce, eine technische Blamage, die eigentlich nur Heiterkeit erzeugt, weil man best\u00e4ndig \u201cNiedriges Risiko\u201d hat, selbst wenn man sich in HotSpots bewegt. Doch so Ernst die Lage von der Politik beschrieben, ja dramatisch exerziert wird, es gibt dennoch Hoffnung: In der Bundesrepublik\u00a0 sind noch gen\u00fcgend Kapazit\u00e4ten in den Krankenh\u00e4usern frei, das Argument, alles sei radikal \u00fcberlastet, verharrt in seiner Einseitigkeit. \u00dcber 5.000 Betten sind zwar belegt, aber \u00fcber 40.000 gibt es \u2013 dazu besteht die M\u00f6glichkeit der jederzeitigen Aufstockung. Deutschland, das, zumindest wenn man den Politprofis aus Berlin zuh\u00f6rt, am Rande der Kapazit\u00e4ten stehe, hat bei der intensivmedizinischen Versorgung einen viel komfortableren Vorsprung als beispielsweise Italien mit seinen knapp 5.000 Intensivbetten. Da ist der Zustand wirklich und tats\u00e4chlich alarmierend. Kurzum: Solange die Bundesregierung bei ihrer Kennzahl 50 festh\u00e4lt und Karl Lauterbach durch die Medien wie der neue Messias rauscht, der kassandrahaft einen Lockdown, am liebsten einen unendlichen fordert, wird Deutschland im Lockdown bleiben.<\/p>\n<h4><strong>2. Auch Wissenschaftler irren sich \u2013 Selbst die Leopoldina scheint nicht allwissend zu sein<\/strong><\/h4>\n<p>Sicherlich, die Wissenschaft ist in Corona zu Ehren gekommen. Mehr denn je sind die Experten gefragt. Die Wissenschaftler sind gar die neuen Weltweisen \u2013 und das Vertrauenspotential, das in sie gelegt wird, grenzt fast an einen neuen Glauben. Man schm\u00fcckt sich heutzutage gern mit den Koryph\u00e4en, seien es Virologen oder Epidemiologen. Die Politik folgt Christian Drosten und Hendrik Streeck als w\u00e4ren sie die neuen G\u00f6tter und Corona ihre neue Metaphysik, die nur sie deuten und verstehen k\u00f6nnen. Die ehrw\u00fcrdige Wissenschaftsakademie \u201eLeopoldina\u201c, die in Halle sitzt und auf ein Pool von Experten und Nobelpreistr\u00e4gern zur\u00fcckgreifen kann, riet der wissenschaftsgl\u00e4ubigen Bundesregierung am 8. Dezember zum Knallhart-Lockdown, um die Infektionen zu senken. Damals galt Irland als Vorbild f\u00fcr den kompletten Lockdown. Das Inselvolk konnte immerhin durch rigide Ma\u00dfnahmen und mittels eines harten Shutdowns die Zahl der Ansteckungen dr\u00fccken. Doch all das half nichts. Kurz darauf explodierten die Zahlen wieder. Der Rat der Wissenschaftler hatte keineswegs den langen Atem, den man sich versprach. Das Wissenschaft ein Tasten nach der Methode des \u201cTrial and Error\u201d bleibt, ja methodologisch bleiben muss, und damit bei einem noch unbekannten Virus ebenso lernend agiert, hat die Politik bis heute nicht verstanden.<\/p>\n<h4><strong>3. Falsche Politik mit den Impfdosen<\/strong><\/h4>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste man meinen, nun sei der Impfstoff da, ob von BioNTech \/ Pfizer oder anderen. Aber immer noch klappt das alles nicht. Die Zahl der Geimpften ist zu niedrig, Impfstoffe fehlen weiterhin. Jens Spahn und die Kanzlerin Angela Merkel haben Fehler gemacht. Von der EU und dem schlechten Krisenmanagement von Ursula von der Leyen ganz schweigen. Erst nach harter Kritik der letzten Tage ist auf einmal die Rede von 500 Millionen Dosen Vakzine f\u00fcr Europa. Doch so sehr man sich in Br\u00fcssel selber feiert, die Alten in den Heimen warten weiter und die Jungen rebellieren, weil sie erst nach den Risikogruppen geimpft werden. Ein neuer Pragmatismus greift um sich, der einen ethisch bedenklichen Utilitarismus mit im Gep\u00e4ck f\u00fchrt. Viele Tote gehen schon auf das Konto der verpatzten nationalen wie internationalen Impfstrategie. Viele werden noch folgen. Doch dass mit der Impfung nun endlich der Lockdown auf dem M\u00fcll der Geschichte endet, wie immer wieder pathetisch aus politischen Kreisen verk\u00fcndet wird, sobald die Impfung erfolgreich durchgef\u00fchrt, 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung immun sind und so die Herdenimmunit\u00e4t qualitativ wie quantitativ erreicht ist, l\u00e4sst nicht \u00fcber den Verdacht hinwegt\u00e4uschen, dass man den Lockdown ins Unendliche verschiebt, ja, diesem nun als neue Form des Alltages geradezu zu etablieren sucht. Verschw\u00f6rungstheoretiker sehen das zumindest so.<\/p>\n<p>Aber auch ein anderes Argument zieht nicht, das die Politik gebetsm\u00fchlenartig heranzieht: Vom Bund oder den L\u00e4ndern hei\u00dft es immer wieder, dass die strengen Ma\u00dfnahmen dazu diesen, die Zahl der Corona-Toten zu senken. Merkw\u00fcrdig bleibt, dass gerade dort, wo die Menschen an oder mit Corona sterben, die Ma\u00dfnahmen nicht funktionieren. \u00c4ltere Menschen werden gleich mehrfach geimpft, die K\u00fchlketten von Vakzinen werden nicht eingehalten und so der kostbare Impfstoff zerst\u00f6rt. In Franken kamen die Transporte aus Belgien mit den Impfdosen erst gar nicht an. In den Pflegeheimen wartet man weiter, gleichwohl dort die Bedrohung, sich mit Corona zu infizieren, besonders hoch ist. 86 Prozent aller Corona-Toten in Hessen kamen im Dezember aus Pflegeheimen. In Hamburg waren es 73 Prozent, in Bremen 71 Prozent, in NRW 55 Prozent. Alles alarmierend, doch die Risikogruppen bleiben weiter im Risiko. Und trotz der Ank\u00fcndigung von Jens Spahn die Pflegekr\u00e4fte aufzustocken, den Personalschl\u00fcssel zu verbessern, die Intensivstationen mit gutem Personal aufzustocken, ist im letzten Jahr wenig bis gar nichts in dieser Richtung geschehen. Au\u00dfer leerer Worth\u00fclsen, dass man sich f\u00fcr das Engagement bei allen K\u00e4mpfern an der Corona-Front bedankte, wenig. \u00c4rzte, Krankenschwestern und das Pflegepersonal schlagen schon seit der ersten Pandemiewelle Alarm, sind v\u00f6llig ersch\u00f6pft und arbeiten im Dauerstress. Anders gesagt: Die Heime haben zu wenig Personal und die Krankh\u00e4user zu wenig Spezialkr\u00e4fte<em>, <\/em>um Mitarbeiter und Besucher konsequent zu testen.<\/p>\n<h4><strong>4. Es geht immer nur um Corona \u2013 wo bleibt der Mensch?<\/strong><\/h4>\n<p>Die Politik scheint von Corona derzeit hypnotisiert, dass sie nur an die Krankheit, nicht aber an die Menschen und die Schicksale denkt, die dahinter stehen. Corona ist und bleibt t\u00f6dlich, daran gibt es keinen Zweifel. Auch die Ma\u00dfnahmen sind notwendig, wenn sie in Relation zu den Inzidenzwerten stehen. Doch was v\u00f6llig \u00fcbersehen wird, sind die indirekten Folgen. Die Menschen in den Pflegeheimen sind seit fast einem Jahr isoliert. Kinder haben keine Chance auf einen guten Start in das Berufsleben, weil die Schule st\u00e4ndig ausf\u00e4llt oder ferngesteuert gelenkt wird. Jeder P\u00e4dagoge wei\u00df: so kann Unterricht nicht funktionieren, die Ablenkung ist zu hoch, die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler m\u00fcssen geleitet werden, anstatt sich auf ihrem Laptops zwischen Schule und Spielen zu verlieren. Familien sind \u00fcberfordert, weil sie den Einklang zwischen Beruf und Kinderbetreuung nicht hinbekommen, da n\u00fctzen auch 10 Jahre mehr Urlaub \u2013 wie von der Bundesregierung besprochen \u2013 nicht viel. Die Scheidungs- und die Selbstmordrate ist 2020 rasant gestiegen, die h\u00e4usliche Gewalt \u00fcberforderter und alleingelassener Menschen, die alle jetzt zu Erziehern werden, dramatisch in die H\u00f6he katapultiert. 3,6 Prozent Vergewaltigungen durch den Partner meldete die TU-M\u00fcnchen schon im Sommer 2020. Rund 3 Prozent der Frauen in Deutschland haben w\u00e4hrend der strengen Kontaktbeschr\u00e4nkungen k\u00f6rperliche Gewalt erlebt In jedem 15. Haushalt erlebten Kinder gewaltt\u00e4tige Bestrafungen. Die Zahlen sind erschreckend, was sich da gerade in der \u201eh\u00e4uslichen Idylle\u201c abspielt. Ein Schreckensszenario f\u00fcr viele Kinder und Jugendliche, ein Trauma, das sie in Zukunft erst verarbeiten m\u00fcssen. \u00dcber die vielen Menschen, die ihren Job verloren haben, die ihn noch verlieren, \u00fcber die vielen Unternehmen, Mittelst\u00e4ndler und Gesch\u00e4ftsleute, die in oder vor der Pleite stehen, wird wenig gesprochen. Schon Ende 2020 warnte auch Bayerns Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der (CSU) vor den \u201everheerenden Folgen\u201c eines weiteren Lockdowns. Diese verheerenden Folgen sind eingetreten und sie werden immer schlimmer, je weiter sich Deutschland von Lockdown zu Lockdown schiebt. Und der Politik fehlt nach wie vor das Patentrezept, gegen die Krise anzusteuern.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Impfstoff-Desaster: Die EU ist gescheitert<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">5.01.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Europa, Medien<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Wer ist Schuld am Impstoff-Desaster? Im Kreuzfeuer der Medien steht derzeit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Dem CDU-Politiker wird vorgeworfen, f\u00fcr das Impf-Debakel in Deutschland verantwortlich zu sein. Doch wie ein neuer Brief belegt, ist Spahn eher das Opfer einer europ\u00e4ischen Entscheidung, die ma\u00dfgeblich Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen zu verantworten haben.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Deutschland ist im Verzug. Zu sp\u00e4ter Impfbeginn, zu wenig Impfdosen. Anders als in Israel und den USA l\u00e4uft das Impfprojekt in der Bundesrepublik schleppend voran. Tausende von Corona-Gef\u00e4hrdeten in der Hochrisiko-Gruppe der 80-J\u00e4hrigen warten auf die Impfdosis \u2013 viele von ihnen werden jetzt schon auf Ende Januar und Mitte des Jahres vertr\u00f6stet. Dann kann es aber schon zu sp\u00e4t sein. Insonderheit in dieser Altersgruppe w\u00fctet das Coronavirus derzeit am st\u00e4rksten, die Corona-Toten in den Altenheimen steigen exponentiell seit Tagen an.<\/p>\n<p>Der Impfstoff galt als Rettungsanker in einer Pandemie, die immer mehr aus dem Ruder zu laufen droht. Dass mit der Impfung auch die strengen Corona-Ma\u00dfnahmen, AHA-Regeln und der Lockdown endlich der Vergangenheit angeh\u00f6ren, war versprochenes Ziel der Bundespolitik. Doch aus diesen bet\u00f6renden und aufmunteren Versprechungen wird derzeit wohl eher nichts. Der Lockdown geht in eine weitere Verl\u00e4ngerung und das Sterben geht ungebremst weiter.<\/p>\n<p>Doch wer ist daran schuld, dass Deutschland derzeit in der Corona-Krise so miserabel abschneidet? Fakt ist, die EU hat die Beschaffung von ausreichend Impfstoffen vers\u00e4umt. Der Br\u00fcssler Apparat ist zu b\u00fcrokratisch und zu langsam. Am 4. Januar ist ein Brief aufgetaucht (BILD hat berichtet), aus dem deutlich wird, das Bundeskanzlerin Merkel und EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen den Gesundheitsminister dazu dr\u00e4ngten, das Impfstoff-Mandat an die EU abzutreten.<\/p>\n<p>Nicht nur Spahn, der derzeit zu den beliebtesten deutschen Politikern z\u00e4hlt und an der Seite von Armin NRW-Ministerpr\u00e4sident Laschet dessen Kandidatur f\u00fcr den CDU-Vorsitz unterst\u00fctzt, musste sich f\u00fcr sein Engagement bei der Beschaffung des Impfstoffes entschuldigen. Schon im Sommer 2020 hatten sich Spahn und seine europ\u00e4ischen \u00a0Kollegen um gen\u00fcgend Impfstoff f\u00fcr alle Europ\u00e4er bem\u00fcht, doch Bundeskanzlerin Merkel hatte sich (\u201e<a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/das-impfstoff-desaster-merkels-groesster-fehler\/\">The European<\/a>\u201c berichtete gestern dar\u00fcber) entschieden, die Impfstoff-Beschaffung in die H\u00e4nde der EU legen. Dieser Entschluss der Kanzlerin kann nunmehr als eine schwere, ja, grob fahrl\u00e4ssige Fehlentscheidung interpretiert werden. Ob Merkel einen Impfstoff-Nationalismus bef\u00fcrchtete oder ob ihr Vertrauen in die Institutionen der EU so gro\u00df war, dar\u00fcber kann nur spekuliert werden. Gar wollte sie ihrer Vertrauten Ex-Ministerin von der Leyen noch gr\u00f6\u00dfere Macht und Einfluss verschaffen. Doch nach einem Jahr im Amt der Kommissionspr\u00e4sidentin m\u00fcsste mittlerweile klar geworden sein, wer hinter den Kulissen die gro\u00dfen Deals einf\u00e4delt und als eigentliche Chefin Europas regiert: Nicht die schon damals ungl\u00fccklich agierende Verteidigungsministerin, sondern eben Merkel! Europa ist ihr Parkett, der Boden, wo sie sich wohl f\u00fchlt und dem sie vielleicht zu viel zutraut. Sp\u00e4testens seit der Schlappe mit den Impfdosen m\u00fcsste auch Merkel ihren ungebremsten Enthusiasmus geh\u00f6rig nach unten korrigieren.<\/p>\n<h4>Vier Minister hatten kein Vertrauen in die Impfstrategie der EU<\/h4>\n<p>Spahn und seine Kollegen hatten bereits im Juni 2020 massive Zweifel daran ge\u00e4u\u00dfert, ob die EU \u00fcberhaupt in der Lage sei, rechtzeitig genug Impfstoff zu beschaffen. Dass dem nicht so ist, hat sich nun best\u00e4tigt. \u00a0Schlimmer noch: Die vier Minister mussten sich ausdr\u00fccklich f\u00fcr ihr Vorgehen bei der Beschaffung des lebensrettenden Impfstoffs in einem dem\u00fctigendem Ton f\u00fcr ihre Bem\u00fchungen bei der EU-Kommissionspr\u00e4sidentin entschuldigen. Sowohl Merkel als auch von der Leyen war diese Geste der Unterw\u00fcrfigkeit wichtig, wie der Brief belegt. Demgem\u00e4\u00df wurde das Schreiben auch so devot abgefasst: \u201eLeider\u201c, so schreiben die vier Minister, \u201ehaben die zeitgleichen Verhandlungen unserer Allianz Sorgen verursacht. Deswegen glauben wir daran, dass es von herausragender Wichtigkeit ist, einen gemeinsamen Ansatz gegen\u00fcber den verschiedenen Pharmakonzernen zu verfolgen. (\u2026) Wir sind uns einig, dass Geschwindigkeit von entscheidender Bedeutung ist. Deswegen halten wir es f\u00fcr sinnvoll, wenn die Kommission die F\u00fchrung in diesem Prozess \u00fcbernimmt.\u201c \u00a0Auch in Sachen Preisverhandlung \u00fcber m\u00f6gliche Impfstoff-Kandidaten entschuldigten sich die vier Gesundheitsminister daf\u00fcr, dass sie \u201enoch keine Verhandlungen \u00fcber die Bezahlung des AstraZeneca-Impfstoff\u201c gestartet h\u00e4tten. \u201eWir w\u00fcrden es sehr begr\u00fc\u00dfen, wenn die Kommission diese Verhandlungen \u00fcbernehmen w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Anders als EU, Kanzleramt und Spahn seit dem neuen Jahr behaupten, geht aus keiner Stelle des Briefes hervor, gute Preise f\u00fcr den Impfstoff zu verhandeln oder gar den \u201eImpfstoff-Nationalismus\u201c abzuwenden. Anders als derzeit dargestellt, spielten bei der \u00dcbergabe der zentralen Impfstoffverteilung an Br\u00fcssel diese \u00dcberlegungen keinerlei Rolle.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong>:<\/p>\n<p>Die Corona-Politik auf europ\u00e4ischer als auch nationaler Ebene ist desastr\u00f6s. Europa hat an einer entscheidenden Stelle versagt. Die Wirtschaft konnte die EU konsolidieren, gigantische Rettungspakete schn\u00fcren, aber die Einzelschicksale und die Hoffnung, die von den Menschen in den Impfstoff gesetzt wurden, hat sie vorerst entt\u00e4uscht. Anstatt das Corona-Management den einzelnen L\u00e4ndern zu \u00fcberlassen, wie es Spahn bei der Maskenorder bereits eigenm\u00e4chtig getan hatte, schaltete sich die EU gro\u00dfm\u00e4chtig selbst ein und ist bei der Impfstoffverteilung gewaltig gescheitert. Wer aber ist dann f\u00fcr eine Vielzahl von Toten verantwortlich, die mit einer Impfung wom\u00f6glich die Pandemie \u00fcberlebt h\u00e4tten? Das bleibt die Gretchenfrage und die moralisch-ethische schlechthin.<\/p>\n<p>Aber auch national l\u00e4uft nach wie vor vieles schief.\u00a0 Manche Bundesl\u00e4nder impfen auf Hochtouren, andere weniger. Auch hier gibt es keine ersichtliche Logik. Das einzige, was der Bundesregierung gerade einf\u00e4llt, ist ein Lockdown nach dem anderen zu verh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Der Unendlich-Lockdown, den SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu Beginn des neuen Jahres vorgeschlagen hatte, kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass man nach wie vor in Berlin nicht den einschl\u00e4gigen Plan hat, wie man wirkungsvoll gegen das Coronavirus agieren kann. Der Lockdown auf Sicht jedenfalls ist das falsche Mittel und lediglich ein Verschleierungsmittel der nach wie vor ungebremsten Corona-Irrlichterei. Das Impfdesaster jedenfalls offenbart die ganze <span class=\"aCOpRe\">Idiotie<\/span>: Einerseits sollen Kontakte beschr\u00e4nkt werden, damit sich das Virus nicht weiter verbreitet, andererseits k\u00f6nnen Menschen nicht geimpft werden, weil man in Europa nicht in der Lage ist, ausreichend Vakzine zu bestellen. Perverser und irrsinniger geht es kaum \u2013 und das mancher B\u00fcrger an alledem verzweifelt, ist keineswegs nur widersinnig, gar querdenkerisch oder sogar staatszersetzend, sondern einfach ein Resultat des Gesunden Menschenverstandes. Das Corona-Trauma und das Impfstoff-Desaster erinnern letztendlich an die \u201cTitanic\u201d, deren Untergang zu vermeiden gewesen w\u00e4re, wenn man nicht so fahrl\u00e4ssig, machtbessen und ignorant auf der Schiffsbr\u00fccke gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Angela Merkel: Der gr\u00f6\u00dfte Fehler ihrer Karriere<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">5.01.2021<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Angela Merkel ist von Natur aus Stoikerin, eine auch f\u00fcr Naturwissenschaftler nicht fremde philosophische Lebenseinstellung: bedacht, zur\u00fcckhaltend, wohl\u00fcberlegt, argumentativ, vern\u00fcnftig. Doch diese Tugenden k\u00f6nnten ihr nun zum Verh\u00e4ngnis werden. Ausgerechnet in ihrem letzten Amtsjahr kommt die Corona-Managerin in Bedr\u00e4ngnis \u2013 Deutschland hat zu wenig Impfstoff bestellt. Das k\u00f6nnte Merkel auf den letzten Metern noch gro\u00dfen Schaden zuf\u00fcgen, ihr Image f\u00fcr Jahre besch\u00e4digen und \u2013 vor allem und viel schlimmer \u2013 vielen Menschen das Leben kosten.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"ads_inner\">\n<div class=\"teads-adCall\"><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Als Naturwissenschaftlerin folgt Merkel dem Prinzip der Kausalit\u00e4t, als Politikerin pl\u00e4diert sie f\u00fcr Harmonie, als Person \u00fcbt sie sich anders als Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Boris Johnson in emotionaler Selbstbeherrschung. Alles Aufgeregte und Irrationale liegt ihr fern, eine gewisse Gem\u00fctsruhe geh\u00f6rt zu ihrer Wesensnatur. Und wo Merkel gegen ihr Naturell blitzschnell agierte, wie nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima oder bei ihrer Politik der offenen T\u00fcren 2015, erntete sie Hohn und Spott und kassierte mit dem Heraufziehen der AfD eine mehr als gespaltene Gesellschaft, die in der Pandemie noch mehr auseinanderdriftet. Doch nun droht mit ihrer Fehlentscheidung, die Verteilung des Impfstoffes an Br\u00fcssel abgegeben zu haben, dass sich der Lockdown ins Unendliche verschiebt und eine noch h\u00f6here Zahl an Corona-Toten zu beklagen ist, weil Deutschland nicht \u00fcber ausreichend Impfstoff verf\u00fcgt.<\/p>\n<h4><strong>Deutschland ist nicht mehr Herr der Lage im Kampf gegen das Coronavirus<\/strong><\/h4>\n<p>Angela Merkel und ihr Gesundheitsminister Jens Spahn hatten die Bundesrepublik moderat durch die erste Corona-Zeit gef\u00fchrt. In der zweiten Pandemiewelle jedoch hatte sich das Schicksalsblatt gegen die Kanzlerin und den schon als n\u00e4chsten Kanzlerkandidaten gehandelten Gesundheitsminister gewendet. T\u00e4glich steigt seit November die Zahl der Neu-Infizierten katapultartig in die H\u00f6he. Die Zahl der Corona-Toten ist auf fast 35.000 Anfang des neuen Jahres geschnellt, der Inzidenzwert liegt mancherorts fast bei 900, eigentlich sollte er die 50er-Marke nicht \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>Der \u201eLockdown light\u201c der Bundesregierung ist gescheitert und dem Land fehlen Impfstoffe. Und wenn der Lockdown nicht das probate Allheilmittel ist, die Jahrhundert-Pandemie zu b\u00e4ndigen, von der Merkel in ihrer Neujahrrede sprach, dann kann es wohl nur ein Impfstoff sein. Doch in Deutschland sind erst knapp 230.000 Menschen gegen das t\u00f6dliche Virus geimpft, w\u00e4hrend die Zahl der Geimpften in Israel die eine Millionen-Marke \u00fcberschritten hat. In den USA wurden bereits 4,2 Millionen Impfdosen der Vakzine von BioNTech\/Pfizer und Moderna verabreicht und knapp 13,1 Millionen ausgeliefert. Bahrein, Island, Gro\u00dfbritannien und D\u00e4nemark geh\u00f6ren zu denjenigen L\u00e4ndern, die am meisten impfen. Im Ranking ganz unten hingegen liegen Litauen, Bulgarien und Kuwait, Deutschland irgendwo mittendrin.<\/p>\n<h4><strong>Merkel und Spahn in der Kritik: Das Versagen der Impfstoff-Kategorie geht auf ihr Konto<\/strong><\/h4>\n<p>\u201eDie verheerendste Entscheidung der Kanzlerin in 15 Jahren Amtszeit\u201c titelte \u201eFocus\u201c-Kolumnist Jan Fleischhauer und machte Merkel und Spahn f\u00fcr das Impfstoffversagen verantwortlich. \u201eAus Furcht davor, des \u201eImpfstoffnationalismus\u201c bezichtigt zu werden, hat Deutschland nicht das gemacht, was wohl jedes andere Land gemacht h\u00e4tte: Zuerst an die eigenen Leute denken\u201c, schreibt Rainer Zitelmann. Selbst Kritik aus der altehrw\u00fcrdigen Leopoldina wird laut. Neurologin Frauke Zipp wettert gegen das politische Berlin: \u201eIch halte die derzeitige Situation f\u00fcr grobes Versagen der Verantwortlichen.\u201c H\u00e4tte man im Sommer mehr Impfdosen der Mainzer Firma BioNTech geordert, h\u00e4tten wir \u201esie jetzt zur Verf\u00fcgung.\u201c SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der die drei schlimmsten Monate der Pandemie noch vor den Deutschen liegen sieht, hat deutliche Defizite beim Kanzleramt und beim Gesundheitsministerium angemeldet. SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese ging noch h\u00e4rter mit Spahn ins Gericht: \u201eIch bin derzeit schon entsetzt \u00fcber Jens Spahn\u201c. Er m\u00fcsse \u201eendlich seinen Aufgaben nachkommen und die offensichtlichen Probleme unverz\u00fcglich in den Griff bekommen\u201c. Auch vom ehemaligen Unions-Koalitionspartner, der FDP, hagelt es an Vorw\u00fcrfen. So hat FDP-Fraktionsvize Michael Theurer Gesundheitsminister Spahn wegen des knappen Impfstoffs angegriffen. \u201eEr hat aber die Fehlentscheidung der Bundesregierung nicht korrigiert und versagt.\u201c Und Parteikollege Wolfang Kubicki, stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP, machte die Bundesregierung f\u00fcr den \u201ekatastrophalen Impfstart\u201c verantwortlich. Dabei handelt es sich um \u201eeinen weiteren schweren Fehler der Bundesregierung in der Bek\u00e4mpfung der Corona-Pandemie\u201c. Die \u201eruhige Hand\u201c der stoischen Kanzlerin habe sich nicht bew\u00e4hrt, stattdessen sei die Politik konzeptlos, so Kubicki. Und gegen Spahn legt er nach: Zwar sei die Entscheidung, den Impfstoff im europ\u00e4ischen Verbund besorgen zu wollen, nachzuvollziehen, aber: \u201eWenn dies aber am Ende dazu f\u00fchrt, dass nationale Interessen eine schnelle fl\u00e4chendeckende europaweite Versorgung verhindern, dann liefert man den Brexit-Bef\u00fcrwortern das Ausstiegsargument nachtr\u00e4glich an die Hand. Gro\u00dfbritannien steht jedenfalls ohne die EU in Sachen Impfung deutlich besser da.\u201c F\u00fcr Kubicki erhielt nun der Bundesgesundheitsminister f\u00fcr die Nicht-Beschaffung des Impfstoffes deutlich schlechtere Noten. \u201eDer damit verbundenen Verantwortung ist er nicht gerecht geworden, das ist mittlerweile offensichtlich.\u201c<\/p>\n<p>Unterdessen hat auch der bayerische Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der gegen die Impf-Strategie der EU gewettert, die zudem auf falsche Hersteller gesetzt habe. Die Attacke des bayerischen Machiavelli S\u00f6der richtet sich nat\u00fcrlich auch gegen das Berliner Nichtkrisen-Management und macht ihn so weiterhin zum Mann der ersten Stunde, der einzig als Kanzler das Land vor dem Corona-Untergang retten k\u00f6nne. In der Stunde der Kritik erweist sich S\u00f6der wieder einmals als knallhart kalkulierender Machtpolitiker, der keine Gelegenheit au\u00dfer Acht l\u00e4sst, sich selbst zu promoten.<\/p>\n<h4><strong>Merkels Prinzip Hoffnung<\/strong><\/h4>\n<p>Wenn das einzig probate Mittel im Kampf um das Coronavirus nicht da ist, hilft auch Merkels Neujahrsappell zu mehr \u201eZusammenhalt\u201c und noch mehr Lockdown wenig. Merkel hat anstelle ihrer sonst so pragmatischen Vernunft nun scheinbar das Prinzip Hoffnung gesetzt: \u201eSeit wenigen Tagen hat die Hoffnung Gesichter: Es sind die Gesichter der ersten Geimpften\u201c, betonte sie in ihrer Neujahrsansprache. \u201eTagt\u00e4glich werden es mehr.\u201c \u201eHoffen lassen mich auch die Wissenschaftler \u2013 weltweit, aber gerade auch bei uns in Deutschland. Der erste verl\u00e4ssliche Coronatest wurde hier entwickelt \u2013 und nun auch der erste in Europa und vielen L\u00e4ndern der Welt zugelassene Impfstoff. Er ist aus der Forschungsarbeit eines deutschen Unternehmens hervorgegangen und wird jetzt als deutsch-amerikanische Koproduktion hergestellt.\u201c Doch die Bundesrepublik hatte es vers\u00e4umt, gerade bei der deutschen Firma BioNTech ausreichend Impfstoffe zu ordern. Und gr\u00f6\u00dfer zeigte sich dar\u00fcber hinaus die fatale Entscheidung, die Verteilung der Impfstoffe an Br\u00fcssel zu delegieren, wo, wie Fleischhauer zu recht betont, \u201ezun\u00e4chst die politischen Aspekte in den Blick\u201c genommen werden und \u201edann erst die pragmatischen\u201c. Selbst Biontech-Gr\u00fcnder Ugur Sahin brachte sein Verwundern \u00fcber die Impfstoffstrategie im \u201eSpiegel\u201c zum Ausdruck. \u201eOffenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle.\u201c<\/p>\n<p>Das Prinzip Hoffnung, das Merkel wie ein Mantra immer wiederholt, mag zwar selbst zu einer konkreten Utopie im Sinne Ernst Blochs taugen, einem Prozess der Verwirklichung, in dem die n\u00e4heren Bestimmungen des Zuk\u00fcnftigen tastend und experimentierend hervorgebracht werden. Doch dieser militante Optimismus \u00e0 la Bloch, den Merkel verspr\u00fcht, ist derzeit fehl am Platz. Merkel, die Europ\u00e4erin, ohne die in der EU wenig in den letzten Jahren zusammenlief, hat mit der gemeinsamen europ\u00e4ischen Impfstoff-Strategie ein Verfahren in Kauf genommen, das letztendlich zu langsam und zu b\u00fcrokratisch verfilzt anlief und das eine unangenehme Spur von Toten nach sich ziehen k\u00f6nnte. Ethisch moralisch ist das katastrophal \u2013 zumal das Verschulden selbst gemacht ist. Wer wird sich daf\u00fcr verantwortlich zeigen, gerade in einem Land, wo Einzelw\u00fcrde und Verantwortungsethik an erster Stelle stehen und kein utilitarischer Ansatz die Regie f\u00fchrt. Als die EU ihre Strategie vorstellte, hatten die USA schon mit ihrer Vakzin-Shopping-Tour begonnen. Die pragmatischen Amerikaner waren den Moralisten Europas wieder um L\u00e4ngen voraus. Be\u00e4ngstigend f\u00fcr das Abendland \u2013 das auf Humanismus und Aufkl\u00e4rung als die Sch\u00e4tze der Kultur und die grundrechtlich verbriefte W\u00fcrde des Einzelnen zur\u00fcckblicken kann.<\/p>\n<h4><strong>Merkel ist also im Krisenmodus. Wieder einmal \u2013 Doch es steht mehr auf dem Spiel <\/strong><\/h4>\n<p>Merkel ist also im Krisenmodus. Wieder einmal. Ob Finanzkrise oder Migrationswelle, die deutsche Bundeskanzlerin muss immer nachjustieren. Anders als Vorg\u00e4nger Helmut Kohl ist Merkel permanent zu Reparaturen gezwungen. Am Ende ihrer Ratspr\u00e4sidentschaft ist ihr das noch einmal gegl\u00fcckt. Durch sie konnte auf europ\u00e4ischer Ebene das Investitionsabkommen mit China, der Brexit-Pakt und die schwierige Einigung um das von Ungarn und Polen im Rechtsstaatskonflikt blockierte EU-Budget buchst\u00e4blich in letzter Minute einget\u00fctet werden.<\/p>\n<h4>Spahn macht immer mehr Fehler<\/h4>\n<p>Doch jetzt geht es um Menschenleben \u2013 und die Unachtsamkeit, das Merkel und Spahn durch zu wenig Impfstoffe das Sterben m\u00f6glicherweise verl\u00e4ngern, wiegt schwer. Dieses Debakel k\u00f6nnte auch dem erfolgsverw\u00f6hnten Spahn letztendlich in die Knie zwingen. Die Liste an Fehlern und Vers\u00e4umnissen, die auf das Konto des Bundesgesundheitsministers gehen, wird immer l\u00e4nger. Begonnen hatten sie mit der untersch\u00e4tzten Gefahr des Virus, dann hatte er nicht gen\u00fcgend Masken geordert. Auch mit seiner Einsch\u00e4tzung, dass es zu einer Schlie\u00dfung des Einzelhandels wie im ersten Lockdown nicht mehr kommen w\u00fcrde, irrte er sich erneut. Nun k\u00f6nne das \u201eRuckeln\u201c bei der Impfkampagne Spahn vom Gewinner der Krise zum Verlierer machen. Schon Helmut Schmidt, der gro\u00dfe SPD-Bundeskanzler und bekennende Stoiker, hatte geraten: Nur eine \u201en\u00fcchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft\u201c kann das Erfolgsrezept in Krisenzeiten sein. Dies gilt jetzt um so mehr: Die einzige L\u00f6sung im Kampf gegen das Coronavirus bleibt der Impfstoff: Und das hat Markus S\u00f6der erkannt. Auf Twitter schreibt er: \u201eDie Impfung ist die einzige Langzeitstrategie gegen Corona. Wir m\u00fcssen daher so schnell und so viel Impstoff wie m\u00f6glich besorgen. Nur so k\u00f6nnen wir unsere Freiheit St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zur\u00fcckgewinnen. Je mehr Impfungen, desto weniger Einschr\u00e4nkungen sind n\u00f6tig.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Der Musiker der Freiheit \u2013 Ludwig van Beethoven feiert seinen 250. Geburtstag<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">26.12.2020<\/span><span class=\"article_dots cat\">Europa, Medien<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Es gibt Meisterdenker und Klassiker der Musikgeschichte. Ludwig van Beethoven war Deutschlands Genius der Symphoniekantate. Damit betrat er neuen Boden und schuf eine Musik, die auch nach zwei Jahrhunderten immer noch fasziniert. Vor 250 Jahren wurde das Genie in Bonn geboren, doch zu Ruhm wird er erst in seiner Wiener Zeit gelangen. Was aber fasziniert Beethoven an den Idealen der Aufkl\u00e4rung? Wir begeben uns auf Spurensuche. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Vor 250 Jahren, am 17. Dezember 1770, wurde er in Bonn geboren, das Genie Ludwig van Beethoven. Und er war der Revolution\u00e4r in Geist und Musik, Sprengstoff pur, emotional wie ein Vulkan, ein \u00dcbermensch, der f\u00fcr eine neue Epoche der Musik steht und Mozarts fulminanter Klassik seine Symphoniekantate entgegensetzen wird. Bekannte sich der Salzburger Wunderknabe bereits in, \u201eLe nozze di Figaro\u201c, im \u201eDon Giovanni\u201c und in der \u201eDer Zauberfl\u00f6te\u201c zu den freiheitlich-b\u00fcrgerlichen und antimonarchischen Idealen der Freimaurer, folgt ihm Beethoven dann, wenn er sich selbst als gl\u00fchender Verfechter der franz\u00f6sischen Revolutionsideen versteht, die er dann heroisch in seiner 9. Sinfonie als sein h\u00f6chstpers\u00f6nliches Glaubensbekenntnis manifestiert.<\/p>\n<h4>Der Ruf nach Freiheit war explosiv<\/h4>\n<p>Es war der Sieg der Aufkl\u00e4rung \u00fcber den Absolutismus. Was 1789 als Franz\u00f6sische Revolution begann, hatte die Weltgeschichte gr\u00fcndlich ver\u00e4ndert und die Fundamente der Moderne gezimmert. Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit pfiff es durch die Gassen und z\u00fcndete dann in den K\u00f6pfen jene Feuer, die seither f\u00fcr die Freiheit brennen. Ob die deutschen Idealisten, ob Friedrich Schiller oder die Romantiker \u2013 ihnen allen wurde Freiheit zum Losungswort von Dichtung und Kultur \u2013 und f\u00fcr den Bonner Ludwig von Beethoven zur Passion. Schillers Ode \u201eAn die Freude\u201c ist es, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, die er aber erst 1824, drei Jahre vor seinem Tod, grandios und gigantisch in Musik vollenden kann.<\/p>\n<h4>Beethovens Angst vor dem System Metternich<\/h4>\n<p>Schillers Ode, das \u201eumschlungen Millionen\u201c im vierten Satz von Beethovens \u201eNeunter\u201c, war auch f\u00fcr den Bonner das Menschheitsideal. Und wie sich einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts \u00fcber den \u201ePoliceystaat\u201c beklagt, so litt auch Beethoven an der Bespitzelung, an der Restauration und einem aufstrebenden Adel unter Metternich nach dem Wiener Kongress 1814\/15. \u201eSprecht leise! Haltet euch zur\u00fcck! Wir sind belauscht mit Ohr und Blick\u201c, hei\u00dft es bekanntlich im Freiheitschor der einzigen Oper, dem \u201eFidelio\u201c. Der Ruf nach Freiheit drohte in Deutschland zumindest wieder zu ersticken. Und wie einst Jean-Jacques Rousseau ein \u201eZur\u00fcck zur Natur\u201c einklagen wird, so ist Beethovens Neunte ein Aufruf an das entm\u00fcndigte B\u00fcrgertum, liberal, grenzenlos, f\u00fcr die Ewigkeit der Menschheit gedacht, ein globaler Freiheitsruf par excellence, der mit Schiller an das Frankreich im Jahr 1789 erinnert und die Bande neu kn\u00fcpfen will.<\/p>\n<h4>Schiller, der Meisterdenker der Freiheit<\/h4>\n<p>Beethoven war ein gl\u00fchender Verfechter der franz\u00f6sischen Ideen und Schiller lieferte den Stoff dazu. 1885 hatte der Dichter in Leipzig-Gohlis f\u00fcr seinen Freund K\u00f6rner, wie Mozart ebenfalls Freimaurer und Aufkl\u00e4rer, die Strophen geschrieben, die Weltgeschichte machen sollten. Doch dieser Schiller war kein unbeschriebenes Blatt. War er doch der Autor der \u201eDie R\u00e4uber\u201c und in ganz Deutschland frenetisch gefeiert. Und Schiller selbst derzeit noch ein Ausgesto\u00dfener und Fl\u00fcchtiger, verbannt aus dem Herzogtum W\u00fcrttemberg unter Herzog Karl Eugen, hatte das Joch der Tyrannei endg\u00fcltig abgestreift. Der Verve der Ode war geballte Kraft eines Genius, der sich die Freiheit geradezu aus der Seele schreibt. Dieser Wille zur Unb\u00e4ndigkeit, dieser Frevel, die bestehende Ordnung kritisch zu hinterfragen, diese Lebendigkeit und das Pathos der Freiheitsbeschw\u00f6rung haben Beethoven, der seit 1802 zunehmend an Schwerh\u00f6rigkeit litt und dies im ber\u00fchmten \u201eHeiligenst\u00e4dter Testament\u201c verewigte, befl\u00fcgelt, gegen das R\u00e4derwerk des Absolutismus zu opponieren. Diese Energie hat dem Krankheitsgeplagten immer wieder das Blut in den Adern auflodern lassen.<\/p>\n<h4>Faszination und Geheimnis \u2013 Der wird keine Zehnte geben<\/h4>\n<p>Die 9. Sinfonie, die d-Moll-Symphonie, sei vergleichbar mit Da Vincis Mona Lisa, so zumindest hatte sie Claude Debussy 1901 beschrieben. Faszinierend und zugleich geheimnisvoll. Faszinierend wirkte sie auf Robert Schumann, f\u00fcr den sie einen Endpunkt markierte, wo Ma\u00df und Ziel der Instrumentalmusik ersch\u00f6pft seien. Von Erl\u00f6sung wird sp\u00e4ter Richard Wagner sprechen, da \u201eauf sie kein Fortschritt mehr m\u00f6glich\u201c sei, \u201edenn auf sie unmittelbar kann nur das vollendete Kunstwerk der Zukunft, das allgemeine Drama folgen.\u201c Der Barrikadenst\u00fcrmer Wagner, der Revolution\u00e4r, wurde sodann von den Aufst\u00e4ndischen feurig begr\u00fc\u00dft, als am 6. Mai 1849 die Alte Dresdner Oper in den Flammen aufging. \u201eHerr Kapellmeister, der \u201aFreude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken\u2019 hat gez\u00fcndet, das morsche Geb\u00e4ude ist in Grund und Boden verbrannt\u201c.<\/p>\n<p>Die Interpretationsgeschichte eine der bekanntesten deutschen Symphonien, Beethovens \u201eNeunter\u201c, hat sich leicht neben Hegels ber\u00fchmter Dialektik geschrieben und hatte statt Harmonie Dissonanzen wie Unkraut hervor treiben lassen. Zerfiel Hegels Philosophie einerseits mit Kierkegaard in den Existentialismus, mit Marx bekanntlich in den fatalen sozialistischen Realismus, der mit Lenin und Stalin die Orgien des Todes feierte, so hat kaum ein anderes Kunstwerk als die 9. Symphonie weit \u00fcber Beethovens Tod hinaus den deutschen Geist polarisiert. Beethoven starb 1827, krank, taub, vom Leben stigmatisiert, doch ungebrochen blieb sein Pathos f\u00fcr die Freiheit.<\/p>\n<h4>Thomas Mann warnte vor der \u201eNeunten\u201c<\/h4>\n<p>Widmete Beethoven einst die \u201eNeunte\u201c Friedrich Wilhelm III. von Preu\u00dfen, in Erwartung, dass sich der z\u00f6gerliche und zaudernde Regent, der reformwillig, aber nach der Restauration zugleich wieder zum Hardliner wurde, Pressefreiheit und b\u00fcrgerliche Freiheitsrechte zugunsten des Adels verbr\u00e4mte, f\u00fcr den Gedanken b\u00fcrgerlicher Freiheit begeistern m\u00f6ge, forderte sp\u00e4ter Dichterf\u00fcrst Thomas Mann sogar in seinem \u201eDoktor Faustus, Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverk\u00fchn, erz\u00e4hlt von einem Freunde\u201c, die 9. Sinfonie zur\u00fcckzunehmen. \u201eDas Gute und Edle\u201c, antwortete er mir, \u201ewas man das Menschliche nennt. Um was die Menschen gek\u00e4mpft, wof\u00fcr sie Zwingburgen gest\u00fcrmt, und was die Erf\u00fcllten jubelnd verk\u00fcndigt haben, das soll nicht sein. Es wird zur\u00fcckgenommen. Ich will es zur\u00fccknehmen,\u201c so der Protagonist Leverk\u00fchn. Doch was trieb den Literaturpreistr\u00e4ger Mann dazu, Beethovens \u201eNeunte\u201c zur\u00fccknehmen zu wollen?<\/p>\n<h4>Von links bis rechts<\/h4>\n<p>Beethovens 9. Symphonie orchestrierte die Welt, ob von links oder von rechts. Als Hymne der Befreiung aus geistiger Sklaverei, selbstherrlichem Despotentum erwachte sie als musikalisches Manifest der Arbeiterbewegung, trug sie doch wie kaum ein anderes Werk den Emanzipationsgedanken von Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit wie ein glorreiches Transparent vor sich her. Sie galt f\u00fcr die Lohnarbeiter als Befreiungsschlag gegen\u00fcber der Tyrannei eines entfesselten kapitalistischen Unterdr\u00fcckungssystems.<\/p>\n<h4>Ideologisierung durch den Diktator Josef Stalin<\/h4>\n<p>F\u00fcr den sowjetischen Diktator Josef Stalin, der Millionen von Menschen in die Gulags oder auf dem Schafott seiner Ideologien opferte, war sie \u201edie richtige Musik f\u00fcr die Massen\u201c, die \u201enicht oft genug aufgef\u00fchrt werden\u201c k\u00f6nne. Ein geradezu linksradikaler Beethovenkult hatte sich in der Stalin-\u00c4ra etabliert, eine Beethoven-Epidemie \u00fcberschwemmte regelrecht die sozialistische Sowjetrepublik und Beethovens Freiheitsideal wurde von den linken Machthabern instrumentalisiert, so dass vom urspr\u00fcnglichen Freiheitsgedanken rein nichts mehr \u00fcbrig bleiben sollte.<\/p>\n<p>Radikalisierte Stalin die \u201eOde an die Freiheit\u201c in ihrer Einseitigkeit, so fand auf der anderen Seite geradezu eine nationale Hysterie um Beethoven statt. Die deutschnationale Bewegung entflammte mit ihren Stereotypen f\u00fcr die 9. Symphonie, verdrehte die einstigen Ideale, stellte sie quasi vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe und rechtfertige samt ihrer den grausamen Kampf der NS-Regimes. Freiheit hie\u00df nun bei Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels, was die Nazis darunter verstanden: S\u00e4uberung von unwertem Leben, Volk ohne Raum-Politik und die Ausl\u00f6schung ganzer Ethnien wie sie sich im Holocaust spiegelte.<\/p>\n<h4>Beethovens Vereinnahmung durch die Nazis<\/h4>\n<p>Was der St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger und sp\u00e4tere Klassiker Friedrich Schiller einst in rauschhafter Freude verfasste und Beethoven in Musik verwandelte, entartee im Dritten Reich zur nationalistischen Hybris, zur Titanenmusik von Krieg, Terror und dem zweifelhaften Freiheitsgedanken der Nazis. So verk\u00fcndigte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1942 auf einer Feier der NSDAP zum 53. Geburtstag von Adolf Hitler: \u201eDiesmal sollen die Kl\u00e4nge der heroischsten Titanenmusik, die je einem faustischen deutschen Herzen entstr\u00f6mten, dieses Bekenntnis in eine ernste und weihevolle H\u00f6he erheben.\u201c Und Goebbels weiter: \u201eWenn am Ende unserer Feierstunde die Stimmen der Menschen und Instrumente zum gro\u00dfen Schlussakkord der neunten Sinfonie ansetzen, wenn der rauschende Choral der Freude ert\u00f6nt und ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe und Weite dieser Zeit bis in die letzte deutsche H\u00fctte hineintr\u00e4gt, wenn seine Hymnen \u00fcber alle Weiten und L\u00e4nder erklingen, auf denen deutsche Regimenter auf Wache stehen, dann wollen wir alle, ob Mann, ob Frau, ob Kind, ob Soldat, ob Bauer, ob Arbeiter oder Beamter, zugleich des Ernstes der Stunde bewusst werden und ihm auch das Gl\u00fcck empfinden, Zeuge und Mitgestalter dieser gr\u00f6\u00dften geschichtlichen Epoche sein zu d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte Beethoven, so er denn den Weitblick in die Zukunft gehabt h\u00e4tte, die \u201eNeunte\u201c gar nicht geschrieben, weil sie von links und rechts missbraucht wurde? Doch, er h\u00e4tte sie geschrieben, weil er als \u00fcberzeugter Idealist auch daran glaubte, dass man doch aus der Geschichte lernen kann und letztendlich die Freiheit \u00fcber die Tyrannei siegen wird.<\/p>\n<h4>Die Erl\u00f6sung wartet noch<\/h4>\n<p>Aber geheimnisvoll blieb sie, weil sie mit der Aura des Todes seltsam umwoben war, gar eine Offenbarung des nahen Endes bedeuten sollte. Beethoven wird keine \u201eZehnte\u201c mehr schreiben, ebenso wenig wie Anton Bruckner. Auch Gustav Mahler hatte Angst vor dem Begriff \u201eNeunte Symphonie\u201c. Und auch er wird seine nicht \u00fcberleben. Der Mythos der Neunten kulminierte so im Aberglauben, dass kein Symphoniker dar\u00fcber hinauskommen sollte. Wie sehr Segen und Fluch sich in ihr verbanden, brachte 1912 Arnold Sch\u00f6nberg auf den Punkt: \u201eDie Neunte ist eine Grenze. Wer dar\u00fcber hinaus will, muss fort. Es sieht aus, als ob uns in der Zehnten etwas gesagt werden k\u00f6nne, wof\u00fcr wir noch nicht reif sind. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht w\u00e4ren die R\u00e4tsel dieser Welt gel\u00f6st, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schrieb.\u201c<\/p>\n<h4>Mehr Aktualit\u00e4t Beethovens geht nicht<\/h4>\n<p>Sp\u00e4testens als Europahymne, die die 9. Symphonie seit 1972 ist, steht sie f\u00fcr Beethovens Wunsch nach universaler und globaler Freiheit. Jenseits von Blutrausch, Nationalismus und Chauvinismus, \u201ewas der Mode Schwerd getheilt\u201c, bleibt die Vision des Bonner Musikers zu h\u00f6chst aktuell in einem Europa, das sich \u201eEinheit in Vielfalt\u201c auf die Fahnen geschrieben hat. Und Beethoven wie Schiller sind auch nach \u00fcber 200 Jahren die geistigen Vordenker f\u00fcr eine Welt, wo gemeinsame Werte regieren, wo Verschiedenheit der Kulturen kein Frevel, sondern eine Bereicherung ist, und wo es den Gedanken zu verteidigen gilt, dass alle Menschen Br\u00fcder werden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Das Malergenie Gerhard Richter legt mit 88 Jahren den Pinsel aus der Hand<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">21.12.2020<\/span><span class=\"article_dots cat\">Europa, Medien<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Er ist der realistischste und abstrakteste deutsche K\u00fcnstler. Seit Jahren spielt Gerhard Richter in der Champions-League der Kunst. Seine Kunstwerke erzielen Rekordsummen bei den gr\u00f6\u00dften Auktionsh\u00e4usern der Welt. Doch der Malerf\u00fcrst geht in den Ruhestand \u2013 verdient hat er ihn. Mit 88 Jahren legt Richter den Pinsel aus der Hand.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p>Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden im Osten der Republik, ist immer noch ein Marathonl\u00e4ufer. Kaum einer kann auf ein derartig vielschichtiges Werk zur\u00fcckblicken, kaum einer hat derart monumentale Serien entworfen, kaum einer hat die Kunst der Nachkriegsjahre so nachhaltig gepr\u00e4gt. Voller Kraft und Dynamik erstrahlen seine abstrakten Visionen, ein Zusammenspiel von Vitalit\u00e4t und Disziplin, lyrischem Ma\u00df und sinnlichem Pathos.<\/p>\n<h4>Malen gegen das Vergessen<\/h4>\n<p>Der Stipendiat der Dresdner Hochschule hatte fr\u00fch Karriere im Osten gemacht, galt als Wandmaler zu den gefragten K\u00fcnstlern der noch jungen Republik. Doch Richter, dem \u201ePicasso des 21. Jahrhunderts\u201c, war die Enge des Staates, der Sozialistische Realismus nicht genug. Richter wollte mehr \u2013 die Freiheit schlechthin. Und diese eroberte er sich nach der Flucht in den Westen 1961. In D\u00fcsseldorf wurde er Professor, ein gefeierter Star, dem sich in den 90er-Jahren buchst\u00e4blich die ganze Welt auftat. Aber erst in Amerika feierte er Welterfolge, wurde zum gefragtesten Maler der Moderne preisgekr\u00f6nt und dann mit Werkschauen weltweit f\u00f6rmlich \u00fcberh\u00e4uft. Ob mit seinem Bild \u201eEma\u201c oder dem \u201eTisch\u201c, Richter hat im ruhigen Fluss einer Arbeit immer wieder mit Nachdruck vorgef\u00fchrt, was Malerei noch zu leisten vermag und dass sie sich gegen das Diktum der nachgesagten Unm\u00f6glichkeit, nach Auschwitz noch ein Bild zu malen, kraftvoll entgegengestellt hat. Richter malte gegen das Vergessen, flirtete mit Fluxus, Fotorealismus und Pop Art und Readymade \u2013 doch einordnen in eine Richtung lie\u00df er sich nie. Seit Beginn der 60er-Jahre hatte er seine eigene Form gefunden, die Idee, Fotografien abzumalen, die R\u00e4nder der Figuren zu verwischen und damit Unsch\u00e4rfe zu erzeugen. Richter ist ein Unangepasster in der Kunst geblieben, einem, dem das Experimentieren alles ist, der sich weder in das Korsett des Sozialistischen noch des Kapitalistischen Realismus pressen lie\u00df.<\/p>\n<h4>Kunst bleibt ein Geheimnis<\/h4>\n<p>Jenseits von einer regulativen Kunst\u00e4sthetik war es das Spiel mit den Farben, Formen und Materialien, die er auf eine ganz eigene Art und Weise zum Sprechen brachte. Immer war es die Zerbrechlichkeit des Subjekts, seine Fragilit\u00e4t, die er \u00fcber die Dinge und Figuren legte, um zu zeigen, dass die Malerei um einen beh\u00fcteten privaten Kern spielt, den sie nicht preisgibt, der ihr Geheimnis bleibt.<\/p>\n<p>Antisubjektivistisch ist die Kunst \u00fcber die fast 70 Jahre seines k\u00fcnstlerischen Schaffens geblieben. Nie wollte er, dass seine Bilder f\u00fcr die Wahrheit schlechthin stehen, sondern gerade in der Offenheit des Kunstwerks sah er den weisenden Charakter, wo der Zufall eine nicht unbedeutende Rolle spielt. \u201eVon den Bildern lernen\u201c wurde seine Maxime und die Bilder damit eigentlich zum Objektiven. Seine Arbeitsweise hatte Richter, der malt und \u00fcbermalt, der Unsch\u00e4rfe zeichnet, in grau-schwarz und wei\u00df oder sp\u00e4ter immer farbenfroher, in den 60er-Jahren als einen Prozess beschrieben, wo der Verstand ausgeschaltet ist, Pinsel und Rakel regieren und wo sich die Kunst selbst erschafft. \u201eWenn ich eine Fotografie abmale, ist das bewusste Denken ausgeschaltet. Ich wei\u00df nicht, was ich tue\u201c. Noch deutlicher sein Credo: \u201eDas Denken ist beim Malen das Malen.\u201c Nicht die Idee, wie bei der Fluxus-Bewegung, ist das produktive Element, das hinter allem gravit\u00e4tisch regiert, sondern im Akt des k\u00fcnstlerischen Agierens kommt etwas hervor, das es so vorher nicht gab. Kunst als \u00dcberraschung: \u201eIch m\u00f6chte am Ende ein Bild erhalten, das ich gar nicht geplant hatte. Ich m\u00f6chte ja gern etwas Interessanteres erhalten als das, was ich mir ausdenken kann.\u201c Dass Richter hiermit ganz explizit postmodern ist, liegt auf der Hand. Das Kunstwerk ist autonom, das Subjekt tritt in den Hintergrund und das so entstandene Werk bleibt jederzeit von jedermann interpretierbar. Es gibt einen Sinn, stellt ihn wieder in Frage, verweist \u00fcber sich hinaus, ohne sich doch restlos zu offenbaren. Es legt Spuren des Interpretierbaren, aber eben nur Spuren, die Spuren erzeugen. \u201eEs demonstriert die Zahllosigkeit der Aspekte, es nimmt uns unsere Sicherheit, weil es uns die Meinung und den Namen von einem Ding nimmt, es zeigt uns das Ding in seiner Vieldeutigkeit und Unendlichkeit, die eine Meinung und Ansicht nicht aufkommen l\u00e4sst.\u201c Helge Meister hatte Richters Abmalvorgang ganz konkret beschrieben: \u201eIn Illustrierten, Zeitungen, Fotoalben und Fachb\u00fcchern sucht er seit Jahren nach geeigneten Fotos, schneidet sie aus, legt sie unter ein Episkop und projiziert die nun stark vergr\u00f6\u00dferten Bilder auf eine leere Leinwand. Auf ihr zieht er mit Kohle nach und pinselt Menschen wie R\u00e4ume mit schwarzer, grauer und wei\u00dfer Farbe aus. [\u2026] Die noch nassen Farben \u00fcbermalt er mit einem breiten Pinsel, zieht die Konturen ineinander, egalisiert die Farbunterschiede.\u201c<\/p>\n<h4>Richters Maxime: \u201eEtwas entstehen lassen, anstatt kreieren\u201d<\/h4>\n<p>Richters Quevre, die sich darin aussprechende Diskontinuit\u00e4t, hatten Kritiker als \u201eStilbruch als Stilprinzip\u201c bezeichnet \u2013 doch genau dadurch zeichnet sich Richters Einmaligkeit aus. Er versteckt gegenst\u00e4ndliche Motive hinter zahlreichen \u00dcbermalungsschichten, verwischt diese wieder in einem wilden Farbnebel, bricht mit tradierten Formen und beginnt neu. Der Stilbruch ist kein Tabu, sondern der kreative Akt selbst.<\/p>\n<p>So sehr sich Richters Kunst zwischen Realismus und Abstraktion in einem Wechselspiel aufbaut, fotografischen Serien, Landschaften, Portr\u00e4ts, Stillleben und historische Stoffe zu neuer Lebendigkeit verhilft, es ist seine forschende und experimentierende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die seine Kunst zu etwas h\u00f6chst Eigenst\u00e4ndigen und Unverwechselbaren werden l\u00e4sst. Und selbst wenn er auf klassische Sujets der Kunst zur\u00fcckgreift, so sind seine fotorealistischen Naturdarstellungen, seine nach Fotografien gemalten unscharfen Gem\u00e4lde sowie die Gem\u00e4lde mit h\u00f6chster Abstraktionskraft bis hin zu Glas- und Spiegelobjekten beziehungsweise Installationen immer Spiegel dessen, was sich nicht voraussehen l\u00e4sst. Das Ergebnis ist jedes Mal ein anderes und nur bedingt steuerbar. \u201eEtwas entstehen lassen, anstatt kreieren,\u201d hei\u00dft es bei Richter. \u201eWenn ich nicht wei\u00df, was da entsteht, also kein festes Bild habe wie bei einem Foto, das ich abmale, dann spielen Willk\u00fcr und Zufall eine wichtige Rolle.\u201d<\/p>\n<h4>L\u00e4ngst im K\u00fcnstlerhimmel angekommen<\/h4>\n<p>Wenn es um Ehre, Weltruhm und Ewigkeit geht, ist Gerhard Richter schon l\u00e4ngst im G\u00f6tterhimmel der Kunst angelangt. Und dort hat der Ewig-Schaffende schon jetzt einen festen Platz, was gar nicht so einfach f\u00fcr einen Atheisten \u201emit Hang zum Katholizismus\u201c ist. Doch \u201eohne den Glauben an eine h\u00f6here Macht oder etwas Unbegreifliches\u201c k\u00f6nne er nicht leben. Es ist das Bekenntnis eines religi\u00f6s nicht ganz unmusikalischen Malers, der faustisch mit den Energien des Kreativen ringt, mit dem produktiven D\u00e4mon, der ins Unendliche treibt und Werke schafft, die ihresgleichen suchen.<\/p>\n<p>Starall\u00fcren hat sich Richter stets verweigert, er ist kein Markus L\u00fcpertz. Richter ist ein unabh\u00e4ngiger K\u00fcnstlertyp geblieben. Das Malergenie liebt es eher unpr\u00e4tenti\u00f6s, er ist denkbar bescheiden, der Hype um seine Person ihm unangenehm. Lange schon hatte sich der heute 88-J\u00e4hrige von der Oberfl\u00e4che der Eitelkeiten verabschiedet und in das Villenviertel Hahnwald in seiner Wahlheimat K\u00f6ln zur\u00fcckgezogen. Den gr\u00f6\u00dften Teil der heutigen Auktionskunst h\u00e4lt er allerdings f\u00fcr \u00fcberteuert. Was fehle, sei der Ma\u00dfstab f\u00fcr die Beurteilung des Wertes von Kunstwerken. \u201eWenn Sie die Auktionskataloge sehen, da wird ja 70 Prozent M\u00fcll f\u00fcr teures Geld verkauft.\u201c \u201eDie Kriterien\u00adlosigkeit, die ist schon das H\u00e4rteste dabei.\u201c Zwar finde er es angenehm, er, der sich nie als Marketingstratege verkauft hat, dass f\u00fcr seine Werke Millionensummen bezahlt werden, es zeigt immerhin, dass er gesch\u00e4tzt werde. Aber zugleich ist es f\u00fcr ihn auch \u201eunertr\u00e4glich und pervers, dass es solche Unsummen sind\u201c. Und auf die Frage, ob er das Gef\u00fchl habe, dass seine Kunst verstanden wird, antwortet er: \u201eManchmal ja. Sonst h\u00e4tte ich ja nicht so viel Erfolg. Also irgendwas wird ja schon ab und zu verstanden.\u201c<\/p>\n<p>Mit 88 Jahren legt der Mann, dessen Maxime es war, dass die \u201eKunst die h\u00f6chste Form der Hoffnung\u201c sei, der laut \u201eManager Magazin\u201c zu den 500 reichsten Deutschen z\u00e4hlt und als der wichtigste K\u00fcnstler der Gegenwart gehandelt wird, nun den Pinsel aus der Hand. Richters Abschied als Maler war die Vollendung der drei Kirchenfenster im Kloster Tholey. \u201eIrgendwann ist eben Ende.\u201c \u201eDas ist nicht so schlimm. Und alt genug bin ich jetzt,\u201c erkl\u00e4rte er im September und sein Abschied von der Malerei glich einem Paukenschlag.<\/p>\n<h4>Richters Ruhestand wird ein Unruhezustand bleiben<\/h4>\n<p>Doch Richters Ruhestand wird ein Unruhezustand bleiben, zu aktiv, zu kreativ, zu sehr Sch\u00f6pfungswille. Ganz kann er sich nicht zur Ruhe setzten. Er will noch ein wenig zeichnen. \u201eDa wird wahrscheinlich noch was kommen, was im Februar gezeigt wird in M\u00fcnchen, eventuell in New York. Skizzen. Farbig-abstrakt. Nicht so doll\u201c, k\u00fcndigt er an. Dieses \u201enicht so doll\u201c ist typisch f\u00fcr Richter, spiegelt es doch die selbstkritische Haltung. In der Vergangenheit hatte er immer wieder fertige Gem\u00e4lde verworfen und zerst\u00f6rt \u2013 so seine Werke aus der DDR-Vergangenheit, so seine fr\u00fchen Werke im Westen. Doch Richter wird bleiben, selbst wenn er nicht mehr malt. Er ist jetzt schon unsterblich.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1 class=\"entry-title title post_title\">Interview mit Justizminister Eisenreich: \u201eWir m\u00fcssen die gro\u00dfen Plattformen mehr regulieren\u201c<\/h1>\n<div class=\"header_social_link\">\n<div class=\"blog_post_share_area blog_post_top_share_area\">\n<div class=\"post_share_icons\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"post_title_wrapper\">\n<div class=\"von\">Stefan Gro\u00df-Lobkowicz<span class=\"article_dots\">17.12.2020<\/span><span class=\"article_dots cat\">Medien, Politik<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wp_excerpt\">\n<p>Bayerns Justizminister Georg Eisenreich hat sich hohe Ziel gesetzt: Er will den gro\u00dfen Plattformen den Kampf ansagen. Google, Amazon, Facebook und Co. k\u00f6nnen nicht machen, was sie wollen. Auch den Hate-Speech im Internet will er juristisch Einhalt gebieten und hat sich den Kampf gegen Hassreden auf die Agenda geschrieben. The European traf den CSU-Politiker in M\u00fcnchen zum Interview.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"blog_post_content post_content \">\n<div class=\"post_content_inner_wrapper content_inner_wrapper entry-content\">\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Sehr geehrter Herr Staatsminister Eisenreich, nach einer Umfrage von \u201eForsa\u201c<\/strong><strong> haben Hassreden seit 2016 zugenommen. Ist das ein Trend, der anh\u00e4lt?<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Hass und Hetze nehmen in unserer Gesellschaft in wirklich erschreckendem Ausma\u00df zu. Die Ursachen sind vielf\u00e4ltig. Unser Rechtsstaat darf nicht zuschauen, wenn geistige Brandstifter und ihre Gefolgschaft das Klima in unserem Land vergiften. Hass und Hetze schr\u00e4nken die Meinungsfreiheit ein. Aus Worten k\u00f6nnen auch Taten werden. Deswegen muss der Staat entsprechend reagieren, und der Staat reagiert auch.<\/p>\n<p><strong>Jeder f\u00fcnfte Mandatstr\u00e4ger wurde in Bayern mit Mord bedroht. Was kann man dagegen tun?<\/strong><\/p>\n<p>Beleidigungen und Bedrohungen gegen\u00fcber Politikern, auch gegen\u00fcber Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern haben zugenommen. Ich sage in aller Klarheit: Wer Politiker angreift, greift auch unsere Demokratie an. Politiker d\u00fcrfen nicht empfindlich sein. Aber niemand muss Beleidigungen oder Bedrohungen aushalten. Die bayerische Justiz hat daher ein Schutzkonzept entwickelt, das mit den Ma\u00dfnahmen der bayerischen Polizei abgestimmt ist. Ein wichtiger Baustein dieses Konzepts: Betroffene k\u00f6nnen in einem neuen Online-Meldeverfahren schnell und einfach Anzeigen und Pr\u00fcfbitten an die Generalstaatsanwaltschaft M\u00fcnchen \u00fcbermitteln.<\/p>\n<p><strong>Was sind die Ausl\u00f6ser von Hate-Speech? Gesellschaftliche Umbr\u00fcche, eine Unzufriedenheit mit der Politik? Fl\u00fcchtlingskrise, Corona-Politik?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, dass diese Themen viele Menschen bewegen und auch Teile der Gesellschaft polarisieren \u2013 das k\u00f6nnen die Digitalisierung, die Globalisierung, der Klimawandel, die Migrationspolitik oder die Corona-Ma\u00dfnahmen sein. Was wir feststellen ist aber, dass etwa 80 Prozent der strafbaren Hass-Posts dem rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen sind.<\/p>\n<p><strong>Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz<\/strong> <strong>von SPD-Au\u00dfenminister Heiko Maas war eine erste Antwort auf Hate-Speech. Reicht Ihnen das f\u00fcr den Anfang aus oder ist das zu wenig?<\/strong><\/p>\n<p>Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz war ein richtiger und wichtiger Schritt. Die sozialen Netzwerke hatten anfangs die Haltung: Wir stellen nur eine Plattform zur Verf\u00fcgung, f\u00fcr ihre \u00c4u\u00dferungen sind die Nutzerinnen und Nutzer selbst verantwortlich. Das ist nicht akzeptabel. Gesetze, die in der analogen Welt gelten, m\u00fcssen auch im Internet gelten. Es ist die Aufgabe des Staates, Recht durchzusetzen, auch im Internet. Deshalb brauchen wir eine entsprechende Regulierung der gro\u00dfen Social Media-Plattformen. Wir stellen fest, dass in der Anonymit\u00e4t des Internets die Beleidigungen wesentlich h\u00e4rter ausfallen, als wenn sich Menschen in der realen Welt gegen\u00fcberstehen. Auch die Reichweiten beispielsweise von Beleidigungen und Volksverhetzungen sind viel gr\u00f6\u00dfer. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz war daher ein erster richtiger und wichtiger Schritt. Wir k\u00f6nnen hier aber nicht stehen bleiben. An einigen Stellen m\u00fcssen wir nachsch\u00e4rfen.<\/p>\n<p><strong>Bayern hat als erstes Bundesland einen Hate-Speech-Beauftragten. Wie gut ist die Bayerische Justiz gegen Hass im Netz ger\u00fcstet?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt verschiedene Ebenen, auf denen gehandelt werden muss. Es gibt die Ebene der Gesetzgebung \u2013 daf\u00fcr sind Berlin und Br\u00fcssel zust\u00e4ndig. Zum Beispiel mit dem bereits angesprochenen Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das nachgebessert werden muss, oder der k\u00fcrzlich vorgestellte Digital Services Act der Europ\u00e4ischen Kommission.<\/p>\n<p>Die L\u00e4nder k\u00f6nnen die Strafverfolgungsstrukturen noch weiter optimieren. Ich habe die Schlagkraft unserer bayerischen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden in diesem Bereich erh\u00f6ht. Bei jeder der 22\u00a0bayerischen Staatsanwaltschaften gibt es ein Sonderdezernat zur Bek\u00e4mpfung von strafbarem Hass und Hetze. Im Januar habe ich zudem zentral f\u00fcr ganz Bayern Deutschlands ersten Hate-Speech-Beauftragten ernannt. Ich habe ihn ganz bewusst bei der Zentralstelle zur Bek\u00e4mpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) der Generalstaatsanwaltschaft M\u00fcnchen angesiedelt. Das soll ein klares Signal sein: Kampf gegen Hate-Speech bedeutet auch Kampf gegen Extremismus.<\/p>\n<p><strong>80 Prozent der Hetze kommen aus dem rechten Bereich. Erf\u00fcllt dieser Hass damit auch den Tatbestand der Volksverhetzung?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt keinen Straftatbestand \u201cHass und Hetze\u201d. Das Verhalten kann verschiedene Straftatbest\u00e4nde erf\u00fcllen. Das k\u00f6nnen Beleidigungsdelikte sein, also Beleidigung, \u00fcble Nachrede und Verleumdung; aber auch eine Bedrohung oder Volksverhetzung.<\/p>\n<p><strong>Wie hoch sind die Strafen, beispielsweise f\u00fcr Volksverhetzung?<\/strong><\/p>\n<p>Die jeweilige Strafe h\u00e4ngt immer vom Einzelfall ab. Unser Hate-Speech-Beauftragter hat Beispiele genannt: Bei einer Volksverhetzung kommt es bei einem Erstt\u00e4ter in der Regel zu einer Geldstrafe. Bei Wiederholungst\u00e4tern drohen empfindlichere Geldstrafen oder auch Freiheitsstrafen.<\/p>\n<p><strong>Wo sind f\u00fcr die Justiz die Graustellen im Netz? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den sozialen Netzwerken? Funktioniert diese?<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Bek\u00e4mpfung von Hass im Netz spielen die Betreiber sozialer Netzwerke eine wichtige Rolle. Wir k\u00f6nnen die Straft\u00e4ter nur verfolgen, wenn wir die Urheber von Hass-Posts ermitteln k\u00f6nnen. An dieser Stelle m\u00fcssen wir die sozialen Netzwerke st\u00e4rker in die Pflicht nehmen. Die Zusammenarbeit mit Facebook und anderen Plattformen ist absolut unbefriedigend, weil die Anfragen der Staatsanwaltschaften teilweise nicht, teilweise unvollst\u00e4ndig beantwortet werden. Meine Haltung ist klar: Die sozialen Netzwerke m\u00fcssen die Auskunftsverlangen unserer Strafverfolger ohne Wenn und Aber beantworten.<\/p>\n<p><strong>Facebook, Google und Co sollen Ihrer Meinung nach mehr reguliert werden. Wie wollen Sie die Macht gegen die Tech-Giganten brechen?<\/strong><\/p>\n<p>Einige Internetkonzerne haben sich quasi zu Monopolisten entwickelt. Dies f\u00fchrt zu digitaler Abh\u00e4ngigkeit und gef\u00e4hrdet unseren Wohlstand, unsere Privatsph\u00e4re und unsere Werte. Deshalb m\u00fcssen wir handeln. Gefordert sind der Bund und die Europ\u00e4ische Union.<\/p>\n<p>Da der freie und faire Wettbewerb gef\u00e4hrdet ist, muss viel h\u00e4rter kartellrechtlich eingeschritten werden. Das f\u00e4ngt mit Geldbu\u00dfen an, aber nat\u00fcrlich nicht mit l\u00e4cherlichen Summen, die Tech-Giganten aus der Portokasse zahlen. Geldbu\u00dfen m\u00fcssen empfindlich hoch sein. Daneben muss die Macht der Monopole wirksam beschr\u00e4nkt werden, wenn n\u00f6tig m\u00fcssen Monopole zerschlagen werden.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem halte ich eine Digitalsteuer f\u00fcr notwendig. Die Tech-Monopolisten d\u00fcrfen sich nicht l\u00e4nger einer Besteuerung entziehen. Es kann nicht sein, dass hohe Gewinne privatisiert werden, aber die Probleme und Kosten sozialisiert werden.<\/p>\n<p>Bei der Medienregulierung sind wir mit dem Medienstaatsvertrag einen gro\u00dfen Schritt weiter. Diese Plattformen werden nun als das eingeordnet, was sie in Wirklichkeit sind: Medienunternehmen, die \u2013 wie alle anderen Medienunternehmen auch \u2013 reguliert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von dem Bereich der Regulierung brauchen wir in Europa auch eine eigene digitale Infrastruktur.<\/p>\n<p><strong>Das Gesetz gegen Hasskriminalit\u00e4t im Netz liegt seit Monaten beim Bundespr\u00e4sidenten \u2013 es kann nicht ausgefertigt werden, weil es offensichtlich verfassungswidrig ist. Nun hat das BMJV ein Reparaturgesetz vorgelegt. Wie geht es weiter?\u00a0Das <\/strong><strong>Hate-Speech-Gesetz ist ein Prestigeprojekt von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD). Ist sie damit gescheitert?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, ich begr\u00fc\u00dfe diese Gesetzesinitiative ausdr\u00fccklich. Sie ist ein wichtiger Schritt f\u00fcr eine noch effektivere Bek\u00e4mpfung von Hasskriminalit\u00e4t im Internet. Der Entwurf enth\u00e4lt auch wichtige bayerische Initiativen, f\u00fcr die ich mich lange eingesetzt habe, wie z. B. die M\u00f6glichkeit, antisemitische Straftaten und Beleidigungen im Netz mit h\u00f6heren Strafen zu ahnden. Tats\u00e4chlich m\u00fcssen aufgrund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichtes in einem Teilbereich dieses Gesetzes \u00c4nderungen vorgenommen werden. Da gibt es schon erste Vorschl\u00e4ge. Ich bin zuversichtlich, dass das Gesetz baldm\u00f6glichst in Kraft tritt.<\/p>\n<p><strong>Wir haben die Meinungsfreiheit auf der einen Seite, auf der anderen wird diese immer wieder ausgenutzt, um zu hetzen. Wie bekommen wir einen Kompromiss hin, dass die Meinungsfreiheit erhalten bleibt?<\/strong><\/p>\n<p>Die Meinungsfreiheit ist das Fundament unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft. Deshalb m\u00fcssen wir sie verteidigen. Wir brauchen die Debatte und den Meinungsstreit in Deutschland. Es ist jedoch ein gro\u00dfer Irrtum zu glauben, dass jede \u00c4u\u00dferung von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Es gibt eine Grenze: Die Meinungsfreiheit endet dort, wo das Strafrecht beginnt. Niemand muss sich beschimpfen und bedrohen lassen, niemand muss Straftaten erdulden. An dieser Stelle muss der Rechtsstaat aktiv werden.<\/p>\n<p>Strafbarer Hass und strafbare Hetze f\u00fchren dazu, dass sich viele Menschen aus Angst vor hasserf\u00fcllten Reaktionen erst gar nicht mehr \u00e4u\u00dfern. Wer die Meinungsfreiheit sch\u00fctzen will \u2013 so wie ich \u2013 der muss strafbaren Hass bek\u00e4mpfen!<\/p>\n<p><strong>Wenn Angela Merkel im n\u00e4chsten Jahr die politische B\u00fchne verl\u00e4sst, hat Ministerpr\u00e4sident Markus S\u00f6der derzeit die besten Aussichten auf die Kanzlerschaft. Was sagen Sie zu einem Kanzler Markus S\u00f6der?<\/strong><\/p>\n<p>Er ist ein hervorragender Ministerpr\u00e4sident und er w\u00e4re auch ein hervorragender Bundeskanzler.<\/p>\n<p><strong>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Stefan Gro\u00df<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h1>Diese gr\u00fcne Doppelmoral ist unertr\u00e4glich &#8211; Hamburger Justizsenatorin Gallina: Vom Fl\u00fcchtlingstermin zum Hummeressen<\/h1>\n<p><em>Sie haben beste Chancen, n\u00e4chstes Jahr in einer neuen Bundesregierung mitzumischen. Doch mancher Gr\u00fcner f\u00e4hrt zweigleisig \u2013 zumindest moralisch. So geht die Hamburger Justizministerin Anna Gallina schon mal gern vom Fl\u00fcchtlingstermin zum hummeressen auf Kosten des Steuerzahlers und ein Tempolimit-Bef\u00fcrworter rast mit 57 km\/h zu schnell durch Deutschland. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<p>Was ist nur mit den Gr\u00fcnen los? Die Verbotspartei wird immer unglaubw\u00fcrdiger, Was ist nur mit den Gr\u00fcnen los? Die Verbotspartei wird immer unglaubw\u00fcrdiger, zumindest die schwarzen Schafe, von denen es doch einige zu geben scheint. Eigentlich wollen die Gr\u00fcnen doch das Gute, Sch\u00f6ne und Wahre, stehen f\u00fcr Offenheit und Transparenz, wollen sogar die Welt retten und das mit einem Image der Untadeligkeit. Mit ihrer Klimapolitik wollen sie hoch hinaus, den Verbrenner, Benzin und Dieselfahrzeuge, bis 2023 am Besten f\u00fcr immer abwracken und den gr\u00fcnen Energien zum Durchbruch verhelfen. Die Klimaziele sind ambitioniert und der Griff in der Klaviatur der Macht, das Mitregieren in einer neuen Bundesregierung 2021 unter Schwarz-Gr\u00fcn ein hochgestecktes und nicht unrealistisches Ziel. Alles sch\u00f6n, w\u00e4ren da nicht die ganz so Ungr\u00fcnen unter den Gr\u00fcnen.<\/p>\n<p><strong>57 km\/h zu schnell \u2013 Tempolimit f\u00fcr Gr\u00fcne egal?<\/strong><\/p>\n<p>Der gr\u00fcne Politiker Franz Untersteller, der baden-w\u00fcrttembergische Umweltminister, entpuppte sich als Raser. Ein Gr\u00fcner als Raser ist zumindest schlecht f\u00fcr die Reputation, wenn es darum geht, die Treibhausemmissionen zu senken und das Klima zu retten. Und seine Raserei ist kein Kavaliersdelikt. Der schnelle Minister und Bef\u00fcrworter eines generellen Tempolimits von 130 Kilometern pro Stunde wurde auf der Autobahn 8 von der Polizei bei einer drastischen Tempo\u00fcberschreitung erwischt \u2013 fast 60 km\/h zu schnell. \u201eEs tut mir leid,\u201c hatte er bekundet. Doch wer Wasser predigt und Wein trinkt, muss mit Konsequenzen rechnen. Nach seiner Tempo\u00fcberschreitung, immerhin 177 km\/h hatte er auf dem Tacho, wurde er auf der Autobahn zwischen Stuttgart und Karlsruhe gestoppt \u2013 dort war Tempo 120 erlaubt. Das ganze hat schon jetzt ein Nachspiel: Der Chef der FDP-Landtagsfraktion, Hans-Ulrich R\u00fclke, legte Untersteller den R\u00fccktritt nahe. Auch die Junge Union h\u00e4lt ihn f\u00fcr nicht mehr tragbar. \u201eEin Umweltminister, der ein allgemeines Tempolimit fordert und dann selbst soviel zu schnell ist, hat s\u00e4mtliche Glaubw\u00fcrdigkeit verspielt und sollte zur\u00fccktreten\u201c, sagte der Landeschef der CDU-Nachwuchsorganisation, Philipp B\u00fcrkle. \u201eWasser predigen und Wein saufen \u2013 das ist Gr\u00fcne Doppelmoral pur.\u201c<\/p>\n<p><strong>Hamburgs Justizsenatorin \u2013 Von der Weltrettung an die Hummerbar<\/strong><\/p>\n<p>Pikant ist auch die Angelegenheit von Hamburgs Justizsenatorin Anna Gallina. Fl\u00fcchtlinge auf Malta besuchen, war das hehre Ziel. Doch die gr\u00fcne Senatorin landete beim Hummeressen. Getreu dem Motto: Erst Fl\u00fcchtlinge retten, dann Hummer schlemmen, offenbart sich auch hier wiederum die Doppelmoral der Gr\u00fcnen. Das passt eigentlich auch in das Bild der Gr\u00fcnen-Ex-Ministerin Sylvia L\u00f6hrmann. Die wechselte 2017 kurzerhand vor einem Wahlkampftermin von ihrem teuren Audi-A8-Dienstwagen in ihr Hybrid-Auto. Der Ex-Bildungsministerin und stellvertretenden Ministerpr\u00e4sidentin des Landes Nordrhein-Westfalen wurde damals vorgeworfen, eine \u00d6ko-Heuchlerin zu sein.<\/p>\n<p>Ob Baden-W\u00fcrttemberg, Nordrhein-Westphalen oder eben Hamburg \u2013 die Moral l\u00e4sst zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Unter Feuer steht derzeit die Gr\u00fcne Senatorin Gallina. Nat\u00fcrlich ist nichts gegen die Fl\u00fcchtlingsrettung zu sagen, dies ist moralisch sogar zu goutieren. Aber die Sache ist, dass sie ihr sp\u00e4teres Hummeressen, wohlverdient nach dem Anblick des Elends der ankommenden Migranten, sich direkt vom Steuerzahler bezahlen lie\u00df. \u201eBewirtungsanlass Fl\u00fcchtlingsrettung\u201c. Auch dies ist kein Kavaliersdelikt \u2013 und das sieht die Hamburger Staatsanwaltschaft mittlerweile auch so. Die ist bei ihren Spesen-Ermittlungen gegen den ehemaligen Lebensgef\u00e4hrten der Senatorin, Michael Osterburg, jetzt auf Belege gesto\u00dfen, die Gallina weiter in Bedr\u00e4ngnis bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Der Fall mit dem Ex: Opulente Essen von Michael Osterburg auf Kosten des Steuerzahlers<\/strong><\/p>\n<p>Osterburg, selbst Gr\u00fcner und ehemaliger Fraktionschef der Bundespartei Hamburg Mitte, nahm es nie so genau mit dem Geld des Steuerzahlers. Mittlerweile hat der wegen Untreueverdacht stehende Ex-Politiker Michael Osterburg den Landesverband der Hamburger Gr\u00fcnen verlassen, ein bitterer Geschmack bleibt. Osterburg steht derzeit im Zentrum eines Ermittlungsverfahrens wegen des Verdachts der Veruntreuung von Fraktionsgeldern. Auch die Summe ist beachtlich: 67,900 Euro sind kein Pappenstiel. Und damit kein Ende. Die Staatsanwaltschaft hat mehr als 4000 Quittungen des Lebemanns und spendierfreudigen Gr\u00fcnen gefunden. Darunter eine Quittung f\u00fcr einen Strau\u00df mit 40 roten Rosen, die Osterburg im Juni 2016 zwei Tage vor Gallinas 40. Geburtstag gekauft hatte. Und nat\u00fcrlich hat er auch diesen nicht aus der eigenen Tasche bezahlt, sondern gro\u00dfz\u00fcgig von der Bezirksfraktion, also aus Steuergeldern, erstatten lassen.\u00a0Osterburg war eigentlich nie zimperlich, wenn es um Bewirtungsbelege in Restaurants ging. Darunter sollen immer wieder angeblich dienstliche Termine mit Journalisten gewesen sein, die sich aber an derartig luxuri\u00f6se Einladungen nicht erinnern konnten, als die Pressevertreter vom Landeskriminalamt danach befragt wurden.<\/p>\n<p>Was aber buchst\u00e4blich das Fass zum \u00fcberlaufen gebracht hatte, war jenes omin\u00f6se noble Hummeressen in Malta im Jahr 2017, wof\u00fcr der Steuerzahler immerhin 250 Euro mitbezahlen musste. Vom Termin von \u201eSea-Eye\u201c, einer Regensburger Nichtregierungsorganisation, die mit ihrem Rettungsschiff \u201eALAN KURDI\u201c im Mittelmeer in Seenot geratene Fl\u00fcchtlinge rettet, eilte die Gr\u00fcne zum Hummeressen. Und der obligatorische Bewirtungsanlass auf dem Luxus-Beleg stellte dann tats\u00e4chlich einen Bezug zum Thema Fl\u00fcchtlingsrettung her. Allerdings tauchte der Name der Hamburger Gr\u00fcnen nicht auf.<\/p>\n<p><strong>Osterburgs Ex kostet Gallina vielleicht das Amt<\/strong><\/p>\n<p>Justizsenatorin Anna Gallina leidet nunmehr unter Amnesie, da die Angelegenheit hei\u00df und ihr wom\u00f6glich gar das Amt kostet. Sie will von allem nichts gewusst haben. Und gegen\u00fcber der \u201edpa\u201c erkl\u00e4rte sie: \u201eIch habe weder Kenntnis vom Stand der Ermittlungen, noch habe ich Einfluss auf diese.\u201c Es sei aber \u201ewichtig, dass die erheblichen strafrechtlichen Vorw\u00fcrfe gegen Herrn Osterburg aufgekl\u00e4rt werden.\u201c\u00a0Ihr Nichtwissen deckt sich aber auch nicht mit den Inhabern eines italienischen Restaurants, von dem die meisten Belege stammen und in dem das Paar gern gegessen hatte. Die best\u00e4tigten unterdessen, dass Osterburg mit seiner damaligen Lebensgef\u00e4hrtin Anna Gallina ausschlie\u00dflich zum Essen kam.<\/p>\n<p>Ob die Justizsenatorin jetzt tats\u00e4chlich eine Vorladung von der Staatsanwaltschaft erhalten wird, ist noch nicht gekl\u00e4rt. Doch R\u00fcckendeckung hat Gallina unterdessen von der Zweiten B\u00fcrgermeisterin, Katharina Fegebank, ebenfalls von den Gr\u00fcnen, bekommen. Fegebank erkl\u00e4rte sich solidarisch mit der Hummeresserin und betonte. \u201eMir ist wichtig klarzustellen: Das Ermittlungsverfahren gegen Michael Osterburg ist kein Ermittlungsverfahren gegen Anna Gallina.\u201c<\/p>\n<p>Und die Moral von der Geschichte: Wenn es um den eigenen Vorteil geht, dr\u00fccken selbst die Gr\u00fcnen mal ein Auge zu. Nat\u00fcrlich gibt es solch Unanst\u00e4ndigkeiten auch in anderen Parteien, keine Frage: nur die Gr\u00fcnen, die als Verbotspartei immer mit dem Finger auf die anderen zeigen und diese moralisch disqualifizieren, h\u00e4tten auch mal guten Grund ihre Moral selbst kritisch zu hinterfragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Der Musiker der Freiheit \u2013 Ludwig van Beethoven feiert seinen 250. Geburtstag<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz12.12.2020Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Es gibt Meisterdenker und Klassiker der Musikgeschichte. Ludwig van Beethoven war Deutschlands Genius der Symphoniekantate. Damit betrat er neuen Boden und schuf eine Musik, die auch nach zwei Jahrhunderten immer noch fasziniert. Vor 250 Jahren wurde das Genie in Bonn geboren, doch zu Ruhm wird er erst in seiner Wiener Zeit gelangen. Was aber fasziniert Beethoven an den Idealen der Aufkl\u00e4rung? Wir begeben uns auf Spurensuche. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Vor 250 Jahren, am 17. Dezember 1770, wurde er in Bonn geboren, das Genie Ludwig van Beethoven. Und er war der Revolution\u00e4r in Geist und Musik, Sprengstoff pur, emotional wie ein Vulkan, ein \u00dcbermensch, der f\u00fcr eine neue Epoche der Musik steht und Mozarts fulminanter Klassik seine Symphoniekantate entgegensetzen wird. Bekannte sich der Salzburger Wunderknabe bereits in, \u201eLe nozze di Figaro\u201c, im \u201eDon Giovanni\u201c und in der \u201eDer Zauberfl\u00f6te\u201c zu den freiheitlich-b\u00fcrgerlichen und antimonarchischen Idealen der Freimaurer, folgt ihm Beethoven dann, wenn er sich selbst als gl\u00fchender Verfechter der franz\u00f6sischen Revolutionsideen versteht, die er dann heroisch in seiner 9. Sinfonie als sein h\u00f6chstpers\u00f6nliches Glaubensbekenntnis manifestiert.<\/p>\n<h4>Der Ruf nach Freiheit war explosiv<\/h4>\n<p>Es war der Sieg der Aufkl\u00e4rung \u00fcber den Absolutismus. Was 1789 als Franz\u00f6sische Revolution begann, hatte die Weltgeschichte gr\u00fcndlich ver\u00e4ndert und die Fundamente der Moderne gezimmert. Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit pfiff es durch die Gassen und z\u00fcndete dann in den K\u00f6pfen jene Feuer, die seither f\u00fcr die Freiheit brennen. Ob die deutschen Idealisten, ob Friedrich Schiller oder die Romantiker \u2013 ihnen allen wurde Freiheit zum Losungswort von Dichtung und Kultur \u2013 und f\u00fcr den Bonner Ludwig von Beethoven zur Passion. Schillers Ode \u201eAn die Freude\u201c ist es, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, die er aber erst 1824, drei Jahre vor seinem Tod, grandios und gigantisch in Musik vollenden kann.<\/p>\n<h4>Beethovens Angst vor dem System Metternich<\/h4>\n<p>Schillers Ode, das \u201eumschlungen Millionen\u201c im vierten Satz von Beethovens \u201eNeunter\u201c, war auch f\u00fcr den Bonner das Menschheitsideal. Und wie sich einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts \u00fcber den \u201ePoliceystaat\u201c beklagt, so litt auch Beethoven an der Bespitzelung, an der Restauration und einem aufstrebenden Adel unter Metternich nach dem Wiener Kongress 1814\/15. \u201eSprecht leise! Haltet euch zur\u00fcck! Wir sind belauscht mit Ohr und Blick\u201c, hei\u00dft es bekanntlich im Freiheitschor der einzigen Oper, dem \u201eFidelio\u201c. Der Ruf nach Freiheit drohte in Deutschland zumindest wieder zu ersticken. Und wie einst Jean-Jacques Rousseau ein \u201eZur\u00fcck zur Natur\u201c einklagen wird, so ist Beethovens Neunte ein Aufruf an das entm\u00fcndigte B\u00fcrgertum, liberal, grenzenlos, f\u00fcr die Ewigkeit der Menschheit gedacht, ein globaler Freiheitsruf par excellence, der mit Schiller an das Frankreich im Jahr 1789 erinnert und die Bande neu kn\u00fcpfen will.<\/p>\n<h4>Schiller, der Meisterdenker der Freiheit<\/h4>\n<p>Beethoven war ein gl\u00fchender Verfechter der franz\u00f6sischen Ideen und Schiller lieferte den Stoff dazu. 1885 hatte der Dichter in Leipzig-Gohlis f\u00fcr seinen Freund K\u00f6rner, wie Mozart ebenfalls Freimaurer und Aufkl\u00e4rer, die Strophen geschrieben, die Weltgeschichte machen sollten. Doch dieser Schiller war kein unbeschriebenes Blatt. War er doch der Autor der \u201eDie R\u00e4uber\u201c und in ganz Deutschland frenetisch gefeiert. Und Schiller selbst derzeit noch ein Ausgesto\u00dfener und Fl\u00fcchtiger, verbannt aus dem Herzogtum W\u00fcrttemberg unter Herzog Karl Eugen, hatte das Joch der Tyrannei endg\u00fcltig abgestreift. Der Verve der Ode war geballte Kraft eines Genius, der sich die Freiheit geradezu aus der Seele schreibt. Dieser Wille zur Unb\u00e4ndigkeit, dieser Frevel, die bestehende Ordnung kritisch zu hinterfragen, diese Lebendigkeit und das Pathos der Freiheitsbeschw\u00f6rung haben Beethoven, der seit 1802 zunehmend an Schwerh\u00f6rigkeit litt und dies im ber\u00fchmten \u201eHeiligenst\u00e4dter Testament\u201c verewigte, befl\u00fcgelt, gegen das R\u00e4derwerk des Absolutismus zu opponieren. Diese Energie hat dem Krankheitsgeplagten immer wieder das Blut in den Adern auflodern lassen.<\/p>\n<h4>Faszination und Geheimnis \u2013 Der wird keine Zehnte geben<\/h4>\n<p>Die 9. Sinfonie, die d-Moll-Symphonie, sei vergleichbar mit Da Vincis Mona Lisa, so zumindest hatte sie Claude Debussy 1901 beschrieben. Faszinierend und zugleich geheimnisvoll. Faszinierend wirkte sie auf Robert Schumann, f\u00fcr den sie einen Endpunkt markierte, wo Ma\u00df und Ziel der Instrumentalmusik ersch\u00f6pft seien. Von Erl\u00f6sung wird sp\u00e4ter Richard Wagner sprechen, da \u201eauf sie kein Fortschritt mehr m\u00f6glich\u201c sei, \u201edenn auf sie unmittelbar kann nur das vollendete Kunstwerk der Zukunft, das allgemeine Drama folgen.\u201c Der Barrikadenst\u00fcrmer Wagner, der Revolution\u00e4r, wurde sodann von den Aufst\u00e4ndischen feurig begr\u00fc\u00dft, als am 6. Mai 1849 die Alte Dresdner Oper in den Flammen aufging. \u201eHerr Kapellmeister, der \u201aFreude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken\u2019 hat gez\u00fcndet, das morsche Geb\u00e4ude ist in Grund und Boden verbrannt\u201c.<\/p>\n<p>Die Interpretationsgeschichte eine der bekanntesten deutschen Symphonien, Beethovens \u201eNeunter\u201c, hat sich leicht neben Hegels ber\u00fchmter Dialektik geschrieben und hatte statt Harmonie Dissonanzen wie Unkraut hervor treiben lassen. Zerfiel Hegels Philosophie einerseits mit Kierkegaard in den Existentialismus, mit Marx bekanntlich in den fatalen sozialistischen Realismus, der mit Lenin und Stalin die Orgien des Todes feierte, so hat kaum ein anderes Kunstwerk als die 9. Symphonie weit \u00fcber Beethovens Tod hinaus den deutschen Geist polarisiert. Beethoven starb 1827, krank, taub, vom Leben stigmatisiert, doch ungebrochen blieb sein Pathos f\u00fcr die Freiheit.<\/p>\n<h4>Thomas Mann warnte vor der \u201eNeunten\u201c<\/h4>\n<p>Widmete Beethoven einst die \u201eNeunte\u201c Friedrich Wilhelm III. von Preu\u00dfen, in Erwartung, dass sich der z\u00f6gerliche und zaudernde Regent, der reformwillig, aber nach der Restauration zugleich wieder zum Hardliner wurde, Pressefreiheit und b\u00fcrgerliche Freiheitsrechte zugunsten des Adels verbr\u00e4mte, f\u00fcr den Gedanken b\u00fcrgerlicher Freiheit begeistern m\u00f6ge, forderte sp\u00e4ter Dichterf\u00fcrst Thomas Mann sogar in seinem \u201eDoktor Faustus, Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverk\u00fchn, erz\u00e4hlt von einem Freunde\u201c, die 9. Sinfonie zur\u00fcckzunehmen. \u201eDas Gute und Edle\u201c, antwortete er mir, \u201ewas man das Menschliche nennt. Um was die Menschen gek\u00e4mpft, wof\u00fcr sie Zwingburgen gest\u00fcrmt, und was die Erf\u00fcllten jubelnd verk\u00fcndigt haben, das soll nicht sein. Es wird zur\u00fcckgenommen. Ich will es zur\u00fccknehmen,\u201c so der Protagonist Leverk\u00fchn. Doch was trieb den Literaturpreistr\u00e4ger Mann dazu, Beethovens \u201eNeunte\u201c zur\u00fccknehmen zu wollen?<\/p>\n<h4>Von links bis rechts<\/h4>\n<p>Beethovens 9. Symphonie orchestrierte die Welt, ob von links oder von rechts. Als Hymne der Befreiung aus geistiger Sklaverei, selbstherrlichem Despotentum erwachte sie als musikalisches Manifest der Arbeiterbewegung, trug sie doch wie kaum ein anderes Werk den Emanzipationsgedanken von Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit wie ein glorreiches Transparent vor sich her. Sie galt f\u00fcr die Lohnarbeiter als Befreiungsschlag gegen\u00fcber der Tyrannei eines entfesselten kapitalistischen Unterdr\u00fcckungssystems.<\/p>\n<h4>Ideologisierung durch den Diktator Josef Stalin<\/h4>\n<p>F\u00fcr den sowjetischen Diktator Josef Stalin, der Millionen von Menschen in die Gulags oder auf dem Schafott seiner Ideologien opferte, war sie \u201edie richtige Musik f\u00fcr die Massen\u201c, die \u201enicht oft genug aufgef\u00fchrt werden\u201c k\u00f6nne. Ein geradezu linksradikaler Beethovenkult hatte sich in der Stalin-\u00c4ra etabliert, eine Beethoven-Epidemie \u00fcberschwemmte regelrecht die sozialistische Sowjetrepublik und Beethovens Freiheitsideal wurde von den linken Machthabern instrumentalisiert, so dass vom urspr\u00fcnglichen Freiheitsgedanken rein nichts mehr \u00fcbrig bleiben sollte.<\/p>\n<p>Radikalisierte Stalin die \u201eOde an die Freiheit\u201c in ihrer Einseitigkeit, so fand auf der anderen Seite geradezu eine nationale Hysterie um Beethoven statt. Die deutschnationale Bewegung entflammte mit ihren Stereotypen f\u00fcr die 9. Symphonie, verdrehte die einstigen Ideale, stellte sie quasi vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe und rechtfertige samt ihrer den grausamen Kampf der NS-Regimes. Freiheit hie\u00df nun bei Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels, was die Nazis darunter verstanden: S\u00e4uberung von unwertem Leben, Volk ohne Raum-Politik und die Ausl\u00f6schung ganzer Ethnien wie sie sich im Holocaust spiegelte.<\/p>\n<h4>Beethovens Vereinnahmung durch die Nazis<\/h4>\n<p>Was der St\u00fcrmer und Dr\u00e4nger und sp\u00e4tere Klassiker Friedrich Schiller einst in rauschhafter Freude verfasste und Beethoven in Musik verwandelte, entartee im Dritten Reich zur nationalistischen Hybris, zur Titanenmusik von Krieg, Terror und dem zweifelhaften Freiheitsgedanken der Nazis. So verk\u00fcndigte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1942 auf einer Feier der NSDAP zum 53. Geburtstag von Adolf Hitler: \u201eDiesmal sollen die Kl\u00e4nge der heroischsten Titanenmusik, die je einem faustischen deutschen Herzen entstr\u00f6mten, dieses Bekenntnis in eine ernste und weihevolle H\u00f6he erheben.\u201c Und Goebbels weiter: \u201eWenn am Ende unserer Feierstunde die Stimmen der Menschen und Instrumente zum gro\u00dfen Schlussakkord der neunten Sinfonie ansetzen, wenn der rauschende Choral der Freude ert\u00f6nt und ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe und Weite dieser Zeit bis in die letzte deutsche H\u00fctte hineintr\u00e4gt, wenn seine Hymnen \u00fcber alle Weiten und L\u00e4nder erklingen, auf denen deutsche Regimenter auf Wache stehen, dann wollen wir alle, ob Mann, ob Frau, ob Kind, ob Soldat, ob Bauer, ob Arbeiter oder Beamter, zugleich des Ernstes der Stunde bewusst werden und ihm auch das Gl\u00fcck empfinden, Zeuge und Mitgestalter dieser gr\u00f6\u00dften geschichtlichen Epoche sein zu d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte Beethoven, so er denn den Weitblick in die Zukunft gehabt h\u00e4tte, die \u201eNeunte\u201c gar nicht geschrieben, weil sie von links und rechts missbraucht wurde? Doch, er h\u00e4tte sie geschrieben, weil er als \u00fcberzeugter Idealist auch daran glaubte, dass man doch aus der Geschichte lernen kann und letztendlich die Freiheit \u00fcber die Tyrannei siegen wird.<\/p>\n<h4>Die Erl\u00f6sung wartet noch<\/h4>\n<p>Aber geheimnisvoll blieb sie, weil sie mit der Aura des Todes seltsam umwoben war, gar eine Offenbarung des nahen Endes bedeuten sollte. Beethoven wird keine \u201eZehnte\u201c mehr schreiben, ebenso wenig wie Anton Bruckner. Auch Gustav Mahler hatte Angst vor dem Begriff \u201eNeunte Symphonie\u201c. Und auch er wird seine nicht \u00fcberleben. Der Mythos der Neunten kulminierte so im Aberglauben, dass kein Symphoniker dar\u00fcber hinauskommen sollte. Wie sehr Segen und Fluch sich in ihr verbanden, brachte 1912 Arnold Sch\u00f6nberg auf den Punkt: \u201eDie Neunte ist eine Grenze. Wer dar\u00fcber hinaus will, muss fort. Es sieht aus, als ob uns in der Zehnten etwas gesagt werden k\u00f6nne, wof\u00fcr wir noch nicht reif sind. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht w\u00e4ren die R\u00e4tsel dieser Welt gel\u00f6st, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schrieb.\u201c<\/p>\n<h4>Mehr Aktualit\u00e4t Beethovens geht nicht<\/h4>\n<p>Sp\u00e4testens als Europahymne, die die 9. Symphonie seit 1972 ist, steht sie f\u00fcr Beethovens Wunsch nach universaler und globaler Freiheit. Jenseits von Blutrausch, Nationalismus und Chauvinismus, \u201ewas der Mode Schwerd getheilt\u201c, bleibt die Vision des Bonner Musikers zu h\u00f6chst aktuell in einem Europa, das sich \u201eEinheit in Vielfalt\u201c auf die Fahnen geschrieben hat. Und Beethoven wie Schiller sind auch nach \u00fcber 200 Jahren die geistigen Vordenker f\u00fcr eine Welt, wo gemeinsame Werte regieren, wo Verschiedenheit der Kulturen kein Frevel, sondern eine Bereicherung ist, und wo es den Gedanken zu verteidigen gilt, dass alle Menschen Br\u00fcder werden.<\/p>\n<h1>Die n\u00e4chste Pandemie wird eine bakterielle sein \u2013 und viel t\u00f6dlicher als Corona<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz11.12.2020Gesellschaft &amp; Kultur, Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p>Fast ein Jahr dominiert Corona das Leben auf der ganzen Welt. \u00dcber 68 Millionen haben sich inzwischen mit Covid-19 infiziert, 1,5 Millionen sind daran gestorben. Doch es k\u00f6nnte noch schlimmer werden, wenn wir es nicht schaffen, endlich neue Antibiotika gegen multiresistente Erreger zu entwickeln. Dagegen w\u00e4re Covid-19 geradezu harmlos. Jetzt warnt die Weltern\u00e4hrungsorganisation: Noch gef\u00e4hrlicher als SARS-CoV-2. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Ausgerechnet uns Lebensoptimieren traumatisiert ein einziges, kaum sichtbares Covid-19 Virus und stellt die Moderne vor die Zerrei\u00dfprobe. Krankheit und Tod waren stets allm\u00e4chtige Begleiter der Evolution, die die Menschheit auf die Probe stellten, oft sogar bis zur Ersch\u00f6pfung hin auf die Knie zwangen. So sehr Krankheitserreger zur Natur geh\u00f6ren und der Mensch Teil derselben ist, wird diese Bedrohung ein st\u00e4ndiger dunkler Gesellschafter, sein Schatten sein.<\/p>\n<p>Was interessieren Viren und Pestbakterien unsere Vernunft? Geschichtlich sind sie \u00e4lter als wir. Bakterien existieren seit 250 Millionen Jahren und gelten als die \u00e4ltesten Lebewesen der Welt; Viren sind Gene von Lebewesen, die vor der ersten Zelle entstanden \u2013 als RNA-Genome stehen sie allesamt f\u00fcr \u00dcberbleibsel der Pr\u00e4-DNA-Welt. Viren und Bakterien bleiben es auch, selbst in der vernunft-affinen Moderne, sind sie \u2013 metaphysisch gesehen \u2013 ungel\u00f6ste Probleme.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigt auch ein Blick in die j\u00fcngste Geschichte der Pandemie. Nach dem Ersten Weltkrieg, dem ersten Technikkrieg der Menschheitsgeschichte, wird die Spanische Grippe 50 Millionen Menschen hinwegraffen. Cholera und Tuberkulose erobern sich ihre Dom\u00e4nen zur\u00fcck. In den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts w\u00fctete die Hongkong-Grippe als eine der letzten gro\u00dfen Grippepandemien mit weltweit mehr als einer Million Toten zwischen 1968 und 1970. Auch die \u201eVogelgrippe\u201c, bekannt als Influenza-A- Virus H1H5, richtete in den Jahren 2003-2020 ihre Schreckensherrschaft auf. Gegen diese Pandemien ist aktuell r\u00fcckblickend Corona noch ein Infektionszwerg.<\/p>\n<h4>Die untersch\u00e4tzte Gefahr \u2013 Die multiresistenten Erreger<\/h4>\n<p>Doch hinter Pest und Corona wartet ein m\u00f6glicherweise, ein noch gr\u00f6\u00dferes \u00dcbel, auf die Menschheit. Die multiresistenten Erreger, der bekannteste ist MRSA, unempfindlich gegen\u00fcber unseren derzeitigen Antibiotika, w\u00fcten verst\u00e4rkt seit 2019. Gelingt es moderner Technik und Wissenschaft nicht, diesen resistenten Bakterienst\u00e4mmen ein v\u00f6llig neuartiges Antibiotika entgegenzusetzen, wird die Medizin vor einem weiteren Gau stehen. H\u00f6chstkomplizierte Operationen und Transplantationen sind m\u00f6glich, doch die kleinste bakterielle Entz\u00fcndung f\u00fchrt die Hightech-Medizin an die Grenze. Der banale Tod an einer nicht behandelbar-lapidaren Grippe zu sterben, k\u00f6nnte die Menschheit zur\u00fcck in die Steinzeit bombardieren. Was nutzt Jens Spahns Votum f\u00fcr die Organspende, wenn die postoperative Genesung pl\u00f6tzlich zur Herausforderung wird, weil die Antibiotika nicht wirken?<\/p>\n<p>Die Gefahr steht im Raum, die Medien warnen, sie haben das Klagelied schon angestimmt, doch die Pharmaindustrie reagiert nicht. Gegen jede praktische Vernunft wird an keinem neuen Antibiotikum geforscht, weil es zu teuer ist und sich als Pr\u00e4ventiv finanziell nicht lohnt. Im Kampf gegen das Coronavirus wird die Antibiotika-Resistenz vorerst beiseite geschoben. Milliarden werden weltweit auf der Suche nach einem Covid-19-Impfstoff investiert. Doch wenn nicht parallel dazu an der Entwicklung eines neuen \u201eanti bios\u201c, eines neuartigen Antibiotikums geforscht wird, wird uns in Zukunft Covid-19 wie ein peripheres unerhebliches Ereignis samt Todesstatistik in Erinnerung bleiben.<\/p>\n<h4>Viel gef\u00e4hrlicher als Covid-19<\/h4>\n<p>Die Gefahr unterstreicht auch eine Warnung der Weltern\u00e4hrungsorganisation (FAO) Mitte Dezember 2020. Die Wissenschaftler betonten, dass die Antibiotikaresistenz von Bakterien \u201epotentiell noch gef\u00e4hrlicher als Covid-19\u201c ist. Schon jetzt ist die Zahl der F\u00e4lle, in denen kein Antibiotikum mehr gegen den Erreger hilft, dramatisch gestiegen. Bereits jetzt sterben 700.000 Menschen an den Folgen antibiotikaresistenter Infektionen \u201eWenn dem nicht Einhalt geboten wird, k\u00f6nnte die n\u00e4chste Pandemie eine bakterielle sein \u2013 und viel t\u00f6dlicher\u201c, alarmierte FAO-Generaldirektorin Maria Helena Semedo.<\/p>\n<p><strong>Hagen Rickmann: \u201eDer Digitalisierungszug rollt endlich!\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz10.12.2020Medien, Wirtschaft<\/p>\n<p>Hagen Rickmann ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer f\u00fcr den Bereich Gesch\u00e4ftskunden bei der Deutschen Telekom. Er blickt trotz Corona-Krise mit Zuversicht in die Zukunft, denn in der Wirtschaft sind viele positive Entwicklungen zu beobachten. Die wichtigste: Der digitale Wandel l\u00e4uft endlich mit hohem Tempo. The European traf ihn zum Interview.<\/p>\n<p><strong>Herr Rickmann, die Corona-Pandemie hat die deutsche Wirtschaft hart getroffen, es droht ein dramatischer Konjunkturr\u00fcckgang. Die Regierung stemmt sich mit Milliardensummen dagegen. Schaffen wir es so, den ganz gro\u00dfen Einbruch zu verhindern?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rickmann:<\/strong> Die deutsche Wirtschaft ist stabiler, als man es vor der Pandemie von ihr gedacht h\u00e4tte. Das zeigen auch die j\u00fcngsten Prognosen der Wirtschaftsexperten: F\u00fcr Deutschland sagt der IWF ein Minus von 6 Prozent voraus. Im Vergleich zu anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern stehen wir damit gut da; Spanien etwa hat mit 13 Prozent zu k\u00e4mpfen. Ich glaube, dass wir mit dem Konjunkturpaket einigerma\u00dfen gut durch die Krise kommen k\u00f6nnen \u2013 vorausgesetzt, die Mittel werden zielf\u00fchrend eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>Was meinen Sie damit? Was sollte Ihrer Meinung nach vornehmlich gef\u00f6rdert werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rickmann:<\/strong> Digitalisierung! Sicher, ein gutes Drittel der Konjunkturpaketmittel ist bereits f\u00fcr digitale Projekte vorgesehen. Davon geht aber ein sehr gro\u00dfer Teil in die Forschung oder in die Infrastruktur-Entwicklung \u2013 etwa in die KI-Forschung, die mit 5 Milliarden Euro unterst\u00fctzt wird, oder in die Netztechnologie-Forschung. Das ist gut und richtig, aber dem Mittelstand hilft es nur bedingt. F\u00fcr den Mittelstand brauchen wir dedizierte Digitalisierungsf\u00f6rderungsma\u00dfnahmen, damit die Unternehmen sich digital transformieren k\u00f6nnen. Insbesondere kleine und mittelgro\u00dfe Unternehmen haben noch viel Nachholbedarf in Sachen Prozessoptimierung, Automatisierung und Umstellung auf digitale Kundenkommunikation. Daf\u00fcr muss es Anreize geben.<\/p>\n<p><strong>Immerhin gibt es das \u201eDigital-Jetzt\u201c-Programm des Ministerium f\u00fcr Wirtschaft und Energie. Es bietet KMUs finanzielle Zusch\u00fcsse f\u00fcr Digitalinvestitionen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rickmann:<\/strong> Und genau das ist der richtige Ansatz. Das \u201eDigital-Jetzt\u201c-Programm ist meines Erachtens eines der wichtigsten Elemente der Digitalf\u00f6rderung \u2013 neben der F\u00f6rderung von digitalen Start-ups und der forcierten Digitalisierung des Schulwesens. Das Programm sollte aber noch umfassender sein. Beratungsleistungen, insbesondere zur Erstellung eines Digitalisierungsplans, sind zum Beispiel von einer F\u00f6rderung durch das \u201eDigital-Jetzt\u201c-Programm ausgenommen. Dabei ist gerade die Erstellung eines Digitalisierungsplans etwas, wobei Unternehmen Hilfe gebrauchen k\u00f6nnen. Man sieht ja am Schulwesen, wie sehr fundierte Beratung bei der Planung von Digitalisierungsvorhaben vonn\u00f6ten ist.<\/p>\n<p><strong>Worauf beziehen Sie sich da konkret?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rickmann:<\/strong> Auf Medienentwicklungspl\u00e4ne. Alle Schulen, die F\u00f6rdergelder f\u00fcr Digitalisierungsma\u00dfnahmen beantragen, m\u00fcssen ihrem Tr\u00e4ger einen Medienentwicklungsplan vorlegen. In diesem muss aufgef\u00fchrt sein, welche digitalen Werkzeuge oder Programme zu welchem Zweck angeschafft werden sollen. Um so etwas festlegen zu k\u00f6nnen, braucht man allerdings eine gewisse Digitalkompetenz \u2013 und diese haben die meisten Schulen nicht. So ist es zum Teil zu erkl\u00e4ren, dass von den \u00fcber f\u00fcnf Milliarden Euro, die der Bund \u00fcber den Digitalpakt Schule bereitgestellt hat, bisher gerade einmal f\u00fcnf Prozent abgerufen wurden. Da sich die Deutsche Telekom das Thema F\u00f6rderung der digitalen Bildung gro\u00df auf die Fahne geschrieben hat \u2013 wir haben daf\u00fcr eigens eine Konzernbeauftragte ernannt \u2013, bieten wir den Schulen hierbei Unterst\u00fctzung an.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr das Bildungswesen gilt Digitalisierung ja als Krisenbew\u00e4ltigungsrezept Nr. 1. F\u00fcr die Wirtschaft auch?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rickmann:<\/strong> Ja. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass ein hoher Digitalisierungsgrad f\u00fcr jedes Unternehmen ein entscheidender Resilienzfaktor ist. Digital gut entwickelte Unternehmen kamen im Fr\u00fchjahr viel besser durch den vollst\u00e4ndigen Lockdown als digital r\u00fcckst\u00e4ndige Firmen. Besonders deutlich zeigte sich das in Branchen, die voll vom Lockdown betroffen waren, wie etwa Gastronomie und Hotelgewerbe: Restaurants mit Online-Bestellsystem konnten \u00fcber den Au\u00dfer-Haus-Verkauf auch bei geschlossenem Ladenlokal noch in akzeptablem Ma\u00dfe Umsatz machen, und Hotels mit schnellem WLAN konnten ihre Zimmer als Home-Office-Ersatzquartiere anbieten \u2013 f\u00fcr B\u00fcroangestellte, die zu Hause zu viel Ablenkung hatten.<\/p>\n<p><strong>Seit dem zweiten November gibt es erneut einen bundesweiten Lockdown, und man muss bef\u00fcrchten, dass es nicht der letzte gewesen sein wird. Ist die deutsche Wirtschaft inzwischen digitalisiert genug, um derartige Ma\u00dfnahmen auch k\u00fcnftig gut \u00fcberstehen zu k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rickmann:<\/strong> Ich m\u00f6chte da nicht \u201egenug\u201c sagen. Viele Unternehmen haben erst mit dem Ausbruch der Pandemie ernsthaft angefangen, sich zu digitalisieren, und ein knappes Dreivierteljahr d\u00fcrfte bei den wenigsten Betrieben f\u00fcr eine komplette Transformierung ausgereicht haben. Aber: Der Digitalisierungszug rollt endlich! Corona hat auch dem letzten Analogbetrieb-Verfechter klar gemacht, dass gute Ums\u00e4tze kein Grund sind, auf Digitalisierung zu verzichten, denn praktisch \u00fcber Nacht k\u00f6nnen sich die Dinge \u00e4ndern. Wir konnten den Sommer \u00fcber einen starken Anstieg an Digitalisierungsaktivit\u00e4ten verzeichnen, was mich optimistisch stimmt. Digitalisierte Unternehmen k\u00f6nnen ihre Wertsch\u00f6pfung schneller und einfacher erh\u00f6hen, und sie machen sowohl in Krisenzeiten als auch in Normalzeiten mehr Umsatz \u2013 das belegt unser Digitalisierungsindex Mittelstand seit Jahren. Also ja, ich denke, dass die Wirtschaft auch k\u00fcnftige Lockdown-Ma\u00dfnahmen gut \u00fcberstehen kann.<\/p>\n<p><strong>Aber Sie sagen selbst, dass viele Unternehmen eben noch nicht vollst\u00e4ndig digitalisiert sind.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rickmann:<\/strong> Das m\u00fcssen sie auch nicht. Es reicht, wenn sie die Digitalisierungsnotwendigkeit erkannt haben und mit ersten Schritten befasst sind. Die Telekom hat zahlreiche Einstiegsl\u00f6sungen im Angebot, die schon eine Menge leisten \u2013 und diese lassen sich innerhalb k\u00fcrzester Zeit implementieren. Mit unserem OnlineStore-Bundle f\u00fcr die Gastronomie zum Beispiel k\u00f6nnen Restaurants in nur zwei Stunden einen webbasierten Take-Away-Service einrichten, mitsamt kontaktlosem Bezahlsystem. Oder nehmen Sie unsere HomeOffice-Pakete f\u00fcr Angestellte und Freiberufler: Da gibt\u2019s drei verschiedene, vom einfachen Starter-Paket \u00fcber das Sorgenfrei-Paket bis zum Power-Paket mit Webex-Meetingsoftware und -hardware \u2013 sie alle k\u00f6nnen binnen 48 Stunden nach Bestellung einsatzbereit sein.<\/p>\n<p><strong>Home-Office ist ein gutes Stichwort: Die Corona-Pandemie hat die Akzeptanz f\u00fcr das Arbeiten von Zuhause aus drastisch erh\u00f6ht; es ist verbreitet wie nie zuvor. Wird das so bleiben? Wird Home-Office vielleicht sogar bald der Normalfall in der B\u00fcroarbeitswelt sein?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rickmann:<\/strong> Heimarbeit hat zahlreiche Vorz\u00fcge, sowohl f\u00fcr Unternehmen als auch f\u00fcr Angestellte. Sie macht einen Betrieb unabh\u00e4ngiger von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen, sie steigert die Mitarbeiterzufriedenheit und sie erspart Pendlern die Pendelei. Insofern schont Heimarbeit auch die Umwelt. Unser Konzern setzt seit Beginn der Pandemie in gro\u00dfem Stil auf Heimarbeit: Beim ersten Lockdown wurden innerhalb einer einzigen Woche rund 16.000 Telekom-Mitarbeiter auf Home-Office umgestellt. Bisher hat das sehr gut funktioniert. Aber Home Office hat erwiesenerma\u00dfen auch Nachteile. Zum Beispiel leidet die teaminterne Zusammenarbeit bei Projekten, und Brainstormings per Video-Schalte sind einfach deutlich weniger effektiv als Face-to-Face-Meetings. Umfragen zeigen au\u00dferdem, dass viele Angestellte mit reiner Home-Office-Arbeit nicht gl\u00fccklich sind. Ihnen fehlt die Interaktion mit Kollegen. Einige haben f\u00fcr sich auch festgestellt, dass Arbeit und Freizeit sich im Home Office st\u00e4rker miteinander verquicken, als ihnen das lieb ist. Ich glaube daher nicht, dass Heimarbeit bald der Normalfall sein wird. Sie wird aber k\u00fcnftig einen h\u00f6heren Anteil in der Arbeitswelt haben. Hybride Arbeitsmodelle, die aus Pr\u00e4senzarbeit und aus Home-Office-Arbeit bestehen, sind die Zukunft.<\/p>\n<p><strong>Abschlie\u00dfend \u2013 was sollte die Wirtschaft Ihrer Ansicht nach aus der Corona-Krise gelernt haben? Oder anders gefragt: Was m\u00f6chten Sie Unternehmen und Angestellten als Botschaft mit auf den Weg geben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Rickmann:<\/strong> Meine Botschaft f\u00fcr Unternehmen lautet: Lassen Sie sich von der Lage der Dinge nicht entmutigen! Ich wei\u00df, dass es derzeit viele Betriebe im Land gibt, die um ihre Zukunft bangen \u2013 sicher zurecht, ich will da nichts besch\u00f6nigen. Der deutsche Mittelstand hat aber immer schon die F\u00e4higkeit gehabt, sich in Produktion, Logistik und Vertrieb schnell auf aktuelle Gegebenheiten einstellen zu k\u00f6nnen, und das kann er auch in Corona-Zeiten. Es gibt so viele Beispiele, die das belegen. W\u00e4hrend der ersten Welle der Pandemie war von Spirituosenherstellern zu lesen, die ihre Produktion auf Desinfektionsmittel umstellten, weil ihnen der Absatz in Gastst\u00e4tten fehlte, und von Automobilzulieferern, die mit Schl\u00e4uchen f\u00fcr Beatmungsger\u00e4te Umsatz generierten. Der Schl\u00fcssel zu solchen Adaptionen ist Digitalisierung. Sie ist nicht nur ein Motor f\u00fcr das Kerngesch\u00e4ft, sondern auch die Basis f\u00fcr Optimierungen, die \u00fcber das eigene Produkt oder die eigene Dienstleistung hinausgehen und die Erschlie\u00dfung neuer Gesch\u00e4ftsfelder erm\u00f6glichen. Und meine Botschaft f\u00fcr Angestellte lautet: Unterst\u00fctzen Sie Ihren Arbeitgeber, indem sie Ideen zur Unternehmensentwicklung beisteuern! Ich wei\u00df von einem Messebauer, der sich mit seiner Kompetenz f\u00fcr Holzverarbeitung ein zweites Standbein im Gewerbeimmobilien-Innenausbau errichtet hat und so durch die Corona-Krise kommt. Das war nur deshalb m\u00f6glich, weil die Mitarbeiter kreativ geworden sind und bei ihren pers\u00f6nlichen Kontakten nachgefragt haben, ob es irgendwo Bedarf f\u00fcr diese Art von Arbeit gibt.<\/p>\n<p><strong>Herr Rickmann \u2013 wir bedanken uns f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<h1>Corona-Pandemie: Virologe Alexander Kekul\u00e9 h\u00e4lt Lockdown-Verl\u00e4ngerung f\u00fcr nicht sinnvoll<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz9.12.2020Medien, Wissenschaft<\/p>\n<p><em>Der Lockdown hat Deutschland fest im griff, die Todeszahlen steigen und die Ohnmacht der Bundesregierung bei der Bew\u00e4ltigung der Corona-Pandemie wird immer offensichtlicher. Eine Glosse von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/em><\/p>\n<p>Deutschland probt den Ausnahmezustand. Mal wieder! Der Lockdown geht in die Verl\u00e4ngerung auf unbestimmte Zeit. Seit fast einem Jahr f\u00e4hrt das Land, wie einst in der Schwerindustrie im Ruhgebiert, die \u00d6fen und Motoren des Wirtschaftens und damit des gesellschaftlichen Lebens herunter. Inmitten des Winters friert das Emotionale noch mehr ein. Der ohnehin graue Winter dr\u00fcckt mit Corona noch einmal in die Stimmungsgelage einer kr\u00e4nkelnden Gesellschaft, die immer mutloser wird und deren einstige Vitalit\u00e4t sich zusehends ersch\u00f6pft.<\/p>\n<p>Und der \u201eLockdown light\u201c zeigt wenig Wirkung, die Todeszahlen steigen exponentiell und die Last des Virus dr\u00fcckt beklemmend auf die Seelenlandschaft der Individuen. Noch nie war die Selbstmordrate so hoch wie in diesen Zeiten, die f\u00fcr viele sowohl famili\u00e4r, existentiell und wirtschaftlich ein Szenario darstellt, das an Finsternis und D\u00fcsterheit, ja, an Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit kaum zu \u00fcberbieten scheint. Die famili\u00e4re Gewalt w\u00e4chst graduell zu den verl\u00e4ngerten strengen Regularien, die Jugend ist sich ihres Lebensoptimismus unsicherer, die Alten vegetieren in Pflegeheimen jenseits h\u00e4uslicher N\u00e4he und liebevoller Umarmung \u2013 jenseits jeglichem Trost. Die W\u00fcrde des Sterbens verkommt und der Tod banalisiert sich ein einer anonymen Sterbeindustrie, die nur noch reagieren, nur noch das Leichentuch zu spannen vermag. Der Tod wird zum bitteren Gesellen \u2013 und die Einsamkeit auf den Sterbestationen gleicht einem horror vacui, weil es nur das Nichts ist, das die Einsamkeit umsp\u00fclt.<\/p>\n<p>Die Schockstarre bleibt bis zum 10. Januar. Doch dabei wird es nicht bleiben. Corona schiebt sich unaufhaltsam in die Zukunft. Restaurants, Museen, Theater und Freizeiteinrichtungen haben die Lichter ausgeschaltet, eine beunruhigende Ruhe nebelt das Land in den Winterschlaf.<\/p>\n<h4>Der Zickzackkurs der Bundesregierung<\/h4>\n<p>Bei all dem Pessimismus, der in den Wintertagen Deutschland eisern in Griff h\u00e4lt, hat nun der M\u00fcnchner Virologe Alexander Kekul\u00e9 davor gewarnt, den Teil-Lockdown zu verl\u00e4ngern. Derartige Ma\u00dfnahmen greifen nur, wenn sie gerade beschlossen w\u00fcrden. Eine Verl\u00e4ngerung w\u00fcrde in der Regel keine st\u00e4rkere Bremsung bewirken. Kekul\u00e9 wirft in Sachen rigider Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung eine Art moderierender, auf Sicht fahrender Vorgehensweise vor, die mit einem Zickzackkurs die eigene Ohnmacht und Regielosigkeit bei der Bew\u00e4ltigung der Corona-Pandemie durch eine lavierende Unentschlossenheit zu kompensieren sucht. Entweder man macht einen Teil-Lockdown oder einen kompletten. Man muss sich hier zwischen Pest und Cholera letztendlich entscheiden. Eine Versch\u00e4rfung der Corona-Ma\u00dfnahmen speziell f\u00fcr die Weihnachtstage sei aber nicht sinnvoll, \u201eweil wir damit gerade diejenigen nicht mitnehmen w\u00fcrden, die sowieso schon nicht mehr mitmachen bei den Ma\u00dfnahmen.\u201c Er selbst setzt auf ein sch\u00e4rferes Vorgehen und betont, dass es nur zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung seien, die die Corona-Ma\u00dfnahmen ignorierten und damit die Zahlen hochhalten. Die Corona-Ma\u00dfnahmen-Verweigerer m\u00fcssten jedoch in ein Lockdown-Konzept integriert werden; man muss sie einkalkulieren und die Strategien daraufhin fokussieren. Gelingt das nicht, bleibt nicht nur dieses Weihnachtsfest f\u00fcr viele Menschen ein vielleicht noch einsameres als es das schon viel zu oft war.<\/p>\n<h4>Hintergrund<\/h4>\n<p>Am vergangenen Mittwoch hatten sich die Ministerpr\u00e4sidenten der L\u00e4nder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) darauf\u00a0 verst\u00e4ndigt, den Teil-Lockdown mit geschlossenen Restaurants, Museen, Theatern und Freizeiteinrichtungen bis zum 10. Januar zu verl\u00e4ngern. Zun\u00e4chst sollte der Shutdown bis kurz vor Weihnachten verl\u00e4ngert werden.<\/p>\n<p><strong>ARD-Volont\u00e4re w\u00fcrden mit absoluter Mehrheit die Gr\u00fcnen w\u00e4hlen <\/strong><\/p>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz3.12.2020Medien, Politik<\/p>\n<p><em>Die n\u00e4chste Generation von Journalisten bei ARD und Deutschlandradio w\u00e4hlt \u00fcberwiegend Gr\u00fcne, Linkspartei und SPD. Dies ist das Ergebnis einer Befragung von ARD-Volont\u00e4ren unter dem Journalistennachwuchs des Rundfunkverbundes und dem Deutschlandradio.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit Gr\u00fcndung der Bundesrepublik ist ein sp\u00fcrbarer Drall nach links in den Medien zu verzeichnen. Diesen Trend hatte auch die Fl\u00fcchtlingskrise und die Corona-Pandemie nicht gravit\u00e4tisch ver\u00e4ndern m\u00f6gen. Nach wie vor verf\u00e4ngt im Gewand des Journalismus des 21. Jahrhunderts der gute alte Geist der 68er. Er weht gleichsam progressiv wie ver\u00e4nderungsw\u00fctig, oft einseitig und borniert, durch die Reihen des publizistischen sowie journalistischen Nachwuchses. Diese hohe Affinit\u00e4t zu Rot-Rot-Gr\u00fcn, so Publizistik-Professor Gregor Daschmann, hatte eben seine Anf\u00e4nge im Revoluzzer-Geist der Studentenrevolution der Nachkriegs\u00e4ra. Das Gros der damaligen Linken war, wenn es nicht H\u00f6rs\u00e4le st\u00fcrmte, Barrikaden aufrichtete oder Autos der gehassten Springerpresse anz\u00fcndete, damals mit der \u00dcberzeugung in den Journalismus gegangen, die Welt zu ver\u00e4ndern \u2013 und dies am besten mit Tinte und Schreibmaschine, die links intellektuelle Weltrevolution vor Augen. Selbst nach f\u00fcnfzig Jahren hat sich diese Einstellung nicht ver\u00e4ndert \u2013 dieser Idealismus ist immer noch tief im Journalismus verankert. \u201eEs ist wohl vor allem das Berufsbild der \u00f6ffentlich-rechtlichen Journalist*innen, das eher Menschen mit einer linken und gr\u00fcnen Haltung anzieht.\u201c<\/p>\n<p>Gerade junge Journalisten der \u00d6ffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sind es im Jahr 2021, die sich politisch immer mehr in Richtung gr\u00fcn ausrichten. 60 Prozent der k\u00fcnftigen Medienmacher sind weiblich, 30 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen, 95 Prozent, bringen einen Studienabschluss mit und kommen aus einem Akademikerhaushalt. Die Journalisten von morgen sind zudem keine Landeier, sondern rekrutieren sich aus den Gro\u00dfst\u00e4dten mit \u00fcber 100.000 Einwohnern, vorzugsweise aus Berlin oder M\u00fcnchen.<\/p>\n<h1>Laut Umfragen von \u201eDie Welt\u201c und \u201eJournalist verortet sich die neue Generation an den Schreibtischen der<\/h1>\n<h1>Neue Berater-Aff\u00e4re: Ursula von der Leyen in der Kritik &#8211; Berater-Aff\u00e4re belastet die EU-Chefin<\/h1>\n<p><em>Seit einem Jahr ist Ursula von der Leyen die wichtigste Frau in der Spitze Europas. Doch es droht neues Ungemach. In Deutschland wurde sie daf\u00fcr kritisiert, dass sie Unsummen f\u00fcr Berater ausgab. Um ihren \u201eGreen-Deal\u201c durchzusetzen, hat sie nun einen neuen Deal mit Blackrock eingef\u00e4delt. Doch in Br\u00fcssel regt sich Unwille.<\/em><\/p>\n<p>Eigentlich sollte sie es gar nicht werden \u2013 Kommissionspr\u00e4sidentin. Doch Angela Merkel (CDU) und der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Emmanuel Macron hatten sich durchgesetzt und dem vom EU-Parlament favorisierten EVP-Chef Manfred Weber (CSU) nicht als Nachfolger von Jean-Claude Juncker zum h\u00f6chsten Mann Europas gekr\u00f6nt.<\/p>\n<p>Das war eine herbe Niederlage f\u00fcr die Demokratie und seitdem wird das Spitzenkandidatenmodell noch kritischer hinterfragt. Zudem blieb ein sp\u00fcrbarer Riss zwischen Europ\u00e4ischem Parlament, Europ\u00e4ischer Kommission und Europ\u00e4ischem Rat. Und der l\u00e4sst sich auch nicht so schnell wieder kitten. Nicht nur in Br\u00fcssel ist das Vertrauen in die Demokratie und beim Kampf um hohe Funktionsposten deutlich ersch\u00fcttert. Auch die deutsche Ratspr\u00e4sidentschaft unter Kanzlerin Angela Merkel, ihre zweite, kann derzeit nicht \u00fcberzeugen. Sicherlich, die Coronakrise hat die deutschen Ambitionen ausgebremst, Europa wieder weiter zu vereinen und endlich die Frage nach einem der Hauptstreitpunkte der EU, dem Verteilungsschl\u00fcssel von Migranten, zu l\u00f6sen. Doch der verbleibende letzte Monat wird an der deutsch-europ\u00e4ischen Stagnation nichts mehr \u00e4ndern. Schade f\u00fcr die ambitionierte Europ\u00e4erin Merkel, die zum Ende ihrer Amtszeit kein transnationales Zeichen einmal mehr setzen konnte. Deutschland hat die wichtige Ratspr\u00e4sidentschaft ungenutzt verstreichen lassen. Unterdessen ger\u00e4t die deutsche Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen mit einem neuen Beratervertrag wieder unter Beschuss. Wiederholt sich Berlin in Br\u00fcssel wieder?<\/p>\n<h4>Die Urvertraute Merkels<\/h4>\n<p>Vor einem Jahr hatte Merkel noch ihre Urvertraute ins Amt von Europas wichtigsten Posten gehoben und damit dem Kurs der Kanzlerin auf europ\u00e4ischen Boden R\u00fcckhalt gegeben. Dabei war die ehemalige Familienministerin, Bundesarbeitsministerin und sp\u00e4tere Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bis zuletzt nicht unumstritten. Anders als Karl Theodor zu Guttenberg hatte sie nicht wirklich R\u00fcckendeckung in der Truppe. Gender, Uniformen, Kinderg\u00e4rten und Frauenquote waren zu randst\u00e4ndig f\u00fcr die Berufsarmee. Den zunehmenden Rechtsextremismus, wie bei Franco A, kommentierte von der Leyen damals als \u201eHaltungsproblem\u201c. Die Durchsuchung von Kasernen und auch B\u00fcros nach Wehrmachtsdevotionalien wurde von vielen als Entgleisung empfunden, ein Vertrauensbruch, der nicht mehr zu heilen war. Was die Bundeswehr von damals auszeichnete, war vor allem eins, dass sie kampfunf\u00e4hig war. Flugzeuge waren nicht einsatzbereit, die Moral der Truppe am Boden oder teilweise infiltiert mit rechtem Gedankengut.<\/p>\n<p>\u201eMan darf froh sein, wenn etwas fliegt, f\u00e4hrt, schwimmt oder schie\u00dft in dieser Armee\u201c, schrieb damals Ulrich Berls. Und der scheidende US-Pr\u00e4sident Donald Trump hielt den Zustand der deutschen Armee f\u00fcr einen Skandal. Dar\u00fcber hinaus zeigte der Sanierungsfall \u201eGorch Fock\u201c die Abgr\u00fcnde des Ministerial- und Instandsetzungswesens noch tiefer auf. Die Instandsetzung des Segelschulschiffes hatte sich zu einem Millionen-Krimi entwickelt. Aus 10 Millionen Euro wurden durch Fehlplanungen und Missmanagement 135 Millionen Euro.<\/p>\n<p>Neben viel Kritik hatte von der Leyen auch positive Akzente gesetzt \u2013 gerade bei der internationalen Sicherheitspolitik. Sie verst\u00e4rkte die Rolle Deutschlands als verl\u00e4sslicher Partner der NATO und untermauerte, dass die Bundeswehr in Europa weiterhin als verl\u00e4sslicher Verb\u00fcndeter gilt. Von der Leyen hatte das schwierige transatlantische Verh\u00e4ltnis versucht wieder zu gl\u00e4tten und der deutsch-franz\u00f6sischen Partnerschaft neuen Schwung verliehen. Dieses kontinuierliche au\u00dfen- und sicherheitspolitische Engagement letztendlich hatte viele der 27 ausl\u00e4ndischen Staats- und Regierungschefs letztendlich \u00fcberzeugt, sie als Pr\u00e4sidentin der Europ\u00e4ischen Kommission zu nominieren.<\/p>\n<p>Kurz bevor von der Leyen ins h\u00f6chste politische EU-Amt geschoben wurde, hatte sie einen Untersuchungsausschuss im Bundestag erfolgreich ausgesessen. Auch die Aff\u00e4re um die L\u00f6schung von wichtigen Daten auf ihrem Handy hatte sie \u00fcberlebt wie zuvor eine Plagiatsaff\u00e4re. Der damalige Untersuchungsausschuss hatte der im belgischen Elsene 1958 geborenen Politikerin nachgewiesen, dass sie in ihrer Zeit als Bundesministerin der Verteidigung (2013 bis 2019) ein System der Vetternwirtschaft etabliert hatte. Den Steuerzahler kostete dies, so der Bundesrechnungshof, einen dreistelligen Millionenbetrag kostete. Profiteur war der Beratungsriese McKinsey. Letztendlich verlief\u00a0 in Deutschland alles glimpflich, die \u201eGorch-Fock-Aff\u00e4re\u201c eingeschlossen \u2013 zumindest karrieretechnisch f\u00fcr von der Leyen.<\/p>\n<h4>Emily O&#8217;Reilly kritisiert Deal mit Blackrock<\/h4>\n<p>Doch Europa ist mehr Weltb\u00fchne und von der Leyen kann nicht mehr ganz unbeschwingt auf die sch\u00fctzende Hand der Kanzlerin z\u00e4hlen, der Welpenschutz ist ausgelaufen. Nun hagelt es Kritik ausgerechnet von einer Frau \u2013 Emily O\u2019Reilly. Die Irin Emily O&#8217;Reilly ist EU-B\u00fcrgerbeauftragte und sie kritisierte die Vergabe eines Auftrags der EU-Kommission an BlackRock. Ausgerechnet der gr\u00f6\u00dfte Investmentfonds der Welt soll der Kommission Vorschl\u00e4ge machen, wie europ\u00e4ische Banken dazu gebracht werden, st\u00e4rker in nachhaltige Energien statt in Kohle, Gas und \u00d6l zu investieren. Es geht um nichts anderes als um von der Leyens Prestige-Projekt, den \u201eGreen Deal\u201c. Eine Billion Euro will die Klimasch\u00fctzerin von der Leyen im Kampf gegen die Erderw\u00e4rmung investieren. O&#8217;Reilly hingegen moniert, das BlackRock als gr\u00f6\u00dfter Anteilseigner an vielen europ\u00e4ischen Gro\u00dfbanken, darunter Deutsche Bank, Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale, Unicredit, ING, gar kein Interesse daran habe, in nicht fossile Energien zu investieren. Auch die Nichtregierungsorganisation \u201eChange Finance\u201c klagte in einem offenen Brief an von der Leyen, dass hier \u201eder Bock zum G\u00e4rtner gemacht wird\u201c.<\/p>\n<p>Hinter der Kritik der EU-B\u00fcrgerbeauftragten steckt aber noch mehr: Es geht um nichts anderes als um den Ausverkauf der demokratischen Kontrolle \u00fcber die Wirtschaft. Der viel gehypte \u201eGreen Deal\u201c w\u00e4re dann nichts anderes als ein Propaganda-Coup, der vor allem privatwirtschaftlichen Interessen dient.<\/p>\n<p>Derartige Machenschaften kann sich aber die Kommissionspr\u00e4sidentin eigentlich nicht leisten. Unter ihrer \u00c4gide als Verteidigungsministerin hatte sie f\u00fcr ihre Idee, die Bundeswehr \u201eattraktiver\u201c und familienfreundlicher zu machen, Katrin Suder von McKinsey abgeworben. Was folgte war eine Millionensause f\u00fcr Suders Beraterfreunde. Dem Ansehen beider Frauen hat das in Deutschland nachhaltig geschadet. Erst die amtierende Verteidigungsministerin, die geradlinie CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer, hatte das Berater-Unwesen als rufsch\u00e4digend im Ministerium beendet. Will Ursula von der Leyen politisch ihre Glaubw\u00fcrdigkeit bewahren, muss sie den BlackRock-Deal beenden. Dass derartige Verstrickungen ihrem Ansehen schaden, m\u00fcsste sie eigentlich aus ihren Berliner Jahren gelernt haben. Nur jetzt fragen sich nicht mehr nur 80 Millionen Deutsche wessen Interessen die wichtigste Frau Europas vertritt, sondern fast 500 Millionen EU-B\u00fcrger.<\/p>\n<h1>Samoa meldet ersten Corona-Fall<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz20.11.2020Medien, Politik<\/p>\n<p>Fast h\u00e4tte es das Coronavirus nicht an das Ende der Welt geschafft. Doch nun meldet Samoa die erste Corona-Infektion. F\u00fcr die Inselgruppe ist das nun eine Katastrophe. Von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Idyllisch liegt Samoa in Polynesien inmitten des S\u00fcdpazifiks. nach Australien ist es n\u00e4her als zum s\u00fcdamerikanischen Festland. Und die Inseln sind ein Paradies der Abgeschiedenheit. Str\u00e4nde, vorgelagerte Riffe, ein wildes, von Regenwald bedecktes Landesinneres mit Schluchten und Wasserf\u00e4llen, pr\u00e4gt das Eiland. Fast 200.000 Menschen leben auf den Inselgruppen. Und eines kannten die Insulaner, die ihre traditionellen Br\u00e4uche pflegen, vom Fischfang und auch von einem \u00f6kologischen Tourismus leben und profitieren, bislang nicht \u2013 Corona. Selbst um das weit gelegene Australien scheint die Pandemie derzeit einen gro\u00dfen Bogen zu machen. Wie in Taiwan sind die Corona-Zahlen r\u00fcckl\u00e4ufig und viele denken nicht im Traum daran, sich m\u00f6glicherweise gegen Covid-19 impfen zu lassen. Doch ausgerechtet der einzige Fall, der die Insulaner in helle Aufregung versetzt, kam mit dem Flugzeug aus dem Land, das f\u00fcr die Oper von Sydney, das Great Barrier Reef, f\u00fcr eine einzigartige Fauna und Flora bekannt ist.<\/p>\n<h4>Bislang wurde Samoa von Corona verschont<\/h4>\n<p>In Samoa ist das ein wenig anders. Selbst der Regierungschef Tuilaepa Sailele Malielegaoi ist alarmiert. Die Insulaner blieben bislang von SARS-CoV-2 verschont. Doch nun wurde der Traum vom Corona-freien Paradies erst einmal ersch\u00fcttert. Ein Mann wurde in einer Quarant\u00e4neeinrichtung f\u00fcr Reisende positiv auf das Virus getestet. Und Tuilaepa Sailele Malielegaoi f\u00fcgt bitter hinzu: \u201eDamit kommen wir nun auf die Liste der L\u00e4nder, die das Coronavirus haben\u201c<\/p>\n<h4>Das Inselparadies reagierte schnell mit strikter Abschottung<\/h4>\n<p>Dass sich das Coronavirus gegen\u00fcber dem Rest der Welt nicht so schnell verbreiten konnte, liegt vor allem am Sicherheitskonzept der Pazifikinsel. Wie auf dem <a href=\"https:\/\/www.theeuropean.de\/stefan-gross\/brasilianische-insel-urlaub-nur-mit-positivem-corona-test\/\">Urlaubsparadies Fernando de Noronha<\/a> vor der brasilianischen K\u00fcste, wo Urlauber derzeit nur einreisen d\u00fcrfen, wenn sie schon mit dem Coronavirus infiziert wurden, hatte sich Samoa und andere pazifische Inselstaaten zu Beginn der Pandemie rasch isoliert und ihre Grenzen geschlossen. Da spielt es auch keine Rolle, ob die Tourismusbranche massive R\u00fcckg\u00e4nge bei Buchungen in Kauf nehmen musste. Scchon fr\u00fch hatte sich die Pazifikinsel radikal abgeschottet, weil ihr Gesundheitssystem auf einen gro\u00dfen Ausbruch von Corona mit einer Vielzahl von Kranken und m\u00f6glichen Toten nicht ausger\u00fcstet uns vor allem vorbereitet sind. Schmerzlich erinnert man sich noch an eine Masernepidemie Ende 2019. Insgesamt 83 Menschen waren auf Samoa daran gestorben, vor allem Babys und kleine Kinder. Dieses Horrorszenario w\u00fcnschte man sich nicht mehr zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Doch dass die Insel trotz aller Sicherheitsma\u00dfnahmen immer weiter in den Fokus des Virus r\u00fcckte, zeichnete sich in den letzten Wochen bereits ab. Zuletzt hatten Vanuatu, die Salomonen und die Marshallinseln ers\u00adte Corona-F\u00e4lle gemeldet. Die abgelegenen Inselstaaten und Territorien Kiribati, Mikrone\u00adsien, Nauru, Palau, Tonga und Tuvalu sind dagegen immer noch virenfrei.<\/p>\n<h4>Ausgerechnet ein Matrose hat die Corona-Negativ-Bilanz au\u00dfer Kraft gesetzt<\/h4>\n<p>Bei der ersten Person, die mit dem hochinfekti\u00f6sen Coronavirus auf Samoa infiziert war, handelte es sich um einen Matrosen. Er war von einer R\u00fcckholaktion mit einem Flugzeug aus dem neu\u00adseel\u00e4ndischen Auckland ins Land gekommen. Vor dem Abflug wurde er noch negativ auf das Coronavirus getestet. Regierungschef Tuilaepa Sailele Malielegaoi hofft, dass es der einzige Fall im Paradies bleiben wird. Bei mehr F\u00e4llen w\u00fcrde die Insel kapitulieren. Und davor hat man gro\u00dfe Angst inmitten der Wellen des Pazifiks<\/p>\n<h1>L\u00f6w und Trump wollen einfach nicht gehen<\/h1>\n<p>Stefan Gro\u00df-Lobkowicz19.11.2020Medien, Politik, Sport<\/p>\n<p>Nach dem Fu\u00dfball-Desaster gegen Spanien ist es jetzt amtlich \u2013 Jogi L\u00f6w bleibt Bundestrainer der Deutschen Fu\u00dfball-Elf. So wurde es nach der historischen 0:6-Klatsche gegen Spanien beim Krisen-Gipfel mit DFB-Pr\u00e4sident Fritz Keller (63), Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff (52) und Co-Trainer Marcus Sorg (54) am M\u00fcnchner Flughafen beschlossen. Das Elend geht also in die n\u00e4chste Runde und die Welt schaut wie bei Donald Trump zu. Doch L\u00f6w m\u00fcsste nun eigentlich selbst die Rei\u00dfleine ziehen. Ein Kommentar von Stefan Gro\u00df-Lobkowicz.<\/p>\n<p>Der eine stammt aus New York, der andere aus dem besinnlichen Sch\u00f6nau im Schwarzwald. Doch beide M\u00e4nner, der Noch-US-Pr\u00e4sident Donald Trump und der deutsche Bundestrainer Jogi L\u00f6w haben eins gemeinsam \u2013 sie klammern mit allen nur erdenklichen Mitteln an ihren Posten. Fehlbesetzungen waren sie, so sind sich Kritiker einig, eigentlich immer gewesen. Doch der immer ein wenig traurig und romantisch dreinblickende L\u00f6w und sein agiles Gegenteil, der impulsive, vor Kraft und St\u00e4rke strotzende Twitterk\u00f6nig aus den USA \u2013 Trump wissen nicht, wann die Stunde schl\u00e4gt oder wem sie bereits geschlagen hat. So darf sich L\u00f6w, mittlerweile 60 Jahre, weiter durchwursteln. Trump versucht das auch \u2013 doch er verspielt mit dieser kindischen Art eines krampfhaften Festhaltens an der Macht mittlerweile jedwede W\u00fcrde. Wenn der Republikaner nicht aufpasst, wird einzig und allein die Rolle der beleidigten Leberwurst an ihm und seiner Amtszeit f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen kleben bleiben. Dabei war seine Bilanz gar nicht so schlecht. Immerhin hat er als einziger US-Pr\u00e4sident der vergangenen Jahre keine Kriege vom Zaun geledert, sondern zieht seine Elite-Einheiten zur H\u00e4lfe aus den Krisengebieten, dem Irak und Afghanistan, ab. Damit erf\u00fcllt Trump immerhin noch ein Wahlversprechen, sein letztes wom\u00f6glich.<\/p>\n<p>Woher beide ihren Willen beziehen, wenn sie doch scheitern oder miserable Leistungen wie Jogi L\u00f6w nach der 0:6 Pleite gegen Spanien abliefern, bleibt ihr Geheimnis. Das sieht zumindest der \u201eKicker\u201c bei L\u00f6w so. Auch in der \u201eFAZ\u201c findet man bittere Zeilen \u00fcber das Urgestein aus dem Schwarzwald. \u201eIm Erfolg, hei\u00dft es gerne, mache man die gr\u00f6\u00dften Fehler. Weil zu lange an dem festgehalten wird, was funktioniert hat, weil vor allem nicht mehr hinterfragt wird, warum etwas Erfolg gebracht hat. Der Selbstbetrug rund um die deutsche Fu\u00dfball-Nationalmannschaft geht deshalb einher mit dem aufsehenerregendsten Sieg, den das Team seit dem WM-Sieg 1954 errungen hat. Im Halbfinale der WM 2014 besiegte Deutschland den WM-Gastgeber Brasilien 7:1. Ein paar Tage sp\u00e4ter wurde der vierte WM-Titel im ganzen Land gefeiert. Seitdem geht es bergab. Weil manche Frage gar nicht mehr gestellt werden durfte.\u201c<\/p>\n<p>Das L\u00f6w seine Leistungen zunehmend \u2013 wie jenseits des Atlantiks Donald Trump \u2013 \u00fcbersch\u00e4tzt und die Mannschaft derzeit eher unter dem Bundestrainer leidet, als von ihm zum Erfolg gef\u00fchrt zu werden, kann sich auch der \u201eTagesspiegel\u201c nicht verkneifen. \u201eWom\u00f6glich hat L\u00f6w sich und seine F\u00e4higkeiten \u00fcbersch\u00e4tzt, als er nach der vermaledeiten WM im Amt geblieben ist; als er angeblich noch gen\u00fcgend Kraft und Energie und Lust auf einen Neuanfang versp\u00fcrte. In ihrer sportlichen Entwicklung ist die Mannschaft seit 2018 nicht entscheidend vorangekommen. Im Gegenteil: Die Kritik will einfach nicht verstummen.\u201c Die \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c spricht von einer Erosion seiner Trainerkunst. L\u00f6w ist angez\u00e4hlt und wie er auch entscheidet, er wird es keinem mehr recht machen. \u201eMan wird ihm vorhalten, dass er Hummels, Boateng und M\u00fcller nicht beruft, und man w\u00fcrde es ihm auch vorhalten, wenn er sie wieder beriefe. Seine Spieler werden es sp\u00fcren, das Vertrauen in seine Trainerkunst wird erodieren.\u201c Und \u201eDer Spiegel\u201c setzt noch eines drauf. Das Nachrichtenmagazin spricht von einer fatalen Selbstzufriedenheit, in die sich das deutsche Team nach dem Titelgewinn 2014 eingenistet habe, in eine \u201eSelbstzufriedenheit, die selbst das Vorrundenaus bei der WM 2018 nicht nachhaltig hat ersch\u00fcttern k\u00f6nnen. Nach dem Russlanddebakel war viel von einer radikalen Fehleranalyse die Rede gewesen. Aber diese Analyse war allein verbalradikal, sie ging, zumindest soweit sie \u00f6ffentlich kommuniziert wurde, niemals an die Wurzel.\u201c<\/p>\n<p>Jogis Niederlage beim herabw\u00fcrdigen 0:6 gegen die Spanier w\u00fcrde nicht einmal mehr der glorreiche Donald Trump in einen Sieg verwandeln k\u00f6nnen. Zuletzt hatte 1909 eine deutsche Nationalmannschaft so hoch verloren.<\/p>\n<p>Fazit zu Jogi L\u00f6w: Das wird nichts mehr mit dir und dem Fu\u00dfball. Und die Mehrheit der Fans sehnt sich ehedem nach einem Neuanfang. Vielleicht sucht Donald Trump, bis er im Jahr 2024 wieder f\u00fcr das Amt des US-Pr\u00e4sidenten kandidieren wird, noch einen Coach. Dann aber m\u00fcsste Jogi L\u00f6w noch mehr golfen als Trump, der seine Niederlage auf dem Golfplatz einlochen musste. 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